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Flammenzorn

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Widmung
  5. DANKSAGUNG
  6. KAPITEL EINS
  7. KAPITEL ZWEI
  8. KAPITEL DREI
  9. KAPITEL VIER
  10. KAPITEL FÜNF
  11. KAPITEL SECHS
  12. KAPITEL SIEBEN
  13. KAPITEL ACHT
  14. KAPITEL NEUN
  15. KAPITEL ZEHN
  16. KAPITEL ELF
  17. KAPITEL ZWÖLF
  18. KAPITEL DREIZEHN
  19. KAPITEL VIERZEHN
  20. KAPITEL FUNFZEHN
  21. KAPITEL SECHZEHN
  22. KAPITEL SIEBZEHN
  23. KAPITEL ACHTZEHN
  24. KAPITEL NEUNZEHN
  25. KAPITEL ZWANZIG
  26. KAPITEL EINUNDZWANZIG
  27. Über die Autorin

DANKSAGUNG

Ich danke meiner Schreibgruppe, dem Ohio Writers Network: Linda, Michelle, Melissa, Rachel, Emily, Tracy und Faith.

Und ich danke meiner Redakteurin Paula Guran für die Hilfestellung im Zuge der Arbeit.

KAPITEL EINS

Die Wahrheit tat weh.

Das tat sie immer, sogar in den dunklen, kalten Stunden am frühen Morgen, wenn so gut wie alles schlief.

Anya stand, die Hände in den Taschen vergraben, vor der Tür des Spukhauses und unterdrückte ein Gähnen. Sie hatte ein Taxi genommen, weil sie nicht wollte, dass ihr Kennzeichen in dieser Gegend gesehen und aufgezeichnet wurde. Das Taxi war bereits weggefahren. Rote Heckleuchten schwebten die graue Straße hinunter. Das zweistöckige braune Backsteingebäude sah genauso aus wie all die anderen Häuser in dieser Straße mit ihren vergitterten Fenstern und Türen. Aus einem verbeulten Van am Straßenrand ragten Kabel hervor und schlängelten sich unter der Haustür hindurch. Dennoch brannte drinnen kein Licht. Der Wind trieb leere Plastiktüten über die Schlaglöcher im Gehweg, bis sie sich in einem niedrigen Eisenzaun verfingen.

Sie drückte den Klingelknopf, hörte von drinnen den Nachhall des Läutens und kurz darauf ein Scharren. Anya wartete und säuberte ihre Schuhsohlen an der Fußmatte, die mit Klebeband auf dem Boden der gestrichenen Veranda befestigt war.

Im Haus wurde eine Lampe angeknipst, und die Tür öffnete sich einen Spaltbreit. »Danke, dass du gekommen bist«, sagte der Mann hinter der Tür.

»Als hätte ich eine Wahl gehabt.«

Das war die reine Wahrheit; selbst wenn sie gewollt hätte, hätte sie sich der Bitte nicht verweigern können. Sie hielt die eigentliche Wahrheit, die in ihrer Kehle brannte, zurück: Aber ich wünschte, ihr würdet aufhören, mich zu rufen. Ich wünschte, ihr würdet mich nicht mehr bitten, das zu tun.

Anya schritt über die Kabel hinweg in den gelben Lichtschein einer zylinderförmigen Lampe, die das Wohnzimmer erleuchtete. Das Drahtgestell des Schirms warf ein Muster in der Form von schwarzen Speichen an die Zimmerdecke. Dort war ein Wasserfleck zu sehen. Der Fleck war offenbar sorgfältig übermalt worden, doch das Wasser sickerte weiter hindurch und verfärbte die mit körnigem Putz überzogene Decke gelblich. Ein Fernsehschrank stand düster und still wie ein riesiger Käfer in der Ecke, und die Stangen der Hasenohr-Antenne zeigten nach Norden und Osten und lauschten nach längst verstummten Signalen. Eine schäbige, karierte Couch dominierte den Raum. Auf ihr lagen allerlei technische Geräte, die gar nicht in diese Umgebung passten: Detektoren für elektromagnetische Felder, digitale Diktiergeräte, kompakte Videokameras. Laptops standen auf Klapptischen und warfen rechteckige blaue Lichtflecken an die Wände.

Anyas Blick huschte zu den Videokameras und gleich wieder weg. »Ich mag es nicht, aufgenommen zu werden.«

»Das wissen wir.«

Jules, der Leiter der Detroit Area Ghost Researchers, lehnte an einer Wand und nippte an einer Tasse Kaffee. Bei seinem Anblick käme niemand auf die Idee, Jules könnte ein so tiefgehendes Interesse für das Paranormale hegen, dass er zum Anführer einer Gruppe von Geisterjägern geworden war. Er war der Inbegriff des Durchschnittsbürgers: Anfang vierzig, abgetragene Jeans und ein kleiner Wohlstandsbauch, der sich unter einem blauen Poloshirt versteckte. Unter seinem Ärmel lugte ein tätowiertes Kreuz hervor. Sein gebräuntes Gesicht unter der Detroit-Tigers-Baseballkappe sah erschöpft aus. Nach der Menge an Ausrüstungsgegenständen und den zusammengerollten Schlafsäcken am Boden zu urteilen, hatten die DAGR bereits einige Nächte hier verbracht.

Anya setzte sich auf den Rand der Couch und rieb sich die bernsteinfarbenen Augen. »Also, was gibt es?«

Jules trank einen Schluck von seinem Kaffee. In seinem dunklen Bart blieb etwas Kaffeesahne hängen. »Wir haben den Fall vor zwei Wochen übernommen. Die kleine alte Dame, die hier wohnt, war fest davon überzeugt, dass ihr toter Ehemann zurückgekommen sei, um sie heimzusuchen. Sie hat von Lampen erzählt, die sich von allein ausgeschaltet haben, und von dunklen Gestalten im Spiegel.«

»Ist sie zu euch gekommen oder habt ihr sie gefunden?«

»Ich habe sie gefunden.« Tagsüber las Jules Gaszähler ab. Er verstand sich gut auf ungezwungenes Geplauder, und die Menschen vertrauten ihm instinktiv. Anya nahm an, dass er irgendeine latente psychische Gabe besaß, die es ihm erlaubte, ein Gefühl für Orte und Menschen zu entwickeln. Jedenfalls konnte er zu den meisten Leuten eine Verbindung herstellen. Doch Anya schien er mit Skepsis zu begegnen. Sie glaubte nicht, dass er viel für sie oder ihre Methoden übrig hatte. Aber sie hatte da Erfolg, wo er scheiterte.

»Ihr Gaszähler ist im Keller, und sie hatte Angst, allein dort runterzugehen. Die Nachbarin, die ihr früher bei der Wäsche geholfen hat, möchte das nicht mehr tun - Sie hat gesagt, eine Glühbirne wäre explodiert, als sie die Waschmaschine beladen hat.« Jules nahm noch einen Schluck Kaffee.

»Welche Beweise habt ihr bisher entdeckt?«, fragte Anya.

Brian, der Technikspezialist der DAGR, schaute über einen der Computermonitore hinweg und nahm seine Kopfhörer ab. »Komm und sieh es dir an.«

Anya setzte sich neben ihn auf das durchhängende Sofa, das nach Lavendel roch. Brian ließ ein digitales Video vorlaufen; sie nahm an, dass die Aufnahmen von einer Kamera gegenüber der Kellertreppe stammten. Der Lichtstrahl einer Taschenlampe schien die Stufen hinab. Durch den Einsatz des Restlichtverstärkers wirkte er grellgrün. Das Leuchten des Monitors betonte Brians Gesichtszüge, und Anya fielen die Ringe unter seinen blauen Augen und das wirre Haar auf. Ihr war, als röche sie noch den Minzduft des mit Koffein angereicherten Duschgels, das er so gern benutzte.

Anya hatte nie gefragt, woher Brian all das technische Spielzeug hatte. Sie wusste, dass die meisten Klienten der DAGR wenig Geld besaßen, und Spenden gingen nur vereinzelt ein. Die DAGR wurden eher mit einem Apfelkuchen bezahlt, als mit harter Währung. Sie nahm an, dass Brian sich das Zeug bei seinem Tagesjob an der Universität auslieh. Die geistigen Überflieger der IT-Abteilung schienen schlicht nicht zu bemerken, dass ständig irgendwelche Gerätschaften in Brians Van verschwanden.

Der Film stoppte, dann kehrte das Bild in einem dunklen Grünton zurück. Etwas bewegte sich in der jadegrünen Finsternis unter der Treppe. Eine Hand schob sich auf eine der oberen Stufen und verschwand wieder.

»Gruselig«, hauchte Anya und stützte ihr herzförmiges Gesicht in ihre Hand. »Was habt ihr sonst noch?«

»Das hier.« Brian reichte ihr seine Kopfhörer, die noch von seinen Ohren angewärmt waren. Anya setzte sie auf und lauschte dem statischen Summen und Rauschen, das durch den Geräuschmesser auf dem Bildschirm kaum angezeigt wurde.

»Ich höre nichts …«

»Warte noch.«

Da. Ein Zischen ließ die Linie des Geräuschpegels erzittern. Dann trieb eine Stimme - näselnd und fauchend zugleich - die Anzeige auf den höchsten Punkt. »Meins.«

Anya runzelte die Stirn. »Kann ich das noch einmal hören?«

Brian fuhr die Aufnahme zurück. Statisches Summen, ein Zischen, und wieder sagte die Stimme: »Meins.«

Anya nahm die Kopfhörer ab und befreite sie aus ihrem vom Schlaf zerzausten, haselnussbraunen Haar. Eine Strähne verfing sich in ihrem salamanderförmigen Halsring, und sie zog sie vorsichtig heraus. Der Salamander hielt seinen Schwanz mit den Vorderpfoten fest. Das Schwanzende schlängelte sich weiter hinab, um schließlich zwischen Anyas Brüsten zu verschwinden. Wie stets fühlte sich das Metall bei der Berührung warm an. »Habt ihr das provoziert?«

»Natürlich. Wir haben dem Ding erklärt, es sei hässlich und die Art, wie seine Transvestitenmama es kleidet, sei ein Witz«, verkündete Max, das jüngste Mitglied der Gruppe. Sein Lächeln erstrahlte im Megawattbereich und breitete sich in seinem braunen Gesicht aus. Man hatte ihn auf den Boden verbannt. Seine Hände hatte er unter seiner warmen Jacke verborgen und seine langen Beine, samt seinen Sneakers, unter einen von Brians Klapptischen geschoben.

Jules versetzte ihm einen Klaps an den Hinterkopf. »Max hat das Maul ziemlich weit aufgerissen und angefangen, Witze über seine Mama zu reißen, während ich aus der Heiligen Schrift zitiert habe.«

Max zog den Kopf ein. Er war noch in der Probezeit und kurz davor rauszufliegen. Anya hoffte, dass er bleiben würde, um irgendwann die Stelle in der Personalliste der DAGR zu füllen, die sie selbst gern freigeben würde. Zwar konnte niemand exakt das, was sie konnte, dennoch würde es ihnen nicht schaden, wenn sie sich auf jemand Neues konzentrierten.

»Also, was genau ist das?«, fragte Anya und lenkte das Gespräch fort von Max' Missetat und zurück zu dem, was sie hergeführt hatte.

»Wir glauben nicht, dass das der Mann der alten Frau ist«, ertönte gedämpft Katies Stimme aus der dunklen Küche, während sie Ciros Rollstuhl über den faltigen olivfarbenen Teppich schob. Katie war die Hexe der DAGR. Sie trug Jeans und eine gemusterte Bluse. Das blonde, gelockte Haar, das ihr auf den Rücken fiel, hatte sie mit schwarzen Samtbändern zurückgebunden. Ein silberner Drudenfuß hing unter ihrem Kehlkopf und schimmerte im schwachen Lichtschein. »Das klingt wie ein Schwindler, der sich einen Scherz erlaubt.«

Ciro faltete seine knorrigen, schwarzen Hände über der Decke auf seinem Schoß. Das Licht der Monitore fiel auf seine schmale Brille, und er lächelte Anya an.

»Hallo, Anya.«

»Hi, Ciro.« Anya ging hinüber zu dem alten Mann und nahm ihn in die Arme. Er fühlte sich noch zerbrechlicher an, als bei ihrer letzten Begegnung. Die Sache musste ernst sein, wenn Ciro hergekommen war. In der Gruppe war er der Dämonologe auf Abruf. Und er war derjenige, der sie alle zusammengebracht hatte, trotz Jules' Einwänden. Zugleich verstand Ciro besser als jeder andere, was es Anya kostete, hier bei ihnen zu sein.

Anya legte eine Hand auf Ciros schmale Schulter. »Dann ist es ein Dämon?«

Ciro schüttelte den Kopf. »Das glaube ich nicht. Ich schätze, es ist ein angefressener und böswilliger Geist, der hier eingezogen ist. Die Trauer der alten Frau hat ihm die Tür geöffnet … Aber der Bastard ist zäh.«

»Habt ihr schon versucht, ihn auszutreiben?«

Katie nickte. »Salz, Glockengeläut - Wir haben sogar einen Geistlichen hergeholt. Das Ding hat hier Wurzeln geschlagen, und wir können sie nicht ausgraben.« Aus dem Augenwinkel sah Anya, wie Jules Katie mit einem Stirnrunzeln bedachte. Er hielt auch von Katies Methoden nicht besonders viel. Jules zog es vor, die Geister Gottesfurcht - oder was er dafür hielt - zu lehren, bis sie vor lauter Angst zum Fenster hinausflüchteten, aber das schien immer seltener zu funktionieren. Anya betrachtete die Rußflecken auf Katies Fingernägeln. Die Hexe hatte sich wirklich angestrengt und den Geist trotzdem nicht vertreiben können. So war es ihnen in den letzten Monaten immer häufiger ergangen: aufsässige, ruhelose Geister, die einfach nicht loslassen wollten. Hatte sich ein Geist erst einmal niedergelassen und allen Bemühungen, ihn eines Besseren zu belehren, getrotzt, gab es keine andere Wahl, als ihn gewaltsam zu entfernen.

»Die alte Dame will, dass er verschwindet?«, fragte Anya, nur um sicherzugehen. Immerhin bestand auch die Möglichkeit, dass die Zuneigung der alten Dame ihn davon abhielt, das Haus zu verlassen. Vielleicht hatte sie in ihrer Einsamkeit einen außerweltlichen Untermieter aufgenommen. Anya wusste, wie leicht Einsamkeit dazu führen konnte, dass ein Mensch unwissentlich Dinge tat, die seinem eigenen Wohl zuwiderliefen. Ein leeres, stilles Haus bot mehr als genug Raum zum Grübeln und zur Reue. Und manchmal nisteten sich dort unheilvolle Dinge ein.

»Sie will ihn loswerden. Sie hat die Absicht, das Haus zu verkaufen und nach Florida zu ziehen.« Ciro lächelte. »Ich beneide sie.«

»Machst du es?«, fragte Jules mit verkniffener Miene. »Entsorgst du ihn?«

Entsorgen. Das hörte sich so sauber und ordentlich an. Geradezu reinlich. Als ginge es bloß darum, den Abfall hinauszubringen. Ciro bedachte sie mit einem Seitenblick. Er war der Einzige, der wusste, wie teuer sie immer wieder dafür bezahlen musste.

»Okay«, sagte Anya und legte ihren Mantel ab. »Bringt mich zu ihm.«

Die Kellertreppe knarrte unter Anyas Schritten. Mit einem knirschenden Geräusch trat sie auf eierschalendünne Glasscherben - die Überreste der Glühbirne, wie sie vermutete. Sie roch den Zimthauch von Katies fehlgeschlagenem Zauber, der sich in der Finsternis verflüchtigte. Hinter ihr schloss sich die Kellertür und beraubte sie des schwachen Lichts aus der Küche, sodass sie im Dunkeln zurückblieb.

Sie schaltete ihre Taschenlampe ein und ließ den Lichtstrahl über die Stufen gleiten. Schatten schrumpften, wichen zurück hinter Waschmaschine und Trockner. Sie roch faulende Kartoffeln und Zwiebeln, Feuchtigkeit auf dem Boden - und Salzgurken. Sie runzelte die Stirn. Auf einem Regalbrett standen Dutzende Einmachgläser. Manche waren zerbrochen, andere hatten Risse. Aus ihnen tropfte immer noch Essig mitsamt Glassplittern auf den inzwischen stark verschmutzten Betonboden. Was für eine Verschwendung, dachte Anya mit knurrendem Magen.

Über ihr an der unverputzten Decke verlief das elastische Abluftrohr des Trockners. Kisten mit Weihnachtsdekoration säumten die Wände. Alte Kleider, sorgfältig in Plastiksäcken verhüllt, hingen aufgereiht an einem Rohr. Eine zerschrammte Werkbank, die dem alten Herrn gehört haben musste, stand in einer Ecke. Die zugehörigen Werkzeuge hatte schon lange niemand mehr angerührt. Dieser Ort war eine Gruft für die Erinnerungen der alten Dame. Kein Wunder, dass der böswillige Geist sich hier in all dem Staub und den Gefühlen vieler Jahre eingenistet hatte. Dies war fruchtbarer Boden für einen heimatlosen Geist.

»Noch eine Hexe?«, ertönte es kichernd unter der Treppe.

»Nein, nicht noch eine Hexe.« Anyas Salamanderhalsring brannte auf ihrer Haut und trieb ihr den Schweiß aus den Poren. Dann verlagerte sich die Hitze, schlängelte sich spiralförmig über ihren Arm und sprang auf die Stufen. Ein Feuergeist, ein Salamander, hatte sich aus dem Ring befreit. Er schimmerte halbtransparent in bernsteinfarbenem Licht und war ungefähr so groß wie ein Rottweiler. Sparky hatte die Gestalt eines großen, gefleckten Salamanders, wie man sie in Gebirgsflüssen findet. Echte Monster, die man auch Schlammteufel nennt. Seine Größe und Form waren so wandelbar wie Flammen. Der Schlammteufel gehörte zu seinen bevorzugten Gestalten, obwohl Sparky auch diese je nach Bedarf oder Lust und Laune modifizierte. Sein Kopf war so groß wie eine Schaufel, der Körper so dick wie ein Baumstamm. Zischend schlang er seinen Schwanz um Anyas Knie und züngelte in die Dunkelheit. Für die meisten Menschen war Sparky unsichtbar. Doch Katie konnte ihn fühlen, und Brian sah die durch ihn ausgelösten Temperaturveränderungen auf seinen Geräten. Aber für das Ding unter der Treppe war Sparky nicht unsichtbar.

Der Geist fauchte. »Elementargeist.«

»Das ist deine letzte Chance«, sagte Anya. »Verschwinde, oder ich werde dich vernichten.«

»Meins«, knurrte der Geist.

Anya seufzte. Einmal nur wünschte sie sich einen Geist, der ohne Probleme zu machen das Feld räumte. Einen Geist, der nicht verärgert und gereizt reagierte. Einen Geist, der einfach ging, wenn sie es ihm sagte. Brav und in aller Stille, nur einmal, zur Abwechslung.

Sie stieg die Stufen hinab. Sparky schwebte vor ihr. Unter der Treppe hämmerte der Geist an die Stufen, um sie einzuschüchtern. Anya ignorierte ihn und ging gleichmäßigen Schrittes weiter. Sie würde ihm nicht den Gefallen tun, erschrocken zu reagieren.

Plötzlich zersplitterte ein Brett und brach. Anya stolperte über die Holzstücke. Sparky schoss herbei, um ihren Sturz aufzuhalten. Anyas Taschenlampe fiel die Treppe runter, erlosch und rollte in der Dunkelheit davon. Sie selbst landete, mitsamt Sparky, auf dem Betonboden in Glassplittern und Salzgurkensud - unverletzt, aber verärgert. Das einzig verbliebene Licht stammte von Sparkys Schimmern: ein Licht, viel trüber und diffuser als das der Taschenlampe.

Das Ding unter der Treppe kicherte.

Jemand rüttelte am Knauf der Kellertür, doch sie ließ sich nicht öffnen. Das Geräusch von einem harten Aufprall hallte wider wie ein Gewehrschuss. Dann drang Jules Stimme durch die Tür. »Anya? Alles in Ordnung?«

»Mir geht's gut«, antwortete sie, stemmte sich vom Boden hoch und wischte die Glassplitter von Händen und Jeans. »Lasst uns allein.«

Sparky umkreiste sie, ein sich windendes Strahlen reinen Lichts. Durch sein Fauchen kräuselte sich seine lockere, gefleckte Haut. Kiemen entfalteten sich wie Farnblätter an beiden Seiten seines Kopfs, primitiv und Furcht erregend. Sein sanft-goldenes Leuchten war so hell, dass Anya sehen konnte.

Der Kellergeist war stärker, als sie erwartet hatte. Sie stellte sich vor, wie die Hauseigentümerin diesem Ding allein entgegentrat - ein Übermut, der sie schaudern ließ. Eine Macht wie diese hätte die alte Frau schwer verletzen oder gar töten können.

Und was das Ding mit den Salzgurken angestellt hatte - Blasphemie!

Anya ging um die Ecke und warf einen Blick unter die Treppe. Sofort stockte ihr der Atem. Die gebündelte Finsternis unter den Stufen strahlte Kälte aus; eine Kälte, die ihr entgegenschlug, als hätte sie eine Tür geöffnet und wäre hinaus in den strengsten Winter getreten. Beim Ausatmen verwandelte sich ihr warmer Atem in Dampf. Sie stemmte die Hände in die Hüften und betrachtete den altmodischen Getränkeautomaten, der unter der Treppe stand. Er war verbeult und zerkratzt, bedruckt mit dem Bild einer hübschen Frau mit Sonnenbrille und Kopftuch, die eine Flasche in ihrer Hand hielt. Schwungvolle weiße Buchstaben forderten vom Kunden »Trink aus!«, und neben dem Münzschlitz war zu lesen, dass eine Limo zehn Cent kostete. Bei einer Auktion wäre diese vergessene Antiquität ein Vermögen wert gewesen, aber sie war auch ein ausgesprochen nettes Heim für einen böswilligen Geist.

Anya trat gegen das Abbild der lächelnden Frau. »He, du! Sieh zu, dass du Land gewinnst.« Sie war müde, sie roch nach Salzgurken, und allmählich wurde sie wirklich wütend. In ein paar Stunden begann ihre Frühschicht, deshalb sollte sie jetzt eigentlich im Land der Träume weilen, anstatt auf einen Getränkeautomaten einzuprügeln.

Der Automat spuckte eine Glasflasche mit Limonade aus. Sie explodierte auf dem Boden wie eine kleine Handgranate. Anya wich hastig zurück. Die kalte, klebrige Flüssigkeit ergoss sich über ihre Stiefel.

Sie hörte, wie im Inneren der Maschine weitere Glasflaschen in Position gebracht wurden. Sparky stieß sie hinter die Werkbank, als ein Hagel aus Glas auf die Steinwand und die rohe Holzbank niederging. Nägel und Schrauben fielen wie metallener Regen klimpernd zu Boden. Sparky spähte über die Bohrmaschine hinweg, und sein Schwanz peitschte hin und her.

Anya knurrte. »Schluss mit diesem Aufstand.«

Als der Automat leer war, sprangen sie und Sparky hinter der Werkbank hervor, um sich auf ihn zu stürzen. Der Automat rappelte, schwankte vor und zurück. Aus dem Augenwinkel sah Anya, dass er nicht angeschlossen war. Das Kabel lag zusammengerollt auf dem Boden. Sparky schnappte nach dem Kabel, das sich sofort über den Boden davonschlängelte.

Anya presste ihre linke Hand auf die kalte Oberfläche des Automaten und die rechte an ihr Herz. In ihrer Brust spürte sie eine vertraute Hitze, fühlte das Brennen in ihrer Kehle. Sie atmete es ein, gestattete ihm, zu wachsen und sie ganz auszufüllen, spürte das Knistern in ihren Händen, als ein überirdischer Lichtschein sie durchflutete. Ihre bernsteinfarbene Aura wurde größer, wölbte sich wie ein Mantel, und ein Loch öffnete sich über ihrem Herzen. Die Flamme in ihrem Inneren loderte auf und griff nach dem jämmerlichen, Salzgurkengläser zertrümmernden Geist.

Sie konnte seine Kälte in dem Getränkeautomaten spüren, kühl und schlüpfrig wie eine Flüssigkeit. Geisterfeuer flackerte an ihren Fingerspitzen auf, und sie ertastete die kleine Gestalt des launischen Geistes in der Dunkelheit. Mit einem tiefen Atemzug sog Anya ihn ein, fühlte ihn eiskalt in ihrer Kehle. Als hätte sie einen Eiswürfel im Ganzen geschluckt, blieb er stecken, schmolz und glitt schließlich hinab in ihren leeren Brustkorb. Und als sie den Geist verschlungen hatte, gestattete sie dem Feuer in ihrem Inneren, ihn zu opfern und zu verbrennen.

Sie trat zurück und atmete tief durch. Ihr Körper dampfte in der Kälte, und sie roch Verbranntes. Ihre heiß glühende Aura legte sich um sie wie eine zweite Haut und begann zu verblassen. Sparky, der das nun kraftlos am Boden liegende Elektrokabel besiegt hatte, glitt an Anyas Seite. Er verwandelte sich in feinen, goldenen Nebel, kroch an ihrem Arm hinauf und verfestigte sich wieder in ihrem Halsreif. Anya fror und war dankbar für die Wärme, die er mit sich brachte.

Anya war ein Medium der seltensten Art: eine Laterne. Geister wurden unweigerlich von ihr angezogen wie Motten vom Licht - eine spezifische Eigenschaft für ein Medium. Gewöhnliche Medien konnten Geistern gestatten, nach Gutdünken in ihre Haut zu schlüpfen und ihre Stimmen und Hände zu nutzen; sie konnten ihre Körper einem anderen Wesen überlassen. Die Vorstellung, einem Geist diese Macht über sich einzuräumen, brachte Anya zum Schaudern.

Doch Laternen waren keine gewöhnlichen Medien. Sie war noch nie einer anderen Laterne begegnet. Der Begriff war ihr nur aus den Gesprächen mit Ciro bekannt. Es war keine Rolle, die sie gern spielte. Katie hatte einmal gesagt, Anya sei vom Feuer gesegnet. Wie ein fleischgewordener, elektrischer Insektenvernichter zog sie Geister in das Elementarlicht in ihrem Inneren, verschlang sie, verbrannte sie zu Asche. Anya hasste die kalte Berührung der Geister in ihrer Kehle; sie schmeckten hart und metallisch, wie Wasser, das zu viel Eisen enthielt. Hatte sie einen Geist verschlungen, so schien es Tage zu dauern, bis sie wieder echte Wärme empfinden konnte.

»Du konntest nicht einfach gehen, nicht wahr?« Anya bückte sich, um ihre Taschenlampe aufzuheben. Dann versetzte sie der zwinkernden Frau auf dem Getränkeautomaten einen wütenden Tritt, so stark, dass ihr Stiefel Schmutzspuren am Kinn der Frau hinterließ.

Die Vorderklappe des Automaten sprang auf wie eine Kühlschranktür. Anya erschrak, und ihre Haut kribbelte. Sie schluckte trocken, als sie die Taschenlampe auf das Innere des Geräts richtete.

Erst dachte sie, jemand hätte eine Puppe in die Maschine gestopft, zusammengerollt in einer embryonalen Haltung. Aber so viel Glück sollte sie in dieser Nacht nicht haben. Sie hörte ihr Blut in ihren Ohren rauschen. Nach näherem Hinsehen erkannte sie den ausgedörrten Leichnam eines Kindes, trocken wie die Samenhülse einer Seidenpflanze. Die zerschlissene Spitze am Saum des Kleidchens geriet durch Anyas Atem in Bewegung. Die schwarzen Zöpfe des Kindes wurden durch Plastikspangen gehalten. Lederschuhe, gerade so groß wie Anyas Hand, lagen zusammengerollt an der Wand des Automaten. Das Mädchen war zweifellos schon seit Jahrzehnten hier, verschollen und schließlich vergessen. Vielleicht war es ein Versteckspiel, das furchtbar schiefgegangen war. Vielleicht ein Mord. Sie konnte es nicht sagen.

Anya wischte ihre Fingerabdrücke mit dem Ärmel von der Klappe und sah, wie ihr Arm zitterte. Sie wollte nicht, dass die Polizei erfuhr, dass sie hier gewesen war. Das würde zu viele Fragen aufwerfen. Aber die DAGR mussten die Polizei alarmieren. Und sie wären gut damit beraten, Anya zu decken und nicht zu verraten. Sie fragte sich, wie die alte Salzgurken-Dame, die sich schon fürchtete, ihre Wäsche im Keller zu waschen, auf diese schockierende Entdeckung reagieren würde - vorausgesetzt, sie hatte das Mädchen nicht selbst in den Getränkeautomaten gesteckt.

Vage nahm sie das laute Hämmern an der Kellertür wahr. Schließlich gab die Tür nach, und Schritte donnerten die kaputten Stufen herab.

»Passt auf, wo ihr hintretet!«, rief Anya, aber es war zu spät. Max rammte seinen Fuß in das Loch in der Stufe und fiel beinahe hindurch. Jules versuchte, ihn herauszuziehen, während er ihn gleichzeitig beschimpfte, weil er vorausgestürmt war.

Anya starrte ihre Füße an. Sie roch nach eingelegten Gurken. Ihre Hände waren klebrig von der jahrzehntealten Limo, und in ihrem Haar hatten sich unzählige Glassplitter verfangen.

Und jetzt noch ein totes Kind. Keine gute Nacht.

Ihr starrer Blick wanderte hinauf zur Decke. Sie blinzelte und schwor sich, von nun an nicht mehr auf die Hilferufe der DAGR zu reagieren. Diese Hilferufe führten ständig zu unheimlichen Wahrheiten, und sie war es leid, diese Wahrheiten für sie auszugraben.

KAPITEL ZWEI

»Ich habe Jules gesagt, er soll dich nicht anrufen«, sagte Brian. Er blickte durch die Windschutzscheibe des Vans auf die verlassene Straße. Er sah Anya nicht an, sondern starrte nur stur geradeaus. Obwohl sie protestiert und gesagt hatte, sie würde ein Taxi nehmen, hatte er darauf bestanden, sie heimzufahren.

Anya musterte sein Profil. Es war ein hübsches Profil, eines, das ihr einmal vertrauter gewesen war: ein kräftiges Kinn, Adlernase, sinnliche Lippen. Das war, ehe Brian ihr zu nahe gekommen war. Und sie wollte nicht, dass er sich im wahrsten Sinne des Wortes die Finger an ihr verbrannte. Anya blieb auf ihrer Seite des Vans, ihre Hände umklammerten einen Styroporbecher mit heißer Schokolade.

»Oh«, sagte sie.

Brian schüttelte seinen Kopf. »So habe ich das nicht gemeint. Ich meinte …« Er schnaubte, und die Scheibe beschlug durch seinen feuchten Atem. »Ich hatte einfach den Eindruck, du würdest gern Abstand halten. Von den DAGR. Von uns allen.«

Anya starrte in ihren Becher. »Nun, ich habe im Moment nur ein bisschen Ärger auf der Arbeit.«

»Diese Brandstiftungen?«

»Ja.« Anya sank tiefer in ihren Sitz und rieb sich den Nasenrücken. In ihrem Tagesberuf war sie als Brandermittlerin für die Feuerwehr von Detroit tätig. »Der Chief sitzt uns im Nacken. Er will, dass wir die Fälle endlich lösen. Inzwischen sind wir schon bei Nummer drei.«

»Bist du sicher, dass es jedes Mal derselbe Brandstifter war?«

»Es muss derselbe sein. Das gleiche Vorgehen: keine Rückstände von Brandbeschleunigern. Wer immer es ist, er nimmt sich Zeit, um die Gebäude auszukundschaften. Er weiß, wann sie lange genug unbewacht sind, um sie niederzubrennen.« Sie schüttelte den Kopf. »Es ist nur eine Frage der Zeit, bis jemand ernsthaft verletzt wird.«

Anya starrte zum Fenster hinaus auf die Stadt, die noch unter der samtenen Decke der Nacht ruhte. Zu dieser frühen Stunde hatten die Busse gerade erst den Betrieb aufgenommen und krochen über die Busspuren wie Raupen, die sich an Blattadern entlangfraßen. In dem Automobilwerk an der Grenze zwischen Detroit und Hamtramck fand soeben der Schichtwechsel statt. Nach und nach kamen Arbeiter an und gingen vom Parkplatz zu dem großen, grauen Gebäude hinter dem Stacheldrahtzaun. Anya fragte sich, wie stark diese Männer und Frauen die Spannung spürten, die sich in den letzten Jahren in der Stadt ausgebreitet hatte: die zunehmende Arbeitslosigkeit, immer mehr Verbrechen. Diese teils offensichtlichen, teils unsichtbaren Ängste nährten eine unterbewusste, spirituelle Unruhe. Die psychiatrischen Kliniken waren voll, ebenso wie die Kirchen. Die DAGR waren beinahe jede Nacht unterwegs, um den Hilferufen der Leute zu folgen, deren Häuser und Geschäfte von Geistern heimgesucht wurden.

Hinter der riesigen katholischen Kirche im Zentrum von Hamtramck bog Brian ab. Die Türme von St. Florian überragten sämtliche Gebäude der umliegenden Blocks. Dieser Teil von Detroit, von polnischen Immigranten 1921 gegründet, war Anyas Hinterhof. Sie war im Schatten der Kirche aufgewachsen und lebte immer noch dort, auch wenn sie die Kirchentür als Erwachsene nie durchschritten hatte. In ihrer Nähe schien der Verfall etwas weniger ausgeprägt zu sein als andernorts.

Vor einem bescheidenen, anderthalbstöckigen weißen Haus stellte Brian den Motor ab. Es unterschied sich nur durch grüne Fensterläden von all den anderen weißverkleideten Häusern in der Straße. Ein Apfelbaum wuchs im Garten und beschattete die gewölbten Dachschindeln. Im Haus waren die Vorhänge zum Schutz vor der Sonne fest zugezogen.

»Ich habe bei unserer Salzgurken-Frau etwas aufgeschnappt, etwas, von dem ich annehme, dass du es hören willst.« Brian griff über ihre Beine hinweg. Anya zuckte zusammen. Er tat, als bemerke er es nicht, öffnete ohne Eile das Handschuhfach und nahm ein Diktiergerät heraus. »Ich habe etwas aufgenommen, während du mit dem Getränkeautomaten gekämpft hast.«

Ihre Wangen röteten sich vor Zorn. »Ich habe dir ausdrücklich gesagt, du sollst mich nicht aufnehmen. Das ist gegen unsere Abmachung, und das weißt du.«

»Ich habe dich nicht aufgenommen. Ich habe dir lediglich über die Kamera zugesehen.«

Anya verschränkte ihre Arme vor der Brust. Die Vorstellung, dass sie beobachtet wurde, behagte ihr nicht. Auch wenn es da für gewöhnliche Augen nichts zu sehen gab, war sie damit nicht einverstanden. Und Brian wusste sehr gut, wie sie dazu stand.

»Hör mal, ich wollte doch nur sicher sein, dass es dir gut geht.« Wieder schnaubte er. »Nach all dem Gepolter - vergiss es.« Er wedelte mit der Hand. »Dieses Diktiergerät war im Schlafzimmer der Salzgurken-Frau. Es hat genau zu dem Zeitpunkt, in dem du den Automaten geöffnet hast, etwas aufgezeichnet.« Er schaltete das Gerät ein.

Ein kaum wahrnehmbares Flüstern unterbrach das Rauschen. »Sirrush kommt.«

Anya blinzelte. Sie war erstaunt, dass er es überhaupt gehört hatte. Aber verdammt, Brian war ein guter Ermittler, und sie konnte sich nicht vor den Fakten verstecken, die er aufdeckte.

Brian schaltete ab. »Sagt dir das irgendetwas?«

Sie blickte in ihren Becher. Ihre Gedanken überschlugen sich, und sie fühlte seinen Blick auf sich ruhen. »Ich weiß nicht.«

Er schwieg, doch betrachtete sie weiter. Schließlich gab er auf und brach das unbehagliche Schweigen. »Hör mal, falls du irgendwas brauchst …«

Anya lauschte dem Knacken des abkühlenden Motors. Dann blickte sie auf. »Mir geht es gut, Brian.« Sie bemühte sich um ein Lächeln. »Danke.« Sie strich mit ihren Fingern über den Türöffner.

»Anya.«

Sie drehte sich zu ihm um. Das Sitzpolster knarrte unter ihrer Jeans, die noch immer feucht war von der Limo und dem Gurkensud. »Bitte, Brian. Ich habe gerade … Ich habe die Seele eines Kindes verschlungen. Im Haus unserer Salzgurken-Frau hat ein Kind gespukt.« Sie rieb sich die bernsteinfarbenen Augen. Der Essiggeruch ihrer Haut stieg ihr stechend in die Augen und nahm ihr die Sicht. Ihre Stimme stockte. »Ich möchte nur duschen und ein paar Stunden schlafen. Können wir später darüber reden?«

Brian sah aus, als hätte sie ihm einen Hieb in die Magengrube versetzt. Er rammte den Schlüssel wieder in das Zündschloss. »Okay. Aber - pass auf dich auf.«

Anya fragte sich oft, was aus den Seelen wurde, die sie verschlang. Bekamen sie einen Dauerparkschein für irgendeinen sonnigen Ort der spirituellen Erleuchtung? Oder hörten sie einfach nur auf zu existieren und verschwanden in der Finsternis? Sie hoffte, dass sie weiterzogen oder wenigstens aufhörten zu leiden. Was immer mit ihnen geschah, sie hoffte, dass sie nicht nur Futter waren, eine spirituelle Nahrung für das Vakuum in ihrem Herzen.

In den letzten Monaten war dieses Vakuum immer größer geworden. Sie konnte spüren, wie die Taubheit und das Gefühl der Isolation wuchsen wie ein schwarzes Loch. Unentwegt hungrig verzehrte dieses Loch alles, was in die Reichweite ihrer schauerlichen Anziehungskraft geriet, und mit jedem Atemzug schien es noch stärker zu werden und nach mehr zu greifen. Je mehr Geister Anya in sich aufnahm, desto größer, dichter und schwerer wurde das Loch. Sie befürchtete, dass die Menschen, die sie zu nahe an sich heranließ, auch in diesen Sog geraten könnten.

Anya schloss die Eingangstür und lehnte sich dagegen. Diesen kindlichen Geist zu verschlingen hatte sie verstört. Sie hatte angenommen, dass es sich bei der Macht, die sich im Haus der Salzgurken-Frau eingenistet hatte, um einen ganz gewöhnlichen Geist handelte, der unter der Last der Jahre und der Langeweile bösartig geworden war. Ein boshaftes Teufelchen - ein Geist, den sie auslöschen könnte, ohne dass ihr Gewissen ihr den Schlaf rauben würde. Aber dieser Vorfall würde ihr noch lange zu schaffen machen. Sie spürte, wie die Last ihres eigenen Bedauerns an ihr zerrte, als sie sich die Stiefel auszog und den Mantel auf die ausgebleichte Couch warf.

Unter den Schritten ihrer bestrumpften Füße lud sich der rostfarbene Teppich im Wohnzimmer statisch auf. Sie hatte den Raum mit Fundstücken von Garagenflohmärkten spärlich ausgestattet: eine Kapitänstruhe anstelle eines Kaffeetischs, zwei nicht zusammenpassende asiatische Lampen mit Porzellanfuß, ein Spiegel mit einem antiken Messingrahmen über einem samtbezogenen Sofa. Anya hatte jeden dieser Gegenstände selbst berührt, ehe sie ihn erworben hatte - sie hatte keine Lust, sich mit negativen Prägungen oder den Geistern der früheren Eigentümer herumzuschlagen. Hätte sie es sich leisten können, hätte Anya sich neue Möbel gekauft.

Katie hatte Anya oft dabei geholfen, Gegenstände ohne Überbleibsel der Vergangenheit auszuwählen. Die Hexe hatte das Haus auch gesegnet und gesagt, es hätte eine glückliche Geschichte, was immerhin ein kleiner Trost war. Häuser wie dieses gab es in Detroit heute nur noch selten. Es roch nach Zitronensaft und Salbei und war gesäubert von jeglichem spirituellen oder physischen Schmutz. Ihre

Feuerwehrausrüstung ließ Anya stets im Wagen. Sie wollte nicht, dass der Dreck und der Brandschmutz ihre kleine Oase verunreinigten.

Sie machte sich nicht die Mühe, das Licht einzuschalten. Sämtliche Elektrogeräte im Haus waren nicht angeschlossen, die Steckdosen waren mit Kindersicherungen versehen. Sparky hatte ein krankhaftes Interesse an allem, was elektrisch war, und Anya konnte nicht darauf vertrauen, dass er den Saft in der Leitung nicht kosten und eine Sicherung hochjagen würde. Da er keine Daumen hatte, war es ihm bisher nicht gelungen, die Steckdosensicherungen zu entfernen. Letzte Woche hatte Anya eine Mikrowelle gekauft. Soweit es Sparky betraf, war dies das beste Küchengerät aller Zeiten. Die Mikrowelle stand, wieder in ihrem Karton verpackt, auf dem Küchentisch. Die ehemals weiß lackierte Oberfläche war schwarz verkohlt, die Glasscheibe gesprungen. Die Chancen, dass der Händler das Gerät zurücknahm, standen wohl nicht gut, aber Anya wollte es trotzdem versuchen.

Sie ging ins Badezimmer und schaltete die Deckenleuchte ein. Die schwarz-weißen Retrofliesen glänzten im Licht. Eine Sammlung von Gummienten stand auf einem Regalbrett an der Wand und grinste sie cartoontypisch an. Anya drehte das heiße Wasser an der Badewanne auf und warf eine Handvoll Badesalz hinein. Dann nahm sie ihre Lieblingsente - ein frecher Pirat mit Plastikaugenklappe - vom Regal und ließ sie ins Wasser fallen, wo sie träge unter dem Wasserhahn kreiste.

Anya schälte sich aus den klebrigen, essigbefleckten Klamotten und verstaute sie in der Waschmaschine, die in einer kleinen Kammer stand. Kälte jagte über ihren Leib, als sie das Waschmittel abmaß und die Wassertemperatur einstellte. Als sie in das Haus gezogen war, hatte Anya in weiser Voraussicht einen extragroßen Heißwasserboiler einbauen lassen. Als Brandermittlerin wurde sie oft ziemlich schmutzig, und sie wollte nicht auf den Luxus, genug heißes Wasser zur Verfügung zu haben, verzichten.

Als sie ihr Spiegelbild sah, hielt sie inne. Das haselnussbraune Haar fiel auf ihre weiße Schulter, die von mehreren Schönheitsflecken verziert war. Ihre Finger fuhren über ihre Brust. Unterhalb des Salamanderhalsrings, in dem Sparky hauste, über der linken Brust war ein schwarzes Brandmal. Die Wunde schmerzte nicht, und Anya wusste, dass sie irgendwann verblassen würde wie all die anderen Exorzismusverbrennungen. Aber noch war sie da - eine sichtbare Erinnerung an die Seele, die Anya verschlungen hatte.

Sie stieg in die Wanne, bewegte ihre Zehen und spürte, wie die Wärme allmählich ihre Beine hochstieg. Dann legte sie sich bis zum Hals ins Wasser und tauchte ihr langes Haar ein. Die Piraten-Ente stieß gegen ihre Zehen. Sie griff nach einem Luffaschwamm und fing an, sich kräftig abzuschrubben, so als könnte sie die Erinnerung an das tote Kind von ihrer Haut reiben.

Die Grabesstimme aus dem Diktiergerät ging ihr durch den Kopf, und ihre Gedanken kreisten um die Worte:

»Sirrush kommt.«

Sie runzelte ihre Stirn. Sie hatte diesen Namen nie ausgesprochen gehört, nur in Büchern gelesen. Vor langer Zeit hatte man Feuerdrachen oder Salamander als Sirrush bezeichnet. Doch dieser Name war nur von Hexen in magischen Zeremonien benutzt worden, um das Element Feuer herbeizurufen. Aber in diesem Fall schien es so, als hätte die Botschaft des Geistes ihr persönlich gegolten, und das brachte Anya zum Grübeln. Sie erahnte schon den verräterischen Geschmack der Gefahr.

Nachdem sich das Wasser abgekühlt hatte, kletterte Anya aus der Wanne heraus. Als sie den Stöpsel aus dem Abfluss zog, roch sie weder Salzgurken noch Asche, nur Seife und einen Hauch Jasmin, der von dem Badesalz stammte. Die Piraten-Ente umkreiste den Abfluss.

Anya trocknete sich ab und zog ihren Bademantel an, der mit gelben Zeichentrickenten bedruckt war. Während sie über den Zottelteppich im Flur ging, hinterließ sie nasse Fußabdrücke. Sie blieb kurz stehen, um die Heizung aufzudrehen und freute sich schon auf die Wärme ihres Betts - ein einfacher Futon mit einem riesigen Stapel Decken, der ihr Schlafzimmer dominierte. Anya hatte sich nicht durchringen können, auch das Bett aus zweiter Hand zu kaufen. An Betten hafteten stets die Träume ihrer früheren Eigentümer.

Seufzend kroch Anya unter die Decken. Sie hatte noch ein paar Stunden Zeit zum Schlafen, ehe sie zum Dienst musste. Während sie schlummerte, erwärmte sich der Salamanderreif an ihrem Hals. Sparky löste sich aus seinem Heim und glitt hinab auf den Boden. Er tapste zu einem großen Hundebett mit Flanellbezug, das an der Wand stand. Darin lag sein Lieblingsspielzeug: ein Leuchtwurm. In dem Stoffpüppchen steckte eine Taschenlampe: raffiniert verborgen in einem raupenartigen Körper mit engelhaftem Plastikgesicht. Da sie batteriebetrieben war, konnte Sparky mit der Puppe keinen großen Schaden elektrischer Natur anrichten - anders als bei der Mikrowelle.

Sparky setzte einen Fuß auf den Leuchtwurm. Er leuchtete auf. Sparky zog die Pfote weg, und das Licht erlosch. Er legte seinen Kopf schief, betrachtete den Wurm und setzte wieder den Fuß darauf.

An.

Aus.

An.

Anya kniff ihre Augen zu, um sich vor dem blinkenden Licht zu schützen. So sehr wie Sparky es genoss, Geister und andere Wesen der spirituellen Welt zu jagen, konnte er sich in der physikalischen Welt nur für zwei Dinge begeistern: Energie und Anya. Das Spielzeug hatte ihm schon viele frohe Stunden bereitet. Anya hatte es in das Hundebett gelegt, in der Hoffnung, sie könnte Sparky auf diese Weise dazu ermuntern, doch endlich dort zu nächtigen.

Ein Winseln ertönte neben ihrem Bett.

Anya öffnete ein Auge. Sparkys Kopf lugte über ihrem Deckenberg hervor. Sie ächzte. Heute Nacht war sie einfach zu müde, um den Salamander in den Schlaf zu wiegen.

Sie stand auf, schnappte sich den Leuchtwurm und warf ihn in ihr Bett. Sparky kletterte hinterher und schlüpfte unter die Decken. Er machte es sich auf Anyas Oberschenkeln bequem und hielt den Leuchtwurm in seinen Pfoten. Anya strich träge über seine faltige Haut, und Sparky fing an zu schnurren: ein leises Vibrieren, das irgendwo unter seinen Rippen entstand.

Manchmal fragte sich Anya, wie es wohl wäre, Brians Wärme neben sich zu spüren. Sie hatte dies bereits ernsthaft in Erwägung gezogen. Aber sie wusste nicht, wie sie Brian erklären sollte, dass sie das Bett mit einem sehr zutraulichen Elementargeist teilte. Menschen konnten Sparky zwar nicht sehen, aber seine Anwesenheit war spürbar: Temperaturveränderungen, statische Elektrizität, das Gefühl, beobachtet zu werden. Bei Anyas bisherigen Liebhabern hatte sich Sparky nicht eben freundlich gezeigt. Wenn man mitten im Liebesspiel ist und einen Eins-zwanzig-Salamander am Fußende liegen sieht, mit seinem Schwanz auf die Decke peitschend, ist das - einfach störend. Sparky konnte sich manifestieren wann er wollte, ganz nach Lust und Laune. Im Gegenzug konnte Anya sich felsenfest darauf verlassen, dass er immer auftauchte, wenn Geister in der Nähe waren - oder eben wenn sich die Möglichkeit zu einem intimen Beisammensein mit einem Mann bot.

Der kupferne Salamanderreif hatte ihrer Mutter gehört. Die hatte zwar nie etwas gesagt, doch Anya nahm an, dass Sparky an den Ring gebunden war, seit es ihn gab - wie lange das auch sein mochte. Als ihre Mutter die heranreifende mediale Gabe ihrer Tochter erkannte, hatte sie ihr Sparky zu ihrem Schutz gegeben. Anya hatte ihren Vater zwar nie kennengelernt, aber ihre Mutter hatte anscheinend - zumindest einmal - trotz ihres magischen Anstandshündchens ein Liebesabenteuer erlebt. Aber Anyas Mutter war nicht mehr da, und es gab sonst niemanden, den sie fragen könnte, wie man einem Salamander beibringt, in seinem eigenen Bett zu schlafen.

Andererseits wurde Sex vielleicht auch überbewertet. Sparky hatte seinen warmen Schwanz um ihre Waden geschlungen und schnarchte leise. Wenigstens hatte er gute Manieren: Er furzte nicht, er kratzte sich nicht, und er hatte morgens keinen schlechten Atem. Es war ein bisschen so, als würde sie mit einer Heizdecke schlafen - und das war vermutlich das Beste, was Anya in diesem Moment widerfahren konnte.

Zusammengerollt in der warmen Umarmung des Salamanders, der gleichzeitig sein Spielzeug festhielt, schlief Anya sanft ein.

Sie träumte von Eis.

Anya drehte sich in einem Gewölberaum um die eigene Achse. Eis knirschte unter ihren Füßen und überzog die Wände mit einem feuchten, glitzernden Schimmer. Das einzige Licht kam von Sparky, der hell leuchtete und sich um ihre Füße wand. Die Decke musste hoch über ihr sein, außerhalb ihrer Sichtweite. Kälte entströmte den Wänden. Erdstreifen durchzogen das Eis wie Pinselstriche, als wäre dieser Ort aus jahrhundertealten eiszeitlichen Gletschern geschlagen worden.

So gewaltig wie eine Schlucht erstreckte sich der Raum über ihr in absolute Finsternis. Sparkys Licht konnte sie nicht durchdringen, sie reichte zu weit. Aber in der schwarzen Ferne regte sich etwas. Sparkys Zunge zuckte vor und zurück, kostete von der Dunkelheit. Auch Anya konnte es fühlen: Etwas Großes drehte sich in seinem Schlaf.

Neben ihr stand das Kind aus dem Getränkeautomaten: ein kleines Mädchen in einem gelben Kleid mit einem Schürzchen und weißen Turnschuhen. Bunte Plastikspangen hielten das säuberlich zu kleinen Zöpfen geflochtene Haar. Das Mädchen blickte zu Anya empor. Es hatte hübsche braune Augen und dichte Wimpern.

Sparky legte den Kopf schief und musterte das Mädchen. Dann begann er, an einem ihrer offenen Schnürsenkel zu kauen. Das Mädchen tat nichts, um ihn davon abzuhalten.

Tränen brannten in Anyas Augen, als sie das Kind so sah, wie es im Leben gewesen war. Sie kniete sich vor dem kleinen Mädchen hin. Anya konnte sich nicht ansatzweise vorstellen, was die vielen Jahre diesem Kind angetan hatten, damit es sich in einen so böswilligen Geist verwandelte, wie sie ihn im Keller getroffen hatte. »Es tut mir so leid, Kleines. Ich wusste nicht, dass du da drin warst.«

Ohne ein Blinzeln betrachtete das Mädchen sie mit ernstem Blick und zeigte in das kohlrabenschwarze Nichts. »Sirrush kommt.«

Anya wurde, wie eine Marionette an ihren Fäden, in die Dunkelheit gezogen. Sie ging tiefer in die Eiskathedrale hinein. Die Wände glitzerten nun vor Nässe, und Anya konnte Wärme auf ihrer Haut spüren. Durch die flimmernde Hitze erkannte sie Sparkys Leuchten schemenhaft, wie eine Kerzenflamme hinter Eis.

Etwas war dort. Anya konnte es atmen hören. Sie roch Verbranntes, nahm den Geruch von Kohle und Ozon wahr. Anya sog die Wärme tief in ihre Lungen ein, und es schien, als fülle diese das kalte, bodenlose Loch, das sonst die Geister verschlang.

Zum ersten Mal war die Leere in ihrer Brust ausgefüllt. Warm.

Das Wesen in der Höhle brüllte plötzlich so donnernd, dass Eisstücke von der Decke fielen und der gefrorene Boden zersplitterte. Anya hielt sich die Ohren zu, um das schreckliche Geräusch auszuschließen, das so klang, als käme das Ende der Welt …

… das Geräusch verwandelte sich in das Klingeln eines Telefons.

Anya drehte sich um, befreite sich von Sparkys Reptilienfuß in ihrem Mund und griff zum Telefon auf dem Nachttisch.

»Hallo.«

»Lieutenant Kalinczyk? Captain Marsh hier.«

Anya sah mit verschlafenem Blick auf die Uhr. Bis zum Aufstehen war immer noch eine Stunde Zeit übrig. Es konnte nichts Gutes verheißen, wenn Marsh sie so früh zu Hause anrief.

»Was gibt es?«

»Wir haben einen neuen Brandort, den Sie sich ansehen müssen. Wir kühlen ihn gerade ab.«

»Wie schlimm ist es?« Sie klemmte das Telefon zwischen Schulter und Ohr und kramte nach einem Stift. Sparky schnappte sich das Telefonkabel und kaute darauf herum. Anya schubste ihn weg, woraufhin er sich schmollend unter die Decke zurückzog. Der Leuchtwurm begann wieder zu blinken, wie ein Neonschild im Rotlichtviertel.

Marsh zögerte. »Einer unserer Jungs wurde verletzt. Ein Balken hat ihn erwischt.«

»Wer?« Ihr Herz hämmerte in ihrer Brust. Womöglich war es jemand, den sie kannte.

»Neuman vom Löschfahrzeug Acht. Er ist schon auf der Station für Brandopfer im Detroit Receiving Hospital.«

Anya stieß hörbar die Luft aus. Niemand, den sie persönlich kannte. Aber nun hatte das Feuer Blut gefordert - Blut der Feuerwehr. Jetzt würde das Department alles Mögliche aufbieten, um den Täter zur Strecke zu bringen. »Haben Sie irgendwelche Brandstifter festgenommen?«

»Wir halten einen Mann vom Sicherheitsdienst fest, damit Sie ihn befragen können.«

Anya notierte sich die Anschrift. Es war die Adresse eines Lagerhauses, das wenige Blocks vom Fluss entfernt lag, südlich der Vernor Avenue in einem reinen Industriegebiet. Zu einer so frühen Stunde musste es weitgehend verlassen sein - ein perfektes Zielobjekt.

Sie legte auf und schlug die Decken zurück.

»Aufstehen, Sparky!«

Sparky gähnte, quälte sich ihren Arm hinauf und hing wie ein Faultier um ihren Hals. Dann verschwand er in der Halskette.

Anya zog eine schwarze Anzughose und einen schwarzen Rollkragenpulli an. Als Brandermittlerin musste sie nur selten Uniform anlegen. Es war einfach sinnlos, Kleidung zu tragen, die nur chemisch gereinigt werden kann, um sie dann mit dem berufstypischen Schmutz zu beflecken. Der Inhalt ihres Kleiderschranks bestand nur noch aus schwarzen, braunen und grauen Hosen, Sweatshirts und Jacken, doch das störte sie nicht. Sie stand nicht gern im Zentrum der Aufmerksamkeit.

Anya steckte sich das Haar am Hinterkopf zu einem Knoten zusammen und kontrollierte ihr Aussehen im Badezimmerspiegel. Sie legte etwas kupferfarbenen Lippenstift auf - das einzige Zugeständnis an einen professionellen Auftritt, für das ihr genug Zeit blieb -, schnappte sich ihren Mantel und stürmte zur Tür hinaus in die kalte, graue Morgendämmerung. Sie fürchtete sich vor dem, was sie am Tatort erwartete.

Der Schaden war größer, als sie gedacht hatte.

Der ganze Block war mit Polizeiabsperrband abgeriegelt. Sie schaffte es kaum, ihren grünen 1972er Dodge Dart durch die dichtgedrängten Löschfahrzeuge, Polizeiwagen und Fahrzeuge der Energieversorger zu manövrieren. Es war, als versuchte sie, an einem Sommerwochenende vor einem Freizeitpark einen Parkplatz für einen Panzer zu finden. Die Straße war nass von noch tropfenden Feuerwehrschläuchen, und in der Luft lag der stechende Geruch von Löschschaum und Kohle.

Im rosaroten Licht der Morgendämmerung fuhr Anya auf das betroffene Gebäude zu. Früher war es ein Lagerhaus gewesen - vermutlich kurz nach der Jahrhundertwende erbaut -, mit geschwärzten Backsteinen und Sprossenfenstern aus je sechzehn kleinen Scheiben. Die Straße hatte sich über die Jahrzehnte immer weiter ausgedehnt und sich dem Gebäude genähert: Die Fassade stand beinahe direkt am Bürgersteig, und der Haupteingang war nur wenige Schritte von der Straße entfernt. Anya fiel auf, dass das Gebäude vierstöckig gewesen war, doch die beiden oberen Stockwerke waren eingestürzt. Dunkle Asche - die Überreste des Dachs - schwebte durch die Luft wie schwarze Federn. Die Fenster im Erdgeschoss waren mit Sperrholzbrettern vernagelt gewesen, die schnell verbrannt waren. Die Schläuche der Feuerwehr lagen noch dort und schlängelten sich ins Gebäude. Die Feuerwehrmänner versuchten ohne Zweifel, die Asche am Boden zu halten und ein erneutes Aufflackern der Flammen zu verhindern. Man konnte nicht wissen, welche Partikel sonst noch durch die Luft flogen: Asbest, Plastikreste oder Gummi.

Anya schaltete den Motor aus und öffnete mit dem Schlüssel den Kofferraum des Dart. Der Wagen hatte keinerlei Luxus zu bieten, sah man von der Servolenkung und dem Radio ab. Nicht einmal ein Automatikgetriebe gab es. Aber für Anya hieß es: je weniger Technik desto besser. Früher hatte sie einen Kleinwagen mit elektrischem Schiebedach, Zentralverriegelung, Automatikgetriebe und sogar einem Heckscheibenwischer besessen. Er hatte gerade drei Monate durchgehalten, in denen Sparky in all den Apparaturen herumgestochert und -gestöbert hatte. Den Dart, ein Fahrzeug mit wenig Kilometern auf dem Tacho und ohne eine einzige Roststelle, hatte sie bei einer Auktion lächerlich günstig von einem Sammler gekauft, der pleite gegangen war - was in Detroit dieser Tage nichts Ungewöhnliches war. In dem Dart, einem wahren Schlachtschiff von einem Wagen, fand Sparky wenig zum Kaputtmachen. Anya musste die Batterie zwar häufiger wechseln, als sie für normal hielt, aber sie erwischte Sparky nur selten unter der Haube - an den Anschlüssen herumkauend wie ein Hund an einem Stück Rohleder. Obendrein ließen sich die Ledersitze problemlos von Ruß und anderen ekligen Rückständen der Brandorte, die sie untersucht hatte, befreien. Der einzige Nachteil war der Kraftstoffverbrauch. Das und die Tatsache, dass es sich bei dem Zweitürer um das Modell »Swinger« handelte. Ein Name, auf den sie jeder beliebige Autofan aufmerksam zu machen pflegte - auch wenn sie gerade vor einem Supermarkt stand und ihre Einkäufe verstaute.

Ihre Werkzeuge waren säuberlich in zwei schweren Segeltuchtaschen im Kofferraum verpackt. Anya zog Mantel und Schuhe aus, legte den Arbeitsoverall an und lehnte sich dann gegen die Stoßstange des Wagens, um auch noch den weißen Chemikalienschutzanzug überzustreifen. Egal, welche Größe sie bestellte, die Anzüge waren für sie immer zu groß. In den Dingern kam sie sich vor wie ein wandelndes Marshmallow. Schließlich zog sie die Feuerwehrstiefel über die Kunststofffüße des Schutzanzugs und warf sich die gelbe Feuerwehrjacke über. Die weißen Buchstaben ihres Namens reichten von einem Arm zum anderen. Zur Sicherheit hängte sie sich eine Atemmaske um den Hals, ehe sie den Feuerwehrhelm aufsetzte, ihre Taschen schnappte und sich auf den Weg zur Einsatzleitstelle machte.

Es war jetzt drei Jahre her, dass Anya in voller Montur auf Löschfahrzeugen mitgefahren war und den Adrenalinstoß gespürt hatte, den das Sirenengeheul hervorrief. Dieser Teil des Jobs hatte seinen Reiz, war aber auch eine besondere Herausforderung. Im Department gab es weniger Frauen als Männer, und sie hatte hart dafür gearbeitet, um sich als fähige und verlässliche Brandbekämpferin zu beweisen. Sie war rasch befördert worden, und ihre Vorgesetzten vertrauten darauf, dass sie ihre Arbeit unauffällig, effizient und ohne große Aufregung erledigte.

Die geforderte Sachlichkeit hatte sich im Umgang mit den Kollegen schon manches Mal als Nachteil erwiesen. Feuerwehrleute bildeten von Natur aus eine enge, geradezu familiäre Gemeinschaft. Wenn sie ehrlich zu sich war, dann war das einer der Gründe, warum Anya sich ihnen angeschlossen hatte: Sie wollte sich irgendwo zugehörig fühlen. Früher hatte auch sie ihren Teil an Vierundzwanzig-Stunden-Schichten in der Feuerwache abgeleistet. Es war, als lebte man in einem Aquarium - das war ihr nicht leichtgefallen. Obwohl sich viele Männer mit ihr verabreden wollten, hatte Anya sie stets abgewiesen. Meist war sie die einzige Frau in der Schicht gewesen und konnte allein in einem Zimmer schlafen, sodass niemand etwas davon merkte, wenn Sparky die Decke aufwühlte.

Sparky hatte die Feuerwachen geliebt. Dort gab es stets Dinge zum Hineinkriechen und darin Herumwühlen, Dinge, die köstlich nach Feuer dufteten. Auf einer Wache hatte Sparky eine Vorliebe dafür entwickelt, Lichtschalter und elektrische Schaltpulte abzulecken. Der Captain kam schließlich zu der Überzeugung, die Elektroinstallation sei derart mangelhaft, dass sie komplett erneuert werden musste. Als Sparky dann auch noch Geschmack an einer Bier-Neonreklame von einem der Feuerwehrmänner fand, hätte er beinahe die ganze Wache niedergebrannt. Ein gelangweilter Salamander, der nichts zu tun hatte, war eine gefährliche Angelegenheit.

Als die Stelle als Brandermittler frei wurde, war Anya nur allzu bereit, einen Job anzutreten, der es ihr erlauben würde, in ihrem eigenen Bett zu schlafen und Sparky von all den schmackhaften Geräten fernzuhalten. Und bald musste sie feststellen, dass sie die Ermittlungsarbeit sogar als befriedigender empfand. Hinter den Kulissen setzte sie das Puzzle aus forensischen und psychologischen Teilen zusammen, das verschiedene Motive für eine Brandstiftung offenlegte: die Vertuschung eines Verbrechens, Versicherungsbetrug, Rache oder ein pathologisches Vergnügen. Das genaue Motiv einer Brandstiftung war immer einzigartig - so einzigartig, wie die Flammen und Rauchschäden eines jeden Brands.

Durch den Wechsel in die Ermittlungsabteilung hatte sie das Aquarium hinter sich gelassen; nun stand sie draußen und schaute von dort aus zu. Ermittler erfreuten sich regelmäßiger Arbeitszeiten, und nach Feierabend gingen sie nach Hause zu ihren Familien. Unter ihnen war nicht viel von der Kameradschaft zu spüren, die auf den Wachen herrschte. Und je mehr Zeit verging, desto breiter wurde der Graben zwischen Anya und ihren Kollegen.

Anya ging zur Leitstelle des Einsatzortes. Diese war gut erkennbar an dem Gewirr aus Feuerwehrleuten und Mitarbeitern der Energieversorger, die sich über einige Baupläne beugten. Sie sah einen hünenhaften Mann, der einen Schutzanzug trug und auf ein Klemmbrett kritzelte: Captain Marsh. Er war deutlich größer als die Arbeiter der Versorgungsunternehmen, und an seinem Hals baumelte eine Atemschutzmaske. Der Anzug war ihm an den Ärmeln etwas zu klein. Auf seiner haselnussbraunen Stirn glitzerten Schweißperlen und sein grau meliertes Haar klebte ihm am Kopf. Dort prangte eine Narbe, die er wie ein Ehrenabzeichen trug. Er gab sich nicht die Mühe die Wunde zu verbergen, die er sich vor Jahren zugezogen hatte, als er auf einem Leiterwagen mitgefahren und ein Haus explodiert war. Marsh war ein sachlicher Typ und hielt nichts davon, die Wahrheit zu beschönigen.

»Captain«, begrüßte sie ihn. »Was haben wir hier?«

Marsh blickte von seinem Klemmbrett auf. »Kalinczyk. Wir haben ein Lagerhaus, das in mehrere Bereiche aufgeteilt war. Es wurde mit Wänden aus verschiedenem Material gearbeitet, die nicht den Vorschriften entsprechen.« Marsh machte es wütend, wenn sich Leute nicht an Vorschriften hielten und dadurch etwas Schlimmes passierte.

»Haben Sie schon Kontakt zum Eigentümer aufgenommen?«

»Den haben wir noch nicht erreicht, also wissen wir auch nicht, was alles drin war. Bisher fanden wir Möbel, Büroausstattungen, Dokumentenarchive und etwas, das aussieht wie ein privater Lagerraum. Wer weiß, was da noch ist? Alles, was wir gefunden haben, war leicht entflammbar und auf engem Raum dicht gepackt.« Marsh blätterte in den Papieren auf seinem Klemmbrett. »Das Feuer wurde um vier Uhr zwanzig von einem Wachmann gemeldet, der bei dem Gebrauchtwagenhändler einen halben Block von hier entfernt arbeitet.« Mit dem Daumen zeigte er auf einen Mann, der auf dem Rücksitz eines Streifenwagens saß. »Das ist er.«

»Vorbestraft?«

»Nein. Die Polizei hat ihn überprüft. Nichts.«

Anyas Blick schweifte zu den Rettungsfahrzeugen, die immer noch am Brandort waren, und zu einem verkohlten Etwas in Form eines Menschen, das halb unter einer Decke versteckt lag. Sie runzelte die Stirn. »Sie sagten, einer unserer Leute sei verletzt worden.«

»Ja.« Marsh seufzte. »Statt in Sicherheit zu investieren, haben die Eigentümer eine Schaufensterpuppe vor einem Fenster im ersten Stock platziert, damit es so aussieht, als würde hier jemand arbeiten.« Er zeigte auf die bäuchlings am Boden liegende Gestalt. »Die erste Leiterwagengruppe vor Ort hat gedacht, dort wäre eine Person eingeschlossen, und ist durch das Fenster rein, um sie zu retten. Neuman hat Verbrennungen erlitten, als er die Puppe rausgezogen hat. Den Jungen hat's schlimm erwischt.« Marshs Lippen zuckten vor Zorn. Anya wusste, dass er in Teilzeit an der Feuerwehrakademie unterrichtete und die meisten jungen Brandbekämpfer persönlich kannte.

»Tut mir leid, Captain.«

»Ja, mir auch.«

Anya nickte. »Ich mache mich an die Arbeit.«

Dann wandte sie sich dem einzigen Zeugen zu: dem Wachmann, einen Hispanier Anfang zwanzig mit abstehendem Haar, der immer noch im Wagen saß. Ihr fiel auf, dass er keine Waffe trug und dass seine braun-weiße Uniform so neu war, dass man noch die Bügelfalten erahnen konnte.

Anya öffnete die Tür und setzte sich neben ihn. »Hi. Ich bin Lieutenant Kalinczyk vom Detroit Fire Department.«

Der junge Mann schaute sie an. Anya fiel auf, dass er einen Rucksack unter dem Arm hielt. »Bin ich in Schwierigkeiten?«

Anya schüttelte den Kopf und zog ihr Notizbuch hervor. »Nein. Der Rücksitz des Streifenwagens ist nur derzeit der sicherste Ort für Sie, weil wir nicht wissen, was für ein Zeug aus dem niedergebrannten Gebäude jetzt durch die Luft fliegt. Ihr Name, bitte?«

»John Sandoval.«

»John, wie wäre es, wenn Sie mir erzählen, was passiert ist?«

»Ich arbeite drüben bei dem Gebrauchtwagenhandel als Nachtwächter. Ist ein netter Job. Tagsüber gehe ich zur Uni, und hier habe ich normalerweise nicht viel zu tun. Es gibt einen hohen Stacheldrahtzaun und eine gute Alarmanlage - Keine Ahnung, wozu die einen Wachmann brauchen. Nicht, dass ich mich beklagen wollte. Ist gutes Geld für mich.« Die Worte sprudelten nur so aus seinem Mund. »Ich war dabei für mein Examen zu lernen, als ich ein Licht auf der anderen Straßenseite bemerkte.«

»Was für ein Licht? Von Scheinwerfern? Von einer Taschenlampe?«

Er schüttelte den Kopf. »Weder noch, glaube ich. Es war ein ziemlich schwaches Licht. Gelb. Ich habe es gerade noch gesehen, bevor es um eine Ecke des Gebäudes verschwand.«

»Es war außerhalb des Gebäudes?«

»Ja, in der Gasse. Ich habe mir nicht viel dabei gedacht, bis ich ungefähr eine Stunde später den Rauch gerochen habe. Ich bin aufgestanden, um nachzusehen, und da sah ich, dass der erste Stock brannte. Dann habe ich die 911 angerufen.« Er hob hilflos die Hände. Anya sah, dass sie sauber waren. Weder auf den Handflächen noch unter den Fingernägeln gab es Spuren von Brandbeschleunigern. »Das war alles, das habe ich den Cops schon erzählt.«

»Ist Ihnen sonst noch etwas aufgefallen? Jugendliche, Autos, irgendwas Ungewöhnliches?«

Er schüttelte den Kopf. »Ich habe nichts gesehen. Ich habe im Wachdienstwagen an der Südseite des Freigeländes gesessen. Es war nichts los.«

»Irgendwelche sonderbaren Gerüche? Benzin, Chemikalien?«

»Nein. Es schien alles ganz normal zu sein.« Johns Gesichtsausdruck verfinsterte sich. »Ähm … werden Sie meinem Boss erzählen, dass ich während der Arbeit gelernt habe?«

»Nein.« Anya schüttelte den Kopf, schenkte ihm ein angedeutetes Lächeln und setzte die Kappe auf ihren Stift. »Ich will Ihnen nicht Ihren netten Job versauen.«

John grinste erleichtert. »Danke, Ma'am.

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