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Fluch der Grabtafeln

Raven Cross

Fluch der Grabtafeln

1. KAPITEL

„Hey, Natalie, halt an dem 7-Eleven an! Der Tank ist fast leer, und wir brauchen noch Vorräte für den Trip.“ Kyle deutete vom Beifahrersitz aus auf den Supermarkt, neben dem es eine Tankstelle gab.

„Nee, ich hab bei dem starken Regen keine Lust, die Gegenfahrbahn zu überqueren und einen Unfall mit einem Truck zu riskieren, nur weil du Hotdogs und Bier kaufen willst.“ Natalie beugte sich angespannt über das Lenkrad ihres alten Fords.

Es goss in Strömen. Die Scheibenwischer schrubbten quietschend über das Glas, ohne etwas gegen die Fluten zu bewirken. Die Sicht war miserabel. Obwohl es erst früher Nachmittag war, hatte das Gewitter den Himmel so verdunkelt, dass Natalie die Scheinwerfer ihres Wagens einschalten musste und dennoch kaum die Fahrbahnbegrenzungen sah. Der dichte Tannenwald, der sich nun zu beiden Seiten der Straße erstreckte, wirkte wie eine schwarze, undurchdringliche Mauer und unterstrich die für einen Augusttag ungewöhnliche Finsternis. Natalie wünschte sich, sie hätten ihr Ziel, eine Jagdhütte in den Rocky Mountains, schon erreicht. Doch es lagen noch dreißig Meilen Schnellstraße und weitere fünfzehn auf einem unbefestigten Waldweg vor ihnen.

„Worauf willst du denn warten, Nat? Auf ein Einkaufszentrum?“, meldete sich Zara genervt vom Rücksitz zu Wort. „In dieser Einöde gibt es rein gar nichts. Kaum zu glauben, dass wir nur achtzig Meilen von Denver entfernt sind! Wenn wir deinetwegen mit leerem Tank liegen bleiben, kannst du die Karre allein schieben. Ich hole mir wegen deiner Sturheit keine Erkältung, Nat.“ Zara verschränkte die Arme vor der Brust und starrte missmutig aus dem Seitenfenster.

„Du hast doch nur Angst, dass du dir einen Fingernagel abbrichst“, kommentierte Tom, der neben Zara saß und die Landkarte studierte, ihre schlechte Laune. „Statt herumzumosern, hör dir lieber an, wie die Städte in dieser Gegend heißen: ‚Rifle – Gewehr‘, ‚Last Chance – Letzte Chance‘, ‚Broken Dream – Zerbrochener Traum‘, ‚Black Death‘! Stell dir das mal vor! Jemand fragt dich: Wo kommst du her? Und deine Antwort lautet: Aus Schwarzer Tod! Ich wette, derjenige macht sich sofort aus dem Staub, und du bleibst ein Leben lang ohne Freunde. Außer du ziehst um!“ Er klopfte sich auf die Oberschenkel und stieß Zara in die Seite.

„Aua! Du Idiot! Deinetwegen kriege ich jetzt einen blauen Fleck! Nat, wann sind wir endlich da? Ich will nicht länger neben diesem Spinner sitzen“, rief Zara.

„Bald“, murmelte Natalie und biss sich auf die Unterlippe, um nicht zu sagen, was ihr auf der Zunge lag. Denn Natalie mochte es überhaupt nicht, wenn jemand sie „Nat“ nannte. Und obwohl sie Zara schon mindestens zehnmal darauf hingewiesen hatte, dass sie Natalie hieß, ignorierte die Nervensäge diese Tatsache. Natalie bereute, Zara mitgenommen zu haben. Sie hatte es Kyle zuliebe getan.

Natalie kannte Kyle seit zwei Jahren. Seit dem Tag, an dem sie sich an der Universität von Denver für Biologie eingeschrieben hatte. Er war Tutor für die Studienanfänger und hatte ihr und den anderen Neuankömmlingen die Gepflogenheiten auf dem Campus erklärt, beim Aufstellen des Stundenplans geholfen sowie bürokratische Probleme gelöst.

Natalie und Kyle hatten sich auf Anhieb gut verstanden. Sie besaßen den gleichen Humor, die gleiche Schlagfertigkeit und einen ähnlichen Intelligenzquotienten. Sie waren schnell beste Freunde geworden – und seit einem Monat war Natalie in ihn verliebt.

Es gab diesen dämlichen Spruch, den sie hasste, der aber ihre Situation genau beschrieb: „Tausendmal berührt, tausendmal ist nichts passiert …“ Und dann hatte es gefunkt. Bei ihr. An einem völlig unspektakulären Abend. Als sie die Reise in die Rocky Mountains geplant hatten. Nachdem klar gewesen war, wann es losgehen sollte und wer mitkam, hatte Kyle sich wie immer mit einem Kuss auf die Wange von ihr verabschiedet. Nur dass ihr dieses Mal bei der Berührung fast das Herz stehen geblieben war und sie plötzlich wusste: Ich bin verliebt. Ob er ihre Gefühle erwiderte? Natalie hatte keine Ahnung und wagte nicht zu fragen.

Verstohlen musterte sie ihn. Er sah sehr gut aus. Um nicht zu sagen: fantastisch! Seine blonden Haare fielen ihm in das sonnengebräunte Gesicht, während er konzentriert die Landkarte las. Er hatte sie Tom abgenommen und fuhr mit dem Finger die Route entlang, die sie gerade fuhren. Dabei grübelte er offenbar und runzelte die Stirn, was seine sinnliche Ausstrahlung unterstrich. Er hatte eine gerade Nase und ein markantes Kinn. Seine Lippen waren sanft geschwungen – und nicht zum ersten Mal stellte Natalie sich vor, wie es wäre, ihn zu küssen.

Er bemerkte, dass sie ihn beobachtete, sah sie an und lächelte flüchtig. Der unerwartete Blick in seine braunen Augen, die sie an Nugatschokolade erinnerten, verursachte Natalie fast einen Herzschlag. Sie spürte, wie sie vor Aufregung Schmetterlinge im Bauch bekam, wurde knallrot und schaute schnell wieder auf den Highway.

Kyle schien ihre Nervosität nicht aufzufallen. Nüchtern erklärte er: „Ich suche eine andere Strecke, um zum Blockhaus zu gelangen. Bei dem Sauwetter ist der Waldweg hundert Prozent unterspült. Aber es gibt keine andere Zufahrt.“

„Vielleicht haben wir Glück“, sagte sie so leichthin wie möglich. „Ich finde, wir zerbrechen uns den Kopf, wenn wir den Waldweg erreicht haben.“

„Ich steh auf deine unkomplizierte Art“, meinte Kyle und wuschelte ihr mit der Hand durch die roten Haare.

Die Berührung jagte Natalie einen Schauer über den Rücken. Ihre Hände fingen leicht zu zittern an, und sie befürchtete, die Kontrolle über das Steuer zu verlieren. „Hey, hey, nicht die Fahrerin ablenken!“, wies sie Kyle betont burschikos zurecht. „Bei den Wetterverhältnissen enden dumme Späße tödlich.“

„Ich bitte um Verzeihung und schwöre, es nie wieder zu tun“, erwiderte Kyle und knuffte sie mit der Faust gegen die Schulter.

Das hatte Natalie nun auch nicht gewollt. Ganz im Gegenteil! Hoffentlich meinte er es nicht ernst, dass er ihr nie wieder die Haare zerstrubbeln würde. Und wieso behandelte er sie wie einen seiner Freunde? War sie für ihn nur ein Kumpel?

Kaum hatte sie den Gedanken zu Ende gedacht, ärgerte sie sich darüber. Ihr ging nur noch Unsinn durch den Kopf, seit sie in Kyle verknallt war!

Hinter jeder seiner Gesten und hinter jeder noch so lapidaren Äußerung von ihm vermutete sie weltbewegende Aussagen, die entweder für eine gemeinsame Zukunft oder dagegen sprachen. Im Übrigen musste sie sich gar nicht wundern, wenn er sie behandelte wie einen seiner Jungs. Seit sie ihn liebte – oh Gott, was für ein bedeutungsschweres, aber zutreffendes Wort! –, führte sie sich in seiner Gegenwart wie ein hartgesottener Kerl auf. Na ja, vielleicht nicht ganz so drastisch. Aber auf jeden Fall benahm sie sich nicht wie ein verliebtes Mädchen.

Reiner Selbstschutz, stellte sie für sich fest. Solange sie nicht wusste, wie er zu ihr stand, verbarg sie ihre Gefühle. Denn vor Verletzungen hatte sie Angst. Schließlich war ihr Zurückweisung nicht fremd. Sie war keine klassische Schönheit, sondern „speziell“. Jedenfalls meinten das die Leute, die sie mochten und es gut mit ihr meinten. Die anderen sagten wahlweise „Rotfuchs“, „Hexe“ oder „Feuerlöscher“ zu ihr.

Sie selbst fand sich ganz in Ordnung. Zumindest seit sie die Highschool und die Hänseleien ihrer Mitschüler überlebt hatte. Durch ihr knallrotes Haar stach sie nun mal aus der Masse heraus. Außerdem war Natalie einen Meter achtzig groß, gertenschlank, hatte grüne Katzenaugen, einen blassen Teint und Abertausende Sommersprossen.

An guten Tagen glaubte sie sogar, dass sie mit ihrer Figur und ihrem außergewöhnlichen Aussehen gute Chancen auf den internationalen Modelaufstegen hätte. An schlechten Tagen kam sie sich vor wie ein unterernährter Albino. Sie wünschte sich, ein wenig selbstbewusster zu sein. Trotzdem hatten die Tage, an denen sie sich passabel oder sogar besser als passabel fand, zugenommen. Insbesondere seit sie zur Uni ging. Doch nun, durch ihre Verliebtheit, fiel Natalie wieder zurück in alte Verhaltensmuster und fühlte sich oft überhaupt nicht liebenswert.

Sie musste unbedingt ihr Gefühlschaos in den Griff bekommen. Sie versuchte alles, um herauszufinden, was Kyle für sie empfand. So war sie sofort begeistert gewesen, als sein Studienkollege Tom vorgeschlagen hatte, einen verlängerten Wochenendtrip mit Freunden in die Berge zu unternehmen. Maximal fünf Leute, hatte Tom gesagt. Mit Zara waren es dann doch sechs Personen geworden. Dennoch blieb die Gruppe überschaubar, sodass sich gewiss genug Möglichkeiten ergaben, Zeit allein mit Kyle zu verbringen.

Allerdings hatte ihr Kyles Wunsch, Zara mitzunehmen, einen Stich versetzt. Er spielte seine Bekanntschaft zu Zara herunter und bezeichnete sie als eine langjährige Freundin, die nach längerem Aufenthalt in einer anderen Stadt in Denver kaum Leute kannte und Anschluss suchte. Aber Natalie war misstrauisch.

Erst recht, nachdem sie Zara zum ersten Mal begegnet war.

Zara war der Hammer! Die Traumfrau aller Männer von der Antarktis bis nach Kanada und seit der Erfolgsserie „Baywatch“ vermutlich sogar auf der ganzen Welt. Sie sah aus wie die junge Pamela Anderson. Nur ohne die Plastikimplantate und die gefärbten Haare. Bei Zara war definitiv alles echt. Und um es noch schlimmer zu machen, besaß sie im Gegensatz zum Klischee der vollbusigen Blondine Stil und Verstand.

Was für eine Katastrophe!

Allerdings gab es einen Hoffnungsschimmer.

Zur Perfektion fehlte Zara nämlich ein entscheidender Wesenszug: Freundlichkeit.

Schon nachdem Natalie Zara erst ein paar Minuten kannte, wunderte es sie nicht mehr, dass Blondie keine Freunde hatte. Denn sie war unausstehlich!

Bei dem finalen Vorbereitungstreffen für den Trip hatte Zara nur von sich geredet und damit angegeben, dass sie Schönheitschirurgin werden würde. Natürlich wegen des Geldes – weshalb sonst?!

Um an dir selbst herumzuschnippeln, hatte Natalie gehässig gedacht.

Natürlich wusste sie, dass das nicht möglich war. Aber sie konnte kaum glauben, dass sie und Kyle Freunde waren – so wenig passten Zaras Barbie-Optik und ihr affektiertes Gehabe zu Kyles netter und natürlicher Art. Nun, vielleicht hatte sich Zara während ihres Lebens in der anderen Stadt sehr verändert. Oder aber Kyle stand in Wahrheit auf Mädchen wie sie.

Dann hätte Natalie verloren. Und nun fuhr sie mit ihrem Schwarm und dieser Sexbombe fünf Tage in eine einsame Berghütte. Das konnte heiter werden …

Natalie schüttelte den Kopf, um diese Gedanken zu verscheuchen. Sie blickte in den Rückspiegel. In dem von Feuchtigkeit beschlagenen Glas blendeten sie die Scheinwerfer von Shanes Geländewagen. Natalie erkannte schemenhaft Shanes breite Schultern hinter dem Lenkrad und an seiner Seite Gwens verschwindend zarte Gestalt. Sie fuhren nur zu zweit, weil der Wagen randvoll mit sämtlichem Gepäck, Shanes Gewehr, Gitarre und Angelausrüstung beladen war. Dummerweise hatte Shane vergessen, die Lebensmittel einzupacken, sondern in seiner Garage stehen gelassen. Es war ihm erst während der Fahrt eingefallen. Er hatte Kyle auf dem Handy angerufen und ihm gesagt, dass sie noch Verpflegung einkaufen mussten.

Ein heller Lichtstrahl im Rückspiegel weckte Natalies Aufmerksamkeit. Shane betätigte die Lichthupe und gab ihr Zeichen, rechts ranzufahren. Erst befürchtete sie, es gäbe ein Problem mit dem Geländewagen. Doch dann entdeckte sie versteckt in dem verregneten dunklen Tannenwald ein halb verfallenes Holzhaus, über dessen Eingang eine defekte Leuchtschrift in schwachem Rot „Ted‘s Roadhouse“ flackerte.

Natalie bog in die holprige Einfahrt zu dem Gebäude ein und hielt vor einer Zapfsäule. Die Tankstelle mit dem angegliederten Mini-Supermarkt wirkte verlassen. Ein unerklärliches, mulmiges Gefühl breitete sich in Natalies Magen aus. Schon legte sie den ersten Gang ein, um weiterzufahren, da hörte sie Zaras Stimme von hinten.

„Der hypermoderne 7-Eleven war dir nicht gut genug, und in dieser Bruchbude willst du unsere Verpflegung einkaufen, Nat? Da holen wir uns doch allesamt die Krätze und Schlimmeres.“

„Die Krätze bekommt man nicht von Lebensmitteln, sondern von zu engem Kontakt mit zu vielen Menschen und von ungeschütztem Sex mit wenig gepflegten Partnern“, erwiderte Natalie giftig. „Das müsstest du als angehende Ärztin doch wissen.“ Trotzig stellte sie den Motor ab und stieg aus. Sie rannte so schnell sie konnte unter das Vordach des Ladens. Dennoch war sie binnen Sekunden bis auf die Haut durchnässt.

Shane kam zu ihr gelaufen. „Echtes Mistwetter! Hoffentlich fällt nicht unser gesamter Trip ins Wasser.“ Er fuhr sich mit den Fingern durch das vom Regen nasse millimeterkurze Haar.

„Meinst du, hier kriegen wir Sprit und Essen? Der Shop scheint geschlossen zu sein.“ Natalie wandte sich widerwillig zu den schmutzigen Glasfenstern des Roadhouses um. Das Geschäft sagte ihr in keiner Weise zu.

Shane umfasste den Türknauf und versuchte ihn herumzudrehen. Die Tür war zu.

Natalie seufzte erleichtert. „Komm, lass uns gehen! Notfalls fahren wir zurück zum 7-Eleven.“

„Nun warte doch mal!“ Shane trat nah an das Fenster heran. Er schirmte seine Augen mit der Hand ab und sah blinzelnd ins Innere des Gebäudes. „Da drinnen ist irgendwas.“

Natalie stellte sich neben ihn und blickte ebenfalls in den dunklen Laden. Unscharf erkannte sie einen Schatten, der sich in rasantem Tempo auf sie zubewegte. Im gleichen Moment klatschte ein riesiger schwarzer Körper von innen gegen die Fensterscheibe.

Natalie und Shane sprangen zurück.

„Verdammt! Was war das?“, schrie Shane.

Da ertönte das wütende Gebell eines Hundes. Knurrend und geifernd lief ein Rottweiler hinter dem Fenster auf und ab und scharrte mit den Pfoten auf dem Holzboden – vergeblich bemüht ein Loch zu buddeln, durch das er hindurchschlüpfen und die ungebetenen Besucher anfallen konnte.

„Lass uns gehen!“, bat Natalie Shane eindringlich. Da hörte sie das metallische Klicken eines Gewehrs, das entsichert wurde, hinter sich. Sie war wie erstarrt.

„Was macht ihr hier? Versucht ihr einzubrechen?!“, pöbelte eine knarzige alte Männerstimme sie an.

„Nei… nein, Sir!“, entgegnete Shane und wandte sich in Zeitlupe zu dem Mann um. „Ähm, wir haben uns gefragt, ob Ihr Shop geöffnet ist.“

Natalie wagte es ebenfalls, sich langsam zu dem Mann umzudrehen. Ein dürrer, faltiger Zwei-Meter-Kerl mit einem Gewehr im Anschlag musterte sie. Eine schier endlose Weile herrschte Schweigen, bis auf das wilde Gebell des Rottweilers. Dann senkte der Alte die Waffe, und urplötzlich verzogen sich seine schmalen Lippen zu einem fast freundlichen Lächeln.

„Nichts für ungut, Kinder!“, meinte der Alte. „Tut mir leid, wenn ich euch einen Schreck eingejagt habe. Aber heutzutage weiß man nie, auf wen man trifft.“ Er klopfte Shane kumpelhaft auf die Schulter und nickte Natalie zu. „Still, Brutus!“, brüllte er, und der Hund hörte sofort auf zu wüten.

Der Alte wühlte umständlich in seiner Hosentasche und förderte dann einen Schlüssel zutage, der offenbar zu dem Shop gehörte. „Normalerweise ist der Laden bis zwanzig Uhr geöffnet. Aber bei dem Unwetter habe ich nicht mit Kundschaft gerechnet. Was braucht ihr denn?“ Nachdem er die Tür aufgestoßen hatte, ließ er Natalie und Shane den Vortritt.

Im gleichen Augenblick tauchte Kyle mit dem Wagenheber bewaffnet auf. „Alles in Ordnung?“, fragte er Natalie.

„Es geht ihr gut, Junge“, antwortete der Alte beschwichtigend, während er den angriffsbereiten Rottweiler fest am Halsband gepackt hielt. „Da hast du aber einen mutigen Verehrer, kleine Miss.“

Natalie errötete. Der Alte grinste und sperrte seinen Hund in ein Hinterzimmer. Dann setzte er sich an die Kasse.

„Fühlt euch wie zu Hause!“, rief er. Eine Bemerkung, die nach seiner unfreundlichen Begrüßung wie purer Hohn klang.

„Lass uns beeilen“, meinte Natalie zu Shane. „Der Typ ist mir nicht geheuer.“ Sie nahm einen Einkaufskorb und begann, eine Milchpackung und Butter hineinzulegen.

„Ich tanke die Wagen!“, rief ihnen Kyle von der Eingangstür aus zu. „Ich brauche deinen Autoschlüssel, Shane.“

Shane warf ihm die Schlüssel zu. Kyle verschwand im Regen. Dafür betraten Gwen und Zara den Laden.

„Wohin fahrt ihr?“, fragte der Alte. „Nach Vail? Aspen?“

„Schön wär’s“, meinte Zara bedauernd, als der Mann Colorados exklusive Urlaubsorte erwähnte. „Vail und Aspen kann ich mir nicht leisten. Noch nicht. Aber allzu lange wird es nicht mehr dauern. Bis dahin amüsiere ich mich einfach mit meinen Freunden. So was muss man auch mitgemacht haben.“

Von welchen Freunden spricht sie?, dachte Natalie. Wenn Zara so wenig Lust auf einen Aufenthalt in einer Jagdhütte hatte, warum war sie überhaupt mitgekommen? Um den anderen den Trip zu verderben? Oder um Kyle anzumachen?

„Eher einfach“, wiederholte der Besitzer des Shops. „Dann geht ihr campen?“

„So einfach dann doch wieder nicht“, entgegnete Zara. „Ein Blockhaus muss schon sein. Bei all dem Viehzeug, das im Wald lebt.“

„Schlangen und Spinnen finden ihren Weg nicht nur in ein Zelt“, sagte der Alte. „Für die sind ein paar Holzbalken kein Hindernis. Und für Wölfe und Bären erst recht nicht …“

„Danke. Ich habe genug gehört“, unterbrach ihn Zara und wandte sich angeekelt ab.

Der Alte verstand nicht, dass für sie das Gespräch beendet war. Er kam gerade erst richtig in Fahrt. „Im Spätsommer muss man sich besonders vor den Wildtieren in Acht nehmen. Die Grizzlys beginnen sich das Fett für den Winterschlaf anzufressen. Da ist ihnen eine hübsche junge Miss als Snack sicher willkommen.“

„Ach, hören Sie auf, solche Gruselgeschichten zu erzählen“, meinte Gwen freundlich, aber bestimmt. „Die Bären meiden die Menschen. Sie fürchten sich vor uns. Zu Recht. Denn in dieser Gegend besitzt doch vermutlich jeder Spinner eine Waffe.“

Die Anspielung kam an. Selbst der merkwürdige Alte hatte sie verstanden. Er verzog griesgrämig das Gesicht und schwieg.

Aber die Vorstellung, als Bärenmahlzeit zu enden, behagte Zara nicht. „Wo genau leben denn die Grizzlys?“

„Überall in den Rocky Mountains“, erklärte der Mann kühl. Gwens Abfuhr ärgerte ihn. Er hatte keine Lust mehr, mit seinen jungen Kunden zu reden.

„Auch auf Pikes Peak?“, hakte Zara nach.

„Wollt ihr etwa da hin?“ Der Ladenbesitzer hob erstaunt die Augenbrauen.

„Äh … ja“, antwortete Zara. Unsicher, ob es eine gute Idee gewesen war, ihm ihr Reiseziel zu verraten.

Der Alte starrte sie mit offenem Mund an. Er räusperte sich ein paarmal und schien nach den richtigen Worten zu suchen.

„Wieso? Was ist mit Pikes Peak?“, mischte sich Natalie ein, die den vollen Einkaufskorb auf den Tresen vor die Kasse stellte. „Lauern dort neben Bären und Wölfen auch noch Yetis und Dinosaurier auf junge Frauen?“

„Schlimmer“, sagte der Alte. „Ihr solltet euch wünschen, dort nur einem Grizzly zu begegnen. Dort spukt es! Ich mache keine Witze. In den letzten Jahren sind in der Umgebung von Pikes Peak immer wieder Wanderer und Camper verschwunden. Die Polizei hat nie wieder Spuren von ihnen gefunden. Sie waren wie vom Erdboden verschluckt.“

„Verschonen Sie uns mit Ihren Horrormärchen. Kassieren Sie unsere Sachen ab – und gut“, unterbrach Natalie ihn. Sie wollte nichts mehr hören. Sie war empfänglich für Gruselgeschichten.

„Mädchen, glaub mir!“, beschwor der Mann sie. „Fahrt nicht!“ Er griff über den Tresen und packte ihre Hand.

Natalie zuckte unter seiner Berührung zusammen. Seine Finger waren eiskalt wie die Hände eines Toten, und er umfasste ihr Gelenk so fest wie ein Schraubstock. Vergeblich versuchte sie, sich aus dem Klammergriff zu befreien.

„Ist ja gut!“ Gwen ging dazwischen. „Wir glauben Ihnen. Wir besprechen Ihre Informationen mit unseren Freunden, und dann ändern wir unser Reiseziel. Und jetzt lassen Sie sie los. Okay?“

„Das ist eine gute Entscheidung“, meinte der Mann. Er ließ seine Finger langsam über Natalies Hände gleiten. Sie bekam vor Abscheu eine Gänsehaut. Der Ladenbesitzer bemerkte ihren Ekel nicht. Gedankenverloren kassierte er die Waren und das Benzin ab. Er packte die Lebensmittel in Papiertüten und reichte eine Shane, die andere Natalie.

„Schönen Tag noch“, meinte Shane zu dem Alten und schob Gwen und Zara mit seiner freien Hand vor sich her zum Ausgang. „Puh! Der Kerl hat ja eine Vollmeise!“, meinte er, sobald sie ihre Fahrzeuge erreicht hatten. „Erst bedroht er uns mit seiner Knarre und diesem mordsmäßigen Köter, und dann erzählt er uns Gespensterstorys. Typen gibt’s …“

„Sollen wir wirklich nach Pikes Peak fahren? Schon wegen des Wetters und so …“, fragte Natalie. Sie gab sich gelassen, doch die Besorgnis in ihrer Stimme war nicht zu überhören.

„Ich fass es nicht, Nat hat sich von dem Alten ins Bockshorn jagen lassen“, höhnte Zara. „Nun ja, ich muss gestehen, mit den hungrigen Bären hat er mir schon Angst eingejagt“, meinte sie. „Aber Gespenster?! Also, bitte! Hält er uns für Idioten?“ Zara betonte das letzte Wort und sah dabei Natalie vielsagend an.

Natalie ballte die Fäuste. Sie ärgerte sich, Zara eine Vorlage geliefert zu haben. Der Alte mochte ein Aufschneider und Lügner sein. Aber sie erinnerte sich an die Fernsehnachrichten, in denen von den verschwundenen Touristen berichtet worden war. Die Vorfälle lagen Jahre zurück. Sie war noch ein kleines Mädchen gewesen, doch in ihrem Kopf hatte sich das Foto der zuletzt Verschwundenen festgesetzt. Es zeigte eine Familie. Vater, Mutter, Kind. Die Erwachsenen waren von Beruf Archäologen gewesen, und ihr Nachname lautete Smith. Natalie wusste dies noch so genau, weil ihre damals beste Freundin ebenfalls Smith hieß und ihr Vater in einem Museum arbeitete.

„Hey, Natalie, vergiss es!“ Gwen legte den Arm um ihre Schulter. „Der Alte langweilt sich in seinem Laden und hat den lieben langen Tag nichts Besseres zu tun, als Touristen zu verschaukeln.“ Sie schwang sich auf den Beifahrersitz des Jeeps und nahm Natalie die Papiertüte ab, bevor der Regen sie vollends aufweichte und die Lebensmittel herausfielen. „Dann mal auf nach Pikes Peak!“, rief Gwen und schlug die Wagentür zu.

Natalie lief zu ihrem Ford und beschloss, Kyle und Tom nach ihrer Meinung zu fragen.

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