Logo weiterlesen.de
Flugmodus

 

Hände halten, Füße tragen, Leben enden und Freunde tragen.

Lönneberga

Fallen - Pauline - 2 Tage danach

Vom Gefühl her bin ich heute ohne Kleider in der Schule. Irgend so ein Arsch hat ein Bild meines Körpers geklaut. Die Blicke meiner Mitschüler bohren sich wie Reißnägel in meine trockene Neurodermitis-Haut. Ich schreibe Elija einen Zettel und falte ihn mit tausend Fragezeichen in meinem Kopf.

Wie ist das passiert?

Es klopft an der Klassenzimmertür. Elija weicht meinen Blicken aus. Er versteckt die Antwort und seine Hände immer tiefer in den Hosentaschen, im Stuhl versunken, als würde er mit der ganzen Sache nichts zu tun haben.

Unser Mathelehrer Wenger kauert mit seiner Parabelschablone hinter der Tafel, und Kreidegeräusche stören unsere Privatgespräche. Nathalie wischt neben Wenger eine neue Tafelseite für seine Aufgaben frei, ohne dass er es fordert. Es klopft an der Klassenzimmertür. Bruder Fritz, der Rektor des Peterstift-Gymnasiums, tritt ans Pult und blickt in die Runde. Erstaunlich, wie sich der Lärmpegel ohne ein Wort von Fritz senkt. Sein Blick bleibt an mir hängen.

»Pauline, du bist Klassensprecherin der 10a?«

Ich nicke.

»Komm bitte ins Rektorat.«

Die zerkauten Bleistiftreste ätzen meine Lippen. Ich falle durch ein Loch im Boden vom dritten Stock bis in den Fahrradkeller.

Schule war immer in Ordnung für mich. Automatische Jalousien, die sich dem Sonnenlicht anpassen. Mein Platz hinten links am Fenster, Blick Richtung Park. Jetzt dieser Absturz. Ich will schreien, doch mir fehlt die Luft für einen Ton. Ich schiebe den Stuhl nach hinten und folge Fritz zu seinem Büro in den Altbau. Ich weiß, dass Fritz den Unterricht nicht wegen Kleinigkeiten stört. Er kommt nur, wenn die Kacke am Dampfen ist. Ich habe echt keine Lust darüber zu reden und es geht auch absolut keinen etwas an. Er öffnet die Tür, und jeder Schüler geht mit Respekt in dieses Zimmer. Die anderen Klassensprecher warten schon.

»Setzt euch.«

Hinter seinem Schreibtisch hängt ein Bild mit aufgeklebten Kaffeebohnen: »Life happens, coffee helps.« Ich rieche leider keinen Kaffee, sondern nur muffigen Teppich, der irgendwie zu einem Chef passt.

»Könnt ihr euch vorstellen, warum ich mit euch sprechen möchte?«

Die Uhr über dem Schreibtisch tickt fordernd in die Stille.

»Nicht so richtig«, antwortet Joey aus der Parallelklasse.

»Die Mutter einer Schülerin hat mir einen Chatverlauf gezeigt mit einem Inhalt, der an unserer Schule nichts zu suchen hat. Ich will wissen, wer dafür verantwortlich ist.« Die eingestürzten Betonpfeiler drehen sich in ein einziges, großes Nichts.

Wände vermischen sich mit Decken, und das Karussell nimmt Fahrt auf. Dann wird es schwarz.

Das Nächste, was ich spüre, ist japanisches Heilpflanzenöl auf meiner Stirn. Ich liege im Krankenzimmer und kann unsere Sekretärin durch die offene Tür telefonieren hören.

Drohnen, Flugtaxis – gibt’s auch schon Zeitmaschinen? Ich brauche eine, dringend!

Ich stelle das Datum auf den letzten Schultag vor den Sommerferien!