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Flucht in die Arme des Maharadschas

1. KAPITEL

„Ash …“

Prinzessin Sophia, die jüngste Tochter des Herrscherpaars im Inselkönigreich Santina, hauchte den Namen leise, fast andächtig. Ihn nur zu flüstern, sandte schon heiße Schauer über ihren Rücken.

Ash.

Drei harmlose kleine Buchstaben, die unversehens Erinnerungen an ihre wilde, ungestüme Teenagerliebe wachriefen. Und jetzt schien die Luft um sie herum elektrisch geladen zu sein, obwohl Sophia sich unzählige Male geschworen hatte, etwas Derartiges nie wieder zuzulassen.

Natürlich hatte sie gewusst, dass er eine Einladung zur Verlobung ihres ältesten Bruders erhalten würde. Doch ihm nach all der Zeit im elterlichen Palast in Santina plötzlich gegenüberzustehen, war noch einmal etwas ganz anderes, wie sie gerade feststellte.

Erkannt hätte sie ihn immer und überall. So wie vor wenigen Minuten, obwohl sie ihn nur von hinten gesehen hatte, als er in den Ballsaal geschlendert kam und mit nonchalanter Geste ein angebotenes Glas Champagner ablehnte. Diese typische Kopfhaltung, das dichte schwarze Haar und die Art, wie es sich im Nacken leicht kringelte …

Sehnsüchtiges Verlangen flammte in ihr auf. Sie wollte die Hände in der dunklen Haarpracht vergraben und Ashs Kopf zu sich ziehen, um seinen Mund auf ihrem zu spüren. Ein wohliges Schaudern überlief sie bei dieser verwegenen Vorstellung, und ohne sich dessen bewusst zu sein, fuhr Sophia mit der Zungenspitze über ihre Unterlippe. Manche Dinge ändern sich wohl nie, dachte sie voller Wehmut.

Eine ganz besondere Art von Sehnsucht, von Begehren, von Liebe …

Ob es daran lag, dass er ihre erste Liebe gewesen war? Aber nur ein Narr würde behaupten, die erste müsste zugleich auch die einzige Liebe sein und bleiben. Und ein Dummkopf war sie ganz sicher nicht.

Ash hatte ihre zart aufflammende Liebe damals im Keim erstickt, indem er sie brutal zurückgewiesen, sie als Kind bezeichnet und ihr erklärt hatte, dass es gefährlich sei, einem Mann seines Alters derart unverblümte Avancen zu machen. Und wie glücklich sie sich schätzen könnte, an einen Ehrenmann geraten zu sein, der zu anständig war, um ihre geradezu sträfliche Naivität auszunutzen.

Wenn er sich wenigstens die Bemerkung verkniffen hätte, aus ihnen wäre auch nichts geworden, wenn sie älter wäre, weil er bereits vergeben war!

Damals hatte Sophia sich geschworen, ihre Liebe zukünftig nur noch jemandem zu schenken, der es auch wert war. Einem Mann, der sie ebenso heiß und aufrichtig liebte wie sie ihn.

Und weil sie diesem Schwur treu bleiben wollte, brauchte sie jetzt Ashs Hilfe, wie sehr sich ihr Stolz dagegen auch auflehnte.

Energisch stellte sie ihren unberührten Drink auf einem Tablett ab und ging auf den hochgewachsenen Mann zu, der ihr immer noch den Rücken zuwandte.

Mitten im überfüllten Ballsaal des Santina-Palasts zu stehen, der auf der malerischen Mittelmeerinsel gleichen Namens lag, erschien Ashok Achari seltsam unwirklich. Aber das lag nicht an dem prachtvollen Anwesen, das der königlichen Familie sowohl als offizielle Residenz wie auch als privates Heim diente.

Nicht die Spur eines Lächelns hellte die markanten dunklen Züge des Maharadschas von Nailpur auf, während er die pompöse Umgebung auf sich wirken ließ. Vor den weit geöffneten Flügeltüren des imposanten Festsaals, der von riesigen Kristalllüstern erhellt wurde, hatten Wächter in königlicher Livree Aufstellung bezogen. Eine mindestens ebenso beeindruckende Truppe der königlichen Leibgarde empfing die ankommenden Gäste bereits am Eingang des Palasts. Sobald die schwere Limousine vorfuhr, mit der er vom Flughafen abgeholt worden war, hatten sie Haltung angenommen und salutiert – als Ehrenbezeugung gegenüber seinem ebenfalls königlichen Stand.

Man scheute keine Kosten und Mühen, um die Verlobung des Kronprinzen von Santina standesgemäß zu zelebrieren.

Um Ashs Mundwinkel spielte ein mokantes Lächeln, während er den Blick über die illustre Gästeschar wandern ließ. Er selbst verdankte seine Anwesenheit dem Umstand, dass Alex und er alte Schulkameraden und immer noch eng miteinander befreundet waren. Obwohl er sich lieber vor der Verlobungsparty gedrückt hätte, da für ihn weit wichtigere Termine anstanden, war der Maharadscha ein Mann mit ausgeprägtem Pflichtgefühl. Und das hatte ihn schließlich dazu bewogen, die Einladung anzunehmen. Trotzdem stand sein Privatjet bereit, um ihn frühestmöglich nach Mumbai zurückzufliegen. Auf keinen Fall durfte er das morgige Meeting verpassen.

So etwas wie Instinkt oder ein sechster Sinn befahl Ash, sich umzudrehen, als eine zierliche Brünette auf ihn zusteuerte.

Sophia.

Aus dem hübschen Mädchen von damals war eine geradezu atemberaubend attraktive Frau geworden. Doch während er sie damals noch vor sich selbst und ihrer Naivität hatte retten müssen, sah er sich jetzt mit einer Sirene konfrontiert, die sich ihrer herausfordernden Sexualität und Wirkung offensichtlich sehr bewusst war.

Dass er momentan wie ein unerfahrener Teenager auf die dargebotenen Reize reagierte, irritierte Ash beträchtlich. Es ärgerte und frustrierte ihn. Unkontrolliertes sexuelles Verlangen machte verwundbar, darum erlaubte er sich eine derartige Schwäche erst gar nicht. Selbstkontrolle ging ihm über alles.

Davon abgesehen … allein der Gedanke, ausgerechnet Sophia könnte ihm den Kopf verdrehen, hatte etwas Lächerliches. Sie war doch gar nicht sein Typ. Woher also das schmerzhafte Ziehen in seinen Lenden? Fast so, als hätte er nie zuvor eine aufregendere Frau als sie gesehen?

Das konnte nur eine Folge der sexuellen Abstinenz sein, die er sich vorübergehend verordnet hatte. Er war ein Mann, sie eine Frau und sein Bett kalt und leer, seit er seiner letzten Geliebten vor einiger Zeit den Laufpass gegeben hatte. Daher war es ganz natürlich, dass Sophias Anblick ihn erregte. Sie sah auch wirklich verführerisch aus, mit der Fülle seidiger Locken, die ihr bis auf den Rücken herabfielen. Dazu die ausdrucksvollen dunklen Augen in dem schmalen Gesicht und aufregende weibliche Kurven genau an den richtigen Stellen.

Aber er wäre ein Narr, wenn er der überzogenen Reaktion seines Körpers mehr Gewicht zubilligen würde, als es tatsächlich der Fall war. Sophias selbstbewusster Auftritt hatte ihn eben überrascht, um nicht zu sagen überrumpelt. Na und?

Tatsache war, dass er im Moment keinen Sinn und keine Zeit für amouröse Verwicklungen hatte, und schon gar nicht mit Sophia, die zielgerichtet auf ihn zukam. Womöglich würde sie sich ihm wieder hemmungslos an den Hals werfen, wie sie es bereits als junges Mädchen getan hatte. Und glaubte man der Yellow Press, war die jüngste Prinzessin von Santina weder spröde noch unnahbar, was möglicherweise sogar ihre Popularität im internationalen Jetset ausmachte.

Aber, wie gesagt, zum Glück entsprach sie nicht seiner Kragenweite.

Nach dem Tod seiner Frau hatte er sein Augenmerk ausschließlich auf extravagante Modeltypen gerichtet. Frauen mit entsprechender Erfahrung, die nicht auf die Idee kamen, mehr von ihm zu erwarten, als er zu geben gewillt war, und sich mit einem kostbaren Abschiedsgeschenk begnügten, sobald das Spiel vorbei war.

Sophia war anders. Das wusste er, weil er sie hatte aufwachsen sehen und sogar zur Zielscheibe ihrer überschwappenden Emotionen wurde. Ein Mann, der mit ihr ins Bett ging, sollte sein Herz besser fest in der Hand halten und …

Ash fluchte lautlos. Unfassbar, wohin sich seine Gedanken verirrten!

„Ash …“ Zum zweiten Mal an diesem Abend sagte sie seinen Namen, und es fühlte sich noch berauschender an als zuvor. Ihn zur Begrüßung zu umarmen, wie es ihr erster Impuls gewesen war, dazu kam Sophia allerdings nicht, weil er ihre Handgelenke einfing und festhielt.

Augenblicklich schoss ihr heiße Röte ins Gesicht. Wie konnte sie nur so dumm sein? Hatte sie denn immer noch nichts dazugelernt? Reichte ihr eine Zurückweisung etwa nicht? Im ängstlichen Bestreben, unbedingt seine Unterstützung zu gewinnen, hatte sie einfach nicht nachgedacht. Doch noch war es nicht zu spät. Sie musste sich nur zwingen, kühl und besonnen aufzutreten. Und souverän.

Dabei hatte sie gar keine Hintergedanken gehabt, als sie ihn umarmen wollte! Immerhin begrüßte sie all ihre Freunde auf diese Weise.

Sophia öffnete schon den Mund, um Ash genau das zu erklären, schloss ihn aber gleich wieder unter seinem kalten, missbilligenden Blick. Da sie ihn auf keinen Fall verärgern durfte, war es besser, ihren Stolz und ihren Ärger herunterzuschlucken. Besonders weil sie jetzt, wo sie ihm direkt gegenüberstand, bemerkte, wie sehr er sich verändert hatte. Wo war der junge unbekümmerte Ash geblieben, dessen Augen herausfordernd funkelten und der so herzlich lachen konnte? Was hatte ihn zu dem kalten Zyniker werden lassen, der vor ihr stand?

Musst du das wirklich fragen? verspottete sie sich selbst. Er hat seine Frau verloren. Die Frau, die er über alles geliebt hatte …

Bedrückt dachte Sophia an Ashs häufige Ferienaufenthalte im Palast von Santina zurück. Damals war er ein fröhlicher Charmeur voller Elan und Ideen gewesen, an denen er auch die kleine Schwester seines Schulfreunds teilhaben ließ. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie sich wahrgenommen und akzeptiert gefühlt. Diese Erinnerungen waren es, die sie ermutigt hatten, ihn heute um Hilfe zu bitten, und nicht ihre romantische Jungmädchenschwärmerei für Ash.

Doch langsam begann Sophia daran zu zweifeln, dass ihr Plan tatsächlich so genial war, wie sie geglaubt hatte. Dies war nicht mehr der Ash von früher, und was auch immer für die dunkle Wolke verantwortlich sein mochte, die über ihm zu schweben schien, es schnitt ihr ins Herz. Aber das durfte sie nicht zulassen. Selbst wenn er damals ihr Traumprinz gewesen war – heute erschien er ihr in einem völlig anderen Licht. Und dafür sollte sie dankbar sein, da jetzt keine Gefahr mehr von Ash ausging.

An welche Gefahr denkst du? meldete sich sofort eine kleine Stimme in ihrem Hinterkopf. Etwa daran, dass er es erneut schafft, sich in deine romantischen Tagträume und die verwegenen nächtlichen erotischen Fantasien zu schleichen?

Fast hätte Sophia laut aufgestöhnt. Auf keinen Fall wollte sie den gleichen Fehler ein zweites Mal begehen. Zum Glück war sie inzwischen immun gegen Ash, und so sollte es auch zukünftig bleiben. Immerhin war sie keine sechzehn mehr!

Also holte sie tief Luft und schob das Kinn vor. „Du kannst mich ruhig loslassen, Ash“, informierte sie ihn kühl. „Ich verspreche dir auch hoch und heilig, dich nicht zu berühren.“

Ihn nicht berühren!

Zum Glück hatte Sophia keine Ahnung, welche Tortur allein ihr Anblick für seinen Körper bedeutete. Wenn sie wüsste, dass sein Verstand sich verabschiedet und dafür wilder, zügelloser Lust Platz gemacht hatte. Dass er sie am liebsten ganz fest an seinen harten Leib ziehen würde, damit sie spürte, wie er tatsächlich fühlte? Jetzt, da er selbst Opfer ihrer erotischen Ausstrahlung geworden war, wunderte Ash sich nicht mehr über Sophias zweifelhaften Ruf.

Abrupt gab er ihre Handgelenke frei.

Die fast abfällige Geste bewies ihr, was sie in ihrem Herzen längst gefühlt hatte. Für Ash war jeder körperliche Kontakt zwischen ihnen immer noch ein Tabu.

Ich darf nicht vergessen, dass er trotz allem früher mein Held gewesen ist, der mich schon zwei Mal vor dem sicheren Tod gerettet hat! sagte sie sich beschwörend. Allerdings sprach sein abweisendes, sprödes Verhalten nicht unbedingt dafür, dass er das noch einmal tun würde.

Dabei brauche ich seine Hilfe heute nötiger denn je! Eine erzwungene Heirat mit einem Mann, den man noch nie gesehen hat, dem aber ein übler Ruf vorauseilt, ist schlimmer als der Tod.

Irgendwie musste es ihr gelingen, die unsichtbare Barriere zwischen ihnen zu überwinden, denn ohne seine Unterstützung würde ihr Plan misslingen. Aber wenn er sie nun abwies?

Daran durfte sie gar nicht denken! Vor allem musste sie unbedingt aufrichtig sein. „Ash … da gibt es etwas, das ich dich fragen möchte …“

„Wenn es darum geht, welchen aus der langen Reihe deiner Verehrer du als Nächsten in dein Bett einladen sollst, werde ich dir nicht helfen können, fürchte ich. Am besten, du bleibst bei deiner Taktik, den zu erhören, der die besten Fotos und die dicksten Schlagzeilen verspricht.“

Das kam so unerwartet, dass Sophia zurückzuckte, als hätte er sie geschlagen. Wie konnte er sie so brutal attackieren? Natürlich kannte sie die wilden Gerüchte über sich und ihr angebliches Liebesleben. Aber dass gerade er einen derartigen Müll über sie ausschütten musste! Und ausgerechnet in dem Moment, in dem sie ihn an das unschuldige Mädchen von damals erinnern wollte, das er schon einmal beschützt hatte. Unter diesen Umständen hatte das wohl wenig Sinn.

Außerdem fühlte sie sich durch seine harten Worte verletzt und musste sich auf irgendeine Art Luft machen. „Kehr bloß nicht den Moralapostel heraus! Der einzige Unterschied zwischen uns liegt darin, dass ich meine Liebesabenteuer öffentlich auslebe, während du deinen hinter verschlossenen Türen nachgehst.“

„Und wem von uns beiden würde wohl ein unvoreingenommener Betrachter mehr Ehrgefühl zusprechen, Prinzessin?“, höhnte er.

Sophia nahm die versteckte Beleidigung mit zusammengebissenen Zähnen hin, da sie gute Gründe hatte, die ganze Welt glauben zu machen, sie führe ein ziemlich freizügiges Leben. Gab es einen besseren Weg, um etwas zu verbergen und zu schützen, was sie unbedingt für sich behalten wollte?

Umgekehrt fiel es Ash weitaus schwerer, seine Moral ausgerechnet von Sophia infrage gestellt zu sehen. Besonders weil … ja, warum eigentlich?

Weil er es war, der sie schon einmal vor den Folgen ihrer ausschweifenden sexuellen Bedürfnisse bewahrt hatte? Oder weil er ihr immer noch seine körperliche Reaktion auf sie übelnahm?

„Ich befürchte, diese Art Konversation ist nichts für mich, so angesagt sie in deinen Kreisen auch sein mag“, erklärte er arrogant, da sie nicht antwortete. „Wenn du mich jetzt bitte entschuldigst, ich möchte mich bei deinen Eltern für den angenehmen Abend bedanken. Da ich morgen früh einen wichtigen Termin in Mumbai wahrnehmen muss, werde ich noch um kurz nach Mitternacht zurückfliegen.“

Was? Er wollte schon so bald wieder verschwinden? Das war neben seinem veränderten Wesen ein zweites Hindernis, mit dem sie weder hatte rechnen noch sich darauf einstellen können. Sophia fühlte Panik in sich aufsteigen. Die erhoffte Tür zur Freiheit schien sich von Minute zu Minute weiter zu schließen.

„Früher warst du umgänglicher, Ash, und wesentlich freundlicher“, platzte sie in ihrer Not heraus. „Erinnerst du dich wenigstens noch daran, dass du schon einmal mein Retter warst? Ich verdanke dir mein Leben …“

Nur tiefste Verzweiflung brachte sie dazu, sich ihm gegenüber derart zu offenbaren.

„Ich … ich weiß sogar, dass du etliche Charity-Projekte unterstützt und vielen hilfst, die in Not sind. Und so, wie die Dinge stehen, stecke auch ich gerade in einer ziemlichen Klemme und … und außerdem habe ich dir bisher noch gar nicht sagen können, wie leid mir der Tod deiner Frau tut. Ich weiß, wie viel dir diese Ehe bedeutet hat.“

Mit jedem Wort, das sie in ihrer Aufregung herunterhaspelte, entfernte er sich weiter von ihr. Sie konnte es spüren und sogar sehen, wie er körperlich zurückwich.

Warum, um alles in der Welt, hatte sie seine verstorbene Frau erwähnt? Es gab keinen logischen Grund dafür. Dabei wollte sie doch nur …

Jeder Gedanke erstarb unter dem sengenden Blick aus den schwarzen Augen, die an einen Krieger aus vergangenen Jahrhunderten erinnerten. Und genauso gefährlich wirkte Ash auch. Kein Zweifel, er war wütend auf sie.

Nur weil sie ihm, wenn auch verspätet, zum Tod seiner Frau kondoliert hatte?

Sophia wusste, wie sehr er die indische Prinzessin geliebt hatte. Doch seit ihrem Tod waren einige Jahre vergangen. Seitdem musste es andere Frauen in seinem Leben gegeben haben. Aber wenn es die echte und einzige Liebe gewesen war …

Wie auch immer, wenn Ash glaubte, sie mit schlechten Manieren und finsterer Miene abschrecken zu können, hatte er sich getäuscht. Wahrscheinlich hielt er sie immer noch für das naive Ding, das zu Tode betrübt war, wenn ihr heimlicher Held sie wieder einmal brüsk in die Schranken wies. Doch die Zeiten waren vorbei.

Ash spürte dem brennenden Gefühl in seinem Inneren nach. Wie konnte Sophia es nur wagen, ihn auf Nasreen anzusprechen? Keiner Menschenseele war es erlaubt, dieses Tabuthema zu berühren. „Ich diskutiere mit niemandem über meine Frau oder meine Ehe“, erklärte er in einem Ton, der Sophia bewies, wie richtig sie mit ihrer Einschätzung lag.

Ash liebte seine tote Frau nach wie vor.

Egal. Anstatt darüber nachzugrübeln, sollte sie lieber einen neuen Schlachtplan entwerfen, um sich doch noch seine Unterstützung zu sichern. Seit sie wusste, dass er zur Verlobungsparty ihres Bruders eingeladen war, hatte sie Ash zu ihrem Retter aus höchster Not erklärt. Und noch war sie nicht bereit, sich so schnell geschlagen zu geben.

Plötzlich war Sophia sehr still, doch Ash ließ sich nicht täuschen. Hinter der äußeren Ruhe spürte er deutlich ihre innere Anspannung.

Als jüngstes Familienmitglied des Königshauses, dazu noch als Mädchen, war sie von klein auf gefordert und häufig überfordert gewesen. So hatte sie diese vorgetäuschte Zuversicht schon in früher Kindheit als Überlebenstaktik entwickeln müssen.

Gegen seinen Willen spürte Ash, wie sein Ärger verebbte.

Inzwischen entschied Sophia, dass sie keine Zeit zu verlieren hatte. „Mein Vater will mich mit einem spanischen Prinzen verheiraten“, fiel sie darum ohne weitere Umwege direkt mit der Tür ins Haus.

Ash stockte der Atem unter dem scharfen Schmerz, der ihm für einen Moment den Atem raubte. „Dann plant dein Vater also eine standesgemäße Vernunftehe für seine jüngste Tochter?“, hakte er verhalten nach und hob betont lässig die Schultern.

„Es wäre eine erzwungene Heirat, und ich habe mich noch nie gern zu etwas zwingen lassen, wie du weißt!“, empörte sich Sophia über seine vorgetäuschte Gleichgültigkeit.

Dieser Ausbruch erinnerte ihn wieder an das überemotionale junge Mädchen von früher, und Ash spürte, wie er weich zu werden drohte. „Findest du nicht, dass du die Situation dramatisierst? Du bist doch kein naiver Teenager mehr, Sophia. Prinzessinnen heiraten nun mal Prinzen, und das schon seit Jahrtausenden. Sie leben in arrangierten Ehen, denen zukünftige Thronerben entspringen, und damit erfüllen sie ihre royalen Pflichten und die Verantwortung ihrem Volk gegenüber.“

Eine derartige Reaktion hatte nicht zu der Angebotspalette gehört, wenn sie in schlaflosen Nächten über ihr Zusammentreffen mit dem Maharadscha von Nailpur fantasiert hatte. Und anfangen konnte Sophia damit schon gar nichts. Was sie von Ash brauchte und erwartete, war tatkräftige Unterstützung.

„Ich dramatisiere gar nichts“, wehrte sie sich. „Habe ich denn als Person, als Individuum kein Recht auf ein selbst gewähltes Leben?“

„Ich bin sicher, dein Vater hat nur dein Bestes im Sinn“, beharrte Ash, der sich auf keinen Fall in derart private Familienangelegenheiten hineinziehen lassen wollte. Warum sollte er auch? Er war ein viel beschäftigter Mann und gerade dabei, einen lukrativen Kontrakt auszuarbeiten und durchzusetzen, der die Zukunft seines Volkes für Generationen sichern würde.

„Absolut nicht! Ihm geht es gar nicht um mich persönlich, sondern allein um eine Verbindung, die in unseren Kreisen als echter Treffer gilt“, protestierte Sophia vehement. „Dabei schreckt er nicht davor zurück, mich dem spanischen Prinzen als fügsame Gattin anzupreisen, die unbedingtes Verständnis für dessen extravaganten Lebensstil aufbringen wird. Als ich meinem Vater sagte, dass ich den Prinzen nicht heiraten will, nannte er mich undankbar und sagte, ich würde mich schon an meinen Ehemann gewöhnen. An einen Mann, der nur zugestimmt hat, mich zu heiraten, weil er unbedingt einen Erben braucht.“ Sie musste eine Pause machen, um kurz Luft zu holen. „Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass sein Hobby darin besteht, sich in den Betten seiner diversen Geliebten zu tummeln?“

„Was dir diese Heirat doch eher schmackhaft machen müsste, Sophia.“ Ashs kalte Stimme troff förmlich vor Sarkasmus. „Denn so sehr unterscheidet sich dein Lebensstil doch gar nicht von dem deines zukünftigen Gatten, oder?“

Das war ein Schlag unter die Gürtellinie, mit dem Sophia nicht gerechnet hatte und der jeden Tropfen Blut aus ihrem Gesicht weichen ließ. Dabei müsste es ihr doch eigentlich egal sein, was Ash von ihr dachte. Doch so war es nicht.

Trotzdem konnte sie ihm nicht gestehen, wie sehr sie die Denunziationen der Presse und Weltöffentlichkeit schmerzten, ohne mehr von sich preiszugeben, als sie bereit war. „Es ist nicht die Art von Ehe, wie ich sie mir immer erträumt habe“, war alles, was sie herausbrachte. „Ich ertrage den Gedanken einfach nicht …“ Sie stockte und versuchte, die wachsende Panik aus ihrer Stimme zu verbannen. Ash war die letzte Person auf Erden, der sie anvertrauen konnte, was es für sie bedeuten würde, per Gesetz gezwungen zu sein, mit einem Mann intim zu werden, den sie gar nicht kannte. Wenn er wüsste, dass sie …

Nein, es musste ihr Geheimnis bleiben. Ein Geheimnis, das sie schon so lange fest verschlossen in ihrem Herzen bewahrte.

Sophia atmete ein paar Mal tief durch und stählte sich innerlich. „Wenn ich heirate, dann einen Mann, den ich kenne und respektiere“, erklärte sie ruhig. „Er soll mich ebenso lieben wie ich ihn. Und auch unsere Kinder sollen sich geliebt, sicher aufgehoben und glücklich fühlen.“ Zumindest dieses Statement entsprach absolut der Wahrheit.

Und das war es auch, was Ash heraushörte und zähneknirschend akzeptieren musste. Ebenso wie die Wirkung, die Sophias kleine Rede auf ihn hatte. Es lag etwas in ihrer Stimme und ihrem Blick, das ihn gegen seinen Willen berührte und Erinnerungen in ihm wachrief, die er nicht wieder auffrischen wollte.

Wieder auffrischen? verhöhnte er sich selbst. Seit wann muss man etwas wiederbeleben, das nie vergessen war? Das er niemals vergessen könnte …

„Bitte, Ash … du musst mir einfach helfen!“

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