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Flirte nie mit einem Playboy

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1. KAPITEL

Würde es auf der Welt gerecht zugehen, müsste jeden Moment die Lösung des Problems, das Miller Jacobs Kopfzerbrechen machte, in der Eingangstür stehen. Er würde einen netten Anzug tragen und eine noch nettere Persönlichkeit sein Eigen nennen.

Anders jedenfalls als der selbstgefällige Banker, der ihr zurzeit an dem kleinen Holztisch in der angesagten Bar in Sydney gegenübersaß und schon vor mindestens zwei Stunden mit dem Trinken hätte aufhören sollen.

„Also, sexy Lady, was kann ich für Sie tun?“

Miller achtete nicht auf ihn. Stattdessen warf sie ihrer besten Freundin Ruby Clarkson ein Lächeln zu, das besagte: Wie konntest du nur auf die Idee kommen, dass dieser Kerl am nächsten Wochenende meinen Freund spielen soll?

Ruby warf ihr einen entschuldigenden Blick zu und tat dann das, was nur eine wirklich schöne Frau vermochte – sie schenkte dem Banker ein umwerfendes Lächeln und gab ihm zu verstehen, er solle verschwinden. Nicht ausdrücklich, denn schließlich bestand die Möglichkeit, dass sie irgendwann vielleicht beruflich mit ihm zu tun haben würde.

Erleichtert seufzte Miller auf, als der Mann ohne Protest zu der spärlich erleuchteten Bar schwankte und aus ihrem Sichtfeld verschwand.

„Sag jetzt nichts“, warnte Ruby. „In der Theorie schien er perfekt zu sein.“

„In der Theorie scheinen die meisten Männer perfekt zu sein“, gab Miller niedergeschlagen zurück. „Aber wenn man sie erst richtig kennenlernt, fängt der Ärger an.“

„Das klingt ziemlich pessimistisch.“

Miller zog die Brauen hoch. Sie hatte guten Grund, so zu denken. Das Treffen hatte sie eine Stunde gekostet, die sie eigentlich nicht erübrigen konnte – bei einem Glas Weißwein, den sie nicht einmal zum Kochen verwendet hätte. Doch sie war der Lösung ihres Problems keinen Schritt näher gekommen. Ein Problem, das wegen einer Lüge ihrem Boss gegenüber entstanden war. Denn sie hatte ihm erzählt, dass ihr Freund liebend gern zu dem Geschäfts­treffen am Wochenende mitkommen würde, um einen sehr arroganten potenziellen Auftraggeber in Schach zu halten.

T. J. Lyons war übergewichtig, anmaßend und widerlich und hatte ihr Desinteresse als eine Art persönliche Herausforderung betrachtet. Offenbar hatte er Dexter, ihrem Boss, erzählt, dass sich hinter Millers kühler Fassade eine heißblütige Frau verstecke, die er unbedingt seinem Stall voller Stuten hinzufügen wollte.

Miller schauderte bei der Erinnerung an seine Formulierung, die sie zufällig mitbekommen hatte.

Der Mann war ein chauvinistischer Langweiler und trug seinen breitkrempigen Hut, einen Akubra, als sei er die australische Antwort auf J. R. Ewing. Aber er irritierte. Und als T. J. sie aufforderte, ihren „Lover“ zu seinem fünfzigsten Geburtstag mitzubringen, an dem sie außerdem ihren endgültigen Businessplan präsentieren wollte, hatte Miller ihn liebreizend angelächelt und sich gerne dazu bereit erklärt.

Was bedeutete, dass sie bis morgen Nachmittag einen Mann brauchte. Vielleicht war es doch ein bisschen voreilig gewesen, Mr Trunkenbold in die Wüste zu schicken?

Ruby stützte ihr Kinn in die Hand. „Es muss doch noch einen anderen geben.“

„Warum habe ich nicht einfach gesagt, dass er krank ist?“

„Dein Boss ist sowieso schon misstrauisch geworden. Und selbst wenn er dir den kranken Freund abkaufen würde, müsstest du dich trotzdem das ganze Wochenende mit deinem verliebten Auftraggeber herumschlagen.“

Miller verzog das Gesicht. „T. J. ist nicht verliebt, sondern auf der Suche nach einem weiteren Abenteuer.“

„Vielleicht. Aber ich bin sicher, dass Dexter in dich verliebt ist.“

Ruby war überzeugt davon, dass Millers Boss an ihr interessiert war, aber Miller schien das nicht zu merken.

„Dexter ist verheiratet.“

„Er lebt getrennt. Und du weißt, dass er scharf auf dich ist. Auch deshalb hast du ihm erzählt, einen Freund zu haben.“

Miller legte den Kopf in den Nacken und stieß einen gequälten Laut aus.

„Ich hatte eine sehr anstrengende Woche hinter mir und war erschöpft. Vielleicht habe ich bei dieser Sache zu emotional rea­giert.“

„Emotional? Du? Im Leben nicht.“ Ruby schüttelte sich.

Immer wieder zogen sie sich gegenseitig damit auf, dass Ruby ihr Herz auf der Zunge trug, während Miller ihrs eisern verschlossen hielt.

„Ich wollte dein Mitgefühl, keinen Sarkasmus“, murrte Miller.

„Aber Dexter hat sich doch als dein ‚Beschützer‘ angeboten, oder nicht?“, hakte Ruby nach.

Miller seufzte. „Du hast recht. Schließlich kennen wir uns seit der Uni, und er wollte nur nett sein, nach dem, was T. J. eine Woche zuvor in seiner anmaßenden Art von sich gegeben hat.“

Ruby verdrehte die Augen. „Trotzdem, du hast nun mal behauptet, einen Freund zu haben, also müssen wir einen herbeizaubern.“

„Ich entschuldige ihn mit einer Lungenentzündung.“

„T. J. Lyons ist geschäftlich betrachtet ein sehr hohes Tier, das über Leichen geht, während Dexter ein Möchtegern-Alphamännchen ist. Du hast zu hart gearbeitet, um jetzt zuzulassen, dass einer von beiden deine Zukunft zerstört. Wenn du allein hinfährst, T. J. dich anbaggert und seine Frau davon erfährt, wird sie einen Anfall bekommen, und du kannst dich die nächsten zwölf Monate mit den Stellenanzeigen herumschlagen. Ich kenne so etwas. Männer wie T. J. Lyons werden für sexuelle Belästigung nie so zur Verantwortung gezogen, wie sie es verdient hätten.“

Ruby atmete durch, und Miller war froh über die kurze Verschnaufpause. Als Anwältin war ihre Freundin eine der besten, wenn es um Fälle von Diskriminierung ging. Und sie hatte ja recht.

Seit sechs Jahren gab Miller alles für die Oracle Consulting Group, die ihr gleichsam zu einem zweiten Zuhause geworden war. Vielleicht war es sogar ihr Zuhause, wenn man bedachte, wie viel Zeit sie dort verbrachte. Und falls sie den Zuschlag für T. J.s millionenschweren Auftrag bekämen, würde sie sicher bald Teilhaberin werden – und sich damit einen lang gehegten Traum erfüllen, zu dem ihre Mutter sie immer wieder ermutigt hatte.

„T. J. hat mich ja noch gar nicht richtig belästigt, Rubes“, rief sie der Freundin in Erinnerung.

„Bei deinem letzten Meeting hat er gesagt, dass er sofort mit Oracle zusammenarbeiten würde, wenn du ein bisschen ‚nett‘ zu ihm bist.“

Miller stieß die Luft aus. „Du hast ja recht. Ich habe einen Plan.“

Erstaunt hob Ruby die Brauen. „Lass hören.“

„Ich engagiere eine Begleitung. Schau dir das mal an.“ Die Idee war ihr gekommen, als Ruby sich in Rage geredet hatte. Sie drehte ihr Smartphone um, sodass Ruby den Bildschirm sehen konnte. „Madame Chloe. Sie hat diskrete, professionelle und vor allem verständnisvolle Herren im Angebot, die den Bedürfnissen der modernen heterosexuellen Frau entgegenkommen.“

„Zeig mal.“ Ruby nahm ihr das Smartphone aus der Hand. „Ach du meine Güte. Dieser Typ hier will sicher mit dir schlafen.“

Miller lugte über Rubys Schulter. Auf dem Bildschirm war ein unglaublich gebräunter Mann zu sehen.

„Und sie kümmern sich um deine Fantasien“, fuhr Ruby fort.

„Ich will nicht, dass er mit mir schläft“, rief Miller ein wenig verärgert. Das Letzte, was sie brauchte, war Sex oder dass ihre Hormone so kurz vor dem Ziel verrücktspielten. Ihre Mutter hatte diesen Fehler gemacht, mit dem Endergebnis, dass sie unglücklich war.

„Du kannst einen Polizisten haben, einen Piloten, einen Buchhalter – brrh. Oh, und diesen hier.“ Ruby kicherte und senkte die Stimme. „Ein raubeiniger, aber sauberer Handwerker. Oder warte mal – einen Sportfanatiker.“

Miller schauderte. Welche intelligente Frau würde sich denn für einen Sportfanatiker interessieren?

„Ruby!“ Lachend nahm Miller ihrer Freundin das Smartphone aus der Hand. „Jetzt mal im Ernst. Wir sprechen hier über meine Zukunft. Ich brauche einen anständigen Kerl, der höflich ist und tut, was ich sage. Und der zu den anderen passt.“

„Hm …“ Grinsend sah Ruby auf das Display. „Der da sieht aus, als würde er bestens in eine Schwulenbar passen.“

Finster runzelte Miller die Stirn und klickte ein paar weitere Fotos an. „Sie sehen alle gleich aus“, meinte sie ein wenig verzweifelt.

„Braun gebrannt und potent“, stimmte Ruby zu. „Möchte wissen, wo sie diese Typen aufgabeln.“

Miller schüttelte über Ruby den Kopf, die sich köstlich amüsierte. Dann sah sie das Honorar, das bei einem der Männer ausgewiesen war. „Großer Gott, ich hoffe, das gilt für einen ganzen Monat.“

„Vergiss den Begleitservice“, erklärte Ruby rigoros. „Die meisten dieser Typen bekommen wahrscheinlich nicht mehr heraus als ‚Ach, ja?‘ oder ‚Wie hart willst du es denn?‘. Nicht gerade überzeugend für den Freund einer aufstrebenden Teilhaberin einer der größten Consultingfirmen in Australien.“

„Mit so einem wäre ich geliefert.“

Rubys Blick schweifte über die wenigen Gäste, die sich nach der Arbeit hier eingefunden hatten, während Miller kurz an den Businessplan dachte, den sie heute Abend noch durchgehen musste.

„Vogelgrippe?“, schlug sie vor, während sie ihr Hirn wieder nach einer Lösung durchforstete.

„Keiner wird dir abnehmen, dass er die Vogelgrippe hat.“

„Ich meinte auch mich.“ Sie seufzte.

„Moment mal. Was ist mit dem da?“

„Wer?“ Miller warf einen Blick auf ihr Smartphone, sah jedoch nur ein schwarzes Display.

„Der süße Typ an der Bar. Drei Uhr.“

Miller verdrehte die Augen. „Nach fünf Jahren Universität und sechs Jahren Beruf benutzen wir immer noch die geheime Militärsprache, wenn wir auf Männerfang sind.“

Ruby lachte. „Wir sind auch seit Jahrzehnten nicht mehr auf Männerfang gewesen.“

„Und das wird hoffentlich die nächsten Jahrzehnte auch so bleiben“, entgegnete Miller und sah unauffällig in die Richtung, in die Ruby gedeutet hatte.

Sie entdeckte einen großen Mann, der an der geschwungenen Holztheke lehnte. Einen Fuß hatte er auf die polierte Messingstange gestellt. Ihr Blick wanderte über lange schlanke Beine in einer ausgebleichten Jeans, schmale Hüften zu einer breiten Brust in einem abgetragenen T-Shirt, auf dem ein provokanter Slogan in roten Buchstaben prangte. Missbilligend verzog sie die Lippen, als sie las, dann schaute sie zu den breiten Schultern hinauf, zu den Wangen, die sicher vor drei Tagen schon eine Rasur gebraucht hätten, sah eine gerade geschnittene Nase, lange dunkelbraune Haare und – oh Gott – tiefliegende helle Augen, die direkt auf sie gerichtet waren.

Sein Blick hatte etwas Träges, und Millers Herz setzte einen Schlag aus. Ihr stockte der Atem, und ihr Gesicht fühlte sich heiß an. Dass sie derart auf ihn reagierte, machte sie nervös, und sie senkte schnell den Blick, wie ein kleines Kind, das dabei erwischt worden war, wie es sich einen Keks stibitzte. Sie war völlig durcheinander, dabei hatte sie den Mann gerade einmal fünf Sekunden angesehen. Vielleicht auch zehn.

Obwohl sie spürte, dass er sie immer noch beobachtete, meinte sie zu Ruby: „Er hat Löcher in der Jeans, und auf seinem T-Shirt steht: ‚Mein Tempo oder deins?‘. Wie viele Gläser von diesem miesen Wein hast du eigentlich getrunken?“

Ruby warf kurz einen Blick zur Bar. „Ich meine nicht ihn, obwohl er dieses T-Shirt wie ein Gott ausfüllt. Ich spreche über den Anzug, mit dem er sich unterhält.“

Miller wandte sich dem Anzug zu, den sie bisher gar nicht bemerkt hatte. Ähnliche Haarfarbe, kantiges, sauber rasiertes Kinn, hübsche Nase, toller Anzug. Ja, er war mehr nach ihrem Geschmack.

„Oh, ich glaube, ich kenne ihn!“, rief Ruby.

„Du kennst Mr Löcherjeans?“

„Nein.“ Ruby schüttelte den Kopf, während sie ein offenes Lächeln in besagte Richtung schickte. Miller wagte jedoch nicht, sich umzudrehen. „Den heißen Typen im Anzug neben ihm. Sam Sowieso. Ich bin ziemlich sicher, dass er Anwalt in unserem Büro in L. A. ist. Und er ist genau derjenige, den du brauchst.“

Verstohlen sah Miller zur Theke und merkte, dass Groß, Dunkel und Verwegen sie nicht länger beobachtete. Trotzdem empfand sie instinktiv das Bedürfnis, davonzulaufen. Und zwar schnell.

„Nein.“ Sie verwarf die Idee auf der Stelle. „Ich gable grundsätzlich keine Fremden in einer Bar auf, selbst wenn du glaubst, ihn zu kennen. Lass mich nur schnell in den Waschraum gehen, dann können wir uns ein Taxi nach Hause teilen. Und hör auf, diese Typen zu fixieren. Sonst glauben sie noch, wir wollten was von ihnen.“

„Das tun wir auch.“

Finster funkelte Miller sie an. „Glaub mir, so wie der Unrasierte aussieht, genügt ein Blick von ihm, um dich in Sekunden in die Horizontale zu befördern.“

Ruby sah sie lächelnd an. „Genau deshalb ist er ja zum Anbeißen.“

„Nicht für mich.“ Miller ging zum Waschraum und fühlte sich ein bisschen besser, da sie entschieden hatte, den Abend zu beenden. Ihr Problem hing immer noch wie eine dunkle Wolke über ihr, aber sie war zu müde, um heute Abend noch weiter darüber nachzudenken.

„Könntest du bitte aufhören, diese Frauen anzustarren? Wir sind nicht hier, um jemanden aufzureißen“, murrte Tino Ventura seinen Bruder an.

„Aber vielleicht könnten wir damit dein Problem lösen, was du an diesem Wochenende mit dir anfängst.“

Tino schnaubte. „Sollte je der Tag kommen, an dem ich meinen Bruder brauche, um mir Unterhaltung zu verschaffen, bin ich reif für den Friedhof.“

Sam lachte nicht, und Tino schalt sich im Stillen für seine Wortwahl.

„Und, wie geht es mit deinem Wagen voran?“, fragte Sam.

Tino stöhnte. „Am Chassis muss noch gearbeitet werden, und es hakt noch an der Aussteuerung.“

„Wird er denn rechtzeitig fertig?“

Die Sorge, die in der Stimme seines Bruders mitschwang, gab Tino den Rest. Er hatte es so satt, dass jeder wegen seines nächsten Rennens so beunruhigt war, als sei es sein letztes. Sicher, es hatte ein paar hässliche Vorfälle gegeben, aber das waren doch keine Vorzeichen, um Himmels willen.

„Er wird fertig sein.“

„Und dein Knie?“

Tino hatte den ganzen Tag an seinem neuen Wagen gearbeitet und wollte jetzt nicht daran erinnert werden, dass ihn nach einigen grandiosen Rennen inzwischen das Glück verließ. Er musste nur das nächste Rennen gewinnen, um die Pessimisten, die ihm freundlich erklärten, nie so gut zu werden wie sein Vater damals, zum Schweigen zu bringen.

Obwohl deren Meinung ihm egal war.

Trotzdem würde er ihnen gerne ein für alle Mal beweisen, dass sie falschlagen. Deshalb musste er mit den Titeln seines Vaters gleichziehen, der vor siebzehn Jahren bei einem Rennen tödlich verunglückt war.

„Ich wäre jedenfalls nervös“, beteuerte Sam.

Vielleicht würde es Tino genauso ergehen, würde er sich über seinen Gemütszustand Gedanken machen. Aber Emotionen konnten in seinem Job tödlich sein. Deshalb ließ er sie schon seit Langem nicht mehr zu. „Weil du Anwalt bist, durch und durch, in einem Viertausenddollaranzug.“

„Fünf.“

Tino hob seine Bierflasche an die Lippen. „Du solltest dir das Geld zurückgeben lassen, Junior.“

Sam schnaubte. „Du musst gerade reden. Ich glaube, dieses T-Shirt hast du schon in der Highschool getragen.“

„Hey, mach mein Glücksshirt nicht runter“, entgegnete Tino, froh, sich mit seinem kleinen Bruder kabbeln und ihn vom vorherigen Thema ablenken zu können.

Er wusste, dass Sam wegen all der Probleme, die Tino hatte, besorgt war. Weil sie ihn in beunruhigender Weise an die letzte Fahrt ihres Vaters erinnerten, die ihn das Leben gekostet hatte. Das ging jedem in der Familie so. Genau deshalb machte Tino einen großen Bogen um Melbourne, bis dort ab Montag die letzten Vorbereitungen für das Rennen beginnen würden.

„Entschuldigung, kennen wir uns?“

Tino warf einen Blick zu der Blondine, die sie die letzten zehn Minuten unentwegt angestarrt hatte. Er war angenehm überrascht, dass sie sich an seinen kleinen Bruder wandte und nicht an ihn.

Er drehte sich um, auf der Suche nach der süßen Freundin, aber die schien verschwunden.

„Nicht, dass ich wüsste“, gab Sam zurück, sichtlich begeistert von der Blondine. „Ich bin Sam Ventura, und das ist mein Bruder Valentino.“

Verblüfft starrte Tino seinen Bruder an. Niemand nannte ihn Valentino, außer ihrer Mutter.

Schalte dein Hirn ein, Samuel.

„Doch, ich kenne Sie“, erklärte sie überzeugt. „Sie sind bei Clayton Smythe – Unternehmensrecht, Büro L. A., hab ich recht?“

„Treffer.“ Sam lächelte.

„Ruby Clarkson. Antidiskriminierungsrecht, Büro Sydney.“ Sie streckte die Hand aus. „Und sagen Sie jetzt bitte, dass Sie dieses Wochenende hier in der Stadt und frei wie ein Vogel sind.“

Tino konnte nur hoffen, dass Sam die Sache nicht vermasselte. Die Blondine hatte ein umwerfendes Lächeln und eine tolle Figur, war jedoch für seinen Geschmack ein bisschen zu dreist. Doch sein Bruder befand sich schon auf halbem Weg in ihr Schlafzimmer.

Als Tino sich erneut umdrehte, entdeckte er die Freundin in dem schwarzen Kostüm mit der auffallend roten Borte am Saum. Sie sah zu dem leeren Tisch und konnte ihr Erstaunen nicht verbergen, als sie ihre Freundin dann entdeckte.

Schließlich wanderte ihr Blick zu ihm, und ihre Miene nahm einen frostigen Ausdruck an. Tino sah, wie sie die Schultern straffte und zur Tür schaute, als überlege sie zu verschwinden. Erneut musterte er sie von Kopf bis Fuß. Hätte sie sich zu einem Lächeln durchgerungen und er nicht gerade eine kurze Affäre hinter sich, bei der die Dame wieder einmal mehr gewollt hatte als er selbst, wäre sie genau sein Typ. Kultiviert, souverän und gut gebaut. Und es gefiel ihm, wie sie sich bewegte. Anmutig. Entschlossen.

Als sie näher kam, fiel ihm ihr glattes, haselnussbraunes Haar auf. Zudem hatte sie eine so samtweiche Haut, wie er sie noch nie gesehen hatte. Ihr herzförmiger Mund war wie geschaffen für sinnliche Stunden, und ihre großen Augen strahlten in einem überwältigenden Blau.

„Ich bin wieder da, Ruby. Lass uns gehen.“

„Immer mit der Ruhe. Soll ich Ihnen einen Drink bestellen?“, hörte er sich sagen.

„Ich bin total ruhig.“ Der Blick, den sie ihm zuwarf, war eisig. „Und wenn ich einen Drink will, bestelle ich ihn mir selbst.“

„Miller!“ Ihre Freundin versuchte, die Situation zu entschärfen. „Das sind Sam und sein Bruder Valentino. Und die gute Nachricht: Sam hat dieses Wochenende nichts vor.“

Die Frau namens Miller rührte sich nicht, nur um ihren Mund zuckte es, als wolle sie ihre Freundin zurechtweisen. Doch sie riss sich zusammen.

„Hallo, Sam. Valentino.“

Er nickte nur knapp.

„Freut mich sehr. Aber leider müssen Ruby und ich jetzt gehen.“

„Miller“, säuselte ihre Freundin. „Das ist die perfekte Lösung für dich.“

Der letzte Satz kam leise heraus, sodass Tino seinen Bruder mit fragend erhobener Braue ansah.

„Anscheinend braucht Miller einen Freund für das Wochenende“, vermutete Sam.

Tino lehnte sich auf seinem Barhocker zurück. Und da heuern sie Sam an?

„Nicht nötig“, meinte der kleine Sonnenschein und fauchte höflich. „Tut mir leid, dass wir gestört haben. Wir müssen jetzt gehen.“

„Ist schon in Ordnung.“ Beschwichtigend hob Sam die Hand, eine Geste, die Tino ihn schon im Gerichtssaal hatte anwenden sehen. „Ich bin mehr als erfreut, meine Dienste anbieten zu können.“

Seine Dienste? Meint er die sexueller Natur?

Tino stellten sich die Nackenhaare auf. „Würde irgendjemand mich mal aufklären?“ Er klang barsch, aber einer musste seinen kleinen Bruder ja vor diesen verrückten Frauen beschützen.

„Miller muss zu einem Arbeitswochenende, und sie braucht einen Freund, um einen lästigen Auftraggeber in Schach zu halten“, erklärte ihre Freundin Ruby.

Tino musterte Miller, die steif dastand. „Haben Sie mal versucht, ihm zu erklären, dass Sie nicht interessiert sind?“, meinte er betont freundlich.

„Warum bin ich nicht selbst darauf gekommen?“, erwiderte sie patzig.

„Weil das Offensichtliche manchmal am schwersten zu erkennen ist“, erklärte er und musste seine vorherige Bewertung über sie revidieren.

Sie mochte wohlgeformt sein und das Gesicht eines Engels haben. Aber sie war auch giftig, verklemmt und bestimmend. Also absolut nicht sein Typ.

„Wolltest du dieses Wochenende nicht einen Klienten auf Dantes Jacht mitnehmen?“, fragte er, um Sam an den Ausflug zu erinnern, zu dem ihr älterer Bruder diesen eingeladen hatte.

Sam stöhnte, als hätte man ihn gerade zu einem Zahnarztbesuch verdonnert. „Verdammt, hab ich ganz vergessen.“

„Ach, wirklich?“ Ruby klang genauso enttäuscht wie er.

„Dann sollten wir jetzt gehen“, warf Miller knapp ein.

Tino fragte sich, ob sie wirklich so begriffsstutzig war oder schlicht nicht sehen wollte, was zwischen ihrer Freundin und seinem Bruder vor sich ging.

„Du machst es.“

Tino erstarrte.

„Du hast doch gesagt, dass du dieses Wochenende mal etwas ganz anderes tun willst. Das ist doch die perfekte Lösung für alle.“

Tino sah seinen Bruder an, als hätte der nicht alle Tassen im Schrank. Sein Manager und der Teamchef hatten ihm zu einem freien Wochenende geraten, um sich von dem kommenden Rennen abzulenken. Doch als Alibibegleiter dieser zugeknöpften Frau zu fungieren, das hatten sie damit sicher nicht gemeint.

„Das glaube ich nicht“, sagte Miss Sonnenschein finster, als sei allein die Idee schon haarsträubend.

Was auch stimmte.

Doch dass sie ihn nicht in Betracht zog, wurmte ihn. „Habe ich Sie irgendwie verärgert?“ Er musterte sie und wollte beinahe ihr Kinn umfassen, damit sie seinem Blick nicht länger ausweichen konnte.

„Überhaupt nicht.“ Ihr knapper Ton sagte jedoch etwas anderes, genauso wie ihr abschätziger Blick auf sein T-Shirt.

„Aha.“ Er stieß die Luft aus. „Also bin ich einfach nicht gut genug für Sie, Sonnenschein?“

Als in ihren Augen Verärgerung aufblitzte, wusste er, dass er den Nagel auf den Kopf getroffen hatte. Er wollte lachen. Nicht nur deshalb, weil dieses junge Ding ihn nicht erkannt hatte, was in Australien nicht so verwunderlich war, da Autorennen vor allem in Europa angesagt waren. Nein, was ihn so amüsierte, war die Tatsache, dass sie ihn einfach abtat, weil er ein wenig abgerissen aussah. So etwas war ihm noch nie passiert, und ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Das erste aufrichtige Lächeln seit Monaten.

„Darum geht es nicht. Es ist nur so, dass ich nicht derart verzweifelt bin.“

Kurz schloss sie die Augen, als sie ihren Fauxpas bemerkte, während Tinos Lächeln breiter wurde. Er war sich durchaus bewusst, dass sie anders reagieren würde, hätte sie ihn erkannt. Mit Schmollmund und ihrer Telefonnummer, die sie ihm verstohlen zustecken würde. Stattdessen sah sie ihn an, als hätte er eine ansteckende Krankheit.

„Doch, das bist du“, stellte ihre Freundin richtig.

Lässig nippte Tino an seinem Bier, während Millers Blick sich verfinsterte.

„Ruby, bitte.“

„Ich kann für meinen Bruder bürgen“, warf Sam ein. „Er sieht zwar aus, als ob er gerade einer Mülltonne entstiegen ist, aber wenn er sich ein bisschen herrichtet, ist er okay.“

Jetzt war es an Tino, finster die Stirn zu runzeln. Gerade wollte er ihr eine Abfuhr erteilen, als er ihren unsteten Blick auffing und merkte, dass sie genau darauf hoffte. Und das ließ ihn verstummen – aus einem ihm unbekannten Grund. Obwohl er natürlich nicht ihren Freund spielen würde. Warum eine Beziehung vortäuschen, wenn er an einer Verbindung überhaupt kein Interesse hatte? Trotzdem brachte sie ihn mit ihrer steifen Haltung aus dem Konzept.

Ehe er antworten konnte, fuhr Sam fort: „Jetzt komm schon, Valentino. Stell dir vor, Dee stünde vor dem gleichen Problem. Da würdest du doch auch wollen, dass irgendein anständiger Kerl ihr hilft, oder nicht?“

Tinos Miene verfinsterte sich noch mehr. Es war hinterhältig von Sam, dass er ihn an ihre kleine Schwester erinnerte, die ganz allein in New York lebte.

„Ist schon in Ordnung“, sagte die Feuerschluckerin. „Das war keine gute Idee. Wir machen uns aus dem Staub, und Sie können vergessen, dass dieses Gespräch je stattgefunden hat.“ Ihre Stimme klang gebieterisch.

Tino trank von seinem Bier und merkte, dass sie auf seinen Hals starrte, als er schluckte. Ihre Augen wirkten jetzt indigoblau. Was er interessant fand, bis er merkte, dass sein Körper auf sie reagierte.

„Sie meinen also nicht, dass wir ein hübsches Paar abgeben würden?“ Er sah, wie ihre Augen aufblitzten, und fügte mit dunklerer Stimme hinzu: „Ich schon.“

Unbeirrt schaute Miller ihn an. „Ich nicht.“

„Und was wollen Sie machen, wenn ich Ihnen nicht helfe?“, fragte Tino. „Falls Ihr Auftraggeber sich wieder an Sie heranmacht?“

Er ignorierte den verwunderten Blick seines Bruders. Stattdessen sah er Miller an, die bei seinen unverblümten Worten gequält das Gesicht verzog.

Er versuchte zu ergründen, warum er so unerwartet auf sie reagierte, entschied dann aber, seine Zeit nicht damit zu vergeuden.

Warum sollte er sich auch den Kopf zerbrechen, wenn er sie doch gleich abservieren würde?

Tino warf ihr sein typisches Lächeln zu. Er wusste, wie entsetzt sie reagieren würde. „Okay, ich mache es.“

Tief sog Miller die Luft ein und musterte den Mann vor sich von Kopf bis Fuß. Er war rüpelhaft, ungehobelt und schmutzig – aber er hatte den schönsten Körper, den sie je gesehen hatte. Auch seine graublauen Augen, umrahmt von dichten, schwarzen Wimpern, waren einzigartig, genauso wie seine sinnlichen Lippen, die ständig ein wissendes Lächeln zu zeigen schienen. Ein erotisch wissendes Lächeln.

Aber offenbar war er verrückt.

Auch wenn sie jemanden brauchte, der sich als ihr Freund ausgab, würde sie lieber einen Begleitservice bezahlen, der ihr gesamtes Jahresgehalt verschlingen würde, als seine Hilfe zu akzeptieren. Sein Bruder, das ja, aber bei diesem Mann konnte sie unmöglich so tun, als sei sie an ihm interessiert.

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