Logo weiterlesen.de
Finnisches Quartett

Inhaltsübersicht

SONNABEND

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

MONTAG

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

32

33

34

35

36

37

38

39

40

41

42

43

MITTWOCH

44

45

46

47

48

49

50

51

52

53

54

55

56

57

DONNERSTAG

58

FREITAG

59

EPILOG

 

Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn,

daß er nicht dabei zum Ungeheuer wird.

Und wenn du lange in einen Abgrund blickst,

blickt der Abgrund auch in dich hinein.

 

Friedrich Nietzsche

SONNABEND

Maifeiertag

1

Jorge Oliveira riß die Tür des Versorgungseingangs auf, die er vom Alarmsystem abgetrennt hatte. Der Elektronikexperte ging mit glühendem Enthusiasmus zu Werke: Dieser Anschlag würde die Welt verändern. In Den Haag war es genau drei Uhr nachts. Ein Regenguß rauschte in der Dunkelheit herab, die Tropfen tanzten auf dem Asphalt, als das Terroristentrio in schwarzen Kevlar-Overalls und Gesichtsmasken die Zentrale betrat. Das Schwierigste stand ihnen noch bevor.

In dem dunklen Flur leuchteten hier und da rote Punkte. Trotz seiner Fähigkeiten vermochte auch Oliveira die Bewegungsmelder nicht auszuschalten, aber mit einer präzisen Choreographie konnte man ihre leblosen, rot glühenden Augen umgehen. Lasse Nordman, Jorge Oliveira und Ulrike Berger bewegten sich in dem stockfinsteren Flur wie Meister des modernen Tanzes: erst auf dem Bauch, dann an die Wand gedrückt und schließlich in der Hocke.

Lasse Nordman, der voranging, blieb stehen, um ruhig durchzuatmen. Er sah in dem stockfinsteren Flur keinen einzigen Lichtschimmer. Sein Mund war ausgetrocknet. Er ging seitwärts weiter, den Rücken an der Wand, plötzlich stieß er mit der Armbanduhr irgendwo an; es krachte, und dann fiel etwas zu Boden. Ihm stockte der Atem, und sein Puls raste. Eine Sekunde verging, eine zweite – kein Alarm. Wütend biß Nordman die Zähne zusammen: Sie hatten diese Bewegungen Dutzende Male geübt, aber gegen den Zufall war man nie gefeit.

Dann endlich erreichten die Ökoterroristen den Treppenflur. Genau wie die unterirdischen Stockwerke wurde dieser nur mit Kameras überwacht, so daß sie jetzt schneller voran kamen. Sie stiegen hinunter ins zweite Kellergeschoß und rannten dann im Lichtkegel der Taschenlampen die endlosen Flure entlang. Oliveira kannte den Grundriß des Gebäudes auswendig. Die Bilder der Überwachungskameras auf dem Weg, den er gewählt hatte, waren auf den Bildschirmen in der Kontrollzentrale des Gebäudes nicht ununterbrochen zu sehen. Schließlich blieb das Trio vor der gläsernen Schiebetür der EDV-Zentrale von Dutch Oil stehen. Oliveira holte aus seinem Rucksack einen kleinen Palm-Computer, steckte die daran befestigte Keycard in den Kartenleser der Tür und tippte einen Code ein. Mit einem Rauschen öffnete sich die Schiebetür. Ein Alarmsignal war nicht zu hören.

Oliveira stürzte zum Zentralserver der Firma, Ulrike Berger stellte sich neben ihn, und Lasse Nordman blieb an der Tür stehen, um den Flur zu beobachten. Als der Portugiese die Tastatur einige Minuten lang heftig bearbeitet hatte, riß er sich die Maske vom Gesicht. »Ihr könnt die Masken abnehmen, die Überwachungskameras sind ausgeschaltet«, flüsterte er auf englisch. Dann holte er aus der Schenkeltasche seines Overalls eine CD, steckte sie in den Computer und hämmerte auf die Tastatur ein wie ein Pianist kurz vor dem furiosen Finale. Im fahlen Licht des Bildschirms leuchtete er wie ein phosphoreszierendes Gespenst, und der kühle Luftzug aus der Klimaanlage ließ die Haare auf seinen Handrücken zu Berge stehen. Oliveiras Aufgabe bestand darin, die Datensysteme des größten europäischen Ölkonzerns zu zerstören. Wenn ihm das gelang, wäre Dutch Oil völlig lahmgelegt.

Lasse Nordman, der den Flur überwachte, zog die Maske vom Kopf, fuhr sich durch sein blondes, kurzgeschnittenes Haar und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Bisher verlief alles nach Plan. Das mußte auch so sein, schließlich hatte die Zelle ihren Anschlag monatelang vorbereitet. Nordman lächelte, als Ulrike Berger neben ihn trat und tief Luft holte. »Drei Stunden lang warten?« flüsterte Lasse. So viel Zeit blieb ihnen: Um sechs Uhr elf ging die Sonne auf, und gegen sieben Uhr würden die ersten Mitarbeiter im Hauptgebäude von Dutch Oil eintreffen. Ulrike berührte mit den Lippen fast das Ohr ihres Geliebten. »Die neue Weltordnung entsteht nicht innerhalb eines Augenblicks«, sagte sie leise, leckte sein Ohr und machte auf dem Absatz kehrt.

Lasse betrachtete die blonde Österreicherin, die auf ihren Platz an Jorges Seite zurückkehrte. Ulrike wirkte auch jetzt ruhig und entschlossen; in ihrer unerschütterlichen Überzeugung lag etwas Kaltes. Die Tochter eines Pfarrers, die das Studium der internationalen Politik aufgegeben hatte, um sich den Ökoterroristen anzuschließen, wollte voller Enthusiasmus eine gerechtere Welt schaffen.

Für den Finnen war dies der stolzeste Augenblick seines Lebens; er hatte also doch seinen Weg gefunden. Auch er würde seinen Platz in der langen Reihe der Nordman-Männer einnehmen und die Familientradition auf neue Art und neuem Niveau fortsetzen. Das hier war der Beginn der tatsächlichen Veränderung: Final Action würde die Weltordnung erschüttern genau wie die schlimmsten Terroranschläge der letzten Jahre, jedoch auf zivilisierte Weise, ohne Menschenopfer. Ihre Anschläge würden ein solches Klima der Angst schaffen, daß selbst jene Konzerne, die den Erdball am rücksichtslosesten zerstörten, ihre schwerwiegenden Verbrechen freiwillig beenden würden.

»Final Action – zwingt zur Änderung«, Lasse ließ sich den Slogan der Organisation auf der Zunge zergehen; er hatte sich die Losung selbst ausgedacht. In der neuen Weltordnung würde der Kapitalismus akzeptiert, aber gezwungen werden, die Regeln einzuhalten, die Final Action diktierte: Ein beträchtlicher Teil der Gewinne müßte für den Umweltschutz, die Verbesserung der Verhältnisse in den Entwicklungsländern und erneuerbare Energiequellen eingesetzt werden. Die Ausbeutung der Entwicklungsländer und die Zerstörung der Umwelt würden überall eingestellt werden. Wenn die Unternehmen gegen die Regeln verstießen, würden sie zwangsweise zur Räson gebracht werden. Dank den Regeln von Final Action könnte sogar die Globalisierung zu guten Resultaten führen. Für alle. Die Erreichung des Ziels rückte näher. Und das war erst der Anfang.

Jorge Oliveira unterbrach seine Arbeit, ließ die Fingergelenke knacken und dehnte die Hände. »Hier findet man alles: Marketing, Vertrieb, Produktentwicklung, Forschung, die Ölfelder, Produktionsbetriebe, Raffinerien, Kunden … In Kürze wird diese Firma nirgendwo in der Welt mehr Geschäfte machen können, und das für Wochen.«

Die Minuten krochen langsam dahin, aber Ulrike wurde nicht ungeduldig. In ihr perlte die Freude: Sie war dabei, wenn die Aorta im Herzen von Dutch Oil aufgeschnitten wurde; im Herzen eines Unternehmens, das den Lebensraum und die Umwelt der Entwicklungsländer zerstörte und überall in der Welt die natürlichen Ressourcen der Ureinwohner ausbeutete: in den Deltaregionen des Niger, in der russischen Tundra, im Regenwald des Amazonas … Es gab für diesen Anschlag kein besseres Ziel.

»Nur noch ein paar Minuten«, flüsterte Jorge.

Lasse und Ulrike holten aus ihren Rucksäcken Spraydosen, schüttelten sie einen Augenblick und sprühten in meterhohen blutroten Buchstaben an die Wände der EDV-Zentrale: FINAL ACTION. Dann filmte Lasse den Ort des Anschlags mit einem Camcorder, und Ulrike fotografierte mit ihrer Digitalkamera, bis der Speicher voll war.

Urplötzlich gingen die Lichter in der EDV-Zentrale an, die drei Terroristen erstarrten. Alarmsirenen waren jedoch nicht zu hören. Die Computer und die anderen elektrischen Geräte sprangen an, es knackte und rauschte, und dann kam Leben auf die Bildschirme. Auf einem von ihnen tauchte ein Verhandlungstisch auf, an dem Männer in dunklen Anzügen und mit ernster Miene saßen. Wörter strömten aus den Lautsprechern des Computers, jemand redete.

Jorge regulierte die Bildschärfe und die Lautstärke. Die Öko-Aktivisten erkannten den Vorstandsvorsitzenden von Dutch Oil, Jaap van der Waal. Der offensichtlich gutgelaunte dicke Holländer sprach mit ruhiger Stimme und streichelte einen Papillon mit großen Ohren, der auf seinem Schoß lag und gähnte.

Je mehr Versammlungsteilnehmer die drei erkannten, um so mehr wuchs ihr Erstaunen: An dem Tisch, dessen Oberfläche glänzte, saßen in trauter Eintracht die führenden Männer von vier Ölkonzernen, einem britischen, einem französischen, einem russischen und einem amerikanischen.

»Wer zum Teufel hat das auf den Monitor geschaltet?« sagte Jorge verwundert.

»Ist das eine Aufzeichnung?« fragte Ulrike.

Jorge zeigte mit dem Finger auf die Uhrzeit, die unten am Bildrand lief. »Das ist live. Was zum Henker wird da geplant – mitten in der Nacht?«

Lasse schaute unverwandt auf einen kleinen dunkelhaarigen Mann, der schweigend den anderen zuhörte. Das war keiner der Ölkönige, aber Lasse hatte das Gesicht schon irgendwann gesehen. Aber wo?

 

Jaap van der Waal saß im Beratungsraum des Vorstands von Dutch Oil unter einem Ölgemälde von Peter Paul Rubens mit einem biblischen Motiv. Er räusperte sich, und die Konzernchefs verstummten. »Unsere nordirische Assistentin, Fräulein Cash, hat mitgeteilt, daß die Liquidierung der Physiker heute fortgesetzt wird.«

»Der Engel des Zorns fliegt nach Norden«, sagte der Boß des russischen Ölkonzerns mit einem unsicheren Lächeln und starrte auf den Busen der Gräfin, die auf dem Gemälde an der gegenüberliegenden Wand posierte.

»Heute ist ein Finne an der Reihe …«, van der Waal holte einen Zettel aus der Tasche. »… Dr. Elvas.« Er sprach den Namen langsam aus und betonte die letzte Silbe.

Die Beratung der Ölmagnaten wurde unterbrochen, als Pieter, van der Waals Sicherheitschef, laut in sein Sprechfunkgerät fluchte. Dann beugte er sich vor und berichtete seinem Arbeitgeber leise, was geschehen war. Van der Waals Gesicht wurde rot, als er von dem Trio hörte, das in die EDV-Zentrale eingedrungen war und dort gerade die Beratung des Konsortiums auf einem der Monitore verfolgte.

»Wieviel haben sie gehört?« Van der Waals weiche Stimme stieg ins Falsett. Die Mienen seiner einflußreichen Gäste wurden immer angespannter.

Pieter schüttelte den Kopf. »Das läßt sich unmöglich sagen.«

Van der Waal wies mit einer Bewegung zur anderen Seite des Beratungsraums, Pieter folgte seinem Arbeitgeber, der langsam in seinem watschelnden Gang bis ans andere Ende des Raums lief, wo man sie nicht mehr hören konnte. »Niemand darf etwas von dem Konsortium erfahren«, sagte er, und Pieter wußte, was er zu tun hatte.

 

Die Alarmsirenen heulten auf, der Lärm war ohrenbetäubend, auch die restlichen Leuchtstoffröhren gingen flackernd an, und die Glasschiebetüren rauschten zu. Panik befiel die Ökoterroristen. Alle drei wußten, wenn sie erwischt wurden, dann bedeutete das, eine lange Zeit im Knast abzusitzen. Durch ihren Anschlag würden Dutch Oil gewaltige wirtschaftliche Schäden entstehen. Die Überwachungskameras surrten leise und richteten sich auf sie.

»Masken auf!« befahl Lasse. »Jorge, öffne die Schiebetür.« Zwanzig Sekunden später rannten sie schon den unterirdischen Flur entlang; jetzt brauchten sie die Überwachungskameras und die Bewegungsmelder nicht mehr zu beachten.

Durch den Versorgungseingang stürzten die drei hinaus auf den asphaltierten Hinterhof, exakt im selben Augenblick verwandelten sich die Wände des Hauptgebäudes von Dutch Oil in ein Lichtermeer. Sowohl hinter ihnen im Flur als auch vor ihnen auf dem Hof waren Rufe in niederländischer Sprache zu hören. Auf den wenigen Metern bis zu ihrem VW-Transporter wurde das Trio vom strömenden Regen völlig durchnäßt. Lasse gab Gas und lenkte den Wagen auf die Carel-van-Bylandt-Laan, noch bevor die zuletzt eingestiegene Ulrike die Tür schließen konnte.

Die Dunkelheit, der heftige Regen und der schwarze Asphalt verschlangen fast das ganze Licht der Straßenbeleuchtung. Ulrike mußte sich zur Windschutzscheibe vorbeugen und die Augen zusammenkneifen, um zu sehen, was auf den Straßenschildern stand. Lasse wartete nicht auf ihre Anweisungen, er glaubte zu wissen, in welcher Richtung das Naturschutzgebiet von Meijendel und die Küste lagen. Der Transporter raste nach Nordwesten.

»Sie folgen uns«, stieß Ulrike hervor. Sie schaute in den Rückspiegel und fluchte auf deutsch. Dann erkannte sie das erste große Hinweisschild, auf dem »Wassenaar« zu lesen war, die Straße hieß »Benoordenhoutseweg«. Also stimmte die Richtung. Lasse schaltete in einen höheren Gang und trat das Gaspedal bis zum Boden durch.

Ulrikes Angst wuchs, je näher die Verfolger kamen. Der Pkw der Sicherheitsleute beschleunigte und schnitt die Kurven, auf einer Strecke von wenigen Kilometern erreichten die Holländer fast die Stoßstange des Transporters. Der Regen bombardierte die Frontscheibe mit solcher Wucht, daß die Scheibenwischer nichts ausrichten konnten, obwohl sie auf Hochtouren liefen.

Das Licht der Straßenlaternen wurde noch schummriger, als der Transporter das Zentrum von Den Haag hinter sich ließ. Die Straße hatte nun viele Kurven, in denen sich der Wagen bedrohlich neigte. Dann hörte man Schüsse, und die Heckscheibe zerbarst. Der Transporter schwankte hin und her, geriet auf der nassen Fahrbahn ins Rutschen und schlidderte wie ein Bleigewicht auf dem Eis über den feuchten, teflonglatten Asphalt auf den Randstreifen zu.

Der Aufprall brachte alles zum Stehen, nur nicht die Scheibenwischer. Lasse spürte einen brennenden Schmerz in der Brust unter dem Sicherheitsgurt, er hob den Kopf und sah Blut auf der zu einem Mosaik zersprungenen Frontscheibe. Das Genick schmerzte, als er sich nach seinen Gefährten umschaute: Jorge war kaum noch bei Bewußtsein, er ächzte und hielt sich den Arm, aber Ulrike schien zum Glück den Aufprall ohne Verletzungen überstanden zu haben.

»Kannst du dich bewegen?« fragte er Jorge und erhielt als Antwort ein undeutliches Murmeln.

Schon drang das Licht der Autoscheinwerfer ihrer Verfolger in die Fahrerkabine. Lasse gab knurrend ein paar Befehle und sprang hinaus in den Regen. Sein Herz hämmerte. Er ging nach hinten zur Hecktür, holte drei Rucksäcke mit ihrer Ausrüstung heraus und ging wieder nach vorn, um Ulrike zu helfen, die Jorge stützte. Sie besaßen einen kleinen Vorsprung vor ihren Verfolgern, im Naturschutzgebiet von Meijendel war es stockdunkel, der heftige Regen übertönte alle Geräusche, und Lasse Nordman wußte, wie man nachts im Wald untertaucht.

2

»Es bringt der Zornengel Ezrael Männer und Weiber und wirft sie an einen Ort der Finsternis, die Hölle der Männer. Sie stehen bis zur Mitte ihres Leibes in Flammen, und ein Geist des Zornes peitscht sie mit jeglicher Züchtigung …« Der blonde junge Mann sprach voller Genuß die Worte aus der Offenbarung des Petrus vor sich hin, als er den Schauplatz der bevorstehenden RACHE verließ. Nun war alles bereit, er hatte sich jede Einzelheit des Ortes der Rache und der umliegenden Häuserblocks eingeprägt, genau wie die Verstecke und die Überwachungskameras auf dem Fluchtweg. Mit den Innenräumen und dem Grundriß des Gebäudes hatte er sich schon am Vortag vertraut gemacht. Die Kraft wirkte befreiend: Er war Ezrael, der Engel des Zorns, und bald würde er die BESTIE füttern.

Ezrael ging in aller Ruhe durch das Zentrum Helsinkis, ohne darüber verwundert zu sein, warum in einer nordeuropäischen Hauptstadt am Morgen eines warmen und schönen Maifeiertags Dutzende Menschen in zügelloser Trunkenheit durch die Straßen schwankten. Der Geruch der Sünde stieg ihm in die Nase, er war dunkel wie Kloakenschlamm, drang überallhin und begrub alles unter sich. Das Gefühl war fast schwarz, aber doch nicht ganz. Das Schwarz beherrschte alles, selbst die Bestie, es war eine Kraft, die verband und alles Böse in sich aufsaugte.

Auf der Mannerheimintie wurde ihm klar, daß er an seinem Hotel vorbeigelaufen war. Er blieb stehen und zuckte zusammen, als ein junges Mädchen, das aus dem Nichts auftauchte, nach dem Kragen seiner Jacke faßte. »Eh, Alter … haste mal ’ne Zigarette«, stammelte das Mädchen; Schnapsgeruch schlug Ezrael ins Gesicht.

Er erwiderte auf englisch, er sei Tourist, und drückte ihr einen Fünf-Euro-Schein in die Hand, um sie wieder loszuwerden. Dann deutete er kurz sein strahlendes Lächeln an, drehte sich um, ging weiter und bemühte sich, Mitleid für das Kind zu empfinden. »Und weil du gesehen hast die Klage, welche die Sünder treffen wird in den letzten Tagen, darum ist dein Herz betrübt.«

Natürlich hätte er das Mädchen gern gewarnt, aber er durfte nicht. Wenn man sich unter Sündern befand, mußte man sich wie ein Sünder verhalten, die Regeln der Sünder befolgen und so aussehen wie einer von ihnen. Sonst wurde man gefaßt. Also mußte man alle irreführen, das war wegen seines AUFTRAGS notwendig. Und es war so einfach. Er kannte die Welt des Bösen durch und durch, obwohl er schon seit Jahren nicht mehr in ihr lebte. Deswegen fiel es ihm so leicht, seine Rolle unter den Sündern zu spielen. Aber er vergaß niemals auch nur für einen Augenblick, daß die Wahrheit woanders lag.

In seinem Zimmer im Hotel Torni zog sich Ezrael nackt aus und stellte eine kleine Kopie des Freskos »Die Verkündigung an Maria« auf den Schreibtisch. Wie durch einen Zauber verwandelte das auf verwirrende Weise eindrucksvolle Werk Fra Angelicos das Hotelzimmer in jene Mönchszelle des Klosters San Marco in Florenz, an deren Wand der Renaissance-Künstler das Originalfresko vor fast sechshundert Jahren gemalt hatte. Der Engel auf der »Verkündigung an Maria« war so gekonnt und vollkommen dargestellt, daß es anderen Malern nie gelungen war, mehr als nur einen blassen Schimmer seiner auf das Wesentliche reduzierten Schönheit zu erreichen.

Die Flamme der Kerze zögerte, ehe sie richtig aufleuchtete. Ihr Geruch beschwor eine Spur von Weiß herauf, der Farbe des Glaubens, die er einst sehen würde. Vom Glanz der Verklärung träumte er nur, den sahen allein die Erlösten. Der Geruch des Stearins drang in seine Nase, und der Duft einer jahrhundertealten Tradition beruhigte ihn. Der Geruchssinn war das, was in der Welt am meisten unterschätzt wurde. Es war Ezraels stärkste Sinneswahrnehmung, er konnte den Schmerz, die Bedrohung, das Blut riechen. Und den Sieg … Und wenn die Bilder der ERSCHEINUNGEN über ihn herfielen, spürte er auch den schweißigen, von Kohle und Bier gewürzten Geruch des SOLDATEN. Den Geruch des Hasses und des Zorns. Und der Bestie.

Die Bestie, die schon immer in ihm wohnte, lebte vom Haß und war nur im Zaum zu halten, wenn sie Rache üben durfte. Vor langer Zeit, als sich die Bestie noch mit Feuer zufriedengab, hatte er, um sie zu besänftigen, zunächst leerstehende Lagerräume, dann Garagen und Geschäfte und schließlich Wohnhäuser in Brand gesteckt. Aber die Bestie war stärker geworden, bis ihr das Feuer nicht mehr genügte. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel tauchte vor ihm das schmerzverzerrte Gesicht des Mädchens auf, das in der Shankill Road gestorben war; die Welt des Bösen schickte zuweilen Erscheinungen. Die hatte er nicht unter Kontrolle: Es waren Bilder von dem Finger, vom Soldaten, von sechsundsechzigeinhalb Penny …

Die Bestie riß und zerrte an ihm, und die Bilder der Erscheinungen durchliefen ihn heiß, quälend, einladend: die helle Haut des Mädchens, das blitzende Messer, das in das Fleisch eindrang … Ezrael griff nach der Peitsche. Man mußte die Bestie im Zaum halten, ansonsten würde sie sich aus ihm herausfressen, bis sie frei war, und dann konnte sie nichts mehr aufhalten. Er schlug sich kräftig auf den Rücken, ein zweites Mal, Dutzende Male. Die Lederriemen klatschten schmerzhaft auf die Haut, zerrissen sie aber nicht. Die Bestie war schnell gezähmt, sie wußte, daß der nächste Augenblick der Rache unmittelbar bevorstand.

Ezrael ging ins Bad, trat vor den Spiegel und strich sich die schweißnassen strohblonden Haare aus der Stirn. Das runde Gesicht, die großen Augen und die roten Wangen ließen ihn jünger aussehen, als er war. Seine Gesichtszüge waren schön, kindlich und vollendet, das hatte ihm der BOTE einmal vor langer Zeit gesagt. Nach Meinung des Boten sah er aus wie ein Engel. Nur der verkrüppelte Fingerstumpf an der linken Hand erinnerte daran, daß auch er nicht vollkommen war. Auch ihn hatte man auf die Probe gestellt wie Hiob, das war das Schicksal der AUSERWÄHLTEN, »… denn wen der Herr liebt, den züchtigt er; er schlägt mit der Rute jeden Sohn, den er gern hat.«

Der Augenblick der Rache rückte näher, es war an der Zeit, daß er seinen Auftrag noch einmal durchging. Auf dem kleinen Tisch lag ein Buch; die goldgelben Fransen des ausgefaserten Leineneinbands schaukelten, als Ezrael sein Evangelium aufschlug. Seit seiner Kindheit hatte er alle Wunder und OFFENBARUNGEN aufgeschrieben, in der Hoffnung, daß man sein Buch eines Tages als »Ezraels Evangelium« bezeichnen würde. Er nannte es jetzt schon so.

Ezrael hatte immer gewußt, daß er anders, daß er etwas Besonderes war. Bereits vor langer Zeit, schon in der Kindheit, als er noch in der Welt des Bösen lebte, hatte er seine Suche begonnen. Viele endlose, graue Jahre hatte er vergeblich einen Auftrag gesucht, erbeten. Geändert hatte sich alles erst dann, als er zum erstenmal betete, der Soldat solle aufhören, ihn zu schlagen, und der hatte wirklich aufgehört. Danach war ihm der Gottesdienst jeden Sonntag nicht mehr als Zwang erschienen – er hatte einen Verbündeten gefunden.

Ezrael blätterte in seinem Evangelium, bis er bei den abgegriffenen Seiten mit den Eintragungen aus seiner Kindheit anlangte. »Ich bin AUSERWÄHLT worden«, hatte er mit zehn Jahren geschrieben. Die Eintragung stammte aus der Zeit, bevor er den Auftrag erhalten hatte, aus seiner Zeit der Heimsuchung. In deren Verlauf hatte man ihn mit Offenbarungen vorbereitet. Im nachhinein erschien es nur natürlich, daß es drei gewesen waren: Denn auch Jonas verbrachte seinerzeit drei Tage und drei Nächte im Bauch des Wals; der MEISTER sagte, er habe den Tempel innerhalb von drei Tagen neu errichtet, Petrus verleugnete den Meister dreimal, der Allerhöchste ist dreifaltig, die Wiederauferstehung des Meisters geschah am dritten Tag …

Er las die Berichte über seine drei Offenbarungen, als wäre es das erste Mal, obwohl er sogar ihre kleinsten Details auswendig kannte. Die erste Offenbarung hatte er gehabt, nachdem er den mit Ölfarben selbstgemalten Engel »Boten« genannt hatte. Die zweite, nachdem er um eine Offenbarung gebeten hatte, als er die Bibel an einer zufälligen Stelle aufschlug und die ersten Sätze las, die ihm ins Auge fielen: »Siehe, ich sende meinen Boten, daß er mir den Weg bereite.« Die dritte folgte Jahre später, als der Bote selbst zu ihm kam und sagte: »Ich bin der Bote, und du bist Ezrael, der Engel des Zorns.« Da war er vollkommen überzeugt gewesen, daß er nun ein Auserwählter war.

Nur ein Verrückter würde sich einbilden, daß all das zufällig geschehen war. Und er war nicht verrückt, ganz im Gegenteil. Nachdem er die Gewißheit erlangt hatte, öffnete er sein Herz, und da drang das Licht mit der gleichen Kraft, die alles erschütterte, in ihn ein wie der Schwefel in Gomorra; eine solche Erfahrung konnte sich niemand einbilden. Sie änderte alles: »Wenn dir nun diese Zeichen kommen, so tue, was dir unter die Hand kommt; denn Gott ist mit dir.«

Der Bote hatte ihm den Auftrag überbracht: Die Nachricht, worum es bei alldem ging und was er tun mußte. Ezrael spürte eine Welle der Wärme, als er an den Boten dachte. Der hatte die Aufgabe erhalten, ihn hinzuführen zur Veränderung – ihn zum Engel des Zorns zu machen. Es war der Bote gewesen, der ihm den Inhalt des dritten Geheimnisses von Fatima verraten hatte: die Verschwörung der katholischen Kirche, durch die den Gläubigen die Wahrheit über zwei heilige apokryphe Schriften – die Petrus-Offenbarung und das Thomas-Evangelium – vorenthalten wurde. Die VERRÄTER, die im Auftrag der katholischen Kirche handelten, verheimlichten den Gläubigen die Wahrheit, aber der Bote wußte, wer die Verräter waren. An ihnen allen mußte Rache genommen werden, und das würde der Engel des Zorns tun. Das war sein Auftrag, und dieser Auftrag hielt die Bestie in Schach.

Nichts würde ihn aufhalten, jedenfalls nicht das Gesetz der Sünder, er war nur an das Gesetz des Allerhöchsten gebunden. Alles war klar und logisch, für alles gab es eine Ursache und eine Erklärung. »Dann werdet ihr die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit macht euch frei.«

Ezrael klappte das Evangelium zu, daß es krachte, ihm wurde klar, daß sein Magen vor Hunger knurrte. Er ließ das Wasser im Bad laufen, bis es so kalt war, daß ihm die Finger schmerzten, dann füllte er einen Becher mit dem Wasser des Lebens. Die Einweckgläser fanden sich in seinem Gepäck; er aß das, was auch der Mönch Coemgen lange vor ihm gegessen hatte – Honig und Gras. Er war wie Johannes – die Stimme eines Predigers in der Wüste. Auch er würde dem Herrn den Weg bereiten. Die heiligen Worte strömten ihm zu wie das Wasser aus einer Quelle. »Wer hat euch denn gewiesen, daß ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet?«

Voller Stolz dachte Ezrael daran, welche Ehre ihm zuteil wurde. Man hatte ihn als Dreißigjährigen auserwählt wie den Meister, und sicher würde auch er mit dreiunddreißig Jahren sterben. Deswegen mußte der Auftrag schnell ausgeführt werden, noch vor dem 24. Juni, dem Tag Johannis, an dem er vierunddreißig Jahre alt werden würde. Er war an Johannis geboren und der Meister zu Weihnachten, ihre Geburtstage teilten das Jahr in zwei Hälften. Die Bestie und das Lamm.

Heute würde der Engel des Zorns seine Flügel zum viertenmal ausbreiten. Er hatte schon die brennende Haut des italienischen Physikers gerochen, die Panik des ertrinkenden Franzosen durch die dunkle, schmutzige Wasseroberfläche gesehen und beobachtet, wie der Deutsche zwischen zwei Autos zerschmettert wurde. Welche Erinnerung würde die nächste Rache beim Engel des Zorns hinterlassen?

3

Arto Ratamos Sicherung brannte endgültig durch, als in der Wohnung über ihm morgens um halb zehn eine Motorsäge in Gang gesetzt wurde. Das Aufheulen schallte durch die Räume des Mehrfamilienhauses wie der Ruf des Polartauchers über den See. Die Maifeier in der WG der Chemiestudenten nahm nun solch erschreckende Formen an, daß man irgend etwas unternehmen mußte. In der letzten Nacht hatte sich Ratamo zähneknirschend die Hälfte der Titel des Popsängers Frederik und irgendein entfernt an ein Didjeridoo erinnerndes Geheul anhören müssen, wobei er schließlich zu der Vermutung gelangt war, daß es nicht aus der Stereoanlage kam, sondern aus den Lungen eines Chemiestudenten. Jetzt hätte er am liebsten im Gegenzug die Regler voll aufgezogen und den Titel »Der König zieht um nach Puumala« von den Rehtorit erdröhnen lassen, aber er wollte nicht der ganzen Nachbarschaft den Krieg erklären. Der Deckel der Kautabakdose schnappte auf, erbost schob sich Ratamo einen Priem unter die Oberlippe.

Würde er sich wirklich nicht scheuen, die Studententruppe anzuschwärzen? War er schon so alt, daß er nicht mehr wußte, welche Dummheiten er selbst während seines Medizinstudiums angestellt hatte? Ungewollt mußte er lächeln, als ihm der Vorabend eines Maifeiertags vor vielen Jahren einfiel. Damals hatte er einen Blechharnisch, die Werbung für eine Biermarke, die nun schon das Zeitliche gesegnet hatte, an der Tür einer Kneipe in Punavuori geklaut und zur Maifeier in die Clubräume der Medizinstudenten geschleppt. Bei der Polizei war eine Flut von Anrufen zu dem Harnischdieb eingegangen. Daraufhin traf die Obrigkeit in den Clubräumen ein, und seine Kommilitonen versteckten ihn mitsamt dem Harnisch im Kühlraum. Die Polizisten wurden sie wieder los, aber dann mußte man in den Kneipen der Umgebung den Clubchef und die Schlüssel für den Kühlraum suchen. Der Harnischdieb in seinen Sommersachen war inzwischen fast erfroren. Als er den fünf Grad kühlen Raum endlich verlassen konnte, taute er den inneren Frost mit Schnaps auf und betrank sich dabei bis zur totalen Besinnungslosigkeit. Davon erholte er sich geistig erst, nachdem er den ganzen Mai keinen Alkohol angerührt hatte. Dieser Maifeiertag zählte für ihn wahrhaftig nicht zu den gelungensten, wohl aber zu den unvergeßlichen.

Schluß mit den Erinnerungen, die Motorsäge mußte zum Schweigen und der Lärm über ihm rechtzeitig gedämpft werden. Er hatte Nellis Großmutter und ihren Patenonkel mit Familie zum Abendessen eingeladen, um seine Tochter von dem Trubel am Ersten Mai fernzuhalten. Ratamo griff zum Telefon und wählte die 10022.

»Notrufzentrale der Polizei, Saari.«

»Oberkommissar Arto Ratamo von der Sicherheitspolizei, Tag. Ich habe ja viel Verständnis für Feiern zum Ersten Mai, aber in der Korkeavuorenkatu wird jetzt eine Streife gebraucht«, sagte er forsch und berichtete von dem irren Krach der Studenten.

Der Beamte, der Telefondienst hatte, notierte Ratamos Namen und Kontaktdaten und versprach, bei nächster Gelegenheit eine Streife vorbeizuschicken, wies allerdings darauf hin, daß es wegen des Hochbetriebs am Ersten Mai eine ganze Weile dauern könnte.

Ratamo schlich zur Tür von Nellis Zimmer, spähte hinein und hörte an ihrem Schnaufen, daß seine Tochter noch in tiefem Schlaf lag. Was würde er doch für so einen guten Schlaf geben. Seine Schlafschwierigkeiten waren in den letzten Monaten so schlimm geworden, daß er schon ernsthaft überlegte, ob er sich Pillen besorgen sollte, obwohl er ansonsten Medikamente mied wie eine Amputation.

Die Stelle als Oberkommissar hatte Ratamo vor etwa zwei Wochen bekommen, als er in die neue Antiterroreinheit der operativen Abteilung der Sicherheitspolizei berufen worden war, und er hatte sich an den Titel noch nicht gewöhnt. Die Ernennung hatte bei einigen Kollegen in der SUPO für böses Blut gesorgt, obwohl er seiner Meinung nach bei den schwierigsten Ermittlungen der letzten Jahre seine Qualifikation unter Beweis gestellt hatte. In gewisser Weise verstand er den Groll der von ihren Dienstjahren her älteren Ermittler: Er arbeitete erst seit gut drei Jahren im Haus und hatte gerade vor einem Monat die Zeugnisse für den gehobenen Polizeidienst erhalten. Der Chef der SUPO, Jussi Ketonen, hatte ihm die Stelle wohl als eine Art Abschiedsgeschenk besorgt; in etwa zwei Wochen würde er in Rente gehen.

Ratamo wartete am Fenster auf die Polizei und schaute dann und wann auf die Straße hinaus; das milde Wetter und das helle Sonnenlicht waren ihm so willkommen wie jedes Jahr im Frühling. Die Freude darüber wurde getrübt, als er eine alte Frau mit einem Hut erblickte, die nicht einmal am Fußgängerüberweg wagte, die Straße zu queren, weil die Autofahrer das Tempo nicht drosselten.

Aus irgendeinem Grund schweiften seine Gedanken derzeit öfter als früher ab und beschäftigten sich mit bedrückenden Themen; obwohl er nach dem Abschluß des Studiums, für das seine ganze Freizeit draufgegangen war, hart trainiert hatte, so daß er sich in einer glänzenden Form befand, und er hatte auch versucht, sich psychisch zu entspannen. Es schien so, als würde es ihm immer schwerer fallen, die Last des Bösen zu tragen, dem er bei den Ermittlungen begegnete. Und die gewalttätigen Weltereignisse in der letzten Zeit hatten dieses Gefühl noch verschlimmert. Manchmal fragte er sich sogar, ob es damals wirklich eine kluge Entscheidung gewesen war, die Laufbahn eines Virusforschers gegen die Arbeit eines Polizisten einzutauschen. Vor drei Jahren hatte er sich naiv ausgemalt, daß er bei der SUPO auf der Seite des Guten gegen das Böse kämpfen würde, aber jetzt schien es so, als wäre das Böse in ihn eingedrungen. Und dieses Gespenst besiegte niemand, man konnte mit ihm höchstens Waffenstillstand schließen.

Ratamo sah, wie die Grüne Minna auf dem Fußweg hielt, und rannte die Treppe hinunter. »Ich habe am Telefon gesagt, daß eine Streife kommen soll. Die Studenten über mir feiern schon drei Tage hintereinander. Und drei Nächte.«

Die Blicke der Kollegen von der Schutzpolizei in ihren Overalls wanderten langsam von Ratamos abgelatschten Tigerpantoffeln zu seinen schmutzigen Trainingshosen, lasen auf dem schwarzen T-Shirt den Text »Wer hat Hauptmann Iwan Below erschossen?« und verharrten schließlich auf seinem Gesicht, das von dem wirren kurzgeschnittenen Haar und dunklen Bartstoppeln umrahmt wurde.

Ratamo wurde klar, daß er keinen sehr ansprechenden Eindruck machte, aber zum Glück fand sich ein Mittel gegen die Vertrauenskrise. Er zeigte seinen Dienstausweis: »Ratamo von der SUPO.« Die drei betraten das Treppenhaus, und das Duo von der Schutzpolizei hörte verblüfft, wie die Motorsäge aufheulte.

Die Polizistin drückte ein dutzendmal auf die Klingel der Studentenbude. Vergeblich. Das Geräusch der Motorsäge wurde lauter, ebbte ab und nahm wieder zu, es klang so, als würde etwas zerschnitten. Ratamo schlug vor, den Hausmeister, der im Erdgeschoß wohnte, telefonisch herbeizurufen.

Man hörte den Mann im Treppenhaus schimpfen, lange bevor er im Blickfeld der Polizisten auftauchte. Seinem Fluchen zufolge hätte er die studentischen Störenfriede am liebsten dorthin geschickt, wo keine zusätzliche Heizung gebraucht wird. Außerdem machte er diverse Andeutungen, wonach die angehenden Chemiker auch schwarz Schnaps destillieren würden. Dann steckte er seinen Universalschlüssel ins Schloß, drehte ihn um, und einer der Polizisten riß die Tür auf.

Bei dem Anblick, der sich in der Küche bot, stockte den Polizisten der Atem, und sie tasteten nach ihren Waffen. Ein halbnackter Mann mit einem weißen Gesichtsschutz drückte das Sägeblatt in eine Leiche, die an einem Fleischerhaken hing, Fleischfetzen und Knochensplitter flogen bis an die Wände. Das Aufheulen der Säge bohrte sich in den Schädel der Eindringlinge.

»Polizei! Schalten Sie die Säge aus!« brüllte die Polizistin, und ihr Partner stand schußbereit da.

Im selben Augenblick erschien aus einer Ecke der Küche ein Mädchen mit einer Videokamera in der Hand und einer Studentenmütze auf dem Hinterkopf und lächelte verdutzt. »Haben wir zuviel Lärm gemacht?«

»Was zum Teufel … geschieht hier?« stieß Ratamo hervor, während der »Waldarbeiter« mit der Maske die Kleidung von dem Kadaver löste, der am Haken hing. Der Ringelschwanz und die Klauen verrieten, daß es sich bei dem Opfer um ein Schwein handelte, dessen Rumpf gut abgehangen aussah.

»Das wird das Erste-Mai-Video des Jahrhunderts. Ein absoluter Klassiker«, stammelte der dürftig bekleidete Mann mit der Säge, der nur noch lallen konnte.

»Ist die Benutzung einer Motorsäge in der Wohnung verboten?« fragte die Kamerafrau grinsend.

»Verdammte Idioten …«, schimpfte der Hausmeister.

Es dauerte einen Augenblick, bis die Polizistin erfaßt hatte, was hier im Gange war. »Es hat Beschwerden gegeben. Wegen des Krachs.« Dann fiel ihr ein, was der Hausmeister berichtet hatte. »Hier soll Schnaps gebrannt werden.«

»Schön wär’s«, entgegnete der betrunkene Motorsägenmann, und sein Lachen hallte durch die ganze Wohnung.

»Sie haben sicher nichts dagegen, wenn wir uns ein wenig umsehen«, sagte der Polizist und wartete nicht auf eine Erlaubnis.

Staunend gingen die Polizisten durch die Wohnung, die ein einziges Flaschenmeer war, und verhedderten sich mit jedem Schritt mehr in den Papierschlangen, die überall herumhingen.1 Hier und da lagen junge Leute, die im Suff eingeschlafen waren. Ein als Superman verkleideter junger Mann trug auf dem Kopf einen Schweißhelm, an dessen Visier eine Schnapsflasche befestigt war. Wenn er das Visier hochschob, neigte sich die Flasche, und er konnte sich die Kehle befeuchten. Der Superman ächzte mannhaft, obwohl seine säuerliche Miene verriet, daß ihm der Frühstücksbrei kurz vor den Mandeln stand.

Ratamo mußte unwillkürlich lächeln. In seiner Studienzeit hätte er sich bei einer derartigen Fete so gut aufgehoben gefühlt wie die Zähne im Mund.

Von einem Gefäß, in dem Schnaps gebrannt wurde, war jedoch keine Spur zu entdecken, sosehr die Polizisten auch danach suchten. Für einen Augenblick glaubte Ratamo, daß ein angehender Mann, der auf einer kleinen Kommode saß, eine Mütze der TH-Studenten trug und mit ernster Miene vor sich hin starrte, den Schnaps bewachte. Doch dann tunkte der junge Mann die schwarze Bommel seiner Mütze, die an einer langen Schnur hing, in ein volles Bierglas, schwenkte die vor Flüssigkeit triefende Bommel in seinen Mund, saugte daran und lächelte stolz: »Ohne Hände.«

Ratamo lachte schallend, kontrollierte die Kommode ohne Ergebnis und suchte weiter. Nachdem er zwei Runden durch die Wohnung gedreht hatte, blieb er in der Küche stehen und überlegte, was die Studenten wohl mit dem Schweinsrumpf machen würden. Plötzlich hörte er einen Tropfen fallen. Er schaute zum Spülbecken und hörte das Geräusch erneut. Aber der Hahn des Waschbeckens tropfte nicht. Er blickte sich um und versuchte das Geräusch zu orten … dipp, dipp, dipp … Die Mienen der Studenten erstarrten, und einer von ihnen machte einen Schritt zum Spültisch, blieb aber stehen, als Ratamo seine Absicht bemerkte.

Die Tropfen fielen in die Kanne der Kaffeemaschine, obwohl das Gerät nicht einmal eingeschaltet war. »Das Timing ist das wichtigste, sagte der Regentänzer«, witzelte Ratamo, griff nach der Kanne und spürte den stechenden Geruch des Selbstgebrannten in der Nase. Er steckte den Finger erst in die Kanne, dann in den Mund und verzog das Gesicht vor Ekel: Der mit kaltem Kaffee vermischte Schnaps schmeckte genauso widerlich, wie man es sich vorstellte. Ratamo versuchte die Kaffeemaschine hochzuheben, aber die rührte sich nicht vom Fleck. Er beugte sich vor, sah das weiß gestrichene Metallrohr unter dem Tisch und folgte ihm bis ins Bad, wo das Rohr hinter der Waschmaschine verschwand. Ratamo öffnete den Deckel der Waschmaschine, eines uralten »Waschbären«, und der intensive Hefegeruch von Selbstgebranntem stieg ihm in die Nase.

»Das ist nur … für den Eigenbedarf«, stotterte der Amateurschlächter mit nun sehr ernster Miene.

»Eine Praktikumsübung. Wir studieren Chemie«, fügte die Kamerafrau hinzu.

Die Polizisten kümmerten sich um die Angelegenheit, und Ratamo stieg lachend die Treppe hinunter und ging in seine Wohnung. Es ärgerte ihn schon, daß er die Streife gerufen hatte: Wegen des tröpfelnden Selbstgebrannten würden die Studenten Schwierigkeiten bekommen.

Nelli war am Bauerntisch in der Küche mit ihren Requisiten für den Ersten Mai beschäftigt. Ratamo verdrehte die Augen, als er einen rot lodernden Skorpion auf der nackten Schulter des Mädchens entdeckte. »Was verdammt noch mal ist das?« brüllte er, griff nach Nellis Arm und fuhr zusammen, als er den Blick des Mädchens bemerkte.

Nelli starrte ihren Vater wie einen Geisteskranken an. »Nun reg dich mal wieder ab, du Blödmann. In etwa zwei Wochen ist das weg.«

Ratamo war so erleichtert, daß er nicht einmal Lust hatte, sich darüber zu beschweren, wie sie mit ihm redete. Einen Augenblick lang hatte er schon befürchtet, Nelli hätte sich eine bleibende Tätowierung machen lassen. Er schlurfte ins Schlafzimmer, ließ sich aufs Bett fallen und dachte überhaupt nicht daran, die Pantoffeln auszuziehen.

Er müßte wieder einmal ernsthaft mit Nelli reden. Das Mädchen verhielt sich derzeit wie ein Teenager, obwohl sie erst zehn Jahre alt war. Und dabei hatte er in den letzten Wochen mehr Freizeit mit seiner Tochter verbracht als je zuvor. War das schon die Pubertät? Die durfte doch noch nicht anfangen! In diesem Frühjahr hatte Nelli aufgehört, Geige zu spielen, und war zweimal beim Rauchen und einmal beim Schulschwänzen erwischt worden. Ratamos düstere Gedanken wanderten vier Jahre zurück. Er fürchtete, die Traumata, die der Tod von Nellis Mutter hinterlassen hatte, könnten nun bewirken, daß die Pubertät schwieriger als gewöhnlich wurde. Oder lag die Ursache der Probleme nur darin, daß die Kinder heutzutage einfach viel zu früh in die Welt der Erwachsenen hineingezogen wurden: Die kleinen Mädchen benutzten schon viel zu zeitig Make-up und BHs, die Kunden, denen man mit der Behauptung, es sei sexy, alles mögliche verkaufte, wurden immer jünger, und so wurden Kindern die Schönheitsideale der Erwachsenen aufgedrängt.

Ratamo machte sich auch Vorwürfe, weil in Nellis Leben die Muttergestalt fehlte. Ihm fiel seine neueste Freundin ein, eine bildende Künstlerin, die unter dem Namen Ilona Si unverständliche Raumkunstwerke schuf. Bei dem Gedanken an ihre neueste Schöpfung, ein Werk aus Fußfesseln, einer Perücke und Zahnpasta mit dem Titel »Gebäck«, bekam Ratamo Kopfschmerzen. Doch als er an Ilona dachte, mußte er lächeln. Bei ihrem ersten Date hatte sie aus Blaubeerkuchen ein Abendessen zubereitet, und beim zweitenmal hatten sie schon stundenlang die Polster des Diwans in ihrem Atelier zerwühlt. Er sehnte sich nach Ilonas Lebensfreude.

4

Schlüpfrige kleine Gliederfüße piekten auf Lasse Nordmans Schenkel, als irgendein daumengroßes Tierchen zu seinen Lenden hinaufflitzte. Der Haufen aus Zweigen und moderndem Laub bebte, als Lasse vorsichtig den Reißverschluß seines Overalls öffnete und die Hand auf seinen Schenkel gleiten ließ. Das weiche, schleimige Wesen wurde unter dem Handteller zu Brei zerquetscht.

Der Kommandotrupp von Final Action versteckte sich in einem Wald des Naturschutzgebietes von Meijendel, weit entfernt von den markierten Pfaden, den Naturfreunden und Wanderern. Es war kurz vor neun Uhr morgens. Die dünnen, hohen Wolken filterten das Sonnenlicht, so daß es einen orangefarbenen Ton erhielt; der Duft des Frühsommers vermischte sich mit dem Geruch der verrottenden Blätter. In Holland war es fast immer windig.

Lasse spannte seine Muskeln an, um warm zu bleiben, und drückte Ulrikes Hand, die an seiner Seite zitterte. Jorge lag rechts von ihm und atmete schwer. Er hatte in der Nacht viel Blut verloren, bevor Lasse eine Aderpresse anlegen konnte. Das Trio war gezwungen gewesen, sich im Gelände zu verstecken, weil der vom Blutverlust geschwächte Portugiese nicht im Laufschritt durch das Naturschutzgelände fliehen konnte. Ein Stöhnen kam über seine Lippen, der Mann brauchte mehr Schmerzmittel und eine Behandlung im Krankenhaus.

Ohne Jorge wäre die Flucht leicht gelungen: Als ehemaliger Ausbilder für das Überlebenstraining bei der Armee konnte sich Lasse mühelos im Rücken des »Feindes« bewegen, zudem hatte er sich bei der Planung der Fluchtwege nach dem Anschlag gegen Dutch Oil genau mit dem Gelände von Meijendel vertraut gemacht. Zum Glück war Meijendel mit seinen Dünengebieten so ausgedehnt, fast zweitausend Hektar groß, daß die Hunde der Verfolger ihr Versteck nicht unbedingt finden würden. Erst recht nicht, nachdem Lasse hier und da Pfefferspray auf ihre Spuren gesprüht hatte, das würde den Geruchssinn zumindest einiger Hunde betäuben.

Plötzlich wurde Jorges Atmen zu einem leisen Geheul, und Lasse zischte: »Versuch noch einen Augenblick durchzuhalten. Mir wird schon etwas einfallen«, flüsterte er auf englisch, und Jorges Klage verstummte. Lasse ging noch einmal alle Alternativen durch, aber das änderte nichts an der Wahrheit: Sie konnten nur dann alle drei fliehen, wenn sie ihre Verfolger eliminierten. Doch Final Action akzeptierte keine Gewalt, in welcher Form auch immer.

Warum lagen sie hier? Die Ereignisse in der Zentrale von Dutch Oil ergaben für Lasse kein verständliches Ganzes. Warum hatten sich die Führer der weltgrößten Ölkonzerne zu einem Konsortium zusammengeschlossen, und warum trafen sie sich mitten in der Nacht? Physiker werden umgebracht … Der Engel des Zorns … Und warum spukte ihm das Gesicht des kleinen dunkelhaarigen Mannes im Kopf herum?

Er lauschte der Stille, sie wirkte bedrohlich, fast zu perfekt. Von den Sicherheitsleuten van der Waals und den Hunden war kein Laut zu hören. Was würde passieren, wenn die Sicherheitsleute sie fänden? Warum hatten die Gorillas den Transporter beschossen, wollten sie den Wagen anhalten oder sie umbringen? Und wo blieb die Polizei? Lasse spürte, wie er als Kommandeur unter Druck stand. Die Sonne würde erst heute abend gegen neun Uhr untergehen, Jorge mußte jedoch vorher behandelt werden. Am meisten bedrückte Lasse allerdings die Sorge um seine Lebensgefährtin: Wie lange hielt Ulrike in dem kalten Versteck durch?

Er hatte brennende Lust, die Verfolger herauszufordern, schließlich war er Soldat und Offizier. Das war für ihn seit seiner Kindheit der einzig mögliche Beruf gewesen, genau wie für seinen Vater, den Großvater und viele Generationen der Nordmans vor ihnen. Die Männer seiner Familie hatten in allen finnischen Kriegen vom 16. Jahrhundert bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs in Lappland mitgekämpft. Auch seine Soldatenlaufbahn hatte vielversprechend begonnen. Nach dem Studium an der Hochschule für Landesverteidigung und den weiterführenden Studien in den USA schienen ihm alle Wege offenzustehen, bis nach ganz oben. Aber die Alltagsroutine eines Oberleutnants tötete die erhabenen Grundsätze und ehrgeizigen Erwartungen innerhalb weniger Jahre.

Über Jahrhunderte, bis hin zu den letzten Jahrzehnten, war der Offiziersberuf von allen möglichen der ehrenhafteste gewesen, aber so war es nicht mehr. Das Saufen im Offizierskasino, der ständige Papierkrieg, das Bemühen, zu Auslandseinsätzen abkommandiert zu werden, und das Warten auf die Beförderung reichten nicht aus, um Lasse zu motivieren. Eine ernsthafte Herausforderung gab es heutzutage nur, wenn man sich als Söldner anwerben ließ, aber Lasse wollte nicht um des Geldes oder des Tötens willen Krieg führen, sondern um irgend etwas Wertvolles zu verteidigen. Auch das Warten auf den Beitritt zur NATO könnte wegen der Unentschlossenheit der Politiker noch Jahre dauern. Und für wen würde er als NATO-Soldat kämpfen?

Irgendwo weit weg knackte ein Ast, und Lasse lauschte angespannt. Zum Teufel noch mal, irgend etwas mußte ihm einfallen. Wenn man sie faßte, dann würde das die Vernichtung von Final Action und wahrscheinlich auch eine Gefängnisstrafe und die Trennung von Ulrike bedeuten. Als ahnte sie seine Gedanken, drückte sich Ulrike noch enger an ihn. Die Frau zitterte vor Kälte, und Lasse spürte seine Gefühle genauso intensiv wie an jedem einzelnen Tag, seit sie sich vor sechs Jahren in Wien getroffen und verliebt hatten. Es war unangenehm, zugeben zu müssen, daß er Ulrike immer noch um die Reinheit ihrer Gedankenwelt, den echten Idealismus und die Leidenschaft der Überzeugung beneidete. Anscheinend erfüllte Ulrike auch ihn mit pulsierendem Leben. Es war ihr Verdienst, daß er nun etwas genauso Ehrenvolles tat wie die Männer der Nordman-Familie vor ihm. Ulrike hatte ihn überredet, sich am Aktionismus von Greenpeace, an Global Witness, den Friends of Earth und den Sabotage-Akten der Earth Liberation Front zu beteiligen. Schließlich war Final Action entstanden. Deren Ökoterrorismus war die Kriegsführung der Gegenwart, sie schlugen im Rücken des Feindes zu wie einst die Männer der Fernspähtrupps.

Lasse schrak zusammen, ein Hund bellte kurz, und zwar ganz in der Nähe. Dann wühlte etwas wütend in den Blättern und dem Abfall, der auf seinen Beinen lag. Er schnellte hoch, so daß die Blätter durch die Luft flogen, und sah vor sich die weiße Zahnreihe und die stechenden dunklen Augen eines dumpf knurrenden Schäferhundes. Der große Hund griff im selben Augenblick an, als Lasse sich aufrichtete und hinkniete; er packte den Köter an der Kehle, legte die andere Hand um sein Genick und drückte den Kopf des Tiers mit einem Ruck nach hinten. Es knackte, und das Genick war gebrochen. Weit entfernt am Horizont rannten zwei Sicherheitsleute in dunklen Anzügen auf sie zu, konnten sie aber noch nicht sehen.

Hastig grub er Jorge und Ulrike aus. Die Wunde des bleichen und zitternden Portugiesen blutete wieder, die Mullbinde war dunkelrot gefärbt. Die Blicke der Männer trafen sich, und beide begriffen, daß Jorge nicht zu Fuß fliehen konnte.

»Los, lauft. Ich krieche etwas weiter weg vom Versteck. Vielleicht folgen die Sicherheitsleute euch.« Die Stimme des Portugiesen wirkte brüchig, als er seinen Gefährten diesen Befehl gab. Die angstgeweiteten Augen sagten etwas ganz anderes als seine Worte.

Ulrike umarmte Jorge und versuchte ihm Mut zu machen, aber ihre Stimme versagte. Lasse mußte sie am Ärmel wegziehen. Sie rannten tiefer in den Wald.

Jorge konnte nur ein paar Schritte machen, dann explodierte der Schmerz in seinem Körper, und er fiel auf die Knie. Er spürte die Hitze in seinem Kopf und bemühte sich mit aller Gewalt, bei Bewußtsein zu bleiben. Das Herz klopfte in der Wunde am Arm. Er kroch weiter, bis ein wütend bellender Hund ihm den Weg abschnitt. Er rührte sich nicht und starrte in die blutgierige Fratze des Riesenköters. Die bewaffneten Sicherheitsleute waren immer noch weit entfernt. Wo blieben die Polizisten? Was würden die Sicherheitsleute tun?

Die Wahrheit war wie ein Schlag ins Gesicht: Man würde ihn erwischen, und er brauchte Hilfe. Möglicherweise verhörte ihn die Polizei tagelang, vielleicht würde man nicht zulassen, daß er sich einen Anwalt besorgte oder wenigstens mit jemandem sprechen konnte. Terrorverdächtige wurden heutzutage auch in den zivilisierten Ländern nach Gutdünken behandelt.

Er beschloß, seiner Freundin Gloria eine SMS zu schicken, sie war zusammen mit einem anderen Aktivisten dafür zuständig, die finanziellen Mittel für Final Action aufzutreiben. Er würde die Nachricht in Mirandesisch, seiner Muttersprache, schreiben; das verstand kein Außenstehender, aber Gloria würde begreifen, daß sie sich die Nachricht von jemandem übersetzen lassen mußte, der Mirandesisch sprach. Er schaute über die Schulter und sah, daß die Sicherheitsleute nur noch ein paar hundert Meter entfernt waren. Und der Köter, der tollwütig aussah, fletschte vor ihm immer noch die Zähne. Eile war geboten. Was sollte er schreiben? Jorge dachte angestrengt nach, und dann fielen ihm eines nach dem anderen die Worte van der Waals ein, sogar der Name des finnischen Physikers. Auf einer Fahrradtour von Lissabon nach Sevilla hatte Jorge einmal in einer kleinen Grenzstadt namens Elvas übernachtet.

Jorge schaltete sein Handy ein und tippte in fieberhafter Eile: »Man hat mich erwischt. Die Verfolger sind keine Polizisten. Helft. Konsortium der Ölkonzerne, geleitet von van der Waal, Assistentin Mary Cash, Physiker werden umgebracht – der Finne Elvas stirbt heute. Engel des Zorns …«

Die unvollendete Nachricht stieg in den Äther, als Jorge neben dem Kläffen des Schäferhundes schon das Schnaufen und die Schritte der Sicherheitsleute hörte. Er suchte die SMS im Speicher des Handys, um sie zu löschen, als einer der beiden Sicherheitsleute nach dem blutigen Verband griff und ihm den Arm verdrehte. Jorge schrie auf vor Schmerz, aber der Schrei brach ab, als ihm ein Schlag in den Magen den Atem nahm. Einer der Männer zielte mit der Pistole auf Jorges Stirn, und der andere steckte sein Handy ein.

Die Angst lähmte Jorges Gedanken, als die Sicherheitsleute kurz und heftig auf niederländisch miteinander sprachen, dann nahm ihn der eine an den Beinen, der andere an den Armen. Die Angst wurde zur Panik, als die Männer ihn zu einem Teich schleppten. Das kalte Wasser lief in seine Schuhe, die Füße wurden naß. Jorge Oliveira begriff, was für ein Schicksal ihn erwartete, als ihn eine Hand im Genick packte; in seinem Gehirn explodierte das Entsetzen, und er übergab sich. Sein Kopf wurde in das kühle, trübe Wasser gedrückt, Jorge sträubte und wehrte sich wie ein Tobsüchtiger, er hielt den Atem an, versuchte mit aller Macht, bei Bewußtsein zu bleiben und sich am Leben festzuklammern, an den vom Wasser gebrochenen Lichtstrahlen, an dem Herz, das in seinem Körper hämmerte … Dann begrub die Dunkelheit alles unter sich.

5

Die Finnen mit ihrem Wohlstand und ihrem hohen Bildungsniveau schwelgten in der Sünde wie die Huren von Sodom und schienen jeden Augenblick der Ausschweifung aus tiefstem Herzen zu genießen. Ezrael hatte sich die Finnen kühl und etwas steif vorgestellt und konnte nicht verstehen, wie es möglich war, daß sie wegen des Ersten Mai völlig den Verstand verloren. Im Hotel Lord feierten Hunderte, der größte Teil von ihnen segelte stark betrunken über das Mosaikparkett im Festsaal des pompösen Jugendstilrestaurants, sie begrapschten einander, kreischten, tanzten … Aber jetzt befand er sich unter Sündern und mußte sich wie sie benehmen … Die Rache würde nur gelingen, wenn er imstande war, die Bestie unter Kontrolle zu halten.

Ezrael ließ seinen Blick über die gewaltigen grünen Kachelöfen und die kunstvoll geschnitzten Holzornamente der Wandpfeiler in dem zwei Etagen hohen Festsaal wandern. Der Geruch von Alkohol, Parfüm und Schweiß vermischte sich in Ezraels Nase zum lasterhaften Moschus der Sünde. Er hörte dem Blasorchester zu, das Helme und altertümliche Feuerwehruniformen trug und absichtlich falsch spielte, und er begriff nicht, warum das Festpublikum den Auftritt amüsant fand. Der Chor namens Dominante, der vorher aufgetreten war, hatte wenigstens noch ein paar schöne Renaissance-Lieder vorgetragen. Ezrael blätterte im Programm der Maifeier. Obwohl er die Sprache nicht verstand, bemerkte er, daß es schon vor einer Viertelstunde, um sechs Uhr, einen Wechsel des Orchesters hätte geben müssen. Seine linke Hand behielt er wohlweislich in der Hosentasche, denn der Fingerstumpf war ein zu auffälliges Merkmal, das man sich leicht einprägte.

Eine junge blonde Frau von reiner Schönheit in einem durchsichtigen dünnen Sommerkleid tanzte mitten auf dem Parkett ohne Partner wie in Trance. Berauscht von ihren eigenen Bewegungen, zeichnete sie mit den Armen und Hüften einen Bogen in die Luft wie einst Salome am Hofe des Königs. Durch die verlockende und provozierende Vorführung der betrunkenen Schönheit tauchte vor Ezrael das

Bild einer Erscheinung auf: das zur Todesgrimasse verzerrte Gesicht des Mädchens von der Shankill Road. Wieder stellte man ihn auf die Probe. Die Tänzerin führte ihn mit ihrer Wollust in Versuchung und verlockte ihn zum Bösen wie seinerzeit das Mädchen … Genauso hatte Salome für Herodes getanzt, den König betört und erreicht, daß er ihr den Kopf von Johannes dem Täufer schenkte. Auf einem silbernen Tablett.

Die Bestie in Ezrael riß und zerrte an den Ketten; er saß schon über eine Stunde unter den Sündern, und es war schwer, die Bestie kurz vor der Rache im Zaum zu halten, gerade in der Zeit dürstete es sie besonders stark nach Blut. »Unter den Sündern verhält man sich wie die Sünder und handelt nach deren Regeln«, wiederholte Ezrael für sich, und das gab ihm Kraft. Er war der Engel des Zorns, und der Engel schwebte über seinem Opfer.

Ezrael verdrängte den Lärm des Orchesters in die entlegensten Winkel seines Gehirns und starrte auf den Verräter namens Elvas, der auf der anderen Seite des Saals unter den vergitterten Fenstern saß. Das vierte Opfer des Engels. Der Gedanke an den Auftrag beruhigte die Bestie und erfüllte Ezrael mit Stolz. Nichts auch nur annähernd Gleichartiges hatte er empfunden, bevor er den Auftrag erhielt: den Sinn und die Gewißheit der bevorstehenden Erlösung. Vorher hatte er nur die Bestie gespürt. »Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt. Darum, welcher Baum nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.«

Eine Kellnerin blieb vor Ezrael stehen und zog die Augenbrauen hoch, das bedeutete: »Was darf ’s sein?« Ezrael deutete sein liebevollstes Lächeln an, seine Augen strahlten, und er schüttelte den Kopf. Die Kellnerin antwortete mit einem Gesichtsausdruck, der mehr als freundlich war, das erkannte auch Ezrael; die Sünder hätten vermutlich gesagt, daß die Frau damit ihr Interesse zeigte. Doch auch diese Wollust würde im Feuer untergehen. Manchmal ängstigte es Ezrael, wie leicht es ihm fiel, sich genauso zu verhalten wie die Sünder.

Würde sich die Kellnerin an ihn erinnern? Jetzt bereute er, daß er keinen Alkohol bestellt hatte. Zum Glück feierten in dem Restaurant auch viele Ausländer: Er hatte auf der Toilette Englisch gehört, und an einem Tisch saßen ein paar Männer aus Asien. Besser wäre er in der Masse untergetaucht, wenn er sich als Student getarnt hätte, mit seinem kindlichen Gesicht wäre ihm das trotz seiner dreiunddreißig Jahre spielend gelungen, doch mit einem Studenten hätte garantiert irgend jemand Bekanntschaft schließen wollen, das wäre unvermeidlich gewesen. Jetzt beabsichtigte er, sich Leute, die seine Gesellschaft suchten, mit der Lüge vom Leibe zu halten, er warte auf seine Freunde.

»Komm tanzen, Süßer, entspann dich ein bißchen …« Eine Frau mittleren Alters, die sich in einen viel zu engen Jeansrock gezwängt hatte, stand vor Ezrael, beugte sich über ihn und drängte ihr fast bis zum Nabel reichendes Dekolleté so nahe an sein Gesicht, daß er den Maiglöckchenduft roch. Die Bestie in ihm bewegte sich, und das Rot leuchtete auf. Ihr Parfüm war genauso billig wie die Frau selbst; sogar das Mädchen von der Shankill Road hatte sich diesen Duft leisten können.

Ezrael lächelte und zog die Augenbrauen zu einem verführerischen Bogen. Dann wies er mit der Hand auf eine unbekannte junge Frau, die in der Nähe tanzte, und tippte auf den glänzenden Ring an einem Finger der rechten Hand. Die Busenkönigin verschwand ohne Beute.

Und wenn die ganze Welt niederbrannte – seine Kulissen würden nicht einstürzen, es sei denn, er selbst wollte es. Nichts Äußeres hatte Einfluß auf ihn, alles Wesentliche war in ihm. Dank seinem irischen Blut bereitete es ihm keinerlei Schwierigkeiten, den Verlockungen der Welt des Bösen zu entsagen. Die irischen Mönche und Nonnen hatten die Askese seit den Urzeiten des christlichen Glaubens meisterlich beherrscht. Die Nonne Íte ließ Insekten an ihrem Körper fressen und lebte in so vollkommener Entsagung, daß Gott einen Engel schickte, der ihr etwas zu essen brachte. Und der Mönch Coemgen aß nur Gras und trank Wasser und betete der Überlieferung nach völlig bewegungslos so lange, daß Vögel ein Nest am Saum seiner Kutte bauten. Ezrael glaubte, daß er selbst etwas noch Größeres werden würde.

Ezrael konzentrierte sich auf den unmittelbar bevorstehenden Racheakt. Er und der Bote hatten alles sorgfältig vorbereitet. Ezrael wußte schon, als er ins Hotel Lord kam, daß der Verräter Elvas sich sinnlos betrinken würde. Jetzt war es kurz vor halb sieben, und Elvas schien schon stark alkoholisiert zu sein und schwankte, obwohl sein Sohn, der im »Orchester der Polytechniker« Klarinette spielte, erst in einer Stunde auftreten würde. Die Rache an diesem Verräter würde fast zu einfach werden, man mußte nur auf den geeigneten Augenblick warten.

Er wollte erst zuschlagen, wenn der Verräter nach Hause ging, denn im Hotel Lord gab es Hunderte potentielle Zeugen. Ezrael hatte noch zahlreiche Unfälle auf Lager; ursprünglich plante er, Elvas an Blutverlust sterben zu lassen, aber jetzt wußte er, wie er sich an diesem Verräter am liebsten rächen würde. Er drehte sich auf dem Stuhl um und spürte, wie seine Schultern von den Peitschenhieben brannten.

Der Schmerz belebte ihn. Er führte einen Auftrag aus, den ihm der Allerhöchste erteilt hatte, nichts könnte ihn bezwingen oder vernichten, er war nicht einmal verwundbar. »Und der Engel Ezrael bringt die Seelen der Getöteten herbei; und sie sehen die Qual derer, die sie getötet haben, und sie sagen untereinander: Gerechtigkeit und Recht ist das Gericht Gottes.« Ezrael war zufrieden, ja beinahe froh. Er würde dem Verräter einen Dienst erweisen: Töten war ein Akt der Liebe, denn nur durch den Tod ging man in die Ewigkeit ein.

Urplötzlich sprang der Verräter auf, stürzte sich in die Menschenmenge, stieß die Leute beiseite und bahnte sich einen Weg aus dem Saal hinaus. Dann torkelte er die prächtige Hoteltreppe hinunter, auf der zum Glück gerade nur ein paar Leute unterwegs waren. Ezrael folgte ihm. Der Verräter wankte durch das Foyer zur Toilette, stürzte an der Schlange der Wartenden vorbei in eine Kabine und übergab sich in hohem Bogen. Es dauerte einige Minuten, bis die Tür wieder aufging und der Verräter zum Waschbecken schwankte und sich neben Ezrael die Hände wusch. Elvas stank nach Sünde. Wenn es jemand verdiente zu sterben, dann war es er. Das Rot kam immer näher.

Sie traten fast hintereinander durch die massive Jugendstiltür des Hotels Lord hinaus, und Ezrael zog die engen, dünnen Lederhandschuhe an. In seinem Kopf färbte sich alles orange, das war der letzte Schritt, gleich würde alles die Farbe der Bestie annehmen. Der Verräter stand eine Weile schwankend auf der Straße, ging dann ein paar Schritte in Richtung Hietalahti, lehnte sich an die graue Granitwand des Hotels und wühlte in den Taschen seines Popelinemantels.

Der Zorn explodierte, und eine rote Feuerwalze brach in Ezraels Kopf los, als die Bestie sich befreite und die Macht übernahm. »Und Ezrael, der Engel des Zorns, peitscht sie mit jeglicher Züchtigung.« Ezrael packte den Verräter im Genick und drückte zu.

»Was zum Teufel … Wer …«, stammelte Elvas, konnte aber in Ezraels Zangengriff den Kopf nicht drehen.

»Auftrag und Gericht«, sagte Ezrael und drückte noch kräftiger zu, so daß der Verräter verstummte und in seinem Griff wie eine Marionette weiterstolperte. Der Verräter mußte bei Bewußtsein bleiben, ohne Schmerzen würde die Rache nicht ausgeführt. Als ihnen Passanten entgegenkamen, zerrte Ezrael einen Arm des Verräters auf seine Schulter, stützte ihn, so als wäre er bei der Maifeier im Suff eingeschlafen, und schleppte ihn in den Torweg, der auf den Innenhof des Hauses neben dem Hotel führte.

Die Türen zu den Treppenhäusern lagen in der Mitte des Torwegs einander gegenüber, man sah sie weder vom Innenhof noch von der Lönnrotinkatu. Ezrael lockerte seinen Griff und stieß den nach Schnaps und Erbrochenem stinkenden Verräter auf die Betonschwelle von Aufgang A. Er versuchte aufzustehen, aber Ezrael schlug auf ihn ein, bis er liegenblieb. Bewußtlos schlagen durfte er ihn nicht, denn die Rache wäre keine Rache, wenn der Verräter sie nicht sehen und spüren würde.

Aus der Tasche seines Sakkos holte Ezrael eine große Injektionsspritze, setzte sie an den Hals des Verräters, stach die Nadel in die Vene und entleerte die mit Luft gefüllte Spritze in die Blutbahn. Dann entfernte er den Kolben, so daß sich die Spritze mit Luft füllte, drückte ihn wieder hinein und preßte noch mehr Luft in sein Opfer. Wahrheit in die Unreinheit, mit jedem Schub, mit der Kraft des Zorns. Nach der zehnten Injektion begann der Verräter so laut zu jammern und zu schreien, daß Ezrael ihm die Hand auf den Mund pressen und warten mußte, bis der Lärm verstummte. Schließlich verlor der Verräter das Bewußtsein.

Nachdem Ezrael genügend Luft in den Verräter hineingepumpt hatte, drückte er den Finger auf dessen Hals und stellte zufrieden fest, daß der Auftrag erfüllt war, und das innerhalb weniger Minuten und völlig problemlos. Er stopfte die Instrumente in seine Taschen und spürte eine Woge des Stolzes. Er hatte den vierten Verräter geopfert, die Bestie war gefüttert. Er bereitete den Weg für die Wahrheit, so wie vor ihm der heilige Johannes. »Wer überwindet, dem will ich zu essen geben vom Holz des Lebens.«

6

Der schwedische Stürmer fiel genauso theatralisch wie General Custer in der Schlacht am Little Big Horn, der Schiedsrichter hob den Arm als Zeichen für eine Zeitstrafe, und ein Popcornregen prasselte auf den Fernsehbildschirm, weil sich Arto Ratamo über den Mann im Zebrahemd ärgerte. Ratamos Tochter Nelli lachte schadenfroh, und Musti, die helle Labradorhündin des SUPO-Chefs Jussi Ketonen, fraß das Popcorn, das auf dem Fußboden lag.

»Der ist vor Altersschwäche umgefallen, verdammt noch mal«, schimpfte Timo Aalto, Ratamos Freund seit Kindertagen. Er stand am Wohnzimmerfenster und strich über den glatten Scheitel der neuesten Anschaffung Ratamos aus dem Trödelladen, einer Gipsbüste von Urho Kekkonen. Ratamo verstand nicht, warum Himoaalto selbst die unbedeutendsten Spiele der Eishockeyweltmeisterschaft so ernst nahm, daß er keine Sekunde ruhig sitzen bleiben konnte.

Nellis Großmutter Marketta trank nach dem Abendessen zur Verdauung Kaffee und Cognac, doch ihr Ehemann Jussi Ketonen aß immer noch, als wäre es seine Henkersmahlzeit. Dann und wann wechselte das Paar Blicke voller Zuneigung, es schien so, als hätten sie nicht im letzten Sommer geheiratet, sondern an diesem Morgen.

Ketonen überlegte, ob er den Rest des Kartoffelsalats gleich aus der Schüssel essen sollte, dann bemerkte er Markettas eisigen Blick und schaufelte ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Finnisches Quartett" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen