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Fluch der Nacht

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Prolog
  7. 1. Kapitel
  8. 2. Kapitel
  9. 3. Kapitel
  10. 4. Kapitel
  11. 5. Kapitel
  12. 6. Kapitel
  13. 7. Kapitel
  14. 8. Kapitel
  15. 9. Kapitel
  16. 10. Kapitel
  17. 11. Kapitel
  18. 12. Kapitel
  19. 13. Kapitel
  20. 14. Kapitel
  21. 15. Kapitel
  22. 16. Kapitel
  23. 17. Kapitel
  24. 18. Kapitel
  25. 19. Kapitel
  26. 20. Kapitel
  27. Danksagungen
  28. Für meine Leser

Über die Autorin

Christine Feehan lebt gemeinsam mit ihrem Mann und ihren elf Kindern in Kalifornien. Sie schreibt seit ihrer frühesten Kindheit. Ihre Romane stürmen regelmäßig die amerikanischen Bestsellerlisten, und sie wurde in den USA bereits mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet. Auch in Deutschland erfreut sich die Autorin einer stetig wachsenden Fangemeinde.

Auf Christine Feehans englischsprachiger Homepage www.christinefeehan.com erhalten Sie weitere Informationen über die Autorin.

Für meine Schwester Anita Toste,
die meine Liebe zu geheimnisvollen Dingen teilt,
mit mir bis zum frühen Morgen Zaubersprüche schreibt
und mich mit Kindheitserinnerungen unterhält.
Und die ich immer geliebt und auf die ich mich
mein Leben lang verlassen habe.

Prolog

Die Kälte hätte sie frösteln lassen müssen, doch es war Furcht, lähmende, unkontrollierbare Furcht, die Lara erfasste und sie bis ins Innerste erschaudern ließ. Sie kauerte auf dem Boden der Eishöhle und betrachtete die Mauern ihres Kerkers. Das dicke blaue Eis an den Wänden war schön und mit erstaunlichen Eisformationen geschmückt, die von der Decke herabhingen und vom Boden aufstiegen wie ein Wald aus farbenprächtigem Kristall. Lara machte sich noch kleiner und beobachtete die über das Eis flackernden Lichter, die glitzernde, helle Bilder an die Wände warfen. Und trotz all dieser Schönheit schlug das Herz ihr bis zum Hals, und sie erstickte fast an der immer größer werdenden Angst in ihr.

Ein leises Wispern in ihrem Kopf half ihr jedoch, sich zusammenzunehmen, sich zu konzentrieren und Ruhe zu bewahren, obwohl sie sich nur noch auf dem Boden zusammenrollen und weinen wollte. Sie war jetzt acht Jahre alt – war es gerade heute erst geworden. Lara senkte den Blick auf ihre Arme und Handgelenke, die mit Bisswunden bedeckt waren, mit Narben von Zähnen, die ihre Haut durchbohrten, um an ihre Venen heranzukommen. Heute war allerdings der letzte Tag, an dem jemand ihr das Fleisch zerfetzen und das Blut aussaugen würde ... denn heute würde sie all dem entfliehen.

Ich habe solche Angst. Ihre Stimme zitterte sogar in der telepathischen Verbindung, die sie aufzunehmen versuchte.

Augenblicklich spürte sie, wie die vertraute Wärme in ihren Kopf eindrang. Das Gefühl breitete sich in ihrem ganzen Körper aus, vertrieb die Kälte und gab ihr Mut. Du wirst nicht allein sein. Wir werden dir helfen zu entkommen. Du musst nur tapfer sein, Kleines.

Wirst du mitkommen, Tante Bronnie? Kommt ihr beide mit? Lara wusste, wie beklommen und hilflos sie sich anhörte, aber sie konnte nichts dagegen tun. Sie war noch nie über der Erde gewesen und wie gelähmt vor Furcht bei dem Gedanken, allein in eine unbekannte Welt hinauszutreten. Ohne ihre Tanten würde sie sich völlig schutz- und hilflos fühlen. Sie hatten sie so viele Zauber wie nur möglich gelehrt und sie in ihrem Kopf und ihrer Erinnerung verankert, doch sie war trotzdem immer noch ein Kind im Körper eines Kindes. Ein dünnes, schwaches, blasses Mädchen mit einem Wuschelkopf aus kupferroten, nicht zu bändigenden Haaren und so gut wie gar nichts anderem.

Das wird vielleicht nicht möglich sein, und wenn wir nicht mitkommen können, musst du allein gehen, Lara. Du musst diesen Ort weit hinter dir zurücklassen und deine Talente und Fähigkeiten vor allen verbergen, um nie wieder gefangen genommen zu werden. Verstehst du das, Lara? Du darfst in der Außenwelt in keinster Weise auffallen.

Sie hatten ihr von dieser Welt erzählt. In langen, einsamen Nächten hatten sie von Orten über der Erde geflüstert, von der Sonne und dem Meer, von Wäldern voller Bäume und von lebendigen Tieren und Vögeln, die in Freiheit lebten. Sie hatten ihren Kopf – und ihr Herz – mit Bildern gefüllt, die so wunderschön waren, dass sie Lara den Atem geraubt hatten.

Aber warum muss ich meine Gaben vor der Außenwelt verbergen? Lara fröstelte wieder und rieb mit beiden Händen über ihren Körper, um sich aufzuwärmen. Es war nicht die Temperatur in der Eishöhle – ihre eigene Körpertemperatur konnte sie kontrollieren, wenn sie es nicht zu tun vergaß -, doch der Gedanke, die Höhle zu verlassen, war fast ebenso beängstigend wie die Vorstellung zu bleiben. Hier hatte sie zumindest ihre Tanten. Da draußen hingegen ... Sie wusste nicht einmal, was sie dort zu erwarten hatte.

Es ist immer besser, sich anzupassen, Lara. Xavier ist ein grausamer Mann – und es gibt noch andere wie ihn. Du hast große Macht in dir, und andere werden sie für sich benutzen wollen. Lerne im Geheimen und benutze deine Macht nur, wenn du sie brauchst, um Gutes zu tun oder dein Leben zu retten! Du darfst andere nichts davon wissen lassen.

Kommt mit mir!, flehte Lara.

Wenn wir können, ja, aber du musst diesen Ort auf jeden Fall verlassen, Lara. Du siehst ja, was sie uns antun – und was sie auch dir antun werden. Deine Macht wird sie berauschen, und sie werden dir alles nehmen, Kind.

Lara schloss die Augen, als das Zittern in ihr so stark wurde, dass das Grauen sie förmlich schüttelte. Oh ja, sie hatte gesehen, was ihre Tanten meinten! Folter. Schauerliche Folter. Grässliche schwarze Magie, die Dämonen mit rot glühenden Augen und dem ekelerregenden Gestank des Bösen hervorbrachte. Bis zum Tag, an dem sie starb, würde sie die Schreie hören, die Schreie anderer, die um Gnade bettelten und den Tod erflehten.

Nein, sie durfte ihren Vater oder Urgroßvater nichts wissen lassen von der Macht, die in ihr heranwuchs. Sie durfte nie verraten, dass die Tanten mit ihr gesprochen und sie unterrichtet hatten, dass sie ihr alles übermittelt hatten, was sie wussten, damit sie neben der wachsenden Macht, die ihr eigen war, auch das Wissen hatte, das mit ihr Hand in Hand gehen musste. Die beiden Männer würden versuchen, ihr alles zu nehmen, was sie war, oder sie zumindest zu beherrschen, falls sie das nicht konnten, und am Ende würde sie wie die anderen

sein, den grausigsten Experimenten unterzogen und Stück für Stück bei lebendigem Leibe aufgefressen, bis nur noch Schmerz und Wahnsinn blieben.

Heute war ihr Geburtstag, und sie musste fliehen. Sie musste das einzige Zuhause verlassen, das sie je gehabt hatte, und in eine Welt hinausgehen, die sie nur durch die Erinnerungen ihrer beiden Tanten kannte, die schon so viele Jahre hier gewesen waren, dass sie den Überblick verloren hatten. Bevor sie jedoch ihre Fluchtpläne in die Tat umsetzen konnte, würde sie noch ein letztes Mal die grausig scharfen Zähne ihres Vaters und Urgroßvaters ertragen müssen.

Lara schlug die Hände vor die Augen und unterdrückte ein Aufschluchzen.

Lara. Du entstammst dem Geschlecht der Drachensucher. Du schaffst das. Wir sind stark. Wir halten durch. Wir erliegen nie dem Bösen. Verstehst du? Du musst fliehen.

Tante Bronnie las ihr wie immer die Leviten, aber wie stets lagen auch diesmal Liebe und Zärtlichkeit in ihrer Stimme. Und Sorge und Entschlossenheit. Tante Tatijana dagegen klang traurig und schwach, doch die Liebe war auch bei ihr zu hören, obwohl sie in letzter Zeit kaum noch Energie mit Reden verschwendete. Lara wusste, dass irgendetwas ganz und gar nicht in Ordnung war, und hatte Angst, die beiden Frauen zu verlieren.

»Ich will nicht allein sein«, flüsterte sie in der eisigen Kälte der bläulich schimmernden Grotte. Sie sagte es ihren Tanten laut und nicht im Geiste, weil sie nicht merken sollten, dass sie vor Angst wie gelähmt war. Dieser furchtbare Ort der Qualen, des Todes und der Kälte war ihr Zuhause, und hier hatte sie wenigstens die Tanten und wusste, was sie zu erwarten hatte. Draußen – dort draußen würde sie ganz allein in einer fremden Welt sein.

Laras Körper zuckte plötzlich hoch, und im selben Moment spürte sie auch schon, wie der Eindringling sich wie Schmutz in ihrem Geist verbreitete. Ein Schrei entrang sich ihr. Ihr Instinkt riet ihr, sich gegen den Befehl zur Wehr zu setzen, aber dann nahm sie ihre ganze Willenskraft zusammen und zwang sich, ruhig dazuliegen und das ergebene Opfer zu spielen. Was gar nicht leicht war, wenn alles in ihr erschauderte und sich von dem immer größer werdenden Fleck in ihrem Geist zurückzog.

Wehr dich nicht! Bewahr dir deine Kraft, wisperte Tante Bronnies Stimme. Lass ihn glauben, er hätte die Kontrolle! Wir werden alle im selben Moment zuschlagen. Das wird das letzte Mal sein, Kind. Das allerletzte Mal ...

Lara erstickte fast an dem Schluchzen, das in ihr aufstieg. Jemand anderen in sich zu haben, zu spüren, wie das Böse sich in ihren Körper einschlich, sich in ihr Bewusstsein drängte und ihr seinen Willen aufzwang, ließ Galle in ihr hochsteigen, die ihre Kehle und ihren Mund mit bitterer Säure füllte. Sie rappelte sich auf und machte einen Schritt und dann noch einen, wie eine von unsichtbaren Fäden gelenkte Marionette. Sie konnte jedoch nicht verhindern, dass ihr Instinkt sie drängte, sich zu wehren, und darum widerstand sie der Präsenz des Eindringlings und versuchte, ihn aus ihrem Bewusstsein zu verdrängen. Ein kleiner Aufstand nur, der ihr allerdings sofort vergolten wurde.

Wieder ging ein Zucken durch ihren Körper, und bohrender Schmerz fuhr durch ihren Schädel. Das Gefühl von Spinnen, die über ihre Haut krochen, Hunderten von Spinnen, die sie umkrabbelten und sich auf ihr niederließen, sich in ihrem Haar verkrochen und sie in die Kopfhaut bissen, ließ sie wie wild auf ihren Körper einschlagen.

Lara öffnete den Mund, um zu schreien, aber es kam kein Ton heraus. Sie wusste, dass Razvan – ihr Vater – keine Geduld für Tränen oder Gebettel aufbrachte. Es machte ihn wütend, Schreie oder die weinerliche Stimme eines Kindes zu hören. Laras früheste Erinnerung an ihn war, dass er sie geschüttelt und die Zähne gefletscht hatte wie einer der gefangenen Wölfe, die er hin und wieder in seinen Unterschlupf mitbrachte, um sie zu quälen.

Doch so schlimm ihre Erinnerungen auch waren, dies war nun einmal ihre Lebensweise. Die Tanten hatten ihr gesagt, dass ein Kind geliebt und gut behandelt werden müsse und nie, niemals als Nahrung dienen dürfe, doch außer den gemeinsamen Erinnerungen an ihre Kindheit mit ihrer Mutter hatten sie alle drei nichts, worauf sie sich wirklich verlassen konnten. Nicht einmal die Tanten hatten sehr viel mehr erlebt als das, was Laras Leben war. Und Erinnerungen – besonders alte - konnten täuschen.

Er zwingt mich, in den großen Raum zu gehen. Lara versuchte, die in ihr aufsteigende Panik zu bezwingen, um sich nicht zur Wehr zu setzen und ihre Fähigkeiten zu offenbaren, aber ihr Selbsterhaltungstrieb war stärker.

Danach kommst du zu uns zurück, erinnerten ihre Tanten sie. Denk nur daran! Und dann verlässt du diesen furchtbaren Ort, um weit weg von hier ein neues Leben zu beginnen, wo sie dir nie wieder etwas anhaben können.

Lara nickte und bremste ihre Kampfeslust. Sie durfte nicht die Beherrschung verlieren, oder Razvan würde argwöhnen, dass sie etwas im Schilde führte. Er versuchte, sie durch Furcht und Schrecken zu beherrschen, das wusste sie. Wenn sie nicht verängstigt genug war, würde er einen Weg finden, ihr Angst zu machen, um sie unter seiner Fuchtel zu behalten und sich ihre Fügsamkeit zu sichern.

Sie zählte jeden Schritt, obwohl sie die genaue Zahl schon kannte, weil sie diesen Weg schon unzählige Male gegangen war. Siebenunddreißig Schritte durch den Gang, dann würde ihr Körper wie von selbst nach rechts abbiegen und durch den Eingang in die große Kammer gehen, in der Razvan und Xavier ihre rituellen Zeremonien abzuhalten pflegten. Der lange Gang war eigentlich ein Tunnel mit bläulicher Decke und dicken Eiswänden. Das Eis unter ihren Füßen war glatt und fest, fast kristallklar und immer hell erleuchtet von den Lichtkugeln in den Wandleuchtern. Das Licht, das über die Wände flackerte, offenbarte einen Regenbogen von Farben, die wie in das Eis eingelassene Juwelen glitzerten.

Lara liebte die Schönheit dieser gefrorenen Welt, die orangeroten und blauvioletten Skulpturen, die vom Boden aufragten und sich zu funkelnden Fontänen verjüngten. Sie schienen nur darauf zu warten, vom Licht erfasst zu werden, um zum Leben zu erwachen. Mit kurzen, stockenden Schritten ging Lara an den vertrauten Gebilden vorbei, bis sie in der Mitte des großen, saalartigen Raumes stand. Alle paar Schritte stiegen riesige Säulen zu der gewölbten Decke auf, uralte Waffen bedeckten eine ganze Wand, und gegenüber, vollkommen in Eis eingeschlossen, waren die beiden wunderschönen Drachen, der eine rot, der andere blau.

Lara blickte auf, und ihr stockte der Atem. So erging es ihr jedes Mal beim Anblick ihrer Tanten, die nicht nur in Eis eingeschlossen, sondern auch in mächtigen Körperformen gefangen waren, die nicht ihre wahren Gestalten waren. Lara konnte sich noch nicht verwandeln, aber sie spürte, dass es kein sehr weiter Weg mehr bis dahin war. Die Tanten hatten das Wissen tief in ihrem Geist verankert, damit sie die Prozedur niemals vergessen würde, doch sie hatte bisher noch nicht den Mut gefunden, sich tatsächlich zu verwandeln. Und die Tanten hatten ihr verboten, es innerhalb der Höhlen zu versuchen, wo Razvan oder Xavier das Ansteigen von Macht bemerken würden.

Der rote Drache hatte sein großes Auge an das Eis gepresst, und während Lara hinsah, schloss sich das Lid langsam und öffnete sich dann wieder über dem runden Augapfel. Dieses kleine Zeichen gab Lara die Kraft, den Mann anzusehen, der stirnrunzelnd in der Mitte des Raumes stand. Razvan – ihr Vater – schaute sie böse an und winkte ihr mit einem langen Finger.

Die Falten in seinem Gesicht hatten sich vertieft, seit sie ihn das letzte Mal gesehen hatte, und das war erst vor ein paar Tagen gewesen. Sein Haar hatte sich von dem einstigen Kupferrot zu einem Braun verdunkelt, das auch schon mit Grau durchsetzt war. Seine Augen lagen tief in den Höhlen und waren von dunklen Ringen umgeben. Sowie sein Blick auf Lara fiel, begann er, schwerer zu atmen; er keuchte schon fast vor Erregung. In einer Hand hielt er ein rituelles Messer, bei dessen Anblick Laras Herz zu rasen anfing.

Er hat das Messer.

Zähne, die ihr Fleisch zerfetzten, waren schlimm genug, doch das Eindringen dieser scharfen Klinge in ihren Körper, das Metall an ihrer Haut und ihrem Gewebe, brachten die Schreie vergangener Opfer mit, Schreie, die Lara in ihrem Inneren noch wochenlang danach nicht übertönen konnte. Die Bitten um Gnade verfolgten sie in ihren Träumen, sodass sie das Gefühl hatte, verrückt zu werden, bis sie mit der Zeit endlich verhallten.

Lara konnte nichts tun gegen den Adrenalinschub und die in ihr aufflammende Macht, die dazugehörte, oder gegen den instinktiven Rückzug, der sie in ihren stockenden Schritten innehalten ließ. Razvan fauchte und fletschte die fleckigen Zähne.

»Komm her!« Sein Gesicht war eine Maske des Hasses. »Du bist nichts, nur billiges Futter, um das Genie in mir zu stärken. Nichts als ein sich auf dem Boden windender Wurm, der meiner Größe dient.«

Er zeigte auf das Eis, und sekundenlang war Lara versucht, ihre eigene Macht der seinen entgegenzusetzen.

Nein! Du musst tun, was er sagt. Er darf nichts von der Macht in dir erfahren! Er würde dich einsperren, wie Xavier uns eingesperrt hat. Heute bekommst du deine Chance, Lara.

Tante Bronnies Stimme wisperte, bettelte und überredete, ja sie befahl sogar. Doch all das hätte nicht genügt, um Laras Selbsterhaltungstrieb und ihren Abscheu vor dem Messer und Razvan zu überwinden, wenn nicht in jedem Wort ihrer Tante nackte Angst gelegen hätte. Und nur deshalb resignierte Lara und kniete sich hin, um auf allen vieren über den vereisten Boden zu kriechen, dessen Kälte ihr in alle Knochen drang. Sie ließ das Gefühl zu, ohne ihre Körpertemperatur zu regulieren, in der Hoffnung, dass die Ablenkung durch die Eiseskälte ihr helfen würde, sich zu beruhigen.

Während er leise Worte vor sich hin flüsterte, stand Razvan einen Moment lang in gebückter Haltung da, und seine Augenfarbe wechselte von Blau zu Grün. Lara zuckte zusammen, als sie es sah. Auch ihre Augen veränderten manchmal ihre Farbe, was mit ihren Stimmungen zusammenhing und das Einzige war, was sie mit Razvan verband, die einzige gemeinsame Eigenschaft, zu der sie sich bekennen musste – und was bedeutete, dass das Blut eines Ungeheuers in ihren Adern floss.

Er bückte sich, und ein merkwürdiger Ausdruck erschien auf seinem Gesicht, als er sich in dem großen Raum umblickte. Dann legte er eine Hand auf Laras Kopf und strich ihr in einer Geste, die eine Liebkosung hätte sein können, über die kupferroten Locken. Seine Stimme klang ungeübt und heiser, als er flüsterte: »Flieh, Lara! Bring dich in Sicherheit, meine Kleine, bevor du ganz am Ende bist!«

Lara blickte stirnrunzelnd zu ihm auf, erstaunt über dieses seltsame Ritual, das er jedes Mal vollzog, bevor er sie an ihren schmalen Schultern packte und auf die Füße riss. Seine inzwischen rot glühenden Augen glitzerten vor Irrsinn, als er blitzschnell ihr Handgelenk umdrehte und mit der Klinge darüberfuhr.

Lara schrie auf und versuchte, den Schock, die Panik und den Schmerz zu unterdrücken. Das Messer durchtrennte bis zum Knochen ihr Fleisch und setzte die Schreie vieler anderer Opfer frei und die Schatten von Leben, die noch an der Waffe klebten, die sie gemartert und getötet hatte. Razvan presste Laras Handgelenk an seinen Mund und begann, gierig daran zu saugen, während seine Zähne an ihr nagten und bissen wie an einem Knochen und er widerliche, schmatzende Geräusche von sich gab, die sich mit den Schreien der Toten zu einem schauerlichen Chor verbanden.

Tränen brannten hinter Laras Lidern und ließen ihre Sicht verschwimmen, doch sie kämpfte sie zurück. Die Tanten hatten recht, sie musste fliehen. Was kümmerte es sie schon, was sie in der Außenwelt erwartete? Sie wusste nur, dass sie die Qualen, die ihr hier tagtäglich zugefügt wurden, nicht mehr lange überleben würde.

Bleib stark! Er ist schon fast gesättigt.

Daran klammerte sie sich, weil sie wusste, dass die Tanten es spüren konnten, wenn Razvan kurz davor war, von ihr abzulassen. Ihr war schwindlig, und sie fühlte sich so kraftlos und geschwächt, dass ihre Knie nachzugeben drohten. Und dann erstarrte sie, war wie gelähmt, und die Härchen an ihrem Nacken richteten sich auf. Eine Gänsehaut kroch über ihre Arme, und die kalten Finger der Angst wanderten ihr Rückgrat hinunter. Er kam. Wenn Razvan ein Ungeheuer war, dann war ihr Urgroßvater der Inbegriff des Bösen. Sie konnte seine Gegenwart schon lange spüren, bevor er überhaupt den Raum betrat.

Ein sichtbares Erschaudern durchlief Razvan, als er den Kopf hob, und blitzschnell zog er Lara hinter sich. Sie strich mit der Zunge über die Wunde an ihrem Handgelenk, um sie mit den heilenden Substanzen in ihrem Speichel zu verschließen.

Der Geruch verwesenden Fleisches kündigte Xaviers Erscheinen an. Sein ausgemergelter Körper war gebückt, und mit einer Hand umklammerte er einen Gehstock, als er in die saalartige Kammer schlurfte. Dieser Stock war eine erstaunlich wirkungsvolle Waffe, die dazu benutzt werden konnte – und wurde -, Schmerzen zuzufügen. Die langen Gewänder, die den abgezehrten Körper bedeckten, raschelten bei jedem Schritt und schleiften über den Boden, wo sie kleine Eiskristalle aufnahmen, die sich als glitzernd weiße Splitter und Fragmente an dem Saum absetzten. Der lange weiße Bart reichte dem alten Mann fast bis zur Taille. Sein Bild war verschwommen, weil er sich bewegte, aber wenn Lara ihre Augen anstrengte, konnte sie das verfaulende Fleisch unter der glanzvollen Staffage sehen.

Lara spürte die Welle der Macht, die ihr entgegenschlug, und wusste, dass sie mehr von dem Gehstock als von ihrem Urgroßvater ausging. Razvan duckte sich ängstlich vor dem alten Mann, als er sich ihnen näherte. Xavier war der älteste aller Magier, der sowohl die schwarze als auch die weiße Magie beherrschte. Seine Lehren waren nicht nur Grundlage für die Spezies der Magier gewesen, sondern auch für die der Karpatianer. Laras Tanten hatten sie mit der furchtbaren Familiengeschichte vertraut gemacht, die Entführung, Schändung, Mord und Krieg umfasste. Und alles nur wegen dieses einen Mannes und seines Strebens nach Unsterblichkeit.

Xavier streckte einen dünnen Arm nach ihr aus, dessen Finger mager wie Knochen waren und die Nägel lang und nach innen gebogen wie Krallen. Mit diesen Fingern winkte er ihr, zu ihm zu kommen.

Razvan stieß Lara weg. »Du wirst sie nicht anrühren. Du hast deinen eigenen Vorrat.«

Komm näher, Lara, während sie sich um dich streiten. Komm an die Wand heran und hilf uns auszubrechen!

»Ich kann die anderen nicht mehr benutzen, wie du sehr wohl weißt. Sie sind zu mächtig geworden, um sie zu beherrschen. Ich brauche das Buch. Wir müssen es finden.« Xavier humpelte näher an Lara heran und streckte seine klauenähnlichen Finger nach ihr aus. »Wenn ich das Buch habe, werden sie sich mir nicht mehr widersetzen können.«

Razvan schob Lara noch weiter hinter sich. »Die hier gehört mir, und du wirst sie nicht angreifen.«

»Bilde dir ja nicht ein, du könntest mir Befehle erteilen!« Xaviers Stimme hallte von den vereisten Wänden wider. Er richtete sich nun zu seiner vollen Größe auf, während Razvan regelrecht vor ihm zu schrumpfen schien. »Ich werde alt, aber ich habe noch meine Fähigkeiten und du nicht.«

Während Lara sich langsam immer näher an die Wand heranschob, nahm sie ihre ganze Kraft zusammen und bündelte die Energie im Raum.

»Du hast ja nicht mal mehr deine eigenen Kinder unter Kontrolle, alter Mann. Obwohl sie sterbenskrank sind, widersetzen sie sich dir doch immer noch. Du hast mich gezwungen, dir meine Nachkommen zu bringen, aber diese Kleine hier kannst du nicht haben. Du bringst sie alle um mit deiner Gier.«

»Du wirst sie mir geben.« Xavier schwang seinen Stock, bis dessen Spitze auf seinen Enkel zeigte.

Lara nutzte den Moment, um dem Stock so viel Energie zu entziehen, wie sie nur konnte, und richtete sie auf die Wand aus Eis. Gleichzeitig verbanden ihre Tanten ihre Macht mit ihrer, und die massive Eiswand dehnte sich in Richtung Kammer aus. Große Splitter sprangen ab, als die Wand von einem Spinnennetz von Rissen überzogen wurde und das Eis zerbrach.

»Halt sie auf, Razvan!« Xavier sprang zur Seite, um sich vor dem zersplitternden Eis in Sicherheit zu bringen.

Ein leuchtend roter Drache durchbrach das Eis und schlug mit seinen scharfen Krallen nach Razvan, während der blaue Drache für Lara einen seiner Flügel senkte.

Jetzt, Lara! Schnell! Steig auf!, rief Tante Tatijana ihr zu.

Laura zögerte nicht. Leichtfüßig sprang sie auf den blauen Flügel, kletterte daran hinauf und schwang ihr Bein über den Nacken des Drachen. Sofort erhob er sich auf die Hinterbeine, schlug schnell und hart mit seinen mächtigen Flügeln und entfachte einen Sturm mit ihnen, der beide Männer rückwärts auf den Boden warf. Xavier verlor dabei seinen Gehstock aus der Hand. Lara konzentrierte sich darauf, lenkte den Wind auf den dicken, hölzernen Stab und sah, wie er zur anderen Seite der Eiskaverne rollte. Der blaue Drache erhob sich in die Luft.

Wir haben nicht viel Zeit. Flieh, Tatijana, solange du noch kannst, drängte Bronnie ihre Schwester, während sie sich zwischen Razvan und Xavier und Tatijana und Lara warf.

Lara konnte sehen, dass beide Drachen sehr geschwächt waren. Ihre sonst immer so schöne Hautfarbe verblasste bereits. Die Anstrengung, die beiden Magier in Schach zu halten, forderte ihren Tribut von ihnen. Und nun, da sie auf Tatijana saß, erkannte Lara, dass die Tanten halb verhungert waren, ja, es schon jahrelang gewesen sein mussten. Xavier erlaubte ihnen nur das absolute Minimum an Nahrung, um zu verhindern, dass sie genügend Kraft gewannen, um ihre Macht zu nutzen. Tatijana war die Schwächste der beiden, und deswegen versuchte Bronnie, ihrer Schwester Zeit zu verschaffen, die Oberfläche zu erreichen und zu fliehen.

Als Lara sich umblickte, sah sie Razvan auf den roten Drachen zukriechen. Bronnie schlug wild mit den Flügeln, um Xavier am Boden und von seinem mächtigen Stab entfernt zu halten.

Pass auf! Lara versuchte, ihre Tante noch zu warnen, aber die Warnung kam einen Herzschlag zu spät.

Razvan stieß das zeremonielle Messer in die Drachenbrust. Tatijana schrie auf, und der rote Drache brach zusammen.

Raus! Lauft, ich werde sie aufhalten, solange ich kann. Tatijana spreizte ihren Flügel, damit Lara über ihn zu einem Mauervorsprung über der Eiskammer gelangen konnte.

Geh mit ihr, Tatijana!, flehte Bronnie.

Ja, komm mit, Tante!, bettelte auch Lara.

Tatijana schüttelte den Kopf. Ich verlasse meine Schwester nicht. Geh, Kleines! Lauf und vergiss diesen Ort! Sieh dich nicht mehr um! Sei frei und werde glücklich!

Lara klammerte sich an der Eiswand fest. Sie musste immer noch aus dem Labyrinth von Tunneln einen Weg zur Oberfläche finden. Ein letztes Mal blickte sie nach unten auf das einzige Zuhause, das sie je gekannt hatte. Xavier hatte sich inzwischen aufgerappelt und streckte gebieterisch die Hand aus. Sein Stab zögerte, aber dann flog er durch den Raum zu ihm.

»Bleib ruhig liegen, oder du wirst sterben«, befahl er Bronnie. »Du Narr«, fauchte er dann Razvan an.

Doch der rote Drache kämpfte weiter und verlor Unmengen von Blut, die den eisbedeckten Boden färbten.

Xavier richtete seinen Stab auf den blauen Drachen. »Gib Ruhe, oder ich töte deine Schwester.«

Bronnie hörte augenblicklich auf, sich zu bewegen, und blieb keuchend auf dem blutdurchtränkten Eis am Boden liegen. Der blaue Drache schmiegte sich an seine Schwester und fuhr mit seinem langen Hals und seiner Zunge über sie, um sie zu retten.

Lara presste sich die Hand ganz fest vor den Mund, um nicht in Tränen auszubrechen.

Geh, bevor ihr Opfer umsonst war, befahl Tatijana ihr.

Und Lara rannte los.

1. Kapitel

Lass uns von hier verschwinden, Lara«, sagte Terry Vale. »Es wird schon dunkel, und hier ist nichts zu finden.« Offensichtlich nicht erstaunt darüber, dass sie keinen Eingang zu einer Eishöhle gefunden hatten, schulterte er seine Ausrüstung und schickte sich zum Gehen an. Da bislang noch niemand die Höhle in den Karpaten entdeckt hatte, bezweifelte er ohnehin sehr stark, dass es sie gab.

Lara Calladine überging Terrys Einwände und suchte weiter den Berghang nach einer Spalte ab, die auf das Vorhandensein einer Höhle hindeuten könnte. Sie irrte sich nicht – diesmal nicht. Beim Betreten der oberen Berghänge hatte sie heute gleich die elektrisierende Empfindung großer Macht verspürt. Dies war der Ort. Jetzt holte sie tief Luft und drückte eine Hand auf ihr wild pochendes Herz. Dies war der Ort, den sie ihr Leben lang gesucht hatte. Diesen Energiefluss würde sie überall erkennen. Sie kannte jede Verflechtung, jeden Zauber, und ihr Körper absorbierte die sich sammelnde Macht, sodass ihre Venen kribbelten und ihre Nervenenden brannten von der elektrischen Energie, die sich in ihr zusammenbraute.

»Ich kann Terry nur zustimmen«, sagte Gerald French, das dritte Mitglied ihres Höhlenforschungsteams. »Das ist ein gruseliger Ort. Wir waren schon auf vielen Bergen, aber der hier mag uns nicht«, erklärte er mit einem nervösen Auflachen. »Hier oben wird es langsam haarig.«

»Was für ein altmodischer Ausdruck!«, murmelte Lara, während sie ihre Hand an der Felswand entlangbewegte, ohne sie jedoch zu berühren, um nach Manifestationen von Macht zu suchen. Die beiden Männer waren nicht nur ihre Kletterpartner, sondern auch ihre engsten Freunde. Trotzdem wünschte sie in diesem Augenblick, sie hätte sie zurückgelassen, weil sie so überzeugt war, dass sie recht hatte. Die Höhle war hier, sie brauchte nur den Eingang zu entdecken.

»Nenn es, wie du willst«, erwiderte Gerald ungehalten. »Es wird dunkel, und hier ist nichts als Nebel. Und dieser Nebel ist gespenstisch, Lara. Wir sollten machen, dass wir von diesem Ort verschwinden.«

Lara warf den beiden Männern einen ungeduldigen Blick zu und sah sich noch etwas genauer die Landschaft in ihrer näheren Umgebung an. Glitzerndes Eis und Schnee bedeckten die umliegenden Berge wie ein weißer Mantel aus funkelnden Juwelen, und trotz der zunehmenden Abenddämmerung konnte sie in dem Tal tief unter ihnen Burgen, Farmen und Kirchen sehen. Auf den Weiden grasten Schafe, und in der Ferne wälzte sich ein stark angeschwollener Fluss dahin. Über ihnen kreisten Vögel, Unmengen von Vögeln, die sich kreischend auf sie herabstürzten, nur um im letzten Moment wieder abzudrehen und ihr Kreisen wiederaufzunehmen. Ein kalter, böiger Wind schlug ihr ins Gesicht und gegen jedes Stückchen unbedeckter Haut, zerrte an ihrem langen, dicken Zopf und erfüllte die Luft mit seinem Heulen. Hin und wieder löste sich ein Fels am Berg und stürzte den Hang ins Tal hinunter. Einmal landeten der mitgerissene Schmutz und Schnee ganz in der Nähe ihrer Füße.

Laras besorgter Blick glitt über die wilde Landschaft unter ihnen. Schluchten und Klammen durchschnitten die schneebedeckten Berge, Pflanzen klammerten sich seitlich an die schroffen Felsen und zogen sich ungeschützt über die Hochebene dahin. Lara konnte die Eingänge zu mehreren Höhlen erkennen und fühlte sich so stark von ihnen angezogen, als versuchten sie, sie zu sich hinzulocken. Die wassergefüllten Mulden und Vertiefungen im Boden weiter unten bildeten kleine, dunkle Torfmoore mit grün bemoosten Uferstellen, die in krassem Gegensatz zu den verdorrten braunen Gräsern um sie herum standen. Aber Lara musste hier bleiben – an dieser Stelle und an diesem Ort. Sie hatte die geografischen Gegebenheiten sehr gewissenhaft studiert und wusste, dass sich tief in der Erde eine enorme Anzahl von Eishöhlen gebildet hatte.

Je höher sie stieg, desto kleiner wirkte alles unter ihr und desto dichter wurde der weiße Nebel um sie herum. Bei jedem ihrer Schritte bewegte sich fast unmerklich der Boden unter ihren Füßen, und die Vögel über ihr kreischten noch ein bisschen lauter. Im Grunde nichts Ungewöhnliches, aber das etwas mulmige Gefühl in ihrer Magengrube und die innere Stimme, die sie unentwegt zum Gehen drängte, bevor es zu spät war, sagten ihr, dass dies ein Ort der Macht war, der sich selbst vor Eindringlingen schützte. Und obwohl der Wind unvermindert weiter blies und heulte, blieb der Nebel ein dichter Schleier, der den oberen Teil des Berges verhüllte.

»Komm schon, Lara!«, versuchte Terry es erneut. »Nachdem wir ewig gebraucht haben, um die Genehmigungen zu erlangen, können wir nicht endlos Zeit auf das falsche Gebiet verschwenden. Du siehst doch selbst, dass hier nichts ist.«

Es hatte Lara diesmal wirklich beträchtliche Mühe gekostet, die Genehmigung für ihre Studie zu erlangen, aber sie hatte wie immer ihre besonderen Gaben angewandt, um die, die anderer Meinung waren als sie, davon zu überzeugen, dass der globalen Erwärmung wegen eine schnellstmögliche wissenschaftliche Untersuchung der Eishöhlen absolut vonnöten war. Einzigartige Mikroorganismen, sogenannte Extremophile, gediehen in der rauen Umgebung dieser Höhlen, weit entfernt von Sonnenlicht oder traditionellen Nährstoffen. Wissenschaftler hofften, dass diese Mikroben im Kampf gegen Krebs eingesetzt werden könnten oder sich mit ihnen vielleicht sogar ein Antibiotikum herstellen ließe, das imstande wäre, die neu entdeckten multiresistenten Erreger zu vernichten.

Laras Forschungsprojekt war voll finanziert, und obwohl sie mit ihren siebenundzwanzig Jahren noch als ziemlich jung galt, wurde sie doch schon als die führende Expertin auf dem Gebiet der Eishöhlenforschung und -erhaltung anerkannt. Sie konnte mehr Stunden der Erforschung, Untersuchung und Kartografierung von Eishöhlen auf der ganzen Welt für sich verbuchen als die meisten anderen Forscher, die doppelt so alt waren wie sie. Und sie hatte auch mehr multiresistente Erreger entdeckt als jeder andere Höhlenforscher.

»Findest du es nicht komisch, dass uns gerade hier in dieser Gegend niemand haben wollte? Sie hatten nichts dagegen, uns Genehmigungen für praktisch überall sonst zu geben«, gab Lara zu bedenken. Auch ein Grund für ihr Beharren auf dieser Gegend, obwohl hier kartografisch keine Höhlen erfasst waren, war der, dass der Leiter des Amtes so merkwürdig und unbestimmt gewesen war, als sie sich die Landkarte angesehen hatten. Die logische geografische Schlussfolgerung nach Studium des Gebietes war, dass sich ein weitläufiges Netzwerk aus Eishöhlen unter dem Berg befinden musste, und doch schien die gesamte Region vollkommen übersehen worden zu sein.

Terry und Gerald hatten genau das gleiche Verhalten an den Tag gelegt, als bemerkten auch sie nicht die Struktur des Berges, obwohl beide Männer normalerweise ganz hervorragend darin waren, anhand der geografischen Oberfläche eines Gebietes Eishöhlen zu finden. Lara hatte große Überzeugungsarbeit leisten müssen, und all der Aufwand war nur für diesen einen Moment – für diese Höhle, diesen Fund -gewesen.

»Sie ist hier«, beharrte sie mit unerschütterlicher Überzeugung.

Ihr Herz schlug immer noch zu schnell – nicht vor Aufregung über den Fund, sondern weil das Gehen so anstrengend geworden war und ihr Körper sich nicht weiter fortbewegen wollte. Mit ein paar tiefen Atemzügen verdrängte sie das fast zwanghafte Bedürfnis umzukehren und kämpfte sich, der Spur der Macht folgend, durch die Schutzzauber hindurch. Dabei gab ihr die Stärke ihres Fluchtinstinktes einen Hinweis darauf, wie nahe sie dem Eingang gekommen war.

Stimmen erhoben sich in den Wind, kreisten in dem Nebel und befahlen ihr zurückzukehren, solange sie noch konnte. Seltsamerweise hörte sie die Stimmen in mehreren Sprachen, und die Warnung wurde immer stärker und beharrlicher, als sie am Hang entlangging und nach irgendetwas suchte, das auf einen Zugang zu den Höhlen hinweisen könnte, von denen sie wusste, dass sie da waren. Und die ganze Zeit über befanden ihre Sinne sich in höchster Alarmbereitschaft angesichts der Möglichkeit, dass Monster unter der Erde lauern könnten. Aber wie dem auch sei, sie musste in die Höhlen hinein – um die Stätte ihrer Kindheit und ihrer Albträume zu finden. Sie musste die beiden Drachen wiederfinden, die ihr Nacht für Nacht im Traum erschienen.

»Lara!« Diesmal klang Terrys Stimme schon ganz scharf vor Ärger. »Wir müssen von hier verschwinden!«

Lara gönnte ihm kaum einen Blick, als sie für einen langen Moment stehen blieb, um das ausstreichende Gestein zu betrachten, das aus dem ansonsten glatten Fels hervorragte. Dicker Schnee bedeckte den größten Teil davon, aber die Gesteinsformation hatte etwas Eigentümliches, das Laras Blick immer wieder zu dem Fels zurückzog. Schließlich näherte sie sich der Formation vorsichtig. Mehrere kleine Felsbrocken lagen am Fuß der größeren, und seltsamerweise befand sich keine einzige Schneeflocke darauf. Lara berührte sie nicht, betrachtete sie jedoch eingehend von allen Seiten und stellte fest, dass die Felsen in einem gewissen Muster am Fuß des Felsvorsprunges angeordnet waren.

»Irgendetwas stimmt hier nicht«, murmelte sie vor sich hin.

Sofort begann der Wind wieder zu heulen, und das Geheul steigerte sich zu einem Kreischen, als er sich jäh in ihre Richtung drehte und Erde und Geröll aufwirbelte, sodass sie damit beschossen wurde wie mit kleinen Marschflugkörpern.

»Es sind die Steine. Seht her, sie müssten eigentlich ganz anders liegen.« Lara bückte sich und verschob die Steine zu einem anderen Muster.

Sofort geriet der Boden unter ihnen in Bewegung. Der Berg ächzte protestierend, und Fledermäuse, die aus irgendeinem unsichtbaren Loch ganz in der Nähe strömten, erhoben sich in die Luft und verdunkelten den Himmel, bis er fast ganz schwarz von ihnen war. Der dunkle Spalt an dem ausstreichenden Gestein erweiterte sich. Der Berg erschauerte, erzitterte und stöhnte, als lebte er und wachte auf.

»Wir sollten nicht hier sein!« Terry jammerte beinahe.

Lara holte tief Luft und hielt ihre flache Hand vor den schmalen Spalt im Berg, dem einzigen Zugang zu dieser für sie so ganz besonderen Höhle. Macht schlug ihr entgegen, und überall konnte sie die starken, Unheil verkündenden Zauber spüren, die den Eingang schützten.

»Du hast recht, Terry«, stimmte sie zu. »Das sollten wir wirklich nicht.« Sie trat von dem Felsvorsprung zurück und zeigte auf den Pfad. »Lasst uns gehen. Und beeilt euch.« Zum ersten Mal wurde sie sich wirklich der Zeit und der zunehmenden Dunkelheit bewusst, die den Himmel wie ein schwarzer Fleck verfärbte.

Sie würde am frühen Morgen wiederkommen – ohne ihre beiden Begleiter. Lara hatte keine Ahnung, was von dem komplizierten Gewirr der Eishöhlen geblieben war, aber sie hatte nicht die Absicht, zwei ihrer engsten Freunde in Gefahr zu bringen. Ihr war klar, dass die Schutzzauber sie verwirren würden, sodass sie sich nicht an die genaue Lage der Höhle erinnern würde, doch sie selbst kannte jede Finesse, jeden Zauber und wusste, wie sie sich umkehren ließen, damit die Schutzvorrichtungen ihr nichts anhaben konnten.

Eishöhlen waren in der Regel sehr gefährlich. Der beständige Druck der sie überlagernden Eisschichten trieb oft große Eisstücke aus den Wänden, die dann wie Raketen durch die Luft schossen und alles töten konnten, was sie trafen. Doch besonders diese Höhle hier enthielt Gefahren, die weitaus schwerer wogen als natürliche, und deshalb wollte Lara ihre Gefährten nicht einmal in ihrer Nähe haben.

Der Boden bewegte sich wieder und brachte sie alle aus dem Gleichgewicht. Gerald packte Lara, um sie vor einem Sturz zu bewahren, und Terry griff Halt suchend nach dem Felsvorsprung und krallte seine Finger in den sich erweiternden Spalt darin. Unter ihren Füßen bewegte sich etwas, das den Boden um einige Zentimeter anhob, als die Kreatur unter der Erde sich auf die von Lara neu angeordneten Steine zubewegte.

»Was ist das?«, schrie Gerald und wich entsetzt zurück. Er zog Lara hinter sich, um sie zu schützen, als fast direkt vor seinen Füßen wie aus einem Geysir Schnee und Erde in die Höhe schossen.

Auch Terry schrie mit schriller, angsterfüllter Stimme, als er zurücktaumelte und stürzte und das unsichtbare Wesen unter der Erde auf ihn zuraste.

»Steh auf! Schnell!«, rief Lara und versuchte, um Geralds stämmige Gestalt herumzukommen, um in aller Eile einen Haltezauber zu verhängen. Als Gerald zu ihr herumfuhr, stieß sein Rucksack sie jedoch von den Füßen, und sie begann, den Hang hinabzurollen. In dem Moment erwachte ihr Muttermal zum Leben, ein merkwürdig geformter Drache an der linken Seite ihres Unterleibs, der wie weißglühendes Feuer wurde und sich geradewegs durch ihre Haut zu brennen schien.

Gleichzeitig brachen zwei dunkelgrüne Fangarme aus dem schneebedeckten Grund und tauchten, glänzend von solch dunklem Blut, dass es fast schwarz aussah, zu beiden Seiten von Terrys linkem Knöchel auf. Das widerliche Geräusch von blubberndem Schlamm erhob sich zusammen mit einem giftigen, ekelerregenden Gestank nach faulen Eiern und Schwefel, der so übermächtig war, dass er alle drei zum Würgen brachte. Die knolligen Enden der Tentakel bogen sich zurück und enthüllten Schlangenköpfe, die mit unglaublicher Geschwindigkeit zuschlugen. Zwei scharfe Giftzähne durchbohrten auf beiden Seiten Terrys Haut bis nahezu auf die Knochen. Terry schrie und schlug entsetzt um sich, als sein Blut in den unberührten weißen Schnee hinuntertropfte. Der kleine Spalt im Boden erweiterte sich zu einem Loch, das nur wenige Zentimeter von Terry entfernt war. Sofort zogen sich die Fangarme zu diesem Loch zurück und schleiften Terry an seinem Knöchel mit. Seine Angst- und Schmerzensschreie wurden noch lauter, schriller und panischer.

Gerald stürzte hinzu, packte den Freund unter den Armen und warf sich mit seinem ganzen Gewicht in die entgegengesetzte Richtung. »Schnell, Lara, hilf mir!«

Sie hastete den Hang hinauf. Der wabernde Nebel um sie herum verdichtete sich und erschwerte ihr das Sehen. Noch im Laufen breitete sie die Arme aus und sammelte Energie aus dem sich verdunkelnden Himmel, ohne sich darum zu kümmern, ob ihre Freunde es sahen. Sie wusste, dass dies Terrys einzige Chance war zu überleben. Noch nie zuvor hatte sie das Wissen genutzt, das sie in sich hatte, seit sie die Eishöhlen verlassen hatte, diese Fülle an Informationen, die ihre Tanten ihr mitgegeben hatten, indem sie Erinnerung um Erinnerung in ihrem Bewusstsein verankert hatten. Tatsächlich war Lara sich nicht einmal sicher gewesen, ob dieses Wissen überhaupt real war. Bis zu diesem Augenblick ... als große Macht sie jäh durchflutete, ihr Geist sich öffnete, erweiterte, aus dem Quell des Wissens schöpfte und sie genau die Worte finden ließ, die sie jetzt brauchte.

»Das Biest ist zu stark.« Gerald stemmte die Absätze in die Erde und hielt Terry mit aller Kraft seines stämmigen Körpers an den Armen fest. »Hör auf, deine Energie mit Schreien zu verschwenden, und hilf mir, verdammt noch mal! Komm schon, Terry, wehr dich!«

Der Freund verstummte augenblicklich und begann, sich ernsthafter zur Wehr zu setzen, indem er mit seinem freien Fuß nach den beiden Schlangenköpfen trat, um seinen Knöchel aus ihren Fängen zu befreien.

Aber die Ranke warf nur noch mehr Fangarme aus dem Loch, grünlich schwarze, sich makaber windende Stängel, die ein Opfer suchten. Die giftigen Fänge der Schlangenköpfe bohrten sich derweil noch tiefer in Terrys Knöchel und durchsägten buchstäblich sein Fleisch und seine Knochen, um die Beute nicht zu verlieren.

Lara stürmte weiter und erhob ihr Gesicht zum Himmel. Dabei murmelte sie die Worte vor sich hin, die sie in ihrem Kopf gefunden hatte.

Ich rufe die Mächte des Himmels an. Bringt Blitz und Donner in meinen Geist herab! Formiert euch, vermehrt euch und beugt euch meinem Willen! Schmiedet eine Sense aus geschärftem Stahl! Heiß und hell brenne das Feuer und führe meine Hand mit zielsicherer Genauigkeit.

Blitze zuckten am Himmel auf und erhellten die dunklen Umrisse der Wolken. Die Luft um die drei Höhlenforscher lud sich so stark auf, dass sich ihnen all ihre Haare sträubten. Lara spürte das Kribbeln von Elektrizität in ihren Fingerspitzen und konzentrierte sich auf den schmalen Raum zwischen den langen, dicken Körpern und knolligen Köpfen der Schlangenranken.

Gleißendes Licht schoss über die kurze Entfernung und schlug in die Nacken der Kreaturen ein. Der Geruch von verbranntem, faulem Fleisch stieg von der Ranke auf, und die beiden abgetrennten Tentakel fielen schlaff zu Boden, während die Giftzähne mit den Schlangenköpfen daran jedoch noch immer tief in Terrys Knöchel steckten. Die anderen Fangarme fuhren wie entsetzt zurück und vergruben sich wieder unter der Erde und dem Schnee.

Terry griff nach einem der Schlangenköpfe, um die Giftzähne aus seinem Bein zu ziehen.

»Nein!«, rief Lara schnell. »Lass das! Wir müssen sofort von hier verschwinden.«

»Es brennt wie Säure«, beschwerte Terry sich. Sein Gesicht war blass, fast so weiß wie die Schneedecke, aber dicke Schweißperlen glitzerten auf seiner Stirn.

Lara schüttelte den Kopf. »Wir müssen sofort von diesem Berg herunter. Und du darfst nichts riskieren, bis ich es mir ansehen kann.«

Sie nahm seinen Arm und gab Gerald ein Zeichen, Terrys anderen zu nehmen. Gemeinsam stützten sie den Freund und begannen den Abstieg von dem Hang zu dem viel begangenen Fußweg rechts von ihnen.

»Was war das?«, zischte Gerald, als er ihr über Terrys Kopf hinweg in die Augen blickte. »Hast du so eine Schlange schon einmal gesehen?«

»War es eine mit zwei Köpfen?«, fragte Terry, der vor lauter Angst und Sorge hyperventilierte. »Ich konnte sie nicht richtig sehen, bevor sie angriff. Glaubt ihr, dass sie giftig ist?«

»Das Gift greift nicht dein Zentralnervensystem an, Terry«, sagte Lara, »oder zumindest jetzt noch nicht. Wir werden dich zum Dorf hinunterbringen und einen Arzt suchen. Ich verstehe etwas von Medizin und kann dich behandeln, wenn wir im Wagen sind.«

Der Berg grollte Unheil verkündend und vibrierte unter ihren Füßen. Lara blickte besorgt zu den wabernden weißen Nebelschwaden auf und bemerkte dabei die spinnennetzfeinen Risse im Schnee über ihnen, die sich schon zu erweitern begannen.

Gerald fluchte, packte Terry noch fester am Arm und stürmte den schmalen, kurvenreichen Weg hinab. »Der Berg kommt herunter!«

Terry biss die Zähne zusammen gegen den Schmerz, der von seinem Knöchel in sein Bein hinaufschoss. »Ich kann nicht glauben, dass das passiert! Mir ist schlecht.«

Lara ließ den Berg hinter ihnen nicht aus den Augen, während sie, so schnell sie konnten, weiterliefen und Terry bei jedem Schritt des Weges mit sich schleppten. »Schneller! Bewegt euch, Leute!«

Der Boden unter ihnen schwankte, und kleine Fächer Schnee glitten in raffinierten Mustern auf den Hang unter ihnen zu. Es war ein spektakulärer, wenn nicht sogar hypnotischer Anblick, der sich ihren Augen bot. Gerald schüttelte wiederholt den Kopf, warf Lara einen verwirrten Blick zu und verlangsamte seine Schritte, um sich nach den lautlos herabgleitenden Schneewellen umzusehen. »Lara? Ich kann mich nicht erinnern, was geschehen ist. Wo sind wir?«

»Kurz davor, von einer Lawine überrollt zu werden«, sagte Lara scharf. »Terry ist verletzt, und wir müssen um unser Leben rennen. Also macht schon, ihr zwei!«

Sie legte so viel Autorität und Zwang in ihre Stimme, wie sie beim Laufen aufzubringen vermochte. Zum Glück gehorchten beide Männer, ohne Fragen zu stellen, und konzentrierten sich darauf, den steilen Abhang so schnell wie möglich hinter sich zu bringen. Die Schutzzauber der Höhle waren nicht nur tödlich, sondern verwirrten und desorientierten auch jeden Wanderer, der auf sie stieß. Das Warnsystem genügte für gewöhnlich, um Menschen solch ungute Gefühle zu vermitteln, dass sie das Gebiet verließen, doch waren die Schutzzauber erst einmal ausgelöst, waren sie bestrebt, Erinnerungen auszulöschen oder sogar zu töten, um den Zugang zu der Eishöhle zu schützen.

Lara wusste, dass dies definitiv der Ort war, nach dem sie gesucht hatte. Jetzt musste sie nur noch überleben, um dorthin zurückkehren und die lange begrabenen Geheimnisse ihrer Vergangenheit aufdecken zu können. Gerald stolperte, und Terry schrie auf, als einer der Schlangenköpfe gegen eine besonders harte Ansammlung von Schnee und Eis stieß und die Fänge sich dadurch noch tiefer in sein Fleisch bohrten.

Lara spürte, wie der Berg erbebte. Zuerst war alles still, dann hörte sie ein entferntes Grollen. Das ominöse Geräusch nahm an Stärke und Volumen zu, bis es zu einem Brüllen anschwoll, und der Schnee, der eben noch so langsam hinabgeglitten war, gewann an Tempo und rollte jetzt in aufgewühlten, hoch in die Luft aufstiebenden Massen auf sie zu. Lara bezwang ihre Panik und griff in den Quell des Wissens, den sie, wie sie jetzt ganz sicher wusste, in sich barg. Ihre Tanten waren ihr nie menschlich erschienen, aber ihre Stimmen waren es gewesen, und der immense Informationsreichtum, den sie in Jahrhunderten zusammengetragen hatten, war in Laras Erinnerungsvermögen eingebunden worden.

Sie entstammte der Familie der Drachensucher, was ein wundervolles karpatianisches Erbe war. Sie war menschlich, aber mit der Kraft und Furchtlosigkeit undenklicher Zeiten ausgestattet. Zudem war sie Magierin und in der Lage, Energie zu bündeln und sie in positiver Weise anzuwenden. All ihre Vorfahren waren mächtige Geschöpfe gewesen. Das Blut von drei verschiedenen Spezies floss durch ihre Adern, und doch gehörte sie in keine dieser Welten und ging ihren eigenen, selbst gewählten Weg - allein, aber immer von der Weisheit ihrer Tanten angeleitet.

Deutlich spürbare Kraft durchströmte Lara, und sie konnte das Knistern von Elektrizität wahrnehmen, als Blitze den Himmel über ihnen erhellten. Noch einmal blickte sie über ihre Schulter und erteilte den außer Rand und Band geratenen Naturgewalten den Befehl, den Schutzzaubern entgegenzuwirken, die der schwarze Magier auf dem Berg verwendet hatte.

Ich rufe dich, Eiswasser. Lass dich führen von meiner Hand und biete mir die Zuflucht, die ich brauche!

Der Schnee kam urplötzlich zum Stillstand, erstarrte, wo er gerade war, zu Eis und bildete eine riesige, frei in der Luft hängende Woge über ihren Köpfen.

»Lauft!«, schrie Lara. »Nun mach schon, Gerald! Wir müssen von diesem Berg herunter.«

Die Nacht brach schon herein, und die Lawine war nicht das Schlimmste, was ihnen passieren könnte. Der Wind hatte sich gelegt, doch die Stimmen blieben und schrien Warnungen, die Lara nicht zu ignorieren wagte. Sie und Gerald packten Terry und eilten, halb laufend, halb rutschend, den steilen Hang hinunter. Über ihren Köpfen hatte die schwere Schneedecke eine gigantische Welle gebildet, die reglos wie eine Unheil bringende Statue über ihnen hing.

Terry hinterließ Rinnsale von Blut, während sie über den vereisten Boden schlitterten. Alle waren total verschwitzt, als sie den Fuß des Abhangs erreicht hatten. Ihren Mietwagen zu finden, war ein Leichtes, da in diesem abgelegenen Teil Rumäniens die meisten Einheimischen noch Pferdekarren benutzten. Autos waren hier kein gewohnter Anblick, und das ihre, so klein es auch war, sah irgendwie viel zu modern aus an einem viele Jahrhunderte alten Ort wie diesem.

Gerald zog Terry über die Wiese zu den wenigen kahlen Bäumen, unter denen ihr Wagen stand. Lara drehte sich noch einmal zu dem Berg um, ließ langsam den Atem entweichen und klatschte dreimal in die Hände. Eine seltsame, erwartungsvolle Stille entstand für einen Moment. Dann kam Bewegung in die Woge aus Eis; Schnee begann zu fallen. Der Berg geriet ins Rutschen, und eine Wolke weißen Sprühnebels erhob sich in die Luft.

»Lara!«, keuchte Terry. »Du musst diese verdammten Zähne aus meinem Knöchel herausziehen. Mein Bein tut höllisch weh, und ich könnte schwören, dass darin etwas herumkrabbelt.«

Seine Haut war schon fast grau, als er sich auf dem kleinen Rücksitz ihres Mietwagens ausstreckte. Seine Kleider waren schweißdurchtränkt, und sein Atem ging in schweren, kurzen Stößen.

Lara kniete sich auf den Boden und untersuchte die scheußlichen Schlangenköpfe an Terrys Bein. Sie wusste, was sie waren – Hybriden des schwarzen Magiers, die er gezüchtet hatte, damit sie ihm zu Willen waren. Lara hatte ihre Entstehung in ihren Albträumen gesehen. Durch ihre scharfen Fänge gaben die Schlangen ein giftiges Gemisch, aber auch mikroskopisch kleine Parasiten in den Blutkreislauf ihres Opfers ab. Diese Organismen würden nach und nach Terrys Körper und auch sein Gehirn einnehmen, bis er schließlich nur noch eine Marionette im Dienst des schwarzen Magiers war.

»Es tut mir leid, Terry«, sagte sie leise. »Diese Zähne sind mit Widerhaken versehen und müssen äußerst vorsichtig entfernt werden.«

»Dann hast du so etwas schon mal gesehen?« Er ergriff ihr Handgelenk und zog sie, da sie direkt vor der offenen Wagentür hockte, ganz dicht zu sich heran. Terry zitterte vor Schmerzen. »Ich weiß nicht, warum, aber dass du weißt, was sie sind, beruhigt mich irgendwie.«

Armer Terry, dachte Lara, die alles andere als beruhigt war. Sie war noch ein Kind gewesen, als man sie in ein Laboratorium geschleppt hatte. Die Eindrücke und Gerüche dort waren so abscheulich gewesen, dass sie versucht hatte, sie für immer zu vergessen. Den Geruch von Blut. Die Schreie. Das groteske Gewimmel sich windender, winziger Würmer, die sich in wilder Fresswut über menschliches Fleisch und Blut hermachten.

Lara holte tief Luft und stieß sie langsam wieder aus. Sie hatten nicht viel Zeit. Sie musste Terry zu einem Meisterheiler bringen, der mit solchen Dingen umzugehen wusste, aber sie konnte wenigstens dafür sorgen, dass sein Zustand sich nicht noch verschlechterte.

Gerald blickte sich um, bevor er wieder zum Berg hinaufschaute, der jetzt ganz still und ruhig war. Weißer Dunst verschleierte ihn, doch die Stimmen waren nicht mehr da. Die Wolken wurden schwerer und dunkler, aber der Berg sah menschenleer und unberührt aus – oder zumindest doch nicht so, als wäre er von irgendwem erklommen und angegriffen worden.

»Lara?« Gerald hörte sich ebenso verwirrt an, wie er aussah. »Ich kann mich nicht erinnern, wo wir sind. Ich weiß nicht einmal mehr, wie diese Schlangen Terry angegriffen haben. Brauchen Schlangen denn keine höheren Temperaturen? Was ist los mit mir, Lara?«

»Das ist jetzt nicht so wichtig, Gerald. Das einzig Wichtige ist, diese Zähne aus Terrys Bein herauszukriegen und ihn in den Gasthof zu schaffen, wo ihm jemand, der sich damit auskennt, helfen kann.« Jemand, der nicht nur etwas von moderner Medizin verstand, sondern sich auch mit Naturheilkunde auskannte. Wenn dies die Gegend war, in der sie als Kind gefangen gehalten worden war, gab es hier bestimmt auch jemanden, der wusste, wie von Magiern zugefügte Wunden zu behandeln waren.

Lara schloss die Augen, um nicht Terrys graues Gesicht und Geralds besorgtes sehen zu müssen. Tief in ihrem Innersten, wo die Fülle ihres Wissens sich verbarg, fand sie ihren Ruhepunkt. Fast konnte sie die leisen, sie anleitenden Stimmen ihrer Tanten hören, als die Informationen ihren Kopf schier überfluteten. Die nach innen gebogenen Fänge der Schlangenköpfe hatten einen Widerhaken an der Spitze ...

Abgetrennter Kopf, der nicht lockerlassen will ... Die Fänge werden gezogen mit Hitze und mit Licht. Entzieh dem Körper das Gift, dämm den Schaden ein und lindere den Schmerz!

»Vielleicht gibt es jemand viel Besseren, um dich von diesen Zähnen zu befreien«, sagte Lara zu Terry. »Wir können dich schnell in den Gasthof bringen, und das Ehepaar, dem er gehört, kann möglicherweise jemanden holen, der mit so etwas schon mal zu tun hatte.«

Terry schüttelte den Kopf. »Ich ertrage das nicht mehr, Lara. Wenn du sie nicht sofort herausholst, reiße ich sie mir selbst raus. Ich halte es wirklich nicht mehr aus.«

Lara nickte verständnisvoll und griff nach dem Messer an dem Werkzeuggürtel unter ihrer Jacke. »Na schön, dann bringen wir es hinter uns. Gerald, setz dich auf der anderen Seite neben Terry und halte seine Schultern fest.« Sie wollte vor allem vermeiden, dass etwas von dem vergifteten Blut auf Gerald spritzte, weil die darin enthaltenen Mikroorganismen eine Gefahr für sie alle darstellten.

Gerald gehorchte widerspruchslos, und Lara sah sich den ersten Schlangenkopf genauer an. Der Hybrid war teilweise Pflanze, teilweise Tier und insgesamt sehr Furcht erregend. Er war dazu gedacht, Geschöpfe – welcher Art von Spezies auch immer – zu überwältigen und unter die Kontrolle des schwarzen Magiers zu bringen. Es waren nicht nur Karpatianer und Menschen gewesen, die er gequält hatte, sondern auch seine eigenen Leute. Niemand, nicht einmal seine eigene Familie, war vor ihm sicher, wie Lara selbst bezeugen konnte.

Sie schloss die Augen, schluckte hart und verschloss die Tür vor Erinnerungen, die zu schmerzlich und beängstigend waren, um sie zuzulassen, wenn sie eine solch komplizierte Aufgabe vor sich hatte. Sie hatte ihre Heilkünste in den letzten Jahren nur noch selten angewandt. In ihrer Kindheit, als sie mit Zigeunern herumgezogen war, hatte sie den Fehler oft genug gemacht. Sie hatte gebrochene Knochen gerichtet, Wunden geheilt, die einen Mann normalerweise getötet hätten, und gefährliche Bakterien aus Kinderlungen entfernt. Zuerst waren ihr die Leute dankbar gewesen, aber nichts hatte verhindern können, dass sie irgendwann begonnen hatten, sie zu fürchten.

Lass nie erkennen, dass du anders bist! Du musst mit der Menge verschmelzen, wo immer du auch bist. Lerne ihre Sprache und Gebräuche! Kleide dich so, wie sie sich kleiden! Sprich wie sie! Verschweige, wer und was du bist, traue niemandem!

Lara mochte Gerald und Terry – sehr sogar. Sie arbeiteten schon seit mehreren Jahren zusammen, aber sie hatte immer sehr darauf geachtet, sich keinem der beiden aufzudrängen oder ihnen gar zu offenbaren, dass sie in irgendeiner Weise anders war als sie.

»Lara.«

Terrys flehende Stimme riss sie aus ihren Gedanken und zwang sie, sich wieder auf ihre Aufgabe zu konzentrieren. Nachdem sie ihr inneres Gleichgewicht wiedergefunden hatte, nickte sie ihm beruhigend zu. Da die beiden Männer daran gewöhnt waren, ihrem Beispiel zu folgen, war es nur ganz natürlich, dass sie sich auch jetzt auf sie verließen. Langsam atmete Lara wieder ein und aus und kämpfte das in ihr aufsteigende Ekelgefühl nieder.

Auch die Worte für den heilenden Gesang bezog sie aus dem Quell des Wissens in ihr, und sie raunte sie leise vor sich hin, als sie mit der rasiermesserscharfen Klinge unter Terrys Haut glitt und den Widerhaken fand.

Kunasz, nélkül sivdobbanás, nélkül fesztelen löyly. Ot élidamet andam szabadon élidadért. O jelä sielam jorem ot ainamet és sone ot élidadet. O jelä sielam pukta kinn minden szelemeket belsö. Pajnak o sus hanyet és o nyelv nyáíamet sívadaba Vii, o verim sone o verim andam.

Die uralte karpatianische Sprache, die sie als Kind gelernt hatte, bereitete ihr keine Mühe. Sie mochte zwar ein wenig eingerostet sein, da sie sie stets nur vor dem Einschlafen vor sich hin gemurmelt hatte, aber die wie ein Singsang gesprochenen Worte waren stets sehr wohltuend für sie.

Mit den heilenden Worten, die sie flüsterte, blockierte sie auch Terrys Schmerz. Sie hatte es mit einem üblen, ja sogar ausgesprochen raffinierten Zahn zu tun, der sich in einem Halbkreis unter Terrys Haut bohrte, sich verbreiterte, je tiefer er gelangte, und am Ende, an der Spitze fast schon, einen kleinen Widerhaken hatte. Lara musste vorsichtig die Haut aufschlitzen, um die Spitzen an beiden Seiten so weit zu lockern, dass sie sie herausziehen konnte, ohne Terrys Bein noch stärker zu verletzen.

Anfangs benutzte sie allein ihre menschliche Sicht. Erst nachdem sie den Widerhaken entfernt hatte, erlaubte sie sich, mit den Augen eines Magiers hinzusehen. Winzige weiße Würmer tummelten sich in der Wunde und schwärmten zu den Zellen aus, um sich so schnell wie möglich zu vermehren. Lara drehte sich der Magen um. Es kostete sie enorme Anstrengung, ihre eigenen Gedanken und ihren Körper abzustreifen und zu einem heilenden weißen Licht zu werden, das tief in Terrys Wunde hineinströmte, um die Organismen so schnell wie möglich zu verbrennen.

Die wurmähnlichen Kreaturen versuchten, sich vor dem Licht zu verbergen, und vermehrten sich sehr schnell. Lara bemühte sich, gründlich zu sein, aber Terrys Gezappel und Gejammer lenkten sie ab, und dann griff er auch noch nach seinem anderen Knöchel in dem Versuch, den Schlangenkopf dort selbst abzureißen.

Lara fand sich urplötzlich in ihrem eigenen Körper wieder und war für einen Moment ganz desorientiert und panisch. »Terry! Lass das! Ich mach das schon.«

Aber zu spät. Er schrie, als er an dem leblosen Schlangenkopf zerrte und ihn von seinem Knöchel herunterriss. Der Widerhaken zerfetzte Haut und Muskeln, und Blut schoss aus der Wunde und bespritzte Geralds Brust.

»Fass das Blut nicht mit den Händen an!«, schrie Lara. »Benutz ein Tuch! Und zieh deine Jacke aus, Gerald!«

Schnell presste sie beide Hände auf die Wunde und drückte zu, ohne den brennenden Schmerz zu beachten, der bei dem Kontakt mit dem Blut ihre Haut durchfuhr und sie fast bis auf den Knochen verbrannte. Lara kämpfte ihre eigene Furcht und Panik nieder, um den kühlen Ruhepunkt in sich zu finden und das Licht, das weißglühende, heilende, reine Licht, herbeizurufen, um der Säure des Schlangenblutes entgegenzuwirken. So, wie auch das Muttermal an ihrer Seite brannte, musste auch Vampirblut in dem ekelhaften Gemisch enthalten sein.

Gerald riss seine Jacke auf und warf sie weg, bevor der Stoff zu rauchen und zu schwelen anfing.

Terry wurde still, als Lara das heilende Licht durch seinen Körper zu der offenen Wunde an seinem Bein sandte. Die Blutung verebbte zu einem kleinen Rinnsal, und die winzigen, wurmähnlichen Kreaturen flohen vor der ungeheuren Hitze, die Lara mit dem Licht erzeugte. Sie kauterisierte die Wunde und zerstörte so viele Parasiten wie nur möglich, bevor sie in der gleichen heißen Energie ihre Hände und ihre Arme badete.

»Hast du irgendwo Blut an dir, Gerald?«

Er schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht, Lara. Es fühlte sich so an, aber als ich mir die Hände abwischte, waren keine Blutflecke zu sehen.«

»Sobald wir Terry zu einem Heiler gebracht haben, nimmst du eine Dusche. Und verbrennst deine Kleider. Wasch sie nicht nur, sondern verbrenn sie! Restlos, hörst du?«

Mit Geralds Hilfe gelang es ihr, Terrys Beine auf dem Rücksitz unterzubringen, damit sie die Tür schließen und zur Fahrerseite hinüberlaufen konnte. Terrys Gesicht war schrecklich blass und fahl, aber noch viel weniger gefiel ihr, wie er atmete. Einer der Gründe für dieses flache, viel zu schnelle Atmen konnte der Schock sein, doch Lara befürchtete, dass sie die Parasiten nicht davon hatte abhalten können, seinen Körper anzugreifen. Er brauchte augenblicklich einen Heilkundigen.

So schnell sie konnte, fuhr sie die schmale, mit Schlaglöchern übersäte Bergstraße hinunter, schlitterte durch einige der schärferen Kurven und holperte durch die schlammgefüllten Löcher. Schmutziges Wasser spritzte auf, als der Wagen sich durch Dreck und Schnee vorkämpfte. Die friedliche Landschaft um sie herum stand in krassem Gegensatz zu ihrer panischen Angst und hilflosen Verzweiflung.

Heuhaufen und Kühe umgaben sie. Kleine Häuser mit strohgedeckten Dächern und Pferdekarren mit überdimensionalen Autoreifen ließen den Eindruck entstehen, als kehrte man in die Vergangenheit und zu einer viel glücklicheren Zeit zurück. Die Burgen und vielen Kirchen verliehen der Gegend ein mittelalterliches Erscheinungsbild, fast so, als kämen jeden Moment Ritter auf ihren Pferden über die Hügel galoppiert.

Lara hatte auf der Suche nach ihrer Vergangenheit die ganze Welt bereist. Sie hatte kaum Erinnerungen an die Zeit nach ihrer Flucht aus der Eishöhle, und nachdem die Zigeuner sie aufgenommen hatten, war sie mit ihnen in ganz Europa herumgezogen. Allerdings war sie von einer Familie zur anderen weitergereicht worden, und niemand hatte ihr je gesagt, wo sie gefunden worden war. In die Karpaten zu kommen war wie heimzukehren gewesen. Und sowie sie Rumänien betreten hatte, hatte sie auch sofort gespürt, dass sie zu Hause war. Dies war eine wilde, noch sehr ursprüngliche Gegend, mit unberührten Wäldern und lebendigem Boden unter ihren Füßen.

Der Wagen bog um eine weitere Kurve, dann hatten sie den dichteren Wald hinter sich gelassen und befanden sich in den Torfmooren. Hier wurde der sich auf festem Grund dahinschlängelnde Weg noch schmaler, und die Luft um sie herum war von dem fauligen Geruch des Sumpfs durchdrungen. Bäume schwankten und krümmten sich unter dem gewaltigen Gewicht des Schnees. Lichter in der Ferne kündigten Gehöfte an, und für einen Augenblick erwog Lara, bei einem der nächstliegenden Hilfe zu suchen, aber genauso schnell verwarf sie den Gedanken wieder. Terry war von einer von einem Magier gezüchteten Schlange gebissen worden, die Vampirblut in sich hatte. Eine durch einen Magier herbeigeführte Verletzung war schon schwer genug zu behandeln – doch eine von einem Hybriden mit Vampirblut beigebrachte erforderte Kenntnisse, die weit über ihr eigenes Wissen oder das eines Humanmediziners hinausgingen.

Ihre einzige Hoffnung waren die Wirtsleute in ihrem Gasthof. Beide waren in dieser Gegend geboren und aufgewachsen und hatten ihr ganzes Leben hier verbracht. Lara konnte sich nicht vorstellen, dass sie keine Ahnung von der Gefahr hatten, die sich unter dem Berg verbarg. Mit der Zeit wurde es immer schwieriger für sie, ihre Erinnerungen zu verdrängen – und dieser Gasthof hatte etwas an sich gehabt, was sie zu ihm hingezogen hatte. Eine unterschwellige Macht vielleicht, als wäre dort eine subtile Beeinflussung am Werk, die Touristen und Besucher dazu ermutigte, in dem einladend aussehenden, gemütlichen Gasthof abzusteigen.

Lara hatte sich nicht gegen dieses Fluidum der Macht gewehrt, weil es das erste Mal gewesen war, dass sie seit ihrer lange zurückliegenden Flucht aus der Eishöhle einem leisen Strom von Energie begegnet war. Sie hatte vergessen, wie es war, sich an dem Knistern elektrisierender Macht zu berauschen, zu spüren, wie sie sie umhüllte und ihre Zellen durchströmte, bis ihr ganzer Körper davon vibrierte. Der Gasthof und das Dorf, in dem er stand, erzeugten dieses erstaunliche Gefühl in ihr, auch wenn es so unaufdringlich war, dass es ihr fast entgangen wäre.

»Lara«, rief Gerald vom Rücksitz. »Meine Haut beginnt zu brennen.«

»Wir sind gleich da. Geh hinein und nimm als Erstes eine Dusche!« Lara wagte nicht einmal, daran zu denken, welche Qualen Terry litt. Er war sehr still, nur ab und zu entrang sich ihm ein leises Stöhnen. »Gerald, sobald wir in dem Gasthof sind, müssen wir mit den Besitzern sprechen und sie nach einem Heilkundigen des Dorfes fragen.«

»Die Wirtin heißt Slavica und scheint sehr nett zu sein.«

»Hoffentlich ist sie auch diskret. Sie scheint auf jeden Fall jeden hier zu kennen.«

»Wäre es nicht besser, nach dem nächsten Arzt zu fragen?«, meinte Gerald.

So ruhig und beiläufig sie konnte, antwortete Lara: »Manchmal wissen die einheimischen Heiler viel mehr über die Pflanzen und Tiere in der Gegend. Und obwohl wir dieser merkwürdigen Spezies noch nie begegnet sind, ist anzunehmen, dass die Dorfbewohner sie kennen und der Dorfheilkundige vermutlich genau weiß, was zu tun ist, um das Gi ...« Sie unterbrach sich schnell und wählte andere Worte. »Um Terrys Wunden zu versorgen.«

Dann schwieg sie wieder und lenkte den Wagen die kurvige Straße zu dem Gasthof am Rand des Dorfes hinauf. Das große, zweistöckige Gebäude mit der langen Veranda und den einladenden Balkonen lag direkt am Wald. Lara parkte so dicht wie möglich vor den Eingangsstufen, stieg aus und lief um den Wagen herum, um Gerald mit Terry zu helfen.

Die Schatten wurden länger und größer, während die immer grauer und dichter werdenden Wolken noch mehr Schnee verhießen. Der Wind heulte, die Bäume schwankten und rauschten protestierend. Lara blickte sich mit scharfen, wachsamen Augen um, als sie die Tür zum Rücksitz öffnete und die Hand nach Terry ausstreckte.

»Die Schlangenköpfe hole ich später, um sie den Wirtsleuten zu zeigen. Fass sie ja nicht an, Gerald!«, warnte sie.

Terry war ungeheuer schwer, wie er so hilflos zwischen ihnen hing. Gerald musste ihn praktisch tragen, als sie durch den Schnee zum Eingang stolperten. Er war freigeschaufelt, aber sie nahmen eine Abkürzung durch den hohen Schnee im Vorgarten, um schneller die Veranda zu erreichen.

Ein großer, dunkelhaariger Mann öffnete ihnen die Tür und griff hilfsbereit nach Terrys Arm. Trotz des Ernstes der Lage entging Lara nicht, wie gut aussehend der Fremde war.

»Kommen Sie nicht mit dem Blut in Berührung«, warnte sie ihn. »Es ist äußerst giftig.«

Der dunkelhaarige Mann blickte zu ihr auf und verharrte in der Bewegung, als sich ihre Blicke trafen. Für einen Moment erschien ein Ausdruck des Erstaunens und der Anerkennung in seinen Augen, der jedoch gleich wieder verschwand, als er seine Schulter unter Terrys Arm schob, um den Verletzten zu stützen.

Lara machte sofort wieder kehrt, um zum Wagen zurückzugehen. »Bringt ihn hinein und bittet die Gastwirtin, einen Heilkundigen zu finden! Ich hole inzwischen die Schlangenköpfe«, sagte sie zu Gerald.

So schnell sie konnte lief sie die Stufen hinunter und rannte zu dem Wagen. Als sie die Tür aufriss, begann das drachenförmige Muttermal auf ihrer Haut zu brennen. Es gab nur eines, was dieses Warnsignal auslöste: die Gegenwart eines Vampirs. Und der musste in der Nähe sein. Lara legte schnell ihren Wickelrock und Umhang an, um ihre Waffen darunter zu verbergen. Dann schloss sie die Tür und blickte sich wachsam um, während sie schon mit einer Hand unter ihren dicken Umhang glitt und nach dem Messer an ihrem Gürtel griff.

2. Kapitel

Die Nacht war bitterkalt. Eigentlich dürfte er das gar nicht spüren, da Karpatianer problemlos ihre Körpertemperatur regulieren konnten, doch Nicolas de la Cruz wollte die Kälte spüren. Weil sie ein Gefühl war. Keine Emotion, das gewiss nicht, aber immerhin etwas. Vielleicht war Kälte wie Verbitterung, und auch Verbitterung war ein Gefühl. Vielleicht war dies die Empfindung, die der am nächsten kam, die ihn vor seinem Tod ergreifen würde.

Mit großen, langsamen Schritten ging Nicolas durch das Dorf. Er hielt das Gesicht von den Menschen abgewandt, die die Bürgersteige mit ihm teilten, um zu verhindern, dass sie seine Augen sahen. Seine dunklen, fast schwarzen Augen, die jetzt wie blutrote Rubine glühten. Eisige Kälte hatte sich in seinem Magen breitgemacht, und tief in seinem Innersten, wo sich seine Seele befinden müsste, war nur noch ein kleines schwarzes Stück geblieben – und auch das war voller Löcher. Die jahrhundertelange Jagd auf Vampire hatte längst ihren Tribut von ihm gefordert.

Er erhob das Gesicht zu den schweren, düsteren Schneewolken, die sich am Himmel türmten. Dies war seine letzte Nacht. Für ihn war der Kampf zu Ende. Er hatte seinem Volk und seiner Familie aufrecht und ehrenhaft gedient, hatte über die Jahrhunderte hinweg treu daran festgehalten und mehr seiner Kameraden, die zu Vampiren geworden waren, getötet als die meisten anderen. Morgen würde er in die Sonne treten und seine lange, freudlose Existenz beenden.

Er war weit entfernt von seinem Zuhause und seinen Brüdern. Der älteste, Zacarias, würde ihn über eine derartige Distanz nicht daran hindern können, ja nicht einmal sein Ende spüren, bis es zu spät war, um ihn aufzuhalten. Nicolas fragte sich, wie lange die Sonne brauchen würde, um ihn reinzuwaschen. Wahrscheinlich sehr lange bei all den Makeln, die seine Seele befleckten, und trotzdem würden seine Brüder die Schwere des Leidens in seinen letzten Minuten nicht miterleben.

Nicolas fröstelte, froh über die Kälte an seinem Gesicht und seiner Haut und dankbar, dass er zumindest körperlich etwas empfinden konnte. Alle anderen Gefühlsregungen wie Trauer, Mitgefühl oder gar Freundschaft und Liebe hatte er schon vor so langer Zeit verloren, dass sie nur noch ferne Erinnerungen waren -vielleicht nicht einmal seine eigenen Erinnerungen. Drei seiner Brüder hatten ihre Seelengefährtinnen gefunden und ihre dadurch wiederentdeckten Gemütsbewegungen mit ihm geteilt. In gewisser Weise machte ihr Glück es noch viel unerträglicher für ihn, noch immer so allein zu sein.

Nicolas hatte sich zu einem letzten Spaziergang durch das Dorf aufgemacht, bevor er sich mit Mikhail Dubrinsky, dem Prinzen des karpatianischen Volkes, traf. Nicolas hatte die weite Reise unternommen, um eine Warnung zu überbringen, aber jetzt war er gar nicht mehr sicher, dass dies ein gefahrloser Ort für eine so persönliche Begegnung war – schon gar nicht in der Nähe des einheimischen Gasthofes. Schon jetzt begann sein Herz schneller zu pochen und ihm sein Bedürfnis nach kräftigendem, heißem Blut zu übermitteln. Scharfe Zähne stießen gegen die Innenseite seines Mundes, in dem sich in Erwartung eines Festschmauses bereits der Speichel sammelte.

Es wäre gar nicht schwer, sich – und wenn auch nur für einen Moment, ein einziges Mal nur – den Rausch von adrenalindurchtränktem Blut zu erlauben, das ihm einen Blick auf lange verlorene Emotionen gestatten würde. Und eine Frau ... Wie gern würde er die zarte Haut einer Frau unter seinen Lippen spüren, ihren Duft einatmen und nur für einen Moment so tun, als hätte er jemanden, der zu ihm gehörte, der ihn mit Liebe – aufrichtiger Liebe – ansehen würde und nicht mit dieser von Gier bestimmten Leidenschaft, die sich immer dann einstellte, wenn eine Frau sich seines materiellen Reichtums bewusst wurde.

Wenn er imstande wäre, Bedauern zu empfinden, dann sicher nicht der unzähligen Male wegen, bei denen er einen alten Freund hatte vernichten müssen, und auch nicht wegen der vielen Seelen, die er befreit und zur letzten Ruhe gebettet hatte, sondern weil er noch nie ein wahres Bedürfnis nach einer Frau empfunden hatte. Noch nie hatte er eine Frau, die er liebte, in den Armen gehalten und ihr mit seinem Körper und seinem Geist Bewunderung gezollt ...

Das Wispern in seinem Kopf wurde stärker und rief ihn mit all den Verlockungen, die er nie gekannt hatte in seinem langen Leben.

Frauen hatten immer Gefallen gefunden an seinem Aussehen, seiner Macht und seinem Geld, und er wiederum hatte sie benutzt, um sich am Leben zu erhalten, doch er hatte nie die Lust erfahren, die eine Frau seinem Körper schenken, oder den Frieden, den sie seinem Geist vermitteln konnte. Wenigstens ein einziges Mal wollte er erleben, wie es war, seine Zähne tief in zarte Haut zu schlagen und das pulsierende Leben in der Frau zu spüren und ihr wild pochendes Herz zu hören, das im gleichen Rhythmus wie das seine schlug. Sie würde ihn und seine Dominanz, seine absolute Überlegenheit über sie fürchten, und er würde entscheiden, ob sie leben durfte oder sterben musste. Weil er diese Macht besaß.

Sein Herz schlug immer heftiger in seiner Brust. Sein Körper reagierte, weil er Beute witterte, einen Duft, der ihn betörte und ihn aus der Schönheit dieser dunklen Nacht heraus anlockte. Er musste sich nur diese eine letzte Kostprobe nehmen, dann könnte er alles erfahren, was er sich wünschte, bevor die Sonne aufging und ihn läuterte. Nicolas wandte den Kopf, und der Atem stockte ihm, als er sie in den Schatten stehen sah.

Ihre Haut war hell und makellos, ihr Haar zu einem langen, dicken Zopf geflochten. Ihre bemerkenswert großen Augen funkelten, ja glühten sogar in der Dunkelheit. Sie schien auf jemanden zu warten. Auf einen Mann? Ein leises Grollen ging durch Nicolas’ Brust, und er konnte spüren, wie sein Körper auf den Gedanken reagierte. Obwohl er einerseits wie losgelöst von seinem eigenen Handeln war, fand er dies alles andererseits doch äußerst interessant. Er hatte sich noch nie von Mensch, Tier oder Ungeheuer bedroht gefühlt, doch als er diese junge Frau nun ansah, wusste er, dass er kämpfen würde bis zum Tod für eine Chance, ihr Blut zu kosten, die Weichheit ihrer Haut zu spüren und ihr Herz im gleichen Rhythmus wie das seine schlagen zu hören.

Zum ersten Mal in seinem langen Leben hatte er eigene erotische Vorstellungen, nicht solche, die nur dem Geist eines anderen entnommen waren. Sie stiegen in ihm auf, als wollten sie ihn verhöhnen. Bilder dieser Frau, wie sie sich stöhnend unter ihm wand und ihn anflehte, ihr alles zu geben. Natürlich würde er nichts empfinden, wenn er ihr Angebot annahm, aber wenn er ihr gleichzeitig das Leben nahm, würde er vielleicht wenigstens diesen einen ekstatischen Augenblick erleben ...

Ihr Kopf fuhr herum, und sie richtete den Blick auf ihn. In ihren Augen sah er jedoch nicht einmal eine Spur dieses Ausdrucks, den er bei Frauen gewöhnt war – den interessierten Blick einer Frau, die einen attraktiven Mann entdeckte. Sie hatte sogar etwas Raubtierhaftes an sich mit ihren flammenden Augen und den fest zusammengepressten Lippen. Über ihrem sehr weiblichen Körper trug sie mehrere Lagen Kleidung, einen hochgeschlossenen Pullover mit langen Ärmeln, die bis über ihre Handgelenke reichten, und dunkle Leggings an ihren wohlgeformten Beinen, die in bequemen Stiefeln steckten. Ein breiter Ledergürtel hielt den Wickelrock an ihrer schmalen Taille fest, der ihre eng anliegenden Leggings halb bedeckte, ihr aber trotzdem noch ausreichend Bewegungsfreiheit ließ, und über all dem trug sie noch einen knielangen, warmen Umhang um die Schultern.

Seltsam, aber sie hatte etwas so Vertrautes an sich, als wären sie sich schon einmal begegnet. Und egal, wie sehr Nicolas sich bemühte, er konnte den Blick nicht von ihr abwenden. Er hatte immer die Oberhand gehabt bei Frauen, die sich angezogen fühlten von seinem Äußeren und der Aura der Gefahr, die ihn umgab. Bei dieser Frau jedoch hatte er überhaupt nicht den Eindruck, dass er sie reizte oder sie ihn womöglich gar begehrte.

Wieder erwachte ein eigenartiges Gefühl in seinem Magen, ein schon fast schmerzhaftes Verlangen, von dieser Frau begehrt zu werden. Komm zu mir! Biete dich mir an! Es war beschämend, auf Suggestion zurückgreifen zu müssen, um diese Frau zu umgarnen und zu betören; es hätte die Fantasie viel lohnender gemacht, wenn sie aus eigenem Antrieb zu ihm gekommen wäre. Später hätte er sich dann vielleicht einreden können, sie begehrte ihn, aber nicht so, nicht unter Zwang.

Ein Ruck ging durch ihren Körper, ihr Kopf fuhr hoch, und sie starrte ihn aus brennenden Augen an. Als wüsste sie Bescheid. Dann kam sie langsam auf ihn zu. Mit wild klopfendem Herzen zog sich Nicolas in die tieferen Schatten zurück. Schon jetzt konnte er den Geschmack der Frau in seinem Mund und ihre zarte Haut an seiner spüren. Sein Blut geriet in Wallung.

Sie war von durchschnittlicher Größe, was sie neben ihm fast klein erscheinen ließ, aber sie hatte hübsche weibliche Rundungen und sah sehr kräftig aus. Ihre Bewegungen waren von fließender Anmut, nicht zögernd oder stolpernd, so als setzte sie sich gegen einen Zwang zur Wehr. Als sich für einen Moment die Wolken teilten und Licht auf ihr Gesicht fiel, verkrampfte sich Nicolas’ Magen.

Bleib stehen! Kehr um! Geh hinein! Er musste sie retten. Seine Hände zitterten – zitterten! –, und möge er für immer in der Hölle landen, aber sein Körper reagierte mit einem solch scharfen, heißen Ziehen in den Lenden und einer Sehnsucht nach ihr, wie er sie in seiner ganzen endlos langen Lebenszeit noch nie erfahren hatte. Ihr Leben, selbst ihre Seele – ebenso wie die seine –, waren in Gefahr. Aber obwohl er sie in Gedanken warnte, machte er einen Schritt in ihre Richtung. Weil er sie begehrte. Weil er sie brauchte. Doch wenn er sie berührte, ihr zu nahe kam, würden sie beide verloren sein.

Ihre Augenbrauen zogen sich zusammen, sie presste ihre linke Hand an ihren Bauch und blieb dann mit verwirrter Miene stehen.

Prüfend sah Lara den großen, breitschultrigen Fremden an, der auf sie zukam, und dachte, dass er der schönste Mann war, den sie je gesehen hatte. Sein Gesicht war von klassischer männlicher Schönheit, seine Augen waren so dunkel, dass sie schon fast schwarz aussahen, aber wenn er sich auf eine gewisse Weise drehte, glühten sie wie Rubine, was ihr einen kalten Schauer den Rücken hinunterlaufen ließ. Er bewegte sich mit unglaublicher Anmut, einer fließenden Eleganz, die seine Muskeln zum Spielen brachte wie die einer großen Dschungelkatze auf der Jagd.

Lara reagierte nie auf Männer, egal, wie attraktiv sie waren. Ihr Körper blieb kalt und gefühllos wie die eisigen Mauern, zwischen denen sie die ersten Jahre ihres Lebens verbracht hatte – doch als sie diesen Mann ansah, veränderte sich plötzlich alles. Ihr Atem ging schneller, ihr Puls begann zu rasen, ihr Magen überschlug sich – ja, selbst ihr Schoß reagierte und zog sich heiß zusammen. Aber ebenso reagierte ihr Muttermal. Und ihr Muttermal kündigte immer nur die Ankunft eines ganz bestimmten Wesens an – eines Vampirs.

Das Problem war, dass ihr Muttermal eine Art Kurzschluss zu haben schien. Gerade eben hatte es noch mit versengender Hitze gebrannt, und im nächsten Augenblick war es schon wieder kühl und leblos. Unter dem langen Pulloverärmel hielt Lara ihr Messer umklammert, mit der Klinge nach oben und den Griff fest in der Hand. Sie wollte nichts riskieren, egal wie gut aussehend und interessant der Fremde war.

Und diese Stimme! Hatte sie sie nur in ihrem Geist gehört? Weich wie Samt und überaus verführerisch. Wie eine nächtliche Melodie voll dunkler Verheißungen, die in einem Moment lockten und im nächsten abwiesen. Als er versucht hatte, sie das erste Mal durch geistigen Zwang zu sich zu locken, war sie sicher gewesen, dass er ein Vampir war, der ihr Blut nehmen wollte. Aber seltsamerweise schien er gleich darauf zu versuchen, sie zu warnen, obwohl er weiter auf sie zukam und seine schwarzen Augen über ihr Gesicht glitten, als gehörte sie ihm schon.

Nicolas konnte nicht aufhören, auf sie zuzugehen – als wäre er derjenige, der unter Zwang stand. Er würde Mikhail zu Hilfe rufen müssen, um sie zu retten. Aber er war schon so von Sinnen, dass er sich dann womöglich gar einen Kampf mit dem Prinzen um sie liefern würde. Und Mikhail durfte auf gar keinen Fall gefährdet werden, wenn ihre Spezies überleben sollte.

Geh!, warnte er sie erneut mit leiser, fester Stimme auf einem geistigen Verbindungsweg, aber ohne einen Zwang in seinen Ton zu legen. Denn sosehr ein Teil von ihm sie auch retten wollte, konnte der andere, der wie losgelöst danebenstand und nach einem Moment des wahren Lebens gierte, nicht nobel genug sein, um ihr bei der Flucht vor ihm zu helfen.

Sie drehte sich um und suchte mit dem Blick die Schatten und die Dächer nach Gefahren ab. Nicolas war schon fast bei ihr, als sie sich ihm wieder zuwandte. Aus der Nähe betrachtet, war sie sehr schön. So schön, dass ihm der Atem stockte. Ihre Haut war von exquisiter Zartheit, ihr Duft dezent und dennoch betörend. Nicolas fühlte sich so stark davon angezogen, dass er sich schon beinahe wie in Trance vorkam – sofern das für jemanden wie ihn überhaupt möglich war.

Seine Finger schlossen sich um ihr Handgelenk wie ein Armband, leicht und dennoch wie aus Stahl gemacht. Und da bewegte sie sich, fuhr zu ihm herum und stieß ihm ihren Ellbogen gegen das Brustbein. Nicolas spürte diesen Stoß, der ein menschliches Wesen ins Taumeln gebracht hätte, jedoch kaum, und plötzlich lagen seine Arme um sie, und sein Gesicht war in der dichten Masse ihres herrlich weichen Haares vergraben.

Das Blut, das durch ihre Adern rauschte, machte ihm bewusst, dass sie – und er -lebendig waren. Und dort, in der Schönheit der Nacht, vom Duft des Waldes umgeben, erlaubte sich Nicolas sein allerletztes Fest.

Das Gewisper in seinem Kopf verwandelte sich in ein besitzergreifendes Brüllen. Diese Frau gehört ganz allein dir. Ohne Zögern senkte er den Kopf auf ihre Schulter und schob mit den Lippen ihren Pullover beiseite, um die zarte Haut ihres Nackens und den heftig pochenden Puls darunter freizulegen. Er machte keinen Versuch, die Frau zu beruhigen oder Zwang auf sie auszuüben. Das Adrenalin in ihrem Blut würde die Erfahrung intensivieren und ihm einen solch gewaltigen Gefühlsrausch verschaffen, dass er diesen Moment niemals vergessen würde. Hungrig senkte er seine Zähne in ihren Hals und nahm ihren Geschmack, ihre Süße und ihre Essenz tief in sich auf.

»Lass mich los, du Bastard!«, fuhr Lara ihn an, entsetzt über den jähen Schmerz und schockiert darüber, dass sie sich nach all den Jahren, in denen sie sich geschworen hatte, dass niemand je wieder ihr Blut gewaltsam nehmen würde, plötzlich wieder in den Armen eines Vampirs befand.

Als Kind war sie, so furchtbar es sich auch anhörte, ausschließlich zur Nahrungsaufnahme benutzt worden. Ihr Vater und ihr Urgroßvater hatten ihre Zähne in ihre Adern geschlagen und sich an ihr bedient, als wäre sie ein Nichts gewesen, kein Mensch, kein Karpatianer und erst recht kein Magier. Für sie war sie eine Nahrungsquelle gewesen, weiter nichts.

Wilder Zorn erfasste sie und erschütterte und überraschte sie. Denn trotz allem, was sie durchgemacht hatte, war sie noch nie in ihrem Leben derart aufgebracht gewesen. Und dennoch ließ sie die dunkle, erotische Verführung dieses Fremden nach dem ersten Schock fast wünschen, ein Teil von ihm zu werden, seinem Feuer und seiner Hitze zu erliegen – und ihr Leben für das seine hinzugeben.

Lara biss die Zähne zusammen und versuchte, sich gegen die verblüffende Intensität dieses Bedürfnisses und das Verlangen zu wehren, die sie durchpulsten. So leicht würde sie nicht kapitulieren. Sie hatte nicht gewusst, dass ein Vampir so raffiniert sein konnte. Gerade ließ er noch alle Alarmglocken in ihr schrillen, im nächsten Moment warnte er sie, und dann plötzlich der Biss – und die schier unwiderstehliche Verführung, die ihm innewohnte.

Sie umklammerte noch fester das Messer und versuchte, ein bisschen Platz zu gewinnen, um ihre Hand zu seinen Rippen bewegen zu können, aber sie blickte in die andere Richtung, und seine genaue Position war schwer zu bestimmen, wenn Blitze durch ihre Adern zuckten, ihr Blut entflammten und ihr die Fähigkeit zu denken raubten.

Nicolas war so berauscht von ihrem Geschmack, ihrem Körper und dem Gefühl von ihr, dass er einen Moment brauchte, um zu registrieren, dass sie etwas gesagt hatte. Lass mich los, du Bastard! Ihre Worte echoten durch seinen Kopf, brachen aus seinem Unbewussten hervor und ergriffen Besitz von seinem Herzen.

Eine Vielzahl schwindelerregender Gefühle übermannte ihn, so schnell, heftig und verwirrend, dass es fast unmöglich war, sie zu sortieren. Die Liebe, die er seinen Brüdern entgegenbrachte, aber auch Zorn und Wut darüber, dass er so lange einen ehrenhaften Weg beschritten hatte und doch so nahe daran gewesen war, sich zu verwandeln, durchfluteten sein Herz und seinen Kopf. Scham darüber, dem Ungeheuer, das er jahrhundertelang gejagt hatte, derart nahe gekommen zu sein. Und noch mehr Scham über die Sünden gegen den Anführer ihres Volkes, die er dem Prinzen noch zu beichten hatte. Keine in Wort und Tat, aber Sünden, die er und seine Brüder in ihren Herzen und Köpfen begangen hatten. Und natürlich auch die Freude über diese Frau in seinen Armen, die ihn vor einem Schicksal bewahren würde, das nicht nur ihn, sondern auch seine Familie entehrt hätte.

Es war zu viel, um alles gleichzeitig verstehen zu wollen. Und die ganze Zeit war sein Körper so überaus empfindlich und erregt, sein Glied so heiß und hart, dass seine Kleider ihm schon fast zu eng und lästig wurden. Er begehrte diese Frau. Er brauchte sie und musste sie haben. Ihr Geschmack war mit nichts zu vergleichen, was er je zuvor erfahren hatte. Diese Frau war die Eine, nach der er ganze Kontinente abgesucht hatte; die Geliebte und Seelengefährtin, nach der er sich jahrhundertelang gesehnt hatte. Die einzige Frau, die ihm seine Gefühle wiedergeben konnte.

Nicolas öffnete die Augen und war wie geblendet von ihrem Haar. Hier im Dunkeln schimmerte es leuchtend rot, aber dann schienen seine Augen ihm plötzlich einen Streich zu spielen, denn jetzt sah er auch metallisch glänzende, kupferfarbene Strähnen darin. Er brachte einfach nicht die Willenskraft auf, von ihr abzulassen, dem süßen Feuer zu entsagen, das seine Kehle hinunterrann, und sie nach Brauch seines Volkes an sich zu binden. Wie aus weiter Ferne konnte er die lautstarken Proteste seines eigenen Bewusstseins hören, er habe den Verstand verloren, er habe sie zu spät gefunden und sei dabei, sie umzubringen, doch er konnte einfach nicht mehr aufhören ...

Bis ein jäher Schmerz ihn links durchzuckte und ihn aus seinem tranceähnlichen Zustand riss. Abrupt hob er den Kopf, ohne mit der Zunge über die beiden winzigen Einstiche an ihrem Puls zu fahren, um die Wunde zu verschließen. Blut rann ihren Nacken hinunter und in ihren erdfarbenen Pullover und hinterließ darin kleine rote Flecken.

Farben! Nach Jahrhunderten, in denen Nicolas nur Grau gesehen hatte, konnte er auf einmal Farben sehen. Verblüffend schöne Farben. Er blickte an sich herab zu der Stelle, von der der Schmerz ausging. Der Griff eines kleinen Messers steckte zwischen seinen Rippen. Die Frau trat blitzschnell einen Schritt zurück und fuhr zu ihm herum. Ihre Augen waren wie glitzernde Smaragde, nicht einfach nur grün, sondern wirklich und wahrhaftig wie Smaragde. Aber während Nicolas sie noch betrachtete, veränderte sich ihre Augenfarbe und wechselte von tiefem Grün zu arktisch kaltem Blau. Blau wie die Farbe der Eisgletscher, sauber, rein und eisig kalt, aber auch von brennender Intensität und Leidenschaft erfüllt.

Er lächelte sie an. »Te avio päläfertiilam. Entölam kuulua, avio päläfertiilam.«

Die Worte waren leise und verführerisch, eine dunkle Verlockung, die wie warmer Samt über Laras Sinne strich und sie betörte und erregte. Sie hatte diese Worte schon einmal gehört, vor langer, langer Zeit, als ihre Tanten sie in den Schlaf gesungen ...

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