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Finsterwald

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. DANKSAGUNG
  7. DIE CHRONIKEN DES NEKROMANTEN
  8. KAPITEL 1
  9. KAPITEL 2
  10. KAPITEL 3
  11. KAPITEL 4
  12. KAPITEL 5
  13. KAPITEL 6
  14. KAPITEL 7
  15. KAPITEL 8
  16. KAPITEL 9
  17. KAPITEL 10
  18. KAPITEL 11
  19. KAPITEL 12
  20. KAPITEL 13
  21. KAPITEL 14
  22. KAPITEL 15
  23. KAPITEL 16
  24. KAPITEL 17
  25. KAPITEL 18
  26. KAPITEL 19
  27. KAPITEL 20
  28. KAPITEL 21
  29. KAPITEL 22
  30. KAPITEL 23
  31. KAPITEL 24
  32. KAPITEL 25
  33. KAPITEL 26
  34. KAPITEL 27
  35. KAPITEL 28
  36. KAPITEL 29
  37. KAPITEL 30
  38. KAPITEL 31

Über die Autorin

Gail Martin wurde in Meadville, Pennsylvania, geboren. Sie ist Historikerin und Marketing-Fachfrau und hat zwanzig Jahre als Marketing-Leiterin für diverse Firmen und Organisationen gearbeitet. Regelmäßig schreibt sie Artikel für Fachzeitschriften. Sie ist Dozentin für Public Relations an der Universität in North Carolina. Ihre Leidenschaft für SF und Fantasy entdeckte sie bereits in der Grundschule. Geschichten schreibt sie seit ihrem 14. Lebensjahr. Gail Martin ist verheiratet und hat drei Kinder.

Gail Martin

FINSTERWALD

Die Chroniken des Beschwörers – Band 3

Aus dem Amerikanischen von
Susanne Picard

DANKSAGUNG

Es braucht ein ganzes Dorf – oder wenigstens einen Stamm –, um ein Buch drucken zu lassen. Ich danke jedem, der diesem Buch auf dem Weg dahin geholfen und es unterstützt hat.

Mein Dank gilt also meinem Ehemann Larry, der unermüdlich dieses Buch lektoriert und es kommentiert hat, und auch meinen Kindern Kyrie, Chandler und Cody, die ihre Zeit mit mir mit dem Schreibprozess teilen. Ich bin ebenso auch Christian Dunn, Mark Newton und Alethea Kontis dankbar, deren Glauben in dieses Buch es in den Buchladen Ihres Vertrauens gebracht hat – und natürlich auch meinem Agenten Ethan Ellenberg.

Ich weiß meine erweiterte Familie und meine Freunde zu schätzen, die mich immer wieder während des Entstehungsprozesses ermutigt haben – und danke auch an all die wundervollen Leser und Freunde unter den Autoren, die mir geholfen haben, diese ganze verrückte Branche zu durchschauen. Eine dieser Freundinnen, Tracy Fletcher Albritton, war die Erste, die meine handgeschriebenen Geschichten vor 31 Jahren gelesen hat und die all die Jahre an mich geglaubt hat. Sie ist mittlerweile verstorben und ich wünsche mir sehr, dass es einen Seelenrufer gäbe, der es mir erlauben würde, ihr Auf Wiedersehen zu sagen.

Dieses Buch ist ihr gewidmet.

DIE CHRONIKEN DES NEKROMANTEN

Ein Auszug aus den Schriften von Royster von Westmark, dem Hüter der Bibliothek der Schwesternschaft

Die dunklen Zeiten begannen im dreiundreißigsten Regierungsjahr von König Bricen von Margolan. Jared Drayke, König Bricens ältester Sohn, okkupierte den Thron und tötete jeden in der königlichen Familie, außer seinen jüngeren Halbbruder Martris.

Tris, wie der jüngere Prinz von seinen Freunden genannt wurde, entkam dem Verrat seines Bruders nur knapp und floh mit der Hilfe einiger weniger mutiger Freunde. Ausgestoßen und gejagt mussten Tris und seine Freunde um ihr Leben fürchten. Auf ihrer Suche nach einer Zuflucht außerhalb von Margolan kreuzte Jonmarc Vahanian ihren Weg, ein berüchtigter Schmuggler und ehemaliger Söldner. Die kleine Gruppe von Freunden war vielen Mühen und Plagen ausgesetzt, um sich Jareds Truppen zu entziehen. Auf dem Weg stellte Tris fest, dass er die seltene Geistermagie von seiner Großmutter Bava K’aa geerbt hatte. Diese Magie machte ihn zu einem Seelenrufer und verlieh ihm die Gabe, zwischen den Lebenden, den Toten und den Untoten zu vermitteln. Er erkannte, dass diese Magie ihm dabei helfen könnte, den Thron zurückzugewinnen – wenn er schnell genug lernen würde, sie zu kontrollieren, bevor sie ihn tötete.

Tris fand im benachbarten Fahnlehen Unterstützung. Zusammen mit seinen treuen Freunden begann er, Pläne zur Befreiung von Margolan zu schmieden, das an der Last von Jareds grausamer Herrschaft schwer zu tragen hatte. König Staden belohnte Jonmarc Vahanian mit einem Titel und gab ihm Dark Haven für seinen Heldenmut als Lehen.

Aber der Weg zur Wiedererlangung der Königskrone war gefährlich. Tris, ein halbausgebildeter Magier, hatte keine andere Wahl, als seinen älteren Bruder und den dunklen Zauberer Foor Arontala herauszufordern. In der Nacht des Hagedornmonds planten Jared und Arontala, den gebundenen Geist des Obsidiankönigs zu befreien, dessen abscheuliche Taten in den großen Magierkrieg fünfzig Jahre zuvor geführt hatten.

Tris riskierte alles, um die Krone wiederzugewinnen, und starb beinahe in der Schlacht um Leben und Tod mit Jared, Arontala und dem wiedergeborenen Obsidiankönig. Seine Magie stieß im Kampf an ihre Grenzen und Tris musste für seinen Sieg einen hohen Preis zahlen. Das Königreich war glücklich, von Jared dem Tyrannen befreit zu sein. Tris wurde als Martris von Margolan zum König gekrönt und erbat die Hand von Prinzessin Kiara von Isencroft; ein Schritt, der ein lange zuvor geschlossenes Heiratsversprechen besiegelte und die beiden Königreiche noch enger miteinander verband. Jonmarc Vahanian wurde Lord von Dark Haven, ein Sterblicher in der uralten Zuflucht der Vayash Moru.

Sie alle wussten zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass die dunklen Zeiten noch lange nicht vorbei waren. In der kurzen Zeitspanne von Jareds Herrschaft waren Dinge ins Rollen gekommen, die nicht aufgehalten werden konnten. Das Waffenstillstandsabkommen zwischen den Sterblichen und den Vayash Moru begann zu bröckeln, es hatte den Frieden über Jahrhunderte hinweg garantiert. Die Schwesternschaft konnte den Strom der Magie nicht länger kontrollieren. Alte Rivalen und neue Feinde warteten nur auf die Gelegenheit, zuzuschlagen.

Was vor ihnen lag, war viel gefährlicher als alles, was sie schon hinter sich hatten. Tris, Jonmarc und die anderen sahen in eine Zukunft, in der all ihre Sicherheiten verloren gehen und ihre engsten Bande zerrissen werden sollten. Tris und Jonmarc sollten in den kommenden düsteren Tagen erkennen, dass Träume sehr schnell zu Albträumen und diese wiederum Wirklichkeit werden können.

KAPITEL 1

Jonmarc Vahanian zügelte sein Pferd.

Der Herbsttag war kühl und sein Atem bildete kleine Dampfwolken in der Luft. Leuchtend buntes Herbstlaub wirbelte über den Hof. Vahanians Blick taxierte das riesige, dunkle Steinhaus. Endlich war der Landsitz von Dark Haven bewohnbar.

Jonmarcs Pferd schnaubte unruhig. Gruppen von Arbeitern waren im Hof damit beschäftigt, den Landsitz winterfest zu machen und für Besucher wohnlich zu gestalten, was Jonmarc wichtiger war. Er glitt von seinem Pferd und reichte die Zügel geistesabwesend an einen Pferdeknecht weiter, als sein Gutsverwalter Neirin heranhastete. Neirin war in Dark Haven geboren worden und mit vielen der Geister und Vayash Moru verwandt, die im Landhaus dienten. Eine Wolke von wildem, rotem Haar umrahmte sein sommersprossiges Gesicht und wenn er sprach, tat er das mit dem schweren Akzent des Hochlands von Fahnlehen.

»Sie sind früh auf, mein Lord«, begrüßte Neirin ihn fröhlich. »Alle werden denken, dass Ihr Vayash Moru seid, wenn Ihr Eure Tageseinteilung beibehaltet.«

Jonmarc lächelte. »Ich war immer schon ein Machtmensch, aber Dark Haven gibt dem noch einmal eine ganz neue Bedeutung.« Er streckte sich und zog ein Gesicht, als er einen Stich im rechten Arm spürte. Etwas mehr als drei Monate waren vergangen, seit er der Schlacht mit Arontala entkommen war. Der übel gebrochene Arm, das Bein und das Handgelenk hatten selbst mit Carinas Hilfe fast den ganzen Sommer gebraucht, um ordentlich zu verheilen.

»Geht es Euren Knochen besser?«

»Sie sind noch nicht so gut wie neu, aber es wird schon.«

Neirin warf ihm einen wissenden Blick zu. »Ich zweifle, dass Eure Dame Heilerin Euren Tagesablauf im Sinn hatte, als Ihr hier in den Norden gekommen seid: Morgens mit den Bauern das Korn ernten, in der Schmiede am Nachmittag und Schwertkampfübungen mit Eurer Wache am späten Abend.«

Jonmarc lachte leise. »Sie erwartet von mir, Befehle zu ignorieren. Das heißt, dass ich nichts tue, was sie nicht von mir denkt.«

»Das ist die verdrehteste Logik, die ich seit langer Zeit gehört habe.«

Jonmarc sah auf den dunklen Stein des Hauses. »Nun ja, sogar nach meinen Maßstäben ist das der seltsamste Ort, an dem ich seit langer Zeit gewesen bin, also sind wir wohl quitt.« Er starrte die Straße hinunter in Richtung des Dorfs und der Felder dahinter.

Die schweren Regen des Jahres hatten für eine karge Ernte gesorgt. Dark Haven konnte sich keine weitere schlechte Ernte leisten und hier in den nördlichen Landstrichen würde der Winter früh kommen.

»Ihr macht Euch Sorgen um die Ernte.«

Jonmarc zuckte mit den Schultern. »Sollte ich das nicht? Das Herrenhaus war nicht das Einzige, was hier in den letzten zehn Jahren verrottet ist. Keiner hat sich um die Felder gekümmert, das ist mal sicher. Und mit dem Chaos, das Jared aus Margolan gemacht hat, wird dieses Jahr kein Korn übrig sein. Wir müssen von allem zur Aussaat behalten, was wir ernten, und es über den Winter bringen. Ich habe kein Verlangen danach, einen Titel zu bekommen und immer noch hungrig zu sein!«

»Ihr habt schon mehr getan als die letzten beiden Herren.«

»Wie mir schon wiederholt mitgeteilt wurde, starben beide in jungen Jahren. Vielleicht zähle ich nicht auf eine lange Herrschaft.«

»Ich wünschte, Ihr würdet darüber keine Witze machen.«

»Wer macht hier Witze?«

Neirin sah über die Felder. »Ich bin kein Magier, aber sogar ich weiß, dass es um die Dinge hier besser stand, bevor Arontala die Ströme der Magie unter dem Herrenhaus gestört hat. Ich habe meinen Vater und vor ihm meinen Großvater darüber sprechen hören, wie es hier vorher war. Seit Arontala diesen verdammten Orb aus seiner Verankerung gerissen hat, haben sich die Dinge verschlimmert.«

»Letztes Jahr, als Tris und die Schwesternschaft über den Strom gesprochen haben, habe ich ihnen eigentlich nicht geglaubt«, sagte Jonmarc nachdenklich. »Jetzt lebe ich genau über diesem verdammten Ding. Ich habe keine Magie, aber auch für mich fühlt sich hier jedes Mal etwas falsch an, wenn ich mich in den Katakomben unter dem Haus befinde.«

Ein machtvoller Strom der Magie floss unter dem Herrenhaus her und durch seine Fundamente hindurch. In diesem großen Strom hatte die große Magierin Bava K’aa vor über fünfzig Jahren den Orb gefangen, der die Seele des Obsidiankönigs enthielt. Die Fundamente des Hauses waren zerbrochen und ein Flügel des Gebäudes war in sich zusammengefallen, als Foor Arontala den Orb vor elf Jahren dem Strom abgerungen hatte. Zauberer schworen, dass das eine Störung im Strom verursacht hatte, die über die ganzen Winterkönigreiche hinweg zu spüren war.

Ein kühler Wind blies an Jonmarc vorbei und trockenes Laub raschelte um seine Füße. Wieder summte das Haus vor Leben und von den Aktivitäten der noch nicht völlig Toten. Dark Haven war das ursprüngliche Heim der Vayash Moru und Jonmarc war der neue Lehnsherr, der es als Geschenk von König Staden von Fahnlehen bekommen hatte.

»Seid Ihr bereit für heute Nacht?«

Jonmarc warf Neirin einen intensiven Blick zu. »Sicher. Ich bin so bereit, wie man nur sein kann. Ich werde dem Blutrat vorgestellt. Als einziger Sterblicher an diesem Ort. Das letzte Mal, als Gabriel ein Ratstreffen arrangiert hat, bin ich fast gestorben – und ich war nicht mal offiziell eingeladen. Ich bin nicht einmal sicher, dass sie über einen neuen Herrn so glücklich sind, und gar einen Sterblichen.«

Neirin ging neben Jonmarc her, während sie den Fortschritt der Bautrupps begutachteten.

»Ihr werdet auf Lord Gabriels Ländereien sein. Das schützt Euch. Er wird dort seine Brut haben, die Euch schützt. Keiner wird es wagen, Euch auch nur ein Haar zu krümmen. Selbst wenn sie das wollen.«

»Danke. Ich fühle mich schon gleich besser.«

Jonmarc zog seinen Mantel enger und sah den Arbeitern wieder zu. Bei Tageslicht waren die Arbeiter Sterbliche. In der Nacht arbeiteten Vayash-Moru-Handwerker daran, das Herrenhaus wieder in alter Pracht erstehen zu lassen. Gabriel hatte den Wiederaufbau angeschoben, bevor Jonmarc in der Lage gewesen war, aus Margolan abzureisen. In den Wochen seit Jonmarcs Ankunft waren die Vorratskammern gefüllt worden, in den Schuppen waren Feuerholz und andere Notwendigkeiten gestapelt, in den Ställen standen Pferde und hing Zaumzeug. Dark Haven war für Sterbliche wieder bewohnbar.

Dark Havens Herrenhaus war vier Jahrhunderte alt. Es war drei Stockwerke hoch, rechteckig und mit je einem großen Flügel auf jeder Seite. Der Haupteingang hatte eine geschwungene Treppe, die von einem säulenbestandenen Eingang herunterführte, und darüber einen großen Balkon. Aus dunklem Granit erbaut, machte Dark Haven einen bedrohlichen Eindruck.

Selbst die Konstruktion des Gebäudes entsprach seiner Rolle, für Sterbliche und für Vayash Moru gleichermaßen ein Heim zu sein. Seine Räume waren ineinander verschachtelt, die äußeren Zimmer hatten große Fenster und waren für die sterblichen Bewohner gedacht. Ein innerer Ring von Räumen war fensterlos, sodass sich die Vayash Moru sicher vor der Sonne draußen bewegen konnten. Am äußeren Ende des linken Westflügels war ein kleiner Tempel für die Göttin. Aber während die Margolaner sie als die Mutter mit dem Kind und Isencroft die Rächerin Chenne anbeteten, verehrten nur die Leute von Dark Haven sie als Istra, die Dunkle Lady. Der Tempel war all die Jahre gepflegt worden, während der Landsitz brachlag. Selbst Jonmarc – dessen Ansichten bestenfalls agnostisch genannt werden konnten, es sei denn, er stand unter Beschuss – konnte eine geisterhafte Präsenz dort spüren.

»Wie kann es so früh im Herbst schon so verdammt kalt sein?«, grummelte Jonmarc.

»Das hier ist Fahnlehen! Es ist nur der Dunklen Lady zu verdanken, dass es noch nicht geschneit hat.« Die grüngraue Färbung der Wolken sah aus, als würde es sich die Lady aber gerade anders überlegen.

»Wenn es zu stark schneit, wird Linton seine Karawane zum Winter nicht verproviantieren können. Das Handelsabkommen, das wir mit ihm und Jolie ausgemacht haben, kann nur dann Geld bringen, wenn sie Güter transportieren. Wir werden Gold brauchen, um den Landsitz ganz reparieren zu können, und noch mehr, um Saatgut für die Ernte nächstes Jahr zu kaufen. Ewig wird das Gold von Stadens Belohnung für mich nicht reichen.«

Neirin lächelte. »Ich habe Euch handeln gesehen. Wenn jemand aus einer Münze das Letzte herausholen kann, dann seid Ihr das. Es ist lange her, dass Dark Haven sich selbst erhalten hat. Handel, wie Ihr ihn betreibt, kann das Dorf wieder auf die Beine bringen.«

»Mal von den Handelsrouten abgesehen, die Reise zurück nach Margolan zu Tris’ Hochzeit wird ganz übel, wenn wir mit Schnee zurechtkommen müssen. Sie sollte mit gutem Wetter ungefähr drei Wochen dauern, auch wenn ich sie nie zuvor ohne Soldaten auf den Fersen unternommen habe. Das muss ich also abwarten.«

»Ein früher Schnee wird die übrig gebliebene Ernte vernichten und die Reparaturen am Landsitz. Aber Ihr habt ja noch gut zwei Wochen, bevor Ihr und Lord Gabriel nach Margolan aufbrechen müsst. Das Wetter kann sich noch einmal völlig ändern bis dahin.« Neirin zog seinen Mantel erneut enger um sich. »Es geht das Gerücht, dass Ihr eine Heilerin hierhin zurückbringt, und eine sehr gute noch dazu. Wir haben hier schon seit Ewigkeiten keine anständige Heilerin mehr gehabt. Wenn Eure Lady einverstanden ist, dann wird sie hier mehr als genug Patienten haben, denke ich.«

Jonmarc lächelte. »Versuch mal, sie davon abzuhalten. Ich vermute, sie kommt gut vorbereitet hierhin. Ihr solltet ihr allerdings keine Verletzungen von Wirtshausschlägereien vorsetzen. Da ist sie empfindlich.«

»Klingt, als hättet Ihr das aus erster Quelle.«

»Bei mehr als einer Gelegenheit!«

Jonmarc ging durch die eisenbeschlagenen Türen hinein. Der Geruch von gebratenem Lamm stieg ihm in die Nase, von gebackenem Brot und das Aroma von heißem gewürztem Wein. Dark Haven schien einen Festtag zu erwarten. Auch wenn die Vayash Moru keine sterbliche Nahrung benötigten, bereitete das Gesinde mit Eifer das Festmahl für die Dahingeschiedenen vor – oder, wie es meist genannt wurde, Spuken.

»Spuken hier vorzubereiten ist wirklich etwas Besonderes, das ist mal sicher.«

Neirin grinste. »Nirgendwo in den Winterkönigreichen werdet Ihr die Bewohner so freundlich mit den Dahingeschiedenen umgehen sehen.Vielleicht in Margolan, das ja einen Seelenrufer zum König hat.«

»Solange ich noch unter den Lebenden weile, betrachte ich das als Gewinn«, sagte Jonmarc und verabschiedete sich von Neirin, um in seine Räume zu gehen.

Jonmarc hatte gerade die Tür hinter sich geschlossen, als die Zimmertemperatur plötzlich um einige Grade fiel. Er spürte ein Prickeln im Nacken und wusste, dass einer der Geister des Landsitzes in der Nähe war. Er drehte sich um und erkannte aus den Augenwinkeln gerade noch die kaum wahrnehmbare Gestalt eines Mädchens. Sie glitt ans andere Ende des Raums und verschwand in der grauen Steinwand. Jonmarc sah ihr schweigend hinterher.

»Lasst Euch von unserer schönen Maid nicht beunruhigen.«

Jonmarc drehte sich um und sah seinen Kammerdiener Eifan hinter sich stehen. Eifan hatte die dunklen Augen und das düstere Aussehen eines Trevathers, auch wenn seine sterblichen Tage schon über zweihundert Jahre zurücklagen. Er war ein flinker, drahtiger Mann und bewegte sich mit der Schnelligkeit eines Raubvogels.

»Ich denke, dass unser Mädchen wohl etwas zu früh ist für Spuken«, sagte der Vayash Moru und legte die letzten Waschutensilien neben eine Wanne mit dampfend heißem Wasser.

»Ich habe sie schon einmal gesehen. Kanntest du sie? Ich meine, lebend?«

Eifan schüttelte den Kopf. »Viele der Geister Dark Havens sind älter als selbst ich, m’Lord. Es heißt, das Mädchen sei die Tochter eines der Herren von Dark Haven und an der Pest gestorben. Es wird erzählt, dass sie nach einem Heiler suche, der trotz seines Versprechens nie hier zum Landsitz kam.«

Er hielt Jonmarc ein Handtuch hin. »Ihr habt einen wichtigen Abend vor Euch, m’Lord. Lord Gabriel hatte Geschäfte mit den Großen Häusern, um diesen Abend vorzubereiten. Ich denke, er kommt bald zurück.«

»Zu bald, da bin ich sicher.«

Obwohl die Vayash Moru nach sterblichen Maßstäben generell schweigsam waren, hatten einige Monate in der Gesellschaft derselben Jonmarc eine gewisse Hellhörigkeit verliehen – mehr, als er sich je hatte erträumen lassen. »Was geht dir im Kopf herum, Eifan?«

»Es ist nicht an mir, das zu sagen, m’Lord.«

»Daran hat mir noch nie etwas gelegen.«

Eifan schwieg für einen Moment. »Ich habe drei Herren hier in Dark Haven gedient. Niemand hat gleich zu Beginn so einen guten Eindruck gemacht wie Ihr. Ich wünschte, Ihr würdet Erfolg haben. Es gibt einige, m’Lord, die diese Ansicht nicht teilen. Ihr seid der einzige Sterbliche heute Abend beim Blutrat. Einige meiner Art könnten damit nicht einverstanden sein, dass ein Sterblicher über uns herrscht.«

»Mein ganzes Leben lang haben Sterbliche versucht, mich umzubringen. Ich bin an rüde Gesellschaft gewöhnt.«

»Nehmt Euch vor Uri und seiner Brut in Acht, m’Lord. Er will Euren Titel für sich haben. Ich glaube nicht, dass jemand so vermessen wäre, in Gabriels Anwesenheit gegen Euch vorzugehen. An Eurer Stelle würde ich aber nicht alleine nach Hause gehen.«

»Ich werde das beherzigen.«

»Es heißt, dass die Lady sich einen Sterblichen aussucht, um Dark Haven zu regieren. Die, die in der Nacht umgehen, sollen so beschützt werden«, sagte Eifan leise. »Viele glauben, wir werden zu arrogant unseren sterblichen Nachbarn gegenüber, wenn Dark Haven einen Vayash Moru als Herrscher hat, der niemals altert und niemals stirbt.«

Das war Jonmarc nicht neu. »Und ich bin also deiner Meinung nach hier, damit das nicht passiert?«

»Ein sterblicher Herr kann die Bedürfnisse der Vayash Moru und auch der Sterblichen besser beurteilen.«

»Also warum sorgst du dich dann? Ihr braucht einen Sterblichen, ich bin hier und Gabriel erzählt mir ständig, dass ich die Wahl der Lady bin. Auch wenn ich keine Ahnung habe, woher er das wissen will.«

»Es ist der Wille der Dunklen Lady. Sterbliche sagen, dass Istra ein Dämon sei. Wir aber glauben, dass Istra eine Wölfin ist, die ihre Welpen beschützt. Als Lord von Dark Haven seid Ihr ihr Krieger.«

»Danke.«

Eifan verbeugte sich kurz und überließ Jonmarc seinen Gedanken, als dieser sich auszog und in die Badewanne glitt. Eifans Meinung ließ ihn an eine Schnitzerei in der Kapelle von Dark Haven denken. Sie zeigte Istra, eine Schönheit mit traurigen Augen und einer majestätischen Präsenz, die zwischen einer Menschenmenge mit Fackeln und einer Gruppe sich windender Vayash Moru stand. Auch wenn er noch keine Gelegenheit gehabt hatte, die verschiedenen Schreine in der Gegend zu besuchen, waren ihm die verschiedenen Gesichter der Lady so bekannt wie jedem in den Winterkönigreichen. Chenne, die Kriegerin. Athira, die Geliebte und Hure und die Göttin des Glücks – der Aspekt, den er wohl am wahrscheinlichsten anbeten würde, wenn er denn früher regelmäßig gebetet hätte. Die gelassene und heitere Mutter und das außerordentlich weise Kind. Sinha, die Vettel. Und die Formlose, die keinen Namen besaß.

Bis er nach Dark Haven gekommen war, hatte Jonmarc nie ein Bildnis von Istra gesehen, auch wenn er ihren Namen natürlich gehört hatte. »Istras Handel« war ein Ausdruck der Soldaten und Söldner für einen selbstmörderischen Pakt, bei dem sie der Lady für den Sieg ihre Seelen versprachen. Er hatte Soldaten diesen Pakt schließen sehen, sie hatten das Zeichen der Lady geschlagen und ihren Eid geschworen. Niemand war lebend zurückgekehrt, aber alle hatten sie gesiegt.

Und so hatte er die Kapelle neugierig besichtigt. Auch wenn sie klein war, sie war reich geschmückt mit Schnitzereien und exzellentem Kunsthandwerk, beleuchtet von unzähligen Kandelabern. Die Kapelle wurde rund um die Uhr von einem Einsiedler betreut, der Vayash Moru war. Er sprach niemals und schien nur für die Kapelle zu existieren. Ein großes Bleiglasfenster zeigte die Lady, es wurde angestrahlt von Fackeln und beherrschte die hintere Kapellenwand.

Eifan hatte Recht. Die Lady war kein Dämon. Ein kunstvolles Basrelief zeigte die Dunkle Lady, den Kopf gesenkt, wie sie den zerschmetterten Körper eines Vayash Moru aufhob. Aber es war die Lady aus buntem Glas, die Jonmarcs Aufmerksamkeit immer wieder auf sich zog. Mit bernsteinfarbenen Augen und von düsterer Schönheit, hatte sie ihren reich bestickten und gemusterten Mantel um ihre Kinder gewickelt. Ihre Lippen hatten sich geteilt, um die langen Augzähne der Vayash Moru zu entblößen. Istra war die Göttin der Ausgestoßenen, die in der Stunde des Wolfs allein gingen. Und sterblich, wie Jonmarc Vahanian selbst war, war etwas in diesen Augen mit seiner eigenen Rebellenseele verbunden.

Einen Kerzenabschnitt später rückte er den Kragen seines schwarzen Samtwamses zurecht und zupfte an seinen Manschetten. Er fuhr sich mit den Fingern durch sein dichtes, braunes Haar, bis es ihm ordentlich auf die Schultern fiel. Beim Gehen warf er noch einen kurzen Blick in einen Spiegel, um sicherzugehen, dass er ordentlich aussah. Seine dunklen Augen trafen seinen eigenen Blick und er blieb stehen.

Wenn es mit rechten Dingen zuginge, läge ich schon mit dem Gesicht nach unten und mit einem Messer im Rücken in irgendeinem Straßengraben. Und vielleicht wäre das auch so, wenn Harrtuck mich damals nicht dazu überredet hätte, Tris aus Margolan hinauszuschmuggeln.

Dieses Abenteuer, das für Jonmarc ein paar Wochen nach dem Spukenfest des letzten Jahres begonnen hatte, hatte ihn von einem gesetzlosen Schmuggler in die Reihen der Freunde von Königen und Landadligen erhoben. Die Kopfgeldjäger und Schulden waren bezahlt, das Schmuggeln hatte er endgültig aufgegeben. Aber dennoch fühlte er sich nicht erleichtert.

Jonmarc zog ein kleines Stück Flechtwerk aus einer Tasche. Es war aus Lederstreifen und grünem Holz gefertigt. Vorsichtig schob er es auf seinen rechten Unterarm. Es war eine Vorrichtung, die einen einzigen Pfeil enthielt und eine fest zusammengezurrte Feder. Sie war klein genug, gerade so in den Ärmel seiner Tunika zu passen. Jonmarc hob seinen Arm auf Brusthöhe, bewegte kurz sein Handgelenk und betätigte so den Auslöser. Der Pfeil schoss heraus und traf die Wand. Jonmarc machte sich keine Illusionen darüber, dort sicher zu sein, wo sie heute Abend hingehen würden. Seine täglichen Übungen mit Vayash-Moru-Gegnern hatten ihm klargemacht: Wenn heute Abend alles schiefging, wäre sein Schwert nur eine unzureichende Verteidigung. Der Pfeil war als letzter Ausweg gedacht. Er zog ihn aus der Wand, verstaute ihn wieder an seinem Platz und schlüpfte in seinen Mantel.

Es klopfte an der Tür. »Herein.«

Gabriel stand im Eingang. Der schlanke, flachsblonde Vayash-Moru-Adlige hatte sich sein Festgewand angezogen. Sein Mantel war mitternachtsblau und elegant aus feinem Brokat geschneidert. Wenn schon sonst nichts, dachte Jonmarc, dann war Unsterblichkeit wohl wenigstens gut, um reich zu werden.

»Guten Abend, Jonmarc.«

»Ich hoffe doch, dass er gut wird.« Er drehte sich um. »So, ist alles bereit?«

Ein schwaches Lächeln spielte in den Mundwinkeln von Gabriels dünnen Lippen. »Möchtest du es sehen?«

Niemand hätte Gabriel je für etwas anderes gehalten als für einen Adligen, dachte Jonmarc. Sein Auftreten, seine feinen Gesichtszüge, alles an ihm zeugte von Vornehmheit und hoher Geburt. Und doch hatte Gabriel schon lange vor der Schlacht um Margolans Thron ihn ausgesucht, manchmal als Beschützer, manchmal als einen unwahrscheinlichen Freund. Seit Jonmarc nach Dark Haven gekommen war, hatte es Gabriel zufriedengestellt, als Verwalter von Vahanians Landsitz zu fungieren. Jonmarc wusste jedoch, dass Gabriel selbst Land von größerem Wert besaß. Er war ebenso ein Mitglied des Blutrats. Jonmarc wusste auch, dass er ohne Gabriels Hilfe nicht annähernd so viel geschafft, noch sich in den Geschäften eines Landbesitzers zurechtgefunden hätte. Gabriels Hilfe war ihm sehr willkommen und er hatte sich daran gewöhnt. Wenn sie auch noch nicht ganz Freunde waren, so waren sie doch hervorragende Geschäftspartner, und Jonmarc war dankbar für den Führer an diesem fremdartigen und ablehnenden Ort.

»Lass uns mal sehen, ob dein Goldschmied wirklich so gut ist.« Gabriel hielt Jonmarc einen kleinen Samtbeutel hin. Er nahm ihn und leerte ihn in seine Handfläche aus. Was er sah, ließ seinen Atem stocken. Das Armband in seiner Hand war federleicht. Es war aus Silber und Gold gearbeitet und das Verlobungszeichen in der Mitte verband zwei Wappen miteinander. Fünf senkrechte Linien mit einem »V«, die an Wolfsspuren erinnerten, waren Jonmarcs altes Zeichen als Flussschmuggler und Krieger. Das andere, ein Vollmond, der aus einem Tal aufstieg, war das Wappen des Herrn von Dark Haven. In das Armband verwoben – das in den Grenzlanden, in denen Jonmarc geboren war, ein Shevir genannt wurde –, warnten die Symbole jeden, der sie lesen konnte, dass der Träger unter dem Schutz eines bekannten Kriegers stand, eines Herrn und vielleicht sogar der Vayash-Moru selbst.

»Es ist wunderschön.« Er drehte es hin und her, sodass es im Licht des Feuers glänzte. »Du hattest Recht. Ein paar hundert Jahre Übung machen sich bezahlt. Und jetzt kommt der schwierige Teil.«

»Und der wäre?«

»Carina dazu bekommen, es anzunehmen.«

Gabriel lachte leise. »Habe ich richtig gesehen, dass unser Kurier vom Hof in Isencroft gestern Abend zurückgekommen ist? Hat Carina zugestimmt, diesen Winter bei uns zu verbringen?«

Jonmarc steckte den Shevir in seinen Samtbeutel zurück und legte diesen auf den Kaminsims. Er drehte sich um und ging zu den Fenstern, die wegen der Kälte draußen mit Reif überzogen waren. »Donelan hat ihre Pflichten neu festgelegt. Sie plant jetzt, den Winter über hier zu sein.« Er lächelte. »Ich zweifle nicht daran, dass Kiara da ihre Hand im Spiel hatte – sie und Berry betrachten es als persönliche Herausforderung, uns beide zusammenzubringen.«

»Das sind alles gute Aussichten.«

Jonmarc zuckte mit den Achseln. »Carina hatte drei Monate, um sich wieder daran zu gewöhnen, wie es ist, im Palast von Isencroft zu leben. Heilerin des Königs, Cousine der nächsten Königin von Margolan und ein hervorragender Ruf, der ihr in den Winterkönigreichen vorauseilt. Warum sollte sie irgendetwas davon aufgeben?«

»Weil sie dich liebt.«

»Vielleicht hatte sie Zeit, zur Besinnung zu kommen. Ich meine, selbst mit Dark Haven bin ich ihr kaum ebenbürtig.«

»Ich glaube nicht, dass sich Carina viel aus solchen Dingen macht.«

»Das werden wir sehen.«

Gabriel neigte den Kopf. »Bist du bereit? Wir sollten losreiten.«

Jonmarc nickte. »Hoffen wir, dass der Rat in guter Stimmung ist.«

KAPITEL 2

Gabriels Landsitz war nicht weit von Dark Haven entfernt. Eine schwarze Kutsche wartete auf Gabriel und Jonmarc vor dem Eingang von Dark Haven und die beiden saßen eine Weile schweigend nebeneinander. Die Kutsche war nicht besonders prächtig ausgestattet, aber Jonmarc erkannte an ihrem stabilen Bau, dass es eine der besten ihrer Art war. Vier rassige schwarze Pferde zogen sie, ihr Geschirr war aus fein bearbeitetem Leder und mit Silber beschlagen. Kutsche und Pferde allein waren ein kleines Vermögen wert.

»Neirin sagte, dass wir den Blutrat auf deinem Land treffen, weil es dort sicherer ist – irgendetwas wegen ›Zuflucht‹.«

Gabriel drehte sich um. Er sah den Wald an seinem Fenster vorbeiziehen. Sieht er ihn sich einfach nur an oder sucht er nach irgendeiner Bedrohung?, fragte sich Jonmarc.

»Wolvenskorn ist ein sehr altes Landhaus«, erwiderte Gabriel.

Jonmarc folgte seinem Blick und sah einige große, dunkle Schemen neben der Kutsche herlaufen. Er unterdrückte ein Schaudern. Die Wölfe der nördlichen Wälder waren bekannt für ihre Wildheit und ihre Größe, und er hatte während seiner Schmugglergänge mehr als einen getroffen. Es gab außer den Vayash Moru noch andere Geschöpfe, die in den tiefen Wäldern umgingen. Auch die mutigsten Sterblichen wagten sich des Nachts nicht zu tief in die Wälder.

»Der Name ist uralt. Es bedeutet in der Sprache der alten Stämme ›Ort des Wolfsgottes‹. Um das alte Herrenhaus gibt es einen Steinkreis. Diese Steine wurden vor ungefähr tausend Jahren aufgestellt und mit Reliefs versehen. Sie zeigen die Dunkle Lady, wie sie den Wolfsgott als ihren Begleiter nimmt.«

»Der Strom unter Dark Haven hat das Leben der letzten paar Herren nicht gerettet. Arontala hat es trotz allem geschafft, die Dinge durcheinanderzubringen. Also warum sollte ich mich wegen ein paar Steinen sicher fühlen?«

»Alte Magie wirkt auf ungewöhnlichen Wegen. Weder meine Brut noch die Wölfe werden erlauben, dass dir ein Leid geschieht.«

Wolvenskorns Silhouette zeichnete sich unter dem blauen Licht des Vollmonds dunkel ab, die Giebel des Dachs erhoben sich spitz darüber. Drei Stockwerke erhoben sich aus dem Schnee, die Gebäudeflügel aus Holz und Stein, eines nach dem anderen. Jeder einzelne Teil des Hauses hatte eine stark abgewinkelte Dachlinie. Das Hauptgebäude wurde von einer hohen Kuppel gekrönt, die von in Stein gehauenen Gargoyles umringt wurde. Der älteste Flügel bestand aus mit Lehm beworfenem Flechtwerk, mit einem Rieddach, das sich bis an den Waldrand erstreckte.

Groteske Figuren und Gargoyles sahen vom Dach auch in den vorderen Hof. Zwischen ihnen waren komplizierte Runen in den Stein gemeißelt und dienten gleichzeitig zur Zierde und zum Schutz. Die hölzernen Gebäudeflügel von Wolvenskorn waren mit geschnitzten Paneelen verziert und die unteren Stockwerke mit Schindeln aus Schiefer. Wolvenskorn sah gar nicht wie Dark Haven aus und Jonmarc war sich sicher, dass es auch viel älter war.

Sehr zu seinem Missfallen umringten Wölfe jetzt auch ihre Kutsche, als diese vor den Treppenstufen zum Haupteingang von Wolvenskorn anhielt. Groß, dunkel und mit mächtigen Muskeln bepackt, waren sie auf allen vieren beinahe mannsgroß. Eine graugefleckte Wölfin umkreiste Jonmarc langsam. Er blieb stehen und hoffte, dass er weder Furcht noch Aggression zeigen ließ. Die Wölfin beäugte ihn mit unverhohlener Intelligenz und Jonmarc erkannte das tiefe Violett der Iris. Für einen Moment glaubte er sogar, eine Spur von Humor darin zu sehen. Doch dann drehten sich die Wölfe plötzlich um und huschten davon. Sie verschmolzen mit den Schatten.

Es standen noch andere feine Kutschen rings um die runde Auffahrt herum. Im Inneren von Wolvenskorn konnte Jonmarc das Flackern von Kerzenlicht und die Schatten von Festgästen wahrnehmen. »Ich glaube, wir sind die Letzten«, meinte Gabriel und wies mit einem Nicken auf die steilen Stufen aus Stein, die zum spitzkegeligen Türbogen von Wolvenskorn führten.

Im Haus selbst wurden Gäste von einer großen Halle empfangen. Drei große Feuerstellen, aus dem gleichen dunklen Fels gehauen, befanden sich am anderen Ende der Halle. Nur in einem der Kamine brannte ein Feuer, die anderen waren dunkel. Jonmarc vermutete, dass das Feuer ihm zuliebe angezündet worden war, immerhin war er der einzige sterbliche Gast. Den Vayash Moru hätte die Kälte nichts ausgemacht.

Über seinem Kopf stützten gebogene Holzbalken das Dach. Die Balken waren mit komplizierten geometrischen Mustern bemalt, die zu den Runen auf den Dächern draußen passten. Vom höchsten der Dächer hing ein massiver Eisenleuchter, mit zwölf runden Reihen, einer über der anderen. Jeder war mit verschlungenen Mustern und Figuren verziert, sodass jeder Ring seine eigene Geschichte erzählte. Unzählige Kerzen brannten darin, der ganze Leuchter strahlte.

»Es ist gut, dich wiederzusehen, Jonmarc.«

Jonmarc sah auf und erkannte Riqua, die direkt vor ihm stand. Kolin, ihr Zweiter, war bei ihr. Jonmarc kannte beide von der Nacht her, die er und die anderen in Riquas Krypta verbracht hatten. Kolin hatte ihn ebenfalls erkannt und nickte ihm zu, was Jonmarc erwiderte. Sich Riqua zuwendend machte er eine lässige Verbeugung und nahm ihre Hand, um sie zu küssen. Ihr Fleisch war eisig.

»Ich grüße Euch, Lady Riqua.«

»Gefällt es dir hier besser als seinerzeit in meiner Krypta?«

»Ich bin dankbar für eine Unterkunft, wie auch immer sie aussehen mag.«

Riqua verstand ihn richtig. »Eine Gruft kann auch eine Zuflucht sein, und eine Zuflucht eine Gruft. Das Schicksal hat damit genauso zu tun wie die Lady.«

Jonmarc fühlte sich von Riqua nicht bedroht, aber er hatte dennoch Mühe, einen unbeteiligten Gesichtsausdruck bei diesen Worten zu wahren. Eine Warnung?

In diesem Moment kamen ein Mann und eine Frau heran und Gabriel machte ihnen in der Runde Platz. Beide waren in schmuckloses Schwarz gekleidet und der Mann schien so alt zu sein wie Jonmarc selbst. Er hatte dunkles, schulterlanges Haar und einen sorgfältig gestutzten Bart. Die Frau war etwa gleich alt, aber ihr dunkles Haar war von grauen Strähnen durchzogen. Beide waren gepflegt und durchtrainiert. Als Jonmarc aufsah, traf sein Blick die violetten Augen der Frau.

»Ich darf dir Yestin und Eiria vorstellen«, sagte Gabriel und die beiden nickten Jonmarc zu. »Sie sind keine Mitglieder des Blutrats, aber vielleicht kann man sagen, dass sie adlige Gäste sind, die ein berechtigtes Interesse daran haben, Dark Haven wieder hergestellt zu sehen.«

»Es ist mir ein Vergnügen, Euch zu treffen«, sagte Jonmarc. Eiria lächelte und Jonmarc fiel auf, dass sie keine langen Augzähne wie die Vayash Moru hatte. Ihre violetten Augen schienen durch ihn hindurchzusehen und er schauderte, als er sich an den Wolf erinnerte.«Das klingt wirklich sehr vielversprechend.«

»Unsere Familien haben seit Generationen über die Herren von Dark Haven gewacht«, sagte Yestin und nahm Eirias Arm. »Viele unserer Verwandten sind im Dienst von Dark Haven gestorben. Wir heißen Euch willkommen und drücken unsere tiefsten Wünsche für eine lange und fruchtbare Herrschaft aus.«

Jonmarc erwähnte die Tatsache nicht, dass der letzte Herr von Dark Haven nicht lange genug gelebt hatte, um diesen Schutz zu genießen. Aber bevor er sich eine passende Antwort ausdenken konnte, verschwanden Yestin und Eiria wieder in der Menge. Sie bewegten sich mit der Grazie von Tänzern.

»Und das hier ist Lord Rafe, mit seinem Zweiten Tamaq«, meinte Gabriel und lenkte Jonmarcs Aufmerksamkeit damit ab. Rafe hielt sich selbst auf militärische Art. Er hatte kurzgeschnittenes, sandfarbenes Haar und einen perfekt getrimmten Bart. Bei ihm war ein blasser junger Mann, der das Aussehen eines Gelehrten oder Priesters hatte.

»Euer Ruf eilt Euch voraus, Lord Vahanian.«

»Und welcher Ruf wäre das?«

Rafe lächelte und zeigte damit die Spitzen seiner Augzähne über seinen Lippen. »Ein Ruf mit vielen unterschiedlichen Aspekten. Ich habe Verwandte in der Ostmark. Die waren Zeugen der Ereignisse in Chauvrenne. Und was die Nargi tun, ist uns wohlbekannt. Ihr habt Behandlungen von ihrer Seite überlebt, die viele Vayash Moru nicht überlebt hätten. Vielleicht liegt die Hand der Lady auf Euch.«

»Wenn das so ist, dann hat sie eine seltsame Art, mir das zu zeigen.«

Rafes Gesichtsausdruck war nicht zu deuten. »Das ist immer so.«

»Ich habe gehört, Ihr habt die Gegenwart des Obsidiankönigs selbst erduldet«, meinte Tamaq.

Jonmarc nickte. »Ich habe die Schlacht gesehen, in der Tris ihn besiegt hat.«

Tamaqs Augen glänzten wissensdurstig auf. »Dann müssen wir uns zu einem anderen Zeitpunkt für ein Gespräch treffen. In meinem sterblichen Leben habe ich gegen den Obsidiankönig gekämpft, als er sich zum ersten Mal erhob. Aber ich habe ihn nie persönlich getroffen.«

»Dann schätzt Euch glücklich.«

Rafe machte eine kurze Verbeugung. »Wir haben uns viel zu sagen, Lord Vahanian. Gehabt Euch wohl!« Damit traten Rafe und Tamaq wieder in die Menge hinter ihnen zurück. Auf einmal tauchte hinter Jonmarc jemand auf. Er spürte die Präsenz eher, als dass er sie hörte.

»Ihr müsst Jonmarc Vahanian sein.«

Jonmarc wandte sich um, um die Sprecherin anzusehen. Sie war eine wunderschöne Frau mit kastanienbraunem Haar. Ihr Gesicht und ihre Figur waren die einer jungen Frau in den Zwanzigern, aber die Augen der Frau erzählten von den Jahrhunderten, die sie erlebt hatte. Sie kam am Arm eines jungen Vayash Moru, der aussah, als sei er noch keine Zwanzig, und der sogar für Vayash-Moru-Verhältnisse blass war. Die Blässe wurde von seinem lockigen, roten Haar sogar noch verstärkt. »Ich bin Astasia und das ist Cailan.«

Jonmarc verbeugte sich und küsste Astasias Hand. Cailan sah mit einem Ausdruck des Abscheus zu, der an Eifersucht grenzte. Astasia kicherte und schien Cailans Unbehagen zu genießen. Ihre Finger schlossen sich fester um Jonmarcs Hand. Ihr Daumen streichelte provokativ seine Handfläche.

»Ihr seid also der neue Herr von Dark Haven.« Sie ließ ihren Blick unverhohlen an ihm auf und ab wandern. Cailans Augen wurden dunkel, aber er sagte nichts. »Ihr müsst mich in meinem Haus besuchen. Ich richte die besten Feste aus«, sagte sie mit einem Seitenblick auf Gabriel und Riqua, der klar besagte, dass sie nicht zu den Gästen gehören würden. »Ihr seid mehr als willkommen, bei mir auch die Nacht zu verbringen.« Astasias Benehmen und auch ihre Augen machten die Zweideutigkeit dieser Worte klar.

»Eure Einladung ist großzügig«, sagte Jonmarc und hoffte, dass er nur halb so diplomatisch sein konnte, wie Tris es in solchen Situationen war. Er erriet, dass es nicht klug war, Astasias Angebot rundheraus abzulehnen, auch wenn es ihn ganz und gar nicht reizte. »Ich habe noch viel Arbeit in Dark Haven zu tun, bevor der Winter kommt. Das lässt mir nicht viel Zeit für Festlichkeiten.«

Astasias Augen verengten sich. »Ich habe gehört, Ihr bringt einen Gast von der königlichen Hochzeit in Margolan mit. Selbst unter unserer Art hat Lady Carina einen guten Ruf. Wird sie lange bleiben?«

Jonmarc missfiel der Unterton in ihrer Stimme. Doch er behielt seinen neutralen Gesichtsausdruck bei, der ihn beim Kartenspielen immer hatte gewinnen lassen. »Das liegt ganz bei Lady Carina.«

Astasia lächelte und legte eine Hand auf seinen Arm. »Mein Angebot bleibt bestehen. Bringt sie ebenfalls mit, wenn Ihr das wünscht. Ich bin flexibel.« Sie ließ ihre Hand über seinen Arm streichen, während sie ging. Cailans Augen ließen deutlich erkennen, dass er Astasias Willkommenswunsch nicht teilte. Jonmarcs Mund war trocken, als Astasia sich durch die Menge davonbewegte, und er war dankbar für das Glas Brandy, das Gabriel ihm anbot. »Das ist unser Blutrat, doch einer fehlt noch«, meinte Gabriel. Jonmarc machte sich eine gedankliche Notiz, um ihn später zu fragen, welche Rolle den Zweiten bei den Mitgliedern des Blutrats zukam. Leibwächter? Berater? Ein wenig von beidem?

In einer Ecke des großen Saals begann jetzt, ein Quartett Musiker höfische Musik zu spielen. Zusätzlich zu denen vom Blutrat und ihren Zweiten waren eine Menge anderer Vayash Moru versammelt. Sie hielten Kelche mit etwas darin, das wie Rotwein aussah.Jonmarc war sich sicher, dass es kein Wein war. Auch wenn die Kerzen funkelten und ein Feuer im Kamin brannte, zeichnete sich der Empfang durch das Fehlen einer Mahlzeit aus. Außer mir macht das wohl niemandem etwas aus, dachte Jonmarc düster. Vielleicht bin ich ja nicht nur der Ehrengast, sondern der Hauptgang. Cailan hat jedenfalls so ausgesehen, als hätte er sich mir auch gerne an den Hals werfen können.

Alle Mitglieder des Blutrats hatten Zweite, außer Gabriel. Jonmarc wusste, dass Mikhail, Gabriels Zweiter, in Margolan war und Tris dabei half, seine Armee wieder aufzubauen. Heute Abend fungierte Yestin als Gabriels Attaché. Eiria war allerdings nie weit entfernt. Jonmarc beobachtete das Paar interessiert. Die Vayash Moru behandelten das junge Paar mit Ehrerbietung. Wenn ich richtig liege und diese Augen wirklich die der Wölfin sind …

»Yestin und Eiria sind Gestaltwandler«, sagte Riqua. Sie war ihm so leise zur Seite getreten, dass er zusammenzuckte. »Es gibt kleine Gruppen von ihnen in den Schwarzen Bergen, nicht weit von hier.«

»Dann sind die Wölfe …«

»Ja. Es sind Vyrkin. Die Allianz des Wolfsclans mit dem Herrn von Dark Haven ist schon viele Generationen alt. Das gilt allerdings nicht für alle Clans.«

»Es gibt mehr?«

»Jeder Clan hat ein eigenes Totemtier, dessen Geist seine Mitglieder ehren und von dem sie Rat empfangen. Die meisten Gestaltwandler können nur eine bestimmte Gestalt annehmen. Die Unglücklichen unter ihnen können viele Formen annehmen.«

»Die Unglücklichen unter ihnen?«

Riqua sah zu Eiria und Yestin hinüber. »Nach einer Weile geschieht dieses Wandeln der Gestalt unfreiwillig. Manchmal lässt sich eine Form nicht mehr ändern und wird permanent. Die meisten Gestaltwandler sterben jung oder werden wahnsinnig. Am schlimmsten ist es für die, die viele Formen annehmen können.«

»Ich dachte, so etwas passiert nur bei Vollmond.«

Riquas Augen wurden dunkel. »Für viele Generationen wurden Gestaltwandler von abergläubischen Narren gejagt, die dachten, es verhielte sich genau so. Die, die vom Licht des Vollmonds gejagt und gequält wurden und es überlebten, empfanden es als den Auslöser ihres Leids und als das, was ihre Wandlung erzwang. Wenn es passiert, dann verlieren sie ihr Zeitgefühl und wissen nur, dass sie sich auch ohne Bedrohung verteidigen müssen. Sie werden zu einer Gefahr für alle. Meist hat ihre Horde keine andere Wahl, als sie zu zerstören.«

»Sterblich zu sein hat auch seine guten Seiten, wenn man es mit den Alternativen vergleicht.«

»Solange das sterbliche Leben dauert, mag das stimmen.«

Hinter ihnen wurden die Tore von Wolvenskorn aufgerissen.

»Wo ist er? Wo ist der Lord von Dark Haven?«

Der die Frage stellte, war ein dunkelhaariger Mann mit der Hautfarbe eines Nargi. Seine Stimme war rau und seinen Gesichtszügen fehlte die Feinheit der anderen Mitglieder des Blutrats. Die Kleidung des Mannes wirkte im Gegensatz zu der verhältnismäßig schwach zur Schau gestellten Eleganz der anderen Gäste protzig und stellte Reichtum zur Schau. Goldene Halsketten schmückten ihn und schwere Ringe steckten an seinen Fingern. Mit ihm war ein halbes Dutzend junger Männer gekommen, die sich mit raubtierhafter Eleganz bewegten. Die Menge teilte sich mit offenbarem Unmut, um die Gruppe einzulassen.

Jonmarc bezweifelte nicht, dass es sich bei dem Sprecher um Uri handelte, den letzten des Blutrats. Auch wenn Gabriels Beschreibung zuvor sorgfältig neutral gehalten war, hatte Jonmarc keine Schwierigkeiten damit, seine Abscheu vor dem fünften Mitglied des Blutrats zu erahnen.

Jonmarc trat vor. Gabriel rückte näher heran, Riqua ebenso. »Ich bin Jonmarc Vahanian.«

»Für einen Kampfsklaven befindet Ihr Euch wirklich in mächtig guter Gesellschaft.«

»Ich habe gehört, dass Ihr ebenso etwas von Kampfwetten versteht.« Es brauchte eine Sekunde, bis Jonmarc realisierte, dass Uris gehässige Bemerkung in Nargi ausgesprochen worden war und er reflexartig in dieser Sprache geantwortet hatte.

Uris schwarze Augen glitzerten. Seine Männer bewegten sich um ihn wie ungezähmte Hunde und Jonmarc besann sich auf seine Kampfkünste, um die Furcht nicht zeigen zu müssen, die in ihm aufstieg. Einer von Uris Brut sah besonders intensiv auf Jonmarc. Der junge Mann war beinahe so schön wie Carroway, mit langem, schwarzem Haar, das auf seine Schultern fiel. Er war ganz in Schwarz gekleidet, nur sein mit Rüschen überladenes Hemd war weiß, die Ärmelvolants brachen an seinen Manschetten hervor und bedeckten beinahe die Hände. Das Lächeln des jungen Mannes war kalt, und Jonmarc war sicher, dass er seine Augzähne so offen zeigte.

»Also Ihr wart General Kathrians Wettkämpfer.« Uri schüttelte den Kopf. »Ich denke, so gut wie damals seid Ihr nicht mehr. Ich habe gehört, dass Darrath Euch beinahe zur Lady geschickt hätte.«

Es brauchte Jonmarcs ganze Kontrolle, seine Hand nicht auf seinen Schwertknauf zu legen. »Nennt den Grund Eurer Anwesenheit«, sagte er in der allgemeinen Sprache.

Uri trat näher. Wenn der Mann ein Sterblicher gewesen wäre, hätte Jonmarc geschworen, er sei betrunken oder berauscht von Traumkraut. Sein Gesicht hatte rote Flecken, ein Hinweis darauf, dass er erst kürzlich gut gespeist hatte. Jonmarc schätzte, dass Uri einmal die Form besessen hatte, gut zu kämpfen, auch wenn seine Vorliebe für das gute Leben seine Wangen gerundet und sein Profil hatte weicher werden lassen. »Der Grund, warum ich hier bin? Ich habe keinen Grund, einen Sterblichen Herrn von Dark Haven zu sehen. Und Ihr habt erst recht keinen Grund, hier zu sein!«

»Das reicht, Uri!« Gabriel trat einen Schritt vor, doch Uri stieß ihn zur Seite.

»Lasst den Welpen für sich selbst sprechen, Gabriel. Wenn er der Herr von Dark Haven werden will, dann muss er sich des Titels würdig erweisen.« Uri richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf Jonmarc, der nicht zurückwich, auch wenn der Vayash Moru jetzt so dicht vor ihm stand, dass ihre Zehen sich fast berührten. »Was gibt Euch das Recht, über die zu herrschen, die Euch überlegen sind?« Uris Atem roch nach schalem Blut.

Jonmarc zwang sich bewusst dazu, die Faust nicht zu ballen. Das wäre ein Kampf, den du nicht gewinnen kannst. Überrasche Carina und zeig ihr, dass du dich auch geschickter aus einem Kampf herauswinden kannst. »Der Titel war ein Geschenk des Königs Staden. Es ist an ihm, dieses Land zu vergeben. Vielleicht solltet Ihr das besser ihn fragen.«

Uri schnaubte. »Was kümmern mich sterbliche Könige? Sie kommen und gehen wie Staub. Wir sind die rechtmäßigen Herren – von Dark Haven und auch von den Winterkönigreichen. Und der Tag, an dem wir diese Herrschaft antreten, wird schneller da sein, als Ihr glaubt.« Er verzog den Mund zu einem üblen Lächeln, das seine gelblichen Zähne zeigte. »Wenn Ihr allerdings hinübergebracht werden wollt, dann würde sich die Sachlage ändern.«

»Nein danke.«

»Ich biete Euch Unsterblichkeit an, und Ihr schlagt sie aus!«, brüllte Uri.

Spätestens jetzt fühlten sich die Gäste um sie herum deutlich unbehaglich. Die meisten der Feiernden waren zurückgetreten, um Uri Raum zu lassen. Auch wenn Jonmarc seinen Blick nicht von Uri abwandte, sah er aus dem Augenwinkel heraus eine Bewegung. Riquas Brut bewegte sich aus den Reihen der Beobachter auf sie zu. Andere folgten ihnen, von denen er wusste, dass sie zu Gabriels Familie gehörten.

»Antwortet mir, Herr von Dark Haven. Wer seid Ihr, dass Ihr die Dunkle Gabe zurückweist?«

Jonmarc wusste, dass er sich auf sehr gefährlichem Boden bewegte. Viele der Vayash Moru um ihn herum waren schon lange hinübergebracht worden, auch gegen ihren eigenen Willen. – Auch die, die schon seit einigen Lebensaltern dazugehörten, hatten ihren Frieden damit gemacht und sahen ihren untoten Zustand als Geschenk und Fluch zugleich an. »Der Tod und ich sind alte Freunde«, wählte Jonmarc seine Worte mit Bedacht. »Wir haben uns schon oft die Hand gegeben. Aber ich wünsche kein ewiges Leben. Einmal hier auf der Welt zu sein ist mir genug.«

»Ihr gebt vor, über uns zu regieren, und doch seid Ihr ein geringeres Wesen. Wie könnt Ihr es wagen! Vielleicht müsst Ihr lernen, wer Eure wahren Herren sind!«

Ein Luftzug wehte und ein Schemen von Bewegung war zu sehen, und Jonmarc spürte, wie starke Hände ihn in dem Moment zurückzogen, als Zähne aufblitzten und ihn am Hals kratzten. Instinktiv griff er nach seinem Schwert. Er fuhr herum und erkannte, dass Kolin so beiläufig wie unerbittlich seinen rechten Arm festhielt. Außerdem war er für den Einsatz von Pfeil oder Schwert jetzt zu weit weg vom Geschehen, selbst wenn er sich hätte befreien können. Riqua stand jetzt zwischen ihm und Uri, auch wenn Jonmarc ihre Bewegung nicht gesehen hatte. Yestin war nirgendwo zu sehen. Knurrend kam jetzt ein großer Wolf auf Uri zu, Gabriel packte den Vayash Moru an den Handgelenken und riss ihn zurück.

Uris Wachen umzingelten Gabriel nun – alle außer einem. Der schöne, dunkelhaarige junge Mann in Schwarz blieb zurück und beobachtete den Kampf. Zwei aus Riquas Brut, ein Mann und eine junge Frau, blockierten sein Herankommen von links, während drei von Gabriels Vayash Moru den Angriff auf der rechten Seite abwehrten. Auch wenn Jonmarc bei seinen Übungspartnern einen gesunden Respekt vor den Kampfkünsten der Vayash Moru erworben hatte, hatte er nie gesehen, dass sich die Untoten gegeneinander wandten.

Jonmarc wusste, er würde sich verletzen, wenn er sich selbst befreite und in den Kampf einmischen würde. »Überlass das uns«, schnarrte Kolin in Jonmarcs Ohr. »Das ist unsere Sache.« Jonmarc konnte Kolins Anspannung spüren. Gabriel schleuderte einen von Uris Männern gegen die Wand, so heftig, dass es einen Sterblichen getötet hätte. Der Schlagabtausch war schneller, als die Augen folgen konnten. Der Wolf warf sich jetzt auf Uris Brust und riss den Vayash Moru zu Boden. Uri erwiderte den Angriff und schleuderte ihn fort.

Erst einmal zuvor hatte Jonmarc Gabriel kämpfen sehen, auch wenn es damals gegen ein paar betrunkene Sterbliche in einer Hintergasse gewesen war. Auch jetzt schaffte es Gabriel mit Leichtigkeit, Uris Angriffe abzuwehren, obwohl beide Vayash Moru waren.

Genauso plötzlich, wie sie begonnen hatte, war die Auseinandersetzung auch wieder vorbei. Drei von Uris Männern rappelten sich wieder auf, angeschlagen, aber nicht verletzt. Der Wolf war fort. Gabriel bückte sich und zog Uri am Kragen hoch.

»Du wirst mein Haus nie wieder betreten«, sagte er und schüttelte Uri voller Abscheu. »Jonmarc Vahanian herrscht in Dark Haven, weil die Dunkle Lady das so wünscht. Als ihr Diener bin ich durch einen Eid gebunden, ihn zu beschützen.«

Uri wischte Gabriels Hand mit einer heftigen Bewegung fort. »Was du siehst, ist ein lächerlicher Schatten der Lady. Sie hat uns wie Götter geschaffen, damit wir an ihrer Seite als Götter herrschen. Die Tage der Sterblichen sind gezählt. Die Tage des Abkommens – und des Rats – sind vorbei.« Er gab mit der Hand ein kurzes Signal und seine Wachen traten zu ihm, selbst der düstere und schöne junge Mann, der den Kampf am Rand beobachtet hatte. Etwas in seinen todlosen blauen Augen ließ Jonmarc schaudern.

»Du blutest.« Gabriels Stimme durchbrach die Stille, nachdem sich die Tore von Wolvenskorn hinter Uri und seiner Brut mit einem Knall geschlossen hatten.

Erst da spürte Jonmarc etwas Warmes an seiner Kehle. Er hob die Hand dorthin und sah sie an: Sie war blutig.

Gabriel zog ein Tuch hervor und presste es an die Wunde. »Sie ist nicht tief. Er wollte dir nur Angst machen.« Er lachte trocken. »Ich denke nicht, dass er den Kampf bekommen hat, den er suchte.«

Jonmarc hoffte, dass seine Hände weniger zitterten als seine Knie. Ich bin der einzige Sterbliche in einem Raum voller Vayash Moru. Ich blute. Und sie alle haben gesehen, dass ich ihnen nicht gewachsen bin. Großartig. Einfach großartig.

Rafe und Tamaq traten neben Gabriel. Der wirbelte mit einer Heftigkeit herum, die Rafe zurückzucken ließ. »Uri hat heiliges Recht verletzt, die Ratsgesetze gebrochen und sich gegen den Herrn von Dark Haven gewandt. Aber du und Astasia, ihr habt nichts getan.«

Rafe hob eine Augenbraue. »Du und Riqua, ihr hattet die Dinge unter Kontrolle. Wolltet ihr eine offene Schlägerei?«

»Ich habe ein Zeichen eurer Unterstützung erwartet.«

»Uri wird sich wieder beruhigen.«

Riqua kam heran. »Wird er das? Uri hat gerade das Abkommen und den Rat für aufgelöst erklärt. Er ist verrückt geworden.«

Rafe schüttelte den Kopf. »Uri hat das gleiche Temperament, das ihn schon als Sterblicher umgebracht hat. Er wird sich wieder fangen. Ich glaube, er wollte etwas beweisen und sichergehen, dass er jedermanns Aufmerksamkeit hat.«

»Ich hoffe, du hast Recht«, sagte Gabriel. Jonmarc hielt das Tuch, das Gabriel ihm gegeben hatte, immer noch an seinen Hals gepresst. Er war nicht bereit, sein Blut in dieser Gesellschaft zur Schau zu stellen. Yestin trat jetzt neben Gabriel. Auf seiner Wange war ein blauer Fleck zu sehen und er humpelte. Eiria kam besorgt auf ihn zu, aber Yestin winkte sie fort.

»Danke«, sagte Jonmarc zu der kleinen Gruppe, die sich um ihn herum versammelt hatte. Der Rest der Vayash Moru schlüpfte in Gruppen zu zweit oder dritt hinaus. Offenbar waren sie nicht mehr in der Stimmung für eine gesellschaftliche Zusammenkunft.

»Es wäre wohl sehr unziemlich, Euch zu Ehren einen Empfang zu geben und Euch danach tot nach Hause zu bringen«, sagte Yestin in einem fröhlichen Ton, den Jonmarc nicht nachvollziehen konnte.

»Unter diesen Umständen kann ich dich heute Abend nicht gehen lassen«, sagte Gabriel. »Oben gibt es Räume, in denen du dich wohl fühlen wirst. Wenn es erst einmal hell ist, werde ich dir eine sterbliche Eskorte besorgen. Uri ist nicht stark genug, um im Tageslicht anzugreifen, ohne sich selbst zu zerstören. Keiner in seiner Brut ist alt genug, um auch nur daran zu denken, sich im Sonnenlicht zu bewegen. Wenn der Tag anbricht, wirst du sicher sein.«

Jonmarc beruhigte das nur halb. Dass Vayash Moru auch bei hellem Tageslicht umgehen konnten, war ihm neu. Und dass es offenbar auch nur die Ältesten konnten und damit nur wenige, beruhigte ihn dabei nicht besonders. Selbst, wenn das so war, ein Problem blieb auf alle Fälle.

»Und morgen Abend wird es wieder dunkel, das weißt du doch.«

Jonmarc glaubte, Besorgnis auf Gabriels Gesicht zu sehen. »Ich habe genau aus diesem Grund die Ältesten und Stärksten meiner Familie in Dark Haven postiert. Ich glaube nicht, dass du Probleme bekommen wirst. Jedenfalls nicht auf deinem Grund und Boden.«

»Arontala ist auch hereingekommen.«

Gabriel sah ihn nicht an. »Das war vor meinem Schwur an die Lady.«

Rafe, Astasia und die anderen Gäste waren gegangen. Die Mitglieder von Riquas und Gabriels Familien waren außerhalb der Hörweite. Jonmarc saß auf der Tischkante und fragte sich, ob er wohl so blass wirkte, wie er sich fühlte. »Wenn er sterblich wäre, dann würde ich jetzt sagen, dass Uri betrunken war.«

Riqua verzog das Gesicht in Abscheu. »Im Leben hatte Uri eine Schwäche für Branntwein und Traumkraut. Als Vayash Moru hat beides keinen Effekt auf ihn. Aber wenn er das Blut von jemandem trinkt, der sich mit einem von beiden vergiftet hat, dann hat das eine ähnliche Wirkung.«

»Einer von Uris Leibwächtern hat sich am Kampf nicht beteiligt.«

Riqua wandte sich ab. »Malesh. Er ist der Schlimmste in dieser Bande – und bei Uris Brut will das etwas heißen.

Malesh besitzt die Dunkle Gabe lange genug, um gefährlich zu sein, und er ist jung genug, dass er weder diese Macht noch ihre Grenzen begreift.« Gabriel ging auf ein Kabinett am anderen Ende des Raums zu und kam mit einem Kelch mit Branntwein wieder, den Jonmarc dankbar annahm. Der starke Alkohol ließ ihn wieder zur Fassung kommen.

»Was ist für ihn drin?«

Gabriel schüttelte den Kopf. »Das weiß keiner. Rafe hofft, dass Uri einfach nur Getöse von sich gibt. Das mag so sein – aber bei Malesh bin ich mir nicht sicher. Uri ist eitel und arrogant. Malesh ist hungrig und schlau. Das ist eine schlechte Mischung.«

»Astasias hat nach Carina gefragt. Glaubst du, Carina wäre in Gefahr, wenn sie nach Dark Haven kommt?«

Riqua und Gabriel wechselten einen Blick. »Ich glaube nicht, dass ihr, Carina oder du, die Grenzen von Dark Haven ohne einen Begleiter verlassen solltet«, meinte Gabriel. »Astasias Ziel ist nicht, dich niederzuwerfen. Mit dir zu schlafen, vielleicht.«

»Kein Interesse.«

»Keine Sorge. Astasia ist keine Frau, die herumjammert. Sie genießt die Jagd. Astasia könnte versuchen, Carina zu benutzen – es würde ihr Freude machen, den Anschein zu erwecken, es wäre etwas zwischen dir und ihr. Aber ich glaube nicht, dass sie einen Grund sieht, Carina etwas anzutun. Sie neigt dazu, sich die Männer zu nehmen, die ihr den wenigsten Widerstand leisten.«

»Ich werde mit Rafe reden«, sagte Riqua. »Er kann verdammt sturköpfig sein, aber er muss begreifen, dass Uri zu weit geht. Wir sind Arontala doch nicht losgeworden, nur um innerhalb des Rats eine neue Bedrohung aufkommen zu lassen.« Sie signalisierte ihrer Brut, dass es Zeit war, zu gehen.

Die große Halle war nun bis auf Jonmarc, Yestin, Eiria und Gabriel leer. »Im Küchenhaus sind vielleicht ein paar Kräuter, um für deine Wunde einen Umschlag zu machen«, meinte Gabriel mit einem Nicken auf Yestins verletzte Wange.

Der zuckte mit den Achseln. »Das wird heilen. Da ist etwas anderes, was mir Sorgen macht. Die Winterkönigreiche haben sich noch nicht davon erholt, den Thronräuber Jared im Kampf zu stürzen. Wenn Martris Drayke erfolglos gewesen wäre, dann wäre bald jedes der Königreiche in den Krieg eingetreten, ob nun gegen Margolan oder auf seiner Seite. Jetzt schwanken selbst der Blutrat und das Abkommen. Und es werden noch mehr Probleme auftauchen. Mir ist zu Ohren gekommen, dass König Martris Lord Curane früher oder später den Krieg wird erklären müssen. Es gibt Vayash Moru in Margolan, die an seiner Seite zu kämpfen wünschen. Das wird das Abkommen weiter belasten oder es sogar zerbrechen lassen.«

»Selbst die Schwesternschaft ist nicht mehr, was sie einmal war«, fügte Eiria hinzu. »Der Strom ist instabil und es wird schlimmer. Die Meinen können es fühlen. Es macht unsere Wandlung noch schwieriger. Wenn er nicht im Gleichgewicht ist, dann begünstigt der Strom die Blutmagie und die Lichtmagie wird schwerer zu kontrollieren. Das ist nicht gut für König Martris. Lord Curane ist bekannt dafür, dass er dunkle Magier an seinem Hof hat.« Sie machte eine Pause. »Es gibt einige in der Schwesternschaft, die nicht bereit sind, in ihre Zitadellen zurückzukehren. Wenn König Martris Lord Curane den Krieg erklärt, dann werden einige Magierinnen der Schwesternschaft mit ihm gehen, ob die Schwesternschaft dem zustimmt oder nicht.«

»Ich glaube, ich weiß, was du meinst«, sagte Jonmarc und nippte an seinem Branntwein.

Yestin richtete seine violetten Augen auf Jonmarc. »Der Punkt ist, dass die alten Kräfte in Bewegung sind. Alte Bande zerbrechen. Die Allianzen, die für Hunderte von Jahren einen instabilen Frieden gesichert haben, zerbröckeln. Es sind gefährliche Zeiten. Die Meinen wissen einiges vom Wandel. Man ist nie verwundbarer als an dem Punkt zwischen dem, was war, und dem, was sein wird. Der Krieg ist noch nicht vorbei. Er hat nur die Form geändert.«

»Dann helfe die Lady uns allen«, sagte Jonmarc und spürte trotz des Branntweins, wie ihm kalt wurde. »Das werden wir brauchen.«

KAPITEL 3

Tief im Wald verfolgte der Jäger seine Beute. Die Spur lag deutlich vor ihm. Der Geruch von Angst und Schweiß lag schwer in der kalten Nachtluft. Zerbrochene Zweige und frische Fußabdrücke hinterließen eine deutliche Spur. Die Beute dieser Nacht hatte ihm eine gute Jagd geliefert. Zuerst war sie vorsichtig gewesen. Aber jetzt hatte die Panik über Vernunft gesiegt. Der Jäger lächelte. Bald würde er töten können.

Malesh musste den beiden Vayash Moru, die ihn begleiteten, kein Zeichen geben. Es war ihr Sport, und sie waren Meister ihres Handwerks. Langsam würde sich die Schlinge zuziehen. Die Beute würde spüren, dass sie umzingelt wurde. Malesh lächelte. Bald, sehr bald, würde es vorüber sein.

Er konnte hören, wie die Beute vor ihm stolperte. Der Mann klang wie ein verwundeter Bulle. Malesh hatte diesen hier eine Weile beobachtet. Groß und eingebildet, dumm und grausam war er, keiner würde ihn vermissen. Es gingen bereits Gerüchte im Dorf um, dass er etwas mit den verschwundenen Kindern zu tun hatte, dass er für die Prellungen und die blauen Augen seiner Frau verantwortlich war. Malesh ließ vor Erwartung seine Zungenspitze über die Lippen streichen.

Malesh erspähte seine Mitjäger in den Schatten des Waldes. Das Ende war nah. Sogar aus der Entfernung konnte Malesh die Verwirrung des großen Mannes fühlen. Die Furcht würde sein Blut nur umso süßer machen. Das Abkommen mit den Sterblichen hatte immer vorgesehen, dass es Vayash Moru gestattet war, menschliche Verbrecher der schlimmsten Sorte zu töten. Einige Dorfbewohner schickten ihre Mörder und Kindesentführer aus dem Dorf und boten sie so den Vayash Moru sogar an. Aber das Abkommen des Blutrats sah vor, dass das Töten schnell und schmerzlos zu geschehen hatte. Geschmacklos. Maleshs Zunge fuhr über seine scharfen Augzähne. Schrecken gab dem Blut eine Würze, die ihm beim schnellen Töten fehlte. Die Anstrengung der Flucht gab dem Blut eine berauschende Wirkung wie die von Champagner. Tyrannen und Sadisten waren die süßesten. Vielleicht wussten sie, dass sie keine Gnade verdient hatten, denn sie hatten sie ihren Opfern ebenfalls nie geschenkt. Oder vielleicht war ihre wahre Furcht die vor der Vettel oder gar der Formlosen, zu denen ihre verdorbenen Seelen nach dem Tod sicher würden gehen müssen, um sich der gerechten Strafe zu stellen. Aber wie auch immer der Grund lautete, wenn Malesh mit ihnen fertig war, waren die Opfer hundertfach gerächt. Auch wenn Maleshs Ziel kaum die Gerechtigkeit war.

Die drei Vayash Moru schlossen den Kreis um die Beute. Der Mann zückte seine Waffe, aber der Vayash Moru zu Maleshs Rechten entwaffnete ihn und brach ihm dabei das Handgelenk.

»Was auch immer ihr wollt, nehmt es!«, schrie der Mann und fiel auf die Knie.

»Das werden wir«, erwiderte Malesh. Trotz der kalten Nachtluft waren die Haare des Mannes schweißverklebt. Keiner der Vayash Moru zeigte Anzeichen von Anspannung.

»Gnade, ich flehe euch an!«, bettelte der Mann.

Berenn, einer von Maleshs Geschöpfen, griff nach unten und hob den untersetzten Mann an seinem teigigen Hals hoch. »Was weißt du denn von Gnade?«, fragte der junge Mann kalt. In seinem unbarmherzigen Griff schnappte der Mann nach Luft, seine Füße zappelten Zentimeter über dem Boden. »Hast du den Kindern Gnade gewährt, die du im Wald vergraben hast? Oder deiner unglücklichen Ehefrau, die du schlägst?«

»Ich werde mich ändern, ich schwöre es. Ich mache es wieder gut!«

Berenns Lächeln war ohne Bedauern. »Du scheinst nicht zu verstehen. Es gibt keine zweiten Chancen.«

Er warf den Mann quer über die Lichtung und Malesh hörte, wie ihm die Wucht des Aufschlags die Knochen brach. Er versuchte, auf die Beine zu kommen, rutschte auf den nassen Blättern aus und fiel auf sein Gesicht. Er japste und winselte und der Geruch von Urin machte deutlich, dass er sich selbst eingenässt hatte.

Senan, der andere Vayash Moru, hob den Mann am Nacken wider auf. Er lachte, als der Mann wieder in die Luft schlug und sich zu befreien versuchte. »Ich habe Gold unter meinem Steinherd versteckt. Nehmt es – nehmt alles davon!«

Senan ließ den Mann auf den feuchten Lehmboden fallen und trat nach ihm, sodass er auf die andere Seite rollte. »Wir brauchen dein Gold nicht. Es gibt nur eins, was wir von dir wollen. Dein Blut.« Senan zog die Lippen zurück und der untersetzte Mann wimmerte und drückte sich wieder gegen den Boden.

Die drei waren übereingekommen, Senan den ersten Schluck Blut zu überlassen. Senan beugte sich herab und bewegte sich langsam, um den Schrecken in den Augen des Verlorenen zu erhöhen. »Die Vettel wartet auf dich«, flüsterte Senan, als er den großen Mann zu sich hin zog.

»Bitte, nicht! Nein, nein …«

Senans Zähne bohrten sich von links in den fleischigen Hals, direkt neben der Kehle. Der Mann versteifte sich, aber er gab keinen Laut mehr von sich. Einen Moment später zog Senan sich zurück und warf den immer noch Lebenden zu Berenn, der rechts neben der Kehle erneut zubiss und ein paar tiefe Züge nahm. Die letzten Schlucke, die süßesten und mit Todesangst erfüllten, waren für Malesh reserviert. Der stämmige Mann war schon sehr blass, als Berenn seinen schlaffen Körper an Malesh weiterreichte, aber Malesh konnte immer noch seinen pochenden Herzschlag spüren und seinen flachen Atem. Malesh packte den Mann brutal, der stöhnte, als seine Wirbelsäule brach, und damit einen letzten Stoß Süße ins Blut schickte. Malesh setzte seine Zähne direkt unter dem Ohr des Mannes an, da, wo das Blut noch rann, kurz bevor er aufhören würde zu atmen, und brach auch das Genick des Mannes dabei. Der zerbrochene Körper zuckte ein letztes Mal in Maleshs Händen, als er das Blut trank, und seine Todesangst berauschte ihn auf verführerische Weise. Als nichts mehr übrig war als eine blutleere Hülle, ließ Malesh den Körper fallen. Nicht ein Tröpfchen Blut befleckte sein weißes Rüschenhemd.

»Eine gute Jagd.« Senan packte die Leiche am Kragen und zerrte sie hinüber zu einem großen Baum. »Wie sollen wir ihn liegen lassen?«

»Er hatte eine schwere Jagd«, sagte Berenn. »Wir sollten uns Mühe geben.«

Senan setzte die Leiche unter den Baum, sodass der Kopf des Mannes auf seine Brust sank, während Berenn seinen Hut von der Lichtung holte und ihn so auf seinen Kopf setzte, dass seine Augen bedeckt waren. Senan faltete die Hände über seinem Schmerbauch und stellte einen Fuß mit angewinkeltem Knie auf den Boden, das andere Bein gerade ausgestreckt. Sie gingen ein paar Schritte zurück, um sich ihr Werk zu betrachten. Wenn niemand unter den Kragen des Mannes sah, hätte man glauben können, er halte ein Nickerchen im Schatten des Waldes.

»Das ist eins eurer besseren Werke, wenn ich das sagen darf«, meinte Malesh anerkennend zu Senan. Er schlug ihm auf die Schulter und die drei machten sich auf den Weg zurück zu Uris Landsitz.

Das Gut Scothnaran war groß, weitläufig und vulgär. Genau wie sein Besitzer, dachte Malesh und seine Laune sank. Scothnaran fehlte es an Rasse und Stammbaum, zwei weitere Dinge, die es mit Uri gemeinsam hatte. Bereits der erste Anblick ließ keinen Zweifel daran, dass das Gebäude nur errichtet worden war, um Besucher mit der Position und der Macht des Eigentümers zu beeindrucken. Wahrer Reichtum musste nicht zur Schau gestellt werden, Uri hatte das nie herausgefunden. Malesh hatte vor hundert Jahren sein Leben, sein Blut und seine Freiheit in einem Duell über ein schlecht gelaufenes Kartenspiel an Uri verloren. Und Malesh, dessen Stammbaum sich bis hin zum herrschenden Adel in Fahnlehen zurückverfolgen ließ, war zum Höfling eines Narren und eines Stümpers geworden. Ein billiger Falschspieler, dessen größter Augenblick der gewesen war, als er bei einem Spiel um zwei skrivven pro Karte erwischt worden und als Strafe für eine nicht bezahlte Schuld hinübergebracht worden war.

Scothnaran war voller Gäste, als Malesh und seine Geschöpfe eintraten. Uri war gern in der Gesellschaft von Sterblichen, so als gewähre ihm sein Status unter denen, die die Dunkle Gabe erhalten hatten, und sein neu erworbener Reichtum die Position, die er sich schon immer gewünscht hatte. Aber heute Abend sah Malesh keinen Sterblichen im Raum – keinen der habgierigen jungen Männer, die hofften, beim Kartenspiel zu gewinnen, und keine der Schlampen, die Uri »Ladies« zu nennen pflegte.

Die große Halle von Scothnaran war genauso prätentiös wie ihr Besitzer. Kandelaber trieften von Kristall und Perlen. Noorische Einlegearbeiten verzierten so viele Möbel, dass die Stücke nicht nur miteinander um Aufmerksamkeit zu wetteifern schienen, sondern auch mit den bunten Farben der flauschigen Teppiche auf dem polierten Marmorboden.

An den Wänden hingen ölgemalte Porträts von Uri und seinen vorgeblichen Ahnen. Malesh wusste, dass das vorgetäuscht war und dem sozialen Aufstieg eines Mannes diente, der aus der Gosse kam.

Im Raum befanden sich hauptsächlich Uris Geschöpfe. Uri selbst hielt in der Mitte Hof, einen Kelch mit Ziegenblut in der Hand. Der schale Geruch kam Malesh nach der Süße des letzten Mahls ungesund vor und dem Ausdruck auf ihren Gesichtern zu urteilen, ging es Senan und Berenn ähnlich.

»Habt Ihr ihn wirklich einen ›Kampfsklaven‹ genannt, in sein Gesicht?« Tanai beugte sich vor und sog jedes Wort von Uris Lippen.

»Das habe ich«, prahlte Uri. Sein Gesicht war rot von frischem Blut, das er getrunken hatte, und Kerzenlicht funkelte auf seinen Ringen. »Ich habe immer noch Verbindung zu … Geschäftspartnern … in Nargi. Sie sind meine Kontakte zur nargischen Armee – natürlich über die notwendigen Partner. General Kathrians Truppen hielten den Nu-Fluss vor zehn Jahren (?) besetzt, zur besten Zeit für die Kampfsklaven. Es gab keinen besseren als Jonmarc Vahanian. Über zwei Jahre lang hat er keinen Kampf verloren. Ich habe selbst ein wenig Gold mit Wetten auf ihn gewonnen, jawohl. Ihn wie einen Adligen verkleidet zu sehen und auch noch von Gabriel als den neuen Herrn von Dark Haven angepriesen zu sehen war mehr, als ich ertragen konnte. Er ist nichts als ein gewöhnlicher Gassenköter!«

»Als würde diese Beschreibung nicht auf Anwesende passen«, murmelte Malesh kaum hörbar zu Senan, der daraufhin lächelte. Senan und Berenn waren von adliger Familie, so wie er. Malesh hatte sie und andere in seinem inneren Kreis erwählt, damit er selbst die selbstverständliche Vulgarität von Uri besser ertrug.

»Und ist es wahr, dass Ihr ihm Blut genommen habt?«

Uri lächelte und zeigte seine gelben Augzähne. »Glaubt ihr wirklich, ich würde mich von Gabriel daran hindern lassen, meinen Standpunkt klar zu machen? Wenn das alles ist, was Vahanian an Kampfkunst zu zeigen hat, hat er Glück, dass er Darraths Klauen entkommen ist. Ich hatte meine Zähne an seinem Hals, bevor er überhaupt wusste, dass ich komme. Aber ich habe auch gehört, dass Darrath ihm ganz schön zugesetzt hat, als er das letzte Mal dumm genug war, nach Nargi zu kommen. Es brauchte einen Magier, um ihn zu befreien – das ist wirklich ein dicker Hund. Und das alles wegen einer Frau.« Uri leerte seinen Kelch und schnippte mit den Fingern. Ein Diener erschien an seiner Seite und füllte den Kelch wieder.

»Und dennoch habe ich gehört, dass er sich beim Kampf in Darraths Lager gut gehalten hat – und die Peitsche ertragen hat, ohne zu schreien. Bei der Hure! Es könnte amüsant sein, ihn für eine Runde herauszufordern – um der alten Zeiten willen.«

»Also ist das Abkommen aufgekündigt?« Es war Tresa, die das fragte, eine von Uris ältesten Geschöpfen. Malesh und seine Freunde hielten sich im Hintergrund und beobachteten die Szene aus der Entfernung, während Tresa zu Uris Rechten saß.

Du sitzt zu seinen Füßen wie der Schoßhund, der du bist, dachte Malesh verärgert. Es war ein offenes Geheimnis, dass Tresa die Position als Uris Zweite im Rat begehrte, eine Position, die zu bekommen endlose, berechnende Unterwürfigkeit gekostet hatte.

»Ah, Malesh. Da bist du ja. Sie haben mich über das Ratstreffen ausgefragt. Du warst doch dabei.«

Malesh trat vor, eher, um Tresa eins auszuwischen als wirklich aus Interesse daran, die Geschichte noch einmal zu erzählen. »Es ist, wie Uri sagt. Ein Raum voller Vayash Moru, die um einen Sterblichen herumschwänzeln. Gabriel ist der Schlimmste in dieser Bande, auch wenn Riqua nicht viel besser ist. Ich habe bemerkt, dass Rafe und Astasia sich herausgehalten haben. Wenn Vahanian wirklich der Lord von Dark Haven ist, dann sollte er sich als stark genug erweisen, das Amt zu übernehmen.«

Um ihn herum wurden beifällige Kommentare gemurmelt und Uris Augen funkelten zustimmend. Malesh konnte an den schlaffen Lidern Uris sehen, dass das Blut, das er trank, voller Branntwein und Traumkraut war. »Ich für meinen Teil habe genug Geschichten vom großen Kämpfer Vahanian, dem Helden von Chauvrenne, gehört«, sagte Malesh mit unverhohlener Verachtung. »Aber als Uri ihm an den Kragen ging, habe ich Furcht in Vahanians Augen gesehen. Wirklich, ein schöner Lord von Dark Haven!«

»Genau mein Gedanke«, sagte Uri in einer Stimme, die noch nicht lallte, der dennoch die Klarheit fehlte, die sie in Uris seltenen Momenten ohne Branntwein hatte. »Merkt euch meine Worte: Die Tage des Rats sind gezählt. Es wird schon bald ein völlig neues Spiel geben. Unser Spiel. Das Abkommen liegt auf dem Totenbett.«

Mit einer leichten Geste signalisierte Malesh Senan und Berenn, ihm zu folgen. Sie schlüpften aus dem Raum, ohne dass Uri es bemerkte. Er erzählte bereits die nächste Geschichte, mit der er seine Höflinge in Atem hielt. Malesh ging den ganzen Weg herab, in die Räume im niedrigsten Keller, in denen seine eigenen Leute auf ihn warteten.

Verglichen mit der Pracht der großen Halle war Maleshs Salon sachlich eingerichtet. Die Möbel, weniger als die in der Eingangshalle, waren seit Generationen in Maleshs Familie. Ahnen hatten sie ihm hinterlassen, die bekannter waren als die Handwerker, die diese Schätze hergestellt hatten. Die Ölminiaturen zeigten Maleshs wirkliche Vorfahren: Männer und Frauen, die den Königen von Fahnlehen lange gedient hatten, bevor man Uri hinübergebracht hatte. Ein halbes Dutzend seiner Geschöpfe wartete schon auf ihn. Noch mehr würden kommen, wusste Malesh, wenn Uri genug getrunken hatte und ihre Abwesenheit im Kreis seiner Bewunderer wahrscheinlich nicht mehr bemerken würde.

»Ist der Unsinn, den Uri redet, zu fassen?« Senan fiel in einen Sessel.

»Das ist eben Uri«, erwiderte Sioma, eine schöne, rothaarige Vayash Moru. Die Langeweile in ihrer Stimme war deutlich zu hören. Sioma war derzeit Maleshs Gefährtin und als sich ihre Blicke trafen, versprach ihr leichtes Lächeln ihm Freuden, noch bevor die Morgendämmerung sie in den Schlaf schicken würde.

»Wie gewöhnlich redet er viel und sagt wenig«, fügte Malesh hinzu. Er lehnte einen Kelch mit Blut ab. Er wollte den süßen Nachgeschmack der Jagd auf seiner Zunge nicht verderben. Mit Sioma und der Jagd erinnerte sich Malesh besonders gut daran, wie es war, sterblich zu sein – ungebremste Leidenschaft und der Rausch der Macht. Die Dunkle Gabe verstärkte all diese Gefühle und fügte sie dem Fest der nie endenden Jugend und der wahren Unsterblichkeit hinzu.

»Also, was ist nun mit dem Abkommen und dem Rat?«, fragte Berenn und suchte sich einen Platz.

Malesh stellte seinen Stiefel auf die Tischkante. Seine schlanke, muskulöse Gestalt überragte alle anderen wie ein Stawar, der gleich zustoßen würde. »Uri verlässt den Rat, weil er Aufmerksamkeit will. Er liebt es, andere aus der Reserve zu locken. Was glaubt ihr denn. Da oben sitzt er, trinkt vergiftetes Blut und ergötzt sich an der Anbetung seiner Schoßhündchen. Was hätte er zu gewinnen, wenn er den Rat verlässt? Sie würden ihn nur durch einen anderen ersetzen und das weiß er auch.«

»Und das Abkommen?«

Malesh stieß sich ab und begann, auf und ab zu gehen. »Uri war die letzten dreihundert Jahre zufrieden damit, Blut von Betrunkenen und Traumkrautabhängigen zu trinken. Was hat er davon, wenn er das Abkommen aufkündigt? Er hat so viel verdorbenes Blut, wie er von den Säufern in den Gassen nur bekommen kann.«

»Was ist mit Vahanian?«

Malesh lehnte sich gegen die Wand zurück und verschränkte die Arme. Die exquisite Spitze an seinen Handgelenken schäumte über seine feingliedrigen Hände. Seine Mahlzeit machte den Unterschied zwischen seiner sonst blassen Haut und der weißen Spitze nur noch deutlicher.

»Vahanian ist nicht so weich, wie Uri glauben möchte, aber auch nicht so unschlagbar, wie Gabriel hofft. Ich habe für einen Moment Furcht in seinen Augen gesehen, aber im nächsten hat er sich schon gegen Kolin gewehrt, um zu kämpfen. Furcht allein wird ihn nicht aufhalten. Und was Darrath angeht und dass er Vahanian beinahe getötet hätte – das stimmt. Aber das war, nachdem er bereits drei ausgezeichnete Soldaten Darraths getötet hatte und zusammengeschlagen worden war und ausgepeitscht. Der Magier, der ihn gerettet hat, war kein anderer als Martris Drayke. Vahanian ist ein genauso guter Kämpe, wie die Geschichten von ihm behaupten – und er könnte sich sogar gegen einen von uns behaupten.«

»Einen«, schmunzelte Senan. »Wir sind mehr als einer.«

»Darum geht es nicht.« Malesh begann wieder, auf und ab zu gehen. »Den Herrn von Dark Haven umzubringen, ist nicht das Ziel. Das Abkommen und der Rat müssen mit ihm sterben. Wir haben eine Eröffnung. Gabriel hat die Erlaubnis des Rats bekommen, den Vayash Moru von Margolan den Kampf gegen Jared den Thronräuber zu erlauben. Uri, der Narr, hat dagegen gestimmt, aber ich wusste sofort, das ist unsere Chance.

Martris Drayke hat den Thron gewonnen, aber nicht den Frieden. Lord Curane rebelliert offen und König Martris hat keine andere Wahl, als eine Armee nach Süden zu führen. Es gibt kleinere Zellen von Widerstand und Gruppen von Loyalisten Jareds über Margolan verteilt. Die Vayash Moru von Margolan sind so von ihrem Seelenrufer-König eingenommen, dass sie nicht aufhören werden, für ihn zu kämpfen. Je länger dieser Kampf dauert, desto schwächer wird das Abkommen werden.«

»Und dann?« Sioma streckte sich und zeigte damit ihren geschmeidigen Körper. Das eng anliegende Kleid aus kupferfarbener Seide betonte ihre schlanken Kurven und ihr rotes Haar. Malesh lächelte. Unsterblichkeit verstärkte den Durst und die Leidenschaft. Er hatte genug getrunken, um Ersteres zu löschen, und er beabsichtigte, auch Zweiteres zu befriedigen. Später.

»Dann … es wird keinen sterblichen Herrn von Dark Haven geben ohne ein Abkommen.«

Senan sah skeptisch aus. »Das wird die Schwesternschaft nicht zulassen.«

Malesh lachte. »Die Schwesternschaft hat nicht die Macht, diesbezüglich irgendetwas zu tun. Sie haben Arontala gewähren lassen, weil sie wussten, dass sie nicht stark genug waren zu gewinnen. Sie sind nur ein Schatten dessen, was sie einst waren. Ihre Magier stellen sich gegen sie und bleiben als Kriegsmagier bei Martris Draykes Truppen. Es gab sogar Strömungen innerhalb der Schwesternschaft, Martris Drayke eine Ausbildung zu verweigern. Arontala hat uns ein Geschenk gemacht, indem er den Orb unter Dark Haven gestohlen hat. Der Strom ist nie wiederhergestellt worden und je mehr er gestört ist, desto geschwächter ist die Schwesternschaft.«

»Glaubst du, die sterblichen Könige lehnen sich nur zurück und lassen es zu, dass das Abkommen aufgekündigt wird?«, fragte Berenn.

»Die sterblichen Könige sind im Krieg«, antwortete Malesh lächelnd. »Curane weiß, was König Martris nicht weiß – dass der Strom die Blutmagie gegenüber der Lichtmagie begünstigt. Mit dem Strom aus dem Gleichgewicht und Margolans Armee noch nicht wieder marschbereit, muss Curane sie nur in eine Schlacht verwickeln und sich zurückziehen, während der Strom ihren Seelenrufer-König seiner Kräfte beraubt. Tötet Martris Drayke und Jareds Bastard übernimmt den Thron. Nargi und Trevath werden sich gegen die anderen Königreiche verbünden und es wird mehr Blut geben, als wir in den nächsten Jahren werden trinken können.«

»Wer wird gewinnen?« Senan war nach wie vor nicht überzeugt.

Maleshs Lächeln wurde breiter. »Wir. Wenn die sterblichen Könige ihre Schätze ausgegeben und ihre Armeen geopfert haben, wenn die Schwesternschaft sich aufgelöst hat, dann wird der Zeitpunkt gekommen sein, uns das zu nehmen, was uns schon immer gehört hat.«

»Also wirst du Vahanian einfach in Dark Haven leben lassen?«

Malesh schüttelte den Kopf. »Nein. Wir werden Dark Haven genauso zerschlagen, wie wir den Rat und das Abkommen zerschlagen werden. Vahanian wird vor Angriffen zu gut geschützt. Er wird sich von Drohungen nicht abschrecken lassen. Er kümmert sich wenig um seine Sicherheit. Aber was die Bauern auf seinem Land angeht, um die wird er sich kümmern. Sie sind eine seiner Schwächen.« Maleshs Augen glitzerten. »Soweit ich weiß, plant er, seine Braut von Margolan mitzubringen. Das wird unsere Eröffnung. Wir werden Dark Haven ins Herz treffen und es ausbluten lassen.«

»Du forderst mich nicht genug.« Jonmarc Vahanian wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn. Laisren, sein Vayash-Moru-Waffenmeister, sah verärgert aus.

»Du bist sterblich. Was erwartest du?«

»Ich erwarte, mich selbst verteidigen zu können, so, wie ich das immer getan habe.«

»Du bist einer der besten Kämpfer in den Winterkönigreichen – vielleicht der beste deiner Generation. Gegen Sterbliche.«

Jonmarc schüttelte den Kopf. Sein langes, dunkles Haar war schweißverklebt und er atmete schwer. »Nicht gut genug. Du hast gesehen, was beim Rat passiert ist. Ich werde den Respekt der Vayash Moru nie gewinnen, wenn laufend Leibwächter hinter mir herlaufen. Ich muss mich selbst in einem Kampf halten können – und ich muss eine Chance haben, zu gewinnen.«

Laisren runzelte die Stirn. »Ich habe Martris Drayke in der Zitadelle der Schwesternschaft trainiert, weil er gegen Foor Arontala antreten musste. Sag mir einmal genau, warum ich dem Herrn von Dark Haven – dem Beschützer derer, die in der Nacht umgehen – beibringen soll, Vayash Moru umzubringen?«

»Weil das Abkommen nicht mehr das Pergament wert ist, auf dem es geschrieben wurde«, erwiderte Jonmarc prompt. »Und das weißt du auch. Ein Sturm zieht auf – ich kann es fühlen. Zu viele Dinge ändern sich. Es ist keine gute Idee, sie aus einer schwachen Position heraus mit jemandem wie Uri zu verhandeln. Selbst wenn er nur blufft, ich habe das Gefühl, dass sein Zweiter –«

»Malesh.«

»– das nicht tut. Ich kann Carina oder die Sterblichen, die ebenfalls ein Teil von Dark Haven sind, nicht beschützen, wenn ich tot bin.«

Laisren schüttelte den Kopf. »Wir üben jetzt schon seit zwei Kerzenabschnitten. Du hast dich gehalten.«

Jonmarc starrte ihn böse an. »Du hast deine Schläge gedämpft und bewegst dich nicht so schnell, wie du kannst. Du machst es mir leicht, verdammt noch mal!«

»Carina wird nicht glücklich sein, wenn ich etwas zerbreche, das sie gerade eben erst geheilt hat. Du wirst von den letzten paar Mal, die ich dich zu Boden geworfen habe, wund und zerschlagen genug sein. Auch wenn ich dich nicht so hart angegangen bin, als es mir möglich gewesen wäre.«

»Ja, aber ich habe dich kaum getroffen.« Jonmarc blutete aus einer Anzahl von Schnitten und Kratzern, einige hatte Laisrens Klinge ihm zugefügt und einige rührten von den rauen Steinen der Wände und des Bodens her. Aber nur ein paar seiner eigenen Schwertstreiche hatten getroffen, waren durch Laisrens Tunika gedrungen und hatten einen tiefen Schnitt auf dessen Unterarm hinterlassen, der schon wieder geheilt war.

»Die meisten Sterblichen kommen mir nicht einmal nahe.«

»Ich kann es besser.«

Laisren sah skeptisch aus. »Wie?«

Jonmarc schüttelte nachdenklich den Kopf. »Wenn ich kämpfe, wenn ich mitten in der Schlacht stehe, dann ist es, als würde sich alles um mich herum langsamer bewegen. Die Zeit vergeht anders. Ich weiß einfach vorher, wann und wie sich mein Gegner bewegt. Das hat mich immer am Leben erhalten, sogar bei den Wettkämpfen der Nargi. In meinem Kopf arbeitet die Zeit dann anders für mich. Wenn ich das nur ein wenig verbessern könnte, dann glaube ich, das ich auch mit einem Vayash Moru in einem richtigen Kampf fertig werde.«

»Du nimmst Uri ernst.«

Jonmarc nahm einen Schluck kalten Wassers aus dem Eimer, der in der Nähe stand. »Nicht Uri, Malesh. Yestin hat Recht. Die alten Sitten zerfallen. Wenn es in Margolan Krieg gibt, dann könnten alle Winterkönigreiche mit hineingezogen werden. Wenn das passiert – und ich hoffe für Tris, dass es nicht geschieht – dann wird jeder kleine Dieb und Halsabschneider seinen Boss umbringen und seinen Platz einnehmen. Ich könnte darauf wetten, dass es das ist, worauf Malesh wartet. Er will nicht Uris Sitz im Rat und auch nicht Dark Haven. Er will, dass die Vayash Moru über die Winterkönigreiche herrschen.«

Laisren zog eine Grimasse. »Das ist nicht von Dauer. Jedes Mal, wenn ein Vayash Moru versucht hat, über die Sterblichen zu herrschen, hat das beinahe zu unserer Vernichtung geführt. Wir können nicht so schnell unsere Nachkommen schaffen wie Sterbliche. Wir können uns nicht bei Tag bewegen. Am Tage sind alle außer unseren Allerältesten verwundbar. Irgendwann werden die Verbrennungen anfangen.«

Jonmarc nickte. »Wie viele Sterbliche und Vayash Moru werden sterben müssen, bevor wir wieder an dem Punkt sind, an dem wir begonnen haben? Und während die Winterkönigreiche sich mit sich selbst beschäftigen, was sollte die Südlande davon abhalten, mit ihren Armeen nordwärts zu ziehen und alles zu erobern? Oder die Kriegsherren des Westens daran hindern, sich ihren Weg durch Isencroft zu brennen? Meine Art, deine Art – wir werden alle verlieren, wenn Malesh das Gleichgewicht stört. Bei jeder Wirtshausschlägerei ist der beste Weg, sie zu vermeiden, der, es dem widerlichsten Hurensohn im Raum gleichzutun.«

Er erwiderte Laisrens Blick. »Also, wirst du mir helfen?«

Laisren lächelte. »Ich heile viel schneller als du.«

»Damit werde ich leben.

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