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Fire Queen

Zu diesem Buch

Als Erbin einer der mächtigsten Mafiafamilien der Welt durfte Saphira De Angelis sich keinerlei Schwäche erlauben. Ihr Wunsch nach Rache an den Mördern ihrer Familie war das einzige Gefühl, das sie sich selbst je erlaubte. Und doch hat sich die Liebe in ihr Herz geschlichen – und alles zerstört, was ihr etwas bedeutet hat. Denn Madox ist nicht der, für den sie ihn gehalten hat. Der Mann, der ihren Körper und ihre Seele in Besitz genommen hat, ist in Wirklichkeit das neue Oberhaupt der Familie Varga – und damit ihr schlimmster Feind. Saphira hatte ein bisschen Glück gewollt, ein wenig Freiheit, und muss diesen Wunsch nun teuer bezahlen. Denn Madox’ Verrat hat ihr mehr genommen, als nach außen sichtbar ist: nicht nur ihre Macht, ihre Rache, ihre Stärke, sondern vor allem ihr Vertrauen in sich selbst. Ihre famiglia ist zerschlagen, ihre Welt liegt in Scherben, weil sie ihre Bedürfnisse und Gefühle über alles andere gestellt hatte. Doch Saphira gilt nicht umsonst als der gefürchtetste capo der Cosa Nostra. Sie schwört, die Vargas auszulöschen und Madox zu zeigen, was es bedeutet, sich mit der Eisprinzessin anzulegen – ohne zu ahnen, dass die größte Gefahr viel näher ist, als sie denkt …

Eine mächtige Flamme entsteht
aus einem winzigen Funken.

Dante Alighieri

ANMERKUNG DER AUTORIN

Liebe Leserin, lieber Leser,

ich habe dich bereits bei Cold Princess gewarnt. Du weißt, worauf du dich einlässt.

Wenn du diese düstere Reise weiterführen möchtest, dann wünsche ich dir ganz viel Spaß!

xo

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WAS BISHER GESCHAH …

Saphira De Angelis ist mit sechsundzwanzig Jahren capo einer der zwei mächtigsten Mafiafamilien von Palermo. Sie ist berüchtigt für ihre eiskalte, berechnende Art.

Seit bei einem tragischen Autounfall ihre Eltern und ihr kleiner Bruder getötet wurden, sinnt sie auf Rache. Gleichzeitig leitet sie auch die Geschäfte ihrer famiglia. Der gut aussehende, düstere Madox gehört ihrer Wache an, der guardia, und ist einer ihrer Leibwächter. Als professioneller Killer beseitigt er Saphiras Feinde. Und obwohl es gegen alle Regeln verstößt, die sie sich selbst auferlegt hat, beginnt Saphira eine heiße Affäre mit diesem Mann. Ohne zu ahnen, dass er eine Gefahr für sie darstellt. Denn Madox ist in Wahrheit ein Varga – ein Mitglied der zweitmächtigsten Mafiafamilie in Palermo – und gehört damit zu Saphiras größten Feinden. Er ist nicht bei ihr, um sie zu beschützen, sondern um sie zu töten.

Während Saphiras Gefühle durcheinandergeraten, muss sie sich auch noch auf einen gewaltigen Waffendeal konzentrieren, der sehr wichtig für ihre famiglia ist.

Aber plötzlich geht alles schief. Bei der Übergabe werden sie angegriffen, und Saphira verliert die Waffen an ihren größten Konkurrenten: Giuseppe Varga, capo der verfeindeten famiglia.

Kurz darauf wird der Vizerepräsentant von Saphiras famiglia, ihr Cousin Leandro, erschossen. Vom Täter fehlt jede Spur.

Bevor Saphira das Chaos beseitigen kann, bekommt sie einen lang ersehnten Anruf. Der Privatdetektiv, den sie engagiert hat, hat endlich herausgefunden, wer ihre Eltern getötet hat. Es war Giuseppe Varga. Daraufhin beschließt Saphira, ihn noch in derselben Nacht zur Rechenschaft zu ziehen.

Als sie jedoch Giuseppe mit einer Waffe abpasst, taucht plötzlich Madox auf, und Saphira erfährt, dass er Giuseppes Neffe ist.

Von dem Verrat wie gelähmt, versucht Saphira zu begreifen, was passiert ist.

Madox hingegen verfolgt eigene Pläne. Nachdem er sich in Saphiras famiglia eingeschleust hatte, in der festen Überzeugung, dass sie für den Tod seines Vaters verantwortlich ist, hat er nun herausgefunden, dass alles ganz anders war. Giuseppe hat nicht nur seinen eigenen Bruder, Madox’ Vater, getötet, sondern auch Damiano, Madox’ besten Freund.

In dem Moment, als all dies feststeht und die drei sich auf der Straße gegenüberstehen, löst sich ein Schuss …

KAPITEL 1

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SAPHIRA

»Ich habe dir vertraut«, flüsterte Saphira mit zittriger Stimme und spürte, wie ihr eine einzelne Träne über die Wange lief.

Plötzlich ertönte ein metallisches Klicken, als der Hahn einer Pistole gespannt wurde.

Madox und sie wirbelten beide herum, und Saphira blickte direkt in den Lauf von Giuseppes Waffe.

Giuseppe lächelte sie an. »Endlich kann ich auch die letzte De Angelis töten.«

Ein Schuss zerschnitt die Stille der Nacht.

Alles schien sich wie in Zeitlupe zu bewegen. Sie hörte das Zischen, als die Kugel den Lauf der Pistole verließ, sah, wie Madox nur Sekundenbruchteile vorher nach vorn stürzte. Seine mächtige Schulter krachte in Giuseppes Magen, der Arm mit der Waffe sank nach unten. Schmerz zerriss ihr den Bauch.

Erstarrt beobachtete Saphira, dass Madox wie ein Besessener auf Giuseppe einschlug. Die Pistole glitt ihm aus den Fingern. Er versuchte sich gegen seinen Neffen zu wehren, aber Madox war ein Killer. Und Giuseppe nur ein selbstverliebter Bastard.

Sie spürte warme Flüssigkeit an ihrem Bauch, blickte nach unten und presste eine Hand dagegen. Als sie diese wieder wegnahm, glänzte auf ihrer Haut Blut im Schein einer Straßenlaterne. Giuseppe hatte sie tatsächlich getroffen.

In dieser einsamen Gasse gab es niemanden außer Madox, Giuseppe und ihr. Zwei Straßenlaternen spendeten diffuses Licht. Die Limousine der Vargas stand wie ein verlassenes Schlachtschiff auf der Straße.

Direkt hinter Madox.

Sie blickte wieder zu Madox, der das Gesicht seines Onkels gerade in eine blutige Masse verwandelte. Sie wollte etwas sagen. Oder tun. Sie sollte die beiden erschießen, genau in diesem Moment. Ihre Hand zitterte, als sie die Waffe hob. Die Schmerzen in ihrem Bauchraum wurden mit jeder Sekunde, die verging, schlimmer. Sie war sich durchaus bewusst, dass sie eine Menge Blut verlor, aber in diesem Moment hätte sie das nicht weniger interessieren können.

Giuseppes Stimme war klar und deutlich in ihrem Kopf zu hören.

Er hat sich in meinem Auftrag in deine famiglia eingeschleust, mit dem Ziel, dich zu töten.

Sie zielte auf Madox’ Rücken. Aber sie konnte verflucht noch mal nicht abdrücken! Jetzt strömten mehr Tränen über ihre Wangen. Wieso war sie nicht stark genug, um den Abzug zu ziehen?

Plötzlich stand Emilio neben ihr und blickte sie mit besorgtem Blick an. Es dauerte nicht lange, bis er ihre Bauchwunde entdeckte.

»Saphira!« Sofort schlang er einen Arm um ihre Taille und zog sie an sich, nahm ihr die Waffe aus der zitternden Hand.

Genau im richtigen Moment. Denn jetzt sackten ihr die Beine weg.

»Ich bringe dich zu unserem Arzt.« Emilio warf einen Blick auf Madox und Giuseppe, der inzwischen aufgehört hatte, sich zu wehren, aber Madox schlug immer weiter auf ihn ein. Vermutlich würde er ihn umbringen.

»Madox …«, murmelte sie und spürte, wie sie schwächer wurde.

Emilio nickte. »Er wird sich um alles kümmern.«

Natürlich musste er das denken. Schließlich wusste er ja noch nicht, dass Madox nicht zu ihnen gehörte. Wusste nicht, dass der Mann, der ihren Körper und einen Teil ihres Herzens in Besitz genommen hatte, in Wahrheit ein Varga war. Dass er der Feind war.

»Nein, ich …«

Emilio schüttelte den Kopf und hob sie auf die Arme. »Ich bringe dich jetzt zu unserem Arzt.« Er warf einen Blick zu Madox hinüber. »Bring Giuseppe lebend zum Anwesen!« Damit drehte Emilio sich um und hastete mit ihr zu dem wartenden Wagen.

Saphira blickte über seine Schulter. Madox suchte sich genau diesen Moment aus, um seine Schläge zu stoppen und sich umzusehen. Ihre Blicke kreuzten sich, und Saphira fiel in Ohnmacht.

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MADOX

Er wünschte sich, dass er seine mit Klingen besetzten Schlagringe anhätte. Dann hätte er noch mehr Schaden in Giuseppes Gesicht anrichten können. Aber er wusste es auch durchaus zu schätzen, dass er seinen Onkel nun mit bloßen Händen töten konnte.

Alles verschlingender Zorn hatte sich wie ein roter Schleier über sein Sichtfeld gelegt, als Giuseppe auf Saphira gezielt hatte. Seine Gedanken hatten sich auf einen einzigen Befehl beschränkt: Töte Giuseppe.

Immer wieder krachten seine Fäuste ins Gesicht seines Onkels. Unter seinen Fingern brachen Knochen, Blut bedeckte seine Haut. Er grinste, als der Rausch eines nahenden Todes ihn überkam.

Aber dann drangen Stimmen an sein Ohr, und die Schläge wurden langsamer. Schritte entfernten sich, und Madox hielt inne. Sein Blutrausch senkte sich gerade so weit, dass er aufstehen und sich umdrehen konnte.

Saphira wurde von Emilio weggetragen. Ihre Blicke kreuzten sich, und der Schmerz in ihren Augen ließ seinen Zorn wie eine Seifenblase zerplatzen. Ihre Lider flatterten, und ihr Kopf sackte an Emilios Schulter.

Madox’ Blick fiel auf den Punkt, an dem sie gerade noch gestanden hatte. Das Licht einer Straßenlaterne fiel auf den Asphalt und spiegelte sich in einer Blutlache. Saphiras Blut.

Sein Kopf schnellte wieder hoch, aber Emilio war bereits mit ihr verschwunden.

Er war nicht schnell genug gewesen. Er hatte Giuseppe nicht aufhalten können. Sein Onkel hatte Saphira angeschossen, und nun rang sie vermutlich mit dem Tod.

Seine Wut kehrte mit voller Kraft zurück, und er drehte sich langsam zu seinem Onkel um. Er ließ die Fingerknöchel knacken. Giuseppe würde lernen, was es bedeutete, wenn man cerbero hinterging.

Allerdings musste Madox ihn zuerst hier wegschaffen. Damit er seine Rache vollends ausleben konnte, war Zeit vonnöten, und die offene Straße war sicher nicht der richtige Platz dafür. Aber Madox konnte nicht zum Anwesen der De Angelis zurückkehren. Saphira wusste nun, wer er war, und betrachtete ihn als Verräter. Sobald sie wieder bei Bewusstsein war, würde sie es allen erzählen und ihn damit zum Feind Nummer 1 machen. Jeder De Angelis würde ihn jagen und zu töten versuchen. Dass Saphira nicht mehr aufwachen könnte, daran wollte er nicht einmal denken. Zu groß war der Schmerz bei dem Gedanken daran.

Das bedeutete aber auch, dass er zum Anwesen der Vargas fahren musste, und das war ein Problem. Denn außer Giuseppe und Damiano wusste nur noch Giuseppes rechte Hand von Madox’ Auftrag bei den De Angelis. Und den hatte Madox nie getroffen. Für alle anderen Mitglieder der Vargas war er ein Mitglied der De Angelis und damit der Feind. Sie würden ihn wahrscheinlich nicht gerade mit offenen Armen empfangen. Wenn er dann auch noch mit dem bewusstlosen und offensichtlich verwundeten capo über die Türschwelle trat, konnte er erst recht nicht mit Verständnis rechnen.

Also musste er sich seine Position bei den Vargas wahrscheinlich erkämpfen. Doch welche Position wäre das, und wollte er das überhaupt? Die Position als capo? Diese Verantwortung und die damit verbundenen Machtspielchen hatte er nie gewollt. Er war zum Killer ausgebildet worden. Seine Methoden waren rau und gewalttätig. Er war kein Anführer. Er war ein Mörder.

Und so gefiel es ihm. Er hatte nie etwas anderes gewollt.

Bis zu diesem Zeitpunkt.

Bis zu dem Moment, in dem er in das blutverschmierte Gesicht seines Onkels geschaut hatte, der Madox hintergangen hatte. Sein Onkel war der capo der Vargas gewesen. Er hatte das Erbe von Salvatore Varga, Madox’ Vater, in den Dreck gezogen. Er hatte seine Macht ausgenutzt. Und das hatte dazu geführt, dass Madox die einzige Frau, die sein Herz berührt hatte, nicht hatte beschützen können.

Er ballte eine Hand zur Faust, einen Fluch auf den Lippen. Er hatte lange genug im Schatten gelebt. Hatte lange genug Befehle empfangen.

»Madox? Ich komme jetzt raus. Nicht schießen.«

Beim Klang der unbekannten Stimme zuckte er zusammen und zog sofort wieder die Waffe, richtete sie auf die offene Autotür. Er hörte Stoff, der über lederne Sitze glitt, und dann trat ein Mann nach draußen.

Madox schätzte ihn ein. Trainierter Körperbau, durchschnittliche Größe. Vermutlich relativ stark, aber seine Haltung zeigte schlechte Balance. Er belastete ein Bein stärker als das andere, verlagerte das gesamte Gewicht nur auf einen Fuß. Madox hätte ihn mit einem Tritt aus dem Gleichgewicht und zu Boden bringen können. Der Anzug war maßgeschneidert. Das Haar gestylt, der Gesichtsausdruck konnte nur als hochnäsig bezeichnet werden. Wer auch immer dieser Mann war, er machte sich selten selbst die Hände dreckig. Und wenn er es tat, dann wollte er nicht, dass es jemand bemerkte. Er besaß dunkle Augen, das Haar reichte bis auf den Hemdkragen, die Farbe ein dunkles Braun.

Kein Schwächling, aber auch kein Gegner.

Madox ließ die Waffe wieder sinken. »Wer bist du?«

»Antonio Scuderi. Giuseppes rechte Hand.«

»Und du versteckst dich im Inneren wie ein elender Feigling, während dein capo in Gefahr ist?«

Abwehrend hob Antonio die Hände. »Giuseppe wollte, dass ich im Wagen warte. Ich wusste ja nicht, was hier draußen passiert.« Er warf einen Blick auf den am Boden liegenden capo. »Und ich habe zu lange gezögert, einzugreifen.«

»Und was hast du jetzt vor?«, fragte Madox.

»Nun …« Antonio trat von einem Bein auf das andere. »Ich nehme an, dass du dich nicht dazu überreden lässt, Giuseppe zu verschonen?«

»Nein.«

»Das habe ich mir gedacht«, murmelte Antonio wie zu sich selbst und sah sich einmal in der verlassenen Straße um.

Vermutlich dachte er gerade darüber nach, ob er Madox besiegen und Giuseppe retten konnte. Aber das war unmöglich. Madox war der bessere Kämpfer. Und er würde nichts und niemanden zwischen sich und seine Rache kommen lassen.

Madox machte einen Schritt auf Antonio zu. »Also … Was hast du vor?«

Antonio schien noch einen Moment lang seine Möglichkeiten abzuwägen, dann schob er die Hände in die Hosentaschen und gab sich gelassen. »Niemand mag Giuseppe. Er ist ein schlechter capo. Er verdient es nicht, die famiglia anzuführen.«

Beinahe hätte Madox gelacht. »Natürlich. Und wen hältst du für einen guten capo? Dich selbst?«

»Nun, so weit würde ich vielleicht nicht gehen. Aber du, du bist Salvatores Sohn, nicht wahr?«

Madox betrachtete sein Gegenüber misstrauisch, nickte aber.

»Sohn eines wahren capo«, sagte Antonio mit schmeichelndem Ton. »Du solltest die Vargas anführen, und ich bin bereit, dir zu helfen.«

Misstrauisch beäugte Madox ihn. Als er das letzte Mal jemandem vertraut hatte, hatte es Menschenleben gekostet. Und diesem Fremden traute er mit Sicherheit nicht. Das alles roch geradezu nach einer Falle. Wahrscheinlich hatte Antonio nur das gesagt, was ihm gerade in diesem Moment das Leben rettete.

Aber wenn er wirklich Giuseppes rechte Hand war, dann war dieser Antonio seine Eintrittskarte zu den Vargas. Die Unterstützung der rechten Hand seines Onkels würde ihm einen besseren Stand verschaffen. Und sollte sich Antonio im Laufe der Zeit noch als Bedrohung herausstellen, dann könnte Madox ihn immer noch töten.

»Was schlägst du vor?«

Antonio warf einen Blick auf den noch bewusstlosen Giuseppe. »Bist du schon fertig mit ihm?«

»Nein.«

»Dann besorge ich uns einen fahrbaren Untersatz, und wir kehren zurück nach Hause.«

Das geklaute Auto hielt vor dem Anwesen der Vargas. Seinen Beifahrer immer im Blick stieg Madox aus und ging zum Kofferraum. Er hatte Giuseppe dort hineinverfrachtet, und der Stille nach zu urteilen, war der capo noch immer ohnmächtig.

Madox hob den Blick und sah sich die alte Villa an, in der er die ersten Jahre seines Lebens verbracht hatte. Sie befand sich nah am Stadtzentrum und war damit deutlich näher an Palermo als das Anwesen der De Angelis. Dadurch war sie aber auch kleiner. Die Villa lag nicht direkt am Meer, die einzige Erfrischung bot ein Pool hinter dem Haus.

Er war sich nicht sicher, was ihn drinnen erwarten würde. Nur um sicherzugehen, ließ er die Hand in eine Hosentasche gleiten und betastete die vertrauten Konturen seines Lieblingsmessers. Er war auf alles vorbereitet.

Madox öffnete den Kofferraum und betrachtete den ohnmächtigen Mann, der darin lag. Es gab Menschen, die seinen Onkel fürchteten, als wäre er ein Dämon. Aber im Moment sah er nicht besonders angsteinflößend aus, mit seinem Gesicht, das bereits deutliche Spuren der Schläge zeigte. Und Madox empfand nur Verachtung für ihn. Wenn es eine Person gab, die er fürchten würde, dann war es Saphira De Angelis. Denn sie war nicht nur skrupellos und tödlich, sie war auch extrem schlau. Das machte sie zu einem weitaus schlimmeren Gegner, als sein Onkel jemals sein könnte.

Madox hievte sich den bewusstlosen Körper über die Schulter und beobachtete dann, wie Antonio aus dem Auto stieg und ihn ansah. Ein Schauer überlief sein Gegenüber, aber Antonio versuchte nicht besonders erfolgreich, ihn zu unterdrücken.

Diese Art von Reaktion kannte Madox bereits. Entweder hatten die Leute Gerüchte über ihn gehört oder ihn schon selbst in Aktion erlebt. Und das Ergebnis war immer das gleiche: Sie hatten Angst.

Antonio ging es nicht anders. Madox wusste nicht, ob Giuseppe geplaudert hatte oder ob Antonio aus einer anderen Quelle etwas über ihn gehört hatte, aber es hatte eindeutig Wirkung gezeigt.

In diesem Moment setzte Antonio ein Lächeln auf. »Gehen wir rein.« Er lief voraus, und Madox betrachtete ihn ganz genau, merkte sich die Art, wie er ging, um eventuelle Schwachpunkte ausfindig zu machen oder sich in einem zukünftigen Kampf besser auf die Bewegungen einstellen zu können. Denn sein Instinkt sagte ihm, dass es früher oder später zu einem Kampf zwischen ihm und Antonio kommen würde. Es war nur eine Frage der Zeit.

Als er das Haus betrat, tauchte sofort ein junger Mann auf und sah Antonio an. Der soldato zuckte zusammen, und man konnte ihm deutlich ansehen, dass er sich in Antonios Gegenwart nicht wohlfühlte. Als er Madox entdeckte, erblasste er.

»Was ist hier los?«, fragte der soldato.

Antonio deutete hinter sich. »Das ist Madox Varga. Sohn von Salvatore Varga, Neffe von Giuseppe Varga. Giuseppe hat sich einiger schwerer Verbrechen schuldig gemacht, und Madox ist jetzt hier, um ihn zu bestrafen.«

»Aber … Signor Varga ist doch der capo?«, stammelte er.

»Jetzt nicht mehr«, verkündete Antonio mit endgültigem Ton in der Stimme.

Der soldato stellte Antonios Worte nicht infrage. Madox vermutete, dass das sowieso nicht besonders häufig vorkam. Schließlich war Antonio die rechte Hand des capo.

»Begleite Madox in den Keller. Danach sorgst du dafür, dass jemand unser Auto abholt und den Tatort säubert. Dann versammle alle capodecine in Giuseppes Büro. Verbreite die Neuigkeit, dass Madox da ist.«

Der soldato wirkte, als könnte er jeden Moment in Ohnmacht fallen, bedeutete Madox aber, ihm zu folgen.

Madox lief dem jungen und offensichtlich verängstigten soldato durch die Eingangshalle in den Keller hinterher. Giuseppe noch immer über der Schulter. Der Mann trug eine schlecht sitzende Hose und ein Hemd, das ihm viel zu groß war. Er war schlaksig, aber das war nichts, was ein paar Stunden hartes Training in der Woche nicht korrigieren konnten. Seine hellbraunen Haare trug er kurz geschnitten, ein eher lächerlicher Versuch, härter zu wirken. Die Schuhe waren abgewetzt, und Madox vermutete, dass der Junge nicht mit einem silbernen Löffel im Mund geboren worden war.

Viel wahrscheinlicher war, dass er sich auf der Straße herumgeschlagen hatte, bis ihn irgendein verworrener Weg zur Cosa Nostra geführt hatte. Und jetzt war er auf dem niedrigsten Rang und musste für jeden die Drecksarbeit erledigen. Allerdings hatte er jetzt auch immer ein Dach über dem Kopf. Denn kein Mitglied der famiglia würde ihn abweisen. Er würde immer etwas zu essen haben und konnte sich nach oben arbeiten. Er konnte dieses Leben zwar nie wieder verlassen, aber jetzt war er immer noch besser dran als vorher.

Auf dem Weg in den Keller begegnete Madox mehr Protz als Klasse. Eine reine Zurschaustellung von Geld. Auf Marmorsäulen standen Skulpturen, goldgerahmte Gemälde hingen an den Wänden und gläserne Vitrinen beherbergten wertvoll aussehenden Plunder. Hier gab es nicht den Hauch einer anheimelnden Atmosphäre, wie es bei den De Angelis der Fall war.

Saphira.

Madox hielt einen Moment inne. Sie war verletzt, und er war nicht bei ihr. Das versetzte ihm einen schmerzhaften Stich. All seine Instinkte drängten ihn dazu, zu ihr zu eilen. Aber das ging nicht. Denn jetzt wusste sie, dass er der Feind war. Wahrscheinlich jagte ihn inzwischen jedes Mitglied ihrer famiglia. Sie würden seinen Tod wollen – und im Gegensatz zu den Vargas kannten sie sein Gesicht. Es war unmöglich, auch nur in Saphiras Nähe vorzudringen.

Er hatte sich dafür entschieden, als er aus den Schatten zu Saphira und Giuseppe getreten war. Er hatte gewusst, dass sein Onkel ihn entlarven würde. Und er hatte den Schmerz und die Enttäuschung in ihren Augen gesehen. Sie würde ihm niemals verzeihen. Egal, was er sagen oder tun würde. Und da gab es nichts. Er hatte getan, was er für richtig hielt, als er noch geglaubt hatte, sie hätte den Tod seines Vaters verschuldet. Und er hatte dementsprechend gehandelt.

Sie hatten niemals die Chance auf eine Beziehung gehabt. Nicht die geringste. Und jetzt war es endgültig aus.

Also tat er besser daran, sich auf sein aktuelles Problem zu konzentrieren.

Vor ihm hielt der soldato vor einer schweren eisernen Tür am Ende eines nur spärlich beleuchteten Gangs. Der Mann war jung, vermutlich noch nicht lange dabei. Und mit der aktuellen Situation vollkommen überfordert.

Außerdem konnte er Antonio nicht leiden. Das hatte Madox ihm im ersten Moment ansehen können. Aber das war nicht Madox’ Problem. Jedenfalls solange ihm der Kleine deswegen nicht irgendwann Probleme bereitete.

Er betrat den Kellerraum und sah den soldato an, der wie angewurzelt neben der Tür stehen geblieben war. »Hilfst du mir mal?«

Die Decke bestand aus kahlem Beton, in den ein Fleischerhaken an einer Kette eingelassen war. Und genau an diesem Fleischerhaken hingen Handschellen.

»Äh …«

Genervt atmete Madox aus. »Wie heißt du?«

Verwirrt blickte ihn der soldato an. »Lauro.«

»Also, Lauro, dieser Mann hier war einmal dein capo. Jetzt ist er nur noch ein Stück Fleisch. Also beweg deinen Arsch hier rüber und hilf mir.«

Lauro sah Madox noch einen Moment unsicher an, bevor er tief durchatmete und an Madox’ Seite huschte. Er umfasste Giuseppes Handgelenke und fesselte sie mit den Handschellen, die von der Decke hingen.

Als Madox den Körper von der Schulter gleiten ließ, gab Giuseppe ein schmerzerfülltes Stöhnen von sich.

Madox grinste. Anscheinend wurde sein Onkel genau zur richtigen Zeit wach.

KAPITEL 2

EMILIO

Es war bereits das zweite Mal, dass er darauf wartete, dass man ihm sagte, ob Saphira überleben würde oder nicht. Damals war er noch jünger gewesen, unerfahrener. Gerade noch ein Kind, das bang erwartete, ob seine beste Freundin die Folgen des Autounfalls überleben würde, der ihre Eltern und ihren Bruder bereits getötet hatte. Jetzt wusste er mehr, hatte selbst bereits mehrfach getötet. Und doch war es kein Stück leichter als beim ersten Mal.

Er stand in dem weiß gefliesten Gang vor dem Operationssaal des Arztes, der auf der Gehaltsliste der De Angelis stand. Dieser hatte sein Haus in eine Art Privatklinik verwandelt, weswegen es Emilio erspart geblieben war, Saphira in ein öffentliches Krankenhaus zu bringen und dieses mit seinen Männern in einen Hochsicherheitstrakt zu verwandeln.

Kühles Neonlicht erfüllte den Gang, und das leise Surren der Leuchtstoffröhren ließ seine Nervenenden prickeln. Dazu kam noch der leicht beißende Geruch nach Desinfektionsmitteln. Krankenhäuser, egal ob privat oder öffentlich, verströmten immer diesen speziellen Geruch, der ihn an Krankheit und Tod erinnerte. Es gab wahrlich angenehmere Orte, an denen man sich aufhalten konnte.

Seufzend ließ er sich auf einen der Besucherstühle sinken und starrte auf die Fliesen vor seinen Füßen. Er hatte Saphira hereingetragen. Blutstropfen waren auf den Boden gefallen. Emilio starrte die makabre Version der Brotkrumenspur aus dem Märchen Hänsel und Gretel an. Leuchtendes Rot auf strahlend weißen Fliesen.

In diesem Moment hörte er Schritte und blickte auf. Eine Krankenschwester kam mit einem Putzeimer in der Hand auf ihn zu.

Sie nickte ihm kurz zu. »Ich mache das hier sauber.«

Emilio konnte ihr nicht einmal ein Lächeln schicken, weil er so mit den Gedanken an Saphira beschäftigt war. Stattdessen beobachtete er einfach, wie die junge Frau auf die Knie ging und damit begann, die Spuren von Saphiras Verletzung zu beseitigen.

Er hatte keine Ahnung, was zwischen Saphira, Madox und Giuseppe passiert war. Schließlich hatte Saphira ihn weggeschickt. Und jetzt lag sie mit einer stark blutenden Bauchwunde im OP-Saal. Er hätte nicht auf sie hören sollen. Er wusste doch, was für ein hinterlistiger Bastard Giuseppe war. Er hätte Saphira nicht mit ihm allein lassen dürfen. Aber Giuseppe hatte ihre Eltern und ihren Bruder Pippo getötet. Sie hatte das allein regeln wollen, und er hatte sie gewähren lassen. Jetzt musste er mit den Konsequenzen leben.

Emilio war nur froh, dass Madox da gewesen war. Egal, wo er hergekommen war. Inzwischen hatte er Giuseppe bestimmt zu ihrem Anwesen gebracht, und Emilio konnte es kaum noch erwarten, nach Hause zu gehen, um sich persönlich bei Giuseppe für die Schusswunde zu bedanken. Allerdings würde er das erst tun, wenn er wusste, dass Saphira außer Lebensgefahr war. Vorher würde er sich nicht vom Fleck bewegen. Denn das war seine Aufgabe: sicherstellen, dass Saphira überlebte. Egal, zu welchem Preis. Egal, was er dafür tun musste.

Sein Handy vibrierte, und er zog es aus der Hosentasche. Einer der capodecina, der Gruppenführer innerhalb der Struktur der famiglia, rief ihn an.

»Alles erledigt?«, fragte Emilio ohne Umschweife, als er das Gespräch entgegennahm. Er hatte alle angewiesen, dass über die Geschehnisse der Nacht Schweigen bewahrt werden und das Anwesen stark bewacht werden musste.

Die famiglia war bereits durch den geplatzten Waffendeal geschwächt. Es würde sie in eine denkbar schlechte Position bringen, wenn bekannt würde, dass Saphira schwer verletzt war. Das würde die perfekte Angriffsfläche für all ihre Feinde bieten. Und sie hielten gerade den capo der Vargas auf ihrem Anwesen gefangen. Da konnten sie sich wahrlich keine Schwäche leisten.

»Ja. Allerdings ist Madox noch nicht aufgetaucht.«

Ein ungutes Gefühl machte sich in seinem Magen breit. »Wie kann das sein? Er müsste längst da sein.«

»Ich weiß es nicht. Ich habe auch zwei Männer losgeschickt, um den Tatort zu überprüfen, aber dort stand nur noch die verlassene Limousine. Keine Spur von Madox oder Giuseppe.«

Emilio spannte sich an. Irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht. »Behalt die Situation weiter im Auge. Die Männer sollen am Tatort bleiben und dort aufpassen, aber sich versteckt halten. Hört den Polizeifunk ab, stellt sicher, dass es keinen Unfall gegeben hat. Ich will stündlich einen Bericht.«

»Verstanden.«

Emilio beendete das Gespräch und steckte das Handy wieder weg. Wieso war Madox noch nicht aufgetaucht? Was war schiefgegangen? Wenn Madox in einen Unfall verwickelt worden war, dann müsste er bald einen Bericht darüber erhalten. Seine Leute würden Madox einsammeln, und alles wäre wieder gut. Eine weitaus schlimmere Möglichkeit wäre aber eine andere: Verrat.

Madox stand nicht mehr auf ihrer Seite. Aber das konnte eigentlich nicht sein. Welche Begründung sollte es dafür geben?

Von seiner eigenen Paranoia genervt, schob Emilio diesen Gedanken beiseite.

Am liebsten wäre er dieser ganzen Sache direkt auf den Grund gegangen, aber Saphira war verletzt, und deswegen würde er sie jetzt nicht allein lassen. Sollte Madox bis zum Morgengrauen nicht wieder aufgetaucht sein, würde Emilio das tun, was er bei jedem abtrünnigen Mitglied der famiglia tun würde. Er würde die Jagd eröffnen.

Als sich die Tür am Ende des Gangs endlich öffnete und der Arzt in grüner OP-Kleidung erschien, hatte Emilio das Gefühl, dass er bereits eine Ewigkeit auf diesem Besucherstuhl gesessen hatte. Die Kleidung des Arztes war blutbefleckt, und er sah erschöpft aus.

Emilio sank das Herz in die Hose. Eilig erhob er sich und lief dem Arzt entgegen. »Und?«

»Sie wird es überleben.«

Emilio ließ leise die Luft entweichen. Endlich verschwand der Druck von seiner Brust, und er konnte wieder tief durchatmen.

Der Arzt sah ihn an und schob die feine Drahtgestellbrille auf seiner Nase nach oben. Das hellbraune Haar war an den Schläfen bereits ergraut, und die schrecklichen Bilder, die er in seinem Leben gesehen haben musste, hatten Falten in sein Gesicht gegraben und seinen Blick getrübt.

»Allerdings war ihre Verletzung wirklich schwer. Das Geschoss hat einen Teil der Leber zerfetzt. Daher die starke Blutung. Wir konnten die Kugel entfernen und auch den verletzten Teil der Leber. Alle Blutungen sind gestillt. Jetzt müssen wir ihr Zeit geben, damit sich ihr Körper wieder erholen kann.«

Emilio dachte sofort an die Auswirkungen auf die famiglia. »Wann wird sie wieder auf den Beinen sein?«

Der Arzt rieb sich mit einer Hand über den Nacken. »Schwer zu sagen. Aber acht Wochen braucht sie mindestens.«

Emilio ballte eine Hand zur Faust. Das war eine verdammt lange Zeit.

»Sie ist jetzt auf ihrem Zimmer. Eine Krankenschwester ist bei ihr und überwacht ihre Vitalfunktionen. Du kannst dich zu ihr setzen.«

Emilio nickte und ließ sich von dem Arzt zu Saphiras Zimmer führen. Es war das einzige auf dem Gang und daher leicht zu bewachen. Noch ein Vorteil dieser Privatklinik.

Als er die Tür öffnete, erschrak er, obwohl er Saphira bereits einmal in einem ähnlichen Zustand gesehen hatte. Schläuche führten von ihrem Körper zu verschiedenen Geräten, ein Blutbeutel hing neben dem Bett, und sie war extrem blass. Ihre Brust hob sich kaum merklich, und das Piepen der Maschinen machte Emilio schon jetzt wahnsinnig.

Er hatte wirklich gehofft, dass er das nicht noch einmal durchmachen musste. Aber wie beim letzten Mal ließ er sich in einen Stuhl neben ihrem Bett sinken und wartete darauf, dass sein capo wieder wach wurde.

Eine Weile saß er da, bis sie stöhnte und sich leicht in den Laken bewegte.

»Madox …«

Überrascht blickte Emilio auf. »Saphira?«, fragte er.

Aber sie nahm ihn gar nicht wahr, stattdessen hatte sie die Augen geschlossen und schien noch das Narkosemittel auszuschlafen. Als das Piepen von einer der Maschinen schneller wurde, sah er auf das Display und beobachtete, wie Saphiras Herzschlag sich beschleunigte. Was war hier los?

»Madox …«, murmelte sie noch einmal, ihre Stimme war kaum verständlich.

Emilio stand auf und trat an ihre Seite. Sie verzog das Gesicht, als hätte sie Schmerzen. Und das nächste Wort, das sie sagte, ließ seinen Atem stocken.

»Verrat.«

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SAPHIRA

Schmerz war das Erste, was sie bemerkte, als sie wieder wach wurde. Blinzelnd öffnete Saphira die Augen und starrte an die weiße Zimmerdecke. Ein stetiges Piepen drang ihr an die Ohren, und als sie den Kopf drehte, sah sie die Maschinen und Schläuche, die an ihren Armen hingen.

Ein Krankenhaus.

Sie war schon einmal in einer solchen Situation wach geworden, deswegen erkannte sie die Umgebung sofort. Sie blickte ans Fußende des Bettes, und dort an der Wand hing ein simples Kreuz aus dunklem Holz. Saphira glaubte nicht, dass Gott auf ihrer Seite stand, aber ein wenig Beistand konnte sie trotzdem gebrauchen.

Als sie nach rechts sah, entdeckte sie Emilio, der sie mit seinen dunklen Augen besorgt betrachtete.

»Hallo, Dornröschen«, murmelte er. Seine Mundwinkel bogen sich leicht nach oben, aber die Sorge stand ihm klar ins Gesicht geschrieben.

»He«, murmelte sie zurück und musste sofort husten. Die Bewegung ließ Schmerz durch ihren Körper rasen, und sie verzog das Gesicht.

Sofort war Emilio an ihrer Seite und hielt ihr ein Glas Wasser an die Lippen. Gierig trank sie ein paar Schlucke, bevor sie sich wieder zurücklehnte. Auch ihre guardia setzte sich wieder in den Stuhl neben ihrem Bett.

»Wie schlimm ist es?«, fragte sie.

»Die Kugel hat einen Teil deiner Leber zerfetzt. Du hast viel Blut verloren. Aber der Arzt konnte die Kugel entfernen und dein Organ wieder zusammenflicken. Du brauchst jetzt viel Ruhe, wirst aber wieder gesund.«

Saphira schwieg eine Weile. »Wir waren schon einmal in einer ähnlichen Situation, mhm?«

Emilio verzog das Gesicht. »Ich hätte es vorgezogen, das nicht zu wiederholen.«

»Es gibt etwas anderes, worüber wir reden müssen.« Saphira konnte bereits spüren, wie die Schmerzmittel, die vermutlich über den Tropf direkt in ihre Vene flossen, sie wieder müde machten. Sie hatte nicht viel Zeit, bevor sie wieder einschlafen würde.

»Du hast im Schlaf etwas über Madox gemurmelt.«

Sie stockte. »Was habe ich gesagt?«

»Nur seinen Namen. Und das Wort Verrat. Madox ist nicht auf unserem Anwesen aufgetaucht. Was ist hier los?«

Sie nahm einen tiefen Atemzug und ignorierte dabei die Schmerzen im Bauchraum. Am liebsten würde sie keiner Menschenseele von Madox und seinem Verrat erzählen. Die Scham, die sie über ihre Unwissenheit empfand, war riesig. Aber das war jetzt egal, denn ihre famiglia war wichtiger als ihre eigenen Bedürfnisse und Gefühle. So war es schon immer gewesen.

»Madox ist ein Verräter. Er ist Giuseppes Neffe. Er hat uns … die ganze Zeit betrogen. Er war nur bei uns, weil er dachte, dass ich seinen Vater … umgebracht hätte und er auf der Suche nach dem endgültigen Beweis war, bevor er mich umgebracht hätte. Aber anscheinend hat … Giuseppe Madox’ Vater umgebracht, und jetzt hat Madox sich gegen ihn gewandt.« Saphira musste zwischendurch kleine Pausen machen, um zu Atem zu kommen. Diese wenigen Sätze strengten sie an, als hätte sie gerade eine Trainingssession mit Emilio hinter sich.

Sie begegnete seinem wütenden Blick. Einen Moment lang starrten sie sich nur an, dann seufzte der Chef ihrer Leibgarde.

»Scheiße.«

Saphira nickte. »Er gehört nicht länger zu uns. Er ist jetzt der Feind. Du musst alle informieren. Finde ihn.« Sie musste sich überwinden, die nächsten Worte zu sagen. »Jag ihn. Und wenn du ihn gefunden hast, sorg dafür, dass er überlebt. Ich will ihn persönlich umbringen.«

Emilio nickte grimmig. »Ich kümmere mich darum.«

Erleichtert ließ Saphira die Luft entweichen und kämpfte nicht länger gegen die bleierne Müdigkeit an.

Es musste später sein, wie spät konnte sie nicht sagen, aber Saphira spürte den Moment, in dem sie vom Schlaf in den Wachzustand glitt, und wollte sich dagegen wehren. In der Realität warteten nur Schmerzen, Scham und die Konsequenzen ihres Versagens auf sie.

Dennoch öffnete sie die Augen und starrte erneut an die weiße Zimmerdecke.

»Saphira.«

Beim Klang von Emilios vertrauter Stimme drehte sie den Kopf und sah ihn an. Ein dunkler Bartschatten lag auf seinen Wangen, und tiefe Linien hatten sich in sein Gesicht gegraben. Er sah müde aus, erschöpft. Ausgelaugt.

Noch ein Punkt auf der Liste ihrer Verfehlungen. Sie hatte sich das Leben dieses Mannes gekrallt und ihm jede Chance auf eine Familie und Glück genommen. Denn er war mit Leib und Seele Teil ihrer guardia. In seinem Leben hatte es nie Platz für etwas anderes gegeben.

»Wie lange habe ich geschlafen?«

»Einen Tag.«

Sie musste ihn erst gar nicht fragen, was er in dieser Zeit gemacht hatte. Er hatte an ihrem Bett gesessen und darauf gewartet, dass sie wieder wach wurde.

»Was gibt es Neues?«, fragte sie mit belegter Stimme. Sie fühlte sich wie gerädert. Ihre gesamter Bauchraum schmerzte, als wäre sie … nun ja, angeschossen worden. Ihr Mund war trocken, genauso wie ihre Lippen, und die Zunge klebte ihr förmlich am Gaumen.

Als könnte er ihre Gedanken lesen, stand Emilio auf und reichte ihr ein Glas Wasser mit einem Strohhalm. Er hielt das Glas, während sie wenige Schlucke trank, und stellte es dann wieder weg, bevor er sich erneut in den Stuhl sinken ließ.

»Keine Spur von Madox. Aber es gibt Gerüchte.«

Beim düsteren Tonfall seiner Stimme bekam Saphira ein ungutes Gefühl. »Was für Gerüchte?«

Er erwiderte ihren Blick. »Angeblich wird Giuseppe auf dem Anwesen der Vargas festgehalten und gefoltert. Es gab einen Machtwechsel.«

»Madox.« Seinen Namen auszusprechen, verursachte ihr beinahe körperliche Schmerzen.

Emilio nickte. »Das denke ich auch. Wer sollte es sonst sein?« Er fuhr sich mit einer Hand durch die Haare, zerzauste sie noch mehr. »Aber da ist noch mehr.«

Saphira versuchte, sich im Bett etwas aufzurichten, versagte aber kläglich. Ihre Arme konnten nicht einmal ihr eigenes Gewicht halten. Im Moment könnte sie vermutlich sogar der schlechteste Anfänger umbringen.

Emilio wollte ihr helfen, aber sie hielt ihn mit einer Handbewegung auf und ließ sich wieder zurücksinken. »Erzähl mir, was los ist.«

»Eine der Drogengangs, die wir wegen des geplatzten Waffendeals verprellt haben, ist in der Stadt. Sie wollen ihre Waffen oder ihr Geld. Heute Nacht haben sie eines der Cafés unter unserem Schutz demoliert. Ein paar unserer Leute sind da und helfen bei den Aufräumarbeiten. Wir haben eine Nachricht erhalten, dass es so weitergehen wird, bis sie ihre Ware bekommen haben.«

»Verdammt.« Sie presste das Wort zwischen zusammengebissenen Zähnen heraus. »Sind wir stark genug, um es mit der Gang aufzunehmen?« Sie befürchtete, dass sie die Antwort kannte.

»Wir könnten es schaffen«, bestätigte er ihren Verdacht, »aber am Ende wären wir so dezimiert, dass wir ein leichtes Angriffsziel abgeben würden. Ein noch leichteres, als wir es im Moment sowieso schon sind.«

»Und was unternehmen wir jetzt dagegen?«, fragte sie ein wenig hilflos.

Emilio zuckte mit den Schultern. »Ich befürchte, dass wir im Moment nur Schadensbegrenzung betreiben können.«

Saphira drehte den Kopf zur Seite und starrte die fensterlose Wand an. Fenster waren ein Sicherheitsrisiko. Deswegen gab es hier drinnen keine.

Was sollte sie tun? Was konnte sie tun? Im Moment war sie wirklich kein besonders guter capo.

Aber wenn sie es recht bedachte, war sie in letzter Zeit schon kein guter capo mehr gewesen. Wie hatte sie sich nur so von Madox täuschen lassen können? Wie hatte sie so blind sein können?

Sie hatte nicht auf ihren Instinkt gehört, hatte alle Regeln ignoriert. Und damit hatte sie sich selbst und ihrer famiglia geschadet. Sie hatte ein wenig Glück gewollt, ein wenig Freiheit. Stattdessen hatte sie Schande über sich gebracht. Hatte alle, die unter ihrer Verantwortung standen, enttäuscht und gefährdet.

Soweit sie es beurteilen konnte, hatte Madox nicht nur die entscheidenden Informationen, die zum Platzen des Waffendeals geführt hatten, weitergeleitet, sondern vermutlich auch Leandro umgebracht. Ihren Cousin, der unter ihrem Schutz gestanden hatte.

Genauso wie die Leute, die jetzt angegriffen wurden, weil Saphira den Deal nicht hatte einhalten können, unter ihrem Schutz standen. Die Menschen, die jetzt von einer Gang bedroht wurden, die Saphira nicht besiegen konnte. Jedenfalls nicht, ohne sich selbst und ihre famiglia noch weiter zu schwächen.

Sie hatte sie alle in Gefahr gebracht. Und im Moment konnte sie niemandem helfen. Verdammt, sie würde es im Moment nicht einmal allein zur Toilette schaffen!

Sie hatte Madox vertraut, hatte ihn an sich herangelassen. Er hatte sie benutzt. Sie war für ihn nichts weiter als ein Mittel zum Zweck gewesen. Und der Sex ein nettes Extra. Er hatte ihr etwas vorgespielt. Sie zum Narren gehalten.

Und das alles, um Rache für den Tod seines Vaters zu nehmen.

Folterte er deswegen auch jetzt seinen Onkel? Aus Rache? Und wer war eigentlich dieser Damiano, von dem Madox gesprochen hatte?

Saphira hatte das Gefühl, dass ihr der Schädel platzte, wegen all der unbeantworteten Fragen und des Gefühlschaos in ihrem Inneren.

Plötzlich kam ihr ein neuer Gedanke, und der machte alles nur noch schlimmer. Was war, wenn Madox eine völlig andere Motivation hatte, seinen Onkel zu foltern? Was, wenn er nun capo der Vargas war und genau das die ganze Zeit über gewollt hatte? Wenn er sie für seine Machtspielchen benutzt hatte?

Sie hätte Madox nicht so eingeschätzt, aber was wusste sie schon? Alles, was sie über ihn wusste, war eine Lüge. Im Grunde war er ein völlig Fremder.

Oder tat er es für sie? Um sich für sie an Giuseppe zu rächen?

Beinahe hätte sie laut geschnaubt. Als ob. Wenn sie ihm wirklich etwas bedeutet hätte, dann wäre er ehrlich zu ihr gewesen. Spätestens als ihre Affäre begonnen hatte. Da hätte er ihr die Wahrheit sagen müssen. Aber das hatte er nicht getan. Stattdessen hatte er sie weiter hintergangen. Sie war für ihn nur ein Mittel zum Zweck. Nichts weiter.

Die Tür zu ihrem Zimmer wurde geöffnet, und automatisch sprang Emilio auf und griff nach seiner Waffe, als Doktor Marino ins Zimmer trat.

Dieser warf einen Blick auf ihren Chefleibwächter, der sich wieder hinsetzte, bevor er Saphira aufmunternd anlächelte. »Saphira. Wie geht es Ihnen?«

»Als wäre ich angeschossen worden.«

Der Arzt nickte und trat an ihr Bett, schlug vorsichtig die Decke zurück. Sie trafen sich nicht zum ersten Mal. Seit Jahren war er im Dienst ihrer Familie, und Saphira war sich ziemlich sicher, dass sie für ein paar der grauen Haare, die seine Schläfen zierten, verantwortlich war. Und nach dem, was Emilio ihr erzählt hatte, hatte ihre OP ihm wahrscheinlich ein paar neue beschert.

»Ich werde jetzt die Wunde kontrollieren und Ihnen danach ein leichtes Schlafmittel verabreichen. Es ist besser, wenn Sie sich nicht bewegen und sich weiter ausruhen.«

»Aber ich muss bei Bewusstsein …«

»Nein«, fiel Doktor Marino ihr ins Wort. »Ihre Gesundheit hat Priorität.« Er zog die Augenbrauen zusammen, und die Brille mit dem silbernen Drahtgestell war ein Stück nach unten gerutscht, was ihm das Aussehen eines verärgerten Schulleiters verlieh.

»Hör auf ihn, Saphira«, schaltete sich Emilio ein. »Lass ihn seine Arbeit machen.«

Sie wollte widersprechen, aber die beiden hatten recht. In ihrem Zustand war sie niemandem eine Hilfe. Alles, was sie im Moment tun konnte, war, schnell wieder gesund zu werden.

Sie beobachtete Doktor Marino ganz genau, während er die Verbände entfernte, und betrachtete die gerötete Naht auf ihrem Bauch. Eine weitere Narbe in ihrer Kollektion. Eine weitere Erinnerung an ihr Versagen.

»Alles sieht gut aus. Wir können mit dem Heilungsprozess zufrieden sein.« Er lächelte sie an, bevor er sie erneut verband und dann zu einem kleinen Tablett ging, das er bei seinem Eintreten auf dem Tisch neben der Tür abgestellt hatte. Er nahm die bereitliegende Spritze und injizierte das Schlafmittel in den Katheter auf ihrem Handrücken.

Beinahe sofort spürte Saphira, wie die bleierne Müdigkeit übermächtig zurückkehrte. Sie wollte sich dagegen wehren, hatte aber keine Chance.

»Ruhen Sie sich aus, Saphira«, sagte Doktor Marino mit sanfter Stimme.

Der letzte Gedanke, bevor sie wieder einschlief, war, dass Madox ihr alles genommen hatte. Ihre Rache. Ihre Stärke. Ihr Vertrauen.

Blinzelnd öffnete sie die Augen, und es dauerte einen Moment, bis sie richtig wach wurde. Aber dann drehte sie den Kopf zur Seite und entdeckte den leeren Stuhl, auf dem zuletzt Emilio gesessen hatte.

Sie seufzte erleichtert. Es war das erste Mal, dass sie allein aufwachte, seitdem sie angeschossen worden war, und das war genau das, was sie jetzt brauchte. Etwas Ruhe zum Nachdenken.

Das leise Piepen der Maschinen, an die sie angeschlossen war, hatte etwas Beruhigendes. Allerdings hätte sie inzwischen alles für eine Dusche und ihre eigene Kleidung gegeben. Aber bis dahin würde wohl noch einige Zeit vergehen.

Was sie mit einer einzigen Möglichkeit zurückließ, wie sie die Zeit verbringen konnte: über Madox nachzudenken.

Bei dem Gedanken an ihn wurde ihr schlecht, und gleichzeitig zog sich ihr Herz schmerzhaft zusammen. Sie hatte ihm tatsächlich vertraut. Sie hatte geglaubt, dass er zu ihnen, zu ihr, gehörte. Stattdessen war er der Feind und hatte die Informationen, die er bekommen hatte, gegen sie genutzt.

All ihre Pläne waren von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen, weil sie ihn so nah an sich herangelassen hatte. Es war ihre Schuld, dass ihre famiglia nun im schlechtesten Zustand seit der Ermordung ihrer Eltern und ihres kleinen Bruders Pippo war. Ihre Anzahl war stark dezimiert worden, das Anwesen der De Angelis derzeit so gut wie unbewacht, ihr größter Feind besaß interne Informationen, und sie hatten weder genügend Waffen noch Geld, um sich ernsthaft zu widersetzen. Die famiglia, die vor wenigen Monaten in der Welt der Cosa Nostra noch mit Respekt und Ehrfurcht behandelt worden war, war jetzt nichts weiter als ein Scherz.

Wie hatte es nur so weit kommen können? Wie hatte sie sich nur so hinters Licht führen lassen?

In ihrem Inneren kämpften Scham und Verzweiflung miteinander, ließen ihre Haut prickeln und Tränen in ihre Augen steigen.

Sie war so dämlich gewesen. So unfassbar dämlich. Und obwohl sie bei Madox nicht von Liebe hätte sprechen wollen, hatte er ihr doch das Herz gebrochen. Und noch viel schlimmer: Er hatte mit seinem Verrat nicht nur ihr Vertrauen verloren, sondern gleichzeitig auch ihr Vertrauen in sich selbst zerstört.

Sie hatte immer geglaubt, dass sie andere Menschen gut einschätzen könnte, dass sie aufgrund ihrer Eiseskälte nicht so leicht hinters Licht zu führen wäre. Aber bei Madox schienen all ihre Selbstverteidigungsmechanismen versagt zu haben.

In diesem Moment wünschte sich Saphira, dass sie den Schuss nicht überlebt hätte.

Sie wischte sich mit einer Hand über die Wangen, entfernte die Spuren der leisen Tränen, die sie vergossen hatte. Wie schon vor so vielen Jahren schob sie ihre Gefühle einfach beiseite. Verschloss sie hinter dicken Mauern in ihrem Kopf.

Denn dafür hatte sie keine Zeit. Sie konnte sich nicht in Selbstmitleid suhlen. Sie war Saphira De Angelis. Capo einer der ehemals mächtigsten Mafiafamilien Italiens.

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