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Flagge im Sturm

PROLOG

Vor der Küste Neuenglands, März 1708

Es war eine ganz simple Falle. Ob sie zuschnappte oder nicht, würde von der Anständigkeit des Opfers abhängen.

Die Schaluppe „Leopard“ hatte vor siebenundzwanzig Tagen Barbados verlassen. Während der letzten drei Tage hatte sie sich mit eingeholten Segeln von einem Sturm treiben lassen müssen, der aus Tag Nacht gemacht und haushohe Wellen aufgetürmt hatte.

Obwohl Jonathan Sparhawks Gesicht und seine Hände vor Kälte starr waren, und obwohl seine Augen vor Müdigkeit brannten, war er, der Eigner und Kapitän der „Leopard“, ein zufriedener Mann.

Denn als sich die Stürme bei Nachtanbruch legten, wusste er, dass er sich wieder in heimischem Gewässer befand. Der Salzgeschmack in der Luft, der nun zahme Wind in seinem Haar und der sechste Sinn eines jeden heimkehrenden Seemanns sagten es ihm.

„Land ahoi!“, kam der Ruf des Matrosen im Ausguck von hoch oben, und Jonathan schwang sich in die Wanten, um selbst auszuschauen. Er war ein großer, breitschultriger Mann, und trotz seines massigen Körperbaus bewegte er sich sehr behände und sicher in der Takelage. Sein langes schwarzes Haar flatterte ungebunden im Wind. Das Tauwerk war von Eis überzogen, es knackte und knisterte unter den Stiefeln, und der Wind zerrte an den Rockschößen. Die Eiseskälte hier oben war so grimmig, dass Jonathan fast um seine edelsten Körperteile fürchtete.

Er stemmte sich zwischen Mast und Vormars und richtete sein Fernglas auf die schmale dunkle Linie am Horizont. Point Judith, dachte er, und als jetzt der Wind auch noch die letzten Wolken zerriss, erkannte er im Licht der Sterne und der silbernen Sichel des zunehmenden Mondes, dass seine Vermutung stimmte. Zwar waren sie an Saybrook vorbeigetrieben, doch nicht bis in den Sund hinein.

Jonathan brüllte den Befehl zum Wenden der „Leopard“. Mit etwas Glück würden sie alle morgen zum Abendessen wieder daheim sein.

Daheim – für Jonathan hatte das Wort in dieser bitteren Nacht einen guten Klang. Er lächelte vor sich hin, als er sich vorstellte, was ihn in Plumstead erwarten würde. Der Grundbesitz gehörte jetzt Kit, und diesem als älterem Bruder stand er auch zu. Das war nur zu gerecht, denn Jonathans Interesse an einer Farm sieben Tage flussaufwärts vom Ozean entfernt war nur gering. Sein wirkliches zu Hause war seine Kajüte auf der „Leopard“.

In seinem Geburtshaus erwarteten ihn jedoch stets ein Bett, reichliche Speisen und das fröhliche Lachen von Kits hübscher Frau Dianna. Inzwischen hatten Tamsin und Joshua wahrscheinlich noch ein Brüderchen oder Schwesterchen bekommen. Ihren Onkel Jonathan hatten die beiden Kleinen vermutlich in den vier Monaten seiner Abwesenheit vollkommen vergessen. Nun, die kleine Arche Noah, die sorgfältig in Watte verpackt in der Seekiste verstaut war, würde schon dafür sorgen, dass er die Gunst der beiden zurückgewann.

Die Schaluppe nahm neuen Kurs. Hand über Hand ließ sich Jonathan wieder zum Deck hinunter, doch plötzlich hielt er inne und hob das Glas abermals an die Augen. Die hohe Woge an Lee senkte sich, und im dunklen Wellental war ein großes Beiboot zu sehen. Es lag zu tief im Wasser, denn viel zu viele Männer trotzten darin dicht zusammengedrängt dem Wind und der Gischt. Obwohl sie sich kräftig in die Riemen legten, um an die „Leopard“ heranzurudern, kamen sie in der rauen See nur sehr langsam voran.

Zwanzig Leute, die Crew eines Kauffahrers wie die „Leopard“, dachte Jonathan. Ein Mann am Heck des Boots erhob sich, schwenkte eine wasserschwere Signalflagge und brüllte etwas, doch der Wind verwehte seinen Ruf.

Rasch suchte Jonathan den Horizont nach einem sinkenden oder einem auf den Felsen vor der Küste gestrandeten Segler ab, auf dem sich noch weitere Schiffbrüchige befinden mochten. Bei diesem Wetter konnte ein Havarist innerhalb von Minuten zerbrechen und untergehen, und wie lange diese armen Seelen hier bereits auf dem offenen Boot ausgeharrt hatten, wussten nur sie selbst.

Wieder auf dem Deck, übernahm Jonathan das Ruder und steuerte seine Schaluppe dichter an das Rettungsboot heran, während seine Leute in der Takelage alles taten, um die Fahrt zu verlangsamen, denn ein Fehler beim Manövrieren, und die „Leopard“ mochte das kleine Boot überrennen und unter Wasser drücken.

Es gelang, die beiden Schiffe nahe zueinander zu bringen. Die Männer von der „Leopard“ riefen den Fremden Aufmunterungen und Anweisungen zu, und schließlich konnten sie das Rettungsboot längsseits holen. Die Schiffbrüchigen blieben noch einen Moment erschöpft und durchfroren sitzen und sammelten offensichtlich die letzten Kräfte, um an Bord der „Leopard“ zu klettern. Dann erschien einer nach dem anderen langsam an Deck. In ihre nassen Mäntel und in rasch herbeigeschaffte Decken gehüllt, drängten sie sich dann dicht um den Großmast, als befänden sie sich noch in ihrem Boot.

Jonathan trat zu ihnen. Es war traurig mit anzusehen, was der Verlust eines Schiffes aus Männern machen konnte. Diese armen Kerle hier schienen völlig benommen und nicht in der Lage zu sein, zu sprechen oder ihren Rettern auch nur in die Augen zu sehen. Einer der Geretteten, ein älterer Mann mit grauem Bart und einem verstümmelten Ohr, schien den Tränen nahe zu sein und barg das Gesicht in einem schmierigen Taschentuch, um seinen Kummer nicht zu zeigen.

Als letzter kam der Mann an Bord, der die Flagge geschwenkt hatte. Aus der Art, wie die anderen ihn anschauten, schloss Jonathan, dass er der Kapitän war oder gewesen war, ein untersetzter Mann mit dunklem Bart und einer schlecht verwachsenen Narbe, die durch eine seiner buschigen Augenbrauen verlief. Er trug einen Mantel mit Schultercape ähnlich einem Kutschermantel, und er schien von diesem schweren Kleidungsstück ebenso niedergedrückt zu sein wie von seinem Schicksal.

„Jonathan Sparhawk, Kapitän der ‚Leopard‘“, grüßte Jonathan herzlich und streckte die Hand aus. „Wir werden uns bestmöglichst um Eure Leute kümmern, zumal wir nur einen Tag vom Hafen entfernt sind.“

Der Mann übersah Jonathans ausgestreckte Hand und blickte argwöhnisch zu ihm hoch. „Von welchem Hafen?“

Jonathan merkte, wie seine eigene Mannschaft erschrak. Niemand hatte sich bisher ihrem Kapitän gegenüber ein solches Benehmen erlaubt, ohne es sofort zu bereuen. Diesmal versagte sich Jonathan indessen jeden Verweis wegen des Verhaltens des Fremden, weil er sich sagte, dass er wohl selbst nicht allzu höflich wäre, wenn er gerade erst sein Schiff samt Ladung verloren hätte.

„Saybrook am Connecticut River“, antwortete er nur. „Die ‚Leopard‘ gehört allerdings den Brüdern Sparhawk aus Plumstead bei Wickhamton.“

„Ihr meint also, Euch selbst“, stellte der Mann säuerlich fest.

„Ich meine mich und meinen Bruder Kit, ja“, antwortete Jonathan nun doch ein wenig unwirsch. „Und wer seid Ihr, mein Freund, der sich hier auf meinem Deck befindet und Fragen stellt? Welches war Euer Schiff?“

Der Mann verzog seinen Mund unter dem tabakfleckigen Bart zu einem hinterhältigen Grinsen. „Welches mein Schiff war, braucht uns nicht zu interessieren. Welches einmal Eures war, auch nicht. Und das bedeutet, dass jetzt meines ist, was Eures war.“

Er schlug seinen Mantel auseinander, und zu spät sah Jonathan die langläufige Pistole in der Hand des Fremden.

1. KAPITEL

Insel Aquidneck, Kolonie Rhode Island und Providence Plantations

Um Mitternacht und bei Hochwasser boten die Felsen von Nantasket Point auf Aquidneck keinen Schutz. Damaris Allyn zog die Kapuze ihres Umhangs ein wenig höher, versuchte, ihr Gesicht vor dem Wind und dem Sprühwasser der Gischt zu schützen und schaute auf die schwarzen Fluten hinaus.

„Den Holländer sehen wir heute Nacht nicht mehr, Mistress Allyn“, meinte Caleb Turner. Daniel und Seth Reed neben ihm nickten. „Wenigstens nicht, solange das Wetter so bleibt. Wäre Master Allyn hier, dann …“

„Er ist nicht hier, Caleb. Er wird auch nie mehr hier sein und damit hat sich’s“, fiel Damaris ihm ins Wort und bedauerte sogleich ihre scharfe Rede. Seufzend strich sie sich eine nasse Haarsträhne mit ihrem klammen Fingern in dem durchfeuchteten Fausthandschuh aus dem Gesicht. „Du weißt so gut wie ich – nein, wahrscheinlich noch besser –, dass Kapitän van Vere in jeder beliebigen Nacht des ersten Mondviertels kommen kann. Sei das Wetter, wie es will, wir müssen warten.“

Caleb stellte die Laterne auf einen Stein, hockte sich daneben und blies in seine zusammengelegten Hände. „Master Allyn hätte niemals auf irgendeinen verrückten Holländer gewartet“, brummte er starrsinnig. „Schon gar nicht bei so einem Sauwetter.“

Damaris widersprach nicht mehr. Noch fünf Minuten wollte sie auf Kapitän van Vere warten, und nicht länger. Die kalte Nässe war längst durch ihren schweren Wollumhang und ihre gefütterten Röcke gedrungen. Ihre Zehen in den dicken Strümpfen waren so taub wie ihre Finger. Wahrscheinlich hatte sie sich noch nie in ihrem Leben so elend gefühlt.

Im Übrigen hatte Caleb natürlich völlig recht, was ihren Ehemann betraf. Aller Brandy der Welt hätte Eben in einer solchen Nacht nicht von seinem Kamin und seinem Pfeifchen fortlocken können. Sie allein war diejenige, die auf diesem närrischen Unternehmen bestanden hatte, weil sie Kapitän van Vere nicht verärgern mochte. Wenn die feinen Herren in Newport unbedingt ihren Brandy und die französischen Weine zollfrei genießen wollen, dachte Damaris jetzt auch verärgert, dann sollen sie sich doch selbst bei Nacht, Wind und Regen an Nantasket Point stellen.

Sie hob die Laterne auf. Der Kerzenschein beleuchtete Calebs breites Gesicht unter der Hutkrempe. „Also kommt“, sagte sie und warf noch einen letzten Blick zum leeren Horizont. „Ich habe euch drei lange genug hier draußen behalten, besonders dich, Caleb. Deine Ruth reißt mir den Kopf ab, falls du von der Nasskälte wieder Schulterreißen bekommst.“

„Ach, die sagt doch niemals ein böses Wort gegen Euch, Mistress“, wehrte Caleb ab, dessen Laune auf dem Heimweg mit jedem Schritt besser wurde. Er lächelte so breit, dass die weißen Zähne in seinem schwarzen Gesicht aufleuchteten. „Und außerdem kann nicht einmal Ruth dem Wind befehlen, aus Süden zu blasen, wenn er unbedingt aus Norden kommen will.“

„Egal aus welcher Richtung, er bringt immer Gutes, Caleb Turner“, erklärte Seth, der seine eigene Laterne hochhielt. „Morgen werden wir hier jede Menge angeschwemmtes Treibgut finden. Beim letzten Sturm habe ich ein ganzes Fass voll Walrat gefunden, so sauber, als hätte ich’s mir direkt aus Nantucket bestellt.“

Damaris wickelte sich noch fester in ihren Umhang ein. „Du darfst wieder alles behalten, was du morgen früh findest, Seth. Und jetzt …“ Sie redete nicht weiter, denn ein dunkler Schatten auf dem hellen Sand unten an der Wasserlinie hatte ihre Aufmerksamkeit erregt. Sie kletterte von den Felsbrocken hinunter. Am Strand angekommen, stellte sie fest, dass es sich um einen Mann handelte, der mit ausgebreiteten Armen so dalag, wie ihn die Brandung wohl angespült hatte.

Damaris zögerte einen Moment. Sie wollte nicht die erste sein, die in das aufgedunsene Gesicht des Ertrunkenen blickte. Die Schritte der nachfolgenden Männer erinnerten sie allerdings daran, dass sie ja deren Anführerin war und sich deshalb nicht vor einer armseligen Wasserleiche fürchten durfte. Entschlossen trat sie heran und hielt ihre Laterne über das Gesicht des Leblosen. Was sie sah, ließ ihr den Atem stocken.

Der Angeschwemmte war schlicht und einfach einer der schönsten Männer, die sie je gesehen hatte. Er hatte ein festes, kräftiges Kinn, eine gerade Nase und einen Mund, der zum Lachen geschaffen schien. Tiefe Fältchen zogen sich um seine Augen, und seine Gesichtshaut war wettergegerbt. Er war also ein Seemann gewesen wie Eben.

Langes, nasses dunkles Haar umrahmte sein jetzt wachsbleiches Gesicht, das so entspannt wirkte, als schliefe er nur. Seine Augen waren geschlossen und seine Lippen ein wenig geöffnet. Sie kniete sich neben ihn, zog sich die Wollhandschuhe aus und wischte ihm sanft den nassen Sand von Kinn. Seine Haut fühlte sich eiskalt an.

Damaris ertappte sich bei der törichten Frage, welche Farbe wohl die Augen hinter den dichten schwarzen Wimpern hatten. Wie mochte wohl sein Lächeln ausgesehen haben? Sie schätzte, dass er ungefähr dreißig Jahre zählte, also nicht viel mehr als sie selbst mit ihren sechsundzwanzig. Auf jeden Fall war er entschieden zu jung zum Sterben.

„Du lieber Himmel, ist der aber hübsch“, stellte Seth hinter ihr fest. „Sieht nicht so aus, als ob er schon lange tot wäre. Und wie groß er ist! Und stark wie ein Ochse. Mit dem hätte ich mich nicht gern anlegen wollen, bestimmt nicht.

Caleb hielt seine Laterne über die Brust des Mannes. „Einer von den feinen Leuten“, meinte er. „Spitzenmanschetten wie ein Lord und mindestens ein Pfund Messing in seinen Knöpfen. Allerdings habe ich noch nie einen Gentleman gesehen, der so einen scharlachroten Rock tragen würde.“

„Nein, der da ist ein Pirat!“, erklärte Daniel genüsslich. „Ich habe die Piraten gesehen, die in Boston aufgeknüpft wurden, und der Anführer von denen hat genauso einen Rock angehabt, und …“

„Genug jetzt, Daniel Reed!“ Damaris erhob sich, schüttelte sich den Sand vom Umhang und wünschte, sie könnte ihren Kummer über den Tod des Fremden auch so leicht abschütteln. Es war doch wirklich töricht, um jemanden zu trauern, den man nicht einmal kannte.

„Wir werden ihn jetzt zum Haus mitnehmen, und falls sich niemand nach ihm erkundigt, werden wir dafür sorgen, dass er ein christliches Begräbnis bekommt“, erklärte sie. „Und du redest gefälligst nicht mehr von Piraten und Hinrichtungen!“

Zuerst glaubte sie an eine Täuschung, doch im flackernden Laternenlicht schien es ihr, als hätte der Tote bei ihren letzten Worten die Stirn gerunzelt. Dann fing Caleb neben ihr zu fluchen an und befingerte den Talisman an seinem Hals. Die beiden Brüder Reed traten unsicher zurück, sie hatten es auch gesehen.

Damaris ließ sich rasch wieder auf die Knie hinab. Sie schob dem Mann das Haar sowie die nasse Halsbinde fort und suchte nach dem Aderschlag an seinem Hals.

„Gebt acht, Mistress, wenn Ihr einen Toten anfasst, der sich bewegt“, warnte Caleb.

„Wenn er sich bewegt, ist er nicht tot“, erwiderte Damaris. „Und wir haben ihn hier halb im Wasser liegen lassen! Kommt, vielleicht überlebt er, wenn wir ihn an ein Feuer betten, und erzähle mir jetzt nicht, Master Allyn hätte das nicht getan, denn er würde es sehr wohl getan haben. Beeilt euch!“

Während Caleb und die beiden Reeds mit dem Bewusstlosen über den Strand stolperten, lief Damaris zum Haus voraus, um Feuer zu machen. Mit zitternden Fingern suchte sie danach die Dinge zusammen, die sie für die Versorgung des Mannes benötigte. Dies alles war fast genauso wie in jener Nacht im vergangenen Herbst, als man ihr Eben gebracht hatte. Nur damals hatte sie nicht das Geringste tun können.

„Sein Bein blutet stark, Mistress“, stellte Caleb fest, nachdem sie den Mann auf den langen Bocktisch gelegt hatten, „und Daniel meint, er hätte auch einen Schlag über den Schädel gekriegt.“

Damaris nickte nur. Hier auf dem Küchentisch ausgestreckt, wirkte der leblose und totenbleiche Fremde noch riesiger. Als sie ihm die blutdurchtränkte Kniehose zerriss, spürte sie, dass Caleb sowie die beiden Reeds vertrauensvoll und zuversichtlich zuschauten, und sie wünschte nur, sie könnte die Zuversicht der Männer teilen.

Als Herrin von Nantasket hatte sie schon unzählige Wunden und Knochenbrüche ihrer Leute behandelt, doch auf die entsetzliche Schussverletzung, die sie hier vorfand, war sie nicht vorbereitet. Mit Schießpulver verunreinigte Wunden waren selten harmlos. Damaris musste wieder an Eben denken und an dessen mit Blut durchtränkten Rock. Sie dachte auch an das, was Daniel über die Piraten von Boston gesagt hatte, doch diesen Gedanken schob sie rasch wieder beiseite. Dieser Mann hier brauchte ihre Hilfe, und nicht ihre Verdammung.

Mit einer schmalen, langen Messerklinge und mit den Fingern holte sie die Kugel heraus, die tief in seinem Oberschenkel steckte. Glücklicherweise blieb der Mann bewusstlos. Caleb und Seth hielten ihn zwar fest, doch er bewegte sich kein einziges Mal, und der Krug mit betäubendem Jamaikarum, den Damaris vorsichtshalber bereitgestellt hatte, wurde nicht benötigt. Die abgeflachte Bleikugel bewahrte sie auf für den Fall, dass der Fremde sie später als Andenken haben wollte. Männer hatten ja manchmal solche merkwürdigen Einfälle. Damaris wusch sich das Blut von den Händen, verteilte dann einen Heilbrei über der Wunde und wickelte einen sauberen Leinenverband um den Oberschenkel.

Verglichen mit der Schusswunde war die Verletzung an seinem Hinterkopf eher geringfügig – eine Beule von der Größe eines Gänseeis sowie eine Platzwunde, die jedoch mit drei Stichen mittels einer geölten Nadel leicht zu schließen war. Mit Calebs Hilfe zog Damaris dem Mann die durchnässte Kleidung aus und warf sie auf den Boden. Seth hatte recht, der Schiffbrüchige war tatsächlich so kräftig wie ein Ochse, breitschultrig und muskelbepackt. Dunkles Haar kräuselte sich auf seiner Brust und den Unterarmen, und überall erkannte man alte Narben von Dolch– oder Säbelverletzungen.

Selbstverständlich hatte sie Eben unbekleidet gesehen, doch der Fremde war so ganz anders. Trotz seiner Bewusstlosigkeit zeigte sich seine Kraft so offensichtlich, dass Damaris sich scheute, ihm die zerrissene Hose vor den Augen der anderen herunterzuziehen.

Caleb und die beiden Brüder Reed halfen ihr, den Bewusstlosen auf die Rollpritsche zu legen, die sie vor das Herdfeuer geschoben hatte. Mit dem vertrauten, abgenutzten Bettzeug zugedeckt, wirkte er irgendwie harmloser, ungefährlicher. Seufzend und erschöpft ließ sich Damaris in Ebens Sessel sinken und legte die Hände im Schoß über der blutfleckigen Schürze zusammen.

„Ich schicke Euch Ruth zur Hilfe her, Mistress“, sagte Caleb leise, als er und die anderen aufbrachen. „Ihr habt schon mehr als genug für diesen Burschen hier getan.“

Damaris schüttelte den Kopf. „Nein, Caleb. Trotzdem danke ich dir für deine Freundlichkeit. Für den Mann kann man jetzt nichts weiter tun, außer abzuwarten, und das schaffe ich auch allein.“

„Ihr seid wirklich zu gütig, Mistress Allyn“, erklärte Caleb voller Bewunderung, und dann schloss sich die Tür hinter ihm. Damaris stützte das Kinn in eine Hand und zeichnete mit den Fingern der anderen die Armlehne des Sessels nach, die Ebens Ellbogen blank gerieben hatte.

Sechs Monate waren seit seinem Tod verflossen. Ob das dumpfe Gefühl der Einsamkeit jemals vergehen würde?

Ebenezer Allyn war der Schiffsmaat ihres Vaters gewesen, und aus ihrer Kindheit erinnerte sie sich noch gut an sein rundes, fröhliches Gesicht. Zu der Zeit, als sie ihr Heim verlor, weil ihre inzwischen verwitwete Mutter einer langwierigen Krankheit erlegen war, hatte er eine junge Ehefrau gebraucht, die ihm dabei half, Nantasket, seinen Landbesitz, zu bewirtschaften.

Damaris hatte gewusst, dass Eben seine Gattin stets freundlich und gerecht behandeln würde, auch wenn diese eine etwas zu große, mittellose Quäkerjungfer war. Er schätzte nämlich ihre Kraft, ihre Tüchtigkeit und ihre Fähigkeiten als Köchin. Als sie die Heirat beschlossen, war ihnen bewusst gewesen, dass diese Ehe auf Freundschaft und gegenseitigem Respekt gegründet war, und nicht auf Liebe. Dennoch hatte Damaris in den nächsten fünf Jahren eine echte Zuneigung zu ihrem Gatten entwickelt.

Der Sturm hatte sich jetzt vollends gelegt, und das erste schwache Tageslicht stahl sich schon durch die dicken Fensterscheiben. Vom Strand her waren Möwenschreie und das Rauschen der Brecher zu hören.

Damaris betrachtete den Bewusstlosen. Sein dunkles Haar hob sich gegen den weißen Kopfverband ab, und seine dichten Wimpern wirkten auf seinen bleichen Wangen so schwarz wie Ruß. Sie wusste, dass es eines Wunders bedurfte, wenn er überleben sollte! Zu lange war er im eisigen Wasser getrieben, und sein Blutverlust war zu hoch. Die Pistolenkugel hatte sie zwar aus der Wunde entfernt, doch sicherlich waren genug Stoff– und Schmutzfasern zurückgeblieben, um eine Entzündung mit nachfolgendem Fieber hervorzurufen, und dergleichen konnte den stärksten Mann umbringen.

Unvermittelt schlug der Fremde die Augen auf. Er schaute Damaris an, ohne sie wirklich zu sehen, und auf seinen Lippen erschien ein völlig unerwartetes Lächeln.

„Ah, da bist du ja!“, sagte er mit schwerer Zunge. „Mein hübsches Mäuslein …“ So übergangslos, wie sich sein Gesicht erhellt hatte, so schnell erlosch das Licht auch wieder, und die Augen des Mannes schlossen sich.

Einen schrecklichen Moment lang dachte Damaris, er wäre gestorben, doch sie konnte den schwachen Puls noch fühlen, und die fast nicht festzustellenden Atemzüge setzten sich fort. Er hat mich für jemand anderen gehalten, und das ist das erste Anzeichen für das beginnende Delirium, sagte sie sich streng. Dass ihre Wangen so heiß geworden waren, und dass ihr Herz einen kleinen Purzelbaum geschlagen hatte, lag selbstverständlich nur an der Verblüffung über seinen Ausruf.

Und daran, dass seine Augen von einem so grünen Grün waren, wie sie es noch nie gesehen hatte.

Außerdem hatte noch niemand – schon gar nicht Eben – sie jemals sein „hübsches Mäuslein“ genannt.

2. KAPITEL

„Jonathan Sparhawk.“

Das war eine Feststellung und keine Frage. Die Stimme der Frau klang weich, leise und so faszinierend, dass Jonathan sich anstrengte, die Augen aufzubekommen. Als es ihm gelungen war, wünschte er, er hätte es nicht getan. Alles drehte sich plötzlich wie wild um ihn, und obwohl er sich mit beiden Händen an der Bettdecke festhielt, vermochte er das Wirbeln nicht aufzuhalten. Heftig atmend drückte er die Lider wieder zu, und nach und nach ebbte die Bewegung ab.

„Jonathan Sparhawk.“ Diesmal ließ er sich von der sanften Stimme nicht dazu verlocken, nachzuschauen, wer da eigentlich sprach. „Das ist doch Euer Name, nicht wahr? Er ist mit rotem Garn in Euer Taschentuch eingestickt.“

So mochte er heißen oder auch nicht. Im Augenblick wusste er es nicht, und es war ihm auch gleichgültig. Zum Teufel, was hatte er nur gestern Abend getrunken? Es kam ihm jetzt vor, als trüge er einen toten Iltis im Mund, und dessen sämtlichen Ahnen hätten sich zur Trauerfeier in seinem Kopf versammelt.

Die Frau legte ein nasses Tuch über seine geschlossenen Augen. „Es würde auch ein wenig eigenartig sein, wenn es nicht so wäre“, sagte sie, als hätte er ihre Frage beantwortet. „Seit zwei Wochen liegt Ihr hier, und während der ganzen Zeit habe ich Euch immer nur mit Jonathan angeredet. Der Name passt auch zu Euch, denke ich.“

Wie ein Schlag traf ihn die volle Bedeutung ihrer Worte. „Zwei Wochen?“ Seine Stimme überschlug sich, sie schien eingerostet zu sein. Der Frau stockte hörbar der Atem. Offenkundig hatte sie keine Erwiderung erwartet.

„Jawohl.“ Sie sprach jetzt recht gestelzt. „Ihr lagt sehr darnieder, und nur durch Gottes Gnade seid Ihr der Macht des Bösen entronnen.“

Dass sie sich so eigentümlich ausdrückte, verwirrte ihn noch mehr. Wie konnte es angehen, dass er zwei Wochen, an die er sich nicht im geringsten erinnerte, im Bett einer Frau verbracht hatte, die jetzt redete wie ein Priester bei der Sonntagspredigt? Er wollte sich zu ihr umdrehen, doch ein fürchterlicher Schmerz schoss durch sein Bein. Das unerträgliche Wirbeln setzte wieder ein und verursachte ihm Übelkeit. Er stöhnte laut auf.

„Jetzt trinkt dies erst einmal.“ Ohne dass er dagegen protestierte, hob die Frau seinen Kopf an und flößte ihm etwas Dickflüssiges ein, das nach bitterem Honig schmeckte. Schon nach wenigen Momenten legte sich das Schwindelgefühl. Er merkte, dass er sich entspannte und in einen angenehmen Zustand des Wohlbefindens hinüberglitt.

Damaris lehnte sich zurück. Sie war froh, dass sie den Heiltrank schon gestern Abend angesetzt hatte. Nachdem das Fieber des Mannes gebrochen war und wirklicher Schlaf das Delirium abgelöst hatte, musste dieser Augenblick des Erwachens ja einmal kommen. Ihr war bewusst, dass sie für die wundersame Genesung dankbar sein sollte. Sie vermochte sich indessen nicht dazu durchzuringen.

Zwei Wochen hatte dieser Mann ihr gehört. Sie hatte ihn pflegen und für ihn sorgen können. Sie kannte jetzt jeden Zoll seines Körpers, denn sie hatte ihn immer wieder feucht abgerieben, um das Fieber zu senken.

Besorgt hatte sie beobachtet, wie die Krankheit an seinen Kräften zehrte. Er war dünner geworden, seine Brust– und Rückenmuskeln traten jetzt noch deutlicher hervor. Seinen schwarzen Bart hatte sie wachsen sehen, der jetzt die Wangen und das Kinn bedeckte, und sie hatte zugehört, wenn der Fiebernde Segelkommandos und Namen ihr unbekannter Personen rief.

In seiner Bewusstlosigkeit war er nur ein Mensch gewesen, der ihrer bedurfte, jemand, dem sie in der Stille ihres Hauses etwas erzählen konnte. Im wachen Zustand indessen war er ein Mann, und zwar ein sehr großer aus Fleisch und Blut, dessen Anwesenheit ihr ganz bestimmt nichts anderes als Schwierigkeiten bringen konnte.

„Also schmerzt Euch Euer Kopf auch, ja?“ Sie rieb mit dem Daumen über den Rand des jetzt leeren Bechers in ihren Händen.

„Ja, das tut er. Zumindest tat er es, bevor Ihr mir diesen Zaubertrank verabreichtet.“ Er kämpfte gegen die schläfrige Benommenheit an und wollte unbedingt die Augen öffnen, wenn auch nur einen Moment. Er musste doch schließlich wissen, wie die Frau aussah.

„Ich dachte mir, wenn Ihr das Fieber erst einmal überwunden habt und wenn das Gift Euer Bein verlassen hat …“

„Es ist schon beinahe fünf Jahre her, seit ich mir das Bein gebrochen habe, weil ich den verdammten Affen des Jungen aus den Wanten gejagt habe“, fiel Jonathan ihr ärgerlich ins Wort. „Und wenn ich mir dabei irgendein Gift aufgeladen hätte, wäre ich längst tot.“

Er wollte sich aufsetzen, und schon kehrte der Schmerz zurück, so frisch und scharf wie an jenem Tag, als das Tau gerissen und er selbst aus zwanzig Fuß Höhe aufs Deck gestürzt war. Das war doch verrückt, vollkommen verrückt! Leise fluchen tastete er zu seinem Bein hinunter und fühlte die Leinenbinde um seinen Oberschenkel. Und dabei hätte er sein Leben verwettet, dass die Geschichte bereits vor fünf Jahren passiert war! Allerdings war da damals keine Frau mit weicher, verführerischer Stimme gewesen.

Er riss den feuchten Lappen fort, der über seinen Augen lag, und war fest entschlossen, sich zu erheben. Er stützte die Arm auf die schmale Pritsche, doch schon diese kleine Bewegung erschöpfte ihn, und als Damaris ihn behutsam zurückdrückte, ließ er sich wieder in die Kissen fallen. Sein Gesicht war schweißfeucht.

„Ihr müsst schlafen, oder das Fieber kehrt zurück“, schalt sie. „Ich habe Euch gewiss nicht vom Grabesrand zurückgeholt, damit Ihr infolge eigener Dummheit gleich wieder in die Grube springt!“

„Zum Teufel mit Eurem Fieber!“ Mit unerwartet kräftigem Griff packte er ihr Handgelenk und drückte sich ihre Hand gegen seine nackte Brust. Seine Augen wirkten jetzt wach und klar, kein Rest von Benommenheit verschleierte seinen zornigen Blick. „Welches Spiel treibt Ihr mit mir, Mistress? Was soll dieser üble Scherz?“

„Still! Ihr redet irre.“

„Ihr selbst redet irre! Ihr erzählt mir Geschichten, die nicht einmal ein Kind glauben würde.“

„Ihr habt nicht das Recht, mich zu anzuschuldigen“, verteidigte sie sich. „Ich bin ganz gewiss nicht ohne Fehl und Tadel, doch ich lüge nicht, weder Euch noch einem anderen Menschen gegenüber.“

Trotzdem blieb ihre Hand in seiner, denn es war nicht so sehr sein Griff, der Damaris gefangen hielt, sondern vielmehr sein Blick.

Dass Jonathan Sparhawk gut aussah, war ihr schon früher aufgefallen, doch wie er jetzt ausschaute, da seine grünen Augen hellen Zorn sprühten! Unter ihren Fingern konnte sie sein Herz hämmern fühlen und sein heftiges Atmen, und wie er sie so anstarrte, wurden ihre Wangen ganz heiß.

Mit einmal wurde ihr bewusst, wie sie aus ihrem Schlafzimmer an seine Seite geeilt war – nur mit ihrem Nachthemd und einem Schultertuch bekleidet, und ihr ungeflochtenes Haar hatte sie nicht einmal züchtig bedeckt.

Trotz seines Zorns betrachtete Jonathan sie mit größtem Interesse. Selbst im flackerndem Licht der einzigen Kerze hielt ihr Gesicht, was ihre sanfte Stimme versprochen hatte. Die Frau war groß und schlank, doch keineswegs dürr. Ihre zarte Haut war von leichtem Sonnenbraun überhaucht und zeigte eine warme Farbe, die nicht der Mode entsprach. Ihre roten Lippen waren vor Überraschung ein wenig geöffnet, und ihre großen Augen leuchteten blau. Das Haar, von der Farbe dunklen Honigs, floss um ihre Schultern.

„Ich sagte, Ihr erzähltet Geschichten. Ich behauptete nicht, dass Ihr lügt. Das ist ein himmelweiter Unterschied.“ Ihm war klar, dass diese Frau nicht voller Falsch sein konnte – nicht bei solchen Augen! – doch er selbst war zu verwirrt, um das mit Anstand zuzugeben. „Ihr seid mehr wie Scheherezade.“

„Scheherezade?“, fragte Damaris und versuchte, diesen Namen irgendwo im Alten Testament unterzubringen.

„Scheherezade. Diese heidnische Verführerin, die irgendeinen orientalischen König mit ihren Geschichten besänftigt hat.“ Langsam lockerte er seinen Griff um ihr Handgelenk, und sein Blick wanderte tiefer hinab. Das Oberteil ihres Nachtgewands schmiegte sich an ihren Körper, sodass er die runde Kurven ihrer Brüste sehen konnte. „Ich glaube, dadurch gelang es ihr, den eigenen Hals zu retten und auch noch den König in ihr Bett zu bekommen.“

Jetzt errötete sie so heftig und zeigte ihre Verlegenheit so deutlich, dass er beinahe laut gelacht hätte. Zu seinem Erstaunen zog sie sich trotzdem nicht zurück, wie er es erwartet hatte. Ihre Finger schlossen und spreizten sich an seiner Brust, und er hätte gewettet, dass sie sich dessen gar nicht bewusst wurde. Sie war ohne jeden Zweifel eine erwachsene Frau, dennoch hatte sie sich die Ahnungslosigkeit eines jungen Mädchens bewahrt, das nicht ahnte, wie hübsch es war.

Vielleicht liegt das daran, weil sie nicht wahrer ist als der Rest meines verrückten Fiebertraums, dachte Jonathan. Er ließ seine Hand an der Innenseite ihres Arms entlanggleiten und ertastete mit dem Daumen die Pulsader an ihrem Handgelenk. Nein, sie war ein Mensch aus Fleisch und Blut, das konnte er fühlen, und er konnte auch den Duft einer aus dem Schlaf geweckten Frau wahrnehmen, was seinem noch immer recht benommenen Kopf gar nicht guttat.

Nachdenklich betrachtete Jonathan ihre volle Unterlippe. Wieso benehme ich mich eigentlich so wohlanständig? fragte er sich. Schließlich lag er bereits nackt im Bett dieser Frau, und das immerhin schon seit zwei Wochen. Jedenfalls hatte sie das selbst behauptet. Behutsam zog er sie herunter, und sie beugte sich geschmeidig über ihn.

Damaris fühlte, wie sich ihre Brüste an seinen Oberkörper drückten, und die Hitze zwischen ihrer und seiner Haut hatte nichts mit Fieber zu tun. Das Gewissen rief ihr zu, dass dies hier ein Wahnsinn war, der sofort unterbunden werden musste. Sie vermochte sich indessen nicht zu wehren oder sich zurückzuziehen. Dabei war sie doch eine gute Frau, Ebenezer Allyns Witwe, und keine … keine …

Sie wusste nicht mehr, was sie war und was nicht. Mit den Fingern strich Jonathan an ihrem Hals entlang, zeichnete ihre Kinnlinie nach, und dann berührten sich ihre Lippen, zuerst nur so hauchleicht, dass Damaris vor Erwartung bebend den Atem anhielt. Sie hoffte, dass jetzt das folgte, was sie zugleich fürchtete.

Er verflocht die Finger mit ihrem seidigen Haar, zog ihren Kopf noch näher zu sich heran und bewegte seine Lippen verführerisch über ihren Mund. Ihre Glieder schienen weich wie Wachs zu werden, ihr Herz pochte wild, und in ihrem Körper breitete sich ein vollkommen unbekanntes Gefühl aus.

Oh ja, sie ist durchaus eine Frau aus Fleisch und Blut, befand Jonathan, während er sie küsste. Trotz seiner Schmerzen und trotz der dämpfenden Arznei berauschte ihn der Geschmack ihrer Lippen unbeschreiblich. So nahe er selbst dem Tod auch gewesen sein mochte, in dem Kuss dieser Frau spürte er wieder das Leben und das Feuer der Leidenschaft.

Er vertiefte den Kuss, doch schon fühlte er die Schwäche zurückkehren. Eine Frau wie diese verdiente mehr, als er ihr augenblicklich zu schenken vermochte. Widerstrebend löste er seinen Mund von ihrem. Seine Hände fielen auf die Bettdecke zurück. Noch immer verharrte Damaris mit leicht geöffneten Lippen und geschlossenen Augen über ihm, und ihre schnellen, kurzen Atemzüge streiften warm seine Wange.

„Ich bedaure zutiefst, meine Liebe“, flüsterte er kläglich und versuchte, ein Lächeln zustande zu bringen. „Ich schwöre, dass ich Euch beim nächsten Mal nicht unbefriedigt zurücklassen werde. Allerdings werdet Ihr Euch das wohl schon gedacht haben, nicht wahr?“

Er streichelte ihre Wange, und Damaris schlug die Augen auf. „Meine süße Scheherezade“, murmelte er schläfrig. Wenn er nur mehr von ihr wüsste!

Unvermittelt setzte sich Damaris auf. Entsetzt über ihr eigenes Verhalten drückte sie sich die Hände an den Mund. Sie fühlte noch die Hitze des Kusses auf ihren Lippen, und diese Lippen würden sie wieder so schamlos verraten.

Sie bebte. Niemals zuvor hatte sie sich so dem Augenblick hingegeben, ohne an die Folgen zu denken. Nur war der Kuss dieses Mannes so anders gewesen als das, was sie von Eben kannte, der sie meistens nur auf die Wange geküsst hatte. Kein Wunder, dass Jonathan sie mit dieser heidnischen, sündhaften Scheherezade verglich!

Sie zog sich ihr Umschlagtuch fest um die Schultern und über die Brüste und rang um Haltung. Der Mann war noch schwer krank. Möglicherweise würde er sich später nicht mehr an das erinnern, was eben zwischen ihnen geschehen war. Oder er würde es für einen seiner Fieberträume halten. Wenn sie so tat, als wäre überhaupt nichts vorgefallen, würde er das vielleicht ebenfalls glauben.

Sie atmete tief durch und hoffte nur, ihre Stimme würde nicht versagen. „Könnt Ihr mir die Namen Eurer Verwandten oder Freunde nennen, damit ich ihnen mitteilen kann, dass Ihr Euch in Sicherheit befindet?“

Er schloss die Augen und lag minutenlang schweigend da. „Ich kann sie Euch nicht nennen, Mistress, weil ich sie selbst nicht kenne“, erklärte er schließlich so leise, dass sie sich heranbeugen musste, um ihn zu verstehen. „Mir ist, als hätte sich dichter Nebel über mein Denken gelegt, um die Wahrheit vor mir zu verbergen. Ich sehe nur Bruchstücke, kleine Fetzen, nichts, das ich zu fassen vermag.“

Er lachte freudlos. „Das kommt sicherlich von dem Zaubertrank, den Ihr mir verabfolgt habt“, meinte er. „Ja, Euer Trank hat mein Gehirn getrübt.“ Das klang so verzweifelt, dass Damaris erschrak.

„Der Trank enthielt doch nur Rainfarnextrakt und Honig gegen das Schwindelgefühl, sonst nichts.“

Besorgt zog sie sich das Tuch noch fester um die Schultern. Sie hatte schon von Menschen gehört, die durch einen Schlag auf den Kopf das Gedächtnis verloren hatten, doch solche Personen hatte sie noch nicht selbst gesehen. „Ihr erwähntet, dass Ihr Euch auf einem Schiff bei der Jagd nach dem Affen eines Jungen einmal das Bein gebrochen hättet. Könnt Ihr Euch an den Namen des Jungen oder des Schiffs erinnern?“

„Hölle und Verdammnis, ich kann mich an nichts, an absolut gar nichts erinnern.“ Seinem Fluchen fehlte das Feuer; es klang nur verloren und traurig. Außerdem war seiner jetzt lallenden Stimme anzuhören, dass der Trank nun doch Wirkung zeigte. „Ich weiß weder den Namen meines eigenen Vaters noch den meiner Mutter. Euren ebenfalls nicht. Ich kann Euch nicht einmal beim Namen danken.“

„Damaris“, flüsterte sie. „Ich heiße Damaris Allyn, und Ihr habt diesen Namen zuvor nicht gekannt.“

Jonathan war bereits in die Bewusstlosigkeit geglitten. Wahrscheinlich würde er den Tag und die folgende Nacht durchschlafen. Trotzdem durfte sie ihn nicht allein lassen, um mit den anderen hinauszugehen und auf van Vere zu warten. Sie wollte Calebs Frau Ruth bitten, bei Jonathan zu wachen. Eilig kleidete sie sich an, versorgte das Herdfeuer, warf noch einen letzten Blick zu dem Schlafenden hinüber und schloss dann leise die Haustür hinter sich.

Die Sonne stand schon höher über dem Wasser. Damaris schaute zum Haus zurück und versuchte, nicht fortwährend an den Mann zu denken, der in ihrer Küche schlief. Seit sechs Jahren war dieses Haus ihr Heim, und sie vermochte sich nicht vorzustellen, jemals anderswo zu wohnen. Ebens Vater hatte es nach den letzten Indianerkriegen gebaut, nachdem König Philips Soldaten die alte Farm niedergebrannt hatten.

Die Vorderfront war mit jetzt silbergrau verwitterten schmalen Holzschindeln verkleidet. Das Haus war einstöckig, ein hoher, spitzer Giebel befand sich über der Tür, und die neun Fenster waren mit Bleiglasscheiben versehen, die extra aus London geliefert worden waren und damals eine Menge Getuschel über Allyns Dünkelhaftigkeit ausgelöst hatten. Die Nordseite des Hauses bestand aus Feldstein und erhob sich zu einem massiven Kaminabzug, der seitwärts bis auf die Höhe des Küchenherds abfiel.

Hinter dem Haus befanden sich ein kleiner Stall, der Brunnen, das Hühnerhaus und der Küchengarten. Eine Steinmauer fasste den Hof ein und schützte vor allem die Sommerblumen, Chrysanthemen sowie Stock– und Buschrosen, die Eben aus London für Damaris hatte kommen lassen.

Damaris lächelte traurig, als sie an Eben dachte. Obwohl Nantasket von Anbeginn den Allyns gehört hatte, war Eben nie wirklich daran interessiert gewesen. Für Damaris hingegen bedeutete das Anwesen viel mehr.

Die meiste Zeit ihres Lebens hatte sie sich zwischen Almosen und Armut bewegt. Mit ihrer verwitweten Mutter und drei Cousinen hatte sie zusammengedrängt in einem zugigen Dachboden über der Werkstatt ihres Onkels in Newport gelebt. Für sie waren dreißig Hektar Nantasket–Land mehr, als sie sich jemals hätte vorstellen können.

Als weit gereister Seemann hatte sich Eben durch die Arbeit für die Farm, die ihm von seinem Vater vererbt worden war, angebunden gefühlt. Schmuggeln war zu dem besten – und auch einträglichsten – Mittel gegen seine Langeweile geworden. Mit dem Geld der Kaufleute aus Newport, die seinen unverzollten Alkohol erstanden, konnte er es sich leisten, seine Schafe zu verkaufen und das Farmland brachliegen zu lassen. Wenn Damaris sich um seine persönliche Sicherheit sorgte, verspotte er sie nur leise.

Im vergangenen Herbst war dann die Nacht gekommen, in der Eben und seine Männer im dichten Nebel an ein anderes Schiff gerieten. Ob es ebenfalls Schmuggler wie sie, Piraten oder Zollfahnder waren, erfuhren sie nie so genau. Jedenfalls war Eben innerhalb einer Minute tot, erschossen. In ihrem Kummer hatte Damaris gelobt, dem Schmuggel abzuschwören.

Doch dann war eine Woche nach Ebens Beerdigung der Advokat zu ihr gekommen. Eben hatte sie zwar als Alleinerbin eingesetzt, doch er hatte das Land so hoch beliehen, dass der Rechtsgelehrte ihr dringend riet, die Farm, das Haus und die Sklaven zu verkaufen, da dies die einzige Möglichkeit wäre, Ebens Schulden abzutragen. Er drängte sie, nach Newport zurückzukehren und sich mit den ihr verbleibenden Mitteln eine bescheidene Witwenwohnung zu suchen, bevor die Gläubiger Nantasket für sich beanspruchten und ihr überhaupt nichts mehr ließen.

Beklommen hatte Damaris zugehört. Nach Ebens Tod war doch Nantasket alles, was ihr noch blieb, und der Gedanke, dass sie jetzt auch noch ihr Heim verlieren sollte, war ihr unerträglich. Zu genau wusste sie, wie es war, arm und von anderen abhängig zu sein, und als Kapitän van Vere im November zurückkehrte, stand sie wartend am felsigen Strand.

Seitdem hatte sie ihren ganzen Profit in die Farm gesteckt und den Tag herbeigesehnt, an dem sich diese wieder selbst würde tragen können. Und sie hatte darum gebetet, dass niemand umkam, der ihr bei ihrem gefährlichen Geschäft half.

Doch nun war dieser Fremde aufgetaucht und hatte die Dinge noch mehr kompliziert. Damaris wusste schon jetzt, dass Jonathan Fragen stellen würde, wenn er wieder bei Kräften war. Direkt lügen wollte sie nicht, und ausweichende Antworten zu geben, war nicht ihre Stärke.

Jonathan Sparhawk würde nicht allzu viel Zeit brauchen, um herauszubekommen, womit sie ihre Nächte verbrachte. Und dann würde er sie und ihre Helfer der ausgesetzten Belohnung wegen bei der Zollbehörde anzeigen, oder würde er Schweigegeld verlangen?

Und was den Kuss betraf, nun, dergleichen würde sich nicht wiederholen, ganz einfach. Damaris Wangen wurden heiß bei der Erinnerung daran, was sie Jonathan erlaubt hatte – nein, was sie selbst so schamlos getan hatte! Sie würde den Mann nie wieder ansehen können, ohne sich zu schämen. Seufzend steckte sie eine lose Haarsträhne unter ihre Haube zurück und wandte sich dem Strandpfad zu.

Bald sah sie die blasse Rauchfahne, die aus dem Schornstein des nicht allzu weit entfernten Hauses der Turners aufstieg. Dieses Haus war wesentlich kleiner als ihres. Es besaß nur eine Küche, eine kleine Diele und einen Schlafraum unter dem Dach. Die Außenwände waren mit groben Schindeln bedeckt, der Fußboden im unteren Geschoss bestand aus festgetretenem Sand, und die wenigen Möbelstücke hatte Caleb selbst, und kein Londoner Möbeltischler gebaut.

Dennoch war das Haus besser als das, was Pächter gewöhnlich erwarten konnten, und es übertraf alles, was Herren ihren Sklaven üblicherweise zur Verfügung stellten. Das hatte Eben Damaris gegenüber oft genug betont.

Für ihn waren Caleb, Ruth sowie die Söhne der beiden ein Eigentum und gehörten zu Nantaskets lebendem Inventar wie die Rinder und Pferde. Für Damaris hingegen waren es Menschen, und so behandelte sie sie auch, was allerdings Ebens Vorstellung von sozialer Rangordnung zuwiderlief.

Obschon sie wusste, dass er es nicht gebilligt hätte, war es nach seinem Tod ihre erstes Anliegen gewesen, den Turners die Freiheit zu schenken und somit aus Sklaven freie Pächter zu machen. Das hatte den Wert des gesamten Grundbesitzes zwar um einige Hundert Pfund geschmälert, doch Damaris hatte es noch keine Sekunde bereut.

„Ihr wollt, dass ich Euch beim Aufbahren Eures Schiffbrüchigen helfe, nicht wahr, Mistress?“, fragte Ruth, nachdem sie Damaris die Tür geöffnet hatte. Eli, ihr jüngster Sohn, zappelte auf ihrem Arm. Sie drückte ihn in Damaris’ ausgestreckte Hände und wischte ihm das mit Haferbrei vollgekleckerte Kinn sauber.

Ruth war eine gut aussehende Frau, stark und gerade gewachsen. Sie besaß makellos reine dunkelbraune Haut und etwas schrägstehende Augen von der Farbe dunklen Bernsteins. Zwar nannte sie Damaris aus reiner Gewohnheit „Mistress“, doch die beiden Frauen verband viel mehr.

„So wie Caleb die Verletzungen des Mannes geschildert hat, habe ich Euch eigentlich schon viel früher erwartet“, fuhr sie fort.

„Nein, Ruth, diesmal irrst du dich.“ Lächelnd legte sich Damaris das Baby in den Arm. Die anderen drei fast schon erwachsenen Söhne der Turners befanden sich mit ihrem Vater bei der Feldarbeit. Elis Geburt vor fünf Monaten war so etwas wie eine freudige Überraschung gewesen, und wie Ruth stets voller Stolz feststellte, war er als Einziger von ihnen in Freiheit zur Welt gekommen.

„Das Fieber des Mannes ist gestern Nacht gebrochen, Ruth, und ich glaube, so Gott will, wird er überleben.“

Ruth zog die Augenbrauen hoch. „Was wollt Ihr denn dann von mir? Ihr habt ihn doch auch ohne meine Hilfe gut genug versorgt, wenn Ihr es geschafft habt, seine sündige Seele vor der Verdammnis zu retten.“

„Du weißt doch gar nicht, ob er sündig ist oder nicht, Ruth“, schalt Damaris. „Weder du noch ich haben das Recht, ihn zu verurteilen.“

„Na, jedenfalls ist er keines von Euren Möwenküken, das sich einen Flügel gebrochen hat.“ Mit beiden Händen nahm Ruth einen Kessel auf, hakte ihn an die Stange über dem Feuer und ließ ihn dabei absichtlich geräuschvoll gegen die Herdsteine schlagen. „Wenn Ihr mich fragt – Ihr hättet ihn besser am Strand seinem Schicksal überlassen sollen.“

Eli rührte sich in Damaris’ Armen, und sie ließ ihn an ihrem Finger nuckeln. „Du weißt, dass ich so etwas niemals tun würde Ruth. Es wäre nicht christlich, einen armen Fremden einfach sterben zu lassen.“

Ruth schnaubte verächtlich. „Eure Christlichkeit wird uns diesmal nichts außer Schwierigkeiten bringen. Ihr befehlt meinem Caleb und den beiden anderen, ihren Hals für Euch zu riskieren und …“

„Ich bitte Caleb“, stellte Damaris leise richtig. „Ich befehle ihm nichts.“

„Ja, ja, Mistress, er tut, was Ihr wollt, ob Ihr ihn nun bittet oder es ihm befehlt“, versetzte Ruth ärgerlich. „Er mag Euch viel zu gern, um Euch etwas abzuschlagen.“ Sie schüttelte den Kopf. „Hört auf meine Worte! Ihr werdet schon genug zu leiden haben, falls die Zolleintreiber nach Nantasket kommen, und jetzt opfert Ihr Euch auch noch für irgendeinen windigen Schurken auf, der uns alle an den Galgen bringen kann.“

„Ich habe dich nicht aufgefordert, das Urteil über diesen Mann zu sprechen, Ruth. Du kannst nicht wissen, ob er tatsächlich ein Schurke ist.“

„Hat er Euch erzählt, dass er keiner ist?“

„Er hat mir so gut wie überhaupt nichts erzählt. Der Schlag auf den Kopf hat ihm das Gedächtnis genommen. Der arme Mann erinnert sich nicht einmal an seinen eigenen Namen.“

„Der arme Mann!“, höhnte Ruth. „Der Teufel soll Euren armen Mann holen! Ihr werdet ihm doch nicht etwa seine Geschichte glauben?“

„Doch, Ruth“, antwortete Damaris leise und streichelte Elis weiche Wange. „Ich glaube, der Mann ist wirklich vollkommen verloren.“

„Und das werdet Ihr auch sein, Mistress Allyn. Sagt mir später nur nicht, ich hätte Euch vor Eurer Torheit nicht gewarnt.“ Düster schüttelte Ruth den Kopf und goss Wasser aus einem Eimer in den Kessel.

Derweil blickte Damaris zu Eli hinunter und hoffte inständig, Ruth könnte ihr diese „Torheit“ nicht schon vom Gesicht ablesen.

„Nun, Ihr seid doch sicherlich nicht hergekommen, um Euch einen Rat anzuhören, den Ihr gar nicht haben wollt, oder?“, fragte Ruth.

Behutsam legte Damaris den inzwischen eingeschlafenen Säugling in die grob gezimmerte Wiege. „Heute Nacht werde ich zusammen mit den anderen wieder auf Kapitän van Vere warten. Falls du kannst, wäre ich dir dankbar, wenn du bei Jonathan wachen würdest.“

„Jonathan heißt er also, ja? Sagtet Ihr nicht, er hätte seine ganze Erinnerung verloren?“

Damaris fühlte sich ertappt. Sie errötete. „Dieser Name war in seinem Taschentuch eingestickt.“

„Und ist der Bursche immer noch so stattlich, wie Caleb behauptet, oder hat das Fieber ihn seiner männlichen Schönheit beraubt?“

Damaris’ Wangen wurden noch heißer. „Ich habe nicht darauf geachtet.“

Ruth winkte verächtlich ab. „Wenn eine Frau nicht mehr merkt, ob ein Mann schön ist oder nicht, dann muss sie selbst schon tot sein.“

„Nun denn, ja, die meisten Frauen würden ihn wohl recht ansehnlich finden.“

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