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Finnisches Roulette

Inhaltsübersicht

FREITAG

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SONNTAG

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MONTAG

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DIENSTAG

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MITTWOCH

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DONNERSTAG

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FREITAG

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SONNABEND

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EPILOG

FREITAG

Der Tag vor dem Mittsommerwochenende

1

Sami Rossi wartete im Erdgeschoß des Einkaufszentrums »Forum« ungeduldig auf den Lift, der ihn in die Hölle bringen würde. In dem Shoppingparadies mitten im Zentrum Helsinkis wimmelte es von Menschen, die es eilig hatten. Auch vor dem Mittsommertag erledigten viele ihre Einkäufe erst in letzter Minute. Es war halb eins, in Kürze würde das »Forum« schließen.

Die brütende Hitze des Tages war auch in dem Gebäude zu spüren: Obwohl die Klimaanlage auf Hochtouren arbeitete, fühlte man die hohe Luftfeuchtigkeit auf der Haut. Aus den Fastfood-Restaurants im Foyer stieg Rossi der Gestank ranzigen Fetts in die Nase, und ihm wurde fast übel, als er einen Polizisten erblickte, der einen Kebab von der Größe eines mit Fisch gefüllten Brotlaibs gierig in sich hineinstopfte, so daß die Soße aus seinen Mundwinkeln rann.

Rossis Mittsommerfeier hatte sich auf den am Vorabend mit Klasu geleerten Kasten Bier und den traditionellen Videomarathon beschränkt, bei dem sie sich diesmal den »Paten« angesehen hatten. Am Unabhängigkeitstag im Dezember würden sie sich gemeinsam alle Teile des »Unbekannten Soldaten« anschauen, zu Weihnachten »Dirty Harry« und zu Ostern »Das Schweigen der Lämmer«. Es sei denn, Laura bevorzugte künftig ein Feiertagsprogramm mit mehr Tradition.

Der Aufzug kam immer noch nicht. In das »Alko«-Geschäft nebenan strömten die Menschen, als befände sich dort eine Heilquelle.1 Rossi schreckte aus seinen Gedanken auf, als er den Blick einer Frau in einem engen pinkfarbenen Top auffing. Er deutete ein freundliches Lächeln an und erhielt als Antwort ein Grinsen – der Versuch eines Flirts. Rasch strich er sich eine blonde Haarsträhne aus der Stirn und warf einen Blick auf sein Spiegelbild im Schaufenster. Sein Körper wirkte durchtrainiert, obwohl er zwei Wochen lang keine Zeit für das Fitneßstudio gehabt hatte. Das enganliegende, langärmlige Baumwollhemd betonte die Muskeln ebenso wie die gutsitzenden Jeans. Er sah aus wie Muhammed Ali vor dem »Rumble in the Jungle« gegen George Foreman in Zaire. 1974 war der Champion genauso alt gewesen wie er jetzt – zweiunddreißig Jahre. Allerdings hatte Rossi aufgehört zu boxen, das war das einzige in seinem Leben, was er wirklich bereute. Nicht wenige seiner Bekannten waren freilich der Auffassung, sein ganzes Leben gleiche einem Lexikon der Mißerfolge. Zum Glück hatte wenigstens Laura Verständnis für ihn, die Meinung der anderen war ihm nicht so wichtig.

Rossi drückte mindestens schon zum zwanzigstenmal auf den Fahrstuhlknopf und wurde allmählich wütend. Seine letzten Urlaubstage und das Mittsommerwochenende mußte er in der Stadt verbringen, etwas Trostloseres konnte man sich kaum vorstellen. Aber seine Frau wollte schnell mit der Renovierung fertig werden. Selbst ein Esel ließ sich leichter überreden als Laura. Sie hatte auch die Entscheidung über den Kauf der Dreizimmerwohnung in der Lönnrotinkatu getroffen, obwohl der Preis so hoch war, daß er die Wolken berührte. Und die Bürde des Bankkredits würden sie erst kurz vor ihrem Begräbnis loswerden. Laura hatte seine zwei Urlaubswochen den Tapeten, Pinseln und dem Terpentingestank geopfert. Für sie war es natürlich leicht, Urlaubspläne zu schmieden, als Lehrerin hatte sie ja lange genug Sommerferien, dachte Rossi neidvoll und wunderte sich einmal mehr, warum Lauras Zielstrebigkeit ihn so anzog.

Seine Gedankengänge wurden von einem schrillen Aufschrei unterbrochen. Eine junge Frau kniete sich mühevoll nieder, um ihre Einkäufe aufzusammeln, die aus der zerrissenen Papiertüte herausgefallen waren. Ihr unübersehbarer vorgewölbter Bauch verriet, daß sich die Schwangerschaft dem Ende näherte. Die Kante eines Fruchtsaftkartons hatte den Deckel eines Joghurtbechers getroffen, auf dem Fußboden bildete sich eine rosafarbene Pfütze, und die Schwangere brach in Tränen aus. Ein Pudel auf dem Arm einer Dame mit Hut war der einzige, der die Unordnung gern beseitigt hätte.

Rossi wollte der jungen Frau gerade zu Hilfe eilen, als ihr ein elegant gekleideter Mann hoch half. Während er die Gläschen mit Kindernahrung aufhob, redete er fließend Englisch. Die Frau setzte sich vorsichtig auf einen wackligen Plastikstuhl des Kebab-Restaurants, um zu verschnaufen.

Rossi vermutete, daß es sich bei dem hilfreichen Ritter um einen Geschäftsmann handelte; aus seinem Ohr hing das Knopfhörerkabel eines Mobiltelefons. Ob der Typ für den heutigen Nachmittag eine geschäftliche Besprechung vereinbart und so einem Finnen den Mittsommertag verdorben hatte? Die Ausländer begriffen nicht, daß Mittsommer für viele Finnen die einzige Gelegenheit im ganzen Jahr bedeutete, den Waldmenschen, der tief in ihnen steckte, herauszulassen. – Wo saßen bloß alle vier Aufzüge fest?

»… Luca Brasi sleeps with the fishes.« Rossi ahmte den tiefen Tonfall des Mafioso Clemenza so leise nach, daß er die Worte selbst nicht hörte. Die Szenen aus dem ersten Teil des »Paten« gingen ihm immer noch durch den Kopf.

Endlich ertönte das Klingeln des Aufzugs. Rossi griff nach seinen gefüllten Einkaufsbeuteln und hob sie gerade an, als sich ein eleganter graumelierter Herr im dunklen Anzug an ihm vorbei in den Aufzug drängte. »Excuse me«, sagte der Mann schnaufend, stellte seine Ledertasche auf den Fußboden und wischte sich mit dem Taschentuch den Schweiß vom braungebrannten Gesicht. Er schnappte gierig nach Luft und riß sich den weinroten Seidenschal vom Hals. Am Revers seiner Jacke glänzte der Anstecker irgendeiner Organisation. Besorgt dachte Rossi, der Opa sollte lieber nicht draußen herumrennen bei der Hitze, die so schwül war wie die Atmosphäre einer Erweckungsfeier.

Endlich ruckte der Aufzug an und fuhr los. Der Ausländer öffnete den obersten Hemdknopf und zerrte den Schlipsknoten auf. Plötzlich wurde er ganz blaß, hörte auf zu schnaufen und riß sein Hemd so heftig auf, daß die Knöpfe wegflogen und klirrend an die Aluminiumwand des Aufzugs prallten. Dann sank der alte Herr in die Knie, preßte die Hände auf die Brust und schnappte verzweifelt nach Luft.

Sami Rossi ließ die Einkaufsbeutel fallen und beugte sich vor, um dem Mann zu helfen, als die mit Leberflecken bedeckte Hand des Gentlemans nach oben zuckte und wie im Krampf den Nothalteknopf drückte. Man hörte, wie Metall knirschte, der Aufzug schwankte und blieb stehen. Der Mann zog Rossi am Kragen zu sich herunter auf die Knie. Seine Augen waren weit aufgerissen, er faßte sich an die Brust und griff mit der anderen Hand nach seiner Tasche.

Als Rossi hastig das Handy aus der Tasche holte, packte der Mann sein Handgelenk.

»Nein. Warten Sie. Diese Tasche darf nicht … ich will nicht, daß sie der Polizei in die Hände fällt. Wenn ich sterbe, wird sie sicherlich durchsucht.« Der Mann keuchte und preßte beim Sprechen die Zähne zusammen. Der Schweiß lief ihm in Strömen über das bleiche Gesicht.

Verblüfft öffnete Rossi den Mund, um eine Frage zu stellen, aber der Ausländer kam ihm zuvor. »In der Tasche sind meine dienstlichen Unterlagen und fünfzigtausend Euro. Sie bekommen die Hälfte des Geldes, wenn Sie die Tasche für mich aufbewahren. Ich will keinen Skandal, ich bin Diplomat.«

Rossi wußte nicht, was er tun sollte. Der Opa würde doch hier im Aufzug sterben, wenn ihm nicht sofort geholfen wurde. Dann schoß ihm durch den Kopf, daß die Hälfte von fünfzigtausend Euro immer noch eine ganze Menge Geld bedeutete. Er verwarf den Gedanken und wählte auf dem Handy die Notrufnummer, aber der Diplomat ergriff das Telefon, ließ es auf den Fußboden fallen und öffnete mit zitternden Händen seine Tasche.

»Sehen Sie. Nur Unterlagen und das Geld. Sonst nichts. Hier ist meine Visitenkarte. Rufen Sie die Nummer auf dem karierten Papier an, wenn Sie am Wochenende nichts von mir hören. Ich bitte Sie …«

Rossi zögerte immer noch. Sein Gehirn arbeitete angestrengt, aber es kam nichts dabei heraus. Er war nicht imstande, zu entscheiden, was er tun sollte, und Laura war nicht da und konnte ihm keinen Rat geben. Rossi drehte die Tasche zu sich hin, nahm ein dickes Bündel Banknoten in die Hand und stellte überrascht fest, wie schwer es war. Hinter dem ledernen Zwischenboden der Tasche steckte die Visitenkarte: »Dr. Dietmar C. Berninger, Gesandter und Botschaftsrat, Chef der politischen Abteilung, Deutsche Botschaft in Helsinki«. Rossi schaute den Diplomaten an, der noch bleicher geworden war. Der Mann brauchte ärztliche Hilfe, und zwar sofort. Und Sami Rossi brauchte Geld.

»Na gut«, sagte Rossi unsicher. Er nahm die Tasche, griff nach den Henkeln der Einkaufsbeutel und schlug mit der Faust auf den Knopf der dritten Etage.

Als sich die Tür mit einem Rauschen öffnete, drückte Rossi den Nothalteknopf, um zu verhindern, daß der Lift weiterfuhr, dann rannte er los. Auf dem Platz, dem Kukontori, war von den Männern im Overall des Wachdienstes noch nichts zu sehen, aber ein Junge mit einem Sack Holzkohle blieb stehen und schaute ihm nach. Die Plastiktüten schaukelten hin und her, als Rossi am Geschäft »Musta Pörssi« entlang durch das Bogengewölbe bis zur Yrjönkatu hetzte, dort blieb er stehen und alarmierte die Notrufzentrale. In Kürze würde der Diplomat Hilfe bekommen.

Sami Rossi war kaum vom Kukontori verschwunden, als sich ein breitschultriger Mann aus dem Schatten im Eingang eines Telefongeschäfts löste. Er kümmerte sich nicht um die Teenager, die auf dem Platz herumlungerten, sie würden in den nächsten Minuten vollauf damit beschäftigt sein, ihren Freund zu bewundern, der mit seinen Skateboardkünsten prahlte.

Der Mann, der Shorts und ein Pikeehemd trug, ging in aller Ruhe die zwanzig, dreißig Meter bis zu dem Aufzug, in dem sich Berninger befand. An der Tür zog er sich Handschuhe an, setzte eine George-W.-Bush-Maske aus Gummi auf und vergewisserte sich mit einem kurzen Blick, daß ihn niemand beobachtete.

Dietmar Berninger schaute in den Spiegel und zog seinen Schlipsknoten zu. Er sah immer noch blaß aus, aber von den anderen Symptomen des Anfalls war keine Spur mehr zu erkennen. Das ganze Schauspiel empfand Berninger als Clownerie. Für die krankhaften Träume von Anna Halberstam und für die Zukunft der Gentechnologie wäre er nie dazu bereit gewesen, aber um des Geldes willen mußte der Mensch sich manchmal unterordnen und solchen Schwachsinn mitmachen.

Der Mann mit der Maske betrat den Aufzug. Berninger drehte sich um, sein Gesichtsausdruck war verdutzt, als er den amerikanischen Präsidenten aus Gummi erblickte. »Wer zum Teufel sind Sie?« fragte der Diplomat, als der Maskenmann die Faust zum Schlag hob.

»Ein Sterbe…«, sagte der Mann, und sein Faustschlag betäubte Berninger, »…helfer.« Der zweite Schlag zerschmetterte die Luftröhre des Diplomaten, und ein heftiger Ruck brach ihm das Genick. Berninger sackte leblos zu Boden, und das Blut, das aus seiner Nase floß, verfärbte den weißen Hemdkragen.

Der Killer verließ den Aufzug. Auf dem Kukontori waren zwar etliche Menschen unterwegs, aber keiner beachtete ihn. Der Mann rannte hinter die Aufzüge, lief so an den Glaskegeln der Dachfenster vorbei, daß die Überwachungskameras ihn nicht erfassen konnten, bog dann nach rechts ab und blieb an der D-Treppe stehen. Er hielt einen Laserstift über seinen Kopf und gab damit ein Zeichen in Richtung der dunkel getönten Fenster der Überwachungszentrale des »Forum«. Zweimal lang und zweimal kurz.

Der Wachmann, der am Fenster stand, hatte das Zeichen gesehen, es bedeutete, daß er sich die Aufzüge anschauen sollte. Er ging zu seinem Monitor und wählte die Überwachungskamera im ersten Aufzug am Kukontori: Eine Tante mit Sonnenhut und ein Pudel leckten einander ab. Der zweite Fahrstuhl war leer. Der Wachmann erstarrte, als er die Leiche auf dem Fußboden des dritten Aufzugs und das blutverschmierte Hemd erblickte.

Panik erfaßte ihn und lähmte seine Gedanken. Was war geschehen? Der Wächter spulte die Bilder zurück und schaute dann ungläubig zu, wie der alte Herr ermordet wurde. Er zitterte so, daß er es nur mit großer Mühe schaffte, den Vorgang auf eine CD zu kopieren und die Bilder aus dem dritten Aufzug auf der Festplatte des Zentralrechners zu löschen. Verdammt, in was war er da hineingeraten? Von einem Mord hatte niemand gesprochen.

2

»Ich, ich, ich … Anna …«, kreischte das Kakadupärchen Eos und Tithonus, als sich die Schiebetür des Vogelzimmers öffnete und die schmal und schwächlich wirkende Anna Halberstam mit ihrem elektrischen Rollstuhl hereinfuhr. Tithonus flatterte vom Kletterbaum auf die Armlehne des Rollstuhls und drehte immer wieder den Kopf: Er bettelte ständig und wollte im Nacken gekrault werden. Eos zeigte ihre Zuneigung etwas sparsamer als ihre bessere Hälfte.

Anna streichelte ermattet die hellgelbe Federhaube von Tithonus. Sie liebte ihre Vögel. Die weißen Goldhaubenkakadus mit schwarzem Schnabel gehörten zu den klügsten ihrer Gattung, waren aber krankhaft geltungsbedürftig. Als vor zehn Jahren Annas Krankheit ausbrach, hatte sie einen Kakadu und einen kleinen Flugkäfig gekauft, aber der Vogel hatte unter der Einsamkeit gelitten, sich unablässig seine Federn ausgezupft und war nach wenigen Monaten gestorben. Also machte Anna den großen Wintergarten der Villa Siesmayer zu einem Vogelzimmer und bezahlte einen Fachmann, der den Raum einrichtete. Kletterbäume und Sitzäste aus Buche und Eiche wurden aufgestellt, hier und da hängte man gebündelte Zweige zum Knabbern und dicke Hanfseile auf, und ein Teil des Bodens wurde mit Erde bedeckt, in der die Kakadus nach Herzenslust wühlen konnten.

Der heutige Tag sollte für Anna eigentlich ein Freudentag sein, denn endlich begann die Phase der Umsetzung von Konrads Plan. Die Anspannung verstärkte jedoch ihre Depressionen, heute hatte sie sogar im Vogelzimmer das Gefühl, daß ihr die Decke auf den Kopf fiel. Sie sah, wie auf dem großen, von einer Ziegelmauer umgebenen Hof die kleinen Vögel hin und her flatterten, und schloß die Augen. Nur im Vogelzimmer konnte Anna hinausschauen, in allen anderen Räumen des Hauses wurden die Vorhänge immer geschlossen gehalten, und sie verließ das Haus niemals. Anna konnte den Anblick der Außenwelt nicht ertragen, nicht einmal den ihrer Abbilder. In der Villa Siesmayer, einem prunkvollen Gebäude im Frankfurter Westend, hatte sie sich verschanzt, nachdem man bei ihr vor einem Jahrzehnt die unheilbare Krankheit ALS festgestellt hatte. An die Diagnose des Arztes erinnerte sie sich, als wäre es gestern gewesen: Sie würde unter Muskelschwund leiden, ihr Sprechvermögen verlieren, den Rest ihres Lebens im Rollstuhl zubringen und nach dreizehn oder spätestens zwanzig Jahren an der Krankheit sterben. Zehn der vorhergesagten Jahre waren nun schon aufgebraucht.

Anna hörte auf, Tithonus den Nacken zu streicheln; der Vogel wirbelte die spröden grauen Haare seiner Herrin durcheinander, als er pfeifend aufflog und sich neben Eos setzte. Mit ihrer schmalen Hand nahm Anna die Handtasche vom Gepäckständer des Rollstuhls. Sie holte den Spiegel heraus und brachte ihre Frisur in Ordnung. Noch immer kleidete und schminkte sie sich sorgfältig, obwohl keine Gäste mehr die Villa Siesmayer besuchten. Sie hatte Angst, daß ihre Gebrechlichkeit bald auch das Personal vertreiben würde. Anna war müde, und der dunkle Schatten der Angst schwebte irgendwo ganz in ihrer Nähe. Langsam, aber sicher zehrte die Krankheit ihren Lebenswillen auf, genau wie ihren Körper. Lähmende Verzweiflung verdunkelte ihr Gemüt jedesmal, wenn sie über ihren allmählichen Verfall nachsann.

Sie versuchte an etwas Positives zu denken und blickte liebevoll auf das Foto von Werner. Bilder von ihm fanden sich in jedem Raum der Villa Siesmayer. Seit dem Tod ihres Mannes waren erst zwei Monate vergangen, aber alle Freunde hatten sie schon im Stich gelassen. Anna wußte, daß auch Kakadus monogam waren. Ein Papagei, der allein zurückblieb, trauerte sich oft zu Tode. Würde es ihr auch so ergehen? Manchmal überlegte Anna, ob Werner wirklich am Steuer eingeschlafen oder mit seinem Wagen absichtlich in den Abgrund gefahren war, um sie nicht mehr pflegen zu müssen. Vielleicht bestand der Sinn ihres Lebens darin, zu prüfen, wieviel die ihr nahestehenden Menschen ertragen konnten.

»Anna, Anna … ich, ich …«, wiederholten die Lieblinge der Hausherrin und pfiffen dazwischen, aber Anna war tief in Gedanken versunken. Der Tod Werners hatte auch den Machtkampf um die H & S Pharma ausgelöst. Werner war der Haupteigentümer der Arzneimittelfirma und der Vorstandsvorsitzende des Unternehmens gewesen, er traf alle Entscheidungen, auch die über den Einsatz der Forschungsmittel. Nach Annas Erkrankung hatte Werner eine Gruppe zur Untersuchung der ALS-Krankheit gegründet und im Laufe der Jahre Millionen, erst Mark und dann Euro, in deren Arbeit investiert.

Jetzt standen das ALS-Forschungsprogramm und Annas Zukunft auf des Messers Schneide. Sie konnte nicht darüber bestimmen, was H & S Pharma und ihre Tochterunternehmen künftig erforschen würden, denn sie verfügte nicht über die dafür erforderliche Aktienmehrheit, weil Werner ihr nicht alle seine Aktien hinterlassen hatte.

Anna wußte, daß es noch jemanden gab, der die Herrschaft über die Firma anstrebte. Die Witwe des anderen Gründers und Haupteigentümers von H & S Pharma hatte kürzlich ihre Aktien an die Future Ltd. verkauft, eine Investmentgesellschaft, weiß der Himmel aus welchem Land. Anna nahm an, daß die Future Ltd. das Programm zur Erforschung von ALS stoppen würde, sobald sie konnte. Die amyotrophe Lateralsklerose war, betriebswirtschaftlich gesehen, kein lohnenswertes Forschungsobjekt, weil in der ganzen Welt nur siebzigtausend Menschen unter dieser Krankheit litten.

Eos, die zurückhaltender war als ihr Partner, flog auf die Armlehne des Rollstuhls und drückte mit ihrem Schnabel auf einen Knopf am Steuergerät. »Konrad, Konrad …« Eos wollte Futter und wußte, wie die Hausherrin ihren Assistenten Konrad Forster herbeirief.

Anna war der Ansicht, daß Konrad dem Schicksal die Stirn bieten könne, das sie mit einer seltenen Krankheit gestraft und ihr Werner genommen hatte. Sie dankte dem Himmel für Konrad, denn sie selbst war zu nichts mehr fähig. Krankheit und Müdigkeit zermürbten sie in einem Strudel aus Angst, Schwäche und Verzweiflung.

Konrad hatte einen Plan zur Eroberung von H & S Pharma ausgearbeitet. Wenn der Plan mißlang, würde das ALS-Forschungsprogramm eingestellt werden. Anna war überzeugt, daß sie dann nicht im Gefängnis ihrer Krankheit auf den qualvollen Tod warten würde. Nur die Hoffnung auf ein neues Medikament hielt das Entsetzen, das in ihr tobte, im Zaum.

Die Glastür öffnete sich mit einem Rauschen, und die Kakadus ahmten begeistert das Geräusch nach, während ein hagerer, groß gewachsener Mann, auf dessen Stirn sich eine dicke Ader abzeichnete, das Vogelzimmer betrat. Mit ihm schwebte ein kräftiges Pfeifentabakaroma in den Raum. Konrad Forster war Annas Schutzengel, der sich um all ihre Angelegenheiten kümmerte und selbst ihre geringsten Wünsche erfüllte, ohne zu murren. Anna hatte volles Vertrauen zu ihm.

»Schön, daß du gekommen bist. Das Vogelfutter ist wieder alle, und ich kann die Näpfe nicht füllen, sosehr ich es auch möchte«, sagte Anna langsam und mit leiser Stimme. Dann entschuldigte sie sich dafür, daß sie so nutzlos war, und hustete schwach. Das Sprechen fiel ihr schwer. Im gleichen Augenblick traf ein Lichtstrahl Annas Gesicht, und sie bat Konrad, die Vorhänge zu schließen und die Wohlfühlleuchten einzuschalten. Sie schämte sich, weil sie ihn ständig herumkommandierte.

Der hagere Mann kehrte zum Rollstuhl zurück, lächelte warmherzig und legte den Angoraschal, der auf den Boden gerutscht war, um Annas Schultern. »Ich habe Nachrichten aus Finnland erhalten. Die erste Phase ist ganz nach Plan verlaufen, wir haben die Bildaufzeichnung der Überwachungskamera im Aufzug«, berichtete Forster und wurde mit einem Lächeln Annas belohnt. »Allerdings gibt es auch schlechte Nachrichten. Dietmar Berninger ist tot. Es ist am besten, wenn du es von mir erfährst«, sagte Forster voller Mitgefühl und nahm Annas Hände.

Anna lächelte schwach, sie glaubte, Konrad mache einen Scherz, bis ihr klar wurde, daß kein Lächeln über sein Gesicht ziehen würde. »Wieso? Was ist geschehen …«, fragte sie mit brechender Stimme.

»Alles andere über den Plan habe ich dir vorher erzählt, aber das nicht, ich wollte nicht, daß du dich für Dietmars Tod verantwortlich fühlst. Du neigst dazu, dir … selbst Vorwürfe zu machen.« Forster wählte seine Worte mit Bedacht. »Ich mußte Dietmar täuschen und ihm versprechen, daß er seinen Platz im Vorstand von H & S Pharma wiederbekommt, damit konnte ich ihn zur Mitarbeit an unserem Plan überreden. Es tut mir leid, aber nur wir beide dürfen von unserem Ziel wissen. Für die Fortführung unseres Plans war Dietmars Tod unvermeidlich. Ich verspreche dir, daß niemand anders zu sterben braucht.«

Anna wurde übel. Sie begriff sofort, wer an Dietmars Tod schuld war: Sie selbst hatte sich dazu hinreißen lassen, ihrem Freund Konrads Plan zu verraten. Ihr Lapsus hatte Dietmar das Leben gekostet. Das fachte die schwelenden Selbstvorwürfe in ihr erneut an. Sie fürchtete, die Verantwortung für Dietmars Tod würde sie endgültig in die Dunkelheit treiben, aus der es keine Rückkehr gab.

»Dietmar mußte doch wohl nicht … leiden?« fragte Anna mit brüchiger Stimme.

Forster legte die Hand auf ihre Schulter und machte einen ehrlichen Eindruck. »Überhaupt nicht. Alles war in ein paar Sekunden vorbei. Du solltest nicht an so etwas denken.«

»Ich vertraue dir«, sagte Anna, obgleich es sie mit Entsetzen erfüllte, was Konrad getan hatte. Aber er wollte nur ihr Bestes. Wie schon seit dreißig Jahren, obwohl sie sein Leben ruiniert hatte. Anna schämte sich, daß sie den Mann immer noch ausnutzte, aber sie wagte nicht einmal daran zu denken, was geschehen würde, wenn auch Konrad sie verließ. Sie war völlig von ihrem Assistenten abhängig.

Aus dem Kasten mit den Utensilien für die Vögel nahm Forster das, was er brauchte, und machte sich an die Arbeit. Zunächst sammelte er die Futterreste und den Kot auf und streute dann saubere Erde unter die Sitzbäume.

Anna hatte indes das Gefühl, an den Selbstvorwürfen zu ersticken. Sie war gezwungen, sich in ihre Träume zu flüchten, und konzentrierte sich darauf, über die Tochtergesellschaft von H & S Pharma, das biotechnische Forschungsinstitut Genefab, nachzudenken. Auf Werners Anweisung hin hatte Genefab, ein Pionierunternehmen der Gentechnologie, in den letzten fünf Jahren enorme Summen in Forschungen investiert, deren Ziel die Verlängerung des menschlichen Lebens war.

Anna hatte den Satz von Dr. Klatz nicht vergessen: »Wenn du in zehn Jahren noch lebst, kann es sein, daß du ewig leben wirst.« Das war ihr Mantra. Sie fühlte sich sofort viel besser, und ihre Gedanken erhielten frischen Schwung.

Eine wesentliche Lebensverlängerung mit den Mitteln der Biotechnologie war jetzt, nach der Enträtselung der Genkarte des Menschen, möglich, glaubte Anna. Die Wissenschaftler suchten fieberhaft nach der in der menschlichen DNS versteckten Information, die das Altern und den Tod regelte.

Sie wußte, daß es schon gelungen war, die Lebensdauer von Würmern, Fliegen, Mäusen und Affen durch die Manipulation von Genen zu erhöhen und daß japanische Forscher im Hirn einer Maus die Gene gefunden hatten, die die »Uhr« des Organismus kontrollierten. Anna hielt es für sicher, daß man diese Gene bald auch beim Menschen finden würde. Schon planten Wissenschaftler, wie man die biologische Uhr des Menschen anhalten konnte. In den spektakulärsten Szenarien wurde es sogar für möglich gehalten, die Uhr zurückzudrehen – die Zellen des Menschen würden durch neue ersetzt, und der menschliche Organismus würde sich verjüngen. Und wenn man fähig war, die menschlichen Zellen unsterblich zu machen, dann würde auch der Mensch unsterblich werden. Die Forscher hatten schon Zellversuche vorgenommen, die einer Verlängerung des menschlichen Lebensalters um hundert Jahre entsprachen. Das alles hatte Anna gelesen; sie könnte also möglicherweise ewig leben.

Die Vögel plapperten dankbar, als Forster ihre Freßnäpfe säuberte und mit einer Samenmischung sowie mit Obst und Gemüse füllte. Dann goß er Möhrensaft in ein Glas, legte eine Rilutek-Tablette auf Annas Zunge, flößte ihr das Getränk vorsichtig ein und wischte ihr den Mund ab. Wie lange durfte er noch Annas Gegenwart erleben? Forster wußte, daß die Medikamente nur einen Zeitgewinn bedeuteten. Rilutek verlangsamte das Fortschreiten der Krankheit, heilte sie aber nicht. Es gab nichts, was ALS heilen konnte.

Die Hausherrin hatte heute einen guten Tag, stellte Forster fest. Ihre Muskeln funktionierten tadellos, und sie konnte sich auch auf das konzentrieren, was um sie herum geschah. Solche Tage wurden immer seltener, denn zusätzlich zu ALS litt Anna auch an einer sich ständig verschlimmernden mittelschweren Depression. Zumeist war sie total niedergeschlagen, nur der Gedanke an ein Medikament gegen ALS und ihre Zukunftsphantasien verdrängten die Depression für einige Augenblicke. Durch ihre Träume blieb Anna am Leben. Er würde helfen, die Träume am Leben zu erhalten, und damit auch Anna. Konrad Forster legte ein Heizkissen unter Annas Füße und verließ das Vogelzimmer, begleitet vom Lärm der Kakadus.

Annas Gedanken wanderten zurück zu dem Juniwochenende vor Jahren in der Oberstdorfer Villa. An jenem Sonntag hatten ihre Beine versagt, sie mußte ins Krankenhaus und erfuhr von ihrer Krankheit. Sie war mit Werner in der Drahtseilbahn auf den Gipfel des Fellhorns gefahren, um Champagner zu trinken und die atemberaubend schöne Landschaft zu betrachten. Werner hatte sie vergöttert. Die Erinnerung hinterließ einen tiefen Schmerz, in letzter Zeit weckten nur wenige Bilder diesen Teil ihrer Seele. Widerwillig kostete sie den Möhrensaft.

Die Probleme brachen über sie herein, sobald sie sich nicht auf ihre Träume oder Erinnerungen konzentrierte. Anna wußte nicht, warum die Future Ltd. versuchte H & S Pharma zu erobern und warum sie die Namen ihrer Eigentümer geheimhielt. Vielleicht wollte die Firma, daß Genefab irgend etwas Abscheuliches erforschte und entwickelte. Anna glaubte, daß die Wirrköpfe mit Hilfe der Biotechnologie schon bald in der Lage sein würden, jede beliebige Scheußlichkeit zu entwickeln: Massenvernichtungswaffen mit einer bisher nicht gekannten Effizienz, im Reagenzglas aufgezogene menschliche Embryos, im Organismus von Schweinen hergestellte menschliche Organe, genetisch veredelte Menschen, menschliche Klone und Mischformen von Menschen und Tieren … Annas Lippen zuckten, als sie an die allerschrecklichste Möglichkeit dachte.

3

Laura Rossi lag stöhnend unter ihrem nackten Mann und preßte Samis schweißnassen Kopf an ihre Brüste. Lauras Hände waren mit ockerfarbenen Flecken bedeckt, und auch ihre dunklen Rastalocken hatten Farbspritzer abbekommen. Ein wohliges Gefühl liebkoste ihren Körper wie weiche Seide, als sie spürte, daß Sami in ihr kleiner wurde und mit ihr verschmolz.

Im Schlafzimmer standen keine Möbel, die Matratze lag auf dem mit Zeitungspapier ausgelegten Parkettfußboden, inmitten von Pinseln, Farb- und Terpentinbüchsen und sonstigen Renovierungsutensilien. Ihr erstes gemeinsames Zuhause sollte ein Paradies der Farben werden. Nach ihren Malerarbeiten würde in der ganzen Wohnung, außer dem Toilettenbecken, nichts mehr weiß sein. Sie fühlte sich schon jetzt hier zu Hause. Das tat gut. Der Wohnungskauf war eine geniale Idee gewesen, und es störte sie nicht, daß Sami behauptete, sie wären jetzt Gefangene ihrer Schulden.

Die Möwen kreischten in der Hietalahti-Bucht, und der Geruch des Meeres wurde mit der feuchten Wärme durch die offenen Fenster hereingetragen. So ruhig hörte sich die Stadt nur am Abend vor dem Mittsommertag an. Lauras Blick fiel auf das Poster von Muhammed Ali, das Sami als allererstes an der Wand befestigt hatte. Sie wunderte sich, wie jemand von einer Sportart schwärmen konnte, in der man mit den Fäusten auf den Kopf des Gegners einschlug. Sami jedoch hielt das Boxen für die edelste und ehrlichste aller Kampfsportarten. Das mußte irgend so eine Männersache sein, die Laura nicht verstand.

Sie drehte den Kopf und sah auf dem Fensterbrett die schwarze Ledertasche und die dicken Banknotenbündel. Ihr Zeigefinger landete im Mund, und gedankenversunken kaute sie am Nagel. Nachdem Sami ihr alles erzählt hatte, was im »Forum« geschehen war, hatte Laura verlangt, er solle die Tasche auf der Stelle zur Polizei schaffen, aber Sami war nicht bereit gewesen, auch nur daran zu denken, auf das Geld zu verzichten. Er hatte einen Streit angefangen, der erst im Bett endete. Sie legten ihre Streitigkeiten oft bei, indem sie miteinander schliefen.

Als ihr Sami zu schwer wurde, schob sie ihn hinunter und streichelte seinen flachen Bauch. Ihre Körper ergänzten einander: Sami war groß und muskulös, sie klein und zierlich. Laura bewunderte Samis lockere Lebensauffassung, sein gesundes Selbstbewußtsein und seine natürliche Kontaktfreudigkeit. Sie selbst galt als hart und entschlossen, nur wenige begriffen, daß sie seit ihrer Kindheit eine Rolle spielte. Als ältestes Kind einer alleinerziehenden Mutter hatte sie allzu früh ein Übermaß an Verantwortung tragen müssen und sich mit einer harten Schale umgeben, um ihr Innerstes zu schützen. Auch heute noch flüchtete sie sich vor ihrer Rolle in die Einsamkeit. Diese ernsten Gedanken weckten in Laura Erinnerungen an die zum Schlag erhobene Hand der Mutter, und sie vergrub ihren Kopf an Samis Schulter.

Der Liebesakt hatte Lauras Meinung nicht geändert, sie wollte immer noch die Polizei anrufen und die Tasche zurückgeben, wer weiß, was für Drogengeld der deutsche Diplomat mit sich herumtrug. Es bedrückte sie auch immer noch, daß Sami den alten Mann im Aufzug hatte liegen lassen, wenn er auch wenigstens den Krankenwagen gerufen hatte. Sami durfte nicht ausgerechnet jetzt in Schwierigkeiten geraten, wo endlich alles in Ordnung war. Sie hatten am 1. Mai geheiratet, und im Mai hatte Sami einen festen Arbeitsplatz im Sportgeschäft eines Bekannten bekommen. Nun mußte er sich an einen normalen Arbeitsrhythmus gewöhnen, und das war eine Leistung für einen Mann, der aus Begeisterung für den Abfahrtslauf in den letzten vier Jahren durch die Wintersportorte der Alpen gezogen war und sich als Skilehrer durchgeschlagen hatte. Viele von Lauras Freunden waren der Ansicht gewesen, die wenigen Monate mit Sami seien eine zu kurze Zeit, um sich für eine Ehe zu entscheiden. Aber in ihrer Beziehung hatte sofort alles gestimmt. Laura ärgerte sich, daß sie beim Gedanken an Samis Jahre im Ausland immer noch Stiche der Eifersucht spürte. Wenn der Mann doch mehr über sich reden würde.

Sami schwebte weiter auf der Wolke der Glückseligkeit. Laura küßte seinen vorstehenden Bauchnabel und beschloß, wieder zur Sache zu kommen. Sie ging nackt zum Fenster, ohne sich um den Mann mittleren Alters zu kümmern, der an einem Fenster des gegenüberliegenden Hauses stand und Stielaugen machte. Gleich am Montag mußte sie Gardinen kaufen. Eine Möwe kreischte auf dem Hof, als Laura die offene Tasche vom Fensterbrett nahm und dem Spanner ihren nackten Hintern zukehrte. Sie zeigte ihm über die Schulter den Mittelfinger, beugte sich aber doch nicht vor, obwohl die Versuchung groß war.

»Glaub mir, Sami. Der Mann ist ein Krimineller. Wer sonst trägt fünfzigtausend Euro in seiner Tasche mit sich herum? Ein Diplomat ist das nicht. Heutzutage kann sich jeder vornehme Visitenkarten drucken lassen, beispielsweise im Automaten auf dem Bahnhof. Wir müssen die Polizei anrufen.«

Sami Rossi antwortete nicht, er griff nach Lauras Knöchel und versuchte mit einem wilden Lachen seine Frau zu sich auf die Matratze zu ziehen, bekam aber als Lohn einen kräftigen Tritt gegen den Unterarm und fluchte laut.

Laura blätterte noch einmal die deutschsprachigen Unterlagen durch, die sich in der Tasche befanden. Es waren politische Berichte über die Europäische Union und die finnische Regierung. Mit ihrem Schuldeutsch konnte sie darin nichts Umwerfendes entdecken. Waren es geheime Unterlagen? Oder schmutziges Geld? Mehr war nicht in der Tasche, nur die Papiere und die ordentlich gebündelten Euros. Laura hatte Angst, Sami könnte in irgend etwas Ungesetzliches hineingezogen werden, ihr Mann war viel zu gutgläubig.

»Und wenn der Kerl gestorben ist? Das Geld in der Tasche reicht für die ganze Renovierung, und wir könnten auch einen Teil des Wohnungskredits abzahlen.« Rossi versuchte seine Frau zu überzeugen. »Wir behalten den ganzen Jackpot. Was man als junger Mensch klaut, das gehört einem im Alter.«

»Dieses Geld gehört uns nicht«, Lauras Stimme wurde lauter. »Wir müssen es zurückgeben.«

»Die Hälfte gehört uns. Der Mann hat es mir versprochen, wenn ich seine Tasche aufbewahre.«

»Jaja, dann rufen wir wenigstens im Krankenhaus an und fragen, ob es dem Mann gutgeht«, erwiderte Laura verärgert.

»Das sagen sie ja wohl nur den nächsten Verwandten. Außerdem hat der Typ mich gebeten, die auf das karierte Papier gekritzelte Nummer anzurufen, wenn er nichts von sich hören läßt.« Rossi hatte die Streiterei satt, er konnte sich nie gegen Laura durchsetzen. Manchmal ärgerte ihn das, obgleich er Lauras Intelligenz andererseits schätzte. Er war auch nicht dumm, eine Begabung konnte sich eben in vielen verschiedenen Formen zeigen. Muhammed Ali hatte in der Schule auch nicht mit guten Noten geglänzt und sich seinerzeit trotzdem intelligentere Kampftaktiken ausgedacht als irgendein anderer in der Geschichte des Boxens. Sami Rossi marschierte ins Bad, stopfte seine Joggingsachen, die auf der Badewanne hingen, in die Waschmaschine und schlug vor dem Spiegel ein paar Geraden und Haken. Er hatte sein Pulver trocken gehalten.

Laura mußte lachen. Sami verhielt sich beim Streiten wie ein kleines Kind. Wahrscheinlich war es das, worin sich Frauen verliebten: die Unbeholfenheit der Männer. Sami hatte etwas kindlich Naives. Er feuerte voller Begeisterung die finnische Eishockeymannschaft an, kannte die Hälfte der Dialoge im »Unbekannten Soldaten« auswendig und dachte, wenn jemand in TV-Quizsendungen gewann, müsse er außergewöhnlich intelligent sein. Vielleicht war Sami auch einfach nur ein typischer Mann – ein großes Kind. Der Gedanke amüsierte Laura. Ob groß oder klein, sie vergötterte Kinder. Deswegen war sie auch Unterstufenlehrerin geworden.

Laura zog Shorts und ein Baumwolltop an, schwenkte die Rastalocken aus dem Gesicht und ging zur Tür ihres künftigen Arbeitszimmers. Es juckte ihr schon in den Fingern, die Arbeiten der zweiten Klasse zu korrigieren. Ihr Blick fiel auf einen Roman, der auf einem Umzugskarton lag, und sie nahm sich vor, die Bücherkisten als erste auszupacken. In dieses Zimmer würde sie sich zurückziehen, wenn sie die Einsamkeit brauchte. Sie liebte ihre Bücher.

Der Herzanfall und die Tasche des deutschen Diplomaten jedoch beunruhigten Laura. Sie wußte, daß bei Überraschungen die Probleme in der Regel nicht lange auf sich warten ließen. Hätte sie nicht vor Samis Urlaubsende die Renovierung abschließen wollen, dann wäre der ganze Zwischenfall im »Forum« an ihnen vorübergegangen, und sie würden jetzt ihre Zehen in den Päijänne-See tauchen und ihre Lebern in Rotwein. Aber wer konnte so etwas vorher wissen? Die Schulden für die Wohnung bereiteten ihr keine Sorgen, damit würden sie problemlos klarkommen, wenn beide arbeiten gingen. Es war ihr zuwider, immer wieder über finanzielle Dinge zu reden.

Laura beschloß, sich ein Sorbet aus dem Gefrierschrank zu holen. In der Küche erblickte sie an der Tür die Antwort eines Zweitkläßlers, die dieser in einer Arbeit auf die Frage »Was gehört zum peripheren Nervensystem?« gegeben hatte: »Haut und Haar.« Sie lächelte, änderte ihre Meinung, was das Eis anging, und kehrte ins Schlafzimmer zurück.

Laura ließ sich auf die Matratze fallen und hörte den städtischen Sommergeräuschen zu, die durch das offene Fenster hereindrangen. Sie strich über ihre Locken und dachte nach. Hatte ihr Sami alles erzählt, was im »Forum« geschehen war? Sie fürchtete, er könnte eine Dummheit begangen haben. Sami war nicht gerade sehr gesprächig, man mußte jedes Wort mit der Kneifzange aus ihm herausziehen. Allerdings hatte auch Laura ihrem Mann nicht alles erzählt. Sie verbarg ein Geheimnis, genaugenommen sogar zwei. Kein einziger Mensch war absolut ehrlich.

Die schrille Klingel an der Tür hallte in der leeren Wohnung wider. Die werden doch wohl nicht schon die Fernsehgebühren eintreiben wollen, dachte Laura. Sie stand auf und räkelte sich genußvoll, doch Sami kam schon aus dem Bad gepoltert. »Ich mache auf!« rief er, seine Stimme übertönte das Brummen der Waschmaschine.

Rossi zog sich Trainingshosen an, schlüpfte in ein T-Shirt und rannte zur Tür. Er wußte sofort, daß irgend etwas nicht stimmte, als er die ernste Miene eines Mannes mit Schlips und Kragen sah. Hinter ihm stand das zweite Ebenbild eines Beamten.

»Sami Rossi?« fragte der Mann und erhielt als Antwort ein Nicken.

»Wachtmeister Kari Arponen von der Kriminalpolizei in Helsinki.« Der Mann hielt ihm seinen Dienstausweis hin. »Ich muß Sie bitten mitzukommen, es betrifft den Tod von Dietmar Berninger.«

Rossi versuchte gar nicht erst, den Überraschten zu spielen, die Polizei hatte bestimmt die Leiche des Deutschen im Aufzug gefunden. Aber woher wußten sie, daß er selbst dort gewesen war? Sollte das bedeuten, daß er sich von dem Geld verabschieden mußte? »War es Herzversagen?« fragte Rossi.

»Über die Einzelheiten wird in Pasila geredet«, sagte der Polizist und legte nach: »Sie werden verhört, weil Sie unter dem Verdacht stehen, ein Verbrechen begangen zu haben.«

Ein Lächeln huschte über Rossis Gesicht, ehe ihm klar wurde, daß der Wachtmeister nicht scherzte. »Was für ein Verbrechen?«

»Totschlag oder Mord. Ziehen Sie sich an und packen Sie eine Zahnbürste ein und was sonst noch nötig ist«, sagte der Polizist ungeduldig.

Die Männer starrten sich einen Augenblick an, nur Rossis heftiges Atmen störte die Stille. Er versuchte seine Gedanken in Worte zu fassen, aber ihm schwirrten nur ständig die Begriffe »Totschlag oder Mord« durch den Kopf. Wie konnte die Polizei nur so einen schwerwiegenden Irrtum begehen. »Ich habe doch nicht …«

»Darüber wird dann beim Verhör zu reden sein. Sie haben genau eine Minute Zeit, danach müssen wir Gewalt anwenden«, schnauzte der Wachtmeister ihn an und erreichte damit, daß Rossi sich in Bewegung setzte.

Laura trat mit blassem Gesicht vor den Polizisten. Sie wollte das Gesicht des Mannes sehen. Das mußte ein Scherz sein, den Klasu und Sami organisiert hatten. Die Wahrheit wurde ihr allerdings sofort klar, als sie den wütenden Gesichtsausdruck des Polizisten sah. Sie wandte sich an den Beamten: »Dieser Diplomat hatte einen Herzanfall. Mein Mann hat nichts getan.«

Dem Wachtmeister schien es unangenehm zu sein. »Gute Frau, bleiben Sie mal ganz ruhig. Alles wird sich beizeiten klären. Wir werden natürlich auch Sie anhören«, sagte er väterlich.

Laura war nahe daran, dem überheblichen Polizisten ein paar passende Worte an den Kopf zu werfen, aber Sami tauchte an der Tür auf und sagte, er sei soweit. Als sie sich küßten, spürte Laura, daß er Angst hatte. Keiner von beiden wollte loslassen.

Die Tür fiel ins Schloß, und Laura sank zu Boden und lehnte sich an die Wand. Aus irgendeinem Grund konnte sie nur noch eins denken: Sie hatte gerade ihren Mann verloren.

4

Arto Ratamo hing über der Reling des Bootes und zerrte mit zusammengebissenen Zähnen ein Hanfseil aus dem Meer. Er ächzte und fluchte zischend, Schweiß lief ihm in die Augen, und die wundgescheuerten Handflächen brannten. Rund um die lodernden Flammen des riesigen Mittsommerfeuers glänzte die glatte Meeresoberfläche, die Hitze versengte Ratamos Gesicht. Hundert Meter entfernt am Ufer lärmten und tanzten ein paar Dutzend Menschen im Rhythmus eines äußerst unmusikalischen oder betrunkenen Orchesters. Zum erstenmal hörte Ratamo den Tango Pelargonia als alten finnischen Foxtrott.

Während sich Ratamo auf der einen Seite mit dem Seil abplagte, lehnten sich zwei betrunken vor sich hin brummende Gestalten gegen die gegenüberliegende Seite des schwankenden Ruderbootes, um zu verhindern, daß der Kahn Wasser schluckte. Der zwei Meter große Timo Aalto preßte seine Füße gegen Ratamos Knöchel, damit der nicht ins Wasser plumpste. Lapa Väisälä bewegte seine Hände wie der Schlagzeuger eines Orchesters; abwechselnd pichelte er aus einer Flasche Bier und einer mit Weinbrandverschnitt. Das Trio versuchte eine Betonplatte vom Meeresgrund hochzuheben, mit der das auf Pontons errichtete Mittsommerfeuer verankert war, das etwa zehn Meter entfernt loderte. Keiner von ihnen wußte, wem das Feuer gehörte, das sie stehlen wollten, sie wußten nur, daß sie auf dem Weg von Lapa Väisäläs Sommerhütte in Rymättylä nach Naantali waren, um dort Frauen aufzureißen.

Die drei Saufkumpane hielten den Diebstahl des Mittsommerfeuers für eine glänzende Idee, doch die Leute, die am Ufer feierten, waren da ganz anderer Meinung. Es dauerte nicht lange, und zwei Boote voller aufgebrachter Männer, die sich heftig in die Riemen legten und laut fluchten, ruderten zu den Feuerdieben hin. Zu deren Glück waren auch ihre Verfolger schon in einem sehr angeheiterten Zustand, ihre Boote drehten sich also mal in diese und mal in jene Richtung.

Ratamo sah die Umrisse der Betonplatte zwei, drei Meter unter der Wasseroberfläche. Die Flammen des Feuers beleuchteten die Bühne des Sabotageakts wie ein Scheinwerfer. Sein vom Schnaps betäubtes Gehirn versuchte ihm mitzuteilen, daß er nie und nimmer fähig sein würde, den schweren Brocken aus dem Wasser zu heben, der mußte ein paar hundert Kilo wiegen. Und außerdem kamen die Männer, die etwas gegen den üblen Scherz hatten, immer näher, trotz unsicherer Ruderschläge, die sie aber dennoch vorwärts brachten. Nach dem klatschenden Geräusch ganz in der Nähe zu urteilen, waren sie schon auf Wurfweite heran. Die Betonplatte schaukelte noch einen Meter von Ratamo entfernt, als das Boot Wasser schluckte.

Timo Aalto verlor als erster die Nerven. »Laß es sein, Aatsi. Wir schaffen es nicht mehr rechtzeitig, das Feuer wegzuschleppen.«

Ratamo schaute kurz über die Schulter zu seinem Jugendfreund. Soweit er das alles noch begreifen konnte, hatte Himoaalto1 recht, und der ganze Witz bekam auch schon einen schalen Geschmack. Ratamo ließ das Seil los, das er sich um sein Handgelenk gewunden hatte. Die Betonplatte tauchte wieder hinab auf den Meeresgrund, das Seil verhakte sich aber an Ratamos Armbanduhr, und er stürzte ins Wasser wie eine hungrige Seeschwalbe.

Väisälä sprang auf, stand schwankend im Bug des wackligen Bootes und setzte zum Sprung an, man konnte denken, er wollte wie Superman als Lebensretter in die Geschichte eingehen.

Himoaalto zog Väisälä auf den Sitz zurück, rutschte an den Bootsrand und wollte sich gerade über Bord schwingen, als Ratamos Kopf an der Oberfläche auftauchte. Der Freund prustete und hustete sich das Meerwasser aus den Lungen.

»Gottverdammich, ich wäre beinah ertrunken.«

»He! Gleich wird euch Kerlen das Fell gegerbt, bis ihr grün und blau seid!« brüllte der Mann im Bug des Bootes, das sich den Feuerdieben schon bis auf wenige Meter genähert hatte. Im selben Augenblick klatschte irgend etwas Feuchtes und Klebriges, das widerlich roch, in Väisäläs Gesicht. Nach dem Gestank zu urteilen, war der halbverfaulte Barsch seine letzten Runden irgendwann vor hundert Jahren geschwommen.

»Die kriegen uns ja gleich«, rief Himoaalto.

»Die kriegen nicht mal die Tür zu«, stammelte Ratamo, der sich mühsam wieder ins Boot gehievt hatte.

Väisälä startete den Johnsson-Motor mit seinen fünf PS und gab Gas. Das Boot mit den Männern, die sie am liebsten gelyncht hätten, war nur noch ein paar Armlängen entfernt. Um ein Haar hätte der Mann im Bug mit seinem Bootshaken das Heck ihres hölzernen Kahnes erreicht.

Die Leistung des kleinen Außenbordmotors reichte mit Müh und Not aus, um die drei großen, schweren Männer so weit weg zu bringen, daß sie außerhalb der Reichweite ihrer Verfolger waren. »Der beschleunigt ja wie ein Bücherregal!« schimpfte Ratamo.

Die Verwünschungen flogen ihnen auf der glatten Wasseroberfläche noch eine ganze Weile hinterher, die letzten Flüche blieben erst auf der Strecke, als sich das Boot der verhinderten Feuerdiebe durch eine enge Wasserstraße zwischen zwei Inseln schlängelte und auf die offene See hinausfuhr.

Der Motor schluckte Benzin, während das stark alkoholisierte und von dem Zwischenfall erschöpfte Trio stumm Flaschen unterschiedlicher Form und Größe herumgehen ließ. Nur die wie Glühwürmchen leuchtenden Mittsommerfeuer und die Lichter der Ferienhütten unterbrachen das einheitliche Bild der zerklüfteten Ufersilhouette.

»Ermittler der Sicherheitspolizei beim Diebstahl eines Mittsommerfeuers ertrunken. Die Behörden untersuchen den Fall«, witzelte Väisälä.

»Lapa, wo sind wir eigentlich?« fragte Himoaalto.

»Wir werden natürlich … über kurz oder lang in Naantali landen.«

Ratamo nahm dann und wann einen kräftigen Schluck aus einer Calvados-Flasche und steckte sich ab und zu einen neuen Priem unter die Oberlippe. Er sah aus wie eine Wühlmaus mit Ziegenpeter.

Die drei hielten zweimal entgegenkommende Boote an, um nach dem Weg zu fragen, hatten die genauen und komplizierten Anweisungen aber spätestens nach der nächsten Biegung wieder vergessen. Manchmal sah die Bootsbesatzung nur noch die dunkle offene See vor sich und änderte den Kurs um hundertachtzig Grad. Nachdem sie eine halbe Stunde ziellos durch die Gegend getuckert waren, zweimal ein Fischernetz aus dem Propeller entfernt und ein Puukko-Messer im Meer verloren hatten, dämmerte ihnen allmählich die Wahrheit.

Himoaalto wurde es als erstem klar: »Wir sind hier schon mal langgefahren.«

»Mindestens zweimal«, bestätigte Ratamo. »Dieser Kumpel da hat denselben Baum vorhin auch schon festgehalten«, sagte er und wies auf einen Mann, der sich am Ufer unterhalb einer Sommerhütte übergab. »Alkohol genießt man in der anderen Richtung, die Kehle abwärts!« brüllte Ratamo zur Freude seiner Kumpane hinüber.

»Diese Klippen und Inseln kann nicht mal der Teufel auseinanderhalten. Man fährt ja hier auch selten im Dunkeln«, klagte Väisälä niedergeschlagen. Beim Aufbruch hatte er noch angegeben, er würde in den Schären sogar eine Gummiente finden.

Plötzlich richtete sich Lapa auf und spitzte die Ohren, im selben Augenblick hustete der Außenbordmotor zweimal, knurrte wie ein Hund und ging aus. Väisälä zerrte ein dutzendmal vergeblich an der Reißleine und brach dann in schallendes Gelächter aus.

Ratamo hatte allmählich genug. »Na gut, Lapa. Dann fang mal an zu rudern. Dein Name verpflichtet.«2

Der Ruderstil Väisäläs und sein Rhythmus waren meilenweit von jedem olympischen Niveau entfernt. Das Boot durchpflügte das Wasser, fuhr aber nicht geradeaus, sondern weite S-förmige Kurven wie ein schlechter Slalomläufer. Dennoch beschwerte sich niemand, denn das hätte sofort einen Wechsel an den Rudern bedeutet. Ratamos pitschnasse Sachen trockneten nicht, obwohl die Nacht mild war; er fröstelte im Seewind.

Ein paar Minuten später war am Ufer ein Lichtschein zu sehen, Lapa beschleunigte das Tempo. Der unerschütterliche Optimismus der Betrunkenen kehrte auf der Stelle zurück, das Trio glaubte, nun wären es nur noch ein paar Minuten Fußweg bis nach Naantali, wo Restaurants und Frauen auf sie warteten.

Sie gingen an Land, vertäuten ihren Kahn am Bootssteg und betraten siegesgewiß den sandigen Hof, wo sie allerdings feststellen mußten, daß der Kiosk geschlossen hatte. Weit und breit war keine Menschenseele zu entdecken.

Das nächste Mißgeschick widerfuhr den dreien, als sie bemerkten, daß keines ihrer Handys eine Netzverbindung bekam. Ratamo hatte nun endgültig die Nase voll. »Hat irgendeiner Münzen?« fragte er verdrossen.

Die drei Männer suchten eine Weile andächtig in ihren Hosentaschen. Doch die Kollekte erbrachte nur eine Fünf-Cent-Münze und einen Knopf von Himoaaltos Hosenstall.

Ratamo schnaufte verärgert und zwängte sich in die Telefonzelle. Ohne Geld konnte man nur eine Nummer anrufen. Mit unsicheren Fingern wählte er die Eins, Eins, Zwei. Jetzt mußte er sich zusammenreißen.

»Notrufzentrale!« Die laute Frauenstimme im Hörer klang so energisch, daß Ratamos in Calvados mariniertes Hirn vollends erstarrte.

»Das ist eigentlich kein … Notfall … Aber ich bin Polizist … oder, äh, also wir haben uns nämlich auf dem Meer verfahren. Das Benzin ist zu Ende. Ich rufe an, weil wir einen Knopf … also, weil hier keiner Münzen hat … Wäre es irgendwie möglich, daß du uns ein Taxi bestellst?«

5

Die Kugel schlug im Hals des Mannes ein, die nächste traf die Wange und die letzte den Brustkorb. Dann verstummte die Waffe, das Geräusch der Schüsse hing noch in der Luft, und es roch nach Pulver.

Erik Wrede fluchte. Der zweite Mann in der Sicherheitspolizei setzte den Gehörschutz ab, schob die Schutzbrille auf die Stirn und kontrollierte verärgert seine Dienstwaffe, eine Pistole der Marke Glock-17. Er hatte auf den Kopf des Pappkameraden gezielt, doch von zehn Kugeln trafen nur sechs das Ziel. Das war nicht gerade schmeichelhaft für einen Mann, der mindestens einmal in der Woche mit der Pistole trainierte.

Die Stahltür des unterirdischen Schießstandes im Hauptgebäude der SUPO fiel krachend ins Schloß, und ein kahlköpfiger Gewichthebertyp winkte dem Schützen zu. »Schieß dir nicht ins Bein, Schotte!« rief Risto Ojala, der Chef der Abteilung für Gewaltverbrechen der Kriminalpolizei, seinem alten Studienkollegen zu. Den Spitznamen verdankte Wrede seinem roten Haarschopf und den vielen Sommersprossen im Gesicht.

Wredes Miene verriet, daß er diesen Namen immer noch nicht mochte, obwohl seit der Zeit auf der Polizeischule schon fast zwanzig Jahre vergangen waren. »Du wolltest doch erst um neun kommen.«

Die beiden tauschten Neuigkeiten aus, seit ihrem letzten Treffen waren Monate vergangen. Schließlich kam Ojala zur Sache. »Wie ich schon am Telefon gesagt habe, wurde gestern im ›Forum‹, in einem Aufzug, ein Diplomat der deutschen Botschaft in Helsinki, der Gesandte Dietmar Berninger, ermordet. Die Speiseröhre war zerschmettert und das Genick gebrochen.«

»Gibt es Verdächtige?« fragte Wrede.

»Nein, aber der Mörder heißt Sami Rossi. Oder zumindest will uns das jemand glauben machen.« Ojala bemerkte erst jetzt, daß der Schotte seinen ewigen Westover auch im Sommer trug.

Wredes Interesse hielt sich in Grenzen. »Willst du, daß ich kläre, was wir über den Mann wissen?«

»Ich möchte dir den ganzen Fall übergeben. Da ist irgend etwas faul.«

»Oder du willst nur zurück zu deiner Mittsommerfeier«, stichelte Wrede ganz entspannt.

Sein Kollege antwortete nicht. Er wunderte sich über die Veränderungen in Wredes Verhalten. Zu Zeiten der Polizeischule galt der Schotte als echter Spaßvogel. Nach seinem Einstieg bei der SUPO war er über Jahre ein Nörgler und Pedant der allerschlimmsten Sorte gewesen, doch in der letzten Zeit verhielt sich Wrede wieder ganz locker.

Ojala berichtete kurz, was sich bei den Untersuchungen am Tatort bisher ergeben hatte. Er lehnte sich an die nackte Betonwand, strich über sein wuchtiges Kinn und schnupperte den Pulvergeruch. »Irgend jemand hat Rossi eine halbe Stunde nach dem Mord bei uns angezeigt. In den Verhören spielt Rossi ziemlich konsequent den Unschuldigen.«

»Habt ihr im Vorleben oder im Bekanntenkreis von Rossi oder Berninger etwas gefunden?« fragte Wrede und hielt seine Waffe in der Hand wie ein Angler, der das Gewicht seines Fanges abschätzt.

»Noch nicht, aber Rossis Frau wird gerade verhört, und das BKA sammelt Informationen über Berninger. Ich habe mit dem deutschen Botschafter gesprochen, er wußte jedoch nicht sehr viel über Berningers Privatleben.« Ojalas kräftige Stimme hallte von den nackten Betonwänden des Schießstandes wider.

Wrede fuhr mit der Hand in seine rote Mähne und kratzte sich am Kopf, sein Gesichtsausdruck wirkte konzentriert. »Und Rossis Denunziant – konntet ihr das Gespräch zurückverfolgen?«

Ojala nickte. »Eine Telefonzelle draußen in den Neubaugebieten, im Itäkeskus.«

»Anscheinend hat Rossi spontan einen Raubmord begangen. Solche Leute legen selten in den ersten Verhören ein Geständnis ab. Die Gelegenheit hat sich ergeben, und da wollte der Kerl sie eben nutzen«, sagte Wrede selbstsicher.

»Nun sei mal nicht voreilig«, bremste Ojala. »Die Geschichte geht ja noch weiter. Die Bilder der Kamera, die Berningers Fahrt im Lift aufgezeichnet hat, wurden in der Überwachungszentrale des ›Forum‹ gelöscht, und der Wachmann, der am Zentralcomputer Dienst hatte, behauptet, er wisse von der ganzen Sache nichts.«

»Rossi hat also einen Komplizen. Die Kamera im Aufzug und die Computer im ›Forum‹ müssen untersucht werden«, sagte Wrede wie zu sich selbst. Auf seiner sommersprossigen Stirn tauchten Falten auf.

Ojala schüttelte den Kopf. »Die Männer müssen Berningers Weg im voraus gekannt und den Aufzug absichtlich als Tatort gewählt haben. Warum zum Teufel wollte jemand Berninger live vor laufender Kamera ermorden? Das ergibt keinen Sinn. Wenn das einfach nur ein Taschenraub wäre, dann hätte man den nicht im ›Forum‹ begangen, sondern weit weg von der Menschenmenge und den Überwachungskameras. Alles weist darauf hin, daß die Tat von einem Profi geplant wurde, und Sami Rossi ist alles andere als ein Profi.«

»Auch die einfachste Erklärung kann sich zuweilen als richtig erweisen«, entgegnete Wrede in offiziellem Tonfall, obgleich er die Meinung seines Kollegen schätzte. Ojalas Karriereleiter führte fast genauso steil nach oben wie seine eigene. »Nun sage endlich, worauf du hinauswillst.«

In aller Ruhe zog sich Ojala einen Metallstuhl heran, der an der Wand stand, und setzte sich. »Die von Berninger geleitete politische Abteilung berichtet dem deutschen Außenministerium und der Bundesregierung über die finnische Innen- und Außenpolitik, und Berninger unterhielt selbst eifrig Kontakte zu finnischen Ministern und Abgeordneten.« Die Ermittlungen in diesem Fall seien Sache der Sicherheitspolizei.

Wrede mußte zugeben, daß es so aussah, als wäre das ein spezieller Fall. Das sagte er jedoch nicht laut. »Hast du mit deinen Vorgesetzten gesprochen? Wollen die auch, daß die SUPO den Fall übernimmt?«

»Ja, alle. Auch Kesämäki war der Meinung.«

»Das hättest du doch gleich sagen können.« Wrede zögerte nun nicht mehr. »Ist Rossi schon verhaftet?«

»Noch nicht. Aber am Mittsommertag muß man den diensthabenden Haftrichter sicher rechtzeitig anrufen«, erwiderte Ojala und ahmte die Bewegung beim Trinken aus der Flasche nach, verzog sein Gesicht scherzhaft zu einem Grinsen und reichte dem Schotten einen Stapel Unterlagen. »Hier ist das gesamte Ermittlungsmaterial. Das Personenprofil von Sami Rossi ist fertig, aber auf die Informationen über Berninger aus Deutschland warten wir noch. Man muß korrekt vorgehen, der Mann war Diplomat.«

Wrede versprach, die Sache in die Hand zu nehmen, und verabschiedete sich von Ojala. Dann reinigte er hastig seine Pistole, brachte sie zurück in das Waffenmagazin und ging zu den Aufzügen. Seine Schritte hallten in dem unterirdischen Gang wider, in dem gähnende Leere herrschte; am Morgen des Mittsommertages arbeitete in der Ratakatu 12 nur eine Minimalbesetzung.

Im dritten Stock holte sich Wrede aus der Kochnische Kaffee und breitete die Unterlagen, die er von Ojala erhalten hatte, auf seinem Schreibtisch aus. Das schwache Lüftchen, das durch die Fenster hereinwehte, konnte die schwüle Hitze kaum mildern. Es würde ein heißer Tag werden, dachte Wrede.

Der Wunsch Kesämäkis, des Leiters der Polizeiabteilung im Ministerium, war ihm Befehl. Zumindest so lange, bis man ihn, Wrede, in einer Woche zum künftigen Chef der SUPO ernannt hätte, zum Nachfolger von Polizeirat Jussi Ketonen. Nun endlich hatte Ketonen bekanntgegeben, er werde Ende des nächsten Sommers in Rente gehen. Daraufhin hatte Wrede alle seine Bekannten angespitzt, auf Flüsterparolen geachtet und sämtliche Buschfunkstationen vom südlichsten bis zum nördlichsten Zipfel Finnlands eingeschaltet, um die Gerüchte über die bevorstehende Entscheidung der Präsidentin in Erfahrung zu bringen und auszuwerten. Trotz der katastrophalen Ergebnisse bei den Ermittlungen im Fall Rusi schien seine Ernennung sicher. Das war auch richtig so, schließlich hatte er in den letzten Jahren als Leiter der operativen Abteilung und als Stellvertreter des Chefs rund um die Uhr geschuftet. Jetzt war es an der Zeit, daß er die nächste Sprosse auf der Karriereleiter erklimmen konnte.

Der Fernseher knackte, und der Bildschirm leuchtete auf. Wrede wollte immer auf dem laufenden bleiben. Plötzlich hörte er das Wort »Finnland« und sah den CNN-Reporter in der hellen Nacht des Nordens vor einem gewaltigen Mittsommerfeuer stehen. Da stieg die Wut in ihm hoch. Für einen Augenblick hatte er ganz vergessen, warum er den Mittsommertag auf Arbeit verbrachte. Daran war seine Frau schuld. Er haßte es, wie der Schwager ständig mit seinem Geld protzte, dennoch hatte Aino ihren Bruder zum Wochenende in ihr Sommerhaus eingeladen. Und dabei hatte Wrede sich doch extra für die Mittsommersteaks ein geschmiedetes Arcos-Bratenmesser gekauft und so seine Messersammlung erweitert. Er schaute hinaus und sah, daß die Luft vor Wärme flimmerte. Eine Schweißperle rollte ihm auf die Stirn, er schwitzte in seinem Westover. Es dauerte einen Augenblick, bis er sich wieder beruhigt hatte.

Papier raschelte, als Wrede das Personenprofil Rossis aus dem Stapel heraussuchte. Der Mann war im Oktober 1970 in Kerava geboren worden, hatte das Gymnasium in Malmi besucht, in Tuusula, im Helsinkier Luftabwehrregiment, gedient und ein Jahr an der Kaufmännischen Handelsschule gelernt. Rossis Mutter starb 1988 an Krebs und der Vater vor einem Jahr an einem Infarkt. Seine Ehefrau Laura arbeitete in Lauttasaari als Unterstufenlehrerin. Der Mann war nicht vorbestraft, und in seiner Vergangenheit fanden sich auch sonst keine dunklen Flecken. Es gab jedoch ein paar interessante Punkte: Sami Rossi war jahrelang in den Wintersportzentren der Alpen als Skilehrer herumgezogen und hatte in jungen Jahren in Tapanila im Club Erä geboxt. Außerdem befand sich in seiner Wohnung eine außergewöhnlich umfangreiche Sammlung von Gewalt- und Kriegsvideos. Rossi bewunderte also die Gewalt und verstand es auch, sie anzuwenden, überlegte Wrede. Der Mann wäre fähig, Berninger zusammenzuschlagen und umzubringen.

Der Mord an dem Diplomaten ließ die Phantasie blühen. Wer weiß, was alles dahintersteckte: Industriespionage, Erpressung, ein politischer Skandal … Der schnelle und erfolgreiche Abschluß eines großen Falles würde den Wert seiner Aktien bei der Präsidentin weiter steigen lassen, kalkulierte Wrede. Wem sollte er den Fall übertragen? Selbst würde er die Ermittlungen nicht führen, da sich doch noch herausstellen könnte, daß es bei dem Verbrechen um einen reinen Raubmord ging. Der Fall oblag der Sicherheitsabteilung der SUPO, sie war für die Abwehr aller Handlungen zuständig, die eine Gefährdung der internationalen Beziehungen Finnlands darstellten. Doch der Chef der Sicherheitsabteilung, Risto Tissari, machte in seiner Sommerhütte in Puumala Urlaub, und auch die erfahrensten Ermittler der Abteilung hatten am Mittsommerwochenende frei.

Dienst hatte an diesem Wochenende Saara Lukkari, aber sie brauchte jemanden an ihrer Seite, der den Ton angab. Die junge Ermittlerin war der erste Neuzugang, den Wrede einstellen durfte, ohne Ketonens Segen einholen zu müssen. Die Frau konnte sich Autoritäten in angemessener Weise unterordnen, ganz anders als Arto Ratamo.

Das brachte Wrede auf eine glänzende Idee. Er würde den Fall Ratamo übergeben. Vielleicht brannte dem endgültig die Sicherung durch, wenn sich die Ermittlungen hinzogen und sein Sommerurlaub verschoben wurde. Ratamos Nerven mußten eigentlich jetzt schon aufs äußerste gespannt sein. Der Mann hatte den ganzen letzten Winter neben seiner Arbeit für die Prüfung zum gehobenen Polizeidienst geackert. Und dann war kürzlich auch noch seine Lebensgefährtin Riitta Kuurma nach Holland verschwunden, weil sie bei Europol angeheuert hatte. Sie war der erste von Ketonens Schützlingen, den Wrede erfolgreich aus der SUPO weggeekelt hatte. Arto Ratamo würde der zweite sein. Früher oder später.

Auf einmal hörte Wrede das Wort »Kriegsgefahr« und heftete seinen Blick auf den Bildschirm. »Die Situation im Nahen Osten hat sich weiter verschärft, nachdem Israel und seine arabischen Nachbarn … Die Gefahr eines ausgedehnten Krieges …« Mit todernster Stimme berichtete der CNN-Reporter über die ewige Krise.

6

Die Mücke hatte sich mit Blut vollgepumpt und zog gerade ihren Rüssel aus der Haut, als Arto Ratamo sich an die Stirn klatschte und so das irdische Dasein des Insekts beendete. Durch ein Loch in der Gardine des einzigen Fensters der kleinen Blockhütte drang ein Lichtstrahl herein und traf ein Auge Ratamos, der leise knurrte. Vermutlich war es schon spät am Tag. Das Bett unter ihm schien zu schwanken, und ihm fiel ihr Abenteuer auf dem Meer ein. Hoffentlich waren ihnen in Naantali keine Bekannten über den Weg gelaufen, er konnte sich nicht einmal schemenhaft daran erinnern, was sie in den frühen Morgenstunden getrieben hatten.

Sein Mund war trocken wie eine politische Debatte im Fernsehen, und sein Kopf fühlte sich an wie ein zu stramm aufgepumpter Fußball. Zum Glück hatte man ja für den Fall Vorkehrungen getroffen. Ratamo richtete sich auf, holte aus der Hosentasche seiner Jeans Schmerztabletten und angelte sich aus dem Flaschenmeer auf dem Tisch eine Jaffa. Dann steckte er sich drei Disperin in den Mund, fluchte, als er den Wodka in der Limonade schmeckte, spuckte das eklige Zeug in die Flasche zurück und griff nach der Wasserkanne.

Ratamo ließ sich wieder aufs Bett fallen, am liebsten hätte er laut gejammert.

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