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Fliederduft und Klassenfrust

INGE DIEDERICHS

***

FLIEDERDUFT
UND
KLASSENFRUST

Eine bittersüße Bildungsgeschichte

Inhaltsverzeichnis

Teil I – Der Fliederbusch

Teil II – Die Trennung

Teil III – Marie und Tim und Tina

Nachspiel

Zum Inhalt

Zur Autorin

Teil I – Der Fliederbusch

1. Eine Menschenmenge wälzte sich durch die Hauptstraße, Tim mittendrin. Gemurmel und Gelächter in vielen Sprachen. Gerade zog eine asiatische Touristengruppe an Tim vorbei zum nächsten Fotostopp.

Für Tim bot die Altstadt keinerlei Überraschungen. Nirgendwo konnte er so schön allein sein wie hier. Er sah die luftig gekleideten Menschen an sich vorbeiziehen. Sie redeten und schimpften mit ihren quengeligen Gören in vielen Sprachen. Es wurde gelacht, gezetert und gedrängelt. Fast alle diese Leute waren paarweise oder als Familien unterwegs.

‚Wie das wohl wäre, eine Familie zu haben?‘, fragte sich Tim. Menschen wie er, die total allein waren, fielen hier in dem anonymen Menschenstrom nicht auf. Seine Außenseiterrolle hatte auch Vorteile. Er brauchte sich nach niemandem zu richten, und niemand scherte sich darum, was er tat oder nicht tat.

Er wünschte sich weit fort, am besten nach Singapur oder Peking! Zwar wusste er nicht, wo das lag, aber die exotischen Städtenamen gefielen ihm. ‚Einmal eine Weltreise machen!‘, träumte er vor sich hin. Heraus aus der Enge seines Hochhaus-Viertels, wo man zwar eine herrliche Sicht auf die Rheinebene mit dem Zementwerk hatte, wo aber von internationalem Flair nichts zu spüren war. Auch dort kamen die Mitbewohner und Mitbewohnerinnen aus vielen Ländern. Doch ein friedliches Zusammenleben sah anders aus. Es gab dort Jugendgangs, die sich zusammengeschlossen hatten gegen Deutsche wie Tim, die immer Ärger machten und die man in ihre Schranken verweisen musste!

Tim ging eigentlich keinem Ärger aus dem Weg. Auch nicht auf dem Schulhof, wo er sie alle wiedertraf. Oder im Treppenhaus, wo ihm schon mal einer den Arm ausgekugelt hatte, weil er ihn über das Geländer stoßen wollte. ‚Na warte‘, hatte sich Tim gesagt und diesem Schläger bei nächster Gelegenheit eine Serie von Tritten verpasst, die ihn alt aussehen ließen, besonders im Gesicht, genauer gesagt um das gebrochene Nasenbein herum.

Doch hier, in der Altstadt, der Rennmeile für Touristen, fühlte er sich wohl. Nirgendwo konnte Tim so viel internationale Atmosphäre schnuppern wie im Zentrum dieser Stadt, wo er alle möglichen Sprachen hörte und manchmal von Touristinnen offen angemacht wurde. Seine strohblonden Haare mit dem Sidecut, seine lässige Art sich zu bewegen, sein sehenswertes Sixpack erregten Aufmerksamkeit.

Tim witterte umher, entdeckte zwei Mädchen, die sich wie er in der Menschenmenge treiben ließen. Gemeinsam schlenderten sie die Hauptstraße entlang, jede ein Eis in der Hand. Sie drängelten sich ins Innere eines Zuschauerkreises, der sich um zwei Hip-Hopper gebildet hatte. Diese machten viel Lärm mit ihrem Ghettoblaster. Die beiden Mädchen hatten Spaß, das konnte Tim aus sicherer Entfernung beobachten. Sie lachten und steckten die Köpfe zusammen.

Tim postierte sich auf der anderen Seite des Kreises, den Mädchen gegenüber, um sie besser beobachten zu können. Besonders die eine faszinierte ihn, die mit dem auffallend roten Haar und dem ausgelassenen Lachen. Er konnte nicht aufhören, sie über den Zuschauerkreis hinweg zu beobachten und ihre gute Laune in sich aufzusaugen. Sie fühlte sich plötzlich angestarrt und wurde rot, fast so rot wie ihr langes Haar. Ab und zu riskierte sie einen Blick zu ihm hinüber, wandte sich dann aber hastig ab.

Noch ehe sie eine Bemerkung mit ihrer Freundin über den Jungen austauschen konnte, der sie so unverschämt anstarrte, hatte der sich durch den Zuschauerkreis in die Mitte gedrängt und fing mit den anderen beiden Hip-Hoppern an zu tanzen. Diese schienen ihn zu kennen. Sie zogen sich zurück und überließen ihm den Platz im Kreis.

Er legte ein Feuerwerk von Verrenkungen auf das Pflaster, vollführte Flic-Flacs in rasendem Tempo und drehte sich minutenlang auf dem Kopf. Die Zuschauer applaudierten, und den beiden Mädchen blieb der Mund offenstehen.

So schnell wie Tim aufgetaucht war, klatschte er seine Kumpels ab und verschwand aus dem Zuschauerkreis - nicht ohne die Wirkung abzuchecken, die seine Tanzeinlage bei den beiden Freundinnen hinterlassen hatte. Die Rothaarige stand da und starrte ihm nach. Deshalb bemerkte sie die Hand nicht, die sich an ihrer Jeanstasche zu schaffen machte und ihr das Handy herauszog.

Plötzlich gab es ein Gerangel hinter ihrem Rücken. Sie drehte sich um. Da sah sie den fremden Hip-Hopper ganz nah hinter sich. In der einen Hand hielt er ihr Handy, mit der anderen umklammerte er das Handgelenk eines kleinen Burschen, der kreischte und zappelte und sich seinem Griff entwinden wollte. Der Kleine war augenscheinlich Mitglied einer Straßenbande, die es auf die Taschen der Zuschauer abgesehen hatte. Er boxte und trat um sich, bis er freikam, und war blitzschnell verschwunden.

Tim und das Mädchen standen sich gegenüber. Ganz nah. Wie gut sie roch! Der Duft ihres Haars stieg ihm in die Nase. Er blickte sie verlegen an und gab ihr mit einer kleinen ironischen Verbeugung das Handy, das beinahe Beine bekommen hätte. Sie starrte in sein Gesicht unter der blonden Haartolle. ‚Sie hätte sich ja mal bedanken können!‘, dachte er. Doch sie war rot geworden und brachte kein Wort heraus.

Verlegen griff sie nach dem Handy und verstaute es in ihrer kleinen Handtasche. Nachdem sie genug herumgenestelt hatte, fand sie ihre Sprache wieder.

„Na, du bist wohl einer von der Zivilstreife! Wusste gar nicht, dass bei euch Hip-Hop zur Grundausbildung gehört!“

„Und du läufst durch die Gegend und merkst nicht, wenn dir einer an den Hintern fasst!“

„Pass auf, was du sagst! Wenigstens hast du dem kleinen Mistkerl mein Handy abnehmen können.“

Nun wussten beide nicht weiter. Jule bemerkte, wie sie sich anstarrten und ihre Blicke nicht voneinander lösen konnten. Zwischen ihnen knisterte es.

Jule wurde die Sache zu heiß. Sie fasste nach Maries Arm, um sie mit sich fortzuziehen.

„Na, komm jetzt, Marie. Ist ja noch mal gut gegangen.!“

„Du heißt Marie?“, fragte Tim.

„Und weiter?“

„Geht dich nichts an!“

„Ey, was soll’n das? Ich hab‘ dir grad dein Handy gerettet! Und was krieg ich dafür?“

Marie wurde dunkelrot. Tim stand nah vor ihr, kam noch näher. Da gab Marie ihm einen schnellen Kuss auf die verschwitzte Wange. Dann drehte sie sich schnell um und wollte verschwinden.

„Halt! Du kannst doch jetzt nicht einfach abhauen?“

Marie war die ganze Szene peinlich, besonders da Jule dabeistand und anzüglich grinste. Tim verstellte Marie den Weg. Er war genauso dunkelrot geworden wie sie.

„Gibst du mir wenigstens deine Handy-Nummer?“

Er zog einen Kugelschreiber aus seiner Jeanstasche und hielt Marie seine schmutzige Handfläche hin.

Wortlos nahm Marie seine Hand und schrieb ihm ihre Handynummer in die Handfläche. Sie wusste selbst nicht, warum sie das tat.

Als ihre Finger seine Hand berührten, fühlte er einen elektrischen Schlag. Auch sie zuckte zusammen. Gern hätte er sie nochmal berührt, um diesen Schlag ein zweites Mal zu spüren.

Doch dann machte er, dass er wegkam. Er verschwand in der Menge. Weiter oben in der Hauptstraße sprang er auf einen Bauzaun und balancierte darauf ein paar Meter weit herum, was ihm dank seines Trainings in Parkour nichts ausmachte. Er sprang hoch, drehte sich um die eigene Achse, fing sich wieder und sah aus den Augenwinkeln, wie die beiden Mädchen ihm mit ihren Blicken folgten. Dann sprang er vom Zaun herunter und tauchte im Strom der Passanten unter.

2. Als Tim am späten Nachmittag nach Hause kam, legte er sich auf sein Bett und döste vor sich hin. Ausnahmsweise hatte er sein Zimmer, in dem außer ihm noch zwei jüngere Zimmergenossen schliefen, einmal für sich. Er verfiel in einen unruhigen Halbschlaf. Zwei Lippen in Übergröße kamen auf ihn zu und knutschten ihn ab, eine Hand wuschelte zärtlich durch sein verschwitztes Haar, und eine Stimme, die er seit Ewigkeiten nicht mehr gehört hatte, sagte zu ihm: ‚Timmie, wo bist du denn die ganze Zeit gewesen?‘ Da schreckte er hoch und musste auf einmal weinen.

Verdammt, was war nur mit ihm los? Er hatte von seiner Mutter geträumt. Das war ihm lange nicht mehr passiert. Auch geweint hatte er nicht mehr, seit er ins Bett gemacht hatte und dafür von dem schrägen Typen, bei dem seine Mutter damals wohnte, eine dicke Tracht Prügel kassiert hatte – zu heftig sogar für einen zähen kleinen Kerl wie ihn, der sich das Weinen von Anfang an abgewöhnt hatte. Denn seine frühesten Erfahrungen hatten ihn gelehrt: Entweder hörte ihn niemand, wenn er weinte, oder er bekam eine extra Strafe für das Weinen – also ließ er es lieber bleiben.

Er wollte sich gerade mit der flachen Hand durchs Gesicht fahren und seine Tränen abwischen – da fiel sein Blick auf die Telefon-Nummer in der Innenseite seiner Hand. Sie fing auf einmal entsetzlich an zu jucken. Nun war an Schlafen nicht mehr zu denken. Er tastete nach dem Handy neben seinem Bett.

Die anderen Jungs waren draußen beim Fußballspielen, aber er hatte heute keine Lust, sich zu bewegen. Das war neu für ihn, denn normalerweise war er den ganzen Nachmittag auf Achse. Er traf seine Kumpels auf dem Spielplatz, wo sie die Mütter und ihre Kleinen erschreckten, oder sie kickten rücksichtslos einen Ball durch die Gegend. Wenn es Gezeter und Proteste gab, umso besser. Dann lachten sie und verschwanden um die nächste Ecke.

Tims Gedanken wanderten zu der Begegnung in der Hauptstraße. Wenn er die Augen schloss, sah er ein Mädchengesicht vor sich mit großen, erstaunten Augen. Sie blickte ihn einen endlos langen Augenblick zärtlich an. Tim kostete den Augenblick in seiner Erinnerung aus. Er spürte noch die leichte Berührung ihrer Finger, als sie ihm ihre Handynummer in die Handfläche schrieb. Selbstverständlich hatte er sich seine Hände seitdem nicht mehr gewaschen. Und es juckte ihn in den Fingern, die Nummer endlich anzurufen, ehe sie unter Schweiß und Dreck verblasste.

Doch eine Scheu, die er sonst nicht kannte, hielt ihn davon ab. ‚Die is sicher so ne eingebildete Zicke‘, dachte er bei sich. ‚Wahrscheinlich vom Gymnasium. So eine von den Superschlauen, die sich auf Lateinisch unterhalten!‘, dachte Tim bei sich. Er selber konnte nur Kurpfälzer Dialekt. Mit Hochdeutsch kam er sich schon komisch vor. Was sollte er mit der reden, ohne sich zu blamieren? Also ließ er sein Handy stecken und drehte sich zur Wand.

Schließlich gab er sich einen Ruck, kehrte in die Gegenwart zurück und ging in die Küche. Dort machte er sich ein Butterbrot und sagte Bescheid, dass er erst spät nach Hause käme. Seine Pflegemutter, mit der Vorbereitung des Abendessens für sechs hungrige Mäuler beschäftigt, nickte nur und wischte sich die Tränen vom Zwiebelschneiden aus den Augen. Heute meckerte sie ihn ausnahmsweise einmal nicht an, dass er Küchendienst hätte und ihr mithelfen sollte, das Abendessen vorzubereiten.

Tim zog sich im Flur die Sportschuhe an, schnappte sein Hoodie vom Haken und versenkte sein Handy in der Jeanstasche. Erst stand ein ‚Zug durch die Gemeinde‘ an, um zu sehen, wer alles unterwegs war. Er würde seine Kumpels auf dem Spielplatz treffen, mit ihnen ‚abhängen‘ und ein paar Leute ärgern. Es war ein beliebtes Spiel in seiner Clique, neben Parkour auch Freeclimbing zu trainieren. Dazu kletterten sie an den Fassaden der Hochhäuser in seinem Viertel hoch und erschreckten in den oberen Stockwerken die Bewohner auf ihren Balkonen. Doch heute hatte er dazu keinen Bock. Er schlurfte zum Spielplatz und setzte sich auf die Rückenlehne einer Bank. Bis spät in die Nacht saß er dort und brütete vor sich hin.

Heute tauchte keiner seiner Kumpels auf. Vielleicht war es gut so.

3. „Na, hat er angerufen?“, fragte Jule gleich am nächsten Morgen, als Marie verschlafen um die Ecke kam. Sie hatten beide ein Stück weit den gleichen Schulweg und waren spät dran. Marie schwieg missgelaunt vor sich hin.

„Nun sag schon!“, bohrte Jule nach.

„Ach, lass mich in Ruhe!“

„Aber gefallen hat er dir! Das habe ich doch gesehen. Vielleicht hast du sogar von ihm geträumt?“, stichelte die Freundin.

Marie wurde rot. Jule hatte sie ertappt.

„Er sah ja gar nicht so schlecht aus! Hast du seine Muckis gesehen?“

„Verdammt Jule, hör auf! Sonst kommen wir noch zu spät! Wir schreiben ja heute den Latein-Test. Hast du den Text eigentlich verstanden?“

„Nee!“, sagte Jule fröhlich. „Aber ich habe eine prima Internetseite mit einer Wort-für-Wort-Übersetzung gefunden. Ich habe den Text ausgedruckt, und ein Exemplar habe ich für dich mitgebracht. Das lege ich in unser Versteck auf dem Klo.“

„Das ist ja Klasse!“

„Aber nur, wenn du mir die Message von deinem Typen zeigst!“

„Hör endlich auf damit“, sagte Marie ärgerlich. „Erstens ist er nicht mein Typ, und zweitens hat er gar nicht angerufen!“

Jule kannte ihre Freundin gut genug, um die Enttäuschung in Maries Stimme zu hören. Sie legte ihr den Arm um die Schulter und zog sie kurz an sich.

„Wer weiß, wofür das gut ist. Du kennst ihn ja überhaupt nicht. Vielleicht war das einer aus dem Zirkus? So wie der auf dem Bauzaun balanciert hat!“

Damit bogen sie in den Schulhof ein und stiegen bald darauf die breite Treppe hinauf, die schon Generationen höherer Söhne und Töchter ausgetreten hatten. Sowas nannte man Tradition.

Für Maries Eltern, eine bekannte Familie in der Stadt, war es klar, dass nur diese Schule für Marie in Frage kam. Sie lernte eifrig und hatte offensichtlich das Grundgesetz der Familie Wilhelm begriffen: ohne Leistung keine Anerkennung, ohne Anpassung an die herrschenden Regeln keine Belohnung. Sie war selbst darauf bedacht, alles richtig zu machen und sich die Zuneigung ihrer Eltern durch gute Noten zu verdienen. Darüber musste nicht gesprochen werden, das verstand sich von selbst.

Und Marie ‚lieferte‘. Sie strengte sich an, brachte in allen Fächern gute Zensuren nach Hause und genoss das Angebot, das ihre Eltern ihr darüber hinaus großzügig zur Verfügung stellten: Geigenstunden, Reiten und Ballett.

Daneben blieb nur ab und zu Zeit für einen Stadtbummel mit ihrer engsten Freundin Jule, die aus einem ebenso exklusiven „Stall“ kam wie sie selbst. Die beiden Mädchen verstanden sich gut und konnten durch ihre Freundschaft ab und zu den Druck unterlaufen, der unausgesprochen auf ihnen lastete: sich gut zu benehmen, gute Zensuren nach Hause zu bringen und gut auszusehen.

4. „Na, Alter, hosch vielleischt schlescht g’schloofe hait?“. Zwei gute Kumpels begrüßten Tim auf dem Weg zur Schule und gaben ihm ein paar freundschaftliche Faustschläge. „Mensch, losst misch hait blooß in Ruh!“, blaffte Tim sie an, nickte ihnen mürrisch zu und schlurfte allein weiter.

Tim war am Morgen wie zerschlagen aufgewacht. Er hatte ziemlich schlecht geträumt. Immer wieder war ein roter Pferdeschwanz vor ihm auf und ab gehüpft, und seine gewagtesten Parkour-Sprünge hatten nicht ausgereicht, ihn einzuholen. Plötzlich hatte sich der Pferdeschwanz in ein Eichhörnchen verwandelt, das an dem Baum vor seinem Fenster hochkletterte und ihn aus großen Augen ansah. Als er hinüberklettern wollte, klingelte sein Wecker. Er stürzte im Traum aus dem Fenster und landete unsanft auf dem Boden der Realität.

Nun war es mit dem Träumen vorbei. Der verdammte Wecker neben seinem Bett hörte nicht auf zu klingeln. Voller Wut brachte er ihn mit einem Schlag zum Schweigen. Er wälzte sich aus dem Bett, taumelte in Richtung Bad, das wie immer besetzt war, verzichtete auf die Katzenwäsche und zog seine Lieblingsjeans an, die mit den großen Löchern am Knie. In der Küche, wo seine Pflegemutter gerade das Frühstück fertig machte, hielt er sich nicht lange auf. Er stürzte einen Pott Kaffee hinunter, ließ sein Frühstückspaket für die Schule liegen und machte sich auf den Weg.

„Wie du heute wieder aussiehst!“, rief ihm die Pflegemutter nach. „Mach bloß keinen Ärger und pass zur Abwechslung mal auf in der Schule!“

„Ja, ja, ja!“, knurrte Tim zur Antwort. Widerwillig schlurfte er los. Am liebsten hätte er heute der Schule den Rücken gekehrt, doch Schwänzen war auch keine Lösung. Das hatte er schon einige Male erfahren. Die Bußgeldbescheide von mehreren hundert Euro, die unweigerlich danach eintrudelten, hatten ihm nur Ärger mit seinen Pflegeeltern eingebracht.

Eine lange Treppe führte den Berg hinunter zum Eingang der Schule. Tim balancierte auf dem eisernen Treppengeländer und sprang am Ende des Geländers mit einem Salto und Überschlag ab. Dann federte er mit ein paar Sprüngen über die weite Fläche des Schulhofs. Das Schulgebäude war ein grauer Betonklotz, an dem die Farbe abblätterte. Immerhin waren die Türen frisch bemalt in einladendem Gelb. Trotzdem verlockten sie Tim nicht, einzutreten und sich heute seine tägliche Portion an staatlich verordneter Schulbildung abzuholen. Schule war für ihn Stumpfsinn, der mit seinem Leben nichts zu tun hatte. Besonders heute nicht, wo seine Gedanken ganz woanders waren.

5. „Gallia est omnis divisa in partes tres, quarum unam incolunt Belgae, aliam Aquitani, tertiam qui ipsorum lingua Celtae, nostra Galli appellantur. Hi omnes lingua, institutis, legibus inter se differunt.“

Die Lateinarbeit war vorbei. Marie hatte sich mit größter Mühe konzentriert. Sie musste sich immer wieder zusammenreißen, um sich in dem Gestrüpp der verschachtelten Sätze zu Beginn von Caesars „De Bello Gallico“ zurechtzufinden. Es interessierte sie heute Morgen überhaupt nicht, dass Gallien in drei Teile eingeteilt war und wie deren Einwohner von den Römern genannt wurden.

Zum Glück hatte Jule sie nicht hängen lassen. Als Marie zur Toilette ging, hatte sie einen Ausdruck der Übersetzung aus dem Internet an einem geheimen Platz gefunden. Den kannten nur sie beide. Das traditionsbeladene Gebäude hatte ziemlich altmodische Toiletten, die mit viel Geld modernisiert worden waren. Doch in der letzten Kabine gab es eine lose Fliese über dem Abfluss, die man herausnehmen und unauffällig wieder einsetzen konnte. Das hatte anscheinend noch niemand sonst entdeckt. Es war Maries und Jules gut gehütetes Geheimnis.

Marie schloss sich in der Kabine ein, zog das zusammengefaltete Papier heraus und prägte sich im Sitzen die Übersetzung ein. Dann zerriss sie das Papier, spülte mehrmals nach und brachte die Übersetzung später in der Klasse mit einigem Ach und Krach in ihr Heft.

Dabei waren ihre Gedanken ganz woanders. Was war das für einer, der gestern ihr geklautes Handy wieder herangeschafft hatte? Sein Gesicht war sympathisch, seine Muskeln sehenswert, und unter seinen Achselhöhlen hatte sie einen Geruch wahrgenommen, wie sie ihn sich bei einem jungen Gallier vorstellte. Die Jungen ihrer Klasse rochen nicht so und waren auch nicht so lässig gekleidet. Wenn der eine oder andere gestylte Typ Marie anmachte, konnte sie nichts dabei finden.

‚Aber dieser freche Kerl! Wie er sich meine Hand geschnappt und einen Kugelschreiber hineingelegt hat! Völlig überrumpelt hat er mich. Und ich hab‘ ihm auch noch meine Handynummer in seine dreckige Hand geschrieben.‘ Sie schloss die Augen und sah ihn ganz deutlich vor sich, mit seinem verstrubbelten Haar und seinem verlegenen Lächeln.

‚Warum ruft er mich dann jetzt nicht an?‘, dachte sie sehnsüchtig.

Marie gab ihr Lateinheft mit der Klassenarbeit ab. Es war ihr noch nie so gleichgültig gewesen, was drinstand. Ines, ihre Banknachbarin, quatschte sie aufgeregt an:

„Wie hast du denn den ersten Satz übersetzt?“, fragte sie.

„‘ Quarum‘ kannte ich gar nicht – war das ein Genitiv?“.

Aber heute bekam sie von Marie nur ein unwilliges Knurren zur Antwort.

Nach der Lateinarbeit kam noch Ethik - ein Fach zum Labern und Ausruhen. Marie schaltete ab und sah aus dem hohen Fenster auf den bewaldeten Berg über dem Fluss. Sie malte sich aus, wie es wäre, Hand in Hand mit einem jungen Gallier auf steinigen Trampelpfaden den Berg hinauf zu steigen, auf dessen Gipfel sich vor Jahrhunderten eine keltische Siedlung befand. Er stieg voran, und wie gestern in den zerrissenen Jeans sah sie in ihrem Tagtraum die starken Muskeln an seinen Beinen spielen, unter seinem kurzen Überwurf aus grob gewebtem Leinen. Sie stolperte hinter ihm her über Felssteine und Wurzeln und kam ganz außer Atem. Als er merkte, dass sie ihm nur mit Mühe folgen konnte, drehte er sich um, lächelte sie an und trug sie auf seinen starken Armen den Berg hinauf bis zu seiner Hütte.

Marie schmiegte sich in seine Halsbeuge und schnupperte dort an seinem markanten Geruch. Vor seiner Hütte setzte er sie ab, schlug das gegerbte Kuhfell am Eingang zurück und zog Marie über die steinerne Schwelle.

Als er sich gerade mit ihr auf sein Strohlager setzen wollte, gongte es zum Ende der Stunde, und Marie schreckte auf. Jule kam zu ihrem Platz und grinste sie vielsagend an.

„Danke für die Übersetzung!“, brachte Marie heraus.

„Das war nicht umsonst, das weißt du!“ Jule lächelte sie an und ging mit ihr in die Pause.

Marie schob ihr ein mit Krabben belegtes Vollkornbrot zu – eine Spezialität ihrer Mutter, die Marie täglich mit einem leckeren Bio-Imbiss für die Pause versorgte.

„Das meine ich nicht!“, sagte Jule und biss mit Appetit hinein.

„Ich will alles wissen!“

„Was hast du nur? Da gibt es nichts zu wissen.“

Irgendwie brachte Marie den Vormittag mit den folgenden Stunden in Mathe und Chemie hinter sich, aber sie war nur körperlich anwesend. Die Szene auf dem Strohlager des jungen Galliers lief in ihrem Kopf von selber ab und löste wohlige Schauer in ihr aus.

Herr Feuerstein wollte von ihr wissen, wie sie die Länge der Hypotenuse eines Dreiecks mit gleich langen Schenkeln berechnen würde. Marie schreckte auf und wurde rot. Gerade hatte der junge Gallier in ihrem Tagtraum ihr lockeres Gewand hochgeschoben und ihre Schenkel mit seinen rauen Händen gestreichelt. Wie konnte der Lehrer das wissen?

Marie ließ sich nichts anmerken und stotterte hastig eine improvisierte Antwort. Herr Feuerstein ließ es ihr durchgehen, da sie sonst immer gut und aufmerksam im Unterricht mitarbeitete. Jeder und jede konnte mal einen schlechten Tag haben.

Endlich gongte es zum Schulende, und der junge Gallier löste sich in Luft auf. Heute beeilte sich Marie, um vor Jule, die noch mit anderen Mädchen herumalberte, den Bus zu erreichen. Jules Neugier ging ihr auf die Nerven. Sie wollte nur noch nach Hause, sich in ihrem Zimmer auf ihr Bett legen und ungestört weiter träumen.

Da hatte sie allerdings die Rechnung ohne ihre Mutter gemacht.

„Hallo, Marie!“, empfing diese ihre Tochter und zog sie an sich. Marie gab sich Mühe, sie nicht allzu unwillig abzuschütteln.

„Wie war die Lateinarbeit?“

„Ach, Mama, ich weiß nicht.“

„Was soll das heißen? Latein ist doch sonst immer deine Stärke!“

„Heute war mir nicht gut während der Klassenarbeit. Und jetzt habe ich Kopfschmerzen. Ich möchte mich am liebsten gleich ein bisschen hinlegen!“

Marie ließ ihre Mutter stehen und ignorierte deren enttäuschtes Gesicht. Auf dem Herd schmorte Maries Lieblingsgericht, Saltimbocca. Damit konnte ihre Mutter sie heute nicht in die Küche locken. Sie stieg die Treppe hinauf und verschwand in ihrem Zimmer. Dort streckte sie sich auf dem bequemen Bett aus und legte ihr Handy griffbereit auf das Nachtschränkchen.

6. Tim näherte sich widerwillig dem Schultor. Wenn er hindurchging, wäre wieder ein Tag seines Lebens sinnlos vertan. Vor dem Eingang standen ein paar Typen mit superkurzem Haarschnitt und Bomberjacken. Sie stierten finster in seine Richtung. Einer hatte eine Bierdose in der Hand.

„Hey, wir wissen, wann du heute Schule aus hast. Wir warten auf dich!“, zischte einer von ihnen.

„Passt bloß auf, dass ihr das Maul nicht zu weit aufreißt. Sonst gibt’s was drauf!“, warf ihm Tim an den Kopf.

Er konnte diese Dumpfbacken, die auf „deutscher als deutsch“ machten, nicht leiden. Wenn einer von denen Tim allein im Viertel begegnete, hatte der die Hosen voll und verdrückte sich auf die andere Straßenseite, aber wenn sie im Rudel auftraten, gab es Ärger. Tim war beim Zuschlagen nicht zimperlich. Er stand nicht allein da, auch er hatte seinen Unterstützer-Club. Tim galt als Anführer der „Freeclimber“. Beim Parkour konnte er mit echten Leistungen aufwarten. Nur dass die im Sportunterricht nicht gefragt waren.

Immerhin hatte er damit in brenzligen Situationen schon oft seine Haut gerettet. Auch heute nach der Schule würden diese dumpfen Neonazis auf ihn warten und eine Schlägerei anzetteln, das sah Tim schon voraus.

Eine Gruppe um ein Mädchen mit einem dicken schwarzen Zopf und drei drahtige Jungs standen eng zusammen am Eingang und warfen ihm finstere Blicke zu. Das waren die Geschwister Petrescu aus Rumänien, mit denen er noch was zu regeln hatte. Sie warfen ihm vor, er hätte ihre Schwester beleidigt, weil er sie angeblich angemacht hatte. Dabei hatte ihn die dumme Gans so angehimmelt, dass es ihm peinlich war, und er hatte ihr zu gezischt: „Zieh ab! Ich will nichts von dir!“ Auch sie würden ihm heute auflauern, wenn er aus der Schule kam. Vielleicht konnte er beide Gruppen gegeneinander auflaufen lassen und sich selber unauffällig verdrücken.

Es gongte zum Schulanfang, und Tim ging widerwillig durch die Schultür in Richtung Treppe. Im Treppenhaus schwirrten verschiedene Sprachfetzen durch die Luft: „Merhaba“ „Salam aleykum“, „buna ziua buna“ oder „zdravo kako si“. Daneben vertraute deutsche Sprachfetzen: „Na, du Jude!“ oder „Hey, du Schwuler!“ Nichts Besonderes, der tägliche Wahnsinn eben.

Tim steuerte auf seinen Klassenraum zu. Die Mädchen und Jungen, die sich auf der Treppe an ihm vorbei drängelten, waren unausgeschlafen und ungewaschen wie er. Vielen ihrer Eltern war es egal, ob sie in die Schule gingen. Manche merkten es gar nicht, denn sie waren selbst noch am Schlafen. Die Kleineren, die in der Pause auf dem Schulgelände bleiben mussten, würden später den Kiosk des Hausmeisters belagern und sich dort mit süßem, klebrigem Zeug eindecken. Die Größeren durften in den Supermarkt auf der anderen Straßenseite und kauften dort Zigaretten, Cola und Kaugummi. Die härteren Sachen wurden unter der Bank gedealt.

Tim hatte es nicht eilig, in sein Klassenzimmer zu kommen. ‚Immer der gleiche Schwachsinn‘, schoss es ihm durch den Kopf. Er langweilte sich zu Tode mit seinen Mitschülern, die alle keine großen Leuchten waren. Mit wenigen Ausnahmen hatte keiner von ihnen einen Plan für sein Leben. Hausaufgaben zu erledigen oder sich im Unterricht freiwillig zu beteiligen galt als uncool.

Tim lungerte vor der Tür der Vorbereitungsklasse herum, die neben seinem Klassenzimmer lag. Heute herrschte dort ziemlicher Lärm, da noch kein Lehrer zu sehen war. Neben Serbisch, Rumänisch, afrikanischen und kurdischen Wortfetzen war viel kehliges Arabisch bis auf den Flur zu hören. Eigentlich sollten hier junge Geflüchtete aus aller Welt die Grundzüge der deutschen Sprache erwerben. Das stieß jedoch bei einigen von ihnen auf wenig Gegenliebe.

Tim winkte Aras und Hassan zu, zwei kurdischen Brüdern aus dem Irak, die mit Sicherheit älter waren als in ihren Papieren stand. Beide waren unzertrennlich und besuchten schon im zweiten Jahr dieselbe Vorbereitungsklasse. Sie saßen ihre Zeit dort ab und hatten keinerlei Interesse, die deutsche Sprache an sich heranzulassen. Über einige oberflächliche Redewendungen – dabei handelte es sich um einen ‚Überlebens-Vorrat‘ an saftigen Schimpfwörtern - kamen sie nicht hinaus. Wenn sie etwas schreiben sollten, fiel das unleserlich aus. Sie konnten keine Linien einhalten, fingen die Buchstaben an den falschen Enden an und verdrehten sie erbärmlich.

Tim hatte erfahren, dass sie schon in ihrem Herkunftsland Analphabeten gewesen waren. Sie hatten als Hilfsarbeiter auf den Feldern der reichen Bauern zum Lebensunterhalt ihrer Familie beigetragen. Nun waren sie in den Stand von Schulanfängern zurückversetzt worden, und das widersprach ihrer Ehre. Sie sollten sich die Kunst des Schreibens, die sie schon in ihrer Muttersprache nicht beherrschten, in einer fremden, komplizierten Sprache aneignen, welche sie nicht verstanden. Das passte ihnen gar nicht, und so gammelten sie die vier Stunden am Vormittag herum, lächelten aber ihre ständig wechselnden Lehrer oder Lehrerinnen aus strategischen Gründen freundlich an und verhielten sich im Klassenraum ruhig.

Am Nachmittag, das wusste Tim, gingen sie irgendwelchen krummen Geschäften nach. Ab und zu hatten sie auch Haschisch dabei, und wenn Tims Taschengeld ausreichte, hatte er schon manchmal etwas von ihnen bekommen. Auf jeden Fall versuchten sie, auch hier in Deutschland zu dem Familieneinkommen beizutragen, das ziemlich mager aussah. Ihre Familie wartete schon lange auf die Bearbeitung ihres Asylantrags. Die magere staatliche Unterstützung reichte kaum, um die vielen hungrigen Mäuler dieser Kurdenfamilie zu stopfen.

An der Tür lehnten Hamid und Nabil, zwei junge Syrer, die in ihrem Heimatland zur gebildeten Oberschicht gehört hatten und die die arabische Schrift perfekt beherrschten. Sie taten sich schwer damit, das deutsche Alphabet zu lernen. Tim hatte sie schon oft im Vorbeigehen beobachtet, wenn ihre Klassentür offenstand. Mit erbarmungswürdig abgewinkelten Ellenbogen saßen sie vor ihren Heften und versuchten, sich an die deutsche Schreibrichtung von links nach rechts zu gewöhnen – im Gegensatz zu der ihrer arabischen Sprache, die von rechts nach links geschrieben wurde. Die beiden waren ehrgeizig und lernten erstaunlich schnell Deutsch.

Hinten im Klassenraum erkannte Tim Tayfun, der mit dem Oberkörper auf der Bank lag und ziemlich weggetreten wirkte. Er war ein stämmiger junger Mann aus Afghanistan. Vor einigen Monaten war er vor den Taliban geflohen, die ihn zwingen wollten, sich ihren Kampfgruppen anzuschließen. Seine Flucht über Pakistan, den Iran, die Türkei und Griechenland war anstrengend und gefährlich gewesen. Seitdem wirkte er in sich gekehrt und apathisch, und das Durcheinander in seiner Klasse schien an ihm abzuprallen. Er starrte meistens vor sich hin und war einfach ‚nicht da‘. Vielleicht dachte er noch an die Rufe der Grenzsoldaten, die ihn und seinen Freund Faizal in einem Gebüsch aufgespürt hatten.

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