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Fische füttern

Ein Junge will, dass sein Vater ihm ein Auto kauft.
Der Vater sagt: »Geh erst mal zum Friseur.«
Der Junge: »Aber Jesus hatte auch lange Haare.«
Darauf der Vater: »Stimmt, mein Sohn, aber Jesus ist immer zu Fuß gegangen.«

(David Berman)

Inhalt

GALILEI WAR EIN DUMMKOPF

(Sommer 2005)

Eins … zwei …

Wir zählen. Das Wasser im Kanal ist still und trüb und sieht aus wie Schlamm auf einem verwackelten Foto. Es ist ein Nachmittag im Juli 2005, wir schauen aufs Wasser und zählen.

Wir, das sind Stefano, Silvia und ich, Fiorenzo, aber für den Namen kann ich nichts. Wir müssen bis zehn zählen, na und? Zählen ist schön, du fühlst dich dabei auf der sicheren Seite, denn Mathematik ist eine klare Sache, und wenn du dich darauf einlässt, kannst du nichts falsch machen, das hat schon Galilei gesagt.

Aber Galilei war ein Dummkopf.

Genau, Galileo Galilei, das ist der aus Pisa, und deshalb sind die Schulen hier in der Gegend auch alle nach ihm benannt. Bei der Mittelstufenprüfung vor einem Monat hat meine ganze Klasse in Physik Galilei als Thema genommen. Nur ich habe mich für Kernenergie entschieden. Die ist mir zwar scheißegal, aber Galilei in der Prüfung, den Gefallen wollte ich ihm einfach nicht tun. Er hat sich alles Mögliche ausgedacht, und eines Tages hat er dann geschrieben, dass sich die Erde um die Sonne dreht. Und als der Papst ihn verbrennen wollte, sagte er: Sorry, Irrtum, das stimmt alles gar nicht.

Aber das ist nicht der Grund, warum Galilei ein Dummkopf war. Er war ein Dummkopf, weil er sagte, dass die Natur vor uns liegt wie ein offenes Buch, das in der Sprache der Mathematik geschrieben ist. Er meinte damit, dass sich die ganze Welt und das ganze Leben, die Menschen und Bäume, die Muscheln, Sterne, Seepferdchen, Verkehrsampeln und Quallen mit Zahlen und geometrischen Figuren erklären lassen. Aber das ist totaler Schwachsinn. Hätte ich so was gesagt, hätte man mich zum Teufel gejagt, und zwar mit Recht. Aber weil es Galileo Galilei gesagt hat, muss es wahr sein, denn er war ja ein Genie und lebte in einer Zeit, in der alle Genies und Künstler waren. Die haben ihre Tage nicht mit Einkaufen verplempert oder beim Warten auf der Post oder in der Bar … nein, die haben gedichtet und gemalt oder eben grundlegende Naturgesetze entdeckt.

Alles Schwachsinn, sage ich. Zu Galileis Zeit gab es nicht mal Fahrräder. Elektrisches Licht gab es auch nicht, und wenn die Leute mussten, haben sie in einen ekligen Eimer gemacht und den dann einfach auf die Straße gekippt, egal, ob gerade jemand vorbeiging oder nicht. Die konnten nicht mal Eis herstellen, Mann. Es gab extra Leute, die von den Bergen Schnee holten und verkauften. Die kauften damals Schnee!

Und da behaupten wir jetzt, früher wäre alles wunderbar gewesen und die Leute hätten mehr Verstand gehabt und wir heute seien Idioten, die nichts zustande bringen … Ich meine, wir sind ja Idioten, aber meiner Ansicht nach waren wir das schon immer, von der Steinzeit bis zu diesem Nachmittag, an dem Stefano, Silvia und ich hier am Kanal sitzen und zählen.

Und wenn es darum ginge, wer bei dem, was gleich passieren wird, der größte Idiot ist, würde ich haushoch gewinnen.

Drei … vier …

Im Buch der Natur steht, dass wir bis zehn zählen können. Oder vielmehr müssen. Sonst würde der Böller zu früh aufs Wasser treffen und erlöschen, bevor er explodiert. Wir haben das zigmal ausprobiert, der Grund des Kanals ist mit nichtexplodierten Knallkörpern übersät, auch wenn man die nicht sehen kann, weil das Wasser zu dunkel ist.

Wenn du aber zehn Sekunden wartest, bevor du den brennenden Böller wirfst, ist die Schnur so weit runtergebrannt, dass ihr das Wasser nichts mehr anhaben kann. Der Böller landet im Wasser, sinkt nach unten und explodiert – und dann kommt alles hoch, Blasen und Schlamm und die ganzen Tiere, die es fertigbringen, da unten zu leben: Fische, Aale, Frösche. Die sind schlagartig erledigt und kommen alle gleichzeitig hoch, mit dem Bauch nach oben. Von der Kanalböschung aus siehst du nur die aufgeblähten Bäuche, weiße Streifen, ziemlich tot.

Aber das, was wir an diesem Morgen gesehen haben, war anders: schwarz und riesengroß, mit einem enormen Rücken und total lebendig. Es hat sich ganz gemächlich im Wasser bewegt und es geteilt. Damit ist es also amtlich: Das Kanalmonster existiert, keine Frage. Bis dahin hatte nur Stefano es gesehen, aber auf den kann man sich nicht verlassen. Wenn er nachts aufstehen muss, um zu pinkeln, weckt er seine Mutter, damit sie ihn aufs Klo begleitet.

An diesem Morgen haben wir es also alle drei gesehen. Ging ja gar nicht anders, so riesig, wie es war. Wir saßen oben an der Steilböschung auf dem trockenen Schlamm und haben geangelt, und da ist plötzlich dieses dunkle Ding aufgetaucht, der reine Wahnsinn.

Stefano brüllte ein Hai, Silvia ein Delfin, aber das war unmöglich, denn die leben im Meer. Okay, in Amazonien gibt es halbblinde Delfine, die leben in Flüssen. Aber wir sind hier nicht in Amazonien, sondern in der Provinz Pisa, und das hier ist kein Fluss, sondern bloß ein schmaler Kanal, der nach Gülle stinkt. Das Monster kann also kein Delfin sein und auch kein Hai, aber was ist es dann? Um das rauszukriegen, gab es nur eins, und dafür reichte kein einfacher Kracher, wir brauchten was Ordentliches.

Sechs Böller, sechs Stück! Modell Magnum, Profiqualität, zusammengebunden mit silbernem Isolierband. Stefano fragte: Ist das nicht zu viel?, in diesem nörgelnden Ton, bei dem einem sofort die Wut kommt. Wir haben ihm nicht mal geantwortet, Silvia und ich, sondern ihn nur böse angefunkelt und die Böller auch noch untenrum mit Klebeband umwickelt, schön fest. Sah aus wie ein einziger Riesenkracher, wie eine Handgranate. Für was Größeres hätte schon die Armee anrücken müssen.

Fünf … sechs …

Die Diskussion darüber, wer die Bombe werfen sollte, dauerte eine halbe Stunde. Stefano schüttelte den Kopf, kickte Staub hoch und grummelte Das ist unfair, ihr nutzt nur aus, dass ich der Schwächste bin. Es dauerte eine ganze Weile, bis wir kapiert hatten, dass er nicht werfen wollte, dann erklärten wir ihm die Situation, und er beruhigte sich. Er ging sogar ein Stück zur Seite, um das Geschehen aus sicherer Entfernung zu verfolgen, ganz aufgeregt.

Zwischen Silvia und mir dagegen war ein richtiger Wettstreit entbrannt. Die Idee mit der Superbombe stammte zwar von mir, aber das Geld für die Knallfrösche hatte sie beigesteuert, also standen wir gleichauf. Und wie immer, wenn es eins zu eins steht, hat am Ende Schere-Stein-Papier entschieden.

Los!

Ich Papier, sie Stein. Ich gewinne.

Ein besonderer Moment: Es ist das letzte Mal in meinem Leben, dass ich bei diesem Spiel gewinne. Zumindest mit der rechten Hand, die jetzt die Bombe hält, ein so wuchtiges Ding, dass es mir kaum gelingt. Meine Finger umschließen geballte Kraft, Flamme und Schießpulver, ich bin der König des Kanals.

Und du, Monster, glaubst du wirklich, du bist der Stärkere? Na schön, dann sag mir doch, wie dir dieses Bonbon schmeckt.

Der Arm holt aus, mein Ärmel schiebt sich hoch, ich höre das Zischen der sechs kleinen Flammen, die alle gleichzeitig brennen. Sehr laut, wie aus einer Schlangengrube, wie die Düsen eines Jagdbombers oder die borhaltigen Dämpfe von Larderello. Echt stark. Einfach unglaublich.

Wir zählen gemeinsam, wir brüllen die Zahlen immer lauter, eine nach der anderen in ihrer unumstößlichen Abfolge, und wir sind wie sie: überzeugend, unangreifbar, einfach großartig …

Sieben … acht … bumm.

Mir dröhnen die Ohren.

Ich sehe Stefano schreiend wegrennen, ich kann ihn nicht hören, aber ich weiß, dass er weint. Silvia dagegen steht einfach nur da und starrt auf etwas knapp unterhalb von meinem Gesicht.

Ich senke den Blick und sehe, was sie sieht. Ich sehe die Leere.

Inzwischen haben wir 2010, ein paar Jahre sind vergangen, aber diese Leere ist mir geblieben. Vielleicht war das Isolierband damals nicht silbern und das Kanalmonster nur ein Baumstamm, der in der Hitze und in der verseuchten Brühe diese kuriose Erscheinung abgab. Aber das Gefühl der Leere hat sich mir tief eingebrannt, es ist nicht verschwunden, bis zum heutigen Tag nicht.

Denn die wirkliche Leere, das ist etwas Entsetzliches. Die wirkliche Leere ist nicht das Nichts. Das Nichts ist viel weniger.

Zwei Szenen, um das zu verdeutlichen.

Szene eins: Du öffnest in einem Hotelzimmer eine Schublade, um deine Sachen reinzutun. Das Fach ist leer, und du fängst an, Unterhosen, T-Shirts und Socken einzuräumen.

Szene zwei: Du kommst nach Hause und gehst an den Schrank, wo in der untersten Schublade der Schuhkarton mit deinem ganzen Geld versteckt ist. Du bückst dich, du öffnest den Schrank, die Schublade ist leer.

Zwei Schubladen, und beide sind leer. Aber ist es ein und dasselbe?

Wohl kaum.

Denn die wirkliche Leere ist nicht das Nichts, sondern ein Nichts an einer Stelle, wo eigentlich etwas sein müsste. Etwas Wichtiges, das immer da war, und dann schaust du irgendwann hin und merkst, dass es verschwunden ist.

Wie an jenem Nachmittag im Juli 2005, als mir die Ohren dröhnen und ich an mir runterschaue auf den Arm, der an der Schulter beginnt, am Ellbogen abknickt und dann bis zum Handgelenk geht. Und nach dem Handgelenk – nichts. Da hätte die Hand sein müssen, meine Hand. Sie war immer da, vierzehn Jahre lang, aber jetzt ist da nur Luft, der Gestank aus dem Kanal, sonst nichts.

Das ist die Leere.

Eins zwei drei vier fünf sechs sieben acht … bumm.

Weil Galilei ein Dummkopf war.

Und ich ein noch viel größerer.

METAL DEVASTATION

Na gut, mir fehlt eine Hand, die rechte, und ich bin kein Linkshänder. Das heißt, inzwischen schon, zwangsläufig, aber früher nicht. Früher hab ich alles mit rechts gemacht: gegessen, mich gekratzt, die Fernbedienung gehalten oder den Tischtennisschläger. Und Böller geschmissen, leider.

Hier in Muglione, wo die Leute alle sehr nett sind, nennt man mich Einarmiger oder Krüppelchen, meistens aber Kralle. Einen Glatzkopf nennen sie Locke und Maurino, den stummen Schulhausmeister, Pavarotti.

So ist es immer: Das, was fehlt, zählt viel mehr als das, was da ist, und eine fehlende Hand scheint wichtiger zu sein als die Tatsache, dass ich beispielsweise noch eine andere, heile Hand habe und beide Beine, die Füße und meine Geschmackspapillen.

Ist aber ganz in Ordnung: Fünf Jahre sind vergangen, und ich bin jetzt wieder in der Lage, eine Menge wichtiger Dinge zu tun. Die alltäglichen Dinge, die man erledigt, ohne groß darüber nachzudenken: sich die Schuhe anziehen zum Beispiel, sich waschen und essen. Ich musste die Bewegungsabläufe in lauter Einzelschritte zerlegen und dann wieder neu zusammensetzen. Hat zwar ordentlich Zeit gekostet, aber die Zeit verging, und ich hab’s gelernt. In gewisser Weise bin ich daran wohl auch gewachsen.

Aber die Hand nicht, die wächst nicht nach. Ich schwöre, zuerst hab ich an so was gedacht, gleich nach dem Knall war das mein erster klarer Gedanke. Ein paar Sekunden lang hab ich mich gefragt, ob eine Hand nicht nachwachsen kann. Das ist gar nicht so absurd, denn wenn ein Krebs eine Zange verliert, wächst die ihm auch nach, und wenn du einer Eidechse den Schwanz abtrennst, ist es genauso. Schon irre.

Ich meine, wir sind doch die höher entwickelten Lebewesen, oder? Wie kann es dann sein, dass Krebse und Eidechsen so was schaffen und wir nicht? Sogar die Hummer, Mann, die Hummer! Die haben zwei Riesenzangen, und wenn sie beim Kampf eine verlieren oder sich in einem Fischernetz verheddern, wächst ihnen auch dieses Mordsgerät nach. Und weil ihn das enorm viel Kraft kostet, hört der Hummer auf zu wachsen. Kein Witz, dieses dumme Tierchen da unten auf dem Meeresboden hört auf zu wachsen, weil seine ganze Kraft in die Zange geht, und dann ist es mit einem Mal wieder ganz und wirbelt durchs Wasser. Also: Ein Hummer schafft das, und bei uns, die wir die Natur beherrschen wollen, wachsen nur völlig nutzlose Teile nach wie Nägel und Haare … Tolle Leistung.

Strata-bumm.

Giuliano drischt auf die Snare Drum ein, und meine Gedanken kehren wieder in die Garage zurück. Er setzt sich auf seinem Hocker zurecht, die anderen beiden schauen mit den Instrumenten im Arm zu mir rüber. Es kann losgehen.

One, two …

Schon wieder diese Zahlen, dieses Abzählen. Fünf Jahre ist es her, aber jedes Mal wenn ich zähle, überkommt mich ein Schauder. Ist aber in Ordnung, ein Schauder ist jetzt genau das Richtige, es macht mich wach und gibt mir Power, denn jetzt müssen wir alles geben.

One, two, three, four … Come on!

Die Gitarre setzt mit einem mörderischen Riff ein, zwei Takte solo, dann kommt das Schlagzeug mit einem fetten Wirbel, dann der Bass, volle Power. Ich fixiere die Mauer vor mir und werfe den Kopf im Rhythmus des Stücks nach oben, dass meine Haare nach allen Seiten fliegen.

Noch zwei Takte, dann bin ich dran mit Singen. Also, gezwungenermaßen sozusagen, mit nur einer Hand hatte ich ja nicht groß die Wahl. Klar, stimmt schon, der Schlagzeuger von Def Leppard hat auch noch Platten aufgenommen, nachdem er einen Arm verloren hatte, aber habt ihr euch die mal angehört? Eben, und deshalb kann ich von Glück reden, dass ich eine so begnadete Stimme habe.

Heute Abend gibt es eine Besonderheit: Ich singe italienisch. In gewissem Sinn hab ich verloren, ich war null einverstanden, italienisch zu singen, aber am Ersten Mai findet in Pontedera dieses Oberschulenfestival statt, das sich PontedeRock nennt. Es wird von der Jungen Linken organisiert, und die haben diese hirnrissige Regel, dass alle Songs auf Italienisch sein müssen. Also haben wir abgestimmt und uns entschieden, unseren Arsch zu verkaufen, wir haben drei Songs übersetzt, und die üben wir heute Abend.

Stopp. Noch ein Schlagzeugwirbel, dann bin ich dran.

 

Der Horror kriecht aus seiner Gruft

Da gibt es kein Entrinnen

Der Untote laut nach dir ruft

Er wetzt schon seine Klingeeeeeen.

Die ganzen Eeeeeen … ich presse sie raus mit meiner speziellen, extrem schrillen Powerstimme. Die Metrik ist durch die Übersetzung zwar hinüber, aber ich hatte Schlimmeres befürchtet, viel Schlimmeres.

 

Auf diesem Weg kannst du entweichen

Der führt dich zu den Schädelstätten

Und der Verdammnis sichere Leichen

Fangen schon an, um dich zu wetteeeeeen.

Dann der Refrain. Denn ein guter Song überzeugt durch den Refrain, der abgehen muss wie eine Rakete, die immer höher steigt und schließlich am Himmel explodiert.

 

Der Horror kriecht aus seiner Gruft

Der Horror kriecht aus seiner Gruft

Er sitzt dir schon im Nacken

Und gleich wird er dich packeeeeeen.

Stefano am Bass tauscht einen Blick mit Giuliano, der auf sein Schlagzeug eindrischt: Heute Abend geht’s voll ab, wir sind super. Jetzt Rhythmuswechsel, und dann kommt die Gitarre. Genau jetzt … jetzt …

»Stopp, Stopp! Scheiße, Antonio, wo bleibt dein Einsatz?«

»Wieso jetzt … ich? Jetzt kommt doch nicht das Solo!«

»Aber klar kommt jetzt das Solo.«

»Kann nicht sein, das Solo kommt später. Zuerst der zweite Refrain, dann das Solo.«

»Ja, aber an dieser Stelle hier ist das Mini-Solo, das wolltest du doch unbedingt drin haben!«

Antonio schaut in die Runde. Stefano, der sich in den letzten fünf Jahren kaum verändert hat, schlägt diskret die Augen nieder, aber Giuliano, sauer und verschwitzt, spießt ihn mit seinem Blick auf.

»Ist ja gut, Jungs, ich hab’s verpennt. Cool bleiben.«

»Von wegen cool bleiben: Wir nehmen gerade auf!«

»Okay, okay, jetzt pass ich auf. Versprochen. Aber vorher ’ne Kippe, okay?«

Sie legen die Instrumente ab und gehen alle drei raus. Ich rauche nicht, Rauchen schadet meiner Stimme, und auch der Rauch in der Luft kann für die höheren Tonlagen problematisch sein. Sie werfen sich die Lederjacken über und verschwinden und lassen mich in der Garage zurück.

Aber wir müssen uns ranhalten. Bis morgen, wenn die Leute vom Festival die Gruppen auswählen, brauchen wir drei Stücke. Ich hatte mit ihnen geredet, sie waren zu fünft, drei mit Rastalocken. Leute, die One Drop Musik hören, wo einer singt, alle sollen sich die Hände reichen und auf den Feldern Blumen pflücken, und wenn die Sonne scheint, ist alles gut. Wir haben also keine Chance, aber wir nutzen sie.

Wir tun auch so, als hätte Antonio rein zufällig danebengehauen und als würde das nie wieder vorkommen, obwohl wir alle ganz genau wissen, wo sein eigentliches Problem liegt: Antonio sieht einfach zu gut aus. Er ist fast zwei Meter groß, hat einen Waschbrettbauch, breite Schultern und diese Killerkombination aus schwarzem Haar und grünen Augen. Die Mädchen flippen aus, sobald sie ihn sehen.

Das Problem ist aber nicht nur, dass Antonio zu viel hermacht, das Problem ist auch, dass wir anderen beschissen aussehen. Also, wenn bei mir nicht die Sache mit der Hand wäre, sähe ich gar nicht schlecht aus, aber Giuliano und Stefano fallen deutlich ab. Ich mag sie ja, aber so ist es nun mal. Stefanino wiegt vielleicht fünfzig Kilo und hat vorstehende Zähne, die man auch dann noch sieht, wenn er die Klappe hält, und Giuliano ist ein Fettkloß mit einem schwabbeligen Doppelkinn.

Neulich Abend zum Beispiel: Wir waren auf dem Weg zum Üben, und auf der Piazza standen ein paar Typen rum, die ein Stück älter waren als wir und die nur Antonio kannte. Die sehen ihn mit uns und rufen ihm zu: Hey, Antò, mit wem läufst du denn da rum? Machst du jetzt den Zivi für Spastiker?

Also, da ist es dann schon schwierig, an die Band zu glauben und gut zu spielen. Da fragst du dich schon mal, wo du eigentlich hinwillst und was du dir von all dem versprichst. Wieso vier Freaks in einem Scheißkaff eine Musik machen, die kein Schwein hören will und …

Zum Glück ist die Zigarettenpause zu Ende, und die anderen kommen wieder rein. Wir schauen uns an, wild entschlossen, voller Power.

Und Metal Devastation fängt an, die Welt erneut in Trümmer zu legen.

ALBERTINA

Es ist April, neun Uhr früh, und auf dem Fahrrad ist es ziemlich kühl.

Wenn ich ordentlich in die Pedale trete, wird mir warm, aber dann nimmt der Fahrtwind zu, und mir wird wieder kalt. Ich weiß nicht recht, was besser ist. Ich hätte den Roller nehmen sollen, aber das Benzin ist alle, und statt meinen Vater um Geld anzuhauen, fahr ich lieber für den Rest meines Lebens Rad.

Heute Vormittag vertrete ich ihn im Laden, und das Geld kriege ich, weil es mir zusteht. Es ist kein Taschengeld, das geht also in Ordnung, wenn man mal davon absieht, dass ich dafür die Schule schwänze. Aber wir haben zwei Stunden Mathe, und deshalb ist auch das in Ordnung. Das einzige echte Problem ist, dass ich in Mathe, Physik und Philosophie riskiere, gar nicht erst zum Abitur zugelassen zu werden: und dann gute Nacht. Nein, Schluss jetzt, ab morgen lerne ich, ich werde beweisen, dass ich den Ernst der Lage begriffen habe, doch doch, ab morgen klemm ich mich dahinter, ich schwör’s.

Aber heute Vormittag muss ich den Laden aufsperren, mein Vater ist mit den Jungs bei einem überregionalen Radrennen, und ein Angelladen ist wie eine Apotheke: Wenn ein Kunde einen Notfall hat, musst du da sein.

Früher konnten wir es uns leisten, zwischendurch zuzumachen, weil das Magic Fishing nicht das einzige Angelgeschäft hier in Muglione war. Man konnte auch zu Albertina gehen, so hieß die Besitzerin. Alle nannten den Laden so, denn einen richtigen Namen hatte er nicht, auch kein Schild, und wenn es sich nicht herumgesprochen hätte, hätte man dort niemals einen Laden vermutet, weil es ein ganz normales Wohnhaus ein Stück außerhalb der Ortschaft war. Albertina selbst wohnte dort auch. In einem langen, schmalen Raum stand ein Ladentisch mit ein paar Ruten, Angelrollen und Ködern, aber hinten bei den großen Kartons war eine Tür, und ab und zu verschwand Albertina, um etwas zu holen, und dann sah man ihre Küche.

Dass sie dort auch lebte, war ausgesprochen praktisch, denn wenn man mal zu einer verrückten Uhrzeit Köder brauchte, klingelte man einfach. Dann kam Albertina angeschlurft und gab einem, was man verlangte.

Einmal wollten Stefano und ich in aller Frühe zum Kanal gehen, um ein spezielles Futter zu testen, das wir aus Mehl, Marmelade, Trockenobst und Nesquik selbst zusammengemixt hatten. Wir hatten es probiert, und es schmeckte gut, sehr süß, was prima ist, denn bei Süßem geraten die Karpfen völlig aus dem Häuschen und kommen sofort angesaust. Und wenn dieses Futter, unsere Erfindung, funktionierte, konnten wir es verkaufen und reich und berühmt werden.

Ich habe zwar noch nie gehört, dass jemand mit Karpfenfutter reich und berühmt geworden ist, aber in diesem Sommer glaubten wir irgendwie dran, Stefano und ich. Wir hatten sogar schon einen Namen für das Futter: Magic Karpfen Spezial, und das Rezept war derart geheim, dass wir die Zutaten – hätte es tatsächlich funktioniert – mit Sicherheit nicht mehr zusammenbekommen hätten. Aber erst mal mussten wir es testen, und um es zu testen, brauchten wir für einen Euro Maden für die Angel. Es war sechs Uhr morgens, und mein Vater hatte den Angelladen noch nicht, also fuhren wir zu Albertina und klingelten. Das heißt, vorher ging’s erst noch zehn Minuten hin und her zwischen uns: Klingel du. Nein du. Nein du. Nein, klingel du, oder traust du dich etwa nicht? Wieso, und was ist mit dir? Ich schon. Ach ja? Dann klingel du doch …

Schließlich haben wir beide den Finger auf die Klingel gehalten und gemeinsam gedrückt. Um diese Uhrzeit und in dieser Stille fuhr uns der Klingelton wie ein Stromschlag vom Finger in den Arm, und ich war drauf und dran, aufs Fahrrad zu springen und abzuhauen.

Das Klingeln verhallte, und eine Weile geschah nichts. Dann ging das Licht an, die Tür schnappte auf, Albertina streckte ihren verfilzten, grauen Lockenkopf raus und fragte grußlos, was wir wollten. Sie war nicht sauer, sie wirkte nur total verschlafen.

»Maden bitte, Signora.«

»Wie viele?«

»Für einen Euro bitte.«

Sie verschwand im Haus und kam dann mit den Maden in einer Plastiktüte wieder. Die gab sie uns, nahm das Kleingeld und fragte Braucht ihr sonst noch was? Wir sagten Nein, sie nickte und schloss die Tür hinter sich, und das Licht ging wieder aus.

Während wir mit den Rädern auf holprigen Wegen durch die leeren Felder zum Kanal fuhren, blieb ich stumm und fragte mich verwirrt, ob es für Erwachsene normal war, wegen einer Handvoll Maden in aller Herrgottsfrühe geweckt zu werden. Für mich wäre es nämlich nicht normal gewesen, ich an ihrer Stelle hätte mich furchtbar aufgeregt.

Dann waren wir da, und ich hab nicht mehr weiter drüber nachgedacht.

Das Spezialfutter war ein Flop. Kaum kam es mit dem Wasser in Berührung, löste es sich auf. Aber wir hatten ja noch die Maden. Die befestigten wir am Haken, und schon kamen Karpfen, Welse, Dorsche und auch die eine oder andere Schleie, und unsere Erfindung war vergessen.

Irgendwie kommt’s mir komisch vor, dass wir frühmorgens noch dachten, wir würden Millionäre werden, und eine halbe Stunde später einfach so hinnahmen, dass das alles Blödsinn war. Die Fische bissen an, das war die Hauptsache. Ich fand das erstaunlich und schön, sehr schön.

Mein Vater sieht das anders. Eine solche Haltung bringt ihn auf die Palme. Er nennt das »sich abfinden«, und sich abzufinden ist was für Loser.

»Fiorenzo, am Ende eines Rennens zählt nur die Reihenfolge im Ziel: Erster, Zweiter, Dritter. Und der Zweite und der Dritte sind schon am nächsten Tag vergessen.«

Das sagte er immer nach einem Rennen, denn für ihn gibt es nichts Wichtigeres im Leben. Die Welt ist für ihn nicht mehr als ein Schauplatz für Streckenprofile und Zielgeraden.

Normale Väter gehen mit ihren Kindern auf den Rummel, in den Zoo oder ins Kino, sie kaufen ihnen Sammelbildchen oder nehmen sie mit zum Angeln. Meiner nahm mich nur zum Radtraining mit. Ich hab das Radfahren so früh gelernt, dass ich es anfangs besser konnte als laufen. Aber für mich war das normal. So wie es normal war, hinter dem Begleitfahrzeug gemeinsam mit den Profirennfahrern in die Pedale zu treten.

Sie erklärten mir für jede Strecke die richtige Schaltstellung. Manchmal machte ich aber auch einfach, was ich wollte, und wenn sie mir vor einem Anstieg sagten Schalt jetzt runter, sonst kommst du aus dem Rhythmus, konnte ich ebenso gut den Kopf schütteln und auf dem höheren Gang beharren, in dem sie selbst fuhren. Hinterher merkte ich, wie meine Beinmuskeln steinhart wurden, spürte diesen Schmerz in den Oberschenkeln, genau in der Mitte, und dann fing ich an, mit dem ganzen Körper und den Schultern nachzuschieben, und am Ende schnaufte ich wie ein asthmatischer Hund.

Und so ging es Jahr um Jahr, meine Mutter regte sich auf, mein Vater hörte nicht auf sie, und ich trat in die Pedale und stoppte die Zeit und dachte an den Tag, an dem ich Weltmeister werden würde. Eine Dankesrede hatte ich schon vorbereitet.

Dann, genau einen Tag nachdem ich bei der Bergfahrt auf den Monte Serra meinen eigenen Rekord gebrochen hatte, bastelte ich die Superbombe mit den sechs Krachern, und weg war die rechte Hand. Mit dem Radfahren war es ein für alle Mal vorbei.

Im Krankenhaus kam mein Vater mich nicht besuchen. Das heißt, gekommen ist er schon, aber als er mich sah, musste er losheulen und ist gleich wieder gegangen. Ich habe ihn erst wiedergesehen, als ich entlassen wurde. Ich bin im Pyjama nach Hause gekommen, und wenn du im Pyjama aus einem Auto steigst, dann heißt das, dass es dir nicht wirklich gut geht. Mein Vater stand in der Tür, und zuerst konnte ich ihm nicht in die Augen schauen und er mir auch nicht. Ich, weil ich mich schämte, bei ihm weiß ich nicht, warum.

Aber dann gab er mir ein Poster, das er beim Fotografen hatte machen lassen, ein Foto von Fiorenzo Magni, nach ihm hatte er mich schließlich benannt. Magni war der Löwe von Flandern und fuhr den Giro d’Italia 1956 mit nur einer Hand zu Ende: Er war gestürzt, hatte sich das Schlüsselbein angebrochen und konnte mit dieser Hand nicht mehr den Lenker halten. Aber statt aufzugeben, band der Löwe von Flandern den Zipfel eines Stofffetzens um seinen Lenker und hielt den anderen Zipfel zwischen den Zähnen fest, sodass er sich auch bei den schwersten Steigungen irgendwie im Sattel halten konnte. Auf diese Weise fuhr er durch halb Italien und bezwang die steilsten Berge, und auf dem Poster sieht man ihn mit diesen Beinen, die aussehen wie zwei Bündel Stahlseile. Um ihn herum die tobende Menge, er aber nimmt den Berg in Angriff, mit konzentriertem, zielgerichtetem Blick über den Lenker gebeugt, die Zähne zusammengebissen, die Augen starr nach vorn gerichtet.

Ich sah erst das Poster an, dann meinen Vater. Und er sagte So, Fiorenzo. Schau dir dieses Bild gut an. Genauso wird es ab heute für dich laufen.

Ich war wie vom Schlag getroffen. Wollte er mich wieder den Monte Serra hochjagen, mit einem Fetzen Stoff zwischen den Zähnen? Der spinnt wohl, dachte ich, der will mich fertigmachen. Dabei würde ich mir mindestens ein paar Zähne ausbrechen.

Aber ich hatte ihn falsch verstanden. Er hatte zwar gesagt, von nun an würde es für mich so laufen, aber er meinte keine Radrennen. Er meinte das Leben.

Tatsächlich nahm er mich nie mehr zu einem Radrennen mit. Er trieb mich auch nie wieder an, mich für irgendetwas anzustrengen, zu kämpfen und zu gewinnen.

Das macht er jetzt nur noch mit Mirko Colonna, dem kleinen Champion, diesem Scheißkerl, den er in einem abgelegenen Kaff im Molise aufgegabelt hat. Eine Laune der Natur, einer, der aufs Rad steigt und blind gewinnt, ohne jede Anstrengung, und dabei alle anderen weit hinter sich lässt.

Und ich bin der Allerletzte, winzig klein im Hintergrund. Für meinen Vater bin ich sogar völlig von der Bildfläche verschwunden.

So sieht’s aus, es hat keinen Sinn, dass ich mir was vormache, es ist einfach so, auch wenn es total ungerecht ist. Aber ich bin nicht der Typ, der klein beigibt.

Halt den Stofffetzen fest, Fiorenzo, halt den Stofffetzen fest und beiß die Zähne zusammen.

DIE HUNDE DES SCHICKSALS

(Ripabottoni, Molise, kurz vor Weihnachten)

Es sind zwei. Halb Hund, halb Wolf, und sie bewachen den Kühlschrank des Schäfers am Colle di Sasso. Es ist kein richtiger Kühlschrank, aber auf dieser Seite des Hangs liegt das ganze Jahr über Schnee, und deshalb bewahrt der Schäfer seine Vorräte hier auf.

Magere Hunde mit struppigem Fell, sie tragen keinen Namen und keine Ketten und könnten jederzeit weglaufen. Aber der Schäfer würde sie schon am nächsten Morgen finden und sie den restlichen Vormittag mit Schlägen traktieren. Sie sind schmutzig, sie sind ausgehungert, aber dumm sind sie nicht.

Deshalb würden sie es auch niemals wagen, die Nahrungsvorräte im Schnee anzurühren, eher würden sie verhungern. Sie warten auf den Schäfer, der ab und zu vorbeikommt und ihnen etwas hinwirft. Manchmal hilft ihnen aber auch der Zufall und schenkt ihnen einen Hasen, einen Fasan oder einen Haushund, der sich aus irgendeinem unerklärlichen Grund bis hier herauf verirrt hat. Dann haben sie wieder etwas zu fressen.

Wie jetzt vielleicht, als sie oben auf dem Hügel das Knirschen von Schritten im Schnee hören. Die Hunde heben den Kopf, Geifer im Maul.

Sie wissen nicht, dass das dort oben ein Junge ist, ein Achtklässler, der mit einem schwarzen Müllsack als Schlitten den einzigen Hang runterfahren will, auf dem noch etwas Schnee liegt. Sie wissen nicht, dass der Junge Mirko Colonna heißt und am Morgen aus der Schule weggelaufen ist, um nicht verprügelt zu werden. Sie wissen nur, dass er eine sehr viel gehaltvollere Mahlzeit abgibt als ein Hase und dass er nicht so schnell ist. Hinter einer Brombeerhecke am Fuß des Hügels legen sie sich auf die Lauer und warten darauf, dass ihnen die Mahlzeit direkt ins Maul rutscht.

Aber der Junge lässt sich Zeit. Er setzt sich auf den Müllsack, steht wieder auf, wischt sich die Hände trocken, begutachtet den Hang … Die Hunde hinter der Brombeerhecke beobachten ihn mit ungeduldig zitternden Läufen und können es kaum erwarten, sich auf ihn zu stürzen.

Endlich entschließt sich das Stück Fleisch dort oben, stößt sich mit den Händen ab und gleitet den Hang hinunter. Der Junge gewinnt an Fahrt und stößt einen Schrei aus, Uaaaaaaaaa!, bis er auf halbem Weg an einer aus dem Schnee ragenden Wurzel hängen bleibt. Einer der beiden Hunde hält es nicht mehr aus, er schießt aus der Deckung hervor, der andere hinterher, und jetzt jagen sie gemeinsam den Hang hinauf, ein hungriges Knurren in der Kehle.

Aber dieser Blödmann rennt nicht weg. Nein, er sieht die Hunde auf sich zukommen und bleibt regungslos liegen, die Arme neben dem Körper, als wollte er es ihnen leichter machen, ihn in Stücke zu reißen. Es dauert einen Moment, bis er aufsteht. Den Müllsack lässt er zurück, er rennt den Hang hoch und auf der anderen Seite wieder runter. Wütend stürzen sich die Hunde auf den Müllsack, zerren und reißen an ihm in wildem Gerangel, lassen endlich von ihm ab, Plastikfetzen im Maul, wilde Tiere eben. Dann nehmen sie bellend die Verfolgung wieder auf.

Der Mensch ist jetzt am Fuß des Hangs angekommen, steigt auf ein gelbes Ding mit zwei Rädern, beginnt mit den Beinen in der Luft zu rudern und saust los, Richtung Waldrand und Straße.

Die Hunde wissen es nicht, aber es ist ein Fahrrad, ein abgetakeltes Damenfahrrad, das sie dem Jungen in der Schule jeden Tag ein bisschen mehr demolieren. Bei allen ist er verhasst, der kleine Musterschüler Mirko Colonna, der mit seinen Einsern den Rest der Klasse zu mittelmäßigen Schülern macht.

Neulich, vor der Klassenarbeit in Italienisch, ist Damiano Cozzi persönlich zu ihm an den Platz gekommen. Der große, kräftige Kerl hatte sich so vor ihm aufgebaut, dass sein Schatten die Schulbank verdunkelte.

»Hör zu, du Wichser, weißt du, was passiert, wenn ich heute keine Fünf schaffe? Die schicken mich arbeiten. Und weißt du auch, wohin? Zu meinem Onkel, der zieht die Toten an, das ist sein Beruf. Wusstest du, dass die Toten angezogen werden? Sie werden angezogen, und vorher werden sie gewaschen. Ich weiß nicht, wie ein Toter gewaschen wird, und ich will es auch gar nicht wissen. Aber wenn du diesmal wieder eine Eins schreibst und der Lehrer wieder damit anfängt, dass wir im Vergleich zu dir jämmerliche Nieten sind, bin ich am Arsch. Und dann kannst du Gift drauf nehmen, dass der erste Tote, den ich anziehe, du bist. Klar soweit?«

Und um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, hatte er sich Mirkos Füller gegriffen und mit zwei Fingern zerbrochen, einfach so. Wäre gar nicht nötig gewesen. Mirko hatte sehr gut verstanden, weshalb er auch den schrägsten Aufsatz überhaupt geschrieben hatte. Heute Morgen dann war der Lehrer völlig aufgelöst in den Unterricht gekommen.

»Kinder, ich hatte euch Weihnachten und das Konsumverhalten als Thema gegeben, weil es in diese Jahreszeit gehört und ich eure Meinung dazu erfahren wollte. Aber euer Mitschüler Mirko Colonna hat sich nicht daran gehalten und darüber geschrieben, warum Lehrer sein ein armseliger und beschämender Beruf ist. Ich habe seinen Aufsatz wieder und wieder gelesen und bin jetzt hier, um mich von euch zu verabschieden, weil ich hier aufhöre.«

Die Direktorin kam rein, und alle standen auf, nur Damiano Cozzi blieb auf seinen Stuhl gefläzt, der für seinen Hintern viel zu klein ist. Er wusste, wie es ausgehen würde, und das Einzige, woran er denken konnte, war die Frage, ob die Leichen auch untenrum gewaschen werden müssen.

»Herr Giannaccini, ich bitte Sie, lassen Sie es sich doch noch einmal durch den Kopf gehen. Jetzt, wo Sie verbeamtet sind …«

»Frau Direktorin, Beamter oder nicht, was bedeutet das schon … Lesen Sie mal diesen Aufsatz, ich bitte Sie darum, und sagen Sie mir dann Ihre Meinung.« Er hielt ihr das Blatt hin, aber die Direktorin hob abwehrend die Arme und wich zurück, als hätte man ihr einen Skorpion unter die Nase gehalten, dann suchte sie das Weite.

Auch Mirko Colonna suchte das Weite. Er bat um die Erlaubnis, aufs Klo zu gehen, und flüchtete dann aus der Schule. Man würde ihm die Hölle heißmachen, vielleicht würde er von der Schule fliegen, aber das war immer noch besser, als von Damiano Cozzi umgebracht zu werden. Zu Hause kam ihm die Idee mit dem Schlitten, und jetzt würden ihn die Hunde des Schäfers fressen. Also stimmt es doch: Seinem Schicksal kann man nicht entrinnen.

Die Hunde sind hinter ihm her und knurren. Sie haben keine Ahnung von Fahrrädern und verbeamteten Lehrern und Klassenarbeiten, aber vielleicht haben sie eine Ahnung vom Schicksal. Und mit Sicherheit verstehen sie sich aufs Laufen.

Mirko hat den Waldrand erreicht, jetzt ist die Straße asphaltiert. Er möchte abwärts fahren, aber dann wären die Hunde sofort bei ihm, er muss also wenden und den Anstieg zum Monte Muletto nehmen. Er erhebt sich aus dem Sattel und tritt mit aller Kraft in die Pedale. Der harte, glatte Asphalt ist für die Hunde ungewohnt, und es dauert eine Weile, bis sie damit zurechtkommen.

Jetzt zählt jede Sekunde, die Straße wird richtig steil, und dieses Stück Fleisch, das da vor ihnen auf und ab hopst, muss allmählich die Anstrengung spüren. Sogar die Tiere spüren sie, obwohl sie vier Beine haben und Laufen ihre Natur ist. Wie muss es dann erst dem Jungen gehen. Er strampelt sich ab, beugt den Oberkörper ganz weit nach vorn. Die Bestien wittern seinen Schweiß. Sie haben Blut geleckt und stellen sich schon auf einen Kampf um die zartesten Happen ein.

Aber es ist unglaublich, der Junge gibt nicht auf. Das gierige Knurren hinter ihm und das letzte Fünkchen Überlebenswillen: Vielleicht ist es das, was ihm die Kraft gibt, erneut im Stehen zu fahren. Doch die Kurven werden immer steiler, und die nächste steht wie eine Mauer vor ihm. Keuchend wendet der Junge den hochroten Kopf, die Hunde sind ihm auf den Fersen, sie kommen immer näher …

Und dann, plötzlich, hinter ihnen, hinter dem Jungen und den Hunden und inmitten dieses Kampfs aller drei ums Überleben ist das Dröhnen eines Motors zu hören.

Ein Wagen, es kommt jemand, der Junge dreht sich um, schwenkt den Arm, ruft um Hilfe. Aus dem Auto ein blechernes Gebrüll, das die Stimme des Jungen übertönt und die ganze Landschaft beschallt.

»Hau in die Pedale! Wenn du einen Fuß auf den Boden setzt, fahr ich dich über den Haufen. Hau in die Pedale!«

Das Auto gibt Gas und rückt den Hunden auf die Pelle und hupt. Die Tiere weichen zum Straßenrand aus, wo sie weiterlaufen. Doch der Wagen drängt sie immer weiter zur Seite, schneidet ihnen dann den Weg ab und legt eine Vollbremsung hin. Die Tür springt auf. Die Hunde begreifen nicht recht, was vor sich geht, aber was da auf sie zukommt ist eine noch gehaltvollere Mahlzeit.

Allerdings ist sie nicht wehrlos, der Mann hält eine Eisenstange in der Hand, wie auch der Schäfer eine hat. Die Hunde springen auseinander, ducken sich, bereit zum Angriff. Aber der Mensch ist schneller. Jetzt hat er einen der beiden Hunde erreicht und zieht ihm mit der Stange eins über. Ein schwerer Schlag, ein schneidender Schmerz, der Laut aus dem Hundemaul klingt wie eine verlöschende Kerze.

Das Tier taumelt kurz, es sieht seinen Gefährten hangabwärts stürmen, und sobald es wieder weiß, wie man die Beine gebraucht, jagt es ihm hinterher. Auf das Wäldchen zu und auf die andere Seite des Colle di Sasso, wo Schnee liegt und wo jetzt vielleicht der Schäfer vergeblich nach ihnen Ausschau hält.

Dort unten, in Erwartung weiterer Prügel, verschwinden die beiden namenlosen Hunde im Gehölz und damit auch aus dieser Geschichte.

Roberto Marelli ist wieder eingestiegen, hat die Eisenstange im Fußraum abgelegt und fährt jetzt im ersten Gang und mit heulendem Motor weiter bergauf.

Zwanzig Jahre lang ist er selbst Radrennen gefahren, seit zehn Jahren trainiert er den Nachwuchs. Er kennt zahlreiche Profis und wird zu vielen offiziellen Feierlichkeiten eingeladen, auch hierher, in die Provinz Campobasso, die im nächsten Jahr Etappenziel des Giro d’Italia sein wird.

Aber er hatte keine Ahnung, wie abgelegen diese Gegend ist. Er ist viel zu spät in Muglione losgefahren und weiß jetzt nicht einmal, wo er sich gerade befindet. Die beiden Hunde mitten auf der Straße, die ihm den Weg versperrten, hätte er am liebsten überfahren. Aber dann ist dieser Knirps auf seinem Schrottfahrrad vor ihm aufgetaucht, und alles andere hatte auf einmal keine Bedeutung mehr. Denn dieser Junge fuhr und fuhr, ohne sich auch nur einmal umzudrehen, in einem irrwitzigen Tempo, und die Haarnadelkurven nahm er absolut gekonnt und mit schier unerschöpflicher Energie.

»Weiter, bloß nicht aufgeben! Wenn du absteigst, brech ich dir die Knochen! Bis ganz rauf, los, du schaffst es, eins-zwei, eins-zwei, eins-zwei!«

Der Junge taumelt kurz, doch er sieht die Motorhaube von hinten immer näher kommen und tritt weiter in die Pedale, kraftvoll und verzweifelt. Er ist unverkennbar am Ende, er spreizt die Knie, der Oberkörper wankt, aber er kämpft sich weiter den Berg hoch. Auch dann noch Kräfte zu mobilisieren, wenn alle Energie verbraucht ist, das ist das Geheimnis der großen Radrennfahrer. Wir alle verfügen über Kräfte, wir alle können sie mobilisieren. Aber ein Champion holt selbst dann noch etwas aus sich heraus, wenn alle Reserven aufgebraucht sind. Und dieser kleine Teufelskerl hier vor ihm ist ein Champion.

»Eins-zwei, eins-zwei, eins-zwei! Gleich hast du’s geschafft, gleich hast du’s geschaaaaaaaaafft!«

Der Knirps nimmt die letzte Kurve, vor ihm taucht schon die Kuppe des Bergrückens auf, er steht in den Pedalen, den Kopf gesenkt, wirft sich von einer Seite auf die andere wie die echten Bergfahrer, wenn sie in einer Art Ballett den Berg erobern. En danseuse, im Wiegetritt, so heißt der Fachbegriff. Wie Charly Gaul, wie José Manuel Fuente – und wie diese halbe Portion hier auf einer abgelegenen Straße im Molise.

Der Aufstieg ist geschafft, der Junge hält an, das Fahrrad bricht unter ihm weg. Er duckt sich, hebt die Hände, als wolle er sich ergeben, und sagt: »Signore, ich kenne Sie nicht, ich habe nichts …« Er krümmt sich noch weiter zusammen und kotzt.

Roberto lässt das Auto mitten auf der Straße stehen, beim Aussteigen stößt er sich das Knie an und verflucht den Himmel und seine Bewohner, dann reißt er sich zusammen und rennt zu dem Jungen mit den ängstlich aufgerissenen Augen. Der schlägt die Hände vors Gesicht und stellt sich auf den ersten Hieb ein. Stattdessen spürt er etwas Leichtes, Warmes auf dem Rücken, eine Decke, die ihm der Mann über die Schultern legt.

»Junge, was bist du bloß für ein Teufelskerl! Steig ein! Was bist du für ein kleiner Teufel, was bist du nur für ein kleiner Teufel!«

NEUGEBORENE KÄTZCHEN

MIA-UUUUUUU.

MIA-UUUUUUU.

Das dünne Wimmern der neugeborenen Kätzchen klingt, als würde jemand weinen, und es lässt mir keine Ruhe. Dazu ist es auch noch dunkel, die Straßen sind so still und ausgestorben, dass die Klagelaute aus dem Karton Stimmen aus dem Jenseits ähneln. Als würden Gespenster nach mir rufen.

Aber heute ist ein großer Abend, und nichts kann mich runterziehen. Denn die Nachricht ist einfach der Hammer: PontedeRock hat uns eingeladen zu spielen. Nächste Woche wird Metal Devastation Pontedera in Grund und Boden stampfen!

Ich hatte sie falsch eingeschätzt, diese Rasta-Typen vom Organisationsteam. Wir müssen italienisch singen, das macht schon einen Unterschied, klar, aber es ist immerhin ein Anfang. Wenn wir erst mal auf der Bühne stehen, gehört das Publikum uns. Und wenn wir uns einen Namen gemacht haben, können wir sowieso spielen, wie und was wir wollen, und dann machen wir verdammt noch mal unser eigenes Ding. Der Weg nach oben ist lang und hart, das sagt auch AC/DC. Und wir wollen nach oben, verdammt noch mal.

MIA-UUUUUUU.

MIA-UUUUUUU.

Diese blöden Kätzchen. Mein Vater hat gleich gesagt, dass zwei Müllcontainer neben dem Laden eine Katastrophe sind. Einer war dringend nötig, aber eben nur einer.

MIA-UUUUUUU.

MIA-UUUUUUU.

Mein Vater redet immer in diesem Ton, der keinen Widerspruch duldet. Er hat mir erklärt, dass es in einem Angelladen so und nicht anders laufen muss: Der Kunde kommt rein und will etwas kaufen, aber vorher stellt er dir Fragen. Wichtige, ganz gezielte Fragen. Zum Beispiel, ob für einen bestimmten Fisch jetzt die richtige Saison ist und ob man ihn besser mit Würmern oder mit Maiskörnern und Polenta fängt. Da kannst du nicht einfach sagen, das ist egal, oder nur mit den Schultern zucken, denn sonst haben einen Monat später die Chinesen den Laden übernommen und verkaufen Synthetikhemden und bunte Lämpchen. Nein, in einem Angelladen musst du klare und präzise Antworten parat haben, da gibt’s nur schwarz und weiß, auch wenn die Angelei eine extrem unberechenbare Angelegenheit ist und ein Achselzucken tatsächlich die ehrlichste Antwort wäre.

Allerdings muss ich zugeben, dass mein Vater meistens richtigliegt. Auch als die Stadtverwaltung die beiden Müllcontainer neben unserem Laden aufgestellt hat. Ich bin sofort zu ihm gelaufen und hab ihn gefragt, ob er nun zufrieden ist, und er meinte ganz ernst: »Ach, Fiorenzo, einen wollte ich haben, Herrgott noch mal, einen einzigen. Aber die wollten einen auf spendabel machen und haben uns zwei hingestellt, und jetzt haben wir den Mist.«

Denn in Italien ist ein Müllcontainer ein Müllcontainer, die Leute werfen ihre Müllsäcke rein, und die Sache hat sich. Aber bei zwei Containern hast du an der Stelle im Nu eine Müllkippe, und dann musst du dich auf das Schlimmste gefasst machen. Das befürchtete mein Vater, und ich dachte, das wäre Quatsch. Aber dann ging’s los mit dem ganzen Schrott.

Fernsehapparate mit zerbrochenem Bildschirm, kaputte Waschmaschinen, Kühlschranktüren, Matratzen und Lattenroste, halbe Kloschüsseln, Kotflügel und so weiter. Die Leute kommen nachts und laden ihren ganzen Krempel ab, manchmal so viel, dass es den Verkehr behindert. Oder es stinkt dermaßen, dass wir das Zeug aufladen und zur Deponie fahren müssen.

Am schlimmsten aber sind solche Tage wie heute, wenn sie uns neugeborene Kätzchen hinstellen.

MIA-UUUUUUU.

MIA-UUUUUUU.

Am Abend bin ich nicht nach Hause zurück. Ich habe mir eine Lasagne aus der Rosticceria geholt und sie im Laden gegessen. Dann bin ich losgeflitzt, denn um neun beginnt meine Bandprobe.

Ich trage das passende Outfit: Lederjacke, Nietengürtel und Stiefel, denn Metal ist eine ernste Sache, da kannst du nicht einfach in Sweatshirt und Trainingshose spielen. Aber vorher bin ich noch mit diesem Pappkarton unterm Arm durch die Gassen geschlichen wie ein Dieb.

Mein Vater überlässt so etwas immer mir. Er sagt, ich bin ein Halbwüchsiger, und wenn sie mich erwischen, drücken sie ein Auge zu, bei ihm dagegen würden sie ein Mordstheater machen. Denn er ist ein gestandener Mann, und einem gestandenen Mann lässt keiner was durchgehen. Außerdem ist er als ehemaliger Profifahrer und Vorsitzender des Radsportvereins UC Muglionese weithin bekannt, und die Journalisten, sagt er, würden nur auf eine Gelegenheit warten, ihm an den Karren zu pissen. Ich tue so, als würde ich ihm glauben, klemme mir den Karton mit den Kätzchen unter den Arm und tue, was zu tun ist.

MIA-UUUUUUU.

MIA-UUUUUUU.

So hat jeder seine Probleme. Ich beispielsweise werde zu spät zur Probe kommen. Und für morgen müsste ich eigentlich noch Geschichte lernen, weil ich wahrscheinlich drankomme und keinen blassen Schimmer habe. Doch ich bin seit heute früh außer Haus und habe noch kein Buch aufgeschlagen, vielleicht sollte ich auch morgen die Schule schwänzen. Gute Idee, morgen Vormittag gehe ich angeln, nehme das Buch mit und lerne am Kanal. Zu Hause wäre es einfacher, aber seitdem meine Mutter nicht mehr da ist, bin ich so gut wie gar nicht mehr zu Hause. Je seltener ich meinen Vater sehe, desto besser ist meine Laune, und ich glaube, ihm geht es genauso. Das heißt, nicht ganz: Ich kann meinen Vater nicht ertragen, ihm dagegen bin ich schlichtweg egal. Ob ich jetzt in diesem Augenblick in meinem Zimmer bin oder in der Hölle, kümmert meinen Vater einen Dreck. Für ihn ist es fast so, als wäre ich auch tot, wie meine Mutter. Eigentlich bin ich schon mit vierzehn gestorben, an dem Tag, als mir die Hand abgerissen wurde. Und jetzt, wo er diesen verfluchten kleinen Superchampion aufgelesen hat, bin ich noch toter als tot.

Der Hof der Jugendinfo ist von der Straße durch ein Mäuerchen getrennt, das mir bis zur Brust reicht. Ich hieve den Pappkarton hoch, beuge mich über das Mäuerchen und versuche, die Arme so lang zu machen, dass ich den Karton möglichst knapp über dem Boden absetzen kann.

Einen halben Meter über dem Boden könnte ich loslassen, aber die Kätzchen in dem Karton miauen so ängstlich, dass ich Mitleid kriege und versuche, mich noch ein Stück weiter runterzubeugen. Aber ich bin ein Dummkopf, stelle mich zu weit auf die Zehenspitzen und – ach du Scheiße – hebe plötzlich ab: Der Karton ist im Hof, und ich, mit der Hand auf den Karton gestützt, hänge in der Luft, den Bauch auf der Mauer.

In solchen Momenten wäre eine zweite Hand schon nicht schlecht.

Und weil ich immer so ein unbeschreibliches Glück habe, kommt jetzt Lärm von da drüben, von der Jugendinfo, eine Tür geht auf, und ich höre Stimmen in einer fremden Sprache. Was machen denn Ausländer abends in der Jugendinfo von Muglione? Und vor allem: Was werden sie mit mir machen, wenn sie mich hier so sehen?

Mit dem Arm kann ich mich nicht mehr lange halten, das spüre ich, er tut schon weh. Aber noch mehr schmerzen meine gequetschten Rippen. Zur Straße hin hängen meine Beine in der Luft, mein Oberkörper ist im Hof, das Blut staut sich im Kopf. An die Lederjacke will ich gar nicht denken, die kriegt bestimmt ein paar Kratzer ab.

»Yes, I remember! Oh, so funny!«

Die Stimmen werden immer lauter, sie kommen jetzt schon von der Straße.

MIA-UUUUUUU.

MIA-UUUUUUU.

Okay, Schluss mit diesem Schauspiel! Ich muss mich mit der Hand so fest abstoßen, dass ich hoffentlich mit den Füßen auf dem Asphalt aufkomme. Ist der Schwung zu gering, lande ich kopfüber im Hof, und dann wird es böse enden, für mich und für die Kätzchen da unten, aber eine andere Wahl habe ich nicht.

Also hole ich tief Luft und zähle, eins, zwei, drei … los! Und dieses eine Mal in meinem Leben ziehe ich beim Zählen keine Niete. Mein T-Shirt zerreißt, ich zerre mir die Schulter, ich falle und lande auf dem Hintern, dass mir der Schmerz vom Steißbein bis unter die Schädeldecke schießt, aber wenigstens bin ich auf der Straße, auf der richtigen Seite des Universums.

»Oh, Tiziana, come on, Tiziana, show us your place, come on …«

Da sind sie. Auf dem Gehsteig, schwarze Kegel in der Dunkelheit. Ich stehe auf, schwankend, sie haben mich entdeckt und hören auf zu reden. Und ich, ich höre nicht auf zu laufen.

LIBELLEN SIND LESBISCH

Jetzt ist es also passiert, Tiziana. Du wusstest, dass es früher oder später dazu kommen würde, und hattest gehofft, gebangt und gebetet, dass nicht. Es hat alles nichts genutzt. Deine Freunde aus dem Masterstudiengang in Berlin sind zu einem zweitägigen Kongress der Universität Florenz hierhergekommen. Aus Deutschland, Frankreich, Spanien, Holland und Schweden. Du hast ganz kurzfristig davon erfahren, dich aber schnell darauf eingestellt. Du hast ihnen Florenz gezeigt, Siena, sogar den Schiefen Turm von Pisa. Den kannten sie zwar schon, aber es ist immer wieder schön, auf der Wiese zu stehen und zu beobachten, wie sich die Japaner gegenseitig fotografieren und dabei so tun, als stützten sie den Turm. Das machen ausnahmslos alle Japaner, von den Mädchen mit den Hello-Kitty-Täschchen bis zu den Geschäftsleuten in Anzug und Krawatte. Du hast gesagt, wahrscheinlich werden sie von ihrer Regierung dazu gezwungen und müssen das Foto an der Grenze vorzeigen, damit man sie wieder ins Land lässt.

Der Gedanke kam dir spontan, und alle haben gelacht. Petra, Cheryl, Pascal und sogar Andreas. Wie lange ist es eigentlich her, dass du einen intelligenten Gedanken geäußert hast? Sieben Monate mindestens, seit eurem letzten gemeinsamen Abend in Berlin.

Sieben Monate sind eine lange Zeit. Du bist jetzt zweiunddreißig, und sieben Monate ohne geistige Anregung sind verlorene Zeit, eine Todsünde gegen dich selbst und deine Intelligenz. Denn intelligente Ideen können nur in einem intelligenten Umfeld entstehen. Kokosnüsse wachsen nun mal an Palmen. Oder hat man jemals eine Kokosnuss an einer Platane wachsen sehen? Genauso wenig kann ein in Muglione verbrachter Tag einen geistreichen Gedanken hervorbringen. Also, Tiziana, warum bist du dann wieder hierhergekommen?

Du hast einen Master in Personalmanagement. Ein elitärer Studiengang, zu dem aus jedem europäischen Land jeweils nur ein Student zugelassen wurde. Aus Italien haben sie dich genommen, Tiziana Cosci. Dein Vater hat es sogar hinbekommen, dass im »Tirreno« ein Artikel über dich erschienen ist, und bei deiner Abreise kam das ganze Dorf zum Bahnhof. Sogar eine Musikkapelle aus dem Dorf spielte, großer Gott. Zum Glück fuhr der Zug irgendwann ab. Das Dorf blieb zurück und verblasste am Horizont, die Klänge von Fratelli d’Italia verhallten, und vor dir lagen die fünf besten Jahre deines Lebens.

Du hast dir mit Cheryl, einer Amerikanerin, und Akiko, einer Japanerin, eine Wohnung geteilt, die von der Universität bezahlt wurde. Monatelang aufregende Affären, inspirierende Vorlesungen und interessante Leute. Kneipenbesuche und Feten mit Blackout am nächsten Tag, was nichts daran ändern konnte, dass dir alles in guter Erinnerung geblieben ist.

Ein zweijähriger Masterstudiengang, zwischendrin ein herrlicher Sommer und dann noch zwei Jahre als Mitarbeiterin bei einem Projekt der Deutschen Telekom. Dann kam die Stellensuche. Deine Kommilitonen bewarben sich für anspruchsvolle Aufgaben bei großen internationalen Institutionen und wurden genommen. Auch Akiko und dich hätten sie genommen, sehr gern sogar, aber ihr habt euch entschieden, nach Hause zurückzukehren, in eure Dörfer, die wegen fehlenden Ressourcenmanagements vor sich hin vegetierten.

Dörfer mit großem Potenzial, aber es ist niemand da, der die vorhandenen Talente bündelt und auf ein Ziel hin ausrichtet. Ein bewundernswerter, zäher Überlebenswille hat euch hervorgebracht und in die Welt hinausgeschickt, damit ihr euch Kompetenzen aneignet und den letzten Schliff erhaltet. Jetzt ist es eure Pflicht, nach Hause zurückzukehren und euren Landsleuten helfend unter die Arme zu greifen. Großzügig etwas von dem zurückgeben, was einem selbst großzügig geschenkt wurde, hatte Akiko auf Japanisch gesagt. Es klang wunderbar, und auch übersetzt klingt es nicht übel. Eines Abends habt ihr beide diesen Entschluss gefasst, und im September warst du wieder in Muglione.

Diesmal spielte keine Musikkapelle, aber der Bürgermeister hatte sich dazu durchgerungen, wenigstens eines seiner Wahlversprechen zu halten und ein Berufsinformationszentrum für Jugendliche einzurichten. Die Gemeindeverwaltung stellte dir einen ehemaligen Lagerschuppen zur Verfügung und wollte, dass du von hier aus den Aufschwung Mugliones in Angriff nimmst.

Okay, super, das war die Gelegenheit, Kontakte zu reaktivieren, den sozialen Kontext zu evaluieren und die Zeitungen über die neue Einrichtung zu informieren. Dann würde das trostloseste Dorf der Pisaner Ebene nicht mehr nur Durchgangsstation für den Autoverkehr nach Florenz sein. Es würde Peccioli nacheifern und den Ort sogar übertreffen. Peccioli hat sich mit der Müllentsorgung einen Namen gemacht, Muglione wird es mit der Bündelung seiner Talente, seinem Enthusiasmus und dem Elan seiner Jugend schaffen, sich aus dem Sumpf zu ziehen. Ja, und deshalb krempeln wir sofort die Ärmel hoch. Los, Tiziana, du hast keine Zeit zu verlieren, los los los.

Drei Monate hat es gedauert, bis das Büro überhaupt benutzbar war. Aber schneller, sehr viel schneller hast du begriffen, dass dieser Schritt die größte Dummheit deines Lebens war.

Und jetzt, Ende April, sind deine Freunde aus Berlin hier in der Toskana. Als du erfahren hast, dass sie kommen, war sofort wieder diese Angst da. Die Angst, dass sie dein Dorf sehen wollen, deine Arbeit, dein Leben. Bisher bist du verschont geblieben, weil sie während ihres Aufenthalts ein straffes Programm hatten und Florenz so viele Schönheiten zu bieten hat. Um fünf sperrst du das Büro ab und machst dich auf den Weg zu deinen Freunden. Ponte Vecchio, Piazza della Signoria, kleine Restaurants in alten Backsteingewölben, alles bestens.

Sie erzählen dir von ihren Jobs, von ihrem Leben zwischen Flughäfen und Konferenzen und ihren Beratertätigkeiten für die Regierung. Für die Regierung, Donnerwetter. Du nickst und spürst, wie es an dir nagt. Du bist nicht neidisch, oh nein, du bist kein neidischer Mensch. Du möchtest nicht an ihrer Stelle sein, sondern ihnen ebenbürtig, wie es eigentlich geplant war. Aber es gelingt dir, diese Gedanken für dich zu behalten, du lächelst tapfer und nickst, und alles ist gut.

Zumindest bis zu diesem Come on, Tiziana, show us your place. Komm schon, Tiziana, zeig uns, wo du lebst.

Das haben sie schon in Pisa gesagt, vor dem Schiefen Turm. In Deutschland hast du immer erzählt, du stammst aus der Nähe von Pisa, also kann es bis zu dir nach Hause nicht sehr weit sein, das wissen deine Freunde. Und du kannst es ihnen nicht abschlagen. Komm schon, Tiziana, erfüll uns diesen Wunsch, zeig uns, wo du lebst.

Na gut, aber du bist um Schadensbegrenzung bemüht. Es ist fast schon dunkel, als du sie zur Jugendinfo bringst, du gehst mit ihnen rein und schwindelst ihnen vor, hier werde gerade umgebaut, um das Büro effizienter zu gestalten. Deswegen sei der Raum so leer, denn die Möbel seien irgendwo untergestellt.

Du lügst deine Freunde wirklich nicht gern an, und du kannst auch nicht gut lügen. Du wirst ganz nervös und fahrig und lachst so übertrieben laut, dass sich jeder fragt, ob du jetzt lügst oder einfach nur überdreht bist.

Aber dir bleibt gar keine andere Wahl. Dich in Schweigen zu hüllen, das hast du schon versucht, als ihr durch unsägliche Dörfer nach Muglione gefahren seid. Und dieses Schweigen war tödlich. Endlose kahle, brachliegende Felder, ödes Land, ab und zu ein Streifen armselige Vegetation. Cheryl, die wirklich ein Engel ist, probiert es mit Wonderful, die toskanische Landschaft, aber sie und alle anderen wissen, dass von wonderful wirklich keine Rede sein kann. Eigentlich kann man kaum von Landschaft sprechen. Es sind flache Landstriche ohne irgendetwas, nur Erde und Schlamm und dazwischen faulig riechende Kanäle, hier und da mal ein Baum, eine verwaiste Fabrikhalle und eine am Boden sitzende Nutte, deren Pailletten vor dem dunklen Hintergrund glitzern. Es erscheint dir geradezu absurd, dass es auf der ganzen weiten Welt überhaupt eine so heruntergekommene und trostlose Gegend geben kann. Eine Lüge musste also unbedingt her.

Als ihr mit der Besichtigung des Büros fertig seid und du den Vorschlag machst, schnell nach Florenz zurückzukehren, um in irgendeiner Trattoria nett zu Abend zu essen, sagt Andreas No, Tiziana, I’m sick of Firenze, can’t we have spaghetti or something at your place? So wie früher. Ein einfaches, warmes Gericht, ganz unter uns. Entsetzlich.

Am liebsten hättest du Nein gesagt, aber das kannst du nicht. Vielleicht hättest du ihnen ein Betäubungsmittel verabreichen sollen wie in den Agententhrillern, sie nach Florenz zurückfahren und vor ihrem Hotel absetzen. Und danach heimkehren, dir eine neue Telefonnummer zulegen und für immer untertauchen sollen. Aber es war Andreas, der diesen Wunsch geäußert hat, und ihm konntest du noch nie etwas abschlagen.

Auch nicht den Wunsch zu sehen, wie du wohnst: die drei Zimmer mit Bad und Küche in diesem gottverlassenen Winkel. In der Luft hängt der Geruch des Kanals, der vor dem Haus fließt, und deine Mitbewohnerin ist Raffaella, die mit dir auf dem Gymnasium war und leider auch deine beste italienische Freundin ist.

Der Kanalgeruch ist penetranter als sonst, aber das bildest du dir vielleicht nur ein. Die Unterhosen und Strümpfe, die zum Trocknen auf der Heizung liegen, sind dagegen keine Einbildung. Raffaella öffnet ihre Zimmertür, und Musik von Renato Zero schallt uns entgegen. Raffaella trägt eine Trainingshose und einen roten Fleecepulli, der sie noch unförmiger erscheinen lässt, als sie ohnehin ist. Und ihre Haare, mein Gott, ihre Haare. Sehen deine Haare inzwischen auch so aus? Gibst du auch so eine traurige Erscheinung ab? Du darfst gar nicht daran denken, jetzt nicht, am besten überhaupt niemals.

Aber deine Freunde haben’s wirklich drauf, sie sind in der Welt herumgekommen und wissen sich zu benehmen. Sie begrüßen und umarmen Raffaella, als würden sie sie schon ein Leben lang kennen.

Raffaella kann kaum Englisch, und ihre Aussprache ist verheerend, aber deine Freunde bestehen darauf, dass ihr alle gemeinsam zu Abend esst. Raffaella hat zwar schon gegessen, eine Packung Frischkäse mit Tomaten, setzt sich aber trotzdem gern dazu. Hurra. Deine Freunde sind fröhlich und in Feierlaune, und daher hoffst du, dass alles gut geht. Bald sitzt ihr alle um den Tisch herum und trinkt Wein, und es entspinnt sich eine Unterhaltung in einem etwas stockenden Englisch, aber irgendwie funktioniert es.

»Ich glaub’s einfach nicht. Mit Lars? Sie ist ja ganz nett, aber er könnte doch was viel Besseres finden, meint ihr nicht?«, sagt Petra.

Du nickst, denn du siehst es genauso. Du hast die Spaghetti abgegossen und verteilst sie jetzt auf die Teller. Gott sei Dank war ein Glas Pesto im Haus. Raffaella hält sich ganz passabel, sie redet wenig, nimmt sich zurück und lächelt artig, auch wenn sie kaum etwas versteht. Alles geht gut.

Auch du bringst ein Lächeln zustande. Als du Andreas die Nudeln auf den Teller häufst, tropft Öl auf seine Hose, aber er lacht, wischt mit dem Finger drüber und steckt ihn sich in den Mund. »Mmmh«, sagt er, »italienisches Olivenöl«, und der Fleck scheint verschwunden. Seine strohblonden Haare sind so gekämmt, dass sie total ungekämmt aussehen.

Auch die Wohnungen in Deutschland waren so. Sie machten einen tausendmal unaufgeräumteren Eindruck als die in Italien, aber es war ein kunstvolles Chaos. In den Ecken stapelten sich die CDs, Telefon und Stereoanlage standen auf Büchertürmen … das war kein wüstes Durcheinander, sondern gepflegte Wohnkultur. Aber diese Vorhänge hier bei dir, die Lampe überm Tisch, die Topflappen überm Herd, das alles schnürt dir die Luft ab.

»Was habt ihr bloß immer zu lästern?«, fragt Andreas. »Sie verstehen sich blendend, ist doch egal, wenn sie nicht so gut aussieht. Wenn es umgekehrt wäre, würdet ihr kein Wort darüber verlieren.«

Du nickst auch ihm zu, und dann rutscht dir ein Satz heraus, eine gedankenlose Bemerkung. Du kannst es in dem Moment noch nicht wissen, aber sie wird dir zum Verhängnis.

Du sagst: »Stimmt, die Frauen sehen im Allgemeinen besser aus als die Männer. Sie achten mehr auf sich, sie fallen eher auf, das ist ganz natürlich. Oder vielmehr, es entspricht der menschlichen Natur. Denn im Tierreich ist es ja genau umgekehrt.«

»Umgekehrt in welchem Sinn?«

»Na ja, bei den Tieren ist das Männchen schöner, auffälliger.«

»Das stimmt, Mann, das stimmt«, sagt Pascal. Er schaut dich ganz begeistert an. »Die Pfauen zum Beispiel …«

Peacock heißt Pfau. Raffaella kennt das Wort nicht und stupst dich an. Du flüsterst ihr zu, Pfau, und alles ist in Ordnung.

»Also, der männliche Pfau ist schillernd bunt, mit diesen prächtigen Schwanzfedern und allem. Das Weibchen dagegen ist grau und unscheinbar und hat fast überhaupt keine Schwanzfedern.«

»Auch Hähne sind sehr schön, mit dem roten Kamm und den langen bunten Federn.«

»Genau, die Hennen dagegen sind zum Wegrennen.«

»Großartig!« Andreas lacht und klatscht in die Hände. »Die Hennen sind zum Wegrennen. Klingt wie ein Filmtitel. Wirklich großartig!«

Ihr lacht, wiederholt den Titel dieses imaginären Films und fangt an, euch eine entsprechende Handlung auszudenken. Die Einzige, die sich nicht an diesem Spiel beteiligt, ist Raffaella, aber sie schaut in die Runde und lächelt und sagt Yes, yes, und das ist vollkommen in Ordnung.

»Ja, und selbst Hirsche!«, sagt Petra. »Der Hirsch hat ein riesiges, ausladendes Geweih und ein wunderbares Fell, die Hirschkuh dagegen ist sehr viel kleiner und hat kein Geweih.«

Alle nicken. Pascal stürzt ein Glas Wein hinunter, schaut dich an und sagt: »Ja, das ist richtig, das ist absolut richtig. Tiziana hat etwas Geniales gesagt. Mensch, warum bist du nicht immer bei uns? Du fehlst uns, wirklich.«

Du kicherst, trinkst, bist richtig glücklich. Und die Angst, deine Freunde zu dir nach Hause zu bringen, weil es hier zu provinziell ist … nun, diese Angst ist vielleicht das einzig Provinzielle. Es war eine geniale Idee, sie hierherzubringen, deine Bemerkung über die Tiere war genial, und auch die Spaghetti waren gar nicht mal so schlecht …

»Ja, aber das ist nicht immer so«, sagt Raffaella plötzlich in ihrem rudimentären Englisch.

»Wie meinst du das?«

Sie stammelt herum, sucht nach Worten. »Also, der … der Pfau okay, der Hahn okay, aber bei den Libellen ist es anders. Die Libelle ist sehr viel schöner als der Schmetterling.«

»Der Schmetterling?«

»Ja. Sie ist doch viel schöner, oder nicht?« Raffaella verstummt. Alle Augen sind auf sie gerichtet, vor allem dein stechender Blick kann einem richtig Angst machen. Sie könnte jetzt aufhören und sagen, dass sie Quatsch erzählt hat, dass sie als Kind mal auf den Kopf gefallen ist und sich nie mehr ganz davon erholt hat. Aber nein, sie redet unbeirrt weiter.

»Ja, na gut, ich weiß, ihr findet, der Schmetterling ist auch sehr schön, und da habt ihr ja recht. Stimmt schon, der Schmetterling hat diese … Tiziana, hilf mir doch, wie sagt man … diese beiden Dinger, die der Schmetterling da … wie heißt das auf Englisch … ja genau, wings, danke. Die Flügel sind natürlich prachtvoll, okay. Aber die Libelle mit ihren beiden durchsichtigen Flügelpaaren und ihrem schlanken, schillernden Körper … die Libelle ist sehr viel eleganter.«

»Okay, aber was willst du damit sagen?«

»Na ja, dass in diesem Fall das Weibchen sehr viel schöner ist als das Männchen, die Libelle ist schöner als der Schmetterling. Oder nicht?«

Niemand antwortet. Tiefes Schweigen. Aus Verzweiflung fragst du, ob noch jemand Spaghetti will, aber auch du bekommst keine Antwort.

Dann beugt sich Pascal über den Tisch. »Also, Raffaella, du sagst, dass die Libelle schöner ist als der Schmetterling, aber … ich meine … willst du damit sagen, dass die Libelle ein weiblicher Schmetterling ist?«

»Ja! Genau. Und sie ist hundertmal schöner als der Schmetterling.«

Du erstarrst. Du drückst die Gabelspitze auf dein Handgelenk, um dich auf andere Gedanken zu bringen. Du schaust aus dem Fenster hinaus in die Dunkelheit. Wenn jetzt ein Meteorit vom Himmel fallen und Muglione unter sich begraben würde, wäre dein Problem gelöst, denn dann wäre alles aus, kurz und schmerzlos. Aber davon kannst du nur träumen, nichts kann dich von diesem jämmerlichen Abendessen an diesem jämmerlichen Ort retten, wo diese dumme Pute Raffaella glaubt, die Libelle sei das Weibchen des Schmetterlings. DER Schmetterling, DIE Libelle, logisch. Auf die Idee käme nicht mal ein Grundschüler.

Du stichst dir noch fester mit der Gabel ins Handgelenk. Du willst Blut sehen.

Unterdessen stammelt Raffaella weiter Unsinn. »Stimmt, der Schmetterling ist schön, aber die Libelle …«

Die anderen schauen sie an, tauschen Blicke und sind drauf und dran loszuprusten. Und was das Schlimmste ist: Sie beziehen dich nicht mit ein, sie würdigen dich keines Blickes, sondern versuchen, sich nichts anmerken zu lassen. Denn in ihren Augen gehört Raffaella zu dir, zu der Welt, in der du heute lebst. Du stehst nicht auf der Seite derer, die sich über sie lustig machen, für sie bist du genauso wie Raffaella und glaubst wie sie, dass sich Schmetterlinge mit Libellen paaren.

»Jetzt reicht’s aber, was erzählst du denn da für einen Quatsch!« Du springst auf und fuchtelst mit der Gabel vor ihrem Gesicht herum. »Der Schmetterling paart sich nicht mit der Libelle, das sind zwei verschiedene Spezies! Der Schmetterling paart sich mit dem Schmetterling, Mann. Das weiß doch jedes Kind!«

Dann zischst du ab in dein Zimmer und schließt die Tür hinter dir, für immer.

Du hörst und siehst zwar nicht, was sich nebenan im Wohnzimmer abspielt, aber du kannst dir Raffaella vorstellen, wie ihr Blick ins Leere geht, verstört über diese Entdeckung nach dreißig Jahren ihres Lebens. Und tatsächlich hörst du nach einer Weile ihre Stimme. Sie gibt sich immer noch nicht geschlagen, kratzt ein paar englische Sprachbrocken zusammen und fragt leise: »Entschuldigung, okay, die Libelle … ja, ich hatte nicht … aber jetzt frage ich euch, mit wem paart sich denn dann die Libelle?«

Cheryl, die wie immer äußerst zuvorkommend ist, antwortet ihr. »Die Libelle paart sich mit einer anderen Libelle«, sagt sie. »Die Libellen bleiben unter sich.«

Und dämlich wie sie ist, glaubt Raffaella jetzt bestimmt, Libellen seien lesbisch.

ALLES GUTE ZUM GEBURTSTAG, KLEINER CHAMPION

Also, die Probe gestern Abend war nicht nur gut, sondern megagut. Wir waren perfekt aufeinander abgestimmt und saustark, eine Kriegsmaschine, die ihr Ding durchzieht und alles niederwalzt, was ihr in die Quere kommt.

Mag sein, dass wir wegen des Festivals aufgekratzt sind, weil wir endlich auf einer richtigen Bühne spielen können, vor einem richtigen Publikum, aber wir haben auch einen höheren Gang eingelegt, und nun geht’s richtig ab.

Jetzt, am Morgen, dröhnen mir immer noch die Ohren von der Lautstärke und dieser kompakten Klangmauer. Zum Glück braucht man die Ohren beim Angeln kaum. Ich brauche die Augen, das eine, um den Schwimmer im Blick zu behalten, das andere für das Geschichtsbuch. Ich hab es mitgenommen. Wenn ich in die Schule gegangen wäre, hätte mich die Lehrerin drangenommen und fertiggemacht, aber ich hab mir gesagt, heute lernst du, und ich schwöre, das tu ich auch. Dann fragt sie mich in den nächsten Tagen ab, und ich krieg eine gute Note, und so starte ich in den Endspurt zum Abitur. Ja ja, ist alles perfekt, ausnahmslos alles. Abgesehen davon, dass ich keine Köder habe. Jetzt brauche ich nur noch kurz im Laden vorbeizuschauen, dann hab ich alles.

Ich lehne den Roller an einen der beiden Müllcontainer und betrete den Laden, die Tür macht Pling. Ich grüße Mazinga, der sich zwischen den Regalen rumdrückt und eigentlich Donato heißt und Stammkunde ist. Aber kaum hat mein Vater mich gesehen, springt er auf, schwingt sich um den Ladentisch herum und steuert auf die Tür zu.

»Oh, prima, ich hau ab, Wiedersehn.«

»Wo willst du denn hin, ich hol nur ein paar Maden und geh wieder.«

»Nein, nein, bleib hier, heute gibt’s viel zu tun. Gleich werden Sachen angeliefert, die sind wichtig, am besten stellst du die hierhin.«

»Aber Papa, ich hab was zu erledigen.«

»Ich doch auch, ich muss Leute vom Bahnhof abholen. Ich wollte schon den Mazinga allein hier im Laden lassen, aber ich hab immer Angst, dass er klaut.«

»WAS?« Signor Donato spricht mit einem Apparat, den er sich an die Kehle hält und der ihm eine Roboterstimme verleiht. Deshalb heißt er auch Mazinga, wie der Superroboter aus den Comics. »DAS-MEINST-DU-HOFFENTLICH-NICHT-ERNST-ROBERTO.«

»Natürlich nicht, war nur ’n Witz … Aber behalt ihn trotzdem im Blick, Fiorenzo.«

»NICHT-NÖTIG-ICH-GEHE-UND-KOMME-NIE-WIEDER-IHR-HABT-EINEN-KUNDEN-VERLOREN.«

Mein Vater nickt, macht eine wegwerfende Handbewegung und verschwindet. Die Tür fällt langsam ins Schloss. Mazinga starrt auf die Tür, dann dreht er sich abrupt um. »DEIN-VATER-IST-EIN-STÜCK-SCHEISSE.«

Bravo Mazinga, du bist also auch schon draufgekommen. Ich nicke ihm zu und schaue ihn nur eine Sekunde lang an, aber die reicht aus, um mich zu verwirren. Mazingas Anblick zieht mir jedes Mal die Schuhe aus. Er ist fast achtzig, läuft aber rum wie ein Halbstarker. Aber dafür kann er nichts.

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