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Flammenwüste

Über den Autor

Akram El-Bahay hat seine Leidenschaft, das Schreiben, zum Beruf gemacht: Er arbeitet als Journalist und Autor. Als Kind eines ägyptischen Vaters und einer deutschen Mutter ist er mit Einflüssen aus zwei Kulturkreisen aufgewachsen. Dies spiegelt sich auch in seinen Romanen wider: klassische Fantasy-Geschichten um Drachen und Magie, die ebenso sehr an den HERRN DER RINGE an orientalische Märchen erinnern.

BASTEI ENTERTAINMENT

1. Eine folgenschwere Entscheidung

Die Flammen loderten auf, als der Kaffeemeister das langstielige Mokkakännchen von der Feuerstelle nahm. Rasch füllte er die tiefschwarze Flüssigkeit in eine kleine Tasse und bahnte sich mit ihr seinen Weg durch die dichte Menschenmenge, die sich im hinteren Teil des Kaffeehauses versammelt hatte.

Rauch aus einem Dutzend Wasserpfeifen bildete einen dichten Vorhang. Es war beinahe Mittag, doch das Licht von außen drang schläfrig durch die Ritzen der geschlossenen Fensterläden in den Raum, der in ein schummriges Halbdunkel getaucht war.

Gespannte Stille herrschte unter den Gästen. Sie alle warteten darauf, dass der berühmte Erzähler Nûr ed-Din endlich mit der nächsten Geschichte begann. Seit dem ersten Angriff war das Interesse der Menschen an den alten, fast vergessenen Erzählungen über Drachen wieder erwacht und viele, die heute gekommen waren, hofften, dass die Worte des Erzählers diese Feuer speienden Wesen wieder in das Reich der Märchen und Legenden verbannen würde, wo sie ihrer Meinung nach auch hingehörten.

Vor einem halben Jahr hatten Händler von einer ausgebrannten Karawanserei berichtet, die an der alten Gewürzstraße lag. Es war bekannt, dass alle Kaufleute, die dort Rast machten, wertvolle Ware mit sich brachten. Daher suchte man die Schuld für den Überfall zunächst bei den Haschirim, jenen unbarmherzigen und grausamen Wüstenkriegern, die seit Jahr und Tag das Land unsicher machten. Der Sultan schickte Soldaten, um die Schuldigen aufzuspüren, aber seine Männer kehrten mit leeren Händen zurück. Nicht eine Spur der Angreifer war zu finden gewesen. Es schien, als wären Feuer und Zerstörung vom Wüstenwind herangetragen worden.

Der Vorfall geriet in Nabija bereits in Vergessenheit, als zwei Monate darauf andere Händler von einer zweiten niedergebrannten Karawanserei berichteten. Erneut schickte der Sultan seine Soldaten und abermals kehrten die Männer erfolglos zurück. Nur kurze Zeit später fiel ein dritter Karawanenhof den Flammen zum Opfer. Doch diesmal fanden die Händler unter den Toten einen Mann, der sich noch für ein paar Atemzüge ans Leben klammerte. Nur ein Wort brachte er vor seinem Ende hervor: Drache!

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht über das Land, begleitet von Entsetzen, Unglauben … und Neugier.

Anûr, der Enkel des Erzählers, schielte neidisch auf die Mokkatasse, die der dicke Kaffeemeister seinem Großvater reichte. Während Nûr an dem Gebräu nippte, betrachtete Anûr die Menge. Er erkannte einige der Zuhörer von gestern wieder, andere waren schon seit dem Morgen hier. Sie alle wollten hören, was sein Großvater über Drachen zu erzählen wusste.

»Drachen«, hörte er seinen Großvater schließlich die Geschichte beginnen, »sind so alt wie die Welt selbst. In ihnen brennt dasselbe Feuer, das noch heute tief im Inneren der Erde lodert und das am Anfang aller Tage das Land zum Schmelzen und die Ozeane zum Kochen gebracht hat. Es ist das Feuer, aus dem die Welt geschaffen wurde. Lange haben die Drachen friedlich Seite an Seite mit den Menschen gelebt … bis der große Krieg über die Welt kam. Ein weit entferntes Reich, heute von den Menschen längst vergessen, erhob sich damals. Von dort kamen fremde Soldaten, auf der Suche nach einem mächtigen Zauber. Ein Zauber, der seinem Beherrscher mehr Stärke verleihen würde als das tödlichste Schwert und das größte Heer. Die Armee des fremden Königs war gewaltig und brachte Tod und Zerstörung über die Völker der Wüste. Die Menschen Nabijas indes waren nicht schutzlos, denn sie kämpften gemeinsam mit den stolzen und tapferen Menschen aus Hambar, der schwimmenden Stadt auf dem Roten See, und den Seefahrern von Nubiéd, die ihnen zur Hilfe geeilt waren. Doch während der Krieg tobte, geschah etwas im Lager der Feinde, das alles verändern sollte. Der König …« An dieser Stelle brach Nûr ab und hustete gekünstelt.

Anûr musste sich zusammenreißen, um nicht die Augen zu verdrehen. Sein Großvater hatte heute schon drei Geschichten erzählt, und Anûr ahnte, was jetzt kam.

Der alte Erzähler hustete noch einmal und klopfte sich nun auch auf die Brust. Das war das verabredete Zeichen für Anûr, zu ihm zu kommen und ihm aufzuhelfen. »Es geht nicht mehr«, keuchte er so übertrieben, dass sich Anûr sicher war, die Zuhörer würden das Schauspiel durchschauen. Doch die Blicke der Leute waren ebenso bestürzt wie sorgenvoll, während sich Nûr hochrappelte und zum Beweis seiner Schwäche auf seinen Enkel stützte. »Ich muss mich etwas ausruhen.«

Aufgeregtes Gemurmel entsprang unter den Leuten. »Aber Ihr müsst weitererzählen. Was passierte mit den Drachen?«, rief ein Mann, so mager wie die streunenden Katzen der Stadt, der von seinem Sitzkissen aufgesprungen war.

»Vielleicht könnte mein Enkel weitererzählen.« Nûr klopfte seinem Enkel schwach auf die Schulter. »Er weiß fast ebenso viel über die alten Geschichten wie ich.«

Anûr seufzte leise. Es war das übliche Schauspiel, das sein Großvater aufführte, wenn er eine Pause wollte. Dann tat er so, als hätte er einen Schwächeanfall, und ließ ihn die Geschichte beenden, wenn es die Zuhörer wollten. Aus Mitleid mit dem armen Alten, der meist im Hinterzimmer schnarchte, zeigten sich die Leute später beim Bezahlen für die Erzählung häufig sogar besonders spendabel.

Anûr sah seinem Großvater nach, der wankend in einem Hinterzimmer des Kaffeehauses verschwand, dann drehte er sich zu den Gästen des Kaffeehauses um und hob fragend die Augenbrauen. Er konnte zwar viele der Geschichten besser als sein Großvater erzählen, der hier und da schon mal eine Wendung vergaß. Doch nicht immer wollten die Leute, dass der Lehrling die Geschichte fortführte, und wenn sie ihm hier nicht zuhören wollten, sollte ihm das recht sein. Er könnte genauso gut die Stadt erkunden.

»Der Junge soll erzählen«, rief jedoch ein Mann, der an der Wand lehnte, und zustimmendes Gemurmel erhob sich um ihn herum.

Also keine Gelegenheit, Nabija endlich kennenzulernen. Anûr zuckte enttäuscht mit den Achseln und ließ sich auf dem großen Holzstuhl nieder, auf dem zuvor sein Großvater gesessen hatte. Die Menge wurde schnell wieder still, und er führte die Erzählung fort. »Doch im Lager der Feinde geschah etwas, das alles verändern sollte. Der König der Feinde starb und Nyan, sein Magier, nahm seinen Platz ein. An dem Tag, an dem Nyan die Macht übernahm, wurde das fremde Heer stärker und die Menschen Nabijas verloren an Kraft, denn Nyan verfügte über eine machtvolle Waffe. Verrat.«

Anûr berichtete, wie sich die Menschen zuvor mit vielen der Drachen zu einem Bündnis zusammengeschlossen hatten. Doch er erzählte seinen Zuhörern auch, wie Nyan Zwietracht in den Reihen der Menschen und ihrer Feuer speienden Verbündeten säte, während sich seine eigenen mit treulosen Menschen und Drachen füllten. Letztere waren es schließlich, die Nabija das meiste Leid brachten. Anûrs Beschreibung davon, wie das Drachenfeuer den Menschen das Fleisch von den Knochen fraß, ließ die Zuhörer frösteln, obwohl es warm war in dem überfüllten Kaffeehaus, und sich die Wangen vieler Zuhörer nicht nur vor Aufregung röteten.

»Es dauerte nicht lange und Nyans Heer hatte weite Teile der Wüste erobert. Selbst die Dschinnen und Ifriten und all die anderen Wesen der Wüste fürchteten seine Macht und zogen sich weit zurück, hinein in Gegenden, die kein Mensch zu betreten wagte. Die letzten Soldaten des Sultans konnten die vollkommene Zerstörung ihres Landes nicht mehr viel länger aufhalten. Doch mit einem Mal endete der Krieg. Von einem Tag auf den anderen zog Nyans Armee ab und kehrte in die Tiefe Wüste zurück. Die Menschen von Nabija konnten kaum glauben, dass der Krieg vorüber war. Erleichterung breitete sich unter ihnen aus. Nur einer mahnte zur Vorsicht. Es war Schakschuka, der Magier des Sultans von Nabija. Er fürchtete, dass Nyan den Zauber gefunden hatte, den er und sein König vor ihm so unerbittlich gesucht hatten und den er in Nabija versteckt geglaubt hatte. Schakschuka warnte den Sultan, dass Nyan damit unbesiegbar werden würde. Auf sein Drängen hin schloss sich das kriegsmüde Heer von Nabija mit seinen Verbündeten zu einer letzten Schlacht zusammen und stellte sich Nyan. Drei Tage soll die Schlacht gedauert haben. Menschen kämpften gegen Menschen und Drachen gegen Drachen.« Anûr machte eine kunstvolle Pause und nippte an der Mokkatasse, die sein Großvater stehen gelassen hatte. Wenigstens noch lauwarm, dachte er und sah sich um. Alle Augen im Raum waren auf ihn gerichtet. Er spürte, wie seine Worte Fäden sponnen. Ein Netz, in dem sich seine Zuhörer verfingen. Seine Worte malten ihnen Bilder in die Köpfe. Ein guter Erzähler lässt seine Zuhörer mit den Ohren sehen, sagte sein Großvater immer. Oh ja, ein Blick in die Gesichter der Leute zeigte Anûr, dass sie längst nicht mehr die Kaffeestube vor sich sahen.

»Zum Schluss führte ein einzelner Mann die Entscheidung herbei«, fuhr Anûr mit dunkler Stimme fort. »Tausende hatten bereits ihr Leben gelassen. Doch Schakschuka gelang es in einem letzten verzweifelten Versuch, Nyan zu stellen und zu besiegen. Der geheimnisvolle Zauber, um dessen Willen dieser Krieg geführt worden war, ging verloren. Und auch die Drachen verschwanden, gleich, auf welcher Seite sie zuvor gekämpft hatten. So gingen sie in das Reich der Geschichten ein. Ihre Geschichten wurden zu Legenden. Aus den Legenden entstanden Mythen. Und aus den Mythen wurden schließlich Märchen.« Anûr blickte sich um. »Das war die Geschichte von den Drachen und dem Krieg gegen Nabija. Danke für eure Aufmerksamkeit. Bitte vergesst nicht, uns etwas in den Beutel zu werfen.«

Es dauerte einen Moment, bis auch die letzten Zuhörer begriffen hatten, dass die Erzählung vorbei war. Murrend erhoben sie sich von ihren Kissen und sprachen mit gedämpften Stimmen über die Geschichte. Viele von ihnen warfen Münzen in Anûrs Beutel.

Bislang läuft es ganz gut, dachte er bei sich, als er die Einnahmen grob überschlug. Sein Großvater und er waren erst gestern in Nabija, der Hauptstadt des nach ihr benannten Reiches, eingetroffen. Sie hatten, nachdem die ersten Gerüchte von dem Drachen aufgekommen waren, nicht lange gezögert und sich auf die weite und beschwerliche Reise von der kleinen Küstenstadt im Norden, in der sie lebten, zum Zentrum des Wüstenreichs gemacht. Nabija. Noch nie war Anûr hier gewesen. Hier hofften sie nun, alles hören zu können, was über den Drachen und die Angriffe berichtet wurde … und dabei mit ihren Geschichten ein hübsches Sümmchen zu verdienen. Schließlich galt Nûr ed-Din, bei dem Anûr seit dem Tod seiner Eltern lebte, als einer der besten Erzähler des Reiches und sein Wissen über Drachen war unerreicht.

Auch Anûr liebte Geschichten, er dachte sich sogar eigene aus. Erzählt hatte er jedoch noch nie eine von seinen eigenen, nicht einmal seine Lieblingsgeschichte. Unter den Erzählern war das Erfinden neuer Geschichten nur den Meistern vorbehalten, die mehr als ein halbes Jahrhundert damit zugebracht hatten, die Kunst des Erzählens zu verfeinern.

Nach und nach leerte sich das Kaffeehaus, obwohl sich der Kaffeemeister nach Kräften bemühte, die Leute zum Bleiben zu bewegen. Als er einsah, dass er seine Gäste nicht aufhalten konnte, gab er resigniert auf. Er zog einen Lappen hervor, ebenso schmutzig wie die Schürze, die er umgebunden hatte, und begann, die Tische abzuwischen.

Anûr schob die Münzen zurück in den Beutel, als ihn plötzlich schwere Schritte aufhorchen ließen. Er sah überrascht auf und entdeckte zwei Soldaten, die ihn mit fragendem Blick musterten. Einer von ihnen hielt das Schild in der Hand, das Anûr am Vortag draußen an der Eingangstür angebracht hatte.

»Wir suchen den Geschichtenerzähler Nûr ed-Din«, sagte der größere der beiden Soldaten. »Wir sind im Auftrag des Sultans hier.«

»Nun, ich …«, fing Anûr an, doch dann hielt er inne. Eine Idee nahm Gestalt in seinem Kopf an. Es war eine von der Art, die einen nicht mehr losließ, obwohl man genau wusste, dass sie einen in Schwierigkeiten bringen würde.

Es war nicht das erste Mal, dass sein Großvater an einem der Orte, die sie besuchten, zu den Stadtoberen gerufen wurde, um sie zu unterhalten. Häufig genug beschwerte er sich, dass er keine Lust hatte, einem selbstverliebten Kalifen oder, schlimmer noch, seinen kriecherischen Beamten und Wesiren Privatvorstellungen zu geben, vor allem da Anûr ihn meistens nicht einmal begleiten durfte. Und wenn doch, dann musste er bei den Torwachen oder im Küchentrakt warten. Dabei hätte er einen Palast gerne mal von innen gesehen, besonders den berühmten Sultanspalast.

Er horchte auf das leise Schnarchen aus dem Hinterzimmer. Nûr, das wusste er, hielt für gewöhnlich einen ausgedehnten Mittagsschlaf. Er würde erst in ein oder zwei Stunden wieder aufwachen. Bis dahin konnte Anûr ihn vertreten und in seinem Interesse die Einladung des Sultans annehmen. Schließlich brauchte der alte Mann seinen Schlaf. Und einen Sultan konnte man nicht warten lassen. Einen Lidschlag später hatte Anûr seine Entscheidung getroffen

»Ihr habt ihn gefunden«, sagte Anûr. »Ich bin Nûr ed-Din.«

Der Soldat warf ihm einen misstrauischen Blick zu und fragte dann den Wirt, ob dies wirklich der Erzähler sei.

Anûrs Herz begann so laut zu klopfen, dass er glaubte, die Soldaten könnten es hören.

Der dickbäuchige Besitzer des Kaffeehauses, der sich an der Theke herumdrückte, ließ den schmutzigen Lappen sinken und zuckte mit den Schultern. »Ein Erzähler? Der Junge? Ja, ja. Er erzählt wirklich gut. Wollt ihr nicht vielleicht einen Kaffee? Oder etwas anderes?«, fragte er hoffnungsvoll, doch der Soldat wandte sich ab. Er musterte Anûr erneut, und Anûr konnte den Zweifel aus seinem Blick lesen. »Du bist jünger als ich angenommen hätte«, sagte er. »Viel jünger.« Er hielt seinen Blick noch einen Moment auf ihn gerichtet, doch dann nickte er und deutete auf die Tür. »Na gut. Komm mit.«

Anûr atmete erleichtert aus. Für einen Augenblick hatte er geglaubt, seine Lüge würde auffliegen. Er steckte den Beutel mit dem Geld ein und folgte den beiden Soldaten aus dem Kaffeehaus. An der Vorderseite des Gebäudes spendete ein Bogengang angenehm kühlen Schatten. Die Arkaden zogen sich die gesamte Länge der Straße entlang und sie folgten dem Gang, bis er auf eine andere Straße mündete. Sie hielten sich in Richtung der Sultanstraße, der Hauptstraße der Stadt, und erreichten sie schon nach kurzer Zeit.

Unzählige Menschen drängten sich dort aneinander vorbei. Obwohl die Straße breit war, gab es kaum genug Platz für alle. Händler in prächtigen Kleidern ritten auf Kamelen durch die Menge und sahen dabei aus, als würden sie auf einem Meer aus Leibern schwimmen. Dahinter folgten ihnen ihre Diener auf Eselskarren, mit denen Ware transportiert wurde. Die Straße wurde von Verkaufsständen und Handwerksbuden gesäumt. So ein Gedränge war Anûr nicht gewohnt und er versuchte, so nah wie möglich bei den Soldaten zu bleiben, vor denen sich die Menge wie von Geisterhand teilte, nur um sich direkt hinter ihnen wieder zu schließen. Anûr wurde ständig angerempelt und schaffte es nur mit Mühe, nicht den Anschluss zu verlieren.

Es herrschte ein solcher Lärm, dass man kaum die eigenen Gedanken verstehen konnte. Anûr hörte zwei alte Eselstreiber über die schlechten Straßen schimpfen und das bisher viel zu kalte Wetter für diese Jahreszeit. Immerhin sei es schon Juli, aber so kühl wie im Februar. Erst jetzt scheine es wärmer zu werden. Sie kamen an dem Geschäft eines Fußbüglers vorbei, der das heiße Eisen mit seinem linken Fuß auf ein Hemd presste und geschickt über den Stoff gleiten ließ. Man solle es nicht für möglich halten, schimpfte der alte Bügler. Da hätte eine Frau gesagt, dass sie für den Preis lieber selbst bügeln würde. Selbst bügeln! Und dann auch noch eine Frau! Er wüsste schon, wohin das führen würde.

Was immer der Fußbügler noch zu sagen hatte, ging im lautstarken Streit zweier Frauen unter, die über den Preis für ein Huhn feilschten. Das Tier schlug wild mit den Flügeln in seinem Käfig und gackerte.

Sie kamen in einen Teil der Straße, in dem vor allem Gewürz- und Obsthändler ihre Stände hatten. In den betörenden Duft von Kardamom und Zimt mischte sich das Aroma von reifen Bananen, saftigen Mangos und goldgelben Honigmelonen. Allerdings stieg Anûr auch der faulige Gestank einiger Früchte in die Nase, denen die lange Zeit in der Sonne nicht gut bekommen war.

Als sich Anûr mit seinen beiden Führern dem Fluss näherte, den die Menschen in Nabija den Musachir, den Reisenden nannten, nahm das Gedränge endlich ab. Er wusste, dass der Fluss die Stadt in zwei Hälften teilte und auf der anderen Seite das königliche Viertel lag. Die meisten Bürger, sofern sie nicht wegen kleinerer Streitigkeiten zu einem der rechtsprechenden Qadi mussten oder gar im Palast zu tun hatten, überquerten den Fluss nur selten.

Eine breite Brücke führte über den Musachir, der so träge durch die Stadt floss, als habe er alle Zeit der Welt für seinen Weg zum Meer. Auf der anderen Seite führte die Straße noch ein Stück weiter, bis sie an einer steinernen Mauer aus weißem, glatt poliertem Sandstein endete. Dahinter ragte der majestätische Kuppelbau des Sultanspalastes auf, der ebenfalls mit weißem Stein verkleidet war. Die Kuppel allerdings glänzte golden und fast schien es, als würde dort eine zweite Sonne die erste überstrahlen wollen.

Die Soldaten führten Anûr über die breite Brücke hinüber zum königlichen Viertel. Die Menschen, die mit ihnen den Fluss überquerten, steuerten fast alle die kleineren Gebäude vor der Mauer an. Die drei jedoch folgten der Straße weiter, bis sie das Tor in der Mauer erreichten, und wurden augenblicklich hindurchgewunken. Die Soldaten führten Anûr in einen großen Garten, den die Stimmen unzähliger Vögel erfüllten. Jasmin säumte die Pfade. Sein schwerer, süßlicher Duft lag über allem und die weißen Blüten funkelten in der Sonne wie kleine Perlen.

Als sie schließlich das Tor des Palastes erreichten, schlug Anûrs Herz so schnell, als wäre er den ganzen Weg gerannt. Er rief sich all die Geschichten ins Gedächtnis, die er in langen Stunden auswendig gelernt hatte. Geschichten, die in diesem Palast spielten. Oft hatte er sich ausgemalt, wie es wohl im Inneren aussehen mochte. Gespannt, ob die Wirklichkeit mit der Pracht seiner Fantasie mithalten konnte, trat er über die Schwelle in die Vorhalle, die nach dem gleißenden Mittagslicht zunächst dunkel wirkte. Anûr blinzelte … und ihm stockte der Atem.

Die Vorhalle war vollständig mit glänzendem Marmor ausgelegt. Während der Boden weiß war, hatten die Wände eine gelb-rötliche Farbe. Ganz so, als ob die Abendsonne den Wüstensand zum Leuchten bringen würde. Es wirkte beinahe, als stünde man während eines Sonnenuntergangs mitten in der Wüste. Es war viel schöner, als er es sich je hätte ausmalen können.

Die Soldaten führten Anûr vorbei an breiten Treppen, die in die oberen Stockwerke führten und hin zu einem kleinen zweiflügeligen Tor. Ihre Schritte hallten laut von den Wänden wider. »Dahinter warten die Gäste des Sultans«, sagte der Größere der beiden. »Bleib hier, bis du geholt wirst.« Mit diesen Worten öffnete der Soldat einen der Torflügel.

Plötzlich überkamen Anûr Zweifel, ob es die richtige Entscheidung gewesen war, sich als sein eigener Großvater auszugeben. Er wandte sich um und sah zum Ausgang. Für einen Moment dachte er an Nûr, und daran, was er wohl sagen würde, wenn er hiervon erfuhr. Dann jedoch schob er den Gedanken beiseite. Irgendwie erschien es ihm richtig, vor den Sultan zu treten. Als wäre das etwas, das er tun musste. Anûr nickte dem Soldaten zu, atmete tief ein und ging durch das Tor.

2. Eine erkannte Geschichte

Eine Wasserpfeife stand genau in der Mitte des großen Zimmers und hinter ihr saß ein alter Mann auf einem Kissen, der mit offensichtlichem Genuss rauchte. Als das Tor hinter Anûr zufiel, blickte er auf.

»Hallo, junger Mann«, sagte er fröhlich. »Wollt Ihr Euch zu mir setzen und eine Pfeife mit mir trinken? Es dauert wohl noch etwas, bis wir zum Sultan vorgelassen werden. Er besitzt den besten Tabak, den es in der Wüste gibt.« Ohne eine Antwort abzuwarten, läutete der Alte eine silberne Glocke, die auf einem kleinen Tisch stand. Einen Moment später öffnete sich eine Tür, die unscheinbar in der Wand zu Anûrs Rechten versteckt lag, und ein Diener erschien. Der Mann wisperte ihm etwas zu, und nur wenige Augenblicke später kehrte der Diener mit einer großen, blauen Wasserpfeife zurück.

Anûr ging ein wenig unsicher auf den alten Mann zu und setzte sich neben ihn auf ein freies Kissen. Während der Palastdiener die Pfeife vor ihm abstellte, sie mit Tabak stopfte und anrauchte, sah Anûr sich in dem Raum um. In der Mitte lagen Kissen in jeder Farbe, die sich Anûr vorstellen konnte, aber ansonsten war der Raum recht leer. Vermutlich um dem Blick auf die aufwendig bemalten Wände nicht zu verdecken. Durch mehrere kunstvoll geschnitzte Ebenholzläden links und rechts in den Wänden wehte eine sanfte Brise aus dem Garten herein und der Duft der Blumen vermischte sich mit dem süßen Aroma des Tabaks. Gegenüber dem Tor, durch das Anûr den Raum betreten hatte, befand sich ein zweites, ungleich größeres. Es schien aus purem Gold zu bestehen und Anûr bestaunte für einen Moment das feine Muster, das sich über die Flügel zog.

Nachdem der Diener Anûr den Schlauch mit einem neuen Mundstück gereicht hatte und verschwunden war, breitete sich eine unbehagliche Stille aus. Anûr überlegte fieberhaft, was er sagen sollte, während ihn der Alte mit wachen, blauen Augen musterte.

»Wie es scheint, seid Ihr der andere Ratgeber«, beendete dieser schließlich das Schweigen.

»Der andere Ratgeber?«, wiederholte Anûr fragend. Ein mulmiges Gefühl breitete sich in seinem Magen aus. Der Zweifel daran, ob es richtig gewesen war, sich als sein Großvater auszugeben, meldete sich lautstark zurück.

»Ich meine, mit was kennt Ihr Euch gut aus?«, hakte der Alte nach. »So weit ich gehört habe, können die Berater des Sultans ihm bei einem Problem nicht weiterhelfen.« Wieder ließ er seinen wachen Blick über Anûr schweifen. »Deshalb hat er nach Experten geschickt. Was also ist Euer Fachgebiet?«

»Geschichten …«, stammelte Anûr, dem es gar nicht behagte, dass der Sultan nach einem Ratgeber suchte. Wollte der Herrscher von Nabija etwa nicht bloß einige Geschichten über Drachen hören? Zu seiner eigenen Beruhigung nahm er einen tiefen Zug aus der Wasserpfeife, und der milde Geschmack von Äpfeln breitete sich in seinem Mund aus.

»Ah, sehr klug von ihm«, sagte der alte Mann. Dann tat er es Anûr gleich und zog an seiner Pfeife. »Die alten Erzählungen bergen viele Wahrheiten in sich. Solches Wissen kann immer nützlich sein.«

»Wisst Ihr, um was für ein Problem es geht?«

Der Alte zog eine Augenbraue hoch. »Nun, ich denke, es dürfte mit ziemlicher Sicherheit um den Drachen gehen, der Feuer speiend durch das Land zieht. Ich frage mich schon eine ganze Zeit, woher er wohl kommen mag. Wo wir gerade beim Woher sind: Ihr seid nicht von hier, oder? Ich erkenne es an Eurer Kleidung. Ich denke, Ihr stammt von der Nordküste. Aus der Wasserstadt, vermute ich.«

Anûr sah auf sein tiefblaues Gewand und nickte. Seine Heimatstadt lag direkt am Meer, nahe einer mächtigen Flussmündung. Die vielen Arme des Flusses machten das Land um die Wasserstadt zum fruchtbarsten des ganzen Wüstenreichs.

»Dann habt Ihr einen weiten Weg zurückgelegt, um zum Sultan zu gelangen«, sagte der Alte.

»Wir waren bereits in der Stadt, als die Soldaten mich gebeten haben, mit ihnen zu kommen.«

»Wir? Ihr seid nicht allein in Nabija?«

»Ich, äh, ich meine, mein Großvater und ich verdienen unser Geld mit dem Erzählen von Geschichten. Ich weiß gar nicht, wieso der Sultan gerade mich hergebeten hat.«

Der alte Mann sah ihn einen Moment lang nachdenklich an, dann kehrte die freundliche Miene wieder in sein Gesicht zurück. »Eine ausgezeichnete Zeit, um die alten Legenden unters Volk zu bringen. Ich sage immer: Nur wer seine Vergangenheit kennt, weiß, was die Zukunft bringt.«

»Und was ist Euer … Fachgebiet?«, fragte Anûr, der vermeiden wollte, dass der Alte noch weitere Fragen stellte.

»Alles und nichts. Ja, so könnte man es wohl nennen. Ich kenne mich ein wenig in allem aus. Mein Name ist Buck.«

Sehr erfreut, wollte Anûr sagen, doch gerade als er den Mund öffnete, erkannte er den Namen. Er sprang auf und stieß dabei die Wasserpfeife um. »Der Buck, der den berühmten Kriegshafen von Nubiéd gebaut hat? Der Buck, der dem Sultan mit seiner ausgefeilten Kriegstaktik geholfen hat, die einrückenden Haschirim zu besiegen? Wann war das noch? Vor fünfzig Jahren?«

»Es sind höchstens vierzig«, antwortete Buck etwas säuerlich und warf ihm einen missmutigen Blick zu. Doch dann lachte er und half Anûr, die Wasserpfeife wieder aufzustellen.

Anûr sah ihn verlegen an. »Das habe ich nicht so gemeint. Es ist nur so, dass ich schon als Kind Geschichten von Euch gehört habe.«

»Und davon war sicher die eine Hälfte falsch und die andere übertrieben.« Der Alte rieb sich seine lange Nase. »Ihr habt mir übrigens noch gar nicht verraten, wie Ihr heißt?«

»An … nûr. Mein Name ist Nûr ed-Din.«

Bucks Augen verengten sich für einen kurzen Moment. »Ich habe mal von einem Geschichtenerzähler namens Nûr ed-Din gehört. Doch ich dachte, er sei viel älter. Mehr mein Jahrgang. Vielleicht …«

In diesem Moment wurde die Unterhaltung zu Anûrs Erleichterung unterbrochen. Das Tor, durch das Anûr den Empfangsraum betreten hatte, öffnete sich und ein prunkvoll gekleideter, klein gewachsener Mann kam hindurch, der sich ihnen als Jalil, Großwesir des Sultans, vorstellte. Er erinnerte Anûr an einen dicken Hund auf zu kurzen Beinen.

»Seid willkommen«, sagte er und musterte die beiden so abschätzig, als gehörten sie zu den Bettlern, die sich auf dem Suq der Stadt herumtrieben. »Seine Hoheit bittet euch nun zu sich.« Jalil führte sie zu dem goldenen Tor und klopfte wichtigtuerisch dagegen.

Anûr atmete tief ein. Gleich würde er den berühmten Thronsaal sehen. Die Torflügel öffneten sich wie von Geisterhand. Zwei Wachen erschienen, und als sie Jalil erkannten, traten sie beiseite. Der Großwesir stapfte auf seinen kleinen Beinen durch das Tor, und Buck und Anûr folgten ihm schweigend.

Obwohl die Eingangshalle an Größe und Pracht schon ungeheuerlich gewesen war, übertraf der Saal sie bei Weitem. Der Boden war ebenso wie die Wände aus weißem Marmor und so glatt poliert, dass man sich in ihm spiegelte. Staunend sah sich Anûr um. An den Wänden, hoch über seinem Kopf, zog sich ein schwarzes Muster entlang. Ein wenig erinnerte es ihn an eine alte, vergessene Schrift, und für einen Moment schien es ihm tatsächlich, als würde er in dem Muster ein Wort erkennen. Er glaubte, ein seltsam vertrautes Wispern zu hören. Tiefes Unbehagen ergriff ihn, und er musste sich schütteln.

»Ist alles in Ordnung?«, fragte Buck flüsternd und folgte seinem Blick. Anûr glaubte, ein Glitzern in den Augen des Alten zu erkennen, als sie das Muster bemerkten.

»Ich weiß nicht«, murmelte Anûr. »Fühlt Ihr nichts?«

Der Alte schüttelte den Kopf und klopfte Anûr aufmunternd auf die Schulter. »Ihr seid nervös. Tief durchatmen«.

Die Schritte der drei Männer hallten laut in dem Saal wider, und Anûr fühlte sich, als wäre er in eine seiner Geschichten geschlüpft. Eingesponnen in die eigenen Worte. In der Mitte des Thronsaals befand sich ein Kreis aus hohen, schlanken Säulen, die bis zur Kuppel hinaufreichten. »Die Decke ist eines meiner Werke«, flüsterte Buck ihm zu und deutete nach oben. Anûr blickte empor. Er konnte Wolken sehen, die über den blauen Grund des Himmels schwebten. Im ersten Moment dachte er, die Decke wäre offen und die Säulen würden frei stehen; doch dann begriff er, dass das Dach aus einem durchsichtigen Material bestand.

»Ist das Glas?«, fragte er ehrfürchtig.

Buck schüttelte milde lächelnd den Kopf. »Natürlich nicht. Glas würde in tausendundeine Scherbe zerspringen, wenn man versuchte, ein derart großes Stück davon über den Thronsaal zu spannen. Nein, die Decke ist aus reinem Ambus.«

»Ambus?«

»Es ist eine Art Silber, doch es lässt sich hauchdünn ausrollen. Ich habe die Decke für den Vater des Sultans gebaut. Er hätte mich damals beinahe geköpft, weil ich mich zunächst weigerte. So viel Ambus, wie ich gebraucht habe, ist fast das ganze Reich in Gold wert.«

Anûr sah ihn nachdenklich an. »Wenn Ihr das für den Vater des Sultans gebaut habt …«

»Damals war ich eben noch ziemlich jung«, fiel ihm Buck hastig ins Wort.

Sie hielten auf den Thron zu, der sich an der gegenüberliegenden Wand auf einem Podest befand. Links und rechts des Throns erkannte Anûr prächtig gekleidete Wachen, die goldene Speere in den Händen hielten. Sie standen zwischen niedrigen Säulen, die zu beiden Seiten des Throns Nischen vom Rest des Saals abtrennten. Dort erkannte Anûr gepolsterte Sitzbänke.

Auf dem schwarzen Zedernholzthron aber saß der Sultan, der Herrscher von Nabija. Vor ihm hatten sich seine Emire und Wesire, seine Minister und Kämmerer versammelt. Der Sultan erhob seine Stimme, als er die Neuankömmlinge bemerkte. Voll und ruhig hallte sie durch den Saal. »Mir ist bewusst, wie sehr sich die Menschen vor dem Drachen fürchten«, hörte Anûr ihn sagen. »Wir werden eine Lösung finden, um den Drachen zu besiegen. Ich habe Ratgeber kommen lassen, die uns helfen können.«

Bei diesen Worten sahen einige zu Buck und Anûr hinüber. Dann klatschte der Sultan in die Hände. Die Männer erhoben und verbeugten sich und verließen den Thronsaal. Das Klappern ihrer Schuhe und Pantoffeln hallte noch nach, als der Letzte gegangen war. Diener kamen und trugen die Kissen, auf denen die Männer gesessen hatten, bis auf zwei fort, während der Großwesir mit Anûr und Buck bis kurz vor den Thron trat.

»Hier sind die bestellten Ratgeber, wie Ihr gewünscht habt, Eure Majestät«, sagte er mit so unterwürfiger Stimme, dass sich Anûr beinahe schütteln musste. »Verneigt Euch vor seiner Hoheit, Amir as-Samir«, rief er Anûr und dem alten Mann zu, nachdem er sich selbst so tief vor dem Sultan verbeugt hatte, dass ihm fast der Turban vom Kopf gerutscht wäre.

»Danke, Jalil. Ich denke, ich werde mich nun persönlich um meine Gäste kümmern.« Der Sultan lehnte sich in seinem Thron zurück und wandte sich den beiden zu. »Bitte nehmt Platz. Es ist mir eine große Freude, dich nach so vielen Jahren wiederzusehen, Buck.«

»Die Freude und die Ehre sind ganz auf meiner Seite, Hoheit.«

»Und das ist also der Geschichtenerzähler Nûr. Nun, die Leute sprechen viel von dir. Es heißt, es gäbe keine Geschichte über Drachen, die du nicht kennst. Ich muss sagen, ich hätte nicht gedacht, dass jemand, der so viele alte Geschichten kennt, noch so jung ist.«

Anûr spürte, wie ihm das Blut verräterisch in die Wangen schoss. »Nun, ich …«, begann er.

»Du musst dich nicht rechtfertigen«, unterbrach ihn der Sultan freundlich. »Ich war selbst noch ein Junge, als ich den Thron bestieg, und ich musste mich lange Jahre beweisen. Alter und Können, das habe ich gelernt, sind zwei Dinge, die nicht immer zusammengehören.« Er lächelte den beiden zu und strich sich dabei über seinen kurzen, dunklen Bart, in dem einige graue Haare wie Silberfäden hervorschimmerten. »Ich heiße euch willkommen. Aber ich habe euch nicht rufen lassen, weil ich mit euch plaudern möchte.« Er hielt inne und rieb sich die Augen. Sorgen schienen tiefe Spuren in sein Gesicht geschnitten zu haben. »Seit Monaten wird die Lage in unserem Reich zusehends schlimmer. Besonders im Süden müssen wir uns gegen die Angriffe der Haschirim wehren.«

»Aber die Wüstenkrieger sind, so grausam sie auch sein mögen, seit Jahrzehnten zerstritten. Sie bekriegen sich mehr untereinander, als dass sie gegen andere kämpfen«, wandte Buck ein.

Der Sultan nickte. »So war es früher. Nun aber kämpfen sie wieder wie ein Volk. Es gibt Berichte, dass sie sich unter einem neuen Befehlshaber gesammelt haben. Ein skrupelloser Mann, der die Anführer der zehn Stämme einen nach dem anderen getötet haben soll, um ihren Platz einzunehmen. Er heißt Sarraka, sagt man.«

Buck schüttelte ungläubig den Kopf. »Dann muss er ein wahrlich mächtiger Kämpfer sein, wenn er es geschafft hat, dieses Rudel Hyänen zu zähmen.«

Anûr verfolgte den Austausch der beiden stumm. Er fühlte sich mehr denn je fehl am Platz. Was konnte er gegen Wüstenkrieger ausrichten?

»Das ist es, was ich befürchte. Unser Einfluss in den Grenzregionen schwindet zusehends. Es ist nicht auszudenken, was passiert, wenn wir die Gewürzstraße verlieren würden. Das darf auf keinen Fall geschehen. Doch die Haschirim sind wie Nattern, die im Wüstensand lauern und blitzschnell angreifen, nur um dann wieder zu verschwinden. Große Teile unseres Heeres sind im Süden verstreut und bewachen Dörfer und Karawansereien. Überall jedoch können sie nicht sein.«

»Bei allem Respekt«, sagte Buck, »aber ein Geschichtenerzähler und ein Mann mit so bescheidenen Talenten wie ich können kaum gegen Wüstenkrieger kämpfen. Ihr habt uns also nicht wegen der Haschirim zu Euch gerufen«.

»Nein. Eure Hilfe benötige ich wegen des Drachen.«

»Dann gibt es den Drachen?«, rief Anûr und zuckte im nächsten Moment zusammen. Seine Stimme hallte laut durch den Thronsaal.

»Natürlich gibt es ihn, mein lieber Nûr«, erwiderte der Sultan. »Wie könnte es nicht? Wer weiß, wie viele Drachen vor Generationen den großen Krieg überlebt haben, wie viele heute in Verstecken unter der Erde oder tief in den Bergen schlafen und darauf warten, dass ihre Zeit von Neuem anbricht? Wie sollte es anders sein, als dass einer von ihnen den Weg in unsere Zeit gefunden hat? Ich fühle es. Etwas Altes ist erwacht.«

»Wir sind Euch zu Diensten«, sagte Buck. »Doch wie können wir mit Geschichten, Baukunst oder Erfindungsreichtum gegen ein solches Wesen kämpfen?«

»Damit nicht. Aber mit eurer Klugheit womöglich. Denn mich plagt ein Rätsel, das meine Berater nicht lösen können. Deshalb habe ich euch rufen lassen.«

Mit diesen Worten griff der Sultan nach einem dünnen, in grünes Leder gebundenen Buch, das neben dem Thron zusammen mit einem Kästchen auf einem kleinen Tisch lag. Sein Einband mochte einmal wie ein Smaragd geleuchtet haben, als es frisch gebunden war. Nun aber war er verblasst und rissig. »Dies hier«, der Sultan wog das unscheinbare Buch nachdenklich in der Hand, »ist seit Generationen im Besitz meiner Familie. Es heißt, das Buch und die Schatulle seien nicht lange nach dem Drachenkrieg in den Palast gelangt.«

»Der Drachenkrieg? Aber das hieße, dass das Buch fast eintausend Jahre alt ist«, wandte Anûr verwundert ein.

»Vielleicht sogar älter«, antwortete der Sultan ernst. »Es wird seit jeher vom Vater an den Sohn weitergegeben, und es heißt in meiner Familie, dass es Hilfe bringt, wenn das Reich in großer Gefahr ist. Doch noch nie ist es einem Sultan von Nabija gelungen, hinter sein Geheimnis zu gelangen.«

»Was steht in dem Buch?«, fragte Anûr.

»Es ist eine Geschichte. Eine Kindergeschichte, um genau zu sein.«

Eine Kindergeschichte? Anûr sah Buck verwundert an.

»Verzeiht, aber … mir ist nicht klar, warum Ihr diesem Buch dann so viel Bedeutung beimesst«, wandte er zögerlich ein. »Warum glaubt Ihr, dass eine Kindergeschichte dabei hilft, einen Drachen zu besiegen?«

Der Sultan lächelte. »Ich kann mir vorstellen, dass dies für dich seltsam klingen muss, aber du musst wissen, die Geschichte hat kein richtiges Ende. In ihr wird zum Schluss ein Name genannt, oder besser, er soll wohl genannt werden. Doch noch niemandem ist es gelungen, ihn zu lesen. Er entzieht sich den Augen, so als ob er sich selbst nicht sicher sei, wie er lauten soll.«

»Ich verstehe noch immer nicht«, sagte Anûr. »Ist das Buch verzaubert.«

»Verzaubert? Vielleicht bist du der Wahrheit damit schon sehr nahe. Seht euch dieses Kästchen an.« Der Sultan griff nach der Schatulle, die auf dem Tisch lag, und reichte sie Buck, der sie eingehend betrachtete. Er strich mit seinen Fingern über das dunkle Holz und versuchte vergeblich, den Deckel zu öffnen. Auf ihm stand etwas in feiner Schrift: Wer den Namen kennt, hält den Schlüssel in seinen Händen.

»Früher, als es noch Magie in der Welt gab und Magier die Wirklichkeit so verändern konnten, wie sie es wünschten, sollen in Schatullen wie dieser mächtige Geheimnisse versteckt gewesen sein«, sagte der Sultan. »Nicht von Menschenkraft können sie geöffnet werden. Es heißt, sie offenbaren nur dem ihren Inhalt, der das richtige Wort kennt.«

»Aber das sind doch nur Geschichten«, wandte Buck ein. »Märchen über Menschen, die über geheimnisvolle Kräfte verfügen, finden sich in vielen Ländern. Keines von ihnen ist wahr.«

Der Sultan sah Buck wissend an. »Vielleicht hast du recht. Vielleicht aber auch nicht. Ich weiß nur, dass sich dieses Kästchen nicht einmal mit Gewalt öffnen lässt. Und glaubt mir, ich habe es, ebenso wie meine Vorfahren, versucht. Deshalb glaube ich fest daran, dass diese Schatulle genau das ist, wofür sie so viele aus meiner Familie gehalten haben: ein magisches Geheimnis. Was mir fehlt, ist das Wort, das sie öffnet. Das Zauberwort, wenn ihr so wollt. Ich denke, dass es nur der Name aus der Geschichte sein kann.«

»Habt Ihr es mit anderen Namen aus dem Buch versucht?«, fragte Anûr. »Vielleicht öffnet einer von ihnen die Schatulle.«

»Natürlich«, sagte der Sultan und erhob sich. Langsam schritt er die Stufen hinab, die von seinem Thron zum Boden führten, und auch Anûr und Buck kamen auf die Beine. »Aber keiner der Namen konnte die Schatulle dazu bewegen, ihr Geheimnis freizugeben. Auch kein anderer, den man ihr über die Jahrhunderte hinweg zugeflüstert hat. Es muss dieser eine sein, den keiner lesen kann. Ich befürchte, dass nur jemand, der die Geschichte kennt und weiß, wie er lautet, das Kästchen öffnen und so das Geheimnis offenlegen kann, das uns hoffentlich in unserer größten Not hilft. Deshalb habe ich dich kommen lassen, Nûr. Sieh dir die Geschichte an. Es heißt, du wärst der Beste deines Fachs. Vielleicht findest du, was Generationen vor dir nicht gesehen haben.«

Der Sultan reichte Anûr das Buch, der es mit Unbehagen entgegennahm und aufschlug. Aus der Bibliothek der ungeschriebenen Bücher stand auf der ersten Seite. Ungeschriebene Bücher? Er schüttelte verwundert den Kopf. Was war das bloß für ein Buch? Auf der nächsten Seite begann die Geschichte. Sie war in einer fein geschwungenen Schrift verfasst. Sieht aus wie meine eigene, dachte Anûr bei sich. Dann las er.

Das Märchen vom Drachen, der keinen Namen hatte

Er stockte. Anûr las die Überschrift noch einmal, doch die Worte blieben dieselben. Verblüfft starrte er die Buchstaben an, die ungerührt an ihrer Stelle stehen blieben. Was für ein seltsamer Zufall. Mit klopfendem Herz las er die ersten Zeilen.

Ob diese Geschichte lange her ist, hängt davon ab, wann du sie hörst. Das, von dem hier berichtet wird, geschah weit weg von dem Ort, an dem du dich gerade befindest, denn sonst hättest du sie bereits gehört.

Das Buch fiel ihm aus den Händen, die plötzlich so sehr zitterten, als sei ihm die Aufregung wie Gift in die Finger gefahren. Anûr nahm die verwunderten Blicke, die ihm der Sultan und Buck zuwarfen, nicht wahr. Er brauchte nicht weiterzulesen, um zu wissen, worum es in der Geschichte ging. Er brauchte auch nicht weiterzulesen, um das Ende zu kennen. Anûr hob das Buch auf. Noch immer zitterten seine Hände, doch er zwang sie, das Buch auf der letzten Seite aufzuschlagen. Und tatsächlich. Da standen genau die Worte, die er erwartet hatte.

Und dann sagte er den Namen, laut und klar, sodass jeder ihn hören konnte. Der Name lautete 

Anûr kannte diesen Satz. Er selbst hatte ihn verfasst. Nicht heute, sondern vor zwei oder drei Jahren, als er sich die Geschichte über einen schwarzen Drachen ausgedacht hatte. Es war seine eigene Geschichte. Und nun lag sie hier vor ihm. Geschrieben in einer Schrift, die wie seine aussah. Wie war es möglich, dass sie in einem Buch stand? Noch dazu in einem, das so alt war?

Anûr fuhr sich durch die Haare, wie er es immer tat, wenn er nachdachte. Für all das musste es eine Erklärung geben. Vielleicht hatte er die Geschichte gar nicht erfunden, sondern irgendwo gelesen, nur um später zu glauben, sie sei seine eigene? Für einen Moment brachte dieser Gedanke Erleichterung, doch die Zweifel blieben. Er wusste doch noch, wie er vergeblich überlegt hatte, welchen Namen er dem Drachen geben sollte. Ihm war keiner eingefallen. Kein Name war der richtige gewesen. Anûr wusste, dass er irgendwo in seinem Kopf steckte. Doch fast schien es, dass er sich vor ihm verbarg. Als ob er darauf wartete, sich erst im rechten Moment zu zeigen.

Es ist deine Geschichte. Sie ist hier. Glaube es endlich.

Wie aus der Ferne hörte er, wie der Sultan ihn ansprach. »Kennst du die Geschichte, Nûr? Nûr? Nûr!«

Anûr sah auf. Er wollte antworten, doch seine Kehle war wie zugeschnürt. Wieder sah er auf die letzte Seite.

Und dann sagte er den Namen, laut und klar, sodass jeder ihn hören konnte. Der Name lautete 

Das letzte Wort konnte Anûr nicht entziffern. Die Buchstaben tanzten vor seinen Augen. In einem Moment war es, als würden sie stehen bleiben, nur um in der nächsten Sekunde einen anderen Platz einzunehmen. Sie waren ständig in Bewegung und weigerten sich beharrlich, ein sinnvolles Wort zu ergeben. Verzaubert. Ja, das waren sie. Verzaubert für eine magische Schatulle.

Langsam ging er die Treppe zum Thron des Sultans hinauf. Buck hatte das Kästchen zurück auf den Tisch neben den Thron gelegt, und Anûr fuhr andächtig mit den Fingern darüber. Er holte tief Luft und zwang sich, alle seine Fragen für einen Augenblick zu vergessen. Es ist deine Geschichte. Egal, wie sie hierhergekommen ist. Du kennst den Namen.

Sein Herz schlug fest und laut und ein Hochgefühl, das ihm bislang fremd gewesen war, stieg in ihm auf. Er sah wieder auf das Buch, und der Name, nach dem er so lange gesucht hatte, fiel ihm endlich ein. Die Buchstaben zitterten ein letztes Mal auf dem Papier, um anschließend ihren endgültigen Platz einzunehmen.

Der Sultan fragte ihn etwas, doch Anûr hörte die Stimmen um sich herum nur gedämpft.

Der Name hüpfte ihm wie von selbst auf die Zunge, und es schien fast, dass ein anderer ihn für Anûr aussprach. Ein Flüstern kam über seine Lippen, als wollte der Name nicht gehört werden. Flüchtig wie ein Windhauch. Er war so schnell wieder fort, dass sich Anûr nicht daran erinnern konnte, wie er lautete. Das Kästchen aber sprang auf, und der Name, der für den Bruchteil eines Lidschlags auf der Seite gestanden hatte, verschwand.

Anûr hörte Buck und den Herrscher von Nabija erstaunt aufkeuchen. Er sah zu ihnen hinüber und erkannte in ihren Augen dieselbe Überraschung, die er spürte. Trotz allem hatte er nicht damit gerechnet, dass wirklich etwas passierte. Anûr zwang seinen Blick wieder auf das Kästchen. Vorsichtig, als könne etwas Lebendiges, Gefährliches daraus hervorspringen, das tausend Jahre auf seine Befreiung gewartet hatte, sah er hinein. Im Licht der Sonne, das durch das Ambus-Dach fiel, glitzerte ein dünner, perlmuttfarbener Stachel. Er lag auf einem bronzefarbenen Tuch, das hier und da seltsam leuchtete.

Er legte das Buch ab, hob den seltsamen Gegenstand heraus und betrachtete ihn. Der Stachel war ganz glatt. Nur an den Seiten wies er einige kleine Kerben auf. Eine Wolke schob sich vor die Sonne und nun lag die Spitze matt und unscheinbar auf seiner ausgestreckten Hand. Sie war unheimlich leicht. Hätte er nicht gesehen, dass sie auf seiner Handfläche lag, er hätte kaum gespürt, dass sie da war.

»Unglaublich«, sagte der Sultan. »So lange Zeit hat dieses Kästchen sein Geheimnis gehütet. Und nun liegt es vor uns.«

Anûr nahm das Kästchen und ging die Treppe hinab, um es zusammen mit dem Stachel dem Sultan zu reichen. Noch immer konnte Anûr nicht glauben, dass er das Rätsel gelöst hatte.

Es war deine Geschichte, sagte er sich. Begreif es ruhig.

Er war noch immer so in Gedanken, dass er nicht darauf achtete, wohin er seine Füße setze. Ein etwas zu langer Schritt ließ ihn beinahe von einer Stufe abrutschen. Nur mit Mühe gelang es ihm, das Gleichgewicht zu halten.

Doch das Kästchen glitt aus seinen Händen, schlug mit einem lauten Knall auf dem Marmorboden auf und sprang auseinander.

Keiner der Anwesenden nahm Notiz davon, dass das Kästchen zerstört war. Alle starrten staunend auf das bronzefarbene Tuch. Es hatte sich beim Fall gelöst, doch statt ebenfalls zu Boden zu gleiten, schwebte es vor ihren Augen in der Luft, als ob es sich weigern wollte, hinabzufallen. Fast wie eine Feder, die von einem feinen Lufthauch an der Stelle gehalten wurde.

Anûr sah zu Buck und dem Sultan. Der Großwesir, der die ganze Zeit über neben dem Thron gestanden hatte, war vorgetreten. Doch keiner machte Anstalten näher zu kommen. Das Tuch schwebte direkt vor Anûr in der Luft. Er streckte vorsichtig die Hand aus und fuhr mit den Fingern über den feinen, warmen Stoff, der unter seiner Berührung erzitterte. Ein feines Netz aus dünnen Linien zog sich darüber. Ohne nachzudenken, griff Anûr zu.

»Sei vorsichtig!«, rief der Sultan.

Anûrs Finger schlossen sich um das Tuch. In diesem Moment erschlaffte es. Ruhig hing es von seiner ausgestreckten Hand herab.

»Was glaubst du, Buck? Was ist das?«, flüsterte der Sultan.

Der Gelehrte ging zu Anûr und warf einen prüfenden Blick auf das Gewebe. Dann schüttelte er den Kopf. »Ich habe so etwas noch nie gesehen.«

In diesem Moment zog die Wolke am Himmel weiter und gab die Sonne wieder frei. Ein heller Lichtstrahl fiel durch die Decke auf das Tuch. Silberne Zeichen leuchteten auf, so hell, als würden sie brennen.

»Was ist das?«, keuchte Anûr und ließ unwillkürlich das Tuch los. Augenblicklich schwebte es wieder in der Luft.

Buck wiegte nachdenklich den Kopf. Der Sultan trat näher und beugte sich über das Stück Stoff. »Es sind Buchstaben«, flüsterte er.

Jetzt erkannte es auch Anûr. Die Buchstaben zogen sich über den Stoff, so silbrig glänzend, als hätte sich das Licht der Sterne in ihnen verfangen. Sie blitzen im Licht der Sonne immer wieder auf und blendeten ihn. Er kniff die Augen zusammen und begann, stockend zu lesen:

Stein lebt nicht, Stein fliegt nicht

Feuer muss in ihm brennen

Doch erlischt es und vergeht

Wird aus Stein wieder Stein

»Stein lebt nicht, Stein fliegt nicht? Was bedeutet das?«, fragte der Sultan.

Anûr schüttelte verwundert den Kopf. Auch diese Worte kannte er, aber diesmal war er sich sicher, dass sie nicht von ihm stammten. Er hatte sie vor langer Zeit, am Anfang seiner Ausbildung als Geschichtenerzähler, von seinem Großvater gelernt. »Es ist ein Teil einer alten Erzählung, die sich mit der Entstehung der Drachen beschäftigt«, sagte Anûr.

»Du kennst sie?«, fragte der Sultan.

Anûr nickte. »Natürlich, sie gehört zu Nû … meinen Lieblingsgeschichten. Es heißt, dass die Drachen als erste aller Lebewesen aus dem Stein der Erde geschaffen wurden. Doch sie lebten nicht, so wie Stein selbst nicht leben kann. Für lange Zeit standen sie bewegungslos auf der Erde. Erst durch das Feuer, aus dem die Welt geschmiedet wurde, begannen sie zu atmen und zu denken. Man sagt, wenn ein Drache verletzt wird und dieses Feuer ihn verlässt, so wird er wieder zu dem Stein, aus dem er einst gemacht wurde.«

Nachdenklich nahm der Sultan den schwebenden Stoff in die Hand, der daraufhin wieder erschlaffte. »Das ist die ganze Geschichte? Kein Hinweis, wie ein Drache verletzt werden kann?«

Anûr rief sich die ganze Geschichte in Erinnerung. »Es soll fast unmöglich sein, einen Drachen zu töten. Kein Schwert ist je geschmiedet worden, das sie verletzen könnte. Ihre Haut ist undurchdringlich. Nur der Biss eines anderen Drachen genau in den Hals, dort wo sein Feuer brennt, kann das vollbringen.«

»Wir haben zwar das Kästchen geöffnet, dafür stehen wir nun aber vor einem weiteren Rätsel. Wie sollen uns diese Dinge gegen den Drachen helfen, der unser Reich angreift?« Der Sultan wandte sich enttäuscht ab. Das Tuch glitt aus seiner Hand und blieb in der Luft hängen. Er winkte seinen Großwesir heran, stieg die Treppe zu seinem Thron empor und ließ sich dann müde auf den Zedernholzsitz fallen.

Anûr starrte nachdenklich auf die schwebende Botschaft. Stein fliegt nicht. Natürlich tut er das nicht. Aber Drachen fliegen, dachte er. Und sie sind aus Stein geschaffen. Wenn sie verletzt werden, verwandeln sie sich wieder zu Stein. Er hatte das Gefühl, dass er drauf und dran war, die Lösung für dieses Rätsel zu finden.

Doch ehe er darauf kam, hallte ein Lachen durch den Thronsaal. Überrascht sahen Anûr und der Sultan zu Buck, der sich die Hand gegen die Stirn schlug.

»Natürlich«, rief er. »Es ist doch so einfach.« Entschlossen griff er nach Anûrs Hand, der erst verstand, was Buck vom ihm wollte, als der alte Mann ihm die Faust öffnete und den Stachel daraus nahm. Über die Aufregung des schwebenden Tuches hatte Anûr ganz vergessen, dass er ihn immer noch festhielt.

Ein wissendes Lächeln lag auf Bucks Lippen. Er ging zum Sultan und bat ihn um den Dolch, der an dessen Gürtel hing. Mit gerunzelter Stirn überreichte der Herrscher Nabijas dem alten Erfinder seine Waffe. Mit beidem ging Buck zu dem schwebenden Tuch. Bevor jemand reagieren konnte, hob er das Messer und stieß mit voller Wucht in den Stoff hinein.

Der Großwesir schrie auf und eilte auf Buck zu, doch er kam schlitternd zum Stehen. Der Dolch prallte von dem Tuch ab, als wäre es aus Stein, und fiel klirrend zu Boden. »Was tut Ihr denn«, schrie Jalil. »Seid Ihr von Sinnen?«

Scheinbar völlig unbeeindruckt, stieß Buck erneut zu. Diesmal jedoch mit dem Stachel aus dem Kästchen. Er glitt fast wie von selbst durch den Stoff.

Jalil hatte ihn nun erreicht und schlug ihm die Spitze aus der Hand. »Ihr zerstört die Botschaft. Warum …« Er verstummte mit einem Mal und starrte auf das Tuch.

Der Stoff begann, sich zu verfärben, und wurde grau. An den Rändern schlugen feine Flammenzungen in die Höhe. Das feine Muster, das sich über das Tuch zog, verschwand, grobe Kanten und Ecken entstanden dort, wo das Tuch eben noch in sanften Wellen gelegen hatte. Der Stoff zitterte für einen Moment, dann fiel er wie ein Stein mit einem lauten Krachen zu Boden.

»Seht nur, was Ihr getan habt!« Jalil deutete anklagend auf den alten Mann. »Was ist in Euch gefahren? Wenn es jemals Hoffnung gab, den Drachen zu besiegen, habt Ihr sie gerade zerstört.«

Buck straffte die Schultern. »Die Hoffnung ist größer denn je.« Er wandte sich an den Sultan. »Versteht Ihr nicht? Der Dolch prallte ab, doch der Stachel drang durch das Tuch hindurch. So könnt Ihr den Drachen besiegen. Ein Pfeil mit diesem Stachel als Spitze wird ihn für Euch vom Himmel holen. Nichts als der Biss eines Drachen kann einen anderen Drachen verletzen. Seht euch diese Spitze genau an. Ja, Ihr erkennt es, nicht wahr? Sie sieht aus wie ein Zahn.«

»Ein Zahn? Der Zahn eines Drachen?«, flüsterte der Sultan.

»Ja. Oder zumindest ein Teil davon. Nur er kann die Haut eines anderen Drachen verletzen und so das Feuer, das in ihm brennt, frei lassen.«

Auf dem Gesicht des Sultans zeigte sich Erkenntnis. »Dann war die Botschaft …«

»… auf einem Stück Drachenhaut geschrieben«, beendete Buck den Satz für ihn. »Dieser Zahn ist die Waffe, die Ihr so dringend herbeigesehnt habt.«

Der Sultan schlug sich die Hände vor den Mund. Dann klatschte er vor Freude. Angefacht von neuer Hoffnung leuchteten seine Augen auf. »Buck, setze diese Spitze auf einen Pfeil. Einen Pfeil, der so weit fliegen kann, wie kein anderer vor ihm. Er soll in einen Bogen gespannt werden, der weiter schießen kann als jeder andere, der je gebaut wurde. Denn wir werden damit einen Drachen von Himmel holen.«

Der Gelehrte verbeugte sich. »Ich höre und gehorche. Ich werde einen Bogen bauen, mit dem Ihr den Drachen vom Himmel holen könnt, wenn Ihr einen Schützen findet, der gut genug ist, ihn zu beherrschen.«

»Den habe ich«, antwortete der Sultan leise. Dann fand sein Blick Anûr. »Dir danke ich ganz besonders. Ich weiß nicht, wie du das Rätsel lösen konntest. Doch du hast geschafft, was Generationen von Gelehrten nicht vermochten. Ich stehe tief in deiner Schuld. Du bist wahrlich ein besonderer Geschichtenerzähler, lieber Nûr.«

Verlegen sah Anûr zum Sultan hoch. Während der Sultan sprach, war ein Diener mit einer Wasserkaraffe an die Männer herangetreten. Er blickte unsicher zwischen Anûr und dem Sultan hin und her, dann trat er vor den Thron und verbeugte sich. Der Herr solle ihm verzeihen, sagte er mit leiser, unsicherer Stimme. Aber er hörte, wie der Sultan ihn hier, diesen Jungen, Nûr, den Geschichtenerzähler, nannte. Er selbst sei gestern in dem Kaffeehaus gewesen, in dem Nûr erzählt hatte. Und der weise Geschichtenerzähler sei ein alter Mann.

Anûr schüttelte den Kopf, als könne er die Worte damit ungehört machen. Nein, dachte er. Bitte nicht. Sein Magen verkrampfte sich.

Der Sultan sah den Diener noch ungläubig an, als sich Jalil bereits gefasst und mit einem Wink die Wachen herangerufen hatte, die bei dem goldenen Tor standen. »Nehmt den Jungen fest.«

Sie stürzten auf den verdutzten Anûr zu und warfen ihn auf die Knie. Einen Augenblick später spürte er eine kalte Klinge an seiner Kehle.

Der Sultan sah Anûr ernst an. Misstrauen hatte alle Freundlichkeit aus seinem Blick gewaschen. »Erkläre dich.«

Im ersten Moment wollte Anûr dem Diener widersprechen und behaupten, er würde sich irren. Doch dann verwarf er diesen Gedanken. Keine Lügen mehr. Er seufzte. »Es stimmt«, sagte Anûr leise. »Ich bin nicht Nûr, der Geschichtenerzähler. Ich … ich bin sein Enkel.«

»Sein Enkel?« Der Sultan sah ihn überrascht an, und das Misstrauen verblasste ein wenig. »Weißt du denn nicht, Enkel, dass du dich mit dieser Lüge in Dinge geschummelt hast, die zu groß für dich sind?«

»Sicher ist auch diese Geschichte nur eine weitere Lüge«, ertönte die scharfe Stimme des Großwesirs, die so voller Wut war, dass Anûr erschrak. »Sag uns, für wen du hier spionieren solltest!«

Anûr sah Jalil fassungslos an. »Spionieren? Wie kommt Ihr darauf?«

Der Großwesir sah ihn mit einem harten, freudlosen Lächeln an. »Spiele nicht den Unschuldigen. Die Feinde unseres Reiches erheben sich. Aus ihren dunklen Löchern kommen sie gekrochen, um uns den Frieden zu rauben. Nur die Stärke unseres Herrschers vermag uns zu schützen. Und in dieser Zeit schleicht sich ein Fremder unter falschem Namen bis in den Thronsaal von Nabija. Warum sonst solltest du hier sein, als um zu spionieren?«

Für einen Moment fehlten Anûr die Worte. Der Grund dafür, dass er hier war, kam ihm plötzlich dumm vor. So unsagbar dumm.

»Die Wahrheit«, sagte der Sultan, und der Tonfall erinnerte Anûr an den seines Großvaters, wenn er ihn bei einer Lüge erwischt hatte. »Nur sie kann dir noch helfen.«

Anûr wusste nicht, ob ihn der Herrscher von Nabija wirklich für einen Spion hielt. Aber was sollte er schon von einem Jungen halten, der sich unter Lügen Zutritt zu seinem Thronsaal verschafft hat? »Kann sie es auch, wenn sie sich töricht anhört?«

»Die Wahrheit ist oft töricht, denn die Menschen sind es auch.«

Anûr seufzte erneut. »Nun gut, ich … ich war neugierig. Und mir war langweilig. Und mein Großvater hat geschlafen …«, begann er, und einen Moment später sprudelten die Worte aus ihm heraus, als ob er an ihnen ersticken würde, wenn er sie länger zurückhalten müsste. Er erzählte von ihrer Reise nach Nabija, davon, dass er seinen Großvater oft vertreten musste, und davon, dass er es immer dann nicht durfte, wenn sein Großvater in einen Palast geladen wurde. »Der Lehrling des großen Nûr wäre niemals in Euren Thronsaal vorgelassen worden und … und ich wollte ihn sehen. Unbedingt«, schloss er schließlich. Er wusste nicht, was er noch sagen sollte

Der Sultan sah Anûr aufmerksam an, doch das Misstrauen in seinem Blick verblasste endgültig, wie die Nacht in den Morgenstunden. »So, so, du bist also ein Geschichtenerzähler wie dein Großvater.«

Anûr schluckte. »Mein Gebieter, ich wollte keinen Schaden anrichten. Für mich war es ein Traum, hier in Eurem Palast zu sein.«

Der Sultan hielt Anûr noch einen Moment mit seinem Blick gefangen, dann aber entspannten sich seine Züge und die Freundlichkeit kehrte zurück in seine Augen. »Jalil hat recht. Du hast dir unrechtmäßig Zugang zum Innersten meines Palastes verschafft. Darauf steht eine lange Kerkerstrafe, wenn ich mich nicht irre. Doch ich glaube, dieses Schicksal können wir dir ersparen.« Er beugte sich vor und zwinkerte Anûr aufmunternd zu. Dann stand er auf, schritt die Stufen von seinem Thron hinab und legte Anûr den Arm um die Schulter. »Wie könnte ich dich auch verhaften lassen? Immerhin hast du das Rätsel gelöst, das meine Familie seit ewiger Zeit beschäftigt. Und außerdem«, er lächelte in sich hinein, »glaube ich dir deine Geschichte.«

Anûr hörte Jalil empört aufkeuchen, doch der Sultan fuhr ungerührt fort. »Ich kann verstehen, warum du deiner Rolle entkommen wolltest. Ich weiß selbst nur zu gut, wie du dich fühlst. Auch wenn du denkst, ich hätte alle Freiheit der Welt, so musst du wissen, dass ich mich manchmal wie ein Vogel im Käfig fühle. Dann wünsche auch ich mir, Teil einer anderen Geschichte zu sein. Sag, wie heißt du eigentlich, Lehrling?«

»Anûr.«

Der Sultan lachte. »Dann besteht die Lüge aus gerade einmal einem Buchstaben.«

»Herr«, rief Jalil ärgerlich, »Ihr könnt ihn doch nicht einfach gehen lassen. Das … das …« Der kleine Mann schnappte empört nach Luft und erinnerte Anûr mehr als zuvor an einen kleinen, kläffenden Hund.

»Ich kann«, sagte der Sultan. Er hob warnend eine seiner schwarzen Augenbrauen, und Jalil verschluckte den Rest seiner Empörung.

»Einmal einen Traum zu leben ist eine Verlockung, der nur schwer zu widerstehen ist. Aber nimm diesen Rat zu Herzen, Geschichtenerzähler: Träume können gefährlich sein. An einem anderen Hof wäre man wohl anders mit dir umgegangen.« Der Sultan klatschte in die Hände, und eine der Wachen trat neben ihn. An Anûr gewandt, fügte er hinzu: »Sag dem Soldaten, wo er deinen Großvater findet, denn ich will auch den wahren Nûr kennenlernen. Außerdem musst du dich von ihm verabschieden.«

Anûr stockte der Atem. »Ver… verabschieden?«, stotterte er. »Was meint Ihr?«

Der Sultan lächelte, doch seine Augen duldeten keinen Widerspruch. »Ist das nicht offensichtlich? Du wirst mit meinen Soldaten auf Drachenjagd gehen!«

3. Ein Stab wird übergeben

Wie ein Märchen kam Anûr die Zeit vor, die er von nun an im Palast verbrachte. Er, sein Großvater Nûr und Buck erhielten jeder ein prächtiges Quartier im Ostflügel des Palastes. Am ersten Morgen, an dem Anûr in dem mit Brokat bespannten Bett erwachte, fragte er sich, ob er all dies nur träumte. Er lauschte mit einem Ohr dem Gesang der Vögel, der aus dem angrenzenden Garten zu ihm heraufdrang, und versuchte zu begreifen, was geschehen war. Wieso hatte gerade er das Rätsel lösen können, an dem alle vor ihm gescheitert waren?

Weil es deine Geschichte war.

Wie Zauberei schien ihm das. Und vielleicht war das die einzig mögliche Erklärung, obwohl sie ihn nicht zufriedenstellte. Doch schon bald lenkten ihn die Vorbereitungen zur Drachenjagd ab, die scheinbar überall im Gange waren, und er dachte immer seltener an das Buch und den seltsamen Namen, der verschwunden war, nachdem er ihm zwischen den Lippen hindurchgeschlüpft war. Nur noch ein Gedanke fand Platz in seinem Kopf. Er würde tatsächlich auf Drachenjagd gehen.

Schon bald nach den Ereignissen im Thronsaal schlug seine Verwunderung in aufgeregte Freude um, und die Drachenjagd erschien ihm immer mehr wie ein verlockendes Abenteuer. Am dritten Tag im Palast jedoch, als er noch immer nichts vom Sultan gehört hatte, wurde er ungeduldig. Warum dauerte das alles so lange?

Wenigstens war Nûr bei ihm. Wie glücklich sein Großvater aussah. Mit leuchtenden Augen, als ob er selbst bald hinter dem Feuer speienden Monster durch die Wüste reiten würde. »Wirklich gut gemacht, Junge«, murmelte der Alte mehr als einmal, während sie jeden Winkel des Palasts erkundeten. »Eine Drachenjagd. Das hat noch kein ed-Din fertiggebracht.«

Auf der Suche nach Ablenkung gingen Anûr und sein Großvater schließlich zu Buck und leisteten ihm Gesellschaft, während er an dem Bogen arbeitete. Nûr und der alte Erfinder waren etwa im gleichen Alter und die beiden verstanden sich ausnehmend gut. Jeder von ihnen hatte ein Ehrengewand erhalten, das sie als persönliche Gäste des Sultans auszeichnete. Den Herrscher von Nabija selbst bekam indes keiner von ihnen zu Gesicht.

Am vierten Tag nachdem Anûr das Rätsel um das Buch gelöst hatte, saß er mit seinem Großvater im Palastgarten an einem Holztisch über einem ausgiebigen Mittagessen, als Buck kam und sich zu ihnen setzte. Tiefe Falten hatten sich in das Gesicht des Alten gegraben.

»Was ist mit Euch, alter Knabe?«, sagte Nûr und stieß Buck an, der stumm wie ein Fisch auf den Brunnen starrte, der in der Mitte des Gartens stand. »Warum esst Ihr nichts? Kochen können sie hier wirklich.« Er schob sich ein gefülltes Weinblatt in den Mund.

»Ich frage mich, wie lange der Sultan noch wartet«, sagte der alte Erfinder und verscheuchte gedankenverloren eine Fliege, die beharrlich versuchte, auf einem Teller voller Birnen und Granatäpfel zu landen. »Ich meine, nach dem, was gestern geschehen ist.«

Anûr und sein Großvater sahen sich fragend an. »Wovon sprecht Ihr?«, fragte Nûr.

»Ihr habt es noch nicht gehört? Der Drache hat erneut zugeschlagen.«

»Was«, rief Nûr und verschluckte sich fast an seinem Weinblatt, »schon wieder ein Karawanenhof?«

Buck schüttelte mit bitterer Miene den Kopf. »Nein, diesmal war es ein Dorf. Ein Dorf, in dem fast zweihundert Menschen lebten. Es ist nur wenige Tagesreisen entfernt.«

Anûr sah zum Himmel empor, als würde der Drache dort gerade seine Runden drehen. Plötzlich schien er sehr nahe, und die Stimmen der Vögel, die in den Bäumen über ihnen nisteten, kamen ihm mit einem Mal unwirklich vor.

Eine Zeit lang saßen sie dort schweigend und in die eigenen Gedanken vertieft, bis sie durch mehrere Diener aufgeschreckt wurden, die eilig an ihnen vorbeiliefen. Sie hielten auf eine Gruppe Männer zu, die durch das Tor in den Garten marschierten. Ihre Kleidung war so zerschlissen, dass Anûr sie im ersten Moment für Herumtreiber hielt. Doch dann sah er die Schwerter mit den gebogenen Klingen, von denen jeder eines auf dem Rücken trug. Die Männer waren in helle Roben gekleidet, die sie über den bei Soldaten üblichen Kampfröcken trugen.

»Was sind das für Männer?«, fragte Anûr. »Sie sehen fast aus wie Bettler.«

»Hast du schon von bewaffneten Bettlern gehört?«, fragte Buck mit mildem Spott in der Stimme und deutete auf die Schwerter, die die Männer den Dienern zu tragen gaben. »Nein, sie gehören zur Leibwache des Sultans. Die besten Soldaten Nabijas. Die Weiße Garde. Ich habe gehört, dass der Sultan sie auf die Jagd nach den Haschirim geschickt hat.«

Anûr musterte die Soldaten interessiert. Er hatte natürlich schon von der Weißen Garde gehört, ihr Ruf war im ganzen Reich und sogar jenseits der Grenzen Nabijas bekannt. Doch noch nie hatte er einen von ihnen aus der Nähe gesehen. Es hieß, sie würden nur die gefährlichsten Aufträge erhalten.

Einer der Männer ging mit raschen Schritten voran. Dunkle Augen blitzten aus einem scharf geschnittenen Gesicht hervor. »Und wer ist das?«, fragte Anûr.

»Prinz Masul von Nabija. Der Anführer der Weißen Garde«, antwortete Buck. Er sah den Männern nach, die an den dreien vorbeigingen, ohne sie zu beachten. »Seltsam, dass auch er hier ist. Ich dachte, er sei im Land unterwegs, um die Menschen zu beruhigen. Man sagt, er sei nicht glücklich darüber, dass seine Männer die Wüstenkrieger jagen, während er herumreisen muss.«

Auch Anûr sah dem Prinzen nach, dessen grimmige Miene verraten hatte, dass er auch nicht unbedingt glücklich war, wieder in Nabija zu sein. »Ich wusste nicht, dass der Prinz ein Soldat ist.«

»Nicht einfach nur ein Soldat. Als Anführer der Weißen Garde befiehlt er über alle Soldaten des Landes. Und die Männer respektieren ihn, denn es heißt, dass er der Beste von ihnen sei. Ich frage mich, warum er gerade jetzt in die Hauptstadt zurückgekehrt ist.«

»Natürlich wegen des Drachen«, sagte Nûr. »Erinnert Ihr euch nicht? Ihr habt mir doch selbst erzählt, dass der Sultan gesagt hat, er habe einen Schützen für den Pfeil. Wer, wenn nicht sein eigener Sohn, könnte das sein?« Nûr strahlte sie an. »Es würde mich nicht wundern, wenn uns der Sultan bald zu sich ruft.«

Mit einem Mal begann Anûrs Herz so schnell in seiner Brust zu schlagen, als sei es ein kleines Tier auf der Flucht. Dann geht es endlich los, dachte er, während er dem Prinzen und seinen Männern so lange mit den Augen folgte, bis sie im Palast verschwanden. Das Warten hatte ein Ende.

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Lange mussten sie tatsächlich nicht warten. Noch am selben Tag rief Jalil sie in den Thronsaal. Der Sultan stand über einen Tisch gebeugt, als Anûr und die beiden Alten eintraten. Wie bei seinem ersten Besuch im Thronsaal überkam Anûr ein seltsames Gefühl. Unbehaglich sah er sich um, doch alles schien normal. Der Herrscher Nabijas war ins Gespräch mit dem Mann vertieft, der vor wenigen Stunden an ihnen vorbeimarschiert war. Prinz Masul. Er war vielleicht zehn Jahre älter als Anûr selbst. Seine Gesichtszüge ähnelten denen des Sultans, wie man nun deutlich sah. Neben dem Prinzen stand ein hünenhafter Soldat mit vernarbtem Gesicht, der den Blick starr auf den Tisch gerichtet hielt. Als sie näher kamen, erkannte Anûr, dass seine Platte eine Karte der Wüste und der angrenzenden Landschaften war.

Der Sultan sah auf, als sie eintraten, und lächelte. »Ah, meine Berater«, begrüßte er sie und stellte sie vor.

Der Prinz verbeugte sich knapp und lächelte ihnen kühl und freudlos zu.

»Prinz Masul und Hauptmann Faruk sind gerade gemeinsam aus der Tiefen Wüste gekommen. Obwohl ich glaubte, sie seien an verschiedenen Orten«, fuhr der Sultan fort.

»Der Zufall hat uns zusammengeführt«, sagte der Prinz.

»Dem Zufall kann nachgeholfen werden.« Der Sultan warf seinem Sohn kurz einen tadelnden Blick zu.

»Verängstigte Menschen zu beruhigen, macht die Welt nicht sicherer.« Die Stimme des Prinzen klang leise vor Gereiztheit.

»Diese Aufgabe ist ebenso wichtig wie die Jagd nach den Wüstenräubern«, erwiderte der Sultan und schien mit seinen Worten einen zuvor begonnenen Streit fortzuführen.

»Doch nun ist keine von beiden beendet worden. Du hast uns noch immer nicht gesagt, weshalb wir kommen mussten.«

»Damit wollte ich warten, bis diese drei hier zu uns stoßen. Sag, hast du nicht die Stimmen auf den Straßen gehört? Weißt du nicht, dass der Drache wieder zugeschlagen hat?«

»Der Drache.« Prinz Masul verzog den Mund, als schmeckte das Wort bitter auf seiner Zunge. »Märchengestalten zerstören weder Karawanenhöfe noch Dörfer.«

»Es war ein Drache«, beharrte der Sultan. »Seit du aufgebrochen bist, hat sich vieles getan. Sieh her!« Der Sultan griff in seine Robe und holte einen Pfeil hervor, auf dem der Zahn des Drachen befestigt worden war.

»Was ist das?«, fragte Masul.

»Das? Das ist der Schlüssel zu unserem Sieg über den Drachen.« Und dann erzählte der Sultan seinem Sohn, was passiert war. »Der Bogen ist fertig?«, wandte er sich danach an Buck.

Der alte Mann nickte. »Er wartet nur auf den Schützen.«

Masul nahm seinem Vater den Pfeil aus der Hand. »Und das war in dem Kästchen? Ich habe nie viel darauf gegeben.« Er drehte den Pfeil in der Hand und fuhr prüfend über die Spitze. Dann legte er den Pfeil auf den Kartentisch. »Doch selbst wenn dies hier von einem Drachen stammt, würde es nicht beweisen, dass wir uns heute einem von ihnen gegenübersehen. Es ist kein Beweis für die Existenz eines Drachen.«

»Aber ebenso wenig gibt es einen, dass die Haschirim hinter den Zerstörungen stecken.«

Als der Sultan das sagte, zeichnete sich ein triumphierendes Lächeln im Gesicht des Prinzen ab. »Vielleicht werden wir diesen Beweis bald in unseren Händen halten.«

Der Sultan sah ihn überrascht an. »Woher kommt deine Gewissheit?

»Nicht nur hier ist viel geschehen. Auch wir haben vieles erlebt, von dem dir nun berichtet werden soll. Doch nicht mir, sondern Faruk gebührt das Lob in dieser Sache und deshalb soll er erzählen. Wenn Ihr uns nun entschuldigt …?«, wandte sich der Prinz mit einer klaren Aufforderung zu gehen an Anûr und die beiden Alten.

»Misstrauen ist gut, mein Sohn«, sagte der Sultan, »doch hier wäre es schädlich. Diese drei sind meine Berater. Sie haben mir wertvolle Dienste erwiesen und sich mein Vertrauen verdient. Sie sollen bleiben.«

Der Prinz gab sich keine Mühe, seinen Widerwillen über diese Entscheidung zu verbergen. Doch er nickte mürrisch, und Faruk räusperte sich. Als er anfing zu sprechen, klang seine Stimme leise. Ganz so, als sei er es nicht gewohnt, sich alleine auf Worte zu verlassen. »Meine Männer und ich folgten der Gewürzstraße, um die ausgebrannten Karawanenhöfe zu untersuchen. Auf unserem Weg trafen wir auf Euren Sohn, mein Herrscher.« Für einen kurzen Moment stockte Faruk und warf dem Prinzen einen kurzen Blick zu.

»Das war wohl der erwähnte Zufall«, meinte der Sultan spöttisch zu seinem Sohn.

Faruk räusperte sich noch einmal und beeilte sich fortzufahren. »Euer Sohn teilte die Männer in zwei Gruppen ein. Während er mit zwanzig von uns weiter der Gewürzstraße folgte, durchsuchte ich mit den übrigen die angrenzende Wüste.« Der Hauptmann fuhr mit dem Finger einen Weg auf der Karte entlang. Anûr erkannte auf ihr nicht nur das Reich von Nabija. Die Karte reichte noch weiter bis in Gegenden, von denen er noch nie gehört hatte. »Wir erreichten die erste Karawanserei, die die Hasch… die niederbrannte. Dort herrschte eine Stille, die nur die Toten ertragen können.«

Anûr schauderte. Sein Großvater und er waren auf ihrer Reise nach Nabija selbst an einem der ausgebrannten Karawanenhöfe vorbeigekommen. Die Stille dort war so tief gewesen, als hätten die Toten jedes Geräusch verbannt.

»Nichts ist zurückgeblieben, das uns weiterhelfen konnte«, fuhr der Hauptmann fort, »und so wandten wir uns nach Osten. Hin zur Tiefen Wüste. Es war mehr Hoffnung als Verdacht, dass die Haschirim dort zu finden wären.«

»Du scheinst überzeugt zu sein, dass sie die Karawanenhöfe zerstört haben und nicht der Drache, Faruk«, sagte der Sultan mit tadelnder Stimme.

Der Hauptmann straffte sich. »Ich glaube, was ich sehe, Herr«, antwortete er. »Gerade als wir die Gewürzstraße verlassen wollten, trafen wir auf Händler. Nicht mehr viele von ihnen wagen es noch in diesen Tagen, die Wüste zu durchqueren. Obwohl sie von bewaffneten Söldnern begleitet wurden, schienen sie voller Angst zu sein. Ich erzählte ihrem Anführer, dass wir in die Tiefe Wüste wollten. Er erriet sofort, dass wir auf der Suche nach den Haschirim waren. Er wolle uns helfen, sie zu fangen, sagte er, und verriet mir ein Geheimnis der reisenden Kaufleute. Er beschrieb uns den Weg zu einer kleinen Oase, von der aus man fast bis an den Rand des Blindenpfades kommt. Eigentlich meiden die Händler jenen Teil der Wüste, doch von dieser Oase aus gelangt man ebenso gut in den Süden wie über die Gewürzstraße. Die Händler wollten in einigen Tagen selbst dorthin, doch ich verbot es ihnen. Ich befürchtete, dass sie sonst den Wüstenkriegern in die Arme reiten würden. Wie sich später jedoch zeigte, missachteten die Händler meinen Befehl.«

Anûr runzelte die Stirn. Er wunderte sich, dass die Kaufleute ein solches Risiko eingegangen waren.

»Über geheime Wege wie diese umgehen Händler die Karawansereien und sind nicht auf die teuren Brunnen dort angewiesen«, flüsterte Buck, der ihm die Frage vom Gesicht gelesen hatte.

»Wir fanden die Oase nach zwei Tagen«, fuhr Faruk fort. »Von dort aus ließ ich die Männer Erkundungsritte machen, damit wir die Lücken in unseren Karten füllen konnten. So weit im Osten sind sie ungenau, wie Ihr wisst, Herr. Wir wagten uns fast bis an die Grenze zum Blindenpfad heran, doch wir fanden keine Spur der Haschirim. Meine Männer kehrten einer nach dem anderen ohne Ergebnis von den Streifzügen zurück. Der Letzte von ihnen aber brachte mir eine brauchbare Nachricht. Nur einen halben Tagesritt von uns entfernt hatte er die Überreste einer Karawane entdeckt, die überfallen worden war. Es waren die Händler, die uns den Weg zur Oase erklärt hatten. Zu ihrem Unglück waren sie tatsächlich auf Haschirim getroffen, denn unter den Toten waren auch vier oder fünf der vermummten Hunde. Der Einzige, der noch lebte, schien einer ihrer Boten zu sein, der sich dem Angriffstrupp der Wüstenkrieger angeschlossen haben musste. Halb blind und fast von Sinnen fragte er unseren Mann aufgebracht, wer er sei. Einer plötzlichen Eingebung folgend, gab sich der Soldat als Haschirim aus. Der Bote schien ihm zu glauben und unter Husten und Würgen brachte er seine letzten Worte hervor, ehe er starb. Eine Botschaft an Sarraka, seinen Herrn.«

Der Sultan zog scharf die Luft ein »Wie lautete diese Botschaft?«

»Sag Sarraka, dass unser Mann mehr Zeit braucht, um das Geheimnis zu finden. Der Palast ist zu groß.« Faruk warf dem Prinzen wieder einen kurzen Blick zu, ehe er fortfuhr. »Ich verfluchte mein Pech. Hätten wir doch nur ein oder zwei Tage früher dort gesucht, so wäre uns der Bote womöglich lebend in die Hände gefallen. Ja, vielleicht hätten wir sogar die Händler retten können. Nun waren alle tot und die Haschirim und ihr Anführer so unerreichbar wie zuvor. Sobald mein Kundschafter uns erreichte und von seinem Fund berichtete, brachen wir auf und am nächsten Morgen erreichten wir die Stelle, an der die Händler überfallen worden waren. Einzig der Falke des Haschirim-Boten, der an der Seite seines toten Herrn wachte, war dort am Leben geblieben, mein Gebieter. Es war ein edles Tier, von gleicher Art wie unsere. Wir verbrannten die Leichen und nahmen das Tier mit uns. Die Kleidung des Boten aber rollte ich zusammen und trug sie in einer Tasche meines Rocks. Ich wollte sie mitnehmen und sie dem Prinzen so schnell wie möglich als Beweis bringen, dass wir auf die Spur der Wüstenkrieger gestoßen waren. Doch dann entschied ich mich anders. Wenn Sarraka auf die Nachricht wartete, so überlegte ich, befand er sich vielleicht noch in unserer Reichweite. Womöglich waren wir sogar näher an seinem Versteck, als wir ahnten. Da hatte einer meiner Männer, der unseren eigenen Falken pflegt, eine Eingebung. Es gelang ihm, mithilfe unseres Vogels das Vertrauen des verwaisten Tieres zu gewinnen. Als er uns als neue Herren akzeptiert hatte, befahl ihm unser Mann in der Sprache, in der alle Falkner mit diesen klugen Tieren sprechen können, nach Hause zu fliegen. Es zeigte sich, dass der Vogel tatsächlich von derselben Art war wie unsere Tiere. Denn er verstand die Worte. Ich ließ meine Männer in der Oase zurück. Der Falkner und ich aber nahmen unseren Vogel und folgten dem Tier der Haschirim so gut wir konnten. Es führte uns an den Rand des Blindenpfades, Herr. Doch auch als wir an der Grenze angelangt waren, flog er weiter.«

Der Sultan zog die Stirn kraus und er fuhr sich nachdenklich mit seiner Hand durch den Bart. Faruk hielt in seinem Bericht inne.

Einen Moment herrschte Stille an dem Kartentisch. Natürlich hatte Anûr schon von den legendären Shahinsha, den Sultansfalken Nabijas gehört, die so gelehrig und ausdauernd waren, dass sie nicht nur geschriebene Nachrichten über weite Entfernungen überbringen konnten, sondern auch die Befehle ihrer Herren verstanden. Sie waren kaum mit ihren Verwandten zu vergleichen, die sich die Adligen und die reichen Kaufleute hielten, um sie zum eigenen Vergnügen für die Jagd einzusetzen. Doch dass auch die Haschirim scheinbar solche Tiere besaßen, war ihm neu. Leise wandte sich Anûr an Buck. »Was hat es mit diesem Blindenpfad auf sich und warum ist es so sonderbar, dass der Falke dorthin geflogen ist? Und wer sucht etwas im Palast? Ich verstehe gerade gar nichts.«

Obwohl die Worte geflüstert waren, hatte der Prinz sie gehört. »Du bist fremd hier und deine Fragen sind verständlich, Junge«, sagte er und wirkte nicht mehr ganz so kühl wie bei ihrer Begrüßung. »Und Fragen sollten beantwortet werden. Wie es scheint, ist es den Haschirim gelungen, einen Spion in den Palast von Nabija zu schleusen.« Masuls Lippen wurden bei diesen Worten vor Ärger schmal, und er warf seinem Vater einen düsteren Blick zu. »Was den Blindenpfad angeht, nun, der Name, der dir unbekannt scheint, meint einen Teil der Wüste, dessen Größe niemand kennt. In der Tat kann keiner wissen, wie weit es von einem Ende bis zum anderen ist, denn die Wüste strahlt dort bei Tag und bei Nacht so hell, dass kein Mensch seine Augen öffnen kann, ohne zu erblinden. Daher nennen ihn die Menschen der Wüste Pfad der Blinden.«

Der Sultan nickte. »So ist es. Doch warum flog der Falke dort hinein? Kann er hoch über dem Blindenpfad etwas sehen?«

»Ich muss Euch um Geduld bitten, mein Sultan«, sagte Faruk, »ich werde das Geheimnis gleich lüften. Der Falkner und ich bedeckten unsere Augen und unserem Vogel zogen wir ein Tuch über den Kopf. Der Falkner lauschte der Stimme des anderen Falken, der in Kreisen über unseren Kopf flog. Unablässig rief er und wie sich herausstellte, ist er darauf abgerichtet worden, die Haschirim mit seiner Stimme nach Hause zu führen. Ich glaube, dass das Licht, das vom Blindenpfad ausgeht, so hoch am Himmel schwächer und ungefährlich ist. So konnte der Vogel über ihn hinwegfliegen, ohne zu erblinden. Wir ließen uns von ihm über den Pfad führen und gelangten schließlich in ihr Versteck.«

»Unglaublich«, entfuhr es dem Sultan. »Wie können sie nur im Pfad der Blinden leben?«

»Sie leben nicht im Pfad selbst, sondern in einer Oase, die am Rand des Blindenpfads liegt und von ihm umschlossen wird. Es sind nur ein paar Hundert Schritte von der Grenze. Doch wenn man den Weg nicht kennt, ist die Oase unerreichbar. In ihr kann man die Augen öffnen, Herr. Dort gibt es Brunnen und Palmen und ein Felsmassiv mit tiefen Höhlen, in denen die Wüstenräuber wohnen und vermutlich ihre Schätze horten. Wir hätten dieses Versteck nie entdeckt, wenn wir dem Falken nicht gefolgt wären. So waren die Haschirim vor uns sicher. Bis jetzt.«

»Was geschah dann?«, fragte der Sultan, und seine Finger strichen aufgeregt über die Stelle der Karte, an der der Blindenpfad eingezeichnet war, als könnte er das Versteck der Wüstenräuber dort ertasten.

»Wir verbargen uns und beobachteten. Um uns herum waren überall Falken, dutzende Tiere. Es schien, als beherrschte jeder der Haschirim ihre Sprache. Ja, ich glaube, alle von ihnen kennen diese seltenen Worte. Denn nur mit ihrer Hilfe gelangen sie in ihr Versteck. Eine Weile lauschten wir den Gesprächen der Männer, und wir erfuhren einiges. Sie scheinen sich zu sammeln. Etwas geht vor sich. Sie machen sich bereit. Alle Haschirim kommen dort zusammen.«

»Wofür?«

»Das weiß ich nicht, Herr. Noch nicht. Plötzlich aber trat er aus einer der Höhlen. Sarraka. Er sah genau so aus, wie ihn die Geschichten beschreiben, die man über ihn erzählt. Größer als ich ist er. Die Haut ist dunkler noch als die der Menschen im Süden, die jenseits der Wüste leben. Seine Augen aber scheinen von einem Tier zu stammen. So rot sind sie, als ob sein Blut sie gefärbt hätte. Selbst ich, der nichts fürchtet, habe bei ihrem Anblick geschaudert, Herr. Während wir Sarraka beobachteten, erinnerte mich unser Falkner an die Kleidung des Boten, die ich noch immer in einer Tasche meines Kampfrocks trug. Er bat mich, sie ihm zu geben. Mit ihr würde er sich unter die Haschirim mischen und sich als einer von ihnen ausgeben. Er wollte Sarraka die Nachricht anstelle des Boten überbringen. So würde der Herr der Haschirim keinen Verdacht schöpfen. Mit unserem Shahinsha könnte er uns eine Nachricht schicken, sobald er herausgefunden hat, was die Haschirim planen. Denn unsere Tiere finden stets den Weg nach Nabija. Ich zögerte, doch schließlich willigte ich ein. Die Idee war gut und die Gelegenheit noch besser. Denn er beherrscht die Sprache der Falken wenigstens so gut wie die Haschirim und sie warteten auf den Boten. Der Falkner zog sich die Kleidung des Toten über und verbarg sein Gesicht unter dem schwarzen Schleier. Dann nahm er unseren Falken und trat auf Sarraka zu. Für einen Moment fürchtete ich, der Anführer der Haschirim würde ihn durchschauen. Der Falkner aber überbrachte die Nachricht, und Sarraka nickte und entließ unseren Mann. So habt Ihr nun einen Spion im Herzen des Feindes, Herr.«

Als Faruk geendet hatte, schwieg der Sultan. »Werden die Haschirim den Spion des Sultans nicht erkennen?«, fragte Anûr, der es vor Neugier nicht mehr aushielt. »Es muss ihnen doch auffallen, wenn plötzlich ein Fremder in ihren Reihen ist.«

Buck schüttelte den Kopf. »Kein Haschirim kennt die Gesichter der anderen. Es liegt an ihrem Aberglauben. Nie würden sie ihr Antlitz und damit ihren Mund entblößen. Sie fürchten, dass ihre Seele, würden sie unverhüllt ihren Mund öffnen, ihren Körper verließe. Der Spion des Sultans dürfte kaum auffallen, wenn er den Schleier stets vor sein Gesicht zieht.«

Prinz Masul und der Hauptmann sahen den Sultan erwartungsvoll an. »Du hast eigenmächtig gehandelt, Faruk«, sagte er schließlich. »Indes mag das, was du getan hast, der erste Schritt sein, um den Krieg gegen die Haschirim zu beenden. Doch sag mir, wie konntest du ihr Versteck wieder verlassen?«

Faruk atmete erleichtert aus, als er die Worte des Sultans hörte. »Ich verbarg mich bis zum Ende des Tages zwischen den Felsen«, erklärte er. »Schließlich machte sich eine Gruppe in der Nacht auf, durch den Pfad zu gehen. Sie bilden eine Reihe und jeder fasst das Gewand desjenigen, der vor ihm geht. Der Erste in der Reihe lauscht dem Ruf des Vogels, der die Gruppe aus der Luft führt. Sie rechneten wohl nicht mit einem Feind in ihrem Versteck und so gelang es mir, mich an den Letzten aus ihrer Reihe zu hängen. Zurück in der Wüste schlich ich mich davon und begab mich zur Oase.«

Der Sultan strich sich durch den Bart, und Masul hob fragend die Augenbrauen. »Und, Vater? Wie gefällt dir die Gewissheit, dass du nun Augen und Ohren in Sarrakas Versteck hast?«

»Es ist unerwartet und mehr, als ich zu hoffen gewagt hätte. Doch noch kann ich nicht sehen, was sie sehen, und nicht hören, was sie hören. Und Sarraka hat ebenfalls einen Spion. Ich weiß nicht, ob ich froh oder besorgt sein soll.«

»Vielleicht beides«, antwortete der Prinz. »Unser Mann wird uns durch seinen Shahinsha eine Nachricht schicken. Dann wissen wir genau, was Sarraka vorhat.«

Vielleicht wird er Nabija angreifen«, mutmaßte Anûr.

Der Prinz schüttelte belustigt den Kopf. »Nein, alle Haschirim zusammen könnten nicht mehr als eine Kerbe in unsere Stadtmauer schlagen.« Er wandte sich wieder dem Sultan zu. »Aber etwas geht vor. Wir sollten den Spion des Feindes nicht offen suchen, Vater. Wir wissen nicht, wie sie in Kontakt stehen und Sarraka könnte gewarnt werden, wenn wir ihn enttarnen.«

Der Sultan nickte. »Wir müssen vorsichtig sein. Jeder könnte der Spion sein. Diener, Gärtner, Köche. So viele Menschen halten sich im Palast auf. Es ist eine Schande, dass einer ein Hund ist, der für die Haschirim schnüffelt. Weiß noch einer davon außer denen, die hier im Raum sind?«

Prinz Masul schüttelte den Kopf.

»So soll es auch bleiben. Wir werden warten. Geduldig wie eine Schlange im Sand, die auf ihr Opfer lauert.«

»So bleibt nur eine Frage, Vater. Was für ein Geheimnis sucht der Spion?«

Für einen Moment schwieg der Sultan, als wäre er sich nicht sicher, was er antworten sollte. »Es gibt viele Geheimnisse in diesem Palast«, sagte er schließlich. »Wir werden sehen, ob Sarrakas Mann vielleicht sich selbst und damit seinen Auftrag verrät. Bis dahin, mein Sohn, schicke ich dich erneut fort. Und diesmal wirst du keinen Zufall benötigen, um Seite an Seite mit deinen Männern zu reiten. Du wirst mit der Weißen Garde wieder in die Wüste zurückkehren …«

»Danke, Vater. Ich wusste, du würdest …«

»… und nach dem Drachen suchen.«

Der Prinz stockte und sah den Sultan überrascht an. »Nach dem Drachen?« Er stieß das Wort so voller Abscheu hervor, als würde es ihm die Zunge verbrennen. »Ist es nicht klarer denn je, dass nur Sarraka hinter den Angriffen stecken kann? Wir wissen, wo er ist. Bald haben wir sie alle auf einem Haufen. Sobald wir die Nachricht erhalten haben, können wir angreifen. Gib mir genug Männer. Wir werden ihn am Rand des Blindenpfads erwarten. Wenn die Haschirim auf ihren nächsten Raubzug gehen, wird es ihr letzter sein.«

»Nichts von dem, was der Hauptmann und du berichtet habt, beweist deinen Verdacht. Du glaubst, Sarraka würde hinter all dem stecken? Dann kann er wohl fliegen und hat gelernt, Feuer zu spucken«, sagte der Sultan mit harter Stimme. »Du siehst nur, was du sehen willst, Masul. Doch in der Welt gibt es so viel mehr als das, was du mit deinen Sinnen und deinem Verstand fassen kannst. Sicher, Sarraka und die Haschirim sind eine Gefahr für unser Reich. Die Wüstenkrieger aber stecken nicht hinter den Angriffen. Es ist der Drache. Du wirst sehen, dass es ihn gibt. Er ist die drängendere Gefahr. Ihm musst du dich zuerst annehmen. Danach werden wir uns auch um Sarraka kümmern.«

»Und wie soll ich ihn finden?«, fragte der Prinz und gab sich keine Mühe, seine Wut zu verbergen. Er schlug so hart auf den Kartentisch, als könnte er so seine Feinde treffen. »Selbst wenn es ihn gibt, ist die Wüste zu groß, um ihn in ihr zu suchen.«

In diesem Moment räusperte sich Nûr. Zu Anûrs Erstaunen trat er nach vorne, beugte sich über den Tisch und fuhr mit seinen Fingern die zerstörten Orte entlang. Anûr sah seinen Großvater an, als hätte er den Verstand verloren. Schließlich ließ Nûr seine Hand über einer Berggruppe ruhen, die sich jenseits aller Punkte befand. »Ich würde wetten, dass Ihr den Drachen dort finden werdet, Prinz Masul.«

Der Sultan sah auf den Punkt, auf den Nûr deutete. »Der Berg Kaf? Er liegt weit in der Tiefen Wüste. Dort, wohin kein Mensch freiwillig gehen würde. Wie kommt Ihr darauf, dass der Drache gerade dort sein wird?«

»Ich kenne alle Geschichten über Drachen«, sagte Nûr.

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