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Flammenkinder

LARS KEPLER

FLAMMEN
KINDER

KRIMINALROMAN

Übersetzung
aus dem Schwedischen
von Paul Berf

BASTEI ENTERTAINMENT

»allen Lügnern ist ihr Teil in dem See,

der von Feuer und Schwefel brennt«

Off., 21:8

ALS MEDIUM BEZEICHNET MAN einen Menschen, der von sich behauptet, eine paranormale Begabung zu haben und die Fähigkeit zu besitzen, Zusammenhänge jenseits der Erkenntnismöglichkeiten anerkannter Wissenschaften zu erfassen.

Manche Medien vermitteln bei spiritistischen Sitzungen Kontakt zu den Toten, andere bieten Lebensberatung mit Hilfe von Tarotkarten oder anderem an.

Der Versuch, über ein Medium Verbindung zu den Toten aufzunehmen, lässt sich in der Geschichte der Menschheit weit zurückverfolgen. Bereits tausend Jahre vor Christi Geburt versuchte der israelische König Saul den Geist des verstorbenen Propheten Samuel um Rat zu fragen.

Überall auf der Welt greift die Polizei bei komplizierten Ermittlungen auf die Hilfe von geistigen Medien und Spiritisten zurück. Dies geschieht viele Male pro Jahr, obwohl es keinen einzigen dokumentierten Fall gibt, bei dem ein solches Medium tatsächlich zur Aufklärung des Verbrechens beigetragen hat.

1

ELISABETH GRIMM ist einundfünfzig Jahre alt, und ihre Haare sind bereits leicht ergraut. Sie hat fröhliche Augen, und wenn sie lächelt, sieht man, dass sich der eine ihrer vorderen Schneidezähne ein wenig über den anderen schiebt.

Elisabeth arbeitet als Betreuerin im Haus Birgitta, einem Jugendheim nördlich von Sundsvall. Das Haus ist eine halboffene Einrichtung in privater Trägerschaft und beherbergt auf der Grundlage des Gesetzes über besondere Bestimmungen zur Betreuung von Jugendlichen eine Wohngruppe von acht Mädchen im Alter von zwölf bis siebzehn Jahren.

Wenn sie hierherkommen, nehmen viele dieser Mädchen Drogen, fast alle verletzen sich selbst und haben Essstörungen, und einige sind darüber hinaus ausgesprochen gewaltbereit.

Im Grunde gibt es keine Alternative zu geschlossenen Einrichtungen mit alarmgesicherten Türen, vergitterten Fenstern und Personenschleusen. Und von da aus führt der Weg dann in aller Regel in Gefängnisse und die psychiatrische Zwangsverwahrung der Erwachsenenwelt. Das Haus Birgitta bildet jedoch eine der wenigen Ausnahmen von dieser Regel. Hier werden Mädchen aufgenommen, die an offene Therapieformen herangeführt werden sollen.

Ins Haus Birgitta kommen die braven Mädchen, sagt Elisabeth immer.

Sie greift nach dem letzten Stück dunkler Schokolade, steckt es sich in den Mund und spürt die Süße und das bittere Kitzeln unter der Zunge.

Allmählich entspannen sich ihre Schultern. Es ist ein turbulenter Abend gewesen. Dabei hatte der Tag so gut angefangen. Am Vormittag Unterricht und nach dem Mittagessen Spiele und ein Bad im See.

Nach dem Abendessen war die Hausverwalterin nach Hause gefahren und Elisabeth als einzige Betreuerin in der Einrichtung geblieben, denn vier Monate nachdem die Holdinggesellschaft Blanchefords das Haus übernommen hatte, war das Nachtpersonal reduziert worden.

Die Mädchen durften bis zehn Uhr fernsehen. Sie selbst saß im Schwesternzimmer und versuchte, die vielen persönlichen Beurteilungen abzuarbeiten, als sie wütende Schreie hörte, woraufhin sie in den Fernsehraum eilte und sah, dass Miranda auf die kleine Tuula losging. Sie schrie, Tuula sei eine Fotze und Hure, zerrte sie von der Couch und trat ihr in den Rücken.

Elisabeth war an Mirandas Gewaltausbrüche schon gewöhnt. Sie rannte zu Miranda, zog sie von Tuula weg, steckte einen Schlag auf die Wange ein und musste Miranda lautstark klarmachen, dass ihr Verhalten inakzeptabel war. Ohne sich auf Diskussionen einzulassen, nahm sie Miranda zur Leibesvisitation und anschließend in das Isolierzimmer im Flur mit.

Elisabeth wünschte ihr noch eine gute Nacht, aber Miranda blieb stumm, saß lediglich mit gesenktem Kopf auf dem Bett und lächelte in sich hinein, als Elisabeth die Tür zuschlug und abschloss.

Eigentlich hatte das neue Mädchen, Vicky Bennet, einen Termin für ihr Abendgespräch, aber wegen des Konflikts zwischen Miranda und Tuula blieb dafür keine Zeit mehr. Vicky hatte schüchtern darauf hingewiesen, dass ihr eigentlich ein Vieraugengespräch zustand, und als es verschoben werden musste, wurde sie traurig, zerschlug eine Teetasse, nahm eine der Scherben und ritzte sich am Bauch und an den Handgelenken.

Als Elisabeth hereinkam, bedeckte Vicky ihr Gesicht mit beiden Händen und Blut lief ihre Unterarme herab.

Elisabeth säuberte die oberflächlichen Wunden, klebte ein Pflaster auf den Bauch, verband Vickys Handgelenke mit Mullbinden, tröstete sie und nannte sie »meine Kleine«, bis sie den Anflug eines Lächelns sah. Die dritte Nacht hintereinander gab sie dem Mädchen zehn Milligramm Sonata, damit es einschlafen konnte.

2

INZWISCHEN SCHLAFEN IHRE SCHÜTZLINGE ALLE, und es ist Stille eingekehrt im Haus Birgitta. Im Fenster des Schwesternzimmers brennt eine Lampe und lässt die Welt draußen undurchdringlich schwarz erscheinen.

Mit einer tiefen Falte auf der Stirn sitzt Elisabeth am Computer und hält die Vorkommnisse des Abends im Berichtsblatt fest.

Es ist fast zwölf, und sie merkt, dass sie noch nicht einmal dazu gekommen ist, ihre Abendtablette zu nehmen. Ihr bisschen Stoff, wie sie scherzhaft zu sagen pflegt. Nachtdienste und aufreibende Tage haben bei ihr zu Schlafstörungen geführt. Um zehn Uhr nimmt sie deshalb immer zehn Milligramm Stilnox, um gegen elf einschlafen zu können und ein paar Stunden Ruhe zu finden.

Die Septemberdunkelheit hat sich auf den Wald herabgesenkt, aber man kann noch erkennen, dass die spiegelglatte Fläche des Sees Himmelsjön schimmert wie Perlmutt.

Endlich kann sie den Computer herunterfahren und ihre Tablette nehmen. Sie zieht die Strickjacke enger um sich und denkt, dass ein Glas Wein jetzt nicht zu verachten wäre. Sie sehnt sich danach, mit einem Buch und einem Glas Wein in ihrem Bett zu sitzen, zu lesen und mit Daniel zu plaudern.

Aber heute hat sie Dienst und wird im Übernachtungszimmer schlafen. Als Buster draußen auf dem Hof plötzlich anschlägt, zuckt sie zusammen. Er bellt so aufgeregt, dass sie Gänsehaut auf ihren Armen bekommt.

Es ist spät geworden, sie sollte längst im Bett liegen.

Um diese Uhrzeit schläft sie sonst immer.

Als der Computerbildschirm erlischt, wird es dunkel im Zimmer. Auf einmal ist es unglaublich still. Elisabeth wird sich der Geräusche bewusst, die sie selber macht. Das Zischen der Gasdruckfeder, als sie aufsteht, das Knarren der Bodendielen unter ihren Füßen, als sie zum Fenster geht. Sie versucht hinauszuschauen, aber die Dunkelheit spiegelt nur ihr eigenes Gesicht, das Schwesternzimmer mit Computer und Telefon, die Wände mit ihren nach Schablonen gestrichenen Mustern in Gelb und Grün.

Plötzlich sieht sie, dass die Tür hinter ihrem Rücken ein wenig aufgleitet.

Ihr Herz schlägt schneller. Die Tür war einen Spaltbreit geöffnet, steht nun aber halb offen. Das muss am Luftzug liegen, versucht sie sich einzureden. Der Kachelofen im Esszimmer saugt große Mengen Luft an.

Elisabeth verspürt eine seltsame innere Unruhe, Angst kriecht in ihre Adern. Sie wagt es nicht, sich umzudrehen, starrt stattdessen das Spiegelbild der Tür in der dunklen Fensterscheibe an.

Sie lauscht der Stille und dem Computer, der noch tickt.

In dem Versuch, ihr Unbehagen abzuschütteln, streckt sie die Hand aus, löscht die Lampe im Fenster und dreht sich um.

Jetzt steht die Tür weit offen.

Ihr läuft ein Schauer über den Rücken.

Die Deckenlampe im Flur zum Esszimmer und den Zimmern der Mädchen ist eingeschaltet. Sie verlässt den Raum und nimmt sich vor, zu kontrollieren, ob die Luken des Kachelofens geschlossen sind, als aus den Zimmern der Mädchen auf einmal ein Flüstern dringt.

3

ELISABETH SCHAUT DEN KORRIDOR HINUNTER, rührt sich nicht von der Stelle und lauscht. Anfangs hört sie nichts, dann erahnt sie etwas. Ein leises Wispern, so zart, dass man es kaum versteht.

»Jetzt musst du die Augen zumachen«, flüstert jemand.

Elisabeth steht vollkommen still und schaut in die Dunkelheit hinein, kneift immer wieder die Augen zusammen, kann jedoch niemanden erkennen.

Sie denkt, dass bestimmt eines der Mädchen im Schlaf spricht, als sie ein seltsames Geräusch hört. Als ließe jemand einen überreifen Pfirsich zu Boden fallen. Und dann noch einen. Schwer und feucht. Ein Tischbein scharrt über den Fußboden, und anschließend fallen zwei weitere Pfirsiche.

Elisabeth erahnt aus den Augenwinkeln heraus eine Bewegung. Einen vorüberhuschenden Schatten. Sie dreht sich um und sieht, dass sich langsam die Tür zum Esszimmer schließt.

»Warte«, sagt sie, obwohl sie annimmt, dass es wieder nur die Zugluft ist.

Sie eilt hin, legt die Hand auf die Türklinke und spürt einen seltsamen Widerstand, dann gibt es ein kurzes Tauziehen, bis die Tür schließlich einfach aufgeht.

Elisabeth betritt das Esszimmer. Sie ist wachsam und versucht, den Raum zu überblicken. Der zerkratzte Esstisch glänzt schwach. Vorsichtig bewegt sie sich zum Kachelofen und sieht ihre eigenen Bewegungen in den geschlossenen Messingluken schimmern.

Die aufgeheizten Ofengänge verströmen Wärme.

Plötzlich raschelt und knackt es hinter den Luken. Sie weicht einen Schritt zurück und stößt gegen einen Stuhl.

Es ist nur glühendes Brennholz, das in sich zusammengefallen und gegen die Innenseite der Luken gestoßen ist. Der Raum ist vollkommen leer.

Sie holt tief Luft, verlässt das Esszimmer, schließt die Tür und geht den Gang zu ihrem Übernachtungszimmer zurück, bleibt dann jedoch wieder stehen und lauscht.

Aus der Abteilung der Mädchen dringt kein Laut an ihr Ohr. Säuerliche Düfte treiben, metallisch dampfend, durch die Luft. Ihr Blick sucht nach Bewegungen in dem dunklen Korridor, aber es herrscht vollkommene Stille. Trotzdem zieht es sie dorthin. Zu der Reihe unverschlossener Türen. Manche scheinen einen Spalt offen zu stehen, andere sind geschlossen.

Auf der rechten Seite des Korridors liegen die Toiletten und eine Nische mit der abgeschlossenen Tür zum Isolierzimmer, in dem Miranda schläft.

Der Türspion glimmt schwach.

Elisabeth bleibt stehen und hält die Luft an. In einem der Zimmer flüstert eine helle Stimme, verstummt jedoch abrupt, als Elisabeth weitergeht.

»Sei jetzt still«, sagt sie in den Raum hinein.

Ihr Herz pocht heftiger, als sie eine Reihe schneller, dumpfer Schläge vernimmt. Es ist schwer auszumachen, woher das Geräusch kommt, aber es klingt, als läge Miranda im Bett und würde mit nackten Füßen gegen die Wand treten. Elisabeth denkt darüber nach, zur Tür zu gehen und durch den Spion zu schauen, als sie sieht, dass in der dunklen Nische jemand steht. Es ist ein Mensch.

Sie atmet keuchend ein und geht mit einem träumerischen, wasserschweren Gefühl im Körper rückwärts.

Sie erkennt sofort, wie gefährlich die Situation ist, aber die Angst macht ihre Bewegungen langsam.

Erst als der Fußboden des Korridors knarrt, regt sich in ihr der Impuls, um ihr Leben zu laufen.

Die Gestalt in der Dunkelheit bewegt sich plötzlich sehr schnell.

Elisabeth dreht sich um, läuft los, hört Schritte hinter sich, rutscht auf dem Flickenteppich aus, stößt mit der Schulter gegen die Wand und rennt weiter.

Eine sanfte Stimme ermahnt sie, stehen zu bleiben, aber sie bleibt nicht stehen, sie läuft, stürzt durch den Gang.

Türen schlagen auf und werden wieder zurückgeworfen.

In panischer Angst eilt sie an dem Raum für Leibesvisitationen vorbei und stützt sich an den Wänden ab. Die gerahmte Kinderkonvention der Vereinten Nationen löst sich von ihrem Haken und fällt krachend auf den Fußboden. Sie erreicht die Haustür, tastet nach der Klinke, stößt die Tür auf und läuft in die kühle Nachtluft hinaus, rutscht auf der Eingangstreppe jedoch aus. Sie fällt auf die Hüfte und begräbt ein Bein unter sich. Der Schmerz im Fußgelenk ist so heftig, dass sie laut aufschreit. Sie rutscht die Treppe hinunter, hört schwere Schritte im Hauseingang, kriecht ein wenig weiter, verliert ihre Hausschuhe und kommt wimmernd auf die Beine.

4

DER HUND BELLT SIE AN, umkreist sie, hechelt und knurrt. Elisabeth entfernt sich humpelnd vom Haus und läuft über den dunklen Kiesplatz. Wieder bellt der Hund, erregt und abgehackt. Elisabeth weiß, dass sie nicht durch den Wald laufen können wird, denn bis zum nächsten Gehöft ist es weit – eine halbe Stunde mit dem Auto. Sie kann nirgendwohin. Sie schaut sich in der Dunkelheit um und schleicht hinter das Trockenhaus. Sie erreicht die Waschküche, öffnet sie mit zitternden Händen, tritt ein und zieht behutsam die Tür hinter sich zu.

Keuchend sinkt sie zu Boden und sucht nach ihrem Handy.

»Oh Gott, oh mein Gott …«

Elisabeths Hände zittern so, dass sie das Handy fallen lässt. Das Cover auf der Rückseite löst sich, und der Akku fällt heraus. Sie hebt die Teile auf und hört im selben Moment knirschende Schritte auf dem Kiesplatz.

Sie hält die Luft an.

In ihrem Körper donnert der Puls. Es rauscht in den Ohren. Sie versucht, etwas durch das niedrige Fenster zu erkennen.

Gleich dahinter bellt der Hund. Buster ist ihr gefolgt. Er scharrt an der Tür und wimmert aufgeregt.

Sie kriecht weiter in die Ecke neben der gemauerten Feuerstelle hinein, versucht lautlos zu atmen, verbirgt sich hinter dem Brennholzkorb und legt den flachen Akku in das Handy ein.

Als sich die Tür zur Waschküche öffnet, schreit Elisabeth auf. In panischer Angst rutscht sie an der Wand entlang, kommt aber nicht weit.

Sie sieht die Stiefel, die Gestalt im Schatten und dann das furchtbare Gesicht und den Hammer in der Hand, den dunklen Glanz und sein Gewicht.

Sie lauscht der Stimme, nickt und hält sich die Hände vors Gesicht.

Der Schatten zögert, gleitet dann jedoch durch den Raum, drückt sie mit dem Fuß zu Boden und schlägt kraftvoll zu. Kurz über dem Haaransatz brennt ihre Stirn. Sie sieht nichts mehr. Es tut schrecklich weh, aber gleichzeitig spürt sie ganz deutlich, dass ihr warmes Blut wie ein Streicheln über die Ohren und um den Hals läuft.

Der nächste Schlag trifft dieselbe Stelle, und ihr Kopf wird zurückgeworfen, und sie nimmt nur noch wahr, dass Sauerstoff in die Lunge gesogen wird.

Verwirrt denkt sie, dass die Luft wunderbar süß ist, dann verliert sie das Bewusstsein.

Die restlichen Schläge und wie der Körper unter ihnen erzittert, spürt Elisabeth nicht mehr. Sie merkt nicht, dass ihr die Schlüssel zum Schwestern- und Isolierzimmer aus der Tasche genommen werden und ebenso wenig, dass sie auf dem Boden liegen bleibt und der Hund in die Waschküche schlüpft und Blut aus ihrem zertrümmerten Schädel schleckt, während sie langsam ihr Leben aushaucht.

5

JEMAND HAT EINEN GROßEN ROTEN APFEL auf dem Tisch vergessen. Er glänzt und sieht wunderschön aus. Sie denkt, dass sie ihn essen und sich anschließend nichts anmerken lassen wird. Sich nicht um die Fragen scheren wird, die Litaneien gar nicht hören, sondern nur dasitzen und mürrisch aus der Wäsche gucken wird.

Sie streckt die Hand aus, aber als sie den Apfel endlich festhält, spürt sie, dass er vollkommen verfault ist.

Ihre Finger sinken in das Kalte und Feuchte ein.

Nina Molander wird davon wach, dass sie die Hand zurückzieht. Es ist mitten in der Nacht. Sie liegt in ihrem Bett. Das einzige Geräusch ist das Bellen des Hundes auf dem Hof. Das neue Medikament lässt sie nachts immer wach werden, weil sie aufstehen und pinkeln muss. Waden und Füße schwellen an, aber sie braucht das Medikament, denn sonst verfinstern sich ihre Gedanken, und sie interessiert sich für nichts mehr und hat für nichts anderes mehr Kraft, als dazuliegen und die Augen zu schließen.

Sie denkt, dass sie ein bisschen Licht gebrauchen könnte, etwas, worauf sie sich freuen kann. Nicht immer nur den Tod, nicht immer nur Gedanken an den Tod.

Nina schlägt die Decke zur Seite, setzt die Füße auf den warmen Holzfußboden und steigt aus dem Bett. Sie ist fünfzehn und hat glatte, blonde Haare. Sie ist kräftig gebaut, mit breiten Hüften und großen Brüsten. Das weiße Flanellnachthemd spannt über ihrem Bauch.

In der Einrichtung ist es still, und der Flur wird in das grüne Licht des Schildes getaucht, das den Notausgang markiert.

Hinter einer Tür hört Nina ein seltsames Flüstern und denkt, dass die anderen Mädchen feiern, aber mal wieder keiner von ihnen auf die Idee gekommen ist, sie zu fragen, ob sie mitmachen will.

Das will ich auch gar nicht, denkt sie.

Der Geruch von erloschenem Feuer hängt in der Luft. Wieder fängt der Hund an zu bellen. Im Flur ist der Fußboden kälter. Sie bemüht sich nicht, leise zu gehen, hat große Lust, die Tür zur Toilette ein paar Mal zuzuschlagen. Es ist ihr egal, dass Almira dann wütend wird, dass sie einem dann Sachen in den Rücken wirft.

Die alten Dielen knarren leise. Nina setzt ihren Weg zur Toilette fort, bleibt aber stehen, als sie unter ihrem rechten Fuß etwas Feuchtes spürt. Eine dunkle Pfütze hat sich unter der Tür zum Isolierzimmer gebildet, in dem Miranda schläft. Nina steht zunächst nur still da und weiß nicht, was sie tun soll, sieht dann jedoch, dass der Schlüssel im Schloss steckt.

Das ist merkwürdig.

Sie streckt die Hand nach der glänzenden Klinke aus, öffnet die Tür, tritt ein und schaltet das Licht an.

Überall ist Blut – es tropft, glänzt und fließt.

Miranda liegt auf dem Bett.

Nina weicht einige Schritte zurück und merkt nicht, dass sie sich in die Hose macht. Sie stützt sich mit der Hand an der Wand ab, sieht die blutigen Schuhabdrücke auf dem Fußboden und glaubt, dass sie ohnmächtig werden wird.

Sie dreht sich um, ist im Flur, öffnet die Tür zum Nebenzimmer, schaltet die Deckenlampe an, tritt ein und rüttelt an Carolines Schulter.

»Miranda ist verletzt«, flüstert sie. »Ich glaube, sie ist verletzt.«

»Was machst du in meinem Zimmer?«, fragt Caroline und setzt sich im Bett auf. »Verdammt, wie viel Uhr ist es überhaupt?«

»Da ist Blut auf dem Fußboden«, schreit Nina.

»Beruhige dich.«

6

NINA ATMET VIEL ZU SCHNELL, sieht Caroline in die Augen, muss dafür sorgen, dass sie es begreift, ist zugleich jedoch über ihre eigene Stimme verblüfft, darüber, dass sie sich traut, mitten in der Nacht so zu schreien.

»Da ist überall Blut!«

»Sei still«, zischt Caroline und steht auf.

Ninas Rufe haben die anderen geweckt, aus den übrigen Zimmern dringen bereits erste Stimmen.

»Komm mit«, sagt Nina und kratzt sich angsterfüllt die Arme. »Miranda sieht seltsam aus, du musst sie dir ansehen, du musst …«

»Kannst du dich jetzt bitte beruhigen? Ich sehe es mir ja an, aber ich bin mir sicher, dass …«

Aus dem Flur dringt ein Schrei zu ihnen herein. Er kommt von der kleinen Tuula. Caroline eilt aus dem Zimmer. Tuula starrt in das Isolierzimmer. Ihre Augen sind weit aufgerissen. Indie tritt in den Flur und kratzt sich in der Achselhöhle.

Caroline zieht Tuula weg, sieht jedoch kurz das Blut auf den Wänden und Mirandas weißem Körper. Ihr Herz schlägt schnell. Sie stellt sich Indie in den Weg, denkt, dass keiner von ihnen noch mehr Selbstmorde sehen muss.

»Es hat einen Unfall gegeben«, erklärt sie schnell. »Kannst du bitte alle ins Esszimmer bringen, Indie?«

»Ist etwas mit Miranda?«, fragt Indie.

»Ja, wir müssen Elisabeth wecken.«

Lu Chu und Almira kommen aus demselben Zimmer. Lu Chu hat nur eine Pyjamahose an, und Almira hat eine Decke um sich geschlungen.

»Geht ins Esszimmer«, sagt Indie.

»Darf ich mir vorher das Gesicht waschen?«, fragt Lu Chu.

»Nimm Tuula mit.«

»Was zum Teufel ist hier eigentlich los?«, erkundigt sich Almira.

»Das wissen wir nicht«, antwortet Caroline kurz.

Während Indie versucht, alle ins Esszimmer zu scheuchen, läuft Caroline den Gang zum Übernachtungszimmer des Personals hinunter. Sie weiß, dass Elisabeth Schlafmittel nimmt und deshalb nie hört, wenn eines der Mädchen aufsteht und herumläuft.

Caroline hämmert so fest sie nur kann gegen die Tür.

»Elisabeth, wach auf.«

Nichts passiert. Sie hört keinen Laut.

Caroline eilt zum Schwesternzimmer. Die Tür steht offen, und sie geht hinein, greift nach dem Telefon und ruft Daniel an, den ersten Menschen, der ihr in den Sinn kommt.

Es knistert in der Leitung.

Indie und Nina kommen ins Zimmer. Ninas Lippen sind bleich, sie bewegt sich ruckartig und zittert am ganzen Leib.

»Wartet im Esszimmer«, sagt Caroline kurz.

»Aber was ist mit dem Blut? Hast du das Blut gesehen?«, schreit Nina und kratzt eine Wunde an ihrem rechten Unterarm auf.

»Daniel Grim«, meldet sich eine müde Stimme.

»Ich bin’s, Caroline, hier ist ein Unglück passiert, und Elisabeth wacht nicht auf, ich kann Elisabeth nicht wecken, also habe ich dich angerufen, ich weiß nicht, was ich tun soll.«

»Ich habe Blut an den Füßen«, schreit Nina. »Ich habe Blut an den Füßen …«

»Jetzt komm mal runter«, schreit Indie und versucht, Nina mit sich zu ziehen.

»Was ist los?«, fragt Daniel mit einer Stimme, die plötzlich hellwach und konzentriert klingt.

»Miranda ist in der Zelle, aber da ist alles voller Blut«, antwortet Caroline und schluckt schwer. »Ich weiß nicht, was wir …«

»Ist sie schwer verletzt?«, fragt Daniel.

»Ja, ich glaube schon … oder ich …«

»Caroline«, unterbricht Daniel sie. »Ich rufe einen Krankenwagen und …«

»Aber was soll ich tun? Was soll ich …«

»Sieh nach, ob Miranda Hilfe braucht und versuche noch einmal, Elisabeth zu wecken«, antwortet Daniel.

7

DIE NOTRUFZENTRALE IN SUNDSVALL liegt in einem dreistöckigen roten Backsteinbau in der Björneborgsgatan am Bäckpark. Jasmin hat normalerweise keine Probleme mit der Nachtschicht, aber im Moment ist sie ungewöhnlich müde. Es ist vier Uhr morgens, und die Nacht neigt sich ihrem Ende zu. Jasmin sitzt mit einem Headset am Computer und pustet auf den schwarzen Kaffee in ihrer Tasse. Im Pausenraum gehen die Gespräche und Scherze weiter. Gestern verkündeten die Zeitungsschlagzeilen, dass jemand in der Notrufzentrale der Polizei sich nebenher etwas Geld mit Telefonsex verdient haben soll. Dann stellte sich zwar heraus, dass die Frau nur einen Nebenverdienst in der Verwaltung einer Firma hatte, die Telefonsex verkaufte, aber in den Boulevardblättern klang es, als würde sie in der Notrufzentrale zwei Arten von Gesprächen annehmen.

Jasmin schaut über den Computerbildschirm hinweg aus dem Fenster. Es dämmert noch nicht. Grollend fährt ein Lastwagen vorbei. Weiter die Straße hinauf steht eine Straßenlaterne. Ihr bleiches Licht fällt auf einen Laubbaum, einen grauen Verteilerschrank und einen Abschnitt des leeren Bürgersteigs.

Jasmin stellt ihre Kaffeetasse ab und nimmt einen Anruf entgegen:

»Notrufzentrale … Wie kann ich Ihnen helfen?«

»Ich heiße Daniel Grim, ich arbeite als Therapeut im Haus Birgitta. Eine unserer Jugendlichen hat mich gerade angerufen. Es klang sehr ernst. Sie müssen sofort hinfahren.«

»Können Sie mir bitte sagen, was passiert ist?«, fragt Jasmin, während sie in ihrem Computer nach dem Haus Birgitta sucht.

»Ich weiß es nicht, eines der Mädchen hat mich angerufen. Ich habe nicht genau verstanden, was sie gesagt hat, im Hintergrund haben alle geschrien, und sie hat geweint und gesagt, dass das ganze Zimmer voller Blut ist.«

Jasmin signalisiert ihrer Kollegin Ingrid Sandén, dass weitere Kollegen an den Telefonen benötigt werden.

»Sind Sie vor Ort?«, fragt Ingrid in ihr Headset.

»Nein, ich bin zu Hause, ich habe geschlafen, aber eines der Mädchen hat …«

»Sie sprechen über das Haus Birgitta nördlich von Sunnås?«, fragt Jasmin ihn ruhig.

»Bitte beeilen Sie sich«, erwidert er mit zitternder Stimme.

»Wir schicken einen Streifenwagen und einen Krankenwagen zum Haus Birgitta nördlich von Sunnås«, wiederholt Jasmin, um ganz sicherzugehen.

Sie übergibt das Gespräch an Ingrid und fordert die Polizei und einen Krankenwagen an, während Ingrid Daniel Grim weitere Fragen stellt:

»Ist das Haus Birgitta nicht ein Jugendheim?«

»Ja, es ist eine halboffene Wohneinrichtung für Jugendliche«, antwortet er.

»Müsste dann nicht eigentlich ein Betreuer vor Ort sein?«

»Das stimmt, meine Frau Elisabeth hat Dienst, ich werde sie gleich als Nächstes anrufen … ich weiß nicht, was los ist, ich weiß gar nichts.«

»Die Polizei ist unterwegs«, sagt Ingrid beruhigend in den Hörer. Aus den Augenwinkeln sieht sie, dass das blaue Licht des ersten Einsatzfahrzeuges bereits über die menschenverlassene Straße huscht.

8

DIE SCHMALE NEBENSTRAßE führt von der Landstraße 86 geradewegs in den finsteren Wald und zum Himmelsjön und dem Haus Birgitta hinauf. Kies knirscht unter den Reifen des Streifenwagens und prasselt gegen die Kotflügel. Das Licht der Scheinwerfer flackert zwischen den Stämmen der hohen Fichten.

»Du bist da schon einmal gewesen?«, fragt Rolf Wikner und schaltet in den vierten Gang.

»Ja … Vor zwei Jahren hat ein Mädchen versucht, eines der Gebäude anzuzünden«, antwortet Sonja Rask.

»Wieso zum Teufel können die eigentlich niemanden vom Personal erreichen?«, murrt Rolf.

»Die haben bestimmt alle Hände voll zu tun – was immer da passiert ist«, sagt Sonja.

»Aber für uns wäre es schon hilfreich, wenn wir ein bisschen mehr wüssten.«

»Ja«, erwidert sie ruhig.

Dann sitzen die beiden Kollegen schweigend nebeneinander und lauschen dem Funkverkehr. Ein Krankenwagen ist unterwegs, und ein weiterer Streifenwagen hat das Präsidium verlassen.

Die Straße verläuft wie so viele andere Forstwirtschaftswege schnurgerade. Die Reifen donnern über Schlaglöcher und Unebenheiten hinweg, Stämme flirren vorbei, und das Blaulicht leuchtet tief in den Wald hinein.

Als sie auf den Kiesplatz zwischen den dunkelroten Gebäuden des Hauses Birgitta biegen, meldet sich Sonja beim Präsidium.

Auf der Eingangstreppe zum Hauptgebäude steht ein Mädchen in einem Nachthemd. Seine Augen sind weit aufgerissen, aber das Gesicht ist leichenblass und abwesend.

Rolf und Sonja verlassen den Wagen und eilen im pulsierenden blauen Licht zu ihm, aber das Mädchen scheint sie gar nicht wahrzunehmen.

»Ist jemand verletzt?«, fragt Rolf mit lauter Stimme. »Braucht jemand Hilfe?«

Das Mädchen winkt diffus in Richtung Waldrand, wankt und versucht, einen Schritt zu machen, als seine Beine nachgeben. Es fällt auf den Rücken und schlägt mit dem Kopf auf.

»Wie geht es dir?«, fragt Sonja, als sie bei dem Mädchen ist.

Es bleibt auf der Treppe liegen, starrt zum Himmel hinauf und atmet extrem schnell und flach. Sonja sieht, dass es sich die Unterarme und den Hals blutig gekratzt hat.

»Ich gehe rein«, erklärt Rolf verbissen.

Sonja bleibt bei dem unter Schock stehenden Mädchen und wartet auf den Krankenwagen, während Rolf das Haus betritt. Er sieht blutige Abdrücke von Stiefeln und nackten Füßen auf dem Holzfußboden, die in mehrere Richtungen führen. Jemand ist mit großen Schritten durch den Korridor bis zum Eingangsbereich und wieder zurück gelaufen. Rolf spürt, wie sich das Adrenalin in seinem Körper verteilt. Er achtet sorgsam darauf, nicht auf die Spuren zu treten, gleichzeitig ist ihm klar, dass seine vordringlichste Aufgabe darin besteht, Leben zu retten.

Er blickt in einen Aufenthaltsraum und sieht, dass alle Lampen brennen und auf den beiden Sofas vier Mädchen sitzen.

»Ist jemand verletzt?«, ruft er.

»Ein bisschen vielleicht«, antwortet ein kleines rothaariges Mädchen in einem rosa Trainingsanzug lächelnd.

»Wo ist sie?«, fragt Rolf gestresst.

»Miranda liegt im Bett«, antwortet ein älteres Mädchen mit glatten dunklen Haaren.

»Da drüben?«, fragt er und zeigt zu den Schlafzimmern.

Das ältere Mädchen antwortet mit einem Kopfnicken, und Rolf folgt den blutigen Fußspuren, kommt am Esszimmer mit einem großen Holztisch und einem Kachelofen vorbei und gelangt in einen dunklen Flur mit Türen, die zu den Zimmern der Mädchen führen. Schuhe und nackte Füße sind durch Blut gelaufen. Der alte Fußboden knackt. Rolf bleibt stehen, hakt die Taschenlampe von seinem Gürtel los und leuchtet den Gang hinab. Schnell lässt er den Blick über die handgemalten Sprichwörter und Bibelzitate in verschnörkelter Schrift schweifen und richtet den Lichtkegel anschließend nach unten.

Unter einer Tür in einer dunklen Nische ist Blut auf den Boden im Flur hinausgelaufen. Der Schlüssel steckt im Schloss. Er nimmt die Taschenlampe vorsichtig in die andere Hand, beugt sich vor und drückt das äußere Ende der Klinke herab.

Es klickt, die Tür gleitet auf, und die Klinke federt klappernd zurück.

»Hallo? Miranda? Ich heiße Rolf und bin Polizist«, sagt er in die Stille hinein und tritt näher. »Ich komme jetzt zu dir …«

Das einzige Geräusch sind seine eigenen Atemzüge.

Vorsichtig tippt er die Tür auf und lässt den Lichtkegel der Taschenlampe durch das Zimmer huschen. Der Anblick, mit dem er sich konfrontiert sieht, ist so schockierend, dass er zurückwankt und sich am Türpfosten abstützen muss.

Reflexartig wendet er den Blick ab, aber seine Augen haben bereits gesehen, was er lieber nicht gesehen hätte. Seine Ohren hören das Rauschen des Pulses und den Klang der Tropfen, die in die Lache auf dem Fußboden fallen.

Auf dem Bett liegt eine junge Frau, aber große Teile ihres Kopfes scheinen zu fehlen. Blut ist auf die Wände gespritzt und tropft noch immer vom dunklen Schirm der Lampe herab.

Plötzlich fällt hinter ihm die Tür ins Schloss, und er bekommt eine solche Angst, dass er die Taschenlampe fallen lässt. Es wird stockfinster. Er dreht sich um, tastet blindlings in der Dunkelheit und hört, wie kleine Mädchenhände von außen gegen die Tür hämmern.

»Jetzt sieht sie dich«, ruft eine helle Stimme. »Jetzt guckt sie!«

Rolf findet die Klinke und versucht die Tür zu öffnen, aber sie ist blockiert. Der kleine Spion leuchtet ihm in der Dunkelheit entgegen. Mit zitternden Händen presst er die Klinke herab und drückt mit der Schulter gegen die Tür.

Schlagartig öffnet sie sich, und Rolf stolpert in den Korridor hinaus. Er atmet tief durch. Das kleine rothaarige Mädchen steht ein paar Meter weiter hinten und sieht ihn mit großen Augen an.

9

KRIMINALKOMMISSAR JOONA LINNA steht am Fenster seines Hotelzimmers in Sveg, vierhundertfünfzig Kilometer nördlich von Stockholm. Das Licht der Morgendämmerung ist kühl und dunstig blau. In den Häusern der Älvgatan brennt nirgendwo Licht. Es wird noch viele Stunden dauern, bis er erfährt, ob er Rosa Bergman gefunden hat.

Sein hellgraues Hemd ist nicht zugeknöpft und hängt über die schwarze Anzughose, seine blonden Haare sind wie immer zerzaust, und die Pistole liegt in ihrem Schulterhalfter auf dem Bett.

Trotz wiederholter Anfragen von verschiedenen Expertenteams ist Joona als Kommissar bei der Landeskriminalpolizei geblieben. Weil er seinen eigenen Weg geht, stößt er viele vor den Kopf, aber in weniger als fünfzehn Jahren hat er in Skandinavien mehr schwere Fälle gelöst als jeder andere Polizist.

Im Sommer ist in der Abteilung für interne Ermittlungen eine Anzeige gegen Joona eingegangen, weil er eine radikale Gruppe linker Extremisten vor einer Razzia des Staatsschutzes gewarnt haben soll. Seither ist Joona von gewissen Aufgaben freigestellt, ohne offiziell suspendiert worden zu sein.

Der Leiter der Ermittlungen hat deutlich gemacht, dass er den Oberstaatsanwalt bei der obersten Dienstaufsichtsbehörde einschalten wird, sollte er auch nur den geringsten Grund für eine Anklageerhebung finden.

Die Vorwürfe sind ernst, dennoch kann sich Joona momentan nicht damit beschäftigen, dass er eventuell mit einer Suspendierung oder anderen Strafmaßnahmen zu rechnen hat.

Seine Gedanken kreisen ausschließlich um die alte Frau, die ihm vor der Adolf-Fredriks-Kirche gefolgt war und Grüße von Rosa Bergman ausgerichtet hatte. Mit dünnen Händen hatte sie ihm zwei altertümliche Spielkarten aus einem Kille-Spiel, einem der ältesten Kartenspiele Europas, gezeigt.

»Das sind Sie, nicht wahr?«, sagte die Frau mit einem fragenden Unterton. »Und hier ist der Kranz, die Brautkrone.«

»Was wollen Sie?«

»Ich will nichts«, erwiderte die alte Frau. »Aber ich soll Ihnen etwas von Rosa Bergman ausrichten.«

Sein Herz begann zu pochen. Dennoch zwang er sich, mit den Schultern zu zucken und freundlich zu erklären, dass es sich um einen Irrtum handeln müsse:

»Ich kenne nämlich niemanden …«

»Sie möchte wissen, warum Sie so tun, als wäre Ihre Tochter tot.«

»Es tut mir leid, aber ich weiß nicht, wovon Sie sprechen«, antwortete Joona und lächelte.

Er lächelte, aber seine Stimme klang fremd, fern und kalt, als wäre sie unter einem großen Stein begraben. Die Worte der Frau wirbelten durch sein Inneres, und am liebsten hätte er ihre schmalen Arme gepackt und von ihr verlangt zu erfahren, was passiert war, aber er blieb ruhig.

»Ich muss jetzt gehen«, erklärte er und wollte sich gerade umdrehen, als die Migräne in sein Gehirn schoss wie die Klinge eines Messers, die sich durch sein linkes Auge bohrt. Gleichzeitig wird er von einem flimmernden, gezackten Halo-Effekt geblendet.

Während sein Sehvermögen allmählich zurückkehrte, sah er, dass Passanten einen Kreis um ihn gebildet hatten. Sie traten zur Seite und machten Rettungssanitätern Platz.

Die alte Frau war verschwunden.

Joona hatte abgestritten, Rosa Bergman zu kennen, er hatte gesagt, dass es sich um ein Missverständnis handeln müsse. Aber er hatte gelogen.

Er weiß ganz genau, wer Rosa Bergman ist.

Er denkt täglich an sie. Er denkt an sie, aber sie sollte eigentlich nichts von ihm wissen. Denn wenn Rosa Bergman weiß, wer er ist, dann ist etwas furchtbar schiefgegangen.

Einige Stunden später, nachdem Joona das Krankenhaus verlassen hatte, begann er unverzüglich nach Rosa Bergman zu suchen.

Er musste seine Nachforschungen alleine anstellen, also hatte er sich beurlauben lassen.

Den öffentlichen Melderegistern zufolge gibt es in Schweden niemanden mit dem Namen Rosa Bergman, obwohl mehr als zweitausend Personen mit dem Familiennamen Bergman in Skandinavien leben.

Systematisch durchforstete Joona eine Kartei nach der anderen. Vor zwei Wochen konnte er schließlich nur noch die Papierarchive über das schwedische Einwohnermeldewesen durchgehen, es war seine letzte Chance. Jahrhundertelang hatte sich die Kirche um das Einwohnermeldewesen gekümmert, bis es 1991 im Zusammenhang mit der Digitalisierung des Verfahrens von den Finanzämtern übernommen wurde.

Joona begann mit den Kirchenregistern im Süden des Landes, um sich von dort nach Norden vorzuarbeiten. Er saß mit einem Pappbecher Kaffee vor sich im Landesarchiv in Lund und suchte in Karteikästen mit den möglichen Geburtsdaten und Taufgemeinden nach Rosa Bergman. Danach reiste er nach Visby, Vadstena und Göteborg.

Er fuhr nach Uppsala und zu dem riesigen Archiv in Härnösand. Er durchsuchte mehrere hunderttausend Blätter mit Geburtsdaten, Orten und Familienkonstellationen.

10

AM NACHMITTAG DES VORTAGS hatte Joona im Landesarchiv in Östersund gesessen. Ein süßlicher Antiquariatsgeruch nach vergilbtem, fleckigem Papier und alten Aktenordnern erfüllte den Raum. Sonnenstrahlen wanderten langsam über die hohen Wände, glänzten im Glas der stehen gebliebenen Standuhr und bewegten sich weiter.

Kurz vor Schließung des Archivs fand Joona ein Mädchen, das vor vierundachtzig Jahren geboren und in der Gemeinde Sveg in Härjedalen, Provinz Jämtland, Rosa Maja getauft worden war. Die Eltern des Mädchens hießen Kristina und Evert Bergman. Joona konnte keine Angaben über ihre Trauung finden, aber die Mutter des Mädchens war neunzehn Jahre zuvor als Kristina Stefanson in derselben Gemeinde geboren worden.

Joona brauchte drei Stunden, um eine vierundachtzig Jahre alte Frau namens Maja Stefanson in einem Altersheim in Sveg ausfindig zu machen. Es war sieben Uhr abends, aber Joona setzte sich trotzdem ins Auto und fuhr nach Sveg. Als er dort ankam, herrschte bereits Nachtruhe, und man ließ ihn nicht mehr in das Heim.

Joona nahm sich ein Hotelzimmer, versuchte zu schlafen, wurde jedoch gegen vier Uhr wach und hatte seither am Fenster gestanden und auf den Morgen gewartet.

Er ist sich fast sicher, dass er Rosa Bergman gefunden hat, die offenbar beschlossen hatte, den Mädchennamen ihrer Mutter anzunehmen und ihren zweiten Taufnamen als Rufnamen zu benutzen.

Joona sieht auf die Uhr und denkt, dass es Zeit wird zu gehen. Er knöpft das Jackett zu, verlässt das Zimmer, geht zur Rezeption hinunter und in das kleine Dorf hinaus.

Das Alters- und Pflegeheim Haus Bläuling besteht aus einer Gruppe gelb verputzter Häuser mit gepflegten Rasenflächen und Wegen mit Bänken zum Ausruhen.

Joona öffnet die Tür des Altersheims und tritt ein. Er zwingt sich, den Korridor mit den Neonlampen an der Decke und den geschlossenen Türen zu Sekretariat und Küche mit langsamen Schritten hinabzugehen.

Sie hätte mich nicht finden dürfen, denkt er erneut. Sie hätte mich nicht kennen dürfen, irgendetwas muss da schiefgegangen sein.

Joona spricht nie über die Dinge, die zu seiner Einsamkeit geführt haben, aber in seinen Gedanken ist das alles stets gegenwärtig.

Sein Leben ist verbrannt wie Magnesium, es flammte kurz auf und verwandelte sich in einem einzigen Augenblick von grandiosem Weiß in schwelende Asche.

Im Aufenthaltsraum steht ein hagerer Mann von etwa achtzig Jahren und starrt auf den grellbunten Bildschirm eines Fernsehers. Es läuft ein Morgenmagazin, in dem ein Fernsehkoch in einer Schmorpfanne Sesamöl erhitzt und über verschiedene Möglichkeiten spricht, dem traditionellen Flusskrebsessen neuen Pfiff zu geben.

Der alte Mann wendet sich Joona zu und blinzelt.

»Anders?«, fragt der Mann knarzend. »Bist du das, Anders?«

»Ich heiße Joona«, antwortet er dem Greis in seinem sanften finnischen Tonfall. »Ich suche Maja Stefanson.«

Der Mann starrt ihn mit wässrigen, rot unterlaufenen Augen an.

»Anders, mein Junge, hör zu. Du musst mir helfen, hier wegzukommen. Hier sind überall nur alte Leute.«

Der Mann schlägt mit seiner dünnen Faust gegen die Sofakante, hört jedoch sofort auf, als eine Krankenschwester das Zimmer betritt.

»Guten Morgen«, sagt Joona. »Ich bin hier, um Maja Stefanson zu besuchen.«

»Das ist ja nett«, sagt sie, »aber ich muss Sie warnen, Maja ist mittlerweile sehr dement. Sobald sich ihr die Chance dazu bietet, nimmt sie Reißaus.«

»Ich verstehe«, erwidert Joona.

»Im Sommer hat sie es sogar bis Stockholm geschafft.«

Die Krankenschwester geleitet Joona durch einen frisch geputzten Korridor mit gedämpfter Beleuchtung und öffnet eine Tür.

»Maja?«, ruft sie mit freundlicher Stimme.

11

EINE ALTE FRAU macht gerade ihr Bett. Als sie aufschaut, erkennt Joona sie sofort wieder. Diese Frau ist ihm vor der Adolf-Fredriks-Kirche gefolgt. Sie hat ihm die Karten aus dem Kille-Spiel gezeigt und gesagt, sie wolle ihm etwas von Rosa Bergman ausrichten.

Joonas Herz pocht.

Sie ist die Einzige, die weiß, wo sich seine Frau und seine Tochter befinden, und sollte eigentlich nichts von seiner Existenz wissen.

»Rosa Bergman?«, fragt Joona.

»Ja«, antwortet sie und reckt die Hand in die Höhe wie ein Schulkind.

»Ich heiße Joona Linna.«

»Ja«, sagt Rosa Bergman lächelnd und schlurft zu ihm.

»Sie haben mir einen Gruß ausgerichtet«, sagt er.

»Mein Lieber, daran kann ich mich leider gar nicht erinnern«, entgegnet Rosa Bergman und setzt sich auf das Sofa.

Er schluckt hart und macht einen Schritt auf sie zu:

»Sie haben mich gefragt, warum ich so tun würde, als wäre meine Tochter tot.«

»Das sollten Sie aber auch wirklich nicht tun«, erklärt sie tadelnd. »Das ist überhaupt nicht nett.«

»Was wissen Sie über meine Tochter?«, fragt Joona und tritt noch einen Schritt näher an die Frau heran. »Haben Sie etwas von ihr gehört?«

Sie lächelt nur abwesend, und Joona senkt den Blick. Er versucht, klar zu denken und merkt, dass seine Hände zittern, als er zu der kleinen Kochnische geht und Kaffee in zwei Tassen gießt.

»Frau Bergman, die Sache ist sehr wichtig für mich«, sagt er langsam und stellt die Tassen auf den Tisch. »Sehr wichtig …«

Sie blinzelt und fragt anschließend mit ängstlicher Stimme:

»Wer sind Sie? Ist Mutter etwas zugestoßen?«

»Frau Bergman, erinnern Sie sich an ein kleines Mädchen namens Lumi? Ihre Mutter hieß Summa, und Sie haben den beiden geholfen zu …«

Als er dem starren, orientierungslosen Blick der alten Frau begegnet, verstummt Joona.

»Warum sind Sie zu mir gekommen?«, fragt er, obwohl er bereits weiß, dass es sinnlos ist.

Rosa Bergman lässt ihre Tasse fallen und fängt an zu weinen. Die Schwester kommt herein und beruhigt sie routiniert.

»Kommen Sie, ich begleite Sie hinaus«, sagt sie leise zu Joona.

Gemeinsam gehen Sie durch den behindertengerecht gestalteten Korridor.

»Wie lange ist sie schon dement?«, erkundigt sich Joona.

»Bei Maja ist es wirklich schnell gegangen … Die ersten Anzeichen sind uns vorigen Sommer aufgefallen, seit etwa einem Jahr ist sie also … früher hieß es, dass man wieder zum Kind wird, was der Wahrheit bei den meisten Menschen ziemlich nahekommt.«

»Sollte sie … sollte sie plötzlich wieder klar denken können«, sagt Joona ernst, »wäre es nett, wenn Sie mir Bescheid geben könnten.«

»Das kommt tatsächlich manchmal vor«, bestätigt die Frau kopfnickend.

»Rufen Sie mich dann bitte sofort an«, sagt er und gibt ihr seine Karte.

»Kriminalkommissar?«, liest sie erstaunt und klemmt die Visitenkarte an die Pinnwand hinter dem Schreibtisch im Sekretariat.

12

ALS JOONA LINNA AN DIE FRISCHE LUFT KOMMT, atmet er tief durch, so als hätte er die Luft angehalten. Vielleicht hatte Rosa Bergman mir etwas Wichtiges mitzuteilen, denkt er. Möglicherweise ist sie von jemandem beauftragt worden. Aber dann wurde sie dement, bevor sie ihren Auftrag erfüllen konnte.

Er wird niemals erfahren, wie es gewesen ist.

Zwölf Jahre sind vergangen, seit er Summa und Lumi verlor.

Die letzten Spuren zu ihnen wurden mit Rosa Bergmans verlorenem Gedächtnis ausradiert.

Jetzt ist es vorbei.

Joona setzt sich in den Wagen, wischt die Tränen von seinen Wangen, schließt kurz die Augen und dreht den Schlüssel im Zündschloss, um nach Stockholm zurückzufahren.

Er ist auf der Europastraße 45 etwa dreißig Kilometer nach Süden, in Richtung Mora gefahren, als ihn Carlos Eliasson, der Leiter der Landeskriminalpolizei, anruft.

»Wir haben einen Mord in einem Jugendheim bei Sundsvall«, sagt Carlos mit angespannter Stimme. »Der Anruf ging heute Morgen um kurz nach vier bei der Notrufzentrale ein.«

»Ich bin beurlaubt«, erwidert Joona tonlos.

»Du hättest trotzdem zu unserem Karaoke-Abend kommen können.«

»Ein anderes Mal«, sagt Joona wie zu sich selbst.

Die Straße verläuft schnurgerade durch Wald. Zwischen den Bäumen glitzert in der Ferne ein silbriger See.

»Joona? Was ist passiert?«

»Nichts.«

Im Hintergrund ruft jemand Carlos etwas zu.

»Ich habe jetzt eine Vorstandssitzung, aber ich möchte … Ich habe gerade mit Susanne Öst gesprochen, und sie sagt, dass die Polizei des Westlichen Norrlands nicht die Absicht hat, bei der Landeskripo offiziell Hilfe anzufordern.«

»Und warum rufst du mich dann an?«

»Ich habe ihr gesagt, dass wir einen Beobachter schicken werden.«

»Wir schicken doch sonst nie Beobachter.«

»Diesmal schon«, erläutert Carlos mit gesenkter Stimme. »Die Sache ist leider ein bisschen heikel. Erinnerst du dich noch an Janne Svensson, den Kapitän der Eishockeynationalmannschaft … die Presse wollte damals überhaupt nicht mehr aufhören, über die Inkompetenz der Polizei zu schreiben.«

»Denn sie fanden nie …«

»Sag nichts – es war Susanne Östs erster großer Fall als Staatsanwältin«, fährt Carlos fort. »Ich will damit nicht sagen, dass die Presse recht hatte, aber die Polizei im Westlichen Norrland hätte dich damals gut gebrauchen können. Sie waren zu langsam und hielten sich zu strikt ans Regelwerk, so dass wertvolle Zeit verloren ging … das ist zwar nichts wirklich Ungewöhnliches, aber manchmal stürzt sich die Presse eben darauf.«

»Ich kann jetzt nicht länger sprechen«, sagt Joona.

»Du weißt, dass ich dich nicht fragen würde, wenn es um einen simplen Mordfall ginge.« Carlos holt tief Luft. »Aber über diese Sache wird die Presse berichten, Joona … dieser Mord ist sehr, sehr brutal, sehr blutig … und die Leiche des Mädchens ist arrangiert worden.«

»Wie? Wie ist sie arrangiert worden?«

»Anscheinend liegt sie mit den Händen vor dem Gesicht auf einem Bett.«

Joona schweigt, seine linke Hand liegt auf dem Lenkrad. Zu beiden Seiten des Autos flimmern Bäume vorbei. Carlos atmet in den Telefonhörer. Im Hintergrund hört man Stimmen. Wortlos biegt Joona von der E 45 auf eine Straße ab, die in östlicher Richtung zur Küste und anschließend nach Sundsvall führt.

»Bitte, Joona, fahr einfach mal hin … sei so nett und hilf ihnen, den Fall selbst zu lösen, am besten, bevor irgendwelche Kommentare in der Presse stehen.«

»Dann bin ich also kein Beobachter mehr?«

»Doch, bist du … bleib einfach in der Nähe, beobachte die Ermittlungen, mach ihnen Vorschläge … Dir muss nur immer klar sein, dass du keine operativen Aufgaben hast.«

»Weil gegen mich intern ermittelt wird?«

»Es ist wichtig, dass du dich zurückhältst«, antwortet Carlos.

13

NÖRDLICH VON SUNDSVALL verlässt Joona die Küstenstraße und nimmt die Landstraße 86, die am Flusslauf des Indalsälven entlang ins Landesinnere führt.

Nach zweistündiger Autofahrt nähert er sich seinem Ziel.

Er bremst und biegt in eine schmale, nicht asphaltierte Straße ein. Sonnenlicht fällt durch die Wipfel der hohen Kiefern und sickert zwischen den Stämmen hindurch.

Ein totes Mädchen, denkt Joona.

Während alle schliefen, wurde ein Mädchen ermordet und in ihr Bett gelegt. Nach Einschätzung der örtlichen Polizei war die Tat extrem gewalttätig und aggressiv. Es gibt keinen Verdächtigen, und für Straßensperren ist es längst zu spät, aber alle Kollegen in der gesamten Provinz sind informiert worden, und Kommissar Olle Gunnarsson leitet die Ermittlungen.

Es ist kurz vor zehn, als Joona parkt und vor der äußeren Absperrung der Polizei aus dem Wagen steigt. Im Straßengraben sirren Insekten. Der Wald hat sich zu einer großen Lichtung hin geöffnet. Feuchte Bäume glitzern im Sonnenlicht auf dem zum See hin abfallenden Gelände. Auf einem Metallschild am Straßenrand steht: Haus Birgitta, Wohneinrichtung für Jugendliche.

Joona geht zu einer Gruppe falunrot gestrichener Gebäude, die wie bei einem typisch hälsingländischen Bauernhof üblich um einen offenen Platz gruppiert stehen. Ein Krankenwagen, drei Streifenwagen, ein weißer Mercedes und drei andere Autos parken vor den Häusern.

An einer Laufleine zwischen zwei Bäumen bellt unablässig ein Hund.

Ein älterer Mann mit Walrossschnäuzer und Bierbauch, der einen zerknitterten Leinenanzug trägt, steht vor dem Hauptgebäude. Er hat Joona entdeckt, macht jedoch keine Anstalten, ihn zu begrüßen. Stattdessen dreht er seine Zigarette fertig und leckt am Blättchen. Joona steigt über eine weitere Absperrung, und der Mann steckt sich die Zigarette hinters Ohr.

»Hallo, ich bin als Beobachter der Landeskripo hier«, erklärt Joona.

»Gunnarsson«, sagt der Mann. »Kommissar.«

»Ich soll Ihre Arbeit begleiten.«

»Ja, solange Sie uns nicht im Weg stehen«, entgegnet der Mann und sieht Joona mit kühlen Augen an.

Joona schaut zu dem großen Haus hinüber. Die Spurensicherung ist bereits eingetroffen. Scheinwerferlicht durchflutet die Zimmer, so dass die Fenster künstliche Helligkeit verbreiten.

Ein Polizist tritt mit kreideweißem Gesicht vor die Tür. Er hält sich eine Hand vor den Mund, stolpert die Treppe hinunter, stützt sich an der Hauswand ab, lehnt sich vor und übergibt sich in die Brennnesseln neben der Regenwassertonne.

»Wenn Sie im Haus gewesen sind, werden Sie das Gleiche tun«, sagt Gunnarsson lächelnd an Joona gewandt.

»Was wissen wir bis jetzt?«

»Wir wissen absolut nichts … Der Anruf kam diese Nacht, der Therapeut des Heims rief an … er heißt Daniel Grim. Das war um vier. Er war daheim, in seinem Haus in der Bruksgatan in Sundsvall, und war unmittelbar davor von hier aus angerufen worden … er wusste nicht viel, als er die Notrufzentrale alarmierte, nur dass die Mädels was von einer Menge Blut geschrien hatten.«

»Dann haben die Mädchen selbst angerufen?«, fragt Joona.

»Ja.«

»Aber nicht in der Notrufzentrale, sondern bei diesem Therapeuten in Sundsvall.«

»Exakt.«

»Aber hier muss doch auch Betreuungspersonal gewesen sein?«

»Nein.«

»Müsste nachts nicht eigentlich immer jemand hier sein?«

»Wahrscheinlich schon«, antwortet Gunnarsson mit müder Stimme.

»Welches Mädchen hat den Therapeuten angerufen?«

»Eines von den älteren«, antwortet Gunnarsson und wirft einen Blick in seinen Notizblock. »Caroline Forsgren heißt sie … Aber wenn ich es richtig verstanden habe, dann hat nicht Caroline die Leiche gefunden, sondern … es ist ein verdammtes Durcheinander, ein paar von den Mädels haben in das Zimmer geschaut, und ich muss schon sagen, es ist wirklich ein grauenvoller Anblick. Eine haben wir ins Krankenhaus bringen müssen. Sie war völlig hysterisch, und die Sanitäter meinten, so sei es am sichersten.«

»Wer war als Erster hier?«, fragt Joona.

»Zwei Kollegen … Rolf Wikner und Sonja Rask«, antwortet Gunnarsson. »Und ich war dann … so gegen Viertel vor sechs hier und habe die Staatsanwältin angerufen … und die hat dann anscheinend kalte Füße bekommen und sich mit Stockholm in Verbindung gesetzt … und jetzt haben wir Sie am Hals.«

Er lächelt Joona ohne Freundlichkeit an.

»Gibt es einen Verdächtigen?«

Gunnarsson holt tief Luft und beginnt zu dozieren:

»Meine langjährige Erfahrung sagt mir, dass man die Ermittlungen ihren Lauf nehmen lassen muss … wir müssen Leute herschaffen, die Zeugen vernehmen, Spuren sichern …«

»Kann man ins Haus gehen und sich ein bisschen umschauen?« Joona wirft einen Blick zur Tür hinüber.

»Das würde ich Ihnen nicht empfehlen … wir haben sicher bald Fotos.«

»Ich muss das Mädchen sehen, bevor sie weggebracht wird«, erwidert Joona.

»Es handelt sich um Gewalt mit einem stumpfen Gegenstand, sehr umfassend, sehr aggressiv«, berichtet Gunnarsson. »Der Täter ist groß. Das Opfer wurde tot aufs Bett gelegt. Keiner hat etwas bemerkt, bis eines der Mädchen auf die Toilette gehen wollte und in das Blut getreten ist, das unter der Tür herauslief.

»War es warm?«

»Wissen Sie … es ist nicht ganz leicht, mit diesen Mädels umzugehen«, erläutert Gunnarsson. »Sie haben Angst und sind außerdem ständig verdammt wütend, sie protestieren gegen alles, was wir sagen, hören nicht zu, schreien uns an und … Vorhin mussten sie unbedingt an den Absperrungen vorbei, um Sachen aus ihren Zimmern zu holen, einen iPod, Labello, Jacken und so, und als wir sie in das kleine Haus verlegen wollten, sind zwei von ihnen einfach in den Wald getürmt.«

»Getürmt?«

»Wir haben sie gerade erst wiedergefunden, aber … wir konnten sie noch nicht dazu bringen, freiwillig zurückzukommen, sie haben sich auf die Erde gelegt und wollen auf Rolfs Schultern zurückreiten.«

14

JOONA ZIEHT SICH SCHUTZKLEIDUNG AN, geht die Treppe zum großen Haus hinauf und tritt durch die Tür. Im Eingangsflur surren die Lüftungsventilatoren der Scheinwerfer, und die Luft ist bereits aufgeheizt. In dem intensiven Licht ist jeder Winkel sichtbar. Sachte treiben Staubpartikel durch die Luft. Joona bewegt sich auf den ausgelegten Trittplatten vorsichtig über die breiten Dielen. Ein Bild ist zu Boden gefallen, und das zerbrochene Glas glitzert im grellen Licht. Blutige Stiefelspuren führen in verschiedenen Richtungen durch den Korridor bis zur Haustür und wieder zurück.

Das Haus hat sich den großbäuerlichen Stil früherer Zeiten bewahrt. Schablonenmalereien glänzen in blasser Farbenpracht, und die Fantasieblumen der wandernden Bauernmaler früherer Zeiten schnörkeln sich über Wände und Schornsteinmauern.

Weiter hinten im Flur steht ein Kriminaltechniker namens Jimi Sjöberg und beleuchtet mit grünem Licht einen schwarzen Stuhl, den er vorher mit Hungarian Red eingesprüht hat.

»Blut?«, fragt Joona.

»Auf dem hier nicht«, murmelt Jimi und setzt seine Suche mit dem grünen Licht fort.

»Sind Sie auf etwas Unerwartetes gestoßen?«

»Erixon aus Stockholm hat angerufen und uns angewiesen, nicht einmal den winzigsten Fliegenschiss anzurühren, bevor Joona Linna grünes Licht gegeben hat«, antwortet der Kriminaltechniker lächelnd.

»Dafür bedanke ich mich ganz herzlich.«

»Jedenfalls haben wir deshalb noch gar nicht richtig losgelegt«, fährt Jimi fort. »Wir haben die verdammten Platten ausgelegt und alles fotografiert und gefilmt und … ich habe mir die Freiheit genommen, die Blutspuren im Flur abzutupfen, um etwas ins Labor schicken zu können.«

»Gut.«

»Und Siri hat die Abdrücke im Flur gesichert, bevor sie versaut werden konnten …«

Die zweite Kriminaltechnikerin, Siri Karlsson, hat soeben die Messingklinke von der Tür zum Isolierzimmer abmontiert. Sie legt sie behutsam in eine Papiertüte und kommt anschließend zu Joona und Jimi.

»Er will sich den Tatort ansehen«, erklärt Jimi.

»Da drin sieht es wirklich schrecklich aus«, sagt Siri hinter ihrem Mundschutz. Ihr Blick ist müde und nervös.

»Das ist mir bewusst«, erwidert Joona.

»Wenn Sie möchten, können Sie sich stattdessen unsere Bilder ansehen«, sagt sie.

»Das ist Joona Linna«, klärt Jimi sie auf.

»Entschuldigung, das wusste ich nicht.«

»Ich bin nur als Beobachter hier.«

Sie senkt den Blick, und als sie wieder aufschaut, sieht man unter ihren Augen, dass sie rot geworden ist.

»Alle reden von Ihnen«, sagt sie. »Und ich meine … ich … diese internen Ermittlungen interessieren mich nicht. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit.«

»Geht mir genauso«, erwidert Joona.

Er bleibt ganz still stehen, lauscht dem surrenden Laut der Lampen und sammelt sich, bereitet sich darauf vor, alle Eindrücke aufzunehmen, ohne dem Impuls nachzugeben, den Blick abzuwenden.

15

JOONA GEHT ZU DER NISCHE und der Tür ohne Klinke.

Das Schloss mit dem Schlüssel befindet sich noch an seinem Platz.

Er schließt kurz die Augen und betritt dann das kleine Zimmer.

Es regt sich nichts in dem Raum, der hell erleuchtet ist.

Der Geruch von Blut und Urin hängt schwer in der erwärmten Luft. Joona zwingt sich einzuatmen, um auch die anderen Düfte aufzunehmen: feuchtes Holz, verschwitzte Laken und Deodorant.

Es knistert im heißen Metall der Scheinwerfer. Durch die Wände dringt gedämpftes Hundegebell an sein Ohr.

Joona steht vollkommen still und zwingt sich, den Körper auf dem Bett zu betrachten. Sein Blick verharrt bei jedem Detail, obwohl er am liebsten fortgehen, das Haus verlassen und in die frische Luft und Dunkelheit des Waldes hinauslaufen würde.

Blut ist über den Boden gelaufen und hat die festgeschraubten Möbel und die blassen Bibelmotive an der Wand befleckt. Es ist an die Decke gespritzt und bis zu der Toilette ohne Tür. Auf dem Bett liegt ein schmales Mädchen im frühen Pubertätsalter. Sie ist auf den Rücken gelegt worden, ihre Hände bedecken das Gesicht. Sie ist nur mit einem weißen Baumwollslip bekleidet. Ihre Brüste werden von den Ellbogen verdeckt, und ihre Füße liegen an den Knöcheln über Kreuz.

Joona spürt sein Herz schlagen und sein Blut durch die Adern zum Gehirn schießen, fühlt die Pulsschläge in den Schläfen.

Er zwingt sich hinzuschauen, zu registrieren und zu denken.

Das Gesicht des Mädchens ist verborgen.

Als hätte sie Angst, als wollte sie den Täter nicht sehen.

Bevor sie auf das Bett gelegt wurde, war sie heftiger Gewalt in Form von wiederholten Schlägen mit einem stumpfen Gegenstand auf Stirn und Schädel ausgesetzt.

Sie war nur ein kleines Mädchen und muss sich schrecklich gefürchtet haben.

Vor wenigen Jahren war sie ein Kind, aber eine Kette von Ereignissen in ihrem Leben hat sie in dieses Zimmer geführt, in eine betreute Jugendwohngruppe. Vielleicht hatte sie einfach nur Pech mit ihren Eltern und Pflegefamilien. Vielleicht dachte man, dass sie hier sicher und geborgen sein würde.

Joona studiert jedes grausame Detail, bis er das Gefühl hat, es nicht länger aushalten zu können. Daraufhin schließt er für eine Weile die Augen und denkt an das Gesicht seiner Tochter und den Grabstein, der nicht ihrer ist, ehe er erneut die Augen öffnet und seine Untersuchung fortsetzt.

Alles deutet darauf hin, dass das Opfer auf dem Stuhl an dem kleinen Tisch saß, als der Täter es angriff.

Joona versucht, die Bewegungen herauszuarbeiten, die für die Blutspritzer verantwortlich sind.

Jeder Tropfen, der durch die Luft fällt, nimmt eine kreisrunde Form an und hat einen Durchmesser von fünf Millimetern. Ist der Tropfen kleiner, liegt es daran, dass das Blut einer äußeren Kraft ausgesetzt gewesen ist, die es in kleinere Tropfen zerstoben hat.

Wenn das der Fall ist, spricht man von Spritzern.

Joona steht auf zwei Trittplatten vor dem kleinen Tisch, wahrscheinlich genau an der Stelle, an der vor ein paar Stunden der Mörder gestanden hat. Da saß das Mädchen auf dem Stuhl hinter dem Tisch. Joona betrachtet das Muster der Blutspritzer, dreht sich um und sieht hochgeschleudertes Blut hoch oben an der Wand. Die Mordwaffe ist also viele Male nach hinten geschwungen worden, um kräftig auszuholen, und jedes Mal, wenn sie für einen neuen Schlag die Richtung gewechselt hat, ist Blut nach hinten gespritzt worden.

Joona ist bereits länger an diesem Tatort geblieben, als irgendein anderer Kommissar es getan hätte. Trotzdem ist er noch nicht fertig. Er kehrt zu dem Mädchen im Bett zurück, steht vor ihr, sieht das Piercing im Nabel, den Lippenabdruck auf dem Wasserglas, sieht, dass bei ihr kurz unter der rechten Brust ein Leberfleck entfernt worden ist, sieht den blonden Flaum auf ihren Schienbeinen und einen bereits gelblich verfärbten blauen Fleck auf dem Oberschenkel.

Er beugt sich behutsam über sie. Ihre nackte Haut strahlt nur noch schwach Wärme ab. Er betrachtet die Hände, die auf ihrem Gesicht liegen, und sieht, dass sie den Täter nicht gekratzt hat, unter ihren Nägeln befinden sich keine Hautreste.

Er weicht einige Schritte zurück und mustert sie erneut. Die weiße Haut. Die Hände auf dem Gesicht. Die sich kreuzenden Fußgelenke. Auf ihrem Körper ist kaum Blut. Nur das Kissen ist blutig.

Ansonsten ist sie rein.

Joona schaut sich im Zimmer um. Hinter der Tür befindet sich ein kleines Regal mit zwei Kleiderhaken. Auf dem Fußboden unter dem Regal steht ein Paar Tennisschuhe mit zusammengeknüllten weißen Strümpfen darin, und an einem der Haken hängen eine bleiche Jeans an einer Schlaufe, ein schwarzer Sweater und eine Jeansjacke. Auf dem Regal liegt ein kleiner weißer BH.

Joona rührt die Kleidungsstücke nicht an, aber sie scheinen nicht blutig zu sein.

Wahrscheinlich hat sie sich ausgezogen und ihre Kleider aufgehängt, bevor sie ermordet wurde.

Aber warum ist ihr Körper nicht blutbesudelt? Irgendetwas muss sie geschützt haben. Aber was?

16

JOONA TRITT INS SONNENLICHT auf dem Hof hinaus und denkt, dass dieses Mädchen fürchterlicher Gewalt ausgesetzt wurde und ihr Körper dennoch rein und weiß geblieben ist wie ein Kieselstein im Meer.

Gunnarsson hatte erklärt, die gegen sie gerichtete Gewalt sei aggressiv gewesen.

Joona denkt, dass sie zwar stark, fast schon verzweifelt stark gewesen ist, jedoch nicht aggressiv im Sinne von besinnungslos. Diese Schläge waren zielgerichtet, sie wollten töten, aber davon abgesehen wurde der Körper des Mädchens behutsam behandelt.

Gunnarsson sitzt auf der Motorhaube seines Mercedes und telefoniert.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Dingen laufen Mordermittlungen nicht Gefahr, im Chaos zu enden, wenn man sie sich selbst überlässt, sondern nehmen ganz von selbst ihren Lauf, so sieht es jedenfalls im Normalfall aus. Aber Joona Linna hat niemals abgewartet, sich nie darauf verlassen, dass sich die Ordnung der Dinge von alleine wieder herstellt.

Er weiß natürlich, dass der Mörder fast immer eine dem Opfer nahestehende Person ist, die sich kurze Zeit nach der Tat bei der Polizei meldet und gesteht, aber er rechnet nicht damit.

Jetzt liegt sie auf dem Bett, denkt er. Aber als sie ermordet wurde, saß sie nur im Slip am Tisch.

Schwer zu glauben, dass dies vollkommen lautlos geschehen ist.

An einem Ort wie diesem muss es eigentlich einen Zeugen geben.

Eines der anderen Mädchen muss etwas gesehen oder gehört haben, überlegt Joona, als er auf das kleine Haus zugeht. Irgendjemand hat vermutlich geahnt, was sich anbahnte, hat eine Bedrohung oder einen schwelenden Konflikt gespürt.

Der Hund knurrt unter dem Baum, beißt auf seiner Laufleine herum und fängt wieder an zu bellen.

Joona tritt zu den beiden Männern, die sich vor dem kleinen Haus unterhalten. Offensichtlich ist der eine von ihnen der Koordinator der Tatortuntersuchung, ein Mann Anfang fünfzig mit Seitenscheitel, der einen dunkelblauen Polizeipullover trägt. Der zweite ist wahrscheinlich kein Polizist. Er ist unrasiert und hat müde, freundliche Augen.

»Joona Linna, Beobachter von der Landeskripo«, stellt er sich vor und gibt beiden die Hand.

»Åke«, sagt der Koordinator.

»Ich heiße Daniel Grim«, sagt der Mann mit den müden Augen. »Ich arbeite hier als Therapeut … Als ich gehört habe, was passiert ist, bin ich sofort hergekommen.«

»Hätten Sie kurz Zeit?«, fragt Joona. »Ich würde gerne die Mädchen treffen, und es wäre sicher gut, wenn Sie dabei sind.«

»Jetzt?«

»Wenn das für Sie in Ordnung ist?«

Der Mann blinzelt hinter seiner Brille und sagt bekümmert:

»Es ist nur so, dass zwei Mädchen die Gelegenheit genutzt haben, in den Wald abzuhauen …«

»Die hat man gefunden«, erklärt Joona.

»Ja, ich weiß, aber ich muss mit ihnen reden«, sagt Daniel und lächelt unfreiwillig. »Sie wollen auf den Schultern eines Polizisten reiten, sonst wollen sie nicht zurückkommen.«

»Gunnarsson meldet sich bestimmt freiwillig«, erwidert Joona und setzt seinen Weg zu dem kleinen roten Häuschen fort.

Er bereitet sich innerlich darauf vor, die Mädchen bei dieser ersten Begegnung genau zu beobachten, um zu sehen, was zwischen ihnen abläuft, was sich in den Strömungen unter der Oberfläche bewegt.

Sollte eine von ihnen etwas gesehen haben, zeigen die anderen in der Gruppe es meistens unbewusst, indem sie sich ausrichten wie Kompassnadeln.

Joona weiß, dass er nicht befugt ist, Vernehmungen durchzuführen, aber er muss einfach erfahren, ob es einen Zeugen gibt, denkt er, als er den Kopf einzieht und durch die niedrige Tür tritt.

17

DER FUßBODEN KNARRT, als Joona in das Häuschen geht und über die Markierung tritt, bis zu der man normalerweise in Schuhen gehen darf. Drei Mädchen halten sich in dem engen Raum auf. Die jüngste von ihnen kann nicht älter als zwölf sein. Sie hat einen rosigen Teint, und ihre Haare sind kupferrot. Sie sitzt an die Wand gelehnt auf dem Fußboden und sieht fern, murmelt vor sich hin, schlägt mehrmals mit dem Hinterkopf gegen die Wand, schließt kurz die Augen und schaut dann weiter fern.

Die beiden anderen scheinen sie nicht einmal zu bemerken. Sie liegen auf der braunen Cordcouch und blättern in alten Modemagazinen.

Eine Psychologin aus dem Regionalkrankenhaus in Sundsvall setzt sich neben dem rothaarigen Mädchen auf den Fußboden.

»Ich heiße Lisa«, versucht sie freundlich Kontakt aufzunehmen. »Und wie heißt du?«

Das Mädchen wendet den Blick nicht von dem Fernseher ab. Es läuft die Wiederholung einer Folge der Serie Blue Water High. Der Ton ist laut gedreht, und kühles Licht verbreitet sich im Raum.

»Kennst du das Märchen von Däumelinchen?«, fragt die Psychologin. »Ich fühle mich oft wie sie. So klein wie ein Daumen … Und wie fühlst du dich?«

»Wie Jack the Ripper«, antwortet das Mädchen mit seiner hellen Stimme, ohne den Blick vom Fernseher abzuwenden.

Joona setzt sich in einen Sessel vor dem Fernseher. Eines der Mädchen auf der Couch sieht ihn mit großen Augen an, senkt jedoch lächelnd den Blick, als er sie grüßt. Sie ist untersetzt, hat abgekaute Fingernägel und trägt eine Jeans und einen schwarzen Sweater mit der Aufschrift »Razors pain you less than life«. Sie hat blauen Lidschatten aufgetragen und trägt ein glitzerndes Haargummi um das Handgelenk. Das zweite Mädchen scheint älter zu sein und trägt ein aufgeschnittenes T-Shirt mit Pferdemotiv und einen Rosenkranz mit weißen Perlen um den Hals. In ihrer Armbeuge erkennt man Injektionsnarben, und hinter ihrem Kopf liegt als Kissen eine zusammengerollte Militärjacke.

»Indie?«, fragt die Ältere gedämpft. »Bist du reingegangen und hast geguckt, bevor die Bullen gekommen sind?«

»Auf Albträume kann ich verzichten«, antwortet das korpulente Mädchen träge.

»Arme kleine Indie«, ärgert die Ältere sie.

»Wieso?«

»Du hast also Angst vor Albträumen, wenn …«

»Ja, hab ich.«

»Das ist ja echt so verdammt«, lacht die Ältere, »so total egoistisch …«

»Halt’s Maul, Caroline«, ruft das rothaarige Mädchen.

»Miranda ist ermordet worden. Das ist vielleicht ein bisschen schlimmer als …«

»Ich finde es einfach nur schön, sie los zu sein«, sagt Indie.

»Du bist total krank«, erwidert Caroline lächelnd.

»Ach Scheiße, die war doch nicht ganz dicht, die hat mich mit einer Zigarette verbrannt …«

»Hört auf herumzuzicken«, unterbricht das rothaarige Mädchen sie.

»… und mich hat sie mit dem Sprungseil geschlagen«, fährt Indie fort.

»Du bist wirklich eine Zicke«, seufzt Caroline.

»Aber was soll’s, wenn du dich dann besser fühlst, kann ich es ja ruhig sagen«, meint Indie neckisch. »Es ist echt supertraurig, dass die dumme Kuh tot ist, aber ich …«

Das kleine rothaarige Mädchen hämmert wieder mit dem Kopf gegen die Wand und schließt die Augen. Die Haustür öffnet sich, und die beiden Mädchen, die weggelaufen waren, treten zusammen mit Gunnarsson ein.

18

JOONA HAT SICH ZURÜCKGELEHNT, sein Gesicht ist ruhig, das dunkle Jackett hat sich geöffnet und fällt in sanften Falten herab, sein muskulöser Körper ist entspannt, aber seine Augen sind grau wie eine eisbedeckte Meeresbucht, während er die hereinkommenden Mädchen beobachtet.

Die anderen buhen und lachen laut. Lu Chu geht mit übertrieben wackelnden Hüften und macht mit den Fingern das V-Zeichen.

»Lesbian loser«, ruft Indie.

»Wir können gerne mal zusammen duschen«, entgegnet Lu Chu.

Daniel Grim tritt hinter den Ausreißern ein. Es ist unübersehbar, dass er Gunnarsson dazu bewegen will, ihm zuzuhören.

»Ich möchte ja nur, dass sie bei den Mädchen behutsam vorgehen«, sagt Daniel und senkt die Stimme, ehe er weiterspricht. »Ihre bloße Anwesenheit macht ihnen schon Angst …«

»Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen«, erklärt Gunnarsson.

»Aber das tue ich.«

»Was?«

»Ich mache mir Sorgen«, sagt er.

»Tja, wenn das so ist, dann können Sie mich mal. Gehen Sie mir aus dem Weg und lassen Sie mich meine Arbeit machen.«

Joona sieht, dass der Therapeut unrasiert ist und sein T-Shirt unter der Jacke verkehrt herum trägt.

»Ich möchte Ihnen doch nur klarmachen, dass … Für diese Mädchen verkörpert die Polizei nicht unbedingt Sicherheit und Geborgenheit.«

»Do-och«, scherzt Caroline.

»Schön, das zu hören«, sagt Daniel Grim, schenkt ihr ein Lächeln und wendet sich anschließend wieder an Gunnarsson. »Aber im Ernst … bei den meisten unserer Schützlinge war die Polizei in der Nähe, als ihr Leben am schlimmsten war.«

Joona sieht, dass der Therapeut durchaus versteht, wie lästig er in den Augen der Polizei ist, aber trotzdem beschließt, noch eine weitere Frage anzusprechen:

»Ich habe mit dem Koordinator draußen über die Unterbringung der …«

»Eins nach dem anderen«, unterbricht Gunnarsson ihn.

»Aber es ist wichtig, weil …«

»Fotze«, sagt Indie gereizt.

»Fick dich doch ins Knie«, entgegnet Lu Chu.

» … weil es sich negativ auswirken kann. Es könnte für die Mädchen schädlich sein, wenn sie heute Nacht hier schlafen müssen.«

»Sollen sie etwa in ein Hotel gehen?«, fragt Gunnarsson.

»Scheiße, dich sollte man besser ermorden!«, schreit Almira und wirft mit einem Glas nach Indie.

Es zerschellt an der Wand, und Wasser und Glassplitter ergießen sich auf den Boden. Daniel Grim eilt hinzu, und Almira wendet sich ab, aber Indie schafft es dennoch, ihr mehrere Male mit der Faust auf den Rücken zu schlagen, ehe es dem Therapeuten gelingt, die beiden zu trennen.

»Jetzt reißt euch verdammt nochmal zusammen!«

»Almira ist eine verdammte Fotze …«

»Beruhige dich, Indie«, sagt Daniel Grim und stoppt ihre Hand. »Darüber haben wir doch gesprochen – nicht wahr?«

»Ja«, antwortet sie etwas ruhiger.

»Du bist ein liebes Mädchen«, erklärt er lächelnd.

Sie nickt und fängt zusammen mit Almira an, Glasscherben vom Fußboden aufzusammeln.

»Ich hole den Staubsauger«, sagt Daniel Grim und verlässt das kleine Haus.

Er drückt die Tür von außen zu, aber sie geht wieder auf, woraufhin er sie so fest zuschlägt, dass ein Bild mit einem Motiv von Carl Larsson an der Wand klappert.

»Hatte Miranda Feinde?«, fragt Gunnarsson in den Raum hinein.

»Nein«, antwortet Almira und kichert.

Indie schielt zu Joona hinüber.

»Hört zu!«, sagt Gunnarsson mit erhobener Stimme. »Von jetzt an werdet ihr nur unsere Fragen beantworten und nicht mehr so albern sein und herumbrüllen. Das kann doch verdammt nochmal nicht so schwer sein, oder?«

»Das kommt ganz auf die Fragen an«, antwortet Caroline ruhig.

»Also, ich habe eigentlich schon vor herumzubrüllen«, murmelt Lu Chu.

»Wahrheit oder Aktion«, sagt Indie und zeigt lächelnd auf Joona.

»Wahrheit«, erwidert Joona.

»Ich leite hier die Vernehmung«, protestiert Gunnarsson.

»Was bedeutet das hier?«, fragt Joona und hält sich die Hände vors Gesicht.

»Wie jetzt? Keine Ahnung«, antwortet Indie. »Vicky und Miranda haben das mal gemacht …«

»Ich halt’s nicht mehr aus«, unterbricht Caroline sie. »Du hast Miranda nicht gesehen, sie hat so gelegen, da war total viel Blut, überall war Blut und …«

Ihre Stimme bricht unter Tränen, und die Psychologin geht zu ihr und versucht, sie mit gedämpfter Stimme zu beruhigen.

»Wer ist Vicky?«, fragt Joona und steht aus dem Sessel auf.

»Sie ist das neue Mädchen im …«

»Wo zum Teufel steckt sie eigentlich?«, fällt Lu Chu ihr ins Wort.

»Welches Zimmer hat sie?«, fragt Joona schnell.

»Die ist bestimmt zum Vögeln mit ihrem Typen abgehauen«, sagt Tuula.

»Wir hamstern Stesolid und schlafen wie …«

»Von wem sprechen wir jetzt?«, fragt Gunnarsson mit erhobener Stimme.

»Vicky Bennet«, antwortet Caroline. »Ich habe sie ewig nicht gesehen …«

»Wo zum Teufel steckt sie?«

»Vickys Diagnose hat verdammt viele Buchstaben«, erklärt Lu Chu lachend.

»Mach den Fernseher aus«, sagt Gunnarsson gestresst. »Ich möchte, dass sich jetzt alle beruhigen und …«

»Brüll nicht so«, schreit Tuula und stellt den Ton noch lauter.

Joona geht vor Caroline in die Hocke, sucht ihren Blick und hält ihn mit ernster Ruhe fest.

»Welches Zimmer hat Vicky?«

»Das letzte, am hinteren Ende des Flurs«, antwortet Caroline.

19

JOONA VERLÄSST DAS KLEINE HÄUSCHEN und überquert mit schnellen Schritten den Hof, begegnet dem Therapeuten mit dem Staubsauger, grüßt die Kriminaltechniker, eilt mit großen Sätzen die Treppe hinauf und ins Hauptgebäude. Es ist dunkel, die Lampen sind ausgeschaltet worden, aber die Trittplatten schimmern wie Kieselsteine.

Ein Mädchen fehlt, denkt Joona. Keiner hat sie gesehen. Vielleicht ist sie in dem Tumult weggelaufen, vielleicht versuchen die anderen Mädchen, ihr zu helfen, indem sie verschweigen, was sie wissen.

Die Untersuchung des Tatorts hat gerade erst begonnen, und die Zimmer sind noch nicht durchsucht worden. Das gesamte Gebäude hätte durchkämmt werden müssen, aber dazu ist bisher keine Zeit gewesen, es ist einfach zu viel auf einmal passiert.

Die Mädchen sind ängstlich und gestresst.

Die Opfer müssten eigentlich psychologisch betreut werden.

Die Polizei braucht Verstärkung, mehr Kriminaltechniker, mehr Mittel.

Joona schaudert es bei dem Gedanken, dass sich das vermisste Mädchen vielleicht in seinem Zimmer versteckt. Sie könnte etwas gesehen haben und so verängstigt sein, dass sie sich nicht mehr hinauswagt.

Er biegt in den Flur mit den Zimmern der Mädchen. In den Holzwänden und Deckenbalken knackt es leise, aber ansonsten ist es still im Haus. In der Nische steht die Tür ohne Klinke einen Spaltbreit offen. Dahinter liegt die Tote mit den Händen vor den Augen auf dem Bett.

Plötzlich erinnert sich Joona, dass er drei horizontale Streifen aus Blut auf dem Holzrahmen gesehen hat, der die Nische umgibt. Joona hatte sich die Streifen angesehen, war aber so damit beschäftigt gewesen, seine Eindrücke vom Tatort zu strukturieren, dass ihm erst jetzt klar wird, dass sie sich auf der falschen Seite befinden. Die Spuren führen nicht vom Ort des Mordes weg, sondern in die umgekehrte Richtung, weiter den Flur hinunter. Es gibt schwache, verwischte Fußspuren von Stiefeln und Schuhen und nackten Füßen, die in alle Richtungen führen, aber die drei Striche auf dem Rahmen führen nach innen.

Die Person, die Blut an den Händen hatte, wollte noch in das Zimmer eines weiteren Mädchens.

»Nicht noch eine Tote«, flüstert Joona vor sich hin.

Er zieht Latexhandschuhe an und geht zum letzten Zimmer. Als er die Tür öffnet, hört er ein prasselndes Geräusch, so dass er plötzlich innehält, um besser sehen zu können. Das Geräusch verschwindet. Joona streckt im Zwielicht vorsichtig die Hand aus, um an den Lichtschalter zu kommen.

Wieder vernimmt er das leise Prasseln und ein seltsames metallisches Klirren.

»Vicky?«

Er tastet nach der Wand, findet den Schalter und macht die Lampe an.

Eine Sekunde später durchflutet gelbliches Licht das asketisch eingerichtete Zimmer. Es knarrt, und das Fenster zum Wald und zum See schwingt auf. In der Ecke raschelt es, und Joona erblickt einen umgekippten Vogelkäfig. Ein gelber Wellensittich schlägt mit den Flügeln und klettert an der Decke des Käfigs.

Penetranter Blutgeruch hängt in der Luft. Eine Mischung aus Eisen und etwas anderem, Süßem und Ranzigem.

Joona legt Trittplatten aus und geht langsam in das Zimmer.

Rund um die Fensterhaken sind Blutflecken. Deutlich erkennbare Handabdrücke zeigen, dass jemand auf das Fensterbrett geklettert ist, sich am Rahmen abgestützt hat und von dort vermutlich auf den Rasen hinausgesprungen ist.

Er geht zum Bett. Ein eiskalter Schauer läuft sein Genick hinauf, als er die Decke fortzieht. Das Betttuch ist überall mit eingetrocknetem Blut besudelt, aber der Mensch, der hier gelegen hat, ist nicht verletzt gewesen.

Das Blut wurde abgewischt, in Streifen gezogen, verschmiert.

Auf diesem Laken hat ein blutverschmierter Mensch geschlafen.

Joona bleibt eine Weile stehen, um die Bewegungen zu deuten.

Diese Person hat tatsächlich geschlafen, denkt er.

Als er das Kopfkissen anzuheben versucht, hängt es fest. Es klebt am Betttuch und der Matratze. Joona löst es mit Gewalt. Vor ihm liegt in dunklem Blut mit braunen Klumpen und Haaren ein Hammer. Der größte Teil des Bluts ist vom Stoff aufgesogen worden, aber rund um den Kopf des Hammers glitzert es noch feucht.

20

DAS HAUS BIRGITTA ist in schönes, mildes Licht getaucht, und der Himmelsjön glitzert magisch zwischen den hohen, alten Bäumen, aber es sind nur wenige Stunden verstrichen, seit Nina Molander aufgestanden ist, um auf die Toilette zu gehen, und Miranda tot auf ihrem Bett fand. Sie weckte alle, Panik brach aus, und die Mädchen riefen den Therapeuten Daniel Grim an, der unverzüglich die Polizei alarmierte.

Nina Molander erlitt einen derartigen Schock, dass sie mit dem Krankenwagen ins Regionalkrankenhaus in Sundsvall gebracht werden musste.

Auf dem Hof steht Gunnarsson mit Daniel Grim und Sonja Rask zusammen. Gunnarsson hat den Kofferraum seines weißen Mercedes geöffnet und darin die Skizzen der Kriminaltechniker vom Tatort ausgelegt.

Der Hund an der Laufleine bellt pausenlos erregt und zerrt an seiner Leine.

Als Joona hinter dem Auto stehen bleibt und sich mit der Hand durch die zerzausten Haare fährt, haben die drei Personen sich ihm bereits zugewandt.

»Das Mädchen ist durchs Zimmerfenster abgehauen«, sagt er.

»Abgehauen?«, fragt Daniel Grim verblüfft. »Vicky ist abgehauen? Aber warum sollte …«

»Es ist Blut auf dem Fensterrahmen, es ist Blut in ihrem Bett und …«

»Aber das heißt doch noch lange nicht …«

»… und unter ihrem Kissen liegt ein blutiger Hammer«, erklärt Joona abschließend.

»Das kommt doch nicht hin«, sagt Gunnarsson gereizt. »Das kann nicht sein, dafür waren die Schläge viel zu kräftig.«

Joona wendet sich erneut Daniel Grim zu. Im Sonnenlicht wirkt sein Gesicht verletzlich und nackt.

»Was denken Sie?«, fragt Joona ihn.

»Worüber? Darüber, dass Vicky … Das ist doch völlig absurd«, antwortet Daniel Grim.

»Warum?«

»Allein schon deshalb«, sagt der Therapeut und lächelt unwillkürlich, »weil Sie selbst sich eben noch ganz sicher waren, dass der Täter ein großgewachsener Mann sein muss – Vicky ist klein, sie wiegt nicht einmal fünfzig Kilo, ihre Handgelenke sind so schmal wie …«

»Ist sie gewalttätig?«, fragt Joona.

»Vicky hat das nicht getan«, antwortet Daniel Grim ruhig. »Ich habe zwei Monate mit ihr gearbeitet und kann Ihnen versichern, dass sie es nicht war.«

»War sie gewalttätig, bevor sie hierherkam?«

»Wie Sie wissen, unterliege ich der Schweigepflicht«, erwidert Daniel Grim.

»Ihnen ist ja wohl hoffentlich klar, dass Sie mir Ihrer bescheuerten Schweigepflicht nur unsere Zeit vergeuden«, sagt Gunnarsson.

»Ich kann Ihnen so viel sagen, dass ich mit manchen dieser Mädchen Alternativen zu aggressiven Reaktionen trainiere … damit sie auf Enttäuschungen oder Angst nicht mit Wut reagieren«, erzählt Daniel Grim gefasst.

»Aber mit Vicky nicht«, sagt Joona.

»Nein.«

»Warum ist sie dann hier?«, erkundigt sich Sonja.

»Auf einzelne der von uns betreuten Jugendlichen kann ich leider nicht eingehen.«

»Aber Sie sind der Auffassung, dass sie nicht gewalttätig ist?«

»Sie ist ein liebes Mädchen«, antwortet er schlicht.

»Und was ist Ihrer Meinung nach dann passiert? Warum liegt unter ihrem Kissen ein blutiger Hammer?«

»Ich weiß es nicht, da stimmt etwas nicht. Hat sie vielleicht jemandem geholfen? Die Waffe versteckt?«

»Welche der Mädchen sind gewalttätig?«, fragt Gunnarsson wütend.

»Ich kann doch hier niemanden herauspicken – das müssen Sie verstehen.«

»Das tun wir«, erwidert Joona.

Daniel Grim wendet sich ihm dankbar zu und versucht, ruhiger zu atmen.

»Versuchen Sie doch einfach, mit ihnen zu reden«, sagt der Therapeut. »Sie werden sicher schnell merken, welche ich meine.«

»Danke«, sagt Joona und geht.

»Denken Sie immer daran, dass sie eine Freundin verloren haben«, ergänzt Daniel Grim schnell.

Joona bleibt stehen und kehrt zu dem Therapeuten zurück.

»Wissen Sie, in welchem Zimmer Miranda gefunden wurde?«

»Nein, aber ich bin eigentlich davon ausgegangen …«

Daniel Grim verstummt und schüttelt den Kopf.

»Ich kann mir nämlich eigentlich nicht vorstellen, dass es ihr eigenes ist«, sagt Joona. »Es ist fast leer, liegt rechts hinter den Toiletten.«

»Das Isolierzimmer«, erläutert Daniel Grim.

»Warum landet man da?«, fragt Joona.

»Na ja, weil man …«

Daniel verstummt und wirkt plötzlich erstaunt.

»Woran denken Sie?«

»Die Tür zu dem Zimmer hätte abgeschlossen sein müssen«, sagt er.

»Es steckt ein Schlüssel im Schloss.«

»Was für ein Schlüssel?«, fragt Daniel mit erhobener Stimme. »Elisabeth ist die Einzige, die einen Schlüssel zum Isolierzimmer hat.«

»Wer ist Elisabeth?«, will Gunnarsson wissen.

»Sie ist meine Frau«, antwortet Daniel. »Sie hatte letzte Nacht Dienst …«

»Und wo ist sie jetzt?«, fragt Sonja.

»Wie meinen Sie das?«, sagt Daniel und sieht sie verwirrt an.

»Ist sie zu Hause?«, fragt die Polizistin.

Daniel wirkt überrascht und verunsichert.

»Ich bin davon ausgegangen, dass Elisabeth Nina im Krankenwagen begleitet hat«, sagt er langsam.

»Nein, Nina Molander ist alleine gefahren«, erwidert Sonja.

»Natürlich ist Elisabeth mit ihr ins Krankenhaus gefahren, sie würde doch niemals eines der Mädchen …«

»Ich war als Erste vor Ort«, unterbricht Sonja ihn.

Die Müdigkeit macht ihre Stimme heiser und schroff.

»Hier war niemand vom Personal«, fährt sie fort. »Nur ein Haufen ängstlicher Mädchen.«

»Aber meine Frau war doch …«

»Rufen Sie sie an«, sagt Sonja.

»Das habe ich schon versucht, ihr Handy ist ausgeschaltet«, sagt Daniel leise. »Ich dachte … ich bin davon ausgegangen …«

»Scheiße, was für ein Durcheinander«, sagt Gunnarsson.

»Meine Frau, Elisabeth«, fährt Daniel Grim mit einer Stimme fort, die immer zittriger wird. »Sie hat einen Herzfehler, es könnte, sie kann …«

»Versuchen Sie, ruhig zu sprechen«, sagt Joona.

»Meine Frau hat ein vergrößertes Herz und … sie hatte Nachtschicht und müsste eigentlich hier sein … ihr Telefon ist ausgeschaltet und …«

21

DANIEL SIEHT SIE VERZWEIFELT AN, nestelt am Reißverschluss seiner Jacke herum und wiederholt, dass seine Frau einen Herzfehler hat. Der Hund bellt, spannt seine Leine so fest, dass er fast stranguliert wird, röchelt und bellt weiter.

Joona geht zu dem bellenden Hund unter dem Baum. Er versucht, ihn zu beruhigen, während er die Leine vom Halsband löst. Sobald Joona loslässt, läuft der Hund über den Hof und zu einem der kleineren Gebäude. Joona folgt ihm mit großen Schritten. Der Hund scharrt auf der Türschwelle, winselt und hechelt.

Daniel Grim starrt Joona und den Hund an und geht auf die beiden zu. Gunnarsson ruft ihm zu, dass er stehen bleiben soll, aber er lässt sich nicht beirren. Sein Körper ist steif und sein Gesicht verzweifelt. Unter seinen Füßen knirscht der Kies. Joona versucht, den Hund zu beruhigen, bekommt das Halsband zu fassen und zieht das Tier von der Tür fort.

Gunnarsson läuft über den Hof und greift nach Daniel Grims Jacke, aber der Mann reißt sich los, fällt auf den Schotter, schürft sich die Hand auf und kommt wieder auf die Beine.

Der Hund bellt, zerrt am Halsband und streckt sich.

Die uniformierte Beamtin stellt sich vor die Tür. Daniel versucht, sich an ihr vorbeizuzwängen und schreit mit tränenerstickter Stimme:

»Elisabeth! Elisabeth! Lassen Sie mich …«

Die Polizistin versucht, ihn von der Tür wegzugeleiten, während Gunnarsson zu Joona eilt und ihm bei dem Hund hilft.

»Meine Frau«, jammert Daniel. »Das könnte meine Frau …«

Gunnarsson zieht den Hund zum Baum zurück.

Der Hund jault, wirbelt mit den Pfoten Kies auf und bellt die Tür an.

Als Joona sich einen Latexhandschuh anzieht, spürt er einen kurzen, stechenden Schmerz hinter den Augen.

Auf einem geschnitzten Holzschild kurz unter dem niedrigen Dachvorsprung steht »Waschküche«.

Joona öffnet vorsichtig die Tür und blickt in den dunklen Raum hinein. Ein kleines Fenster steht offen, und hunderte Fliegen schwirren in der Luft. Überall auf den blankgewetzten Bodendielen sieht man die blutigen Abdrücke von Hundepfoten. Joona betritt den Raum nicht, beugt sich nur seitlich vor, um an dem offenen Kamin vorbeischauen zu können.

Die Rückseite eines Handys schimmert neben einer Spur aus verschmiertem Blut.

Als Joona sich durch die Türöffnung lehnt, wird das Surren der Fliegen lauter. Eine Frau von etwa fünfzig Jahren liegt mit offenem Mund rücklings in einer Blutlache. Sie trägt eine Jeans, rosa Socken und eine graue Strickjacke. Die Frau hat offenbar wegzurutschen versucht, aber jemand hat den gesamten oberen Teil ihres Gesichts und Kopfs zertrümmert.

22

PIA ABRAHAMSSON merkt, dass sie ein bisschen zu schnell fährt.

Sie hatte gehofft, früher aufbrechen zu können, aber die Versammlung der Gemeindepfarrer in Östersund hat sich hingezogen.

Pia betrachtet im Rückspiegel ihren Sohn. Sein Kopf ruht auf dem Rand des Kindersitzes, und seine Augen hinter den Brillengläsern sind geschlossen. Die Morgensonne blitzt zwischen den Bäumen auf, und ihre Strahlen fallen auf sein kleines, ruhiges Gesicht.

Sie senkt ihre Geschwindigkeit auf achtzig Kilometer, obwohl die Straße schnurgerade durch Nadelwald führt.

Die Straßen sind gespenstisch leer. Zwanzig Minuten zuvor ist ihr ein mit Holz beladener Lastzug entgegengekommen, aber seither hat sie kein einziges Fahrzeug mehr gesehen.

Sie blinzelt, um besser sehen zu können.

An beiden Straßenseiten flimmert monoton der Wildzaun vorbei.

Der Mensch dürfte das ängstlichste Tier der Welt sein, denkt sie.

In diesem Land gibt es achttausend Kilometer Wildzäune. Nicht um die Tiere zu schützen, sondern die Menschen. Durch diese Wäldermeere führen schmale Straßen, die zu beiden Seiten von hohen Zäunen geschützt werden.

Pia Abrahamsson schaut hastig nach Dante auf der Rückbank.

Sie wurde schwanger, als sie als Pfarrerin in der Gemeinde Hässelby arbeitete. Der Vater des Kindes war ein Redakteur der Kirchenzeitung. Sie hielt den Schwangerschaftstest in der Hand und machte sich klar, dass sie sechsunddreißig Jahre alt war.

Sie behielt das Kind, den Vater allerdings nicht. Ihr Sohn ist das Beste, was ihr jemals passiert ist.

Dante schläft in seinem Kindersitz. Der Kopf hängt schwer auf den Brustkorb herab, und seine Schmusedecke ist auf den Boden gerutscht.

Bevor er einschlief, war er so müde, dass er wegen jeder Kleinigkeit losweinte. Er heulte, weil das Auto schlecht nach Mamas Parfüm roch und weil Super Mario aufgefressen wurde.

Es sind noch mindestens zwanzig Kilometer bis Sundsvall und danach weitere vierhundertsechzig bis Stockholm.

Pia Abrahamsson muss mittlerweile wirklich dringend auf die Toilette – bei der Versammlung hat sie eindeutig zu viel Kaffee getrunken.

Es muss unbedingt bald eine offene Tankstelle kommen.

Sie sagt sich, dass sie nicht mitten im Wald stehen bleiben sollte.

Das sollte sie nicht, aber sie wird es trotzdem tun.

Pia Abrahamsson, die jeden Sonntag predigt, dass alles, was geschieht, einen tieferen Sinn hat, wird in wenigen Minuten Opfer des blinden, teilnahmslosen Zufalls werden.

Sachte fährt sie auf Höhe eines Forstwirtschaftswegs rechts heran und hält an einem abgeschlossenen Schlagbaum, der die Durchfahrt zwischen den Wildzäunen absperrt. Hinter diesem führt der Feldweg bis zu einem Lagerplatz für Holzstämme schnurgerade in den Wald hinein.

Sie denkt, dass sie die Autotür offen lassen und nur so weit gehen wird, dass man sie von der Straße aus nicht mehr sehen kann, damit sie es hört, falls Dante aufwachen sollte.

»Mama?«

»Versuch, noch ein bisschen zu schlafen, kleiner Mann.«

»Mama, du darfst nicht weggehen.«

»Mausebär«, sagt Pia. »Ich muss nur kurz Pipi machen. Ich lasse die Tür offen. Ich kann dich die ganze Zeit sehen.«

Er schaut sie mit schlaftrunkenen Augen an.

»Ich will nicht allein sein«, flüstert er.

Sie lächelt ihn an und streichelt seine verschwitzten Wangen. Sie weiß, dass sie ihn zu sehr behütet, ihn zu einem kleinen Muttersöhnchen erzieht, kann aber einfach nicht anders.

»Nur einen klitzeklitzekleinen Moment«, sagt sie heiter.

Dante hält ihre Hand fest und versucht zu verhindern, dass sie geht, aber sie macht sich frei und nimmt ein feuchtes Tuch aus dem Behälter.

Pia verlässt den Wagen, bückt sich unter dem Schlagbaum hindurch und geht den Waldweg hinunter, dreht sich um und winkt Dante zu.

Was wäre, wenn jetzt jemand vorbeikäme und mit seinem Handy ihren nackten Hintern filmen würde?

Die Bilder der pinkelnden Pfarrerin würden auf Youtube, Facebook, Flashback Forum und in Blogs und Chatforen kursieren.

Sie fröstelt, verlässt den Kiesweg und geht noch etwas weiter zwischen die Bäume. Schwere forstwirtschaftliche Maschinen, Holzvollernter und Scooter haben das Gelände umgepflügt.

Als sie sicher ist, dass man sie von der Straße nicht mehr sehen kann, zieht sie den Slip herunter, steigt aus ihm heraus, macht einen Schritt zur Seite, hebt den Rock an und geht in die Hocke.

Sie merkt, dass sie müde ist, denn ihre Schenkel zittern, und sie stützt sich mit der Hand auf dem lauen Moos ab, das um die Baumstämme wächst.

Erleichterung stellt sich ein, und sie schließt kurz die Augen.

Als sie wieder aufschaut, sieht sie etwas Unbegreifliches. Ein Tier hat sich auf zwei Beine aufgerichtet und geht stolpernd, vorgebeugt auf dem Forstwirtschaftsweg.

Eine schmale Gestalt voller Schmutz, Blut und Matsch.

Pia hält die Luft an.

Das ist kein Tier, es kommt ihr eher vor, als hätte sich ein Teil des Waldes befreit und wäre zum Leben erwacht.

Wie ein kleines, aus Zweigen gemachtes Mädchen.

Das Wesen taumelt, geht aber immer weiter auf den Schlagbaum zu.

Pia richtet sich auf und folgt ihm.

Sie versucht, etwas zu sagen, hat aber keine Stimme.

Unter ihrem Fuß bricht ein Ast.

Im Wald fällt jetzt leichter Regen.

Sie bewegt sich langsam wie in einem Albtraum, es ist, als könnte sie nicht laufen.

Zwischen den Bäumen hindurch sieht sie, dass das Wesen bereits ihr Auto erreicht hat. Um die Hände dieses eigenartigen Mädchens hängen schmutzige Stoffbänder.

Pia stolpert auf den Wirtschaftsweg hinaus und sieht, wie das Wesen ihre Tasche vom Sitz fegt, sich hineinsetzt und die Autotür zuzieht.

»Dante«, keucht sie.

Der Wagen springt mit quietschenden Reifen an, fährt über Handy und Schlüsselbund auf die Landstraße, schabt an der Schutzplanke zur Gegenfahrbahn vorbei, gelangt wieder auf die Fahrbahn und entfernt sich.

Pia läuft wimmernd zum Schlagbaum und zittert am ganzen Leib.

Was gerade geschehen ist, erscheint ihr unfassbar. Dieser Schlamm-Mensch ist aus dem Nichts aufgetaucht, und jetzt sind das Auto und ihr Sohn fort.

Sie schiebt sich unter dem Schlagbaum hindurch und trifft auf die große, leere Straße. Sie schreit nicht, sie kann nicht schreien. Man hört nur ihre keuchenden Atemzüge.

23

WALD FLIMMERT VORBEI und Regentropfen prasseln gegen die große Windschutzscheibe. Der dänische Fernfahrer Mads Jensen sieht bereits aus zweihundert Metern Entfernung, dass mitten auf der Straße eine Frau steht. Er flucht vor sich hin und hupt. Bei dem brüllenden Ton zuckt die Frau zusammen, aber statt Platz zu machen, bleibt sie auf der Straße stehen. Der Fahrer hupt ein zweites Mal, woraufhin die Frau langsam einen Schritt nach vorn macht, das Kinn hebt und den näher kommenden Lastzug betrachtet.

Mads Jensen bremst und spürt das Gewicht des Sattelaufliegers gegen den alten Dolly von Fliegl drücken. Er muss stärker bremsen, die Kraftübertragung funktioniert schlecht, es knackt in der Steuerachse, und der Anhänger bricht ein wenig aus, ehe er das Gefährt zum Stehen bringt.

Die Umdrehungszahl sinkt, und das Grollen der Kolbenbewegungen wird immer dumpfer.

Die Frau steht nur drei Meter von der Motorhaube entfernt.

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