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Flammenwüste

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. 1. Der Wassergeist
  7. 2. Erspäht
  8. 3. Entscheidungen
  9. 4. Die Jäger
  10. 5. Fata Morgana
  11. 6. Der verschlungene Fluss
  12. 7. Geteiltes Leben
  13. 8. Der Kopf des Kalifen
  14. 9. Die versunkene Stadt
  15. 10. Das richtige Wort
  16. 11. Gefunden
  17. 12. Geflügelter Tod
  18. 13. Ein gefährlicher Weg
  19. 14. Im Labyrinth der Irrmünder
  20. 15. Die Herren der Worte
  21. 16. Der Zuhörer
  22. 17. In die Tiefe
  23. 18. Die Wurzeln der Erde
  24. 19. Die vierzig Türen
  25. 20. Das dunkle Ebenbild
  26. 21. Hungriges Feuer
  27. 22. Hambar
  28. 23. Die falsche Stadt
  29. 24. Ein offenbartes Geheimnis
  30. 25. Bei den Nebelerntern
  31. 26. Der Wächter des Sees
  32. 27. Unter den Augen der Schlangenfrau
  33. 28. Am Ziel
  34. 29. Feuer und Wasser
  35. 30. Nyan
  36. 31. Ein tückischer Wunsch
  37. 32. Verlorene Liebe

Über den Autor

Akram El-Bahay hat seine Leidenschaft, das Schreiben, zum Beruf gemacht: Er arbeitet als Journalist und Autor. Als Kind eines ägyptischen Vaters und einer deutschen Mutter ist er mit Einflüssen aus zwei Kulturkreisen aufgewachsen. Dies spiegelt sich auch in seinen Romanen wider: klassische Fantasy-Geschichten um Drachen und Magie, die ebenso sehr an den »Herrn der Ringe« wie an orientalische Märchen erinnern. Mit seinem ersten Roman »Flammenwüste« war er für mehrere Preise nominiert, er gewann den Seraph Literaturpreis als bestes Fantasy-Debüt des Jahres.

Akram El-Bahay

Flammenwüste

DER GEFÄHRTE
DES DRACHEN

Roman

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Aus der Bibliothek der ungeschriebenen Bücher

1. Der Wassergeist

Der Wind fegte Anûr so scharf entgegen, als wollte er ihn von Meno herunterstoßen. Er hatte es sich, so gut es ging, auf dem Rücken des schwarzen Drachen bequem gemacht, während sie über ein Land flogen, in dem es kein Leben zu geben schien. Die Tote Wüste. Schon der Name verhieß Leere und Einsamkeit. Und gerade hier wollten sie jemanden ausfindig machen.

Anûr ließ seine Gedanken treiben, während unter ihnen Dünenberge ineinanderliefen und sich bis an den Horizont erstreckten. Anûr drückte sich gegen einen der Rückenstacheln des Drachen und fuhr mit der Hand über die warme Haut, die ihm manchmal noch so seltsam unwirklich erschien, dass er sie berühren musste, um an sie zu glauben. Ganz so, als ob er seinen Fingern mehr vertrauen könnte als seinen Augen.

Erst vor wenigen Wochen war er Meno zum ersten Mal begegnet. Unversehens war er in ein Abenteuer gestolpert, das auch jetzt noch wie ein Märchen anmutete. Wie eine jener Geschichten, die er und sein Großvater Nûr auf Suqs und in Kaffeehäusern erzählten. Auslöser für alles waren die Angriffe eines Drachen gewesen. Jene Geschöpfe, welche die Menschen längst in die Welt der Sagengestalten verbannt hatten. Anûr hatte dem Sultan des großen Wüstenreichs Nabija dabei geholfen, eine Waffe gegen das Feuer speiende Ungeheuer zu finden. Damit war ein Stein ins Rollen gebracht worden, und die Ereignisse hatten Anûr mit sich gerissen. Er war mit Masul, dem Prinzen von Nabija, auf Drachenjagd geschickt worden, hatte Fis, einen leibhaftigen Magier, und das Wüstenmädchen Shalia getroffen. Schließlich hatte er Meno, den Drachen, gefunden und war dessen Gefährte geworden.

Anûr hatte Vieles über sich gelernt, und er hatte eine Aufgabe übertragen bekommen, die ihm noch ganz und gar unlösbar erschien. Er sollte den mächtigsten Zauber der Welt finden und vor einem dunklen Magier beschützen: das erste aller Worte. Es hieß, dieses Wort sei einst vom Schöpfer aller Dinge ausgesprochen worden, um die Welt selbst zu erschaffen. Und noch heute wirke dessen Kraft nach. Die Macht dieses Wortes sei das, was die Menschen als Magie bezeichneten, und es würde einem Zauberer, der stark genug war, es zu beherrschen, uneingeschränkte Macht verleihen.

Der, vor dem Anûr es schützen sollte, dürfte eigentlich nicht mehr leben. Vor Jahrhunderten hätte der Magier Nyan das Wort beinahe in seinen Besitz gebracht. Er war dabei gestorben, doch wie es schien, hatte ihn der Tod nicht festhalten können. Anûr fiel es noch immer schwer, zu begreifen, wie dies möglich sein sollte. Doch es gab Hinweise darauf, dass Nyan tatsächlich wieder einen Weg ins Leben gefunden hatte.

Nyans Diener Sarraka, ein abtrünniger Nori, einer der legendären Drachenwächter, und sein Feuer speiendes Ungeheuer hatten für Nyan das Wüstenreich Nabija angegriffen, um das Wort zu stehlen. Dieses war von allen unbemerkt im Palast in einer Wand verborgen gewesen. Es hatte sie als Muster geziert, Schriftzeichen, die keiner hatte entziffern können. Anûr war es gelungen, Sarraka mit Hilfe seiner Freunde aufzuhalten. Doch während der furchtbaren Schlacht um Nabija war das Wort verschwunden. Es hatte sich einen neuen Ort gesucht wie ein Vogel, den man aus seinem Käfig freigelassen hatte. Außerdem hatte Anûr keine Ahnung, welche Form es nun angenommen haben mochte.

Wenn er an die Schlacht und die abenteuerliche Reise, die dieser vorangegangen war, zurückdachte, glaubte er, die Erinnerungen eines anderen vor Augen zu haben. Bis jetzt begriff er nicht, wieso gerade er auserkoren war, das Wort zu beschützen. Er war schließlich nur ein Geschichtenerzähler. Jemand, der von den Abenteuern anderer berichtete. Und nun steckte er selbst bis zu den Ohren in einem.

Es war seine Aufgabe, das Wort wiederzufinden, bevor Nyans Diener es taten. Denn der dunkle Magier durfte es nicht in die Finger bekommen, sollte er wirklich wieder von den Toten zurückgekehrt sein. Doch Anûr, der Hüter des Wortes, hatte keine Ahnung, wo es sein mochte. Meno und er waren daher auf der Suche nach einem Hinweis, der ihnen weiterhelfen würde. Und sie hofften, ihn hier in der Toten Wüste zu finden. In einem der schwarzen Türme, die Nyan während des Drachenkriegs vor tausend Jahren hatte erbauen lassen. Als Folterhäuser und Gefängnisse hatten sie gedient, und noch heute hatten sie nichts von ihrem Schrecken verloren.

Anûr lugte an Menos Rückenstacheln vorbei und sah auf das endlose Wüstenmeer hinab. Am Horizont erkannte er ein Band wie aus Saphiren, das sich dort entlangzog, wo Himmel und Erde ineinanderliefen. Das Meer! Bald würden sie es erreichen. Endlich. Nach Stunden in der Wüste tat es gut, das Blau zu sehen. Er ließ die Küste nicht aus den Augen, während sie darauf zuflogen.

Dort ist einer, riss ihn Menos stille Stimme aus seinen Gedanken. Die Stimme, die nur die Drachen und jene, die mit ihnen verbunden waren, verstanden. Anûr hatte sich noch immer nicht daran gewöhnt, aber Meno sprach nur dann laut, wenn er sich mit Leuten unterhielt, die nicht wie Anûr diese besondere Gabe besaßen.

Anûr kniff die Augen zusammen. Ja, da war er. Winzig klein von hier oben aus. Ein schwarzer Turm. Anûr atmete tief durch. Wie viele hatten Meno und er bereits gefunden und durchsucht? Fünfzehn? In einem von ihnen sollte noch heute jemand eingesperrt sein. Jemand, der Anûr bei der Suche nach dem ersten aller Worte helfen konnte.

Als sie den Turm erreichten, sank Meno tiefer und landete direkt vor dem zerfallenen Gebäude. Anûr sprang von seinem Rücken, dankbar, wieder auf eigenen Beinen zu stehen, und machte einige Schritte auf das Gemäuer zu. Das Meer war nun von Dünen verborgen, doch der Wind trug seinen Duft mit sich. Einen Duft, der Anûr an sein Zuhause in Wasserstadt erinnerte, und der so gar nicht hierher passen wollte. Für einen Moment schloss er die Augen und atmete tief durch, doch als er sie wieder öffnete, ragte der verfallene Turm noch immer vor ihm auf. So dunkel und unheimlich, als wollte er Anûr alle flüchtigen Gedanken an Ruhe und Frieden austreiben.

Mit Unbehagen erinnerte sich Anûr, wie er das erste Mal einen von ihnen betreten hatte. Ein Schatten hatte in ihm gehaust. Ein Wesen, ähnlich den Dschinnen, doch geboren aus der Angst der Menschen. Am Tag waren sie blass und schwach. Doch im Dunkel wuchs ihre Macht. Dann vermochten sie, einen Menschen in seiner eigenen Angst ertrinken zu lassen und ihn zu einem von ihnen zu machen. Hier aber hoffte er, ein anderes Geschöpf zu finden. Eines, das nicht in die Wüste gehörte. Einen Wassergeist.

»Asag.« Anûr flüsterte den Namen des Marids, den sie suchten und den sie in einem der dunklen Türme vermuteten. Der Wassergeist war vielleicht der Einzige, der ihnen etwas über das erste aller Worte erzählen konnte. Etwas, das ihnen dabei half, es zu finden. Es war nur eine vage Hoffnung, doch Asag war vor zehn Jahrhunderten dabei gewesen, als man es an verschiedenen Orten verborgen hatte. Und kein Geschöpf, dessen Existenz Anûr und seinen Verbündeten bekannt war, würde mehr über das Wort wissen als er.

Asag hatte laut der Geschichten, die Anûr über ihn von den Nori gehört hatte, in dem Meer gelebt, an dessen Küste noch heute die Stadt Nubiéd lag. Vor gut eintausend Jahren hatte die Magierin dieser Stadt, Sadyia, eine entscheidende Rolle dabei gespielt, das erste aller Worte, diesen mächtigsten Zauberspruch der Welt, Silbe für Silbe zusammenzufügen. Sie und andere Magier, ebenso mächtig, hatten seinem Echo gelauscht und es zuletzt niedergeschrieben. Asag war Sadyias Vertrauter gewesen, bis er sich von Nyan dazu hatte verlocken lassen, die Seiten zu wechseln. Der Marid hatte die Magierin verraten und Nyan dabei geholfen, das Wort zu finden. Es war damals zu einem furchtbaren Krieg gekommen, in dem Nyan knapp unterlegen war. Nach dessen vermeintlichem Tod hatte Sadyia ihren einstigen Verbündeten Asag für seinen Verrat gejagt und schließlich gefangen und festgesetzt. Maride verließen nur selten das Meer oder die Flüsse, in denen sie geboren worden waren. Und so war Asag von Sadyia zu der schrecklichsten Strafe verurteilt worden, die es für einen wie ihn gab: die Ewigkeit an Land zu verbringen. Asags Gefängnis sollte einer der Türme sein, die die Wüste durchzogen. Es hieß, sein Kerker befände sich irgendwo in der Hammada, wie die Tote Wüste auch genannt wurde.

Anûr ließ seinen Blick über das düstere Gemäuer gleiten, bis er an der Tür hängen blieb. Sie stand offen wie der Schlund eines hungrigen Tieres. Einige der Türme, die er und Meno untersucht hatten, reichten hoch in den Himmel. Von diesem aber war nur wenig übrig geblieben. Längst verfallen lagen seine Bruchstücke um das achteckige Wachhaus herum. Sie waren so schwarz, als wären sie aus der Nacht selbst herausgeschnitten worden. Sollte der Marid hier sein, dann konnte er sich nur in einer der Zellen befinden, die sich bei all diesen Türmen unter der Erde befanden.

In den vergangenen Wochen war er zu viele verlassene Treppen hinabgestiegen und hatte zu viele dunkle Zellen durchsucht. Sie waren, bis auf einige Knochen, stets leer gewesen. Doch den Tod hatte er in all ihnen nisten gefühlt. Er hoffte so sehr, dass er endlich Glück hatte und den Marid fand. Alleine, um nicht noch weitere Türme betreten zu müssen.

Als er direkt vor dem Eingang stand, zögerte Anûr.

Geh endlich. Es wird nicht leichter, wenn du wartest, hörte er die Stimme des Drachen in seinem Kopf. Anûr sah zu ihm hinüber und musste lächeln. Eigentlich war Meno sonst derjenige, der sich Zeit ließ, bis er eine Entscheidung traf. Doch er hatte recht. Zögern half nichts.

Anûr schloss die Hand fest um seinen Stab, die einzige Waffe, mit der er je gekämpft hatte. Sie hatte einst dem Magier Schakschuka gehört, einem von Sadyias Verbündeten. In dem Stab steckte so viel Magie, dass selbst ein einfacher Geschichtenerzähler wie Anûr mit seiner Hilfe besser kämpfen konnte als der erfahrenste Soldat. Mit ihm hatte er sich gegen eine leichenfressende Ghoula zur Wehr gesetzt und sogar den König der Schatten getötet, beides Wesen, die auf der Seite Sarrakas standen. Doch ob der Stab ihn auch vor einem bösartigen Marid schützen konnte?

In den Geschichten, die Anûr als Erzähler unter die Leute brachte, konnten dem Helden selbst die schlimmsten Feinde nie wirklich gefährlich werden. Doch dies war keine seiner Geschichten, und der Marid, den er zu finden hoffte, war echt. Wie gefährlich konnte der Wassergeist nach all der Zeit, gefangen im Turm, noch sein?

Nicht allzu sehr, hörte er Menos stille Stimme. Er dürfte noch immer in silbernen Ketten gefangen sein, denn allein Silber vermag die Macht eines Marids zu brechen. Und die Jahre des Austrocknens sollten ihr Übriges getan haben.

Meno schien ihm die Frage von der Stirn abgelesen zu haben. Anûr war einmal mehr erstaunt darüber, wie eng sich ihre Gedanken schon miteinander verflochten hatten, seit sie das Band zwischen sich entdeckt hatten.

Und sollte er dennoch versuchen, dich anzugreifen, kannst du ihm immer noch mit einem Drachen drohen.

»Keine sehr wirkungsvolle Drohung, wenn du hier oben vor der Tür des Turms wartest, während er mit mir in einem engen Verlies unter der Erde ist«, erwiderte Anûr laut. In Gedanken mit dem Drachen zu reden fühlte sich noch immer so an, als führte er ein Selbstgespräch.

Sag ihm, ich würde den Erdboden aufreißen, sein Gefängnis freilegen und ihn verbrennen.

»Ich denke, du speist kein Feuer mehr«, entgegnete Anûr. Wie könnte er auch?, dachte er bei sich. Nyan hatte Meno einst gezwungen, Schakschuka, seinen Gefährten, zu verbrennen.

Das weiß er doch nicht. Die Aussicht auf Flammen dürfte ihm wenig schmecken. Was könnten die, die sich nach dem Wasser sehnen, mehr fürchten als Drachenfeuer? Kein Geisterwesen vermag unseren Flammen zu widerstehen.

Wahrscheinlich nichts. Und doch wünschte sich Anûr, eine Gruppe der kampfstarken Nori wäre bei ihm. Aber es war besser, dass Anûr alleine nach Asag suchte. Was der Marid ihm möglicherweise verraten konnte, musste geheim bleiben. Und ein Geheimnis war umso sicherer, je weniger Ohren es hörten.

»Warte hier«, sagte Anûr zu Meno.

Ich habe die ganze Ewigkeit Zeit, meinte der Drache.

Anûr musste trotz seiner Anspannung lächeln. »So lange wird es nicht dauern.« Er atmete tief ein, als er den Fuß über die Schwelle setzte. Er glaubte, die Angst und Verzweiflung der einstigen Gefangenen noch immer wie ein Versprechen zwischen den Mauern spüren zu können. Auch du wirst hier sterben, schien der Stein zu flüstern.

Der Boden war bedeckt vom Wüstensand, den der Wind unablässig durch die offene Tür wehte. Durch die Decke zog sich ein breiter Riss. Tageslicht sickerte träge herein, und der Staub zahlloser Jahre tanzte in der warmen Luft. Doch von dem Treppenabgang, vor dem Anûr einen Moment stehen blieb, schien es sich fernhalten zu wollen.

Anûr stieg die Stufen vorsichtig hinab, und die Dunkelheit, die sich wie eine Decke um ihn legte, war so vollkommen, dass sie ihn blind machte. Aus einer Tasche seines blauen Gewandes zog Anûr eine Glaskugel. Die kleine Flamme in ihr stammte aus dem Feuer, das in Nabatea, der Stadt der Drachenwächter, brannte. Dem Feuer, aus dem die Welt selbst gemacht war, und das auch in den Drachen loderte. Es brauchte keine Nahrung und vertrieb die Dunkelheit, die sich hier unten eingenistet hatte. Zudem besaß das Feuer eine Eigenschaft, die Anûr nur allzu gut gebrauchen konnte, wenn er mit einem Wesen sprach, das auf der Seite Nyans gestanden hatte. Es loderte wütend auf, wenn jemand log, und brannte demjenigen die falschen Worte von der Zunge.

Am Fuß der Treppe schälte sich ein Gang aus der Finsternis. Anûr sah sich einen Moment lang um. Eine Wüstenmaus lief ihm über die Füße, und eine Spinne hatte ihr Netz von Wand zu Wand gewoben, sodass sich Anûr ducken musste, als er einen Schritt nach vorne machte. Doch sonst schien er allein zu sein. Wie in den anderen Türmen, in denen er nichts außer Dunkelheit und Einsamkeit gefunden hatte.

Er folgte dem Gang um eine Biegung und hörte in der bedrückenden Stille plötzlich ein leises Atmen. Der Marid? Oder lebten in den dunklen Türmen noch andere Wesen? Solche, von denen keine Geschichten berichteten, weil niemand überlebt hatte, um sie zu erzählen? Anûr schloss die Finger fester um seinen Stab. Dann atmete er tief durch und schlich langsam den Gang entlang. Seine Schritte klangen dumpf auf dem groben Steinboden. Er zählte acht Zellen, die die Flamme zu beiden Seiten aus dem Dunkel riss, als er an ihnen vorbeiging. Halbverfallene Türen hingen vor den Eingängen, und jedes Mal, wenn Anûr eine von ihnen aufstieß, schlug sein Herz wild in der Brust. In keiner jedoch fand er etwas anderes als Dunkelheit. Schließlich stand er am Ende des Ganges vor dem letzten Raum. Und sein Herz setzte einen Schlag aus.

Das leise Atmen war nun deutlich zu hören. Die Tür, hinter der es hervordrang, war ebenso brüchig wie die anderen. Und so bereitete es Anûr kaum Mühe, sie aufzustoßen, obwohl sie verschlossen war. Das Licht der kleinen Flamme fiel auf einen Stuhl. Das Silber, aus dem er gemacht war, schimmerte dunkel und alt. Und auf dem Stuhl …

Anûr hatte noch nie einen Marid gesehen. In den Märchen und Erzählungen waren sie hünenhafte Wesen, deren Äußeres jeden Menschen das Fürchten lehrte. Ihre Haut, so hieß es, war so blau wie das Meer. Doch die Gestalt auf dem Stuhl war kaum einen Kopf größer als Anûr. Wenn dies dort Asag war, dann hatte die Zeit unter der Erde seine Haut so grau werden lassen wie die Farbe des Ozeans an einem verhangenen Tag und so matt, als gehörte sie einem vertrockneten Fisch. Der Körper hing schlaff auf dem silbernen Stuhl. Er schien so verschrumpelt und mager wie die Mumien der einbalsamierten Kalifen aus früheren Zeiten, und der kahle, gehörnte Kopf war der Gestalt auf die Brust gefallen. Aus dem silbernen Stuhl wuchsen feinblättrige Ranken wie bei einem Jasminstrauch, die sich um das Wesen wanden. Sie umschlangen seine Arme und Beine, selbst um seinen dürren Hals hatten sie sich gezogen.

»Asag?« Anûr flüsterte den Namen so leise, als fürchtete er sich vor der Antwort.

Das Wesen vor ihm reagierte nicht. Anûr fragte noch zweimal, doch er erhielt keine Antwort. Vorsichtig tippte er die Gestalt mit dem Stab an. Dabei berührte er eine der silbernen Ranken, die sich um den linken Arm des Gefangenen wand. Sofort zog sie sich zurück. Überrascht berührte Anûr eine zweite, und auch sie gab den Teil des Körpers frei, den sie umschlossen hatte. Nach einigen Augenblicken legten sich die Ranken wieder um den Gefangenen, und Anûr war sich sicher, den gefunden zu haben, den er gesucht hatte.

Das verzauberte Silber hielt den Marid noch immer durch Sadyias Kraft gefangen. Doch für einen Verbündeten der Magierin gab es ihn offenbar frei. Schakschukas Stab machte Anûr scheinbar zu so einem Verbündeten. Denn Schakschuka war einer der beiden Zauberer gewesen, die mit Sadyia das Wort zusammengefügt hatten, das Anûr nun um jeden Preis finden musste. Für Sadyias silberne Fesseln schien der Stab wie ein Schlüssel zu wirken.

Anûr empfand Mitleid, als er den Marid so kraftlos sah. Warum Sadyia gerade einen der verlassenen Türme des dunklen Magiers als Gefängnis für den Wassergeist ausgewählt hatte, wusste Anûr nicht. Vielleicht hatte sie geglaubt, dass es nach Nyans Tod niemand mehr wagen würde, einen von ihnen zu betreten.

Anûr atmete tief ein und legte seinen Stab zu Boden. Dann stellte er die Glaskugel mit der Flamme vorsichtig daneben und griff erneut in sein Gewand. In dem Schlauch, den er herausholte, war das, was jeder Marid am meisten begehrte: Wasser. Anûr ließ einige Tropfen in seine Hand laufen und legte den Schlauch auf den Boden. Mit seiner freien Hand griff er nach dem herunterhängenden Kopf des Marids. Ledrig und so kalt wie der einer Leiche war er. Anûr musste seine Abscheu überwinden, um den Kopf hochzudrücken. Hastig spritzte er Asag einige Tropfen ins Gesicht.

Der Leib des Marids bäumte sich so abrupt auf, dass Anûr zurückstolperte. Ein Schrei kam dem Marid über die vertrockneten Lippen, so heiser, als hätte er noch nie seine Stimme gebraucht. Er riss seine Augen auf, schwarze Flecken, umrahmt von Gold. Verwirrt starrte Asag in der dunklen Zelle umher, sah durch Anûr hindurch, als wäre er aus Glas.

»Gnade!«, schrie er. »Nicht fesseln. Gnade.« Asag zerrte an den silbernen Ranken. Er schien Anûr gar nicht wahrzunehmen. Nach einigen Momenten ebbte der Schwall der immer gleichen Rufe nach Vergebung ab, und der Marid sank wieder stumm in sich zusammen.

Anûr warf einen Blick in den Gang hinaus. In Gedanken teilte er Meno mit, dass er den Marid gefunden hatte, doch er erhielt keine Antwort. Vermutlich war er zu weit von seinem Gefährten entfernt. In diesem Moment kam er sich noch einsamer vor, als er sich ohnehin fühlte. Verlassen unter der Erde wie in einem Grab. Er glaubte zu spüren, wie ihm jemand Erde auf die Brust schaufelte. Die Vorstellung, den Marid allein zu lassen und zu Meno zurückzukehren, war verlockend. Sehr verlockend. Doch er konnte nicht gehen. Er musste das erste aller Worte finden, und die einzige Hilfe, die er auf dieser Suche bekommen konnte, saß in Silber gekettet vor ihm. Wenn es jemanden gab, der ihm etwas über das Wort berichten konnte, dann war es dieser Wassergeist.

Anûr hob den Schlauch wieder auf und hielt ihn Asag unter die Nase, die aus kaum mehr als Schlitzen in dem runden Gesicht bestand. Die Augen des Marids flammten sofort auf. Eine Zunge schoss aus Asags Mund, lang wie die eines Salamanders. Doch ehe sie den Schlauch erreichte, hatte Anûr ihn auch schon zurückgezogen.

»Asag!«, rief Anûr. Seine Stimme hallte zwischen den Steinmauern wider und klang nicht halb so sicher, wie er gehofft hatte.

Diesmal nahm der Marid Anûr wahr und musterte ihn hasserfüllt. »Wer bist du?«, grollte er.

»An …« Er unterbrach sich. »Ich stelle hier die Fragen.«

»Und ich gebe keine Antworten, Mensch. Nicht in diesem Jahrhundert.« Asags Stimme war so trocken wie die Lippen, über die sie strich.

»Schade«, meinte Anûr, »denn ich wollte dich fragen, ob du etwas Wasser willst.« Er sagte es beiläufig, doch sein Herz klopfte so verräterisch laut, dass Anûr fürchtete, Asag könnte es hören.

Die Augen des Marids wurden ebenso schmal wie seine Nasenlöcher. »Was bist du? Ein Wohltäter? Kommst mich besuchen, um mir Gutes zu tun?«

»Ich will etwas von dir wissen, Marid«, sagte Anûr und hielt Asag lockend den Schlauch hin.

»Was kann ich schon wissen, das dich interessiert? Ich sitze seit einer Ewigkeit hier. Viel höre ich nicht.«

Anûr atmete tief ein. Der entscheidende Moment. »Du weißt etwas über das erste aller Worte.«

Der Marid musterte ihn mit undurchdringlicher Miene. »Das Wort. Darum geht es dir. Tut mir leid, ich weiß nichts darüber.«

Anûr sah auf die Flamme in dem Glasgefäß neben sich auf dem Boden. Sie loderte wütend auf, als wäre sie gereizt worden. Hätte sie nicht in dem Glas gebrannt, so hätte sie Asag die Worte sicher aus der Kehle gerissen. »Du lügst«, stellte Anûr fest.

Der Marid starrte die Flamme misstrauisch an, als wollte sie ihn fressen. »Was ist das? Zauberfeuer? Tu es weg. Ich gehöre dem Wasser. Und Wasser und Feuer lieben sich nicht.«

»Das Feuer bleibt. Was weißt du über das Wort? Glaub mir, es wird nicht zu deinem Nachteil sein, mir davon zu erzählen. Aber sei vorsichtig, denn das Feuer, das ich bei mir trage, enthüllt jede Lüge.«

Asags Blick wechselte zwischen der Flamme und Anûr einen Moment lang abschätzend hin und her. »Mein Meister hatte es«, sagte er schließlich. »Doch er starb, bevor ich hier eingekerkert wurde.«

»Das Wort wurde vor Kurzem aus seiner Hülle befreit und ist verschwunden«, erwiderte Anûr. »Ich muss es finden.«

»Soso. Und nun willst du von mir wissen, wo du suchen sollst?« Der Marid starrte ihn tückisch an.

»Weißt du es?«

»Ja, vielleicht. Aber was gibst du mir für das, was ich dir sagen könnte?«

Anûr hatte lange mit Meno darüber gesprochen, was er Asag anbieten sollte, damit der Marid redete.

»Er wird die Freiheit verlangen«, hatte Anûr gemutmaßt.

Er darf nicht zurück ins Meer, war Menos Antwort gewesen. Asag hat sich auf die Seite Nyans gestellt. Einen Feind mehr können wir nicht gebrauchen.

Anûr starrte auf den Schlauch in seiner Hand, das Einzige, was er dem Wassergeist anbieten konnte. »Du kannst es haben. Alles. Nur für dich.«

Anûr erkannte die Gier in den dunklen Augen, doch der Marid schüttelte den Kopf. »Für solch ein Almosen bleiben meine Lippen stumm. Aber es gibt etwas, das du mir geben kannst.«

»Und was wäre das?«, fragte Anûr misstrauisch.

»Einen Moment an der Luft.«

»Du willst hinaus?« Es war, wie Anûr vermutet hatte. Der Marid wollte seine Freiheit zurück. »Wozu? Die gute Wüstenluft wird dir wohl kaum fehlen.«

Der Marid kicherte böse. »Nein. Sicher nicht. Aber der Duft des Meeres liegt in ihr. Sein köstlicher Geschmack durchdringt sie. Hier unten kann ich ihn kaum erahnen. Seit so vielen Jahrhunderten verzehre ich mich danach, das Meer zu riechen. Das ist mein Preis für mein Wissen über das Wort.«

Die Flamme in der Glaskugel zuckte nur müde. Der Marid log also nicht, wenn er sagte, dass er das Meer wieder riechen wollte. Aber das war sicherlich nicht alles, was er wollte. Anûr durfte ihm nicht trauen.

»Unmöglich«, antwortete er. »Das Wasser hier muss reichen.«

»Gut«, entgegnete der Marid knapp. »Dann geh, kleiner Mensch. Ich warte auf den Nächsten, der mein Gefängnis aufsucht. Ich habe Geduld.« Damit schloss der Marid seine Augen und verfiel wieder in die leblose Starre, in der Anûr ihn gefunden hatte.

Für einen Moment stand Anûr unschlüssig in der Zelle. Er musste erfahren, was Asag wusste. Aber um jeden Preis? »Vermutlich weißt du sowieso nichts«, versuchte er, den Marid aus der Reserve zu locken.

Asag öffnete ein Auge. »Ich weiß einiges«, sagte er, und seine Stimme klang, als hätte er Wüstensand zwischen den Zähnen. »Und ich erkenne Vieles. In dir zum Beispiel.« Asag öffnete auch das zweite Auge und musterte Anûr. »An dir ist mehr dran, als man auf den ersten Blick sieht.«

»So? Was denn?«, fragte Anûr misstrauisch.

»Meine Augen sehen es, und meine Nase riecht es. In dir nistet etwas. Ein Stück Nacht in der Brust. Ein … Schatten.«

»Woher weißt du von den Schatten?«, zischte Anûr. Die Luft in der Zelle schien mit einem Mal dicker als auf dem Gang. Anûr fühlte sich zu dem Moment zurückversetzt, da er gegen Nathil, den König der Schatten, gekämpft hatte. Nathil hatte die Gestalt gewordene Angst verkörpert und Anûr das Gefühl gegeben, zu ersticken. Ehe Anûr den Schattenkönig töten konnte, hatte der ihm die Faust ins Herz gestoßen. Es war keine Wunde zurückgeblieben, und doch meinte Anûr, dass seither etwas Fremdes in ihm wohnte.

»Ich fühle den Zauber des Schattenkönigs in dir so deutlich, als hätte er ihn vor meinen Augen gesprochen. Er und ich haben beide demselben Meister gedient. Nyan hatte viele Diener um sich geschart. Maride, Schatten, abtrünnige Drachen und Nori. Und noch einige mehr. Er hat uns zu sich gerufen, um das Wort zu bekommen. Er wusste viel darüber. Doch es gab eine Sache, eine … Besonderheit, die wohl nur Sadyia, die Magierin, kannte, der ich diente. Sie war überzeugt davon, dass das Wort sich an die Orte gebunden fühlt, an die es einmal gebracht wurde. Wenn du es suchst, dann solltest du dorthin gehen, wo es schon gewesen ist. Nach …« Asag brach ab und lachte.

Anûr verfluchte den Marid. Offenbar hörte er sich nach Jahrhunderten des Schweigens gerne reden. Und Asag spielt mit mir, dachte Anûr bei sich. Doch er würde mitspielen, denn er musste mehr erfahren.

»Wenn ich dir deinen Wunsch erfülle, wirst du dann reden?« Anûr sah auf die Flamme.

Der Marid legte den Kopf schief, als müsste er genau nachdenken. »Ich werde dir die Namen der Orte verraten, die ich kenne«, sagte er schließlich.

»Und du wirst zurückkehren in dein Gefängnis, wenn ich dich dazu auffordere?«

Asag verzog den Mund. »Ja.«

Die Worte ließen die Flamme nicht einmal zucken. Er log also nicht. Anûr legte den Schlauch mit dem Wasser ab und griff nach seinem Stab. Was konnte der Marid ihm so geschwächt schon antun? In den Geschichten, die Anûr über diese Geister kannte, hieß es, dass sie, wenn sie zu lange vom Wasser getrennt waren, ihre Macht verloren. Sie mussten sich erst wieder damit vollsaugen wie ein vertrockneter Wüstenbaum, ehe sie erneut ihre Magie einsetzen konnten. Dieser Marid war sehr lange vom Wasser getrennt gewesen. Und Anûr war nicht allein. Mit einem Drachen an seiner Seite war er alles andere als wehrlos.

»Also gut«, sagte Anûr. Er schloss die Finger fest um den Stab und berührte die silbernen Ranken so lange, bis sie sich ganz in den Stuhl zurückzogen. Er hoffte, dass sie von selbst wieder wachsen würden, wenn er Asag zurückbrachte. Aber darum würde er sich später kümmern. »Komm mit.«

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Anûr ließ den Wasserschlauch in Asags Zelle zurück. Die Glaskugel mit der Flamme in der einen und den Stab in der anderen Hand, trieb er Asag vor sich her durch die Finsternis. Mehr als einmal stolperte der Wassergeist gegen die Wände, über die das Licht der kleinen Flamme tanzte. Doch schließlich erreichten sie den Ausgang und traten hinaus in die Sonne. Asag blinzelte und hob schützend die Hand vor die Augen. Das Licht schmerzte ihn offenbar. Kein Wunder nach Jahrhunderten in der Finsternis.

Die Wüste war so still, als wären sie die einzigen Lebewesen hier oben. Tatsächlich schien es nur sie beide zu geben. Meno war fort. Anûr hoffte, dass der Marid ihm die Überraschung nicht anmerkte. War Meno etwas zugestoßen? Aber was sollte einem uralten Drachen schon passiert sein?

»Also?«, fragte Anûr, während er sich heimlich umsah. Verdammt, wo bist du?, rief er in der stillen Stimme der Drachen. Er verdrängte den Gedanken daran, was passieren konnte, falls der Marid sein Wort brach und sich weigerte, in sein Verlies zurückzukehren. Doch die Flamme hatte keine Lüge in seinen Worten geschmeckt. Asag würde gehen, wenn Anûr es befahl. Er atmete tief durch.

Die einzige Antwort, die er erhielt, stammte von dem Marid.

»Du suchst ein Wort. Ein einzelnes Wort. Und die Welt, in der es sich verbirgt, ist groß.« Asag wandte sich von ihm ab und legte den Kopf in den Nacken. Tief sog er die Luft ein und zitterte vor Erregung.

»Du hast gesagt, du wüsstest, wo ich mit der Suche beginnen könnte«, sagte Anûr und drückte ihm den Stab in den Rücken. »Also rede!«

Der Marid keuchte auf, und seine Haut dampfte an der Stelle, an der Anûrs Waffe sie berührt hatte. Doch er erwiderte nichts, und mit jedem Moment, den er schwieg, wuchs Anûrs Misstrauen. Asag streckte sich, als wollte er seine Nasenschlitze dem Himmel näher bringen.

»Du hast von den Orten gesprochen, die …«, begann Anûr erneut.

»Ich weiß, was ich gesagt habe«, unterbrach ihn der Wassergeist unwirsch. Scheinbar widerstrebend wandte er sich Anûr zu. Vielleicht lag es nur an der Sonne, doch die Augen des Marids erschienen Anûr mit einem Mal lebendiger als noch eben unter der Erde, und sein Leib wirkte kraftvoller. »Es gibt vermutlich nicht viele Orte, an denen das Wort war, bevor der Meister es fand. Von zweien kenne ich den Namen.« Asag machte eine Pause und atmete wieder einige Male tief ein. »Ah«, seufzte er genussvoll.

»Nenn sie mir«, verlangte Anûr und stieß den Marid noch einmal mit dem Zauberstab an.

Asag keuchte auf vor Schmerz, schloss die Augen und legte den Kopf erneut in den Nacken. Eine ganze Weile stand er so da, schweigend, und sog gierig die Luft ein. »Der eine Ort ist die Stadt Ghouna«, sagte Asag schließlich. »Mein Meister hätte das Wort dort beinahe gefunden.« Dann wisperte er etwas, zu leise, als dass Anûr es verstehen konnte. Im Licht der Wüstensonne schien die Haut des Marids nun nicht mehr nur grau. Grüne Linien durchzogen sie wie Algenfäden. Und mit jedem Augenblick, den er an der Luft war, schien Asags Haut weniger matt. Anûr sah etwas Feuchtes auf der Haut des Wassergeistes. Vielleicht sein Schweiß? Der Körper des Marids schien davon benetzt zu sein. »Und der andere?«, fragte Anûr ungeduldig.

Doch Asag antwortete nicht. Die grünen Linien auf seiner Haut wurden blau. Blau wie das Meer. Wolken erschienen und zogen so rasch über den Himmel, als würden alle Dschinnen der Welt sie zur Eile antreiben. Sie bedeckten die Sonne, und noch ehe sich Anûr versah, fiel Wasser aus ihnen hinab.

Er hatte schon einmal den Regen gefühlt, der in diesem Teil der Welt so selten war, dass manche ihn nur aus Geschichten kannten. Anûr war damals noch ein Kind gewesen. Seine Freunde und er waren wie verzaubert durch die Straßen ihrer Heimatstadt gelaufen und hatten die offenen Münder dem Himmel entgegengehalten, um so viele Tropfen wie möglich aufzufangen. Doch dieser Regen fiel so heftig und unerbittlich herab, als wollte er die Welt ertränken. In wenigen Augenblicken war Anûr nass bis auf die Haut.

Er wusste zwar nicht, was hier geschah, war sich aber sicher, dass der Marid dahinterstecken musste.

»Hör auf!«, schrie Anûr. Verdammt. Ein wenig Magie schien doch noch in dem vertrockneten Körper gesteckt zu haben. Gerade genug, um das Einzige herbeizurufen, was Asag nicht haben durfte: Wasser.

Asag reagierte nicht. Er flüsterte fortwährend, und der Regen fiel weiter vom Himmel. Der Marid begann auf einmal zu wachsen wie ein Baum, der austreibt, und sein Körper sog das Wasser auf wie der trockene Wüstenboden. Unter seiner Haut konnte Anûr es pulsieren sehen. Als würde ein Fluss sein ausgetrocknetes Bett wieder in Besitz nehmen. Wild und unbändig.

Anûr hob den Stab und drückte ihn Asag gegen die Brust.

Diesmal jedoch schien die Berührung den Marid kaum noch zu schmerzen. Stattdessen stieß er Anûr fort wie ein lästiges Kind und wuchs weiter. Er wuchs, bis er doppelt so groß wie Anûr war.

Meno. Wo bist du? Anûr schob alle Gedanken an das Wort beiseite. Nun ging es nur noch darum, zu überleben. In Anûrs Stab war ein Muster eingraviert, das jedes Mal, wenn er kämpfen musste, aufflammte. Die Waffe leuchtete auch jetzt, während Anûr sie schwang. Doch ehe er zustoßen konnte, hob der Marid einen Finger und deutete auf Anûrs Herz.

Angst überkam Anûr, als hätte sie ihn angesprungen wie ein Tier. Er konnte von einem auf den anderen Moment kaum noch atmen. Sein Herz schlug wie verrückt in seiner Brust. Asag rief die Angst herbei, die der Schattenkönig in Anûr gepflanzt hatte. Sie füllte ihm die Lungen und ertränkte ihn, wie der Regen die Welt um ihn herum. Luft! Er brauchte Luft! Doch gleich, wie viel er auch atmete, es schien nicht genug zu sein. Anûr fiel auf die Knie, und der Stab rollte ihm aus der Hand.

»Dummer Mensch. Wie töricht kann man sein? Mich vom Silber zu befreien, das mir meine Magie genommen hat. Endlich kann ich das Meer, das ich so viele Jahre nur habe riechen können, wieder rufen. Es folgt meinem Befehl, nun da meine Zauberkraft nicht länger gefesselt ist. Wenn ich meine ganze Macht wiedererlangt habe, werde ich mir das erste aller Worte selbst holen. Ich war dabei, als es zusammengesetzt wurde. Und ich kann es aussprechen. Die Welt wird mir dienen. Doch du wirst dann längst tot sein. Du Glücklicher. Der Tod ist ein Geschenk gegen das, was die Lebenden unter mir zu erwarten haben. Ist es nicht traurig, dass du nun tatsächlich den Namen einer Stadt kennst, in der das Wort war? Dass du ihn kennst, aber niemals dorthin gelangen wirst?«

Anûr reagierte nicht auf Asags Spott. Er konzentrierte sich auf jeden Atemzug. Der nächste könnte mein letzter sein, dachte er. Vor ihm verschwamm Asags Gestalt im Regen. Die Augen des Wassergeistes leuchteten nun so dunkel wie die sagenumwobenen Schwarzen Perlen, die in den Märchen über diese hinterhältigen Wesen immer eine Rolle spielten.

Anûr öffnete den Mund. Er musste nicht viel sagen. Ein kurzer Befehl, ausgestoßen zwischen zwei hastigen Atemzügen, würde ausreichen, um den Marid in sein Gefängnis zurückzuschicken. Doch ehe auch nur eine Silbe seine Zunge verlassen hatte, deutete der Marid auf Anûr, und Ranken aus Wasser trieben von den Spitzen seiner Finger auf ihn zu. Sie legten sich über Anûrs Lippen und hielten sie zusammen. Asag hatte ihn überlistet.

»Ich gehe, wenn du es sagst«, rief der Marid höhnisch und verzog den Mund zu einem bösen Grinsen.

Anûr starrte ihn hilflos an. Was könnten die, die sich nach dem Wasser sehnen, mehr fürchten als Drachenfeuer? Anûr glaubte, Menos Worte zu hören. Aber Meno war nicht hier. Anûr hatte kein Drachenfeuer und … für einen Moment vergaß er die Angst, als er an die Glaskugel dachte. Er hatte sie doch die ganze Zeit in der Hand gehalten. Die Flamme in ihr, so klein sie auch war, stammte von dem mächtigsten Feuer, das es gab. Dem Feuer, das im Inneren der Welt selbst brannte.

Der Marid legte den Kopf schief und betrachtete amüsiert, wie Anûr sich aufrichtete und die Kugel hob. »Eine kleine Waffe für einen kleinen Menschen. Ich bin nun nicht mehr schwach. Was willst du also mit deinem kleinen Zauberfeuer tun? Es mir entgegenwerfen?« Seine Stimme klang wie ferner Donner.

Anûr vermochte nicht zu antworten. Asags Wasserranken verschlossen ihm noch immer die Lippen. Stattdessen wog er die Kugel einen Moment in der Hand. Und dann holte er aus.

Das Glas zerschellte auf dem Körper des Marids, und die Flamme sickerte zwischen den Scherben hervor. Sie war so lächerlich klein, ein Funke auf dem riesenhaften Körper. Der Marid lachte noch, als sie begann, über seine nackte Haut zu tanzen. Dann aber breitete sie sich rasend schnell aus wie ein kleiner Fluss, der über die Ufer tritt. Immer weiter zog sie über die blau-grüne Haut. Die Flamme brannte dem Marid das Wasser vom Körper, und Asags Lachen verwandelte sich in ein Brüllen. Panisch versuchte er, das Feuer zu erschlagen und es von seiner Haut zu wischen. Doch die Flamme fraß gierig weiter. Der Regen wurde schwächer, je länger das Feuer brannte. Es klebte dem Marid wie Pech an den Fingern, und bei seinen verzweifelten Versuchen, es zu ersticken, rieb er es sich über den ganzen Leib.

Noch während Asag so gellend schrie, dass sich Anûr die Ohren zuhalten musste, ging er völlig in Flammen auf. Sie verschlangen den Marid in wenigen Minuten ganz und gar. Er fiel in sich zusammen wie ein brennendes Haus, dessen Wände einstürzten. Asag wand sich noch einen Moment auf dem Wüstenboden, dann wurden seine Bewegungen schwächer. Die Schreie verebbten, und der Regen hörte auf. Asag brannte, bis nur noch Asche zurückblieb. Der Marid war fort, und mit ihm auch die Angst in Anûrs Herzen. Zumindest für den Moment.

Die Wasserranken verschwanden mit ihrem Herrn, und Anûr riss erleichtert den Mund auf. Gierig sog er die Luft ein. Die Sonne brach zwischen den Wolken hervor und holte sich ihren Platz am Himmel zurück. Die letzten Tropfen, die herabfielen, ließen die Asche Asags im nassen Sand versickern. Zurück blieben zwei dunkle Kugeln. Schwarze Perlen.

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Was ist geschehen? Bist du verletzt?

Anûr hörte Menos aufgeregte Stimme in seinen Gedanken, während der Drache auf ihn zuflog und neben dem Turm landete. Es waren nur ein paar Augenblicke seit Asags Tod vergangen, und Anûr saß im Sand und versuchte, die Erinnerung an die Angst zu verdrängen, die der Wassergeist in ihm geweckt hatte. Er nickte müde, stand auf und berichtete in kurzen Worten, was sich ereignet hatte. »Dies war also der richtige Turm. Und der Marid hat mich hereingelegt«, schloss er. »Es war knapp.«

Aber du hast überlebt.

Anûr fühlte die Sorge in Meno, als wäre sie seine eigene. Doch er war wütend und konnte den Vorwurf nicht zurückhalten, der ihm über die Lippen drängte. »Es wäre nicht so knapp geworden, wenn du da gewesen wärst.«

Es ging nicht anders, Anûr. Ich musste gehen.

»Du musstest gehen? Das war nicht der richtige Zeitpunkt dafür!«

Da war etwas. Jemand.

»Wer?«, fragte Anûr knapp und zog sich sein Gewand über den Kopf, um es auszuwringen. Er war noch nicht bereit, von seinem Zorn auf Meno abzulassen.

Ein Drache.

»Ein Drache?«, fragte Anûr und starrte Meno ungläubig an. »Etwa aus Mât?« Prinz Masul, der nach dem Tod seines Vaters den Sultansthron bestiegen hatte, war für eine Zeitlang in Mât gefangen gewesen, in Nyans einstiger Festungsstadt. Sie befand sich im Inneren eines Berges und war voll von Drachen. Aber bis auf einen waren sie alle versteinert. Und der, der gelebt hatte, war durch Anûrs Hand gestorben. Um einen Drachen wiederzuerwecken, musste, soweit Anûr wusste, das Feuer in seinem Inneren erneut entfacht werden.

Es scheint so, meinte Meno.

»Aber wie könnte Nyan, wenn er wieder da ist, sie so schnell geweckt haben? Ich hatte gehofft, wir würden mehr Zeit haben. Oder hat sie jemand anderes erweckt? Sarraka vielleicht?«

Ich weiß weder, ob Nyan wirklich wieder da ist, noch ob der Drache, den ich bemerkt habe, von ihm oder seinem Diener erweckt worden ist. Nicht alle Drachen sind wie die, die du bislang kennengelernt hast. Von welcher Art dieser hier war, weiß ich nicht. Ich habe sein Feuer gerochen. Doch ehe ich ihn finden konnte, habe ich gespürt, dass du in Gefahr bist, und bin zurückgekommen. Ich weiß nicht, ob noch andere dort draußen sind.

Anûr sah sich misstrauisch um, als würde sich der fremde Drache hinter einer der vom Marid gerufenen Wolken verbergen, die sich noch nicht vollständig aufgelöst hatten. »Wir sollten Jagd auf ihn machen«, sagte er entschieden und zog sein Gewand wieder an, nachdem er es ausgewrungen hatte.

Vor allem sollten wir uns nicht zu lange hier aufhalten. Sollte er zurück sein, wird Nyan das Wort ebenso suchen wie wir. Wir müssen unsere Kraft darauf verwenden, es vor ihm zu finden, anstatt seine Geschöpfe zu jagen. Im Übrigen, hast du etwas erfahren?

Anûr nickte, bückte sich und hob die beiden Perlen auf. Schwarze Kugeln, durchzogen von Gold. Es hieß, dass sie zu den wertvollsten Schätzen gehörten, die es auf der Welt gab. Anûr betrachtete sie nachdenklich. Dann steckte er sie ein. »Ghouna«, sagte Anûr und atmete tief durch. Ausgerechnet Ghouna. Die legendäre Geisterstadt. Genauso gut hätte ihm der Marid sagen können, dass sich das Wort im Nest eines Vogels Rock oder inmitten der Flammen des Erdinneren befand. Aber immerhin hatte er einen Namen. Es war ein Anfang.

2. Erspäht

Ghouna. Anûr hatte nur in Geschichten von der verlorenen Stadt gehört. Es gab so viele, die von ihr handelten. Eine wundersamer als die andere. Ghouna war ein Mythos. Versunken und vergessen. Anûr war sich nie sicher gewesen, ob es Ghouna überhaupt je wirklich gegeben hatte. Nun, wenn der Marid nicht gelogen hatte, so hatte sie einmal existiert. So Vieles hatte sich seit dem Beginn dieses Abenteuers als wahr erwiesen, von dem er zuvor nur aus Geschichten gehört hatte, dass es ihn nicht weiter verwundern sollte. Doch wo Ghouna liegen mochte, wusste wohl kein lebender Mensch. Meno und Anûr blieb nur, erneut die Nori um Hilfe zu bitten.

Auf dem Rückweg nach Nabatea, der Stadt der Drachenwächter, fragte sich Anûr einmal mehr, wo seine Freunde in diesem Moment wohl sein mochten. Shalia, Fis, Hadukaba und Masul. Sie und die Nori hatten beschlossen, darüber zu beratschlagen, was getan werden sollte, falls der totgeglaubte Nyan wirklich zurückgekehrt war. In diesem Fall musste der dunkle Magier unter allen Umständen aufgehalten werden. Jeden Tag konnten die Abgesandten der Menschen und der Sammler zu diesem Rat in Nabatea eintreffen.

Die Nacht war gerade angebrochen, als Anûr und Meno schließlich den Vorhof der Nori-Stadt erreichten, die in die Flanken einer mächtigen Schlucht gebaut war. Es war ein langer und stummer Flug gewesen. Anûr lag zusammengekauert zwischen den Rückenstacheln des schwarzen Drachen. Nicht gerade gemütlich, doch er zog den Flug auf Menos Rücken einem Kamelritt in jedem Fall vor. Er starrte in den Nachthimmel, beide Hände unter den Kopf gelegt. Sein Stab steckte zwischen Menos Klauen.

Wir sind heute Nacht nicht die Einzigen, die Nabatea erreichen.

Anûr richtete sich auf und sah hinab. Der Mond trieb als dünne Sichel silbrig zwischen den Sternen, und in seinem Licht erkannte Anûr drei Punkte auf dem Boden, die sich in Richtung der Stadt bewegten. »Sind es Nori?«, fragte Anûr. Er wusste, dass das Land um die Stadt herum zu allen Zeiten bewacht war.

Sie flogen über die Gestalten hinweg. Anûr wandte sich um und kniff die Augen zusammen. Doch Meno und er waren so hoch, dass Anûr selbst bei Tag kaum erkannt hätte, wer dort unten den Vorhof durchquerte.

Nein, antwortete Meno. Keiner der drei ist ein Drachenwächter.

Anûrs Herz schlug unvermittelt so schnell, wie es das im Angesicht des wachsenden Marids getan hatte. Keine Nori. Das konnte eigentlich nur eines bedeuten: Seine Freunde waren da. Endlich. Es fühlte sich an, als hätte er eine Ewigkeit auf sie gewartet. Shalia, Fis, Hadukaba und er hatten sich nach der Schlacht um Nabija getrennt, denn jeder hatte einen Auftrag erhalten. Er selbst war mit Meno sofort nach Nabatea aufgebrochen, um den Drachenwächtern zu berichten, was geschehen war.

Hadukaba hingegen war mit Fis losgezogen, um in ihren Heimatstädten die Nachricht von der Schlacht um Nabija zu überbringen. Und um dort um das Treffen zu bitten, bei dem gemeinsam ein Weg gefunden werden sollte, der dunklen Bedrohung zu begegnen.

Hadukabas Volk war eine der vielen Überraschungen gewesen, auf die Anûr während seiner abenteuerlichen Reise durch die Wüste gestoßen war. Sie nannten sich selbst die Sammler. Menschenähnlich, kleinwüchsig und immer darauf aus, ihre Schätze zu vergrößern. Doch in den manchmal etwas zwielichtigen Wesen steckte ein enormer Mut. Ohne Hadukaba, der auf den ersten Blick wie ein kleiner alter Mann mit einem seltsamen Hut wirkte, wären Anûr und seine Freunde bei ihrem Abenteuer mehr als einmal gestorben.

Fis auf der anderen Seite, wie Anûr kaum neunzehn Jahre alt, gehörte zu den Sa’alin, einem Schlag von Menschen, der seine einzige Lebensaufgabe offenbar darin sah, die Wüste zu begrünen.

Mit Fis und Hadukaba war auch sie gegangen, um die Nachrichten zu überbringen: Shalia. Anûr flüsterte ihren Namen, als müsste er sich erst an ihn erinnern. Dabei war kein Tag vergangen, an dem er nicht an sie gedacht hatte. Das Mädchen, das bei den Sa’alin geboren worden, aber bei den Nori aufgewachsen war. Er hatten sie während der Schlacht um Nabija zum ersten Mal geküsst. Der Kuss erschien Anûr beinahe wie ein Traum, aus dem er gegen seinen Willen erwacht war. Seit ihrem Aufbruch aus Nabija vor einigen Wochen hatte er Shalia nicht mehr gesehen. Und mit jedem Tag, der zwischen ihnen lag, wuchs in ihm die Sorge darüber, dass sie womöglich vergessen haben könnte, was sie füreinander gefühlt hatten. Was er noch immer für sie fühlte.

»Bringst du mich hinunter?«, fragte er mit klopfendem Herzen. »Du kannst dann weiterfliegen, Meno. Ich werde auf sie warten.«

Gut. Also unterrichte ich die Drachen von Nabatea alleine. Sie sollten so schnell wie möglich erfahren, dass wir Asag gefunden haben und auf eines von Nyans Geschöpfen gestoßen sind. Und dann müssen wir mit Nonda und den anderen Nori sprechen.

»Unbedingt«, murmelte Anûr zustimmend, doch seine Gedanken waren nur noch bei den drei Gestalten, die unter ihnen entlangzogen.

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Das aufgeregte Schlagen seines Herzens in der Brust und das Rauschen des Blutes in seinen Adern waren alles, was Anûr hörte. Hätte er nicht gewusst, dass sich Meno hinter ihm wieder in den Himmel erhob und vor ihm seine Freunde auf ihn zukamen, dann wäre sich Anûr sicher gewesen, das einzige Lebewesen auf der Welt zu sein. Wie jedes Mal, wenn er hier war, überkam ihn das Gefühl, das Ende der Welt erreicht zu haben. Anûr hasste den Vorhof von Nabatea. Das Gefühl des Verlorenseins erschien ihm jedes Mal bedrohlich. Doch selbst das konnte Anûr nicht davon abhalten, genau hier zu warten.

Er setzte sich. Der schmale Mond warf sein mattes Licht auf die Erde, doch die, auf die Anûr wartete, zeigten sich nicht darin. Die Augenblicke dehnten sich wie Schatten. Anûrs Anspannung wuchs, und ganz langsam, beinahe unmerklich, nahm ein Gedanke in seinem Kopf Gestalt an. Was, wenn dir hier etwas geschieht? Wer sollte dir helfen? Du bist allein.

Für einen Moment fühlte Anûr die Angst zurückkehren, die Asag aus seinem Herzen gerufen hatte. Er sah sich wieder bei dem Turm, der Marid hünenhaft vor ihm aufragend. Anûr fühlte die Furcht, keine Luft mehr zu bekommen. Hastig sog er sie ein wie ein Ertrinkender, der seinen Kopf ein letztes Mal über das Wasser geschoben hatte. Er war nicht wirklich allein, sagte er sich. Seine Freunde waren nicht weit entfernt. Der Gedanke an sie vertrieb die Angst. Wenigstens für einen Moment.

Doch sie schlich sich wieder an ihn heran. Wie ein Raubtier, das sich nicht vertreiben und nicht von seiner Beute lassen wollte. Anûr fühlte, wie sie sich in seine Gedanken wob. Langsam und unaufhörlich. Das Atmen fiel ihm plötzlich wieder schwer.

Sie werden gleich kommen, dachte Anûr trotzig. Doch in der Nacht vor ihm regte sich nichts, und diesmal verließ die Angst sein Herz nicht. Sie legte sich um ihn wie ein eisernes Band, das sich mit jedem Atemzug enger um seine Brust zog. Anûr sah sich um. Das Licht des Mondes verlor sich irgendwo in der Nacht, und Anûr konnte weder Anfang noch Ende des Vorhofs erkennen. Mit einem Mal spürte er, ja, wusste, dass er hier nicht mehr genug Luft zum Atmen hatte. Ihm wurde heiß, obwohl ein kühler Wind über die Ebene strich. Brust und Lunge gehorchten ihm nicht mehr. Die Gewissheit des eigenen Todes nahm Gestalt in seinen Gedanken an. Er sprang auf und lief hastig einige Schritte in die Richtung, in der er seine Freunde vermutete. Als könnte ihn die Angst vor dem Tod endgültig ersticken, wenn er sitzen blieb.

Es war nicht das erste Mal, dass Anûr sich so fühlte. Schon einmal zuvor war es geschehen: Beim Kampf gegen Nathil, den König der Schatten, hatte Anûr geglaubt, zu ersticken. Doch erst heute war das Gefühl wiedergekehrt.

In dir nistet etwas. Ein Stück Nacht in der Brust. Asags Worte kamen Anûr in den Sinn. War da etwas beim Kampf gegen Nathil in seinem Herzen zurückgeblieben? Die Angst, keine Luft mehr zu bekommen? Der Marid hatte sie geweckt, sie wachsen lassen. Und nun fühlte Anûr sie auch, ohne dass jemand sie herbeirief.

Er schüttelte den Kopf, als könnte er so seine Furcht vertreiben. Doch Anûr fiel es mit jedem Augenblick schwerer, einen klaren Gedanken zu fassen. Um ihn herum drehte sich die Welt. Das Einzige, was er hörte, war das eigene Herz, das rasend schnell schlug. Und alles, was er sah, war eine endlose Ebene, die sich im Dunkel verlor. Die Angst bestimmte nun über ihn.

»Ganz ruhig«, hörte er unvermittelt eine Stimme neben sich und fuhr herum. Vor ihm stand ein Nori, Shalias Bruder Kurub. Der Nori sah Anûr nachdenklich an und legte die Stirn in Falten. »Hast du einen Geist gesehen?«

Anûr hatte ihn vor lauter Angst nicht kommen gehört, aber er wusste nicht, ob er schon einmal so glücklich gewesen war, jemanden unverhofft zu sehen. »Wie hast du mich gefunden?«, fragte Anûr mit rauer Stimme. »Es ist nicht gerade hell hier.«

»Ich bin ein Nori«, antwortete Kurub. »Du solltest uns doch mittlerweile kennen. Wir können vieles besser als die Menschen.« Der Nori sah Anûr prüfend an. »Du scheinst dich vor etwas zu fürchten. Vor der Leere? Das brauchst du nicht. Wo nichts ist, kann dir auch nichts gefährlich werden.«

»Ich werde beim nächsten Mal versuchen, daran zu denken«, murmelte Anûr und spürte, wie die Angst langsam nachließ. »Was machst du hier? Hat Meno dich geschickt?«

Der Nori, der gut einen Kopf größer war als Anûr, schüttelte den schmalen Kopf, an dessen Rückseite wie bei allen Drachenwächtern ein dünner Fortsatz herauswuchs.

»Mein Vater war es. Wir erwarten Gäste, wie du weißt. Wir haben erfahren, dass sie auf dem Weg durch den Vorhof sind, und jemand sollte sie schon vor dem Wächter in Empfang nehmen. Du hast mich vielleicht nicht gesehen. Doch ich habe dich schon von Weitem hier einsam sitzen sehen. Wenn du willst, warten wir gemeinsam.«

»Warten.« Das Wort hinterließ einen bitteren Geschmack auf Anûrs Lippen.

»Wenn du könntest, würdest du die Zeit schneller ablaufen lassen, was?« Kurub musterte Anûr mit einem undurchdringlichen Gesichtsausdruck. »Von Eile getrieben seid ihr Menschen. Die Tage werden noch kommen, in denen wenig Zeit sein wird, um Kraft zu schöpfen und nachzudenken. Warum nimmst du es nicht so hin, wie es ist, und machst das Beste daraus? Noch ist die Zeit des Beratens und Vorbereitens.«

Anûr schüttelte den Kopf. »So kann wirklich nur einer sprechen, dessen Tage endlos sind. Wir Menschen aber haben das Ende stets vor Augen. Für uns muss es immer schnell gehen.«

»Endlos?« Kurub sah Anûr ernst an. »Noch ist kein Nori vom Alter getötet worden. Doch eine Klinge vermag das Leben eines Drachenwächters ebenso zu beenden wie das eines Menschen. Gleich ob wir hundert, tausend oder noch mehr Jahre leben, so nimmt sich ein Tag immer die Zeit von einem bis zum nächsten Sonnenaufgang. Und das Starren in die Nacht wird weder die Zeit noch die, die du erwartest, schneller laufen lassen. Komm. Wir können ihnen entgegengehen. Das mag den Eiligen vielleicht von seiner Eile ablenken.«

Sie waren erst einige Schritte gegangen, als Kurub mit einem Mal innehielt.

»Was …?« Noch ehe Anûr seine Frage zu Ende stellen konnte, hatte ihm der Nori eine Hand auf den Mund gelegt. Kurub sah in den dunklen Himmel, und Anûr folgte seinem Blick. Im ersten Moment erkannte er nichts, doch dann bemerkte er etwas, das zwischen den blassen Sternen flog. Das Geschöpf schien so dunkel, als hätte die Nacht es geboren, und es flog so hoch, dass Anûr in dem spärlichen Licht der dünnen Mondsichel nicht sagen konnte, ob es ein Vogel oder etwas anderes war. Kurub starrte so angestrengt hinauf, als wollte er das Wesen mit seinen Blicken einfangen. Es kreiste über ihnen, doch es kam nicht näher. Ob es gefährlich war?

In diesem Moment ertönte ein gellender Schrei am Rand der Nacht, und das Wesen über ihnen flog davon. Atemlos sah Anûr ihm nach, bis er es aus dem Blick verlor. Dann starrte er auf die Ebene, dorthin, von wo der Schrei gekommen war. Zwei Gestalten schälten sich aus der Dunkelheit und kamen auf sie zu.

»Verdammt«, hörte Anûr eine der Gestalten sagen, »mein Fuß. Er tut immer mehr weh. Warum hast du nicht aufgepasst?« Die Stimme klang ärgerlich.

»Ich sagte doch bereits, dass nicht ich die Kiste ganz zuoberst gelegt habe.« Die zweite Stimme klang ebenso entschuldigend wie trotzig. »Ich kann nichts dafür, dass sie Euch auf den Fuß gefallen ist.«

Schon die Körpergröße offenbarte die Identität der Gestalten, doch auch die Stimmen kannte Anûr. Die beiden schienen so in ihren Disput versunken, dass sie weder Anûr noch Kurub bemerkten. Hinter den beiden erkannte Anûr eine dritte Gestalt, halb verdeckt von etwas, das flog.

»Wenn ich mich doch nur auf diesen verfluchten Teppich setzen könnte. Es ist alles deine Schuld.«

»Ihr habt ihn doch so voll beladen.«

»Aber du hättest mich daran hindern müssen.«

Kurub warf Anûr einen belustigten Blick zu. »Manchmal hält die Nacht Gefahren bereit, von denen man nichts ahnt. Aber die, die da kommen, scheinen mir nicht dazuzugehören.«

»Nein«, sagte Anûr und konnte das Grinsen nicht unterdrücken, »es sei denn, du lässt dich auf einen Tausch mit ihnen ein.«

Vor dem fliegenden Teppich, den der Magier Fis einmal verzaubert hatte, und der nun schwer beladen schien, gingen zwei Sammler. Azif, der Herr der Stadt Idku, humpelte. Und neben ihm erkannte Anûr Hadukaba. Die Angst in ihm löste sich endgültig auf wie Frühnebel in der Sonne und wich der Freude darüber, lieb gewonnene Gesichter wiederzusehen.

»Ah«, rief Azif, als er Anûr und den Nori schließlich entdeckte, und rückte den hohen blauen Turban zurecht, den er auf dem Kopf trug. »Na endlich.« Bei dem Ärger über seinen verletzten Fuß schien er regelrecht vergessen zu haben, sich über Anûrs und Kurubs Gegenwart mitten im Nichts zu wundern. Er strich sich über seine lange, krumme Nase, die aus dem runzligen Gesicht wie ein schiefer Baum herauswuchs. »Ich hoffe, dass wir endlich da sind.« Azif sah sich suchend um, als würde sich Nabatea irgendwo hinter Anûr und dem Nori verbergen. »Ich dachte schon, wir kommen nie an«, sagte er an Hadukaba gewandt. »Wir dürfen nicht zu spät kommen. Du weißt, dass ich dringend zu diesem Rat erwartet werde. Die Nori brauchen offensichtlich meine Weisheit, wenn es darum geht, Nyan aufzuhalten.«

Der andere Sammler, wie sein Herr so klein, dass er Anûr kaum zur Brust reichte, schüttelte genervt den Kopf und rückte den grünen, zerbeulten Hut zurecht, der über seinem faltigen Gesicht thronte.

»Nicht einmal unser Führer wusste, wie lange wir noch unterwegs sein würden«, schloss Azif. Die dritte Gestalt, die hinter den beiden Sammlern zurückgeblieben war, trat mit ungelenken Schritten vor. Für einen Moment schlug Anûrs Herz wild vor Aufregung in seiner Brust. Doch das Lächeln auf seinen Lippen erstarb, als er Fis auf sich zukommen sah.

»Oh, die Freude, mich zu sehen, sieht man dir aber deutlich an«, meinte der Magier trocken, und ging an den Sammlern vorbei auf Anûr zu.

Anûr brauchte einen Moment, um sich die Enttäuschung aus dem Gesicht zu wischen. Er hatte so sehr auf Shalia gehofft. Aber dann kam doch ehrliche Freude über die Ankunft seines Freundes in ihm auf. »Oh nein«, meinte er in gespielter Überraschung an die beiden Sammler gewandt. »Ihm habt ihr vertraut? Wenn ich mich richtig erinnere, hat er sich beim letzten Mal auf dem Weg hierher die meiste Zeit die Augen zugehalten. Es ist ein Wunder, dass ihr überhaupt hergefunden habt.«

»Stellst du etwa meine Fähigkeiten als Führer in Frage?«, sagte Fis und hob die Augenbrauen, während er sich über den kahlen Kopf strich.

»Das würde ich nie tun«, sagte Anûr und umarmte seinen Freund. »Aber in diesem Landstrich gibt es zuverlässigere Führer als dich.«

»Zuverlässigere Führer? Hübschere, meinst du wohl. Aber ich muss dich enttäuschen. Sie hat uns auf dem Weg hierher allein gelassen, um noch ein paar von den Drachenwächtern zu treffen. Irgendeine geheimnisvolle Nori-Sache.«

Kurub trat zu ihnen, und selbst im fahlen Mondlicht konnte Anûr die Anspannung in seinem Gesicht erkennen. »Habt ihr auch die Gestalt am Himmel gesehen?«, fragte der Nori.

»Welche Gestalt?«, entgegnete Azif verwundert. »Dieses ganze Land ist so verlassen, dass ich schon dachte, wir wären bis ans Ende der Welt gegangen.«

»Ihr habt es nicht nur gedacht«, sagte der jüngere Sammler müde. »Seit wir Idku verlassen haben, beklagt Ihr Euch ohne Pause darüber, dass die Wüste hier zu leer sei.«

»Ich klage nicht. Ich stelle fest«, sagte Azif besserwisserisch. »Und ihr beiden seid die ersten lebenden Wesen, die wir seit einer Ewigkeit zu Gesicht bekommen.«

»Was kann es gewesen sein?« Anûr ignorierte den Schlagabtausch der beiden Sammler und sah Kurub fragend an. »Vielleicht ein Falke?«

»Kein Falke fliegt so hoch«, antwortete Kurub düster. »Und was immer es auch war, kein Falke wird so groß.«

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Auf dem restlichen Weg nach Nabatea erzählten die Freunde einander, was geschehen war, seit sie sich in Nabija getrennt hatten. Sie waren kaum über die Geschehnisse der ersten Tage hinausgekommen, als Anûr den Blick hob und überrascht feststellte, dass sie bereits das Ende des Vorhofs erreicht hatten. Der steinerne Wächter, der den Zugang nach Nabatea hütete, reckte sich vor ihnen schon hoch in den Himmel. Der schmale Mond färbte die Haut der Steinfigur silbern.

Plötzlich stieß Fis einen überraschten Schrei aus. Seine Hände fuhren in die Luft, als ob er nach einer Mücke schlagen würde. »Da war etwas!«, rief er.

Kurub sah sich suchend um. »Ich sehe nichts. Was meinst du?«

»Es … es war wie ein Stern, nur nicht oben am Himmel, sondern hier unten. Da! Da ist es wieder.«

Nun hatten es auch die anderen entdeckt. Ein Lichtpunkt, gelb wie die Sonne, schwirrte um sie herum, nicht größer als eine Biene und so schnell, dass die Augen ihm kaum folgen konnten. Anûr entdeckte plötzlich weitere Lichtpunkte, die begannen, um die Gruppe herumzuschwirren.

»Du müsstest diese Geschöpfe doch am besten kennen«, sagte Kurub gelassen.

»Ich?«, fragte der Magier. »Wieso ich?«

»Es gibt mittlerweile eine ganze Menge von ihnen. Mein Vater meint, dass du es warst, der sie entstehen ließ. Bei deinem ersten Besuch in Nabatea.«

Anûr riss die Augen auf. »Du meinst, als er die Lichtkugeln gezaubert hat, damit wir im Dunkeln besser sehen konnten? Aber Fis’ Kugeln waren größer. Und es sind so viele. Wo kommen sie her?«

»Das weiß ich nicht«, meinte Kurub. »Vielleicht zerfällt jede in zwei kleinere, und so werden es immer mehr. Wer weiß, wie sie sich vermehren.«

Eine der Lichtkugeln setzte sich auf Anûrs Arm. Im ersten Moment glaubte er, sie würde ihm die Haut verbrennen, doch nichts geschah. Anûr berührte den leuchtenden Punkt vorsichtig mit dem Finger und fühlte dabei eine Bewegung. »Sie leben?«, fragte er erstaunt.

»Oh ja«, antwortete Kurub. »Die Magie dieses Menschen hier«, er sah zu Fis, »obwohl er sie nicht richtig beherrscht, wie man hört, hat etwas Einzigartiges geschaffen.«

Fis starrte die Lichtkugeln mit so vollkommenem Erstaunen an, dass er nichts darauf erwidern konnte. Die leuchtenden Punkte schwirrten ausgelassen um sie herum, ganz so, als würden sie sich über die Wanderer freuen.

»Haben sie einen Namen?«, fragte Anûr.

»Brauchen sie einen?«, fragte Kurub zurück.

»Alles, was lebt, braucht einen Namen. Wie sonst sollte man eine Geschichte darüber erzählen können?« Anûr runzelte die Stirn. »Wie wäre es mit Nûriden?«, fragte er. »Nach meinem Großvater Nûr. Sein Name bedeutet Licht.«

»Das klingt gut«, meinte Kurub und sah dem Nûrid nach, der von Anûrs Arm auf den Wächter zuflog.

Neben ihm schrie Azif plötzlich auf.

»Ganz ruhig. Diese Nûriden sind nicht gefährlich«, beruhigte Kurub den Sammler. Doch Azif starrte wie gebannt in den Himmel. »Entschuldigt. Es sind nicht die Nûriden, die mich erschreckt haben. Man sollte wohl damit rechnen, einen Drachen zu sehen, wenn man die Drachenwächter besucht.«

»Wo?«, fragte Kurub scharf. Anûr folgte Azifs Blick. In einiger Entfernung erkannte er einen ungewöhnlich kleinen Drachen am Himmel. Er schien, soweit Anûr das im Mondlicht erkennen konnte, mager wie ein Straßenkater zu sein.

»Na, den da. Ich darf doch wohl annehmen, dass er hierhergehört.« Azif sah Kurub fragend an und lachte nervös. »Oder?«

Für einen Moment sagte keiner etwas, ehe der Nori die Stille unterbrach. »Nein. Der gehört nicht hierher.«

»Was meint Ihr damit: Der gehört nicht hierher?«, fragte Azif misstrauisch.

Doch er erhielt keine Antwort. Stattdessen deutete Kurub in Richtung des Wächters. »Lauft!«, rief er. »Lauft, so schnell ihr könnt! Hinter dem Wächter sind wir in Sicherheit.«

Sie rannten los. Anûrs Herz schlug mit einem Mal so schnell, als wollte es aus seiner Brust entkommen. Seine Gedanken überschlugen sich. War das der Drache, den Meno gewittert hatte? Irgendwo hinter ihm erklang ein Geräusch aus der Nacht, als zerschnitten scharfe Klingen die Luft. Renn, dachte er. Renn um dein Leben.

Wenige Augenblicke später, noch bevor sie den halben Weg zum Wächter geschafft hatten, war das Geräusch so bedrohlich laut, dass sich Kurub umwandte. »Los, runter!«, schrie er und riss die beiden Sammler zu Boden. Ohne nachzudenken, warf sich auch Anûr hin. Neben ihm stürzte Fis auf die Erde. Nur einen Moment später schoss der Drache über sie hinweg. Für einen kurzen Augenblick konnte Anûr einen genaueren Blick auf ihn werfen. Er war so viel kleiner als die Drachen, die von den Nori bewacht wurden. Dünn und ausgezehrt. Hektisch schlug er mit seinen Flügeln wie ein Vogeljunges, das zum ersten Mal das Nest verlassen hatte. Nein, was sie eben gesehen hatten, war wirklich kein Falke gewesen, auch wenn es im ersten Moment für Anûr so ausgehen hatte.

»Zu Fuß schaffen wir es nie!«, rief er. Der Drache flog einen Bogen am Himmel. Dabei stieg er so hoch zwischen die Sterne, dass er für einen Moment nicht mehr zu sehen war.

Die Nacht hatte ihn verschluckt, doch das Geräusch seiner Schwingen, die die Luft zerschnitten, war noch immer zu hören. Ehe die anderen aufspringen konnten, warf sich Anûr gegen den fliegenden Teppich. Einige der Kisten fielen von dem schwebenden Kelim herab, und Goldstücke rollten über den Boden. »Los! Schmeißt den Plunder herunter, und dann nichts wie rauf da!«, schrie Anûr und versuchte, mit seinen Augen die Nacht zu durchdringen.

»Plunder?« Azif wollte protestieren, aber Fis war bereits wieder auf den Beinen und hatte damit begonnen, Azifs Schätze hinunterzuwerfen. Der Teppich schüttelte sich, als müsste er sich von Ungeziefer befreien, und weitere Kisten, Stoffe und Schmuck flogen in alle Himmelsrichtungen. Kurub hob den zeternden Azif kurzerhand auf den Kelim. Hadukaba krabbelte herauf, Fis und Anûr sprangen ebenfalls auf den Teppich, zuletzt folgte der Nori. Der Teppich brauchte keinen Befehl. Er schoss von selbst wie ein Pfeil los.

Es war nicht mehr weit bis zum Wächter, doch der Drache war schnell und holte auf. Anûr starrte zu ihm hoch. »Was ist das für einer?«, rief er Kurub zu.

»Es ist ein Späher aus Mât«, antwortete der Nori gepresst. »Ich habe ewig keinen mehr von ihnen gesehen. Ein niederer Drache. Gute Augen und Ohren. Aber sie sind keine guten Feuerspucker. Unser Glück.«

Anûr kniff die Augen zusammen. Ganz egal, wie gut oder schlecht dieses Wesen sein Feuer auf sie speien konnte, Anûr wollte es nicht auf einen Kampf mit ihm ankommen lassen. Er wandte sich wieder nach vorne und sah ihr Ziel in der Nacht aufragen: der Wächter. Ein steinerner Riese, erfüllt von einem Zauber, der alle Feinde von Nabatea fernhielt. Wenn sie ihn erst einmal passiert hatten, waren sie in Sicherheit.

Doch der Späher beschleunigte den Schlag seiner kurzen Flügel so sehr, dass die Bewegung in der Dunkelheit kaum mehr zu erkennen war. Er holte mit jedem Augenblick mehr auf, stieß dann auf den Teppich herab und griff seine Beute an. Anûr war ihm am nächsten. Er fühlte, wie sich die Krallen in sein Fleisch bohrten, und schrie.

Jemand sprang an Anûr vorbei und warf sich gegen den Angreifer. Es war Kurub. Der Drache zischte wie eine wütende Schlange und ließ Anûr los. Doch er schien seine verlorene Beute nicht so einfach ziehen lassen zu wollen. Der Drache warf sich mit seinem mageren Leib gegen den Teppich. Anûr und seine Gefährten konnten sich nicht halten und fielen herab. Zum Glück war der Sturz nicht tief. Wild purzelten sie über den Boden, nur Kurub landete elegant auf seinen Füßen. Der Drache schoss, von seinem eigenen Schwung getrieben, über sie hinweg. Es waren nur noch wenige Schritte bis zum Wächter, doch der Drache landete zwischen dem Steinriesen und ihnen.

Schwankend kam Anûr auf die Füße. Blut tropfte aus den tiefen Schnitten, die ihm die Drachenklauen an beiden Schultern beigebracht hatten. Und sein Rücken brannte, als hätte man ihm die Haut mit einem Messer abgeschält. Mit schmerzverzerrtem Gesicht blinzelte er zu dem Späher hinüber. Im Vergleich zu Meno und den anderen Drachen Nabateas war dieser wenig beeindruckend. Er war kaum doppelt so lang wie ein Mensch. Der ausgezehrte Leib schimmerte trotz der Nacht grün wie der einer Schmeißfliege. Hektisch schnappte der Drache durch sein flaches Maul nach Luft, während die matten, großen Augen, die schief in seinem hässlichen Gesicht lagen, ruhelos von einem zum anderen zuckten. Kurub trat neben Anûr und zog eine kurze Klinge aus seinem Gewand, kaum mehr als ein langes Messer.

»Das da ist ein Drache«, sagte Anûr und verfluchte sich, dass er unbewaffnet war. Seinen Stab hatte er bei Meno gelassen. »Du kannst ihn nicht mit einem Messer töten.«

»Es ist eines von Nyans Geschöpfen, und einige von ihnen sind von einer anderen Art als die Drachen, die du kennst.« Kurub wog nachdenklich den Kopf. »Ich könnte gegen ihn kämpfen. Doch es ist nicht mehr weit. Ein paar Schritte nur. Flucht wäre hier die sicherste Rettung.«

»Nur dumm, dass uns der Fluchtweg versperrt ist«, erwiderte Anûr. Es schmerzte, als er vorsichtig die verletzten Schultern bewegte. »Und umkehren würde uns auch nicht helfen.«

Der Späher musterte Kurub abschätzend, als wäre er sich nicht sicher, wie gefährlich ihm der Nori werden konnte. Wenn es ihnen nur gelang, den Drachen in Schach zu halten, bis Hilfe aus Nabatea kam.

Hilfe. Anûr schlug sich gegen den Kopf. Bei all der Aufregung war ihm das Naheliegendste nicht eingefallen. »Ich hole uns Unterstützung«, meinte Anûr zu Kurub und rief in Gedanken Meno. Wir brauchen dich. Er wusste nicht, ob Meno nahe genug war, um ihn zu hören. Doch einen Versuch war es wert.

Erst in dem Moment, in dem der Späher wütend zischte und sich vom Boden abstieß, wurde Anûr klar, dass auch dieser Drache verstand, was Anûr in der stillen Stimme sagte. Verdammt, dachte Anûr bei sich.

Der Drache hatte scheinbar entschieden, dass er es lieber mit einem bewaffneten Nori aufnehmen wollte, als darauf zu warten, dass seine Opfer Hilfe aus Nabatea erhielten. Ein Flammenstrahl schoss auf sie zu und versengte Kurub, der im letzten Moment zur Seite hechtete, die Kleidung. Der Drache aber flog auf Anûr zu und riss ihn zu Boden. Er hörte die Schreie seiner Freunde. Krallen gruben sich wieder in sein Fleisch, und der Gestank, der von der dampfenden Drachenhaut aufstieg, raubte ihm den Atem. Das Gewicht des Drachen drückte ihn zu Boden, doch dann wurde Anûr in die Luft gehoben. Der Drache quälte sich mit ihm empor. Die kleinen Flügel hatten scheinbar Mühe, mehr als nur den eigenen Körper zu tragen. Doch egal ob langsam oder nicht, der Späher hielt Anûr eisern umklammert und trug ihn hinauf. Ich habe ihn, hörte er den Drachen rufen.

Anûr drehte den Kopf. Mit wem sprach der Späher? Waren noch andere von Nyans Geschöpfen hier? Doch er sah nur Kurub auf den Teppich springen. Die Klinge in seiner Hand blitzte im Mondlicht. Fis blieb auf dem Boden zurück. Er schien zu wanken, dann deutete er auf den Drachen, der Anûr gepackt hielt und hastig mit den kurzen Flügeln schlug. Hatte er irgendetwas gezaubert?

Anûr versuchte vergeblich, sich loszumachen, und hielt abrupt inne, als er das Licht sah. Der Drache fing auf einmal an, von innen heraus zu leuchten. Fis, dachte Anûr, und sein Herz übersprang einen Schlag. Sein Freund hatte offenbar eingegriffen. Der Späher schien noch nicht bemerkt zu haben, dass etwas mit ihm geschah. Unermüdlich flog er höher. Das Leuchten aber breitete sich rasch über den ganzen Leib aus. Und dann fühlte Anûr die Hitze. Sie kam ebenso plötzlich wie das Licht und nahm zu, je heller der Drache leuchtete. Endlich hatte der Späher es auch bemerkt. Er schien vergessen zu haben, dass er flüchten wollte. Für einen Moment flog er auf der Stelle und sah an sich herab. Anûr konnte den Blick des Drachen nicht deuten, doch dann ertönte erneut seine stille Stimme: Hilfe!

Anûr wand sich verzweifelt im Griff des Drachen. Die Krallen rissen ihm das Fleisch noch weiter auf. Er spürte sein Blut, warm und feucht auf der Haut. Anûr begriff, dass er sich alleine nicht würde befreien können.

Aus den Augenwinkeln sah er Kurub mit dem Teppich auf sie zufliegen. Doch ehe er auch nur in ihre Nähe kam, spie ihm der Drache erneut sein Feuer entgegen, und der Nori musste ausweichen. Die Hitze, die der Leib des Spähers abstrahlte, drohte Anûr die Haut zu verbrennen. Er wand sich trotz der Schmerzen wie eine Schlange im Griff des Wesens. Der Drache nahm noch einmal alle Kraft zusammen und schlug wieder wild mit den Flügeln. Und dann schien er die Macht über seinen Körper zu verlieren. Mit einem Mal öffneten sich seine Klauen und gaben Anûr frei.

Anûr schrie, doch sein Sturz wurde jäh vom Teppich gebremst. Kurub griff nach ihm, bevor er von dem Kelim herabfiel, und nur einen Moment später landeten sie sicher auf dem Boden. Trotz der Schmerzen, die Anûrs Schultern und Rücken brennen ließen, als stünden sie in Flammen, kämpfte er sich auf die Beine und sah in den Himmel.

Der Drache stieg befreit von der zusätzlichen Last ein Stück in die Höhe. Feurige Linien zogen sich über seine Haut. Ein Netz, das immer dichter wurde, bis es seinen ganzen Leib umfasste. Und dann riss etwas den Drachen von innen heraus auseinander. Den anschließenden dumpfen Knall begleitete ein Feuerball, der die Nacht rot färbte. Dann war es still, und ein leichter Ascheregen fiel hinab.

»Das … das war unglaublich«, wisperte Anûr.

Fis schlenderte auf ihn zu, und ein Ausdruck überheblicher Selbstzufriedenheit hatte sich auf seinem Gesicht ausgebreitet. »Na«, meinte der Magier und sah auffordernd von einem zum anderen, »wer beherrscht Magie nicht richtig, hm?«

Sie stolperten hintereinander unter dem Wächter hindurch. Jeder, der nach Nabatea wollte, musste ihm seine Gründe offenbaren. Und nur wer weder Drachen noch Nori schaden wollte, wurde von ihm durchgelassen.

Hinter dem Wächter zog sich ein Netz aus Schluchten durch den Boden. Inmitten der größten lag die Stadt Nabatea. Die Häuser der Nori waren in die Wände der Schlucht getrieben. Um die geheimnisvolle Stadt zu betreten, musste man einer Treppe folgen, deren Stufen von einem silbrigen Nebel verborgen waren. An ihren Fuß schloss sich ein gepflasterter Weg an, unter dem der Fluss Naurod sein Bett gegraben hatte. Der Weg verengte sich bald zu einem Spalt, der gleichsam den Eingang nach Nabatea bildete. Erst als sie ihn hinter sich ließen und die Stadt Nabatea betraten, fühlte sich Anûr sicher. Er atmete tief durch, und der Schmerz auf seinen Schultern und seinem Rücken ließ ihn zittern. Vor dem Spalt hatte sich eine Gruppe Nori zur Begrüßung der Reisenden eingefunden. Anûr erblickte Nonda und die anderen Angehörigen des Rates von Nabatea unter ihnen. Nonda, ihr Oberhaupt, schien sofort zu erkennen, dass etwas nicht stimmte. Als Kurub zu seinem Vater eilte, verstummte die Menge. Sie tauschten einige hastige Worte miteinander, dann schickte der ältere Nori ein Dutzend Wachen aus der Stadt.

Nonda aber ging mit schnellen Schritten auf Anûr zu und schob vorsichtig den Stoff seines Gewandes zur Seite. Mit besorgter Miene musterte er die Verletzungen, und Anûr zog vor Schmerz die Luft durch die Zähne ein.

»Die Wunden sind nicht lebensgefährlich, doch sie müssen dringend gereinigt und versorgt werden«, sagte Nonda. »Es gibt Heiler unter den Nori, die sich auch bei einem Menschen als fähig erweisen werden. Wir sollten sofort zu einem von ihnen gehen. Unsere anderen Gäste werde ich selbst in ihre Gemächer führen. Kurub kann dich tragen, wenn du es wünscht.«

Anûr machte eine abwehrende Handbewegung. »Nein danke. Meine Beine sind nicht verletzt«, meinte er. »Ich kann alleine gehen.«

»Du Held«, erwiderte Fis, scheinbar noch immer trunken vor Stolz über seinen gelungenen Zauber. »Aber hier ist niemand, den du beeindrucken musst. Sie ist noch nicht da.« Er grinste, und Anûr verdrehte die Augen.

Nonda bedeutete ihnen, ihm zu folgen. Während sie gingen, wandte sich der Nori an die Sammler. »Die Vorbereitungen für unseren Rat sind fast abgeschlossen«, sagte er. »Ich erwarte den Sidi der Sa’alin und den Sultan von Nabija in Kürze. Ich entschuldige mich, dass Eure Ankunft unter einem so schlechten Stern steht. Hätten wir geahnt, dass sich eines von Nyans Wesen bis nach Nabatea wagt, hätten wir Euch und Eurem Begleitern eine Eskorte geschickt.«

Der Herr der Sammler nickte abwesend, sagte aber nichts, während er seinen Kopf von links nach rechts und rechts nach links wandte, als könnte er sich nicht entscheiden, wo er hinsehen sollte. Staunend blickte er die Schlucht entlang, in der Nabatea lag. Zu beiden Seiten säumten die in den Stein gehauenen Häuser der Nori den Weg. Hohe, schlanke Säulen umrahmten die Eingänge der Häuser, die aus dem Fels zu wachsen schienen.

»Ich habe nur in Geschichten von dieser Stadt gehört«, murmelte Azif. »Aber was ich sehe, übertrifft alle Worte. Ich wünschte, es wären friedlichere Zeiten, in denen ich Nabatea besuchen darf.«

»Es mag sein, dass solche Zeiten wiederkehren, und ich hoffe, dass die Sammler dann häufiger und zahlreicher den Weg zu uns finden werden«, erwiderte Nonda. »Doch unsere Zeiten sind unsicher, wie wir gerade wieder gesehen haben. Wenn noch andere Kreaturen von Nyan hier sind, werden unsere Kämpfer sie finden. Doch wenigstens atmet ihr noch alle, auch wenn es Anûr scheinbar am schlimmsten getroffen hat.« Nonda sah zu Anûr hinüber, der versuchte, sich die Schmerzen nicht anmerken zu lassen.

»Der Drache hat sich nur auf ihn gestürzt«, sagte Fis. »Wir anderen haben ihn wohl nicht interessiert.«

Anûr zog die Stirn kraus. Hatte der Drache bewusst nach ihm gegriffen? Ich habe ihn. Das waren seine Worte gewesen. Vorhin hatte Anûr nicht weiter darüber nachgedacht, viel wichtiger war für ihn die Frage gewesen, mit wem der Späher sprach. Doch es schien tatsächlich so, als hätte er Anûr gejagt. Seltsam.

»Es ist ein Jammer«, hörte Anûr den Herrn von Idku zu Nonda sagen. »Wir haben alles verloren, was wir mitgebracht haben. Es liegt noch dort draußen, an der Stelle, an der uns dieser Drache angegriffen hat. Unsere schönen Schätze.«

»Wir werden sie Euch wiederbringen. Was wolltet Ihr eigentlich hier mit ihnen?«

»Sie sind zum Tauschen gedacht. Sicher habt Ihr seltene Drachenartefakte oder …«

»Wir tauschen nicht«, antwortete Nonda, und es wurde für einen Moment still.

»Ihr tauscht nicht?« Azif klang so verwundert und bestürzt, als hätte er gerade erfahren, dass sein Gold vom Erdboden verschluckt worden sei.

»Ich hatte es Euch gesagt«, hörte Anûr seinen Freund Hadukaba triumphierend sagen.

Sie erreichten einen Seitenarm der Schlucht, und Kurub bedeutete Anûr, dass sie abbiegen mussten. »Unser Weg geht hier entlang. Deine Freunde aber werden in ein Haus gebracht, das wir für unsere Gäste hergerichtet haben.«

Nonda und die Sammler gingen weiter geradeaus an ihnen vorbei. Fis zögerte kurz, dann nickte er Anûr zu. »Sei nicht böse, aber ich werde ihnen besser folgen. Es gab den ganzen Weg über nichts anderes als Vaias. Dieser Sammlertrank schmeckt ja wirklich vorzüglich, und für sie mag das reichen. Aber Himmel, wie soll denn ein Mensch von dem Zeug satt werden?« Er sah Kurub fragend an. »Es gibt doch noch etwas zu essen, oder?«

»Wenn du Hunger hast, solltest du dich beeilen, sonst bekommst du nichts mehr«, sagte Kurub, der ebenfalls stehen geblieben war und lachte. »Schau nicht so erschrocken. Der Drache scheint dir weniger Angst gemacht zu haben als die Aussicht auf eine hungrige Nacht, was? Wir werden noch etwas für dich finden, keine Sorge. Geh ruhig schon. Ich komme gleich nach, wenn ich Anûr bei dem Heiler abgesetzt habe.«

Anûr sah Fis nach, der zu Nonda und den Sammlern aufschloss. Seine Wunden brannten fürchterlich. Doch wenigstens schienen sie nicht mehr zu bluten. Kurub führte ihn vor eines der in den Stein geschlagenen Häuser, das ebenso dunkel war wie die anderen. In dem Moment, in dem Kurub gegen die Tür klopfen wollte, hörte Anûr hastige Schritte hinter sich. Der Nori wandte sich um, und ein feines Lächeln legte sich auf seine Lippen. »Ein Bote ist gekommen«, sagte er mit einem seltsamen Ton in der Stimme.

»Ein Bote?« Anûr rieb sich über das müde Gesicht. Er hatte Schmerzen, war erschöpft und hungrig. Er wollte nichts mehr hören. »Es tut mir leid, aber mir ist wirklich gerade nicht nach Neuigkeiten zumute.« Anûr hob den Arm, um selbst gegen die Tür zu klopfen, als eine Hand ihm sanft von hinten durch die Haare fuhr.

»Schade«, hörte er die Stimme, deren Klang er sich so oft in Erinnerung gerufen hatte. »Ich hatte mich extra beeilt.«

Anûr drehte sich hastig um. Der Schmerz war ihm mit einem Mal gleich. Er starrte Shalia an, als sei sie eines der Trugbilder, die Reisende in der Wüste vom Weg abbringen. Dann berührte er vorsichtig ihr Gesicht, als könne sie sich jeden Moment wieder in Luft auflösen. Ihm wurde so leicht, dass er meinte, auch ohne Drachen davonfliegen zu können, und Anûr wusste, dass dieser eine Moment alles Warten wert gewesen war.

3. Entscheidungen

In alten Erzählungen heißt es, dass man in der Wüste verborgene Uhren finden kann, welche die Zeit gerade so ablaufen lassen, wie ihre Besitzer es wünschen. So schnell, dass in einem Moment ein ganzer Monat verstreicht. Oder so langsam, dass ein Augenblick ein ganzes Jahr einnimmt. Anûr wünschte sich eine von ihnen, als er mit Shalia am nächsten Morgen unter einem alten Olivenbaum saß. In ihrer Anwesenheit hätte er die Zeit anhalten wollen. Es schien ihm ewig her zu sein, dass er mit Shalia und Fis einmal hier gesessen und die Stadt beobachtet hatte. Das Mädchen lehnte ihren Kopf an seinen, ihre dunklen Locken fielen ihm ins Gesicht, und er sagte sich immer wieder in Gedanken, dass es kein Traum war.

Sie saßen in der Nähe des Felsspalts, der hinaus aus Nabatea führte, und der im Schatten der aufgehenden Sonne lag. Der Tag der Nori begann üblicherweise erst dann, wenn die Sonne am Himmel längst ihren Platz eingenommen hatte. Nicht weit entfernt von Anûr und Shalia floss der Naurod verborgen unter Steinplatten. Anûr liebte das Wasser. In der Küstenstadt, aus der er kam, gab es davon, so viel man wollte. Doch nirgendwo anders klang das Plätschern eines Flusses lebendiger als in der Wüste. An einigen Stellen nutzten die Nori den Naurod zur Bewässerung kleiner, teils hängender Gärten. Während am Boden das Grün von Rosmarin und Minze den rotbraunen Fels durchbrach, wuchs ein anderes Kraut etwa in Kopfhöhe an den Felswänden. Wüstentau nannte Shalia die Pflanzen schlicht, die sich in den Fels krallten, und deren dicke Luftwurzeln hinab bis zu den Wasserbecken reichten, die extra für sie angelegt worden waren. Die Blüten des Wüstentaus schimmerten, je nach Stand der Sonne, mal rot, mal blau.

»Du findest diese Pflanze als Gewürz in vielen Gerichten der Nori wieder«, erklärte Shalia, während sie Anûr dabei zusah, wie er sich einen in Öl gebackenen Teigring in den Mund schob. »Oder auch in ihren Arzneien.« Der Duft des Wüstentaus glich dem der Paste, die der Heiler der Nori ihm gestern auf die Verletzungen gestrichen hatte. Zwar hatten die Wunden auf seinen Schultern und seinem Rücken zu heilen begonnen, doch sie schmerzten ihn trotzdem auch weiterhin. Noch in der Nacht war Meno gekommen, um nach ihm zu sehen. Obwohl nach Anûrs Ansicht keine Gefahr mehr für ihn bestand, hatte der schwarze Drache darauf bestanden, vor dem steinernen Haus zu wachen, in dem Anûr untergebracht war.

Trotz seiner Müdigkeit hatte Anûr Shalia in den wenigen Stunden bis zum Anbruch des Morgens alles über die Suche nach dem Marid erzählt. Die Sorge in ihrem Gesicht war nur widerwillig gewichen, ganz gleich, wie oft er ihr auch versichert hatte, dass der Marid und der Späher beide tot waren. Schließlich hatte er ihr die Perlen, die Augen des Wassergeistes, gezeigt. Sie waren ebenso glatt wie Flusskiesel und leuchteten, als wäre ihr Träger noch am Leben.

»Steck sie weg«, hatte Shalia zu ihm gesagt und ihn mit ihren grünen Augen vorwurfsvoll angefunkelt, die wie Smaragde in dem schmalen, von der Sonne gebräunten Gesicht lagen. »Du hättest sie gar nicht erst mitbringen dürfen.«

Doch Anûr war anderer Ansicht. Im ersten Moment war es ihm nur darum gegangen, eine Trophäe seines Kampfes mitzunehmen. Doch dann hatte er sich an die vielen Erzählungen erinnert, die sich um die Schwarzen Perlen rankten. In den meisten hieß es, dass sie magische Kräfte besaßen.

»Man sagt, die Augen eines Marids sind für die hilfreich, die voneinander getrennt sind.«

Shalia sah ihn zweifelnd an, und so erzählte ihr Anûr:

Die Geschichte von den tausendundein Palmen

In den Erinnerungen der Ältesten heißt es, dass es einst einen Ifriten gab, der sich gerne, sofern sein Herr es ihm erlaubte, unter den Menschen eine Frau aussuchte. Diese entführte er und brachte sie an einen geheimen Ort. Bemitleidenswerte Geschöpfe waren sie. Zwar legte ihnen der Ifrit Schmuck, Kleider und alle Schätze der Welt zu Füßen, doch die Freiheit zu gehen hatten sie nicht.

Der Rachegeist kam einmal im Monat zu der Frau, wenn der Mond nicht mehr als eine hauchdünne Sichel und die Nacht so dunkel wie Tinte war, und versuchte, ihr Herz für sich zu gewinnen. Doch es hieß, keine hätte ihm je das geschenkt, was er sich bei aller Macht, die er besaß, am meisten wünschte: ihre Liebe.

In dieser Zeit, da die Wüste noch jung war und alte Königreiche bestanden, deren Namen heute kaum mehr sind als ein Flüstern in der Zeit, lebte die schönste Prinzessin, auf die je das Licht des Tages gefallen war. Sie war dem Sohn eines Sultans versprochen. Seine Heimat und die der Prinzessin, die zwei größten Reiche ihrer Zeit, hatten nach Jahren des Krieges endlich Frieden geschlossen. Obwohl die beiden Länder von einem mächtigen Meer getrennt waren, hatten beide miteinander so erbittert um die Vormachtstellung in der Welt gefochten, als teilten sie sich eine gemeinsame Grenze. Der Krieg hatte lange gedauert und keinen Sieger hervorgebracht. Nicht nur Kriegsmüdigkeit hatte die Herrscher erfasst. Die Jahre des Kampfes hatten die Schatzkammern beider Länder geleert.

So wurde beschlossen, dass die Prinzessin, die die Tochter des einen Sultans war, und der Sohn des anderen miteinander vermählt würden, damit das Bündnis und der Frieden gefestigt würden. Prinzessin Aini, so hieß sie, kam auf dem Seeweg in die Heimat ihres Bräutigams, des Prinzen Bin Said. Als Zeichen seiner Vorfeude auf die baldige Vermählung schickte Prinz Bin Said ihr eine der kostbaren Schwarzen Perlen – ein Marid-Auge an einer goldenen Kette –, die sie um den Hals tragen sollte. Es war nicht allein der unermessliche Wert dieses Schmuckstücks, der es so besonders machte. Denn es hieß, die Magie der Wassergeister wirke auch nach dem Tod eines Marids weiter, und jemand, der durch das eine Auge sah, konnte daher erkennen, was das andere erblickte. Doch dieser Zauber wirke nur ein einziges Mal.

Das prächtigste Schiff, das je von Menschenhand gebaut worden war, trug sie über den Ozean. Der Sultanssohn stand jeden Tag vom Morgen bis zum Abend an der Küste und hielt Ausschau nach der Frau, mit der er die restlichen Tage seines Lebens verbringen sollte.

Der Prinz konnte es kaum erwarten, seine Braut in die Arme zu schließen. Doch als das Schiff endlich im Hafen anlegte, geschah etwas ebenso Unerwartetes wie Schreckliches. Der Himmel verdunkelte sich. Im ersten Moment glaubten alle, ein Unwetter sei heraufgezogen, wie es gelegentlich auf offener See der Fall war. Doch dann gebaren die Wolken, die sich zusammenzogen, einen Leib.

Die Menschen schrien, denn ein Geist war gekommen. »Ein Ifrit!«, riefen sie, und das Wesen stieg aus den Wolken herab wie ein Versprechen an den Tod. So groß war es, dass es mit dem Kopf an den Himmel stieß, während seine Beine vom Meer umspült wurden. Der Ifrit stoppte das Schiff mit einem Wink seines Zeigefingers und griff nach der Prinzessin. Hilflos musste der Prinz mitansehen, wie der Geist die Prinzessin entführte. Mit wenigen Schritten war er im tiefen Meer und bald darauf verschwunden.

Bin Said kannte die Geschichten über diesen Ifriten und die Frauen, die ihm in die Hände gefallen waren, und er ahnte, was Prinzessin Aini bevorstand. So befahl er, noch während die Menschen aus Angst vor dem Ifiten in ihre Häuser flohen, ein Schiff bereit zu machen. Vierzig Soldaten rief er zu sich an Bord. So schnell er konnte, stach der Sultanssohn in See.

Das Schiff war schnell, doch sie fanden keine Spur von dem Ifriten. Das Meer schien so leer wie die Wüste. So nahm der Prinz das Auge des Marids zur Hilfe und blickte hindurch. Bin Said erkannte ein fremdes Land. Zerklüftete Hügel, gespickt mit dunklen Höhleneingängen an einem einsamen Strand. Dies war keine Gegend, die er je bereist hatte. Er fragte den Steuermann des Schiffes, ob er wisse, wo sich dieses Land befinden könnte.

»Wir folgen einem Ifriten, Herr«, sagte er. »Sie vermögen in kurzer Zeit lange Strecken zurückzulegen, wenn es stimmt, was man über sie erzählt. Er mag also überall auf der Welt sein. Doch dieser Strand dort erinnert mich an einen Ort, an dem ich einmal als Gefangener war. Eine Piratenbande haust dort in tiefen Höhlen. Das dort könnte dieser Ort sein. Er liegt etwa eine halbe Tagesreise von uns entfernt.«

»Also kannst du ihn wiederfinden?«, fragte der Prinz.

»Selbst mit verbundenen Augen, Herr.«

Sie setzten Kurs, und während der Prinz am Bug stand und in die aufziehende Nacht starrte, kühlte sich sein Mut etwas ab. Der Prinz war kein Krieger. Nie zuvor hatte er sein Schwert gegen einen anderen Mann erhoben. Seine Stärke lag in etwas anderem. Er war ein Dichter. Die schönsten Reime seiner Zeit stammten von ihm. Er galt darüber hinaus als besonders gelehrt in der Kunst des Schreibens und der Kalligraphie. Und so fragte sich der Prinz, während sein Schiff in ein Meer aus Nacht eintauchte, wie um alles in der Welt er den Ifriten besiegen sollte, wenn nicht mit einer Klinge aus Silber? Etwa mit Worten?

Als der Morgen kam, erreichten sie die Küste, die sich zur Rechten des Schiffes über den Horizont spannte. Ein Netz von Höhlen zog sich durch eine Hügelkette, die ansonsten so kahl wie die Köpfe alter Männer war. Bin Said ließ den Anker werfen, und er und seine Soldaten betraten das Land still und heimlich. Von Piraten fanden sie keine Spur, doch den Ifriten entdeckten sie schlafend vor dem Eingang einer der Höhlen. In seiner Hand hielt er die Prinzessin. Selbst im Schlaf ließ er sie nicht los.

Der Prinz und seine Männer schlichen sich an ihn heran, denn sie wollten herausfinden, woran er, wie es bei Ifriten üblich ist, gebunden war. Dies war der Plan. Ein verzweifelter und kein guter, aber der einzige, den der Prinz hatte. Er war belesen wie kein Zweiter, und so wusste er um die Schwächen der Ifriten. Er wollte das, woran der Geist gebunden war, an sich bringen und so zu seinem Herrn werden. Doch er fand nichts. Kein Gegenstand auf der Insel schien mit dem Ifriten verbunden zu sein. Während sie suchten, erwachte der Rachegeist und entdeckte sie.

»Ihr seid mutig, kleine Menschen, dass ihr mir gefolgt seid«, dröhnte er. »Doch auch töricht. Solange ich für meinen Herrn, einen Piraten, der in diesen Gewässern sein Unwesen treibt, sein Versteck an dieser Küste bewache, darf ich mir von Zeit zu Zeit eine Frau holen. Alle, die hierherkommen, soll ich dem Wunsch meines Herrn gemäß töten. Also sagt mir, wie ihr sterben wollt, damit ich endlich Zeit mit meiner neuen Frau verbringen kann.«

Der Prinz erkannte, dass all seine Hoffnung vergebens gewesen war. Er würde sterben. Und die Prinzessin war verloren. Ohne ein weiteres Wort zu sagen, gab der Prinz seinen Männern den Befehl zum Angriff. Wenigstens das wollte er tun. Kämpfen. Sie alle zogen ihre Schwerter. Doch ehe auch nur einer von ihnen einen Streich führen konnte, hatte der Ifrit jeden Soldaten in Stein verwandelt. Einzig der Prinz war verschont geblieben.

»Nun sind nur noch wir beide übrig, Mensch«, donnerte er. »Was hast du als Letztes zu sagen?«

Der Prinz sah entmutigt zu der Prinzessin empor, die vergeblich versuchte, sich aus dem Griff des Ifriten zu befreien. Sie war wirklich so schön wie die Geschichten über sie erzählten.

Sei nicht traurig, schien sie mit ihrem Blick zu sagen. Wenigstens einmal haben wir uns von Angesicht zu Angesicht gesehen.

Aber ich hätte dir so viel sagen wollen, erwiderte er mit dem Heben einer Augenbraue. So viele Verse habe ich für dich geschrieben. Sie hätten dich verzaubert, so wie du mich verzaubert hast. Denn Worte sind beinahe so mächtig wie Magie.

Als er dies dachte, kam dem Prinzen eine Idee. Er setzte sich in den Sand, gerade dort, wo er gestanden hatte, und begann dem überraschten Ifriten Reime vorzutragen. Ein Gedicht, das so schön und perfekt war, dass es jeden mit offenen Augen träumen ließ. Es waren alte Verse, geschrieben von dem gelehrtesten Menschen seiner Zeit; sie galten als vollkommen.

Die Worte waren wie Magie. Sie zwangen jeden, der sie hörte, in ihren Bann. Niemand vermochte sich ihrem Zauber zu widersetzen. Auch dem Ifriten erging es so, und er setzte sich ebenfalls. Seine Beine gehorchten alleine dem Zauber der Worte. Stumm lauschte er dem Gedicht, wurde eingewoben in ein Netz aus Worten, die nahtlos ineinanderpassten und so Zeile um Zeile miteinander verbanden wie die Teile eines Schlosses. Doch während der Prinz sprach, suchte er mit seinen Augen nach dem Objekt, an das der Ifrit gebunden war. Es musste hier irgendwo sein. Keiner der Rachegeister konnte sich mehr als einige Schritte von dem Objekt entfernen, an das er gekettet war. Und jeder von ihnen war dem, der dieses Ding besaß, zum Gehorsam verpflichtet. Freiheit erlangte ein Ifrit nur, wenn er jemanden fand, der mit ihm den Platz tauschte.

Nein, schien Aini ihm mit dem Runzeln ihrer Stirn zu verstehen zu geben. Nicht auf dem Boden musst du suchen. Ihr Blick richtete sich auf den Hals des Ifriten.

Der Prinz folgte ihm und erkannte dort einen Ring. Er hing an einer Kette, zu dünn, um sie von unten aus am Hals des Ifriten zu erkennen. Er war so schmal wie der Mond in seinen ersten Tagen, und an dem riesigen nachtschwarzen Körper kaum zu erkennen.

Sehr schlau, dachte der Prinz. Dort würde wirklich keiner suchen. Vielleicht hatte der Herr des Ifriten, der Pirat, den Ring dort verborgen, damit keiner seiner Gefährten ihn heimlich stehlen konnte.

Der Prinz nahm all seinen Mut zusammen und ging, die Reime weiter aufsagend, auf den Ifriten zu, stieg an seinem Körper empor und nahm ihm die Kette vom Hals. Rasch kletterte er wieder hinab und setzte genau in dem Moment seine Füße auf die Erde, als das Gedicht endete.

Der Ifrit schüttelte sich, als erwachte er aus einem langen Schlaf. »Schöne letzte Worte«, rief er und wollte aufstehen, doch dann bemerkte er, dass etwas anders war.

»Ich bin nun dein Herr«, sagte der Prinz und hielt ihm die Kette mit dem Ring entgegen.

Der Ifrit schrie wütend auf, doch er musste sich den Worten des Prinzen beugen. Zunächst ließ der Prinz den Geist Aini auf die Erde setzen. Dann musste der Ifrit die Männer des Prinzen zurückverwandeln.

»Und nun?«, höhnte der Geist. »Wir Ifriten sind schwer zu kontrollieren. Du magst mir Befehle geben können. Doch eines Tages, wenn du nicht aufpasst, werde ich einen deiner Wünsche auf eine Art verstehen, die dich umbringen wird. Dann werde ich befreit von dir sein.«

»Dann werde ich mir nie etwas wünschen, einfältiger Geist«, entgegnete der Prinz.

»Oh, mein Herr«, lachte der Ifrit hämisch. »Glaube mir, niemand, der über einen Ifriten befiehlt, kann dem Drang widerstehen, seine Macht zu nutzen, oder ist willensstark genug, ihn alleine zurückzulassen. Irgendwann wird die Versuchung zu groß. Dann hast du einen Wunsch. Und ich werde dafür sorgen, dass er tückisch ist.«

Der Prinz erschrak, als er das hörte. Er spürte bereits die Wünsche, die ihm auf die Zunge springen wollten. So viele Wünsche. Was sollte er tun? Keinen ruhigen Augenblick mehr würde er in seinem Leben haben. Er sah zu Aini hinüber, doch sie wirkte ebenso ratlos wie er. Der Prinz wandte seinen Kopf umher, auf der Suche nach etwas, das ihm helfen könnte und ihm einen Einfall schenkte. Doch er sah nichts außer dem kahlen Strand, der völlig leblos vor ihm lag. Nichts säumte ihn. Keine Palme, kein Strauch.

Der Prinz stockte, als ihm eine Idee kam, und ein Lächeln breitete sich über sein Gesicht aus. »Ich wünsche mir, oh Ifrit, dass du dich verwandelst. Nimm die Gestalt«, er ließ seinen Blick von der einen Seite des Strandes zur anderen schweifen, »einer Dattelpalme an.«

Alle blickten überrascht zu ihm hinüber. Doch der Ifrit kniff die Augen vor Misstrauen zusammen. »Was soll das?«, knurrte er.

»Gehorche«, beharrte der Prinz, und der Ifrit verwandelte sich. Kaum stand an dem einsamen Strand tatsächlich eine einzelne, riesige Dattelpalme, ließ der Prinz den besten Kletterer unter seinen Soldaten hinaufsteigen und alle Früchte ernten. Es waren ganz genau eintausend Datteln. Aus jeder wies er seine Männer an, den Kern zu pulen und in den Sand zu setzen. Den Ring aber, der den Ifriten kontrollierte, warf er später bei ihrer Rückfahrt ins Meer.

Es heißt, dass aus den eintausend Datteln eintausend Palmen wuchsen. Jede von ihnen trägt einen Teil der Zauberkraft des Ifriten in sich. Er selbst aber ist die größte der Palmen, und man sagt, noch heute wächst am südlichen Ende der Welt der Wald der tausendundein Palmen.

Die Geschichte hatte die Zweifel nicht aus Shalias Gesicht wischen können. »Du glaubst daran?«, fragte sie. Sie sah die Perlen noch immer an, als könnten sie Anûr die Finger verbrennen.

»Warum nicht?«, meinte er. »Ich werde es jetzt nicht ausprobieren, denn wenn die Geschichte stimmt, verlieren die Perlen dann ihren Zauber. Doch in den vergangenen Wochen haben sich schon verrücktere Dinge als wahr erwiesen. Warum sollte es dann nicht auch magische Augen geben?« Die sehenden Steine, die ferne Orte zeigten, oder die magische Feder, die auf weit entfernte Seiten schreiben konnte. Es gab zahlreiche sagenhafte Dinge, welche jene miteinander verbanden, die getrennt waren. Und die meisten entsprangen der Fantasie von Menschen. Die Perlen aber, die Anûr hielt, gab es wirklich.

»Ich möchte, dass du eine von ihnen trägst.« Ehe Shalia etwas erwidern konnte, legte er ihr einen Finger auf die Lippen. »Bitte.«

Sie lächelte und nickte. »Mein Bruder ist geschickt. Er kann Ketten durch diese … Perlen ziehen.«

»Gut«, sagte Anûr und sah sich um. Der Angriff des Spähers hatte die Stadt der Drachenwächter nicht zur Ruhe kommen lassen. Mehrere Wachen hatten sich neben dem Spalt postiert, und am Himmel über der Schlucht flog ein Drache seine Runden.

Wachsamkeit war indes nicht der einzige Grund für die ungewöhnlich rege Betriebsamkeit in Nabatea. An diesem Morgen wurden die letzten Gäste erwartet, die an der großen Beratung teilnehmen sollten. Aus Richtung der Stadt näherte sich nun eine kleine Gruppe. Azif und Hadukaba, die sich ausgeruht und gestärkt hatten, erschienen zusammen mit den Mitgliedern des Rates von Nabatea. Hinter ihnen folgte mit ein wenig Abstand eine ganze Schar Nori, vermutlich um einen Blick auf die Gäste erhaschen zu können.

Hadukaba blieb kurz stehen und winkte Anûr und Shalia zu, dann wurde er von der Menge verschluckt. Shalia wollte sich erheben, als sie unter den Nori des Rates ihren Adoptivvater Nonda erblickte, doch Anûr griff entschlossen nach ihrer Hand und hielt sie fest. Sie lächelte, als er sie zu sich zog und küsste.

»Ich sage meinem Vater nur kurz hallo«, meinte sie, als sie sich von ihm löste, und Anûr sah ihr nach, während auch sie zwischen den hohen, schlanken Gestalten verschwand.

»Na, du Turteltaube«, hörte Anûr eine vertraute Stimme hinter sich und wandte sich um. »Du solltest besser ebenfalls aufstehen, sonst verpasst du noch alles.« Das Gesicht von Fis zeigte denselben selbstzufriedenen Ausdruck, der es schon gestern geziert hatte. Seine Hochstimmung, ausgelöst durch den gelungenen Zauber, schien auch an diesem Morgen noch anzuhalten.

»Danke«, sagte Anûr und sah zu seinem Freund empor.

»Wofür?«

»Na, meine gestrige Rettung natürlich. Das war wirklich beeindruckend.«

»Na ja«, meinte Fis und machte eine lässige Handbewegung, »es war ein wenig riskant, oder? Hätte schließlich auch schiefgehen können. Ist mir erst nachher aufgefallen. Aber in dem Moment wollte ich dich einfach nur retten.«

»Ich bin froh, dass du es getan hast«, meinte Anûr. »Das mit dem Feuer war eindrucksvoll.«

Fis strahlte. »Ja, irgendwie bin ich besser geworden, oder? Ich meine, seit du den Stab von Schakschuka, dem Magier, bekommen hast und dieser Ifrit aufgetaucht ist und gezaubert hat. Fast könnte man meinen, die Magie kehrt in die Welt zurück und lässt mich besser werden.«

»Ich glaube, sie war nie wirklich fort«, erwiderte Anûr.

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