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Finnisches Blut – Kriminalroman

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Inhaltsübersicht

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MITTWOCH 9. August

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DONNERSTAG 10. August

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FREITAG 11. August

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EPILOG

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Im Lichtkegel der Autoscheinwerfer tauchte urplötzlich das Katzenauge eines Fahrrads auf. Ein lautes metallisches Klirren war zu hören und danach ein dumpfer Aufprall, als der Radfahrer auf der Motorhaube aufschlug. Generalmajor Raimo Siren trat auf die Bremse. Er riß das Lenkrad herum und sah, wie Blut über die Windschutzscheibe floß. Sein Wagen geriet ins Schleudern, mit Mühe und Not konnte er ihn auf der Straße halten.

Hatte er einen Menschen umgebracht? Wo zum Teufel war das Fahrrad plötzlich hergekommen? Würde der Unfall das Ende seiner Laufbahn bedeuten? Auf der Straße war doch niemand zu sehen gewesen, als er Joris Nummer im Speicher des Autotelefons gesucht hatte. Liefen auf dem Radweg Fußgänger? Hatte er auf der Straße Gegenverkehr gehabt? Das Abendessen, das sehr feucht gewesen war, hatte sich lange hingezogen und seine Sinne betäubt.

Der heftige Regen peitschte rhythmisch auf das Auto, und Sirens Puls hämmerte in den Schläfen. Er gab Gas und schaute im Rückspiegel auf die Straße, die im Licht der Straßenlaternen glitzerte: Das Opfer lag in einer unnatürlichen Stellung mitten auf der linken Fahrspur. Siren erstarrte, als er im Seitenspiegel sah, wie zwei Gestalten vom Radweg zu dem Überfahrenen rannten. Er spürte noch kurz eine warme Welle des Mitleids, die dann aber angesichts seiner Angst versiegte.

|6|Der für die militärische Aufklärung Finnlands verantwortliche General geriet nicht in Panik, obwohl ihm klar war, welche Folgen es hätte, wenn man ihn überführen würde: Anklage, Entlassung, Schadensersatz, Gefängnis und eine große, eine außerordentlich große Schande.

Zu Hause in Marjaniemenranta schloß sich Siren in seinem Arbeitszimmer ein und ging stundenlang das Geschehene immer wieder durch, nur Musik von Sibelius begleitete ihn dabei. Am Ende mußte er den Tatsachen ins Auge sehen: Er wußte von Amts wegen, daß die Polizei über mehr als genug Mittel verfügte, ihm auf die Spur zu kommen, auch wenn er das Auto desinfizieren, die Schäden ausbessern lassen und die defekten Teile aus der Reparaturwerkstatt stehlen würde. Möglicherweise blieb das Opfer am Leben und sagte aus, was geschehen war. Es könnte sein, daß die Polizei Reifenspuren oder winzige Glassplitter oder Lackteilchen seines Wagens fand. Selbst wenn ein Wunder geschähe und die Polizei am Unfallort oder an seinem Auto nichts entdeckte, was ihn mit dem Geschehen in Verbindung brächte, würden doch die Augenzeugen seinen Untergang besiegeln. Sie hatten sein Auto bestimmt gesehen, vielleicht sogar die Nummer. Man würde ihn ausfindig machen, das war unausweichlich.

Er mußte etwas dagegen tun.

|7|MITTWOCH
9. August

|9|2

Arto Ratamo betrachtete die Langschwanzmakaken, die im Labor hinter einem unzerbrechlichen Plastikfenster in ihren Käfigen herumhüpften. Seine Augen waren aus Mangel an Schlaf gerötet. Es war nachts Viertel zwei, er hatte ein Gegenmittel gegen das Ebola-Killervirus, das die Affen in sich trugen, hergestellt und mußte noch testen, ob es wirkte.

Anfang Mai hatte man auf dem Flughafen Helsinki-Vantaa bemerkt, daß ein Teil der Affen, die der Helsinkier Zoo auf den Philippinen bestellt hatte, krank war. Nachdem die Tierärztin des Zoos die unter Quarantäne gestellten Affen gesehen hatte, informierte sie sofort die EELA, die Nationale Forschungsanstalt für Veterinärmedizin und Lebensmittelprüfung. Die Frau stand regelrecht unter Schock, weil von den fünfzehn bekannten Ebola-Epidemien fünf gerade unter philippinischen Affen gewütet hatten. Außerhalb von Afrika war das Virus sechsmal aufgetreten: Einmal auf den Philippinen, zweimal in Europa und dreimal in den USA. Nach Ansicht der Wissenschaftler lebte das Ebola-Virus in den Trägertieren auf dem afrikanischen Kontinent und auf den Philippinen. Von ihnen wurde es auf den Menschen übertragen und breitete sich über Blut und Körpersekrete schnell aus.

Der Leiter der Virologischen Abteilung der EELA, Eero Manneraho, stellte unverzüglich eine Forschungsgruppe aus Mitarbeitern seiner Einrichtung und Fachleuten der Virologischen |10|Abteilung des Staatlichen Gesundheitsamtes und des Instituts für Virologie der Universität Helsinki zusammen. Diese bestätigte zum Entsetzen der Behörden, daß drei Affen an Ebola erkrankt waren. Das von der Forschungsgruppe gefundene Virus war mit keinem einzigen der bis dahin bekannten vier Untertypen des Ebola identisch. Wahrscheinlich hatte eine geringfügige Änderung im Erbgut von Ebola-Zaire eine neue, die nächste Generation von Ebola-Stamms geschaffen. Sie wurde wie üblich nach dem Fundort benannt. Die Blut- und Zelltests der Forschungsgruppe bewiesen, daß Ebola-Helsinki auf den Menschen übertragen wurde. Es breitete sich nicht auf dem Luftweg aus, war aber dennoch extrem gefährlich. So wie Ebola-Zaire würde es neunzig Prozent der Infizierten töten – auch Menschen.

Um eine Katastrophe zu verhindern wurden die Sicherheitsmaßnahmen in der EELA bis aufs äußerste verschärft. Affen und Menschen sind biologisch fast identisch, und deshalb werden die meisten Krankheiten zwischen ihnen ohne Schwierigkeiten übertragen. Auch Ebola-Helsinki. Die Gesundheitsbehörden und die Polizei waren übereinstimmend der Auffassung, daß der Virenfund erst nach dem Ausbruch einer Epidemie veröffentlicht werden sollte oder wenn die Gefahr gebannt war. Man fürchtete, daß Panik ausbrechen und der Alltag empfindlich gestört werden könnte.

Nach Ablauf der Inkubationszeit bestätigte sich, daß nur zwei philippinische Affenjäger infiziert waren. Man hatte die beiden Männer jedoch rechtzeitig isoliert, und so konnte sich Ebola nicht ausbreiten. Eine Katastrophe war durch das rasche Handeln auf dem Flughafen Seutula und in der EELA sowie durch die modernen Verfahren beim Verladen von Flugfracht verhindert worden: Niemand auf den Flughäfen oder in Finnland hatte die Affen berührt.

|11|Der Tiergroßhändler aus Manila, von dem die Affen für den Helsinkier Zoo stammten, hatte die Tiere bei verschiedenen Jägern erworben und jeden Affen in einem eigenen Käfig gehalten. Dadurch hatten sich die meisten Affen nicht angesteckt und konnten als Versuchstiere verwendet werden. Die Forschungsgruppe begann die Arbeit zur Entwicklung eines Gegenmittels für Ebola-Helsinki.

Als die Nachricht schließlich veröffentlicht wurde, verurteilten die Medien in scharfem Ton das Vorgehen der Behörden, die den Fall fast einen Monat lang verheimlicht hatten.

 

Die hermetisch dichte Stahltür des Kontrollraums schloß sich hinter Ratamo, und er betrat den Versammlungsraum. Der befand sich in der dritten Sicherheitsstufe, in der Krankheiten mit einem hohen Ansteckungsrisiko wie Milzbrand, Fleckfieber und HIV erforscht wurden. Im Versammlungsraum traf man die Vorbereitungen für den Übergang zur vierten Sicherheitsstufe, auch »die Front«, wie sie wegen der Lebensgefahr allenthalben hieß.

Ratamo war überzeugt, daß auch die Gegenmittelversion Nummer fünfhundertsieben nicht wirken würde. Die Forschungsgruppe schuftete schon seit drei Monaten fast vierundzwanzig Stunden am Tag, um ein Mittel gegen Ebola-Helsinki zu finden. Ein Teil der Gruppe betrieb wissenschaftliche Grundlagenarbeit, ein zweiter Teil stand in Kontakt mit anderen Forschern, ein dritter entwickelte neue Gegenmittel, die der vierte testete. Ratamo hatte sich auf die Herstellung von Gegenmitteln konzentriert.

Er war allein im ganzen Haus, und das ärgerte ihn. Wie üblich war er am Morgen viel zu spät gekommen, daraufhin hatte Manneraho ihn zu Überstunden verdonnert. Ratamo wollte |12|das Gegenmittel, das er am Tag entwickelt hatte, noch testen, selbst wenn er dafür die ganze Nacht brauchen sollte. Früh würde er sich dann richtig ausschlafen, egal, was Manneraho dazu sagte.

Ratamos Bewegungen wirkten routiniert. Er rieb sich die Hände mit Talkum ein, zog dünne Gummihandschuhe an und befestigte sie mit Klebeband sorgfältig an dem aseptischen Operationsanzug; mit den Strümpfen verfuhr er an den Hosenbeinen genauso. Dann nahm er vom Kleiderständer den biologischen Raumanzug, auf dessen linkem Arm sein Name stand. Den unter Druck stehenden Chemturion-Anzug trug man beim Umgang mit äußerst gefährlichen und leicht ansteckenden Mikroben. Ratamo schob die Finger in die dicken, mit Dichtungen am Anzug befestigten Gummihandschuhe und zog den hermetischen Reißverschluß zu. Als letztes verband er einen Luftschlauch, der an der Wand hing, mit seinem Anzug, damit der durch die Körperwärme entstandene Dampf abgeleitet werden konnte.

Bevor er die dritte Sicherheitsstufe verließ, schraubte er den Luftschlauch ab und öffnete dann die Stahltür zur Luftschleuse, die an »die Front« führte. Dort wurden extrem infektiöse Viren wie Lassa, Hanta und Ebola untersucht. Diese Viren waren tödlich, weil es noch kein Heilmittel dagegen gab. Als sich die Tür geschlossen hatte, wurde er im ultravioletten Licht der engen Luftschleuse unter der Dusche mit Chemikalien besprüht, um Verunreinigungen zu entfernen. Die UV-Strahlung sollte das Erbgut der Viren zerstören und sie sterilisieren.

Einen Augenblick später öffnete sich die Tür zur »Front«, und Ratamo betrat das Labor. Er griff nach einem der an der Decke hängenden Luftschläuche und verband ihn mit seinem |13|Anzug, Geräusche von außen erreichten ihn nun nicht mehr. In seinem Helm rauschte die Luft laut und kitzelte im Ohr. Es dauerte einen Augenblick, bis die Schweißperlen auf seiner Stirn getrocknet waren. Ohne den Luftschlauch glich der Weltraumanzug einer Sauna.

Entschlossen schob Ratamo seine vom Anzug geschützten Füße in die Gummistiefel, die an der Tür standen. Die Affen in ihren Plastikkäfigen wurden nervös, als sie den Mann in seinem Raumanzug erblickten: Einer hämmerte an die Wände seiner Zelle, der zweite bewegte sich unruhig hin und her, und alle drei schrien laut. Sie waren so groß wie kleine Hunde, besaßen einen schlanken Körperbau und lange Gliedmaßen. Ihr Fell war auf dem Rücken cremegelb und auf der Brust weiß. Sie hatten eine hundeartige Schnauze, scharfe Eckzähne, einen langen, gebogenen, peitschenförmigen Schwanz und zierliche, menschenähnliche Hände.

Ratamo entnahm jedem Affen ein Reagenzglas voll Blut. Dann holte er mit der Pipette Ebola-Blut aus dem ersten Röhrchen, tropfte es auf den Objektträger und spritzte Gegenmittel darauf. Seine Hand zitterte leicht, als er die Glasscheibe behutsam unter das Elektronenmikroskop legte. Im Blut wimmelte es von »Würmern«, Ebola-Helsinki-Viren, die an Schnüre erinnerten. Ihm stockte der Atem, als ein Wurm nach dem anderen erstarrte.

Ratamo brüllte wie ein Verrückter, nachdem auch das letzte Virus in dem Bluttropfen gelähmt war. Das Gegenmittel wirkte! Er hatte ein Mittel gegen das Ebola-Virus gefunden. Gegen ein Virus, das auf höllische Weise fast alle Infizierten tötete. Gegen ein Virus, das als unbesiegbar eingestuft war. Ratamo jubelte in seinem Schutzanzug, er schwankte hin und her und hüpfte wie ein Schamane, der Regen beschwor.

|14|Als er sich wieder beruhigt hatte, wurde ihm klar, daß die Arbeit noch nicht vollendet war. Er unterzog die Blutproben einem schnellen ELISA-Test, der endgültig bewies, daß sein Gegenmittel fähig war, Ebola-Helsinki während der Inkubationszeit zu töten. Er führte die Tests auch mit dem Blut der beiden anderen infizierten Affen durch. Dann wählte er aus einem Satz von Instrumenten auf dem Tisch diejenigen aus, die für die Entnahme von Proben erforderlich waren, und trat langsam an den nächstgelegenen Käfig. Er mußte sich vorsehen, damit ihm die Affen den Schutzanzug nicht zerkratzten, trotz des Gegenmittels wollte er sich einem Virusmonster wie dem Ebola nicht aussetzen. Vorsichtig gab er mit einer Injektionsspritze, die an einem langen Stab befestigt war, allen drei Affen Antiserum. In ein paar Stunden würden die Tiere gesund sein.

Ratamo tauchte die Instrumente in das hellgrüne Envirochem-Desinfektionsmittel und spülte damit die Handschuhe seines Raumanzuges so sorgfältig ab, wie es seine Erregung zuließ. Er lief möglichst schnell zu der Tür, die in die Luftschleuse führte, und stieß dabei die Stiefel von den Füßen. Auf dem Boden der Dusche plätscherte das Wasser, während Ratamo unruhig von einem Bein aufs andere trat. Die knapp zehn Minuten unter der Desinfektionsdusche kamen ihm wie eine Ewigkeit vor. Während das Envirochem über die Maske seines Raumanzugs floß, dachte er über die Bedeutung seiner Entdeckung nach. Schon die Lokalisierung des Ebola-Virus in Finnland war eine wichtige Nachricht gewesen, aber die Entdeckung eines Gegenmittels würde mit großen Buchstaben in das Geschichtsbuch der Virologie geschrieben werden. Für ihn selbst hatte die Entdeckung jedoch auch eine Bedeutung, die ganz banal war. Manneraho würde wochenlang damit beschäftigt sein, von einem Vortrag und Interview zum anderen zu |15|rennen und von einer Konferenz zur nächsten zu reisen, dann könnte er selbst endlich Urlaub machen. Den ganzen Sommer hatte er wie ein Packesel in einem Bergdorf schuften müssen, obwohl er alles versucht hatte, um der Arbeit aus dem Wege zu gehen.

Die Dusche hörte abrupt auf. Ratamo kehrte in den Versammlungsraum zurück, zog den Raumanzug aus und hängte ihn wieder an den Ständer. Die Regeln für die vierte Sicherheitsstufe der EELA waren streng. Er hätte die Formel des Gegenmittels in das Untersuchungsprotokoll auf dem Computer eintragen müssen. Alle wesentlichen Informationen mußten als Originaldatei in den Räumen der EELA verbleiben, sie durften nicht aus der Forschungsanstalt hinausgebracht werden. Sogar das Kopieren von Dateien war nur in sehr begrenztem Maße möglich. Ratamo hatte die Zusammensetzung des Gegenmittels nur in sein Heft mit kariertem Papier geschrieben und war so erschöpft, daß er sich einfach nicht imstande sah, die Anforderungen der Bürokratie zu erfüllen. Das würde er später sofort nachholen, wenn er im Laufe des Tages wieder ins Institut käme. Er schrieb aber schnell noch eine Nachricht für die Forschungsgruppe:

»GEGENMITTEL GEFUNDEN! ARTO.«

Ein Luftstrom rauschte um ihn herum, als er hastig durch die Stahltür die Räume der zweiten Sicherheitsstufe betrat. Beim Öffnen der Türen zwischen den Abteilungen saugte der Unterdruck die Luft aus der Abteilung mit der niedrigeren Sicherheitsstufe in die der höheren Stufe und verhinderte so das Austreten möglicherweise verseuchter Luft.

Ratamo lief mit langen Schritten über den Hauptflur der zweiten Sicherheitsstufe, die für die Untersuchung von Krankheiten mittlerer Ansteckungsgefahr bestimmt war. Er ging |16|wieder durch eine hermetische Tür und ein UV-Lichtbad und betrat die Abteilung der ersten Sicherheitsstufe. Dort erforschte man Krankheiten mit geringem Ansteckungsrisiko, deshalb waren die Sicherheitsbestimmungen hier schon bedeutend lockerer.

In der Garderobe zog er den Operationsanzug aus und schlüpfte in seine Zivilsachen, dann verließ er das Laborgebäude und brachte seine Notizen in sein Arbeitszimmer im Hauptgebäude der EELA.

Der Regen peitschte ihm ins Gesicht, als er zu seinem Auto ging. Er dachte an die Meteorologen, die schon die ganze Woche besseres Wetter versprochen hatten. Wie angenehm wäre doch so eine Arbeit, bei der man sich irren durfte. Bei Ebola-Helsinki konnte man sich keine Irrtümer leisten. Und es half nicht, wenn man sich etwas vormachte und glaubte, das Virus stelle nun keine Gefahr mehr dar, weil ein Gegenmittel gefunden war. Das Mittel wirkte nur während der Inkubationszeit, in der keine Symptome auftraten. Würde Ebola-Helsinki in dieser Zeit freigesetzt, dann könnte es sich über den Flugverkehr in der ganzen Welt ausbreiten. Wenn der erste Infizierte schließlich erkrankte und die Epidemie entdeckt wurde, wäre es für die Behörden unmöglich, alle Infizierten zu finden. Nur einem Bruchteil der Virusträger könnte das Gegenmittel rechtzeitig vor Ausbruch der Krankheit gegeben werden. Dennoch fühlte sich Ratamo ruhig und ausgeglichen. Er hatte kein Ungeheuer geschaffen, sondern ein Mittel dagegen entwickelt.

Ratamo setzte sich in seinen Käfer, Baujahr 1972 mit Schiebedach, steckte sich einen Priem unter die Oberlippe und startete sein getreues Gefährt. Die nächtliche Fahrt durch die leeren Straßen Helsinkis bis nach Hause zur Kapteeninkatu in Ullanlinna dauerte in dem heftigen Regen lange. Er spürte, wie |17|die Müdigkeit kam, und genoß die Vorfreude, bald gut und lange schlafen zu können.

Nachdem er seinen Wagen auf dem Innenhof des Hauses geparkt hatte, fuhr er mit dem Aufzug in die erste Etage. Im Flur zog er sich so leise wie möglich aus, um seine Tochter und seine Frau nicht zu wecken, und schlich dann auf Zehenspitzen ins Kinderzimmer. Im Dämmerlicht der Nachttischlampe mit einem Mumin-Motiv gab er Nelli einen Kuß und berührte dabei nur ganz leicht ihre weiche Wange.

|18|3

Raimo Siren, der Chef des Operativen Stabes im Generalstab der Streitkräfte, legte in seinem Büro in Kaartinkaupunki langsam den Hörer auf. Seine Uniformjacke hing auf der Stuhllehne, und die Hemdsärmel waren hochgekrempelt. In seinem angespannten Gesicht zuckte es, als er sich mit zitternder Hand Kognak eingoß und den ersten Schluck an diesem Morgen nahm. Es brannte im Magen.

Der Leiter der Abteilung Polizei im Innenministerium hatte Siren eben gebeten, zum Verhör bei der Kriminalpolizei zu erscheinen. Sie waren gute Bekannte und gehörten zur selben Freimaurerloge, deshalb hatte er Siren die unangenehme Nachricht selbst mitteilen wollen. Die Augenzeugen hatten das Auto und dessen Nummer am Unfallort gesehen. Um zu erreichen, daß sein Verhör auf einen Tag nach dem Wochenende verschoben wurde, hatte Siren all seine Überredungskünste aufbieten müssen.

Er fluchte, weil er es nicht geschafft hatte, die Augenzeugen aufzutreiben, bevor sie den Behörden und den Eltern des Mädchens berichten konnten, was sie wußten. Nun brauchte er gar nicht erst zu versuchen, die Zeugen zu bestechen. Selbst mit seinen Beziehungen würde es nicht mehr gelingen, die polizeilichen Ermittlungen aufzuhalten. Dafür würden mit Sicherheit die Eltern des gestorbenen Mädchens sorgen. Sein Leben würde schon bald zerstört sein.

|19|Siren hielt sich für einen der wichtigsten Offiziere der Streitkräfte. Er leitete deren geheimsten Teil, den Operativen Stab. Neben den Abteilungen für internationale Beziehungen und für Informationstechnik, der Operativen Abteilung, der Planungs- und der Untersuchungsabteilung gehörten zu ihm auch die beiden Nachrichtendienste der Streitkräfte, die Aufklärungsabteilung und die Sicherheitsabteilung. Letztere war für die Gegenspionage gegen die Aktivitäten fremder Nachrichtendienste in Finnland zuständig. Diese beiden Einheiten wurden im Generalstab auch als »Schlapphutabteilungen« bezeichnet. Sie befanden sich in den gleichen Räumen auf einem abgeschlossenen und genau überwachten Flur im dritten, dem obersten überirdischen Stockwerk des Generalstabs. Ihre Mitarbeiter sprachen sich nicht mit dem militärischen Rang an und durften bei der Arbeit Zivilkleidung tragen.

Die Aufklärungsabteilung, Sirens liebstes Kind, war für die militärische Auslandsaufklärung Finnlands verantwortlich. Trotz ihrer geringen Größe hatte sie international einen guten Ruf. Wie die militärischen Aufklärungsdienste der anderen westlichen Länder verfügte sie in Krisensituationen über äußerst weitreichende Befugnisse. Um Aktivitäten zu verhindern, die eine Gefahr für die Sicherheit des Landes darstellten, führte sie Operationen unterschiedlicher Art durch, manchmal auch bewaffnete. Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern hatte man es hier mit Erfolg erreicht, daß die Aufklärungsabteilung für die Öffentlichkeit fast gänzlich unbemerkt blieb. Der überwiegende Teil der Finnen hatte von ihr oder ihren Leistungen nie etwas gehört. Nur wenige wußten, daß sie überhaupt existierte, obwohl die Streitkräfte sie im offiziellen Schema ihrer Organisationsstruktur vorstellten.

Siren warf einen Blick auf die gegenüberliegende Wand, an |20|der in drei Reihen die Fotos seiner Vorgänger hingen. Es schien so, als würden ihn die Offiziere mit vorwurfsvollem Blick aus dem Jenseits anklagen. Das Bild eines entlassenen, zu einer Gefängnisstrafe verurteilten Generals würde man nicht an die Wand hängen.

In seiner Bedrängnis dachte er wieder zurück an die Jahre in der Schlapphutabteilung. Er hatte als Aufklärer von der Pike auf gedient. Nach der Kadettenschule hatte er sich sofort für die Aufklärungsabteilung beworben. Der durchtrainierte junge Mann mit scharfem Verstand entwickelte sich schnell zum besten Agenten seiner Einheit, dem viele Einsätze in der Praxis übertragen wurden. Im Laufe der Jahre hatte er unterschiedliche Aufgaben auch in anderen Abteilungen erhalten und war dann 1996 im reifen Alter zum Generalmajor und Chef des Operativen Stabes befördert worden.

Die Arbeit in der Schlapphutabteilung hatte sich in den Jahren seiner Dienstzeit grundlegend geändert. Während der Amtszeit von Präsident Kekkonen durfte vor allem die Aufklärungsabteilung, von bestimmten Einschränkungen in bezug auf die Sowjetunion abgesehen, völlig ungehindert agieren. Später war durch mehr Offenheit im öffentlichen Sektor und durch die zunehmende Kontrolle die Handlungsfreiheit etwas eingeschränkt worden. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wirkten die neuen Bedrohungen auf die Aufklärungsabteilung wie eine Spritze mit einem Anregungsmittel. Man war der Auffassung, daß es sich lohnte, die Aktivitäten der neuen Aufklärungsdienste Rußlands genau zu beobachten, und außerdem wurde die Überwachung der kriminellen Organisationen, deren Zahl explosionsartig anstieg, und der Waffenhändler intensiviert.

Siren erhob sich und zog die Gardinen auf. Sein in dunklen Farbtönen eingerichtetes Zimmer wirkte immer düster. Das |21|Licht flutete herein und munterte den verkaterten Mann etwas auf.

Die Schuld nagte wie eine Fräsmaschine an dem General, der in einem strenggläubigen laestadianischen Zuhause aufgewachsen war. Die sechzehnjährige Gymnasiastin, die er überfahren hatte, war an ihren Verletzungen gestorben. Siren hatte vorher noch nie irgend jemandem Schaden zugefügt, außer bei dienstlichen Aufträgen, doch da war er dazu gezwungen gewesen. Er versuchte sich vorzustellen, welchen Schmerz die Eltern des von ihm getöteten Mädchens empfinden mochten, und spürte eine Woge des Mitgefühls. Er hatte herausgefunden, daß die Schülerin das einzige Kind ihrer Familie war. Genau wie Siiri. Sirens Tochter war schon dreißig, aber der Vater sah in seinem Kind immer noch das Engelsgesicht im geblümten Kleid, das ihn schüchtern um ein paar Münzen bat, mit denen es sich Bonbons kaufen wollte. Er konnte sich nicht vorstellen, was er bei Siiris Tod empfände. Seine Tat würde ihm nie vergeben werden.

Er schaltete den CD-Player ein und suchte auf der CD den »Valse Triste«. Sibelius hatte in seinem Werk Phantasien geschildert, in denen sich das Gefühl der Todesangst und das der Lebensfreude abwechselten. Siren fand, daß diese Melodien gut beschrieben, wie ihm in seinem Innersten zumute war. Er fragte sich, warum nur die Musik und der Schnaps seinen Lebensschmerz linderten. Einmal mehr gelangte er zu dem Ergebnis, daß mit wissenschaftlichen Untersuchungen nichts Wesentliches herausgefunden wurde.

Der sechzigjährige Generalmajor strich sich mit der Hand, die so groß war wie ein Brotlaib, über die kurzen blonden Haare, seufzte tief und trank noch ein Glas Kognak in einem Zug aus. Er hatte knapp vier Tage Zeit, um sich zu retten.

|22|4

Von Nellis fröhlichem Kreischen wurde Ratamo wach. Mit geschlossenen Augen gähnte und räkelte er sich genüßlich. Aus der Küche drangen der Kaffeeduft und vertraute Geräusche ins Schlafzimmer. Das Familienleben hatte auch seine guten Seiten, sogar in einer Ehe, die allmählich verkümmerte.

Ratamo öffnete langsam die Augen. Ihm fiel wieder ein, was in der letzten Nacht geschehen war. Zuerst spürte er Stolz, und dann spielte ein Lächeln um seinen Mund, weil schon bald statt ungeliebtem Broterwerb ungetrübte Urlaubsfreude anstand. Der Kopf mit den blonden Zöpfen, der zur Schlafzimmertür hereinlugte, unterbrach seine Gedankengänge.

»Na, wen haben wir denn da«, sagte Ratamo und breitete die Arme aus.

Nelli juchzte frohgelaunt, rannte zum Bett, hüpfte auf ihren Vater und gab ihm mehrere Küsse auf die stopplige Wange.

»Geht mein Schätzchen jetzt in den Kindergarten?«

»Wir singen heute ›Tante Monika‹.«

»Ihr singt also das Lied von der ›Tante Monika‹. Das ist ja prima. Kannst du denn schon den Text?« Liebevoll betrachtete Ratamo seine Tochter, die auf seinem Bauch lag. Es verblüffte ihn jeden Tag aufs neue, wie stark die Gefühle waren, die das Kind in ihm weckte.

»Wir haben eine nette Tante, unsre Tante Monika«, sang Nelli aus tiefstem Herzen und vollem Halse.

|23|»Arto, wenn du wach bist, kannst du dann Nelli die Kindergartensachen anziehen«, rief Kaisa aus der Küche und übertönte Nellis Gesang.

Ratamo stand auf und ging zu dem von Kindersachen überquellenden Flurschrank. Einmal mehr verfluchte er innerlich den Innenarchitekten, einen Freund Kaisas. Die von ihm entworfene minimalistische Wohnungseinrichtung enthielt erstaunlich wenig Stauraum. Die Wohnung erschien ihnen schon lange zu eng, aber beide hatten keine Zeit, geschweige denn Lust gehabt, eine geräumigere zu suchen.

»Warum mußt du hier drin immer splitternackt herumlaufen? Jeder kann dich durchs Fenster sehen, wenn es so hell ist«, schimpfte Kaisa. Sie hatte sich wie üblich, wenn sie zur Arbeit ging, schon bis ins kleinste Detail sorgfältig hergerichtet.

»Erstklassige Ware darf sich jeder ruhig anschauen, wenn es ihn interessiert. Übrigens, nur zu deiner Information, seit letzte Nacht steht mein Name im Geschichtsbuch der Wissenschaft«, sagte Ratamo mit ernster Miene.

»Ach, wieder einmal. Das ist ja wirklich toll. Was hast du denn jetzt erfunden. Eine Zeitmaschine?« spottete Kaisa, während sie ihren Sommermantel anzog.

»In diesem Falle wärest du wieder jung und schön. Schau in den Spiegel, und du wirst enttäuscht sein«, erwiderte Ratamo ihren Spott. »Ich habe ein Gegenmittel gegen Ebola-Helsinki gefunden«, sagte er, hob seine Tochter in ihrem roten Overall hoch und stellte sie neben die Wohnungstür.

Kaisa betrachtete ihren Mann einen Augenblick ungläubig. »Manchmal habe ich das Gefühl, daß ich ein Gegenmittel gegen dich brauche.«

»Hör auf. Ich meine es ernst.«

»Genau so ernst wie am Tag der Hochzeit in der Johanneskirche, |24|oder?« sagte Kaisa und drängte sich an ihrem Mann vorbei zur Tür.

»Küßchen, Küßchen, Vati«, rief Nelli und hielt ihrem Vater den gespitzten Mund hin.

»Küßchen, Küßchen, mein Schatz.« Ratamo gab seiner Tochter einen Schmatz auf die Wange, bevor die beiden im Treppenflur verschwanden. Er hatte erwartet, daß diese Neuigkeit seine Frau interessierte, denn das bedeutete ja möglicherweise auch für sie Ruhm und Mammon, selbst wenn er ihr schon lange gleichgültig war.

Ratamo schlurfte durch die Wohnung zum Schlafzimmer und wich dabei den Spielsachen und Kleidungsstücken aus, die auf dem Fußboden herumlagen. Wenn sie genauso oft aufräumen würden, wie sie sich stritten, wäre es bei ihnen zu Hause so sauber wie im Labor der vierten Sicherheitsstufe.

Gegen Mittag drang das ohrenbetäubende Geräusch der Presse des Müllautos in Ratamos Bewußtsein. Noch halb im Schlafe suchte seine Hand automatisch nach der nackten Haut seiner Frau. Erst als er das kühle Laken spürte, begriff er, daß Kaisa schon lange gegangen war. Und er konnte mitten an einem Arbeitstag in aller Ruhe noch im Bett liegen, das war ein wunderbares Gefühl.

Ratamos gute Laune ließ nach, als ihm das morgendliche Gespräch mit Kaisa einfiel. Sie hatten sich allmählich so weit auseinandergelebt, daß es kaum noch gemeinsamen Gesprächsstoff gab.

Er hatte Kaisa vor acht Jahren bei einem Skiurlaub in Innsbruck kennengelernt. Nach Meinung aller gaben sie ein perfektes Paar ab: Beide stammten aus angesehenen Familien, beide waren Medizinstudenten, jung und schön. Die Frage, ob er Kaisa liebte, hatte er sich selbst jedoch nie beantworten können. |25|Und das hatte er schließlich so verstanden, daß er sie nicht liebte. Die Ehe wurde von der sechsjährigen Nelli zusammengehalten, seinem einzigen echten Lebensinhalt. Noch war er nicht bereit, dessen Verlust durch die Trennung von seiner Frau zu riskieren.

Ratamo hatte in der letzten Zeit viel über sein Leben nachgedacht und erkannt, daß er schon immer den Weg vorprogrammierter Entscheidungen gegangen war, auf dem auch die Ehe nur eine Etappe darstellte. Er hatte zugelassen, daß andere Menschen und die Wertvorstellungen der Gesellschaft über sein Leben, über die Wahl der Ehefrau, der beruflichen Laufbahn und des Wohnorts – kurz, über fast alles bestimmten.

Mit zwanzig Jahren hatte sich Ratamo für alles mögliche interessiert, nur nicht für Medizin und den Beruf des Wissenschaftlers. Nach dem Abitur und dem Wehrdienst war er etwa zwei Jahre lang kreuz und quer durch den Fernen Osten gereist. Wegen einer Frau war er fast ein Jahr lang in Hanoi geblieben. Fortgesetzt hatte er seine Reise erst, als Hoangs Vater überraschend mitteilte, daß er für seine Tochter einen Bräutigam besorgt hatte. Schockiert mußte Ratamo feststellen, daß Hoang sofort von dem Ehekandidaten begeistert war, als sie erfuhr, daß er ein Auto besaß. Hoang hatte er mittlerweile schon fast vergessen, aber Vietnamesisch konnte er immer noch, was allerdings in Finnland genauso nützlich war wie eine Sonnenbrille im dunklen Winter Lapplands. An seine Wanderjahre erinnerte er sich gern, es waren die besten Jahre seines Lebens. Nichts geht über dieses Gefühl der Freiheit, das ein Wanderer mit seinem Rucksack empfindet, wenn er auf der Karte sein nächstes Ziel auswählt.

Als er nach Finnland zurückgekehrt war, vertrieb er sich die Zeit mit Feiern, Sport und Lesen. Doch schließlich mußte er |26|sich für irgendeinen Beruf entscheiden. Sein Vater, Professor für Virologie an der Universität, lamentierte ständig, daß die Talente seines Sohns ungenutzt blieben, wenn er eine andere Laufbahn einschlüge als die des Wissenschaftlers. Seine Mutter war an Krebs gestorben, als Ratamo sieben Jahre alt war. Der verbitterte Vater hatte sich danach ganz in seine Arbeit vergraben, das einzige, was er für seinen Sohn übrig hatte, war eine militärisch strenge Disziplin zu Hause. Selbst bei der Berufswahl hatte Ratamo keine eigene Entscheidung treffen können, sondern sich zu einem Medizinstudium überreden lassen. Schon bei der Wahl des Studiums wußte er, daß sie aus falschen Beweggründen zustande gekommen war: auf Druck seines Vaters und wegen des Geldes – und nicht durch sein eigenes Interesse.

Sein gutes Gedächtnis und der brennende Wunsch, die Schulbank zu verlassen, halfen Ratamo, das Studium schnell abzuschließen, wenn auch mit ziemlich schlechten Noten. Er hatte sich zwar auf die Virologie spezialisiert, war aber dennoch überrascht, als die Virologische Abteilung der EELA ihm die Möglichkeit anbot, Viren und Krankheiten zu erforschen, die von Tieren auf den Menschen übertragen wurden. Er vermutete, daß sein Vater dabei seinen Einfluß genutzt hatte, nahm die Arbeitsstelle aber an. Tiere mochte er schon immer, und außerdem wollte er sich die Mühe der Suche nach einer Stelle ersparen. Mit jedem Jahr, das verging, gefiel ihm seine Arbeit weniger, er wollte zurück ins wahre Leben, heraus aus dem engen und stillen Kämmerlein des Forschers. Morgens lag er oft noch lange im Bett und überlegte, wozu er überhaupt aufstehen und in die alltägliche Tretmühle steigen sollte.

Wie bisher immer beschloß er auch diesmal, seine Probleme irgendwann später zu lösen, erhob sich, schlurfte ins Bad und ging unter die Dusche.

|27|Nach dem Waschen und Rasieren fühlte sich Ratamo frisch und munter. Er hatte keine Lust, die Kaffeemaschine zu benutzen, sondern kochte Wasser und brühte sich eine Tasse Kaffee auf. Mit einem Schinkenbrot in der Hand überflog er die Überschriften in der Tageszeitung. Im Kaukasus wurde immer noch Krieg geführt, und der Kurs von Nokia stieg weiter. Die Sportseiten las er genau. Ferrari war der Favorit für den Grand Prix von Belgien am kommenden Wochenende. Venus Williams hatte die US-Open in New York gewonnen. Und dann fand Ratamo endlich das, was er gesucht hatte: In der Fußballmeisterschaft hatte HJK Helsinki Valkeakoski mit 2:0 besiegt. Der Tag fing gut an.

|28|5

Helsinki badete im Licht der Augustsonne. Ratamo fuhr in Richtung Vallila, das Dach seines VW hatte er geöffnet. Er liebte den Sommer und fühlte sich locker und energisch. Aus den Autolautsprechern erklang J. J. Cales Countryblues, und er sang den Text des lässigen Songs mit. Die Kassette hatte er so oft abgespielt, daß sie schon etwas ausgeleiert war.

Der Käfer bog auf den Hof der Hämeentie 57 ab und schlängelte sich auf dem Weg über das weitläufige, eingezäunte Gelände der Veterinärmedizinischen Fakultät und der EELA bis zum Nordende des Grundstücks.

Ratamo parkte seinen Wagen vor dem Hauptgebäude und stieg die Treppen hinauf in die zweite Etage, in der sein Arbeitszimmer lag. Als erstes sah er auf seinem Stuhl ein Fax und griff danach.

Die Universität Manila bestätigte der Forschungsgruppe in Helsinki, daß sich die beiden Affenjäger, die an Ebola gestorben waren, bei den nach Finnland verschickten Affen angesteckt hatten. Die beiden Männer hatten Obst gegessen, das nach ihren Beobachtungen auch von den Affen berührt worden war. Laut dem Fax hatte man auf den Philippinen alle Kartierungen und Tests gemacht, außer den Affenjägern war niemand an Ebola erkrankt. Ratamo seufzte vor Erleichterung. Auch auf den Philippinen hatte sich das Virus nicht ausbreiten können. Allerdings bestätigte das Fax auch endgültig, daß |29|Ebola-Helsinki vom Affen auf den Menschen übertragen wurde, was wiederum bedeutete, daß auch Menschen einander anstecken konnten. Die Ergebnisse ihrer Tests stimmten also. Sie hatten ein echtes Killervirus gefunden.

Ratamo stand da und versuchte seine Gedanken zu ordnen. Sollte er die Formel des Gegenmittels und eine Zusammenfassung des Geschehens der letzten Nacht in das Untersuchungsprotokoll eintragen oder erst Manneraho informieren?

»Morgen!« sagte plötzlich eine junge, stark geschminkte Frau. Ratamo erschrak und machte ein Gesicht, als hätte er gerade einen Schneemenschen gesehen.

»Manneraho fragt schon den ganzen Vormittag nach dir, er ist echt wütend.« Sie setzte sich auf den Besucherstuhl.

»Hallo, Liisa. Erschrecke einen alten Mann nicht so. Das kann dir eine Anklage wegen Totschlag einbringen. Wie geht’s?« Ratamo zog die linke Augenbraue hoch und schaute die Forschungssekretärin spitzbübisch an. Eine solche Mimik zeigte er auf Arbeit nur selten und nur wenigen. Manchmal hatte er das Gefühl, daß er es ohne Liisa nicht einen einzigen Tag in diesem Zimmer aushalten würde. Er redete kaum mit den Kollegen, aber Liisa war eine Ausnahme, sie beide plauderten oft auch noch nach der Arbeit in der Kneipe weiter. Liisa spielte ihm nicht irgendeine Rolle vor und konnte auch über anderes reden als über die Arbeit.

Auch Liisa mochte Ratamo, obwohl der sich nach Meinung der meisten anderen EELA-Mitarbeiter merkwürdig benahm. Er war ein ausgezeichneter Forscher – dann, wenn er sich ernsthaft mit seiner Arbeit beschäftigte, was allerdings selten vorkam. Doch er hatte eindeutig ein Problem mit seiner Einstellung. Er kam zu spät, vergaß die Termine von Treffen und verhielt sich den anderen gegenüber arrogant. Nur die wenigen, |30|die ihn gut kannten, wußten, daß die Überheblichkeit sein Panzer war. Die Meinung anderer schien Ratamo jedoch gleichgültig zu sein.

»Einigermaßen«, antwortete Liisa. »Warum mußt du Manneraho immer die Stirn bieten, der Mann ist doch so nett. Glaub mir, du gehst am besten sofort zu ihm.«

»Dazu habe ich aber nicht besonders viel Lust. Vermutlich habe ich gestern gegen so viele Regeln verstoßen, daß der Alte bestimmt stinksauer ist.«

Liisa saß da und betrachtete Ratamos von braunen Jeans bedeckten Hintern und das breite Kreuz, auf dem sich das blaue Hemd an den Schulterblättern spannte. Sie drehte den Bleistift zwischen Zeigefinger und Daumen und überlegte, warum sie sich so stark zu Ratamo hingezogen fühlte. Der Mann war physisch genau nach ihrem Geschmack: groß, schlank und auf geschmeidige Weise muskulös. Das kurzgeschnittene schwarze Haar betonte sein kantiges Gesicht genau wie die pechschwarzen, dichten Augenbrauen. Auch die drei Zentimeter lange Narbe auf Ratamos linkem Backenknochen faszinierte Liisa. Ratamo trug keinen Bart, sein Kinn schien aber immer mit Bartstoppeln bedeckt zu sein. Ihrer Meinung nach sah er aus wie ein gebildeter Räuberhauptmann. Sie hatte Ratamo nie etwas von ihren Empfindungen gesagt, konnte aber nichts dagegen tun, daß sie sich insgeheim – an manchen Tagen mehr, an anderen weniger – wünschte, er käme auf den freien Markt. Zur Ehebrecherin wollte sie nicht werden, obwohl sie Gerüchte gehört hatte, wonach Ratamos Ehe nicht zu den allerglücklichsten gehörte. Sie seufzte, stand auf und ging lustlos an ihre Arbeit.

Ratamo brauchte nicht lange vor Mannerahos Zimmer zu stehen, denn der erwartete ihn schon auf dem Flur. Der Professor |31|war Anfang Sechzig, hatte graues Haar und ein gerötetes Gesicht und als Folge seines Dolce Vita etwas Übergewicht.

»Rein mit dir, Ratamo, und zwar ein bißchen plötzlich! Was zum Teufel hast du angestellt? Die Arbeitsgruppe hat heute morgen die drei Affen im Labor der vierten Stufe getestet. Sie waren clean. Und auf dem Computer im Versammlungsraum steht, daß du ein wirksames Gegenmittel gefunden hast. Und dann kommst du um eins zur Arbeit. Hast du den Verstand verloren!« Manneraho schnaufte in seinem tadellos sitzenden italienischen Anzug aus Wollstoff. Sein Gesicht war so rot wie ein gekochter Krebs.

»Immer ruhig Blut bewahren. Alles ist in Ordnung«, sagte Ratamo betont gelassen und setzte sich hin. In dem Raum roch es so stark nach Rasierwasser, daß er am liebsten das Fenster geöffnet hätte.

Seiner Meinung nach war Manneraho dank seiner sozialen Fähigkeiten in ein wesentlich höheres Amt aufgestiegen, als es durch seine wissenschaftlichen Leistungen gerechtfertigt gewesen wäre. Der Professor war total von der Arbeit und den Ergebnissen der jungen, talentierten Forscher abhängig und nutzte sie ungeniert aus. An sich überraschte das Ratamo nicht. Er hielt das gegenwärtige Finnland für eine Durchschnittsgesellschaft, die aus Durchschnittsmenschen bestand, und die bevorzugten immer ihresgleichen. Verschiedenartigkeit und Individualität waren in der Welt des Durchschnitts verboten. Ratamo wußte, er hätte diese Abneigungen gegen Manneraho nicht haben dürfen, der Mann war doch schließlich nur auf dem normalen Dienstweg aufgestiegen, aber er konnte eben nicht aus seiner Haut.

Er machte es sich auf dem Sofa bequem und erzählte seinem |32|Chef, er sei letzte Nacht um halb vier so fix und fertig gewesen, daß er es einfach nicht mehr geschafft hatte, einen Bericht zu schreiben. Er habe ihn aber gerade eben angefangen. Ratamo tat nicht einmal so, als wäre er besorgt, sein Vorgesetzter könnte wütend werden.

Manneraho schien sich ein wenig zu beruhigen.

»Was hast du gefunden? Was ist gestern passiert? Erzähle jetzt endlich alles.«

Ein Anflug von einem Lächeln erschien auf Ratamos Gesicht. In der Forschungsanstalt war etwas Wesentliches passiert, und der Herr Professor kannte nicht alle Einzelheiten. Um jedoch den wissenschaftlichen Durchbruch für sich selbst nutzen zu können, mußte Manneraho im Bilde sein.

»Na ja, das ist an sich eine ziemlich lange Geschichte. Ich muß mir erst einen Kaffee holen, bevor ich nicht ein, zwei Tassen getrunken habe, kommt mein Motor nicht richtig in Gang«, sagte Ratamo.

Er holte sich einen großen Topf Kaffee schwarz, setzte sich bequem aufs Sofa und erzählte ausführlich, was in der zurückliegenden Nacht geschehen war.

Manneraho hörte sich den Bericht von Anfang bis Ende an. Er saß auf seinem Stuhl und rückte mehrmals seine gelbschwarze Seidenkrawatte zurecht.

»Du hast also ein Gegenmittel gegen Ebola-Helsinki gefunden?«

»Ja.«

»Herzlichen Glückwunsch. Aber warum mußtest du die Tests unbedingt allein vornehmen? Dabei darf man keine Ein-Mann-Show aufführen. Alles muß nach Protokoll unter kontrollierten Bedingungen ablaufen. Das weißt du doch«, tadelte ihn Manneraho und fuhr dann in schon versöhnlicherem Ton |33|fort. »Na ja. Andererseits hast du so gute Arbeit geleistet, daß ich diese Verstöße mal unter den Tisch fallen lasse.«

Der Deckel der Kautabakdose schnappte auf. Der Geruch von Kuhmist breitete sich schnell in dem Zimmer aus. Ratamo schob sich den Priem in aller Ruhe unter die Lippe, obwohl er wußte, daß sich sein Chef darüber aufregte. Oder vielleicht gerade deswegen.

Mannerahos mißmutige Miene verriet, was er dachte. Er schwieg aber, überlegte einen Augenblick und fragte dann, wohin Ratamo den Rest des Gegenmittels gestellt habe.

Der erklärte ihm, es gebe kein Gegenmittel mehr, bei den Tests in der vergangenen Nacht habe er alles aufgebraucht.

Der Professor bot seinem Kaffee schlürfenden Mitarbeiter Kekse an und stellte dann noch einige Zusatzfragen. Als er hörte, daß niemand außer Ratamo die Formel des Gegenmittels kannte, war er sichtlich erfreut. Er wies seinen Mitarbeiter an, unverzüglich das gesamte Material über das Gegenmittel zu holen.

»Hier ist alles eingetragen. Auf dieser Diskette sind die Fortschritte bei meinen Versuchen innerhalb der letzten zwei Wochen und der aktuelle Stand dokumentiert«, berichtete Ratamo wahrheitsgemäß und reichte seinem Chef die Diskette. »Und hier ist die Formel des Gegenmittels«, fügte er hinzu und riß zwei Seiten aus seinem Heft heraus.

Ratamo gab seine Originalnotizen nur ungern her, aber er wollte das Gespräch beenden und den Rest des Tages ganz entspannt verbringen, sollte sich doch Manneraho mit der Bürokratie herumschlagen. Die Formel für das Gegenmittel hatte er auf jeden Fall in seinem Gedächtnis.

Manneraho befahl seinem Mitarbeiter, die ganze Sache vorläufig zu vergessen. Ratamo dürfe auf gar keinen Fall die Formel |34|des Gegenmittels erneut aufschreiben. Er solle seine sonstigen Arbeiten weiterführen, bis sein Chef ihm andere Anweisungen gab. Manneraho versprach, er werde ihm mitteilen, wenn er seine Hilfe benötige.

Ratamo wunderte sich über den Eifer des Professors, war aber angesichts der neuen Instruktionen zufrieden, denn die Untersuchung von Ebola-Helsinki war seine einzige Aufgabe. Jetzt könnte er seine Urlaubsvorbereitungen während der Arbeitszeit treffen. Und Manneraho durfte in aller Ruhe den Ruhm für die Entdeckung des Gegenmittels ernten.

Manneraho stand auf und schaute den jungen Wissenschaftler mit ernster Miene an. »Arto. Über diese Angelegenheit darfst du mit niemandem sprechen. Diesmal mußt du gehorchen. Die Sache ist sehr ernst. Wenn du das irgend jemandem weitererzählst, fliegst du, vielleicht hast du dann auch eine Anklage am Hals. Ist das klar?«

Die einen arbeiten, und die anderen reden, dachte Ratamo, begnügte sich jedoch damit, seinem Chef beim Verlassen des Zimmers einen weiterhin guten Tag zu wünschen. Er war sicher, daß Manneraho nun überlegte, wie er mit der Arbeit der anderen für sich selbst Punkte sammeln könnte.

|35|6

Manneraho gefiel Ratamos überhebliches Verhalten nicht, aber er versuchte seinen jungen Wissenschaftler zu verstehen. Warum war Ratamo so aggressiv? Mit seinen anderen Mitarbeitern kam Manneraho gut aus. Vielleicht lag die Ursache also nicht bei ihm. Anscheinend konnte Ratamo überhaupt keine Autoritäten vertragen. Er selbst war vor langer Zeit auch ein talentierter junger Idealist gewesen, doch mit zunehmendem Alter hatte er begriffen, daß man die Dinge nicht unnötig ernst nehmen durfte. Man mußte das Leben genießen. Alles ließ sich leicht erledigen, wenn man die Leute gut behandelte und ein ausgedehntes Netz von Beziehungen knüpfte. Hoffentlich, überlegte Manneraho, würde der junge Mann noch rechtzeitig erkennen, was in seinem eigenen Interesse lag, und sich nicht seine Zukunft verbauen, indem er rebellierte.

Draußen krächzte eine Krähe, und Manneraho bemerkte, daß er an den Fingernägeln kaute. Er holte aus der Schublade eine Nagelfeile. Seit der Entdeckung von Ebola-Helsinki hatte er bei sich nach langer Zeit erstmals wieder Streßsymptome bemerkt.

Das Ebola-Virus war für ihn ein alter Bekannter. Im Jahre 1989 hatte er als Gastprofessor an der Universität Cornell im Bundesstaat New York Gelegenheit gehabt, das Affenhaus der Kleinstadt Reston in der Nähe von Washington D. C. zu besuchen und an Ebola erkrankte Langschwanzmakaken zu beobachten.

|36|Innerhalb von zwei Tagen hatte er viele Tiere gesehen, die sich in verschiedenen Stadien der Krankheit befanden. Die teuflische Art und Weise, in der Ebola seine Opfer vernichtete, hatte ihn schockiert. Das Virus bildete im Blut Gerinnsel, wodurch sich der Blutkreislauf verlangsamte; das Blut verdickte, sammelte sich an den Gefäßwänden und blieb kleben. Wegen der Gerinnsel entstanden an verschiedenen Stellen des Organismus Nekrosen und subkutane Hämatome. Kleine Blasen entwickelten sich auf der Haut, die schließlich Risse bekam und das Blut hinausfließen ließ. Mit fortschreitender Krankheit bildeten sich blaue Flecken auf der Haut, die zu einem weichen Brei wurde. Bei einer heftigen Berührung bestand die Gefahr, daß sie zerriß und sich in großen Fetzen löste. Aus jeder Körperöffnung floß Blut, das nicht mehr gerann, da das Virus den Gerinnungsfaktor zerstört hatte. Die Oberfläche der Zunge und die Wände von Rachen und Luftröhre schälten sich ab. Das Herz blutete. Aus den Augen trat Blut aus. Die Blutpfropfen erschwerten die Hirnfunktion. Wenn sich die Därme mit Blut füllten, lösten sich die Darmwände, und das Opfer schied sie mit einer gewaltigen Blutmenge aus. Im Endstadium der Krankheit bekam der Patient heftige Krampfanfälle, bevor das Blut nach dem Versagen des Schließmuskels aus dem After und anderen Körperhöhlen herausfloß.

Den Menschen tötete Ebola genau so wie den Affen. Das Virus war in seiner ganzen Grausamkeit ein Meisterwerk der Natur – ein perfekter Killer.

Manneraho schaltete das Radio ein. Aus irgendeinem Grund schweiften seine Gedanken immer ab, wenn es still war. Wie könnte er aus der Situation für sich Nutzen ziehen? Über die Entdeckung des Gegenmittels hätte er seinen Vorgesetzten informieren müssen. Das wollte er jedoch nicht tun, weil er befürchtete, |37|daß der einen Teil des Ruhmes für sich beanspruchte. Sollte er dem Operativen Stab der Streitkräfte die Entdeckung melden? Die EELA hatte strenge Vorschriften, die besagten, daß der Stab über alle Funde unterrichtet werden mußte, die sich für die biologische Kriegsführung eigneten. Manneraho verstand ganz ausgezeichnet, welche militärische Bedeutung Ebola-Helsinki und das Gegenmittel besaßen. Sie wären vortrefflich geeignet für irgendwelche Terrororganisationen, Unabhängigkeitsbewegungen oder kriegerische Diktaturen, die nicht über die Mittel oder das Knowhow verfügten, um sich Kernwaffen zu beschaffen.

Allmählich nahm in seinem Kopf ein Plan Gestalt an. Er beschloß, den Operativen Stab anzurufen, aber nicht den Verbindungsmann, den man der EELA angegeben hatte, sondern Raimo Siren, den Chef des Operativen Stabes. Er würde die Entdeckung als seine eigene Errungenschaft darstellen und so dafür sorgen, daß sich der General seinen Namen einprägte. Und er würde deutlich zu verstehen geben, welche Bedrohung das Virus und das Gegenmittel für die nationale Sicherheit bedeuteten. Die EELA war als Aufbewahrungsort nicht sicher genug, irgendeine Terrororganisation könnte sie womöglich sogar stehlen. Die japanische Sekte »Höchste Wahrheit« hatte 1995 auf einem U-Bahnhof in Tokio ein tödliches Nervengas austreten lassen und auch versucht, in den Besitz des Ebola-Virus aus Zaire zu gelangen.

Bei passender Gelegenheit würde er andeuten, daß er mit Blick auf die nächste Verleihung des Ehrentitels eines Akademiemitgliedes große Erwartungen hegte.

Als würde er beten, atmete er einige Male tief durch, bevor er zum Hörer griff und die Nummer der Zentrale des Generalstabs eintippte.

|38|Das Gespräch verlief so, wie es sich Manneraho erhofft hatte. Siren hielt die Entwicklung des Gegenmittels für eine gefährliche Veränderung der Lage und war der Ansicht, daß sie das Virus zu einer Wunschwaffe für Terroristen machte. Der Generalmajor bat den Professor, abends zu ihm in den Generalstab zu kommen. Er sollte alles Material mitbringen, das mit dem Gegenmittel zusammenhing, und durfte vor ihrem Treffen mit niemandem ein Wort darüber sprechen.

Manneraho war so aufgeregt, daß er beschloß, das vereinbarte späte Dinner mit Eveliina abzusagen. Er fand die Telefonnummer seiner letzten Eroberung im Notizbuch, sah den verwirrend schönen Körper der Frau vor sich und machte seine Entscheidung rückgängig.

|39|7

In dem Raum ohne Klimaanlage war es heiß, obwohl die Fenster sperrangelweit offenstanden. Sirens Stirn lag in Falten, und Schweißtropfen rollten über seine Schläfen, als er den Stift auf den Schreibtisch fallen ließ. Nach Mannerahos Anruf hatte er ungestört über zwei Stunden an seinem Plan gearbeitet. Seiner Sekretärin hatte er mitgeteilt, sie dürfe sich nur bei ihm melden, wenn die Ausrufung des Notstands drohte oder seine Frau anrief, was für ihn praktisch das gleiche war.

Siren glaubte Reettas monotone Stimme zu hören. Das ewige Gemecker seiner Frau war für ihn ein vertrautes Hintergrundgeräusch, so wie für den Fischer das Meeresrauschen. Als zwanzigjähriger Kadett hatte Siren die einzige Tochter eines geachteten Jägergenerals geheiratet. Die Liebe der Frischverheirateten war vor langer Zeit gestorben. Obwohl die Ehe unglücklich war, hatte er seine Laufbahn nicht durch eine Scheidung gefährden wollen, solange der Schwiegervater noch lebte. Teure Hobbys und ihre Vorliebe für Bälle und andere Festlichkeiten der höheren Gesellschaftsschichten hatten Reetta daran gehindert, ihren Mann zu verlassen. Nach dem Tod seines Schwiegervaters war Siren in seiner Ehe schon so abgestumpft, daß er nicht all das durchmachen wollte, was mit einem Scheidungsprozeß verbunden wäre. In der erzkonservativen Welt des Militärs hätte er außerdem zu Repräsentationszwecken eine neue Ehefrau gebraucht.

|40|Siren hob langsam das Glas mit Kognak der Marke Hennessy XO an die Lippen. Das starke Aroma brannte in der Nase. Es fiel ihm immer noch schwer, zu begreifen, in was für eine totale Sackgasse er geraten war. Er wußte ganz genau, was geschehen würde, wenn er nicht selbst die Zügel in die Hand nähme. Beim Prozeß würden die Augenzeugen bestätigen, daß sie gesehen hatten, wie sein Prelude das Mädchen überfahren hatte, und Reetta würde von der Beule am Auto erzählen. Der Staatsanwalt würde Mikroskopaufnahmen vorlegen, die bewiesen, daß sein Auto mit dem Fahrrad zusammengestoßen war. Vielleicht gelänge es der Polizei, die Person ausfindig zu machen, die bei dem Abendessen mit ihm zusammengesessen hatte, und dann würde das Gericht erfahren, daß er stark angetrunken gewesen war. Die Liste seiner Vergehen wäre so lang wie der Gürtel eines Sumo-Ringers. Weswegen würde man ihn verurteilen? Auf jeden Fall, so vermutete Siren, wegen fahrlässiger Tötung, unterlassener Hilfeleistung, Trunkenheit am Steuer und Fahrerflucht.

Dazu kam noch, daß eine Gefängnisstrafe finanziell verheerende Folgen hätte. Reettas Bekleidungsgeschäft war in den Zeiten der Krise an den Rand des Konkurses geraten. Er hatte für die Kredite des Ladens gebürgt und mußte seitdem mit seinem eigenen Geld gewährleisten, daß die Boutique ihre Kredite ...

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