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Flüchtiger Glanz

Über das Buch

Lluís, Trini, Soleràs und Cruells sind voller Unruhe, auf der Suche nach etwas, an das sie glauben könnten und das ihren leidenschaftlichen Einsatz wert wäre. Lluís, Atheist, ehemaliger Anarchist und Skeptiker, verlässt seine Frau, um in den Bergen Aragoniens mit den Republikanern zu kämpfen. Doch es ist eine »tote Front« ohne Kampfhandlungen, wo zuvor die Anarchisten Klöster verwüstet und Zivilisten hingerichtet haben. Lluís ist entsetzt, aber er steht selbst davor, die Grenze der Moral zu überschreiten. Er sucht Antworten auf seine Fragen nachdem Ursprung des Bösen, nach Gott und der Liebe. Im Dorf, wo seine Brigade stationiert ist, trifft er auf die geheimnisvolle Burgherrin Olivela, eine Witwe, die ihn um einen heiklen Gefallen bittet. In der Zwischenzeit kümmert sich Trini im belagerten Barcelona alleine um den gemeinsamen Sohn. Ihr einziger Trost in der Einsamkeit sind die Briefe von der Front und ihre intensive Freundschaft zu Soleràs, einem Jugendfreund ihres Mannes, der immer dort aufzutauchen scheint, woman ihn am wenigsten vermutet. Doch auf einmal spitzt sich die Situation in der Stadt zu und mitten im Winter bricht Trini auf, um Lluís in den Bergen aufzusuchen.

Joan Sales

Flüchtiger
Glanz

Roman

Aus dem Katalanischen von
Kirsten Brandt

Mit einem Nachwort von
Eberhard Geisler

Carl Hanser Verlag

Vor allem muss man hier die Vorsicht einhalten, die die Ärzte anwenden, indem sie den Puls immer nur so abnehmen, dass sie sicher sind, nicht den eigenen statt den des Patienten wahrzunehmen.

Vigilius Haufniensis (Kopenhagen, 1844)

Inhalt

Geständnis des Autors

Flüchtiger Glanz

Erster Teil

Zweiter Teil

Dritter Teil

Nachwort

Geständnis des Autors

The uncertain glory of an April day … Jeder, der sich für Shakespeare begeistert, kennt diese Worte – und sollte ich meinen Roman in einer einzigen Zeile zusammenfassen, so wäre es diese.

Es gibt einen Moment im Leben, da ist es, als erwache man aus einem Traum. Man ist nicht länger jung. Es war abzusehen, dass man nicht ewig jung bleiben würde; und was war das überhaupt – jung sein? Ma jeunesse ne fut qu’un ténébreux orage, sagt Baudelaire: »Meine Jugend war nur ein düsteres Gewitter«; und vielleicht gilt das für jede Jugend, früher, heute und in künftigen Zeiten. Ein düsteres Gewitter, durchzuckt von glänzenden Blitzen – flüchtigem Glanz – ein Apriltag …

In diesen stürmischen, schwierigen Jahren sind wir von einem dunklen Eifer getrieben; wir suchen, bewusst oder unbewusst, nach einem Glanz, einem Ruhm, den wir nicht definieren könnten. Wir suchen ihn in vielen Dingen, vor allem in der Liebe – und im Krieg, wenn dieser unseren Weg kreuzt, wie das bei meiner Generation der Fall war.

Der Durst nach diesem Glanz macht sich in bestimmten Augenblicken des Lebens besonders schmerzhaft bemerkbar, und je größer der Durst, desto flüchtiger – und damit meine ich, desto rätselhafter – ist der Glanz, nach dem wir dürsten. Mein Roman versucht gerade dies: einige dieser Augenblicke in einigen seiner Figuren zu erhaschen. Mit welchem Ergebnis? Das müssen andere als ich beurteilen.

Aber ich weiß, dass man dem, der viel liebt, viel verzeiht. Früher verehrten die Menschen den heiligen Dismas und die heilige Maria Magdalena; sie waren nicht so neunmalklug wie heute und versuchten nicht, die Leidenschaft, die tief in uns allen schlummert, unter Doktorarbeiten und abstrakten Aussagen und Theorien zu verstecken.

Wir sind Sünder, die nach Glanz dürsten. Denn der Glanz ist unsere Bestimmung.

Barcelona, Dezember 1956

ERSTER TEIL

Was seht Ihr? Ich sehe, sagte Andrenio, dass die gleichen Bürgerkriege wie vor nunmehr zweihundert Jahren …

Gracián, Criticón

I

Cito uolat, aeterne pungit.

Castel de Olivo, 19. Juni

Ich erfreue mich bester Gesundheit, bin aber wehleidig wie ein kränkelndes Kind.

Ich will Dir nicht erzählen, wie sehr ich unter dem Dienst in einer Division gelitten habe, die mir verhasst war. Schließlich habe ich es geschafft, mich versetzen zu lassen, komme voller Vorfreude hier an … und wieder bricht alles über mich herein.

Eigentlich hatte ich gehofft, Juli Soleràs hier zu finden. Man hatte mir gesagt, er sei im Feldlazarett, ob verwundet oder krank, weiß ich nicht; doch jetzt hat sich herausgestellt, dass er bereits entlassen wurde. Unter all den vielen Gesichtern, die seit Kriegsbeginn wie in einem wirren Fiebertraum vor meinen Augen vorübergezogen sind, habe ich nicht ein bekanntes entdeckt.

Der Oberstleutnant der Ersten Brigade hat mich scharf über den Grund für meine Verspätung befragt. Das ist verständlich, wenn man bedenkt, wie viele Tage zwischen dem Einberufungsbefehl und meinem Eintreffen bei der Brigade liegen, aber er hat sich mit der schlichten Erklärung »Angina« zufriedengegeben. Und doch hat mich diese erste Begegnung gekränkt. Hatte ich etwa erwartet, mit offenen Armen empfangen zu werden? Wir wissen nichts von den anderen und wollen nichts von ihnen wissen; gleichzeitig erwarten wir, dass die anderen tief in uns hineinblicken. Unser Verlangen, verstanden zu werden, ist nur mit unserer Unlust vergleichbar, die anderen zu verstehen.

Denn, das will ich Dir nicht verhehlen, die Leute hier um mich herum sind mir zutiefst gleichgültig. Wenn sie mir wenigstens unsympathisch wären!

Genau genommen hatte der Oberstleutnant allen Grund, mir zu misstrauen. Ein Leutnant, der sich von einer Kampfeinheit in eine andere, neu gebildete Einheit versetzen lässt, sodass er für Wochen, vielleicht Monate weit weg von der Front ist, könnte für böses Gerede sorgen. In diesen regulären Brigaden kann niemand sich vorstellen, was für eine Hölle jene improvisierten sind, welche aus Männern bestehen, die aus den Straf- und Irrenanstalten entkommen sind und von erleuchteten Spinnern angeführt werden. Das weiß nur, wer es wie ich elf Monate lang erlebt hat.

Ich komme mir vor wie eines jener Maultiere, die von Wunden und vom Zaumzeug verursachten Druckstellen übersät sind, die Maultiere der Zigeuner, deren ungeheure Schicksalsergebenheit in gewisser Weise an die Schwermut des Abendhimmels erinnert. Tag um Tag ziehen sie das fahrende Volk auf endlosen Wegen, ohne die Hoffnung, jemals Gerechtigkeit zu erlangen. Wer würde einem Maultier schon Gerechtigkeit widerfahren lassen? Die Nachwelt?

Das Leben reibt uns auf wie das Geschirr die Haut des Maultiers. Manchmal frage ich mich voller Entsetzen, ob die Wunden, die das Leben uns schlägt, nicht bis ans Ende unseres Lebens schwären werden – oder darüber hinaus. Diese elf Monate in der Hölle …

Wie es scheint, werde ich dem Vierten Bataillon zugeteilt, das noch völlig neu aufgestellt werden muss. So lange werde ich in diesem trostlosen Kaff meine Zeit totschlagen müssen; und ich habe Dir so viel zu berichten! In den Briefen an Dich kann ich mich aussprechen, auch wenn sie Dich nie erreichen werden. Gib’s zu, unsere Familie hat Dich ebenso angewidert wie mich, und Du bist aus demselben Grund dem Orden von Sant Joan de Déu beigetreten, aus dem ich Anarchist geworden bin. In dieser Hinsicht hatte unser Onkel recht.

20. Juni

Als ich heute aufgestanden bin, erschien mir das Leben wieder lebenswert, und das einzig und allein, weil ich ein Eckchen für mich alleine habe. Ich bin auf dem Dachboden eines Bauernhauses einquartiert, dessen Galerie auf den Obstgarten hinausgeht. Durch den Garten fließt glitzernd der Parral. Ich wohne direkt unter dem Dach; vom Bett aus sehe ich die rötlichen, krummen Dachbalken – aus Pinie oder Wacholder – und die Schilfmatten; durch die Schilfmatten hindurch lassen sich die Dachziegel erahnen. Der Boden ist nicht gefliest und bebt, wenn man darüber geht. An den Wänden haben sich viele der anderen Offiziere verewigt, die im Laufe dieses Kriegsjahres vor mir hier einquartiert waren. Hir giebts hübsche Medchen steht mit Bleistift auf das Kopfteil des Bettes gekritzelt. Eine tiefschürfende Betrachtung; ich hatte noch keine Zeit, mich zu vergewissern, ob sie ebenso wahr wie tiefschürfend ist. Daneben gibt es zahlreiche weitere Inschriften, alle bezogen auf die weibliche Dorfbevölkerung, aber weitaus weniger lapidar. Einige von ihnen sind mit Zeichnungen versehen, die so schematisch sind, dass sie an Einsatzpläne erinnern.

Nichts von Bedeutung also. Jeden Morgen dringt die Junisonne durch die Galerie bis in den hintersten Winkel meiner Schlafkammer und verwandelt alles; mit der Sonne strömen die Düfte des Gartens nach gemähtem Süßklee, frischem Mist und anderem, schwer zu Bestimmendem herein. Mein Dachboden besitzt sein eigenes Aroma; in besseren Zeiten hat er als Kaninchenstall gedient. Mich stört der immer noch in der Luft hängende Gestank nicht, im Gegenteil: Mir leistet er Gesellschaft.

21. Juni

Heute bin ich nach Parral del Río spaziert, wo ich, wie man mir sagte, Juli Soleràs finden könne.

Der Ort ist vom Krieg zerstört und völlig verlassen. Unweit davon liegt eine durch einen Schützengraben und mehrere Maschinengewehrnester aus Stahlbeton gesicherte Stellung, die Soleràs’ Kompanie beherbergt. Aber er war nicht da; stattdessen nahm mich ein Leutnant in Empfang, der als Kompaniehauptmann fungiert: ein Kerl Ende vierzig mit protzigen Jagdstiefeln und schleppendem Gang, der ständig eine s-förmige Pfeife im Mund hat. Seine pechschwarzen, mandelförmigen Augen mustern einen mit ungeheurer Durchtriebenheit, während ihr Besitzer in aller Unschuld seine Pfeife schmaucht, als ob nichts wäre.

»Bist du ein Freund von ihm?«

»Wir kennen uns seit vielen Jahren. Wir haben zusammen die Oberschule besucht und dann studiert.«

»Ich lege großen Wert auf Bildung, musst du wissen« – seine S-Laute zischen eigenartig, vermutlich trägt er ein Gebiss – »und habe was übrig für studierte Männer. Deshalb bin ich Hausmeister an der Naturwissenschaftlichen Fakultät geworden; die Wissenschaft hat mich schon immer interessiert. Ich war fünfunddreißig und damit zu alt, um weiter in der Fremdenlegion zu dienen. Das ist was für die Jungen, die sich von Mutters Rockzipfel lösen wollen. Was mich betrifft, tut es mir immer noch leid, dass ich nicht mehr dabei bin … in Afrika gibt’s Mädchen, die hinterlassen eine bleibende Erinnerung … aber man soll bescheiden sein und nicht immer von sich selbst reden. Offen gesagt: Afrika ist ein Schweinestall, die kennen dort weder Sauberkeit noch Bildung! Da ist ein Lehrstuhl als Hausmeister besser, das kannst du mir glauben.«

Ungelogen: Er sagt tatsächlich »Lehrstuhl«, mit stolzgeschwellter Brust und ohne mit der Wimper zu zucken. Das Wort zischt wunderbar zwischen seinen falschen Zähnen hervor, mit einem Laut, wie ihn der Schnabel eines sprachbegabten Wasservogels hervorbringen könnte. Anscheinend fühlte er sich, kaum dass er den Lehrstuhl als Hausmeister innehatte, bemüßigt, eine »Landpartie« (wie er es nannte) bis zum letzten Dorf des Vall d’Aran zu unternehmen, um eine erste Liebe zu finden – und die Soutane an den Nagel zu hängen, denn dieses mustergültige Leben hatte natürlich im Priesterseminar seinen Anfang genommen. Vor nunmehr sieben Jahren hatte der gute Mann also festen Schrittes den Weg der Bildung und des heiligen Bunds der Ehe eingeschlagen. Aber ich war ja nach Parral del Río gekommen, um Neues von Soleràs zu hören, und nicht, um alles über das Leben und die Heldentaten des Leutnant Picó zu erfahren.

»Soleràs? Das ist eine lange Geschichte. Nicht, dass er degradiert worden wäre, aber er ist ein so merkwürdiger Kerl, dass man ihn mit keiner offiziellen Aufgabe betrauen kann. Also lasse ich ihn die Buchhaltung der Kompanie erledigen.«

»Die Buchhaltung?«

»Komm mit mir zum Bad, dann erzähle ich dir unterwegs das Geheimnis. Du würdest es früher oder später sowieso von den anderen erfahren; in der gesamten Brigade ist nicht einer, der die Geschichte von Rolands Hörnern nicht kennt.«

Während wir sprachen, gingen wir zum Parral hinunter, der zwischen drei, vier Reihen jahrhundertealter Pappeln dahinfließt. Oberstleutnant Picó, der, wie wir bereits wissen, auf Sauberkeit ebenso großen Wert legt wie auf Bildung, hat dort mit lehmgefüllten Säcken eine Staumauer errichten lassen. Das Wasser sammelt sich in einem recht großen, etwa zwei Armlängen tiefen Becken. Das ist, um Picó wörtlich zu zitieren, die Badeanstalt. Etwa zwei Dutzend Soldaten lagen splitterfasernackt in der Sonne; bei unserer Ankunft sprangen sie auf und standen stramm, je vier Mann hintereinander, ein überraschender und – offen gestanden – grotesker Anblick. Picó ließ mit ernster Miene durchzählen. Einer fehlte, und auf die Frage, warum, hieß es: »Im Sanitätszelt der Brigade zur Magenspülung.« (Diese Maschinengewehr-Kompanie gehört keinem Bataillon an und muss deshalb zum Brigadearzt.)

»Weggetreten!« Bei diesem Ruf des Oberstleutnants stürzten sich die zwei Dutzend Männer im Adamskostüm ohne Feigenblatt gleichzeitig ins Becken.

»Wenn ich nicht unerbittlich hinterher wäre, würden sich viele von ihnen nicht ein Mal in ihrem ganzen versauten Leben baden. Ich könnte dir die Kandidaten auswendig aufzählen. Immer runter mit den Sachen« – er war schon dabei, sich auszuziehen – »hier gibt’s keine Lendenschurze, ganz im Gegenteil; glaub mir, wenn wir unsere Schamteile nicht hätten, wäre das noch viel peinlicher. Ich will den Filzläusen und den Schmuddelromanen den Garaus machen, den beiden Plagen des Krieges, wie schon Napoleon sagte.«

Als wir im Gras in der Sonne lagen, erzählte er mir Soleràs’ Geschichte:

»Ein äußerst gebildeter junger Mann – deshalb wollte ich ihn in meiner Kompanie haben –, aber er stinkt wie ein Fuchs. Ich kann mich nicht erinnern, dass er auch nur ein einziges Mal gebadet hätte, seit er bei mir ist. Drohungen fruchten bei ihm nicht, und man weiß nie, mit welcher Ausrede er einem kommt. Er hatte das Kommando über ein Nest, das etwas abseits von den anderen lag, und weil er ein Schlamper ist, hatte er keine Glöckchen an den Stacheldraht gehängt. In einer nebligen Nacht haben die anderen den Stacheldraht mit einer Gartenschere durchtrennt und im Morgengrauen einen Überraschungsangriff gestartet. Die Soldaten sind in panischer Angst auseinandergestoben, und Soleràs ist allein zurückgeblieben. Du musst wissen, er ist kurzsichtig, aber wild wie ein Tiger, wenn’s ans Schießen geht. Er hat sich also an eines der Maschinengewehre gesetzt und Faschisten abgeknallt, dass es eine Freude war.«

»Er ganz allein?«

»Mit seinem Helfer und den beiden MG-Schützen. Die verstreuten Soldaten kommen nach und nach zurück, die Lage beruhigt sich, und ich bin gerade dabei, ein Schreiben aufzusetzen, um seine Beförderung zum Leutnant vorzuschlagen. Und jetzt halt dich fest: Es kommt ein zweiter Angriff, die Soldaten halten stand – und diesmal ist es Soleràs, der sie im Stich lässt!«

»Wie meinst du das?«

»Nach stundenlanger Suche haben sie ihn schließlich versteckt in einer Höhle gefunden, wo er in einem pornographisches Büchlein las. Als er sie sah, hat er es schnell weggesteckt.«

»Und woher weiß man dann, dass es pornographisch war?«

»Wegen des Heiligen. Der Heiligenfigur auf dem Umschlag. Es ist ein Buch mit Heiligen. Außerdem kennt es jeder Soldat in dieser Brigade: Los cuernos de Roldán – Rolands Hörner. Manche kennen es sogar auswendig! Du kannst dir ja vorstellen … Wir hätten ihn erschießen lassen müssen … aber wer hätte das schon übers Herz gebracht? Ihn erst befördern und dann an die Wand stellen. Einen so gebildeten jungen Mann …«

Von Parral del Río bis Castel de Olivo sind es acht Kilometer flussab; ein wunderschöner Spaziergang immer am Wasser entlang. Ich genoss die Stille und Einsamkeit. Als ich noch etwa eine Viertelstunde von den Dorfwiesen entfernt war, die den Ort umgeben, ließ ich mich unter einem riesigen Nussbaum nieder, dem vielleicht größten, den ich je gesehen habe, und machte mich über die frischen Walnüsse her. Sie sind noch nicht ganz reif, und meine Finger färbten sich gelb und verströmten einen bitteren, leicht medizinischen Geruch. Das war es, was mir Vergnügen bereitete: an den Fingern und im Mund die ganze medizinische Bitterkeit der Natur zu spüren.

Es war schon spät am Nachmittag. Verborgen im üppigen Laub des Nussbaums sang ein Pirol; manchmal sah ich ihn leuchtendgelb aufblitzen. Den Kopf aus dem Wasser gestreckt, übte eine Kröte behutsam die einzige Note ihrer Flöte; eine Meeresbrise ließ die Federbüschel des Schilfs wogen, und Venus am Horizont war wie die gläserne Träne, die die barocken Schmerzensmadonnen auf den Wangen tragen. Aber wer auf der Suche nach dem Verlorenen Paradies des Barock nach Castel de Olivo käme, würde enttäuscht. Die Landschaften Niederaragoniens sind schmerzerfüllt, aber nicht wirklich barock, und für mich, der ich nie zuvor hier gewesen bin, ganz und gar neuartig. Entgegen landläufiger Meinung sind sie so ganz anders als die Landschaften Kastiliens, wo ich den Großteil der letzten elf Monate verbracht habe. In den ersten Tagen habe ich mich in ihnen verloren, bis ich verstanden habe, dass sie nicht dem Raum angehören, sondern der Zeit, dass sie nicht Landschaften sind, sondern vielmehr Augenblicke. Man muss sie zu betrachten wissen, wie man einen Augenblick betrachtet, wie man dem flüchtigen Augenblick direkt ins Angesicht schaut.

Nachdem man einmal ihr Geheimnis entdeckt hat, möchte man sie gegen keine andere Landschaft auf der Welt eintauschen.

Soleràs hat seltsame Anwandlungen. Die Geschichte von der Höhle und Los cuernos de Roldán hat mich nicht überrascht, sogar eher enttäuscht, denn ich hatte etwas Verrückteres erwartet.

Im letzten Jahr der Oberschule sah er schon aus wie ein Mann unbestimmten Alters. Ich glaube, er hatte Schwierigkeiten mit seiner Familie; unter anderem aufgrund dieser Gemeinsamkeit fühlten wir uns zueinander hingezogen. Aber wer war eigentlich seine Familie? Das blieb ein Rätsel. Möglicherweise niemand außer einer alten Tante; jedenfalls mied er das Thema stets. Soweit ich mich erinnern kann, hat er nie irgendeinen anderen Verwandten erwähnt. Die Tante war eine betagte Jungfer, die Visionen hatte: Ihr erschien die heilige Philomena und sprach zu ihr (übrigens auf Spanisch). Ich weiß nicht einmal genau, wo er wohnte; ich habe den Eindruck, dass er sich schämte. Aber wofür? Die Tante muss reich gewesen sein, denn zum erfolgreichen Schulabschluss spendierte sie ihm eine wunderbare Reise mit allen Schikanen: Deutschland, Russland, Ungarn und Bulgarien. Die Länder hatte er ausgesucht – nichts von wegen England, Frankreich oder Italien! Er wollte Länder kennenlernen, die sonst niemand bereist, und mit den Büchern hielt er es genauso: Schopenhauer, Nietzsche, Kirkegart (ich weiß nicht, ob er sich so schreibt), von denen ich bezweifle, dass außer ihm jemals jemand die Geduld aufgebracht hat, sie sich anzutun.

Nur: Wieso schämte ausgerechnet er, der eine Schwäche für verschrobene Leute hatte, sich für seine Tante? Er war derjenige, der mich in die Geheimnisse des Spiritismus, der Theosophie, der Freud’schen Lehre, des Existentialismus, des Surrealismus und des Anarchismus einführte; Theorien, von denen 1928, vor fast zehn Jahren, als wir aus der Schule kamen, einige ganz neu waren. Über den Marxismus sagte er mir immer, der sei die Mühe nicht wert, nur nervtötend und durch und durch ordinär: »Zu wenig Phantasie«, erklärte er. »Trau niemals jemandem, der keine Phantasie hat: Der wird dir immer den letzten Nerv rauben.« Hingegen war er höchst interessiert an sexuellen Perversionen; er kannte Leute, die unter den verschiedensten Manien litten, und immer, wenn er eine neue entdeckte, packte ihn die Begeisterung des Sammlers, der ein bislang unbekanntes Exemplar entdeckt.

Da die von Visionen heimgesuchte Tante andererseits nicht knauserte, konnte er maßlos rauchen und trinken, eine weitere Tatsache, die ihm in unseren sechzehnjährigen Augen ein gewisses Ansehen verlieh. Um sich wichtig zu tun, wollte er uns sogar weismachen, dass er regelmäßig Lasterhöhlen besuche und Morphium spritze; aber es war zu deutlich, dass das nur Hochstapelei war.

Durch ihn lernte ich auch Trinis Familie kennen: Vater und Mutter Volksschullehrer, ein Bruder, der Chemie studierte, allesamt Anarchisten. Sie lebten in einer dunklen, schäbigen Wohnung im Carrer de l’Hospital. Das kleine Wohnzimmer war mit einer schrecklich deprimierenden, ochsenblutroten Tapete ausgekleidet; es gab vier Wiener Schaukelstühle und einen kleinen, schwarzen Tisch mit weißer Marmorplatte, und waren mehr als vier Personen im Raum, musste einer auf dem Sofa Platz nehmen, das zugleich als Trinis Bett diente, da die Wohnung winzig war. Am meisten beeindruckten mich die gerahmten Drucke an den Wänden, vor allem eine Allegorie der föderalen Republik mit einem Foto von Pi i Margall mit einer phrygischen Mütze zwischen zwei vollbusigen Matronen: Helvetia stand unter der einen, America unter der anderen. Sie stammten aus der Zeit von Trinis Großvater, der zeitlebens Föderalist gewesen war. Einen Ort wie diesen hatte ich noch nie zuvor gesehen, und weil alles neu für mich war, gefiel es mir. Ich glaube, auch Soleràs hatte nur deshalb Spaß daran.

Dienstag, 22. Juni

Da ich zuletzt von Drucken sprach: Der Druck, der bei der Bauersfrau im Wohnzimmer hängt, bei der ich einquartiert bin, hat mich gepackt. Es ist ein Stahlstich, vermutlich vom Anfang des letzten Jahrhunderts, der eine Mater Dolorosa darstellt – eben eine jener barocken Schmerzensmadonnen mit einer großen Träne auf jeder Wange und sieben Dolchen, die ihr Herz durchbohren.

»Sie betrachten das Bild so oft«, hat die Bauersfrau zu mir gesagt, als sie mir das Mittagessen auftischte. Obwohl schon in den Vierzigern, ist sie blond, drall und frisch; sie hat viele Jahre in Barcelona als Dienstmädchen gearbeitet und spricht besser Katalanisch als viele von uns. »Haben Sie noch nie eine Muttergottes mit diesen sieben Dolchen gesehen? Es ist die Jungfrau von Olivel, die hier in der Gegend sehr verehrt wird. Die Menschen haben großes Vertrauen in sie als Schutzheilige bei Eheproblemen und Familienstreitigkeiten …«

Seufzend warf sie einen raschen Blick auf sie.

»Wir alle, die Frauen hier, tragen diese Dolche in unseren Herzen. Was wir hier führen, ist kein Leben. Arme Jungfrau von Olivel! Nicht einmal sie hat man verschont, wo soll das bloß alles enden! Ich wäre auch am liebsten weit fort.«

»Gefällt es Ihnen hier nicht?«

»Was soll ich sagen? Es geht doch nichts über Barcelona. Ich vermisse meine Zeiten als Dienstmädchen, als ich sonntags nachmittags mit anderen jungen Leuten ausgegangen bin; und all die lustigen Lieder … Kennen Sie noch das Lied vom Katzenbrunnen und Marieta mit dem kecken Blick?«

Sie stimmte das Lied an, ich fiel ein, und zusammen schmetterten wir:

Vom Katzenbrunnen herunter

Kam ein Mädchen, kam ein Mädchen …

Aber als wir mit diesem frivolen Liedchen fertig waren, standen ihr Tränen in den Augen.

»Hier sind Sie doch aber Ihre eigene Herrin«, sagte ich.

»Über ein paar Krumen Erde. Ich wäre viel lieber in Barcelona, hier ist alles schmutzig und trist. Das werden Sie schon noch feststellen. Und ich bin nicht die Einzige, die so denkt, oh nein; bei uns allen, die wir in Barcelona gedient haben, ist es das Gleiche. Wir sind vier. Können Sie sich vorstellen, dass wir miteinander Katalanisch reden? Dann haben wir das Gefühl, es ist wieder wie früher, und wir sind wieder jung.«

»Ich finde, Sie übertreiben.«

»Bah, wenn Sie erst einmal gesehen haben, dass die Frauen hier in den Dörfern im Stehen essen, weil nur die Männer am Tisch sitzen dürfen, und dass sie keinen Wein trinken dürfen, wenn ein Mann dabei ist, selbst wenn es der eigene Ehemann ist …«

»Meinen Sie das ernst?«

»Und ob! Fragen Sie Ihre Kameraden, die schon seit Monaten hier sind! Was war das anfangs für ein Skandal, als sie darauf gewartet haben, dass die Frauen Platz nehmen, bevor sie anfingen zu essen! Wenn man eine Frau auffordert, sich zu einem an den Tisch zu setzen, heißt das, man hält sie für eine …«

»Gut, dass Sie mich vorgewarnt haben. Andere Länder, andere Sitten.«

»Ja, aber das Schlimmste ist der Dreck. Eine Frau, die sich badet, wird scheel angesehen, denn hier baden nur die sündigen Frauen. Es gab hier mal eine, das ist schon Jahre her, die war so alt wie ich oder ein bisschen älter und hatte auch in Barcelona gedient. Sie war zum Dorffest hergekommen, um für ein paar Tage ihre Eltern zu besuchen. Es war August, es war heiß, und sie war von der Zugfahrt voller Ruß. Da kam ihr der Waschzuber in der Küche wie gerufen. Was hat sie da angerichtet! Ihre Mutter überraschte sie, wie sie im Waschzuber saß, nahm einen Stock und schlug – zack! – den Zuber mitten entzwei. Der Vater – er wird Cagorcio genannt, der Hosenscheißer, was für ein Spitzname! –, der gerade Mittagsschlaf hält, hört den Lärm, steht von seinem Strohsack auf, und was glauben Sie, was er tut? Er verflucht seine Tochter und wirft sie hinaus.«

»Donnerwetter, darüber wird man ihm im Dorf aber ordentlich die Leviten gelesen haben!«

»Im Dorf? Wollen Sie wissen, was man da gesagt hat? ›Teufel auch, der Cagorcio, das ist ein ganzer Kerl, der traut sich was …‹«

»Und was ist aus diesem Musterbeispiel väterlicher Liebe geworden?«

»Er hat sich freiwillig gemeldet – für die andere Seite.«

»Und das Mädchen?«

»Das ist eine lange Geschichte, und was bringt’s, sie zu erzählen? Zuerst ist sie nach Barcelona zurückgegangen, dorthin, wo sie gedient hat. Und danach … Es hat viel Gerede gegeben, aber in Castel de Olivo haben wir sie nie wieder gesehen. Sie lebt in einem anderen Dorf: eben in Olivel de la Virgen.« Sie zeigte auf die Mater Dolorosa. Ich hatte den Eindruck, dass sie mir irgendein wichtiges Detail über Cagorcios Tochter verschwieg, aber was geht mich letztlich diese wüste Geschichte an?

Vermutlich hat die Frau gar nicht mal so unrecht. Ich habe kürzlich ein ungewöhnliches Schauspiel beobachtet: Die jungen Mädchen des Dorfes haben unter sengender Sonne ein Süßkleefeld gemäht, verschwitzt und mit weit geöffneten Miedern. Zuerst dachte ich, das läge vielleicht am Krieg, daran, dass es keine Männer gibt, aber nein: Noch hat keine Einberufung stattgefunden, und von den Dorfburschen sind nur die Freiwilligen im Krieg, sehr wenige und alle, wie Cagorcio, auf der Gegenseite. Du musst wissen, dass wir hier nicht Republikaner genannt werden, sondern Katalanen, »los catalanes«; ihre Sympathie oder Antipathie gründet also nicht darauf, was man in Barcelona denkt (vorausgesetzt, in Barcelona wird überhaupt etwas Vernünftiges gedacht), sondern auf der Sympathie oder Antipathie, die sie Katalonien entgegenbringen. Uns Neuankömmlinge hat das überrascht, aber so ist es. Nun gut, die Frauen mähen also, weil die Frauen immer schon gemäht haben; meine Hauswirtin hat mir aber darüber hinaus erzählt, dass es die Frauen sind, die Korn dreschen, Wein lesen und Mist karren. Diese Mädchen wären eine Augenweide, würden sie nicht von der harten Arbeit unter glühender Sonne vorzeitig welken; und dann der Schmutz … Mit zwanzig sehen sie schon aus wie alte Frauen. Viele von ihnen sind blond und blauäugig; man sieht, dass es hier viele Vertreter der sogenannten »nordischen Rasse« gibt.

Und Soleràs scheint ebenso vom Erdboden verschluckt wie Cagorcios Tochter. Wenn man bedenkt, dass ich mich in diese Brigade habe versetzen lassen, um ihn zu sehen, in der Nähe eines Freundes zu sein! Allmählich fürchte ich, dass er mich meidet; oder wie erklärt es sich sonst, dass ich ihn nirgends finde?

Mittwoch, 23.

Er hat mich in meinem Quartier besucht. Endlich!

Mager, fahl, bartstoppelig, kurzsichtig: Soleràs, wie man ihn kennt. Ich bin aufgesprungen, um ihn zu umarmen; aber er hat mich nur misstrauisch gemustert und dann gemurmelt:

»Mach bloß keine Umstände.«

Ich habe ihm gesagt, dass ich mich hierher habe versetzen lassen, um in seiner Nähe zu sein.

»Ach was, bald wirst du mich genauso über haben wie die anderen. Hier gibt es keinen, der mich erträgt, angefangen vom Kommandanten der Brigade bis hin zur letzten Laus im Schützengraben.«

Seine Stimme klingt wie immer, ein tiefer Bass, der manchmal – vor allem, wenn er sein Gegenüber auf den Arm nehmen will – einen salbungsvollen Tonfall annimmt.

»Für mich bist du mein bester Freund.«

»Genau darum bin ich gekommen: Um dir zu sagen, dass wir uns besser nicht sehen sollten, dass es idiotisch wäre, wenn wir uns sehen. Ich habe erfahren, dass du mich gesucht hast. Das ist idiotisch, vollkommen idiotisch.«

»Und warum ist das idiotisch?«

»Eben darum, weil ich dein bester Freund bin.«

Er lachte bei seinen Worten, dieses abgehackte Lachen, das typisch für ihn ist und an das Gackern eines Huhns erinnert.

»Du willst erreichen, dass ich böse auf dich bin, Juli«, sagte ich, etwas überfordert von seinem rätselhaften Verhalten. »Ich verstehe nicht, warum dir so viel daran liegt; ist das eine neue Marotte von dir?«

»Armer Lluís, wenn du wüsstest … Ich bin Brigadier. Weißt du, was das ist, ein Brigadier? Nein, das weißt du nicht. Ich habe es selbst nicht gewusst, bevor ich einer geworden bin; wir sind noch so grün, was militärische Begriffe betrifft, obwohl wir schon seit elf Monaten bis zum Hals drinstecken! Ein Brigadier ist … Wie soll ich es erklären? So etwas Ähnliches wie ein Ladenschwengel. Und dazu sind wir in den Krieg gezogen? Ich zähle die Kichererbsen.«

»Das weiß ich alles schon. Ziemlich merkwürdig, zugegebenermaßen.«

»Hat Picó dir das erzählt? Ein praktisch veranlagter Mann, dieser Picó! Wenn du wüsstest, wie sie mich anwidern, diese praktisch veranlagten Männer … Sie sind die Herren der Welt, und die Welt kann mich mal kreuzweise. Mmm … Praktisch veranlagte Männer! Haben keinerlei Verständnis dafür, dass man geht, wenn einem der Sinn danach steht! Was sollte ich dort noch, wenn das Ganze für mich völlig uninteressant geworden war? Lesen wir etwa den gleichen Roman zwei Mal? Eine Empfindung stumpft ab, wenn man sie wieder und wieder erlebt. Wiederholungen sind ermüdend. Natürlich gibt es Ausnahmen; rühmliche Ausnahmen. Es ist wie in der Grammatik: Vor e und i schreibt man immer g, außer bei rühmlichen Ausnahmen wie Jehova, Jesus und Jeremias.«

»Du findest dich selbst wohl sehr witzig, wie immer.«

»Als ich zwölf war, hat meine Tante mich einen Sommer lang mit nach La Godella genommen, auf ein Landgut, das ihr gehört. Dort gibt es eine Höhle mit Stalaktiten, und sie wollte, dass ich mich dafür begeistere. Natürlich pflegte ich damals schon die hohe Kunst der Heuchelei, und so habe ich ihr gegenüber meine schrankenlose Bewunderung für die Stalaktiten zum Ausdruck gebracht und eine ebenso schrankenlose Bewunderung für die Stalagmiten. In Wahrheit aber liebte ich die Zuggleise: Die betrachtete ich stundenlang! Und ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, obwohl ich demütig anerkennen muss, dass es sehr verdienstvoll gewesen wäre, ihr zu widerstehen. Ich grub ein Loch zwischen zwei Schwellen, nicht besonders tief, gerade so, dass mein Kopf nicht über die Schwellen hinausragte, wenn ich mich hineinkauerte. Du hast es wohl schon verstanden: Es ging darum, dort drin zu hocken, während der Express über mich hinwegbrauste (der, weil er in La Godella nicht hält, an dieser Stelle mit voller Geschwindigkeit fuhr). Was für ein Gefühl, einen Express über sich hinwegrasen zu spüren! Einige Jahre später entdeckte ich dasselbe Kunststück in den Brüdern Karamasow, sodass man mich des Plagiats bezichtigen könnte; aber ich schwöre dir, dass ich mit zwölf Dostojewski noch nicht gelesen hatte. Stattdessen zwang mich die Tante, Bossuets Trauerreden zu lesen, ob ich wollte oder nicht. Aber diese Sache mit dem Express ist sowieso ziemlich weit verbreitet. Ich habe so viele kennengelernt, die das im gleichen Alter wie ich gemacht haben, in den Jahren der Unschuld! So viele … Es ist wirklich schwierig, etwas wahrhaft Neues zu finden, etwas, das nicht schon Tausende und Abertausende vor dir ausprobiert haben! Ich fühlte, wie der ganze Express über mich hinwegraste; das war ein Gefühl, verstehst du?; auch wenn ich dir ganz offen sagen muss, dass mir das Wichtigste fehlte. Das Wichtigste bei einem Gefühl, weißt du, ist es in fremden Augen zu lesen. Das ist eine unserer größten Schwächen: Dass unsere Gefühle, um wahrhaft zu sein, einen Komplizen brauchen. Ich habe Nati vorgeschlagen mitzugehen. Habe ich dir eigentlich jemals von ihr erzählt? Sie war zwölf wie ich – aber was für eine Zwölfjährige! Sommersprossig, brünett, mit glatter Haut und einem Duft nach warmem Heu … und diesem angriffslustigen Blick, den die Unschuld hervorbringt, wenn sie mit reiner Lebensfreude gepaart ist. Sie war die Tochter der Pächter meiner Tante, in La Godella geboren und aufgewachsen; ich glaube, sie war noch nie aus dem Ort hinausgekommen. Ich konnte sie überreden, mir zuzusehen, wie ich mich in die Grube kauerte und der Express über mich hinwegfuhr – aber mitmachen? Die bloße Vorstellung jagte ihr Todesangst ein. ›Nun ja‹, sagte ich zu ihr, ›genau darum geht es ja: Todesangst auszustehen.‹ Wenn ich dir erklären könnte, wie köstlich die Angst ist! Aber was hat man davon, wenn man sie ganz allein durchlebt? Doch da war nichts zu machen, sie wollte nicht; und dabei duftete sie nach frisch gemähtem Gras … und diese Augen … Solange es solche Augen auf der Welt gibt, wird die Menschheit nicht müde, wieder und wieder zu tun, was Adam und Eva schon am ersten Tag getrieben haben. Wie ich bereits sagte: rühmliche Ausnahmen, Dinge, die es wert sind, in saecula saeculorum wiederholt zu werden bis zum Ende der Welt. Allerdings bin ich mir keineswegs sicher, dass der Krieg dazu gehört; die erste Schlacht hat vielleicht noch den Reiz des Neuen, die zweite ist ganz passabel, aber wenn du erst ein paar hinter dir hast … Manche Details sind von einer derart bedauerlichen Obszönität, dass sie dir, wenn du sie öfter erlebst, den letzten Nerv rauben.«

»Wovon sprichst du?«

»Meinen Burschen hat es erwischt, als er mir gerade einen Kaffee mit Schuss bringen wollte; in solchen Augenblicken brauche ich eine ganze Kanne Kaffee mit viel Rum. Der gesamte Kaffee lief aus, und mit dem Kaffee das Blut dieses Trottels. Er ist ein armer Kerl aus La Pobla de Lillet; seine Familie hat eine Meierei an der Plaça del Pi, wo sie Kuhmilch verkauft. Und nun war er getroffen. Das ist doch ganz hübsch, nicht wahr? Eine Kriegsverletzung, erworben an der Front, mitten im Einsatz; heldenhaft, ruhmreich verwundet! Später kann man das im Hinterland der Frau seines besten Freundes erzählen (der beste Freund ist der, der die heißeste Frau hat): ›Ich wurde in der und der Schlacht verwundet, als ich gerade die Fahne vorantrug …‹ Im Hinterland kannst du ruhig erzählen, dass du die Fahne vorangetragen hast, weil diese Idioten immer noch glauben, dass man das im Krieg so macht. Du könntest ihnen sogar erzählen, du wärst auf einem Pferd dahingeprescht und hättest ein Schwert geschwungen, denn sie glauben alles – oder tun zumindest so, solange sie nur den Krieg nicht aus der Nähe sehen müssen. Aber den armen Palaudàries hat eine Gewehrkugel in die Arschbacke getroffen – und erklär das mal der Frau deines besten Freundes! Selbst wenn du es vornehm umschreiben würdest, ›am verlängerten Rücken‹ oder so, würdest du dich immer noch lächerlich machen. Und was geht mich das an? Absolut nichts! In solchen Situationen mache ich mich lieber aus dem Staub. Ich kann kein Blut sehen, davon wird mir speiübel. Zwei Soldaten haben ihm die Hose heruntergezogen und versucht, die Blutung mit einem Bündel Kräuter zu stoppen, während er laut das Vaterunser betete und nach seiner Mutter schrie. Nach seiner Mutter! Wie sollte die denn kommen, wo sie doch wahrscheinlich gerade an der Plaça del Pi Milch verkaufte? Um es noch mal zu sagen: Die Kugel hat ihn am Arsch erwischt, nur eine Fleischwunde; aber das Blut ist so heftig hervorgesprudelt, dass ich dachte, ich müsste mich übergeben. Da sind mir doch die Mumien tausend Mal lieber! Die sind so vertrocknet, dass absolut nichts an ihnen an so etwas Ekelhaftes wie Blut erinnert. Die Mumien sind ein großartiger Anblick; ich empfehle dir einen Ausflug zum Kloster von Olivel de la Virgen …«

»Mir hat man erzählt, sie hätten dich in einer Höhle versteckt gefunden.«

»Ach ja, mit einem Schundroman, nicht wahr? Ich merke schon, mein Ruf ist bis zu dir gedrungen. Na ja, nicht jeder, der zur Legende werden will, wird es auch. Nimm nur mal Palaudàries – der wird nie zur Legende werden, so sehr er sich auch bemüht, so sehr sie ihm auch den Allerwertesten durchsieben.«

»Also stimmt die Geschichte mit dem Buch gar nicht?«

»Es wäre die erste Legende, die nicht der Wahrheit entspricht. Ich hatte das Buch am Tag zuvor angefangen und wollte wissen, wie es ausgeht. Manche Romane haben ja ein überraschendes Ende. Wenn du willst, leihe ich es dir.«

»Danke, kein Interesse.«

»Du weißt nicht, was du verpasst. In dieser Brigade ist es das Evangelium! Es gibt nicht einen, der den gehörnten Roland nicht kennt. Seine Lektüre hat mir vieles klargemacht, und du würdest auch einiges verstehen. Vielleicht würdest du sogar das Eine oder Andere über dich verstehen, etwas, was du verstehen solltest.«

»Was sollte ich verstehen?«

Bei dieser Frage musterte er mich eindringlich aus seinen kurzsichtigen Augen (seine Eitelkeit verbietet es ihm, eine Brille zu tragen) und stieß einen Seufzer aus.

»Manchmal frage ich mich«, brummte er, »ob auf dieser Welt alle außer mir verrückt sind. Was verstehen? Was ist denn das für eine Frage? Irgendwas verstehen! Alles! Verstehen!«

»Und was hat man davon, wenn man versteht?«

»Ich sehe schon … ich sehe schon, dass du ganz und gar nichts ausprobiert hast. Und dabei gibt es so vieles, was auszuprobieren sich lohnt! Zum Beispiel, im Gras zu liegen, wenn möglich, an einem Spätnachmittag während der Hundstage, wenn das von der Tageshitze erwärmte Gras duftet wie die Achselhöhle eines Bauernmädchens. Daliegen und in den Himmel schauen an einem Nachmittag Anfang August, wenn der Skorpion seinen endlos langen Schweif über den Horizont zieht.« Seine Stimme wurde leiser und voller und nahm einen salbungsvollen Ton an. »Skorpion! Das ist, im Vertrauen gesagt, meine Lieblingskonstellation; dieser giftgefüllte Schwanz, der sich dem Universum entgegenreckt … Das ist es, was uns Menschen fehlt: der Stachel eines Skorpions, mit dem man das ganze Universum vergiften kann.

Sieh mich nicht so an; du weißt, dass ich recht habe und dass es für die ganze Familie wahrhaft befriedigend wäre, einen solchen Giftstachel zu besitzen. Mit Familie meine ich das Menschengeschlecht. Aber da wir nun einmal keinen haben, bleibt uns nichts anderes übrig, als dazuliegen, den Himmel zu betrachten und ihn dann … mit der ganzen Kraft unserer Wut senkrecht anzuspucken! Aber die Spucke kommt zurück und trifft dich mitten ins Gesicht. Newton würde sagen, das Gesetz der Schwerkraft sei dafür verantwortlich. Newton in seiner Besessenheit konnte nichts anderes sehen, er verstand es nicht. Verstehen bedeutet: von seiner eigenen Spucke, dem ohnmächtigen Speichel, mitten zwischen die Augen getroffen werden, ohne zu blinzeln; die gesamte kalte Wut unserer ungeheuren Machtlosigkeit spüren.«

»Eine Schweinerei, um es mal deutlich zu sagen.«

»Wenn du so willst, ist alles eine Schweinerei: obszön und makaber. Hör mal, Lluís, bildest du dir etwa ein, du wärest auf eine andere Weise zur Welt gekommen als die anderen? Und würdest nicht so enden wie wir alle, nämlich in einer ungeheuren Schweinerei? Du bist doch alt genug, um Bescheid zu wissen: Unsere Ankunft ist obszön, unser Abgang makaber. Die Ankunft ist gratis, beim Abgang wird dir das Fell über die Ohren gezogen. Glaub mir: Es lohnt sich, mit geballtem Zorn ordentlich auszuspucken, solange wir noch Zeit dazu haben. Wenn er nicht wusste, wie man es besser macht, oder es nicht besser machen konnte, wieso hat er sich dann überhaupt eingemischt?«

»Wen meinst du?«

Er sah mich verblüfft an, wie überrascht von meiner Begriffsstutzigkeit.

»Du musst es selbst am besten wissen … Schließlich bist du alt genug. Ganz offenbar willst du einfach nicht verstehen. Vielleicht fühlst du dich wohl auf dieser Welt, heimelig und geborgen; vielleicht hast du nie das Gefühl gehabt, ein Fremder auf Erden zu sein. Vielleicht lebst du dein Leben wie all die anderen Dummköpfe; vielleicht bin ich der Einzige, der sein Leben lebt wie das eines Unbekannten, ein Leben, das nicht für mich maßgeschneidert ist, ein Leben, das mir fremd ist.«

»Juli, dieses Gefühl, von dem du sprichst, habe ich auch manchmal, und ich glaube überhaupt nicht, dass es ungewöhnlich ist; es ist viel weiter verbreitet, als du denkst. Wir leben unser Leben nicht; es ist das Leben, das uns lebt. Und das Leben … Besser, man zerbricht sich nicht den Kopf darüber, denn was bringt das schon? Das Leben ist so schön! Es ist ein unergründliches Geheimnis? Und wenn schon, das Geheimnisvolle an ihm macht das Schöne noch reizvoller, wie wir alle wissen. Genau wie die Traurigkeit. Eine traurige, geheimnisvolle Schönheit, ist das nicht faszinierend? Ich schleppe auch meine Traurigkeit mit mir herum, Juli, und versuche, allein damit fertig zu werden.«

Einen Moment lang herrschte Stille zwischen uns, dann stieß er sein gackerndes Lachen aus.

»Ich nehme an, Picó hat dich mit zu seiner ›Badeanstalt‹ genommen, wie er es nennt, um dich zu säubern. Er ist so stolz darauf. Ein praktisch veranlagter Mensch, das lässt sich nicht leugnen. Und seine Hühneraugen sind in vielerlei Hinsicht bemerkenswert.«

Ich muss gestehen, dass die Hühneraugen des Oberstleutnants der MG-Staffel mich in der Tat beeindruckt hatten: Er hatte sechs oder sieben an jedem Fuß, riesig und völlig verhärtet.

»Warum lässt er sie nicht entfernen?«

»Uff! Du kennst ihn nicht. Einmal hat Cruells es versucht. Dieser Cruells ist ein Sanitätsfähnrich hier in der Brigade, bestimmt wirst du ihm irgendwann einmal begegnen. Der wollte Picó die Hühneraugen mit einer neuen Rasierklinge herausschneiden. ›Verschwinde! Hau ab!‹, hat der gebrüllt. ›Da behalte ich doch lieber meine Hühneraugen!‹ Es war nichts zu machen; wir hätten uns alle zusammentun müssen, und einem Mann die Hühneraugen zu schneiden, der um sich tritt …«

»Ich dachte, er sei tapfer.«

»Das will ich gar nicht leugnen. Einmal hat uns ein Siebeneinhalber-Bataillon bombardiert; die Kanoniere hatten die Parallaxen und die Quadratwurzeln so fein säuberlich berechnet, dass die Granaten mitten in unseren Schützengräben krepierten. Es war Picó, der es so ausdrückte: ›Eine fein säuberliche Angelegenheit.‹ In Wirklichkeit war es ziemlich lästig, und wir hatten damals einen blutjungen Fähnrich namens Vilaró, der frisch von der Front kam; Picó ließ ihn nicht einen Moment lang aus den Augen, denn hätte der Fähnrich gekniffen, wären die Soldaten in alle Richtungen davongelaufen, und man konnte es Vilaró ansehen, dass ihm mulmig zumute war. Ständig blickte er sich um. Da nahm Picó sein Gebiss aus dem Mund (in entscheidenden Augenblicken tut er das immer), legte es in ein Wasserglas und stieg auf die Brustwehr. Ohne sein Gebiss sieht er aus wie Voltaire. Er lief auf den Sandsäcken auf und ab, mit seinem merkwürdigen Gang, der aussieht, als hätte er neue Schuhe, die ihm die Hühneraugen verursachen; das Wasserglas mit dem Gebiss hatte er auf einem der Säcke abgestellt, und eine Maschinengewehrsalve ließ es in tausend Stücke zerspringen. Die Soldaten lachten einander heimlich zu und zwinkerten in Richtung Vilaró, bis dieser es bemerkte: ›Ihr traut mir das wohl nicht zu, was?‹ Er sprang auf die Brustwehr, und eine Maschinengewehrsalve riss ihm den Kopf weg, als er gerade weiterreden wollte. Vielleicht haben wir nichts verpasst, vielleicht wollte er bloß ›Scheiße!‹ sagen wie viele andere Helden. Wenn du Picó so richtig zur Weißglut treiben willst, bring die Geschichte aufs Tapet; er weiß, dass er moralisch gesehen diesen Unglücklichen auf dem Gewissen hat.«

»Na hör mal! Wie hätte er denn ahnen sollen …«

»Das war vorherzusehen. Picó hat ein unverschämtes Glück, und das weiß er und nutzt es hemmungslos aus; dem armen Vilaró stand ins Gesicht geschrieben, dass es ihm gerade umgekehrt erging: Man sah ihm auf einen Kilometer Entfernung an, dass er ein echter Pechvogel war.«

»Hör auf, dummes Zeug zu reden, und lass die Toten ruhen.«

»Die Toten ruhen lassen! Das hätten sie wohl gern! Ich rate dir, mal einen Ausflug zum Kloster von Olivel zu machen … Was das Gebiss betrifft: Das ist ziemlich weit weg vom Schützengraben wieder aufgetaucht; zum Glück war es unversehrt. Ich kann dir sagen, ich finde Picós Gebiss viel makabrer als die Mumien des Klosters. Deine Dachkammer ist übrigens äußerst bemerkenswert; ich würde gerne hier wohnen. Du hast aber auch immer ein Glück – immer hast du das, was ich gerne hätte. Ich wäre gerne in einer anarchistischen Brigade gelandet, die aus entflohenen Insassen einer Irrenanstalt besteht, wie du sagst. Dagegen ist unsere Brigade schrecklich gewöhnlich. Ordnung, Sauberkeit und Bildung! Du hingegen … Eine Dachkammer wie diese, mit diesem Duft nach Karnickelstall …«

Er nahm die Wandkritzeleien in Augenschein.

»Hm, nicht schlecht, aber sie könnten besser sein, der Mangel an Phantasie in dieser Brigade treibt mich zur Verzweiflung. Wenn du aus Castel abrückst, werde ich diese Dachkammer für mich reklamieren.«

Olivel de la Virgen, 4. Juli, Sonntag

Nun sind wir in diesem Dorf angelangt, dem Ort, an dem wir das vierte Bataillon der Brigade zusammenstellen sollen.

Diesem Vorhaben stand nur ein kleines Hindernis entgegen: Wir mussten das Dorf zuerst von den Anarchisten zurückerobern. Und wer waren wir, diejenigen, die Olivel von den Anarchisten zurückerobern sollten? Auf dem Papier das vierte Bataillon; in Wirklichkeit aber, da die Rekruten noch nicht eingetroffen waren: Kommandant Rosich (der beschwipst war) mit seinem Ford samt Chauffeur, der Militärarzt Doktor Puig und sein Sanitätshelfer, ein etwa zwanzigjähriger Fähnrich, von dem ich vermute, dass er Cruells heißt, weil Soleràs mir, glaube ich, in Castel de Olivo von ihm erzählt hat; vier Artillerieleutnants, darunter einer, der auf den Namen Gallart hört und im bürgerlichen Leben Kellner war; und zu guter Letzt ein halbes Dutzend Infanteriefähnriche, zu denen zu zählen ich die Ehre habe. Alles in allem »elf Leute und ein Chauffeur«, eine Bemerkung, die Doktor Puig einmal hat fallen lassen und die zu einem geflügelten Wort geworden ist.

Wir sind mit dem Wagen des Kommandanten hierhergefahren, einem großartigen Ford; wer nicht hineinpasste, stellte sich aufs Trittbrett. Einer der Fähnriche nahm auf dem Dach Platz, ein Maschinengewehr zwischen den Beinen. Über den Kühler hatten wir die Fahne gespannt. Von Castel de Olivo aus ist die Straße kaum mehr als ein Karrenweg, ungefähr zwölf Kilometer immer in Richtung Norden. Über die Wasserläufe brachten wir den Ford auf ein paar Planken, die wir zu diesem Zweck mitgenommen hatten und jedes Mal auslegten und wieder einsammelten. Der Offizier mit dem Maschinengewehr schien sich köstlich zu amüsieren, er sang, lachte und fluchte. Er ist klein und mager. Plötzlich sah er mich an und schrie:

»He du! Was warst du früher mal von Beruf?«

»Meinst du mich? Ich bin Magister der Jurisprudenz, habe aber in anderen Berufen gearbeitet.«

»Was ist ein Magister der Jurisprudenz?«

»Etwas Ähnliches wie ein Anwalt.«

»Anwalt! Da brat mir einer einen Storch. Fast so wie ich.«

»Sag bloß, du bist Klagevertreter!«

»Nein. Marktschreier.«

Inzwischen waren wir in Sichtweite des Dorfangers angelangt und hielten es für klüger, den Ford stehen zu lassen, auszuschwärmen und uns, Pistole im Anschlag, im Schutz der Scheunen anzuschleichen, für den Fall, dass die Anarchisten Widerstand leisteten. Später erfuhren wir, dass sie schon am Tag zuvor Reißaus genommen hatten, sobald bekannt geworden war, dass Militär im Anmarsch sei. Statt ihrer erwartete uns das ganze Dorf, Männer, Frauen und Kinder, heilfroh über unsere Ankunft. Die Mädchen steckten uns Rosen in die Gewehrläufe. Als Held dazustehen ist angenehm, wenn man so wenig dafür tun muss – und warum auch nicht? Kommandant Rosich hatte leuchtende Augen. Ein Mann mittleren Alters umarmte ihn. Wie sich herausstellte, war es der Bürgermeister, den die Anarchisten seines Amtes enthoben hatten. Er hatte sich in den Wäldern versteckt und eine wahre Odyssee hinter sich. Der Kommandant setzte ihn ipso facto wieder in sein Amt ein. Dafür gab es Applaus und Hurrarufe von den Männern, Tränen von den alten Weibern, noch mehr Rosen in die Gewehrläufe. Der Kommandant konnte der Versuchung nicht widerstehen und hielt die Rede, vor der wir uns schon gefürchtet hatten (eine seiner Schwächen).

Die Alten tupften sich mit den Zipfeln ihrer schwarzen Schürzen die Augen, während die Kinder, ein ganzer Fliegenschwarm, näher kamen, um unsere Epauletten und unsere nagelneuen Gewehre zu bewundern.

Wenn mich nicht alles täuscht, ist dies das Dorf, von dem Soleràs mir berichtet hat – und zwar in höchst mysteriösen Andeutungen. Meine Zimmerwirtin in Castel hat mir auch schon davon erzählt. Sie hat etwas von einer Schmerzensmadonna gesagt, Soleràs irgendetwas von Mumien und einem Kloster. Vielleicht werde ich es irgendwann zum Zeitvertreib einmal besuchen; soll heißen, wenn es wirklich existiert. Unser Aufenthalt hier ist so öde. Das Dorf ist, wie alle hier in der Gegend, ein elendes Nest. Es besteht, Häuser und Ställe zusammengerechnet, aus zweihundertachtzig Gebäuden und hat mehr als einhundert Weiden mit den dazugehörigen Scheuern, dazu eine Backsteinkirche und eine Burg auf dem Hügel oberhalb des Dorfes. Die Jahrhunderte haben die Backsteine schwarz gefärbt. Die Fliegen machen uns das Leben zur Hölle, vor allem um die Mittagszeit. Es gibt hier sehr viel mehr von ihnen als in Castel, und das will etwas heißen. Angesichts der vielen Misthaufen in den Ställen, die sie hier fiemo nennen, ist das allerdings auch kein Wunder.

Vor meiner Abreise aus Castel habe ich noch versucht, Soleràs zu erreichen, um ihm Adieu zu sagen, aber ein Soldat aus der Intendantur hat mir erzählt, dass er zum Transportkorps der Brigade versetzt worden ist und dass er ihn an diesem Morgen gesehen hat, wie er in einen Lastwagen stieg. Er hätte sich ruhig von mir verabschieden können. Ach, was soll’s, wahrscheinlich sollte ich mir um ihn gar nicht so viele Gedanken machen.

Das Schlimme ist, dass er mir fehlt; die Gespräche mit ihm regen mich manchmal auf, aber sie sind immer interessant. Ich erinnere mich an etwas Seltsames, was er mir in Castel de Olivo gesagt hat: »Wenn die Eunuchen zusehen, wie übel wir einander mitspielen, können sie sich uns zu Recht überlegen fühlen; das gleiche gilt für Skeptiker wie dich.« Ich fand es unverschämt, dass er mich mit einem Eunuchen verglich, und trotzdem … Wie sehr gehen mir im Vergleich dazu unsere Offiziere auf die Nerven, allen voran der Kommandant und der Arzt, die den lieben langen Tag durch die Weinkeller ziehen und von den Fässern kosten, um sie dann als »geprüft« zu kennzeichnen!

8. Juli

Wir verbringen die Wartezeit auf die Rekruten nach wie vor mit Nichtstun. Unsere zukünftigen Kompanien haben wir schon eingeteilt: Ich gehöre zur vierten unter Leutnant Gallart, dem ehemaligen Kellner.

Das Dorf könnte trostloser nicht sein; man sieht es erst, wenn man schon dort ist. Der Gemeindebezirk ist sehr groß, meistenteils Weiden und Ödland. Der Ort verdankt seinen Namen den ausgedehnten Olivenhainen. Das Kloster, so habe ich mir sagen lassen, liegt ein ganzes Stück entfernt flussabwärts. Ich unternehme lange Spaziergänge; manchmal setze ich mich unter einen Olivenbaum und bleibe so still sitzen, dass sich die Raben wenige Schritte von mir entfernt niederlassen, als ob ich gar nicht da wäre. Es gibt sie zu Hunderten, und sie leisten mir Gesellschaft. Hinten am Horizont wird der Bezirk von einer Bergkette aus nacktem Fels begrenzt. Manchmal hängt eine Wolke darüber; Fels und Wolke, Beständigkeit und Flüchtigkeit. Die Wolke zieht weiter, aber wie erglänzt ihre ständig wechselnde Form im Sonnenuntergang! Der Fels bleibt immer gleich. Was in unserem Leben ist Fels, was Wolke? Und welches von beiden zählt mehr? Welcher Teil in uns bleibt unverändert? Und ist es wirklich so gewiss, dass er schwerer wiegt als der andere, der uns von einem Augenblick zum anderen entschwindet? Oder sind wir ganz und gar geisterhafte Gestalten, Wolken, die nicht mehr erhoffen können, als einen Augenblick des Glanzes zu erleben, einen einzigen Augenblick, bevor wir vergehen?

Alles in uns sträubt sich heftig gegen diese Vorstellung. »Ich fühle und erfahre, dass ich ewig bin«, sagt Spinoza. Dieses Zitat kenne ich von Soleràs – wer außer ihm wäre schon in der Lage, sich durch Spinoza zu quälen? Und die Unermesslichkeit unseres Verlangens, wie erklärt man dieses Mysterium? Wie erklären wir uns diese ungeheure Sehnsucht, wenn wir nicht wissen, wonach wir uns sehnen, was wir begehren?

Für alles gibt es eine Erklärung, man muss sie nur finden. Wie zum Beispiel diese Unmenge an Raben, die meine Neugier erregt hat. Bei einem meiner ziellosen Streifzüge hat es mich in ein Rund aus mondkahlen Bergen verschlagen. Ein einzigartiger Ort: fast wie ein Mondkrater, breit, tief und rätselhaft. Die Sonne stand schon tief, ihr schräg einfallendes Licht verlieh allem ein unirdisches Aussehen. Es gab weder Baum noch Strauch, nur Stein – und das Spiel aus Licht und Schatten war so hart wie im leeren Raum zwischen zwei Planeten. Es war faszinierend. Ich trat an den Rand des Kraters, um hineinzusehen: Ein Haufen Knochen enthüllte mir das Geheimnis. Es handelt sich um den Schindanger – buitrera nennen sie ihn hier, den »Geierplatz«. In dieser Gegend gibt es mehr Viehzüchter als Ackerbauern; sie halten Schafe und Ziegen. Und an diesem Ort werden die Tiere abgeladen, die an Krankheiten verendet sind. Wenn ein Maultier kränkelt und der Tierarzt sagt, dass es nicht mehr zu retten ist, wartet man nicht darauf, dass es stirbt; der Kadaver wäre zu schwer zu transportieren. Sie treiben das Tier mit Stockhieben bis an den Rand der buitrera und stoßen es hinab. Das Maultier stürzt in die Tiefe und bricht sich dabei mit etwas Glück das Genick; manchmal stirbt es aber natürlich auch erst nach ein paar Tagen. Den Raben und Geiern kommt die Aufgabe zu, den Schindanger sauber zu halten, und man muss sagen, sie erledigen diese Aufgabe ausgezeichnet: Man kann sich nichts Saubereres vorstellen als diese elfenbeinfarbenen, sauber abgenagten Gerippe. Ossa arida: Ich weiß nicht mehr, welcher Prophet eine große, von Knochen übersäte Wüste beschreibt. Natürlich redet er von menschlichen Knochen, aber was ist schon der Unterschied? Dieser Schindanger hat etwas tief in mir angerührt; die Dürre der Knochen hat einen unbestimmten Durst in mir geweckt, und ich musste wieder an etwas denken, was Soleràs einmal gesagt hat: »Ein unstillbarer Durst, ein Tropfen Wasser, um ihn zu stillen, damit ist schon alles gesagt; das unendlich Große und das unendlich Kleine. Ich weiß nicht, ob du schon mal von den Atomen gehört hast …«

»Entschuldige«, unterbrach ich ihn missmutig, »komm mir nicht damit. Atome sind Mist.«

Die Nacktheit dieser Knochen hat mich verstehen lassen, von welchem »unstillbaren Durst« Soleràs sprach. Ich muss leben, sagte ich zu mir selbst, ich muss dafür sorgen, dass ich lebe, bevor meine Knochen in die tiefe Grube des Schindangers geworfen werden, der auf uns wartet; ich muss leben, aber wie macht man das: leben? Leben! Ein Jahr lang Krieg, ein Jahr, ohne zu wissen, was eine Frau ist, und das, wo uns so wenige Jahre gegeben sind! Ich habe sicher schon mehr als ein Drittel der mir zugemessenen Zeit verbraucht … An einem Tag, es war später Nachmittag, fand ich mich an einer Wegkreuzung wieder, die um diese Zeit ganz besonders verlassen wirkte, ich meine, deutlich spürbar verlassen, wie eine Einöde. Am Himmel stand eine Wolke, strahlend und so still, dass mir angst wurde. Schönheit ist beängstigend; zum Glück begegnet sie uns nur selten. Bei einer Abenddämmerung wie dieser – die ich so eindrucksvoll nur in Aragonien erlebt habe – fühlt man sich dem Universum so einsam gegenüber stehen wie ein Angeklagter einem unerbittlichen Gericht. Wessen sind wir angeklagt? Unserer Kleinheit, Schäbigkeit, Hässlichkeit; die Unendlichkeit verurteilt und erdrückt uns … Ich war so in meine Gedanken versunken, dass ich ihre Schritte nicht hörte, und wurde mir ihrer Anwesenheit erst bewusst, als mich eine tiefe, abwesende Stimme aus meiner Versunkenheit riss:

»Einen schönen guten Tag!«

Es war eine Frau, die ein Kind auf den Armen trug und ein anderes am Rockzipfel hängen hatte. Eine hochgewachsene, gutaussehende Frau in Trauerkleidung; sie ging vorbei, ohne mich anzusehen. Eine Art schmerzhafter Aura umgab sie, während sie langsam in entgegengesetzter Richtung davonging. Wer war sie? Im Dorf habe ich sie noch nie gesehen. Erst als sie hinter einer Wegbiegung verschwunden war, fiel mir auf, dass sie mich auf Katalanisch gegrüßt hatte. Eine Katalanin in diesem Dorf? Mysteriös; fast glaube ich, einer Halluzination aufgesessen zu sein.

15. Juli

Nach und nach treffen die Rekruten ein. Jetzt bin ich damit beschäftigt, diese armen Kerle auszubilden. Ich bin öfter im Dorf und lerne allmählich die Häuser und ihre Bewohner kennen.

Wer die Schmerzensmadonna von Olivel ist, habe ich noch nicht in Erfahrung bringen können. Ich meine die Erscheinung von neulich. Eine Halluzination? Alles ist möglich.

Da das Dorf in einer Talsenke liegt, ist die Burg das Einzige, was man aus der Ferne sieht. Die Häuser des Orts bemerkt man erst, wenn man schon angekommen ist; abends sieht man die alten Frauen vor den Türen auf den Ecksteinen sitzen und die frische Abendluft genießen. Sie erinnern an Krähen, denn sie sind allesamt schwarz gekleidet und schwatzen unablässig. Auf den ersten Eindruck wirkt das Dorf schäbig und schmutzig.

Der Kommandant verlangt von uns, dass wir den Rekruten Vorträge halten, und zwar nicht jeder Offizier seiner Abteilung, sondern dem gesamten Bataillon.

Als Versammlungsort nutzen wir den großen Saal der Burg. So hatte ich die Gelegenheit, sie einmal von innen zu sehen: ein großer, verfallener Kasten. Das Haus ist riesig, und der Kommandant hat auf einem Podium einen Tisch aufstellen lassen; dort thront er dann, während der jeweilige Offizier stehend seinen Vortrag hält.

Kommandant Rosich ist klein und fett, von fahlbrauner Gesichtsfarbe und mit tiefschwarzen, lebendigen, sentimentalen Augen. Er wäre ein feiner Kerl, wenn er nicht der »Trinkerei« verfallen wäre (»Geschäftemacherei und Trinkerei«, wie er zu sagen pflegt). Ich habe meinen ersten Vortrag schon gehalten: Maschinengewehre dürfen nur in flachem Terrain verwendet werden. Während ich über das Thema dozierte: die Vorteile heftigen Kreuzfeuers usw., bemerkte ich, wie seine kleinen Augen aufleuchteten wie Glut, wenn man in sie hineinbläst. Ich war gerade dabei, auf einer improvisierten Tafel mit Kreide die trigonometrischen Prinzipien einer gekrümmten MG-Schussbahn zu erläutern, als er aufsprang und mich mit tränenfeuchten Augen vor versammelter Mannschaft umarmte:

»Solche Berechnungen sind der Ruhm des Bataillons!«

Offen gestanden sind mir die Gründe für diesen Gefühlsausbruch völlig schleierhaft, aber ich hatte schon immer eine Schwäche für sentimentale Menschen. Deshalb habe ich auch meinen Frieden mit Ponsetti gemacht, dem »Marktschreier«: Es hat sich herausgestellt, dass er ein Scharlatan ist. Er ist ein Herz und eine Seele mit Hauptmann Gallart, an dem von Natur aus alles gewaltig ist: Er ist groß und dick, rotgesichtig, gefräßig und enthusiastisch. In meiner Leidenschaft für Traditionen hege ich großen Respekt für dieses Paar, den Großen Dicken und den Kleinen Dünnen, die in ihrer Sentimentalität und Schnapsseligkeit dem anderen Paar – dem Kommandanten und dem Arzt – in nichts nachstehen.

Unweit des Dorfes in Richtung Norden habe ich einen großen Pinienhain entdeckt. Dort zirpen in der größten Tageshitze unzählige Zikaden; die Pinien sind hoch und schlank, durch ihre lichten Kronen fällt die Sonne ungehindert hindurch und erhitzt die Erde. Die Luft ist erfüllt vom herben, anregenden Harzduft. Ich strecke mich auf dem weichen, warmen Bett aus Piniennadeln aus und überlasse mich ganz und gar dieser Traurigkeit, die mich in Wellen überkommt. Armer Soleràs, der denkt, er sei der Einzige. Wann, wann habe ich mein Leben gelebt?

Donnerstag, 5. August

Die theoretische und praktische Ausbildung der Rekruten nimmt nur wenig Zeit in Anspruch, sodass ich außer an den Tagen, an denen ich Wachdienst leisten muss, weiterhin viel Freizeit habe. Ponsetti ist mittlerweile auch bei der vierten Kompanie; er und Gallart rühren sich nicht aus dem Dorf fort, genauer gesagt, aus der Taverne, wo es eine rothaarige Kellnerin namens Melitona gibt, die ihnen die Köpfe verdreht hat. Kommandant Rosich und Doktor Puig sind an den meisten Tagen besoffen. Auch die übrigen Leutnants und Unterleutnants rühren sich nicht aus dem Dorf fort und steigen den Mädchen hinterher – denen, die uns am Tag unserer Ankunft Rosen in die Gewehrläufe gesteckt haben.

Bleibt Sanitätsfähnrich Cruells. Es hat sich herausgestellt, dass er ein Anhänger Baudelaires ist. Er kennt viele Gedichte von ihm auswendig, meidet den Wein und die Frauen – und schmutzige Wörter: ein seltener Vogel! Ab und zu begleitet er mich auf meinen Spaziergängen, nicht oft, weil er viel zu tun hat. Vierhundert Rekruten sind eine ganze Menge, und was der eine nicht hat, hat der andere – normalerweise Geschlechtskrankheiten. Er ist der Jüngste im Bataillon (gerade erst zwanzig geworden), und wenn er mit mir spazieren geht, hat er immer eine Art tragbares Teleskop dabei oder vielleicht eher so etwas wie ein Fernrohr, wie es Kapitäne im letzten Jahrhundert benutzten. Ausgezogen ist es gut fünf bis sechs Spannen lang. Er hat mir erzählt, dass seine Tante es ihm zu seinem zwölften Geburtstag geschenkt hat und dass es ihn den ganzen Krieg hindurch begleitet hat. Ineinandergeschoben nimmt es wenig Platz ein – es besteht aus einzelnen Ringen, die sich ineinander schieben lassen, und ist viel besser als mein Offiziersfeldstecher. Da wir unsere Spaziergänge immer bis spät in die Nacht ausdehnen, ließ er mich einmal mit seinem Fernrohr einen Blick auf Jupiter werfen: Man konnte ganz deutlich die vier »galiläischen Satelliten« in der Nähe des Planeten erkennen wie vier Erbsen neben einer Pflaume, drei links und einer rechts. Am nächsten Tag war der rechte verschwunden, am Tag darauf waren nur noch zwei zu sehen. Dann waren wieder alle vier sichtbar, zwei rechts und zwei links. Er erklärte mir, wie es dazu kam, dass sie verschwanden und wieder auftauchten, und auch alles über die Phasen der Venus, die man mit seinem Seefernrohr ebenfalls erkennen kann, und noch vieles andere mehr; er versteht ebenso viel von Astronomie, wie ich wenig davon verstehe.

Im Pinienhain hielten wir unsere Mittagsruhe. Weit hinten zwischen den Pinienstämmen schimmert die Burg hindurch. Glaub nicht, dass es sich dabei um eine Ritterburg mit Türmen und Zinnen handelt: Es ist bloß ein quadratischer Kasten aus schwarzen Ziegelsteinen. Das Dorf in seiner Senke ist von hier aus nicht zu sehen. Unvermittelt fragte ich Cruells:

»Was hast du eigentlich vor dem Krieg gemacht?«

Schläfrig blinzelte er mich durch seine dicken Brillengläser an, die ihm das Aussehen eines geschäftigen, gutmütigen Kauzes verleihen. Er schien zu zögern:

»Ich sag’s dir, aber du darfst es den anderen nicht weitererzählen. Ich war im Priesterseminar.«

»Im Priesterseminar?«

Darauf wäre ich nie gekommen, aber jetzt erschien es mir auf einmal völlig einleuchtend. Warum auch sollte Cruells kein Seminarist sein? Besser gesagt: Was hätte er anderes sein sollen?

»Und was hast du nach dem Krieg vor?«

»Zu Ende studieren.«

Ein paar Tage später erlebten wir mit Cruells eine Überraschung. Nachts stellen wir natürlich eine mehrere Mann starke Wache unter dem Befehl des diensthabenden Offiziers auf, die durch die Straßen des Dorfs patrouilliert. Ich hatte in dieser Nacht keinen Wachdienst, aber ein Fähnrich der zweiten Kompanie, der mir alles ganz genau berichtet hat. Es muss gegen ein Uhr morgens gewesen sein, das Dorf schlief tief und fest, der Mond schien nicht, und nichts war zu hören als der regelmäßige Ruf einer Eule in der Weide am Brunnen, als die Patrouille bei den Wiesen vor dem Dorf einen Mann ausmachte, einen Soldaten, der mit einer Waffe auf sie zielte, die auf die Entfernung wie ein Fünfzigermörser aussah. Natürlich schlugen sie sofort Alarm, denn es hätte ja ein Faschist oder ein Anarchist sein können, gefolgt von anderen in einem Überraschungsangriff. Gott sei dank war der wachhabende Fähnrich besonnen genug, seine Männer davon abzuhalten, ihre Mauser abzufeuern. Es war Cruells mit seinem Teleskop. Er hatte die Augen geschlossen, war im Tiefschlaf und spazierte – schlafend, mit geschlossenen Augen – durch die Gegend, sein Fernrohr am Gesicht, als wollte er hindurchschauen. Später erfuhren wir von ihm, dass er schon früher geschlafwandelt war, allerdings Jahre zuvor. Wir fragten Doktor Puig, ob das mit dem Schlafwandeln schlimm sei; er zuckte mit den Schultern und sagte, das sei nichts weiter und man wisse sehr wenig darüber. Manchmal komme es nur einmal vor und danach nie wieder, und am häufigsten sei es in der Pubertät zu beobachten (»Machen wir uns nichts vor, mit seinen zwanzig Jahren ist Cruells noch ein halbes Kind«) und »es lohne sich wirklich nicht, sich darüber den Kopf zu zerbrechen, weil in jeder ordentlichen Brigade zuverlässigen Statistiken zufolge auf jeden Schlafwandler 463 Tripperfälle kommen.«

An den Tagen, an denen Cruells Sanitätsdienst hat – was meistens der Fall ist – ziehe ich alleine los. Inzwischen besitze ich ein Pferd, was mir einsamem Flaneur sehr entgegenkommt. Ein Mann, der allein zu Fuß unterwegs ist, wirkt wie ein Spinner; zu Pferd wird er allgemein geachtet. Außerdem komme ich mit dem Pferd, oder besser gesagt, der Stute, denn das ist mein Pferd, weiter herum: zum Beispiel bis zum Kloster.

Aber ich sollte besser der Reihe nach erzählen.

Zuallererst: Ich habe meine Halluzination ausfindig gemacht. Das habe ich diesen Vorträgen über Theorie und Praxis zu verdanken.

Es hat sich herausgestellt, dass der Burgherr, den die Leute hier Carlà nennen, von den Anarchisten umgebracht wurde. Das ist ja nicht weiter verwunderlich; das Gegenteil wäre seltsam gewesen. Allerdings lebte er mit einer Frau zusammen. Wäre es seine Ehefrau gewesen, dann hätten sie sie mit ihm zusammen getötet, ohne mit der Wimper zu zucken. Aber hier handelte es sich um einen Fall freier Liebe. Also haben sie sie nicht nur verschont, sondern ihr großen Respekt erwiesen und sie zur Herrin über die Burg und die Bauernhöfe ernannt. Und so lebt sie mit zwei Kindern weiterhin in der Burg. Die alten Vetteln im Dorf nennen sie verächtlich »die Carlana« und sind sich sicher, dass, sobald der Krieg aus ist, ein paar entfernte Cousins des Verstorbenen, seine einzig bekannten legitimen Angehörigen, ihr die Burg und die Ländereien wieder wegnehmen werden.

»Ihr und ihren Bankerten.«

Sie lebt sehr zurückgezogen und meidet die Gesellschaft. Als der Kommandant sie bat, den Saal benutzen zu dürfen, hat sie sofort zugestimmt; aber wenn wir unsere Vorträge halten, zieht sie sich mit ihren Kindern zurück.

Ich erfuhr, dass im Stall eine ungenutzte Stute stand, das Reittier des Verstorbenen. Niemand reitet sie, weil weder im Bataillon noch im Dorf irgendjemand Interesse am Reiten hat. Also kam ich auf die Idee, die Burgherrin darum zu bitten; sie nutzte das Tier nicht (die Anarchisten hatten vergeblich versucht, es vor den Pflug zu spannen), und mir kam es für meine einsamen Ausflüge sehr gelegen. Sie empfing mich stehend in dem Saal, in dem wir unsere Vorträge halten.

Hier, ohne den Zauber jenes Abends, ist sie eine etwa fünfunddreißigjährige Frau, ernst, distanziert und höflich. Sie hat eine samtweiche Altstimme, die manchmal in ein fast unmerkliches Tremolo verfällt. Ich sagte ihr, wie sehr mich überrasche, dass sie so gut Katalanisch spreche.

»Wundern Sie sich nicht. Ich habe viele Jahre in Barcelona gelebt. Als ich hinging, war ich fünfzehn. Mit ihm und seiner Mutter habe ich nichts anderes geredet. Seine Mutter kam aus Barcelona.«

Ich war so verblüfft darüber, dass sie sich mit der Mutter des Carlà gut verstanden hatte, dass ich es für besser hielt, das Thema zu wechseln:

»Ich weiß, dass es hier irgendwo in der Gemeinde, etwa fünfzehn Kilometer flussabwärts, ein Kloster gibt.«

»Das Kloster von Olivel vom Mercedarier-Orden. Die Muttergottes von Olivel wird in dieser Gegend sehr verehrt. Viele Frauen sind nach ihr benannt, wie ich.«

»Also heißen Sie wohl Maria d’Olivel.«

»Maria d’Olivel ist der vollständige Name, so wie er im Taufregister steht. Aber wir sagen hier Olivela.«

Ich fand sie distanziert, beinahe abwesend; manchmal erschien sie mir unwirklich wie an jenem Abend, als sie mir an einer einsamen Wegkreuzung entgegengekommen war. Diese Frau hat »ein gewisses Etwas«, das ist nicht zu übersehen; etwas Tragisches, würde ich sagen. Andererseits: Warum sollte sie nach allem, was ihr widerfahren ist, nichts Tragisches an sich haben? Ich habe gehört, sie stamme aus einfachen Verhältnissen; durch ihre Liebschaft hat sie sich ihrer Familie und ihrer Klasse entfremdet, ist auf- und zugleich abgestiegen; diese Kretins von Anarchisten haben den Carlà vor ihren Augen und den Augen ihrer Kinder ermordet … Aber das ist es nicht, das Tragische scheint mehr aus ihrem Wesen zu resultieren als den Geschehnissen. Ich versuchte mir vorzustellen, wie einsam sie sein muss. Natürlich hat sie noch ihre Kinder, aber welche Gesellschaft können Kinder einem schon bieten?

»Mein erster Ausflug mit Bellota soll zum Kloster gehen.«

»Gehen Sie da nicht hin.« Zum ersten Mal sah sie mich direkt an. »Die Anarchisten haben alles geplündert, nachdem sie die Mönche umgebracht hatten. Die Muttergottes ist nicht mehr da. Es ist schauerlich dort. Da gibt es diese Ausgegrabenen …« Das Tremolo in ihrer Stimme wurde hörbar wie die Schwingung der tiefsten Cellosaite.

Durch das Fenster sah ich den Stallknecht – den einzigen Bediensteten, der noch bei ihr geblieben ist – Bellota am Burgtor satteln. Es ist ein feines, falbes Tier mit kleinem Kopf und kräftiger Kruppe. Es schien froh zu sein, einmal aus dem Stall heraus zu dürfen.

»Die Ausgegrabenen?«

»Tote Mönche, die aus den Grabnischen gezerrt wurden … Das waren die Anarchisten. Wussten Sie, dass sie sogar die Tagelöhner erschossen haben? Ein paar arme Teufel, die Ärmsten des Dorfes, die die Mönche eher aus Barmherzigkeit beschäftigt haben. Sie trugen Holzpantinen, die Armen; und die haben sie als Faschisten an die Wand gestellt, bloß weil sie für die Mönche gearbeitet haben …«

Mir fiel wieder meine Unterhaltung mit Soleràs ein. Damals hatte ich seinen Worten keine Beachtung geschenkt; sie waren mir wie ein Schwall von absurden, zusammenhanglosen Bemerkungen erschienen, gewürzt mit seinem ätzenden Spott. »Diese Schwachköpfe« – damit hatte er Picó, den Kommandanten und die ganze Brigade gemeint – »diese Schwachköpfe wissen die wenigen originellen Dinge in diesem Land nicht zu schätzen. Sobald sie in ein Dorf einrücken, stellen sie die Ordnung wieder her. Wie gewöhnlich! Man sollte regelmäßig Ausflüge in die Dörfer unternehmen, in denen die ›Unsrigen‹ noch nicht angekommen sind, wo immer noch Anarchie herrscht. Dort kann ich frei atmen! Es gibt da ein Kloster …« Er führte die Fingerspitzen an den Mund wie zu einem boccato di cardinale. »Ich habe dort lange Stunden in reiner Kontemplation verbracht, und glaub mir, es lohnt sich. Vor allem eine Mumie links von mir hat so einen verschmitzten Gesichtsausdruck … In wessen Namen will man uns eigentlich verbieten, die Toten wieder auszugraben, wenn uns der Sinn danach steht? In wessen Namen? Wahrscheinlich waren diejenigen, die die Toten ausgegraben haben, Idioten, aber das ist nicht die entscheidende Frage; oder vielleicht doch, vielleicht geht es eben darum, ein kompletter Idiot zu werden. Das schafft nicht jeder! Die Intelligenz ist ein Relikt aus dem achtzehnten Jahrhundert und damit Geschichte, die Zukunft gehört den Dummen!«

»Ich sehe schon«, antwortete ich ihm spöttisch, »du bereitest dich darauf vor, in der Zukunft zu herrschen.«

»Warum auch nicht? Andererseits: Was ist schlimmer daran, Mercedarier-Mönche auszugraben als ägyptische Pharaonen? Warum sollten wir diejenigen, die Tutanchamun ausgegraben haben, mehr Respekt entgegenbringen? Alle, die ausgraben, wer auch immer sie sein mögen, suchen dasselbe: Sie wollen sehen, was für ein Gesicht ein Toter zieht, der schon eine gewisse Praxis im Totsein hat, der schon einige Zeit daliegt – ganz gleich, ob ein paar Dutzend oder ein paar tausend Jahre. Unsere Zeit, eine dumme und außergewöhnliche Zeit, hat den Schleier zerreißen wollen, der über Tod und Geburt, dem Obszönen und dem Makabren liegt; wenn du das noch nicht verstanden hast, hast du nichts von unserer Zeit verstanden.«

Und ich hatte erwidert: »Glaubst du, dass unsere Zeit so wichtig ist, dass wir uns die Mühe machen sollten, sie zu verstehen?«

»Kennen Sie Juli Soleràs?«

Es war eine dumme Frage, nur gestellt, um irgendwas zu sagen. Genauso gut hätte ich sagen können, dass es ein wunderschöner Tag war; woher sollte sie ihn kennen? Aber mit dieser Frau stolpere ich offenbar von einer Überraschung zur nächsten, und eben diese Überraschung sah ich ihr jetzt ins Gesicht geschrieben:

»Ja«, sagte sie nach kurzem Zögern. »Warum fragen Sie mich das? Hat er Ihnen von mir erzählt?«

»Oh nein, ich habe das bloß so gefragt. Er hat einmal nebenbei ein Kloster voller Mumien erwähnt, deshalb ist er mir gerade in den Sinn gekommen. Er ist ein ziemlich verrückter Knabe; wussten Sie, dass er eine Tante hat, die Visionen hat? Ich nehme an, Sie haben schon von der heiligen Philomena gehört. Aber das interessiert Sie natürlich alles nicht. Kam er wirklich hierher, solange die Anarchisten noch hier waren?«

»Ich hatte den Eindruck, dass er und die Anarchisten gute Freunde seien. Darf ich Sie um einen Gefallen bitten? Bitte erwähnen Sie diese Person in meiner Gegenwart nie wieder.«

Armer Soleràs, anscheinend hat er wirklich ein Talent, sich unbeliebt zu machen. Die Leute verzeihen ihm sein wirres Gerede voller Sprünge und Halbsätze nicht. Die Einzigen, die ihn ertragen, sind Trini und ich, weil er uns amüsiert. Wir kennen ihn schon so lange! Seit der Oberschule. Später dann, als Trini und ich zusammenlebten, kam er fast jeden Nachmittag zum Tee bei uns vorbei; selbst als wir beim Militär waren (Trini und ich zogen zusammen, bevor ich mit der Grundausbildung begann), kam er noch, weil wir zur gleichen Zeit als Fähnriche der Reserve dienten. Er hätte den Militärdienst gar nicht machen müssen, denn man hatte ihn, wie er uns erzählte, aufgrund seiner Kurzsichtigkeit ausgemustert, aber hatte um eine Revision der Diagnose gebeten. Wenn man bedenkt, wie viele Leute alles nur Erdenkliche anstellen, um ausgemustert zu werden! Er hingegen setzte Himmel und Hölle in Bewegung, um zur Armee zu dürfen. Als wir dann in der Kaserne waren – wir hatten das Glück, einem Regiment zugeteilt zu werden, das in Barcelona stationiert war –, bestand sein größtes Vergnügen darin, über die Mauer zu klettern und sich herumzutreiben, vor allem, wenn er Wachdienst hatte. Bei uns zu Hause setzte er sich immer in denselben Sessel. Für uns war er wie ein seltsamer, vertrauter Vogel, dem man seine Streiche verzeiht, weil er einem Gesellschaft leistet.

Warum war er hierher gekommen, wo er Gefahr lief, von den Anarchisten erschossen zu werden? Übte er sich im Dummheiten machen? »Das Jahr 1917 markiert den Beginn eines neuen Zeitalters, des Zeitalters der Dummen; selig sind die Dummen, denn sie werden die Welt beherrschen …« lautete eine seiner »Lieblingsprophezeiungen«, denn, überflüssig zu sagen, Prophezeiungen sind eine seiner Schwächen.

Der Fluss durchquert den Gemeindebezirk von Südwesten nach Nordosten. Er hat ein tiefes, enges Tal mit beinahe lotrechten Wänden gegraben, das ich seit jenem Tag mit Bellota bis in den hintersten Winkel erforscht habe. Nachdem er die Obstgärten von Olivel bewässert hat, füllt er die Kanäle einiger alter Getreidemühlen, von denen eine noch in Betrieb ist. Bei meinen Spaziergängen bin ich nie weiter gekommen als bis zu dieser Mühle, die auf halbem Wege zum Kloster liegt. Dort lebt der Müller, ein Mann um die fünfzig, mit einer Frau – seiner angetrauten Ehefrau –, die zahnlos ist und schwarzgrau wie das Mehl, das sie mahlen. Sie haben fünf oder sechs Kinder. An jedem Arbeitstag mahlen sie drei Quarteras Mehl, und das heißt nicht, pro Tag: Je nachdem, wie viel Wasser der Fluss führt, dauert es manchmal einen ganzen Tag, bis sich der Mühlkanal neu gefüllt hat, und bis es so weit ist, müssen sie pausieren. Ich schaue ihnen gerne beim Mahlen zu, denn ich habe noch nie eine so alte Mühle in Betrieb gesehen. Sie öffnen die Schleuse; langsam beginnt sich das Mühlrad zu drehen; der Mahltrichter (den sie hier Lorenza nennen) hat fast senkrechte Wände; das Korn rutscht langsam hindurch und wird zu grobem Mehl gemahlen. Daraus backen die Frauen von Olivel dann ein köstliches, dunkles Brot. Zu diesem Zweck gibt es im Dorf drei öffentliche Backhäuser, und am Backtag nimmt man schon von Weitem ihren heißen Duft wahr, den Duft nach verbrannten Pinienzweigen und frisch gebackenem Brot, der einem das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt.

Der Müller nutzt die Tage, an denen er unfreiwillig pausieren muss, um mit einem Frettchen auf Jagd zu gehen. Er klagt, dass es nicht viel zu jagen gäbe: Das Einzige, was es im Überfluss gibt, sind Hasen, aber auf die ist ihm der Appetit vergangen, nachdem er einmal einen gesehen hat, der an einem Kadaver nagte. An die Fischotter, die ihn wegen ihrer kostbaren Pelze interessieren, wagt sein Frettchen sich nicht heran, und das, obwohl es sogar Füchse angreift: Es überrascht sie, wenn sie in ihrem Bau schlafen (der hier cado genannt wird), springt ihnen auf den Rücken und durchtrennt ihnen mit einem Biss die Halsschlagader. Es ist ein äußerst wendiges Männchen mit nadelspitzen Zähnen; er muss es in einem Käfig transportieren und höllisch aufpassen, denn bei der geringsten Unachtsamkeit würde es ihm glatt den Finger durchtrennen. Der Mann erzählte mir ebenfalls vom Kloster, von einem großen Wald aus Pinien und Wacholder, der unweit des Klosters am linken Flussufer anfängt und sich nach seiner Aussage viele Kilometer weit nach Norden erstreckt, in eine Richtung, in der es weit und breit kein Dorf gibt. Durch diesen Wald sind einige der Mönche entkommen, nicht mehr als zwei oder drei. Der Fluss mündet, nachdem er die Ländereien des Klosters durchflossen hat, in einen See – genauer gesagt, in ein großes Sumpfgebiet namens Cambronera, wo man im Winter Enten und andere Zugvögel jagen kann.

Ich nutzte den Mühlkanal zum Schwimmen, zum großen Erstaunen des Müllers, der Müllerin und der fünf oder sechs Müllerlein: Dass jemand kopfüber ins Wasser springt wie die Enten, hatten sie noch nie gesehen. Sie haben ein paar Hausenten: kleine Entlein mit weißem Gefieder und gelben Füßen und Schnäbeln, die ein großes Gezeter anheben, sobald ich ins Wasser springe. Nachdem ich etwa eine halbe Stunde lang geschwommen war, streckte ich mich auf der Wiese aus, um mich zu sonnen. Manchmal sah ich die Geier über mich hinwegfliegen. Sie mussten von weit her kommen, von den kahlen Bergen im Süden – der Sierra de Alcubierre – oder vielleicht von noch viel weiter her, von Gebirgen weit südlich von hier, die man durch meinen Feldstecher im bläulichen Nebel gerade noch ausmachen kann. Mit Cruells’ Teleskop kann man erkennen, dass sie von dichten Wäldern bedeckt sind. Was die Geier betrifft, so habe ich mehr als ein Mal ein Pärchen unglaublich hoch am Himmel fliegen sehen (anhand der Vergrößerungszahl an meinem Feldstecher und einer groben Schätzung ihrer Größe – das ausgewachsene Weibchen, das größer ist als das Männchen, hat eine Flügelspannweite von zweieinhalb Metern – habe ich die Höhe erahnen können); ich habe sie den ganzen Himmel von einem Ende zum anderen durchqueren sehen, ohne dass sie auch nur einmal ihre Flügel regten. Ich kann es mir nur so erklären, dass sie Höhenwinde nutzen, die man hier unten am Boden nicht spürt. Andere Male beschrieben sie konzentrische Kreise um die Sonne wie riesige Motten, die von dieser reglosen Flamme angezogen werden. Natürlich kreisen sie nicht um die Sonne; was interessiert sie schon die Sonne? Sie kreisen über den Schindangern, von denen jedes Dorf einen hat.

Die Wege am Flussufer sind gut zum Reiten. Bellota liebt es, über den weichen, sandigen Grund zu galoppieren. Der Weg zum Kloster führt an manchen Stellen durch das Flussbett; dann stieben von den Pferdehufen winzige Wassertröpfchen auf und bilden einen Regenbogen. Am Nachmittag, wenn ein leichter Wind aufkommt, hört man im Gezweig der Pappeln, in den Jasminbüschchen und den wilden Heckenkirschen unzählige Vögel zwitschern: Amseln, Stieglitze, Pirole – was weiß ich. Weit hinten in den Wäldern sagt der Kuckuck die Stunden an.

Bei meinem ersten Ausritt zum Kloster kam ich klatschnass dort an. Bellota ist ein braves Tier; ihre großen, feuchten Augen sind freundlich und geheimnisvoll; ihre Mähne schimmert schwarz, ebenso ihr Schweif, der fast bis zum Boden reicht, weil sich niemand die Mühe macht, ihn zu stutzen. Aber wenn sie auch ein sanftes Naturell hat, ist sie zugleich nervös und launisch. Solange sie auf sandigem Boden lief, war alles bestens: Nach den langen Monaten im Stall liebte sie es, drauflos zu galoppieren. Aber da, wo der Weg ins Flussbett überging, ging sie auf einmal in die Knie, um sich im kühlen Wasser zu wälzen. Wie ich danach aussah, kannst Du Dir ja vorstellen.

Die Müllersleute beachteten mich kaum, so sehr nahm mein Pferd ihre Aufmerksamkeit in Anspruch:

»Jesses, wenn das nicht die Bellota ist!«, rief die Müllerin aus und bekreuzigte sich.

»Sie kennen sie?«

»Als ob ich sie selbst geboren hätte! Das ist das Pferd vom toten Carlà, Gott hab ihn selig. Das ganze Dorf kennt es.«

Und so fingen sie an, von ihr zu erzählen, was sie bisher noch nie getan hatten: Vom Pferd kam das Gespräch allmählich auf seine Besitzerin. Anfangs schien die Müllerin Hemmungen zu haben, mir freiheraus zu sagen, was sie von ihr hielt, obwohl ich an ihren Auslassungen und Halbsätzen klar erkannte, dass sie allerhand über sie wusste und dachte. Von Neugier geplagt, versuchte ich, ihr ihre Meinung zu entlocken.

»Das Miststück«, murmelte sie mit zahnlosem Mund. »Wär sie mal besser in Barcelona geblieben, bei ihresgleichen. Hier können wir solche Drecksweiber nicht gebrauchen.«

»Was hat sie in Barcelona gemacht?«

»Na, Dienstmädchen war sie. Sie hat bei der alten Carlana gearbeitet, als die noch gelebt hat. Jung war sie, als sie mit ihnen weggegangen ist, keine fünfzehn.«

Ein Dienstmädchen also: Das erklärt auch, warum sie sich mit der Mutter des Carlà gut verstanden hatte. Die Erklärung war so einfach, und ich war nicht darauf gekommen.

»Und bevor sie nach Barcelona ging, war sie wie die anderen Mädchen hier?«

»Ach wo, die war immer für sich allein und trübsinnig wie eine alte Eule. Wenn Sie mich fragen, war die nicht wie wir. Wir sind alle Kinder unserer Eltern, aber die tat immer so wie eine Dame, irgendwo hatte sie wahrscheinlich vornehmes Blut her, wer weiß, von wo. Wenn man einen Pfirsichbaum veredelt, bringt er faustgroße Früchte.«

»Sei still, Weib«, sagte der Müller, der, wie mir scheint, den Hass seiner Frau auf die Carlana nicht teilt. »Manche Geheimnisse weiß bloß der liebe Gott allein. Als Olivela hier weggegangen ist, war sie fast noch ein Kind. Was sind schon fünfzehn Jahre? Das Schlimme war der Herr, Gott hab ihn selig, jetzt, wo er tot ist: Der hat sie heimlich entehrt.«

»Entehrt, hach je, die Arme!«, rief sie aus und äffte dabei seinen mitleidigen Tonfall nach. »Wann hätte die schon gewusst, was Ehre ist? Wir Mädchen hier heiraten aus Ehre, aus Anstand und um was zu essen zu haben. Aber sie hat sich klammheimlich in der Burg eingenistet, wie Eulen das halt tun. Dieses Drecksweib hat es geschickt angestellt, dass sie am Ende die Herrin war. So musste sie nie Heu ernten oder Wein lesen oder Mist schaufeln oder sonst was. Sie lebt wie eine Dame, Herr Leutnant, wie eine vornehme Dame: Morgens bringt sie ihren Kindern eine Brühe und den Hühnern Mais, nachmittags spaziert sie ein bisschen in ihrem Garten rum und vor dem Einschlafen nimmt sie ein schönes, heißes Bad mit duftender Seife, die Sau …«

»Halt endlich dein Maul, Weib!«, unterbrach sie ihr Mann abermals, »der Leutnant hier, Don Luisico, badet auch gern. Du verärgerst ihn noch mit deinem Geschwätz, verdammt.«

Ich fand das Gespräch von Minute zu Minute spannender, und nicht etwa, weil es so pittoresk war (was ja untrennbar mit dem Schmutzigen einhergeht); also versuchte ich, mehr aus ihr herauszubekommen, ich zog ihr, wie man so schön sagt, die Würmer aus der Nase:

»Wann kam sie aus Barcelona zurück?«

»Na, sobald die alte Carlana selig tot war«, kam der Müller seiner Frau zuvor. »Da wusste im Dorf aber noch keiner, was passiert war.«

»An die zehn Jahre ist das jetzt her«, fügte sie hinzu. »Mit dickem Bauch ist sie gekommen, so haben wir von ihrer Schande erfahren. Sie hat das Kind dann in der Burg bekommen und zwei oder drei Jahre später noch eins.«

»Und der Carlà hat mit ihr zusammengelebt?«

»Nein, nein, der hat in seinem Haus in Barcelona gewohnt, aber er ist oft gekommen.«

»Unser Carlà war Rechtsanwalt«, erklärte der Müller, »und hatte seine Arbeit in Barcelona.«

»Und sein Liebchen in Olivel«, fügte sie hinzu.

»Warum hat er sie nicht geheiratet?«

»Na, also hören Sie mal, Don Luisico!« Die Müllerin lachte laut auf. »Seit wann heiraten Carlans und Rechtsanwälte denn solche Drecksschlampen?«

Dieser Schlammwurf war mir dann doch zu viel, und ich beendete das Gespräch mit dem Vorwand, dass ich noch weiter zum Kloster wolle.

Das Kloster gleicht einem dieser halb bäuerlichen, halb herrschaftlichen Gutshöfe, die für dieses Land so typisch sind, und tatsächlich lebten die Mönche von der Landwirtschaft: Ein großes, quadratisches Gebäude im nördlichen Winkel eines mit Wein und Olivenbäumen bewachsenen, kleinen Tals, das ringsum von kahlen Bergen umgeben ist. Einer von ihnen ist der Kalvarienberg: Man erkennt ihn leicht an der Doppelreihe von Zypressen, die sich bis zum Gipfel erstreckt. Das Tal ist ruhig, abgelegen, wie in sich selbst eingeschlossen, in seinen Duft nach Thymian. Die Entfernung zwischen Dorf und Kloster legt Bellota im Galopp in einer halben bis Dreiviertelstunde zurück; seit jenem ersten Mal habe ich diese Reise oft gemacht.

Jetzt werde ich Dir berichten, was es drinnen zu sehen gibt. Durch das große Eingangsportal, das auf eine Esplanade hinausgeht, gelangt man direkt in den hohen, weitläufigen Kirchenraum, in dem stehend an die tausend Menschen Platz hätten. Am ersten Tag überschritt ich die Schwelle nur zögernd; irgendetwas lag schwer auf dieser Stille. Der Morgen war warm und trocken; ich hatte das Pferd an eine einsame Ulme an der Esplanade gebunden. Ich trat ein. Das erste, was mir auffiel, war die angenehme Kühle. Ich war geblendet von der grausamen Sonne des Juli in Aragonien, die mir während des schnellen Ritts in die Augen gestochen hatte. Im kühlen Halbdunkel des kellerartigen Gewölbes konnte man kaum etwas erkennen. Doch nach und nach gewöhnten sich meine Augen an das Dämmerlicht, und ich erkannte die vom Feuer geschwärzten Überreste des Altars, wild durcheinandergeworfene Bücherstapel, den einen oder anderen umgeworfenen und zerbeulten Kerzenständer, künstliche Blumen, einen Weihrauchschwenker in einer Ecke, einen Buchständer in einer anderen. Ganz am Ende des Raumes, also direkt vor dem Altar, erspähte ich etwas, was ich für Mönche gehalten hätte, wären sie nicht völlig reglos gewesen.

Es sind mehrere Mumien, aus den Grabnischen gezerrt, die einem nun leer aus der Mauer hinter dem Altar entgegengähnen. Sie sind so angeordnet, dass sie eine seltsame Szenerie bilden. Zwei stehen vor dem Altar wie ein Brautpaar; die eine ist mit einem weißen Schleier und einem Kranz aus Kunstblumen geschmückt. Damit sie nicht umfallen, hat man sie aneinandergelehnt. Eine dritte Mumie lehnt direkt am Altar, den beiden anderen zugewandt, als wäre sie der Pfarrer, der sie traut.

Die übrigen, vierzehn insgesamt, bilden, an die Wände gelehnt, die Hochzeitsgesellschaft. Eine ist umgekippt und liegt auf dem Boden. Eine andere hat einen verschmitzten Gesichtsausdruck, der so unpassend ist, dass es einen schaudert.

Wahrscheinlich handelt es sich um Mönche aus dem Kloster, und sie scheinen alt zu sein. An ihrer Haut hängen noch die Überreste ihrer Kutten. Sie sind vollkommen vertrocknet, wie aus Pergament, was sich aus der geringen Luftfeuchtigkeit in dieser Gegend und der Beschaffenheit der Grabnischen erklären lässt (hohe, tief in die dicke Wand eingelassene Hohlräume). Was für einen seltsamen Anblick sie boten, so reglos und verdorrt! Meine Furcht war verflogen. Warum sollte ich mich auch fürchten, wenn hinter mir die Tür weit offen stand und draußen der strahlende Glanz der Sommermittagssonne herrschte?

Keine Furcht also, sondern ein Gefühl intensiver Fremdheit: Diese Dinger waren schlicht unbegreiflich. Eine Mumie überfordert unser Vorstellungsvermögen. Undenkbar, dass wir eines Tages selbst so etwas werden: ein Ding. Ein Ding, das man von hier nach dort schleppen kann, steif und leer. Von was entleert? Von der Seele, würdest Du sagen; aber was ist das?

Und doch muss die Seele etwas sein, wenn ihr Entweichen einen so entscheidenden Unterschied macht. Was habe ich mit einer Mumie gemeinsam? Materiell betrachtet alles und dennoch nichts.

Und woher diese Idee, sie zu gruppieren wie zu einer Hochzeit? Das Obszöne und das Makabre: Der Mumie, die den Bräutigam darstellen soll, haben sie auf groteske Weise eine Kerze (vielleicht die Osterkerze?) angesteckt … Ich würde gerne mal einen von denen kennenlernen, die die Mumien ausgegraben haben, und ihn zur Rede stellen; vielleicht würde das gar nichts bringen, wahrscheinlich haben sie selbst keine Ahnung, welche Symbolik sie getrieben hat. Und wir? Was wissen wir über unsere Instinkte? Die Fortpflanzung unserer Spezies … Wen hat das je interessiert? Wer denkt schon daran, während er damit zugange ist? Bah, niemand verschwendet auch nur einen Gedanken daran, dabei ist sie es, die uns antreibt. Die Sexualität und der Tod, das Obszöne und das Makabre, zwei Abgründe, vor denen uns schwindelt; und es ist, als würde mir das Makabre hier in diesem Dorf auflauern: der Geierplatz einerseits und das Kloster andererseits. Angesichts der Mumien verspürte ich wieder diesen unbestimmten Durst, den ich schon auf dem Schindanger verspürt hatte.

Leben, endlich einmal leben, einen Schluck vom Leben trinken, bevor man in völlige Reglosigkeit verfällt!

Olivel, 7. August

Von der Kirche aus führt eine kleine Steintreppe mit ausgetretenen Stufen ins obere Stockwerk, wo die Mönchszellen liegen. Im Vorraum am oberen Ende der Treppe, der sehr groß ist, liegen riesige Gesangbücher mit Pergamentseiten und hölzernen, eisenbeschlagenen Buchdeckeln über den ganzen Boden verstreut. Es gibt mehrere verlassen wirkende Harmonien (die Kirche besaß keine Orgel) und unzählige Bücherstapel – die meisten Bücher sind aus dem 18. Jahrhundert. Ich habe eine unversehrte englische Originalausgabe von Cooks Reisen mit Stahldrucken nach den Zeichnungen des Malers gefunden, der Cook begleitet hat. Das ist gar keine so üble Lektüre für die langen Stunden, in denen ich im Dorf Wachdienst leisten muss.

In einer der Zellen lag ein vierbändiges Traktat über Blumenzucht, ebenfalls aus dem achtzehnten Jahrhundert und mit Stahlstichen versehen. Die Stiche waren mit Aquarellfarben handkoloriert und zeigten ganz genau und sehr lebendig die Farben jeder Art. Die Granatapfelblüte ist glänzend rot – und ich musste an die Carlana denken. Warum? Was für ein Glänzen? Das Glänzen der Sünde und der Tragödie? Meine Güte, was für ein Melodram. The uncertain glory of an April day? Merkwürdig: Als ich erzählte, dass ich vorhätte, das Kloster zu besuchen, war sie zusammengezuckt. »Gehen Sie nicht hin … Die Muttergottes ist nicht mehr da … Es ist schauerlich dort.«

Auch sie muss vor Jahren furchteinflößend gewesen sein; wenn die Schönheit ein gewisses Maß übersteigt, erregt sie Furcht, und sie hat dieses Maß bestimmt um einiges überschritten, denn das tut sie immer noch. Sie erregt immer noch Furcht. Attraktive Frauen gibt es viele, aber schöne sind so selten! Vielleicht werde ich für den Rest meines Lebens keine mehr sehen, die mich so sehr an die Nacht von Michelangelo erinnert. Ihr gegenüber habe ich dieses unangenehme Gefühl, das kleine Männer empfinden müssen, wenn sie mit einer hochgewachsenen Frau sprechen; dabei bin ich größer als sie, ich habe mich heimlich davon überzeugt. Ich überrage sie um mehr als eine Spanne.

Piaceme il sonno, e più l’esser di sasso …

Warum denke ich so viel an diese Frau? Weil ich mich in diesem gottverdammten Kaff zu Tode langweile. Wie alt mag sie sein? Zehn Jahre älter als ich? Sie sieht verlebter aus, als es ihrem Alter entspräche, aber das ist nach allem, was sie durchgemacht hat, ja auch nur natürlich. Das ist nicht weiter verwunderlich; verwunderlich ist, dass dieses beginnende, melancholisch angehauchte Welken ihr steht.

In einer anderen Zelle war in eine Vertiefung in der Wand ein Schränkchen eingelassen, das nach außen aufgeht, sich aber von innen öffnen lässt. Ich hörte ein leises Summen wie von Weizen, wenn er durch ein Sieb geschüttet wird, mal von ferne und mal direkt neben mir, fast an meinem Ohr. Schließlich bin ich darauf verfallen, die Deckplatte des Schränkchens anzuheben, die nicht mehr als eine Handbreit in der Länge und in der Breite misst und aus wurmzerfressenem Holz besteht; und da entdeckte ich das Geheimnis: Diese Höhlung wurde eigens als Bienenstock geschaffen. Die Tierchen arbeiten unbeirrt weiter, unberührt von unseren Schicksalsschlägen. Das Schränkchen ist voller Honig! Jetzt, da ich weiß, dass das Summen von den Bienen stammt, empfinde ich es in der Stille der langen Stunden, die ich im Kloster verbringe, als tröstlich.

In der Zelle nebenan erwartete mich eine weitere Überraschung: Über eine schmale Wendeltreppe, die ebenfalls in die dicke Außenwand eingelassen ist, gelangt man in eine kleine Bodenkammer, und dort oben befindet sich ein Taubenschlag.

Auch die Tauben leben weiter, als ob nichts wäre; ein paar der Weibchen brüten. Sie sind scheu geworden; beim Klang meiner Schritte flatterten die Männchen auf; die Weibchen starrten mich verängstigt an, ohne sich von den Nestern zu rühren.

Später erforschte ich dann den Keller. Es gibt einen weitläufigen Weinkeller, denn das Kloster lebte hauptsächlich vom Weinanbau. Der Müller hat mir erzählt, dass die Anarchisten zuerst den Keller plünderten und sich am Macabeu und dem Claret, den beiden von den Mönchen produzierten Weinsorten, einen ordentlichen Rausch antranken. Aber es war wohl ein gemäßigter Rausch: Die Fässer im Keller waren unversehrt und noch fast voll. Sie haben mich mehr beeindruckt als die Grabnischen. Eines der Fässer war riesig; es war eines von denen, die wir in Katalonien vaixells nennen, »Schiffe«, weil so viele Tonnen hineinpassen wie in eine Barkasse. Es ist aus Eichenholz, und die Vorderseite muss schon sehr alt sein. Sie zeigt ein Wappen und die Jahreszahl 1585.

Ich wünschte, ich könnte mir ausmalen, was in jener dramatischen, warmen Julinacht letztes Jahr passiert ist. Eine Orgie aus Wein, Blut und Mumien, aufgeheizt von der Sommerschwüle. Ob Frauen dabei waren? Der Müller sagt nein. Aber die Sache mit der Osterkerze … Das erscheint mir typisch weiblich, wie der Scherz eines Frauenzimmers.

Doch der Müller bleibt bei seiner Aussage: Es waren sieben Fremde, und diese sieben bildeten das Komitee. Sie hatten ein halbes Dutzend armer Teufel aus dem Dorf mit sich geschleppt, die ihnen helfen sollten. Die haben dann auf Befehl der anderen die Mumien hervorgeholt. »Sechs arme Teufel … jeder im Dorf weiß, wer sie waren.«

»Und trotzdem leben sie noch hier?«

»Ja, aber melden Sie sie nicht; sie haben nichts weiter getan, als die Toten hervorzuholen.«

Der Müller hat sie von der Mühle aus zum Kloster hin und wieder zurückgehen sehen, denn wer vom Dorf zum Kloster will, muss wegen des Bachlaufs an der Mühle vorbei; es war keine Frau bei ihnen. Mehr noch – und das macht mich wirklich neugierig: Er sagt, sie hätten nichts weiter getan, als die Toten vor den Grabnischen abzulegen. Als ich ihm von der Hochzeitsszene erzähle, ist er höchst erstaunt:

»So waren sie vorher nicht angeordnet, Herr Leutnant, das schwör ich Ihnen. So nicht!«

»Erinnern Sie sich genau?«

»Als ich das letzte Mal dort war, vor vier Monaten oder so, da waren sie nicht so, wie Sie gesagt haben, Don Luisico, sondern so, wie ich gesagt habe; sie lagen an der Wand aufgereiht. Ich schwör’s Ihnen, Herr Leutnant!«

Und die Osterkerze? Er sah mich verdutzt an. Er wusste nicht, wovon ich rede. Als er verstand, lachte er auf:

»Meine Güte, welcher Wüstling hat denn das gemacht? Aber die Männer waren es nicht, das schwöre ich Ihnen, Herr Leutnant. Ich sage Ihnen, wer sie sind, aber bitte melden Sie sie nicht. Einer ist Pachorro, der hat einen Buckel und lebt bei der Quelle; der andere, Restituto, ist nicht ganz richtig im Kopf …«

Ich werde wohl mit allen sechs reden müssen, um Licht in die Sache zu bringen.

Bei einem meiner ersten Besuche (ich reite jeden Tag, das Kloster zieht mich auf schreckliche Weise an) ließ mich ein Geräusch, das von den Zellen herab drang, auf der Schwelle des Eingangsportals innehalten. Ein wildes, fröhliches Durcheinander von Flöten, Geigen und Kontrabass, vermischt mit Kinderstimmen und Kinderlachen und Schritten, so leicht, als würden sie schweben. Was war das? Langsam schlich ich hinauf; hätte ich dort oben eine Schar von Cherubim angetroffen, hätte mich das auch nicht weiter verwundert. Es waren aber ein paar kleine Hirtenjungen aus der Gegend, sieben bis zehn Jahre alt, die ihre Ziegen in den Klosterstall gesperrt hatten, um hier heraufzukommen und auf den Harmonien zu spielen. Mein Erscheinen löste eine Panik aus. Sie flohen so grazil, mit ihren großen Strohhüten und den bis kurz übers Knie reichenden Samthosen, dass ich lange Zeit wie verzaubert dastand.

Normalerweise bringe ich mir etwas zu essen mit, um nicht zur Mittagszeit nach Olivel zurückkehren zu müssen; so habe ich Muße, die Bücherstapel methodisch und in aller Ruhe durchzugehen. Die meisten sind theologische Werke, viele von ihnen in Latein, aber es sind auch welche darunter, die für mich interessanter sind; so fand ich zum Beispiel das Criticón, übrigens in einer Erstausgabe, das mir später geholfen hat, mir in den langen Stunden des nächtlichen Wachdienstes die Zeit zu vertreiben. Wenn ich Hunger bekomme, steige ich in den Weinkeller hinunter. Er ist tief und düster, man muss sich über eine abgetretene Steintreppe hinuntertasten. Während man im Dunkeln mit dem Fuß Stufe um Stufe ertastet, strömt einem von unten ein frischer, nach Wein duftender Hauch entgegen. Bei den Fässern angekommen, zünde ich einen Gaskocher an, den ich dort bereitgestellt habe, und esse. Ich glaube, oben, wo die Anwesenheit der Mumien in der Luft liegt, könnte ich nicht essen; die Kühle des Kellers und der Weingeruch hingegen regen meinen Appetit an. Die flackernde Flamme des Gaskochers wirft die Schatten der Fässer an die grob gekalkten Felsblöcke, die mit dichten Spinnweben bedeckt sind, einige vielleicht schon hundert Jahre alt. Der Claret, kalt, sehr trocken und aromatisch, schmeckt leicht nach Feuerstein und Schwefel (letzterer kommt bestimmt daher, dass die Mönche das Innere der Fässer mit geschwefeltem Flachs oder Stroh ausräucherten, bevor sie neuen Wein hineinfüllten, wie es bei guten Winzern üblich ist), der Macabeu ist eher voll und im Abgang samtig. Nach dem Essen blase ich den Kocher aus und verlasse den Keller auf dem gleichen Weg, auf dem ich gekommen bin. Wieder muss ich das Kirchenschiff durchqueren, um zu den Zellen zu gelangen, wo die meisten Bücherstapel lagern.

An einem der vielen Nachmittage hatte ich länger in den herrenlosen Büchern geblättert als sonst; gerade hatte ich eine Ausgabe Elzevirs von Petrarcas Sonetten und eine Summa Theologica aus dem siebzehnten Jahrhundert mit eindrucksvollen Vignetten entdeckt. Ich war in sie vertieft, als mich ein gewaltiger Donner aus meiner Versunkenheit riss. Ich hob den Blick zum Fenster; der Himmel verdunkelte sich so rasch, als würde ein Kulissenschieber die Lichter zwischen den Wolkenkulissen auslöschen. Dann ertönte ein zweiter Donner über dem Kloster, diesmal gebrochen und hallend, der klang, als wäre der Blitz direkt in den glockenlosen Kirchturm gefahren.

Die Landschaft war in ein seltsames, aschfahles Licht getaucht. Im Kloster war es finster; Blitz und Donner folgten unablässig aufeinander. Die Blitze schienen das Innere der Kirche stärker zu erleuchten als die Landschaft; das mag dadurch zu erklären sein, dass die Gegenstände im Inneren meinen Augen näher waren, aber in diesem Augenblick jagte der Effekt mir Angst ein. So ist es manchmal auch in Nächten mit trockenen Gewittern, den schlimmsten von allen: Dann scheint die Erde heller als der Himmel; dieser ist erdrückend schwarz, während dicht über dem Boden ein Lichtstreifen zu schimmern scheint. Der Schrecken, den uns dieses Phänomen einjagt, mag daher rühren, dass wir in solchen Momenten spüren, wie finster das All ist, das uns umgibt, die äußere Finsternis.

Dann brach ein Sommersturzregen los, und das Wasser erleichterte mich; ein trockenes Gewitter ist sehr bedrückend. Der Regen prasselte auf das große Dach des Klosters und ließ es dröhnen wie eine leere Blechschachtel.

Ich musste unbedingt zurück ins Dorf; aber um hinauszugelangen, musste ich zuerst das Kirchenschiff durchqueren. Ich hielt meinen Blick fest auf das helle Rechteck des offenen Portals gerichtet. Ich war schon in der Mitte des Raumes angelangt, als sich die beiden Türflügel langsam in den Angeln zu drehen begannen und sich mit einem Ächzen schlossen, das im Gewölbe widerhallte. Aus der Dunkelheit war Tintenschwärze geworden – vollkommene Finsternis – und ich war eingeschlossen. Allein mit den Mumien.

Weißt Du, was ich getan habe? Ich habe mich bekreuzigt und das Vaterunser gebetet; nichts lässt uns so schnell das Knie beugen wie Furcht. Die Tür war durch einen Windstoß zugefallen und ließ sich problemlos öffnen. Draußen goss es in Strömen. Ich rannte zur Ulme: Bellota war nicht mehr da. Ein Stück vom Zaum, das noch am Baum hing, sagte alles: Vom Donner verschreckt, hatte das Tier sich losgerissen und war davongerannt.

Innerhalb von Sekunden war ich durchweicht, als wäre ich in einen Teich gefallen. Was nun? Zurück ins Kloster und die Nacht in einer der Zellen verbringen? Auf keinen Fall: Meine Angst war stärker als alles andere. Ohne Pferd zurück ins Dorf zu gelangen, war ein völlig unsinniger Gedanke; aber ich konnte versuchen, wenigstens die Mühle zu erreichen.

Ich war schon ein ganzes Stück vom Kloster entfernt, als ich bemerkte, dass der Parral nicht das kleine Bächlein war, das ich kannte, sondern ein reißender, stetig ansteigender Strom. Im Bachbett konnte man nicht mehr gehen. Ich musste hinausklettern und würde wohl die Nacht im Freien verbringen müssen. Am oberen Ende der Böschung angekommen, erspähte ich ein kleines Licht – wie im Märchen! Ich kämpfte mich durchs Unterholz und den Wasservorhang, der mich blind machte, bis ich schließlich bei dem geheimnisvollen Licht angekommen war – und den Müller, die Müllerin und die fünf, sechs Müllerlein entdeckte.

Sie hatten aus Ästen, die sie mit dem Beil von den Wacholderbüschen abgeschlagen hatten, einen kleinen Unterschlupf gebaut und mit Rosmarin- und Mastixzweigen abgedeckt. Die Frau weinte, die Kinder drängten sich an sie, und während mich die Großen aus ihren ernsten schwarzen Augen ansahen, schliefen die Kleinen. Der Müller machte mir Platz.

»Don Luisico, da sehen Sie, in was für ein böses Unglück wir geraten sind.«

»Herrje, die Mühle!«, jammerte sie. »Ach, meine armen Hühner, wo sie doch schöne Eierchen gelegt haben! Und wir hatten ihnen ein so schönes Gehege gebaut und man konnte eine so gute Brühe aus ihnen machen!«

Sie starrte ins Innere des Unterschlupfs, als könnte sie dort im Dunkeln die Überreste der Mühle ausmachen.

»Es gibt noch eine Mühle in der Gemeinde, flussaufwärts vom Dorf aus gesehen, die wird schon seit Jahren nicht mehr genutzt. Wenn sie uns die verpachten würden, ohne dass wir bis nach den ersten Mahlgängen Pacht zahlen müssten …«

»Wem gehört die Mühle denn?«

»Dem seligen Carlà hat sie gehört. Wenn Sie sich mit der Carlana gut stehen … ich mein, mit Olivela …«

»Nicht dass Sie denken, Herr Leutnant«, sagte sie und hörte auf zu weinen, »dass ich ihr Böses will; und wenn ich mal was Schlechtes über sie gesagt habe, so ist das keine böse Absicht gewesen.«

Das wollte ich zu ihren Gunsten glauben.

Sobald der Tag anbrach, machten wir uns auf den traurigen Heimweg über den verschlammten Pfad. In Olivel trafen wir alle Einwohner, Männer wie Frauen, auf der Straße; die Frauen schrien und klagten, die Männer schwiegen.

Der Sturzregen hatte alle Gemüsegärten weggeschwemmt. Hanf- und Maisernte sind verloren. Die letzte Hoffnung dieser armen Leute ist der Safran, der auf den Trockenfeldern der Gemeinde wächst, oberhalb des Talkessels, und dessen Ernte in guten Jahren am meisten einbringt.

Tante Olegària – die alte Frau, bei der ich einquartiert bin – hatte sich schon große Sorgen um mich gemacht. Von dieser verlotterten Alten habe ich Dir noch gar nicht erzählt. Die Mahlzeiten, die sie mir zubereitet, sind völlig ungenießbar, dabei meint sie es gut mit mir, denn das Gleiche würde sie auch für ihren Enkel kochen. Von dem werde ich Dir ein anderes Mal berichten.

Es war ein Brief von Trini gekommen. »Dein Sohn verlangt von Tag zu Tag unersättlicher nach Märchen. Er will immer noch eines, immer ein neues. Papa hat mir mehr erzählt, beschwert er sich, und dann sagt er noch: Die von Papa waren auch schöner. Jetzt habe ich angefangen, ihm Märchen von Stiefmüttern zu erzählen, die liebt er ganz besonders. Beim Zuhören reißt er die Augen auf, und es fällt ihm schwer zu verstehen, welche Rolle die Papas in diesen Geschichten spielen. Und was hat der Papa von dem Kind gemacht? Um ihn zu beruhigen, sage ich ihm, dass die Stiefmutter ihn auch verhauen hat …«

Tante Olegària weiß genauso gut über meinen Jungen Bescheid wie ich. Sie ist Analphabetin – wie alle Frauen im Dorf –, aber am Umschlag erkennt sie ganz genau, wann ein Brief von Trini ist.

Natürlich denkt sie, dass wir verheiratet sind, und es besteht keinerlei Anlass, sie aufzuklären, das wäre für sie zu kompliziert. Sie wartet, bis ich den Brief gelesen habe, dann fragt sie mich, was es Neues von Ramonet gibt; sie interessiert sich für ihn und fragt mich nach ihm aus, als würde sie ihn kennen.

Sie ist sehr alt und lebt mit ihrer einzigen Tochter zusammen, die Witwe ist und aussieht, als hätte sie die Fünfzig schon überschritten. Die Mahlzeiten, die sie mir zubereitet, würden eine eigene Schilderung verdienen; sie sind grauenhaft. Einmal wollte sie mich sonntags mit einem Hühnchen überraschen. In dieser Gegend ist die Kunst des Bratens noch unbekannt. Sie legen das Huhn in eine Kasserolle, tauchen es in Öl ein und lassen es kochen. Beim ersten Bissen war ich von dem Geschmack nach Öl so überrascht, dass ich das Gesicht verzog.

»Ist das Huhn nicht gar? Oder finden Sie es nicht ölig genug?«

Sie hat mir erzählt, dass man mich im Dorf schon für tot hielt, als das Pferd allein und mit zerrissenem Zaumzeug auftauchte.

»Wo ist Bellota überhaupt?«

»Na, oben in der Burg, Don Luisico, machen Sie sich um die mal keine Sorgen! Die findet von ganz allein zur Futterkrippe, wenn sie was braucht. Tiere sind auch Menschen.«

Ohne dass es ihr bewusst war, hatte sie sich selbst definiert! Sie ist so tierisch und so menschlich, die Tante Olegària!

Olivel de la Virgen, Sonntag, 8. August

Der Parral fließt wieder in seinem Bett, fröhlich und verspielt, als wäre er nie über die Stränge geschlagen. Auf den Trockenfeldern gedeiht der Safran wie seit Jahren nicht mehr, und die Bauern hoffen darauf, dass er den Verlust der Hanf- und Maiserträge wettmacht.

Im Bataillon gibt es eine Neuigkeit: Wir haben eine MG-Kompanie. Gestern ging ich über die Straße, als ich einen gut vierzigjährigen, untersetzten Offizier mit Jagdstiefeln und einer gewaltigen, s-förmigen Pfeife im Mund erspähte. Seine schräggeschnittenen Augen mit dem lebhaften, schlauen Blick erinnerten mich an jemanden, aber ich kam nicht darauf, an wen.

»Ich bin Picó. Kennst du mich nicht mehr? Wir haben zusammen gebadet …«

»Und was bringt dich nach Olivel?«

»Wir sind eurem Bataillon zugeteilt worden.« Er zog an der Pfeife und kniff die Augen zusammen. »Weißt du was von Soleràs?«

»Ich habe ihn nicht wiedergesehen.«

»Ein gebildeter Bursche, aber der dreckigste der ganzen Brigade. Bei einigen Operationen haben wir im Freien übernachtet, und das, obwohl es Januar war. Um uns gegenseitig zu wärmen, haben wir zu dritt oder zu viert aneinandergedrängt geschlafen und über den Haufen die Decken von allen gebreitet. Die Offiziere haben natürlich einen eigenen Haufen gebildet; man muss aufpassen, dass man sich mit der Truppe nicht allzu gemein macht. Und stell dir vor: Mit ihm habe ich es nicht ausgehalten. Er stank wie ein Ziegenbock! ›Hör mal, Junge, nimm’s mir nicht übel, aber es wäre mir lieber, wenn du nicht bei uns schläfst.‹ Also musste er alleine schlafen, und das, wie ich ja schon sagte, im Freien und bei sechs oder sieben Grad unter Null. Weißt Du, was er gemacht hat? Er hat sich im Dung der Kompaniemaultiere eingegraben. In der Nacht hat es zwei Spannen hoch geschneit. ›Der Soleràs‹, haben wir gesagt, ›wird uns erfroren sein, so ganz allein und nur mit einer Decke.‹ Und am nächsten Morgen erzählte er uns, er hätte die ganze Nacht geschwitzt.«

»Das stimmt sicherlich. Unter einem Haufen Mist, noch dazu mit zwei Handbreit Schnee obendrauf, liegst du wärmer als unter vier Federdecken! Das war gar keine schlechte Idee.«

»Was soll ich dir sagen … Ich würde mir eher Frostbeulen holen. Bildung ist ja schön und gut, aber ohne Sauberkeit …«

Heute habe ich der Carlana meinen Pflichtbesuch abgestattet, um mich für das Malheur mit dem Pferd zu entschuldigen. Ich habe ihr von den Müllersleuten erzählt:

»Ich habe absolut nichts dagegen, ihnen die Mühle von Albernes zu verpachten. Schließlich muss ich ihnen helfen.«

Ich schreibe in meinem Schlafzimmer, besser gesagt, im Schlafraum von Tante Olegàrias Enkel. Er ist mir schon ans Herz gewachsen, der Raum, meine ich, den Enkel kenne ich nicht. Es ist ein quadratischer Raum mit weiß gekalkten Wänden und acht rötlichen, krummen Deckenbalken – sie sind aus Wacholder –, die immer noch einen deutlich wahrnehmbaren Harzduft verströmen. Ein Fenster Richtung Westen, durch das ich auf den Dorfplatz hinausblicke. Das Bett ist aus hellrot gestrichenem Eisen; ein Rohrstuhl und ein Pinienholztischchen bilden gemeinsam mit dem Bett das gesamte Mobiliar. Für die Sauberkeit, wie Picó sagen würde, gibt es ein Waschbecken, soll heißen, eine Schüssel auf einem eisernen Dreifuß. Tante Olegària achtet darauf, dass es mir nie an einem sauberen Handtuch und einem Stück Bittermandelseife fehlt, deren Duft den ganzen Raum erfüllt. Du siehst, ich habe mich seit Castel de Olivo deutlich verbessert! Ich schreibe im Licht eines Kerzenstummels, während durch das offene Fenster das Zirpen der Grillen hereindringt. Die Luft ist warm, und langsam werde ich schläfrig. Jetzt höre ich die Stimmen von Gallart und Ponsetti, die gerade den Dorfplatz überqueren; sicher gehen sie in die Taverne zu Melitona. Während sie sich dort bis spät in die Nacht herumtreiben, werde ich schon im Bett liegen – wo es nachts am gemütlichsten ist. Die Matratze hat in der Mitte eine Kuhle; anfangs hat mich das so sehr gestört, dass ich nicht schlafen konnte. Jetzt habe ich mich so sehr daran gewöhnt, dass ich sie vermissen würde. Die Kuhle ist mir vertraut geworden, sie leistet mir Gesellschaft, wie wahrscheinlich schon Tante Olegàrias Enkel, der sie jetzt gerade sicher vermisst …

Müdigkeit umhüllt mich, und ich denke an mein Gespräch mit der Carlana, als wäre es nur ein Traum.

»Kennen Sie die Müllersleute schon lange?«

»Schon mein ganzes Leben. Wir kommen aus dem gleichen Dorf.«

»Klar, aus Olivel.«

»Nicht aus Olivel. Aus Castel de Olivo.«

»Sie stammen gar nicht aus Olivel?«

»Santiaga und ich sind Cousinen ersten Grades. Vor ein paar Jahren, als ihr Mann auf der Suche nach einer Mühle war, hat er Enric schon um unsere Mühle gebeten. Aber Enric wusste, dass sie mich überall im Dorf schlechtmachte, deshalb hat er sie ihr nicht verpachtet. Ich bin nicht nachtragend, und ich muss meiner Cousine doch helfen.«

Seltsam, dass die Müllerin mir gegenüber gar nicht erwähnt hat, dass sie verwandt sind. Schämt sie sich dafür? Oder glaubt sie es nicht? »Die tat immer so vornehm, irgendwo hatte sie wahrscheinlich vornehmes Blut her.« Das ist natürlich nur eine Vermutung, und Vermutungen können uns sonst wohin führen …

»Der Mühlgraben in Albernes führt doppelt so viel Wasser wie der hier. Wir nutzen ihn, um den Garten zu bewässern. Wenn sie wollen, kann ich ihnen zusammen mit der Mühle den Gemüsegarten verpachten, und mit beidem zusammen müssten sie eigentlich über die Runden kommen.«

Im Grunde genommen interessierte mich das, was sie sagte, nicht sonderlich; es war, als spräche sie über lange zurückliegende Dinge, Santiaga, die Mühle von Albernes … Es waren nicht ihre Worte, sondern ihre Stimme, auf die ich lauschte. Schon so manche Nacht bin ich aufgeschreckt, weil ich glaubte, zwischen zwei Träumen diese warme Stimme zu hören, schwer wie ein Parfüm, tief und zurückhaltend wie ein Versprechen …

Olivel, 10. August

Gestern habe ich den ganzen Tag in Castel de Olivo zugebracht. Die Brigade hatte mich angefordert, um ein Ermittlungsverfahren einzuleiten: eine verzwickte und im Grunde unbedeutende Angelegenheit. Wenn Du wüsstest, wie ich diese Ermittlungsverfahren hasse … Ich habe alles Mögliche versucht, es einzustellen.

Mitternacht war schon vorbei, als ich wieder in Olivel ankam; ich war zu Fuß gegangen, weil Bellota mir den Regenguss immer noch verübelt und sich nicht aus dem Stall fortrührt, wo sie schön warm unter einer Rupfendecke steht. Der kürzeste Weg von Castel de Olivo führte durch ein breites, karges Tal, an dessen Ende ein Brackwassersumpf liegt. Darin hausen Hunderte, vielleicht Tausende Frösche der verschiedensten Arten, große, mittlere und kleine. Jeder quakte in einem anderen Ton, klar und deutlich: ein verzauberter Klang wie von Glasglocken. In der mondlosen Nacht funkelte jeder einzelne Stern deutlich erkennbar, rein und klar wie das Quaken. Ich war seit anderthalb Stunden unterwegs und hatte ungefähr noch einmal die gleiche Strecke vor mir, als ich mich an dieser Stelle niederließ. Für eine lange Zeit hielt mich die Verwunschenheit der Einöde, der Frösche und der Nacht gebannt. Der Schütze zielte mit seinem Bogen aus Sternen mitten in das Herz der Milchstraße hinein, dorthin, wo sie dichtgedrängt ist wie eine Wolke aus Diamantenstaub. Von Zeit zu Zeit überlief mich ein Schauer, ob von der nächtlichen Brise oder aus Angst, weiß ich nicht, und ich dachte an sie und ihre Stimme und sagte mir: »Sie ist die weiblichste Frau, die ich je kennengelernt habe.«

Dass die Welt so schön ist und wir ihr den Rücken kehren, um unsere eigenen schäbigen Höllen zu erschaffen … Armer Soleràs! »Die Hölle, die ich mir für meinen persönlichen Gebrauch erschaffe, ist ganz besonders mickrig«, hatte er mir gesagt, »und dort ist für niemanden sonst Platz.« Warum meidet er mich, mich, den einzigen Menschen in der Brigade, der ihn mag?

Ich war ihm in Castel de Olivo begegnet, als ich meine ehemalige Hauswirtin besuchte.

»Sie hier? Stellen Sie sich vor, auf dem Dachboden wohnt jetzt Ihr Freund.«

»Soleràs?«

Es war kurz nach zwei, und man sagte mir, dass er seinen Mittagsschlaf halte. Ich schlich hinauf, um ihn zu überraschen. Der Dachboden lag still und verströmte den mir vertrauten Karnickelgestank, und die Bogenfenster waren geschlossen. Soleràs wälzte sich im Bett hin und her; ich war von draußen noch so geblendet, dass ich ihn nicht sah, aber ich hörte seine volle, spöttische Bassstimme:

»Was hast du denn hier verloren?«

Ich erzählte ihm in wenigen Worten, dass ich herbeordert worden war, um ein Ermittlungsverfahren einzuleiten; »wozu man genauso gut dich hätte beordern können«, fügte ich hinzu, »da du ja auch Jurist bist.«

»Wenn ich gewusst hätte, dass du heute nach Castel kommst, wäre ich nach Montforte gegangen.«

»Na, danke schön. Wir haben uns seit fast zwei Monaten nicht mehr gesehen.«

»Wenn du klarsichtiger wärest, hättest du keine Lust mehr, mich zu sehen.«

»Wie klarsichtiger?«

»Wir beide sollten uns eigentlich nicht leiden können, Lluís.«

»Warum sollte ich dich nicht leiden können? Wegen deiner angeblichen Perversionen? Ich kenne dich schon zu lange. Du gibst dich gerne als Zyniker, das weiß ich nur allzu gut, aber es lässt mich völlig kalt. Deine Laster existieren bloß in deiner Phantasie. Du bist ein Heuchler des Lasters; von denen gibt es mehr als von denen, die Tugend heucheln. Diese ganze Morphiumgeschichte war ein Riesenschwindel; ich nehme an, in Wirklichkeit hast du Lindenblütentee getrunken.«

»Ich bin nicht gewillt, mich beleidigen zu lassen«, fauchte er.

»Manchmal glaube ich sogar, dass deine Tante gar keine Visionen hatte.«

»Bezweifelst du etwa die Existenz der heiligen Philomena?«

»Ihre Existenz ist eine Sache …«

»Sein oder Nichtsein, that is the question. Weißt du, man kann sich seine Tanten nicht aussuchen; andererseits hat eigentlich jeder die Tante, die er verdient. Und die Unschuldigen Kinder?«

»Welche Unschuldigen Kinder?«

»Zweifelst du deren Existenz etwa auch an?« Seine Bassstimme wurde eindringlicher. »Verneinst du die Existenz der Llufa, diese Papierfiguren, die sich die Kinder am Tag der Unschuldigen Kinder gegenseitig an den Rücken heften? Wie viele Menschen gibt es, die eine Llufa anhängen haben, ohne es zu bemerken; bedeutende Persönlichkeiten, große Männer, erhabene Männer …« Er stieß ein unangenehmes Lachen aus. »Sie merken es nicht, sie merken es nie; sie vergessen, dass sie eine Rückseite haben, denn sie sind ja so erhaben! Sie glauben nicht einmal, dass es die Llufas gibt. Sie sind nämlich Skeptiker, musst du wissen, und Skeptiker sind verpflichtet, an nichts zu glauben. Aber sie glauben an sich selbst, an ihre eigene Wichtigkeit; Satan, der Sinn für Humor hat, hat ihnen die Llufa angehängt. Eine kleine, tragbare Hölle, die dort hängt, wo sie sie nicht sehen können. Und damit meine ich nicht nur die schwarzen Skeptiker; es gibt auch rote Skeptiker, die sind noch großartiger. Sie sind so engelsgleich, diese Lilien der Unschuld, dass sie nicht an die Hölle glauben! Das trifft vor allem für gewisse Damen zu; Damen aus den besten Familien, was glaubst du denn, phantastische Damen, die zu den Vorträgen des heiligen Vinzenz von Paul gehen. Sie glauben nicht daran – und tragen sie doch mit sich herum! Eine kleine, tragbare Hölle, eine Llufa. Auf sie, die hochgeborenen Damen, habe ich ein besonderes Auge. Sie achten sehr auf ihr Gesicht, dabei ist das Interessanteste an ihnen keineswegs ihr Gesicht, sondern das genaue Gegenteil.«

»Wie wär’s, wenn du aufhören würdest, solchen Blödsinn zu reden?«

Er musterte mich spöttisch:

»Ich nehme an, du hast schon von den Osterkerzen gehört.«

»Osterkerzen?«

Er deutete auf die Wand, die mit den Figuren und den albernen Sprüchen. Ich hatte die Fensterläden aufgestoßen, um Licht und Luft hereinzulassen.

»Angenommen, du hast recht, und meine Laster sind nur eingebildet«, sagte er, während ich die Wand in Augenschein nahm: Da gab es neue Zeichnungen, von denen ich sicher war, dass sie noch nicht da gewesen waren, als ich hier schlief. »Du könntest noch ein anderes Adjektiv anfügen: einsam. Was für eine Kombination von Adjektiven! Eine gute Kombination von Adjektiven ist schon was wert. Nehmen wir also an, dass ich in aller Heimlichkeit Lindenblütentee trank …«

Ja, einige der Zeichnungen waren zweifellos neu; eine war besonders bemerkenswert. Sie zeigte eine Art Prozession, ob von Männern oder Frauen, war nicht zu erkennen, da ihr anonymer Schöpfer sie sehr grob gezeichnet hatte. Das Bemerkenswerte daran war, dass jede der Figuren eine große Kerze trug, eine brennende Kerze, von der dunkles Wachs tropfte, und auf dem Rücken eine Llufa.

»Ich weiß nicht, ob dir schon mal aufgefallen ist, dass die Osterkerze am Karsamstag entzündet und an Himmelfahrt wieder gelöscht wird. Dann bleibt sie aus bis zum darauffolgenden Jahr. Wir alle leben in der Hoffnung, dass sie jedes Jahr am Karsamstag neu entzündet wird; am Karsamstag, also zu Frühlingsanfang. Aber es wird einmal ein Jahr kommen, in dem die Osterkerze nicht entzündet wird. In einem Jahr wird der Frühling nicht zurückkehren.

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