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Foreplay – Vorspiel zum Glück

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Sophie Jordan

Foreplay – Vorspiel zum Glück

Roman

Aus dem Amerikanischen von Gisela Schmitt

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Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder

auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Alle handelnden Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

1. KAPITEL

Mein Leben lang wusste ich immer, was ich wollte. Oder besser: was ich nicht wollte. Ich wollte nicht, dass die Albträume, die mich plagten, jemals erneut Wirklichkeit wurden. Ich wollte nicht mehr in die Vergangenheit zurückkehren. Nicht mehr in Angst leben. Und mich nicht mehr permanent fragen, ob der Boden unter meinen Füßen nachgeben würde. Das alles wollte ich nicht mehr – so viel wusste ich, seit ich zwölf war.

Doch seltsamerweise holt dich das, vor dem du wegrennst, immer wieder ein. Wenn du nur einmal nicht aufpasst, ist es plötzlich zurück und tippt dir auf die Schulter, damit du dich umdrehst.

Manchmal geht es nicht anders. Du bleibst stehen. Und drehst dich um.

Und dann kannst du nur fallen und aufs Beste hoffen. Und darauf, dass du noch ganz bist, wenn alles vorbei ist.

Dicke Qualmwolken stiegen aus der Motorhaube meines Autos auf wie ein grauer Nebel in der dunklen Nacht. Frustriert schlug ich aufs Lenkrad, fluchte und fuhr rechts ran. Ein rascher Blick auf die Anzeige bestätigte mir, dass der Temperaturanzeiger sich im roten Bereich befand.

„Scheiße! Scheiße! Scheiße!“ Wütend stellte ich den Motor aus, in der Hoffnung, dass ich so eine weitere Überhitzung des Wagens vermeiden könnte.

Ich nahm mein Smartphone aus dem Getränkehalter und stieg aus. Es war eine klare frische Herbstnacht. Vorsichtshalber beschloss ich, in sicherer Entfernung zu warten. Ich hatte zwar keine Ahnung von Autos, allerdings hatte ich in vielen Filmen gesehen, wie Fahrzeuge explodierten, kurz nachdem Rauch aus dem Motor gedrungen war. Deswegen wollte ich lieber nichts riskieren.

Ich schaute auf das Handydisplay. Dreiundzwanzig Uhr fünfunddreißig. Noch nicht allzu spät. Ich könnte die Campbells anrufen. Sie würden mich abholen und in mein Studentenwohnheim bringen. Allerdings müsste ich meinen Wagen hier stehen lassen und mich am nächsten Tag darum kümmern, und da hatte ich schon eine Menge um die Ohren. Also konnte ich das auch gleich erledigen.

Ich schaute mich um. Bis auf die zirpenden Grillen und den in den Ästen raschelnden Wind war es still. Niemand war unterwegs. Die Campbells wohnten etwas außerhalb der Stadt. Ich passte auf ihre Kinder auf. Es war immer schön bei ihnen, eine nette Abwechslung zur Hektik der Stadt. Ihr altes Farmhaus fühlte sich wie ein richtiges Heim an, das voller Leben und gemütlich war, ganz traditionell eingerichtet mit alten Holzfußböden und einem Steinkamin, in dem um diese Jahreszeit immer ein Feuer brannte. Es erinnerte mich an die Bilder des amerikanisch-patriotischen Malers Norman Rockwell. Die Familie führte genauso ein Leben, wie ich es mir einmal für mich wünschte.

Aber hier auf dieser Landstraße kam ich mir gerade einsam und verlassen vor. Ich hatte bloß eine Bluse an und rieb mir fröstelnd die Arme. Ich hätte besser noch einen Pullover mitgenommen. Obwohl es erst Anfang Oktober war, wurde es schon langsam kalt.

Missmutig betrachtete ich mein qualmendes Auto. Ich musste einen Abschleppwagen rufen. Seufzend begann ich, mit meinem Smartphone nach Abschleppdiensten in der Gegend zu suchen. Da blitzten in der Ferne die Scheinwerfer eines Wagens auf, und ich überlegte, was ich tun sollte. Unwillkürlich war da der Impuls, mich zu verstecken. Ein typischer Instinkt von mir.

Das alles erinnerte doch sehr an einen Horrorfilm. Ein Mädchen, mitten in der Nacht, ganz allein auf einer verwaisten Landstraße. Schon einmal war ich der Star in meinem ganz persönlichen Horrorfilm gewesen. Eine Wiederholung brauchte ich nicht.

Ich verschwand von der Fahrbahn und stellte mich hinter mein Auto. Also versteckte ich mich nicht wirklich, aber immerhin stand ich nicht schutzlos mitten auf der Straße und qualifizierte mich damit als leichtes Opfer. Ich versuchte, mich auf das Display meines Handys zu konzentrieren und ganz gelassen zu wirken. Als ob der Fahrer mich oder den Rauch aus meinem Wagen nicht sehen würde, wenn ich ihn ignorierte. Ohne den Kopf zu heben, bemerkte ich, dass das andere Auto langsamer wurde und schließlich mit laufendem Motor anhielt.

Natürlich. Seufzend blickte ich auf und erwartete halb, meinen potenziellen Mörder zu erblicken. Oder meinen Retter. Letzteres war natürlich wesentlich wahrscheinlicher, doch eigentlich ließ die ganze Situation in meiner Vorstellung nur Worst-Case-Szenarien zu.

Es war ein Jeep. So ein Modell ohne Dach, nur mit Überrollbügel. Die Scheinwerfer beleuchteten den schwarzen Asphalt.

„Alles in Ordnung?“ Die tiefe Stimme eines Typs. Sein Gesicht war zum größten Teil im Dunkeln, nur die Instrumentenanzeige warf ein leichtes Schimmern auf seine Züge. Aber das reichte mir, um zu erkennen, dass er nicht besonders alt war. Nicht viel älter als ich selbst. Maximal Mitte zwanzig.

Die überwiegende Mehrzahl der Serienkiller sind junge weiße Männer. Dieser Gedanke schoss mir in den Sinn – was verständlicherweise wenig zu meiner Beruhigung beitrug.

„Ja, danke“, antwortete ich kurz. Meine Stimme hallte laut in der klaren Nachtluft wider. Ich schwenkte mein Smartphone, als würde das alles erklären. „Es ist schon jemand unterwegs.“ Ich hielt den Atem an, abwartend, und hoffte, der Fremde würde meine Lüge schlucken und weiterfahren.

Doch er rührte sich nicht. Seine Hand lag auf dem Schaltknüppel. Er schaute die Straße entlang und sah sich um. Wollte er sich vergewissern, dass wir wirklich mutterseelenallein waren? Wie gut seine Chancen standen, um mich zu ermorden?

Ich wünschte, ich hätte Pfefferspray dabei. Oder einen schwarzen Gürtel in Kung-Fu. Irgendwas. Egal was. Die Finger meiner linken Hand krallten sich um meinen Autoschlüssel. Ich fühlte die geriffelte Spitze. Die konnte ich ihm ins Gesicht rammen, falls nötig. Oder in die Augen. Ja. Ich würde auf die Augen zielen.

Er beugte sich rüber zum Beifahrersitz, weg aus dem schwachen Schein der Instrumentenanzeige, sodass er noch tiefer im Schatten verschwand. „Ich kann einen Blick unter die Motorhaube werfen“, bot der Unbekannte an.

Ich schüttelte den Kopf. „Nein, wirklich. Ist schon in Ordnung.“

Die Augen, in die ich eben noch meinen Schlüssel stoßen wollte, fixierten mich. Im dichten Qualm war es unmöglich zu sagen, welche Farbe sie hatten, aber ganz sicher waren sie hell. Blau oder grün. „Ich weiß, Sie fürchten sich …“

„Nein. Ich hab keine Angst“, platzte es viel zu schnell aus mir heraus.

Er lehnte sich im Sitz zurück, erneut wurde sein Gesicht in schwaches Licht getaucht. „Ich hätte kein gutes Gefühl, Sie hier unverrichteter Dinge zurückzulassen.“ Seine Stimme verursachte mir eine Gänsehaut. „Es ist gruselig hier.“

Ich sah mich um. Die dunkle Nacht legte sich wie ein erdrückender Schatten auf mich. „Ach was“, behauptete ich, allerdings klang meine Stimme dünn und wenig überzeugend.

„Schon kapiert. Ich bin ein Fremder, und Sie würden sich wohler fühlen, wenn ich weiterfahren würde. Aber ich fände es nicht so toll, wenn meine Mutter oder meine Schwester hier nachts allein festsitzen würden.“

Ich schaute ihn einen Moment lang an und versuchte ihn einzuschätzen, seinen Charakter einzuordnen. Danach warf ich einen Blick auf meinen immer noch qualmenden Wagen. „Okay. Danke!“ Das „Danke!“ kam einen ganzen Atemzug später, zögerlich. Ich hoffte sehr, dass ich nicht in den Morgennachrichten auftauchen würde.

Falls er vorhatte, mir etwas anzutun, würde er es tun. Zumindest würde er es probieren, ganz egal, ob ich ihn bat, nach meinem Auto zu sehen, oder nicht. Das war zumindest meine Logik, während er seinen Jeep vor meinem Wagen abstellte. Die Fahrertür ging auf, und er stieg aus, eine Taschenlampe haltend.

Seine Schritte knirschten auf dem losen Asphalt, der Schein seiner Lampe fing das Qualmen meines Motors ein. Nach allem, was ich erkennen konnte, blickte er mich nicht einmal an. Er schritt direkt zu meinem Wagen, öffnete die Motorhaube und verschwand darunter.

Mit vor der Brust verschränkten Armen trat ich vorsichtig näher, auf die Straße, sodass ich erkennen konnte, was er machte. Er rüttelte an verschiedenen Teilen im Motorraum, Gott weiß was. Ich verstand von Autos so viel wie von Origami-Techniken.

Ich beschloss, ihn mir genauer anzuschauen. Etwas blitzte auf, ich kniff die Augen zusammen. Seine rechte Augenbraue war gepierct.

Plötzlich ein zweiter Scheinwerferkegel in der Nacht. Mein selbst ernannter Mechaniker duckte sich unter der Motorhaube hervor und richtete sich auf. Er befand sich jetzt zwischen mir und der Straße, die Hände in die Hüften gestemmt. Als sich das fremde Fahrzeug näherte, konnte ich zum ersten Mal einen richtigen Blick auf sein Gesicht erhaschen – und mir stockte der Atem.

Das erbarmungslos helle Licht der Scheinwerfer hätte jeden Makel sofort sichtbar gemacht – doch da waren keine Makel. Der Typ sah einfach super aus. Markantes Kinn, blaue Augen, dichte dunkle Brauen. Das Piercing war nicht sehr auffällig, nur ein kleines Stückchen Silber. Seine Haare waren vermutlich dunkelblond, das war nicht genau zu sagen bei dieser Beleuchtung, und kurz geschnitten. Emerson würde ihn als „zum Abschlecken“ bezeichnen.

Auch das andere Auto hielt jetzt an, und als das Fenster heruntergelassen wurde, wandte ich meine Aufmerksamkeit von meinem attraktiven Helfer ab. Dieser beugte sich vor, damit er ins Wageninnere schauen konnte.

„Oh, hey. Mr Graham. Mrs Graham.“ Er winkte ihnen kurz zu.

„Ärger mit dem Auto?“, fragte der Fahrer mittleren Alters. Der Fond des Wagens wurde durch ein iPad leicht erhellt. Da saß ein Teenager, den Blick starr auf den Bildschirm gerichtet und Tasten drückend. Er oder sie schien nicht mitbekommen haben, dass sie gestoppt hatte.

„Zum Abschlecken“ nickte und deutete auf mich. „Ich habe angehalten, um es mir mal anzuschauen. Ich glaube, ich weiß, wo das Problem liegt.“

Die Frau auf dem Beifahrersitz lächelte mich an. „Keine Sorge, Liebes. Sie sind in guten Händen.“

Erleichtert nickte ich ihr zu. „Danke.“

Als die Familie weiterfuhr, blickten mein Helfer und ich uns an, und mir wurde bewusst, wie dicht ich auf einmal neben ihm stand. Nachdem ich nun ein bisschen beruhigt war, überfielen mich völlig überraschend ganz andere Emotionen. Als Erstes eine Befangenheit. Rasch strich ich mir eine Strähne meines nicht zu bändigenden Haars hinters Ohr, dann begann ich, nervös von einem Fuß auf den anderen zu treten.

„Nachbarn“, erklärte er und deutete auf die Landstraße.

„Leben Sie hier draußen?“

„Ja.“ Er steckte eine Hand in die Hosentasche. Dadurch schob sich sein Hemdsärmel nach oben und entblößte ein Tattoo, das sich vom Handgelenk den Arm hinaufschlängelte. Auch wenn er keine unmittelbare Bedrohung darstellte, war das ganz sicher nicht der normale Junge von nebenan.

„Ich war Babysitten bei den Campbells. Kennen Sie die vielleicht auch?“

Er lief wieder zu meinem Wagen. „Die wohnen in derselben Straße wie ich.“

Ich folgte ihm. „Glauben Sie, dass Sie es reparieren können?“ Ich war jetzt neben ihm und betrachtete den Motor, als hätte ich eine Ahnung, wovon ich redete. Nervös spielte ich an meiner Bluse herum. „Das wäre nämlich toll. Ich weiß, es ist eine olle Mühle, doch ich habe den Wagen schon so lange.“ Und ich konnte mir zurzeit kein neues Auto leisten.

Er drehte den Kopf zu mir. „Olle Mühle?“ Er grinste.

Ich zuckte zusammen. Na super. Musste ich immer damit angeben, dass ich unter Menschen aufgewachsen war, die vor der Erfindung des Fernsehers geboren worden waren?

„Das bedeutet ‚altes Auto‘.“

„Ich weiß, was das bedeutet. Ich habe das nur noch nie jemanden außer meiner Großmutter sagen hören.“

„Ja. Genau daher hab ich das Wort.“ Von meiner Grandma und all den anderen Bewohnern in der Chesterfield-Seniorenwohnanlage.

Er wandte sich ab und ging zu seinem Jeep. Ich fummelte weiter an meinen Ärmeln herum und bemerkte, dass er mit einer Flasche Wasser zurückkam.

„Sieht mir nach einem undichten Kühlerschlauch aus.“

„Ist das schlimm?“

Er schraubte die Flasche auf und goss den Inhalt in die Motorhaube meines Wagens. „Das wird den Motor abkühlen. Jetzt müsste er wieder laufen, zumindest für eine Weile. Haben Sie es noch weit?“

„Knapp zwanzig Minuten.“

„Das dürften Sie schaffen. Aber fahren Sie auf keinen Fall weiter, sonst überhitzt er wieder. Und morgen bringen Sie ihn am besten direkt in die Werkstatt und lassen den Schlauch ersetzen.“

Meine Atmung normalisierte sich. „Das klingt nicht allzu schlimm.“

„Sollte nicht mehr als ein paar Hundert kosten.“

Ich stöhnte innerlich auf. Dann wäre ich völlig blank. Wahrscheinlich musste ich ein paar Sonderschichten in der Tagesstätte einlegen oder öfter Babysitten. Na ja. Beim Babysitten konnte ich wenigstens lernen, sobald die Kinder im Bett waren.

Er klappte die Motorhaube wieder zu.

„Vielen Dank.“ Ich schob die Hände in die Taschen. „Jetzt muss ich den Abschleppdienst nicht rufen.“

„Also kommt doch niemand?“ Erneut grinste er. Offensichtlich fand er mich amüsant.

„Nein.“ Ich hob die Schultern. „Das hab ich eben nur erfunden.“

„Schon in Ordnung. War eine schwierige Situation für Sie. Mir ist klar, dass ich gefährlich wirke.“

Ich betrachtete sein Gesicht. Gefährlich? Vermutlich hatte er es als Witz gemeint, doch ganz unrecht hatte er nicht. Die Tattoos und das Piercing verliehen ihm schon eine gewisse Aura von Gefahr. Dabei sah er super aus. Wie der böse Vampir aus den Kinofilmen, auf den alle Mädchen scharf waren. Der Vampir, der nicht wusste, ob er das Mädchen beißen oder lieber küssen sollte. Mir war immer die sterbliche Variante Mann lieber gewesen, deswegen konnte ich auch nie nachvollziehen, wieso die Heldin sich nie für ihn entschied. Ich mochte diese Typen mit dem mysteriösen sexy Getue nicht. Du magst ja niemanden. Ich versuchte, die Stimme in meinem Kopf zu ignorieren. Wenn mir der Richtige über den Weg liefe, würde sich das ändern.

„Gefährlich? Würde ich nicht sagen.“

Leise lachte er. „Natürlich nicht.“

Einen Moment lang schwiegen wir. Ich musterte ihn von oben bis unten. Das bequem wirkende T-Shirt und die abgewetzte Jeans waren nichts Besonderes. So was trugen auch die Jungs auf dem Campus. Aber dennoch war er keiner von ihnen. Das, was an ihm gefährlich war, war vielleicht sein Äußeres. Einem Typ wie ihm verfielen die Frauen reihenweise. Plötzlich war meine Brust wie zugeschnürt.

„Also, noch mal danke.“ Ich winkte ihm halbherzig zu und setzte mich wieder in mein Auto. Er wartete ab. Bis ich den Motor gestartet hatte. Zum Glück rauchte nichts mehr.

Während ich davonfuhr, riskierte ich einen Blick in den Rückspiegel. Wäre Emerson bei mir gewesen, hätte sie sich garantiert seine Telefonnummer geben lassen.

Ich richtete die Augen wieder auf die Straße vor mir und empfand eine ungewöhnliche Freude darüber, dass sie nicht bei mir war.

2. KAPITEL

Ich schob die Tür mit der Schulter auf, weil ich eine Riesentüte Popcorn in der einen und eine Flasche Grapefruitlimonade in der anderen Hand hatte. Im Zimmer meiner Mitbewohnerinnen sank ich auf Georgias Drehstuhl. Wie immer war Emersons Stuhl voller Klamotten.

ABBA dröhnte laut durchs Zimmer – das hörte Emerson immer, wenn sie sich zum Ausgehen fertig machte. Sobald ich diese Musik durch die dünnen Wände hörte, war klar, dass die Vorbereitungen liefen.

Ich stellte die Flasche auf ihrem Schreibtisch inmitten des Durcheinanders von Notebooks und Büchern ab, schaufelte mir eine Handvoll Popcorn in den Mund und sah zu, wie sie sich in einen engen Minirock zwängte. Das irre schwarzweiße Zickzackmuster sah toll aus bei ihrer Figur. Ich stellte mir kurz vor, selbst so etwas zu tragen, und zuckte zusammen. Kein schönes Bild. Ich war eben nicht bloß um die einsfünfzig groß und wog auch nicht nur fünfundvierzig Kilo.

„Wo gehst du heute Abend hin?“

„Ins Mulvaney’s.“

„Nicht gerade deine Stammbar.“

„Das Freemont’s ist neuerdings voll von blöden Verbindungshühnern.“

„Ich dachte, das wäre genau dein Ding.“

„Letztes Jahr vielleicht. Doch das hab ich hinter mir gelassen. Dieses Jahr bin ich eher …“ Sie betrachtete sich im Spiegel, der an der Tür hing. „… an Männern interessiert, würde ich sagen. Keine kleinen Jungs mehr für mich.“ Sie grinste mich an. „Willst du nicht mitkommen?“

Ich schüttelte den Kopf. „Ich habe morgen Vorlesung.“

„Ja. Um halb zehn.“ Sie schüttelte angewidert den Kopf. „Ich bitte dich. Meine fängt um acht an.“

„Aber vermutlich ohne dich.“

Sie zwinkerte mir zu. „Der Prof führt keine Anwesenheitsliste. Ich hol mir die Unterlagen von jemand anderem.“

Vermutlich von einem unglückseligen männlichen Erstsemester, der vor Ehrfurcht erstarrte, sobald Emerson ihn ansprach. Wahrscheinlich würde er ihr sogar eine Niere spenden, wenn sie ihn darum bäte.

In diesem Moment betrat Georgia das Zimmer, in ihren Bademantel gewickelt und den Kulturbeutel in der Hand. „Hey, Pepper. Kommst du gleich mit?“

Meine Hand erstarrte in der Popcornschachtel. „Du gehst auch?“ Das war sehr außergewöhnlich. Georgia verbrachte die Abende normalerweise mit ihrem Freund.

Sie nickte. „Ja. Harris muss für einen wichtigen Test morgen lernen, also dachte ich mir, warum nicht? Das Mulvaney’s ist ziemlich cool. Besser als das Freemont’s.“

Emerson bedachte mich mit einem „Hab ich dir’s nicht gesagt?“-Blick. „Ganz sicher, dass du hierbleiben willst?“, fragte sie noch einmal und schlüpfte in ein türkisfarbenes Top. Es sah sexy aus. Auf einer Seite war es schulterfrei und schmiegte sich wie eine zweite Haut an sie. So ein Kleidungsstück würde ich niemals tragen.

„Die wilden Nächte überlasse ich euch.“

Verächtlich schnaubte Emerson. „Ich weiß nicht, wie wild die Nächte mit Georgia werden. Sie ist ja praktisch eine verheiratete Frau.“

„Bin ich nicht!“ Georgia riss sich das feuchte Handtuch vom Kopf und schmiss es nach Emerson.

Emerson grinste und nahm sich von meinem Popcorn. Sie warf sich eine Handvoll in den Mund und leckte ihre fettigen Finger ab, während sie mich anschaute. „Eigentlich solltest du diejenige sein, die um die Häuser zieht.“

„Ja, das solltest du wirklich tun“, sprang Georgia ihr zur Seite. „Du bist Single. Fang endlich an zu leben. Hab Spaß! Flirte mal ein bisschen!“

„Schon gut.“ Ich schüttelte den Kopf. „Ich kriege meinen Kick schon durch eure Erzählungen, das reicht mir.

„Jetzt mal im Ernst. Das ist doch nur wegen Hunter, oder?“, sagte Emerson anklagend, wobei sie vor dem Spiegel ihr kurzes dunkles Haar stylte. Sie frisierte die Strähnen so, dass sie in verschiedenen Winkeln abstanden und ihr ein verwegenes, unbezähmbares Aussehen verliehen. Sie sah aus wie eine coole Elfe.

Ich zuckte die Achseln. Es war kein Geheimnis, dass mein Herz Hunter Montgomery gehörte. Ich war seit meinem zwölften Lebensjahr in ihn verliebt.

Nebenan klingelte mein Handy. Ich gab Emerson meine Popcorntüte und verschwand durch die Verbindungstür.

Plumpsend landete ich auf dem Bett und schnappte mir mein Smartphone. „Hey, Lila.“

„Hör zu, Pepper. Das wirst du mir nie glauben.“

Ich musste lächeln, sowie ich die Stimme meiner besten Freundin hörte. Sie studierte in Kalifornien, auf der anderen Seite des Landes, doch immer wenn wir telefonierten, kam es mir vor, als hätten wir uns erst gestern gesehen. „Was ist passiert?“

„Ich habe gerade mit meinem Bruder gesprochen.“

Bei der Erwähnung von Hunter zog sich mein Herz zusammen. Es war kein Geheimnis, dass ich in ihn verknallt war. Es war verrückt, doch seinetwegen hatte ich mich hier in Dartford beworben. Es war ein gutes College. Als die kleine Stimme in meinem Kopf mich daran erinnerte, dass es bessere Colleges im Land gab, ignorierte ich sie. „Und?“, fragte ich.

„Er und Paige haben Schluss gemacht.“

Ich umklammerte das Handy. „Ist das dein Ernst?“ Hunter hatte Paige im zweiten Studienjahr kennengelernt, und seitdem waren die beiden unzertrennlich gewesen. Ich hatte schon befürchtet, dass sie die zukünftige Mrs Montgomery werden würde. „Und wieso?“

„Kein Ahnung. Er hat was davon erzählt, dass sie sich auch mal wieder mit anderen Leuten treffen sollten. Angeblich war es eine einvernehmliche Trennung, doch wen interessiert das? Tatsache ist, dass mein Bruder zum ersten Mal seit zwei Jahren wieder Single ist. Das ist deine Chance.“

Es war meine Chance!

Ein paar Sekunden lang war ich wie betäubt vor Aufregung, dann überfiel mich Panik. Hunter war frei. Endlich. Auf diesen Augenblick hatte ich so lange gewartet, und jetzt traf es mich völlig unvorbereitet. Wie sollte ich ihn auf mich aufmerksam machen? Was Hunter anging, war ich nämlich nur die beste Freundin seiner kleinen Schwester. Mehr nicht.

„Oh, ich muss los!“, verkündete Lila. „Ich hab jetzt Probe, aber wir reden später, ja?“

„Ja.“ Ich nickte, als könnte sie mich sehen. „Ich ruf dich an.“

Danach saß ich lange auf meinem Bett, das Telefon schlaff in der Hand. Aus dem Nebenzimmer hörte ich Emerson und Georgia laut lachen, gemischt mit den Klängen von „Dancing Queen“. Wie krass! Endlich war das passiert, was ich mir so lange gewünscht hatte. Und jetzt wusste ich nicht, was ich machen sollte.

Emerson kam rein und ließ sich auf meinen Stuhl fallen. „Hey. Ich mampf dir noch dein komplettes Popcorn weg.“ Sie wedelte mit der Tüte vor meiner Nase herum. Ihr Lächeln erlosch, sowie sie meinen Gesichtsausdruck bemerkte. „Was ist denn los?“

„Sie haben Schluss gemacht“, murmelte ich und tippte nervös mit den Fingern gegen meine Lippen.

„Was? Wer?“

„Er ist wieder Single. Hunter ist Single.“ Ich schüttelte den Kopf, als könnte ich es immer noch nicht fassen.

Emerson riss die Augen auf. „Georgia, komm her! Schnell!“

Georgia erschien in der Tür, sie rubbelte sich immer noch die Haare trocken. „Was ist los?“

„Hunter ist wieder Single“, erklärte Emerson.

„Ist nicht wahr! Paige ist passé?“

Ich nickte.

„Na bitte. Das ist deine Chance.“ Emerson ließ sich neben mir auf die Matratze sinken. „Was ist der Plan?“

Ich blinzelte und hielt hilflos die Hand hoch. „Es gibt keinen Plan.“ Der Plan war, dass er sich in mich verlieben sollte. Das war mein Traum. So funktionierte das immer in den Liebesromanen. Irgendwie. Das war es, was geschehen musste. Ich hatte keine Ahnung, wie es dazu kam. Sondern nur, dass es dazu kam.

„Was soll ich tun?“ Ich schaute die beiden ratlos an. „Rüber zu seiner Wohnung fahren, an seine Tür klopfen und ihm meine Liebe gestehen?“

Georgia schüttelte den Kopf. „Nein.“

„Finde ich auch. Das ist viel zu direkt.“ Emerson nickte, als wäre das ein ernst zu nehmender Vorschlag gewesen. „Nicht geheimnisvoll genug. Männer müssen jagen.“

Georgia verdrehte die Augen und schnaubte. „Und das kommt ausgerechnet von dir.“

Beleidigt blickte Emerson sie an. „Hey, ich weiß einfach, wie das Spiel läuft. Wenn ich will, dass sie mich jagen, lasse ich sie.“

Und genau das war’s. Ich hatte nicht den blassesten Schimmer, wie das Spiel läuft. Ich wusste nicht, wie man einen Typen rumkriegt. Ich flirtete nicht. Ich ging nicht aus. Ich machte nicht mit irgendwelchen Jungs rum wie die anderen.

Ich vergrub den Kopf in den Händen. Warum hatte ich bloß nie früher darüber nachgedacht? Hätte ich nur ein bisschen mehr Erfahrung, hätte ich Hunter leicht für mich gewinnen können. Momentan musste ich annehmen, dass ich ziemlich schlecht küsste. Zumindest hatte das Franco Martinelli in der zehnten Klasse überall rumerzählt, nachdem wir mal hinter der Cafeteria rumgemacht hatten. Falls man einen Kuss und einen kurzen Grapscher unter meinen Pullover „rummachen“ nennen konnte. Denn ich hatte seine Hand sofort weggeschoben.

„Ich habe keine Ahnung, wie das geht“, musste ich zugeben. „Wie soll ich es schaffen, dass Hunter mich bemerkt? Seit der Highschool habe ich ja nicht mal mehr geknutscht!“ Ich hielt einen Finger hoch und schaute meine Freundinnen verzweifelt an. „Und da auch nur mit einem. Ich habe nur einmal in meinem Leben geknutscht.“

Meine beiden Mitbewohnerinnen starrten mich an.

„Nur einen?“, fragte Georgia nach dem gefühlt weltlängsten peinlichen Schweigen.

„Tragisch.“ Emerson schüttelte den Kopf, als hätte ich ihr gerade eine besonders schlimme Statistik über den Hunger in der Welt vorgelesen. Dann schnippte sie mit den Fingern und lächelte fröhlich. „Doch das lässt sich alles ändern.“

Ich runzelte die Stirn.

„Wie meinst du das?“

„Alles, was du brauchst, ist ein bisschen Erfahrung.“

Ich riss die Augen auf. Emerson hatte das so beiläufig gesagt – und für sie war es das vermutlich auch. Sie hatte ja auch keinen Mangel an Selbstvertrauen und keinen Mangel an Bewunderern.

„Du kommst heute Abend mit“, verkündete Georgia und tauschte einen Blick mit Emerson. Sie nickten einander zu.

„Ganz genau. Du begleitest uns, und du wirst jemanden küssen.“ Emerson stand auf und sah mich an, die Hände in die Hüften gestemmt. „Jemand, der sexy ist und der weiß, was er tut.“

„Was?“ Ich blinzelte. „Ich kann doch nicht einfach irgendjemanden …“

„Nicht irgendjemanden. Du brauchst einen Profi.“

Ich ließ die Mundwinkel hängen, und es dauerte eine Weile, bis ich meine Stimme wiederfand. „Einen Callboy?“

Emerson schubste mich. „Red keinen Quatsch, Pepper! Natürlich nicht! Nur einen Typen, der sich einen Ruf als guter Küsser erworben hat. Jemand, der dir … das Vorspiel beibringt.“

Zweifelnd starrte ich sie an. „Wer denn?“

„Na ja. Ich hatte ihn eigentlich für heute Abend auf meiner eigenen Liste, aber es geht ja um die gute Sache. Du kannst ihn haben.“

„Wen haben?“

„Der Barkeeper aus dem Mulvaney’s. Annie von unserem Stockwerk hat letzte Woche mit ihm rumgemacht, Carrie auch. Sie haben beide erzählt, bei dem Typ kriegt man ein feuchtes Höschen.“

Georgia nickte ernst. „In meinem Philosophie-Kurs haben auch ein paar Mädchen so von ihm gesprochen.“

„Und was soll das heißen? Ich soll also ins Mulvaney’s spazieren, Kurs auf diese männliche Barkeeper-Schlampe nehmen und sagen: ‚Los, knutsch heute Abend mal mit mir!‘?“

„Nein, du Dummchen. Du musst ihn anlocken. Er ist ein Mann. Er wird anbeißen. Und bei der Stange bleiben.“ Emerson wackelte mit ihren Augenbrauen. „Wortspiel beabsichtigt.“

„Hör auf!“ Lachend schmiss ich ein Kissen nach ihr. „Das kann ich doch nicht tun!“

„Aber klar! Komm erst mal mit heute Abend!“, versuchte Georgia mich zu überreden. „Du musst ja nichts machen, worauf du keine Lust hast. Kein Druck.“

Ich blickte sie an. Diesen behämmerten Plan hätte ich von Emerson erwartet, nicht von Georgia. Sie war die Brave, stets praktisch und konservativ.

„Aber“, Emerson hob warnend den Finger, „wenn wir den Barkeeper auschecken und dir gefällt, was du siehst, kannst du ihn ja wenigstens begrüßen. Daran ist doch nichts auszusetzen, oder?“

Unbehaglich zuckte ich mit den Schultern. „Nein. Vermutlich nicht.“ Ich starrte meine beiden Freundinnen an und spürte schon, dass ich unter ihrem Druck einknicken würde. „Na gut. Ihr habt gewonnen. Aber ich verspreche nicht, dass ich mich mit jemandem einlasse.“

Emerson sprang auf und klatschte in die Hände. „Super! Aber sei einfach offen für alles!“

Ich nickte. Das war in Ordnung. Immerhin konnte ich mir auf diese Weise mal anschauen, wie alle anderen das machten. Solche Bars eigneten sich hervorragend zur Fleischbeschau. Vielleicht würde ich ein paar Verhaltensregeln mitkriegen. Ich konnte herausfinden, worauf Typen ansprangen. Das konnten ja wohl nicht nur Hotpants und monströse Brüste sein.

Ich hatte als Hauptfach Psychologie belegt. Die menschliche Natur zu studieren gehörte dazu. Heute Abend musste ich mir nur vorstellen, dass das Mulvaney’s – im bildlichen Sinn – eine große Petrischale war. Ich musste nur beobachten und daraus lernen, wie man das als Wissenschaftler so tat. Und dabei würde ich eventuell sogar ein bisschen Spaß haben. Lernen muss ja nicht immer langweilig sein!

3. KAPITEL

Es gab ein paar Dinge – na gut, ziemlich viele Dinge –, die mir auf ewig ein Rätsel bleiben würden. Zum Beispiel der genaue Aufenthaltsort meiner Mutter, ob ich lieber Schinken oder Salami auf der Pizza mochte und was genau ich nach dem Studium mit meinem Abschluss in Psychologie anfangen wollte.

Doch über eine Sache war ich mir sehr deutlich im Klaren: dass ich Teil der Familie Montgomery sein wollte. Ich wollte Hunter Montgomery heiraten.

Ich wollte zu der Familie gehören, die mir so viel Trost gespendet hatte während meiner Kindheit. Denn die Montgomerys waren genauso, wie eine Familie sein sollte. Liebevoll. Füreinander da. Immer aßen sie gemeinsam zu Abend und erzählten sich, wie ihr Tag gewesen war. Sie spielten zusammen Monopoly und veranstalteten Poolpartys. Sie wohnten nicht einfach zusammen, sie teilten ihr Leben miteinander. Bei ihnen fand ich all das, was ich niemals gehabt hatte.

Bevor ich zu meiner Grandma gekommen war, hatte mein Leben aus einer Ansammlung von Motelzimmern bestanden. Irgendwo in den Tiefen meines Gedächtnisses hatte sich das Bild von einem Haus mit einer Autoreifenschaukel hinten im Garten eingebrannt. Damals lebte mein Vater noch. Ich erinnerte mich an ihn, wie er beim Barbecue am Grill stand, viele Leute um ihn herum. Es war der vierte Juli, der amerikanische Nationalfeiertag. Es gab ein Feuerwerk, und meine Finger waren vom Stieleis total klebrig. Aber das war alles, was ich hatte – die einzige Erinnerung an eine Zeit, die nicht übertönt war von Moms Weinen, weil irgendein Kerl sie schlug, während ich im Bad oder in einem Schrank kauerte, wo ich mich versteckt hatte.

Die Montgomerys besuchten gemeinsam den Gottesdienst. Sie verschickten Weihnachtskarten, auf denen die ganze Familie abgebildet war, samt Hund, und vor dem riesigen Christbaum posierte. Seit Lila mich zum ersten Mal mit zu sich nach Hause genommen hatte, in der siebten Klasse, und ich erfahren hatte, wie ihr Leben aussah – und seit ich Hunter das erste Mal getroffen hatte –, wusste ich, dass ich eine von ihnen sein wollte.

„Ganz sicher, dass du dich nicht doch noch umziehen willst? Ich kann dir ja was von mir leihen.“

Emersons Vorschlag riss mich aus meinen Gedanken. „Nicht mal mein großer Zeh würde in deine Jeans passen!“

Sie verdrehte die Augen, als wir gemeinsam über den Parkplatz liefen.

Das Mulvaney’s war eine richtige Institution. Sowohl Studenten als auch „normale“ Leute besuchten den Laden, was allerdings nicht hieß, dass ich schon einmal einen Fuß über die Schwelle gesetzt hatte. Bars an sich, der Alkoholdunst, die lauten, betrunkenen Stimmen – das alles erinnerte mich zu sehr an meine Mutter. Emerson und Georgia hatten mich einmal ins Freemont’s mitgeschleppt, doch ich war nur mitgekommen, weil es Emersons Geburtstag gewesen war.

Es existierten zwei Eingänge. Wir benutzten den hinteren und quetschten uns durch eine Menschenmenge, die beim Essensschalter wartete. Es roch nach Frittiertem.

Emerson deutete auf die Tafel über der Theke. „Um ein Uhr morgens gibt es nichts Besseres als die frittierten Makkaronikäsebällchen. Die müssen wir uns unbedingt holen, bevor wir nach Hause gehen.“

Ich nickte und war versucht zu fragen, warum wir sie uns nicht jetzt schon holten, allerdings warf mir Georgia einen warnenden Blick zu. Sie hakte sich bei mir unter und bugsierte mich eine Holzrampe hinauf, die in den Hauptraum der Bar führte. Ein langer Tresen erstreckte sich über die gesamte linke Seite des Ladens. Drinnen war es voll. Weil die Tische alle besetzt waren, standen knapp hundert Personen mit ihren Getränken in der Hand herum und unterhielten sich schreiend, um die laute Musik zu übertönen, die aus den Lautsprechern plärrte.

Wir griffen uns bei den Händen und quetschen uns hintereinander durch die Menschenmasse. Ich war in der Mitte gelandet. Ganz sicher hatten das Emerson und Georgia vorher ausgeklügelt. Während wir uns vorbeischoben, probierten mehrere Typen, uns anzuquatschen. Emerson grinste und begrüßte einige von ihnen.

„Hey, Rotschopf“, rief einer mir zu und drängelte sich zwischen mich und Emerson. Ich blickte nach unten. Der Typ reichte mir gerade mal bis ans Kinn.

Ich wollte gerade ein schüchternes Hallo stammeln, da stoppte Emerson plötzlich und sah ihn an. „Rotschopf? Ist das dein Ernst? Wie originell, Loser! Komm weiter, Pepper.“ Rasch fasste sie mich am Handgelenk und zog mich weiter. „Siehst du. Wir sind noch keine fünf Minuten hier, und schon wirst du angesprochen.“

Ich verdrehte die Augen.

„Solche Typen sind aber nicht unser Ziel, keine Sorge. Die Nacht ist noch jung. Wir haben genügend Zeit zu finden, wonach wir suchen.“ Sie deutete auf die Bar. „Hol uns doch einen Pitcher. Ich organisier uns in der Zwischenzeit einen Tisch.“

Ich reckte meinen Hals. „Wie willst du denn hier einen Tisch finden?“

Etwas beleidigt schaute mich Emerson an. „Oh, das schaffen wir schon. Überlass das nur mir.“

„Hier.“ Georgia drückte mir Geld in die Hand. „Die erste Runde bezahle ich.“

„Die einzige Runde. Danach brauchen wir uns die Drinks nicht mehr selbst zu kaufen.“ Emerson schüttelte den Kopf, als müssten wir beide noch viel lernen. Dann bedeutete sie mir, an die Theke zu gehen. „Und wenn du da bist, guck dir mal Du-weißt-schon-wen an.“

Ich beobachtete, wie die beiden in der Masse verschwanden, und wusste genau, dass sie mich nur losgeschickt hatten, die Getränke zu besorgen, damit ich den Barkeeper unter die Lupe nehmen konnte. Ich arbeitete mich durch die Menge und kämpfte mich durch bis zu ein paar kichernden Mädchen, die offensichtlich am Tresen anstanden.

„Ja, das ist er“, sagte eine gefärbte Blondine zu ihrer Freundin. „Lydia hat gemeint, er wäre heiß, aber … Oh. Mein. Gott! Das ist ja wohl untertrieben!“

Ihre Freundin fächerte sich Luft zu. „Wenn er mit Lydia rumgemacht hat, wird er sich bei uns fühlen, als hätte er den Jackpot geknackt.“

Wer sprach denn so über sich selbst? Ich konnte nicht anders, doch ich musste lachen. Schnell hielt ich mir die Hand vor den Mund.

Die Dunkelhaarige der beiden drehte sich zu mir um. Rasch ließ ich meine Finger sinken und bemühte mich, die Unschuldige zu spielen. Ich reckte den Hals und tat so, als würde ich, statt fremde Gespräche zu belauschen, nur ungeduldig darauf warten, endlich bestellen zu können.

Die Blondine schlug ihr auf den Arm. „Du bist echt schlimm, Gina.“

Gina wandte ihre Aufmerksamkeit wieder ihrer Begleitung zu. „Jedenfalls hoffe ich, dass ich heute Nacht bei ihm zum Zuge komme. Er gehört mir.“ Sie wedelte mit einem Zehndollarschein, um die Aufmerksamkeit des Barkeepers zu erhaschen.

Ich schüttelte den Kopf und bereute die unzähligen Male, in denen ich über Emersons Schamlosigkeit geurteilt hatte. Verglichen mit diesen beiden war sie eine brave Pfadfinderin. Ganz sicher ging es bei den beiden um meinen Barkeeper. Hallo? Hatte ich gerade „mein Barkeeper“ gesagt? Oh Mann. Wie es schien, konnte diesen Typen jede Frau haben, die durch die Tür des Mulvaney’s trat.

Ich rief mir ins Gedächtnis, dass ich mich heute Abend mit niemandem einlassen wollte, aber erst recht nicht mit einem Typen, der offensichtlich den Ruf genoss, seine DNA mit der gesamten weiblichen Bevölkerung von Dartford auszutauschen. Nein danke. Das konnte ich mir nicht vorstellen. Jemand, der wahllos mit jeder rummachte! Ich hatte auch meine Ansprüche. Auf keinen Fall würde ich mit so einem herumknutschen. Selbst wenn es darum ging, die nötige Erfahrung für Hunter zu sammeln.

Und dann erblickte ich ihn.

Mir blieb die Luft weg. Er trat vor Gina und ihre Freundin und stützte sich auf den Tresen. Ich hörte seine Stimme, leise, tief, männlich. „Was kriegt ihr?“

Mit aufgerissenen Augen starrte ich ihn an. Zwischen den beiden Frauen hindurch konnte ich ihn erkennen. Mir rauschte das Blut in den Ohren, denn plötzlich war wieder gestern Abend, und ich befand mich auf einer einsamen Landstraße neben meinem qualmenden Auto. Das war er! Die kurz geschnittenen dunkelblonden Haare. Der große schlanke Körper, der sich vor knapp vierundzwanzig Stunden über meine Motorhaube gebeugt hatte. Jetzt sah ich ihn deutlich, allerdings hatte ich mich schon nicht bei meiner ersten Einschätzung geirrt. Der Typ war einfach sensationell. Sein Kinn war markant und männlich. Seine Züge wirkten wie aus Marmor gemeißelt. Ein leichter Dreitagebart und Augen so blau, dass sie schon fast silbern glänzten.

Offensichtlich war er nur ein paar Jahre älter als ich. Aber er strahlte etwas anderes aus. Erfahrung. Selbstsicherheit. Er trug ein verschlissenes T-Shirt mit dem Schriftzug „Mulvaney’s“, das seine beeindruckenden Brustmuskeln betonte. Ich fragte mich, ob sein Shirt sich so weich anfühlte, wie es aussah. Und seine Brust so hart …

Die beiden vor mir kicherten jetzt wie Siebtklässlerinnen. Sie blickten ihn ebenfalls verzückt an. Es war, als hätte mir jemand in den Magen geboxt. Das war mein Retter. Mein Barkeeper. Die männliche Schlampe aus dem Mulvaney’s. Alles derselbe.

„Was kann ich euch bringen?“, wollte er wissen.

„Was schmeckt denn am besten?“ Gina lehnte sich über die Theke, damit er in ihren Ausschnitt gucken konnte.

Er ratterte die verschiedenen Biersorten vom Fass herunter, wie er es vermutlich schon hundert Mal zuvor getan hatte, und ließ dabei den Blick über die Länge der Bar schweifen. Er checkte die Leute ab.

„Hmmm. Was trinkst du denn am liebsten?“, fragte Gina.

Er schüttelte den Kopf und schaute sie an. „Ich komm noch mal wieder, wenn ihr euch entschieden habt.“ Dann wandte er sich an mich. „Was kriegst du?“

Ich öffnete den Mund, ganz überrascht, dass er auf einmal mich ansprach und die beiden einfach stehen ließ. Dabei hatten sie doch mit ihm geflirtet!

Plötzlich kniff er die Augen zusammen. Er schien mich zu erkennen. „Hey. Du bist hier.“ Er nickte mir zu. „Was macht der Wagen?“

Noch bevor ich etwas erwidern konnte, warf Gina mir einen bösen Blick zu und drehte sich dann wieder zu ihm. Sie wedelte ihm mit ihrem Geld vor der Nase herum. „Entschuldigung?! Wir sind zuerst dran.“

Seufzend blickte er die beiden an, seine Miene eine Mischung aus Verärgerung und Langeweile. „Dann bestellt auch.“

Gina warf ihr dunkles Haar über die Schulter. „Vergiss es. Der Service hier ist scheiße. Wir gehen woandershin.“ Und damit schob sie sich an mir vorbei.

Er würdigte sie keines Blickes. Stattdessen schaute er mich an, zuckte mit den Schultern und schenkte mir ein Lächeln, bei dem sich mein Magen zusammenzog. Ich trat an die Theke und versuchte, selbstbewusst zu wirken. Als würde ich mich immer in Bars rumtreiben.

Er legte die Hände auf den Rand des Tresens und beugte sich leicht nach vorn. „Was möchtest du trinken?“ Zu mir war er eindeutig freundlicher als zu den beiden anderen Frauen, und mein Gesicht wurde ganz heiß. Ganz sicher lag das nur daran, dass wir uns sozusagen kannten, aber dennoch fühlte ich mich in diesem Moment, als wäre ich etwas Besonderes.

Ich senkte den Blick und betrachtete seine Arme. Diese Muskeln. Das Tattoo, das unter dem Ärmel hervorlugte und sich über seinen gebräunten Bizeps und Oberarm bis zum Handgelenk schlängelte. Es sah aus wie ein fein gefiederter Flügel. Gerne hätte ich es mir näher betrachtet, doch mir war klar, dass er mich bereits ungeduldig anschaute, weil ich seine Frage noch nicht beantwortet hatte.

„Ähm … Einen Pitcher Sam Adams.“ Ich wusste, dass Emerson gern Bier aus kleinen unabhängigen Brauereien trank.

„Ausweis?“

„Oh.“ Ich fummelte nach dem gefälschten Dokument, das mir Emerson letztes Jahr gemacht hatte, um mich mit ins Freemont’s zu schleppen.

Er betrachtete es und sah mich an. Ein Lächeln umspielte seine Lippen. „Vierundzwanzig?“

Ich nickte. Mein Gesicht änderte seine Temperatur von warm auf kochend.

„Dann hast du wohl ein Babyface.“ Er wartete keine Antwort ab, sondern verschwand, immer noch lächelnd.

Ich starrte seinem breiten Rücken hinterher. Das eng anliegende T-Shirt betonte die einzelnen Muskelpartien. Er trug wieder eine ausgewaschene Jeans, und sein Anblick von hinten war fast so schön wie von vorn. Plötzlich fand ich es unerträglich heiß in diesem Laden.

Er stellte den gefüllten Pitcher und einen Stapel Gläser vor mich auf den Tresen.

„Danke.“ Ich reichte ihm das Geld. Er nahm es und schritt zur Kasse.

Während er weg war, dachte ich fieberhaft darüber nach, was ich noch zu ihm sagen könnte. Etwas Geistreiches, Aufforderndes. Etwas, um damit das Gespräch in die Länge zu ziehen. Ich gestattete mir nicht, darüber zu grübeln, warum ich auf einmal diesen Wunsch hatte. Und wieso ich auf einmal nichts mehr dagegen hatte, mit ihm zu reden. Oder besser gesagt: mit ihm zu flirten. Flirten!

Doch bei dieser Vorstellung schnürte sich mir die Kehle zu. Wie machte Emerson das nur? Bei ihr sah Flirten immer so einfach aus.

Er kehrte mit meinem Wechselgeld zurück. „Danke“, murmelte ich und steckte es in den Trinkgeldbehälter.

„Pass auf dich auf.“

Ich blickte noch mal zu ihm, doch er war schon wieder weg und kümmerte sich um den nächsten Gast. Ich zögerte, schaute ihm hinterher. Kopfschüttelnd ermahnte ich mich selbst, nicht so blöd zu glotzen. Ich klemmte mir die Gläser unter den Arm und kämpfte mich, den Pitcher mit beiden Händen festhaltend, wieder durch die Menschenmasse. Aber leider rempelte mich schon nach zwei Schritten jemand an. Mir flog in hohem Bogen der Pitcher aus den Fingern. Das Bier spritzte in alle Himmelsrichtungen. Leute schrien auf und wischten sich verärgert ihre Klamotten ab, die nass geworden waren.

„Sorry!“, entschuldigte ich mich, sowie ich die wütenden Gesichter bemerkte. Ich war dankbar, dass zumindest ich selbst nichts abbekommen hatte.

Schnell bückte ich mich und hob den Plastik-Pitcher auf. Genau in diesem Moment begann es in meiner Hosentasche zu vibrieren.

Ich zog mein Handy aus der Tasche und las die Nachricht.

Emerson: Haben einen Tisch gefunden. Stehst du noch an? Hast du ihn gesehen?

Ich verdrehte die Augen, klemmte mir den leeren Pitcher unter den Arm und schrieb zurück. Ja. Ja.

Seufzend drängte ich mich zurück an die Theke und stellte den Pitcher auf den Tresen. Suchend blickte ich mich nach dem Barkeeper um. Im Moment bediente er Leute weiter unten und beugte sich dabei über die Theke, um sie besser verstehen zu können. Ich wartete, bis er meinen Blick spürte – und erwiderte. Er nickte mir zu. Ich nickte zurück.

Wieder vibrierte mein Telefon. Ich las.

Emerson: Du brauchst ewig. Ich hoffe, du machst schon mit ihm rum, weil es so lange dauert.

Ich schnaubte und wollte ihr gerade zurückschreiben, da tauchte er vor mir auf. Er deutete mit dem Kopf auf den Pitcher. „Das ging aber schnell.“

„Ja.“ Hastig steckte ich mein Handy weg, als befürchtete ich, er könnte die SMS lesen. Ich lächelte matt. „Bin nur einen halben Meter weit gekommen.“

„Aha.“ Er nickte verständnisvoll und legte wieder die Hände auf den Tresen. Dadurch straffte sich sein T-Shirt und offenbarte seine muskulösen Schultern. „Ich verrate dir ein Geheimnis. Brave Mädchen leben in diesem Laden gefährlich.“

Ich starrte ihn kurz an und bemühte mich, seine Worte zu begreifen. Ich befeuchtete meine Lippen mit der Zunge und suchte nach den verbliebenen Resten meiner weiblichen Instinkte. „Vielleicht bin ich gar nicht so brav.“

Er lachte. Das Geräusch verursachte mir einen wohligen Schauer. Ich errötete. Zögernd begann ich zu grinsen, unsicher, ob sein Lachen wohlwollend oder gemein gemeint war.

„Süße, dir steht ‚braves Mädchen‘ auf die Stirn geschrieben.“

Bei dem „Süße“ fingen Schmetterlinge in meinem Bauch an zu tanzen. Bis ich begriff, was er gesagt hatte. Dir steht ‚braves Mädchen‘ auf die Stirn geschrieben. Ich runzelte die Stirn. Brave Mädchen kriegten keine Typen ab. Mir fiel Hunters Exfreundin ein. Niemand würde sie als brav bezeichnen. Sie war sexy, hatte langes blondes Haar und trug Designerkleidung, die ihre tolle Figur betonte. Schick. Nicht das Mädchen von nebenan. Nicht wie ich.

„Wenn du dich da mal nicht irrst“, erwiderte ich.

„Ist klar.“ Er nickte, betrachtete mich, und plötzlich wünschte ich, ich hätte doch etwas anderes angezogen als diesen langweiligen Sweater. „Kann natürlich sein.“

Ich schloss den Mund, weil ich nicht mit ihm diskutieren wollte. Er hielt mich für brav, nur weil ich so aussah. Mit meinen Worten würde ich seine Meinung nicht ändern können. Das war klar.

Er tippte sich auf den Ellbogen. „Du musst deine Ellbogen benutzen, um hier durchzukommen.“

Dann füllte er einen zweiten Pitcher und stellte ihn vor mich. Ich kramte in meinem Miniportemonnaie, das vor meiner Brust baumelte, nach Geld.

Er strich sich mit der Hand durchs Haar. „Schon okay.“

„Echt? Danke.“

Er deutete auf die Menschenmenge. „Vergiss nicht, die Ellbogen einzusetzen, braves Mädchen.“

Mit diesem Tipp wandte er sich dem nächsten Gast zu.

Wieder stand ich einfach nur da und blickte ihm hinterher, wobei ich unsere Unterhaltung Revue passieren ließ. Braves Mädchen. Na super. Das war ich also für ihn. Kein Name. Einfach nur das. Jemand schubste mich, um sich vorbeizudrängeln. Ich drehte mich um und probierte ein zweites Mal, mich durch das Gedränge zu schieben, und diesmal benutzte ich meine Ellbogen. Ich kassierte ein paar böse Blicke, doch es funktionierte.

„Pepper, wir sind hier!“ Emerson winkte mir von einem Tisch aus zu.

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