Logo weiterlesen.de
Folge deinem Herzen – Maggie!

Helen Brooks

Folge deinem Herzen – Maggie!

1. KAPITEL

Sie hatte es geschafft! Es gehörte endlich ihr. Ein Ort, an dem sie nach den traumatischen und unglücklichen vergangenen beiden Jahren sozusagen die sprichwörtliche Zugbrücke hochziehen und dann in ihrer eigenen kleinen Welt sein konnte. Wo sie niemandem Rechenschaft schuldete. Es machte ihr auch nichts aus, dass es Jahre dauern würde, bis das Cottage hergerichtet wäre – sie würde sich Zeit lassen und hätte gleichzeitig etwas zu tun, womit sie ihre Abende und Wochenenden ausfüllen konnte. Das war genau das, was sie wollte. Außerdem, wenn es in tadellosem Zustand gewesen wäre, hätte sie niemals die finanziellen Mittel gehabt um es zu kaufen.

Maggie Landon seufzte zufrieden und drehte sich mehrmals im Kreis, bevor ihr schwindlig wurde und sie lachend innehielt. Dieses Cottage war das äußere Zeichen, dass sie ihr Leben endlich wieder unter Kontrolle hatte. Diese Unabhängigkeit würde sie niemals wieder aufgeben.

Noch etwas ungläubig blickte sie sich in dem kleinen, leeren Wohnzimmer um. Dem hingerissenen Ausdruck auf ihrem Gesicht nach zu urteilen hätte man glauben können, das Zimmer mit der sich ablösenden Tapete und den staubigen Dielenbrettern wäre ein Palast. Langsam ging sie hinüber zu der schmutzigen Terrassentür, in der das Glas gesprungen war und von deren Rahmen die Farbe abblätterte, und öffnete sie. Dahinter lag ein verwilderter Garten, der eher einem Dschungel glich. Riesige Brennnesseln und Dornensträucher schlugen ihr entgegen. Gemeinsam mit dem hüfthohen Unkraut und dem Efeu, der sich über Büsche und Bäume geschlungen hatte, bildeten sie praktisch eine grüne Wand. Es war schier unmöglich, den Rasen oder die Wege auszumachen, aber Maggie glaubte so etwas wie einen alten Geräteschuppen zu erkennen, der am Ende des Grundstücks an einer Steinmauer lag. Wenn man der Maklerin glauben durfte, blickte Maggie hier auf ein Grundstück von rund tausend Quadratmetern.

Ihr Handy klingelte, und als Maggie es aus ihrer Jeanstasche gefischt hatte und auf dem Display die Nummer erkannte, seufzte sie innerlich. Ihrer Stimme merkte man das allerdings nicht an. „Hi Beth!“, begrüßte sie die Anruferin freundlich.

„Maggie.“ Der Name klang wie ein einziger Vorwurf. „Ich habe gerade in deiner Wohnung angerufen, und eins der Mädchen hat mir gesagt, dass du heute ausgezogen bist. Ich kann es nicht fassen, dass du uns nicht gesagt hast, dass du dieses Wochenende umziehst. Du weißt doch, dass Peter und ich dir helfen wollten.“

„Und ich habe dir gesagt, dass ich das nicht möchte. Du bist schließlich im siebten Monat schwanger. Außerdem seid ihr ja selber noch dabei, euch einzurichten.“ Beth und ihr Ehemann waren erst vor zwei Wochen aus ihrer kleinen Wohnung in eine Doppelhaushälfte mit drei Schlafzimmern umgezogen. „Ich hatte außerdem massenhaft Angebote für Hilfe beim Umzug, aber ich benötige gar keine. Ich möchte lieber alles in meinem eigenen Tempo sauber machen und einräumen. Mein Bett und ein paar Möbelstücke werden heute Nachmittag geliefert, aber hier ist noch so viel zu tun, dass ich erst einmal nicht so viele neue Sachen brauche. Zuerst muss ich jedes Zimmer komplett renovieren. Ich bin froh, wenn ich dabei so wenig wie möglich im Weg stehen habe.“

„Aber dass du ganz allein umziehst.“ Beth ließ es so klingen, als ob Maggie zu einer Expedition nach Borneo oder in die tiefste Mongolei aufgebrochen wäre. „Hast du genug zu essen für das Wochenende?“

Bevor Maggie antworten konnte, hörte sie jemanden im Hintergrund sprechen. Danach war wieder Beths Stimme am Telefon, schrill und empört: „Peter sagt, ich verhalte mich, als ob du 8 Jahre alt wärst statt 28. Das stimmt doch nicht, oder?“

Maggie lächelte reumütig. Sie liebte ihre Schwester sehr, und seit ihre Eltern vor fünf Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren, standen sie und Beth sich noch näher als zuvor. Trotzdem musste Maggie zugeben, dass sie froh war, dass ihre Schwester bald ihr Baby haben würde, um das sie sich kümmern konnte. Mit ihren dreißig Jahren war Beth definitiv für das Mutterdasein bereit. Besänftigend – wenn auch nicht ganz wahrheitsgemäß – murmelte Maggie: „Natürlich nicht. Ich habe ein paar Tage Urlaub genommen, um hier die ersten Dinge zu renovieren, aber ich komme demnächst auf einen Tee vorbei.“

„Prima. Komm doch am Montag und bleibe zum Abendessen“, schlug Beth vor.

Maggie seufzte leise auf. Das Planungsbüro in Redditch, wo sie seit ihrem Uniabschluss arbeitete, war nur einen Steinwurf von Beths neuem Heim entfernt und nicht weit von dem Haus, dass sie sich während der letzten zwölf Monate mit drei Freundinnen geteilt hatte. Das Cottage hingegen befand sich eine ganze Fahrstunde vom Wohnort ihrer Schwester weg, und die letzten 15 Meilen des Weges führten über kurvenreiche Landstraßen. Solange sie sich mit der Strecke noch nicht richtig auskannte, wollte sie lieber nicht nachts hierher fahren.

Jetzt, Ende September, wurde es schon früh dunkel. Aber wenn sie Beth vorschlagen würde, dass sie sich stattdessen zum Mittagessen treffen könnten, würde sie praktisch einen ganzen Arbeitstag für das Cottage verlieren. „Prima“, entgegnete Maggie deshalb pflichtbewusst.

Sie sprachen noch eine Weile miteinander, bevor Maggie sich damit entschuldigte, dass sie noch tausend Sachen zu erledigen hätte. Trotzdem machte sie sich nicht sofort an die Arbeit, nachdem sie aufgelegt hatte. Stattdessen setzte sie sich auf die Steinstufen, die von der Terrassentür in den Garten führten. Sie drehte ihr Gesicht der Sonne zu und atmete die warme Morgenluft ein. In den Bäumen zwitscherten die Vögel, und der Himmel zeigte sich in einem tiefen Kornblumenblau. Es mochte töricht sein, aber sie hatte das Gefühl, dass sich die Natur mit ihr verbündet hatte, um ihr endlich eine Atempause zu gönnen und den Umzugstag so einfach wie möglich zu gestalten. Es war auf jeden Fall ein guter Anfang für den ersten Tag vom Rest ihres Lebens.

Das war es, was das Cottage für sie darstellte: den Beginn vom Rest ihres Lebens. Die Vergangenheit war vorbei. Maggie konnte damit ihren größten Fehler, sich mit Piers eingelassen zu haben, nicht ungeschehen machen. Aber sie hatte sich von ihm befreit, und die Gegenwart und die Zukunft gehörten jetzt ihr. Sie konnte jetzt ihr Leben so gestalten, wie sie es wollte.

Sie hob ihre schlanken Arme und zwang sich, ihre Gedanken in eine andere Richtung zu lenken, während sie sich ausstreckte und schließlich aufstand. Es hatte eine Weile gedauert, aber sie konnte es jetzt schaffen, und dafür war sie dankbar. Vermutlich hatte sie sich durch den Kauf dieses Cottage sogar ihren Verstand bewahrt. Egal, sie war auf jeden Fall wieder sie selbst, wenn gleich auch älter und weiser.

Maggie drehte sich um, ging zurück ins Haus und durchquerte das Cottage bis zur Haustür. Ihr zuverlässiger kleiner Ford Fiesta stand auf dem Grasstreifen am Ende des kleinen Vorgartens, der, genau wie der Garten hinterm Haus, aus einem Wirrwarr von Unkraut, Brennnesseln und Dorngestrüpp bestand. Das Auto war bis unters Dach vollgepackt mit ihrer Kleidung und ihren persönlichen Dingen, und außerdem einer Kiste mit Putzutensilien sowie einem neuen Staubsauger, den sie am Vortag gekauft hatte. Maggie blieben noch ungefähr vier Stunden, bevor ihr Bett und die Möbel geliefert werden sollten, und sie würde jede einzelne Minute davon benötigen. Die ältere Dame, die hier gewohnt hatte, bevor sie endlich überredet werden konnte, in ein Pflegeheim umzuziehen, hatte offensichtlich in den letzten Jahren große Mühe gehabt, das Haus in Schuss zu halten. Ihr Neffe hatte ihr beim Auszug aus dem Cottage geholfen und es ausgeräumt. Übrig geblieben waren nur Staub, Schmutz und Spinnweben.

Vier Stunden später hatte Maggie den Staubsaugerbeutel bereits unzählige Male geleert, aber zumindest war der Staub, der sich unter dem Teppichboden angesammelt und sich inzwischen in feinen Puder verwandelt hatte, verschwunden, und auch die meisten Oberflächen waren relativ sauber. Das Cottage war nicht groß; es bestand aus einem Wohnzimmer, der Küche und dem Bad auf der unteren Etage und zwei Zimmern in der oberen. Zentralheizung gab es nicht, und der alte Herd in der Küche war die einzige Möglichkeit zum Kochen. Es hatte jedoch erst relativ kürzlich neue Stromleitungen erhalten, was angesichts all der anderen Arbeit, die auf Maggie wartete, ein unverhofftes Plus war. Außerdem gab es fließend Wasser.

Der Möbelwagen fuhr vor, und der gut gelaunte Fahrer half Maggie, ihr Bett und eine Kommode nach oben zu tragen. In dem Zimmer, das sie sich als Schlafzimmer ausgesucht hatte, gab es einen eingebauten Wandschrank. Ein kleines Sofa, ein dicker Sessel und ein Couchtisch für das Wohnzimmer stellten ihre anderen Einkäufe dar; im Auto befanden sich noch ihr tragbarer Fernseher und ihre Mikrowelle.

In dieser Nacht fiel Maggie ins Bett und schlief ein, sobald ihr Kopf das Kissen berührte. Zum ersten Mal, seit sie Piers verlassen hatte, wurde sie nicht von Albträumen geplagt.

Als sie am Morgen erwachte und das Sonnenlicht durch das vorhangfreie Fenster hereinfiel, lag sie lange einfach nur da, lauschte dem Gesang der Vögel vor dem Fenster und sog ein Gefühl des Friedens und des Alleinseins in sich auf. Das Haus, das sie sich während der letzten Monate mit ihren Freunden geteilt hatte, lag an einer Hauptstraße, und trotz der Doppelverglasung war der Verkehrslärm bis ins Haus gedrungen. Allerdings war das nichts im Vergleich zu dem Lärm gewesen, der manchmal innerhalb des Hauses geherrscht hatte! Und davor …

Sie setzte sich im Bett auf. Keinesfalls würde sie über die Jahre mit Piers nachdenken, egal in welcher Form auch immer. Ein neuer Vorsatz, ein neuer Start. Weg mit dem Alten und her mit dem Neuen. Sie konnte es schaffen. Schließlich hatte sie schon immer eine große Willenskraft besessen.

Die nächsten Tage verbrachte Maggie damit, alle Zimmer zu schrubben, und als sie schließlich bei Beth zum Abendessen erschien, war sie überzeugt, dass sie den uralten Schmutz besiegt hatte. Gut, es musste noch sehr viel am Cottage getan werden, aber das Dach war dicht, und sie würde sich an ihren ursprünglichen Plan halten und eine Arbeit nach der anderen erledigen, je nachdem, wie viel Geld zur Verfügung stand. Der Kauf der Möbel hatte zwar ihre gesamten Ersparnisse verschlungen, aber den Rest ihres Urlaubs konnte sie ja damit verbringen, den Garten in Schuss zu bringen.

Nach einem schönen Abend mit Beth und Peter gelangte sie ohne besondere Zwischenfälle nach Hause und begann am nächsten Tag mit ihrem Einsatz im Freien. Als es auf das Wochenende zuging, war sie zerkratzt und es taten ihr Muskeln weh, von deren Existenz sie keine Ahnung gehabt hatte. Aber Maggie hatte ein großes Stück des Grundstücks frei geräumt. Am Sonntagnachmittag entschied sie sich, mit dem gesammelten Reisig ein Feuer zu machen. So etwas tat man schließlich, wenn man auf dem Land wohnte.

Früher musste einmal ein kleiner Zaun einen Teil des Gartens abgetrennt haben, aber dieser Zaun war inzwischen verrottet. Die Reste davon waren, zusammen mit alten Zeitungen, die sie gefunden hatte, jedoch eine hervorragende Grundlage für das Feuer.

Maggie schichtete die Dornensträucher, Brennnesseln und das andere Unkraut, das sie gejätet hatte, so hoch auf wie sie nur konnte, einige Meter von der hohen Steinmauer entfernt. Die Maklerin hatte ihr erklärt, dass hinter dieser Mauer der Garten eines großen Herrenhauses lag. Das besagte Haus thronte inmitten eines weitläufigen Grundstücks und war durch wuchtige alte Bäume verdeckt, aber der hübsch angelegte Garten, den man von der Straße aus sehen konnte, deutete auf großen Reichtum hin. Früher war dieses Haus der Landwohnsitz des örtlichen Gutsherren gewesen, der einen Großteil des Dorfes besessen hatte, das in einer Senke unterhalb Maggies Cottage lag. Ihr Cottage hatte damals dem Pförtner gehört, bevor es gemeinsam mit dem Garten verkauft worden war. Heute war das Herrenhaus der Wochenendsitz eines erfolgreichen Geschäftsmannes, wenn man der Maklerin Glauben schenken durfte.

Maggie konnte später nicht mehr sagen, wann das sie langsam beschleichende Gefühl von Unbehagen in Panik umgeschlagen war. Ihr Übereifer mit den Zeitungen hatte dazu geführt, dass immer mehr, noch munter brennende Stücke, vom Wind erfasst wurden und über die Mauer segelten. Sie versuchte, einen glimmenden Stapel Papier mit einem großen Stock aus dem Feuer zu ziehen, erreichte aber nur, dass die Flammen noch weiter angefacht wurden.

Sie hatte sich an einen Rat von Peter gehalten und das Holz, das zuunterst lag, in Benzin getränkt, bevor sie die Gartenabfälle darauf gestapelt hatte – jetzt gab es keine Möglichkeit mehr, die Flammen zu löschen. Maggie war immer stärker beunruhigt über die Ausmaße des Feuers und rannte ins Cottage, um einen Eimer Wasser zu holen.

Sie füllte gerade den Eimer in der Küche, als sie draußen Schreie hörte. Sie drehte den Wasserhahn zu, schnappte sich den halb vollen Eimer und rannte in den Garten, gerade noch rechtzeitig um zu sehen, wie sich ein Mann über die Steinmauer hievte. Seine Flüche mischten sich dabei mit den Geräuschen der züngelnden Flammen und dem rasenden Bellen, das von einem Rudel wütender Hunde zu stammen schien.

„Was zum Teufel machen Sie da?“, brüllte er sie an, als sie sich ihm näherte. „Haben Sie den Verstand verloren?“

Wie unverschämt! Die klägliche Entschuldigung, die sie gerade vorbringen wollte, blieb ihr im Halse stecken. Sie starrte in ein Paar Augen, die so blau waren, dass sie regelrecht von ihnen geblendet wurde – was unter den gegebenen Umständen natürlich überhaupt nicht hilfreich war – und kam zu einem abrupten Halt. Das führte dazu, dass ein Großteil des Wassers aus ihrem Eimer überschwappte und auf ihrer alten Jogginghose landete, die sie sich für die Arbeit angezogen hatte. „Das hier ist mein Grundstück“, entgegnete sie kühl. „Und hier ist keine rauchfreie Zone.“

„Ich habe überhaupt nichts gegen den Rauch“, gab der Fremde bissig zurück. „Aber ich habe etwas gegen Ihre Absicht, die ganze Gegend abzufackeln. Einer meiner Hunde hat sich bereits das Fell versengt.“

„Das tut mir leid“, gab sie gleichermaßen bissig zurück.

„Ja, das merkt man.“ Er duckte sich, als ein besonders großes Stück brennendes Papier dicht an seinem linken Ohr vorbeiflog. „Löschen Sie das Feuer, um Himmels willen!“

„Das wollte ich gerade tun.“

„Damit?“ Er blickte mit geradezu beleidigender Missbilligung auf ihren Eimer. „Da können Sie genauso gut einen Fingerhut nehmen. Wo ist Ihr Gartenschlauch?“

„Ich habe keinen.“ Aus schmal zusammengepressten Augen blickte sie ihn wütend an.

„Das darf doch nicht wahr sein …“

Während der Mann in seinen eigenen Garten zurückkehrte, blickte Maggie auf die Stelle, wo er gestanden hatte. Ihre Wangen brannten, und zwar nicht nur aufgrund der Hitze durch das Feuer, die inzwischen überwältigend war. Was für ein schrecklicher Mensch! Wie konnte er es wagen, sie dermaßen anzufahren! Als hätte sie diese Situation absichtlich herbeigeführt. Sah er denn nicht, dass es sich hier um ein Missgeschick handelte? Sie hatte ja wohl kaum vorgehabt, brennendes Papier in seinen dummen Garten fliegen zu lassen.

Als ein Windstoß jetzt aber eine Handvoll Papierfetzen fröhlich kreiselnd über die Mauer schickte, stöhnte sie leise auf. Er hatte recht, er hatte natürlich recht, und sie hätte sich auch entschuldigt, wenn er sie nicht gleich so empört angegriffen hätte. Hastig schüttete sie das restliche Wasser auf das Feuer. Das wiederum reagierte auf die erbärmliche Menge mit der Verachtung, die dies verdiente, und loderte ungehindert weiter, so als wollte es Maggie noch einmal bestätigen, dass sie einen aussichtslosen Kampf führte.

Sie wollte gerade zurück ins Haus rennen, um mehr Wasser zu holen, als sie ein raschelndes Geräusch hörte, und der Mann wieder erschien. „Zurücktreten“, befahl er ihr knapp.

„Was?“ Sie starrte ihn überrascht an.

„Zurücktreten, habe ich gesagt.“ Er beugte sich zu jemandem auf der anderen Seite der Mauer hinunter und rief: „Okay, Jim, ich bin so weit!“

Maggie sah den Schlauch in seiner Hand nur Sekunden bevor der Wasserstrahl auf die Flammen traf. Einige Minuten lang hörte und sah sie nichts anderes als Zischen und Spritzen und aufsteigenden Rauch. Die Asche vom Feuer bedeckte sie und den umliegenden Boden, und Wassertropfen fielen auf sie herab. Sie war zwar instinktiv zurückgetreten, als er ihr seinen Befehl zugerufen hatte, aber sie stand immer noch nahe genug am Feuer, dass der Wasserstrahl sie treffen konnte. Sprachlos beobachtete sie die Rettungsaktion des Fremden.

„Das war’s.“ Er gab den Schlauch zurück an den unsichtbaren Gehilfen und drehte sich zu ihr herum. „Entfachen Sie niemals ein Feuer, ohne die notwendigen Hilfsmittel parat zu haben, mit denen man es notfalls löschen kann, falls so etwas wie heute passiert“, belehrte er sie mit abstoßender Selbstgefälligkeit, oder so erschien es zumindest Maggie. Und dann grinste er.

Sie starrte ihn an. Seine durchdringenden blauen Augen waren von einem gebräunten Gesicht umgeben, das eher rau als klassisch schön war, und sein schwarzes Haar reichte bis auf den Kragen seines Hemdes, das am Hals offen stand. Sein Lächeln entblößte strahlend weiße Zähne, und er sah völlig entspannt aus, wie er da auf der Mauer saß, jetzt, wo die Gefahr gebannt war. „Matthew Wright“, stellte er sich ruhig vor. „Wie Sie sich vielleicht schon gedacht haben, bin ich ihr unmittelbarer Nachbar.“

„Maggie Landon“, brachte sie schließlich heraus, und als seine blauen Augen sie zu mustern begannen, wurde ihr plötzlich bewusst, wie sie aussehen musste. „Ich … ich bin letzte Woche hier eingezogen. Und habe gerade etwas Gartenarbeit gemacht“, setzte sie lahm hinzu.

Er nickte. Matthew trug ein blaues Hemd mit aufgerollten Ärmeln und schwarze Jeans. Seine ganze Erscheinung strahlte Stärke und Männlichkeit aus. Maggie wusste, dass sie schmutzig war; ihre Haare hatte sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, und sie trug überhaupt kein Make-up. Noch nie im Leben hatte sie sich so deplatziert gefühlt. „Es tut mir leid wegen des Feuers“, brachte sie schließlich steif heraus, „aber wie ich schon sagte, ich wollte mich gerade darum kümmern“. Sie holte tief Luft und zwang sich hinzuzufügen: „Aber vielen Dank für Ihre Hilfe. Es tut mir leid, dass Sie damit belästigt wurden.“

Seine Augen hatten sich bei ihrem Tonfall leicht zusammengezogen. „Reiner Selbstschutz“, entgegnete er gedehnt nach einem Augenblick des Schweigens. „Auf meiner Seite der Mauer befindet sich ein hölzernes Sommerhaus, und ich wollte es nur ungern in Rauch aufgehen sehen.“

„Ich glaube kaum, dass das passiert wäre.“ Maggie blickte ihn kühl an. Aus irgendeinem Grund ging ihr dieser Mann unter die Haut. Sie schluckte und zwang sich, ihm mit fester Stimme zu antworten: „Nochmals vielen Dank. Ich fange jetzt besser an, hier sauber zu machen.“ Damit drehte sie sich um, in der Hoffnung, dass ihr Nachbar so schnell verschwinden möge, wie er gekommen war.

„Brauchen Sie Hilfe?“ Seine Stimme klang amüsiert.

„Nein, danke.“ Sie blickte erneut in seine strahlend blauen Augen und hatte das Gefühl, einen kleinen elektrischen Schlag zu erhalten. Aber ihre Stimme war fest, als sie ihm erklärte: „Ich glaube, ich gehe mich erst einmal waschen und warte mit dem Aufräumen hier bis morgen. Dann kann das Feuer erst einmal vollständig verglühen.“

„Gute Idee – schließlich wollen Sie sich ja nicht verbrennen.“

Wieder lachten seine Augen dabei, als er dies sagte. Sein verdeckter Spott ärgerte sie. Maggie warnte sich selbst, sich nicht provozieren zu lassen und gab vor, seine Antwort wörtlich zu verstehen. „Genau. Auf Wiedersehen, Mr Wright.“

„Matthew. Wir sind schließlich Nachbarn.“

Sie nickte stumm und ging ins Cottage zurück, wobei ihr nur allzu bewusst war, dass seine Blicke ihr folgten.

Sobald sie ihr Haus betreten hatte, lehnte sie sich mit geschlossenen Augen gegen die Tür. Großartig, einfach großartig. Was für eine Art, sich bei seinem Nachbarn vorzustellen. Jetzt glaubte er vermutlich, sie sei eine naive Städterin ohne einen Funken Verstand, was nicht genau dem Eindruck entsprach, den sie eigentlich bei den Leuten hier erwecken wollte.

Er hatte sich die ganze Zeit über sie lustig gemacht. Nun ja, genaugenommen nicht die ganze Zeit; anfangs war er zu ärgerlich gewesen, korrigierte Maggie sich und öffnete mit einem leisen Stöhnen die Augen. Und sie hatte die Situation nicht gerade verbessert, indem sie ihn so angefaucht hatte. Aber er war so unsäglich belehrend und provozierend gewesen! Der kleine Vortrag darüber, dass man einen Schlauch parat haben sollte, wenn man ein Feuer entfacht – für wie alt hielt er sie denn? Ein Kind?

Zitternd stieß sie sich von der Tür ab. Ihr war kalt, und sie fühlte sich schmutzig. Es würde morgen Stunden dauern, bis sie draußen aufgeräumt hatte. Sie hoffte bloß, dass Mr Besserwisser sich nicht blicken lassen würde. Wenn sie ihn ein Leben lang nicht mehr wiedersähe, wäre das immer noch zu früh …

2. KAPITEL

Matthew wartete, bis sich die Tür hinter Maggie geschlossen hatte, ehe er in seinen eigenen Garten hinübersprang. Er landete neben seinem Gärtner, der auch gleichzeitig sein Hausmeister war. Dieser verzog das Gesicht. „Ich kann mich irren, aber ich hatte den Eindruck, dass die Dame deine Hilfe nicht besonders zu schätzen wusste.“

„Ach, Unsinn. Sie war völlig hingerissen von meinem Charme.“

„Hm, dann muss ich mich wohl getäuscht haben. War sie hübsch?“

Matthew lächelte. Jim und seine Frau Kitty arbeiteten schon seit zehn Jahren für ihn, seit dem Tag, an dem er in das Herrenhaus gezogen war, nachdem er als junger Mann mit fünfundzwanzig Jahren seine erste Million gemacht hatte.

Das Ehepaar wohnte in einer großzügigen und sehr gemütlichen Wohnung über der Garage, und dank ihrer Hilfe lief sein Haushalt wie am Schnürchen. Kitty war ein mütterlicher Typ und eine wunderbare Haushälterin und Köchin. Das Paar, das leider kinderlos geblieben war, hatte inzwischen die sechzig erreicht.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Folge deinem Herzen - Maggie!" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen