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For that Moment

Für Mama Petra und Christoph,

die mir selbst im freien Fall noch das Gefühl geben, dass ich fliegen kann.

Playlist

Joseph Arthur – Honey and the moon

Billie Eilish – Listen before I go

Lewis Capaldi – Someone you loved

Alec Benjamin – Let me down slowly

Ross Copperman – Hunger

Florence and the machine – Shake it out

Ingrid Michaelson – Light me up

Laure – Fire Breather

Billie Eilish – lovely

Sara Bareilles – Breath again

Mr. Probz – Nothing really matters

Ed Sheeran – Photograph

Lou Barlow – Legendary

Grace feat G-Eazy – You don’t own me

Calvin Harris – Close to you

Sia – Helium

Billie Eilish – everything I wanted

Kapitel 1

Es ist 5: 10 Uhr. Gleich müsste der Wecker von Daniel klingeln.

Ich liege schon die halbe Nacht wach und zähle die Minuten, die in einer quälend langsamen Geschwindigkeit vergehen.

Der Wecker, der die Uhrzeit an die Zimmerdecke projiziert, bestätigt die Tatsache, dass die Zeit mich verhöhnt.

Ich kann mich nicht erinnern, wann ich die letzte Nacht durchgeschlafen habe. In dem vergangenen Jahr sicher nicht einmal.

Meine Gedanken haben sich zu einem undurchdringlichen Dschungel aus ›Was wäre wenn‹ und ›Wieso ich‹ entwickelt.

Sie haben schon immer Überstunden gemacht, aber nun werden sie von Angst und Kummer beherrscht.

Laut den rot leuchtenden Zahlen an der Wand ist es 5: 19 Uhr.

In einer Minute ertönt das grauenvolle Geräusch des Weckers nebenan. Und obwohl ich es weiß, nervt es mich unsäglich, als er beginnt zu klingeln.

Kurze Zeit später höre ich, wie Daniel im Bad fröhlich zu einem dieser immer gleich klingenden Popsongs aus dem Radio mitsummt, während ich die irisierenden Zahlen an der Decke anstarre.

Wie kann man, nachdem man um so eine Uhrzeit geweckt wurde, so gut gelaunt sein?

Das werde ich nie verstehen! Auch vor alledem war ich, nachdem mich das entsetzliche Geräusch des Weckers aus dem Schlaf zerrte, eher der Typ, der auf der Bettkante noch stundenlang ins Leere starrte.

Nachdem ich höre, wie die Haustür hinter ihm ins Schloss fällt, werfe ich noch einen letzten Blick zur Uhr, bevor ich mich im Zeitlupentempo aus dem Bett rolle.

Es ist 5: 50 Uhr, als ich mich ins Badezimmer schleppe und in Gedanken meine Liste mit den Dingen, die ich für heute geplant habe, durchgehe.

Die Sonne strahlt schon jetzt unerträglich hell, es scheint ein wunderschöner Sommertag zu werden.

Ich drehe die Dusche auf und lasse das warme Wasser über meinen Kopf und meinen Rücken prasseln, während ich die Stirn an die kalten Kacheln lehne.

Nach der Dusche hülle ich mich und meine Haare in ein Handtuch ein und gehe zur Küche. Wir haben eine geräumige Dreizimmerwohnung. Die Küche und das Bad sind etwas kleiner als das Wohn-und die beiden Schlafzimmer.

Bevor Daniel zu mir gezogen und wir eine WG gegründet haben, habe ich mit meinem Freund hier gelebt und Daniels jetziges Schlafzimmer war immer als Kinderzimmer vorgesehen.

Bei dem Gedanken zieht sich mein Magen schmerzhaft zusammen.

Ich verteile halbherzig etwas Marmelade auf meinem Toast und gieße das kochende Wasser in meine Tasse, in der ein Früchteteebeutel hängt.

Nach dem trostlosen Frühstück föhne ich mir mein schon fast getrocknetes Haar.

Es ist von Natur aus brünett, hat eine leichte Welle und geht mir bis zur Brust. Ich drehe es mir unachtsam zu einem lockeren Knoten, bevor ich mir halbherzig das Gesicht eincreme.

Danach greife ich zu meinem übergroßen Sweatshirt und ziehe es mir über den Kopf, was meine ohnehin schludrige Frisur noch mehr zerstört.

Aber das ist mir egal! Dazu ein paar Leggins und fertig.

Bevor ich zur Tür hinausgehe, fällt ein letzter Blick, wie von selbst, auf die Frau im Spiegel.

Eine Angewohnheit, die man nur schwer ablegen kann.

Leider erkenne ich die Frau, die mich dort anblickt, nicht.

Sie sieht mir schon lang nicht mehr ähnlich.

Sie hat aschfahle Haut und dunkle Ringe unter ihren Augen.

Ihre Augenbrauen und Haare wachsen unkontrolliert, während sie in dem überdimensionalen Pullover beinahe verschwindet.

Aber genau das ist meine Absicht.

Ich greife nach meiner Tasche und zusammen mit dem Autoschlüssel in der Hand schließe ich die Tür.

»Guten Morgen Emmi, wo willst du denn so früh hin?«, reißt mich eine Stimme aus meinen Gedanken. Es ist eine unserer Nachbarinnen, Mrs. Jones.

Sie ist eine wirklich nette Frau! Sie zeigt immer ein reges Interesse an den Menschen in ihrer Umgebung, obwohl man in ihrem Fall das Wort Interesse wohl mit dem Wort Neugier austauschen sollte.

»Ich muss ein paar Besorgungen machen.«, antworte ich knapp und der Blick von ihr ist mir sehr vertraut! Meist ist er der Vorläufer der Frage:

»Und wie geht es dir?«

Es ist eine Frage, die ich in den vergangenen Monaten so oft gehört habe, dass sie keinerlei Bedeutung mehr für mich hat. Also quittiere ich sie mit derselben bedeutungslosen Antwort.

»Mir geht es gut. Danke.«

Wenn die meisten Leute dich danach fragen, wie es dir geht, wollen sie die ehrliche Antwort gar nicht hören.

Sie lächelt selbstzufrieden.

»Das ist schön. Dann will ich dich nicht länger aufhalten. Bestell liebe Grüße.«

Den letzten Satz ruft sie schon halb im Gehen über ihre Schulter.

»Mach ich.«, antworte ich und bin mir sicher, dass sie es nicht mal mehr gehört hat.

Ich sehe ihr nach und frage mich, wie so oft, ob ich wirklich noch hierher gehöre?!

Dann atme ich tief durch und steige in mein Auto.

Als ich den Motor starte, dröhnt die Musik aus den Lautsprechern und ich fange an mich zu entspannen. Ich drehe sie noch etwas lauter, denn an manchen Tagen wird es in meinem Kopf erst still, wenn die Musik laut ist. Es ist der einzige Weg, meine nicht enden wollenden Gedanken auf stumm zu schalten.

Als ich in Bridgeport, einer Stadt nahe Providence, angekommen bin, fahre ich in das Parkhaus eines Einkaufscenters. Es ist ziemlich groß und auch sehr überlaufen. Genau diese Tatsache macht mich nervös.

Früher gab es für mich nichts Besseres als shoppen. Ich weiß nicht genau warum, aber mir gefiel es hier einfach, es fühlte sich an, als wären alle Probleme lösbar, durch das richtige Kleid oder die dazu passenden Schuhe.

Wahrscheinlich ist es auch so, wenn man keine wirklichen Probleme hat. Im Moment bin ich einfach nur überfordert. Die Leute rauschen an mir vorbei. Alle sind im Stress und in ihrer ganz eigenen Welt.

Sie versuchen, tagtäglich ihre selbstauferlegten Aufgaben abzuarbeiten, nur um am nächsten Tag wieder von vorn anzufangen und noch mehr zu schaffen als am Tag zuvor.

Sie vergessen dabei das Wichtigste! Sie vergessen zu leben! Sie schieben es auf, immer und immer wieder:

›Ich mach mein Studium noch fertig und dann …‹,

›Wir warten, bis die Kinder aus dem Haus sind und dann …‹,

›Wenn ich richtig hart arbeite und befördert werde, dann…‹.

Das Problem ist, sie denken, sie hätten Zeit! Sie denken immer, dass sie doch noch ihr ganzes Leben vor sich haben.

Aber man hat kein ganzes Leben. Das hat man nie.

Am liebsten würde ich jeden von ihnen wachrütteln, doch es würde nichts bringen, also gehe ich an den bereits herbstlich geschmückten Schaufenstern vorbei und bewundere die Schaufensterpuppen.

Es ist Ende August und sie tragen bereits dicke Übergangsjacken, Stiefeletten und Mützen. Die ganze Passage ist mit Herbstblättern und Holzelementen dekoriert und ich bin auf der Suche nach einem passenden Outfit.

Einem Outfit, das wieder mehr nach der früheren Emmi aussieht und nicht nach dem Mauerblümchen, das sich in zu großen Klamotten versteckt.

Obwohl ich mit großer Gewissheit sagen kann, dass ich nie wieder der Mensch sein möchte, der ich war.

Doch, ich treffe mich heute Abend mit Hailee. Sie ist eine Freundin aus meiner Ausbildungszeit zur Erzieherin und wenn sie mich so sehen würde, würde sie mich nicht erkennen.

Sie ist vor kurzem hergezogen, um an der Uni BWL zu studieren.

Ich freue mich sehr darüber. Sie ist eindeutig eine von den Frauen, die man nicht übersieht, ganz im Gegensatz zu mir. Aber genau das versuche ich heute zu ändern.

In diesem Moment lenkt mich ein Top an einer der Schaufensterpuppen ab, das ich im Vorbeigehen nur noch in meinem peripheren Blickwinkel wahrnehme.

Ich bleibe sofort stehen und drehe mich rum, während ich Klatsch gegen eine Wand renne. Ganz toll, gar nicht peinlich!

Nein, wirklich peinlich wird es, als mir auffällt, dass es keine Wand war, sondern die Brust einer Person. Eines Mannes, um genau zu sein.

Eines Mannes, dessen Präsenz so intensiv ist, dass ich mich augenblicklich noch viel kleiner fühle.

Er trägt Skinnyjeans und ein eng anliegendes Shirt, hat breite Schultern und wirkt ungemein sportlich. Aus der leicht geöffneten Knopfleiste seines Shirts scheint ein Teil seines Tattoos heraus, das er auf der Brust trägt.

Nachdem ich eine gefühlte Stunde genau auf diesen Teil seines Körpers gestarrt habe, weil er sich genau auf meiner Augenhöhe befindet, riskiere ich einen Blick in sein Gesicht. Er ist jünger, ich würde ihn auf Anfang zwanzig schätzen.

Er sieht mich mit ausdrucksloser Miene an, seine Augen sind hellbraun, beinahe gelblich und werden zum äußeren Rand hin mintfarben!

Solche Augen habe ich noch nie gesehen. Sie sehen aus wie die Augen einer Raubkatze! Gefährlich, taxierend und so durchdringend, dass ich wegsehen muss.

»Entschuldige, ich hab dich nicht gesehen.«

Meine Stimme ist nicht mehr als ein Flüstern. Er holt genervt sein Handy aus der Jeans und rollt mit den Augen, als er emotionslos an mir vorbeiläuft.

Okay?!

Was für ein arroganter Blödmann!

Ich sehe ihm wie vor den Kopf gestoßen hinterher.

Er starrt auf sein Handy und bemerkt gar nicht, wie verkrampft sämtliche Frauen um ihn herum versuchen seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Doch den Gefallen tut er ihnen nicht, er scheint es gewöhnt zu sein.

Er ist wirklich heiß und genau deswegen auch ein Arsch!

Kapitel 2

Der restliche Tag verläuft deutlich besser, als er angefangen hat.

Ich beschließe kurzerhand noch zum Friseur zu gehen, um mir die Haare etwas abstufen und nachschneiden zu lassen.

Was bestimmt nichts damit zutun hat, dass der Typ vorhin praktisch durch mich durchgesehen hat.

Als ich die Tür zu unserer Wohnung öffne, wartet Daniel bereits auf der Couch. Sein aschblondes Haar fällt ihm in seine glasklaren blauen Augen und er schwenkt es mit einer Kopfbewegung zur Seite.

»Ich habe uns was vom Chinesen mitgebracht.«

Ich deute auf die Tüte in meiner Hand und er lächelt mir dankbar zu, während er auf mich zukommt.

Ich weiß, dass er chinesisches Essen mag, und er weiß, dass meine Kochkünste eher begrenzt sind.

Wir unterhalten uns noch eine Weile über ganz alltägliche Dinge und seine Arbeit. Er ist Bürokaufmann, was für ihn aber nur ein Job ist.

In der Freizeit ist er ein engagierter Sportler und am Wochenende die meiste Zeit auf irgendwelchen Partys unterwegs.

Ich persönlich habe, abgesehen von der Tatsache, dass ich gegen einen arroganten Typen gerannt bin, nicht viel zu erzählen.

Was wirklich ziemlich traurig ist, aber sich nach dem heutigen Abend vielleicht ändert.

Es ist 17: 00 Uhr, als er sich verabschiedet, um zum Fußballtraining zu fahren, und ich das Top, das ich mir heute gekauft habe, auf das Bett lege und begutachte. Es hat einen ziemlich großen Ausschnitt, aber ich werde sowieso eine Strickjacke drüberziehen.

Passend dazu suche ich mir eine Skinnyjeans und Ballerinas raus.

Die neue Frisur gefällt mir, aber ich finde, für heute ist es zu viel des Guten und so binde ich sie mir zu einem einfachen Zopf zusammen.

Ich verdecke meine Augenringe mit etwas Concealer und verpasse meinen Wimpern den letzten Schliff.

Der letzte Blick in den Spiegel fällt dennoch mager aus.

Das Ziel, wieder wie die Emmi von früher auszusehen, hab ich wirklich verfehlt. Die Strickjacke, die ich trage, ist nach der Zeit ziemlich ausgeleiert und hängt wie ein Sack an mir runter. Sie geht mir weit über den Po und von dem Oberteil sieht man überhaupt nichts mehr.

Meine Frisur wirkt, als müsste ich sie zusammenbinden, weil ich schwere Maschinen bediene, und auch der Abdeckstift erzielt nicht die gewünschte Wirkung. Alles in allem ist es ein kompletter Reinfall.

Wenn ich so irgendwo klingeln würde, würden sie mich wahrscheinlich für einen Zeugen Jehovas halten.

Aber was soll’s, es war der erste Versuch seit langem und es ist immerhin nur ein Treffen mit einer alten Freundin.

Ich zucke mit den Schultern und gehe zur Tür hinaus.

Als ich nach draußen komme, erfasst mich eine laue Sommerbrise.

Ich liebe diesen Sommerduft, es riecht nach frischen Blumen und die warme Luft weht durch die losen Haarsträhnen, die aus meinem Zopf fallen. Ich halte einen Moment inne und schließe die Augen, während ich versuche, mir diesen Duft und das damit verbundene Gefühl zu bewahren. Dann öffne ich die Augen und sehe die Sonne, die tief über dem reifen Feld hinter unserem Haus steht.

Am Rand des Felds stehen ein paar vereinzelte Mohnblumen und darüber tummelt sich eine ganze Schar Schmetterlinge.

Es sind diese winzigen Momente. Einer dieser einzigartigen und vollkommenen Augenblicke, einmal blinzeln und man hat ihn verpasst.

Ich steige in mein Auto, starte den Motor und fahre in den wunderschönen Spätsommerabend.

Doch je näher ich der Stadt komme, desto fester zieht sich der Knoten in meinem Magen zusammen.

Wieso bin ich so nervös?

Ich treffe mich schließlich nur mit Hailee, die ich zugegebenermaßen schon seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen habe.

Sie hat keine Ahnung von den jüngsten Ereignissen, weshalb sie mit mir ganz genauso umgehen wird wie früher, und genau darauf freue ich mich! Ich brauche einfach ein kleines Stück Normalität.

Einen Ort abseits von alldem, was mich verändert hat und weit weg von den Menschen, die mich seitdem nie wieder so angesehen haben wie früher. Deswegen habe ich auch nicht vor, es Hailee zu sagen.

Genau genommen ist es auch gar keine Lüge, ich erzähle ihr nur nicht ALLES!

The Avery prangt in großen, gebogenen, orangefarbenen Neonbuchstaben über der Bar, in die Hailee mich bestellt hat.

Es ist schon verrückt, dass sie mehr über die Bars und Clubs hier weiß als ich, obwohl sie erst seit kurzem hier wohnt.

Die Straße, in der sich die Bar befindet, ist schmal, obwohl das Wort Partymeile es vermutlich besser trifft. Sie ist von großen, fast identisch aussehenden Häusern umsäumt und jedes von ihnen ziert ein größeres und noch schrilleres Neonschild.

Die Suche nach einem Parkplatz ist ein Albtraum und ein gemütlicher Abend, allein mit einem Buch, kommt mir immer verlockender vor.

Als ich aussteige und auf die Bar zugehe, laufe ich an jeder Menge Typen vorbei, von denen die meisten bereits ange-, wenn nicht sogar betrunken sind.

Eine Gruppe von aufgedonnerten Weibern geht an mir vorbei, während die eine der anderen etwas ins Ohr flüstert und dann alle anfangen zu kichern.

Okay das hier ist eindeutig noch eine Nummer zu groß für mich.

»Da bist du ja.«

Eine schrille, aufgekratzte Stimme schallt aus der Menschenmenge und nach einem kurzen Augenblick entdecke ich Hailee.

»Hey.«

Ich laufe auf sie zu und nehme sie in den Arm.

»Ich freu mich so, dich zu sehen.«

Und das meine ich vollkommen ernst.

Als ich mich wieder von ihr löse und sie ansehe, fällt mir auf, dass sie sich kaum verändert hat. Sie ist groß, schlank und ihren roten Haaren hat sie mittlerweile einen Kurzhaarschnitt verpasst.

Gott, in ihrer Gegenwart fühlt man sich automatisch unsicher, weil sie ein Selbstbewusstsein besitzt, das für zehn Frauen reichen würde.

Nicht zu fassen, dass ich ihr mal so ähnlich war.

»Du siehst toll aus.«, gebe ich zu.

»Und du siehst …«, sie stockt und beäugt mich skeptisch.

»Anders aus! Aber gut.«

Dann lacht sie, vermutlich um ihren ungläubigen Blick und die offensichtliche Lüge zu kaschieren.

»Komm.« Sie nickt in Richtung Bar. »Die anderen sind drin.«

Die anderen? Oh Gott!

Ich bleibe wie angewurzelt stehen und sehe sie unsicher an, als sie sich umdreht, sagt sie verwirrt:

»Ich hab ein paar Leute von der Uni getroffen.«

Sie schultert sich, neigt dann aber den Kopf nach links und rechts.

»Obwohl getroffen wahrscheinlich gelogen wäre, denn wir sind fast jedes Wochenende hier.«

Sie grinst verlegen und ich würde am liebsten schreiend aus dieser Bar rausrennen.

Doch der Blick, den sie mir jetzt zuwirft, versetzt mir einen Stich.

Er ähnelt einfach dem Blick, den mir die Leute seit einiger Zeit zuwerfen, zu sehr. Also zupfe ich meine Strickjacke zurecht, nicke wahrscheinlich viel mehr zu mir selbst und folge ihr.

Sie zerrt mich durch die Bar, bis wir bei einem großen, runden Tisch in der Ecke angekommen sind.

Okay, das sind definitiv nicht nur ein paar Freunde, genauer gesagt zähle ich sechs. Vier Typen und zwei aufgetakelte Tussen.

»Hey«, brüllt Hailee und alle blicken zu uns. Ganz toll!

Ich spüre förmlich, wie die Hitze in meinen Wangen aufsteigt.

»Das ist Emmi. Sie war… Quatsch ist … eine sehr gute Freundin von mir.«

Ich winke unbeholfen in die Runde und einer nach dem anderen nickt und lächelt mir zu. Sie scheinen alle wirklich sehr freundlich zu sein und die Anspannung fällt von mir ab.

Zumindest alle bis auf einen. Der hält es nicht mal für nötig, den Blick von seinem Handy …ach du Scheiße!

Das ist der heiße Typ von heute Morgen. Der unfreundliche Typ.

Na ja, wenigstens bleibt er sich treu.

»Setz dich doch.«, weist ein Typ mich an, während er ein Stück nach rechts rutscht, um mir Platz zu machen. Ich folge seiner Anweisung und Hailee setzt sich neben mich.

»Was möchtest du denn trinken?«, fragt er, als die Bedienung auf uns zukommt.

»Ich nehme ein Wasser.«

Ich habe es noch nicht einmal ausgesprochen, als Hailee den Longdrink, von dem sie gerade genippt hat, quer über den Tisch spuckt.

Was den selbstverliebten Typen zum ersten Mal aufblicken lässt.

Aber seine Miene ist ausdruckslos, als würde ihn das alles hier furchtbar langweilen!

»Ich muss fahren.«, verteidige ich mich schulterzuckend.

Es ist nicht ganz die Wahrheit, aber auch nicht gelogen.

»Scheiße. Stimmt! Okay… Du schläfst bei mir! Problem gelöst. Tadaaa.« Das kann sie wirklich gut.

»Nichts davon war eine Frage.«, necke ich sie.

»Du weißt, dass ich sowieso kein nein akzeptiere, also bitte, mach es nicht schwieriger, als es sein muss.«

Sie wirft mir einen Blick zu, der keine Widerrede zulassen würde, als die Bedienung sich genervt räuspert.

»Sie nimmt einen Wodka-Red Bull.«, sagt Hailee siegessicher, während die Bedienung die Bestellung notiert und sich, ohne uns eines weiteren Blicks zu würdigen, abwendet.

»Ich bin übrigens Alex.«, der Mann, der rechts von mir sitzt, streckt mir die Hand entgegen. »Ich hätte ja gewartet, bis Hailee uns vorstellt, aber dazu wird es wohl nicht kommen.«

Er zieht eine Grimasse in ihre Richtung, die sie angemessen quittiert.

»Hi«, ich schüttle geistesabwesend seine Hand, als ich mich nach der Bedienung umsehe, denn ich habe wirklich nicht vor, etwas zu trinken.

»Ich muss nur mal kurz telefonieren.«, flüstere ich Hailee zu, bevor sie nickt und aufsteht, um mich rauszulassen.

Die Bar hat mehr Klasse, als ich dachte. Bar und Pfosten sind aus massivem Holz, was zusammen mit den modernen Stühlen und Lampen eine wirklich gute Kombination abgibt. Die indirekte Beleuchtung ist warm und sorgt für eine schöne Atmosphäre.

Nach ein paar Sekunden entdecke ich die Bedienung an der Bar.

»Entschuldigung.«

Anscheinend ist meine Stimme zu leise oder aber sie ignoriert mich.

Also tippe ich ihr auf die Schulter.

Als sie sich rumdreht, rollt sie genervt mit den Augen.

»Kann ich dir helfen?« Geht’s noch unhöflicher?

»Ich möchte meine Bestellung ändern.«

Sie schnaubt abschätzig.

»Was du nicht sagst.«

Okay, für jemanden, der auf sein Trinkgeld angewiesen ist, ist sie nicht besonders freundlich.

»Ja, könnten Sie den Wodka weglassen?!«

Mein Tonfall klingt nun auch schärfer und ihre Miene strotzt vor Verachtung, als sie sich nickend wieder wegdreht. Was ist ihr Problem?!

Genervt drehe ich mich um und renne Bäm schon wieder irgendwo davor. Was ist nur los mit mir?

»Diese Art der Begegnung sollte aufhören.«

Seine tiefe, raue Stimme läuft mir eiskalt den Rücken runter.

Das darf nicht wahr sein!

Ich schaue nach oben und unter langen, dichten, schwarzen Wimpern fixieren mich diese seltenen, geheimnisvollen Augen.

Er ist ein Arsch, ruft mir meine innere Stimme ins Gedächtnis und ich sammle mich.

»Wenn du ständig mitten im Weg stehst, wie ne Salzsäule! Gib doch nen Ton von dir.«, fauche ich ihn an und kurzzeitig huscht Überraschung über sein Gesicht, doch er fängt sich schnell wieder und schnaubt verächtlich.

»Bild dir bloß nicht ein, ich würde es drauf anlegen.«

Gott ist der selbstgefällig!

Ich schüttle nur den Kopf, als ich an ihm vorbeigehe. Das brauche ich nun wirklich nicht, doch er hält mich fest.

Echt jetzt?

Sein Blick wandert einmal an mir runter und wieder rauf, während er abfällig die Augenbrauen zusammenzieht.

»Sieht aus, als hättest du das übergroße Zirkuszelt von heute Morgen gegen eine geschmacklose Nonnenkutte getauscht.«

Er lacht bissig.

»Wirklich gewagt, Maria.«

Jedes seiner Worte trieft vor Sarkasmus und sein Gesichtsausdruck, als er Maria sagt, ist grausam.

»Ich heiße Emmi.«, sage ich leider etwas zu eingeschüchtert und verwirrt. Warum nennt er mich Maria?

Doch er lacht nur herablassend, als er sich abwendet und geht.

Was für ein Vollidiot!!

Ich schicke Daniel eine Nachricht, dass ich bei Hailee übernachte und überlege kurzzeitig, ob es nicht vielleicht besser wäre, einfach aus dem Badezimmerfenster zu klettern, gehe dann aber doch zurück.

Als die Bedienung mit unseren Getränken an den Tisch kommt und mir mein Glas vor die Nase stellt, trifft mich über den Rand hinweg sein Blick. Er sieht erst zu mir und dann auf mein Glas.

Oh Gott, hat er es gehört?

Nervös fange ich an, auf meinem Platz hin- und herzurutschen, was ihn zu amüsieren scheint, denn ein herausforderndes Lächeln umspielt seine perfekten Lippen.

Perfekt? Wirklich?

»Also«, die Stimme von Alex reißt mich aus meiner Schockstarre.

»Was machen wir heute noch?«

Was?

»Ich dachte, wir bleiben hier?«, frage ich, bevor ich es verhindern kann.

»Was denn? Dachtest du, wir gründen hier einen Bibelkreis?«, höhnt der selbstgefällige Typ, bevor er lacht.

»Halts Maul, Vince!«, raunzt Hailee ihn an.

Ich lächle ihr dankbar zu, während er mit einem gehässigen Lachen die Hände hebt.

Soso, das Böse hat einen Namen.

Kapitel 3

»Komm doch mit?!«, quengelt Hailee, während sie mit mir die Bar verlässt.

»Nein! Tut mir leid, aber mir ist nicht nach tanzen und dieser Vince«, ich deute auf die Bar, von der die anderen mittlerweile weitergezogen sind, »ist eine Ausgeburt der Hölle, wenn du mich fragst.«

Mein Tonfall ist spöttisch, aber eigentlich meine ich es vollkommen ernst.

»Na und?«

Sie schaut mich völlig entgeistert an.

»Da stehst du doch drüber oder nicht?«

Ich atme hörbar aus.

»Er nennt mich Maria?!«

Sie prustet los, hält sich dann aber solidarisch die Hand vor den Mund. Unfähig mir selbst das Lachen zu verkneifen, frage ich:

»Was soll das überhaupt bedeuten?«

»Na ja.« Sie deutet auf mich. »Ich schätze, er will damit sagen, dass du aussiehst wie die Jungfrau Maria.«

Ihre Mundwinkel zucken.

»Was?«

Ich starre sie mit aufgerissenen Augen an, während sie wieder anfängt zu lachen.

»Tjaa. Vielleicht solltest du mitkommen und ihm beweisen, dass er sich irrt.«

»Mir doch egal, was dieser Vollidiot über mich denkt.«

Ich versuche, gleichgültig zu klingen.

»Sehr gut.«, strahlt sie. »Dann gibt es ja auch keinen Grund, warum du nicht mitkommen solltest.« Sie ist wirklich gut!

»Ich weiß nicht.«, sage ich erschöpft.

»Bitte zwing mich nicht, zu betteln! Der Boden ist dreckig und mein Kleid ist kurz.«

Ihr Blick ist flehend.

»Was soll’s.«, ergebe ich mich genervt, während sie anfängt, freudig auf- und abzuspringen, bevor sie mir ihren Arm anbietet und ich mich bei ihr unterhake.

Am Eingang des Clubs, der den schönen Namen Dusk trägt, bezahlen wir acht Dollar Eintritt und bekommen dafür einen hässlichen Stempel auf die Hand gedrückt.

Ich bin gerade auf dem Weg zur Garderobe, als Hailee mich an meinem Arm in die andere Richtung zieht.

»Was soll denn das?!«, fauche ich sie an.

»Ich komme auch freiwillig mit, weißt du.«

Sie streckt mir die Zunge raus. »Aber so geht es schneller.«

Sie zieht mich durch die Tür zur Toilette, bevor sie vor dem Spiegel tief durchatmet und mich prüfend ansieht.

»Runter damit.«

Sie deutet auf meine Strickjacke.

Ich wäge eine Minute die Vor- und Nachteile ab, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich diesen Kampf sowieso nicht gewinnen würde.

Außerdem ist es heiß hier drin, also ziehe ich sie widerstandslos aus.

Als sie mein Top sieht, leuchten ihre Augen auf.

»Na wer sagt’s denn? Wieso zum Teufel versteckst du so ein geiles Teil unter so nem Rattenfell?« Autsch!

»Ganz zu schweigen vom Inhalt.«

Ohne zu zögern grapscht sie mir an die Möpse, bevor sie mich einmal im Kreis dreht und auf den Hintern haut.

»Und der kommt in dieser Jeans auch sehr gut.«, zwinkert sie mir zu, bevor sie mir den Haargummi aus den Haaren zieht und sie durchschüttelt.

Ich habe aufgehört, mich zu wehren, als sie mir innerhalb von Sekunden einen perfekten Lidstrich, etwas Rouge und einen wirklich schönen Lippenstift verpasst.

Nachdem sie fertig ist, wende ich mich dem Spiegel zu und mich durchfährt ein warmes Gefühl.

Ich begrüße stumm die Frau im Spiegel, denn wir haben uns lange nicht mehr gesehen.

Unsere Sachen geben wir an der Garderobe ab, folgen der Musik und betreten den Tanzbereich. Es fühlt sich gut an, als wir in die Dunkelheit treten und alles auf eine seltsame Art und Weise vertraut wirkt.

Es ist ein schönes Gefühl, Teil von etwas so Sorglosem und Unbekümmertem zu sein.

Ich lasse meinen Blick schweifen, die Musik ist laut und die meisten Menschen tanzen zu irgendwelchen Sets von angesagten DJs, die ich nicht mehr kenne.

Aus den Ecken leuchten jede Menge Strahler die unterschiedlichsten Farben auf die Tanzfläche und ab und zu flackern ein paar Lasereffekte durch den Raum.

In regelmäßigen Abständen taucht ein Neonschriftzug auf, der auf die verschiedenen Bildschirme an den Wänden projiziert wird.

Links von uns befindet sich eine meterlange Bar, die hinter den Menschen, die den Bedienungen ihre Bestellung ins Gesicht schreien, verschwindet. Zwischen all diesen Menschen treffen meine Augen ausgerechnet seine.

Ich halte seinem Blick stand, bevor ihn einer seiner Freunde, ich glaube er hieß Elias, an der Schulter zu sich herumzieht.

Sie stehen zusammen mit Alex und der andere Freund heißt, denke ich, Rob. Sie halten es nicht für zwingend notwendig, sich mir vorzustellen, deshalb schnappe ich ihre Namen nur aus den Gesprächen auf.

Die zwei Mädels stehen auch bei ihnen, eine davon hängt an den Lippen von Vince und berührt ihn unaufhörlich.

Sie hat blondes, kurzes Haar, ist extrem stark geschminkt und wenn man mich fragt, trägt sie ein viel zu kurzes Kleid.

Ich versuche, das Gefühl abzuschütteln, was sich, wenn ich es nicht besser wüsste, anfühlt wie Eifersucht und das ist verrückt.

Ich kenne ihn überhaupt nicht und ausstehen kann ich ihn schon gar nicht – auch wenn ich nicht abstreiten kann, dass er wirklich gut aussieht. Er trägt wieder eines von diesen körperbetonten Shirts und dazu eine Röhrenjeans. Sein Haar hat er vorn gescheitelt, es ist mittellang und schwarz und an der Vorderseite etwas länger, weswegen sie ihm ein wenig in die Stirn fallen.

Plötzlich gibt mir Hailee einen Stoß in die Rippen und sieht mich mit einem wissenden Lächeln an.

»Es wäre einfacher, ihn zu hassen, wenn er nicht so heiß wäre, stimmt’s?«

»So heiß ist er auch wieder nicht.«, lüge ich, als ich mich nach einem geeigneten Platz für uns umsehe. An den Seitenbereichen des Clubs stehen vereinzelte Tische, doch die sind alle belegt.

»Natürlich nicht.«, spottet sie.

»Dann hat dich das viel zu kurze Kleid von Marlen so fasziniert?«

Sie sieht mich herausfordernd an.

Die Tussi heißt also Marlen.

»Vielleicht.«, sage ich witzelnd und sie lacht.

»Woher kennst du ihn eigentlich?«, frage ich, obwohl ich weiß, dass es mich nicht interessieren sollte.

»Von der Uni.«

Sie zuckt mit den Schultern.

»Sehr gut, geht’s noch ein bisschen ungenauer?«, ziehe ich sie auf, denn ich weiß, dass sie mich nur reizen will.

»Er studiert BWL, genau wie Alex, Rob und ich.«

»Und ihr versteht euch?«, frage ich ungläubig und sie atmet tief ein.

»Ja. Na ja. Es geht. Am Anfang hat er mich auch fasziniert, ich meine …«, sie winkt mit großen Augen in seine Richtung, »klar hat er das! Aber er ist. Na ja. Er ist Vincent King! Er sieht gut aus und das weiß er auch.« Sie verdreht die Augen und zieht eine Grimasse.

»Sieh dir zum Beispiel Marlen an.« Sie nickt zu ihr. »Sie ist eine von seinen Groupies und davon gibt es wirklich mehr als genug. Sie sind immer in seiner Nähe und er nimmt sie abwechselnd mit nach Haus. Als ich mitbekommen hab, wie das läuft, war ich raus.«

Sie zieht die Augenbrauen zusammen.

»Ich wollte nicht, dass sich das reimt.«, prustet sie los und ich falle mit ein.

»Was ist mit Alex?«

Mein Tonfall ist provokant, denn ich habe die Blicke durchaus bemerkt. Sie greift sich verlegen in den Nacken und versucht abzulenken. »Ist dir klar, dass wir immer noch im Eingang stehen?«

Oh nein, dieses Thema ist noch nicht beendet!

Sie zieht mich wieder an meinem Arm und ich lasse es einfach geschehen, als ich jedoch bemerke, in welche Richtung sie geht, überlege ich kurz, sie zurückzuhalten. Aber dann wird mir bewusst, dass ich mich unfair verhalte, es sind ihre Freunde und warum hab ich mich überhaupt so?!

Während wir an der Bar ankommen, wenden sie sich gerade zum Gehen. Er hat den Arm um die Taille dieser Marlen geschlungen und als er sich umdreht, trifft mich sein Blick wie ein Blitz, doch ich halte ihm stand. Auch wenn ich das Gefühl habe, dass er sich direkt durch mich hindurchbohrt.

Ich bin mir sicher, dass er es gewohnt ist, dass die Leute seinem stechenden Blick ausweichen und er somit von Anfang an die Oberhand gewinnt. Die Sekunden, in denen er mit diesem frechen Grinsen im Gesicht an uns vorbeigeht, vergehen wie in Slow Motion. Auf jeden Fall empfinde ich es so. Warum zur Hölle finde ich ihn nur so faszinierend?

»Zwei Tequila!«, höre ich die Stimme von Hailee rufen. Auch das noch.

Wie komme ich da jetzt wieder raus? Ich möchte es ihr nicht sagen.

Zum ersten Mal seit so langer Zeit fühle ich mich richtig wohl.

Trotz dieses Vince! Dann heißt der auch noch King. Ironie des Schicksals!

Ich wäge die Pros und Kontras ab und komme letztlich zu einem Schluss – scheiß drauf!

Ich weiß, dass es unvernünftig ist, aber ich habe es so satt, in einem Glashaus zu sitzen und nichts anderes zu tun, als darauf zu warten, dass es einstürzt. Denn das wird es! So oder so.

Ich nehme die Zitrone, die auf dem Tequilaglas liegt, streiche sie mir über die Hand und vervollständige das Ritual, das so ein Tequila mit sich bringt. Es brennt und ich kann spüren, wie er die Speiseröhre entlang bis in meinen Magen läuft.

»Der erste tut immer weh!«, ruft Hailee und bestellt gleich noch zwei.

»Auf uns.«

Sie prostet mir zu und auch der zweite fühlt sich an wie Säure, aber das unbeschwerte Gefühl, das er nach einer Weile auslöst, ist wunderbar. Wir sitzen an der Theke und sie erzählt mir von ihrem Studium und dass der Stoff sehr trocken ist, aber man nach einem BWL-Studium so viele Möglichkeiten hat. Auch Alex kommt zur Sprache, als ihre Zunge lockerer wird. Sie steht auf ihn. Ich wusste es!

Sie bestellt noch zwei Wodka-Red Bull und ich weiß, dass ich das morgen definitiv bereuen werde. Aber morgen ist morgen und heute genieße ich einfach diese fabelhafte, kleine Rückblende in mein früheres Leben. Je mehr Zeit vergeht, desto lockerer werde ich, auch das ist ein Gefühl, was ich nur zu gut kenne und wahrscheinlich der Grund, warum die Leute überhaupt Alkohol trinken.

Die Sorgen scheinen von einem abzufallen und alles wirkt nur noch halb so schlimm. Ich bin so in dieses Gefühl und die Musik versunken, dass ich gar nicht merke, wie sich jemand neben Hailee stellt.

»Was genau soll das eigentlich werden, wenn es fertig ist?«, fragt eine sehr unhöfliche und mir bereits bekannte Stimme.

Vincent!

Er starrt Hailee an und ignoriert mich völlig.

Hinter ihm tauchen Alex und der Rest der Möchtegern-Boyband auf und ich muss schmunzeln.

»Was ist so lustig?«

Als ich aufblicke, sehe ich, dass er sich nun mir zuwendet.

»Gar nichts.«, lüge ich.

Die Jungs hinter ihm fangen an zu flüstern, anscheinend haben sie jetzt erst bemerkt, dass ich mitgekommen bin. Dann höre ich Elias zu Rob sagen:

»Mann, sieh dir mal die Titten von der Nonne an.«

Wow, wirklich sehr geschmackvoll, doch ich tu so, als hätte ich es nicht gehört. Auch wenn das gehässige Lachen von ihnen und von Alex und Vince nicht zu übersehen ist.

»Wollt ihr was Bestimmtes?«, fragt Hailee genervt.

»Wir wollen nur wissen, warum du dich plötzlich für was Besseres hältst?«, knurrt Vince.

»Was?«

Hailee sieht ihn verwirrt an und er beißt die Zähne aufeinander.

»Warum zum Teufel kommst du nicht zu uns? Nur weil das kleine Zimperlieschen hier«, er nickt zu mir, »keinen Spaß versteht, oder was?« Jetzt reicht’s!

»Ich verstehe sehr viel Spaß, ich mag nur keine Proleten, die sich nur auf Kosten anderer amüsieren, um so ihre eigene Unsicherheit zu kaschieren.«

Das traf ihn ziemlich unvorbereitet, doch es hält nicht lange an.

Sein Blick fällt auf die leeren Tequilagläser und er tritt, mit einem Schritt, bis zu einen halben Meter an mich heran. Sein Gesicht ist so nah, dass ich die Wärme spüre, die von ihm ausgeht und mein ganzer Körper versteift sich.

Er greift um mich herum nach einem der Gläser und hält damit eine gefühlte Ewigkeit, kurz vor meinem Gesicht, inne.

»Sieh an, man hat sich das mit der Abstinenz wohl doch noch einmal durch den Kopf gehen lassen?!«

Ich sehe ihn herausfordernd an.

»Ja. Zweimal, um ehrlich zu sein.«

»Und schon wird unsere Maria temperamentvoll.«

Sein Tonfall ist spöttisch. Ich würde ihn so gern treten, dahin, wo es wehtut.

»Hör auf, mich so zu nennen.«, schäume ich.

»Wie denn?«

Er macht sich über mich lustig und ich könnte mir selbst eine klatschen, weil ich darauf anspringe.

»Das weißt du ganz genau.«, sage ich knirschend und er schaut provokant an mir herab.

»Du hast recht. So wie es jetzt aussieht, sollte ich wohl noch Magdalena dranhängen.«

Sein Lachen trifft mich bis ins Mark und seine Boyband fällt mit ein.

Mich würde interessieren, ob sie wirklich so fasziniert von ihm sind oder einfach nur Angst haben, eines seiner Opfer zu werden.

»Mann, das muss echt Scheiße sein.« Mein Tonfall ist mindestens so anmaßend wie seiner, als ich mich an ihm vorbeidränge.

Doch wie erwartet versperrt er mir den Weg. »Was denn, Maria?«

»Nicht einen Menschen zu haben, dem man genug bedeutet, dass er einem sagt, wenn man sich wie ein selbstsüchtiges, arrogantes Arschloch benimmt.«

Er prustet los und wirft den Kopf in den Nacken. »Ooooohhh.«

Dann schnippt er spielerisch mit den Fingern. »Jetzt bin ich aber eingeschnappt.«

Doch ich trete, ohne eine Miene zu verziehen, langsam und provokant an ihn heran, genau wie er gerade. Als mein Mund fast an seinem Ohr ist, durchfährt mich ein Schauer und ein aquatischer Geruch mit einer holzigen Note erfasst mich.

Er riecht wie ein Urlaubstag am Meer. Reiß dich zusammen!

Er weicht keinen Schritt zurück, als ich sage:

»Nicht traurig sein, denn ich bin ganz sicher, dass tun sie. Nur eben nicht in dein hübsches Gesicht.«

Bei dem Wort hübsch erreicht mein Tonfall so einen Grad an Gehässigkeit, dass ich wirklich stolz darauf bin.

»Deshalb kannst du mir nur leidtun.«

Ich lehne mich kurz zurück, bevor ich hinzufüge: »Ach und noch was, ich weiß, dass dein arrogantes Auftreten nur Fassade ist.«

Dann sehe ich ihn an, doch zu meiner großen Überraschung wirkt er nicht amüsiert oder hochmütig. Er wirkt getroffen?

Dieser Gesichtsausdruck hält aber nur eine Sekunde an, bevor er herablassend schnaubt. Mein Stichwort.

Ich dränge mich schnell an ihm vorbei, bevor er überhaupt die Chance bekommt zu kontern. Hailee greift nach unseren Gläsern und folgt mir. Wie dämlich von mir davon auszugehen, etwas könnte ihn treffen und selbst wenn, wäre es mir egal oder besser noch ein Triumph.

Ich hasse ihn und er hasst mich.

Warum auch immer?!

Kapitel 4

Als ich den benachbarten Raum betrete, laufe ich praktisch gegen eine Wand aus Qualm. Das ist eindeutig die Raucherlounge.

Schätzungsweise sitzen und stehen hier hundert Leute, die an ihren Zigaretten ziehen und Rauchschwaden in die Luft blasen, weswegen ich unwillkürlich anfange zu husten.

Die Musik ist leiser und die Beleuchtung indirekt und beruhigend, während die verschiedenen Sitzgelegenheiten in einer weinroten und lilafarbenen Samtoptik glänzen.

»Du darfst dich von ihm nicht so nerven lassen, ignorier es einfach, das ärgert ihn am meisten.«, versucht Hailee mich zu trösten und ich weiß, sie hat recht.

»Ich weiß, aber er macht mich einfach so …rasend.«

Sie lacht. »Ja, das ist sein Talent.«

Sie hebt die Hand und winkt den Barkeeper zu uns.

»Darauf einen Shot.«

»Nein, nein.« Ich schüttle wie wild den Kopf und deute auf meinen Wodka-Red Bull. »Ich hab noch, danke.«

»Wie du willst, bleibt mehr für mich.«

Sie zuckt amüsiert mit den Schultern und kippt den nächsten Tequila runter. Aus diesem einen werden natürlich zwei und langsam wird ihre Zunge schwer. Sie schnattert unaufhörlich und macht sich über die meisten Frauen in dieser Bar lustig. Leider ein bisschen zu laut, denn wir haben schon etliche böse Blicke geerntet, aber ihr macht das nichts aus.

»Hailee!«, ruft Alex, als er und der Rest der Gefolgschaft zu uns in die Smoghöhle kommen. Alle bis auf – »Wo ist Vince?«, fragt Marlen lallend, als sie sich Hailee um den Hals wirft.

Noch so ein Phänomen bei betrunkenen Frauen. Auch wenn sie sich auf den Tod nicht ausstehen können, mit ein bis zwei Cocktails intus schwören sie sich, dass sie sich lieben und alles nur ein Missverständnis war. Zumindest bis zum nächsten Morgen.

»Kein Plan.«, antwortet Hailee, mittlerweile genauso undeutlich.

Kurze Zeit später kommt Alex zu mir rüber und legt seinen Arm um mich. »Hey Kleines.«, sagt er grinsend und mit glasigen Augen.

Er ist total dicht!

»Dein Glas ist leer.«, bemerkt er und brüllt den Barkeeper an. »Einen Wodka-Red Bull und eine Rum-Cola!«

Bei der Menge an Red Bull werde ich wahrscheinlich die nächsten zehn Nächte nicht mehr schlafen.

»Der geht auf mich, aber nur, weil du heute besonders hübsch aussiehst.«

Gott, sein Atem würde einen Elefanten umhauen.

Am liebsten würde ich ihn fragen, wie er das beurteilen kann, wenn wir uns erst seit ein paar Stunden kennen, aber das würde sowieso nichts bringen. Zumal Hailee auch nicht sehr begeistert darüber zu sein scheint, dass er an mir hängt.

Der Barkeeper stellt die Getränke vor uns und mir fällt auf, dass es Becher aus Plastik sind, vermutlich, weil man von hieraus auch nach draußen gehen kann.

Marlen und, ich hab keine Ahnung, wie die andere heißt, haben sich jetzt Rob und Elias zugewendet. Sie scheinen echt nicht wählerisch zu sein, oder sonderlich interessiert daran, wo ihr heißgeliebter Vince ist.

Ist er gegangen?

Gut, wahrscheinlich hat er es ihnen gesagt, aber ich denke nicht im Traum daran, sie zu fragen.

Ich weiß nur, dass der Rauch, der Alkohol, der warme Atem von Alex und sein Gewicht, das auf mir lastet, mir mit einem Mal zu viel werden. Ganz zu schweigen von dem Gesichtsausdruck von Hailee.

Ich winde mich aus seiner Umarmung und sage Hailee, dass ich kurz frische Luft schnappe. Sie nickt emotionslos und macht keine Anstalten mitzukommen. Sie ist sauer! Na Klasse.

Ich laufe einmal quer durch den Raum, zur Terrasse. Es ist immer noch so warm, dass ich nicht friere. Aber die frische Luft tut auf jeden Fall gut. Ich laufe ein Stück weg von dem Lärm und den betrunkenen Leuten, die irgendwelche Parolen in die Sommernacht schreien.

Es führt eine kleine Steintreppe die Terrasse herunter, von der man zu einem Zaun kommt, der aus gedrechseltem Holz besteht.

In der Mitte hat er eine Eingangstür, die ich überraschenderweise öffnen kann. Hinter dem Club kommt ein großes Einkaufscenter, das um diese Zeit natürlich geschlossen ist. Der leere Parkplatz ist mit Schranken abgesperrt, umso mehr wundert es mich, dass mitten darauf ein Wagen steht.

Haben sie jemanden aus Versehen in der Mall eingesperrt?

Ich muss instinktiv lächeln, denn das war früher einer meiner ultimativen Wunschträume.

Als ich näherkomme, sehe ich, dass es ein schwarzer Audi ist, ein älteres Modell. Keine Ahnung, welches Baujahr oder welche Zahl nach dem A kommt. Ich verstehe nichts von Autos und ich hasse es, wenn Männer stundenlang darüber reden.

Auf jeden Fall ist es ein schönes Auto, eines, das auch noch aussieht wie ein Auto und nicht wie ein hypermodernes Raumschiff.

Ich sehe mich um, der ganze Parkplatz ist umzäunt und die Schranken sind unten, wie ist es da reingekommen?

Ich kann mich nicht daran hindern, mich unter den Schranken hindurchzubücken und nach einer einfachen Erklärung dafür zu suchen.

Als ich dem Auto näherkomme, höre ich Musik. Ich mache noch ein paar Schritte darauf zu. Jap, sie kommt eindeutig von dem Wagen.

Ich bekomme ein flaues Gefühl im Magen, als mir bewusst wird, dass ich hier so ganz allein, mitten in der Nacht, mit einem Geisterauto auf einem leeren Parkplatz stehe. Ganz zu schweigen davon, dass es völlig unklar ist, wie es hierhergekommen sein soll.

Der perfekte Anfang für einen Horrorfilm. Sehr gut Emmi.

Doch dann sehe ich über dem Auto Rauch aufsteigen und schließlich besiegt meine Neugier die Angst und ich gehe noch ein paar Meter um das Auto herum.

Da liegt jemand auf der Motorhaube, ich kann seine Beine sehen.

Okay, es ist schon mal kein Geisterauto, aber macht es das jetzt besser oder schlechter? Ich sollte aufhören, mir diese Gruselfilme anzusehen und schleunigst von hier verschwinden. Also mache ich auf der Hacke kehrt. Doch leider etwas zu schnell, denn der Wodka schwappt aus dem Becher und ich lasse ihn reflexartig fallen.

Da es kein Glas ist, klingt es nicht so katastrophal, wie ich angenommen hab, aber es war definitiv nicht zu überhören.

Ich kneife die Augen zusammen und wünschte, ich wäre unsichtbar, als ich höre, wie der Typ sich abrupt aufsetzt.

»Das ist ein Witz, oder?«

Diese Stimme.

Das kann definitiv nur ein Witz sein!

Ich bin sicher, dass Vince dort auf dem Auto sitzt, doch ich hab zu viel Schiss mich umzudrehen, da fängt er auch schon an zu brüllen.

»Was bist du? Ein beschissener Stalker?« WAS?

Jetzt schnelle ich doch rum. »Wie bitte?«

Ich hebe amüsiert die Augenbrauen. »Woher sollte ich denn wissen, dass du hier draußen trübsinnig und allein auf einem Auto liegst?«

»Du bist also rein zufällig einmal um das ganze Karree auf einen abgesperrten Parkplatz, zu einem alleinstehenden Auto gelaufen? Ohne zu wissen, wem es gehört?« Er schnaubt ungläubig und ich frage mich, ob es wirklich schon die ein oder andere Frau gab, die so einen kranken Stalkermist mit ihm abgezogen hat? Aber ich gehöre ganz bestimmt nicht dazu, auch wenn das hier gerade nicht besonders gut für mich aussieht.

»Also?« Er zuckt belustigt mit den Schultern. »Bist du eine Stalkerin?«

Dann legt er den Kopf schief, »Oder hast du einfach nur das Leben satt? Ich hätte schließlich auch ein Axtmörder sein können.«

Er legt sich wieder auf die Motorhaube.

»Stimmt, dieses Risiko besteht natürlich immer.«, scherze ich und frage mich im zweiten Moment wieso?

»Was kümmert es dich?«, füge ich noch trotzig hinzu und er lacht abschätzig. »Tut es nicht.«

Ach was?

Ich spüre förmlich sein boshaftes Grinsen im Rücken, als ich mich abwende. »Gute Nacht, Maria.«

Nicht umdrehen! Er will dich nur ärgern, geh einfach weiter!

Doch dann hör ich mich keifen. »Was ist dein Problem?«

Ich klinge wie eine Furie. Und meine innere Stimme kippt theatralisch stöhnend nach hinten.

Amüsiert darüber, dass ich wieder darauf angesprungen bin, zuckt er übertrieben gleichgültig mit den Schultern. »Ich habe kein Problem. Ich kann dich nur nicht ausstehen.« Er nickt in meine Richtung, als wäre ich ein verlauster, entlaufener Hund. »Also verpiss dich!«

Ich atme hörbar aus. »Glaub mir, ich würde mir lieber einen Nagel ins Knie hauen, als noch eine Sekunde länger die gleiche Luft zu atmen wie du.«

»Autsch«, spottet er. »Na wir sind aber bissig.«

Der treibt mich echt zur Weißglut.

»Entschuldige, ich hab vergessen, dass bissige Kommentare dein Ding sind.«

Er stöhnt genervt. »Du bist ja immer noch hier. Hat der Rest da drin etwa auch schon genug von dir?«

Er lehnt sich wieder auf die Ellbogen und atmet bitterböse aus.

»Gibt es überhaupt irgendjemanden auf dieser Welt, der dich länger als fünf Minuten erträgt?«

»Ja, stell dir vor. Ich habe Freunde, ganz im Gegensatz zu dir.«

Mein Tonfall ist giftig. Das Spiel kann man auch zu zweit spielen.

»Und in welchem Bezirk von OZ leben die genau, Dorothy? Sag es mir, dann schick ich ne Kondolenzkarte.«

Hat er gerade eine bissige Bemerkung über den Zauberer von OZ gemacht? Ich hätte nicht gedacht, dass er überhaupt lesen kann!

»Wie wäre es, wenn du stattdessen den Zauberer fragst, ob er dir ein Herz besorgt und aufhörst, dich wie ein Ungeheuer zu benehmen?«

Jetzt sieht er mich an und für den Bruchteil einer Sekunde hat es den Anschein, als würde ein kleines Lächeln seine Mundwinkel umspielen.

Ich wende mich zum Gehen und dieses Mal ruft er mir keinen boshaften Kommentar mehr hinterher.

Kapitel 5

»Wann möchtest du denn gehen?«, frage ich Hailee vorsichtig, als sie vollkommen dicht über der Theke hängt.

»Was? Die Nacht ist doch noch jung.«

Ich halte zwei Finger hoch. »Wie viele Finger?«

Sie kneift ein Auge zusammen. »Vier?«

»Ich denke die Nacht ist vorbei.«, lache ich. »Wie genau kommen wir jetzt eigentlich zu dir?«

In diesem Moment wird mir klar, dass ich überhaupt nicht weiß, wo sie wohnt.

»Mit den Jungs.« Sie nickt zu Alex, der betrunken auf einem, mit lilafarbenem Samt überzogenen Hocker eingepennt ist, und Rob, der auf einer roten, ziemlich abgenutzten Couch die Freundin von dieser Marlen befummelt.

»Du willst also damit sagen, deine Wohnung ist zu Fuß zu erreichen?«, schlussfolgere ich, denn das sind so ziemlich die letzten Menschen, mit denen ich bei einem Autounfall draufgehen möchte.

»Nicht in diesen Schuhen!«, kreischt sie und hebt einen Fuß, wobei sie beinahe von ihrem Stuhl fällt und anfängt, wie ein kleines Kind zu kichern.

Okay, früher war das wesentlich lustiger, aber wahrscheinlich nur, weil man genauso betrunken war.

»Also?«, frage ich etwas zu scharf.

»Sie sind mit Vince hier, er fährt uns ins Wohnheim zurück.«

Ich starre sie mit weit aufgerissenen Augen an. Vince? Wohnheim?

»Du wohnst in einem Wohnheim?«

Sie sieht mich verwirrt an. »Ja, klar. Tun wir alle.« Sie zeigt in die Runde. Na toll.

Natürlich tun sie das. Sie sind Studenten!

Das Klatschen meiner inneren Stimme, als sie sich vor die Stirn haut, hallt in mir nach.

»Tut mir leid, ich weiß, du kannst ihn nicht leiden, aber er ist der Einzige, der noch fahren kann.«, lallt sie.

»Schon okay.« Ich atme hörbar aus, vorausgesetzt er nimmt mich mit!

In dem Moment wirft sie Alex eine ausgelutschte Zitrone an den Kopf, der wacht sofort auf und sieht sich verwirrt um.

»Ruf Vince an und frag ihn, wo er steckt. Wir wollen nach Hause!«, schreit sie durch den sehr leer gewordenen Raucherbereich und Alex zückt sein Handy.

Währenddessen verabschiedet sich der angeschickerte Rob mit der auch sehr betrunkenen Tussi im Arm mit der Entschuldigung, er wolle sie nach Hause bringen. Schon klar.

Dann kommt Alex zu uns rüber. »Er sagt, er hat kein Bock mehr reinzukommen. Er wartet draußen. Wir haben fünf Minuten.«

Dann lacht er über seinen boshaften Freund und ich falle unwillkürlich mit ein.

An der Garderobe legt die unfreundliche Garderobiere meine Sachen auf den Tresen, während Alex seine Marke abgibt.

Er stellt seinen Drink halb auf meiner Jacke ab, weshalb dieser natürlich umkippt und komplett über sie läuft.

»Oooh.« Er hält sich übertrieben die Hand vor den Mund.

»Meine Schuld, sorry.« Er versucht sie ernsthaft trocken zu schütteln?! Genau. Das bringt’s! Hätte er den letzten Drink lieber mal ausgelassen.

Ich halte die Jacke einen halben Meter von meinem Körper entfernt und er sieht mich schuldbewusst an. Doch ich ringe mir ein Lächeln ab. Nach den Kommentaren heute hätte ich sie wahrscheinlich sowieso nie wieder angezogen.

Wir gehen zum Ausgang hinaus und am unteren Absatz der Treppe steht Vince. Er hat sich an sein Auto gelehnt, die eine Hand hat er in der Hosentasche und die andere an der Zigarette, die er sich gerade aus dem Mund zieht. In diesem Moment weiß ich nicht, was überwiegt, meine Abscheu oder die Anziehung, die von ihm ausgeht?

Auf dem Weg die Treppe hinunter hat Hailee Alex untergehakt, um ihn zu stützen. Sehr clever.

Wenn man die beiden in diesem Moment beobachtet, weiß man, wie es ausgeht. Sie kleben förmlich aneinander, während sie sich anschmachten. Als Vince die beiden sieht, schüttelt er nur den Kopf und sagt: »Ich sehe furchterregende Dinge auf uns zukommen.«

Er öffnet die Hintertür und stützt seinen Kumpel, während die beiden reinklettern. »Wenn ihr mir in die Karre kotzt, lauft ihr. Und zwar für den Rest eures Lebens!«

Er schließt die Tür und dreht sich zu mir, bevor er ganz langsam die Arme vor der Brust verschränkt. Ich wusste es! Er genießt es richtig.

»Und, was kann ich für Sie tun?«

Okay, die Abscheu überwiegt, ganz klar. Ich bin so froh, wenn ich ihn nach diesem Abend nie wiedersehen muss.

»Gar nichts.« Ich verschränke die Arme ebenfalls und hebe die Augenbrauen. »Lieber beiße ich mir die Zunge ab, als dich zu bitten.«

Mein Tonfall ist überheblich und genervt, als ich mich umdrehe und gehe.

»Ist dir klar, wie bescheuert du mit der Jacke in der Hand aussiehst.«

Ich halte sie immer noch von mir weg und als ich über die Schulter sehe, um ihn anzuknurren, legt er vor Lachen den Kopf in den Nacken. Das Schlimmste daran ist, dass es ein wirklich schöner Anblick wäre, wäre er nicht so ein Scheusal.

»Ist mir doch egal!«, schnauze ich, als ich die Straße runterlaufe.

Stehen vor so einen Club nicht immer Taxis?

Nur heute anscheinend nicht. War ja klar!

»Verdammt, wie kann man nur so eine nervige, sture Zicke sein?«, stichelt er, während er sich in den Nacken greift und den Kopf hineinlegt. Doch nach ein paar Sekunden sieht er wieder auf.

»Jetzt komm her, verflucht!«, schreit er, während er einen leeren Plastikbecher die Straße hinunterschießt.

Ich weiß, dass ich mich albern benehme, aber er ist so ein Arschloch und seine Art macht mich einfach unbeschreiblich wütend.

Schließlich verdrehe ich die Augen und gehe zum Auto, weil ich um diese Uhrzeit wirklich nicht zu Hause aufschlagen will, noch dazu mit einer Fahne.

Er sieht mich mit so einem niederträchtigen ›Na geht doch‹- Blick an, dass ich am liebsten sofort wieder umkehren würde, doch dann reißt er mir meine Jacke aus der Hand.

»Was soll denn das schon wieder?«

Ich habe die Frage noch nicht ganz ausgesprochen, da hat er sie auch schon in den nächsten Abfalleimer geworfen.

»Willst du mich verarschen?«, brülle ich, doch er funkelt mich nur mit einem boshaften Grinsen an. »Die ist sowieso kotzhässlich gewesen.«

Er zuckt mit den Achseln, während er sie lachend unter dem Müll vergräbt.

»Das hält mich nicht davon ab, sie da wieder rauszuholen.«

Was ich nie tun würde, aber ich will nicht, dass er gewinnt.

Er schnaubt. »Alter, du bist so eine beschissene, verzogene Schnepfe. Ich hab dir gerade einen Gefallen getan. Der widerliche Fetzen ist hin. Und jetzt steig ein, verflucht noch mal.«

Er reißt die Fahrertür auf und steigt in sein Auto, während ich einmal tief durchatme, um mich zu beruhigen, bevor auch ich widerwillig einsteige.

Kapitel 6

Die beiden sind auf dem Rücksitz eingeschlafen, obwohl er das Radio voll aufgedreht hat. Mir soll es recht sein, ich hab keine Lust mehr, mit ihm zu diskutieren.

Es ist nur eine kurze Fahrt bis zum Wohnheim und als wir angekommen sind, steigt er wortlos aus. Ich versuche, Hailee zu wecken, doch das dauert ihm wahrscheinlich zu lange, denn er lehnt sich zur Fahrerseite rein und drückt auf die Hupe. Beide schrecken auf.

»Raus jetzt!«, ruft er und die beiden steigen, ohne etwas zu sagen, aus.

Das Wohnheim ist moderner, als ich dachte. Es ist auf jeden Fall ein Neubau und umfasst bestimmt mehr als hundertfünfzig Studentenwohnungen. Die Eingänge sind in bestimmten Abständen getrennt und wir gehen alle in denselben.

Während Hailee und ich uns noch von Alex verabschieden, biegt er stumm in den Gang ab, der nach links führt.

Alex und Hailee umarmen sich ziemlich lang und ich freue mich für sie, habe aber gleichzeitig ein schlechtes Gewissen. Wenn ich nicht wäre, hätte das zwischen den beiden heute sicher nicht hier geendet.

Das Zimmer – oder besser gesagt die Wohnung – hat überhaupt nichts mit meiner Vorstellung einer Studentenbude gemeinsam.

Es ist ein riesengroßes Zimmer, mit einer Küchenzeile, einer Ecke für ihren Schreibtisch, einem Bad und als ich die Schuhe ausziehe, bemerke ich tatsächlich eine Fußbodenheizung.

So lässt es sich auf jeden Fall aushalten.

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