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Über den Autor

Matti Rönkä, geboren 1959, ist Chefredakteur und Nachrichtensprecher beim finnischen Fernsehen. Jeder Finne kennt ihn als »Mister Tagesschau« – und als Autor sehr erfolgreicher Krimis. Matti Rönkä lebt in Helsinki.

Er wurde mit dem Finnischen Krimipreis, Deutschen Krimipreis und dem Nordischen Krimipreis ausgezeichnet. In der Begründung für die Verleihung des Deutschen Krimipreises 2008 steht: »Rönkäs Sprache ist klar, erfrischend geradlinig, jegliche Manierismen sind ihr fremd. Da muss sich keiner beweisen, dass er schreiben kann.«

MATTI RÖNKÄ

FINNISCHE
FREUNDE

Drei Viktor-Kärppä-Krimis
in einem Band

BASTEI ENTERTAINMENT

MATTI RÖNKÄ

RUSSISCHE
FREUNDE

Aus dem Finnischen
von Gabriele Schrey-Vasara

Rajon Kem, Karelische Republik, Russland

Es ist nicht leicht, dir das Ganze zu erklären. Oder mir selbst.

Manchmal hängt alles von einer Kleinigkeit ab.

Und damit meine ich keine von diesen Science-Fiction-Geschichten, in denen ein Zeitreisender vom Pfad abweicht, mit seinem Stiefel einen bescheidenen Pflanzenkeim oder den Kokon einer Schmetterlingsraupe beschädigt und dadurch die ganze Evolution in andere Bahnen lenkt.

So weitreichend sind die Folgen nicht, mein Untergang hätte den Lauf der Welt nicht verändert. Du hast dir lediglich in den Kopf gesetzt, dass du mein Business haben willst, alles, was ich mir aufgebaut habe.

Das Ökosystem kommt deswegen nicht aus dem Gleichgewicht. Aber für mich ist mein Geschäft alles. Oder war.

Ich versuche, fair zu sein, das Ganze objektiv, unabhängig und unparteiisch zu betrachten. Zugegeben, das Startkapital gehörte mir nicht. Es fiel mir einfach in den Schoß, als Ryschkow starb … charascho, als er getötet wurde. Aber hätte jemand begründeten Anspruch darauf erhoben, dann hätte ich es zurückgezahlt, mit Zinsen.

Wenn ich mich sehr anstrenge, bringe ich es fertig zu lächeln. »Mach dir nichts aus irdischem Gut, man darf den Dingen nicht nachtrauern, sinnlos, über verschüttete Milch zu weinen. Tand und Trödel, davon gibt es genug auf der Welt.« So redete Mutter immer, mit diesen Worten tröstete sie mich, als ich klein war und die Kanne zerbrochen hatte, die weiße mit den blauen Blumen. Mutter sprach, aber sie sah mich nicht an. Ich ahnte oder vielmehr hörte, dass ihr Tränen in den Augen standen, und wurde noch viel trauriger. Mit dem Verlust von Geld und Besitz hätte ich mich früher oder später abgefunden. Sogar einen Finger hätte ich opfern können, den Schmerz und die Narben ertragen, den Phantomschmerz. Die Attacke auf mich, die Gefahr, damit wäre ich klargekommen.

Aber ich konnte nicht zulassen, dass du Marja bedrohst. Das war dein Fehler.

1

»Wo bist du?«, fragte der Mann, ohne sich vorzustellen. Auf Russisch. Die heisere Stimme hallte im Telefon. »Na, hier«, erwiderte ich vorsichtig, »auf der Baustelle.« Das Handy verstummte, ich horchte noch eine Weile, dann verstaute ich es in der Brusttasche. Kann ja mal vorkommen, dass ein Telefonat abbricht.

»Hol eine Fuhre Gipsplatten aus der Halle. Von der Ausschussware, die ist gut genug«, wies ich Antti Kiuru an, einen Ingermanländer, den ich als Vorarbeiter eingesetzt hatte.

Das aus sechs Wohnungen bestehende Reihenhaus zog sich im Zickzack über das Grundstück in Hanglage. Es war bereits überdacht. Drinnen stopften die Männer Isolierwolle in die Ritzen, befestigten Wandplatten und nagelten Deckenplatten an.

Ich hatte das Grundstück günstig von einem Baulöwen bekommen, kurz bevor er sein Unternehmen in den Konkurs führte. Auf den Baustellen war damals das Gerücht umhergeschwirrt, die Firma werde so lange blank geputzt, bis sie in den Bankrott purzeln würde. Das hatte mir nicht geschmeckt, denn dem Bauunternehmer gehörte auch das Haus, in dem ich wohnte. Und ich mochte mein Zuhause.

Der Baulöwe war einsichtig, ich brauchte ihm gar nicht groß zuzusetzen. Ich schaute ihm eine Weile in die Augen und machte ihm ein faires Angebot. Der Alte polierte seine dicken Brillengläser, schluckte seine Einwände herunter, nahm das Geld und verdrückte sich. Ich bekam mein Haus und als Dreingabe zwei Baugrundstücke, ordnungsgemäß im Bauplan eingetragen, technisch erschlossen bis zur Grundstücksgrenze.

Später hörte ich, dass der betreffende Unternehmer inzwischen Arbeitskräfte aus Tallinn vermittelte. Er warb in Estland Putzfrauen und Lagerarbeiter und Monteure aller Art an, die er per Schiff für einige Wochen nach Finnland schickte. Die Arbeitskräfte waren sehr flexibel, worüber die eine oder andere Behörde wahrscheinlich gern einmal mit dem Unternehmer gesprochen hätte. Ich nicht.

»Da muss einer als Fahrer mit«, sagte Kiuru zu meinem Rücken.

»Wo steckt denn Matti?«, erkundigte ich mich vorwurfsvoll, womit ich an eine alte Schuld erinnerte. Ich hatte Antti Kiurus Sohn Matti aus der Patsche geholfen, indem ich ihn bei mir anstellte.

»Der ist krank«, sagte Kiuru senior.

»Krank, so so«, höhnte ich.

»Wirklich. Er hat Fieber. Ein Drückeberger ist der Matti nicht. Das weißt du genau«, nahm Antti seinen Sohn in Schutz.

»Dann nimm Iljuscha oder Juri als Fahrer, die haben den Lappen. Hauptsache, ihr holt die Platten. Und zwar heute und nicht am Sankt-Nimmerleins-Tag. Die Arbeit steht, mir kommt der ganze Zeitplan ins Schwimmen.« Ich drehte mich um und ging über den Betonfußboden, setzte über die Verschalung wie ein Hürdenläufer.

»Warte mal«, Antti Kiuru hielt mich zurück und wischte weißen Mörtel vom Ärmel meines Jacketts. Er stand so nah, dass ich das Sägemehl und den Schleifstaub und den warmen, väterlichen Schweiß roch. »Du solltest nicht in diesen feinen Klamotten herkommen«, brummelte er. Zwischen den Zeilen klang ein Vorwurf durch: Früher hast du einen Overall getragen oder eine Trainingshose, Hammer und Nageltasche am Gürtel, jetzt stolzierst du in feiner Hose und Jackett und Polohemd herum.

»Na, weil ich doch zwischendurch auch Büroarbeiten erledigen und zur Bank gehen muss«, verteidigte ich mich. »Ich mach mich jetzt auf den Weg. Ach übrigens, der Elektriker ist eine unbekannte Größe. Guck ihm mal auf die Finger, ob es sich lohnt, ihn zu der Baustelle in Korso mitzunehmen.«

Im Wagen holte ich die Daten des unterbrochenen Telefonats auf das Display. Die Nummer des Anrufers war gespeichert. Die ersten Ziffern verrieten mir, dass es sich um den Anschluss eines Telefonanbieters in Sankt Petersburg handelte, aber der Rest war mir fremd. Ich wunderte mich, denn der Anschluss, an dem der Unbekannte mich angerufen hatte, war nur für wenige gute Freunde reserviert.

Marja saß auf der löchrigen Bank vor dem Haus, auf der Seite, wo die Sonne schien. Sie hatte die Augen geschlossen, ließ sich das Gesicht bräunen.

»Hallo«, sagte ich.

»Ach, hallo«, entgegnete Marja tonlos.

Ich trat zu ihr. Die Grasbüschel am Steinsockel strahlten trockene Wärme aus. »Rück doch mal«, bat ich, da Marja offenbar nicht auf die Idee kam, mir Platz zu machen.

»Hier sind die Bilder vom Architekten und die Ingenieurszeichnungen auch gleich.« Ich entnahm der Klarsichtmappe des Kopiershops einen Stapel Papiere. Marja schob die Sonnenbrille von der Stirn vor die Augen, legte die Bauzeichnung auf die Knie und entfaltete sie.

»Ich finde, der Flügel macht sich gut. Und die Bäume können alle stehen bleiben. Hierher kommt die Terrasse …«

»Was zum Teufel ist das?«, fiel mir Marja unwirsch ins Wort.

»Was denn?«

»Na, das! Das hier.« Sie pochte mit dem Finger auf den Grundriss.

»Ach, den Duschraum meinst du. Sauna und Duschraum und eine Art Kaminzimmer und daneben der Hauswirtschaftsraum und der Heizungskeller. Das heißt, einen Heizungskeller braucht man ja heutzutage nicht mehr, aber da werden eben die technischen Anlagen untergebracht.«

»Nee, das hier, wo Jacuzzi steht.« Marjas Stimme wurde schärfer. Ihr Zeigefinger drückte eine Falte in den Grundriss.

»Na, Mensch, das siehst du doch! Da hat der Architekt einen Whirlpool eingeplant. Diese Bubbelblasen braucht man natürlich nicht, wenn man nicht will, aber ein Becken ist schon praktisch, da bleibt der Boden trocken und …«

»Stell die Jacuzzis in deinen Puffs auf. Da kannst du mit deinen Nutten Schaum schlagen!« Marja schmiss den Grundriss auf die Erde und ging ins Haus. Ich sammelte die Papiere auf und säuberte sie, wischte den Dreck am Ärmel ab.

Marja räumte Geschirr in die Spülmaschine.

»Was soll der Quatsch? Ich hatte das Zeug doch schon reingestellt, und zwar ziemlich ordentlich«, wagte ich zu bemerken.

»Es ist kein Quatsch, das Geschirr so einzuräumen, dass es auch sauber wird. Und dass alles reinpasst«, giftete Marja.

»He, im Ernst.« Ich trat hinter Marja, versuchte sie zu beschwichtigen, fasste sie an den Schultern. »Was hast du denn? Du weißt genau, dass keine Freudenmädchen für mich auf den Strich gehen.«

Ich streichelte ihren Rücken und pustete durch ihr T-Shirt.

»Wahrscheinlich nicht – mehr«, sie ergänzte das Wort, das ich ausgelassen hatte. Ihre Schultern bebten, aber die Muskeln blieben hart.

»Häschen, es ist alles in Ordnung. Meine Geschäfte werden immer sauberer. Okay, vielleicht zahle ich nicht alle Rentenbeiträge, aber meine Leute kriegen ihren Lohn, und die Rechnungen vom Holzhof werden pünktlich beglichen. Und Steuern zahle ich mehr als genug. Ich bin ein ganz normaler finnischer Unternehmer. Na, jedenfalls bald, fast normal und fast finnisch«, versuchte ich zu scherzen.

»Ist das dein Ziel, Viktor?« Marjas Stimme wurde schärfer. »Dass das Geld zu allen Fenstern reinströmt, du einen Mercedes fährst und das Wasser im Pool blubbert? Und dass man dich Viki nennt und glaubt, dein richtiger Name wäre Veikko? Manchmal habe ich das Gefühl, du warst netter, als es dir noch nicht so gut ging.«

Sie fixierte mich wie ein junger Fuchs, die kurzen dunklen Haare gesträubt.

»Damals hast du viel öfter gelächelt. Über andere, über dich, einfach über alles. Du hast gelacht, obwohl du allen Grund gehabt hättest zu weinen. Was willst du eigentlich? Das frage ich mich manchmal«. Marja trauerte offenbar vergangenen Zeiten nach. Ohne meine Antwort abzuwarten, bückte sie sich, um Geschirr­tabs aus der Schachtel zu nehmen, schaltete die Spülmaschine ein und ging ins Schlafzimmer.

Ich schwieg. Dabei hätte ich sagen müssen, mach dir keine Sorgen, es wird sich schon alles richten, und hast du nicht gesehen, dass der Architekt auch »Kinderzimmer« auf den Grundriss geschrieben hat, oder regst du dich in Wahrheit darüber auf und nicht über den Whirlpool?

Marja kam zurück, bevor ich den Mund öffnen konnte.

»’tschuldige, Viktor, aber ich bin ziemlich nervös. Hier sind zwei Russen aufgekreuzt. Nein, nicht die üblichen Eisschränke in Lederjacken«, fuhr sie hastig fort, als sie merkte, dass ich sie unterbrechen wollte. »Sie waren gepflegt und höflich, mit langen, eleganten Gabardinemänteln und Aktentaschen aus Glanzleder. Sie haben mit ruhiger Stimme Englisch gesprochen. Vorgestellt haben sie sich nicht, aber es waren unter Garantie Iwans … Entschuldigung, Russen.« Auch jetzt gab sie mir keine Gelegenheit, etwas zu sagen. »Sie haben nach dir gefragt, dabei hatte ich den Eindruck, sie wussten genau, dass du nicht zu Hause bist. Ich soll dich von ihnen grüßen und dir sagen, sie kämen ein andermal wieder.«

»Na, das ist doch kein Grund zur Aufregung. Vielleicht waren es alte Bekannte. Oder sie haben irgendwo von mir gehört und wollen Geschäfte mit mir machen. Womöglich sind das ganz ehrbare Leute«, versuchte ich sie zu beruhigen, obwohl ich selbst nicht an das glaubte, was ich redete.

»Mein lieber Viktor, ich bin alt genug, um das eine oder andere zu verstehen. Das waren böse Menschen. Sie hatten kalte Augen und kalte Stimmen. Und sie haben mich angeguckt wie einen Putzlappen. Oder vielleicht wie ein Freudenmädchen, das nicht mehr zu gebrauchen ist. Und der eine hat gelacht und mich in die Backe gezwickt wie ein kleines Kind, dabei war er bestimmt nicht älter als ich.«

Mein Handy klingelte. Nichts als Stille drang an mein Ohr, leeres Rauschen. Aber ich war mir sicher, dass es russische Stille war.

2

Oksana Pelkonen, meine Halbtagssekretärin, wuselte bereits im Büro herum, als ich meinen Mercedes in der Viherniemenkatu in eine Parklücke zwängte. Ich war meinem Büro am Markt von Hakaniemi treu geblieben, obwohl man mir modernere Räume angeboten hatte. Immerhin hatte ich an der Tür und an den Fenstern neue Aufkleber angebracht. Sie verkündeten – meiner Ansicht nach dezent –, dass sich hier die Geschäftsstelle des VK-Konzerns befand, zu dem die Firmen Bau-Kärppä, VK-East-Trade, VK-Consulting und Osthilfe Hakaniemi gehörten. Darunter stand der Werbespruch »Osthandel schon im zweiten Jahrhundert«. »Im zweiten Jahrtausend« wäre nicht weniger zutreffend gewesen, hätte meine Kunden jedoch zum Grübeln gebracht.

»Guten Morgen, Vitjucha, guten Morgen«, begrüßte Oksana mich gleich doppelt. »Ich habe gerade deinen Tee aufgegossen. Schau mal, auf dem Poststapel liegen zuoberst drei Briefe an Viktor Kärppä, daher wusste ich, dass du kommst.«

»Dazu brauchst du kein Orakel. Ich komme jeden Morgen ins Büro, auf fünf Minuten pünktlich«, fauchte ich. »Und die Post, die in mein Büro kommt, ist ja wohl größtenteils an mich gerichtet.«

Oksana machte einen Schmollmund, quasselte aber weiter. »Oje, hast du Herzweh, Vitja? Ist die Liebe zerknüttert?«

Ich hütete mich, ihr mein Herz auszuschütten, obwohl ihre Vermutung der Wahrheit recht nahekam. Marja hatte sich am Abend aufs Sofa gekauert und gelesen, war früh schlafen gegangen und hatte mich allein im Wohnzimmer hocken lassen. Am Morgen war sie zeitig aus dem Haus gegangen, nach einem hartlippigen Kuss und einem flüchtigen Tschüs.

»Es heißt zerknittert, nicht zerknüttert. Aber über die Liebe kann man das sowieso nicht sagen«, korrigierte ich und goss mir Tee ein. Den Becher mit der Aufschrift Boss hatte Oksana auf dem Markt erstanden. Sie verzichtete auf weiteres Schmollen und begann geschäftig Rechnungen auszudrucken und Briefumschläge zuzukleben.

Ich brauchte keine Vollzeitbürokraft. Oksana Pelkonen kam nur zwei oder drei Tage pro Woche ins Büro. Sie schrieb Rechnungen, beherrschte die Regeln der einfachen Buchführung, beantwortete Faxe und E-Mails und schaltete das Bürotelefon bei Bedarf auf ihr Handy um, an dem sie sich auch in ihrer Freizeit mit den Worten meldete: »VK-Konzern, guten Tag.«

Ich hatte Oksana kennengelernt, als ich noch für Ryschkow arbeitete. Er hatte sie im früheren Rajon Leningrad angeworben, in irgendeiner vergessenen Kleinstadt oder einem lahmgelegten Kombinat.

Da Oksana ganz passabel aussah, war sie zusammen mit anderen Mädchen in einem Ikarus-Bus mit blinden Fenstern nach Helsinki gekarrt worden. Aber aus der Arbeit war nichts geworden. Oksana war brav und gefügig, dabei aber kindlich und ungeschickt und ungefähr so erregend wie eine Strumpfhose im Kühlschrank. Ryschkow hatte sie aus dem Geschäft gezogen und mit Kochen und Waschen beschäftigt, während sie auf den Rücktransport nach Sankt Petersburg wartete. Oksana war einen Monat lang geblieben, dann einen zweiten, war zwischendurch nach Russland gefahren, um ihr Visum zu erneuern, aber immer wieder nach Helsinki zurückgekehrt, um für Ryschkow zu arbeiten.

Und als Ryschkow gestorben war, hatte ich neben seinem geschäftlichen Erbe auch die Verantwortung für Oksana übernommen. Oksana war väterlicherseits finnischer Abstammung und sprach ein wenig Finnisch. Ich schickte sie zum Sprachkurs, brachte ihr bei, wie die Büroarbeiten für meine kleinen Firmen zu erledigen waren, und verschaffte ihr einen Zweitjob in einer Reinigung. Inzwischen hatte Oksana einen finnischen Pass und wohnte mit ihrer Oma im Vorort Vuosaari.

»Apropos Besucher, die Petersburger Männer kommen gleich«, zwitscherte Oksana wie ein Buchfink, der den Frühling ankündigt.

»Was für Petersburger Männer, zum Teufel?«, krächzte ich.

Oksana sah mich verschreckt an. »Warrum schreist du so … Zwei Bisnezz-Männer, junge, ordentliche.« Vor Schreck vergaß sie die finnische Intonation und klang zu drei Vierteln russisch. »Am vorigen Tag waren sie hier. Haben geredet, als wärst du ein Bekannter … und dass sie ein Meetink hätten … wie hätte ich denn da Böses ahnen sollen«, sprudelte sie hervor, holte zwischendurch quiekend Luft.

Bevor ich sie beschwichtigen konnte, schrie Oksana auf und bekreuzigte sich fahrig. »Da kommen sie, um Himmels willen … was soll ich nur tun?«

»Schon gut, keine Panik, alles ist in Ordnung«, beruhigte ich sie. »Setz dich nur an deinen Schreibtisch und tu deine Arbeit.«

Ich musste meine Aufforderung wiederholen, denn Oksana flatterte immer noch kopflos im Büro herum. Sie machte den Mund auf, sagte aber nichts, als sie meinen warnenden Finger sah. Stumm verschwand sie hinter der Stellwand in ihrem Teil des Kontors.

Ich trank meinen Tee aus. Die Türfeder knarrte. Ich legte beide Hände auf den Tisch, mit gespreizten Fingern, und konzentrierte mich.

Bei der Spezialausbildung in der Armee hatte man uns getestet, geprüft und darauf getrimmt, Stress auszuhalten. Wir waren durch Wälder gestiefelt und über Steppen getrottet, bis wir vor Erschöpfung zitterten. Wir hatten unter Hunger und Schlafmangel gelitten und waren verhört worden, so realistisch, dass mancher bereitwillig seine eigene Mutter des Landesverrats bezichtigt hätte. Man hatte uns isoliert und gegeneinander aufgehetzt, hatte durch finstere Andeutungen dafür gesorgt, dass einige aus unserem Kreis abgesondert und misstrauisch beäugt wurden, ohne zu wissen, weshalb.

Und die ganze Zeit über hatte man uns eingebläut, dass man fähig sein musste, seine Handlungsfähigkeit zu bewahren. Behalte einen kühlen Kopf, denk nach, überlege, konzentriere dich auf das Wesentliche, hatte der Leiter der Einheit, Major O. A. Sorokin, uns eingehämmert. Befiehl deinem Herzen, ruhiger zu schlagen, gib ihm den Rhythmus vor. Das Herz gehorcht, hatte er versichert. Und wenn du deine Gesichtszüge unter Kontrolle hast, gleichmäßig atmest und deinen Puls zügelst, funktioniert auch dein Verstand. Du musst sein wie Kohlenmonoxyd – geruchlos, geschmacklos, farblos, aber tödlich.

Anfangs hatten wir über den Genossen Major und seine Sprüche gelacht. Der junge Mann, ein vierschrötiger Bursche mit gutmütigem, gerötetem Gesicht, sah aus wie ein ukrainischer Bauer, zu dem es besser gepasst hätte, auf einem Getreidesack zu sitzen und auf einen Schnaps zu warten. Aber nach und nach war uns das Grinsen vergangen. Sorokin wusste, wovon er sprach. Und als wir begriffen, wozu wir nach der Ausbildung fähig sein würden, waren auch die letzten Spuren eines Lächelns aus unseren Gesichtern verschwunden.

Aber ich war hier nicht in einem Kurs über psychophysische Operationstaktik. Ich saß auf meinem Bürostuhl, ohne zu wippen oder mich hin und her zu drehen, und bereitete mich auf meine Besucher vor.

Es waren zwei. Sie waren mittelgroß, schlank, pfirsichhäutig und so modisch individuell gekleidet wie Zwillingsbabys, denen man Jäckchen und Strampelhosen in verschiedenen Farben anzieht. Der eine war dunkelhaarig, der andere blond. Der Dunkelhaarige trug eine rahmenlose Brille, der Blonde hatte einen Diamantstecker im Ohrläppchen. Der Anzug des Dunklen war blau, sein Hemd kariert, und die Krawatte hatte Schrägstreifen. Der Blonde trug ein graubraunes Jackett, sein Hemd war gestreift und seine Krawatte kariert.

Ich war eher an Zweigespanne gewöhnt, bei denen der eine Muskeln und der andere ein Gehirn besaß, aber beide tätowiert waren. Wenn man mit solchen Typen eine Weile plaudert, entdeckt man bald gemeinsame Bekannte, und dann tischt man ein Gläschen Wodka auf, wir haben doch keine Eile, man heizt die Sauna und quasselt über Frauen, die Gesichter röten sich und schließlich singt man gemeinsam wehmütige Lieder. Und die eigentlichen Verhandlungen führt man am nächsten Tag, in versöhnlicher Stimmung, bei einem Glas Salzgurkenlake gegen den Kater. Mit diesen beiden hätte ich dagegen allenfalls über die richtige Fermentierung von Teeblättern plauschen können.

»Sdrastwite, Jungs«, begrüßte ich sie, als trügen sie noch kurze Hosen. Ich versuchte, Herr der Lage zu bleiben.

»Guten Morgen, Viktor Nikolajewitsch«, erwiderte der dunklere Zwilling huldvoll, während der Blonde sich mit einer knappen Verbeugung begnügte. Mir schoss der Gedanke durch den Kopf, dass ich die Vorzeichen womöglich völlig falsch gedeutet hatte, vielleicht waren die Herren richtige Geschäftsleute und in ehrbarer Absicht gekommen, und ich hatte mit meiner unhöflichen Bemerkung ein einträgliches Projekt verspielt.

»Das heißt, der Morgen war nur bis jetzt gut«, fuhr der Dunkelhaarige fort. »Ich will nicht mehr Zeit vergeuden als unbedingt nötig. Also kurz und bündig: Wir möchten, dass du deine Firmen und deine Geschäftstätigkeit und sämtliche Gewinne, die sie dir eingebracht haben, uns überträgst … wir haben die Papiere schon vorbereitet.«

Er nickte seinem blonden Genossen zu. Der holte eine kleine schwarze Mappe aus seiner schmalen Aktentasche, zog die Gummibänder über die Ecken und ließ mich säuberlich beschriftete Papiere sehen.

»Ja. Wir möchten dieses Unternehmen … zurück. Du verstehst schon«, lächelte er.

Auch ich lächelte. Hatte ich also doch recht gehabt. Die beiden waren Räuber.

Der Dunkelhaarige holte ebenfalls saubere, ordentliche Bö­gen aus seiner schmalen Aktentasche. Er legte keine Eile an den Tag, als er den Stapel durchblätterte und sich vergewisserte, dass alle Unterlagen vorhanden und richtig geordnet waren. Dann las er in gleichmäßigem Tonfall die Besitztümer meiner Firmen ab. Der Kurswert der Börsenaktien und Fondsanteile entsprach auf den Cent genau dem gestrigen Stand, die Grundstücke waren nach dem jeweiligen Baurecht und die unvollendeten Bauprojekte nach dem Grad der Fertigstellung bewertet, Werkzeuge und Materialien mit Stückzahlen und laufenden Metern aufgelistet. Ich saß still da und hörte zu.

»Und dann noch Sun-Rise Enterprises, registriert in Gibraltar … Ryschkow war ja der unmittelbare Besitzer, auch wenn er das Unterschriftsrecht delegiert hatte. Wir schlagen vor, dass du die Wohnungen, die dieses Unternehmen besitzt, direkt auf uns überschreibst oder zuerst auf deine finnischen Firmen. Wir hatten keine Zeit, diesen Teil komplett auszuarbeiten«, sagte mein dunkelhaariger Besucher entschuldigend.

Sein blonder Partner fasste das Ganze noch einmal zusammen. »Du überträgst also deine gesamte Geschäftstätigkeit auf die von uns zu benennenden neuen Besitzer. Das Personal wird zu den bisherigen Bedingungen weiterbeschäftigt, die Damen aus der Vergnügungsbranche bleiben als Mieterinnen in den Wohnungen …«

»Die Frauen arbeiten nicht für mich. Ich besitze lediglich die Wohnungen. Was die Mieterinnen dort tun, ist ihre Sache«, unterbrach ich ihn.

»… nur der Besitzer wechselt. Beziehungsweise der ursprüngliche Besitzer kehrt zurück«, ergänzte der Dunkelhaarige den Satz des Blonden, ohne eine Miene zu verziehen.

»Nee, zum Teufel! Das ist doch Humbug«, protestierte ich. »Zugegeben: Nach Ryschkows Tod ist mir sein Eigentum zugefallen. Die Wohnungen sind Ryschkows Erbe. Ihr könnt sie haben, ich erstatte euch auch die Mieteinnahmen, mit Zinsen. Aber das Bauunternehmen und der Im- und Export und der sonstige Handel – das habe ich mir alles selbst aufgebaut. Damit hatte Ryschkow nichts zu tun. Der Mann hat in seinem ganzen Leben keinen Hammer angefasst, jedenfalls nicht beim Hausbau. Das hier habe ich mir hart erarbeitet. Und mit legalen Mitteln«, erklärte ich und deutete mit ausladender Geste in den Raum, in dem sich sämtliche Büromöbelstile von den 1960er-Jahren bis heute abgelagert hatten.

»Viktor, übertreibe nicht, dramatisiere nicht«, mahnte der Dunkelhaarige. Der Blonde stützte sich auf meinen Schreibtisch und musterte mich von oben herab.

»In Sankt Petersburg war bekannt, dass du dir Ryschkows Erbe unter den Nagel gerissen hast wie ein selbstherrlicher Bastard. Du hast dort Beziehungen zu hohen Leuten, das wissen wir. Vielleicht wurde dein Treiben deshalb toleriert. Oder man wollte abwarten, bis deine Firmen reif sind. Pflückreif, verstehst du? Wir brauchen Geschäftstätigkeit, und wir brauchen Firmen, die einige Jahre lang sauber gewesen sind. Finnland gehört zur EU, Estland ist inzwischen auch beigetreten – das ist unsere Version der Globalisierung. Wir belassen die Produktion hier und verlagern dich nach China«, gluckste der Blonde. Das Lachen wirkte fehl am Platz.

»Entschuldige, Viktor, dein Business in allen Ehren, aber es geht hier wirklich nicht um ein Cornering bei Nokia. Wir reden hier von einem kleinen Unternehmen, nicht wichtig, aber im Prinzip wesentlich«, beschwichtigte er.

»Um es klar und deutlich auszudrücken: Du hast keine Alternative, kein Einspruchsrecht, keine Möglichkeit, die Entscheidung anzufechten. Oder willst du die Polizei verständigen?«

Die Männer legten die Papiere in die Mappen und die Mappen in die Aktentaschen.

»Man sagt, du bist ein vernünftiger Mann, ein Realist. Wir hoffen es, obwohl das ehrlich gesagt scheißegal ist. Trotzdem möchte unser Auftraggeber ausdrücklich betonen, dass du nicht am Hungertuch nagen wirst. Du bekommst irgendeinen Job von uns. Also lies dir die Papiere genau durch und unterschreib sie. Und keine Mätzchen! Auf Wiedersehen, Viktor Nikolajewitsch.«

Der Dunkelhaarige beendete die Unterredung so gönnerhaft, wie er sie begonnen hatte. Dann gingen die beiden. Die Türfeder knarrte wieder und hallte verstimmt nach.

Oksana kam hinter ihrem Wandschirm hervor, huschte zwischen Schränken und Tischen herum, ließ Papiere fallen.

»Tippel hier nicht rum«, fuhr ich sie an.

»Aber was soll denn nun aus unserem Viktor werden?«, klagte Oksana und zerknüllte ein Taschentuch in der Faust.

»Mach dir keine Sorgen, Oksana, Kindchen«, beruhigte ich sie. »Uns passiert nichts. Ich werde mir schon was einfallen lassen.«

Ich bemühte mich, ruhig und überzeugend zu lächeln, brachte aber keinen wirklich hilfreichen Satz zustande. Das Einzige, was mir einfiel, waren die liebevollen Sprüche, mit denen Mutter Missgeschicke immer abgetan hatte. Auch auf den Reisighaufen scheint die Sonne. Wir werden schon nicht untergehen, so tief ist der Brunnen nicht. Wenn die Sauna brennt, braucht man wenigstens nicht zu frieren. Das hätte Mutter gesagt. Aber diesmal hätte ihr melancholischer Optimismus wie leeres Geschwätz geklungen, Friede ihrer Seele.

»Putz dir die Nase, bring deine Wimperntusche und sonstige Schminke in Ordnung und mach ein paar Erledigungen. Du bringst diese Rechnungen und ein paar andere Briefe zur Post. Und dann holst du in der Markthalle frisches Brot und ein paar Scheiben Kochschinken und zum Nachtisch diese kleinen Berliner mit Quarkfüllung. Danach sieht das Leben gleich viel freundlicher aus«, redete ich ihr zu.

Oksana schniefte und schluchzte und verschwand in der Toi­lette. Ich hörte Wasser laufen.

Keine Mätzchen. Das hatte das Jüngelchen gesagt. Ein Rotzbengel war er, auch wenn er kultiviert redete und nach teuren Wässerchen roch. Solche Pappkameraden schmeiß ich kopfüber auf den Misthaufen, stachelte ich meinen Kampfgeist an. Und gleichzeitig lauschte ich dem Gewisper des Zweifels und der Angst, die hinter meinem Rücken lauerten und mich daran erinnerten, dass die ungleichen Zwillinge einen Grund für ihre Forderungen hatten.

Ich hatte lange für Ryschkow gearbeitet, war ihm bei Geschäften behilflich gewesen, die bei böswilliger Betrachtung den Tatbestand des Schmuggels, der Kuppelei, der Nötigung und ähnlicher Bagatelldelikte erfüllt hätten. Als mein Arbeitgeber in den estnischen Heroinhandel eingestiegen war, hatte ich mich losgerissen. Ryschkow war bei der Gelegenheit ums Leben gekommen, und ich kann nicht behaupten, dass ich an dem Zwischenfall ganz und gar unschuldig gewesen bin.

Jedenfalls waren Güter und Firmen ohne Besitzer und Nachfolger geblieben. Ryschkows Frau war sofort nach Russland zurückgekehrt und hatte ihre Tochter mitgenommen. Ich wusste, dass sie keineswegs als arme Witwe und Waise darbten. Auch in Russland hatte sich genug Familieneigentum angesammelt. Zudem besaßen sie wahrscheinlich nicht genug Informationen, um auf den finnischen Nachlass Anspruch zu erheben. Ryschkow hatte seine Firmen nämlich so geschickt verkettet, dass sich die Spuren verloren, fast im Unsichtbaren endeten. Ich hatte ein Glied nach dem anderen aufgespürt, Unternehmen und Wohnungen und Gelder entdeckt, die niemand vermisste. Ich hatte aus der Erbmasse Kapital und Sicherheiten entnommen – das Fundament für all die Firmen, die ich jetzt führte.

Und die gehören mir, wiederholte ich in Gedanken.

»Grüß dich, Kärppä, altes Haus, wie sieht’s mit dem Bauern aus?«, rief eine fröhliche Stimme. Der Mann war lautlos her­ein­geschlüpft, hatte es geschafft, das Knarren der Türfeder zu dämpfen, und grinste nun zufrieden über die gelungene Überraschung. Er war eine Spur zu elegant gekleidet, ein Mann mittleren Alters mit erschlafftem, schönem Gesicht und trotz des Lächelns traurigen Augen.

»Oksana, bring für Korhonen auch einen Berliner mit«, seufzte ich. »Einen von gestern, wenn es die noch gibt.«

»Na was?«, fragte Korhonen und setzte sich.

»Was was?«, fragte ich zurück.

»Heilige Scheiße, ein Dialog auf höchstem Niveau«, seufzte Korhonen. »Erzähl Onkel Teppo, was es Neues gibt, unter Freunden.«

»Unter Freunden?«, fragte ich mit übertriebener Verwunderung und sah mich um. »Oksana ist schon gegangen, ich sehe also nur dich, und du bist Polizist. Sicher, vom Hund sagt man, er sei der beste Freund des Menschen. Aber von einem Polizisten?«

Korhonen lachte.

»Weißt du, Viktor, es ist schon komisch. Ich komme demütigen Sinnes zu dir, um dich zu fragen, wie es dir geht. Dieses eine Mal habe ich dich wegen gar nichts in Verdacht, jedenfalls wegen nichts Größerem. Von deinen kleinen Schwindeleien weiß ich natürlich. Zu deiner Warnung sei gesagt, dass der Nachrichtendienst deine Männer abgecheckt hat, diejenigen, die ein Visum zum Beerenpflücken haben, aber mit Pranken gesegnet sind, denen keine Blaubeere standhält, und die einen Pflücker höchstens benutzen würden, um sich die Zähne zu säubern. Also sei ein bisschen vorsichtig, stell nicht zu viele ehemalige Klassenkameraden aus der Agentenfachschule ein.«

Ich kannte meine Männer und glaubte auch zu wissen, was die Polizei überwachte und was nicht. Aber aus Korhonen wurde ich nicht schlau. Ich stützte die Ellbogen auf den Schreibtisch und sah dem Polizisten in die Augen. Bei der Armee hatte man uns gelehrt, dass Schweigen oft die beste Verhörmethode ist. Ich hatte kein Problem damit, drei Minuten lang auf einen Punkt zwischen Korhonens Augenbrauen zu starren, aber er hielt es nicht durch.

»Na schön, du verfluchter Indianer. Ich brauch deine Hilfe. Vernünftige Informationen. Mit meiner Arbeit gegen die organisierte Kriminalität läuft’s nicht ganz glatt. Früher durfte ich schalten und walten, wie ich wollte, und ab und zu hat sich auch immer mal ein Verbrechen aufgeklärt, oder wir haben einen Tipp gekriegt, wenn jemand etwas plante. Aber jetzt hab ich einen neuen Chef. Und nun hock ich verdammt noch mal mit Ohrhörern in irgendeinem Scheißkeller und hör mir an, wie ein drittklassiger Pavian mit seiner Freundin darüber klönt, ob sie jetzt gleich zur Sexmesse gehen sollen oder erst zu der größeren im September. Die Tussi sagt, sie will sich auf jeden Fall einen neuen Vibrator kaufen, und der Kerl stottert, wozu denn, Honey. Und gleich danach ruft er einen besoffenen Kumpel an und erkundigt sich, warum das Modem bloß vier komma fünfeinszwei Geschwindigkeit hat und ob das wohl an dem Bitzen liegt, und danach beschwert er sich bei irgendeinem baumwollhosigen Knallkopf vom Kundendienst über dasselbe Problem. Und ich schnall überhaupt nix und kann verdammt noch mal nicht mal sicher sein, ob die nicht vielleicht irgendeine Kacke planen. Außerdem krieg ich Sodbrennen, weil keiner mehr Schamgefühl und Manieren hat.«

Wieder wartete ich schweigend, mit ausdruckslosem Gesicht. Diesmal hielt Korhonen vierzig Sekunden durch.

»Ja, ja, keine Bibelsprüche mehr. Bei der atheistischen Gehirnwäsche, der man dich unterzogen hat, wären die sowieso vergeudet, schade um die ewigen Weisheiten. Ich geb ja zu, dass ich ein bisschen von der Rolle war, als wir uns das letzte Mal begegnet sind. Aber jetzt will ich endlich mal wieder an einem richtigen Fall arbeiten. Im Prinzip beobachte ich immer noch die Russenfront, sprich den Komplex Einwanderer und Ostkriminalität. Aber nichts tut sich, man hört und sieht nichts. Und prompt heißt es bei der Besprechung, Korhonen hat im Moment nichts zu tun, der kann das Abhören übernehmen.«

Ich schwieg weiterhin und betrachtete Korhonen. Er hatte vor Zeiten versucht, die dunkle Seite von Ryschkows Business aufzudecken, und mich dazu erpresst, ihm Informationen zu liefern. Ich hatte ihm die Organisation der Petersburger Kasse erklärt, ihn über die in Finnland operierenden Gruppierungen unterrichtet und vor Auseinandersetzungen zwischen Drogendealern gewarnt, die das geregelte Leben durcheinanderbrachten und allen schadeten. Als Gegenleistung hatte Korhonen großzügig über meine Aktivitäten hinweggesehen.

Wir hatten zweifellos beide voneinander profitiert. In letzter Zeit hatte ich mich allerdings von Korhonen ferngehalten. Ich hatte seine Hilfe nicht gewollt und nicht gebraucht. Und vor allem hatte ich keine Lust gehabt, den unberechenbar herumspinnenden Polizisten zu beaufsichtigen und zu hüten. Er war nicht mein Bruder, gehörte nicht zur Familie, war nicht einmal entfernt verwandt. Ich hatte genug damit zu tun, für die Meinen zu sorgen.

»Ich weiß, dass ich ziemlich von der Rolle war. Aber jetzt habe ich alles im Griff. Ich bin wieder im Lot«, untermalte Korhonen meine Gedanken.

»Hör mal, Teppo«, sagte ich sanft. »Ich bin nicht undankbar und auch sonst kein Arschloch. Ich habe keineswegs vergessen, was du für mich getan hast, und ich weiß es zu schätzen. Aber diesmal kann ich dir nicht helfen. Weder aus deiner Midlife-Familienkrise noch aus deiner beruflichen Sackgasse und auch nicht bei dem religionsmoralischen Knoten, den du zerschlagen willst, indem du ein Standgericht hältst und alle Verbrecher umlegst. Ich versuche mich rein auf das Geschäftliche zu konzentrieren. Ich habe keine Informationen für dich.«

»Hör mal, Viktor«, ahmte Korhonen mich nach. »Ich bin mit einer finnlandschwedischen Psychologin verheiratet. Wenn ich etwas Unverständliches hören möchte, bitte ich meine Alte, mir einen Vortrag über Freudianismen in der Sprache zu halten.«

Er stand auf. An der Tür drehte er sich noch einmal um.

»Kann sein, dass du demnächst wieder meine Hilfe brauchst, Kärppä. Ein kleiner Hinweis: Wir beobachten routinemäßig Aufträge und Anfragen an die Behörden. Gewisse Leute zeigen großes Interesse an deinen Firmen, beim Handelsregister sind alle möglichen Erkundigungen eingezogen worden. Also ruf rechtzeitig, wenn Onkel Teppo dich retten soll.«

Er ging, ließ die Tür zuschlagen.

Ich überlegte eine Weile, ob ich mit Korhonen über meine Sorgen hätte sprechen sollen. Immerhin hatten mich gerade zwei waschechte Ganoven aufgesucht. Ich wusste nur nicht, welche Verbrechen ich ihnen anhängen könnte.

3

»Eine Million, eine Million …«, sang Aleksej beinahe schön und nur wenig tiefer als Alla Pugatschowa, dabei war er immerhin Bariton. »… eine Million Euro.« Ächzend hievte er die Registrierkasse auf den Tresen. »Ab jetzt singt die Maschine und das Geschäft brummt«, grinste er fröhlich.

Ich dämpfte den Eifer meines Bruders nicht, denn ich hielt seine Geschäftsidee und sein Betriebsmodell für durchaus realisierbar. Aleksej war vor zwei Jahren nach Finnland gekommen. Er hatte seinen Posten als Ingenieur und die Anwendungen der Reibungslehre beim Forschungsinstitut der Sibneft in Moskau aufgegeben. Nun verkaufte er in einem Zubehörladen Öl in Vierliterkanistern statt in Millionen Barrels.

Ich hatte ihn ein wenig zurechtstutzen müssen, meinen großen Bruder, aber nach dem ersten Rausch hatte Aljoscha sein Gleichgewicht wiedergefunden, hatte tagsüber im Laden gearbeitet und abends und an seinen freien Tagen für mich und meine Kumpane. Auch seine Frau Irina hatte dazu beigetragen, das Leben meines Bruders in vernünftige Bahnen zu lenken. Sie hatte zu guter Letzt ihren glänzenden Nussbaumschreibtisch und ihre weitläufige Verwandtschaft in der Umgebung von Rjazan aufgegeben und war ihrem Mann nachgereist.

In Helsinki lackierte sich Irina die Nägel, färbte sich die Haare von Woche zu Woche röter und konzentrierte sich darauf, die Spitzendeckchen gerade und das Leben unter Kontrolle zu halten. Über die Stränge schlagen geht nicht mehr, sagte Aljoscha immer wieder, nicht klagend, sondern eher zufrieden.

Ich hatte ihm einige meiner eigenen Geschäfte übertragen. Dann hatte ich ihm meine Hälfte der Industriehalle in Tattarisuo vermietet, wo er seinen eigenen Ersatzteilhandel eröffnen wollte. Die Lichtreklame war bereits fertig. Ganz zuoberst stand in großen Lettern Auto-Alex. Darunter versprach ein kleinerer Text in russischer Sprache Autobedarf aller Art und guten Service, und auf all diese Druckbuchstaben folgte in nachempfundener Handschrift Alexej Cornostayev JR.

»Wie zum Teufel bist du auf X und C in deinem Namen verfallen? Und was soll der Junior? In meinem Pass steht als Vatersname jedenfalls Nikolai«, setzte ich meinem Bruder zu.

»Schau, bei der Transliteration von einer Sprache in die andere eröffnen sich viele Möglichkeiten«, begann er, und ich wusste, dass er bei einem Satz mit so vielen Worten selbst unsicher war, was am Ende herauskam. »Dieser Fußballer, Eremenko, der schreibt sich auch Alexej. Und nennt sich Junior. Kornostajew sieht einfach zu bäurisch aus, und Kärppä erst recht. Marketing, Visionen, Branding, immaterielle Werte, das gehört zum modernen Business«, predigte Aleksej selbstzufrieden.

»Aha. Dann lass uns mal die materiellen Werte an ihren Platz stellen. Sonst geht der ganze Sonntag für nichts und wieder nichts drauf«, drängte ich und stapelte Autowachs und Schwämme und Wildledertücher in die Regale.

Aleksej reckte sich und starrte mich an. »Ist alles in Ordnung?«, fragte er.

»Ja«, ächzte ich und hob Akkus auf ein Podest. »Nun tu endlich was, ist schließlich dein eigener Laden.«

»Aha. Du siehst ganz so aus, als ob dein Leben perfekt wäre«, spöttelte Aleksej. »Komm schon, sag deinem großen Bruder, was los ist. Hat dich jemand geärgert? Wie steht es mit den spirituellen Fragen, bist du bereit für die Begegnung mit Jesus? Oder lassen die Frauen dich nicht mehr ran? Hat dir womöglich dein kleiner Mann den Dienst gekündigt?«

»Was? Welcher kleine Mann, verdammt noch mal? Lass mich bloß in Ruhe!«

Aleksej betrachtete mich liebevoll wie ein kleines Kind. »Viktor, du kommst allmählich in ein Alter, in dem Erektionsstörungen ganz normal sind. Ich selbst hab damit zwar keine Erfahrung … die Härteklassifizierung für Stahl ist nach meinem Ständer standardisiert«, schwätzte er.

»Ja ja, und deinen Schwanz haben sie nach Paris ins Museum gebracht, da liegt er neben dem Urmeter«, unterbrach ich ihn. »Als Maß für den Zentimeter. Nur um die Sache klarzustellen, Aleksej, ich hab noch nie Probleme wegen mangelnder Potenz gehabt, ganz im Gegenteil. Liegt wohl in der Familie. Aber mal ehrlich«, fügte ich hastig hinzu, als ich merkte, dass mein Bruder einen weiteren Spruch vom Stapel lassen wollte, »in Wahrheit ist Marja schlecht gelaunt. Vielleicht ist sie wegen der Renovierung gestresst, schon im Voraus. Und im Geschäft steh ich auch unter Druck. Schuldeneintreiber aus Sankt Petersburg. Aber damit werde ich schon fertig«, versicherte ich. Ich bemühte mich, sorglos zu wirken, obwohl mir der Besuch des Zwillingspaars das ganze Wochenende durch den Kopf gegangen war.

»Na, wenn nötig, bittest du deinen großen Bruder um Hilfe«, erklärte Aleksej fröhlich. »Und die Frauen beruhigen sich, sie bocken eine Weile wie wilde Fohlen, aber dann erwarten und verlangen sie, dass man sie mit harter Hand zügelt.«

Ich sah ihm in die Augen.

»Okay, daran glaub ich selber nicht«, räumte er ein.

Ich sagte, ich ginge nach Hause. Aleksej blieb noch, um Sonderangebotsschilder zu schreiben. Er richtete mir Grüße an Marja aus. Ich mochte ihm nicht sagen, dass ich keine Ahnung hatte, wo Marja steckte. Sie war am Morgen aus dem Haus gegangen, hatte nur gesagt, sie würde in der Stadt einen Salat essen und ich solle mir selbst etwas zurechtmachen, in der Gefriertruhe sei genug. Und ich war weggefahren, um Aleksej zu helfen, und hatte das Haus leer zurückgelassen.

Ich schloss die Aluminiumtür der Halle. Am Kotflügel meines Mercedes lehnten die Businesszwillinge.

»Ihr geht wohl auch gemeinsam scheißen«, begrüßte ich sie.

»Es gibt keinen Grund, ausfällig zu werden«, antwortete der Blonde liebenswürdig. Seine Stimme wirkte glättend wie Sandpapier der Körnung sechshundert. »Du bist ein intelligenter Mann. Nimm die Sache nicht persönlich. Betrachte sie als Geschäftsangelegenheit.«

Ich legte keinen Wert darauf, ihm zu erklären, dass Frotzeleien meine typische Reaktion auf Angst sind. Manche waren vor Furcht wie gelähmt oder begannen zu zittern, aber bei mir funktionierte der Kopf in solchen Momenten besonders klar und schnell, meine Miene wurde abweisend, und meinem Mund entströmten provozierende Äußerungen oder Schmähungen. Das passierte mir immer wieder, einfach so, obwohl die Stimme der Vernunft mich auch jetzt warnte: Ts, ts, blas dich nicht auf, denk daran, dass diese Burschen dich nur am Leben lassen, weil es schwieriger ist, mit einem Toten einen Vertrag zu schließen.

»Geht weg von dem Auto, Jungs. Sonst wird es noch schmutzig«, hörte ich mich sagen. Mir wurde klar, dass ich wirklich Angst hatte.

Der dunkle Zwilling richtete sich hoch auf und ballte die Fäuste, doch der Blonde fasste ihn am Ärmel.

»Sehr dumm von dir. Oder zumindest unsachlich«, sagte er mit süffisantem Lächeln. »Zu so etwas geben wir uns nicht her. Aber wir haben Männer, die gerade auf dem Niveau operieren, das du dir da ausgesucht hast.«

Er holte eine Schachtel aus der Manteltasche, steckte sich eine Zigarette an und rauchte in aller Gemütsruhe. Ich erinnerte mich, dass nach dem Besuch des Duos ein leiser Hauch von Tabak in meinem Büro in Hakaniemi zurückgeblieben war, ein Geruch, der nicht zu dem geschäftsmäßig eleganten, gesunden und durchtrainierten Erscheinungsbild der beiden passte.

»Auf Wiedersehen«, sagte der Blonde. »Erledige deinen Anteil bis morgen. Wir lassen von uns hören.«

Er öffnete die Tür meines Mercedes und warf die Zigarette auf den Sitz.

»Oops«, lächelte er und gab dem Dunklen mit einem Kopfnicken das Signal zum Aufbruch. Die beiden Männer gingen zu einem metallicgrauen BMW, setzten vom Hof zurück auf die Straße, ohne den Motor aufheulen zu lassen, und brausten davon.

Ich riss die Tür auf. Die Zigarette glimmte auf dem Beifahrersitz. Sie hatte bereits ein kleines Loch in den Bezug gebrannt. Ich warf die Kippe auf den kiesbestreuten Hof und löschte den kokelnden Stoff mit der Hand.

Mein Handy klingelte. Die Melodie durchschnitt die Stille mit brutaler Fröhlichkeit. Karpow ruft an, stand auf dem Display.

»Grüß dich«, schnaufte ich.

»Was macht die kämpferische Jugend? Hast du schon angefangen, dich auf den Schnee des kommenden Winters vorzubereiten? Rollskilauf, Jogging mit Skistöcken, Rudern und dergleichen«, redete Karpow drauflos.

»Ach weißt du, ich trag keine Wettkämpfe mehr aus, ich lauf bloß noch mit einem x-beinigen starik um die Wette. Und der stammt aus dem hungernden Karelien, ist von Rachitis gezeichnet, und soweit ich mich erinnere, war sein größter Erfolg der dritte Platz im Parkskilauf von Petrozawodsk, in der Klasse Omas, sonstige Rentner und Tuberkulöse«, gab ich zurück. Ich malte mir aus, wie Karpow grinste und zufrieden das Gesicht verzog, das dem des Opernsängers Jorma Hynninen glich.

»Ach ja, jetzt erinner’ ich mich. Das war der Wettkampf, den du abbrechen musstest, weil dir nach knapp dreihundert Metern die Puste ausging«, schlug Karpow zurück und mischte karelische Wörter unter sein fast korrektes Finnisch. »Na, gibt’s was Neues? Viktor, der Kapitalist, wird immer fetter, fährt im Mercedes, und die Armen müssen sich in den Graben werfen, barmherziger gospodin. Und die Liebe hat sich für immer in Vitjuchas und Marjuschkas Herzen eingenistet.«

»Normalnyj«, quittierte ich die Frage. »Eine vorübergehende Tiefdruckphase in der Abteilung zwischenmenschliche Beziehungen. Und ein paar Feineinstellungen im Businessbereich. Nichts Weltbewegendes, aber es kann sein, dass ich Hilfe brauche. Zuverlässige Hilfe«, betonte ich.

Karpow schwieg eine Weile. »Du weißt, ich helfe dir immer«, sagte er dann feierlich. Als er davon sprach, wie wir uns schon als Jungen gemeinsam durchgeschlagen hatten, musste ich schlucken. Karpow war nicht der Mutigste, aber er hatte in vielen brenzligen Situationen an meiner Seite gestanden oder sich zumindest hinter meinem Rücken versteckt.

»Ich weiß«, bestätigte ich. »Aber sag mal, hast du irgendwas Richtiges zu bereden?«

»Nein, ich wollte nur mal hören, was mit der Halle ist, da steht immerhin auch meine Ware drin. Wird es eng, wenn Aleksej jetzt mein Nachbar wird?«

Die eine Hälfte der Halle füllten gebrauchte, leicht angestoßene oder sonstwie billig erstandene Kühltruhen und Elektroherde, die Karpow nach Karelien verfrachtete. Als Rückladung kamen Kiefernholz und Schlauchboote, Ersatzteile und Beiwagen für Motorräder und manchmal auch ein wenig Wodka und Zigaretten nach Finnland.

Ich versicherte Karpow, dass friedliche Koexistenz, Zusammenarbeit, Freundschaft und gegenseitiger Beistand unverändert Bestand haben würden, auch wenn mein Bruder die Stelle des Kompagnons übernahm und ich in eine neue Halle zog.

»Also auf bilateraler Basis, gemäß den Verhandlungen über Warenaustausch und dem Fünfjahresplan, zur Festigung der Schicksalsgemeinschaft unserer Völker im Kampf gegen den Faschismus«, kommentierte Karpow, und ich sah ihn förmlich vor mir, mit seiner gespielt feierlichen Miene. Ich beendete das Gespräch.

Durch das Tor fuhr ich auf die Straße. Die Halle auf dem Nachbargrundstück beherbergte eine Kfz-Werkstatt. Das Firmenschild versprach fachmännische Ausführung sämtlicher Arbeiten, von den Bremsen über Unfallschäden und Lackarbeiten bis zu den elektrischen Anlagen, neben den normalen Inspektionen. Es war Sonntagabend, aber auf dem Hof waren noch Leute. Vor den Toren parkte ein alter roter Opel Vectra, dahinter standen drei im Hip-Hop-Stil gekleidete junge Schwarze in grellfarbigen, weiten Collegepullovern.

Der Besitzer der Werkstatt hatte die Hände in die Seiten gestemmt und pumpte den Bizeps auf, sodass die kurzen Ärmel seines bunten Hemdes bis zum Platzen gefüllt waren. Er war ein großer Mann, dem Aussehen nach Kroate. Der schmale Haarstreifen auf seinem Scheitel wirkte wie eine Drahtbürste. Ich kannte ihn nur flüchtig. Vielleicht sollte Aleksej sich mit ihm bekannt machen, überlegte ich, die beiden konnten sich geschäftlich von Nutzen sein. Der Nachbar war auf dem Hof ein paarmal in Hörweite gekommen, hatte auf Russisch gegrüßt, aber mit fremdem Akzent. Mein Wagen rollte langsam vorbei. Der Nachbar winkte. Ich fuhr nach Hause.

Im Traum saßen Mutter und Ryschkow in Sesseln an einem kleinen runden Tisch. Die Tischdecke war weiß und mit roten und blauen Mustern bestickt. Die Vorhänge strahlten im hellen Sonnenschein, der durch das Fenster fiel. Die Tapete war geblümt.

Karpow, Aleksej und ich saßen auf Bänken an einem größeren Tisch. Natürlich in getrennten Gruppen, Mutter und Ryschkow sind schließlich tot, musste ich schmunzelnd denken.

Ich war ein wenig besorgt, ob Ryschkow meiner Mutter von den Geschäften erzählen würde, an denen wir uns beteiligt hatten. So was dürft ihr nicht, Jungs, würde Mutter sagen, und das wäre uns Tadel genug.

Aleksej schwieg, Karpow dagegen sprach über Skilaufen, erinnerte daran, wie wir gemeinsam trainiert und alle Skiläufer jenseits des Ural hinter uns gelassen hatten. Im nächsten Moment schmiedete er Pläne, meinte, wir sollten nach Karelien fahren und Urlaub von allem Trubel machen, in aller Ruhe Ski laufen.

»Kommt an unseren Tisch, Jungs«, bat Mutter, und selbst im Traum lief es mir kalt über den Rücken. Mutters und Ryschkows schwarze Kleider wirkten brüchig wie auf dem Dachboden vergessene Sonntagsanzüge alter Menschen. Ins Gesicht wagte ich den beiden nicht zu sehen.

Ich wachte auf und starrte ins Halbdunkel des Zimmers. Es dauerte eine Weile, bis meine Augen sich Gewissheit über die Stühle und den Schrank, die Umrisse des Fensters hinter dem dicken Vorhang und den grauen Streifen der Türritze verschafft hatten. Und darüber, dass am Fußende des Bettes niemand stand.

»Du hast was gerufen«, sagte Marja, ohne den Kopf vom Kissen zu heben.

»Nein.«

»Dann eben gestöhnt. Bist du krank?«

»Ich hab nur was geträumt. Alles in Ordnung. Schlaf nur weiter«, befahl ich unfreundlich. Ich spürte, wie sich Marjas Körper versteifte.

»Schlaf nur«, sagte ich noch einmal und stand auf. Dabei hätte ich Marja umarmen und an mich drücken und ihr sagen müssen, dass ich mich fürchtete.

4

Die Morgensonne strahlte die Gewissheit aus, dass ein warmer Tag bevorstand. Ich trank meine zweite Tasse Tee auf der Verandatreppe und vergaß beinahe, dass ich im Dreck steckte. Marja kam gähnend auf die Veranda, zog die Zehen zusammen, ihr Nachthemd roch nach Schlaf. Sie fuhr mir kurz durch die Haare. Ich dachte, dass ich eigentlich nichts zu sagen brauchte, irgendwo im Fundament war ein tragender Balken, auf dem wir wieder aufbauen konnten.

Marja ging zur Arbeit, sie sagte, sie komme zur gewohnten Zeit zurück. Ihr Projekt sei gerade in einem leichteren Stadium, und sie wisse noch nicht, ob sie die Fragebögen vor den Ferien abschicken konnten. Mir wurde klar, dass ich keine genaue Vorstellung von ihrer Arbeit hatte. Sie war im Winter in eine Forschungsgruppe der Staatlichen Forschungs- und Entwicklungszentrale für Soziales und Gesundheit aufgenommen worden, die sich mit dem Alkoholkonsum von Mädchen befasste. Marja war begeistert gewesen, hatte von Kollegen und Hintergrundfakten erzählt und von der Wissenschaftsgemeinschaft gesprochen, als wäre sie daran beteiligt, ein Medikament gegen Krebs zu entwickeln. Und zugleich war sie irgendwie erwachsener geworden, hatte begonnen, sich zu kleiden wie alle anderen jungen Frauen, die in Gipsplattenbüros am Computer saßen, adrett, aber ihrer eigenen Meinung nach individuell.

Antti Kiuru rief von der Reihenhausbaustelle an und fragte nach einem zweiten Tacker. Ich wusste, dass ich zu Hause im Schuppen eine Nagelpistole und einen Kompressor hatte, und versprach, beides vorbeizubringen. Ich zog mich an, sah in der Küche nach, ob alle Elektrogeräte ausgeschaltet waren, und zog die Haustür fest ins Schloss.

Mein nächster Nachbar, ein alter Mann, stand vornübergebeugt auf dem Rasen und zupfte kaum sichtbares Unkraut aus. Er trug eine graue Hose mit scharfen Bügelfalten, ein Hemd mit steifem Kragen und eine blaue Strickjacke. Ich nickte grüßend und ging zum Briefkasten.

Meine Mutter hatte immer schon im Voraus gewusst, wann wir Besuch bekommen würden; sie hatte gesagt, es kitzle sie im Mund. Mir war nie ganz klar geworden, welche Art von Jucken sie meinte, aber jetzt spürte ich ein seltsames Prickeln im Nacken. Als ob mich jemand beobachtete.

Der Nachbar von gegenüber kam gerade im passenden Moment heraus, um seinen eigenen leeren Briefkasten zu inspizieren. Er war um die fünfzig, band sich die Haare zum Pferdeschwanz, um sich einen jugendlichen Anstrich zu geben. Unter seinen Augen hingen schwere Tränensäcke. Er prahlte und klagte zugleich, am Abend sei es spät geworden, weil man die Kampagne eines wichtigen Kunden begossen habe. Mein Nachbar nahm ohne Weiteres an, dass ich wusste, dass er in der Werbebranche tätig war. Ich hatte eine vage Erinnerung, davon gehört zu haben. Vielleicht hatte er selbst mir einen Vortrag über seine Aufträge gehalten, oder seine Frau, die mich immer zu lange anschaute, hatte seinen Beruf erwähnt. Ich nickte mitfühlend zu den Klagen des Mannes, wandte ihm mein Gesicht zu, während meine Augen langsam über das gesamte Blickfeld schweiften.

Mein Haus stand inmitten der alten, verwinkelten Viertel von Tapanila an einem Abhang. Ich kannte alle Einwohner der näheren Umgebung vom Sehen, ebenso ihre Fahrzeuge. Weiter oben stand ein großer metallicroter Toyota auf der Straße. Ein fremder Wagen.

Ich nickte dem Nachbarn zum Abschied zu, stieg in meinen Mercedes und setzte vom Grundstück auf die kleine Seitengasse zurück. Von dort fuhr ich zur Straße hoch und verlangsamte an der Kreuzung das Tempo, ganz der aufmerksame Autofahrer. Dem Toyota entstiegen zwei Männer. Sie trugen fast trübsinnig braune Kleidung. Die beiden stellten sich vor ihren Wagen, die Beine gespreizt, die Arme locker hängend. Die Szene hätte direkt aus einem Werbespot stammen können, in dem die Schauspieler betont langsam dahinschreiten und die Bässe dröhnen.

Ich wusste, dass sie sich meinetwegen produzierten. Ich fuhr ausdruckslos an den Mannequins der Gewalt vorbei, zeigte, dass ich sie bemerkt hatte, sonst nichts. Im Rückspiegel beobachtete ich, wie sie ohne Eile einstiegen, dann wurden die Scheinwerfer eingeschaltet, und der Toyota folgte mir.

Ich hob die Nagelpistole und den Kompressor aus dem Kofferraum und bat Paavo Vatanen, sie ins Haus zu tragen. Karpow hatte mir Vatanen empfohlen, da kommt so ein kubikmetergroßer Karelier für einige Wochen mit einem Touristenvisum, hatte er gesagt, und würde gern arbeiten, egal was. Auf Karpows Urteil hatte ich mich meist verlassen können, und tatsächlich scheute Vatanen vor keiner Arbeit zurück. Er war in jeder Richtung groß, in seinen Händen wirkten die Betonklötze wie Legosteine und die Schaufeln wie etwas zu groß bemessene Kochlöffel.

Aus dem Seitenfach des Kofferraums, neben dem Ersatzreifen, nahm ich meine alte CZ-Pistole. Ich warf das Etui zurück in den Kofferraum und steckte die blanke Pistole hinten in den Gürtel. Dann rief ich Vatanen, Antti Kiuru und seinen Sohn Matti zu mir und gab ihnen Anweisungen. Mit forschen Schritten ging ich zu dem roten Toyota, der mir treu gefolgt war, wie ein alter Hund einer Packung Kekse. Meine Verfolger stiegen aus. Beide Männer hatten lehmbraune, struppig vom Kopf abstehende Haare, gleichermaßen schlecht geschnitten. Offenbar waren sie nicht beim Friseur gewesen, sondern hatten selbst geschnippelt.

»Sdrasdwite«, nickte ich und fragte weiter auf Russisch: »Habt ihr euch verfahren?«

»Wir sind dir gefolgt. Damit du nicht vergisst, in dein Büro zu gehen und zu tun, was du tun musst«, bekannte der Fahrer offen, professionell. »Wir erstatten regelmäßig Bericht über die Observation.«

Bei diesen Worten klopfte er auf sein Freisprechgerät. Er sah aus wie ein Fluglotse: Knopf im Ohr und Heldenmikrofon unter dem Kinn.

»Ach. Ich dachte, das wäre so ein Ding, das den Speichel absaugt. Wie beim Zahnarzt«, raunzte ich ihn an, nur um etwas zu sagen. Ich fragte mich, wo meine Männer blieben.

»Mit Ausflüchten kommst du nicht weit.« Auch der zweite Mann konnte sprechen. »Momentan haben wir nur Anweisung, dich zu beobachten. Aber ich weiß, welchen Auftrag wir bekommen, wenn du dich nicht richtig verhältst.«

Matti Kiuru rammte den Kleintransporter vor den Bug des Toyota, der ein paar Zentimeter nach hinten rutschte.

»Ein rücksichtsloser Fahrer«, bedauerte ich und zog meine Pistole. Die Männer, die ihrerseits gerade zu den Waffen greifen wollten, erstarrten mitten in der Bewegung.

Matti Kiuru blieb im Wagen, sein Vater Antti hüpfte vom Beifahrersitz und zog die Schiebetür auf. Paavo Vatanen sprang heraus wie ein Gorilla aus seinem Käfig. Er nahm sich die beiden einzeln zur Brust, klopfte sie von den Hosenbeinen bis zu den Achseln ab und entdeckte ihre Pistolen, beim einen hinten im Gürtel, beim anderen in der Brusttasche. Vatanen warf die Waffen in den Toyota, verschloss die Türen per Fernbedienung, schnippte den Autoschlüssel in den Kofferraum und drückte den Deckel zu.

»Fahrsperre«, brummte er und kletterte wieder in den Kleintransporter, musste fast auf den Knien kriechen, damit er durch die Tür passte. Antti Kiuru zog die Schiebetür zu, und Matti setzte den Wagen zurück auf das Baugrundstück.

Ich ging mit Antti zu meinem Auto.

»Die beiden sehen nicht so aus, als kämen sie vom Arbeitsschutz oder von der Baugewerkschaft. Was ist los?«, erkundigte sich Antti.

»Ich weiß es nicht«, bekannte ich. »Aber für den Fall, dass etwas passiert … mach dir keine Sorgen. Die Arbeiten hier sind ja schon weiter als geplant, ich habe die Zahlungen bekommen und alle Rechnungen erledigt. Kann sein, dass ich mich eine Weile verstecken muss. Du kümmerst dich um die laufenden Projekte, also um diese Baustelle und um die in Korso. Du kannst das. Und als Nächstes wartet das Einfamilienhaus in Sipoo. Da könnt ihr das Fundament legen und den Skelettbau hochziehen, wenn ihr hier fertig seid.«

»Wie lange gedenkst du denn unterzutauchen?«, fragte Kiuru besorgt.

»Vielleicht überhaupt nicht. Ich geb dir nur sicherheitshalber Anweisungen. Und ich melde mich dann, telefonisch oder anders, über den Anwalt. Oder über Aleksej oder Karpow. Du musst vor allem dafür sorgen, dass unsere Männer ruhig bleiben.«

Antti Kiuru blieb auf dem Hof vor den halb fertigen Reihenhäusern stehen. Er wirkte besorgt wie ein Vater, der seinen Sohn zum ersten Mal zur Arbeit ausschickt, ihm die Handschuhe nachträgt und denkt, ich muss ihm noch einmal gute Ratschläge geben und alles wiederholen und sichergehen, aber eigentlich sollte der Junge doch schon allein zurechtkommen.

»Ach ja, noch etwas … der Oleg Lesonen. Aus dem scheint nichts zu werden. Schmeiß ihn raus«, zertrümmerte ich die Stimmung.

Antti sah mich groß an.

»Ganz raus? Schön, er hat Probleme mit dem Rücken, aber wir können ihm doch helfen. Und wir haben so flott gearbeitet, dass du garantiert einen Gewinn einstreichst. Lassen wir ihn doch noch eine Weile mitmachen.«

»Ballast kann ich mir nicht leisten. Setz ihn vor die Tür, mir bleibt keine andere Wahl«, sagte ich, obwohl ich wusste, dass das nicht stimmte.

5

Auf dem Messingschild neben der Tür des Hauses im vornehmen Stadtteil Kruununhaka hatte sich würdevolle Patina gebildet. Rothovius & Kaarnalahti, schien es zu flüstern. Ich suchte den Türcode im Speicher meines Handys und piepte mich hinein. Im Treppenhaus schwebten würdiges Dämmerlicht und alter Staub. In diesem Haus wohnte kaum jemand. An den Türen standen die Namen von Verbänden, Vereinen und Firmen.

Mein Anwalt hatte seine Kanzlei im zweiten Stock. Gunnar Rothovius persönlich öffnete mir die Tür. Er ging auf die sechzig zu, ein magerer Mann, der immer trübselig dreinblickte, als warte er vergeblich auf ein Mittel gegen Sodbrennen. Wir gaben uns die Hand.

In der ehemaligen Wohnung waren Wände entfernt und ersetzt worden, sodass der ursprüngliche Grundriss kaum mehr zu erkennen war. Das Vestibül war geräumig. Der Schreibtisch der Sekretärin war unbesetzt, aber Kopierer, Faxgerät und Schredder summten. Die Tür zum Büro des zweiten Rechtsexperten stand offen. Auf dem Monitor seines Computers sausten die Muster des Bildschirmschoners dienstfertig hin und her. Ich hatte Kaarnalahti nie zu Gesicht bekommen, aber vermutlich gab es ihn tatsächlich.

Rothovius führte mich in sein Büro und bot mir einen Stuhl an.

»Na?«, fragte er.

»Ein paar kleine Schutzmaßnahmen«, erklärte ich und nahm einen Stapel Dokumente aus der Aktentasche. »Ich will alle diese Firmen und Wohnungen und Immobilien, den ganzen verdammten Kram, auf einen Konzern überschreiben und den Konzern auf eine Holdinggesellschaft und die weiter irgendwohin, wo der Krempel in Sicherheit ist.«

»Vor dem Finanzamt?«, fragte Rothovius, ohne die Papiere zu berühren.

»Nein, vor russischen Ganoven«, erwiderte ich.

Das leidvolle Gesicht des Anwalts verdüsterte sich noch mehr.

»Aha, verstehe«, sagte er und biss sich auf die Lippen. Ich wusste, dass er in Gedanken bereits seinen Ordner mit Schubladenfirmen durchblätterte. »Das wird eine Weile dauern, und es kostet«, fügte er hinzu. Mir war, als ob seine Mundwinkel ganz leicht nach oben zuckten, in Richtung eines Lächelns.

»Du datierst alles auf den heutigen Tag oder auf gestern und bringst die Änderungen sofort ins Register. Die Kosten sind Nebensache«, wies ich ihn an. »Also mach jetzt schnell die Papiere fertig oder lass mich so viele Blankobögen unterschreiben wie nötig.«

»In Ordnung«, sagte Rothovius gedehnt. Seine dünnen Lippen strebten unaufhaltsam nach oben. Er ließ die Mine seines goldfarbenen Kugelschreibers auf und ab tanzen. Vermutlich erlebte er gerade einen seltenen Anfall von Ausgelassenheit.

»Ach ja, sicherheitshalber noch etwas: Es kann sein, dass dich russische Geschäftsleute aufsuchen und nach diesen Firmen fragen. Möglicherweise sind sie ein wenig aufgebracht. Du sagst ihnen lediglich, dass alles legal vonstattengegangen ist und dass du zu den Angelegenheiten deines Klienten keinen Kommentar abgeben kannst, du kannst ihnen nicht einmal darüber Auskunft geben, ob Viktor Kärppä dein Klient ist. Und auch die Erörterung der Frage, ob es überhaupt eine natürliche oder juristische Person namens Viktor Kärppä gibt, ist aus deiner Sicht bloß allgemeines Theoretisieren. Wenn nötig, verleugnest du sogar Jesus.«

Rothovius blinzelte ein paarmal und setzte wieder seine düstere Miene auf. Ich konnte beinahe hören, wie er in Gedanken seufzte, natürlich, sonst wäre das Geld ja zu leicht verdient. Die Magensäure stieg wieder auf und verätzte ihm die Speiseröhre.

»In Ordnung«, wiederholte er. Naps-naps, wieder drückte sein Daumen die Mine des Kugelschreibers rauf und runter, aber nun schon in ruhigerem Takt.

»Ich glaube nicht, dass du in Gefahr bist. Die wollen mich. Ich versteck mich eine Weile und kläre die Sache. Mach dir keine Sorgen.«

Rothovius nickte und begann die Papiere zu sortieren.

Ich machte kein Licht im Büro, schaltete weder den Computer noch das Radio ein, saß nur still im Zwielicht des Frühsommerabends. Ich konzentrierte mich darauf nachzudenken.

Liste die Fakten auf, befahl ich mir. Füge die ungesicherten Informationen hinzu, stell Hypothesen in verschiedenen Richtungen auf, knüpf nicht nur eine einzige logische Kette. Ich brachte lose Verknüpfungen von ein paar Gliedern Länge zustande.

Ein klarer Fakt war, dass ich nicht wusste, wer die Fäden in der Hand hielt und von wo aus er sie bewegte, festzurrte und locker ließ, sodass ich am anderen Ende sprang. Ich hätte gern mit den wahren Entscheidungsträgern verhandelt. Die Businesszwillinge waren trotz ihrer geschliffenen Umgangsformen und ihres sicheren Auftretens nur Laufburschen.

Ich hatte mich absichtlich von den Sankt Petersburger Bekannten ferngehalten, obwohl ich langjährige gute Beziehungen hatte – bis hoch hinauf. Nun war es an der Zeit, diese Kontakte aufzufrischen.

Ich holte eine Prepaidkarte aus der Schublade, öffnete die unberührte Packung und legte sie in mein Zweithandy. Vielleicht litt ich unter Verfolgungswahn, jedenfalls traute ich der Sicherheit von Mobiltelefonen nicht so recht. Ich legte keinen Wert darauf, dass meine Gespräche abgehört wurden, ob absichtlich oder zufällig, oder dass das Handy in meinem Büro geortet wurde. Ich ging durch die Hintertür ins Treppenhaus, von dort in den Hinterhof und spazierte zum Hochhauskomplex Merihaka hinüber. Der Betonkoloss strahlte die gleiche Atmosphäre aus wie die Millionenvorstädte von Sankt Petersburg, doch ich entwickelte keine nostalgische Sehnsucht nach der Stadt, in der ich studiert hatte.

Ich ging auf dem ebenerdigen Bürgersteig in die Parkhalle, über der sich der Komplex erhob. Vielleicht bildeten die Eisenträger einen Faradaykäfig und hielten die Funkwellen ab, die mich verraten konnten. Aber dann hätte auch mein Handy keinen Empfang … Frustriert überließ ich die physikalischen Grundgesetze ihrem Schicksal und blieb auf einer Stellfläche stehen, die dem Schild zufolge für die Fahrzeuge des Finanzamts reserviert war. Dort hielt ich mein Notizbuch in den schwachen Lichtstreif der an der Decke hängenden Lampe und suchte nach der Rubrik Verwandte.

Onkel war zwar nicht mit mir verwandt, aber unter diesem Namen hatte ich ihn im grauen oder halbschwarzen Business von Sankt Petersburg kennengelernt. Er war einer der engsten Vertrauten von Kutuzow, der seinerseits zu den wichtigsten Bossen der Petersburger Kasse zählte. Ich wusste, dass sowohl Onkel als auch Kutuzow ihre Position behauptet hatten. Das war keineswegs selbstverständlich in einem Geschäftsbereich, in dem Arbeitsverhältnisse ohne Verhandlungen mit dem Betriebsrat oder Debatten über unterschiedliche unternehmerische Auffassungen beendet wurden. Eine Kugel in den Kopf machte die Frührente überflüssig, und zum Abschied gab es einen erdigen Händedruck.

Ich hatte Onkels Nummer nach meinem Geheimsystem in zwei Vierergruppen notiert, die von hinten zu lesen waren, beginnend mit der ersten Gruppe. Ich wählte die Vorwahl für Sankt Petersburg, tippte sorgfältig die eigentliche Nummer ein und wartete.

»Da

Ich erkannte ihn an dem einen Wort.

»Grüße aus Helsinki, Onkel«, sagte ich.

»Vitja, mein Junge, ich müsste mit dir schimpfen. Hast du uns ganz vergessen?«, tadelte Onkel.

»Zu viel Arbeit und Hektik, du weißt ja, wie es ist«, verteidigte ich mich leichthin und kam dann direkt zur Sache. »Ich hab hier ein paar Russen am Hals. Hast du eine Ahnung, wer mir da zusetzt?«

Onkel schwieg eine Weile.

»Davon habe ich nichts gehört«, sagte er dann. »Ist es schlimm?«

»Nein, keine Sorge. Um diese Art von Hilfe bitte ich dich nicht. Ich will nur wissen, wer da zugange ist«, wiegelte ich ab.

»Ich höre mich um«, sagte Onkel. »Und vergiss nicht, du kannst jederzeit herkommen.«

Ich bedankte mich und versprach, in Verbindung zu bleiben.

Während des Gesprächs hatte ich versucht, auf die Nuancen in Onkels Stimme zu achten wie ein Impresario, der auf Unreinheiten im Gesang einer Sopranistin horcht. Onkel hatte so ausgeglichen gesprochen wie immer, aber ganz sicher war ich mir nicht. Und ich konnte niemandem voll und ganz vertrauen.

Ich hatte das Handy gerade eingesteckt, da vibrierte etwas in meiner Manteltasche. Mein Ersthandy.

»Hallo«, meldete ich mich und versuchte, meiner Stimme einen weichen Klang zu geben.

»Komm schon. Ich hab die Sauna geheizt«, bat Marja.

Ich ging zum Marktplatz und setzte mich in meinen Mercedes. Der Bordcomputer zeigte blinkend irgendeine Störung an, doch ich verstand den fremdsprachigen Text nicht. Ich nahm mir vor, am nächsten Tag die Jungs auf der Baustelle zu fragen; sie würden auf Anhieb wissen, was los war, oder wenigstens im Handbuch das richtige Kapitel finden. Es wird sich schon alles einrenken, dachte ich. Keine Not, in einer endlichen Welt.

6

»Jetzt ist Not«, kreischte Oksana. Ich hörte an ihrer Stimme, dass es wirklich schlimm stand.

»Ganz ruhig«, mahnte ich teilnahmsvoll und hohl wie ein Arzt, der einem kleinen Jungen einen Angelhaken aus der Lippe zieht und beteuert, es täte überhaupt nicht weh. »Was ist los?«

»Polizei … Telefon … dein Haus läuft auf die Firma, sie haben hier angerufen. Woher sollten sie auch deine Nummer haben. Na, ich gebe die Nachricht sofort an dich weiter …«, stieß meine Sekretärin hervor.

»Beruhige dich, Oksana«, redete ich ihr zu. »Erzähl mir langsam und der Reihe nach, was passiert ist.«

»Dein Haus …« Oksana Pelkonen holte schniefend Luft und heulte den Rest: »… brennt.«

Ich war in der Nachbarstadt Vantaa, im Vorort Ylästö. Ich hatte telefonisch über den Kauf einer Partie Fenster mit leichten Qualitätsmängeln verhandelt. Nun war ich unterwegs, um sie mir anzusehen und den Preis um zwanzig Prozent herunterzuhandeln. Hastig lenkte ich den Wagen an den Straßenrand.

»Warte einen Moment«, bat ich Oksana.

Ein paar Sekunden lang saß ich still da, mit lockeren Armen, das Handy im Schoß. Ich bemühte mich, gleichmäßig zu atmen, und wartete, bis das Rauschen in meinen Ohren nachließ.

»Also«, begann ich. »Die Polizei hat angerufen, weil mein Haus brennt. Haben sie sonst noch was gesagt?«

»Nein, die nicht«, erklärte Oksana. »Aber diese bösen Männer, die Russen, waren am Morgen hier. Sie haben nach dir gefragt, nach Papieren, nach Unterschriften. Ich habe gesagt, du hättest heute viel zu tun und würdest wohl nicht ins Büro kommen.« Oksana ging mit bebender Stimme zum Russischen über, dem sie nach Businessart halbenglische Brocken beimischte. Offis, zischte es in meinem Ohr.

»Aha. Und dann?«, drängte ich.

»Und dann hat der eine seine glühende Zigarette in den Papierkorb geworfen, und die Papiere haben gleich angefangen zu glimmen, obwohl es ja nicht viele waren, ich sortier sie ja immer ordentlich in die Kartons, zum Recycling, aber irgendwelche Schnipsel landen ja doch im Papierkorb, und die fingen an zu glimmen und zu brennen, da hab ich Teewasser drübergegossen, und dann stieg Rauch auf oder Dampf, aber das Feuer ging aus. Und der Mann hat bloß gesagt, oops, oho, so ein Pech.«

Oksana redete wie ein Wasserfall, nahm sich kaum die Zeit, Luft zu holen.

»Und nicht lange danach hat die Polizei angerufen. Und ich dachte, das war kein Zufall. Zuerst die Zigarette und dann das Feuer.«

Ich wendete, fuhr zurück, zu schnell für die kurvenreiche Straße, und versicherte Oksana immer wieder, sie sei eine gute Assistentin.

»Meine kluge Sekretärin«, wiederholte ich im Takt der Kurven, spannte die Kinnmuskeln an und verschärfte das Tempo, pumpte den Schaltknüppel vom zweiten in den dritten Gang und wieder zurück. Es ging jetzt nicht um ökonomisches Fahren, das hier war eine Sonderprüfung, eine Beschleunigungsetappe, wilde Tempojagd in Ouninpohja und Tiergartenrallye und Todeskurve. Die Worte flitzten vorbei, als treibe der Bewusstseinsstrom sie durch eine mit Geröll gefüllte Klamm, sie stiegen überraschend und in willkürlicher Ordnung an die Oberfläche.

In all dem Aufruhr war mir klar, zu klar, um es mir vor Augen zu führen und direkt auszusprechen, dass Marja am Morgen im Haus geblieben war. Sie hatte gesagt, sie wolle heute zu Hause arbeiten.

Marja.

Die engen Straßen und Gässchen waren über mehrere Viertel versperrt. Feuerwehrautos standen kreuz und quer am Hang. Neugierige drängten sich in geschlossener Reihe am Rand meines Grundstücks. Ich stellte den Mercedes an der unteren Straße ab, setzte ihn fast gegen den Plankenzaun eines hellblauen Hauses und rannte los, um nach meinem Haus zu sehen.

Wenn ein Balken siebzig Jahre unter dem Dach trocknet, brennt er lichterloh. Und auch alles andere in meinem Haus, Sparren, Leisten und Bretter, jedes Stück der Wandvertäfelung, und das isolierende Sägemehl war trocken und von guter Qualität. Oder war es gewesen. Nur der Steinsockel, den ich vor zwei Jahren verstärkt und verbreitert hatte, war unversehrt geblieben. Das Dach war eingestürzt, und wo die Wände gewesen waren, ragten verkohlte Balken in die Gegend. Die gemauerten Öfen trotzten der Vernichtung und verwandelten das Löschwasser in lauwarmen, rauchigen Nebel.

Die Feuerwehrleute spritzten immer noch Wasser auf die Überreste des Hauses, wohl um sie abzukühlen, damit das Feuer nicht erneut aufflammte und auf die Nachbarhäuser übergriff. Das Saunagebäude und der angrenzende Schuppen waren verschont geblieben. Die kürzlich erst aufgesprungenen Blätter der Birken waren gelb verschrumpelt, als hätte der verschlagene Herbst den Frühling überrascht, sich hinterrücks angeschlichen und die Bäume erdolcht.

Ich ging nicht zu der Ruine, um in der heißen Asche zu wühlen oder die glühenden Brocken und verformten Eisenteile anzuheben, die einmal meine Möbel und Küchengeräte gewesen waren. Ich wusste, dass mein liebevoll mit Sammlerstücken möbliertes Wohnzimmer Vergangenheit war. Die Einrichtung, stilreine Sowjeteleganz, war die Erfüllung meiner Kinderträume gewesen. Prachtvolle Teetassen hatten hinter Glastüren in Glanzlackschränken gestanden, der Sofatisch hatte eingelegte Ornamente aus verschiedenen Holzarten gehabt, und den Röhren der Rigonda-Bolschoi-Stereoanlage waren staubige Wärme und tiefe Bässe entströmt.

Ich wusste, dass ich diesen Dingen später nachtrauern würde. Jetzt suchte ich nur Marja. Ich spähte hinter die ins Leere führende Vortreppe, suchte nach irgendeinem Hinweis in der Asche und dem Rauch, versuchte mich zu erinnern, was Marja angehabt hatte.

»Viktor! Was um Himmels willen ist passiert?«, fragte eine Stimme hinter mir, vertraut und bestürzt.

Marja, durchflutete es mich heiß. Vor Erleichterung hätte ich beinahe gelacht. Ich drehte mich um, fasste Marja an den Schultern und drückte sie. Marja sah mich durchdringend an. Sie trug einen Windanzug und hatte einen Sportbeutel umgehängt.

»Du warst zur Gymnastik im Verein … oder im Fitness-Center. Vormittags gibt’s ja nur Mutter-Kind-Gymnastik. Oder du warst irgendwo zum Spinning … du warst nicht im Haus …«, stammelte ich glücklich.

»Nein. Aber was zum Teufel ist hier passiert? Das Haus hat sich in Rauch aufgelöst«, fragte Marja noch einmal. Ihre Worte hatten etwas Anklagendes, als wollte sie sagen, dass ich das Haus angezündet hatte.

»Ich weiß es nicht«, erwiderte ich, klammerte mich an das, was Marja laut ausgesprochen hatte. »Oksana hat angerufen und gesagt, dass das Haus brennt und die Feuerwehr da ist. Die Sachen kann man ersetzen, aber ich …«

Ich kam nicht dazu, Marja zu erzählen, welche Sorge ich mir um sie gemacht hatte.

»Kornostajew«, wurde ich unterbrochen, wieder von hinten.

Schon bevor ich mich umdrehte, wusste ich, dass der Mann kein Rettungshelfer war. Sein Spezialgebiet war eher Vernichtung.

»Was für ein Glück, dass niemand im Haus war«, sagte er auf Russisch. Er war einer der beiden trübsinnig gekleideten Burschen aus dem roten Toyota, den wir auf der Baustelle abgeschlossen hatten.

»Kommen Hunger und Wind ins Haus, so fliegen Glück und Liebe aus«, zitierte der Mann ein altes Sprichwort und blickte an mir vorbei zu Marja. »Jetzt wird es wohl Zeit, den Stift in die Hand zu nehmen und die Papiere zu unterschreiben.«

Er richtete seine grauen Augen wieder auf mich und deutete mit dem Kopf schräg nach hinten. An der Ecke des Grundstücks stand der zweite Toyota-Mann, und oben am Hügel sah ich die Businesszwillinge. Sie waren umringt von einer Schar Hortkinder, die gebannt die Feuerwehrautos betrachteten, und stachen mit ihren dunklen Anzügen und gestreiften Krawatten wie Freaks von den gelb und rot und hellgrün gekleideten Dreikäsehochs ab.

Ich wandte dem Mann den Rücken zu und sagte leise, aber übertrieben deutlich zu Marja: »Geh in die alte Halle. Ruf Aljoscha an. Die Türen verriegeln!«

Marja öffnete den Mund eher zum Ausrufe- als zum Fragezeichen, doch ich ließ sie nicht zu Wort kommen. »Los«, zischte ich, drehte mich wieder um und lächelte um Entschuldigung bittend.

Der Mann verbarg seine Überheblichkeit nicht im Geringsten. Er lächelte wie ein Jäger, der sich anschickt, seiner verwundeten Beute den Gnadenschuss zu geben. Aber ich war kein Hase, sondern ein schlaues Wiesel. Beinahe hätte ich gelacht.

Ich breitete die Arme aus und holte tief Luft, als wollte ich zu einer langen Erklärung ansetzen. Ohne Vorwarnung schlug ich mit beiden Händen gegen die Kehle des Mannes und rammte ihm ein Knie in den Magen. Das Manöver stammte nicht direkt aus dem Karatelehrbuch des Militärs, war aber deshalb nicht weniger wirkungsvoll.

Ich schaute mich kurz nach Marja um. Sie rannte auf die Bahnstrecke zu. Über die Brücke oder durch die Unterführung am Bahnhof würde sie auf die andere Seite gelangen, auf dem Trimmpfad am Flughafen von Malmi vorbeilaufen, und dann war sie bald in der Halle in Tattarisuo und in Sicherheit. Marja schafft es, sagte ich mir.

Der zweite Toyota-Mann stürmte auf mich zu und tastete nach der Waffe in seinem Gürtel. Ich rannte ihm entgegen, sprang hoch und versuchte, ihm mit geschlossenen Beinen in den Brustkorb zu treten, traf allerdings ein wenig daneben, an Schulter und Hals. Der Mann fiel ungeschickt. Er schwang einen Arm nach hinten, um den Aufprall zu dämpfen. Sein Oberarm knallte gegen den Betonpfeiler des Tors, und ich wusste, dass irgendein Knochen zersplittert war.

Ich rannte zu der kleinen Straße unterhalb des Hügels. Ein kurzer Blick zurück verriet mir, dass die Businesszwillinge in die gleiche Richtung strebten, aber durch die hüpfenden Kinder aufgehalten wurden. Die Männer versuchten sich durch die Schar zu drängen, schubsten die Kinder zur Seite, eine Hand in der Brusttasche. Hoffentlich würden sie ihre Waffen nicht ziehen. Ich hörte, wie die Kinder kreischten und eins der frecheren die Männer anpflaumte. Die Kindergärtnerin eilte herbei und schimpfte; ob mit den Männern oder mit dem Kind, wusste ich nicht.

Ich hielt mich nicht damit auf, die Erziehungsmaßnahme zu beobachten, sondern sprang in den Schatten der Häuser. Normalerweise war die Straße durch Betonklötze versperrt, aber irgendwer hatte sich die Mühe gemacht, sie zu verschieben. Der Zwischenraum war breit genug für einen Wagen. Folglich konnten die Zwillinge mich im Auto hetzen, sobald sie der Kindergruppe entkommen waren.

Ich bog in ein Gässchen zwischen zwei Reihenhäusern ein, das zum neuen Spielplatz führte, lief auf dem Aschenpfad quer über den Platz, wartete gebückt an der größeren Straße und sprintete hinüber. Dann schlug ich noch ein paar Haken zwischen den Einfamilienhäusern und gelangte schließlich in ein Wäldchen, das von kreuz und quer verlaufenden Wanderwegen durchschnitten wurde. Erst bei der Fitnessstation an der Joggingstrecke hielt ich an und setzte mich auf die für Bauchmuskelübungen vorgesehenen Planken, um meine Atmung unter Kontrolle zu bringen und mich zu vergewissern, dass mir niemand folgte.

Der Wald hatte eine beruhigende Wirkung, obwohl es nur ein kleiner Flicken von einigen Hektar war, mit Birken und Weiden durchsetzter Fichtenwald. Als Kind war ich oft allein im Wald gewesen, war tagelang im Ödwald bei Sortavala und an den Buchten des Ladogasees herumgestreift. Später, als ich Sportler wurde, waren die langen Trainingsläufe auf Skiern ein seltsamer Genuss gewesen, eine fast liebkosende, gleichmäßige Ermüdung in der Dämmerung, die sich über dem weißen Schnee nie in völlige Dunkelheit verwandelte. Und bei der Spezialausbildung der Armee hatte ich die Gewissheit erlangt, dass mich im Gelände niemand einholte. Oder tötete.

Ich trug einen Anorak, eine blaue Hose und Lederschuhe. Wie ein Jogger sah ich nicht aus, und zum Gassigeher fehlte mir der Hund. Vorsichtshalber stemmte ich die als Gewicht dienenden Holzklötze einige Male hoch und machte Bauchmuskelübungen.

Auf der Aschenbahn näherte sich ein Mann. Er trat fest und gewichtig auf, schien vor jedem Schritt zu überlegen. Seine Laufhose war bis zu den Knien hochgekrempelt. Der Mann trug eine Regenjacke und eine am Gesicht anliegende Sonnenbrille, wie sie im TV-Shop angeboten wurden. Er blieb am Hebeblock stehen, schob die Schuhsohlen vor und zurück, bis er die richtige Position gefunden hatte, und stemmte das Gewicht dreimal hintereinander mit einem Arm. Dann hängte er ein Mountainbike, das neben der Halterung stand, als Extragewicht an den Balken und stemmte ihn ächzend noch einige Male.

Der Mann stellte das Rad sorgfältig zurück, rollte die Hosenbeine fester auf und setzte seinen Lauf fort. Seine schweren Schuhe dröhnten über den Pfad. »Laufrichtung«, wieherte er zum Abschied und deutete auf ein Schild, auf dem ein Pfeil anzeigte, in welcher Richtung man die Runde zu drehen hatte.

Ich wartete, bis der Mann hinter der nächsten Kurve verschwunden war, und ging dann weiter. Zwei Frauen kamen mir entgegen, in Röcken, die Hände in die Hüften gestemmt. Sie gingen dicht nebeneinander, und im Vorbeigehen grüßten sie unüberhörbar: »Dobryj den

7

Ich saß in meiner neuen Industriehalle auf der restaurierten Vorderbank meines alten Wolga. Innen war der Wagen bereits repariert, hatte sogar den Originalgeruch, aber das Getriebe war immer noch ausgebaut und wartete auf neue Ersatzteile. Seltsam, überlegte ich, man setzt sich instinktiv ans Steuer, selbst wenn der Wagen drinnen steht und nicht fahrtüchtig ist. Gleichzeitig gab ich Aleksej per Handy klare Anweisungen:

»Du nimmst Marja für die Nacht mit zu euch. Schließt die Türen ab! Am Morgen fahrt ihr los. Du begleitest Marja bis nach Hause. Ich meine, bis in ihr Elternhaus. Nein, da warst du noch nie, aber Marja kann dir ja wohl sagen, wie du fahren musst. Du bringst sie bis ins Haus und siehst zu, dass sie dort bleibt.«

Mein Bruder versicherte mir, er habe verstanden. Marja sei praktisch schon zu Hause, melke die Kühe und backe mit ihrer Mutter runde Brote.

»Aljoscha, kümmere dich um die Angelegenheit. Ich verschwinde eine Weile. Wenn du gefragt wirst, kannst du ehrlich antworten, dass du nicht weißt, wo ich bin. Lass mich noch kurz mit Marja reden.«

»Was?«, eröffnete Marja das Gespräch eisig.

»Marja, es geht hier um eine Scheißgeschichte, um eine verworrene alte Sache. Ich kläre das«, versuchte ich sie aufzuwärmen. »Aleksej bringt dich zu deinen Eltern, sicherheitshalber. Sag deinem Arbeitgeber, deine Oma wäre gestorben oder du hättest ein Winterekzem oder müsstest auf eurem Hof die Heuschrecken vertreiben. Aber bring dich um Himmels willen in Sicherheit.«

»Hör mal, Viktor. Deine Scheißgeschichten interessieren mich einen feuchten Dreck. Und fang um Himmels willen nicht an, zu erklären und zu lügen. Ich dachte, deine Geschäfte wären legal, wenigstens zum größten Teil, aber Pustekuchen, du Arsch mit Ohren! Du hast unser Haus verbrannt, oder jedenfalls ist es deine Schuld, dass es abgefackelt wurde. Für solche Streichholzspiele bin ich zu alt.«

Marja fauchte ins Handy, sie hatte plötzlich eine spitze Zunge.

»Kapierst du, mein Forschungsbericht lag da, und massenhaft Material war auf dem Computer auf unserem Tisch in unserem verdammten Haus, das jetzt verdammt noch mal Asche ist, aber ohne Diamanten …« Sie lachte halb über ihren Ausbruch. »Aber den Sachen wein ich nicht nach, Viktor. Oder den Berichten. Was soll’s, am Arbeitsplatz hab ich frühere Versionen und Entwürfe. Ich bin vor allem traurig über das, was aus dir geworden ist. Ich vermisse den alten Viktor«, fuhr Marja fast sachlich fort, als spräche sie über die Tagestemperatur und über das Notizbuch, in das sie von Jahr zu Jahr die Vergleichswerte eintrug.

»Marja, ich kläre die Sache. Danach wird es besser.«

Ich wusste, wie hohl meine Worte klangen. Doch mehr konnte ich nicht sagen, sonst hätte ich angefangen zu greinen, für mich sei es ja auch kein Spaß, dass das Haus abgebrannt war und mir Räuber und Killer im Nacken saßen.

»Okay«, sagte Marja und schaffte es, in irgendeinem Zwischenraum Zweifel und Anklage und Geringschätzung und Abscheu unterzubringen, obwohl das eine Wort nicht mal eine Zeile füllte. »Na, sieh zu, dass du am Leben bleibst«, fügte sie hinzu und legte auf.

Ich behielt das Telefon in der Hand, obwohl Marjas Abschiedsworte klar und deutlich gewesen waren. Sie würde nicht zurückrufen: Schatz, ich wollte unbedingt noch einmal deine Stimme hören. Aber dem konnte ich jetzt nicht nachtrauern, und ändern konnte ich es auch nicht. Ich musste mich darauf konzentrieren zu überleben, zu entkommen. Und auch ohne die Kriegslehren der alten Chinesen wusste ich, dass ich mich nicht in einer Höhle verkriechen, sondern in die unwahrscheinlichste Richtung fliehen würde. Geradewegs ins feindliche Lager.

Meine Halle hockte in der hinteren Ecke eines großen Grundstücks, am Ende einer einsamen Stichstraße. Sie wirkte verlassen, die Wände waren mit Graffiti beschmiert. Ursprünglich hatte ein großes Bauunternehmen hier sein Lager und seine Schweißerei gehabt. Unordentliche Haufen von Rohren, Eisenblöcken und grau verfärbtem Holz auf dem Hof hielten die Erinnerung an diese Zeit wach.

Devisenkredite hatten den Baulöwen zu Fall gebracht. Die Halle war im Zuge diverser Bankfusionen von einer Immobilienfirma auf die andere übergegangen, an eine Motorradgang vermietet, geräumt und wieder vergessen worden, bis der größere Konkursschrott beseitigt war und die Immobilie nur noch als störender Müll wahrgenommen wurde. Ein unprofitabler Besitzposten, ein hässlicher Fleck in der sauberen Bilanz der Bank.

Ich war zur Zeit der Motorradgangster einmal in der Halle gewesen, hatte in einer chaotischen Situation, an die ich ungern zurückdachte, verhandeln müssen. Aber später war ich auf meinen Joggingrunden oft hier vorbeigelaufen, hatte das große Grundstück und das hässliche, aber geräumige Betongebäude betrachtet. Und irgendwann hatte ich haltgemacht, war über den umgekippten Zaun auf den Hof gegangen und hatte die Abmessungen der Halle, die Platzierung der Türen und Zufahrtswege in Augenschein genommen.

Dann hatte ich das Grundstück und das Gebäude gekauft, wie ich fand, zu einem günstigen Preis. Der Immobilienchef der Bank, ein Koloss mit einer Vierteltonne Lebendgewicht, hatte mir ausdrücklich geraten, auf dem Gelände nicht allzu tief zu graben, denn dabei würde ich womöglich auf eine obskure Brühe aus Großvaters Zeiten stoßen, gegen die die Bläumittel der alten Sägewerke die reinste Limonade waren. Der Verursacher würde kaum aufzufinden sein, aber mit der Freude am Besitz wäre es vorbei. Auf dem fraglichen Gelände habe es seit fünfzig Jahren Unternehmenstätigkeit gegeben, und in dieser langen Zeit seien einige Konkurse zu verzeichnen gewesen, erklärte der Bankmensch und trocknete sich mit einem Stofftaschentuch die Stirn.

Es fiel mir leicht, ihm zu versprechen, dass ich nicht im Erdboden wühlen würde. Ich hatte die Absicht zu bauen. Nicht auf dieses Grundstück, sondern auf diesem Grundstück, witzelte ich. Mein Plan war, die Halle in eine kleine Häuserfabrik umzuwandeln. Ich würde meine besten Bauarbeiter zusammentrommeln, und sie sollten in der Halle Elemente für kleine Häuser oder Sommerstuben bauen, in kleinen Serien oder nach individuellen Bauzeichnungen. Dann würden wir die Fertigbauteile auf die Karelische Landenge und in die Umgebung von Sankt Petersburg liefern, als Wohnhäuser oder Ferienvillen für die Reichen in Russland.

Ich wusste, dass auch an erstklassigen Feriendörfern Bedarf bestand, auch auf finnischer Seite mindestens bis hinauf nach Kitee und Tohmajärvi im Norden. Die derzeit verfügbaren Häuser wurden den Ansprüchen der russischen Urlauber nicht gerecht oder waren falsch ausgestattet.

Zuverlässige Arbeitskräfte würde ich zur Genüge finden, davon war ich überzeugt. Meine eigene Mannschaft konnte ich durch ausgewählte Männer aus Karelien und Estland ergänzen, und auch weiter nördlich in Archangelsk gab es vernünftige Burschen, die nicht gleich nach Maschinen riefen, wenn schwerere Arbeiten anstanden. Vatanen, der gerade auf meinen Baustellen schuftete, war so ein Typ. Er war mit einem Touristenvisum nach Finnland gekommen und machte nun Aktivurlaub auf dem Bau.

Logistisch hatte die Fabrikhalle eine hervorragende Lage. Ein Großhandel für Holzwaren hatte sein Zentrallager ganz in der Nähe, die Umgehungsstraße war nur einen Kilometer entfernt, und auf dem Hof konnten notfalls mehrere Laster gleichzeitig wenden. Der Warentransport würde in beiden Richtungen reibungslos verlaufen.

Mit diesen Plänen hatte ich mich abends vor dem Einschlafen beschäftigt. Ich hatte mir ausgemalt, wie meine Leute im Winter und bei Matschwetter in der warmen, hell beleuchteten Halle arbeiteten, sauber und trocken. Im Sommer würden sie dann umherreisen und die vorgefertigten Elemente zusammenbauen. Ich wollte alle Bauteile per Lkw von der Fabrik aufs Grundstück transportieren, nur das Fundament musste vor Ort gelegt werden. Dann kamen die Monteure, und im Handumdrehen war das Haus bezugsfertig.

Hausfabrik Kärppä, lächelte ich über meinen Traum. Ich hatte Marja von meinen Plänen erzählt, hatte bescheiden gesagt, so etwas könnte Erfolg bringen. Kärppäs Nestbau, hatte Marja den Firmennamen weiterentwickelt. Oder Fertignest. Wie gefällt dir das: Kärppäs Heim und Herd, immer Goldes wert, hatte sie gedichtet. Ansonsten hatte ich über das Projekt Stillschweigen bewahrt. Nicht einmal Karpow wusste davon, obwohl ich vorhatte, ihn als Partner zu beteiligen oder als Subunternehmer und Lieferanten einzusetzen. Schnittholz für die Baukörper und Balken für die Wände der Ferienhäuser konnte er mühelos auftreiben.

Neue Träume gibt’s kostenlos, und im Wolkenkuckucksheim sind die Quadratmeterpreise billig, holte ich mich vom Höhenflug zurück. In meiner Halle würde ich wohl eine Weile in Sicherheit sein. Ich hatte sie erst vor zwei Wochen auf meinen Namen einschreiben lassen und in den fast realzeitlichen Papieren der Businesszwillinge war sie noch nicht aufgeführt. Ein anorektisch magerer Trost. Ich war im Begriff, mein Eigentum und mein Gewerbe zu verlieren. Auch wenn ich die Halle billig bekommen hatte, würden sich die Zinsen für den Kredit bald auftürmen. Und irgendein Quatschmaul würde bald auch über diesen Ort reden, fürchtete ich.

Ich streckte mich auf der Sitzbank des Wolga aus und beschloss, ein paar Stunden zu schlafen. Dann würde ich Kleider und sonstige Sachen einpacken, mir ein Auto beschaffen und mich auf den Weg machen.

Ein Mann ohne Pferd hat keine Sorgen, hatte Mutter oft tröstend gesagt. Wie sich Sprichwörter doch irren können.

8

Ich war plötzlich hellwach. Vorsichtig hob ich das Handgelenk vor die Augen, sodass ich die grün leuchtenden Zeiger und Punkte auf der Uhr sah. Halb eins. Ich hatte gut eine Stunde geschlafen, war geradewegs in die Tiefe gefallen, als wäre ich in einer kühlen Schlafkammer eingenickt, auf einer weichen Matratze und unter einer schweren Decke. Doch nun erwachte ich auf der leicht schrägen Vorderbank des Wolga. Sie war einteilig wie ein Sofa, aber als Nachtlager zu kurz für einen ausgewachsenen Mann.

Wie eine Katze tauchte ich aus dem Schlaf auf. Ich hörte eine Bewegung, öffnete die Augen und bewegte langsam den Kopf. Sorgfältig suchte ich mein Blickfeld ab, ließ den Blick umherschweifen wie den Kegel eines Radargeräts.

Dann sah ich den Mann. Ich vermutete, dass er durch das zerbrochene Fenster an der Rückwand eingestiegen war. Die Öffnung war mit einer Spanplatte abgedeckt, die man weghebeln konnte. Der Mann ging durch die Halle, blieb bei jeder Kiste und jedem Tisch stehen. Er schwenkte den Lichtstrahl einer kleinen Stablampe wie einen Stock durch das Halbdunkel. Die Sonne hielt sich noch verborgen. Die Nacht schwankte, wusste nicht, ob sie sich noch länger an die Dunkelheit klammern oder aufgeben und vor dem Morgen kapitulieren sollte.

Der Mann kam näher. Ich tastete den Boden ab, fand aber nur den Steckschlüsselkasten. Vorsichtig fingerte ich in der Plastikschale herum und bekam einen Knarrenschlüssel zu fassen, der immerhin einen zwanzig Zentimeter langen Stahlgriff hatte. Rücksichtsvoll drehte ich ihn so, dass der scharfkantige Aufspannbolzen in meiner Faust verschwand. Dann sprang ich aus dem Wagen und schlug dem Mann den gummiumhüllten Dreharm ins Genick. Er sackte auf den Betonboden, gab nur einen leisen, resignierten Laut von sich.

Ich schaltete das Licht ein. Der Eindringling trug ein Leinenjackett, das ich kannte, dazu ein weinrotes Pikeehemd, eine helle Hose und etwas zu elegante Halbschuhe mit Ledersohle. »Korhonen«, sagte ich und brachte es nicht einmal fertig, mich zu wundern.

Ich bückte mich und rüttelte den schlaff auf dem Boden liegenden Polizisten an der Schulter. Korhonen rührte sich nicht. Ich wurde unruhig. Einen Polizisten tot oder auch nur bewusstlos zu schlagen war kein Bagatelldelikt, und im Moment konnte ich wirklich keine zusätzlichen Probleme brauchen.

»Buh!«, rief Korhonen plötzlich und sprang auf. »Au verdammt, das Ohr tut mir weh.« Er hielt sich den Kopf, zwinkerte mir aber gleichzeitig zu. »Haha! Ich hab mich ein bisschen tot gestellt. Der kleine Viktor war schon in Panik«, verhöhnte er mich.

»Ja, ja. Du hast vergessen, die Luft anzuhalten, deine Nase hat gepfiffen. Als du hier rumgeschlichen bist, hab ich mich gefragt, ob eine Dudelsackkompanie aus dem Hochland einmarschiert«, gab ich erleichtert zurück. »Was zum Teufel willst du hier überhaupt?«

»Ich hab mich ein bisschen umgehört und von deinem neuen Schlupfwinkel gehört. Da wollte ich nachsehen, ob deine Pyro­manen­kumpel auch hier zündeln«, erklärte Korhonen. »Ich hatte das Rätsel um den verschwundenen Kärppä nämlich ganz schnell gelöst. Was glaubst du, wie lange deine heißen Freunde brauchen, um dich zu finden? Ich hab meinen Wagen hier, komm, wir fahren los.«

»Ich fahr nirgendwohin. Jedenfalls nicht mit dir.«

»Na, was hast du denn sonst vor?«

»Das geht dich einen Scheißdreck an.«

Korhonen sah mich mit seitwärtsgeneigtem Kopf an.

»Mir scheint, du brauchst jeden Freund und Kumpel, den du kriegen kannst. Und es herrscht nicht gerade großer Andrang an Leuten, die dir helfen wollen. Jedenfalls seh ich hier keine Batzen fliegen, obwohl gerade jetzt die Kavallerie heransprengen müsste.«

»Hä? Was für Scheißbatzen?«, fragte ich.

»Ach ja, als Kind vom Archipel Gulag hast du natürlich keine Ahnung von gar nichts. Der Schinder, sagt dir das was?«, examinierte Korhonen mich.

»Ist das ein Film, eine Soldatenfarce oder so? Eine Figur von Aku Korhonen?«, riet ich. Ich wusste, dass ich etwas darüber gelesen hatte.

Nach meiner Ankunft in Finnland hatte ich sämtliche Wissensbrocken gesammelt, deren ich habhaft werden konnte, hatte Bücher und Zeitschriften gelesen, von Micky Maus über Welt der Technik bis zu Du und dein Heim. Um nicht blöd dazustehen, wenn jemand fragte, hast du Viljo gesehen, oder über Juha Föhr redete. Trotzdem begegnete mir tagtäglich irgendein Kuriosum, von dem ich keine Ahnung hatte, das aber alle anderen lächelnd wiedererkannten.

»Der Schinder war eines der großen Bücher der Siebziger-Jahre. Ein Epos über die Neusiedlergeneration und ihre Kinder. Es ist auch verfilmt worden. Und im Roman ebenso wie im Film sagen die Leute, wenn jemand besonders langsam ist, da fliegen keine Batzen. Ein Batzen wiederum ist so ein eisiger Schneeklumpen, der von den Hufen eines Pferdes auffliegt. Wenn man so richtig schnell voranprescht, dann fliegen die Batzen«, erklärte Korhonen und zeichnete mit dem Arm einen Bogen in die Luft.

»Schönen Dank für die Vorlesung. Folklorestudien sind ge­nau das, was ich im Moment brauche«, murrte ich.

»Na verdammt noch mal, du hast doch gerade erst behauptet, du hättest keine Eile und keine Not«, schnaubte Korhonen. Er kaute auf den Lippen, sagte dann bittend, fast flehend: »Du könntest mir wenigstens erklären, worum es geht, wer dir zusetzt.«

Korhonen hatte sich vor mir aufgebaut und schob seine Ledersohlen auf dem glatten Beton vor und zurück. Er berichtete, ihm seien verworrene Gerüchte zu Ohren gekommen. Demnach war ein ganzer Trupp von Gangstern auf mich angesetzt, einige in modischen Anzügen, aber auch traditionelle Typen in Anoraks. Und gleich darauf geht ein Haus in Flammen auf, ein Haus im alten Stil mit Mansardendach, auf eigenem Grundstück mit zusätzlichem Baurecht und pittoreskem Garten. Man brauche keine Differenzialgleichung, um zu begreifen, dass der gute Viktor in der Klemme stecke. Und da Onkel Teppo sich gewissermaßen zu Dank verpflichtet fühle, sei er sofort herbeigeeilt. Freilich gebe es hier zugleich auch eine berufliche Herausforderung für ihn selbst, eine Gelegenheit, sich zu bewähren, damit seine Zukunft im Dezernat für Berufs- und Gewohnheitskriminalität gesichert sei und er aus dem fensterlosen Abhörkeller herauskomme.

»Hast du Mist gebaut? Bei der Arbeit? Oder zu Hause?«, fragte ich ziemlich direkt.

Ich erinnerte mich nur zu gut an Korhonens Gemütsschwankungen; sie waren der Grund, weshalb ich ihm in letzter Zeit aus dem Weg gegangen war. Korhonen hatte mit der Waffe herumgefuchtelt und die Stadt von Verbrechern säubern wollen, als hätte er einen göttlichen Auftrag zu erfüllen, er hatte von Sünde, schlüpfrigen Pfaden und Missetätern gesprochen und düstere Choräle gesungen. Auch die Qualen seiner Mid­life-Crisis hatte er bei mir abgeladen, mir verwundert erklärt, er könne sich über nichts mehr freuen, alles sei ihm gleichgültig geworden. Dabei hatte er doch alles, was man braucht, ein warmes Heim, kaltes Bier und karierte Pantoffeln.

»Nein. Wie ich dir bereits gesagt habe, bin ich fit und ausgeglichen«, versicherte Korhonen und streckte die Hand aus, um zu demonstrieren, dass sie nicht zitterte. Ich glaubte ihm kein Wort.

»Aber den Fall in Malmi zum Beispiel, den hab ich vergeigt. Den mit der zerstückelten Leiche. Ich sollte die Frau beobachten. Die Sache war unter Kontrolle und am Reifen. Da schlachten die Kerle urplötzlich die Hauptzeugin ab und deponieren sie stückweise auf der Müllhalde. Scheiße, ich war hundert Meter weg auf dem Balkon und hab geraucht, während die Schurken mit Einkaufstüten voll Frauengulasch auf dem Radweg unterwegs waren. Klar reiben die lieben Kollegen mir das unter die Nase. ›Korhonen, hast du genau hingeguckt, ob bei dir im Treppenhaus wieder ’ne Leiche liegt?‹«

Er sah mich ernst an.

»Ich brauch also einen großen Fall. Gleichzeitig kann ich dir aus der Klemme helfen«, erneuerte er Bitte und Angebot. »Als Erstes solltest du mir erzählen, worauf die Kerle aus sind, die dich bedrohen. Ich kenne keinen von denen.«

Mir blieb keine Zeit zu überlegen, ob ich ihm eine erfundene Story auftischen oder ein kleines Stück Wahrheit enthüllen sollte, denn vom Hof kamen ein Knirschen und gedämpftes Poltern. Gleich darauf vernahm ich noch ein leiseres Klappern. Ich wusste, dass ein Auto auf den Hof gefahren war, dessen Türen geöffnet und wieder geschlossen worden waren, und dass irgendwo, vielleicht am Tor, ein zweiter Wagen stand, aus dem ebenfalls jemand ausgestiegen war.

»Du erwartest wohl keine Verwandten zum Übernachten«, wisperte Korhonen und schaltete das Licht aus.

Ich wartete, bis meine Augen sich wieder an das Halbdunkel gewöhnt hatten, und ging dann ohne Hast zu der Wand, an der einige überzählige Büromöbel aufgereiht waren. Ich nahm meinen Schlüsselbund und schloss den Aktenschrank auf. Unter der zweiten und dritten Schublade von oben waren mit Tesastreifen braune Umschläge befestigt. Ich riss sie ab, öffnete sie und leerte den Inhalt auf die Platte des Stahlschranks. Dann packte ich alles, was ich mitnehmen wollte, in eine Schultertasche. Einen russischen Pass und zwei finnische Führerscheine, das alte Modell, mit Fotos eines langhaarigen Mannes, die mich oder einen von zweihunderttausend anderen Männern zeigen konnten. Die Bankkarten für meine Konten bei Sampo und Nordea. Ich hatte ein wenig Geld auf den Konten liegen, als Sicherheitsdepot, für alle Fälle. Die PIN-Nummern hatte ich auf dem Handy gespeichert.

Eine Waffe hatte ich hier nicht. Meine Pistole lag an ihrem Stammplatz im Kofferraum des Mercedes, und die Reservewaffe war in meinem Büro in Hakaniemi in der Schreibtischschublade. In der alten Halle hätten sich genügend Gewehre für eine kleine Revolte gefunden, in den verschlossenen Containern, die Karpow und ich dort untergestellt hatten. Aber dahin konnte ich jetzt nicht, schätzte ich. Ich sah Korhonen an, der allmählich nervös wurde.

»Sollten wir nicht langsam …«, begann er.

»Steht dein Wagen auf dem Hof?«, unterbrach ich ihn.

»Nein, hinter dem kleinen Hügel da hinten. Keine schlechte Stelle, nur meine Schuhe sind auf dem Weg hierher im Gras ein bisschen nass geworden. Ich hab mich verfahren, obwohl ich doch schon mal hier war«, murmelte Korhonen verlegen.

Ich bedeutete ihm, mir zu folgen. Wir gingen zur Rückwand der Halle, sprangen durch das mit der Spanplatte abgedeckte Fenster hinaus und rannten durch ein Loch im Panzerzaun in den Schutz des Erlengebüschs.

Auf einem schmalen Pfad gingen wir zu Korhonens Auto. Die Büsche gaben uns Blickschutz. Ich blieb kurz stehen und sah zur Halle hinüber. Im Halbdunkel entdeckte ich ein halbes Dutzend Männer, die sich zu beiden Seiten der Tür an die Wand drückten. Gleich darauf rannten zwei von ihnen gebückt um die beiden Ecken. Auf dem Hof parkte ein Wagen, vermutlich der Toyota, den ich schon kannte. Quer vor der Einfahrt stand ein zweites Auto, daneben hielten zwei Gestalten Wache.

Korhonen zupfte mich am Ärmel. Wir gingen in der Hocke über einen offeneren Teil des Pfades und liefen dann zu dem Weg, an dem Korhonens alter Renault stand. Wir verständigten uns wortlos, nur durch Gesten. Mit vereinten Kräften schoben wir den Wagen über den Fahrradweg. Korhonen lenkte ihn durch den Türspalt, musste ein paarmal hineinspringen, um zu bremsen. Schließlich erreichten wir eine kleine Straße, die sich zwischen Wohnhäusern hindurchschlängelte. Korhonen ließ den Motor an und wartete, bis auch ich eingestiegen war.

»Fahr nach Jakomäki, von da nach Kontula und dann nach Kivikko. Findest du dich zurecht?«, fragte ich.

»Klar«, sagte Korhonen und klang zufrieden.

9

Slawa Makarow war nicht erfreut.

»Mitten in der Nacht … geweckt … neben der Mutti könnt’ ich jetzt liegen, träumen«, murrte er und schloss die Seitentür des Kleintransporters auf. »Na komm, guck’s dir an.«

Er schob die Tür ein Stück zur Seite und kletterte auf die Ladefläche. Ich folgte ihm.

»Ist der da vertrauenswürdig?«, flüsterte er so laut, dass Korhonen selbst hätte antworten können, sofern er genug Russisch verstand. Korhonen saß seelenruhig auf der Motorhaube seines Renault und blies Rauchkringel in die Luft.

»Ja, ja«, antwortete ich. »Er ist Polizist.«

Makarow holte entsetzt Luft, doch dann verzog sich sein bartstoppliges Gesicht zu einem breiten Lächeln, das seine Goldzähne zur Geltung brachte. »Ah ja, du hast dir einen Polizisten gekauft. Sehr nützlich.«

Er zog die Teppiche weg, die seine Ware verdeckten.

»Hier sind die Kalaschnikows, vom Fabrikfett gesäubert, eingeschossen und dann leicht geölt«, pries er die Ware an. »Ich hab auch ein paar MPs, aber die würde ich dir nicht empfehlen.«

»Und Pistolen?«, fragte ich.

Makarow holte eine verschlissene Sporttasche hervor, die so alt aussah, dass man erwartet hätte, an der Seite die Aufschrift CCCP – USSR vorzufinden. Stattdessen stand dort Sportfieber. Er zog den Reißverschluss auf.

»Hier. Eine alte, aber saubere Mauser. Absolut zuverlässig. Dann eine FN. Tolle Waffe. Und eine Ceska Zbrojovka 75, neun Millimeter. Ein anständiges Ding. Neu«, erklärte er.

Ich wog die Waffen ab, probierte aus, wie sie sich in meine Hand fügten und in die Tasche glitten. Die CZ war ein neueres Modell als meine eigene, fühlte sich aber vertraut an. Ich wusste, dass sie ebenso für Rechts- wie für Linkshänder geeignet war.

»Ich nehme die«, entschied ich mich für die CZ und fischte einige Schachteln Patronen aus der Sporttasche. »Und eine Kalaschnikow dazu. Für alle Fälle.«

Makarow steckte das Sturmgewehr in einen Beutel aus grünem Zeltstoff und gab mir noch einen Teppich zum Einwickeln dazu. »Zweitausend«, forderte er.

»Teuer. Aber okay. Du bekommst einen Tausender sofort und den zweiten später – oder die Kalaschnikow zurück«, sagte ich mit fester Stimme, zu keinem Handel bereit. »Die tausend Euro bringt dir Aljoscha oder Karpow. Oder du gibst mir deine Kontonummer, dann kann Korhonen, der Polizist da, dir das Geld überweisen«, schlug ich vor, als der Waffenhändler zögerte. Ich schob mein Gesicht dicht an seine verschwitzte Visage. »Vergiss nicht: Ich hab dir geholfen. Und ich bin dir immer noch freundlich gesonnen.«

»Natürlich vertraue ich einem guten alten Bekannten.« Makarow blies mir seinen Zwiebelatem ins Gesicht. Seine Augen glänzten feuchtkalt wie Oktobermatsch.

Ich bedankte mich und ging zu Korhonens Wagen. Nachdem ich die Teppichrolle im Fond auf den Boden gelegt hatte, stieg ich ein.

»Ein Waffenhändler also. Die Adresse muss ich mir merken.« Korhonen ließ den Motor an und fuhr los.

»Lohnt sich nicht. Das ist ein mobiles Lager oder eher ein rollender Laden. Morgen ist das Zeug schon ganz woanders und obendrein in einer anderen Karre, falls du meinst, das Nummernschild würde dir helfen«, gab ich zurück. »Du, hör mal, ich muss mir einen sicheren Wagen besorgen. Von Crashtests will ich jetzt nichts hören«, fügte ich rasch hinzu, denn Korhonen sah aus, als liege ihm eine entsprechende Bemerkung auf der Zunge. »Du könntest mich hinbringen. Richtung Tuusula.«

»Ja, geht in Ordnung. Ich fahr nur schnell zu Hause vorbei und sag Bescheid, dass alles okay ist. Konnte ja keiner ahnen, dass ich die ganze Nacht auf Bummel sein würde. Birgitta macht sich womöglich Sorgen, und anrufen mag ich nicht, sonst werden die Zwillinge wach und meine Bibi erschrickt«, erklärte Korhonen und fuhr bereits in Richtung Umgehungsstraße.

»Okay. So eilig haben wir es ja nicht. Wir müssen sowieso warten, bis der Morgen anbricht. Allerdings lieber außerhalb von Helsinki«, antwortete ich zustimmend.

»Du wohnst immer noch hier«, stellte ich fest.

Korhonen hatte die Umgehungsstraße beim Friedhof Malmi verlassen, war kurz vor dem Einkaufszentrum abgebogen, in Richtung Schwimmhalle gefahren und hatte den Wagen auf den Parkplatz eines kleinen Etagenhauses gelenkt.

»Ja«, antwortete Korhonen ebenso geistreich. »Warte hier, ich bin gleich wieder zurück.«

Ich blieb im Wagen sitzen. Er war schäbig und dreckig. Auf dem Boden lagen Bonbonpapierchen, Hamburgerschachteln und Sand. In den Staub auf dem Armaturenbrett hätte man Strichmännchen zeichnen können.

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