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Flieh nicht vor deinen Gefühlen

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1. KAPITEL

Julie hatte den Ort ganz für sich.

Himmlisch, dachte sie glücklich. Die Felsen und die salzige Gischt der Küste, wo sie aufgewachsen war, hatten ihr im Ausland mehr gefehlt als alles andere.

Die Wellen schlugen plätschernd gegen den Anleger. Ohne Rücksicht auf ihr hübsches Sommerkleid streifte Julie die Sandalen ab, setzte sich auf das raue Holz und ließ die Beine baumeln. Als das eiskalte Wasser ihre Füße streifte, lachte sie erschrocken auf. Eigentlich hatte sie damit rechnen müssen. Schließlich befand sie sich in Maine, und es war erst Juni.

Sie planschte fröhlich mit den Füßen und beobachtete, wie das goldene Licht des frühen Abends sich in den schaumgekrönten Wellen spiegelte. Endlich war sie wieder zu Hause, wenn auch nur für kurze Zeit.

Der Anleger befand sich am Ende einer unbefestigten Straße. Julie hörte das leise Seufzen des Windes in den Kiefern und das Zwitschern der Spatzen im Unterholz. Lauter jedoch war die Brandung an der Küste von Manatuck Island, der am nächsten gelegenen Insel, zu hören.

Dort würde Julie das Wochenende verbringen. Die Insel gehörte Charles Strathern. Sein Sohn Brent hatte sie zu Charles’ sechzigstem Geburtstag eingeladen.

Erst spät am Nachmittag hatte Julie von der Arbeit aufbrechen können. Als sie ihre Wohnung in Portland verlassen und den einsamen Küstenabschnitt erreicht hatte, war die Barkasse schon weg gewesen und musste ihretwegen jetzt noch einmal zurückkommen.

Sie hoffte, dass es auf Castlereigh, Charles Stratherns großem Anwesen, einen beheizten Swimmingpool gebe. Brent hatte ihr erzählt, dass sein Vater sehr reich sei – vermutlich als dezenten Hinweis darauf, wie wohlhabend er selbst war.

Brent war attraktiv, charmant und wollte sich amüsieren. Mit anderen Worten, früher oder später würde er einen Annäherungsversuch starten. Julie seufzte. Sie hatte die letzten Jahre in weit entfernten Ländern verbracht, die sich nicht gerade durch hohe Sicherheit oder einen komfortablen Lebensstil auszeichneten. Doch diese Abenteuerlust erstreckte sich nicht auf Sex. Inmitten von Brents Angehörigen würde sie bestimmt in Sicherheit sein.

Julie zuckte zusammen, als sie ein Auto hörte. Gesellschaft war das Letzte, wonach sie sich sehnte. Außerdem hatte Oliver, der Kapitän der kleinen Barkasse, ausdrücklich gesagt, außer ihr würde man an diesem Freitagabend niemanden erwarten.

Stirnrunzelnd betrachtete sie die Wipfel der in goldenes Sonnenlicht getauchten Kiefern und hoffte, der unbekannte Eindringling würde spätestens beim letzten Cottage anhalten, das eine Vierteilmeile vom Anleger entfernt lag.

Sie wollte in Ruhe gelassen werden.

Travis nahm den Fuß vom Gaspedal, als sein schnittiger schwarzer Porsche auf dem Schotter ins Rutschen geriet. Er fuhr zu schnell, weil er wegen eines Notfalls auf der Intensivstation viel später dran war als geplant. Für den Patienten war zwar alles sehr gut verlaufen, doch das Ganze hatte Travis’ Zeitplan erheblich durcheinander gebracht.

Auch aus einem anderen Grund beeilte er sich: Travis war aufgewühlt und hatte Angst. An diesem wunderschönen Abend hätte er auf der Penobscot Bay segeln oder mit der Krankenschwester in die Oper gehen können, die ihn stets viel sagend anlächelte. Stattdessen war er auf dem Weg zu dem einzigen Ort in der Welt, an dem man ihm die kalte Schulter zeigen würde.

Nur noch eine Viertelmeile bis zum Anleger. Travis beschloss, von dort aus Oliver anzurufen, damit dieser ihn abholen würde. Wenn er erst einmal auf der Insel wäre, konnte man ihn wohl kaum wieder wegschicken. Zumindest würde er nicht kampflos nachgeben, falls sie es doch versuchten.

Durch das offene Fenster drangen Harzgeruch und der Duft des Meeres. Travis atmete tief ein, und einen Moment lang war er wieder ein kleiner Junge, der die Abhänge und Felsen von Manatuck Island erkundete: glücklich, sicher und geborgen – ohne zu ahnen, was auf ihn zukam.

Hinter der letzten Straßenbiegung konnte er über die Bucht blicken, wo sanftgrüne Inseln sich vom tiefblauen Wasser abhoben und kleine weiße Schaumkronen auf den Wellen tanzten. Die Kehle zog sich ihm zusammen. In den vergangenen Jahren hatte er unter anderem deshalb so hart gearbeitet, weil er den Schmerz und die Sehnsucht hatte verdrängen wollen, die man gemeinhin als Heimweh bezeichnete.

Plötzlich sah Travis jemanden auf dem Anleger sitzen. Er kniff die Augen zusammen. War das vielleicht ein Teenager aus einem der nahe gelegenen Cottages? Gesellschaft konnte er jetzt nicht gebrauchen.

Doch es war kein Jugendlicher, sondern eine Frau. Ihr musste das blaue Auto gehören, das an der Straße parkte. Travis hielt direkt dahinter. Er stieg aus, schlug die Tür zu und ging hinunter zum Anleger.

Die Frau stand auf, als er sich näherte. Da die Sonne ihm im Rücken stand, wurde sie direkt von goldenem Licht angestrahlt. Er verlangsamte seine Schritte. Wie hatte er sie bloß für ein junges Mädchen halten können? Das geblümte Kleid mit dem langen Rock und dem Korsagenoberteil betonte ihre Brüste und lenkte den Blick auf ihre nackten Schultern und Arme. Das kurz geschnittene dunkle Haar der jungen Frau umrahmte glänzend ihr Gesicht und betonte den schlanken Hals und die geschwungenen Augenbrauen. Sie war unglaublich schön.

Auch sie wirkte alles andere als erfreut über die unerwartete Gesellschaft. Die kühle Art, wie sie ihn ansprach, ärgerte ihn.

„Haben Sie sich verirrt?“ Schnell ließ sie den Blick über ihn gleiten und nahm dabei sicher jeden Zentimeter seiner ein Meter achtzig wahr, von den ausgeblichenen Jeans bis zum Hemd mit dem offenen Kragen. Höflich fügte sie hinzu: „Wie Sie sehen, endet die Straße hier. Wollten Sie vielleicht nach Bartlett Cove? Die Abfahrt ist ungefähr eine halbe Meile entfernt von hier.“

„Nein, ich habe mich nicht verirrt“, entgegnete Travis ein wenig schroff. „Übrigens befinden Sie sich auf einem Privatgrundstück. Es gehört dem Besitzer von Manatuck Island.“

„Genau da will ich hin.“

„Tatsächlich? Die Feier findet aber erst morgen statt. Haben Sie sich mit dem Datum vertan?“

„Nein“, antwortete sie kurz angebunden.

Ihre Blicke begegneten sich. Die Augen der jungen Frau waren tiefgrün. Die Farbe kann unmöglich echt sein, dachte Travis. Sie erinnerten ihn an Smaragde, wozu auch der unnachgiebige Blick passte. Normalerweise fand er lebenslustige Blondinen attraktiv. Warum fühlte er sich jetzt zu einer brünetten Frau hingezogen, die so kühl wirkte wie das Meer im Januar?

Das Sonnenlicht streifte ihre Wangen, und sofort hatte Travis das Bedürfnis, sanft darüber zu streichen. Er verstand sich selbst nicht.

Sie fahren jetzt schon auf die Insel, weil Sie mit Brent verabredet sind, stimmt’s?“

Sie biss sich auf die Lippe, die auf ihn sehr sinnlich wirkte. „Wie sind Sie darauf gekommen?“

„Brent hatte schon immer eine Schwäche für Frauen mit atemberaubendem Körper und hübschem Gesicht.“

„Warum habe ich trotz Ihrer Komplimente das Gefühl, beleidigt zu werden?“

Eine plötzliche Windböe erfasste ihren Rock, so dass ihre schlanken Beine zu sehen waren. Die attraktive Fremde zog den bunt geblümten Stoff wieder herunter.

„Ihre Augen – tragen Sie farbige Kontaktlinsen?“ Travis’ Stimme war leicht heiser. Eigentlich wollte er nicht etwas so Persönliches fragen. Trotzdem machte es ihn wütend, dass sie einfach darüber hinwegging.

„Wollen Sie auch nach Manatuck Island?“

„Ja.“

„Und mit wem sind Sie verabredet?“

„Ich gehöre zu niemandem. Das ist einer meiner Grundsätze.“

„Dann haben wir etwas gemeinsam.“

„Das bezweifle ich. Immerhin sind Sie mit Brent verabredet.“

Julie errötete. „‚Verabredet‘ ist …“ Sie unterbrach sich. Warum sollte sie sich gegenüber einem Fremden rechtfertigen?

Er lachte kurz. „Es freut mich, dass Sie nichts ableugnen. Brents Ruf eilt ihm voraus.“

Sein bitterer Tonfall erschreckte Julie. Plötzlich wurde ihr bewusst, wie angespannt er wirkte. Als könnte er jeden Moment die Beherrschung verlieren, dachte sie unbehaglich. Normalerweise bekam sie nicht schnell Angst. Dafür hatte es in ihrem Leben schon zu viele brenzlige Situationen gegeben, in denen sie auf sich selbst gestellt gewesen war. Außerdem war sie in Maine, nicht in Lima, Daressalam oder Kalkutta.

Der Mann hatte sich mit der natürlichen Eleganz des Tigers auf sie zubewegt, den sie in den westbengalischen Mangrovenwäldern gesehen hatte. Reiß dich zusammen, ermahnte Julie sich. Schließlich war sie gut in Selbstverteidigung. Ihr Gegenüber sah aus, als würden die meisten Frauen sofort auf ihn fliegen. Aber davon ließ sie sich nicht beeindrucken. Bemüht höflich reichte sie ihm die Hand. „Ich heiße Julie Renshaw.“

Widerstrebend nahm Travis ihre Hand und ließ sie so schnell wie möglich wieder los. „Travis Strathern.“

Sie runzelte die Stirn. „Sind Sie ein Cousin von Brent?“

„Nein.“

Julie errötete, denn seine kurz angebundene Art grenzte an Unhöflichkeit. „Lassen Sie mich ganz offen mit Ihnen reden“, erwiderte sie. „Ich war sehr zufrieden, allein zu sein. Und Sie sehnen sich offensichtlich auch nicht gerade nach Gesellschaft. Trotzdem werden wir gemeinsam zur Insel fahren müssen. Könnten wir uns nicht einfach über das Wetter unterhalten? Sie müssen zugeben, dass es wunderschön ist.“

Unvorsichtigerweise erwiderte Travis: „Wenn Sie den Sonnenuntergang schon schön finden, dann sollten Sie sich einmal ansehen, wie die Sonne aufgeht und Nebelschleier über dem Wasser liegen …“

Julies Neugier war geweckt. „Sie waren also schon einmal hier. Aber wenn Sie ein Strathern sind, wundert es mich, dass Oliver sagte, außer mir würden heute keine weiteren Gäste ankommen.“

Natürlich ahnte niemand etwas, denn Travis hatte nichts von seinem Besuch erzählt. „Sicher ein Missverständnis.“

Er ist ein schlechter Lügner, dachte Julie. Aber warum hat er das überhaupt nötig? Schließlich war sie für ihn eine Fremde. Sie beschloss, mehr über ihn herauszufinden. „Waren Sie schon oft auf Manatuck Island?“

„Seit Jahren nicht mehr“, erwiderte Travis lakonisch. „Wie haben Sie und Brent sich kennen gelernt?“

„Über gemeinsame Freunde. Wir sind erst ein paar Mal miteinander ausgegangen. Aber ich wollte schon immer auf eine dieser Inseln. Deshalb habe ich die Einladung übers Wochenende gleich angenommen.“

„Dann sind Sie also nicht Brents Geliebte?“

Travis’ Worte hingen eine Weile in der Luft, bevor Julie fragte: „Das wollten Sie eigentlich gar nicht fragen, stimmt’s?“

Für seinen Geschmack war sie eindeutig zu scharfsinnig. „Genau. Eigentlich wollte ich wissen, ob Ihre Augen wirklich so grün sind.“

Seine waren leuchtend blau und gaben nichts darüber preis, was sich unter der Oberfläche befand – wie das Meer. „Warum interessiert Sie das?“

„Nennen wir es doch schlicht Neugier.“

„Ich glaube kaum, dass irgendetwas an Ihnen ‚schlicht‘ ist“, stellte sie kühl fest. „Wenn Sie nicht Brents Cousin sind, wer sind Sie dann?“

Er kniff die Augen zusammen. „Sein älterer Bruder.“

„Brent hat mir gegenüber nie einen Bruder erwähnt.“

„Das glaube ich Ihnen aufs Wort. Welche Farbe haben Ihre Augen wirklich?“

Nachdenklich blickte Julie ihn an. Sie wusste, dass ihre Augen besonders hübsch waren. Ihren hellen Teint dagegen empfand sie geradezu als Fluch, da sie sich oft in Ländern mit intensiver Sonnenstrahlung aufhielt. Und ihr Körper hatte sie schon oft in heikle Situationen gebracht, so dass sie ihn nicht mehr als Vorteil betrachtete. Das Haar hatte sie sich schon vor Jahren kurz schneiden lassen, denn in Afrika und Indien war es meist sehr heiß. Außerdem machte langes, taillenlanges Haar aus Männern hormongesteuerte Idioten. „Ich trage keine grünen Kontaktlinsen, falls Sie das meinen.“ Plötzlich musste Julie lachen. „Meine Mutter hat mich immer als stur und hartnäckig bezeichnet, aber im Vergleich zu Ihnen bin ich auf dem Gebiet blutige Anfängerin.“

Travis’ widerstrebendes Lächeln verlieh seinem Gesicht einen anderen Ausdruck. Die sinnlichen Lippen und das markante Kinn waren unverändert, ebenso wie das widerspenstige, fast schwarze Haar. Doch das Lächeln machte seine Züge atemberaubend attraktiv. Maskuline Energie, dachte Julie wie benommen. Er strahlte Charisma, Dynamik und eine beeindruckende Entschlossenheit aus. Sie fühlte sich davon eingehüllt, als hätte er die Arme um sie gelegt.

Unwillkürlich wich sie einen Schritt zurück und sagte atemlos: „Ich habe in den vergangenen Jahren so einige Männer kennen gelernt, und viele davon waren sehr attraktiv. Aber Sie übertreffen alles.“

„Toller Spruch“, erwiderte Travis ironisch. „Werden Sie jetzt vielleicht nach meiner Telefonnummer fragen? Das würde Brent bestimmt nicht gefallen.“

„Wollen Sie etwa behaupten, Sie müssten sich nicht ständig Frauen vom Hals halten?“

„Nein, Sie haben Recht. Ich halte sie mir vom Hals. Wie gesagt, ich gehöre zu niemandem.“

„Ich auch nicht“, antwortete Julie sanft. „Brent eingeschlossen.“

Travis’ Lächeln verschwand. Wütend musste er daran denken, dass hinter seiner Verbannung von Manatuck Island und seinem Vater vor vielen Jahren vermutlich Brent gesteckt hatte. Konnte er deswegen den Gedanken nicht ertragen, dass Julie Renshaw die Geliebte seines Bruders war? Doch warum kümmerte es ihn, was sie tat – und mit wem? „Ich möchte Ihnen einen Rat geben“, sagte er kurz angebunden. „Halten Sie sich am Wochenende von Brent fern – in Ihrem eigenen Interesse. Ich möchte nicht, dass Sie in Schwierigkeiten geraten.“

Zu spät, dachte Julie und hätte beinahe gelacht. Sie kannte Travis erst seit zehn Minuten, doch sie befand sich bereits in Schwierigkeiten.

Die Barkasse, ein schnittiges Motorboot, kam in Sicht. Sichtlich angespannt wandte Travis sich um. Julie sah ihn an. Er wirkte, als würde er sich innerlich auf etwas sehr Schwieriges vorbereiten und hätte für die Entscheidung herzukommen all seinen Mut gebraucht. Davon besaß er eine ganze Menge, das war ihr instinktiv klar.

Er hatte seine Hände so fest zu Fäusten geballt, dass die Knöchel weiß hervortraten. Voller Mitgefühl legte Julie die Hand auf seinen Arm.

„Irgendetwas ist doch nicht in Ordnung. Möchten Sie es mir erzählen?“, fragte sie sanft.

Mit Mühe wandte Travis den Blick von der Barkasse. Auf demselben Boot hatte er im Alter von sechzehn Jahren die Insel verlassen.

„Kümmern Sie sich um Ihre eigenen Angelegenheiten.“

Julie schrak zusammen und zog die Hand zurück. „Wie Sie möchten.“ Der Rock ihres Kleides bauschte sich, als sie den Hang hinauflief, um ihr Gepäck zu holen.

Um Travis’ Mund zuckte es leicht. Er brauchte weder von ihr Hilfe noch von jemand anderem. Seit er mit sechs Jahren das erste Mal von der Insel geschickt worden war, hatte er sich allein durchgeschlagen. Und daran würde keine Frau jemals etwas ändern – so schön sie auch sein mochte.

2. KAPITEL

Tief in Gedanken, blickte Travis aufs Wasser. Die untergehende Sonne ließ den Bug des sich nähernden Bootes aufblitzen, das den wenig einfallsreichen Namen Manatuck Island trug. Es nach einer Frau zu benennen, wäre Travis’ Vater nicht in den Sinn gekommen. Obwohl er bereits zum zweiten Mal verheiratet war, konnte Charles Strathern mit Frauen nicht viel anfangen. Und noch weniger mit seinem ältesten Sohn.

Dies traf auch auf seine einzige Tochter zu. Travis wusste, dass Jenessa nicht zur Geburtstagsfeier ihres Vaters nach Manatuck Island kommen würde.

Inzwischen konnte er Oliver am Steuer sehen. Der untersetzte Mann stand nahe dem Bug der Barkasse, vor dem sich das Wasser in zwei weiße Wellen teilte. Langsam wandte Travis sich um und ging zu seinem Wagen. „Zeit, zum Anleger zu gehen“, sagte er im Vorbeigehen zu Julie.

Sie nickte und machte sich auf den Weg. Die anmutigen Bewegungen ihrer Hüften und ihre schmalen Schultern erfüllten ihn mit heftigem Verlangen. Vergiss es, sie ist Brents Geliebte, ermahnte Travis sich.

Er hatte seinen Bruder seit achtzehn Jahren nicht mehr gesehen. Zwei Mal hatte er versucht, sich mit ihm zu treffen, aber schließlich aufgegeben. Denn Brent hatte jedes Mal im letzten Moment abgesagt. Gemeinsame Bekannte hatten immer wieder von Brents verschwenderischem Umgang mit Geld erzählt sowie von der schier unendlichen Reihe seiner Eroberungen – von denen Julie Renshaw offenbar die neueste war.

Leise fluchend nahm Travis seine Tasche, ging zum Anleger und ließ sie dort fallen. Oliver stellte den Motor ab und machte das Boot an den Metallsprossen des Anlegers fest. „Master Travis? Sind Sie es wirklich?“

Die alte Anredeform machte Travis einen Moment lang sprachlos. Dann erwiderte er zutiefst bewegt: „Ja, ich bin es, Oliver. Ich freue mich sehr, Sie zu sehen. Aber bitte nennen Sie mich doch einfach Travis.“

„Tut verdammt gut, Sie wiederzusehen!“ Oliver schob sich die speckige Mütze weiter nach hinten. „Man hat mir gar nichts von Ihrem Besuch erzählt.“

Er ist fast kahl geworden und hat in den vergangenen Jahren bestimmt dreißig Pfund zugenommen, stellte Travis fest. „Nein, es ist eine Überraschung.“

Vor Freude über das Wiedersehen mit dem alten Mann vergaß Travis seine Anspannung. „Die Manatuck sieht wirklich toll aus.“ Das Deck glänzte, die Messingteile waren poliert, und die Bemalung war tadellos.

„Kommen Sie an Bord. Dann ist alles wieder genau wie früher“, erwiderte Oliver eifrig.

Nein, dachte Travis. Man konnte die Zeit nicht zurückdrehen, das hatte er auf schmerzliche Art herausfinden müssen. Er wies auf Julie, die schweigend neben ihm stand. „Das hier ist übrigens Julie Renshaw. Sie ist mit Brent verabredet.“

„Soso.“ Oliver betrachtete sie mit seinen klugen hellblauen Augen. „Reichen Sie mir die Tasche der jungen Dame, Mr. Travis, und dann fahren wir los.“

„Ich schaffe das schon allein“, sagte Julie und gab dem älteren Mann das Gepäck. Dann kletterte sie die Metallsprossen hinunter und sprang aufs Deck. „Ich freue mich, Sie kennen zu lernen, Oliver.“

Oliver lächelte und zeigte dabei seine Zahnlücke, die er schon so lange hatte, wie Travis denken konnte. „Master Brent ist gestern angekommen“, berichtete er. „Sie sind aber wirklich eine hübsche junge Dame.“

Julie errötete. „Danke.“

Auch Travis war an Bord gekommen. Unter seinen Füßen hob und senkte sich das Deck leicht. Oliver löste das Tau, und Travis stieß das Boot vom Anleger ab. Mit sanft brummendem Motor fuhr die Manatuck los. Julie stellte sich an die Reling. Wenn Oliver Travis so mag, kann der kein schlechter Mensch sein, dachte sie. Aber irgendein Geheimnis umgab seine Rückkehr, denn seine Familie ahnte nichts davon. Und Brent hatte die Existenz eines Bruders nie erwähnt.

Das Wochenende würde weitaus interessanter werden, als sie erwartet hatte. Vielleicht sogar zu interessant. Sie beobachtete Travis. Der Wind zerzauste ihm das dichte Haar, und der Anblick seiner breiten Schultern und der schmalen Hüften ließ sie erschauern. Objektiv betrachtet war Brent der hübschere der beiden Brüder, doch er löste nichts Derartiges in ihr aus. Eigentlich ist das ganz egal, entschied Julie. Ich bin schließlich nicht auf der Suche nach einem Liebhaber – und schon gar nicht nach einem Ehemann.

Die See war unruhig. Julie hielt sich an der Reling fest und überlegte, welche der Inseln wohl Manatuck Island war. Eine Viertelstunde später wusste sie es: Auf der am stärksten zerklüfteten Insel ragten vier steinerne kleine Türme über die Nadelbäume hinaus. Das muss Castlereigh sein, überlegte sie und unterdrückte ein Lachen. Am Anleger stand ein Bootshaus, das zwei Mal so groß war wie der Bungalow ihrer Eltern. Außerdem sah sie einen ordentlich geharkten Sandstrand und eine große, penibel gepflegte Rasenfläche.

Geschickt lenkte Oliver die Barkasse zum Anleger. Travis sprang von Bord und machte die Leinen fest. Dann reichte er Julie die Hand. Ohne sie eines Blickes zu würdigen, half er ihr an Land, als wäre sie so leicht wie ein Kind. Oliver gab ihm ihr Gepäck. „Danke, Oliver“, sagte Travis und nahm die Taschen. „Also los“, forderte er Julie auf.

Als wäre der Teufel hinter ihm her, eilte er eine lange Holztreppe hinauf. Julie folgte ihm, an üppigen Rhododendronsträuchern und Azaleen vorbei. Dann kamen sie zu einem streng symmetrisch angelegten Rosengarten, der nach Versailles gepasst hätte, hier jedoch völlig fehl am Platz wirkte. Als sie ein paar Birken umrundet hatten, blieb Julie wie angewurzelt stehen.

Auch Travis hielt einen Moment inne. „Irgendwie schon atemberaubend, stimmt’s?“

Julie betrachtete Zinnen, Torbögen, Stützpfeiler, Säulenvorbauten, alles gekrönt von den vier Türmen, die sie schon vom Boot aus gesehen hatte. Sogar einen Burggraben gab es.

„Wirklich imposant.“ Ihre Stimme klang schwach.

„Ein ausgesprochen scheußliches Denkmal für den Triumph des Geldes über guten Geschmack.“

Seine Anspannung schien ein wenig nachgelassen zu haben, wie Julie erleichtert feststellte. „Gibt es so etwas wie eine Haustür? Und sollte ich nicht auf einem schneeweißen Pferd dorthin reiten?“

„Eine Rüstung wäre vielleicht wirklich angebracht.“ Er lächelte grimmig. „Folgen Sie mir.“

Neben einer großen Doppeltür mit schmiedeeisernen Spitzen hing eine riesige Glocke. Travis läutete und öffnete eine der Türen. Ein betagter Butler in maßgeschneidertem schwarzem Jackett kam ihnen in der Eingangshalle entgegen. „Master Travis!“ Er presste sich die Hände aufs Herz. „Wie wunderbar, Sie zu sehen – nach so langer Zeit!“

„Hallo, Bertram.“ Travis schüttelte dem alten Mann die Hand. „Ich wollte der Familie eine kleine Überraschung bereiten. Wie geht es denn Ihren Lieben?“

„Ausgezeichnet, vielen Dank. Peg wird sich furchtbar darüber freuen, dass Sie hier sind. Gerade werden Cocktails im Salon serviert, Sir. Soll ich Ihren Besuch ankündigen?“

„Ja, bitte. Das hier ist übrigens Julie Renshaw. Sie ist mit Brent verabredet.“

Bertram nickte ihr höflich zu. Sie passierten eine Sammlung Furcht erregender mittelalterlicher Waffen und schritten durch einen beeindruckenden Gang, in dem lauter Porträts hingen. Bertram winkte sie durch eine breite Tür. „Miss Julie Renshaw und Mr. Travis Strathern.“

Drei Personen saßen auf zu stark gepolsterten Ledersofas. In dem riesigen Raum wirkten sie geradezu winzig. Unmengen Marmor, Samt und Läufer, so groß wie Fußballfelder – das war Julies erster Eindruck. Dann bemerkte sie, wie heftig die drei Menschen auf Travis reagierten.

Brent sprang auf und drehte sich ruckartig zur Tür. Sein Gesicht war hassverzerrt. Bisher hatte sie ihn als gut aussehenden, charmanten jungen Mann kennen gelernt. Doch jetzt wirkte er so anders, dass ihr ein Schauder über den Rücken lief. Der ältere Mann – vermutlich Charles Strathern – schien zu Tode erschrocken. Auf dem Gesicht der perfekt zurechtgemachten Frau, in Leinen und mit Perlenkette, spiegelten sich auf äußerst vornehme Art Bestürzung und Abneigung. Brents Stiefmutter, dachte Julie. Sie beobachtete, wie alle drei nach dem ersten Schreck ein höfliches Gesicht aufsetzten.

Brent kam auf sie zu. Das Lampenlicht ließ sein blondes Haar golden glänzen. Er lächelte und zeigte dabei seine ebenmäßigen Zähne. Doch Julie wusste, sie hatte sich seinen hasserfüllten Blick nicht eingebildet.

„Julie!“ Er umfasste ihre Schultern. „Du siehst wirklich bildhübsch aus.“ Bevor sie zurückweichen konnte, küsste er sie demonstrativ auf den Mund. Sie machte sich von ihm frei und hätte sich am liebsten die Lippen abgewischt. „Tut mir Leid, dass ich zu spät bin, Brent. Aber zum Glück haben Travis und ich noch die Barkasse erwischt.“

„Ach ja, genau. Mein verlorener Bruder. Soll dein Besuch ein ganz besonderes Geburtstagsgeschenk sein?“

„Ja, ich wollte euch überraschen“, erwiderte Travis gelassen.

„Das ist dir gelungen“, sagte sein Bruder kühl.

Charles Strathern kam auf sie zu. Er trug einen maßgeschneiderten Anzug, war groß und hatte ordentlich gekämmtes stahlgraues Haar. Sein Kinn drückte eher Sturheit als Stärke aus.

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