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Forbidden CEO

Zu diesem Buch

Um ihr Studium zu finanzieren, arbeitet Emma in einem Fünf-Sterne-Hotel an der Rezeption. Als eines Tages der erfolgreiche Geschäftsmann Gavin Grayson das Cameo Hotel betritt, ändert sich ihr Leben grundlegend. Gavin ist reich, attraktiv und bekommt stets, was er will. Und jetzt will er Emma … Mit immer absurderen Anforderungen macht er der jungen Frau das Leben schwer, und jede ihrer oft hitzigen Begegnungen zieht ihn mehr in ihren Bann. Denn Emma ist ganz anders als all die anderen Frauen. Sie liegt ihm nicht zu Füßen und ist seinem Charme auf der Stelle verfallen, sondern hat ihren ganz eigenen Kopf …

Foyer

Ich war müde. Todmüde.

Als ich in meine Wohnung taumelte, blieb mein Fuß an der Stufe hängen. Ich stolperte und wäre um ein Haar mit dem Gesicht gegen die Wand geprallt.

»Scheiße!« Ich machte einen Satz zurück, und der Schreck löste einen Adrenalinschub bei mir aus.

Gott sei Dank konnte ich mich noch rechtzeitig fangen, bevor ich mir irgendwelche Verletzungen zuzog.

Nachdem ich nun zwei aufreibende Präsentationen für meine Prüfungen zur Semesterhälfte hinter mich gebracht hatte, wäre ich am liebsten nur noch ins Bett gefallen, um am nächsten Morgen wieder aufzuwachen. Doch leider ließ meine Arbeit das nicht zu. Zumindest verschaffte es mir ein wenig Seelenfrieden, dass meine Projekte nun abgeschlossen waren und ich mir ziemlich sicher sein konnte, meine Sache gut gemacht zu haben.

»Mist!«, zischte ich, als mein Blick auf die Uhr fiel. Ich zog mich aus und eilte ins Bad, um zu duschen. Gut, dass ich mir auf der Heimfahrt etwas zu essen besorgt hatte, aber es hatte mich ungefähr fünfzehn Minuten meiner Zeit gekostet, die ich eigentlich verzweifelt anderweitig benötigt hätte.

Sobald ich wieder aus der Dusche war, rubbelte ich mir mit einem Handtuch das Haar und band es dann zu einem festen Knoten. Wenn es nass war, sah mein Haar fast schwarz aus und nicht bronzebraun wie sonst. Mein Spiegelbild, mit den dunklen Ringen unter den haselnussfarbenen Augen, verriet deutlich, wie müde ich war. Meine Augen waren eine Mischung aus Honiggold und Grün, und die dunklen Ringe hoben sie nur noch zusätzlich hervor, vor allem wenn sie mit dem Schwarz von Mascara und Kajalstift umrahmt waren.

Als alles erledigt war, blieb mir gerade noch gut eine halbe Stunde, um zur Arbeit zu kommen. Ein wenig zu knapp, um es gemütlich anzugehen, aber machbar.

Manchmal fand ich, dass meine Entscheidung, Vollzeit zu arbeiten und gleichzeitig meinen Master in Betriebswirtschaftslehre zu machen, nicht die klügste gewesen war. Ich hatte direkt ans Studium die Graduiertenausbildung angehängt, ohne das Tempo zu drosseln, aber meine Miete hatte ich nach wie vor zu bezahlen. Glücklicherweise lag meine Wohnung in der Nähe des Boston College.

Diese Entscheidung war daran schuld, dass ich jetzt seit zwei Tagen fast nicht mehr geschlafen hatte. Allein schon das Pendeln, das ich nun wieder vor mir hatte, war eine beschwerliche Angelegenheit. Ich hätte die U-Bahn nehmen können, aber das dauerte länger, und ich fuhr ungern noch um Mitternacht, wenn meine Schicht vorbei war, mit der U-Bahn nach Hause.

Warum nur hatte ich mich bereit erklärt, unmittelbar nach meinen Uniprüfungen eine Schicht zu übernehmen? Weil ich, so rief ich mir ins Gedächtnis, eine Masochistin war, die momentan dringend Geld brauchte und auch noch morgen schlafen konnte. Hier in Boston waren die Mieten astronomisch hoch, und sollte mir auch nur ein einziger Tag von meinem Gehaltsscheck fehlen, so bedeutete das, dass es da irgendeine Rechnung geben würde, die ich nicht begleichen konnte. Da waren zwar immer noch meine Urlaubstage, aber die sparte ich mir für die Abschlussprüfungen auf. Ich hatte bereits beantragt, im Mai fast eine Woche freizubekommen.

Auf dem Weg zur Tür schnappte ich mir ein paar Energydrink-Dosen, riss eine davon auf und kippte den Inhalt hinunter, während ich die Treppe hinabstiefelte. Jegliche Art Aufputschmittel war mir willkommen. Vermutlich würde ich mir, sobald ich zu arbeiten anfing, gleich einen riesigen Becher Caffè Latte organisieren.

Die Verkehrsgötter waren mir offenbar wohlgesinnt, und ich kam ohne Probleme zur Arbeit. Nachdem ich einen Parkplatz gefunden hatte, warf ich noch eine Energydrink-Dose in meine Handtasche, schnappte mir meine hochhackigen Schuhe und betrat das Gebäude.

Das Cameo Hotel war ein großes Fünfsternehotel direkt am Ufer im North End von Boston. Das billigste Zimmer kostete mehrere Hundert Dollar die Nacht. Es war nichts Ungewöhnliches für uns, Prominente und die Chefs großer Unternehmen unter unseren Gästen zu haben.

Im Aufenthaltsraum für die Angestellten herrschte unheimliche Stille. Das war nicht gerade das beste Zeichen. Alle meine Hoffnungen auf einen entspannten Abend lösten sich endgültig und schlagartig in Luft auf, als ich die Büroräume verließ und in den Empfangsbereich hinaustrat.

Mit himmelschreiender Deutlichkeit wurde mir sofort klar, dass ich mir heute besser hätte freinehmen sollen.

Lange Schlangen von Gästen reihten sich an sämtlichen Schaltern der Rezeption, und alle Manager und sonstigen hochrangigen Mitarbeiter waren auf den Beinen. Der Lärm war unglaublich. Ringsum wurden die Beschwerden mit einer solchen Lautstärke herausgeschrien, dass ich mich nicht mal mehr denken hören konnte.

Der mich hier erwartende Sturm der Entrüstung war wahrlich nicht das, was ich jetzt brauchte. Die Versuchung, mich umzudrehen und einfach wegzurennen, war groß. Ich war müde, und nach dem harten Tag, den ich hinter mir hatte, glaubte ich nicht mehr genug Kraft zu haben, um diese Nacht durchzustehen. Während ich wie ein Reh im Scheinwerferlicht dastand, richtete sich ein Augenpaar auf mich.

Verdammt.

Ich sah, wie sich die blauen Augen meines Lieblingsmanagers James vor Erleichterung weiteten, und begriff, dass mir nun jede Möglichkeit verwehrt war, mich auf dem gleichen Weg, auf dem ich hereingekommen war, ungesehen wieder hinauszuschleichen. Ich war entdeckt worden.

Trotzdem schlurfte ich noch ein paar Schritte weiter, im Begriff davonzurennen, doch nun steuerte er mich direkt an.

»Gott sei Dank, du bist da«, sagte er mit einem tiefen Seufzer. Nach seiner Kleidung und seinem Gesichtsausdruck zu urteilen, wäre man überhaupt nicht auf die Idee gekommen, dass da irgendetwas im Argen liegen könnte. Er war von Kopf bis Fuß tipptopp in Ordnung mit seinem perfekt frisierten blonden Haar und in seinem tadellosen Anzug. Selbst sein Lächeln war ungebrochen und wirkte kein bisschen mitgenommen.

Doch es war alles Lüge. Ich kannte James gut und wusste, dass er hinter dieser Fassade der Gelassenheit in Wirklichkeit völlig durchdrehte. Seine persönliche Superbegabung bestand darin, sich seine innere Panik niemals anmerken zu lassen, während er in scheinbar völliger Seelenruhe sämtliche brenzligen Situationen entschärfte, mit denen ihn das Hotel ständig konfrontierte.

»Was ist da los, und wie komm ich da wieder raus?«, flüsterte ich.

Er gab ein finsteres Kichern von sich. »Tut mir leid, Emma. Für dich führt der einzige Weg hinaus da mitten durch.«

Ich musterte ihn mit zusammengekniffenen Augen. »Im Moment weiß ich irgendwie nicht so recht, ob ich dich mag.«

»Tu nicht so, du weißt, dass du mich liebst.«

Leider hatte er da verdammt noch mal recht. Ich hatte mich drei Jahre lang im Cameo nach oben gearbeitet, um schließlich James’ Stellung als Empfangschefin zu übernehmen, nachdem man ihn zum Hotelmanager befördert hatte. Seine Charme und seine rasche Auffassungsgabe hatten mich so sehr beeindruckt, dass wir für eine kurze Weile sogar zusammen gewesen waren, aber irgendwie war es damals nicht die Zeit für uns gewesen.

»Red dir das nur weiter ein«, antwortete ich neckend.

Er verzog die Lippen zu einem Lächeln und strich mir mit den Fingern über den Arm. »Ich mach jeden Tag nichts anderes.«

Ich biss mir auf die Unterlippe und schaute zu ihm auf. »In Ordnung, und jetzt hör auf, Zeit zu schinden.«

Das Lächeln auf seinem Gesicht verflog, und er zuckte heftig zusammen, als nun eine Stimme mit solcher Lautstärke durch den Raum donnerte, dass sie alle anderen übertönte. »Der Etagendienst hat heute ein ganzes Stockwerk ausgelassen.«

»Was?« In irgendeiner billigen Absteige wäre das vielleicht nicht so schlimm gewesen, aber im Cameo verkehrten die besseren Leute, und die hatten hohe Ansprüche.

Er nickte. »Es ist dort rein gar nichts geschehen. Weder in den belegten Zimmern noch in denen, aus denen die Gäste abgereist sind.«

»Scheiße«, zischte ich leise. »Und was passiert jetzt?«

»Derzeit arbeitet sich der Etagendienst durch besagtes Stockwerk durch, und die Gäste mit weniger schwerwiegenden Beschwerden bekommen entweder ein Gratisessen oder einen Preisnachlass. Die anreisenden Gäste werden, je nach Fall, entweder in bessere Zimmer verlegt oder entsprechend entschädigt.«

Ich nickte. »Sie möglichst irgendwie zufriedenstellen. Wessen Stockwerk ist es gewesen?«

»Valeria geht der Sache gerade auf den Grund. Im Moment kümmern wir uns einfach um die Folgen und arbeiten einen Fall nach dem anderen ab.«

Er bewegte sich ganz langsam auf die Tür zu, und ich trat dazwischen, um ihm den Weg zu versperren. »Wohin willst du?«

»Tut mir leid, Emma«, meinte James, nahm meine Hand und drückte mir die Schlüssel hinein, um dann die Tür aufzustoßen, die zu den Büros der Hotelverwaltung führte.

Ich hob den Arm, um die Tür aufzuhalten, nachdem er hindurchgetreten war. »Feigling!«, fauchte ich.

Er drehte sich wieder zu mir um und lächelte. »Gehen wir doch morgen Abend zusammen was trinken. Du wirst es brauchen.«

Ich schüttelte den Kopf und verdrehte die Augen. »Aber du zahlst.«

Wenn ich ihn nicht so gern gehabt hätte, hätte ich ihm vielleicht eine reingehauen, weil er mich einfach mit diesem ganzen Schlamassel sitzen ließ. Allerdings war ich nicht völlig allein. Miguel, der stellvertretende Hotelmanager, stand neben Jaqueline, einer der Empfangsdamen. Hoffentlich würde er mich nicht gleichfalls im Stich lassen, aber er blieb oft länger als nur bis fünf.

Mit einem tiefen Seufzer zupfte ich meine Jacke zurecht und ging zu Shannon hinüber, die gerade dabei war, einem Mann mit sehr rotem Gesicht zu helfen. Sie wirkte aufgeregt, ihre Hände zitterten, und es schien ihr schwerzufallen, die Wörter sinnvoll aneinanderzureihen. Allerdings ließ er ihr auch gar keine Zeit, etwas hervorzubringen.

Ich legte ihr die Hand auf die Schulter. Als sie sich zu mir umdrehte und mich ansah, war ihr die Erleichterung deutlich vom Gesicht abzulesen.

»Mach mal eine Pause«, flüsterte ich ihr zu.

Sie formte mit den Lippen ein »Danke« und eilte davon.

»Guten Tag, Sir. Ich entschuldige mich sehr für die schlechten Erfahrungen, die Sie heute hier bei uns machen mussten.«

»Das sollten Sie auch! Dieses verdammte Zimmer! So etwas gehört verboten! Bierflaschen, Kondome, zerbrochene Spiegel und überall Müll. Ich habe eine verdammte Tetanusspritze gebraucht, um auch nur einen Fuß hineinsetzen zu können. Wie können Sie so etwas durchgehen lassen?«

»So etwas lassen wir auf gar keinen Fall durchgehen. Es hat heute technische Schwierigkeiten gegeben.«

»Das ist nicht mein Problem!«

»Nein, Sir, in keiner Weise.« Ich suchte im Computer nach einem freien Zimmer. »Ich würde Ihnen die heutige Nacht nicht in Rechnung stellen und Sie für den Rest Ihres Aufenthalts bei uns ohne Aufpreis in einer unserer Juniorsuiten unterbringen. Käme das für Sie infrage?«

Er trat einen Schritt zurück, sodass er sich nun nicht mehr über den Empfangstresen beugte, als wolle er mich erwürgen. In gewisser Weise wirkte er, als gäbe er sich geschlagen. Fast so, als hätte er mich am liebsten tätlich angegriffen, aber dann sei meine Reaktion nicht die erwartete gewesen.

Er nickte. »Passt.«

Einer der wertvollsten Tricks, die ich während meiner Jahre im Hotel gelernt hatte: sich niemals anmerken zu lassen, wenn einem jemand richtig zusetzt.

Ich präsentierte ihm mein schönstes Lächeln und achtete darauf, dass es auch meine Augen erreichte, während mir zugleich vom Kreischen einer barbiepuppenhaften Schickeriatante am anderen Ende des Empfangstresens die Ohren klingelten. Ihre Beschwerde war geringfügig im Vergleich zu dem, was der vor mir stehende Mann vorzubringen gehabt hatte. Nicht dass das, was passiert war, irgendwie entschuldbar gewesen wäre, aber dass zwei Handtücher nicht ausgewechselt worden waren und niemand ihren Mülleimer geleert hatte, war schwerlich ein Grund, derart zu kreischen. Beschwerden? Zum Wohl unserer Gäste, immer. Kreischen? Nein.

»Bitte schön, Sir«, sagte ich und reichte ihm seine neue Schlüsselkarte. »Ihr Zimmer ist im fünfzehnten Stock. Oben angekommen, gehen Sie nach links, und Sie finden Ihr Zimmer auf der rechten Seite.« Ich lächelte ihn an und sah ihm nach, wie er schnaubend davonging.

Im Laufe der nächsten Stunde wurde ein zorniger Gast nach dem anderen beschwichtigt. Als wir fertig waren, hallten die Drohungen und die Schreie des Unmuts noch immer in meinen Ohren wider, und dabei war der Abend noch jung.

Als wir endlich für ein paar Minuten Ruhe hatten, kehrte Miguel in den Bürobereich zurück, und ich folgte ihm, nachdem ich Caleb hatte heimgehen lassen.

»Wie hat das passieren können?«, fragte ich und setzte mich auf den Stuhl Miguel gegenüber.

Er schüttelte den Kopf und fuhr sich dann mit den Händen übers Gesicht. »Ich habe mit Valeria gesprochen. Irgendwie hat das für das Stockwerk zuständige Personal versehentlich die ganze Etage freigegeben, bevor dort überhaupt gearbeitet worden war.«

Mir klappte die Kinnlade herunter. »Wie kann so etwas vorkommen? Nach allem, was wir wegen dieser Leute gerade haben durchmachen müssen, hoffe ich, sie hat sie alle gefeuert. Schließlich hat das Hotel ihretwegen eine Menge Geld verloren.«

Er nickte. »Sie haben eine Abmahnung mit Androhung der Entlassung bekommen.«

Ich stöhnte. »Was bedeutet, dass sie immer noch die Möglichkeit haben, den gleichen Schlammassel noch einmal zu veranstalten.«

»Du hast deine Sache richtig gut gemacht«, erwiderte er, ohne auf meine Bemerkung einzugehen. Ich wusste, dass er mir insgeheim zustimmte. Würde jemandem vom Empfang so ein Fehler unterlaufen, wäre er oder sie sofort weg vom Fenster.

»Danke. Gehst du jetzt nach Hause?«, fragte ich und schaute auf die Uhr. Es war bereits nach fünf.

»Ja«, antwortete er und stand wieder auf. »Hoffentlich ist jetzt alles geregelt, und es gibt keine weiteren Probleme, sodass du einen entspannten Abend hast.«

»Einen entspannten Abend? Die Check-In-Stoßzeit an einem Abend unter der Woche kommt erst noch, und ich hätte eigentlich jetzt schon eine riesige Margarita nötig.«

Er warf mir ein klägliches Lächeln zu. »Um Mitternacht hast du es hinter dir.«

»Bis dahin sind es noch viel zu viele Stunden, vor allem nach dem harten Tag, den ich bis jetzt schon hatte.«

Er lächelte schwach. »Tut mir leid.«

Ich schüttelte den Kopf. »Tut es dir nicht.«

Er kicherte. »Nein, denn ich glaube, ich geh mir jetzt einen Drink genehmigen. Ich werde dabei an dich denken. Hilft das?«

»Nein.«

»Gute Nacht, Emma.«

»Bis dann.« Ich stand auf und ging wieder zu Shannon und Jaqueline an die Rezeption zurück.

»Vielen, vielen Dank, Emma«, sagte Shannon und kam zu mir herüber.

»Der Kerl war echt völlig aus dem Häuschen.«

Sie verschränkte die Finger vor sich. »Das war er, und er hat einfach nur unentwegt herumgebrüllt. Ich konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen.«

»Du hast deine Sache gut gemacht«, versuchte ich sie zu beruhigen. »Erzähl mir doch mal ein bisschen, was ich heute alles so verpasst habe.«

Als meine Unterredung mit den beiden zu Ende war, hatte ich erfahren, dass bei den meisten der anderen Zimmer schmutzige Bettwäsche, schmutzige Handtücher und herumliegender Abfall die hauptsächlichen Ursachen des Unmuts gewesen waren, so das Übliche. Nach der ersten Beschwerdewelle hatten siebzehn Gäste bessere Zimmer bekommen, von denen vier für die Nacht kostenlos gewährt wurden. Von all den sonstigen Vergünstigungen, wie Gratisessen im Hotelrestaurant, gar nicht zu reden.

Die Umquartierung so vieler Gäste in bessere Zimmer hatte zur Folge, dass kaum noch freie Zimmer verfügbar waren, da das Hotel zu achtzig Prozent belegt war.

Alles in allem war es einer dieser typischen Abende, an denen ich es hasste, Empfangschefin zu sein. Sicher, wir hatten den Großteil der Gäste beschwichtigt und versorgt, aber das bedeutete dennoch nur eine kurze Atempause. Bald kam es zu einer weiteren kleinen Beschwerdewelle – Gäste riefen an der Rezeption an oder kamen herunter, um darüber zu klagen, dass in ihren Zimmern nicht sauber gemacht worden war. Wir hatten unter der Woche viele Geschäftsreisende im Haus. Glücklicherweise waren sie alle schon mindestens eine Nacht bei uns zu Gast, daher handelte es sich überwiegend um Kleinigkeiten, und einige Gratisfrühstücke reichten, um sie zufriedenzustellen.

Das Hotel war schon fast voll gewesen, bevor das alles passiert war, und aufgrund der vielen Zimmerwechsel bestand kaum mehr Spielraum, um weitere Zimmer zu tauschen oder neue Gäste aufzunehmen.

Der Gedanke an eine Margarita war eine fast unwiderstehliche Verlockung – ein Gläschen Tequila pur würde es auch tun. Irgendetwas, um für ein wenig Entspannung zu sorgen. Ich spürte das drohende Unheil, das wie ein Damoklesschwert über meiner Schicht hing, denn angesichts des zähen Tempos, mit dem der Etagendienst in jenem Stockwerk vorwärtskam, war es unvermeidlich, dass es noch ein großes Donnerwetter geben würde.

In einer kurzen Pause konnte ich einen Blick auf mein Handy werfen und mehrere Nachrichten lesen, die mir James geschrieben hatte. Es war auch ein Foto dabei, das einen Margarita-Cocktail neben einer vollen Flasche Tequila zeigte.

James: Morgen Abend?

Ich lächelte und tippte schnell zurück:

Kleiner Scherzkeks.

James: Stimmt, aber was ist mit morgen Abend?

Es fiel mir wirklich schwer, ihm einen Korb zu geben, aber bis ich meinen Uniabschluss in der Tasche hatte und das Hotel verlassen konnte, war das einfach nicht drin.

Tut mir leid, aber mein Manager hat mich zur Arbeit eingeteilt.

James: Zum Teufel mit diesem Arschloch. Ich werde ihn mir mal vorknöpfen.

Beim Lesen seiner Nachricht musste ich kichern, und ich antwortete:

Ja, nimm den Blödmann im Spiegel mal so richtig ins Gebet.

James: Mach ich. Vielleicht ein andermal?

Hm, du und ich und eine Flasche Alkohol bei dir zu Hause? Das riecht nach Ärger.

Nach sehr verlockendem Ärger zwar, aber es blieb trotzdem Ärger. Bei unseren wenigen intimeren Zusammenkünften vor zwei Jahren hatte die Chemie durchaus gestimmt. Wir hatten einige Male miteinander herumgeknutscht, zu mehr war es jedoch nicht gekommen.

James: Ärger kann viel Spaß machen.

Stimmt, aber Ärger kann mich auch meine Stelle kosten.

James: Ich werde dafür sorgen, dass dein Manager nichts davon mitkriegt;)

Ja, davon bin ich überzeugt.

Jahrelang hatten wir uns knapp an der Grenze zwischen bloßer Freundschaft und einer Liebesbeziehung bewegt, nur um dabei ständig daran erinnert zu werden, dass er mein Boss war und daher für mich tabu. Und dann war da mein enger Zeitplan. Ich hatte einfach keine Zeit für eine Beziehung. Trotzdem hatten wir nie aufgehört, miteinander zu flirten.

James: Ich kann ein Geheimnis für mich behalten.

Aber nicht lange.

Ich will nicht, dass du ein Geheimnis bist.

Mir flatterte das Herz in der Brust, und ich biss mir auf die Unterlippe, während ich lächelnd auf das Telefon hinabschaute. Ich konnte es gar nicht erwarten, das Cameo Hotel endgültig zu verlassen. Nicht nur, weil mein Leben dann wieder in einigermaßen geregelten Bahnen laufen würde, sondern auch, weil ich dann endlich mit James ausgehen konnte, ohne in Schwierigkeiten und mit der Unternehmenspolitik des Hotels in Konflikt zu geraten. Seit Neujahr hatte unser Geflirte einen Gang zugelegt, in der Erwartung, dass wir in einigen Monaten vielleicht mehr daraus würden machen können.

Ich schloss mein Schließfach ab und kehrte ins Foyer zurück, um mir einen Eindruck von der gegenwärtigen Lage der Dinge zu verschaffen. Es war nun fast sieben, und es trafen nicht mehr allzu viele neue Gäste ein. Ich wollte gerade zu dem ebenfalls im Foyer befindlichen Starbucks hinüberschlendern, als mein Blick auf die Eingangstür fiel und der Mann, der gerade hereinkam, meine Aufmerksamkeit auf sich zog.

Es war eine Szene wie aus einem Film – wo die Zeit stehen zu bleiben scheint, wenn der attraktive Fremde hereinkommt, der Wind ihn umweht und romantische Musik im Hintergrund spielt. Er kommt hereingeschritten, verströmt eine Aura von purem Sex und sorgt dafür, dass die Schlüpfer aller Frauen feucht werden.

Ja, genau so ein Moment war es.

Zumindest bis er über die Fußmatte stolperte und beinahe hingefallen wäre. Er richtete sich so schnell wie möglich wieder auf, musterte mit grimmigem Blick den Boden und ging weiter, aber es war zu spät. Wir drei an der Rezeption hatten es alle gesehen und waren jetzt verliebt, trotz des nicht gerade supereleganten Auftritts.

Ein wenig Unbeholfenheit war durchaus liebenswert, denn angesichts der Aura, die er verströmte, war ich mir ziemlich sicher, dass er über vielerlei andere Möglichkeiten verfügte, seine Männlichkeit unter Beweis zu stellen.

Jaqueline und Shannon mussten über seinen trampeligen Auftritt kichern, was ihm keineswegs entging.

Er trat an die Rezeption und ließ den Blick zwischen uns dreien hin und her schweifen, um sich dann auf mich zu konzentrieren. Wieder und wieder wanderten seine Augen über mich hinweg. Schließlich trug ich ja auch die förmlichere Uniform, und auf meinem Namensschild prangte der Titel der Empfangschefin.

Und außerdem kicherten die beiden Mädels immer noch.

Wieder einmal setzte ich mein bestes, freundlichstes Lächeln auf. Auch wenn mein Vorrat an Freundlichkeit für heute schon weitestgehend aufgebraucht war, wusste ich nicht, ob ich ihn denn überhaupt ansehen konnte, ohne zu lächeln: scharf geschnittene Gesichtszüge, kastanienbraunes Haar, breite Schultern und volle, zum Küssen einladende Lippen.

Er war kein Tourist – nicht nach seiner Kleidung zu urteilen: dunkelblauer Anzug mit Nadelstreifenweste, eine Rolex am Handgelenk, eine Kleidertasche über der Schulter, und sein iPhone schien ihm zusammen mit den Mietwagenschlüsseln förmlich an der Hand zu kleben. Alles an ihm schrie: Ich bin geschäftlich hier.

»Sind Stolperfallen in diesem Hotel eine feste Einrichtung?«, herrschte er mich an.

Seine Worte überrumpelten mich, und ich starrte ihn nur an. »Wie bitte?«

Er deutete auf den Läufer. »Ihr Teppich hat mich zum Stolpern gebracht«, erklärte er. Mein Lächeln blieb unerwidert, während er zurückstarrte. Er war kurz angebunden und sah aus wie irgendein hohes Tier aus der Vorstandsetage. »Irgendjemand hat es versäumt, dafür zu sorgen, dass dieser Teppich ordentlich verlegt wurde.«

Er hatte recht – der Läufer war total wellig und vorne am Saum nach oben gebogen.

»Ich bitte vielmals um Entschuldigung, Sir. Ich werde dieses Ding direkt wegschaffen lassen.« Ich warf Shannon einen Blick zu, und sie griff sofort nach dem Telefon, um beim Hausmeister anzurufen und den Läufer entfernen zu lassen. Der nach oben gebogene Saum würde nur noch weitere Menschen stolpern lassen, wenn wir ihn liegen ließen.

Er schnaubte, sichtlich verärgert. »Ich muss einchecken.«

»Unter welchem Namen wurde bitte reserviert?«, fragte ich, ohne weiter Zeit zu vertrödeln. Ich schaltete sofort in den Arbeitsmodus um.

»Grayson«, antwortete er und holte seinen Personalausweis sowie eine Kreditkarte hervor. Ich warf einen Blick auf seinen Ausweis und entnahm ihm seinen vollen Namen und sein Alter – Gavin Grayson, fünfunddreißig.

Verdammt, er sah nicht aus wie fünfunddreißig. Er hatte keine einzige Falte im Gesicht.

Ich rief seinen Namen im Computer ab und stellte fest, dass er für zwei Wochen gebucht hatte. »Vielen Dank, Mr Grayson. Hier habe ich Ihre Reservierung. Wie es aussieht, wohnen Sie in einer unserer wunderschönen Chefsuiten. Es ist alles bestens geregelt, also gebe ich Ihnen jetzt Ihre Schlüsselkarte und brauche dann nur noch eine Unterschrift von Ihnen«, sagte ich mit einem Lächeln und bemerkte dabei am Rande den Blick, mit dem er mich ansah.

Ich zog die Quittung aus dem Drucker und entsperrte seine Schlüsselkarte. »Wenn Sie bitte hier unterschreiben wollen? Sie sind in Zimmer zwölf null acht. Die Aufzüge befinden sich auf der anderen Seite der Eingangshalle. Im zwölften Stock angelangt, müssen Sie sich rechts halten und finden dann Ihr Zimmer auf der rechten Seite. Gibt es sonst noch etwas, womit ich Ihnen behilflich sein kann, Mr Grayson?«

Er warf einen raschen Blick zu Jaqueline und Shannon hinüber, die immer noch über seinen unbeholfenen Auftritt lächelten. Ich sah, wie er die Zähne zusammenbiss. Dann sah er mich noch für einen Moment an, um schließlich den Kopf zu schütteln. »Nein«, antwortete er schroff, und jeder flüchtige Anflug von Herzlichkeit war aus seinen Zügen gewichen.

Ich blieb betont freundlich. Ich hatte nicht vor, mich von seinen Stimmungsumschwüngen verdrießen zu lassen, vor allem, da sein Auftritt nichts im Vergleich zu dem war, was ich heute zuvor schon erlebt hatte. »Danke, dass Sie sich für das Cameo Hotel entschieden haben. Wenn Sie noch irgendetwas brauchen, zögern Sie bitte nicht anzurufen.«

»Vielen Dank«, erwiderte er mit einem Nicken und steuerte die Aufzüge an. Seinen großen teuren Rollkoffer zog er hinter sich her.

Er war natürlich mehrere Nummern zu groß für mich, aber schauen kostete ja nichts. Wir hatten eine Menge attraktiver Gäste, unter anderem auch Prominente, aber in Sachen Aussehen war ihm ein Platz in den Top Ten sicher. Zumindest was mich betraf.

»Wow«, bemerkte Jaqueline neben mir. »Mädchen, manchmal weiß ich nicht, wie du das machst.«

»Wie ich was mache?«, hakte ich nach.

»Immer so professionell zu sein.«

Ich schmunzelte, gefolgt von einem kurzen Lachen. »Jahrelange Übung.«

Ein weiterer Gast checkte bei uns ein, und dann tauchte auch schon Mr Grayson wieder auf. Sein Gesicht war verzerrt vor Ärger, und die Härchen in meinem Nacken stellten sich auf.

»Wollen Sie mich mit diesem Scheißzimmer auf den Arm nehmen, verdammt noch mal?«, brüllte er, als er nur noch wenige Schritte entfernt war.

»Wie bitte?«

»Es ist die totale Katastrophe, verdammt! Macht ihr Typen euch nicht einmal die Mühe, die Zimmer zwischen zwei Gästen in Ordnung zu bringen?«

Mir gefror das Blut in den Adern. Mist. Ich war so von seinem Äußeren eingenommen gewesen, dass mir gar nicht aufgefallen war, dass sein Zimmer ausgerechnet auf besagtem fluchbeladenen Stockwerk lag.

»Es tut mir ganz schrecklich leid, Sir.«

»Das bezweifle ich stark. Sind Sie denn so inkompetent, dass Sie nicht einmal vom Bildschirm ablesen können, ob ein Zimmer sauber gemacht worden ist?« Er kochte vor Wut.

»Ich bitte um Entschuldigung, wir hatten heute ein Problem …«

»Es ist mir völlig egal, was Sie hatten … Wie heißen Sie …?« Er brach ab und schaute auf mein Namensschild hinunter. »Emma. Emma, gibt es in diesem ganzen Gebäude irgendwo ein sauberes Fleckchen?«

»Ich kann Ihnen versichern, dass alle unsere Zimmer sehr sauber sind.«

»Nicht nach dem, was ich gerade gesehen habe.«

»Das war ein sehr bedauerliches Missgeschick«, entgegnete ich und beeilte mich, nach einem besseren Zimmer für ihn zu suchen. Angesichts der begrenzten Verfügbarkeit hatte ich da nicht viele Möglichkeiten. »Ich muss mich zutiefst bei Ihnen entschuldigen. Mir hätte die Zimmernummer auffallen müssen.«

Sein verärgerter Blick wurde noch finsterer. »Ja, das hätte es.«

Er überstrapazierte meine freundliche Gefasstheit, dennoch zwang ich meine lächelnde Fassade, intakt zu bleiben, während ich ihn schnell auf ein Zimmer umbuchte, das eine Spur besser war – eines der wenigen, die überhaupt noch frei waren. Insgeheim hätte ich ihn am liebsten geohrfeigt, weil er ein solches Arschloch war, und dann das für den ganzen Schlamassel verantwortliche Zimmermädchen vor ihn hingeschubst, damit er sich stattdessen auf sie stürzen konnte.

»Ich habe Sie jetzt auf eine unserer Chefsuiten mit Blick aufs Wasser upgegradet«, sagte ich, während ich die neue Schlüsselkarte für ihn fertig machte.

»Werden Sie persönlich für die Sauberkeit dieses Zimmers garantieren?«

Ich schob die Karte über den Empfangstresen. »Ich kann Ihnen versichern, Mr Grayson, dass es ein wunderschönes, gepflegtes Zimmer ist.«

»Das werden wir ja sehen«, schnaubte er und stürmte wieder davon.

Erster Stock

Gavin

Ich hätte nie gedacht, eines Tages in Boston zu leben. Ich hatte meine prägenden Jahre in Ohio verbracht, im ständigen Wunsch, aus den Vorstädten herauszukommen. Mein Leben lang hatte man mir beigebracht, dass man dort hingeht, wo die Arbeit ist, und nicht erwartet, dass die Arbeit zu einem kommt.

So war ich erst in Chicago gelandet, dann in New York und zu guter Letzt eben im Hauptquartier der Cates Corporation in Boston. Zwölf Jahre lang hatte ich bis zur Erschöpfung geschuftet, um in der Firma die Karriereleiter hinaufzusteigen.

Fünfunddreißig Jahre lang war ich sorgfältig und strategisch meinen vorbestimmten Plänen gefolgt. Bis Boston. Bis zu ihr.

Über eine Woche lang hatte ich mich nun in meinem neuen Büro und der neuen Stadt eingelebt und mich mit meiner neuen Assistentin vertraut gemacht. In dieser Zeit verbrachte ich meine Nächte im Cameo Hotel. Eigentlich hätte ich die Abende damit verbringen sollen, nach einem neuen Zuhause zu suchen. Ich hatte sogar einen Makler beauftragt, aber außer meiner Gewöhnung an die neuen Lebensumstände war da noch etwas, was mich davon abhielt – Emma.

Vom allerersten Blick an verspürte ich da eine Anziehung, die ich nicht verstehen konnte. Gefühle, die ich nicht haben wollte, weckten in mir das Verlangen nach einer Frau, die ich überhaupt nicht kannte.

Fast jeden Abend war sie da, wenn ich hereinkam. Ganz bescheiden. Wunderschön. Verdammt verführerisch.

Sie stellte für mich einen Interessenskonflikt und eine Ablenkung dar, und beides konnte ich nicht gebrauchen.

Immer wenn ich über den Marmorboden des Cameo Hotels schritt, suchte mein Körper nach ihr, während meine Augen versuchten, der Verlockung keine Beachtung zu schenken. Dann aber warf ich einen raschen Blick in ihre Richtung, und tatsächlich, sie beobachtete mich von der anderen Seite des Foyers aus, die Lippen leicht geöffnet.

Leck mich, ihre Lippen. Beziehungsweise: Leck ihre Lippen. Küss ihre Lippen. Und mehr.

Mein Schwanz zuckte und bettelte um das Bild, das meine Gedanken heraufbeschworen hatten.

Ich atmete tief aus, als ich in den Aufzug stieg und diese Augen hinter mir ließ.

Als ich von New York nach Boston gezogen war, hatte ich einen neuen Anfang machen wollen, der gleichzeitig auch der erste Schritt zu meiner Beförderung sein sollte. Außer den Menschen, mit denen ich zusammenarbeitete, kannte ich hier niemanden, und das passte mir hervorragend in den Kram.

Aber sie wollte ich verdammt noch mal kennenlernen.

Sie weckte in mir den Wunsch, mich mit ihr zu streiten, nur um den Ärger in ihren Augen aufflammen zu sehen, während das Lächeln auf ihrem Gesicht niemals verflog. Professionell bis ins Letzte. Eine Professionalität, die ich knacken, die ich aufbrechen wollte, um zu sehen, was sich dahinter verbarg.

Es war ein Gefühl, das ich nicht ausstehen konnte. Arbeit war mein Leben. Sie verlangte meine ganze Zeit und Energie und ließ keinen Raum für persönliche Beziehungen.

Sobald ich durch die Tür meines Zimmers getreten war, streifte ich Stück für Stück meinen Anzug ab, ein sehr deutliches Zelt in meiner Hose.

»Verdammt, du schreibst mir nicht vor, was ich zu tun habe«, brummte ich an die Adresse der unter dem Stoff pochenden Wölbung gerichtet.

Es war eine Lüge. Das Verlangen nach ihr verleitete mich, sie wegen der harmlosesten Dinge heraufkommen zu lassen. Einfach um sie zu sehen, um sie in meiner Nähe zu haben.

Mich an ihrem Anblick zu weiden war ein Aphrodisiakum für mich.

Ich verabscheute es, dass sie diese Gefühle in mir weckte, denn es machte mich ihr gegenüber argwöhnisch. Meine Ex-Frau hatte ihre Sexualität benutzt, um mich mürbe zu machen, hatte mein Verlangen benutzt, um einen Ring zu bekommen, und mein Geld hatte sie dazu benutzt, ihre Liebhaber zu finanzieren. Die Verletzung dieses Verrats schmerzte noch immer, die Wunde war niemals verheilt.

Es ärgerte mich, dass ich Emma begehrte. Ärgerte mich, dass ich jede Nacht an sie denken musste und mir dazu einen runterholte.

Und ich war so schäbig, dass ich meinen Ärger an ihr ausließ. Es war ein Versuch, sie wegzustoßen, der jedoch wiederum von meiner Unfähigkeit durchkreuzt wurde, sie von mir fernzuhalten.

Während mein erstes Zimmer eine wahre Katastrophe gewesen war, war das Zimmer, auf das sie mich dann verlegt hatte, wirklich schön. Es gab einige kleine Verschleißerscheinungen bei älteren und häufig gebrauchten Einrichtungsgegenständen, aber insgesamt hatte das Hotel die Räumlichkeiten gut in Schuss gehalten.

Ich würde Richard Hayes, dem Vorsitzenden von Cameo International, bei Gelegenheit mitteilen müssen, wie schön sein Hotel war. Auch wenn ich mich jeden Tag beschwerte.

Im Laufe einer Woche war die Leistung der Leute vom Etagendienst nur immer perfekter geworden, was es mir mit jedem Tag schwerer machte, irgendetwas zu finden, an dem ich etwas aussetzen konnte, irgendeinen Grund, um sie heraufzuholen.

»Du brauchst sie nicht zu sehen«, sagte ich zu mir, aber als ich nun die Kaffeekanne vor mir anstarrte, die Ansammlung von Getränken in der Zimmerbar, die Süßungsmittel und das einzelne Päckchen Zucker, nahm ein neuer Plan Gestalt in mir an.

Ehe ich mich bremsen konnte, saß ich am Telefon und wählte die Nummer der Rezeption.

»Guten Abend, Mr Grayson.« Ihre Stimme drang an mein Ohr, und ein Schauder durchlief mich. Die Förmlichkeit, mit der sie mich ansprach, löste bei mir immer alle möglichen Fantasien aus.

»Ich habe nur ein einziges Päckchen Zucker, Emma. Ich brauche zwei weitere.«

Es folgte eine kleine Pause, und ich musste lächeln, denn ich wusste, dass sie mich wahrscheinlich innerlich verfluchte.

»Kommt sofort, Mr Grayson.«

Die Verstimmtheit in ihrer Stimme fachte meinen eigenen Ärger nur an. Ich wollte ihr einen Dämpfer verpassen, sie in die Knie zwingen.

Ich war so hart, dass ich bei der leisesten Berührung den Kopf in den Nacken warf. Wie würde sie reagieren, wenn ich die Tür öffnete und mir dabei den Schwanz streichelte?

Die Vorstellung war ein wenig ernüchternd, und ich beruhigte mich hinreichend, um meine Erektion so zurechtschieben zu können, dass sie nicht offensichtlich war.

Selbstbeherrschung und Planung waren meine starken Seiten, aber sie machte mir da immer wieder einen Strich durch die Rechnung, und ich ließ es jedes Mal zu. Es war ein gefährliches Spiel, doch mit jeder neuen Dosis, die ich von ihr abbekam, jeder weiteren Injektion ihres Giftes, unterlag ich ihr ein bisschen mehr.

Auch wenn ich jede Schlacht gewann, gewann sie Stück für Stück den ganzen Krieg, und das konnte ich nicht zulassen.

Das leise Klopfen ihrer Fingerknöchel an der Tür riss mich aus meinen Gedanken heraus, und ich wandte mich ihrer konkreten körperlichen Erscheinung zu.

Meine Nasenflügel bebten, als ich die Tür öffnete und mit grimmigem Blick zu ihr hinabsah. Ihr stockte sichtlich der Atem, was meine Hand an meiner Seite zucken ließ. Die durch meine Adern strömende Wollust kämpfte darum, die Kontrolle zu übernehmen. Ich wollte nur eins: sie ins Zimmer zerren, über das Sofa legen und all meine Frustration herauslassen, indem ich sie hart nahm.

»Ihr Zucker.« Sie hielt mir die geöffnete Hand hin. Die fünf kleinen braunen Päckchen bildeten einen deutlichen Kontrast zu ihrer cremeweißen Haut.

Ich riss ihr die Päckchen aus der Hand und zwang mich, mich nicht von dem Feuer mitreißen zu lassen, das die flüchtige Berührung ihrer Haut in mir entfacht hatte. »Ich habe zwei gesagt, Emma. Können Sie denn nicht zählen?«

»Weise Voraussicht, Sir.«

»Hä?«, machte ich. Mein Versuch, bei ihren Worten nicht aufzustöhnen, wurde vom Knurren meiner geistreichen Frage kaschiert.

»Wenn Sie zwei weitere Päckchen brauchen, dann bedeutet das, dass Sie für Ihre zweite Tasse drei benötigen werden.«

Sah sie wirklich meine Bedürfnisse voraus, oder machte sie das nur, damit ich sie am nächsten Tag nicht gleich wieder wegen des Zuckers anrief?

»Schön zu sehen, dass Sie die Grundlagen der Addition beherrschen. Haben Sie dazu einen Taschenrechner gebraucht?«

Ein Lächeln trat in ihre Züge, aber es war gezwungen, und es lag auch ein Anflug von Hass darin. »Kann ich Ihnen heute Abend noch mit irgendetwas anderem behilflich sein, Mr Grayson?«

Ja, geh verdammt noch mal in die Knie und leck meinen Schwanz, bis ich komme.

Meine ganze Wortgewandtheit ging in ihrer Gegenwart zum Teufel. Ich wollte nichts anderes mehr, als jeden Zentimeter von ihr zu verschlingen.

»Sie dürfen gehen.«

Wieder flammte dieses Feuer in ihren Augen auf, die sich dabei kurz weiteten. »Schönen Abend noch, Sir.«

Ich sagte kein weiteres Wort, reagierte mit keiner Geste, sondern schlug einfach die Tür hinter ihr zu. Alles andere hätte zu einem Fall von sexueller Belästigung geführt, und so tief würde ich nicht sinken.

»Muss das sein, Gavin?«, sagte ich und lehnte mich an die Tür.

Gefühle von Schuld und Verärgerung malträtierten mich. Ich war ein geborenes Arschloch, aber es machte mir trotzdem keinen Spaß, auch ihr gegenüber eins zu sein, selbst in meiner gegenwärtigen Verfassung. Trotzdem, Emma wurde mit allem spielend fertig, womit ich sie konfrontierte. Sie gab niemals klein bei, ließ sich von mir nicht einschüchtern.

Eine starke Frau war genau das, was ich wollte, aber nicht das, was ich gebrauchen konnte – bei allem, was sonst noch so ablief. Es war momentan nicht die Zeit für Nettigkeiten, dafür, meine Zuneigung wachsen zu lassen. Das Einzige, wofür ich Zeit hatte, war Sex, aber Emma löste in mir mehr aus als nur Verlangen.

Eine schnelle Nummer war nicht das, was ich von ihr wollte, aber was genau ich wirklich von ihr wollte, war mir immer noch ein Rätsel. Ich konnte sie irgendwie nicht in Ruhe lassen, was eins garantierte – sie würde wieder zurückkommen. Am nächsten Tag würde ich einen anderen Grund finden, um sie auf mein Zimmer zu beordern, und genauso auch am Tag danach und an jedem folgenden, bis ich genug hatte.

Die Zuckerpäckchen fielen aus meiner Hand in den Mülleimer.

Ich trank meinen Kaffee schwarz.

Zweiter Stock

Bald schon war Mr Grayson im ganzen Hotel berüchtigt. Das Geschehen am ersten Abend hatte ihn so sehr verärgert, dass es fortan jeden Tag ein neues Problem mit seinem Zimmer gab. Er mäkelte an allem herum, und es geschah immer, wenn ich im Dienst war. Das Büro des Hausmeisters schloss um fünf, sodass nur die Rezeption blieb, um seine Anrufe entgegenzunehmen, was bedeutete, dass immer ich es war, die sich mit ihm abgeben musste.

Ich Glückspilz.

Normalerweise war ich für die Gäste ziemlich unsichtbar, aber Mr Grayson wurde direkt zu mir durchgestellt. Nach all meinen Erfahrungen mit ihm verspürte ich zum ersten Mal in meinem Leben den Wunsch, jemandem eine Ohrfeige zu geben. In allen fünfundzwanzig Jahren meines Lebens war ich noch nie jemandem begegnet, der mich so sehr auf die Palme brachte wie Gavin Grayson.

»Der Stadtführer für Touristen ist verunstaltet worden. Bringen Sie mir einen neuen, der nicht vollgekritzelt ist«, sagte er an Tag zwei.

Ich starrte blinzelnd das Telefon an, um dann zu antworten: »Ich bin sofort oben bei Ihnen, Sir.«

Am Tag vier rief er an, um mir mitzuteilen: »Mir fehlen Waschlappen.«

Mein Lächeln behielt ich eisern im Gesicht, doch ich wusste, dass es inzwischen aus meiner Stimme gewichen war. »Ich werde Ihnen vom Zimmerservice sofort welche bringen lassen.«

Es brauchte nur wenige Tage, bis ich die Aufgabe, ihm zu liefern, was immer fehlte oder ersetzt werden musste, nicht mehr delegierte, sondern vielmehr selbst mit allem, was er erbeten hatte, an seine Tür klopfte.

»Ich habe nur noch ein Päckchen Zucker, Emma. Ich brauche noch zwei weitere«, beschwerte er sich an Tag sieben.

Ich knirschte mit den Zähnen. »Kommt sofort, Mr Grayson.« Mehr Zucker würde ihn trotzdem kein bisschen süßer machen.

Wann immer ich ihn sah, raubte mir sein gutes Aussehen den Atem, selbst wenn er mich böse anblickte. Ich fand es schrecklich, wie sehr sein Anblick meinen Herzschlag beschleunigte. Noch mehr waren mir die Schmetterlinge zuwider, die vor jeder unserer Begegnungen erwartungsvoll in meinem Magen zu flattern begannen.

Doch wenn ich ihn so sehr verabscheute, warum reagierte ich dann derart auf ihn?

»Ich kann mit ihm reden«, erbot sich James, als wir einmal zusammen unten im Starbucks saßen.

»Wirklich, das geht schon in Ordnung«, betonte ich. Auf keinen Fall wollte ich, dass James ihn zur Rede stellte. Unser Gast war anspruchsvoll, aber ich wurde allein mit ihm fertig.

»Nein, es geht eben nicht in Ordnung. Sein Benehmen ist nicht hinnehmbar«, gab James zurück. Seine Stirn war gerunzelt und sein Kiefer angespannt. Es kam nicht oft vor, dass er sich seine Verärgerung anmerken ließ. »Verdammt noch mal, du bist nicht seine persönliche Assistentin, die nach seiner Pfeife tanzt.«

»Ich werde schon mit ihm fertig.« Ich beugte mich vor, um ihn dazu zu bringen, mir in die Augen zu schauen. Es funktionierte, und er schien sich wieder ein wenig zu beruhigen. »Er ist einfach nur sehr pedantisch und unhöflich. Außerdem ist er bald wieder weg.«

»Es gefällt mir trotzdem nicht«, brummte er.

»Das ist schön und gut, aber es ist sowieso bald kein Problem mehr. Eines Tages werden wir an ihn zurückdenken und lachen.«

Er verzog das Gesicht. »Im Moment lache ich nicht.« Er atmete tief aus und legte seine Hand auf meine. »Ich weiß, dass ich keinen Anspruch auf dich habe, aber das heißt nicht, dass ich dich nicht schützen möchte.«

Die Wärme seiner Hand war tröstlich, und ein Kribbeln durchlief mich. Es erreichte meine Brust, aber irgendetwas stimmte da nicht. Was da in meiner Brust aufwallte, erschien mir nicht so tiefgehend und durchdringend, wie es normalerweise der Fall war, wenn James mich berührte.

»Ich weiß«, antwortete ich und lächelte ihn an. »Komm. Deine Pause ist vorbei, und ich muss jetzt nach Hause.«

Wir standen auf und gingen zur Rezeption zurück. Als wir durch das weitläufige Foyer schritten, tauchte eine vertraute Gestalt vor uns auf. Mr Grayson betrat vom Parkhaus her das Hotel. Mein Herz schlug auf einmal doppelt so schnell wie sonst, während ich zusah, wie er direkt die Aufzüge ansteuerte. Er warf einen schnellen Blick zu uns herüber, aber ich musste ihn einfach immer weiter anstarren, wie er nun in einen wartenden Aufzug stieg. Unsere Blicke trafen sich, und eine Hitzewelle durchströmte mich.

»Was meinst du, in welcher Stimmung ist er heute?«, erkundigte sich James und zog mich weg von Mr Graysons Intensität.

»In keiner guten. Viel Glück heute Abend.«

Er gab ein Stöhnen von sich. »Ich kann ihn nicht ausstehen.«

»Atme einfach durch, und denk dran, es ist nur noch für ein paar Tage. Dann wirst du ihn nie wieder sehen.«

Er nickte. »Du hast recht.«

»Ich frage mich, für wen er arbeitet«, sagte ich. Es war offensichtlich, dass er hoch oben auf der Leiter stand, wo auch immer das war.

»Hast du es denn noch nicht gehört?«

»Was?«

»Er ist der stellvertretende Vorsitzende der Cates Corporation. Kandidat Nummer eins für den Posten des Vorstandsvorsitzenden. Soviel ich gehört habe, war er bisher der Leiter der New Yorker Niederlassung, aber da er ganz nach oben will, war es jetzt für ihn an der Zeit, in den Hauptsitz zurückzukehren.«

Cates war eine riesige Wirtschaftsberatungs- und Technologiefirma. Das Hotel war im Laufe der Jahre einige Male der Ausrichtungsort von Veranstaltungen dieses Unternehmens gewesen. Mr Grayson schien mir noch sehr jung für eine so hohe Stellung in der Firma, aber in Anbetracht seiner an den Tag gelegten Einstellung überraschte es mich nicht, dass er es in seinen jungen Jahren schon so weit gebracht hatte.

Wir betraten den Bürobereich, und ich steuerte den Flur an, der zum Pausenraum führte, als mich James unvermittelt festhielt und an sich riss, sodass mein Rücken an seiner Brust war. Die plötzliche Bewegung überrumpelte mich, und ich erstarrte.

»Was ist mit dir los?«, wollte er wissen.

»Du hast mich überrascht.« James hatte mich seit drei Jahren nicht mehr so berührt.

»Bitte entschuldige, es ist nur … Könnten wir nicht jetzt schon anfangen, heimlich? Ein Paar sein?« Sein Atem war heiß in meinem Nacken und sandte ein Kribbeln durch meine Adern. Erneut bemerkte ich, dass ich nicht so stark auf ihn reagierte wie zuvor. Der Drang, ihn an mich zu ziehen und ihn zu küssen, war immer noch da, und die Hitze flammte in mir auf, aber es war nicht jenes Lodern wie sonst.

»Nein«, sagte ich mit einem Seufzer.

Er stöhnte dicht an meiner Haut. »Warum musst du so schrecklich vernünftig sein, während ich meinerseits schier sterbe?«

In diesem Punkt war er nicht der Einzige. »Weil ich dieses Studium zu Ende bringen muss, und wenn wir jetzt etwas miteinander anfangen, geht es mit meinen Noten in den Keller. Ich habe zu hart gearbeitet, um mir irgendwas dazwischenkommen zu lassen.«

Er nickte, ließ mich los und trat einen Schritt zurück. »Du hast recht. Ich würde dich definitiv ablenken und versuchen, deine ganze Freizeit in Beschlag zu nehmen. Entschuldige bitte.«

Ich drehte mich zu ihm um, und mir schmerzte das Herz in der Brust. Es war so schwer, ihn abzuweisen. »Es ist auch für mich nicht leicht.«

»Ich weiß. Ich bin einfach egoistisch.«

»Warum egoistisch?«

Er warf mir ein schüchternes Lächeln zu. »Selbst nach drei Jahren bist du immer noch die einzige Frau, an die ich denke. Wir haben damals keine wirkliche Chance gehabt, und ich warte jetzt schon so lange darauf, es noch einmal zu versuchen.«

»Halt nur noch ein paar Monate durch.«

Er nickte. »Das schaffe ich.«

Meine Mundwinkel zogen sich zu einem Lächeln in die Höhe, und auch seine gingen nach oben. »Einen schönen Abend noch.«

»Wünsch ich dir auch«, antwortete er und winkte mir zum Abschied.

Nachdem ich meine Sachen aus dem Schließfach geholt hatte, machte ich mich auf den Weg zum Parkhaus. Diese Gespräche mit James fielen mir schwer, denn jedes einzelne belastete mich nur umso mehr. Ich wollte nicht weiter darüber nachdenken, warum ich auf einmal so wenig auf ihn reagierte, und schrieb es dem prämenstruellen Syndrom zu.

Gleichzeitig war in einem einzigen Blick von Mr Grayson mehr Feuer als in James’ Berührung.

Daran war auch nichts auszusetzen. Mr Grayson war einfach ein heißer Typ. Warum sollte sich mein Puls in seiner Gegenwart denn nicht beschleunigen? Das war normal. Sogar gesund. Und nicht das geringste Hindernis auf meinem Weg. Nein, Mr Grayson war nur ein Gast, mehr nicht.

Als ich in meinen Wagen stieg, zog ich das Handy heraus, und mir fiel das heutige Datum ins Auge. Mist. Ich hatte seit Februar nicht mehr mit meinen Eltern gesprochen, und der März näherte sich bereits dem Ende.

Da ich es nicht noch mal vergessen wollte, rief ich meine Kontakte auf und wählte die Nummer. Es klingelte einige Male, bis jemand an den Apparat ging.

»Hallo?«

»Hi, Dad«, grüßte ich.

»Emmybär! Wie geht es dir?« Seine Stimme klang sofort fröhlicher.

Die Anrufe bei meinen Eltern waren zu etwas geworden, was ich nur noch einige Male im Monat tat, und wie immer war es beruhigend, die Stimme meines Dads zu hören.

»Hab viel zu tun, wie immer.«

»Wie laufen deine Seminare?«, fragte er.

»Bin jetzt fast fertig damit.« Das allein war ein gewaltiger Lichtblick. Jahre der harten Arbeit und Aufopferung näherten sich nun dem Ende.

»Und dann war’s das? Dann hast du deinen Master in BWL?«

»Genau.«

»Ich bin so stolz auf dich, mein Kind. Es tut mir so leid, dass ich dir nicht habe helfen können.«

»Daddy, mach dir keine Sorgen. Ich habe hart gearbeitet, genau wie du es mir beigebracht hast, und ich habe es geschafft und dabei nur hin und wieder mal eine Mahlzeit versäumt«, versuchte ich ihn aufzumuntern. Es war die Wahrheit. Es war nicht leicht gewesen, aber ich hatte immer einen Platz zum Schlafen und etwas zu essen gehabt. Ich hatte in anderer Hinsicht Opfer gebracht – hatte Freundschaften und andere Beziehungen zu kurz kommen lassen. Die meisten meiner Freunde vom College waren nach dem Abschluss weggezogen, und diejenigen, die noch in Boston lebten, hatten genauso viel um die Ohren wie ich.

»Trotzdem, als wir hierhergezogen sind, war ich fest entschlossen, dir finanziell zu helfen. Ich habe dich ja kaum zu Gesicht bekommen, weil du so viel hast arbeiten müssen.«

Sie waren Hunderte von Meilen weggezogen, damit mein Dad eine besser bezahlte Arbeit bekam, nur um zu erleben, dass die Firma ein Jahr später dichtmachen musste. Inzwischen war die Rezession nicht mehr so schlimm, aber er hatte trotzdem Mühe, an seinem neuen wie auch an seinem alten Wohnort eine Arbeit zu finden. Ich hatte meine Eltern seit über zwei Jahren nicht mehr gesehen, da ich an den meisten Feiertagen hatte arbeiten müssen.

»Das wird sich jetzt hoffentlich ändern, und ich kann euch bald besuchen kommen.«

»Das würde mich riesig freuen.«

Und mich genauso. Wirklich. Ich vermisste meine Eltern ungeheuer.

Ich vermisste ihre Umarmungen. Allerdings vermisste ich Umarmungen generell. Der Mangel an körperlicher Berührung jeder Art war irgendwie niederschmetternd. Ich sehnte mich verzweifelt nach diesem Gefühl von Verbundenheit. Als James die Arme um mich gelegt hatte, war das für mich die erste Umarmung seit einem Jahr oder noch länger gewesen.

»Wie sieht es sonst so bei dir aus? Irgendwelche Berufsaussichten nach deinem Abschluss? Männer in deinem Leben?«

»Noch keine konkreten Angebote, aber ich bekomme Unterstützung von der Uni. Und was die Männer betrifft …« James lastete schwer auf meiner Brust. Ich wusste nicht recht, ob das, was ich für ihn empfand, nur Gefühle waren, die sich im Laufe all der Jahre des Nachdenkens über unsere Beziehung aufgebaut hatten, oder ob es etwas wirklich Echtes war. »Es gibt da schon jemanden, aber wir müssen erst einmal abwarten, was daraus wird.«

»Nun, hoffentlich werde ich beim nächsten Mal mehr darüber erfahren«, sagte er mit einem leisen Lachen.

»Ist Mom da?«, fragte ich.

»Sie ist auf der Arbeit. Kann sie dich anrufen, wenn sie nach Hause kommt? Oder musst du dann arbeiten?«

»Ich habe noch Unterricht, aber ich kann mich am Wochenende bei ihr melden.«

»Klingt gut. Ich hab dich lieb, Emmybär.«

»Ich dich auch, Daddy.« Ich tippte auf die Taste, um den Anruf zu beenden, und stieß gleichzeitig einen Seufzer aus. Ein weiterer arbeitsreicher Abend lag vor mir. Ich konnte es nicht erwarten, mit der Uni fertig zu werden, denn ich war unendlich erschöpft.

Wie war noch mal dieser Spruch von der Kerze, die an beiden Enden brennt? Na ja, das Wachs war dahingeschmolzen, und meine Flammen würden sich bald in der Mitte treffen.

Jeden Abend schien es eine Beschwerde von Mr Grayson zu geben, aber am neunten Abend war alles still. Die Uhr zeigte schon fast elf, was bedeutete, dass nur noch eine Stunde bis zum Ende meiner Schicht blieb. Dann würde ich das Kommando an Rob weitergeben, der für die Nachtschicht zuständig war. Es blieben nur noch ein paar Dutzend Minuten, bis ich meinen ersten Abend ohne eine Beschwerde von Mr Grayson erlebt haben würde.

»Nichts?«, fragte Shannon, als sie mit einer letzten Tasse Kaffee aus dem Starbucks im Foyer auf mich zukam. Der war eigentlich bereits geschlossen, aber Shannon war mit einer der dort arbeitenden Angestellten befreundet, und sie konnte immer noch eine Tasse ergattern, solange sie dort aufräumten.

»Bisher nicht.« Ich wollte gerade etwas hinzufügen, als das Telefon neben mir klingelte. Ich schaute aufs Display hinunter und sah dort eine vertraute Nummer aufleuchten, dann warf ich Shannon einen finsteren Blick zu. »Daran bist du jetzt schuld.«

Sie hob abwehrend die Hände, und ihre Augen weiteten sich. »Tut mir leid!«

Ich atmete tief aus, dann griff ich nach dem Hörer. »Guten Abend, Mr Grayson.«

»In dem Zimmer neben mir findet eine Party statt. Sehen Sie verdammt noch mal zu, dass das ein Ende hat!«

Ich musste das Telefon von meinem Ohr weghalten, weil er so laut brüllte, heute offensichtlich noch erregter als sonst.

»Auf der Stelle, Mr Grayson.« Ich legte auf und sah Shannon an. »Macht er das auch, wenn ich nicht hier bin, oder bin ich einfach ein verdammter Glückspilz?«

Sie nickte. »Ich habe gehört, dass er es gestern geschafft hat, James sein perfektes Lächeln vom Gesicht zu fegen.«

»Nicht auszuhalten«, murmelte ich und ging um den Empfangstresen herum. »Ich bin gleich wieder da.«

»Viel Glück!«, rief sie mir hinterher, als sich die Aufzugtüren schlossen.

Aus der hochgradigen Verärgerung in seiner Stimme schloss ich, dass die Party wirklich laut sein musste. Das Hotel war mit dicken, geräuschdämmenden Wänden zwischen den Zimmern erbaut worden, damit die Gäste so gut wie möglich schlafen konnten.

Die Musik war so laut, dass ich sie fast bis zum Aufzug hörte. Es überraschte mich, dass Mr Grayson der Einzige war, der sich beschwert hatte. Er hatte mir nicht verraten, um welches Zimmer es sich handelte, aber aufgrund der Lautstärke der Musik war es nicht schwer, es herauszufinden.

Ich klopfte schnell an die Tür und wartete. Auf der anderen Seite ertönte wildes Gelächter, aber sonst kam keine Reaktion. Das zweite Mal klopfte ich viel kräftiger, damit es drinnen auch bemerkt wurde. Als nun das Gelächter erstarb, wusste ich, dass man mich gehört hatte.

Die Tür schwang auf, und ich wurde von einem Mann begrüßt, der ungefähr in meinem Alter sein musste, vielleicht ein klein wenig älter. Er hielt eine Bierflasche in der Hand und hatte ein breites Lächeln im Gesicht.

»Hey, Süße«, sagte er und klang irgendwie schmeichelnd, obschon ich erkennen konnte, dass er betrunken war.

»Guten Abend. Wir haben einige Lärmbeschwerden erhalten, und Sie müssten bitte die Musik leiser drehen.«

»Wir feiern hier eine Party, Baby. Da muss es Musik geben«, entgegnete er, streckte dann die Arme aus und ließ seine Hüften vor mir kreisen.

»Party hin, Party her, Sie sind zu laut, und wir haben Gäste, die schlafen möchten.«

»Hör einfach auf sie und halt die Klappe«, rief eine mürrische Männerstimme von der anderen Seite des Gangs herüber. Der Klang dieser Stimme durchzuckte alle meine Nervenenden und ließ es heiß mein Rückgrat hinabrieseln.

Fünf Meter entfernt stand Mr Grayson vor seiner Tür, mit nichts bekleidet als einer kurzen karierten Schlafanzughose. Beim Anblick seiner nackten Brust und seines durchtrainierten Körpers breitete sich ein unvertrautes Gefühl der Wärme in mir aus, und mir klappte die Kinnlade herunter. Sein Haar war nicht wie sonst untadelig frisiert, sondern stand ihm in alle Richtungen vom Kopf ab. Sein Stirnrunzeln war für mich mittlerweile etwas sehr Vertrautes, aber es machte ihn auf eine gewisse abweisend-schroffe Art sexy.

»Machen Sie die verdammte Musik aus. Manche Leute versuchen zu schlafen«, knurrte Mr Grayson, sichtlich verärgert.

»Was auch immer, Mann«, antwortete der betrunkene Gast.

Ich sah wieder zu ihm hinüber und bemerkte, dass seine vier Freunde hinter ihm kicherten. »Drehen Sie die Musik leiser, und lassen Sie sie auf Zimmerlautstärke, sonst sehe ich mich gezwungen, Sie des Hauses zu verweisen.«

»Dumme Kuh, wir haben bezahlt. Du kannst rein gar nichts machen!«, brüllte einer der Männer.

Der Typ an der Tür setzte ein süffisantes Lächeln auf. »Vielleicht könnten Sie ja reinkommen und uns dabei helfen, leiser zu sein.«

Am Rand meines Gesichtsfeldes trat Mr Grayson einen Schritt vor. »So dürfen Sie nicht mit ihr sprechen.«

»Alter, geh wieder ins Bett. Wir wollen doch nur ein wenig Spaß haben«, sagte das Ekel und legte mir den Arm um die Hüfte.

Es verschlug mir den Atem, und ich brauchte eine Sekunde, bis ich begriff, was da geschah. Dann gab ich dem Typen einen Stoß vor die Brust. Er lachte, aber mir blieb keine Zeit für eine weitere Reaktion, denn nun riss Mr Grayson die Hand des Widerlings von mir weg, drehte sie ihm auf den Rücken und drückte ihn an die Wand. Ihm fiel die fast leere Bierflasche aus der Hand, und der restliche Inhalt floss auf den Teppich.

»Fassen Sie sie nicht an«, zischte Mr Grayson.

Mir hämmerte das Herz in der Brust, während ich zusah, wie er den Kerl in die Mangel nahm. Ich musste mir eingestehen, dass es mich scharf machte. Vor allem im Wissen, dass er das zu meiner Verteidigung tat.

Das Ekel versuchte angestrengt, sich aus seinem Griff zu befreien, aber Mr Grayson hielt ihn nur noch fester gepackt. »Lass mich los, Mann!«

»Sie bittet Sie nur, leiser zu sein, damit ich ihr wegen des Lärms nicht die Hölle heißmache. Das ist keine Einladung für Sie, sie anzubaggern oder sie in irgendeiner Weise zu begrapschen. Haben Sie das verstanden?«

Seine Freunde blieben wie festgenagelt im Raum stehen und verfolgten den Fortgang der Ereignisse.

»Lassen Sie mich los«, lautete die einzige Antwort des Mannes.

Mr Grayson machte eine Armbewegung und fasste noch fester zu, und der Widerling zuckte vor Schmerz zusammen. »Ich habe gefragt, ob Sie das verstanden haben?«

»Ja … j-ja!«

Mr Grayson ließ seine Hand los und stieß ihn in das Zimmer zurück. Die Männer schlossen die Tür, und die Musik verstummte sofort. Er trat auf mich zu und blieb vor mir stehen.

»Alles in Ordnung mit Ihnen?«, fragte er und musterte mich von Kopf bis Fuß, um mir dann unverwandt in die Augen zu sehen.

Es war das erste Mal, dass ich ihm so nahe war, dass mir seine Augen auffielen. Während aus der Entfernung von einigen Metern da nicht viel zu erkennen war, war jetzt, wo uns kaum ein Schritt voneinander trennte, der Farbunterschied zwischen seinen Augen offensichtlich. Er hatte eine sogenannte Heterochromie – sein rechtes Auge war von einem kristallklaren Meeresblau, während sein linkes Auge grün war.

»Was ist?«, fragte er, weil er bemerkte, dass ich ihn anstarrte.

»Ihre Augen …« Mein Blick huschte zwischen den beiden Augen hin und her, um sie zu vergleichen. »Ihre Augen sind wunderschön. Das ist mir bisher noch nicht aufgefallen.«

Die Anspannung in seinen Zügen ließ ein wenig nach. Doch es war nur ein flüchtiger Moment, dann verhärteten sie sich wieder, und er trat einen Schritt zurück. »Ja, dem gesamten Hotelpersonal scheint eine ganze Menge Dinge nicht aufzufallen.« Mit diesen Worten ging er auf seine Zimmertür zu.

»Vielen Dank für Ihre Hilfe, aber ich hätte das auch allein geschafft«, sagte ich an seinen Rücken gewandt.

Er warf einen Blick über die Schulter zu mir zurück. »Vielleicht, aber manchmal bedarf es einer starken Hand, um mit Leuten fertigzuwerden, die außer Kontrolle geraten sind.«

»Machen Sie oft von Gewalt Gebrauch?«

Das ließ ihn stutzen, und er drehte sich wieder zu mir um. »Von körperlicher Gewalt? Nein. Es gibt andere Methoden, um Menschen dazu zu bringen, das zu tun, was ich will.«

»Wie sie anzubrüllen.«

Er reagierte nicht und trat wieder in sein Zimmer zurück. »Gute Nacht, Emma.« Dann knallte die Tür ins Schloss.

»Gute Nacht, Mr Miesepeter«,

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