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Flaschendrehen

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Romanbeginn
  8. Danksagung

Über die Autorin

Anke Greifeneder, geb. 1972, studierte Jura in Konstanz, wo sie »weder Gerechtigkeit noch einen Ehemann fand«. Sie tauchte ab in die Medienwelt und leitete zunächst die Programmplanung für MTV in London. Heute lebt sie in Berlin und leitet die Abteilung Showentwicklung und Einkauf für MTV und VIVA. »Flaschendrehen« ist nach »Klatschmohn« und »Flurfunk« ihr dritter Roman.

www.anke-greifeneder.com

So viel steht fest: Ich werde nie eine dieser Frauen sein, die bei Robbie-Williams-Konzerten im knappen Shirt auf den Schultern eines coolen Kerls zu Angels mitsingt, Robbies Blick auf sich zieht, um dann vor Millionen gesagt zu bekommen, dass sie echt sexy ist!

Es liegt nicht daran, dass ich unterlegen oder gar hässlich wäre. Höchstens langsam zu alt mit Anfang dreißig.

Der Grund ist auch nicht der, dass ich wie viele meiner Freundinnen auf Männer stehe, die nie in ein Robbie-Konzert gehen würden, weil sie befürchten, in der unbedeutenden Masse unterzugehen und die ihnen ansonsten uneingeschränkt zuteil werdende Aufmerksamkeit abgeben zu müssen – kurzum: Ich stehe nicht auf emotional behinderte Egoisten. Die Sorte Männer, bei der man sich so richtig anstrengen muss, um ein winziges Lächeln oder etwas Zuneigung zu bekommen. Robbie ist anscheinend auch so einer, wenn man seinen Songtexten Glauben schenken darf: »Well, I am easily bored, is that o.k.?«

Nein, der Grund, weshalb ich wohl nie sein Konzert von einem Schulterplatz aus sehen werde, ist weitaus profaner: Jedes Mal, wenn Robbie auf Tour kommt, ist bei mir gerade eine Beziehung in die Brüche gegangen. Keine Schulter zum Anlehnen mehr, keine Schulter zum Aufsteigen! Was will mir das Universum damit bitte sagen? Ist es ein Zeichen, dass ich die auserwählte Mrs. Williams in spe bin, vorausgesetzt, Robbie ist tatsächlich hetero?

Ist es eine kleine, gemeine Laune des Schicksals, um mich zu ärgern? Oder heißt das einfach: Du hast noch nicht den Richtigen gefunden? Erst mit dem Richtigen darfst du zu Angels mit Feuerzeug im Anschlag und völlig high mitsingen?

»Hey, du hast lange genug Pause gemacht, Gretchen. Mach endlich den Fernseher aus und hilf mit! Das Gejohle dieses untersetzten, völlig überschätzten Popjunkies halte ich nicht aus! Unten stehen deine Möbel und jede Menge Umzugskisten!«

Mein Bruder, durchgeschwitzt und leicht entnervt, zog mich vom Sofa hoch, das noch in Plastikhüllen eingewickelt war. Wenn man sich überlegt, dass manche Leute ein Leben lang auf diesen Plastikschutzhüllen sitzen!

Ich hatte vergessen, wie anstrengend Umziehen ist. Vor allem, wenn die neue Wohnung im dritten Stock eines Altbaus ohne Aufzug lag.

Widerwillig und mit schmerzenden Beinen ging ich die Treppen zum siebzehnten Mal runter und wieder hinauf, siebenundvierzig Stufen insgesamt, einen Karton und eine Lampe unterm Arm.

Als ich schnaufend auf der zweiten Etage einen Stopp einlegte, öffnete sich eine Wohnungstür, und eine freundliche Stimme fragte: »Ziehst du gerade über mir ein? Brauchst du Hilfe? Ich bin übrigens Leila.«

Leila war groß, mit langen dunklen Haaren, ein exotisch brasilianisch angehauchter Typ, auffallend hübsch und würde gleich von meinem Bruder an Ort und Stelle vernascht werden, wenn sie sich nicht in ihre Wohnung rettete. Bevor ich den Gedanken zu Ende gedacht hatte, zwängte sich ein circa sechsjähriges Mädchen, das Leila wie aus dem Gesicht geschnitten war, zwischen ihren Beinen hindurch, sah mich an, lachte und lief zurück in die Wohnung.

»Das war Mimi, meine Tochter. Also wie gesagt, wenn du Hilfe brauchst, vielleicht Lampen anbringen oder Vorhangstangen andübeln, sag Bescheid. Hab ich alles gelernt, seit Mimis Vater und ich uns getrennt haben!« Leila zwinkerte mir zu.

Ich fand sie auf Anhieb sympathisch.

»Danke für das Angebot, aber meine Familie hilft mir. Du kannst gerne später hochkommen und auf den Einzug mit anstoßen. Ich heiße Gretchen.«

Leila sah mich an, wie es fast jeder tat, der meinen Namen zum ersten Mal hörte. Eine Mischung aus Belustigung und Mitleid lag in ihrem Blick.

Meine Eltern, kulturell interessierte Menschen, hatten mir diesen Namen als Vermächtnis mitgegeben, und ja, ich hatte nicht erst einmal den lustigen Kommentar »Mein schönes Fräulein, darf ich wagen, meinen Arm und Geleit ihr anzutragen?« in meinem Leben gehört, und ja, ich hatte schon unzählige Male geantwortet: »Bin weder Fräulein, weder schön, kann ungeleit nach Hause gehn!«, was erstunken und erlogen war, denn erstens war ich hübsch, und zweitens nahm ich, bequem, wie ich es mochte, immer die Gelegenheit wahr und ließ mich lieber nach Hause kutschieren als zu laufen.

Fairerweise muss ich sagen, dass es mich noch schlimmer hätte treffen können. Meinen Eltern als vorbildlichen Achtundsechzigern hätte ich einen blumigeren Namen wie Sunflower, Ocean oder Gänseblümchen zugetraut, einen Namen also, mit dem man sich bei Familie Phoenix ohne Probleme zwischen River, Sun und wie sie alle hießen, locker hätte einreihen können.

Nein, mit Gretchen hatte ich geradezu Glück gehabt!

Natürlich hatte ich in der Oberstufe das Gretchen spielen müssen, als wir Szenen aus Faust aufführten, nicht nur des Namens wegen, sondern weil ich genauso aussah, wie man sich ein Gretchen vorstellt: wellige blonde Haare, große hellblaue Augen, eine Stupsnase mit Sommersprossen und Kussmund – eben das, was man landläufig als süß bezeichnet. In der eigens modernisierten Version des übermotivierten Deutschreferendars musste ich den Teufel küssen, dargestellt von Mathias Winkelmann. Mathias Winkelmann gab nicht nur eine klägliche Figur mit Mundgeruch ab, sondern hatte außerdem die fast unlösbare Aufgabe, den Teufel als Kapitalismus zu interpretieren. Ein Geniestreich des eben erwähnten Deutschreferendars, der mich aufforderte, in zerschnittenen Netzstrümpfen aufzutreten, um die Ambivalenz und die innere Zerrissenheit Gretchens angemessen darzustellen.

Dass selbst diese Bühnenerfahrung und die anzüglichen Bemerkungen des Deutschreferendars es nicht schafften, meine Begeisterung für Theater und Kino zunichte zu machen, zeigt, wie ernst es mir war, sodass ich beim Interview für die Abizeitung bei der Frage nach dem Berufswunsch »Irgendwas mit Film oder Theater« geantwortet hatte.

Meine neue Nachbarin Leila hatte ihre Fassung wiedererlangt und sich netterweise einen Kommentar verkniffen.

»Freut mich, Gretchen. Wenn du was brauchst oder wissen willst, klingel einfach. Ich komm später gerne vorbei. Die Wohnung wollte ich schon immer mal sehen, aber der Typ, der vor dir drin gewohnt hat, war ziemlich seltsam! Zog die Vorhänge nie auf, bekam nicht einmal Besuch und war immer daheim. Kein Geräusch hat der gemacht, keine Ahnung, wovon der eigentlich gelebt hat.«

Oh nein! Meine Mutter kam keuchend die Treppe herauf und hatte Leilas Bemerkung gehört!

»Da müssen wir unbedingt räuchern. Das Chi muss aus der Wohnung raus. Ich hatte gleich so ein Gefühl beim Eintreten.«

»Leila, das ist meine Mutter. Mama, das ist Leila, meine neue Nachbarin.«

Sollte ich gleich erwähnen, dass ich von Chi und Räuchern so gar nichts hielt?

»Leila, welch ungewöhnlicher Name! Schön! Ich finde es so wichtig, einem Menschen einen individuellen Namen mitzugeben, damit er sich zu einer eigenen Persönlichkeit entwickeln kann.« Meine Mutter sah Leila mit diesem verklärten »Ich bin okay, du bist okay«-Blick an, den sie auch bei ihren Schülern gern aufsetzte. Mit ihrem brasilianischen Einschlag sammelte Leila ohnehin jede Menge Pluspunkte. »Multikulti« war eine Lebensdevise meiner Mutter. Sie sammelte Bekannte und Freunde verschiedener Nationalitäten wie andere Panini-Bildchen. Das war so typisch für meine Eltern: In der Sache lagen sie richtig, mussten dann aber auch aller Welt demonstrieren, wie tolerant sie waren und wie moralisch einwandfrei sie lebten. Sie waren ein wandelndes Klischee und Abziehbild der achtundsechziger Generation.

Warum hatten sich ausgerechnet meine Eltern null weiterentwickelt und trugen immer noch das Gedankengut einer Generation mit sich herum, die inzwischen eigentlich nur noch zum Feinkostitaliener einkaufen ging, schwarze Rollis trug, Saabs fuhr und in riesigen Altbauwohnungen mit Designermöbeln wohnte?

Warum meine Mutter war, wie sie war, ließ sich relativ einfach erklären: einzige Tochter extrem wohlhabender, erzkonservativer Eltern, die ihr das gleiche Leben aufzwingen wollten. Dass da eine Auflehnung gegen das Establishment stattfand, okay. Aber hey, die Pubertät konnte man mit Ende fünfzig doch hinter sich gebracht haben, oder handelte es sich um den nahtlosen Übergang in die Menopause?

»So ein verfluchter Mist! Ekelhaft!«

Man hörte meinen Vater von unten bis in den zweiten Stock fluchen. Das viele Meditieren nützte wohl nichts, zumindest, was seine cholerischen Anfälle anging.

»Das war Papa. Er ist schon wieder in einen Hundehaufen getreten.« Laut lachend kam mein Bruderherz um den Treppenabsatz gebogen.

Leila sah ihn mit großen Augen an. Nichts Ungewöhnliches, wenn man einen älteren Bruder hat, der es vom Aussehen her mit jedem aus dem Rat Pack aufnehmen konnte und dabei auch noch charmant war. Wie er so durchtrainiert und unaufgeregt in Jeans und T-Shirt, durchnässt vom Regen, dastand, war mir klar, dass es um Leila geschehen war. Den Blick kannte ich. Nummer ziehen und hinten anstellen! Doch Leila fing sich schneller, als ich dachte.

»Willkommen in Berlin oder besser gesagt im Prenzlauer Berg! Hier gibt’s mehr Hundehaufen als Gehwege. Aber soll ja Glück bringen!«

Ich war beeindruckt. Sie war weder hysterisch noch hektisch geworden und hatte auch nicht angefangen zu kichern.

»Leila, das ist mein Bruder Rudi. Rudi, das ist Leila.«

Falls Leila bei meinem Namen schon befremdet dreingeblickt hatte, so machte sie jetzt einen geradezu konsternierten Eindruck.

»Jaaahaaa, du hast richtig gehört! Er heißt wirklich Rudi!«, hätte ich am liebsten gerufen. »Und die erfinderischen Namensgeber sind auch in Reichweite, also bitte sag ihnen doch, was du davon hältst!«

Mein armer Bruder hatte bei der Namensgebung noch weniger Glück gehabt als ich, zumal er nicht, wie viele anfangs gern vermuteten, Rudi Völler seinen Namen zu verdanken hatte, sondern – wie hätte es auch anders sein können! – Studentenführer Rudi Dutschke. Ein ausreichender Grund, seine Eltern zu verklagen. Zum Glück war Rudi mit gutem Aussehen und Charme gesegnet, sodass bisher niemand auf die Idee gekommen war, sich über seinen Namen lustig zu machen. Das hätte aber auch böse ins Auge gehen können! Meine Eltern wussten bei der Namensgebung ja nicht, dass sich Rudi später einmal als Herzensbrecher entpuppen würde. Seit der Grundschule hatte ich die Angewohnheit, mir für alle Menschen immer neue lustige Spitznamen auszudenken, je zur Situation passend. Nur Rudi hatte ich nie einen gegeben, der sollte gefälligst schön mit mir leiden, wieso sollte es ihm besser ergehen als mir? Für solche Problemfälle gab es ja schließlich Geschwister.

Leila war entweder telepathisch veranlagt oder einfach nur clever, denn sie sagte passenderweise: »Freut mich, Rudi! Nennen dich deine Freunde wirklich Rudi, oder hast du auch ’nen Spitznamen?«

Mann, die war echt cool!

Rudi lachte und fixierte amüsiert ihre Augen.

»Nee, aber von dir lass ich mir gerne einen verpassen.«

Leila kicherte und wurde rot, soweit ihr Teint das zuließ. Rudi hatte es wieder einmal geschafft.

»Wieso steht ihr eigentlich alle hier im trockenen Treppenhaus und schwingt Reden, während ich im strömenden Regen Kisten schleppe?«

Mein Vater ächzte die Treppe hoch, schwer bepackt und nicht besonders gut gelaunt. Er hasste jede Art von körperlicher Ertüchtigung – wozu hatte man schließlich seinen Intellekt! Zu Schulzeiten hatte ich von seiner Abneigung gegen profanen Schweiß profitiert: Mit Genugtuung hatte er mir jedes Mal eine Entschuldigung für den Sportunterricht geschrieben. Seine späte Rache am Schulsystem! Unsportlich wie er war, wurde er als pickeliger Teenager stets als Letzter in die Völkerballgruppe gewählt, und diese Wunde saß tief. Grinsend stellte ich Leila das letzte Mitglied meiner Familie vor.

»Leila, das ist mein Vater. Was so stinkt, ist wahrscheinlich der Rest Hundehaufen an seinem Schuh.«

Mein Vater, dem nie etwas peinlich war, schon gar nicht natürliche Hundeexkremente, hob die Hand zum lockeren Gruß.

Leila, gut erzogen, begrüßte ihn höflich.

»Guten Tag. Freut mich, Sie kennen zu lernen!«

Au Backe! Sie hatte ihn gesiezt.

Woher sollte sie auch wissen, dass mein Vater Siezen generell hasste? Für ihn war Siezen nicht nur ein Hinweis darauf, dass er nicht mehr jung war, nein, er betrachtete es auch als gesellschaftliches Zeichen der Unterdrückung und Abgrenzung.

»Hi Leila, kannst mich Frank nennen. Die Zeiten, in denen junge Menschen gezwungen wurden, Alter, Geld und Einfluss durch ein affektiertes Siezen zu würdigen, sind ja zum Glück vorbei.«

Super! Gerade hatte ich Freundschaft geschlossen, und schon toppte ich den komischen Typen, der vor mir hier gewohnt hatte. Wer sonst außer mir gab mit dreiunddreißig Jahren, wenn er gut verdiente, seinen Umzug nicht an eine Firma ab, sondern erledigte das mit seinen Eltern? Meine Idee war es nicht gewesen, meine Eltern wollten unbedingt mal wieder nach Berlin, in diese »verrückte, freie Stadt« …

»Wie heißt du eigentlich mit Nachnamen?«, fragte Leila, als mein Vater außer Sichtweite war. Bestimmt erwartete sie einen neuen Brüller, einen Doppelnamen wie Klemm-Marsch oder Mundke-Ruch.

»Mein Vater heißt Schneider, und Rudi und ich heißen Fingerhut, wie meine Mutter.«

Leila sah mich verwundert an. Hatte sie noch nicht begriffen, dass bei meiner Familie einfach alles anders lief?

»Und warum trägst du den Nachnamen deiner Mutter?«, flüsterte Leila mir zu, während der Rest meiner Familie zur dritten Etage hinaufstieg.

»Weil meine Eltern auf einer Insel im Indischen Ozean nach einem papua-neuguineischen Ritual geheiratet haben, was in Deutschland niemand anerkennt. Da sie sich bis heute weigern, ein Standesamt, Inbegriff deutscher Spießigkeit, zu betreten, sind sie eben nicht richtig verheiratet, und Rudi und ich heißen deshalb wie meine Mutter.«

Spätestens jetzt würde Leila den Hausverwalter anrufen und zu Recht einen außerordentlichen Kündigungsgrund vorweisen können. Weit gefehlt! Leila sah das ganz anders.

»Witzig! Du hast echt ’ne interessante Familie!«

War die unerschrocken! Obwohl, in Berlin war man sicher einiges gewöhnt im Gegensatz zu dem kleinen Vorort Hamburgs, wo ich aufgewachsen war.

»Geht so. Manchmal wäre mir langweilig lieber. Bis später!«

Ich schleppte meine Sachen ein Stockwerk höher, und noch bevor ich eingetreten war, stieg mir ein penetranter Duft aus meiner neuen Wohnung entgegen: der Duft brennender Ylang-Ylang-Räucherstäbchen. Super, meine Mutter war bereits dabei, das schlechte Chi auszuräuchern!

»Mann Eva, das Zeug stinkt widerlich! Wir müssen hier heute Nacht schlafen!« Rudi hustete erzürnt und kniff dabei die geröteten Augen zusammen. Rudi nannte meine Eltern beim Vornamen, ein Überbleibsel aus Kinderladenzeiten; ich jedoch hatte mich strikt geweigert, die »Wir sind gleichberechtigt, und Autorität hat nichts mit Eltern sein zu tun«-Masche mitzumachen, und immer schön Mama und Papa gesagt. Fehlte noch, dass ich meinen Freundinnen erklären musste, dass ich nicht adoptiert war und meine Eltern wirklich meine Eltern waren, nur nicht als solche angesprochen werden wollten. War schon schwer genug, den nicht vorhandenen Fernseher zu erklären, wenn man dreizehn ist und Sätze wie »Wir machen das aus pädagogisch wertvollen Gründen« gesellschaftlichen Selbstmord garantierten.

»Jetzt lass aber wirklich gut sein, Eva!« Mein Vater riss ein Fenster auf, nur um sich innerhalb von Sekunden das gerade getrocknete Haar erneut patschnass regnen zu lassen. Fluchend knallte er das Fenster zu.

»Also, die Sommer sind in Berlin auch nicht mehr das, was sie mal waren. Als ich hier studiert habe …«

Nein! Bitte keine Studienzeitengeschichten! Die endeten immer damit, dass meine Eltern sich viel sagende Blicke zuwarfen, die garantiert nicht jugendfrei waren, und sie von ihrer freien Kommune im Bergmannkiez in Kreuzberg erzählen wollten.

Rudi nahm es locker, ich hingegen hielt mir immer demonstrativ die Ohren zu und rief, so laut ich konnte: »Lalala, Blumenwiese, Blumenwiese!«

Ganz ehrlich, gibt es etwas Schlimmeres als Eltern, die über Sex sprechen wollen?

Ich meine, mit Anfang dreißig hatte auch ich meine Erfahrungen gesammelt, aber belästigte ich jemanden damit? Gut, im Gegensatz zur eher liberalen Einstellung meiner Familie hatte ich schon immer die romantische Vorstellung vom einzig Richtigen, vielleicht aus Protest, aber wohl noch eher, weil es meinem Naturell entsprach. Auch meine Freunde konnte ich an einer Hand abzählen.

Ich hatte Freundinnen, die bekamen auch heute noch von ihren Eltern vorgeworfen, zu aufreizend gekleidet zu sein oder zu oft den Freund zu wechseln. Und was musste ich mir anhören?

»Jetzt sei doch nicht so verklemmt!«

Das war der Lieblingskommentar meiner Eltern! Und das musste ich mir nur deshalb anhören, weil ich ihren völlig veralteten sexuellen Befreiungsreden nicht lauschen wollte! Dabei gab es heutzutage niemanden, der nicht in allem, was es so an Spielereien in Sachen Sex oder Perversionen gab, aufgeklärt war, ob er wollte oder nicht!

So sehr ich meine Eltern liebte, manchmal war ich mir sicher, ein Findelkind zu sein. Seit ich zwölf war, wartete ich insgeheim auf den Moment, in dem ich ins Wohnzimmer gebeten wurde, um gesagt zu bekommen, dass ich adoptiert worden sei!

Leider sprach die Tatsache, dass ich meiner Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten war, gegen diese These, aber zumindest mein Vater könnte theoretisch auch der Postbote oder Milchmann gewesen sein, tröstete ich mich. Irgendwoher musste ich ja das Bodenständige haben.

»Deine Nachbarin gefällt mir!« Rudi hatte sich eine Cola genommen und lümmelte sich auf dem in Plastikplanen verhüllten Sofa herum.

Mir schwante Übles.

»Du lässt die Finger von ihr! Ich bin neu in der Stadt und wäre froh, nicht gleich wieder deine verbrannte Erde löschen zu müssen! Sie hat eine Tochter und ist allein erziehend, da braucht sie jemanden wie dich wie ’nen Pickel am Hintern! Außerdem kennst du unsere Abmachung! Du rührst keine engen Freundinnen von mir an, und ab heute gilt das auch für Nachbarinnen!«

Rudi lachte.

»Was du wieder denkst!«

Von wegen denken – wissen!

»Ich möchte einfach nur auf Nummer sicher gehen!«

Mit Grauen dachte ich an meine Schulzeit zurück, in der sich ganze Jahrgangsstufen von Mädchen unter fadenscheinigen Vorwänden bei mir eingeladen hatten, um vor Rudis Zimmer zu lauern und kichernd wegzurennen, wenn er sich zeigte! Welche Dramen sich abgespielt hatten, als die Mädels alt genug waren und Rudi sich mit der ein oder anderen einließ. Das Schlimmste war, dass Rudi diese ganz spezielle Art hatte. Man konnte ihm einfach nicht böse sein und entschuldigte ihm jegliches Fehlverhalten.

Als seine Kumpels jedoch plötzlich Interesse an mir zeigten, war der Spaß vorbei. Da nutzte auch die aufgeklärte Kinderstube nichts. Rudi ließ jeden Rottweiler wie ein Weichei aussehen, wenn es um die Ehre seiner kleinen Schwester ging.

»Sag mal, willst du deine Wände nicht bunter gestalten? Das Weiß wirkt so trist!«, unterbrach meine Mutter meine Gedanken.

Wenn es nach ihr ginge, müsste ich jedes Zimmer in Regenbogenfarben streichen und selbst gebastelte Objekte aufstellen. Die Anleitung dazu gab es inzwischen auf allen möglichen Privatsendern.

Diese ganzen Do-it-yourself-Ratgebershows, die aus England herübergeschwappt waren, zeigten einem, wie man es mit einigen preiswerten Kniffen selbst mit Gelsenkirchener Barock zu einer Fotostrecke in Schöner Wohnen schaffen konnte! Ich wurde das Gefühl nicht los, dass die so genannten »Designer« sich in Wohnungen Fremder mal so richtig austobten. Mit all den Ideen, von denen sie allzu gern wissen wollten, wie die wohl umgesetzt aussehen würden, wofür ihnen die eigenen Häuser als Versuchsobjekt jedoch stets zu schade waren.

Losgelassen sauten sie deutsche Durchschnittswohnungen mit »krazzzy« selbst gemischten Farben ein, sägten absurde Objekte aus Styropor und überlegten sich einen üblen Stilbruch nach dem anderen. Mit weiteren »Experten«, von denen auch nie veröffentlicht wurde, welche Ausbildung sie befähigte, der armen Familie Hinrichs ernsthaft zu versichern, kackgelbe Holzvertäfelungen seien wieder schwer im Kommen, wurden abwegigste Designerfantasien umgesetzt. Bestätigt fühlte ich mich, als sich meine Vermutung in Form einer Homestory in der Elle Decoration verdichtete. Diesen Möchtegern Philippe Starcks mangelte es nicht, wie befürchtet, an Geschmack und Sachverstand, nein, die Fotostrecken ihrer eigenen Häuser und Wohnungen sahen genauso aus, wie Familie Hinrichs es sich eigentlich für ihr eigenes trautes Heim vorgestellt hatte, als sie sich für Tapeten runter bewarb. Nämlich geschmackvoll und ohne türkisfarbene Wände. »Puristisch« nannten die Designer ihren eigenen Wohnstil.

»Wenn man beruflich den ganzen Tag mit Formen und Farben zu tun hat, braucht man einen Rückzugsort, wo das Auge entspannen und zur Ruhe kommen kann«, so der Kommentar einer Fernsehdesignerin laut Bildunterschrift. Ja, das würde Familie Hinrichs mit neuerdings drei verschiedenen Knallbonbonfarben – auf den Wänden – das ehemals weiß gestrichene Wohnzimmer war von den Experten als trist und langweilig eingestuft worden – auch gern haben: einen Rückzugsort für das Auge.

»Atmen, hier kann ich nicht atmen!«, hatte Olivia, die Affektierteste und Grausamste des Dreiertrupps ausgerufen, während Familie Hinrichs schuldbewusst zu Boden geblickt hatte.

Ich war fest überzeugt, dass der Sender eine zweite Reihe mit dem Titel Architektenhaftung, und wie Sie an Ihren Schadensersatz kommen plante und Familie Hinrichs gleich doppelt gecastet wurde. Ich würde auf alle Fälle bei meinem langweiligen Beamtenweiß bleiben, da konnte meine Mutter mir noch so viel von der Aura einer Farbe erzählen.

»Hallo! Es hat geklingelt! Macht vielleicht mal jemand auf?«

Mein Vater, der mühsam meinen Schrank zusammenbaute, war immer noch nicht besser gelaunt, was zum einen an der zwangsweise körperlichen Ertüchtigung lag, vor allem aber an seinen nassen Haaren. Ächzend stand ich auf und öffnete.

»Leila! Das ist ja schön! Komm rein!«

Leila, meine neue unerschrockene Freundin, trat ein.

»Du hast ja Stuck und Dielen! Und Flügeltüren! Da sieht’s bei mir ein wenig anders aus. Ich habe aber auch selbst renoviert.«

War das jetzt gut oder schlecht?

Rudi hatte die Champagnerflasche und zwei Gläser besorgt, mehr war nicht ausgepackt.

»Dann wollen wir mal anstoßen. Leila bekommt das eine Glas, wir teilen uns das andere.«

Meine Eltern sahen den Champagner angewidert an. Wie konnte ich nur vergessen, dass sie nur selbst gepantschten ökologischen Rotwein tranken, dessen Trauben wenigstens von einem Paar nackter Hornhautfüße zertreten worden waren. Champagner war etwas für die Bourgeoisie, meine kapitalistischen Großeltern – und mich!

Immerhin waren sie keine Spielverderber, sondern stießen mit unserem Gemeinschaftsglas an und tranken sogar tatsächlich davon, was nicht wünschenswert war, denn besonders meine Mutter erzählte in beschwipstem Zustand gern Geschichten oder sprach mal offen Dinge an, die ihr schon länger auf der Zunge brannten.

»Was verschlägt dich nach Berlin?« Leila hatte ihr Glas ziemlich schnell geleert, wie ich mit Kennerblick sah.

»Ich fange am Montag bei der Phosphor als Ressortleiterin Film an. Außerdem leben mein Bruder und fast alle meine Freunde inzwischen hier. Und was machst du?«

»Ich bin Designerin und habe ’nen kleinen Laden nicht weit von hier, wo ich meine eigenen Sachen verkaufe.«

Eine Designerin. Wie praktisch! Ob es unverschämt war, nach Rabatt zu fragen?

»Du kannst auch Rabatt haben!« Leila grinste mich an. Hatte ich eben laut gedacht, sah ich derart gierig aus, oder war ich so einfach zu durchschauen? Leila musste telepathisch begabt sein.

Und auf alle Fälle konnte man mit ihr Spaß haben. Rudi dachte das ebenfalls, wenn er auch eine andere Art Spaß meinte als ich, wie ich unschwer an seinem »Du bekommst mich zwar nur für eine Nacht, aber an die wirst du für immer denken«-Blick erkennen konnte. Super, und ich durfte hinterher dann wieder die Taschentücher reichen und mir anhören, warum nur ich die Verständnisvolle in der Familie sei! Vorsichtshalber warf ich Rudi einen warnenden Blick zu, dem er aber geübt auswich.

»Mimi schläft schon fest, ich könnte kurz mit was trinken gehen. Wie wär’s im Wohnzimmer, das ist um die Ecke, dann lernst du gleich den Kiez kennen.«

Begeistert nickte ich. Weggehen klang gut, nach einem Tag zwischen Kisten und Treppenhaus.

»Na, dann wollen wir mal!«

Mein Vater zog sich ungefragt seine Straßenschuhe an. Wieso kam meinen Eltern nie in den Sinn, dass ihre Kinder und deren Altersgenossen unter sich bleiben wollten? Das Gefasel älterer Semester, dass Alter keine Rolle spiele und es nur auf die Einstellung ankäme, ignorierte die Tatsache, dass es durchaus einen Generationsunterschied gab. Ich fand es alles andere als normal, wenn meine Freunde auch die Freunde meiner Eltern waren. Da ich jedoch keinen Streit wollte, sagte ich nichts, denn schlimmer wurde es erst, wenn wir begannen, ein Thema auszudiskutieren. Das endete immer damit, dass ich aufgefordert wurde auszusprechen, was mich störe, und meine Eltern, wenn ich es tat, beleidigt waren.

Dann warfen sie sich beide diese viel sagenden »Also von mir hat sie das Spießige nicht«-Blicke zu, und Rudi musste wieder vermitteln.

Das Wohnzimmer war ein Lokal, wie der Name es vermuten ließ: gemütlich ungezwungen, und man fühlte sich sofort zu Hause. Jeder Raum war in einem anderen Stil eingerichtet, in einem gab es eine orangefarbene Küche aus den Siebzigern mit eierfarbenen Plastikstühlen, ein anderer war mit Kamin und plüschigen Sofas im Wiener Rokoko bestückt, und wieder ein anderer gab den Blick auf Lederkissen in den unterschiedlichsten Formen und Farben wieder. Das Licht war mal mehr, mal weniger gedimmt, die Geräuschkulisse nicht laut, aber angeregt, die Musik angenehm leise. Das Publikum altersmäßig durchwachsen, selbst meine Eltern wurden nicht schräg angeschaut, was meinen Vater sofort zu dem anerkennenden Kommentar »Toller Schuppen hier!« veranlasste.

Ich brauchte einen Drink, und zwar schnell.

»Wer möchte was trinken?«

Leila stand auf.

»Ich komm mit und helf dir die Getränke tragen«, bot sie sich an.

Obwohl mein Bruder sie fast schon hypnotisiert hatte, stand sie auf. Das rechnete ich ihr hoch an.

»Die machen hier gute Mai Thais. Magst du?«

Und ob ich mochte, auch noch nach der dritten Runde, als ich merkte, dass ich mich auf der bequemen Couch herumzulümmeln begann, weil ich so entspannt und nicht mehr Herr meiner Glieder war. Leila war allerdings auch gut dabei, sie hatte sich sogar schon den lustigen kleinen Papierschirm hinter die Ohren gesteckt und kicherte über alles und jeden. Meine Eltern saßen abseits, allerdings nicht weniger angetrunken, hatten ein diskussionswilliges schwules Pärchen als Opfer gefunden und waren glücklich, mal wieder ihre Toleranz gegenüber einer Randgruppe zur Schau stellen zu können.

Plötzlich zuckte Leila zusammen.

»Ich fass es nicht. Mein Ex!«

In der Tür stand ein gut aussehender Typ, ohne Frage, allerdings so sehr nach dem kleinen Szene-Einmaleins gestylt, dass er wie geleckt aussah. Im Schlepptau hatte er eine geklonte Leila.

Schlagartig setzte Leila sich auf. Ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, kamen ihr nicht die allerschönsten Erinnerungen an die Zeit mit dem »Szene-Berlin-Mitte-Exfreund« in den Sinn.

»Ist das Mimis Vater?«, wagte ich zu fragen.

Leila schüttelte energisch den Kopf.

»Nein, das ist Ole ›Ich brech die Herzen der stolzesten Frauen‹-Schmidt, das letzte egomanische Arschloch in meiner Sammlung. Fast ein halbes Jahr hat sich die Sache mit uns hingezogen nach altbewährtem Muster … Distanz, Nähe, Distanz. Und abschließend der obligatorische Satz: Leila, du bist wunderbar, eigentlich sogar perfekt. Du siehst hinreißend aus, bist intelligent, kreativ, lustig und aufregend! Aber irgendwas fehlt, damit ich dich lieben kann. Wenn ich nur wüsste, was!«

Leila bekam vor lauter Aufregung hektische Flecken im Gesicht.

»War der echt so übel?«, wunderte ich mich. So schlimm sah er auf den ersten Blick nun doch nicht aus.

Leila blickte mich aufgebracht an.

»Übel? Der hat vergessen, mit mir Schluss zu machen! Die Aussprache musste ich hinterher einfordern! Tagelang hab ich vergebens auf ein Lebenszeichen gewartet. Auch so eine Schwachsinnsidee, aber ich hatte gerade Regeln für Ihre Beziehung gelesen und Regel Nummer eins befolgt, die da lautet: ›Rufen Sie nie einen Mann von sich aus an!‹

Irgendwann war ich dem Wahnsinn ziemlich nahe und bin bei Ole vorbeigefahren.«

»Aber nicht Ole hat die Tür geöffnet, sondern ein Mädchen, das meine Zwillingsschwester hätte sein können.«

»Meinst du diesen Klon dort?«, fragte Rudi interessiert. Ich wollte lieber nicht wissen, welche Fantasien ihm im Kopf zu Leila und ihrem Klon herumspukten.

»Nee, das ist schon wieder ’ne Neue. Ich weiß nicht, wo er die immer findet; dass ich so alltäglich aussehe, wusste ich nicht, auf alle Fälle gibt’s mich mindestens noch zweimal in Berlin.«

»Alltäglich würde ich das nicht nennen. Einen guten Geschmack hat er ja. Das muss man ihm lassen!« Rudi pfiff anerkennend durch die Zähne.

Leila sah ihn missbilligend an und fuhr fort.

»Also auf alle Fälle stand dieses Mädel an der Tür und starrte mich entsetzt an. Eigentlich hätte ich sagen sollen:

›Nein, du bist nicht geklont worden, und wir sind auch keine von Geburt an getrennten siamesischen Zwillinge. Optisch scheint Ole ja zu wissen, was er will, jetzt sucht er wohl noch den passenden Charakter zum Model!‹

Stattdessen wartete ich, dumm wie ich war, tatsächlich ab, bis Ole sich zur Tür bequemte.«

Rudi hing an Leilas Lippen. Ich wollte nicht wissen, wie oft er sich in ähnlichen Situationen befunden hatte. Vielleicht hoffte er, von Leilas Ex etwas lernen zu können.

»Also, Ole sieht mich, schlägt sich die Hand vor den Kopf und ruft erschrocken:

›Mist, das hab ich total vergessen!‹

Ich frage:

›Was hast du vergessen?‹

›Na, dir zu sagen, dass ich Mia kennen gelernt habe und mit uns Schluss ist. Mann, das ist mir jetzt aber peinlich!‹

Wieso peinlich? War doch vollkommen in Ordnung, mir zu stecken, dass ich doch so bedeutungsvoll war, dass er vergessen hatte, mit mir Schluss zu machen! Und hey, wer konnte es ihm verdenken? Bei der Ähnlichkeit hat er wahrscheinlich gar nicht gemerkt, dass ich nicht die Neue war!«

Ich war baff! So etwas hatte ich wirklich noch nie gehört. Wenn das die Gepflogenheiten in Berlin waren, dann gute Nacht!

Bevor ich mich versah, steuerte Ole auf uns zu.

Abtauchen war zu spät, er stand schon vor uns und strahlte Leila an.

»Mensch Heike! Das ist ja schön, dich mal wieder zu sehen. Das ist doch jetzt bestimmt fünf Jahre her! Wie geht’s dir?«

Leila riss entsetzt die Augen auf. Nicht nur, dass das Herzblatt vergessen hatte, mit ihr Schluss zu machen, jetzt wusste er nicht mal mehr, wer sie war!

Schockgefroren überspielte Leila die Situation, so gut es ging. Wer war Heike, wo war Heike, und warum hatten Heike und Leila noch keine Selbsthilfegruppe gegründet?

Rudi schaltete schnell, legte seinen Arm um Leila und rief: »Du, Schatz, ich bin so müde, lass uns nach Hause gehen. Außerdem weißt du doch, dass ich es nicht mag, wenn du dich von Proleten ansprechen lässt!« Und schon zog er sie vom Tisch weg zur Tür und auf die Straße. Ich hinterher, nicht ohne unseren Eltern Bescheid zu sagen, die natürlich in ihr Gespräch vertieft waren und nichts von alledem mitbekommen hatten.

Leila und Rudi standen lachend da.

»Ha, hast du sein verdutztes Gesicht gesehen! Das tat gut. Danke!«

Leila war bester Laune, dank Rudi. Wenn jemand wusste, wie man mit Frauen umzugehen hatte, dann er.

»Mann, ich hab fast eine Stunde ’nen Parkplatz bei dir vorm Haus gesucht! Ich hab dir gleich gesagt, du sollst nicht in den Osten zu den anstrengenden Szeneheinis ziehen, und schon gar nicht an den funky Helmholtzplatz, da ist nie was frei!«

Meine beste Freundin Sarah. Wir hatten gemeinsam Abi gemacht, zusammen in München studiert, sie Medizin, ich Filmwissenschaften, und wohnten jetzt wieder in derselben Stadt.

»Danke für den herzlichen Empfang!«

Wir mussten lachen, und ihre Zornesfalte verschwand. Sie umarmte mich, trat ein und ließ den Blick schweifen.

»Na, dann wollen wir mal!«

Sarah packte Plastikhandschuhe und allerlei Putzutensilien aus.

»Sag nicht, dass du zum Putzen gekommen bist?«

Sarah streckte mir ein zweites Paar Handschuhe entgegen.

»Klar, oder willst du mir sagen, dass du das schon mit deinen Eltern gemacht hast? Die haben bestimmt wieder nur Wünschelruten ausgepackt, damit das Töchterlein auf keiner Wasserader schläft, und sind dann abgerauscht.«

Sarah kannte meine Eltern seit dem Gymnasium.

»Nee, ausgeräuchert haben wir diesmal, weil hier angeblich ein schräger Typ gewohnt hat.«

Sarah nickte wissend.

»Siehste! Und woher wisst ihr das mit dem Typen?«

»Von Leila. Wohnt unter mir. Sehr sympathisch und leider auch gut aussehend. Sie ist Rudi schon über den Weg gelaufen.«

Sarah musste ich nicht erklären, was das bedeutete. Sie kannte Rudi seit der Schulzeit. Außerdem war Sarah das einzige nicht mit ihm verwandte weibliche Wesen, das gegen seine Ausstrahlung immun war.

»Mann, Mann, Mann. Kann man nur hoffen, dass Leila nicht labil ist. Sonst liegt sie demnächst vor deiner Wohnungstür.«

Sarah spielte auf Tina Wertheim an, die sich vor einigen Jahren in den Kopf gesetzt hatte, Rudi sesshaft und monogam zu machen, und zwar mit allen Mitteln. Erst hatte Tina es mit der »Aufreizenden Unterwäsche, Sex zu jeder Zeit und an allen Orten«-Nummer versucht, dann mit der »Ich mache mich unersetzbar, koche, wasche und erledige deine Steuererklärung«-Variante. Als das nicht zog, setzte sie auf Eifersucht, zu der sich Tina Rudis besten Freund Lars auserkoren hatte. Wie Jungs so sind, sprachen sie sich ab, und da Rudi nicht kleinlich war und Lars auch etwas gönnte, denn ungeschickt stellte sich Tina im Bett anscheinend nicht an, hatte Lars viel Spaß mit Rudis Segen. Nur Tina hatte sich das anders vorgestellt, und so zog sie den letzten Trumpf, um Rudi gefügig zu machen. Sie schluckte zwei Schlaftabletten, drapierte sich theatralisch in unserer Auffahrt und hinterließ einen Abschiedsbrief. Mit roter Tinte! Darin durfte Rudi lesen, dass er ihr junges Leben zerstört habe, sie ihm zwar keine Vorwürfe mache, aber weiterleben könne sie so auch nicht mehr, denn ihren Glauben an die Männer habe er ihr für immer zerstört. Sie wünsche ihm ein schönes Leben und er solle nicht allzu sehr an sie denken, was Rudi dann auch nicht mehr tat, denn die Aktion war eher beängstigend gewesen. Er kümmerte sich so lange um Tina, bis sie einen Therapeuten gefunden hatte, denn dass es der Guten wirklich schlecht ging, hatte selbst Rudi bemerkt.

Meine Mutter, die sich für alles und jeden verantwortlich fühlt und gern das Wort »Kollektivschuld« benutzt, mussten wir davon abhalten, Tina in eine ihrer Frauengruppen aufzunehmen.

»Ich fang mal mit der Küche an!« Sarah war in ihrem Element. Putzen gehörte zu ihren Lieblingsbeschäftigungen, ich hegte den Verdacht, dass sie gern an den high machenden Mitteln schnüffelte; auf alle Fälle konnte man bei Sarah jederzeit alle Schubladen und Schränke öffnen: Es blitzte selbst in der hintersten Ecke geradezu unnatürlich. Warum zogen Zwangsputzer nicht mit Messies in eine WG? Da wäre beiden Seiten geholfen.

»Wann sind denn deine Eltern gefahren?«, rief Sarah aus der Küche.

»Heute Morgen. Sie wollten den Sonntag nutzen, um sich zum Trommeln zu treffen. Sie lassen dich übrigens grüßen und haben angedroht, bald wieder vorbeizukommen, von Dehling ist es ja nicht so weit nach Berlin.«

»Sag mal, hat Ben sich schon gemeldet?«

Für einen kurzen Moment krampfte sich mein Magen zusammen.

»Nee, du kennst doch Ben. Der macht nie, was man von ihm erwartet. Der tut nur, wozu er Lust hat.«

Ben war ein gemeinsamer Freund, eigentlich Rudis bester Freund. Sie waren in einem Jahrgang gewesen, und ab der fünften Klasse hatte ich für ihn geschwärmt, später war ich phasenweise heftig in ihn verliebt gewesen, auch weil er immer so unnahbar und geheimnisvoll war. Das war er zwar immer noch, aber inzwischen hatte er eine ziemlich gut aussehende, wenn auch völlig hohle Freundin. Sie war um einiges jünger, Anfang zwanzig, und studierte im vierten Semester BWL. Sarah musste auch an sie gedacht haben, denn sie rief:

»Oder darf er dich nicht besuchen, weil sein Häschen Liv was dagegen hat? Es will mir einfach nicht in den Kopf, was jemand wie Ben, der wirklich was draufhat, mit diesem Einzeller macht!«

»Echo« wäre ein passender Spitzname, denn Liv, die vor Ben zur Meinungsbildung höchstens in der Vogue geblättert hatte, Kuck mal wer da spricht 2 als Lieblingsfilm angab und Blue als die prägende Band der letzten Jahre bezeichnete, sprach plötzlich über Adorno, hörte Tom Waits und ging nur noch in untertitelte Kinofilme.

»Die muss ’ne Granate im Bett sein, anders kann ich mir das nicht erklären!«, hörte ich Sarah dumpf weitersprechen, was daran lag, dass ihr Kopf gerade im Backofen steckte, dessen Ecken sie mal gründlich reinigen wollte.

»Selbst wenn. Wie erträgt er sie die restliche Zeit? Ich bekomme schon Kopfweh, wenn ich ihr einen Abend lang zuhören muss, und so gut kann jemand gar nicht aussehen, um das wettzumachen.«

Vor allem, wenn man ein so kluger Kopf wie Ben war, der als Berater von hochrangigen so genannten Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft Reden und Vorträge schrieb und einen Lehrauftrag für Philosophie an der Uni hatte.

»Bist du immer noch eifersüchtig, Gretchen? Ich sage nur: Abiball!«

Wenn es ein Ereignis gab, an das ich nicht erinnert werden wollte, dann an meinen peinlichen Auftritt beim Abiball. Angetrunken und im festen Glauben, nichts verlieren zu können, hatte ich Ben an seinem Abiball meine Liebe gestanden, nur um feststellen zu müssen, dass man immer etwas verlieren kann, und wenn es nur die Würde ist. Wir hatten am Rand der Tanzfläche gestanden, es lief Perfect Day von Lou Reed, was ich in meinem angetrunkenen Zustand als Wink des Schicksals gedeutet hatte. Tja, wenn ich geahnt hätte, dass dieses Lied Drogen und nicht der Liebe gewidmet ist, wäre ich vielleicht gewarnt gewesen.

Bis heute konnte ich mich an jedes Wort erinnern. Meinen ganzen Mut hatte ich zusammengenommen für diesen Satz: »Ben, ich muss dir was sagen … Ich bin in dich verliebt, und zwar, seit ich denken kann.«

Keine Ahnung, welche Reaktion ich erwartet hatte, aber die folgende garantiert nicht.

Er sah mich mit seinen dunklen, undurchsichtigen Augen an und antwortete einfach nur: »Ich weiß.«

Schweigen. Ich wartete auf »Ich auch in dich«, »Ich aber nicht in dich«, doch stattdessen küsste er mich auf die Stirn, murmelte, »Lass uns besser nichts ändern« und ging.

Rudi erzählte mir am nächsten Morgen, nach einer für mich endlosen schlaflosen Nacht, dass Ben sich so betrunken hatte wie noch nie und mit meiner Englischreferendarin öffentlich rumgeknutscht hatte, was im Übrigen einen ziemlichen Skandal auslöste.

Damit war das Thema vorerst erledigt gewesen. Wie sehr hatte ich gelitten! Ich konnte wochenlang kaum etwas essen, weinte mich Abend für Abend in den Schlaf und brachte Rudis und Bens Freundschaft beinahe auseinander, weil Rudi nicht mit ansehen konnte, wie seine kleine Schwester wegen eines Typen so leiden musste, der ausgerechnet auch noch sein bester Freund war. Ich glaube, er fühlte sich verantwortlich. Natürlich hatte ich danach immer wieder einen Freund gehabt, was mich aber nie davon abgehalten hatte, weiterhin in Ben verliebt zu sein. Wenn ich ehrlich war, scheiterten meine Beziehungen letztlich immer daran, dass ich alle anderen Jungs mit Ben verglich. Das Schlimmste an der Sache beim Abiball war, dass ich mir so sicher gewesen war, dass Ben meine Gefühle erwiderte. Die Art, wie er mich ansah, die Zeit, die er mit mir verbrachte, der Humor und die Liebe für Musik, Kino und Bücher, die uns verband. Es dauerte lange, bis ich wieder einen normalen Umgang mit Ben hatte, und inzwischen waren wir sogar wieder befreundet, aber uns ausgesprochen oder meine Liebesbeichte thematisiert hatten wir nie.

»Sarah, das ist ewig her, und ich bin so was von drüber weg! Wie du weißt, hatte ich inzwischen auch andere Freunde.«

Von denen keiner an Ben herangereicht hatte, aber das würde ich nie zugeben, außerdem: Was blieb einem anderes übrig, wenn sich langsam, aber sicher die Kinderfrage stellte und endlich der richtige Mann gefunden werden musste.

»Erinnere mich bloß nicht an diese Langweiler. Ich versteh nicht, warum du abgesehen von Ben auf so konservative, brave Typen stehst!« Sarah schüttelte den Kopf. Mein Faible für spießige Juristen und Arztsöhne war ihr vollkommen schleierhaft. Die Diskussion führten wir nicht zum ersten Mal, und meine Verteidigung war auch nicht neu.

»Das ist nicht fair. Wenn du aus einem so gestörten Elternhaus wie ich kommen würdest, hättest du auch alles, was normal ist, prickelnd gefunden. ’nen Spießerfreund mit Bausparvertrag zu präsentieren war eben meine Art der Rebellion, und was meinst du, warum ich mit dir befreundet bin?«, spottete ich.

Sarah ging mit dem verdreckten Putzlappen auf mich los.

»Na warte, wenn ich dich zu fassen bekomme, du kleines undankbares Hippieluder. Was ich deinetwegen an Diskussionen mit meinen Eltern durchgemacht habe, wenn ich von euch nach Hause kam und mal wieder nach Gras gerochen habe, weil deine Eltern gekifft hatten!«

Kichernd ließen wir uns auf das mittlerweile ausgepackte Sofa fallen. Sie stieß mich in die Seite.

»Sag, hab ich dir schon gesagt, wie glücklich ich bin, dass wir wieder in derselben Stadt wohnen?«

»Nicht direkt, aber ich bin auch froh. Wenn’s jetzt noch mit dem neuen Job gut läuft, bin ich wunschlos glücklich.«

Sarah legte einen Arm um mich.

»Wann geht’s denn los am Montag?«

»Um halb zehn.«

Sie sah mich neidisch an.

»Du hast es gut. Ich werde an dich denken, wenn ich als brave Ärztin im Dienste der Menschheit ab sieben Uhr früh meine Schicht im Krankenhaus absolviere.«

Ich war kurz davor durchzudrehen! Wieso musste ich ausgerechnet heute meine Tage bekommen, und zwar mit allem, was dazugehört? Schweißausbrüchen, einem Pickel am Kinn und dem obligatorischen Blähbauch, was sich hervorragend traf, denn ich hatte extra eine ziemlich sexy, aber enge Jeans für den ersten Arbeitstag gekauft, die ich mit Blähbauch nicht zubekam, sodass ich den obersten Knopf offen lassen musste. Konnte ich nur hoffen, dass das Oberteil lang genug war und meinen Bauch verdeckte und eventuelle Fragen wie »Sind Sie etwa schwanger?« gar nicht erst aufkommen ließ. Gegen die Schmerzen hatte ich vorsorglich gleich zwei Buscopan eingeschmissen. Nur kein Risiko eingehen heute! Meine aufwändig gestylte Frisur konnte ich getrost vergessen, die hielt heute garantiert nicht. Also Pferdeschwanz.

Der Pickel ließ sich nicht vollständig abdecken, und wie ich so vor meinem gnadenlosen Vergrößerungsspiegel stand und die Mischung aus sich immer deutlicher abzeichnenden Fältchen um die Augen und einem erbsengroßen Pickel betrachtete, dachte ich, dass die Welt alles andere als gerecht war. Da steuerte man auf die Menopause zu und züchtete Eiterpickel wie ’ne Dreizehnjährige!

Wenig später kreiste ich zu allem Übel schon die vierte Runde um das Redaktionsgebäude auf der Suche nach, wie könnte es in Berlin auch anders sein, einem Parkplatz! Ich schaute auf die Uhr: Mist, ich war bereits fünf Minuten zu spät! In einem verzweifelten Anfall stellte ich den Wagen kurzerhand in der zweiten Reihe ab. Da in Berlin ja angeblich alles billiger war, hoffte ich, dass das für Abschleppkosten ebenso galt.

Mit hektischen roten Flecken im Gesicht und einem feinen Schweißfilm um den Mund stürmte ich das Treppenhaus des sanierten Altbaus hinauf. Eine Woche lang über mein Outfit und den damit verbundenen ersten Eindruck zu sinnieren hätte ich mir sparen können.

Zum Glück kannte ich den Weg noch vom Einstellungsgespräch, damals war ich pünktlich, wenn auch mit den gleichen roten Flecken im Gesicht, bei Feline Wagenknecht, Verlagschefin und Mitherausgeberin von Phosphor, eingelaufen.

Die Redaktion lag im zweiten Stock des Hauses.

Außer Puste stieß ich die Tür auf, hinter der sich drei Kolleginnen, wie ich annahm, versammelt hatten und mich neugierig ansahen.

»Hallo, ich bin Gretchen!« Ich lächelte so einnehmend ich konnte, während ich nach Luft schnappte und mir die Stirn abwischte.

»Die Neue!«

Dieser nicht nett klingende Kommentar war, wenn ich es richtig einstufte, auch nicht nett gemeint.

Er kam von der großen Dunkelhaarigen, Mitte dreißig, die mich von Kopf bis Fuß abschätzig musterte.

Sie hatte etwas vom Typ höhere Tochter, und es würde mich nicht wundern, wenn sie Chiara Ohoven und einen Nerzmantel zu ihren besten Freunden zählte, mit denen sie gemeinsam bei Charitys Reden auf die Rettung unseres wunderschönen blauen Planeten halten konnte. Der schnippische Zug um den Mund machte sie nicht wirklich hübscher, wenn auch das Gesicht makellos war und bestimmt nur mit La-Prairie-Produkten Bekanntschaft gemacht hatte.

»Na, wenn die so arbeitet, wie sie pünktlich ist, gute Nacht.« Sprach’s und rauschte ab.

Verdutzt blickte ich ihr hinterher.

»Ja, Diane hast du jetzt kennen gelernt. Die ist eigentlich immer so, wie sie gerade war. Wir nennen sie Rittmeister, weil sie gern diesen Ton draufhat und Befehle austeilt, auch an Kollegen, die auf einer Stufe mit ihr stehen. Nur damit du schon mal gewarnt bist. Ich bin übrigens Marion, und das ist Michi.« Marion war mir auf Anhieb sympathisch, sie hatte eine offene, natürliche Art, und Michi schien auch nett zu sein. Etwas schüchtern und blass vielleicht, aber durchaus freundlich. Wenn zwei von dreien nett waren, war das doch ein guter Schnitt, sprach ich mir Mut zu. Marion, die eher der sportliche, athletische Typ war und zu den wenigen Frauen gehörte, denen eine dunkle Kurzhaarfrisur stand, nahm sich meiner an.

»Pass bloß auf! Rittmeister Diane arbeitet auch erst seit vier Wochen hier, tritt aber schon auf, als ob ihr die Firma gehörte. Übrigens, ich hab was für deinen Einstand in der Küche vorbereitet.«

Eine Prügelgasse fürs Zuspätkommen?

Nein, zu meiner Freude stand da ein Tablett mit Sektgläsern.

»Eigentlich wollten wir später alle gemeinsam anstoßen, aber ich glaube, so ’nen kleinen Schluck, um Dianes Bekanntschaft zu verdauen, können wir uns schon gönnen!« Marion kicherte, und ich stimmte nur zu gern zu.

Konnte mir nicht schaden, etwas lockerer zu werden, auch wenn jeder Business-Knigge von Alkohol in dieser Situation bestimmt abgeraten hätte. Spielverderber.

»Also, willkommen Gretchen!« Wir stießen an.

Kaum hatte ich das Glas geleert, fielen mir siedend heiß die beiden Buscopan-Tabletten ein, die soeben begonnen hatten, ihre Wirkung zu entfalten.

Wie konnte man so unvorsichtig sein! Das Ergebnis dieser Kombination kannte ich leider schon. Schon einmal war mir dieser Anfängerfehler passiert, und seitdem wusste ich, was Auf-Watte-Gehen hieß und wie man sich selbst in Zeitlupe beobachten konnte. Wo gab es hier Kaffee?!

»Ich bring dich schnell an deinen Platz, da kannst du deine Sachen ablegen, und dann würde Clemens Vogelmann dich gerne kennen lernen.«

Clemens war der neue Chefredakteur, von dem Feline Wagenknecht erzählt hatte und der »den Karren« wieder aus dem Dreck ziehen sollte. Feline hatte nach zwei erfolglosen Jahren mehr oder weniger das ganze Team ausgewechselt, und wir waren die neuen Besen, die jetzt bitte auch gut kehren mussten. Hoffentlich konnte man gut mit Clemens Vogelmann arbeiten, und hoffentlich hielt er mich nicht für zurückgeblieben, denn ich spürte deutlich, wie die Wechselwirkung der Tabletten mit dem Sekt einsetzte.

Meinen Arbeitsplatz hatte ich schon beim letzten Mal gesehen. Ich teilte mir das Büro den Fotos nach mit Michi. Der Raum war großzügig geschnitten, mit altem Fischgrätenparkett ausgelegt, Stuckdecken und Flügeltüren und einem großen Fenster mit Blick auf den begrünten Hinterhof. Ja, das war der Vorteil an Berlin. Solche Häuser gab es hier zuhauf, und man musste sich nicht gleich verschulden, um die Miete bezahlen zu können.

Ich stellte meine Tasche an meinem Platz ab und hätte mir jetzt gern etwas Wasser ins Gesicht gespritzt oder den Puls gekühlt, aber mir blieb keine Zeit, denn Marion zog mich auch schon hinaus auf den Flur und zwei Türen weiter, klopfte an, steckte kurz den Kopf ins Büro von Clemens Vogelmann und sagte: »Gretchen wäre dann so weit.« Schließlich schob sie mich hinein und überließ mich meinem Schicksal.

Mist, ich war null vorbereitet, meine Zunge fühlte sich schwer an, und meine Augen waren auf halbmast. Wenn er nur ein wenig Erfahrung mit Tablettenabhängigen hatte, würde ein Blick in mein Gesicht genügen.

Clemens stand mit dem Rücken zu mir am Fenster und schien etwas Interessantes auf der Straße zu beobachten. Schön, hoffentlich blieb er so stehen. Was ich von ihm sehen konnte, war viel versprechend. Groß gewachsen, leicht welliges, braunes Haar, seine Klamotten eine Mischung aus englischem Landgrafen- und Berliner Chic, ein wohlhabender Intellektueller dem Anschein nach. Von hinten würde ich ihn auf Ende dreißig schätzen.

Ohne seinen Blick vom Fenster abzuwenden, fragte er mich unverhofft: »Wann warst du zum ersten Mal im Kino, und woran erinnerst du dich, Gretchen?«

Seine Stimme klang angenehm dunkel, auch wenn ich es befremdlich fand, dass er noch immer keine Anstalten machte, sich umzudrehen, und mit dieser Frage das Gespräch eröffnete. An das Duzen in der Branche hatte ich mich gewöhnt. Nicht, dass ich etwas dagegen hatte, im Gegenteil, ich zuckte trotz meiner dreiunddreißig Jahre zusammen, wenn mich jemand Frau Fingerhut nannte, und sah mich spontan um, ob nicht zufällig meine Mutter in der Nähe war. Aber dass man auch Chefs, gleichgültig wie alt und in welcher Position, duzen durfte, fand ich immer noch bemerkenswert. Ich konzentrierte mich, um meine Zunge unter Kontrolle zu halten, und beantwortete seine Frage.

»Mein erster Film war E. T. Meine Großeltern hatten, gegen den Protest meiner Eltern, meinen Bruder und mich mit ins Kino genommen. Ich war kaum schwer genug, um den Klappsessel unten zu halten, aber allein, dass es Popcorn und Cola gab, war schon super, weil das Teufelszeug zu Hause strikt verboten war. Ich kann mich nicht mehr an jede Szene erinnern, auf alle Fälle war ich fasziniert von diesem Film, wollte so aussehen wie Drew Barrymore und konnte wochenlang von nichts anderem sprechen und träumen – sehr zum Leidwesen meiner Eltern, die höchstens Michel aus Lönneberga als adäquaten Film für Kinder durchgehen ließen.«

Mann, was erzählte ich da? Meine Familiengeschichte interessierte ihn wohl kaum. Aber wieso fragte er mich nicht einfach, wie ich gedachte, meinen Job zu machen? Und wieso war es hier so warm?

»Welchen Oscar-ausgezeichneten Film hältst du für komplett überbewertet und warum?«

Hä? Was wurde das denn? Na gut, er ist der Chef, also antwortete ich lieber mal.

»Chicago. Wer behauptet, Richard Gere könne singen, lügt. Und diese Pseudo-Beweihräucherung Hollywoods fand ich einfach lächerlich und nicht gelungen.«

Ob er meine Antworten gut fand, konnte ich nicht erkennen, er kommentierte sie nicht – und daran, sich umzudrehen, dachte er immer noch nicht. Wer weiß, vielleicht hatte er auch seine Tage und gleich vier fiese Pickel mitten auf der Nase.

»Wann hast du das letzte Mal im Kino geweint?«

Kam jetzt die Psychotour, auf die ich schlau reagieren musste? Aber wie? »Ich weine nie«, lag mir auf der Zunge, aber nee, mit dieser Antwort würde ich womöglich als Serienmörderin eingestuft.

Obwohl ich es seltsam fand, dass Clemens mich nicht ansah, während er mit mir sprach, hatte ich das Gefühl, dass er mir genau zuhörte. Ich entschied mich, wahrheitsgetreu zu antworten.

»Geweint? Gute Frage, ich weine schon, wenn mir eine Grünpflanze eingeht, nur mal so als Maßstab. Also generell weine ich sehr inflationär, aber das letzte Mal so richtig geweint habe ich bei Sturm

Er drehte sich um, und nein, er hatte keine Pickel und auch keine Hasenscharte! Im Gegenteil. Ich blickte in ein Paar blitzende hellgraue Augen! Er sah viel zu gut aus, um einen Job zu haben, der Intellekt erforderte. Man stelle sich einen jungen Ulrich Wickert vor, allerdings mit dem Charme und der Leichtigkeit eines Hugh Grant! Das nannte ich Verschwendung und unfair den viel zu dünnen, blassen Jungs gegenüber, die allein mit Geist bei den Mädchen punkten müssen.

»Ich bin gleich wieder da!« Sprach’s und verließ das Büro.

Äh? Okay, vielleicht war ich noch nicht gut genug, was Gedankenlesen anging, vielleicht rief er auch nur bei der Betty Ford Klinik an, um mich auf Entzug zu schicken.

Wenigstens konnte ich mich jetzt in aller Ruhe in seinem Büro umsehen. An der Wand hinter seinem Schreibtisch hatte er ein Spruchband aufgehängt, auf dem stand: »Don’t let yourself get attached to anything you are not willing to walk out on in thirty seconds flat if you feel the heat around the corner.« In der deutschen Synchro war der legendäre Satz mit den Worten wiedergegeben: »Binde dich an nichts, was du nicht innerhalb von dreißig Sekunden loswerden kannst!« Verkürzt und verhunzt nach meiner Meinung.

Ein Satz aus Heat, und zwar von Robert de Niro. Typisch Männer! Warum fanden die alles, was De Niro machte, so toll? Würde mich nicht wundern, wenn Clemens auch eine dieser mäßigen Paten-Imitationen auf Lager hatte.

Noch einmal las ich das Filmzitat an der Wand. Was sagten uns diese Zeilen? Dass man Single bleiben sollte? Frei und ungebunden?

Warum hängte sich ein erwachsener Mann diesen Spruch an die Wand? Weil er nicht über das emotionale Stadium der Pubertät hinweggekommen war? Oder dienten die Zeilen als Abschreckung für alle Frauen, die ihn festnageln wollten?

Clemens Vogelmann musste Single sein, hoffte ich plötzlich und vergaß für einen kurzen Moment, dass es sich um meinen neuen Chef handelte, wenn auch um einen unverschämt gut aussehenden Chef.

An einer Pinnwand hingen Fotos, die ihn bei verschiedenen Filmpremieren und Konzerten zeigten, auf dem Schreibtisch stapelten sich Bücher, CDs und DVDs. Für Notizen benutzte er ein Moleskine-Notizbuch und einen Montblanc-Füller. Ansonsten gab es nicht viel zu entdecken. Gut, er hatte auch erst vor kurzem hier angefangen.

»Wo waren wir stehen geblieben?«, fragte er unvermittelt. Clemens stand hinter mir und verursachte eine Gänsehaut in meinem Nacken. Sollte ich mich umdrehen, oder wollte er in Ruhe meine Schuppen bewundern? Vielleicht hatte er auch Angst, ich könnte plötzlich umkippen, und wollte mich auffangen. Eigentlich sehr fürsorglich.

»Wann ich das letzte Mal im Kino geweint habe …«

»Stimmt. Übrigens, mach dir keine Sorgen wegen deines Autos. Ich habe Marion gebeten, schnell runterzugehen und mit dem Abschleppdienst zu sprechen. Sie holt deinen Schlüssel und fährt es weg.«

Wie, was? Ach, das hatte er am Fenster beobachtet. Wie sich der Abschleppdienst an meinem Auto zu schaffen machte. Wie aufmerksam und fürsorglich, ein wahrer Gentleman.

»Äh, danke«, stammelte ich.

Endlich ging er zu seinem Schreibtisch und setzte sich mir gegenüber. Er sah nicht nur gut aus, sondern war zweifelsohne auch sehr interessant. Sein Blick war lebendig, hellwach, und die Art, wie er sprach und zuhörte, intensiv!

»Ich habe dich beobachtet. Ich mag es, wie du kurz entschlossen zweite Reihe geparkt hast, um rechtzeitig hier zu sein. Auch, wie du reingestürmt bist, zeigt mir, dass du mit dem Herzen dabei bist. Ich freue mich, dich im Team zu haben. Wir sehen uns gleich in der Konferenz.«

Damit war ich wohl entlassen. Langsam aufstehen, zügig zur Tür gehen und nur nicht einsacken!

Ich ging in mein Büro.

Michi sah mich erwartungsvoll an.

»Und wie war’s?«

»Interessant! Ich glaube, es wird Spaß machen, mit ihm zu arbeiten.«

Michi nickte heftig.

»Ja, nicht? Clemens ist toll!«

Sie war offensichtlich in ihn verknallt.

Michi war klein und zierlich, fast mager, hatte große blaue Kinderaugen, die sie beim Sprechen mehr als nötig aufriss, und zog die Schultern hoch, als ob sie sich vor jemandem verstecken oder ducken wollte.

»Allerdings verstehe ich nicht, was ein so toller Mann an Diane finden konnte!«

Ich sah sie fragend an.

»Na, angeblich hatten die beiden was miteinander. Clemens hat eine Einstandsparty gegeben, außer uns beiden haben ja alle schon vor ’nem Monat angefangen, und auf der Party hat Diane die Gunst der Stunde ergriffen und sich an den nicht mehr nüchternen Clemens rangemacht. Angeblich mit Erfolg, zumindest hat das Diane behauptet, aber Clemens war das Ganze wohl eher unangenehm, und er hat es sofort beendet. Aber Diane meint wohl immer noch, dass sie ihn irgendwann rumkriegt, und sieht jede weibliche Kollegin als Konkurrenz, vor allem die gutaussehenden. Du musst dich also nicht wundern, dass sie so unfreundlich zu dir war. Nimm es als Kompliment!«

Das fing ja heiter an! Wenigstens mochte ich Michi gut leiden. Sie hatte sofort meinen Beschützerinstinkt angesprochen, obwohl sie maximal zwei Jahre jünger war als ich.

Michi erklärte mir, dass sie für die Literatur zuständig sei, der Rittmeister Diane für Musik. Marion war Clemens’ Assistentin, und ansonsten wimmelte es von Volontärinnen, Praktikantinnen und freien Mitarbeiterinnen, die immer wieder reinschneiten, um Themen und Artikel durchzusprechen. Ein leichter Frauenüberschuss war zwar üblich in unserem Metier, aber bei Phosphor schien er mir extrem hoch, was vor allem daran liegen mochte, dass Feline, die Chefin, viel von Frauen hielt.

Ob das allerdings mit diesem Prachtexemplar von Chef gut ging? Mich beschlich das Gefühl, dass Clemens zu der seltenen Sorte Männer gehörte, um die sich alle Frauen, und nicht nur Diane, im Ernstfall auch schlugen, selbst wenn es sich um den Chef handelte – oder gerade weil …

Ich hatte meinen Laptop noch nicht angeschaltet, als Marion auch schon zur Konferenz zusammentrommelte.

»Kommt ihr bitte.«

Wir folgten Marion in den Konferenzraum, dessen moderne Möbel sich gut vom Altbauambiente und dem knorrigen Parkett abhoben. Sehr geschmackvoll, wie die gesamte Einrichtung im Haus.

Marion hatte Getränke bereitgestellt und blieb, um Protokoll zu führen.

Unauffällig schüttete ich in kürzester Zeit zwei Tassen Kaffee hinunter – schwarz. Gerade rechtzeitig, denn Clemens ließ nicht lange auf sich warten und begrüßte uns schon im nächsten Moment freudestrahlend mit einem warmen, wachen Lächeln, bei dem ich das Gefühl hatte, persönlich gemeint zu sein. Aufmerksam beobachtete ich ihn und versuchte herauszufinden, wie er sich Diane gegenüber verhielt. Mir fiel nichts Besonderes auf. Womöglich war das doch nur ein Gerücht gewesen, mit dem sich Diane hatte wichtig machen wollen.

»Schön, jetzt sind wir vollzählig. Wie ihr wisst, habe ich markt:schau gegründet, war danach für einen öffentlich-rechtlichen Sender jahrelang in Paris und New York als Korrespondent und bin von Feline Wagenknecht mit der Aufgabe betraut worden, Phosphor mit eurer Hilfe zum führenden Kulturmagazin in der Altersgruppe achtzehn bis fünfundvierzig zu machen. Gretchen habt ihr bestimmt schon kennen gelernt. Sie wird für Kino und DVDs zuständig sein, war vorher bei der Cinema und Film ab. Diane, unsere Fachfrau für Musik, arbeitete bei verschiedenen Labels und Konzertagenturen, hat ein Volontariat beim Rolling Stone gemacht und bei Duett gearbeitet. Michi, promovierte Germanistin, ist für die Literatur zuständig und war jahrelang bei der Neuen Zürcher Zeitung. Wie ihr seht, sind wir eine hochkarätige Truppe, und dementsprechend viel wird auch von uns erwartet.«

Ich staunte nicht schlecht. Das war wirklich eine gute Besetzung, zumindest den Namen der Medien nach zu urteilen, für die wir alle bisher gearbeitet hatten. Lediglich die Vorstellung, dass Michi promoviert hatte und eine »Frau Doktor« war, fand ich eher lustig. Das passte überhaupt nicht zu ihrem scheuen Wesen.

Mich wunderte, dass Diane Vollzeit arbeitete und anscheinend auch gut war. Frauen wie sie studierten Kunstgeschichte höchstens zum Zeitvertreib und um sich bei Galadiners nicht zu blamieren. Wir hatten ganze Heerscharen blondierter, strassbesetzter Düsseldorfer Wohltätigkeitstöchter an der Uni gehabt, die meistens schon vor ihrem Abschluss verheiratet wurden und das Studium erst mal aussetzten, um eine einjährige Flitterwochenweltreise anzutreten.

Clemens ging zum Fenster, hielt inne und sah minutenlang hinaus. Mein Auto konnte diesmal nicht der Grund sein, es war wohl eine Masche oder eben seine Art nachzudenken.

»Habt ihr die letzten Phosphor-Ausgaben gelesen?«

Alle nickten gleichzeitig.

»Wie fandet ihr sie? Diane?«

Diane machte ein angewidertes Gesicht, was gut zu ihrer gesamten Erscheinung passte. Ungefähr so musste sie dreinblicken, wenn ein Kellner wagte, ihr Lachskaviar anstatt Beluga unter die Nase zu halten.

»Sterbenslangweiliges Geseiere und keine Ahnung von guter Musik!«

»Michi? Wie war der Literaturteil?«

Michi zuckte zusammen und antwortete mit dünner Stimme: »Also, ich möchte den Vorgänger nicht schlecht machen, jeder hat ja seine eigene Art, Bücher zu behandeln, aber ich fand es nicht sehr ansprechend.«

»Selbstverliebtes Lamentieren war das«, warf Diane ein, die Frau für klare Worte, wie man schnell merkte. Den scharfen Ton lernte man sicher im jahrelangen Umgang mit den Bediensteten.

»Gretchen, wie sah es im Filmbereich aus?«

Clemens sah mich interessiert an. Dieser Blick!, fuhr es mir durch den Kopf. Dann fasste ich mich wieder.

»Die Filme waren zu spezifisch ausgewählt und viel zu ausführlich beschrieben. Ich hatte nach den meisten Rezensionen keine Lust mehr, den Film zu sehen, weil ich das Gefühl hatte, jede Szene schon zu kennen. Außerdem fehlte mir die Begeisterung, die Artikel waren mit viel zu vielen Fachtermini gespickt, was vielleicht für Freaks spannend ist, aber nicht für den gebildeten Durchschnittsmitteleuropäer.«

Clemens nickte und fuhr sich durch die Haare. Eine Geste, die ihm ausgezeichnet stand und sein dichtes Haar betonte.

»Ihr habt genau erkannt, woran es liegt. Ich denke, wir müssen keinem Leser beweisen, dass wir studiert haben und wissen, dass man Rhythmus mit ›th‹ schreibt und Molière kein französisches Mineralwasser ist. Dieses selbstverliebte pseudointellektuelle Getue, um sich selbst einen Altar zu schaffen, ist der Anfang vom Untergang. Schließlich wollen wir den Leser ja gerade ins Kino bekommen, ihn auf ein Buch neugierig machen oder mal wieder zum Kauf einer CD animieren.

Bono von U2 sagt, man ist dann alt, wenn man sich nicht mehr für neue Musik begeistern kann und nur noch Songs aus der Vergangenheit hört. Diane, ich erwarte von dir, dem Leser klar zu machen, dass neue Musik auch für seine Entwicklung wichtig ist, wenn er nicht stehen bleiben will, und sie ihn bereichern wird.«

Diane nickte zustimmend.

»Michi, ein Buch muss unterhalten! Wenn du dich durchquälst, wird das dem Leser nicht anders ergehen, also sag ihm ehrlich, was ihn erwartet.«

Michi strahlte.

»Gretchen, ich habe dich vorhin nicht umsonst gefragt, wann du das letzte Mal im Kino geweint hast, denn das Letzte, was ich will, ist jemanden fürs Filmressort, der so viele Filme konsumiert hat, dass er längst abgestumpft ist und keine Emotionen mehr hat. Ihr müsst Begeisterung nahe bringen, ohne die Leute zu belehren. Schreibt, wie ihr sprecht, wie ihr es euren besten Freunden erzählen würdet. Macht sie neugierig und verratet nicht zu viel und – ganz wichtig – bleibt euch treu und kümmert euch nicht darum, wie andere Kollegen eine CD, ein Buch oder einen Film bewerten. Ihr müsst euch selber zum Maßstab machen, ohne dabei arrogant oder abgehoben rüberzukommen!«

Wow, was war der Mann leidenschaftlich! Und mitreißend sprechen konnte er auch. So hätte ich mir eine deutsche Antwort auf John Kennedy jr. vorgestellt. Smart, gut aussehend, charmant und mit ’ner Menge Stil. Er wusste, was er wollte, und das Beste: Er sprach mir aus der Seele! Genau so wollte ich meinen Job machen und nicht anders!

Mich musste er auf alle Fälle nicht überzeugen.

Diane und Michi schienen ebenfalls Feuer und Flamme zu sein. Aber wenn mich nicht alles täuschte, hatte er mich immer einen Tick länger angeschaut als die anderen!

»Hier sind wir, Gretchen!«

Sarah fuchtelte wild mit den Armen. Toll, jetzt wusste jeder im Mao Thai, wie ich hieß. Sarah, Rudi und Leila hatten es sich schon im hinteren, ruhigeren Teil des Restaurants, das einer Bambushütte nachempfunden war, gemütlich gemacht. Ich war zwar erst zweimal hier gewesen, hatte das Mao Thai aber sofort zu meinem Lieblingsthailänder erklärt. Überall standen Schalen, in denen frische Orchideen und Teelichter schwammen. Ein aus Holz geschnitzter Hahn mit Goldüberzug zierte den Eingang, und die Bedienung trug landestypische Gewänder. Das Essen schmeckte himmlisch und war mit viel Liebe zum Detail zubereitet. Jedes Gericht wurde mit kunstvoll geschnitztem Gemüse garniert, vom aufmerksamen Personal bekam man die Servietten auf den Schoß gelegt, und zwar mit einem Lächeln.

Leila und Sarah aßen Satayspieße und tunkten sie abwechselnd in ein Schälchen mit Erdnusssauce und ein Schälchen mit saurer Chilisauce, was einer Auszeichnung gleichkam, denn Sarah tunkte nicht gern ihr Essen mit anderen in eine Sauce. Sie fand alles, was nicht dem hygienischen Standard eines OP-Saales entsprach, eklig und trug stets ein Fläschchen Sagrotan für die Reise bei sich.

Natürlich konnte ich mir einen Kommentar nicht verkneifen.

»Mensch, du traust dich was. Heute haust du aber mal richtig auf die Pauke, was? Mit anderen aus einem Topf essen. Hut ab!«

Sarah verdrehte gespielt genervt die Augen.

»Haha, sehr witzig. Setz dich, Bazillenschleuder! Ich hab dir ’nen frischen Ingwertee bestellt.«

Gern folgte ich ihrer Anweisung … Hach, tat das gut, nach einem aufregenden Tag wie heute!

»Ben kommt auch noch«, sagte Rudi und nahm einen Schluck von seinem Asahi-Bier.

Mein Herz klopfte kurz schneller, aber nur einen klitzekleinen Moment, dann hatte ich mich wieder im Griff.

»Mit oder ohne Liv?« Ich hoffte inständig ohne Liv, wenn es ein netter Abend werden sollte.

»Keine Ahnung. Ich kann nicht immer so auffällig nachfragen. Ich glaube, Ben weiß auch so, dass wir Liv nicht wirklich spannend finden!«

Nein, spannend war wirklich nicht der richtige Ausdruck für sie. Nervtötend eher, außerdem konnte sie mich nicht leiden, seit Rudi ihr in bekifftem Zustand von meinem peinlichen Auftritt beim Abiball erzählt hatte und sie seither überzeugt war, ich sei noch immer hinter Ben her! Lächerlich!

»Wer ist denn diese Liv, und wieso könnt ihr sie nicht leiden?«, fragte Leila, die sich bemühte, unauffällig etwas dichter an Rudi heranzurücken.

»Bens Freundin. Lass dich einfach überraschen, und mach dir dein eigenes Bild!«

Ich atmete tief aus und schloss die Augen. Das sanfte Licht und die beruhigenden asiatischen Klänge taten ihr Übriges. Rudi trat mir unsanft ans Schienenbein.

»Hallo? Schlaf gefälligst zu Hause! Wir wollen wissen, wie dein erster Tag bei Phosphor war. Meinst du, du überlebst die Probezeit?«, foppte mich Rudi.

Bestimmt nicht, wenn ich versuchte, meinen neuen Chef ins Bett zu bekommen.

»Abgesehen davon, dass ich zu spät gekommen bin und eine meiner Kolleginnen einen übersteigerten Selbstdarstellungsdrang hat, war’s ziemlich gut. Der Chefredakteur ist umwerfend! Gut aussehend, gebildet, interessant und ungewöhnlich anziehend. Der hat mich als Erstes gefragt, bei welchem Film ich das letzte Mal geweint habe …«

Sarah sah mich skeptisch an.

»Was willst du andeuten? Dass du dich in deinen Chef verknallt hast?«

Nein, aber ich war auf dem besten Weg dahin, nach nur einem Tag!

»Quatsch, aber der Mann hat auf alle Fälle Ausstrahlung. Ich kann es nicht mal richtig erklären, aber irgendwas hat der. Unsere Zusammenarbeit wird super, das spüre ich. Und wir haben auf alle Fälle dieselbe Auffassung, was den Job anbelangt.«

Leila lachte.

»Solange es nur den Job betrifft, ist es doch okay, oder gilt heute nicht mehr: niemals jemanden in der Firma flachlegen?«

Rudi war auf einmal hellwach. Klar, er hatte »flachlegen« gehört.

»Also, so weit würde ich nicht gehen. Bei uns heißt das: niemals dieselbe Kostenstelle flachlegen, andere Abteilungen sind okay. Zum Glück arbeiten in meiner Abteilung fast nur Männer, und Praktikantinnen fallen unter eine Sonderregelung, schließlich gehen die nach ein paar Monaten wieder, was eigentlich ganz praktisch ist, wenn man es gut timt.« Rudi arbeitete als Werbetexter bei einer angesagten Agentur, deren Praktikantinnen vor allem danach ausgesucht wurden, wie dekorativ sie waren. Ja, Chauvinismus gab es nach wie vor in unserer aufgeklärten Berufswelt. Wenn unsere Eltern wüssten, dass ihre Generation in dieser Hinsicht nicht viel verändern konnte und der eigene Sohn den Missstand auch noch ausnutzte, wären sie entsetzt. Rudi hatte es gut raus, seine Vielweiberei mit etwas Ideologie gewürzt als freie Liebe und Auflehnung gegen kleinbürgerliche Zwänge zu verkaufen. Hatte er sich bestimmt in Poona abgeschaut, als wir damals meine Eltern in den Ferien in den Aschram begleiten mussten. Mit Grauen dachte ich heute noch an die sechs Wochen in Poona zurück, wo meine Eltern seltsame Aggressions-, Meditations- und Tantragruppen besuchten, während wir zu Kindern gesteckt wurden, deren Eltern im Aschram lebten. Meistens sich selbst überlassen, durften diese Kinder alles, was sich für Rudi und mich erst einmal toll anhörte, letztendlich aber ziemlich langweilig war. Denn mir wurde schnell klar, dass ohne Grenzen keine Grenzüberschreitung Spaß macht, weil der Kitzel, Verbotenes zu tun, wegfiel. Rudi, der schon vierzehn und mitten in der Pubertät war, fand’s mit den Mädchen dort natürlich Klasse und wollte meine Eltern überreden, für immer im Aschram zu bleiben. Offiziell tat er so, als gefielen ihm die Lehren Bhagwans und die Meditationen, aber eigentlich hatte er nur keine Lust mehr aufs deutsche Schulsystem.

Ich hingegen wollte so schnell wie möglich nach Hause und meine neue Freundin Sheena am liebsten mitnehmen. Ihre Mutter gehörte zum engeren Kreis des Gurus. Abends ließ sie sich vor Publikum durch Gesänge und Tänze in Ekstase versetzen, um dann das dritte Auge vom Meister massiert zu bekommen. Sheena langweilte sich schrecklich im Aschram und beklagte, dass ihre Mutter nie Zeit hatte, weil sie sich den ganzen Tag selbst verwirklichte. Zurück in Deutschland war meine größte Angst, die orangefarbenen Klamotten in die Schule anziehen zu müssen, wo ich doch schon alles getan hatte, um unseren Indienausflug zu verheimlichen. Mal abgesehen davon, dass mir Orange überhaupt nicht stand und Markenklamotten angesagt waren. Zum Glück waren meine Eltern letztlich deutscher und pflichtbewusster, als sie selbst gemerkt oder zugegeben hätten, denn ihre Jobs aufs Spiel zu setzen und ganz wegzuziehen, dazu waren sie nicht in der Lage. Und die Bhagwan-Klamotten konnte ich mit meinem Recht auf Selbstbestimmung erfolgreich ablehnen, das erste Mal übrigens, dass ich meine Eltern mit ihren eigenen Mitteln und Argumenten schlug.

»Warum lädst du nicht deinen Chef auf deine Einweihungsparty ein, wenn er so toll ist? Wir dürfen ja was mit ihm anfangen«, schlug Sarah vor.

»Mit wem wollt ihr was anfangen?«, hörte ich eine dunkle, nur zu bekannte Stimme fragen.

Ben war unbemerkt hereingekommen. Lieber rannte ich nackt durch den Supermarkt um die Ecke und rief vor der Käsetheke »Holla die Waldfee«, als zuzugeben, dass es mich doch noch jedes Mal traf, wenn ich ihn sah. Diese Anziehung war zumindest von meiner Seite aus nicht wegzudiskutieren. Dabei war Ben keine Schönheit im klassischen Sinne, aber eben ein guter Typ. Er war groß, hatte kurz rasierte Haare und das, was man ein Charaktergesicht nannte, dunkle, wache Augen und ein mitreißendes Lachen, wenn es zum Vorschein kam, denn oft wirkte er eher in sich gekehrt oder grübelte.

»Mit Gretchens neuem Chef Clemens. Der muss wahnsinnig faszinierend sein. Er hat Gretchen gefragt, bei welchem Film sie das letzte Mal geweint hat. Bei welchem Film hast du denn das letzte Mal geweint, Ben? Wobei: Du weinst bestimmt nie, oder?«

Sarah war in ihrem Element, was nicht zuletzt an ihrem Cocktail lag. Bei Sarah brauchte es nie viel. »Billige Verabredung« nannte Rudi diesen Schlag Frauen.

Ben schaute mich erstaunt an und setzte sich.

»Was hast du geantwortet?«

Wie wäre es erst einmal mit »Hallo Gretchen, willkommen in Berlin. Tut mir Leid, dass ich bisher nicht vorbeigeschaut habe, auch wenn ich nur fünfhundert Meter Luftlinie von dir entfernt wohne«. Aber nein, Ben tat so, als ob ich seit Jahren hier wohnte und wir uns zu unserem wöchentlichen Stammtisch trafen.

»Ich hab geantwortet, dass ich im Prinzip schon weine, wenn ich einen frierenden Hund sehe.«

Ben schmunzelte.

»Stimmt, das ist typisch Gretchen.«

Ach ja? Und woher wollte er bitte wissen, was typisch für mich war?

»Was hättest du denn gesagt?«, stellte ich die Gegenfrage. Warum nur fühlte ich mich in Bens Gegenwart unsicher und klein? Vor allem versuchte ich, ständig witzige und kluge Dinge zu sagen, die ihm gefielen.

»Keine Ahnung, vielleicht, dass es meine Privatsache ist oder aber, dass ich es wie Rossini halte, der sagte, er habe nur drei Mal in seinem Leben geweint. Das erste Mal, als seine Mutter gestorben ist, das zweite Mal, als ein anderer Komponist ein schöneres Stück geschrieben hat, und das dritte Mal, als ihm ein kandiertes Hühnerbein bei einer Bootsfahrt ins Wasser gefallen ist.«

Wir mussten alle lachen.

Typisch Ben! Ließ sich nie in die Karten schauen. Typisch Liv, die gerade dazugekommen war, sofort übertrieben laut mitlachte und ihn bewundernd ansah. Ben merkte wie immer nichts davon oder ignorierte es. Im Gegensatz zu mir und den anderen. Ihre schnarrende Stimme nach einem harten Tag war zu viel des Guten. Mir war es ein Rätsel, wie eine Frau wie Liv, die es mit ihrer Größe, Figur, den wallenden Haaren und dem schönen Gesicht mit jedem Model aufnehmen könnte, so unsicher war, wenn es um ihren Freund ging.

Ben setzte sich zu mir.

Wie üblich hatte er mich angelächelt zur Begrüßung, und das war’s. Keine Umarmung, keinen Kuss auf die Wange. Gut, er war dafür bekannt, niemanden gern an sich ranzulassen, aber irgendwie fand ich es übertrieben, wenn man bedenkt, dass ich gerade nach Berlin gezogen war. Wenigstens eine kleine Willkommensgeste hätte ich erwartet, und wenn’s nur ein verlegener Schulterklopfer gewesen wäre. Stattdessen fragte er mich interessiert: »Na Gretchen, wie isses, wieder in Rudis Obhut zu leben? Passt er auf, dass du keine Männer triffst?«

Er spielte auf Rudis übertriebenen Beschützerinstinkt an. Bis ich zu Hause ausgezogen war, hatte Rudi kontrolliert, wen ich traf und ob es sich um vertrauenswürdige Jungs handelte oder ob ihnen ein mieser Ruf vorauseilte. Er war bestimmt deshalb so besorgt, weil er sich selbst und die Art, wie er mit Mädels umging, bestens kannte, da konnte einem schon angst und bange um die kleine Schwester werden.

Lachend winkte ich ab.

»Ach, die Zeiten sind vorbei. Seit ich die dreißig überschritten habe, ist er um jeden froh, der mir auch nur das leiseste Anzeichen von Sympathie entgegenbringt. Ich glaube, er hat Angst, auf mir sitzen zu bleiben. Noch kann ich ihn abhalten, mir knallrote Sonderpreissticker aufzukleben, aber ich glaube, er bastelt schon an einem ›Alles muss raus‹-Schild für den Räumungsverkauf.«

Ben lachte. Ich mochte sein Lachen, die vielen Grübchen und die intelligenten, blitzenden Augen.

»Und was ist mit deinem neuen Chef? Kommt der infrage?«

Sieh an! Das interessierte ihn! Oder hoffte er nur auf weitere peinliche Aktionen meinerseits, die man Jahre später zur allgemeinen Belustigung an kalten Winterabenden erzählen konnte? Nach dem Motto: Wisst ihr noch, als Gretchen wegen Stalking ihres Chefs diesen Gerichtsbeschluss zugestellt bekam und sich ihm nicht mehr näher als fünfhundert Meter nähern durfte? – Brüller, Schenkelklopfer und wieder ein Abend gerettet!

»Ich glaube kaum, dass er sich erbarmen wird, außerdem ist die Konkurrenz ziemlich stark, ich weiß nicht, ob ich da mithalten kann.«

Wenn ich allein an Diane, die strenge Rittmeisterin, dachte. Ich wollte nicht wissen, welche Tricks die auf ihrem Eliteinternat gelernt hatte, um Konkurrentinnen auszustechen.

»Gretchen, wer es wie du geschafft hat, trotz Batikshirt und Cordlatzhose in der neunten Klasse, den Schwarm der Schule, Timo Harder, zu bekommen, für den muss das Wort Konkurrenz neu erschaffen werden!«

»Woher weißt du das mit Timo Harder? Du warst doch viel älter und hattest schon Abi gemacht! Oder warst du auch auf Timo Harder scharf?« Ich sah Ben entgeistert an.

Liv, die auf dem Klo gewesen war, quetschte sich sofort zwischen Ben und mich auf die Bank, nahm seine Hand und begann an seinem Hemd zu nesteln. Wenn sie aufgestanden wäre, ihr Bein gehoben und auf Ben zur Reviermarkierung gepinkelt hätte, wäre es nicht viel unangenehmer gewesen. Zumal Liv ja nie einfach nur zuhören konnte. Dementsprechend säuerlich fragte sie: »Wer ist auf wen scharf?«

Paranoia stand ihr nicht gut. Ben und ich übergingen die Bemerkung, was Liv noch mehr zur Weißglut trieb.

»Jetzt sagt doch mal, wer ist auf wen scharf?«

»Das ist nicht weiter wichtig. Eine alte Geschichte, ohne Belang«, versuchte Ben, Liv zu beruhigen.

Leider bewirkte er das Gegenteil damit.

»Aha, eine alte Geschichte? Hätte ich mir ja denken können. Bei euch geht es ja immer um alte Geschichten, nicht wahr? Wann merkt ihr eigentlich mal, dass wir in der Gegenwart leben und eure alten Geschichten keinen interessieren?«

Wenn »schnippisch« ein Gesicht hatte, dann sah es aus wie Liv, und wenn ich auf etwas keine Lust hatte, dann auf weitere Diskussionen.

Zum Glück wurde genau in diesem Moment der Hauptgang gebracht. Ich hatte Garnelen in Chili-Kokos-Sauce mit Thai-Basilikum bestellt, die in einer ausgehöhlten Kokosnuss mit frischen geraspelten Kokosstückchen serviert wurden. Allein der Geruch war ein Erlebnis und machte den Unterschied zum Take-away-Thai an der Ecke mehr als deutlich.

Sarah hatte mit halbem Ohr zugehört und fragte leise: »Na, hat’s gekracht?«

»Klar, Liv ist mal wieder grundlos ausgerastet.«

Sarah zog skeptisch eine Augenbraue hoch.

»Weißt du, vielleicht ist das gar nicht so grundlos.«

Bitte? War Sarah jetzt völlig durchgeknallt? Sie bekam doch auch Livs grundlos überzogenes Verhalten mit.

»Was soll denn das heißen?«, fragte ich empört.

Sarah sah mich beschwichtigend an und senkte die Stimme, damit die anderen nicht hörten, worüber wir sprachen.

»Ist dir noch nie aufgefallen, dass sie nur auf dich so reagiert? Das nennt man weibliche Intuition. Liv hat anscheinend ein Gespür dafür, welche Frau ihr gefährlich werden könnte. Wahrscheinlich ist sie gar nicht so doof und hat gemerkt, dass Ben dich anders behandelt als alle anderen.«

Unfreiwillig musste ich auflachen!

»Wenn mich jemand nicht anziehend findet, dann ja wohl Ben. Er vermeidet jeglichen Körperkontakt mit mir! Wenn ich ihn mal umarme, versteift er sich sofort und schiebt mich dezent, aber bestimmt von sich weg. Ich glaube, dem sitzt der Schock, dass ich ihn mal gut fand, Betonung liegt auf ›fand‹, Vergangenheit, so tief in den Knochen, dass er mir ganz deutlich zeigen will, dass ich ja nicht auf dumme Ideen kommen soll.«

Sarah sah ein, dass eine weitere Diskussion zwecklos war, und wechselte das Thema. Ihre Krankenhausgeschichten hörte ich eh viel lieber. Regelmäßig überkam mich ein angenehmes Gefühl aus Faszination, Grusel und Bewunderung, wenn sie von Notoperationen oder schwierigen Fällen erzählte. Jedes Mal war ich froh, dass es Menschen wie sie gab, die unerschrocken Blut sehen und Körperteile aufschneiden konnten. Rudi und Ben unterhielten sich über einen Werbetext, an dem Rudi arbeitete; Leila betrieb höflich Konversation mit Liv, wobei sie nicht amüsiert aussah. Liv musste nach dem Hauptgang los, weil sie noch beim Geburtstag einer Kommilitonin eingeladen war, worüber ich nicht wirklich traurig war. Ben war nicht mit eingeladen, oder er wollte als Lehrbeauftragter der Uni nicht auf den Geburtstag einer Studentin. Liv verabschiedete sich so überschwänglich von Ben, dass man glauben konnte, sie lasse ihn in den Krieg ziehen und würde ihn nicht ein paar Stunden später beim Zähneputzen wieder sehen. Ben war kein Freund großer öffentlicher Szenen und ließ die Verabschiedung eher »geschehen«.

Ich bestellte die hausgemachten Kokosgeleetäschchen, Sarah den grünen Teekuchen und die anderen Bananen im Honigteigmantel.

»Also wenn Liebe wirklich durch den Magen geht, dann würde ich dieses Restaurant vom Fleck weg heiraten!«, sinnierte Sarah leicht beschwipst. Sofort entbrannte eine Diskussion über Heirat – ja, nein –, Kinder – ja, nein, und wenn ja, wann …

Bedachte man, dass keiner von uns verheiratet war und Leila als Einzige ein Kind hatte, musste man sich wirklich nicht wundern, dass die Renten nicht sicher waren und wir Deutschen laut Spiegel in zwölf Generationen ausgestorben sein würden, wenn die Geburtenrate nicht anstieg. An mir sollte es nicht liegen, ich würde meine vaterländische Pflicht nur zu gern erfüllen, sobald der richtige Mann, also Clemens, bereitstand.

Sarah und Rudi diskutierten derweil über die Existenz der großen Liebe.

»Glaubst du an die große Liebe?«, fragte ich Ben.

Er überlegte kurz.

»Na ja, an die große Liebe schon, aber an ihre Haltbarkeit nicht. Ich denke, es läuft immer nach dem gleichen Muster ab. Man verliebt sich, denkt, das wird immer so bleiben, hat großartigen Sex zu jeder Tages- und Nachtzeit, ist sicher, dass es bei diesem einen Menschen nie anders sein wird, will jede Minute mit der geliebten Person verbringen, was man dann auch tut, um dann einige Jahre später festzustellen, dass man doch wieder in der Tretmühle gelandet ist, in die man nie geraten wollte. Man trennt sich, verliebt sich, und das Ganze geht von vorne los.«

Wenn er seine Theorie Liv ebenfalls anvertraut hatte, tat sie mir Leid; dann verstand ich auch, weshalb sie so deutlich machen musste, dass Ben zu ihr gehörte, damit ja keine andere Frau auch nur auf die Idee kam, sich in ihn zu verlieben und großartigen Sex mit ihm zu praktizieren.

»Angenommen, deine Theorie stimmt, heißt das dann, dass du alle paar Jahre eine neue Frau suchen wirst?« Innerlich dankte ich dem Schicksal, dass es Ben an mir hatte vorbeiziehen lassen und mir stattdessen Clemens geschickt hatte.

Ben kniff für einen Moment die Augen zu, was er immer machte, wenn er begann, sich ernsthaft Gedanken zu machen.

»Da bin ich noch unentschieden. Eine Möglichkeit wäre tatsächlich, in wechselnden Beziehungen zu leben, wobei man ab einem bestimmten Alter womöglich an seine Grenzen stößt, weil entweder alle verheiratet sind oder man selbst nicht mehr attraktiv genug ist und dann allein übrig bleibt ohne Familie und Kinder, denn diese Lebensform schließt Kinder aus – zumindest fände ich alles andere verantwortungslos.«

Immerhin wollte er keine Kinder in die Welt setzen, die sich alle paar Jahre den neuen Namen der Stiefmutter merken mussten.

»Eine andere Möglichkeit ist, dass man akzeptiert, mit jeder Frau immer an denselben Punkt zu gelangen, und deshalb einzusehen, dass man sich die Wechselei auch sparen kann. Man sucht sich die passendste Frau, die man bekommen kann, und gründet mit ihr eine Familie. Und jetzt wird es schwierig, denn entweder ist das Leben mit Kindern so erfüllend, dass man auch ohne die ganze Aufregung der ersten Verliebtheit, die Schwärmerei und die Schmetterlinge im Bauch glücklich ist, denn, machen wir uns nichts vor, nach zehn Ehejahren wird man die nicht mehr verspüren, wenn der Partner zur Tür reinkommt. Oder …«

»Oder?«, forderte ich Ben auf weiterzusprechen.

»Oder du sitzt mit genau denselben Gefühlen wieder da, nur dieses Mal mit Kindern dazu. Da du aber niemanden sitzen lassen willst, suchst du dir eine Affäre, wirst Amateurradfahrer oder beginnst mit Gartenarbeit.«

Jetzt tat mir Liv wirklich Leid, mir war nie klar gewesen, wie schwierig es sein musste, Ben als Freund zu haben. Ich meine, welche Frau hörte schon gern, dass der Partner der Beziehung bereits im Vorhinein bloß Halbwertzeit zuspricht. Außerdem gab es sicher genug Frauen, die solch einen Fall wie Ben besonders interessant fanden und sich zum Ziel machten, ihn zu knacken – je höher die Messlatte, umso besser.

»Dich muss ich erst gar nicht fragen. Du glaubst an die große wahrhaftige, ewige Liebe, seit ich dich kenne. Du warst schon in der Schule eine Schwärmerin«, foppte mich Ben. Es sollte wohl lustig klingen, aber eigentlich hörte es sich fast traurig an.

»Hast du schon mal an die Möglichkeit gedacht, einen Menschen zu finden, der einfach nicht ersetzbar, austauschbar ist, weil euch so viel verbindet und eine Faszination und Anziehung besteht, die du bei noch keinem anderen Menschen zuvor erlebt hast? Eben keine Kompromissbeziehung, weil man aus derselben Stadt stammt oder Angst hat, übrig zu bleiben. Du scherst gerade jede Frau über einen Kamm, nur weil Beziehungen auf den ersten Blick nach dem gleichen Muster ablaufen, füreinander schwärmen, sich verlieben, sich binden usw. … Aber du willst mir doch nicht erzählen, dass es sich jedes Mal gleich angefühlt hat! Es muss doch Mädchen gegeben haben, bei denen du gezittert hast, wenn du sie geküsst hast, und andere, mit denen du lieber gelacht hast. Was ich damit sagen will, ist, dass wir bis zu einem bestimmten Level mit vielen Partnern kompatibel sind, es aber nur einen oder zwei gibt, die nicht ersetzbar für einen sind und mit denen sich alles fügt.«

Mir wurde heiß, so sehr hatte ich mich in Rage geredet. Ben lächelte undefinierbar.

»Sag ich doch, du bist eine romantische Schwärmerin!«

Sollte er mich nennen, wie er wollte: Ich würde auf alle Fälle mit jemandem glücklich werden, und wenn er mit Liv nicht das fand, was eine gute Beziehung ausmachen sollte, musste er sich eben früher oder später von ihr trennen, aber bitte ohne seine düsteren Theorien in der Welt zu verbreiten.

Mir war die Lust zu weiteren Grundsatzdiskussionen vergangen. Gefühle und Liebe zu diskutieren und analysieren brachte sowieso nichts, genau deshalb waren es ja Gefühle und keine Theorie! Sie passierten und wurden nicht konstruiert, außerdem war ich müde und musste morgen früh raus.

Ben musste ebenfalls los, Liv die Heilige, wie ich sie ab heute nennen würde, abholen. Er bot an, mich zu begleiten, weil er sein Motorrad holen wollte und meine Wohnung auf dem Weg lag.

Die anderen blieben noch. Mimi war bei Leilas Eltern, Sarah hatte ihren freien Tag, und Rudi war gewohnt, die Nacht zum Tag zu machen, und zeigte im Gegensatz zu mir keine Abnutzungserscheinungen, wenn er am nächsten Tag früh arbeiten musste. Ben und ich verabschiedeten uns und machten uns auf den Heimweg.

Vor meiner Tür angekommen, sagte ich »Gute Nacht« und schloss auf.

»Es gibt noch eine Möglichkeit! Die unerfüllte Liebe. Man liebt sich, will sich, kommt aber nie zusammen: Diese Sehnsucht, diese ungelebte Liebe kann für immer halten, weil sie immer die Möglichkeit offen hält, wie es gewesen wäre, und sich nicht im Alltäglichen und dem Wissen, wie es tatsächlich ist, verliert.«

Hatte ich schon erwähnt, dass ich echt müde war?

»Du spinnst! Schon mal dran gedacht, dass Alltag auch was Schönes sein kann?«, erwiderte ich. Gut, vielleicht nicht mit Liv, ihre Stimme und ihr Wesen waren ja trotz meiner Heiligsprechung immer noch nervend, aber das war zum Glück nicht mein Problem!

»Leg bitte endlich den Schwamm aus der Hand und komm, wir müssen los! Die Premiere beginnt in einer halben Stunde!«

Ungeduldig zerrte ich Sarah aus meinem Badezimmer, die sich am Waschbecken mit Viss zu schaffen machte.

»Du hast dein Becken mit dieser völlig überzogenen Schminkorgie komplett versaut!«, tadelte sie mich.

»Ja genau, MEIN Becken. Wenn du deinem Putzzwang frönen möchtest, bitte in DEINER Wohnung!«

Und überhaupt von wegen überzogene Schminkorgie! Etwas Puder, Wimperntusche und Lipgloss! Mehr legte ich fast nie auf. Rote Wangen hatte ich leider auch ohne nachzuhelfen. Machten einen gesunden Eindruck, sahen ländlich aus, wie Rudi es gern nannte.

Sarah als klassisch-herber Typ schminkte sich so gut wie nie. Sie benutzte höchstens mal ’nen Lippenstift, der dann aber so rot und auffällig war, dass selbst die Perlenohrringe und der glatte Pagenkopf komplett dahinter verschwanden. Man durfte nicht vergessen, dass Sarahs Modesinn in den späten Achtzigern geprägt worden war. Sie als Paradepopperin hatte natürlich stets ein faltenfreies, nach Weichspüler riechendes hellblaues Lacoste-Polohemd getragen und im Winter die obligatorische rosafarbene Elho-Daunenjacke. Wie hatte ich sie um ihre Markenklamotten beneidet! Für meine Eltern war Marco Polo ausschließlich der Name eines Entdeckers, nach dem höchstens noch Reiseführer benannt werden durften.

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