Logo weiterlesen.de
Flieh nicht vor der Liebe, Gracie!

Laura Marie Altom

Flieh nicht vor der Liebe, Gracie!

1. KAPITEL

Krach!

Die Tür des Lagerraums knallte zu, und es wurde stockdunkel um U.S. Marshal Beau Sanders.

„Mrs. Sherwood?“, rief er. Adrenalin schoss ihm durch die Adern. Wachsam spannte er sich an, als das schwache Deckenlicht anging. „Alles in Ordnung?“

Keine Antwort.

Die Weingläser, die er für die zierliche Südstaatenschönheit herumgeschleppt hatte, weil sie im achten Monat schwanger war, waren ihm im Augenblick völlig egal. Mit einem Klirren stellte Beau die Gläser zu seinen Füßen ab, dann rannte er zum Ausgang.

„Mrs. Sherwood, sagen Sie doch was!“ Die Hand an der Klinke, die Schulter gegen das Holz gestemmt, warf sich Beau mit seinem ganzen Gewicht gegen die Tür. Aber da tat sich nichts. Irgendjemand musste den Ausgang verbarrikadiert haben. „Mrs. Sherwood? Gracie?“

Immer noch nichts.

Und natürlich hatte er sein Walkie-Talkie im Gastraum des Restaurants liegen lassen. So glatt, wie die Operation bisher gelaufen war, hatte er nicht gedacht, dass er ein Headset brauchen würde.

Was jetzt?

Hatte der Exmann der Meisterköchin, seines Zeichens flüchtiger Verbrecher, sie erwischt? Oder ein paar bezahlte Killer? War sie ohnmächtig geworden? Noch vor einer Minute hatte sie kerngesund auf ihn gewirkt.

„Okay, denk nach, Mann. Nachdenken.“ Die Hände in die Hüften gestemmt, schaffte er es exakt zwei Sekunden, einen kühlen Kopf zu bewahren, ehe er erneut versuchte, die Tür einzuschlagen. Das brachte ihm jedoch nur geprellte Knöchel ein. Also ging er zu Plan B über, der im Wesentlichen darin bestand, aus Leibeskräften zu schreien.

„He, Mason! Mulgrave! Wolcheck! Hört mich jemand?“

Keine Antwort. Also Plan C.

Auf einem Regal mit schmutzigen Werkzeugen stach ihm ein Spachtel ins Auge. Den benutzte er, um einen Keil zwischen die Angeln der Tür zu treiben. Die obere löste sich ohne Schwierigkeiten. Die zweite war verrostet. Aber mit zusammengebissenen Zähnen gelang es ihm, sie ebenfalls zu lösen. Beau schaffte es, die schwere Tür lange genug zu halten, um sie aus den Angeln zu heben und gegen das nächstgelegene Regal zu lehnen.

Er zog seine Pistole aus dem Holster und entsicherte die Waffe, auf alles gefasst. Wie vermutet hatte jemand von außen die Tür mit einer Eisenstange blockiert.

Er duckte sich darunter hindurch.

In der jetzt dunklen Eingangshalle wusste er nicht, was er erwarten sollte. Eine schnelle Durchsuchung förderte nicht ein einziges langes blondes Haar zu Tage, das ihm als Anhaltspunkt hätte dienen können.

Gracie Sherwood war praktisch wie vom Erdboden verschluckt.

Das machte Beau nicht nur wütend, weil er seinen Job, Zeugen zu beschützen, sehr ernst nahm, sondern weil er Mrs. Sherwood auf Anhieb gemocht hatte. Sie war süß, tapfer und wehrlos.

Mit hängendem Kopf machte Beau sich auf den langen Weg nach draußen, wo der Rest seines Teams auf ihn wartete. Per Walkie-Talkie alarmierte er die beiden Männer, die um das Gebäude herum patrouillierten.

„Ich nehme nicht an, dass einer von euch Mrs. Sherwood gesehen hat?“, fragte er, als alle versammelt waren.

Villetti lachte leise. „Du machst Witze, oder?“

Mit zusammengebissenen Zähnen seufzte Beau. „Sehe ich vielleicht so aus? Mason, Wolcheck, tut mir einen Gefallen und seht mal in der Garage am Ende der Straße nach, ob ihr Auto noch da ist.“

Fünf Minuten später waren die beiden wieder da.

Das Auto von Gracie Sherwood nicht.

Was konnte das bedeuten? Hatte jemand sie im eigenen Wagen entführt?

Beaus Magen verkrampfte sich.

Klar, möglich war es. Wahrscheinlicher war jedoch, dass sie ihn irgendwie aufs Kreuz gelegt hatte. Gracie hatte ihren Südstaatencharme und ihre Lockenmähne eingesetzt, um ihn in den Lagerraum zu locken. Dann hatte sie ihn eingesperrt und war abgehauen. Aber warum? Wollte sie sich mit ihrem Exmann zusammentun? Oder war sie vor ihm auf der Flucht und dachte, sie wäre alleine sicherer?

„Also, was ist passiert?“, fragte sein jüngerer Bruder Adam. „Hast du was von einem Kampf gehört?“

„Keinen Laut.“

„Was hast du jetzt vor?“, fragte Brenda, Adams bester Kumpel und die einzige Frau im Team. „Das ist ein ziemlich wichtiger Fall für den Boss. Wenn der rausfindet, dass du sie äh … verloren hast, also …“ Sie beendete den Satz mit einem vielsagenden Pfiff.

Ganz egal, was es kostete, ganz egal, wo ihn die Verfolgungsjagd hinführen würde, Beau musste Gracie Sherwood wiederfinden – und zwar sofort.

Fünfzehn Minuten nach ihrer spektakulären Flucht hielt Gracie Sherwood mit ihrem riesigen Oldtimer, einem rosa Cadillac Cabriolet, an einer Tankstelle. Den Namen ihres Mannes, Delgado, hatte sie schon vor langer Zeit zu Gunsten ihres Mädchennamens aufgegeben.

In der Tankstelle suchte sie kurz die Toilette auf, bezahlte das Benzin, ein Päckchen Mini-Donuts mit Puderzucker, eine Banane und eine Flasche Orangensaft. Dann setzte sie sich wieder ans Steuer.

Sie versuchte, einen ordentlichen Radiosender zu finden. Aber so weit weg von Portland bekam sie nur statisches Rauschen rein. Vor einer Woche hatte irgendein Idiot ihr die Antenne abgebrochen. Das hatte einem besonders miesen Jahr den Rest gegeben.

Zu entdecken, dass der welt- und wortgewandte Vicente Delgado, in den sie sich Hals über Kopf verliebt hatte, in unvorstellbar schmutzige Geschäfte verwickelt war, also, das war schon schlimm genug gewesen. Aber was danach passiert war, hatte sie beinahe zugrunde gerichtet.

Während der schwül-heiße Sommerwind ihr das Haar zerzauste, konzentrierte Gracie sich auf die gewundene Bergstraße. Sie ignorierte den Kloß, den sie im Hals hatte, und packte das Steuerrad mit einem festeren Griff.

Solange Vicente hinter Gittern war, hatte sie geglaubt, in Sicherheit zu sein – wenigstens bis sie ihm in einem Monat als Zeugin vor Gericht gegenüberstehen musste. Ihr Glück, dass ausgerechnet sie sein Geschäftstagebuch gefunden hatte, in dem er peinlich genau jedes illegale Unternehmen, in das er verwickelt war, aufgeführt hatte. So wie Gracie Vicente kannte, war er nie auf den Gedanken gekommen, dass jemand die Unterlagen finden könnte – geschweige denn, sie gegen ihn verwenden könnte.

Obwohl Gracie in einer Woche den achten Monat ihrer Schwangerschaft erreichen würde, war sie jetzt auf dem Weg zum Kochwettbewerb „Culinary Arts Invitational“, kurz CAI, der in knapp zwei Wochen in San Francisco stattfand. Wenn sie den Wettbewerb gewonnen hatte, wollte Gracie zum Haus ihrer Eltern nach Deerwood in Georgia weiterfahren.

Als Köchin hatte sie ihr ganzes Leben lang für diese Chance gearbeitet. Ehe sie die Wahrheit über Vicente herausgefunden hatte, wären die hunderttausend Dollar Preisgeld nur das Sahnehäubchen für ein Leben gewesen, das sie irrtümlicherweise bereits für perfekt gehalten hatte. Jetzt, wo ihr Restaurant pleite war, weil die Nachrichten über Vicentes schmutzige Geschäfte an die Öffentlichkeit gelangt waren, bedeutete der Hauptpreis eine zweite Chance für Gracie und ihr Baby.

Als sie von Vicentes Gefängnisausbruch erfahren hatte und es nach Angaben der Polizei von Portland hieß, dass er sie erledigen wollte, hatte sie das zuerst nicht geglaubt.

Andererseits, warum nicht?, dachte sie und lachte bitter. Der Mann hatte ihr ja bereits Unfassbares angetan. Warum sollte er sie jetzt nicht auch noch ganz beseitigen?

Nachdem sie dann bei einem Nachmittagsspaziergang nur knapp einer Entführung entkommen konnte, war sie wieder zur Polizei gegangen. Und die hatte Gracie an das Zeugenschutzprogramm der U.S. Marshals weitergereicht.

Gracie hatte versucht, der Polizei die Sache mit dem Wettbewerb in San Francisco zu erklären: Sie musste da einfach hin, denn das war für sie die einzige Chance, genug Geld zu bekommen, um wieder ein Restaurant zu eröffnen und sich ein neues Leben aufzubauen. Aber man hatte einfach Nein gesagt. Gracie war als Zeugin zu wertvoll, um sie einfach so gehen zu lassen.

Als Zeugin.

Mehr bedeutete sie nicht für diese Leute.

Wie viel Gracie gelitten hatte, war ihnen nicht klar. Wie schlimm das alles immer noch für sie war. Und erst für ihre unschuldige kleine Tochter.

Zum Glück waren die Polizisten, die Gracie beschützen sollten, sogar noch größere Machos als die Schlägertypen ihres Ehemanns. Daher war es noch einfacher, ihnen zu entkommen.

Den netten Polizisten in der Vorratskammer einzuschließen, tat ihr leid. Aber ehrlich, was hätte sie sonst tun sollen? Von jetzt an waren der freundliche Marshal und der Rest seiner Leute ihre Feinde in der wichtigsten Schlacht, die sie jemals schlagen würde.

Im Kampf um ihr Leben. Um Normalität.

Vermutlich würde allein schon die Entdeckung, dass ihr Ehemann ein Verbrecher war, die meisten Frauen umbringen. Doch was danach geschehen war …

Nein. Das gehörte jetzt der Vergangenheit an. Darüber würde sie niemals wieder sprechen. Daran würde sie nie wieder denken.

Schon seit sie als dreijähriges Mädchen mit ihren Puppen gespielt hatte, wollte Gracie Mutter werden. Und seit sie ihren Abschluss am „Western Culinary Institute“ – einer berühmten Kochschule – gemacht hatte, träumte sie davon, beim CAI-Wettbewerb mitzumachen. Damit standen jetzt zwei ihrer Herzenswünsche auf dem Spiel. Und niemand – ganz besonders nicht so ein ahnungsloser Polizist – würde ihr dabei in die Quere kommen, diese Wünsche Wirklichkeit werden zu lassen.

„Haben Sie die gesehen?“, fragte Beau den Angestellten im dritten Tankstellenshop am Highway 26, an dem er angehalten hatte. Der Highway war die einzige Straße von Fort McKenzie nach Osten oder Westen. Weitere Polizisten kümmerten sich um die weniger stark befahrenen Straßen.

Er selbst hatte sich den Highway ausgesucht. Denn falls sich Mrs. Sherwood ins niedliche Köpfchen gesetzt hatte, ohne ihre Beschützer eine gemütliche Fahrt heimwärts nach Georgia zu unternehmen, dann wollte er ihr eine tüchtige Standpauke halten. Die Frau riskierte nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch das ihres Babys.

Leute, die Vicente Delgado in die Quere kamen, bezahlten dafür mit dem Leben.

So einfach war das.

Instinktiv hatte er den Eindruck, dass Gracie zu klug war, um zu ihrem Mann zurückzugehen. Nach einem Blick in ihre Akte blieben dann nur noch ein paar Möglichkeiten. Da war diese Kochgeschichte, bei der sie mitmachen wollte, wie sie der Polizei in Portland erklärt hatte. Und in Georgia hatte sie Familie.

Hinter dem Tresen vom Tankstellenshop stand ein grauhaariger Mann mit Bauchansatz. Er ließ sich das Foto geben und starrte es gut fünfzehn Sekunden lang an. Dann tippte er mit dem Finger darauf. „Ungefähr vor einer Stunde hat sie hier getankt. Dann hat sie Orangensaft und diese kleinen Donuts mit Puderzucker gekauft. Da kann ich mich dran erinnern, weil ich gedacht habe, bei der Kombination würde ich mit Sodbrennen in der Notaufnahme landen.“

„Hervorragend“, sagte Beau und schnappte sich das Bild wieder. „Haben Sie gesehen, in welche Richtung sie weitergefahren ist?“

„Die ist mit ihrem rosa Panzer nach Westen abgedampft.“

Nach Westen? Beau rieb sich die schmerzende Stirn. Und seufzte.

„Jetzt hören Sie mal zu“, sagte Beau sechs Stunden später durch eine verriegelte Tür hindurch. Er stand auf der überdachten Veranda eines kitschigen Motels direkt am Highway und genau südlich vom Bandon State Park in Oregon. Das Motel lag mitten in einem düsteren Nadelwald. Mit einem Holzturm an jedem Ende und einem burggrabenähnlichen Pool, der mehr mit Algen als mit Wasser gefüllt war, wirkte es wie ein Märchen der Gebrüder Grimm, bei dem irgendwas schiefgelaufen war.

Es war erst sieben Uhr abends, aber hier in den Schatten hatte man eher den Eindruck, es wäre Mitternacht.

Gracie hatte ihren rosa Cadillac direkt vor ihrem Zimmer geparkt.

Wahrscheinlich hätte Beau sie nie gefunden, wenn er keinen Tipp von einem örtlichen Polizisten bekommen hätte, dem ihr Auto aufgefallen war.

„Es wird Zeit, dass Sie begreifen, wer hier der Chef ist. Ich mache ja viel mit, aber –“ Was war das für ein merkwürdiges Geräusch?

Weinte sie etwa?

„D-das ist so – warten Sie“, sagte Gracie und öffnete die Türkette mit einem Klirren. „Ich bringe ja kein Wort mehr raus.“ Egal um was für eine Art von weiblichem Geschluchze es sich handelte, es steigerte sich immer mehr – bis Beau sich ganz entsetzlich fühlte. Auf seiner Liste von Dingen, die er tunlichst vermeiden wollte, stand Frauen zum Weinen zu bringen ganz oben. „Ach, du meine Güte. Sie sind zu komisch. Danke. So habe ich schon lange nicht mehr – nein, eigentlich habe ich noch nie so gelacht. Wenigstens nicht in letzter Zeit.“

Komisch? Dieses furchtbare Geheul war Gelächter? Sie lachte ihn aus?

Sobald die Tür auf war, schob er sich an ihr vorbei und stürmte ins Zimmer. Aus irgendeinem Grund freute er sich fast darauf, sich angewidert von der abblätternden, durch Zigarettenrauch vergilbten Tapete und den zersplitterten Fliesen im Badezimmer, wie sie für so ein Loch von Motel zu erwarten waren, abzuwenden.

Stattdessen empfing ihn eine Szene wie aus „So lebt man im Süden“. Sie hatte Seidenschals über die Lampen geworfen, sodass das Zimmer in eine exotische Atmosphäre getaucht war. Den ekeligen Bettüberwurf des Motels hatte sie gegen irgendein Teil aus falschem Pelz eingetauscht.

Und als ob das nicht genug war, roch es auch noch fantastisch. Irgendetwas brodelte auf dem kleinen Herd mit den zwei Platten, das seinen Magen zum Knurren brachte. Zu schade, dass er hier war, um sie nach Portland zurückzubringen, und nicht, um mit ihr zu Abend zu essen.

„Das ganze Zeug schleppen Sie mit sich herum?“, fragte er.

Gracie machte einen Schritt zurück und schloss die Tür. Auf seine Frage verzog sie das Gesicht. „Dieses Zeug, das heißt meine Kochausrüstung und ein paar Kleidungsstücke, ist alles, was ich in meine Ehe mitgebracht habe. Also habe ich diese Sachen auch wieder mitgenommen, als meine Ehe zerbrochen ist.“

„Klar“, sagte er und nickte.

„Klar?“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich habe Ihnen gerade erzählt, dass mein bisheriges Leben in Scherben liegt, und das ist alles, was Sie dazu zu sagen haben?“

Auf dem Fernseher hatte sie würzig riechende Kerzen in einer Reihe aufgestellt. Er ließ den Zeigefinger durch die Flammen gleiten. „Tut mir echt leid für Sie. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass Sie mit mir nach Portland zurückkommen. Und zwar jetzt.“

„Nein.“

„Wie bitte?“

„Ich bin erschöpft. Ich habe den ganzen Tag am Steuer gesessen. Ich muss heute Abend noch ein paar unterschiedliche Soßenvariationen ausprobieren. Wenn Sie absolut darauf bestehen, mich zurückzuschleifen, werde ich mich nicht wehren – aber erst morgen früh.“

„Schön“, sagte er.

Auf einmal, wie er so da stand, nahm ihm der Anblick ihrer Kerzen und der Geruch ihrer reichhaltigen Soße den Atem. Gracies Bauchumfang und ihre leuchtende Haut erinnerten ihn an seine Exfrau, Tanya. Aber das war auch alles. Tanya hatte sich nur um Tanya gesorgt. Das war’s. Aber Gracies Ambitionen, diesen Wettkampf zu gewinnen, galten ihrem Baby – damit er oder sie einmal ein besseres Leben haben würde. Beau bewunderte sie dafür. Und er wollte mehr über sie wissen, als er in den nüchternen Akten über sie gefunden hatte.

Gracie war schon wieder in der Kochecke und goss Nudeln in einem Sieb ab, das sie im Ausguss bereitgestellt hatte. „Warum müssen Sie so stur sein?“, fragte sie und wischte sich die Hände an einer weißen Profischürze ab. „Was Sie brauchen, ist ein ordentliches Essen. Eine gute Flasche Wein. Sie sind ja ganz verspannt.“

„Verspannt?“

„Ja, Sie wissen schon, gestresst. Verkrampft. Setzen Sie sich wenigstens. Oder es wird ein sehr langer Abend für Sie.“

„Ist es doch schon“, sagte er, drehte ihr den Rücken zu und spähte durch die Vorhänge hinaus. Alles war ruhig, abgesehen von seinem hektischen Puls. Wenn sie die Nacht über hierbleiben mussten, würde er sich wesentlich besser fühlen, wenn die Autos außer Sichtweite hinter dem Haus geparkt wären. Aller Wahrscheinlichkeit nach waren Vicentes Schläger meilenweit entfernt, aber er wollte lieber auf Nummer sicher gehen.

„Und? Irgendwas Aufregendes los da draußen?“, fragte Gracie. „Eine Militärparade? Oder ein Parkplatzpicknick?“

„Geben Sie mir Ihre Schlüssel“, sagte er.

„Sehr gerne, wenn Sie so nett wären, mir meine Handtasche zu reichen.“

Als er ihrer Bitte nachkam, ließ sie sich Zeit dabei, in den klappernden Eingeweiden der Tasche herumzukramen. Schließlich brachte sie zwei Schlüsselringe zum Vorschein.

„Bitte sehr.“ Sie hielt ihm die Schlüssel entgegen.

„Nur eins noch“, sagte er. „Es missfällt mir außerordentlich, das zu tun. Aber in Ihrem Fall muss es sein.“

Aus der Gesäßtasche seiner Jeans zog er die Handschellen hervor.

„Oh nein“, sagte sie. „Sie legen mir auf keinen Fall Handschellen an. Ich muss meine Soße umrühren. Und außerdem, ich habe doch nichts getan.“

„Machen Sie Witze? Sie haben ’ne ganze Menge angestellt.“ Ehe sie ihm wieder entkommen konnte, legte er Gracie eine Handschelle ums linke Handgelenk und machte sie an einer Lampe an der Wand neben dem Bett fest. Diese Vorgehensweise behagte ihm ganz und gar nicht. Besonders an so einer wackeligen Halterung. Wenn sie ein Mann wäre – verdammt, wenn sie nicht hochschwanger wäre und so zerbrechlich ausgesehen hätte –, hätte er keinen Augenblick gezögert, sie an den Rohren unter dem offenen Ausguss festzuketten.

„Ich habe wirklich vor, im Prozess gegen meinen Exmann auszusagen“, erklärte sie. „Als ich Ihnen weggelaufen bin, habe ich doch nur darum gekämpft, mein Leben so leben zu dürfen, wie ich möchte. Ist das so schlimm?“

„Das ist es allerdings, wenn Sie dabei Ihr Leben aufs Spiel setzen. Also, jetzt bleiben Sie mal drei Minuten auf dem Bett sitzen, dann mache ich Sie wieder los. Schauen Sie mal“, sagte er und wandte sich dem Herd zu. „Um zu beweisen, was für ein netter Kerl ich bin, mache ich sogar die Platte aus, damit das Zeug, das Sie da kochen, nicht verbrennt.“

„Da habe ich aber Glück gehabt“, sagte sie und schüttelte die angekettete Faust. „Ich kenne noch nicht einmal Ihren Namen, da pfuschen Sie schon in meiner Küche herum und machen Fesselspiele mit mir.“

„Nur damit das klar ist“, sagte er von der Tür aus, „ich habe noch viel mehr auf Lager als das. Und mein Name ist Beauregard Sanders. Meine Freunde nennen mich Beau.“

„Heißt das, wir sind Freunde?“, fragte sie mit einem hoffnungsvollen Lächeln.

„Sie dürfen mich Mister Sanders nennen.“

„Nein“, sagte Gracie mit gedämpfter Stimme, keine fünf Sekunden nachdem dieser biestige Kerl zur Tür hinaus war. „Nicht in diesem Leben.“

Sie stemmte sich vom Bett hoch. Mit der freien Hand schaltete sie die Lampe aus und schraubte den Knauf ab, um den Lampenschirm zu entfernen.

Autsch! Die Glühbirne war heiß. Es dauerte ewig, die Birne aus der Fassung zu drehen. Aber nachdem sie den Schirmhalter abgerissen hatte, musste sie nur noch den Arm ungefähr dreißig Zentimeter hochheben.

Durch den Spion in der Eingangstür beobachtete sie, wie Marshal Beau mit seinem Auto hinters Haus fuhr.

Sobald er außer Sichtweite war, lief sie los.

Sie rannte zur Tür hinaus und zu ihrem Auto. Dort schnappte sie sich den Ersatzschlüssel aus der magnetischen Schatulle im Radschacht.

Jetzt kam das Schwierigste. Klar, sie könnte sich gleich wieder auf den Weg machen. Aber dann würde er sie schneller wieder einholen, als sie gucken konnte.

Nein, diesmal musste sie einfallsreicher sein. Also fuhr sie nicht nach Süden auf den Highway, sondern nach Norden und parkte auf einem verlassenen Schrottplatz.

Eine Stunde wartete sie in der schwülen Abenddämmerung. Die ganze Zeit musste sie nach surrenden Mücken schlagen, bis ihr ganzer Körper sich schmuddelig und zerstochen anfühlte. Bis sie Staub und Schmutz zwischen den Zähnen spüren und auf der Zunge schmecken konnte. Erst dann hatte sie das Gefühl, dass sie gefahrlos zum Motel zurückkehren konnte, um ihre Sachen zu holen. Sicherlich war Marshal Beau längst verschwunden.

Sie parkte hinter dem Motel und schleppte sich müde zum Empfang, wo sie um einen zweiten Schlüssel bat. Dem Portier erzählte sie, dass sie den ersten aus Versehen im Zimmer eingesperrt hatte.

Als sie schließlich den Schlüssel ins Schlüsselloch steckte, war Gracie mehr als nur müde. Ihre Füße waren geschwollen, und ihr Kreuz tat weh.

Im Motelzimmer ging sie sofort ins Bad. Es würde sicherlich zehn Tage dauern, bis sie sich den Dreck vom Schrottplatz vom Gesicht gewaschen hatte. Nachdem sie ihre langen, zerzausten Naturlocken im Nacken zusammengebunden hatte, zog sie die Schuhe aus und ging zum Bett. Nach einem Schläfchen würde sie sich bestimmt besser fühlen.

Doch als sie sich umdrehte und zum ersten Mal das Bett richtig ansah, merkte sie, dass nicht nur ihr Überwurf aus falschem Nerz verschwunden war, sondern auch die Schals, die sie über die Lampen gehängt hatte, ihre Kissen und – sie stürzte ins Badezimmer. Er hatte sogar ihre superflauschigen rosa Duschtücher mitgenommen. Und nein, nicht einmal er würde so tief sinken, dass er …

Sie eilte zu dem kleinen Schrank, in dem sie ihren Koffer verstaut hatte, und riss die Tür auf. Hätte der Polizist ihr mit der Faust in den Magen geschlagen, sie hätte sich nicht schlechter fühlen können.

Sie sackte in sich zusammen. Die Tränen, die sie seit Beginn dieser Tortur stur zurückgehalten hatte, fingen an zu fließen.

Ihre Rezepte.

Der Fiesling hatte ihre Rezepte mitgenommen – und nicht nur das, auch ihre gesamte Kochausrüstung!

Der CAI-Wettbewerb war einzigartig, weil man sich nicht perfekt darauf vorbereiten konnte. Einhundertdreiundneunzig Chefköche aus ebenso vielen Ländern traten gegeneinander an. In jeder der fünf Runden bestimmte das Los das Thema des Menüs. Sie konnte Äthiopien ziehen oder Indien. Grönland. Ihre Rezeptsammlung enthielt das Ergebnis jahrelanger Recherchen. Ohne ihr Kochbuch brauchte sie gar nicht erst nach San Francisco zu fahren. Welchen Sinn hatte das noch, wenn sie keine Chance hatte zu gewinnen?

Verdammt, ihr Rücken tat weh.

Warum hatte Beau Sanders das getan?

Wie konnte er nur so grausam sein?

Sie ließ sich schwerfällig aufs Bett fallen und stützte die Stirn in die Hände.

Wem versuchte sie hier etwas vorzumachen? Die Ergreifung von Vicente war eine Riesenschlagzeile.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Flieh nicht vor der Liebe, Gracie!" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen