Logo weiterlesen.de
Finnisches Inferno

Inhaltsübersicht

MONTAG

1

2

DIENSTAG

3

MITTWOCH

4

5

6

7

8

9

10

DONNERSTAG

11

12

13

14

15

16

17

FREITAG

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

SAMSTAG

28

29

30

31

32

33

34

35

36

37

38

39

40

41

42

43

44

45

46

47

48

49

50

51

52

53

SONNTAG

54

55

56

57

58

MITTWOCH

59

60

EPILOG

|7|MONTAG

1

Gennadi Protaschenko ahnte nicht, dass ihm schon bald ein Kampf auf Leben und Tod bevorstand. Er hatte am Abend einen langen, anstrengenden Flug vor sich und wollte deshalb noch etwas ausspannen. Es war erst zehn Uhr an diesem Montagvormittag in Miami, aber sein Arbeitstag lag schon hinter ihm. Vor einer Stunde hatte ihm der »Hund« die letzten Dokumente geliefert, die Guoanbu, dem chinesischen Sicherheitsministerium, noch fehlten. Jetzt konnte Guoanbu in Wiremoney, das Programm der National Bank für den elektronischen Zahlungsverkehr, einbrechen. Die noch junge Geschichte schwerer Straftaten auf dem Gebiet der Informationstechnologie würde neu geschrieben werden.

Die Balkontür im Hotel »Marriott Biscayne Bay« öffnete sich quietschend, die schwüle Luft schlug ihm ins Gesicht wie der Atem des Teufels. Protaschenko legte seine Tasche auf den Glastisch und zündete sich eine Zigarette an. Er atmete den Rauch tief ein und schaute aus dem siebenundzwanzigsten Stockwerk auf die vor Hitze flimmernde Landschaft und das türkisgrüne Wasser der Biscayne-Bucht. In der Ferne zeichnete sich Miami Beach ab, das eher wie ein Dorf wirkte und für seine Art-Déco-Häuser und wunderbaren Badestrände bekannt war. Rechts sah man einige kleine Inseln, auf einer von ihnen lag der verkehrsreichste Passagierhafen der Welt. Die riesigen Kreuzfahrtschiffe, die Milliarden gekostet hatten, warteten auf ihre Gäste wie Wale auf die Planktonschwärme. Der |8|süßliche Duft des Meeres erinnerte ihn an seine Kindheit und den Sommer in Odessa.

Am liebsten hätte Protaschenko die Badehose angezogen und in einem bequemen Liegestuhl am Swimmingpool des Hotels eiskalte Daiquiris und Margaritas geschlürft. Das »Marriott« war bei den Fluggesellschaften beliebt, am Pool fände sich bestimmt eine einsame Stewardess, die dem gutaussehenden Geschäftsmann gern Gesellschaft leisten würde. Er stellte sich eine aufreizende Schönheit im Bikini vor und konnte das Bild nur mit Mühe wieder verdrängen. Eigentlich gab es guten Grund, zu feiern. Doch die Dokumente, die der »Hund« ihm übergeben hatte, besaßen einen unermesslichen Wert, er durfte sie nicht einen Moment aus den Augen lassen. Wie sollte er sich die Zeit bis zu seinem Flug nach Helsinki vertreiben, es waren noch zehn Stunden?

Schließlich bestellte er beim Zimmerservice in fast akzentfreiem Englisch Riesengarnelen und Wodka Smirnoff. Ob er es wagen könnte, den Girlservice »X-Styles« anzurufen und sich eine Professionelle kommen zu lassen?

Protaschenko kehrte auf den Balkon zurück. Vor seinen Augen lag ein Paradies. Hier bekam man alles, was sich mit Geld kaufen ließ. Er hoffte, dass Miami sein nächster Einsatzort sein würde. Das war durchaus möglich. Die Stadt bildete eine Brücke zwischen den Wirtschaftsgebieten von Süd- und Nordamerika und galt als eines der größten Bankenzentren der Welt. Deshalb unterhielt Guoanbu in Miami eine große Nachrichtendienstfiliale. Es könnte sich als Vorteil erweisen, dass er Spanisch beherrschte. Das war die Muttersprache der Hälfte aller zwei Millionen Einwohner von Groß-Miami. Durch den lateinamerikanischen Lebensrhythmus wirkte die Stadt offen und gastfreundlich. Von der puritanischen Halsstarrigkeit, auf die man an der Ostküste oft stieß, fand sich hier keine Spur.

|9|Am Horizont zogen dunkle Wolken auf. Protaschenko fürchtete, dass der tropische Sturm, der in der Karibik tobte, Miami noch vor dem Abend erreichte. Dann würde möglicherweise der Flughafen geschlossen. Die dreißig Grad warme Luft trieb ihm den Schweiß auf die Stirn. In den Zeitungen war zu lesen, der bald zu Ende gehende Januar sei außergewöhnlich heiß gewesen. Er schloss die Balkontür, setzte die Sonnenbrille ab und stellte gerade die Klimaanlage ein, als es an der Tür klopfte. Der Zimmerservice im »Marriott« funktionierte wie ein Schweizer Uhrwerk

Protaschenko zog das Jackett seines schwarzen Seidenanzugs über, damit man seine Pistole, eine Makarow PM, im Schulterhalfter nicht sah, dann ging er zur Tür und beugte sich zum Spion. Ein schönes Mexicano-Girl hielt ein Tablett in der Hand und wartete ungeduldig. Vielleicht würde sie ein, zwei Stunden für seine Unterhaltung sorgen, wenn er ein entsprechendes Bündel Dollarscheine sehen ließ, überlegte Protaschenko, öffnete die Tür und zeigte sein charmantestes Lächeln.

Plötzlich gruben sich kräftige Finger in seinen Hals und drückten auf die Luftröhre. Angst durchfuhr ihn, als er den Angreifer erkannte. Die falsche Kellnerin schloss die Tür von außen und ließ die beiden allein.

Der Eindringling nahm Protaschenko die Pistole ab, steckte ihm den Lauf in den Mund und prüfte, ob er noch eine zweite Schusswaffe oder ein Messer hatte.

»Setzen Sie sich bitte aufs Bett«, befahl er leise in Russisch, und Protaschenko gehorchte. »Sie wissen sicher, was ich haben will«, sagte der dunkelhaarige Mann mit monotoner Stimme und hielt seine Waffe auf den Bauch des jungen Agenten gerichtet.

Protaschenkos Kehle schmerzte. Er kannte das hagere Gesicht. Voller Angst überlegte er, was wohl zu dem roten Fleck |10|geführt hatte, der von der linken Wange des Mannes bis zum Hals reichte Ein Muttermal konnte es nicht sein, das wusste er. Vielleicht ein Ekzem oder eine Verbrennung? Protaschenkos Gesicht glühte, obwohl die Klimaanlage kalte Luft in den Raum blies. »Du glaubst doch nicht etwa, dass Swerdlowsk stärker ist als Guoanbu? Eure Organisation wird vernichtet, wenn du mir die Dokumente wegnimmst«, erwiderte er schließlich.

»Uns vernichtet niemand mehr. Wir sind stärker als jeder Staat.«

Protaschenko antwortete nicht. Er schaute ins Leere – in die Augen des Besuchers. Sein Kontrahent wirkte zwar furchteinflößend, aber er selbst war zwanzig Jahre jünger und immerhin vor nicht allzu langer Zeit noch Bester im Budo-Kurs an der Akademie des Nachrichtendienstes gewesen.

»Das lässt sich doch bestimmt mit Geld regeln?«, sagte Protaschenko versöhnlich.

»Guoanbu könnte nicht mal einen Bruchteil der Summe zahlen, die wir aus der National Bank herausholen werden«, erwiderte der Mann und entsicherte seine Waffe. »Mir ist es egal, ob Sie mir die Dokumente geben oder ob ich sie selbst suche.«

Protaschenko wusste, dass er sterben würde, wenn er die Dokumente herausgab. »Die Unterlagen sind in meiner Tasche. Wer von uns beiden holt sie?« Er zeigte auf den Balkon.

Der Mann antwortete nicht, er starrte den jungen Agenten in Diensten der Chinesen nur an und deutete dann mit seiner Pistole in Richtung Balkon.

Als Protaschenko die Schiebetür öffnete, spürte er das kalte Metall im Genick und fasste einen Entschluss. Seiner Ansicht nach beging der Veteran einen Fehler, wenn er ihm so nahe kam. Er trat über die Schwelle auf den Balkon hinaus und zog mit aller Kraft an der Tür, die den Eindringling an der Schulter |11|traf. Protaschenko drehte sich blitzschnell um, packte den Pistolenlauf und hatte sofort das Gefühl, seinem Widersacher überlegen zu sein.

Doch urplötzlich bohrten sich Finger in seine Augenhöhlen, ein wahnsinniger Schmerz durchfuhr ihn. Er warf sich nach hinten. Seine Beine krachten gegen den Tisch, Glas splitterte und Blut floss warm die Waden hinab. Er griff nach seinem Gegner, bekam ihn aber nicht richtig zu fassen. Eine Weile drehten sich die beiden Männer auf dem Balkon wie bei einem Tango von Piazzolla. Völlig unvermittelt bekam Protaschenko einen wuchtigen Schlag gegen die Brust, fiel rücklings auf das Balkongeländer, verlor das Gleichgewicht und stürzte ins Leere. Er sah gerade noch, dass der Angreifer einen seiner Schuhe packte, verzweifelt streckte der junge Russe den Arm aus und versuchte das Geländer zu erreichen, doch sein Fuß rutschte dem Mann aus der Hand, und man hörte ein ersticktes Röcheln.

Der Dunkelhaarige hielt noch den schwarzen Lederschuh fest und schaute dem hinabstürzenden Protaschenko hinterher, unter ihm lag der Innenhof des Hotels. Seine Arme ruderten durch die Luft. Schreien konnte er nicht. Menschen, die ins Leere fallen, sterben meist durch den Schock, noch bevor sie auf dem Boden aufschlagen

Der Killer fluchte, der Schwall russischer Schimpfworte wollte gar kein Ende nehmen. Protaschenko sollte erst liquidiert werden, wenn die vom »Hund« überbrachten Dokumente gefunden waren. Womöglich hatte er die Unterlagen gar nicht in seinem Zimmer versteckt, was dann? Jetzt konnte er nicht einmal seine Kleidung durchsuchen.

Als draußen ein dumpfes Geräusch und ein Aufschrei zu hören waren, griff der Mann nach Protaschenkos Tasche und öffnete die Schublade des Schreibtischs. Rasch durchsuchte er |12|jeden Winkel des Zimmers und stopfte alle Unterlagen, die er fand, in die Tasche. Er überprüfte jedes mögliche Versteck, beseitigte dann seine Fingerabdrücke und zog die Tür von außen zu.

Er hoffte, die vom finnischen »Hund« übergebenen Dokumente gefunden zu haben, wenn nicht, war er ein toter Mann.

Irgendwo in der Nähe des Hotels heulte eine Sirene auf.

2

Sheila Franklin wischte sich den Schweiß vom milchschokoladenfarbenen Gesicht, bückte sich und ging unter dem Plastikband mit dem Text CRIME SCENE – DO NOT CROSS hindurch in den abgesperrten Bereich zu der Leiche. Nur in einem solchen Augenblick verabscheute sie Miami. Die Drogen aus Lateinamerika überschwemmten das Land, dadurch kam es ständig zu brutalen Zwischenfällen. Zum Glück war wenigstens die Zeit der Hinrichtungen mit der Motorsäge vorbei.

Die Ermittlerin betrachtete das Bündel, das auf der Terrasse des Marriott-Hotels lag, und spürte einen Kloß im Hals. An den Anblick übel zugerichteter Leichen gewöhnte man sich nie. Leute vom Notarzt-Team, Kriminaltechniker und ein Fotograf waren mit dem Toten und dessen Umgebung beschäftigt. Ein Hotelangestellter hatte Gennadi Protaschenko identifiziert.

In der drückenden Hitze stank es widerwärtig nach Exkrementen. In der Todesangst hatte sich der Darm des herabstürzenden Mannes entleert. Zehn Jahre als Ermittlerin in der Mordkommission der Polizei von Miami hatten Sheila Franklin gelehrt, dass dies oft geschah, wenn das Opfer noch begriff, dass es sterben würde. Die gleiche Schweinerei musste nach |13|jeder Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl oder in der Gaskammer beseitigt werden. Kaum ein Mord war so grausam, kaltblütig und durchdacht wie ein vom Staat erlassenes Todesurteil und seine Vollstreckung. Protaschenko hatte bei dem Sturz nur einige Sekunden auf seinen Tod warten müssen, aber in einer Todeszelle konnten Jahre vergehen.

Sheila Franklin bemerkte, dass der Tote nur einen Schuh trug. Der sah riesig aus, noch eine Nummer größer, und man hätte ihn als Kanu verkaufen können. Der andere Schuh war in Protaschenkos Hotelzimmer gefunden worden. Ein Selbstmörder würde sich nicht so gepflegt kleiden und dann nur mit einem Schuh springen. Außerdem war der Balkontisch zerbrochen. Dafür konnte es eine natürliche Erklärung geben: Vielleicht war der Mann auf den Glastisch gestiegen und über das Geländer gestürzt. Wieso fanden sich dann aber überall auf dem Balkon Blutspuren? Die Ermittlerin war sicher, dass es sich nicht um einen Selbstmord handelte.

Warum musste das ausgerechnet heute passieren, wo sie das erste Mal in diesem Jahr einen Kater hatte? Warum hatte sie im »Rusty Pelican« bis in die frühen Morgenstunden so heftig mit diesem Arzt geflirtet? Die Realität ist das einzige Hindernis auf dem Weg zur Glückseligkeit, sagte sich Sheila Franklin, zog die dünnen Gummihandschuhe an und beugte sich über den zerschmetterten Mann. »Darf man den Toten berühren?«, fragte sie die Kriminaltechniker und den Fotografen. Der Arzt war schon gegangen, nachdem er Protaschenkos Tod festgestellt hatte. Genauere gerichtsmedizinische Untersuchungen würden später vorgenommen.

In dem blutbefleckten Seidenjackett steckte innen eine dicke lederne Brieftasche. Die Angaben im Pass bestätigten, dass es sich um Gennadi Protaschenko handelte, und eine Visitenkarte in Englisch verriet, dass er von Beruf Sicherheitsberater war. |14|Der Adresse entnahm Sheila Franklin, dass Protaschenko in der Stadt Helsinki in einem Land namens Finnland wohnte. Sie erinnerte sich nicht, wo Finnland lag, tippte aber schließlich auf Europa. Beim Durchsuchen der sonstigen Taschen des Mannes entdeckte sie nichts Interessantes. Dann fiel ihr Blick auf einen Streifen nackter Haut in der Nabelgegend. Dort klebte irgendetwas Graues. Langsam hob sie den Saum des Hemdes an und sah auf dem Unterleib einen breiten Streifen Panzerband. Sie zog das Band vorsichtig von der Haut ab und fand darunter in Plastikfolie eingewickelte Unterlagen.

»DataNorth. Global software solutions from Finland« las sie im Logo auf dem ersten Blatt. Der Firmenname war Sheila Franklin bekannt: In der letzten Zeit hatten die Analysten den Kauf der Aktien von DataNorth empfohlen. Auf das zweite Blatt hatte jemand mit Bleistift etwas geschrieben, womit sie nichts anfangen konnte, es sah asiatisch aus. War Finnland doch einer der kleinen Wirtschaftstiger aus dem Fernen Osten? Plötzlich spürte sie, dass sie sich übergeben musste. Rasch hob sie das gelbe Absperrband hoch, rannte ein paar Meter bis zum Anlegesteg des Bootshafens und schnappte gierig nach Luft, bis ihr schließlich besser wurde. Es war heiß wie in einem Beduinenzelt. Sie hätte sogar ihren Platz im Himmel für eine eisgekühlte Flasche Dr. Pepper hergegeben.

Zum Glück war sie den Fall bald los. Sie würde das FBI über den Tod des Ausländers unterrichten und die Nationale Sicherheitsbehörde NSA über die Unterlagen der IT-Firma.

Die da oben wussten schon, was zu tun war.

|15|DIENSTAG

3

Die Kinder kreischten vor Freude, als an der Wohnzimmertür eine Gestalt in einem violetten Umhang voller Sterne und Mondsicheln erschien.

Arto Ratamo hatte einen riesigen Zylinder auf und hielt in einer Hand einen dünnen weißen Zauberstab und in der anderen einen kleinen Tisch, der mit einem schwarzen Tuch bedeckt war. Nellis achten Geburtstag feierten eine Schar von Mädchen, ihre Großmutter Marketta Julin und ihr Patenonkel Timo Aalto. Jungen waren von den Damen aus der ersten Klasse nicht zur Feier zugelassen worden.

Ratamo stellte den Tisch ab und bat das Publikum um Ruhe. Dann ließ er seinen Umhang schwingen, hob den Zauberstab hoch und hüpfte gebeugt umher wie ein Schamane aus Lappland. Nachdem er ein paarmal mit tiefer Stimme das dazugehörige Abrakadabra aufgesagt hatte, legte er den Zylinder auf den Tisch, schob die Hand durch versteckte Öffnungen im Zauberhut und in der Tischplatte und zog eine Geige samt Bogen heraus. Die Kinder schauten mit offenem Mund zu und klatschten begeistert. Nelli rannte mit wehendem strohblondem Haar zu ihrem Vater und fiel ihm um den Hals.

»Oh, eine neue Geige! Toll, Vati. Ich muss sie gleich ausprobieren.«

»Warte, bis deine Gäste gegangen sind, Schatz. Dann darfst du noch bis um neun spielen. Denk daran, morgen ist Mittwoch, also Schultag.«

|16|Ratamo sagte, er komme gleich wieder, und ging ins Schlafzimmer. Dort nahm er den Zylinder ab und fuhr sich durch seine widerborstigen kurzen schwarzen Haare. Er legte den Zauberumhang zusammen und setzte sich auf die Bettkante, jetzt brauchte er erst einmal etwas Ruhe. Es strengte ihn an, die herumtobenden Kinder zu beaufsichtigen. Solch ein Trubel war nichts für ihn, aber es tat ihm gut, zu erleben, wie Nelli sich freute. Nach dem Tod der Mutter hatte das Mädchen nicht ein einziges Mal so glücklich ausgesehen. Und seit Kaisas Ermordung waren immerhin schon anderthalb Jahre vergangen.

Einmal mehr konnte Ratamo die schlimmen Erinnerungen nicht beiseiteschieben. Im vorletzten Sommer hatte man seine Familie zu einer Irrfahrt durch die Hölle gezwungen. Ein durchgedrehter finnischer General wollte das in Finnland gefundene Ebola-Virus und das von Ratamo entwickelte Gegenmittel an Terroristen verkaufen. Seine Frau hatte man erschossen und Nelli schließlich gekidnappt. Dabei war sie schwer verletzt worden. Angst und Bedrängnis überkamen ihn wieder, als er daran dachte, was er damals in dem Glauben, seine Tochter sei gestorben, empfunden hatte.

Das Kind war schnell genesen, aber schon bald bemerkte Ratamo, dass Nelli ihre ganze Zeit mit ihm verbringen wollte und außer ihrer Großmutter Marketta alle anderen Menschen mied. Im letzten Sommer hatte er auf Anraten von Nellis Therapeutin beschlossen, etwas dagegen zu unternehmen. Sein Antrag auf einen Monat Pause in dem auf ihn zugeschnittenen Studium an der Polizeischule wurde genehmigt, und so war er mit seiner Tochter nach Vietnam gefahren. Er wollte schon lange einmal in die Gegend zurückkehren, in der er als junger Mann die zwei besten Jahre seines Lebens verbracht hatte. Nelli war aus ihrem Panzer herausgekommen, als sie die berühmte Sehenswürdigkeit von Hanoi, das Wasserpuppentheater, |17|und später die Elefanten, Nashörner und Tiger im Nationalpark Nam Cat Tien im zentralvietnamesischen Hochland erlebte. Auch Ratamo selbst hatte die Reise gefallen, obwohl sie nur zu den Orten für Touristen gefahren waren, damit Nelli nicht zu viele Bettler und verstümmelte Kriegsopfer sah.

Zu seinem Kummer hatte sich das Mädchen im Laufe des Winters jedoch wieder in sich zurückgezogen. Ratamo überlegte, ob das Kind so wie er deprimiert war, weil es um sich herum nur griesgrämige Finnen sah, die unter der Dunkelheit im Winter litten. Vielleicht fände Nelli durch das Geigenspiel neue Freunde. Er nahm sich vor, in Erfahrung zu bringen, ob er seine Tochter schon im Juniororchester der Musikschule anmelden könnte, und kehrte dann zu den Geburtstagsgästen zurück.

Die jungen Damen spielten im Wohnzimmer, zeigten aber schon deutliche Ermüdungserscheinungen. Ratamo rief alle an den Tisch: Die Leckerbissen mussten aufgegessen werden. Er wusste, dass die Kinder mit vollem Magen keine Lust mehr haben würden herumzutoben.

Als auch das letzte Stück Kuchen verspeist war und Ratamo die Reste der Limonade eingoss, war es schon fünf vor acht, und der erste Vater kam seine Tochter abholen. Die Kinder, die in der Nähe wohnten, durften allein nach Hause gehen.

Nachdem das letzte Mädchen verabschiedet war, erklang aus Nellis Zimmer ein ohrenbetäubendes Kratzen. Sie probierte ihre neue Geige. Ratamo ging zu ihr, sagte ein paar aufmunternde Worte und schloss dann die Tür. Er war glücklich, dass Nelli überhaupt musizieren konnte. Gleich nach ihrer schweren Verletzung in jenem Sommer schien es so, als hätte ihr Gehör bleibenden Schaden genommen, aber zur Überraschung der Ärzte war nun alles wieder völlig in Ordnung. Schon bald nach ihrer Genesung begeisterte sich seine Tochter für Musik. |18|Das war dem Vater mehr als recht, vor allem weil Nelli versprochen hatte, nicht mehr um einen Hund zu betteln, wenn sie Geigenunterricht nehmen durfte. Ratamo mochte Hunde, wollte aber im Steindschungel des Stadtzentrums kein Tier halten. Später hatte er festgestellt, dass man eine Geige zwar nicht ausführen musste, dafür jaulte sie aber lauter als jeder Hund.

»Darf ich etwas Stärkeres als Jaffa anbieten?«, fragte er im Wohnzimmer Marketta und Aalto.

Marketta wollte noch Kaffee, und Aalto schüttelte den Kopf, obwohl er in der Regel immer Bier trank, wenn sich die Gelegenheit dazu bot. Der Hausherr ging in die Küche und hörte, wie sich seine Ex-Schwiegermutter nach Timos Befinden erkundigte.

»… und letzte Woche konnte ich das erste Mal seit einem halben Jahr einen Ausflug machen, um Vögel zu beobachten. Das musste sein. In die Nähe von Raahe hatte sich nämlich eine Pagophila eburnea verirrt – eine Elfenbeinmöwe. Deren nächstgelegene Nistplätze befinden sich auf Spitzbergen«, erzählte Aalto gerade voller Begeisterung, als Ratamo mit dem Tablett in der Hand zurückkam.

Marketta trank ihren Kaffee rasch aus. »Arto, vergiss nicht, Nelli ein schwarzes Kleid für das Begräbnis zu kaufen«, sagte sie beim Aufstehen. »Und vielen Dank für die Bewirtung. Den Kindern hat es ja anscheinend wirklich großen Spaß gemacht.«

Das Begräbnis seiner Großmutter hatte Ratamo für die Zeit der Geburtstagsfeier verdrängt. Ihm fiel ein, dass Marketta nicht viel jünger als seine Oma war. Woher nahm die verwitwete siebzig Jahre alte Ex-Schwiegermutter nach dem Verlust ihres einzigen Kindes diese Lebensfreude? Markettas Vorbild gab ihm in schwierigen Zeiten Kraft.

»So, Himoaalto. Wie wär’s mit einem Calvados?«, sagte Ratamo.

|19|»Wahrscheinlich ist es besser, wenn ich auch gehe. Sonst kriege ich Ärger, weil ich schon wieder nicht zu Hause bin. Außerdem bin ich vom Flug noch müde. Ich habe in der Maschine nur zwei Stunden geschlafen, und wenn ich mich heute Mittag hingelegt hätte, wäre mein Rhythmus endgültig durcheinandergeraten. Aus irgendeinem Grund ist es verdammt anstrengend, in Richtung Osten zu fliegen«, erwiderte Aalto und gähnte. Er war am Morgen von einer Datenschutzkonferenz aus Miami zurückgekehrt.

»Na, dann gehen wir eben morgen Abend nach langer Zeit mal wieder gemeinsam in die Sauna. Und vorher laufen wir eine Runde«, schlug Ratamo vor.

»Einem gesunden Mann reicht als körperliche Betätigung der Sprung auf die Sportseiten in der Zeitung«, entgegnete Aalto, während er seinen Anorak überzog. Draußen herrschte schon seit vielen Tagen klirrender Frost.

Als Ratamo hörte, wie die Wohnungstür geschlossen wurde, gönnte er sich ein Glas von seiner Neuentdeckung, dem Ålvados-Calvados von den Ålandinseln. Himoaaltos Verhalten fand er seltsam. Sie hatten den Kindergarten und die Schule bis zum Abitur gemeinsam besucht und in den gleichen Vereinen Sport getrieben. Sie waren wie Brüder und hatten immer engen Kontakt gehalten, bis zum vergangenen Jahr, als Timo seine kleine Softwarefirma an SH-Secure verkauft und dafür einen Haufen Geld, Aktienoptionen und den Posten des Direktors für Software bekommen hatte. Die Aktien des Datenschutzunternehmens waren kurz darauf wegen irgendeines Kooperationsvertrags in die Höhe geschnellt. Timo arbeitete fast rund um die Uhr, rief nie an und war immer müde und gereizt. Stand er kurz vor dem Burn-out, oder hatte er ihn aus seinem Bekanntenkreis gestrichen? Sein bester Freund war doch nicht etwa ein neureicher Emporkömmling geworden, der seine Freunde wie |20|die Autos wechselte? Es fiel ihm schwer, das zu glauben, Timos Verhältnis zum Geld war immer so gewesen wie das eines Eunuchen zu Frauen. Einzelheiten zum Verkauf der Firma kannte Ratamo nicht, denn über ihre Arbeit redeten sie nie.

Der Ålvados schmeckte überraschend weich. Durch den Apfelschnaps zirkulierte das Blut schneller, die wohltuende Wärme entspannte die Muskeln, und Ratamos Appetit auf Tabak nahm zu. Er holte aus dem Kühlschrank eine Dose mit gewürztem Kautabak der Marke »General«, schob zwei der kleinen Röllchen unter die Oberlippe und ließ sich in den Biedermeiersessel fallen, den er eine Woche zuvor bei einer Versteigerung erworben hatte. Die Federn gaben nach, die Beine wackelten, und eine Staubwolke stieg auf. In der Stube hing der Geruch vergangener Jahrzehnte.

Kurz nach dem Tod seiner Frau hatte Ratamo eine Dreizimmerwohnung in der Korkeavuorenkatu gekauft, nur ein paar hundert Meter entfernt von seinem früheren Zuhause, mit dem so schreckliche Erinnerungen verbunden waren. Die vertraute Gegend hatte er aber trotzdem nicht verlassen wollen. Vom Erlös des Verkaufs der alten Wohnung war auch noch Geld für die Ausstattung der neuen übrig geblieben. Die von einem Freund Kaisas entworfene moderne minimalistische Inneneinrichtung war Ratamo immer zuwider gewesen, deshalb hatte er sich ernsthaft und intensiv bemüht, das neue Zuhause nach seinem Geschmack einzurichten. Als allererstes hatte er sich ins Bad eine kleine Sauna einbauen lassen und für die Küche einen zweiteiligen Weintemperierschrank angeschafft. Die bei Versteigerungen gekauften Möbelstücke und Dekorationsgegenstände überall in der Wohnung waren alle sehr eigentümlich und in schlechtem Zustand, und sie passten zusammen wie Grießbrei und saure Gurke.

Als die Geige besonders laut kreischte, schreckte Ratamo |21|aus seinen Gedanken auf. Nelli zähmte ihr Instrument mit solch bewundernswerter Energie, dass Ratamo beschloss, eine CD von J. J. Cale aufzulegen.

Die Gipsbüsten von Lenin und Elvis, die er im Antiquitätenkeller »Holzwerkstatt« gefunden hatte, starrten einander auf dem Fensterbrett an. Ratamo bekam immer gute Laune, wenn er sie betrachtete. Der Ruhm der Legenden war unsterblich, und beide waren von Millionen Menschen verehrt worden. Er fand die zwei Gestalten irgendwie amüsant: Der eine hatte die Massen durch seine Reden in einen Rausch versetzt, der andere durch seinen Gesang. Ratamos Ansicht nach war Elvis der größere von beiden: Er hatte seinen Anhängern Freude geschenkt.

Wie aus dem Nichts tauchte Nelli vor ihm auf und unterbrach seine Gedanken. Sie runzelte die Stirn und schaute ihn mit enttäuschter Miene an.

»Eine Saite ist gerissen!« Ratamo nahm sie in den Arm und kitzelte Nellis Wange mit seinen pechschwarzen Bartstoppeln. »Die wechseln wir morgen früh. Jetzt werden die Zähne geputzt.«

|22|MITTWOCH

4

Der Beratungsraum A 310 war der sicherste Ort im Hauptgebäude der SUPO in der Ratakatu 12. Er konnte nicht mit elektronischen Mitteln ausspioniert werden. Fußboden, Decke und Wände des fensterlosen Raumes waren mit schalldämmendem Kunstfasermaterial laminiert, darunter lagen drei Korkplattenschichten mit Kupferblech und dann noch eine dicke Betonplatte. Das Pfeifen und Rauschen der Heizkörper hörte man aber trotzdem. Die Zentralheizung arbeitete auf Hochtouren, denn die Außentemperatur betrug achtzehn Grad minus.

In A 310 saßen drei erschöpfte Polizisten und warteten schweigend auf ihren Chef Jussi Ketonen. Der ovale Beratungstisch war vollgepackt mit Unterlagen. Die Besprechung sollte um zehn beginnen, aber es war schon fast viertel elf.

Am Montagabend hatte das FBI der finnischen Kriminalpolizei mitgeteilt, dass man in Miami die Leiche eines in Finnland wohnhaften russischen Sicherheitsberaters gefunden hatte. Am Körper des Toten waren mit Klebeband Dokumente des finnischen Spitzentechnologieunternehmens DataNorth AG befestigt gewesen. Das Unternehmen war das größte europäische Softwarehouse, ein Vorreiter auf dem Gebiet der Softwareentwicklung für das Internet, und trotz der Rezession in der Branche leuchtete sein Stern hell am Himmel des HEX-Tech, des Technologieindexes der Börse von Helsinki, und der New Yorker Technologiebörse Nasdaq. Der Chef der Kriminalpolizei hatte sofort Verbindung zu Ketonen aufgenommen, |23|denn es war eine der Hauptaufgaben der Sicherheitspolizei, Industriespionage gegen finnische Unternehmen zu verhindern. Auch die Feststellung und Abwehr von Gefährdungen und Verletzungen des Datenschutzes in der Internet-Kommunikation gehörten zum Aufgabenbereich der SUPO.

Ketonen hatte am Montagabend seinem Stellvertreter Erik Wrede befohlen, eine Gruppe von Ermittlern zusammenzustellen. Genau wie das FBI hatte die SUPO den Verdacht, dass es sich um Industriespionage handelte. Auch die Nationale Sicherheitsbehörde NSA, die für die Datensicherheit in den Vereinigten Staaten verantwortlich war, interessierte sich für den Fall. Die NSA befürchtete, einer der zahlreichen amerikanischen Kunden von DataNorth könnte Opfer eines IT-Verbrechens werden. Die Ermittlungen im Mordfall Protaschenko waren ausschließlich Sache des FBI, weil der Mann in den Vereinigten Staaten umgebracht worden war.

Ab Dienstagabend lagen die Berichte des FBI und der NSA vor, nun konnten sich die Ermittler der SUPO mit dem Fall vertraut machen. Die ganze letzte Nacht hatten sie die Unterlagen studiert.

Ermattet hockten sie auf ihren Stühlen, richteten sich aber auf, als der kleingewachsene Ketonen geräuschvoll den Raum betrat.

»Du kommst übrigens eine Viertelstunde zu spät«, bemerkte Erik Wrede. Der etwa vierzig Jahre alte Leiter des operativen Bereiches war der erfahrenste Mann in der Ermittlungsgruppe. Und der Einzige, der es wagte, dem Chef zu widersprechen.

Jussi Ketonens Autorität war unerschütterlich. Er hatte mehr Jahre in der SUPO hinter sich, als alle Mitglieder der Gruppe zusammen. Der Workaholic, der auf das Rentenalter zuging, war ein jovialer Mann mit Sinn für Humor, aber im Ernstfall stellte er als Vorgesetzter hohe Anforderungen.

|24|»Ist alles in Ordnung?«, entgegnete Ketonen in aller Ruhe und schob die Hände unter seine Hosenträger. »Was habt ihr herausgefunden?« Ächzend setzte er sich auf den Platz an der Stirnseite des Tisches und öffnete den obersten Knopf seiner Hose, die über dem Bauch spannte.

Wrede sprang so heftig auf, dass seine roten Haare flatterten. »Alle Dateien von DataNorth werden sehr streng überwacht, damit es nicht zu einem neuen Datendiebstahl kommt. Der Generaldirektor der Firma ist schockiert und außerordentlich kooperativ. Er behauptet, DataNorth wäre erledigt, wenn sich in dieser konjunkturellen Situation auf dem Markt herumspräche, dass es in der Firma eine undichte Stelle gibt.« Zwischen Protaschenkos Tod und der Warnung an DataNorth lagen nur ein paar Stunden. Das Unternehmen habe bei einer Prüfung festgestellt, dass in dieser Zeit keine seiner Daten kopiert oder gestohlen wurden. Die vorläufigen Ermittlungsberichte des FBI und der NSA seien von der Gruppe durchgearbeitet worden.

»Der tote Russe ist kein geringerer als der ehemalige SVR-Mitarbeiter Gennadi Protaschenko. An seinem Hals und an den Augen fand man Spuren von Gewalt, in dem Hotelzimmer hat es einen Kampf gegeben. Das FBI hält es für sicher, dass der Mann ermordet wurde.« Wrede berichtete noch, niemand wisse, was Protaschenko nach dem Ausscheiden aus dem russischen Auslandsnachrichtendienst SVR gemacht habe, dann schwieg er und wartete auf Ketonens Fragen.

»Was ist diese DataNorth für eine Firma?«, fragte Ketonen und starrte Riitta Kuurma an. Die Ermittlerin aus der Sicherheitsabteilung trug ein elegantes blaues Tuch um den Hals und ließ ein Perlenband über ihre Handfläche gleiten.

Sie gab eine kurze Zusammenfassung der Informationen über DataNorth. Der Umsatz des Softwarehouses lag im vergangenen |25|Jahr bei mehr als zwanzig Milliarden Finnmark und wuchs weiter. Das IT-Unternehmen hatte seinen Absatz in den letzten fünf Jahren verdoppelt und beschäftigte in Finnland über viertausend Mitarbeiter. Repräsentanzen und Kooperationsunternehmen hatte DataNorth überall auf der Welt, weil viele Staaten den Kauf von Verschlüsselungstechnik im Ausland untersagten. DataNorth bot Großunternehmen verschiedene Softwarekomplexe und Web-Systeme mit dem dazugehörigen Supportservice an. Das Verschlüsselungsprogramm Inferno gehörte zu den meistverkauften Produkten der Firma, ein Großteil der Kunden kam aus Nordamerika. Mittlerweile war DataNorth das zweitgrößte finnische Unternehmen auf dem Gebiet der Informationstechnologie und eine der Säulen der Helsinkier Börse. Man erwartete, dass es sich zu einem neuen Nokia entwickelte. Die Börsenanalysten und die Presse beobachteten das Unternehmen mit Adleraugen.

Riitta Kuurma schaute von ihren Unterlagen auf und sah ihre Kollegen mit ernster Miene an. »Der Generaldirektor von DataNorth hat in der Tat Anlass zur Besorgnis. Ich habe mich mit einem Analysten, den ich kenne, unterhalten. Wegen der gegenwärtigen Probleme der IT-Unternehmen reagieren ihre Aktienkurse äußerst empfindlich auf schlechte Nachrichten. Wenn es bei DataNorth einen Datendiebstahl gegeben hat, kann das zum Ruin der Firma an der Börse führen, und viele ihrer Zulieferer würden mit in den Abgrund gerissen. Der addierte Wert der Aktien aller Informationstechnologieunternehmen beträgt heute immer noch mehr als die Hälfte des Wertes der Helsinkier Börse. Eine Krise der IT-Branche wäre fast dasselbe wie eine Krise ganz Finnlands.«

»Ich bin mir der Risiken bewusst«, erwiderte Ketonen trocken und wandte sich Anna-Kaisa Holm zu. »Hast du die Unterlagen geprüft, die bei Protaschenko gefunden wurden?«

|26|Die Computerspezialistin schob ihre runde Brille höher, hustete und fuhr mit den Fingern durch ihre blonde Bubikopffrisur. Sie war erst Anfang Dezember Chefin der Abteilung für Informationsmanagement geworden und fühlte sich in ihrer neuen Stellung immer noch unsicher.

Ketonen lächelte ihr aufmunternd zu. Viele Kollegen waren verärgert gewesen, als er die schüchterne und ständig kränkelnde junge Frau, die erst seit ein paar Jahren im Haus arbeitete, zur Vorgesetzten ernannt hatte, aber er brauchte seinen Entschluss bisher nicht zu bereuen. Die Bedeutung der elektronischen Spionage war in den letzten Jahren sprunghaft gestiegen, und Anna-Kaisa Holm galt auf diesem Gebiet in Finnland als absolute Spitzenkraft. Außerdem besaß sie Willensstärke und Durchhaltevermögen. Trotz ihres Asthmas und ihrer Allergie fehlte sie nie.

»Die Dokumente, die auf Protaschenkos Bauch klebten, enthalten detaillierte technische Daten des Erfolgsprodukts der DataNorth AG, des Verschlüsselungsprogramms Inferno«, sagte Anna-Kaisa Holm zum Auftakt.

Wrede lachte. »Warum nehmen die keinen finnischen Namen? ›Hölle‹ hört sich doch originell an.«

»Der Großteil der Inferno-Software wird ins Ausland verkauft«, erwiderte Riitta Kuurma gelassen.

Anna-Kaisa Holm lächelte nicht. »Bei Protaschenko wurden auch Daten von Charon gefunden, dem Authentifizierungssystem von Inferno. Charon prüft die Nutzerkennung und das Passwort.« Ihre Kollegen wunderten sich wieder über den exotischen Namen und wurden von ihr aufgeklärt: Charon sei in der antiken Mythologie der gebrechliche Fährmann, der die toten Seelen auf dem Fluss Styx in den Hades übersetzte. Aus irgendeinem Grund bevorzuge man in der Branche aggressive und mythische Softwarebezeichnungen. Die renommierteste |27|technische Universität der Welt, das MIT, habe das von ihr entwickelte Authentifizierungsverfahren Kerberos genannt, nach dem dreiköpfigen Hund, der in den antiken Mythen das Tor zur Hölle bewachte. Und das FBI nutzte ein Programm, dessen Name Fleischfresser bedeutete. Carnivore suchte im Internet Spuren krimineller Kommunikation …

»Gibt es auch ein Programm, das ›Alter Klumpfuß‹ heißt?«, unterbrach Wrede sie. Er nutzte jede Gelegenheit, seine Kollegin aufzuziehen. Anna-Kaisa war so schüchtern, dass sie es nie mit gleicher Münze heimzahlte.

»Kommen wir mal wieder zur Sache. Was ist dieses Inferno?«, fragte Ketonen gut gelaunt, und Anna-Kaisa Holms Anspannung schien zu weichen.

Inferno sei eine von DataNorth entwickelte Verschlüsselungssoftware, berichtete sie. Damit könne jedes beliebige Unternehmen die Datensicherheit in seinem ganzen Netz von einem zentralen Punkt aus gewährleisten und überwachen. So sei es möglich, Daten weltweit sicher zu übermitteln. Inferno schütze jeden Datenübertragungsvorgang. Es sei in sechsundvierzig Länder und an über tausend Kunden verkauft worden, unter denen sich zahlreiche Großunternehmen, internationale Banken, Versicherungskonzerne, Börsen und andere Unternehmen befanden, die gewaltige Geldmassen verwalteten. Inferno bestand aus mehreren Programmen, von denen Charon das Wichtigste war.

»Irgendjemand will möglichst viele technische Details von Inferno herausfinden«, sagte Anna-Kaisa Holm und war selbst überrascht, wie einfach und leicht verständlich sie sich ausgedrückt hatte. Es war schwierig, Laien Dinge zu erklären, die mit Computern zusammenhingen. DataNorth habe, so fuhr sie fort, Inferno in Zusammenarbeit mit zwei anderen Firmen, Finn Security und SH-Secure, entwickelt. Auch die Leitung |28|dieser Unternehmen sei aufgefordert worden, ihre Maßnahmen zum Datenschutz extrem zu intensivieren.

»Außerdem wurde bei Protaschenko ein etwa fünfzehn Zentimeter langes Stück eines Codes gefunden«, sagte sie zum Schluss.

Ketonen schien verblüfft zu sein. »Was ist das?«

Anna-Kaisa Holm starrte auf ihre Schuhspitzen. »Das konnte der Generaldirektor von DataNorth nicht erklären. Der Mann ist Firmendirektor und kein IT-Profi. Nach Ansicht der Abendzeitungen scheint er sich in letzter Zeit mehr mit Motorrädern und Models zu befassen als mit dem Geschäftsalltag in der Firma. Die Bedeutung des Codes könnte sich heute um ein Uhr bei DataNorth klären, dann ist der für Inferno verantwortliche technische Direktor anzutreffen.«

Wrede meldete sich zu Wort. »Ich vergaß zu erwähnen, dass am Montag drei Mitarbeiter der Firmen, die Inferno entwickelt haben, in Miami waren. Unsere Abteilung für Sicherheitsüberprüfungen hat in den letzten vier Jahren für alle drei immer eine makellose Bestätigung der Vertrauenswürdigkeit ausgestellt, und auch danach haben sie keine Dummheiten gemacht.« Er bemerkte, dass sein Westover Unebenheiten zeigte, er hatte ihn zu hastig übergezogen und dabei das Hemd darunter zerknautscht.

Es lag auf der Hand, dass sie es mit einem Fall von Industriespionage großen Kalibers zu tun hatten, das wurde Ketonen klar. Würden sie unter den Mitarbeitern des finnischen Unternehmens einen Spion finden? Bekäme der Fall »Wärtsilä Finland« eine Fortsetzung? Er fragte Anna-Kaisa Holm noch, wofür ihrer Ansicht nach jemand die Inferno-Daten haben wollte.

Es gebe zwei Alternativen, antwortete sie. Möglicherweise wolle der Dieb eine Verschlüsselungssoftware der Spitzenklasse |29|stehlen, um sie ein wenig abgeändert in den Entwicklungsländern zu verkaufen, wo das Interesse der Unternehmen für Fragen des Datenschutzes erst allmählich erwachte. Da böte sich ein riesiger Markt. Oder der Dieb plante über das Inferno-Programm einen Einbruch in die Dateien irgendeines Großunternehmens.

Im Raum herrschte für einen Augenblick völliges Schweigen.

»Wollt ihr etwas über die Beweislage hören?«, fragte Riitta Kuurma, und Ketonen nickte.

»In Protaschenkos Taschenkalender fand sich eine Eintragung über ein Treffen um neun Uhr, eine Stunde vor dem Mord. In der russischen Sprache gibt es drei Geschlechter, und das Pronomen in dem Satz verriet, dass es eine Frau war, die Protaschenko treffen wollte.«

Ketonen ließ die Hosenträger knallen. »Menschenskind. Ihr habt ja über Nacht Wunder vollbracht.«

»Und das ist noch nicht alles«, fuhr Riitta Kuurma fort. »In den Unterlagen von DataNorth fanden sich Notizen in Vietnamesisch.«

»Wir suchen also eine Frau, die Protaschenko kurz vor seinem Mord getroffen hat, und einen Vietnamesen oder zumindest jemanden, der Vietnamesisch kann.« Ketonen überlegte einen Augenblick und gab dann energisch seine Anweisungen. Er selbst würde sich um die Information und Berichterstattung kümmern.

Riitta Kuurma erklärte, bei dem Treffen mit dem Direktor von DataNorth brauche sie Anna-Kaisa Holm. Von den Feinheiten der Informationstechnologie habe sie nicht die geringste Ahnung.

Der Chef beendete die Besprechung. Als Letzter verließ Wrede den Beratungsraum, den Blick auf Riitta Kuurmas Hinterteil geheftet.

|30|Ketonen fragte sich verwundert, wie es kam, dass die Männer Riitta Kuurma hinterherschauten? Was fanden sie an einer Frau, die ständig an ihrem Perlenband herumfingerte und immer so ruhig wirkte wie der Abend eines heißen Tages. Anscheinend stand die dreißigjährige dunkelhaarige und ungeschminkte Frau für eine moderne Auffassung von Schönheit, die ihm fremd war.

 

Jussi Ketonen ging auf dem breiten Flur im alten SUPO-Hauptgebäude so rasch zu seinem Zimmer, dass die Gummisohlen quietschten. Der Mann, der es hasste, im Büro zu sitzen, wäre an einem normalen Arbeitstag mindestens einmal für ein Schwätzchen stehengeblieben, aber jetzt musste er in Ruhe nachdenken.

An seiner Zimmertür hörte man schon ein Kratzen, noch bevor er die Hand auf die Klinke legte. Musti erkannte die Schritte ihres Herrchens bereits von weitem. Ketonen kraulte den alten hellen Labrador. Dann setzte er sich in seinen Ledersessel, legte die Füße auf die Schreibtischkante und steckte sich einen Kaugummi in den Mund. Der neunte Tag, an dem er nicht rauchte, war genauso qualvoll wie alle anderen. Er entspannte sich, als er die Wirkung des Nikotins spürte.

Die finnischen Spitzentechnologieunternehmen wurden immer unverschämter ausspioniert. In wessen Auftrag hatte Protaschenko gearbeitet? Der Mann war doch nicht etwa als Freelancer für den SVR aktiv gewesen? Schon vor Jahren hatte man die Industriespionage per Gesetz zur Hauptaufgabe des russischen Auslandsnachrichtendienstes gemacht, aber Ketonen schien es so, als habe sich die Situation noch verschlimmert, nachdem der ehemalige KGB-Agent Wladimir Putin in Russland die Zügel in die Hand genommen hatte.

Ketonen überlegte, ob FAPSI, der Telekommunikationsdienst |31|der russischen Regierung, in die Dateien von DataNorth eingebrochen war. Ein kleines Land wie Finnland besaß nicht die Möglichkeiten, dem Aufklärungspotential solch einer großen Organisation etwas entgegenzusetzen. FAPSI verfügte für die Übermittlung und Sammlung von Daten über ein eigenes Satellitennetz. In seiner Heimat durfte der Dienst ganz legal Industriespionage betreiben: Er war berechtigt, den elektronischen Kommunikationsverkehr der russischen Unternehmen und sogar die Internetanschlüsse von Privatpersonen zu überwachen. Ketonen nahm sich jedoch vor, den Russen nichts vorzuwerfen, solange es keinen Anlass dafür gab.

Vom Skilaufen am Vortag waren seine Rückenschmerzen stärker geworden, deswegen machte er ein paar Dehnübungen, die er aus einem Yogabuch gelernt hatte. Dabei war ihm allerdings der Rettungsring um die Taille im Wege. Yoga entspannte seinen Rücken besser als Massage und war auch billiger. Im Geiste dankte er seinem Nachbarn. Reiska hatte ihm im letzten Sommer geraten, mit ihm einen Yogakurs zu besuchen, den Studenten der TH organisierten. Damals war Ketonens Bandscheibenvorfall gerade schlimmer und äußerst schmerzhaft geworden. Er hatte das aber strikt abgelehnt. Der Chef der SUPO konnte sich nicht bei Zeremonien obskurer fanatischer Vegetarier sehen lassen. Reiska hatte ihm jedoch ein paar Übungen beigebracht, und die waren so wirkungsvoll gewesen, dass er ein von seinem Nachbarn empfohlenes Yogabuch gekauft hatte. Allmählich wurde er zu einem Experten für Iyengar-Yoga.

Ketonen hatte gelernt, sich auf seinen Instinkt zu verlassen, der sich in über dreißig Jahren Polizeiarbeit entwickelt hatte und ihm jetzt sagte, dass etwas wirklich Großes im Gange war. Er fürchtete, dass es tatsächlich so war – und gleichzeitig hoffte er es. Seine Abende verbrachte der Witwer am liebsten mit |32|einem anspruchsvollen Fall. Urplötzlich fiel ihm etwas ein, und er sprang so ungestüm auf, dass Musti in ihrem Korb zusammenzuckte.

Arto Ratamo konnte Vietnamesisch!

5

Irina Iwanowa lächelte, als die schwarze Dame auf d5 rückte. Mit ihrer königsindischen Angriffstaktik hätte sie ihren Gegner nach ein paar Zügen matt setzen können. Tang Wenge, Handelsattaché der chinesischen Botschaft in Finnland, war ein erbärmlicher Schachspieler. Er beherrschte nur die sizilianische Verteidigung. Doch im Xiangqi, dem chinesischen Schach, sei er ein Meister, behauptete Tang. Das bezweifelte Irina, denn der Mann machte nicht den Eindruck, als wäre er eine große Leuchte. Es war halb eins, Grund zur Eile bestand nicht. Sie warteten in Tangs Dienstwohnung in Oulunkylä auf neue Nachrichten zum Fall Inferno. Irina hatte sich geweigert, in die chinesische Botschaft zu kommen, weil sie vermutete, dass die SUPO das Gebäude schon bald überwachen lassen würde wie ein Sultan seinen Harem.

Tang Wenge konzentrierte sich ganz auf die Jiaozi, die er gierig verschlang. Er hatte den Küchenchef der Botschaft gebeten, ihm schon jetzt das spezielle Essen für das chinesische Neujahrsfest zuzubereiten, obwohl das erst in zwei Wochen, am 12. Februar, gefeiert wurde. Das Jahr 4700, ein Jahr des Pferdes, würde für ihn ein gutes werden: Da er 1954 geboren war, stand er von seinem Horoskop her im Zeichen des Pferdes.

In Helsinki gab es den ersten brisanten Aufklärungsfall, seit Tang Chef der Filiale von Guoanbu in Finnland war. Der Chinese wirkte nervös. Er fürchtete, es könnte ein Fehler gewesen |33|sein, dass er im Sommer 2000 zwei Russen angeworben hatte, die neben anderen Agenten von der Abteilung des SVR in Helsinki entlassen worden waren. Er hatte Irina Iwanowa und Gennadi Protaschenko als Mitarbeiter ausgewählt, weil sie einigermaßen Finnisch sprachen, das Land, die Sitten und Gebräuche kannten, schon Kontakte besaßen und wie Finnen aussahen. Ein Chinese hingegen fiel in Helsinki immer noch auf wie ein Strauß im Hühnerstall. Guoanbu hatte Filialen in einhundertneunundsiebzig Städten in fünfundfünfzig Ländern, und der größte Teil von ihnen beschäftigte Arbeitskräfte aus dem jeweiligen Land.

Finnland war ins Visier der Industriespionage von Guoanbu geraten, nachdem Wen Ho Lee, ein Mitarbeiter im Atomlabor von Los Alamos, 1999 wegen der Weitergabe von Informationen über das US-Kernwaffenprogramm an China gefasst worden war. Daraufhin hatten die USA die Überwachung ihrer Spitzentechnologieunternehmen extrem verschärft, und Guoanbu war gezwungen gewesen, auf andere Länder auszuweichen, die in der Informationstechnologie eine Vorreiterrolle spielten. Ihn hatte man nach Finnland abkommandiert. Die Machthaber hinter den Mauern von Zhongnanhai in Peking erwarteten voller Ungeduld Ergebnisse. Tang legte seine Stäbchen auf den Porzellanteller, wischte sich den Mund am Ärmel ab und klopfte mit dem Finger auf den Rand des hölzernen Schachbretts.

Irina wickelte Machorka in Rizla-Papier, leckte den Rand an und rollte die Zigarette mit den Fingern, bis die dichte, feste Samokrutka fertig war. Verglichen mit ihrem kräftigen, vollen und würzigen Geschmack erinnerte der dünne Rauch westlicher Zigaretten an Wasserdampf. Sie betrachtete ihren Arbeitgeber mit undurchdringlicher Miene und dachte einmal mehr, dass sein aufgedunsenes und rundes Gesicht wie das |34|eines Riesenbabys aussah. Irina hasste an Tang alles. Der fette Aufklärungschef hatte schlechte Manieren, trank zu viel, stank nach Schweiß und behandelte Frauen wie Gegenstände. Wenn sie mit ihm schlief, wurde ihr übel. Manchmal schämte sie sich, was sie alles zu tun bereit war, nur um des Geldes und der Karriere willen. Aber die Befriedigung von Tangs Gelüsten war der Preis für die Macht. Der Mann tanzte nach ihrer Pfeife wie ein Zirkuspferd. Irina hoffte, dass sie bald die Gelegenheit erhalten würde, sich seiner noch schamloser zu bedienen, als er es mit ihr tat.

Die Musik war zu Ende, und Tang ließ die CD noch einmal laufen. Wenn Li Xiangting auf der Qin-Zither uralte chinesische Melodien spielte, fühlte er sich wie zu Hause in Harbin. Doch auch die Musik ließ ihn nicht vergessen, was für eine Katastrophe Protaschenkos Tod bedeutete. Die Idee zu dem Datendiebstahl stammte von dem Russen. Vor einem Jahr hatte er dafür den »Hund« angeworben, einen finnischen Topexperten. Irgendwie war es dem »Hund« gelungen, in das Authentifizierungssystem Charon des Inferno-Programms der National Bank eine versteckte Hintertür einzubauen, durch die man Zugang zu den Konten aller Kunden des Wiremoney-Programms der Bank erhielt.

Wiremoney war das mit Windows arbeitende Programm der National Bank für den elektronischen Zahlungsverkehr von Unternehmen und Privatkunden. Man konnte es von jedem Internetanschluss aus nutzen. Es akzeptierte fast alle bekannten Valuten, und mit ihm ließ sich Geld weltweit an nahezu jede beliebige Bank überweisen.

Wer diese Hintertür kannte, hatte ausreichend Zeit, in Wiremoney sein Unwesen zu treiben und eine Milliarden-Beute zu machen. Zu stehlen gäbe es bei der National Bank genug. Das Aktienkapital der drittgrößten Bank der Welt und der zweitgrößten |35|der USA betrug fünfundvierzig Milliarden Dollar und der Gewinn im Vorjahr belief sich auf 6,9 Milliarden Dollar. Die National Bank besaß eintausendeinhundert Filialen und dreitausendzweihundert Bankautomaten in vierundvierzig Ländern. Sie hatte über zehn Millionen Kunden beim Onlinebanking. Insgesamt verfügten all ihre Kunden über neunundachtzig Millionen Kreditkarten und fünfundzwanzig Millionen Konten.

Vor einer Woche hatte Protaschenko die für den Raub erforderlichen Kontendaten und Kundennummern hunderter Kunden der National Bank von einem bestochenen Angestellten der Bank erhalten.

Am Montag hatte der »Hund« Protaschenko in Miami technische Daten von Inferno und Charon übergeben. Und das Passwort, einen langen Code, mit dem man durch die Hintertür Zugang zu Wiremoney erhielt. Ohne das Passwort ließ sich die Hintertür nicht benutzen, doch jetzt befand es sich nach den Informationen der Technologieabteilung von Guoanbu in den Händen des FBI und der SUPO. Der Fall Inferno steckte in einer Sackgasse.

»Ganbei«, sagte Tang wie gewohnt und trank ein Glas Qingdao-Bier. Aus Peking wurden jede Woche zwei Kästen des Getränks geschickt, das seinen Durst stillen sollte.

Wenn Tang wüsste, wer der »Hund« war, hätte er sich das Passwort mit allen Mitteln noch einmal besorgt. Aber für die Inferno-Operation war Protaschenko verantwortlich gewesen, und der hatte alle Informationen zu diesem Fall und zum »Hund« auf neurotische Weise geheim gehalten wie ein eifersüchtiger Liebhaber. Alle für Guoanbu wichtigen Informanten bekamen Decknamen, aber die Angaben zur Person hätten in einem als geheim eingestuften Ordner gespeichert werden müssen. Die Identität des »Hundes« kannte jedoch |36|außer Protaschenko niemand. Der richtige Name seiner Informationsquelle war dem Russen nicht einmal in volltrunkenem Zustand herausgerutscht. Man hatte jeden Millimeter seiner Wohnung unter die Lupe genommen. Vergeblich. Sie wussten nur, dass Protaschenko über Chatgroups im Internet mit dem »Hund« kommuniziert hatte, der auf die E-Mails von Guoanbu jedoch nicht antwortete. Tang hatte zwei Männern befohlen, Protaschenkos Dateien zum Thema »Hund« rund um die Uhr so lange zu suchen, bis sie gefunden wurden.

Der Chinese starrte Irina an wie ein Sklavenhändler und überlegte, warum er die Frau so unersättlich begehrte. Irina war keine strahlende Schönheit, aber ihr Körper glich einer Skulptur: Er war schlank wie der einer Ballerina und dennoch kurvenreich. Und ihre Augen hatten eine hypnotische Wirkung. Die dunkle Iris sah so groß aus wie ein Markstück. Er machte einen Zug mit einem Bauern und beobachtete Irinas Reaktion. Sie kicherte und hüstelte sofort danach. Tang war nicht sicher, ob sie sich nur räusperte oder über seinen Zug lachte.

Es erwies sich als Tangs Pech, dass den »Hund« die Habgier gepackt hatte. Er wollte seine Informationen nun an mehrere Interessenten verkaufen und hatte auch der russischen kriminellen Organisation Swerdlowsk die Übergabe des Passworts zugesagt. Bei der Überwachung des für die Wirtschaft zuständigen Chefs von Swerdlowsk in Moskau hatte die Technologieabteilung der Chinesen von der Sache Wind bekommen. Tang wunderte sich immer noch, dass der »Hund« glaubte, den Verrat überleben zu können.

Irina zündete sich eine neue Samokrutka an und dachte über ihren nächsten Zug auf dem Schachbrett nach. Ihre Nasenlöcher bebten, als sie den Rauch tief einatmete. Ein paar Tabakkrümel blieben an ihrer Lippe hängen. Der beißende Geschmack beruhigte sie.

|37|Tang betrachtete das gerahmte Foto des Präsidenten Jiang Zemin auf der buntgemusterten Tapete und dann die reichlich geschmückten Lampenschirme und die dicken roten Seidenvorhänge. Die chinesischen Einrichtungsgegenstände linderten das Heimweh. Er war sicher, dass Swerdlowsk hinter dem Mord an Protaschenko steckte. Der Führer der Organisation, Wadim Zenkowski alias Orel, war der Einzige, der Guoanbu so unverhohlen die Stirn bieten konnte. Offiziell leitete Orel ein ganz legales Industrie- und Finanzimperium, aber es war ein offenes Geheimnis, dass Orels weitverzweigtes Netz von Unternehmen und Swerdlowsk in einer engen Symbiose lebten. Orel war auch in der Mafiaorganisation der Alleinherrscher. Sein ganzes Unternehmenskonglomerat war jedoch mit so komplizierten Eigentumsreglungen errichtet worden, dass Orels Beteiligung an kriminellen Handlungen nie nachgewiesen werden konnte.

Als Irina ihren Turm setzte, begriff Tang, dass er vollständig in der Klemme steckte. Er wollte jedoch noch nicht aufgeben, denn dann ginge Irina womöglich. Tang tat so, als würde er sich seinen nächsten Zug überlegen, und seine Gedanken drehten sich wieder um den Fall Inferno. Wie sollte er an das Passwort kommen? Swerdlowsk besaß es wahrscheinlich nicht, denn man hatte es unter einem Klebestreifen an Protaschenkos Körper gefunden. Ein Angriff auf das FBI in den Vereinigten Staaten war unmöglich, die Führung von Guoanbu würde das nicht einmal in Erwägung ziehen. Zum Glück hatten das FBI und die SUPO keine Ahnung von der Hintertür und konnten deshalb die National Bank nicht warnen.

Tang war unschlüssig. Sollte die Technologieabteilung erst versuchen zu klären, wie viel die NSA und die SUPO wussten, ehe er jemanden in die Mangel nahm?

Unsicher ließ Tang mit seinen dicken Fingern den weißen |38|Läufer los und lachte überschwänglich. Irina schaute ihn an und lächelte: Chinesen lachten in der Regel nur dann laut, wenn sie nervös oder wütend waren. Tang hatte ihr den Fall Inferno sofort nach Eingang der Nachricht von Protaschenkos Tod übertragen. Bekam sie nun endlich die Chance, auf die sie schon seit Jahren wartete? Ihre Möglichkeiten, eine Arbeit zu finden, waren durch den Rauswurf beim SVR zunichtegemacht worden. Weder russische noch ausländische Firmen würden sie einstellen, weil sie nirgendwo von den Sicherheitsbehörden eine Bescheinigung ihrer Vertrauenswürdigkeit bekäme. Dafür hatte der SVR gesorgt, indem er Interpol die Information zuspielte, sie sei nicht zuverlässig. Irina war so angespannt, dass sie ein Kribbeln im Bauch spürte. Sie überlegte, was der Grund dafür sein könnte: War es eher die Angst, gefasst zu werden, oder die Vorfreude auf das Glück, das die Millionen mit sich brächten, die schon greifbar nahe schienen?

Ihr Plan war noch nicht fertig. Sie musste sich noch etwas einfallen lassen, wie sie das Passwort besorgen könnte, ohne erwischt zu werden. Irina schob die Dame auf e7. Das S zischte wie meist bei Russen, als sie auf Englisch sagte: »Schach und matt.«

Sie lächelte nicht. Dafür gab es noch keinen Anlass.

6

Das Foyer des neuen zwölfstöckigen Bürogebäudes von Data-North reichte bis zum Glasdach hinauf, durch das die Januarsonne hereinschien. Schräg unter dem Dach befestigte große Spiegel reflektierten jeden Sonnenstrahl nach unten. Riitta Kuurma setzte sich auf dem Sofa zurecht und warf einen Blick auf Anna-Kaisa Holm, die an einem Fingernagel kaute. An diesem |39|Tag trug Riitta einen lachsfarbenen Blazer und ihre besten Jeans, das nussbraune Haar hatte sie zu einem Pferdeschwanz gebunden. So fast puppenhaft nett richtete sie sich nur selten her. In der Regel trug sie ihr Haar offen und bevorzugte Kleidungsstücke, in denen sie sich wohl fühlte.

Mit den Fingerspitzen bewegte sie ihr Perlenband und rätselte dabei, was wohl die gewaltige Rauminstallation darstellen mochte, die inmitten des lichtüberfluteten Foyers mit Stahlseilen befestigt war. Der Hauptsitz von DataNorth in Ruoholahti war protziger als erwartet, obwohl sie natürlich wusste, dass die Firma im Geld schwamm. Ihr Reingewinn betrug im Vorjahr fast zwei Milliarden Finnmark.

»Haben Sie einen Termin bei Direktor Tommila?«, fragte jemand freundlich, als die große Uhr im Foyer genau dreizehn Uhr anzeigte. Das dunkelblaue Leder des Design-Sofas knarrte, während sich Riitta Kuurma umdrehte, um zu sehen, wer sie angesprochen hatte. Eine elegant gekleidete Frau mittleren Alters lächelte sie an. Die beiden Ermittlerinnen zeigten ihre Dienstausweise.

Auf dem Weg nach oben bemerkte Riitta Kuurma, dass die Sicherheitsvorkehrungen der Firma erstklassig waren. Der Aufzug funktionierte nur mit einem Schlüssel, Kameras und Bewegungsmelder überwachten jeden Winkel der Räume, und auf den Gängen gab es viele Zwischentüren, die elektronisch mit einem fünfstelligen Code geöffnet wurden.

Die Sekretärin begleitete die SUPO-Mitarbeiterinnen bis in ein großes, modern eingerichtetes Eckzimmer in der elften Etage, stellte Tassen auf den Beratungstisch, goss Kaffee ein und verließ den Raum. Überall standen Monitore, Festplattenlaufwerke, Drucker und auch Geräte, die Riitta Kuurma nie zuvor gesehen hatte.

»Bin gerade beim Kodieren. Damit ich meine Lieblingsbeschäftigung |40|nicht verlerne. Was wollen Sie?« Simo Tommila sprach wie zu sich selbst und wandte sich erst seinen Gästen zu, als Riitta Kuurma sich und ihre Kollegin vorstellte.

Tommila sah mit seinen glatten mausbraunen Haaren und dem blassen Gesicht wie ein zu alt geratener Pfadfinder aus. Er trug ein weißes Hemd ohne Krawatte. Sein Gesicht schmückten lange flaumartige Barthaare und etwas dichtere Koteletten, seine rauhen Wangen waren leicht gerötet.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Finnisches Inferno" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen