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Finde Trost in meinen Armen

1. KAPITEL

Während des gesamten Fluges nach Chicago starrte Ally Rogers verstört durchs Fenster hinaus in die Weite des Himmels.

Schließlich kam es nicht jeden Tag vor, dass ein völlig fremder Mensch sich mit ihr in Verbindung setzte, um ihr mitzuteilen, dass ihre Mutter in Schwierigkeiten stecke und Ally deswegen so schnell wie möglich nach Chicago kommen müsse.

Es war ebenfalls nicht alltäglich, dass ein völlig fremder Mensch ihr erklärte, sie könne es sich nicht länger aussuchen, ob sie mit ihrer Mutter etwas zu tun haben wolle oder nicht.

Das alles war gestern geschehen.

Ally hatte eine hektische Woche hinter sich. Als angesehene Innenarchitektin, zu deren Kunden viele Prominente zählten, flog sie nicht selten um die halbe Welt, um zu den eleganten Villen ihrer Auftraggeber zu gelangen. Oft musste sie ihre Kunden auch zu eher ungewöhnlichen Zeiten treffen.

Gestern war wieder so ein Tag gewesen. Erst frühmorgens war sie aus Italien zurückgekommen und hatte nur ein paar Stunden im Flugzeug schlafen können. Vom Flughafen war sie nach Hause gehetzt, hatte schnell geduscht und sich umgezogen, um sich mit einem Nachrichtenmoderator während seiner morgendlichen Livesendung zu treffen. In den Werbepausen hatte sie ihm Fotos gezeigt, die ihre Arbeitsfortschritte in seiner toskanischen Villa belegten, und sich sein Okay für ihre weitere Planung geben lassen.

Anschließend hatte sie ungeachtet ihres Jetlags einen Zwölfstundentag absolviert, vollgepackt mit Besprechungen und Terminen. Dann war sie nach Hause gefahren, wo ihr Anrufbeantworter sie mit einer knappen Nachricht von einem Jake Fox empfangen hatte. Der Name kam ihr nicht bekannt vor. Die Nachricht besagte nur, dass er sie dringend wegen ihrer Mutter sprechen müsse. Es sei ein Notfall.

Kaum hatte Ally die Nachricht abgehört, da machte sie sich auch schon Vorwürfe, dass sie ihrer Mutter ihre neue Handynummer noch nicht gegeben hatte. Aber am Sonntag, dem Tag, an dem sie üblicherweise mit Estelle telefonierte, war sie schon auf dem Weg nach Italien gewesen. Außerdem war so viel zu tun gewesen, dass sie den allwöchentlichen Anruf einfach vergessen hatte.

Natürlich hatte sie Dr. Jake Fox am Abend sofort zurückgerufen. Wenn die Nachricht auf dem Anrufbeantworter schon knapp und ungeduldig geklungen hatte, so war das nichts im Vergleich mit dem Ton des Telefonats.

„Na endlich“, hatte er gemurmelt, nachdem sie sich gemeldet hatte. Dann hatte sie ihn gefragt, ob er sich jetzt bei ihrer Mutter befinde und wer er überhaupt sei.

„Ein Freund von Estelle aus dem Seniorenzentrum“, hatte er erwidert. „Wenn Sie öfter mit Ihrer Mutter reden würden, wüssten Sie das.“

„Sind Sie ihr Arzt?“

„Nein, aber ich weiß, dass Estelle dringend einen Arzt aufsuchen muss. Leider können ihre Freunde und ich sie nicht davon überzeugen. Außerdem ist so etwas Sache der Familie. Das sollte Ihnen kein Fremder erst sagen müssen“, fügte er vorwurfsvoll hinzu. Dann erklärte er etwas sachlicher, dass es Estelle nicht gut ginge, dass man nicht genau wisse, was mit ihr sei, dass sie aber dringend ärztliche Betreuung brauche.

Ally hätte gern mehr Informationen aus ihm herausbekommen, doch er hatte beteuert, dass er selbst nicht mehr wisse. Nach dem Telefonat hatte sie sofort versucht, ihre Mutter zu erreichen. Es hatte aber niemand abgenommen. Von Nachbarn oder Freunden kannte sie meist nicht einmal den Nachnamen, geschweige denn die Telefonnummer. So blieb ihr nichts anderes übrig, als es den ganzen Abend immer wieder zu versuchen. Erfolglos. Sie hatte Estelle nicht erreicht.

Und nun war sie auf dem Weg nach Illinois, ohne auch nur zu ahnen, worum es eigentlich ging.

Vielen Dank, Jake Fox!

Was musste das für ein Mensch sein, der ihr auf diese Weise mitteilte, dass ihrer 79-jährigen Mutter etwas passiert war?

Sie stand Estelle nicht besonders nah und hatte sich nie gut mit ihr verstanden. Trotzdem war sie immerhin ihre Mutter. Hätte man da nicht etwas mehr Feingefühl erwarten dürfen?

Stattdessen war Jake Fox unfreundlich gewesen und hatte ihr sogar Vorwürfe gemacht! Und warum? Weil sie nicht in derselben Stadt wohnte wie Estelle? Es gab doch viele Menschen, die von ihrer Familie weit entfernt lebten. Außerdem würde Estelle sie gar nicht in ihrer Nähe haben wollen. Ein Anruf in der Woche und ab und zu ein Besuch zu den Feiertagen, das war nun mal ihr Umgang miteinander. Und so würde es immer bleiben, ganz gleich, wo Ally wohnte.

Wer war dieser Typ überhaupt? Ein Freund ihrer Mutter aus dem Seniorenzentrum, hatte er gesagt. War er eine Art Lebensgefährte, den Estelle nicht erwähnt hatte? Aber auch das wäre doch kein Grund, so ein Geheimnis daraus zu machen, was ihrer Mutter passiert war?

Um für einen Moment auf andere Gedanken zu kommen, ging Ally auf die Toilette und wusch sich die Hände. Dabei warf sie einen prüfenden Blick in den Spiegel. Ihre sonst leicht rosigen Wangen waren blass. Ebenso die Lippen. Dafür waren ihre smaragdgrünen Augen durch den Schlafmangel rot unterlaufen.

Sie trocknete sich die Hände ab, strich das braune T-Shirt glatt und kehrte an ihren Platz zurück. Sofort stellte sich die Nervosität wieder ein.

Ally beschloss, nicht mehr über Jake Fox nachzudenken. Erst einmal musste sie sich um ihre Mutter kümmern. Hoffentlich war ihr nichts zugestoßen …

Sie holte tief Luft und versuchte, sich zu beruhigen.

Am frühen Nachmittag hielt Ally mit ihrem Leihwagen vor dem kleinen Haus in der Vorstadtsiedlung, in der sie aufgewachsen war.

Das zweistöckige Backsteinhaus mit der überdachten Veranda sah aus wie immer, nur dass der Rasen vorm Haus verdorrte und sogar schon einige kahle Stellen aufwies.

Wenn ein Garten in der Nachbarschaft so ausgesehen hätte, wäre Estelle Rogers persönlich zum Besitzer gegangen und hätte ihm eine gehörige Standpauke gehalten. Danach hätte der Nachbar seinen Rasen nie wieder vernachlässigt. Dass Estelles Garten mitten im August so ungepflegt aussah, war ein eindeutiges Indiz dafür, dass etwas nicht in Ordnung war.

Und Ally musste nun herausfinden, was es war. Wie seit dem Anruf gestern Abend schon unzählige Male, krampfte sich auch jetzt wieder ihr Magen zusammen. Aber das tat er eigentlich immer, wenn sie ihre Mutter besuchte.

Sie atmete tief durch, nahm ihre Handtasche und stieg aus.

„Sie ist nicht da.“

Ally drehte sich zu dem kleinen Jungen um, der mit seinem Fahrrad den Bürgersteig entlangkam.

„Weißt du, wo sie ist?“, fragte sie automatisch, ohne wirklich eine Antwort zu erwarten.

„Sie ist heute im Krankenwagen weggefahren.“

Großer Gott!

Alle möglichen Gedanken schossen ihr durch den Kopf. War Estelle gestern Abend allein zu Hause gewesen und hatte nicht ans Telefon gehen können, weil ihr etwas zugestoßen war? Womöglich hatte sie die ganze Nacht hilflos auf dem Fußboden gelegen.

„Wann war das?“, fragte sie den Jungen.

„Nach dem Frühstück.“

„Weißt du, wo man sie hingebracht hat?“

„Ins Krankenhaus“, erwiderte der Junge völlig selbstverständlich.

Vermutlich das nächstgelegene Krankenhaus. Dort würde Ally es als Erstes versuchen. Hoffentlich kam sie nicht zu spät!

Sie lief zu ihrem Wagen zurück. Das Krankenhaus war nicht weit entfernt. Sie schaffte den Weg, für den man normalerweise eine Viertelstunde brauchte, in zehn, parkte den Wagen auf einem der Notfallparkplätze und lief zum Eingang.

„Ich suche Estelle Rogers. Wurde sie hier eingeliefert?“

„Die Leute dort sind auch wegen ihr hier.“ Die Frau hinter dem Empfangstresen zeigte zum Warteraum.

Warum antwortete sie so ausweichend? Vielleicht, weil sie die schlechte Nachricht nicht selbst …

Ally drehte sich um. Einige der Leute im Warteraum kamen ihr bekannt vor. Ihre Mutter war vor vier Jahren die Gallenblase entfernt worden. Damals hatte Ally ihr in der ersten Zeit nach der Operation geholfen. Ständig waren Freunde aus dem Wilkens Seniorenzentrum zu Besuch gekommen. An ihre Namen konnte Ally sich nicht mehr erinnern, aber an die Gesichter.

Und diese Gesichter waren jetzt ernst und traurig.

Das Schlimmste! Es war das Schlimmste passiert!

Plötzlich wurden ihre Knie weich. Alles um sie herum drehte sich. Ally hielt sich am Tresen fest.

„Ma’am?“

Die Stimme schien weit entfernt zu sein. Mühsam nahm Ally noch wahr, dass die Frau hinterm Tresen aufsprang und rief: „Dr. Fox! Ich brauche Hilfe!“

„Ihre Hände sind immer noch eiskalt, Jacob!“

„Keine Sorge, Bubby. Sie kommt gerade zu sich.“

Ally zwang sich, die bleischweren Lider zu öffnen. Im ersten Moment wusste sie weder, wo sie war, noch warum sie auf dem harten Boden lag. Um sie herum standen Leute, die sie nicht kannte.

Auf der einen Seite neben ihr hockte ein sehr attraktiver Mann, der ihren Blutdruck maß. Auf der anderen Seite kniete eine ältere Frau und rieb ihr die Hand. Eine weitere Frau stand in der Nähe. Sie sah aus wie eine Krankenschwester.

Bei ihrem Anblick kam Allys Erinnerung wieder. Sie war in dem Krankenhaus in Chicago, in das ihre Mutter eingeliefert worden war.

„Meine Mutter …“, brachte sie mühsam hervor und erkannte ihre ängstliche Stimme selbst kaum wieder.

„Im Moment interessieren wir uns nur für Sie“, antwortete der Mann mit dem Stethoskop.

Ally sah die ältere Frau an, die ihr die Hand rieb. „Bin ich zu spät? Ist sie …?“, flüsterte sie.

„Aber nein!“, beruhigte die Frau sie schnell. „Estelle ist heute gestürzt, und irgendetwas ist nicht ganz in Ordnung mit ihr. Aber sonst ist sie quicklebendig.“ Sie lächelte aufmunternd. „Entspannen Sie sich, unser Jacob kümmert sich um Sie.“

Der Mann, den sie unser Jacob nannte, löste die Blutdruckmanschette von ihrem Arm und nahm das Stethoskop aus den Ohren. „Dachten Sie, Estelle wäre gestorben?“ Er wirkte plötzlich verlegen.

„Ich wusste nicht, was ich denken sollte.“

„Hast du ihr gar nicht gesagt, was los ist?“, fragte die ältere Frau ihn.

„Ich habe ihr gesagt, dass Estelle Probleme hat“, erwiderte er mit rotem Kopf.

„Jacob! Sieh dir das arme Mädchen an. Solche Sorgen hat sie sich gemacht!“

Jetzt erkannte Ally die Frau, die Bubby genannt wurde. Die kleine, sympathische alte Dame war Jüdin und sehr gut mit Estelle befreundet. Nach der Operation damals hatte sie jeden Tag leckere Aufläufe und Gebäck vorbeigebracht. Sie hieß Rayzel.

„Das sollte sie auch“, gab er leise zurück.

Das war der Moment, als Ally erkannte, dass dieser Jacob kein anderer als Jake Fox war.

Alarmiert setzte sie sich auf, was dazu führte, dass ihr sofort wieder schwindlig wurde. Wenn Jake Fox sie nicht geistesgegenwärtig mit seinen starken Armen gestützt hätte, hätte sie sich den Kopf an einer Krankentrage gestoßen.

„Langsam! Wo wollen Sie denn hin?“, fragte er.

„Sie sind das!“

„Legen Sie sich wieder hin“, befahl er und half ihr dabei. „Ja, wir beide haben gestern Abend miteinander telefoniert.“

Sein Ton war nicht besonders freundlich, aber auch nicht mehr so ungehalten wie am Telefon.

Erst jetzt bemerkte Ally, dass sich hinter Jake auch die Freundinnen ihrer Mutter versammelt hatten und sie neugierig betrachteten. Furchtbar, dass sie so viel Aufsehen erregte.

„Holen Sie doch bitte einen Stuhl“, sagte Jake zu der Krankenschwester. „Ich denke, es handelt sich hier um eine stressbedingte Ohnmacht. Sie braucht kein Bett, aber da sie aufstehen möchte, sollte sie es erst einmal mit Sitzen versuchen. Und etwas Orangensaft und ein paar Kekse oder Cracker könnten auch nicht schaden …“

Als die Schwester sich entfernte, kehrte auch die Frau vom Empfang hinter ihren Tresen zurück. Nur Jake Fox und Estelles Freundinnen blieben bei Ally.

„Bubby, ihr könnt jetzt alle ganz beruhigt wieder gehen. Nina wird gleich da sein. Ihr wollt sie doch nicht warten lassen.“

„Soll nicht ich wenigstens noch bleiben“, bot Bubby an. „Dann bringt Nina eben nur die anderen zum Seniorenzentrum.“

„Aber dann verpasst du doch deine Kartenrunde. Das ist wirklich nicht nötig. Du kannst hier doch nichts mehr tun. Estelle ist versorgt, und ihre Tochter ist ja jetzt auch da.“

Bubby versprach Ally, am Abend noch einmal vorbeizuschauen. Dann verließ sie zusammen mit den anderen alten Damen die Notfallaufnahme. Kurz darauf brachte die Krankenschwester einen Rollstuhl.

„Wir können sie zu ihrer Mutter bringen“, sagte Jake zur Schwester. „Ich fahre sie dorthin. Besorgen Sie inzwischen ein Glas Saft und ein paar Cracker.“

„Ich brauche keinen Rollstuhl“, protestierte Ally. Diesmal setzte sie sich langsam auf.

„Ich lasse Sie erst aufstehen, wenn ich sicher bin, dass Sie nicht wieder umkippen“, erklärte Jake Fox.

Die Schwester stellte die Bremse am Rollstuhl fest und verschwand.

„Lassen Sie mich das machen.“ Damit umfasste er mit dem linken Arm ihren Oberkörper, während er mit rechts ihren Unterarm ergriff. Mit einer gekonnten Bewegung half er ihr in den Rollstuhl, als sei sie federleicht.

Als Ally seinen starken Arm und seine warme Hand spürte, hatte sie aus unerklärlichen Gründen plötzlich das Gefühl, mit ihren Problemen nicht mehr allein zu sein.

Doch dann, als sie im Rollstuhl saß und Dr. Fox sie losließ, schaltete sich ihr Verstand wieder ein. Dieser Mann hatte sie nicht nur mit ihren Problemen alleingelassen, nein, er war im Grunde sogar schuld daran, dass sie hier vor lauter Stress zusammengeklappt war.

Wortlos schob er sie durch die Eingangshalle und den Warteraum in den eigentlichen Behandlungsbereich, von dem sternförmig die Untersuchungsräume abgingen. Doch Estelles Zimmer war leer.

„Sie ist wahrscheinlich beim Röntgen“, erklärte Dr. Fox. „Ich schaue gleich mal nach.“ Als er das Zimmer verließ, stieß er beinahe mit der Schwester zusammen, die den kleinen Imbiss für Ally brachte.

Ally trank etwas von dem Saft und aß einen Cracker. Dann versuchte sie vorsichtig aufzustehen.

Etwas wackelig zwar, aber ohne Zwischenfall, schaffte sie es bis zu einem der Besucherstühle, sodass die Schwester den Rollstuhl wieder mitnehmen konnte.

Direkt vor der Tür traf die Schwester mit Jake Fox zusammen und schien etwas mit ihm zu besprechen. Ally konnte nicht hören, was sie sagten, aber sie nutzte die Gelegenheit, den Mann, der ihr seit gestern so viel Ärger bereitet hatte, genauer zu betrachten.

Er hatte eine athletische Figur. Groß, breite Schultern, eine schmale Taille und lange Beine, deren Muskeln sich unter der Khakihose abzeichneten.

Die schwarzbraunen Haare waren ziemlich lang und lässig nach hinten gestrichen. Von seinem Gesicht ließ sich ohne Übertreibung sagen, dass es das Gesicht eines griechischen Gottes war. Klare, kantige Linien, die Nase eines Falken, einen breiten Mund mit vollen Lippen. Wenn Ally ihn nicht nach dem Telefonat so unsympathisch gefunden hätte, wäre sie von ihm hingerissen gewesen.

Aber mit gutem Aussehen allein konnte er sein schlechtes Benehmen nicht wettmachen.

Eins stand zumindest fest, Estelles Lebensgefährte war er nicht. Dazu war er zu jung. Vielleicht Anfang dreißig.

Womit sich die Frage erhob, was Jake Fox mit den alten Damen zu tun hatte. War er vielleicht ein Verwandter von Bubby?

In diesem Moment beendete er das Gespräch mit der Schwester und kam ins Zimmer. Er lehnte sich gegen den Untersuchungstisch und blickte Ally aus seinen pechschwarzen Augen an. Ally versuchte, nicht auf seine dichten Wimpern zu achten, sondern sagte: „Würden Sie mir jetzt bitte sagen, wie es meiner Mutter geht und was eigentlich los ist?“

Er überraschte sie mit seinem ruhigen, professionellen Ton.

„Ich habe einige Gruppen im Seniorenzentrum.“

„Was für Gruppen?“

„Ich bin Psychiater.“

„Meine Mutter kommt zur Therapie zu Ihnen?“

„Nicht direkt. Die Gruppen beschäftigen sich mit allgemeinen Themen des Alterns.“

„Ach so.“ Aber von einem Seelendoktor hätte man doch erst recht erwartet, dass er die Sache etwas taktvoller behandelte. Diesen Gedanken behielt sie allerdings lieber für sich.

„Außerdem treffe ich mich jeden Morgen mit den Damen zum Walken. Ich habe also viel Kontakt zu Estelle.“ Er hielt inne, seufzte leise und fuhr dann fort: „Es tut mir leid, ich wollte das so detailliert nicht am Telefon besprechen. Es ist mir schon vor einigen Monaten aufgefallen, dass Ihre Mutter offenbar Gedächtnisprobleme hat. Ich habe ihr geraten, Vitamine zu nehmen, aber sie kann sehr dickköpfig sein. Sie hat nur gemeint, ich sei verrückt geworden, und ihr Gedächtnis sei so gut wie eh und je.“

„Und das bezweifeln Sie.“

„Ich bin nicht der Einzige, dem die Veränderungen aufgefallen sind. Bubby, die ich schon mein halbes Leben lang kenne, und die anderen Freundinnen von Estelle sagen das Gleiche.“

„Geht es nur um Gedächtnisprobleme, oder gibt es noch andere Veränderungen?“

Jake seufzte noch einmal. „Die geistige Verfassung Ihrer Mutter hat sich insgesamt verschlechtert. Sie ist immer häufiger verwirrt und desorientiert. Bubby hat schon zweimal miterlebt, dass sie den Weg vom Seniorenzentrum nach Hause nicht mehr gefunden hat. Einmal war sie im Einkaufszentrum und wusste nicht mehr, wo ihr Auto stand. Zwei Freundinnen, die ihr zufällig über den Weg gelaufen sind, mussten die Wachleute bitten, mit ihnen den Parkplatz abzufahren, bis sie den Wagen entdeckt hatten. Eine der beiden Frauen hat Estelle dann nach Hause gefahren. Solche Dinge passieren immer häufiger. Wir haben gehofft, dass Ihnen das vielleicht auch auffällt. Und dass Sie irgendwann einschreiten. Aber das ist bisher leider nicht passiert.“

In seinem letzten Satz klang derselbe Vorwurf an, über den sie sich schon am vergangenen Abend geärgert hatte. Da er ihr nun Gelegenheit gab, die Geschichte aus ihrer Sicht zu erzählen, begann sie: „Ich telefoniere jede Woche mit meiner Mutter. Immer sonntags. Aber es ist nichts Ungewöhnliches, dass sie sich von einer Woche zur nächsten nicht daran erinnern kann, was ich ihr erzählt habe. Mein Leben interessiert sie nicht besonders. Deshalb merkt sie sich auch nichts, was mich betrifft. Ich habe keine Veränderungen bei ihr festgestellt.“

„Fragen Sie Estelle, wie es ihr geht? Hat sie Ihnen erzählt, was ihr im Einkaufszentrum passiert ist? Oder irgendetwas anderes Ungewöhnliches?“

Ally dachte darüber nach, aber ihr fiel nicht ein einziger Vorfall ein, der darauf hinwies, dass Estelle anders war als sonst.

„Nein. Nichts. Ich frage sie jede Woche, wie es ihr geht. Gut, sagt sie dann, mehr nicht. Wenn ich frage, ob sie ausgeht oder ihre Freundinnen trifft, wird sie störrisch. Sie sagt dann klipp und klar, dass sie sauer würde, wenn ich sie weiter so ausquetsche. Und damit ist das Gespräch dann auch beendet.“

„Vielleicht glaubt sie, dass Sie sich nicht wirklich für ihre Angelegenheiten interessieren.“

Dann ist es also nach wie vor meine Schuld, dachte Ally wütend. „Hören Sie, Dr. Fox, die Beziehung zwischen meiner Mutter und mir ist nicht besonders innig. Von beiden Seiten nicht. Als sie vor ein paar Jahren operiert werden musste, hat sie mir nur erzählt, dass der Arzt sie in eine Pflegeklinik einweisen wollte, falls sie hinterher zu Hause keine Hilfe hätte. Ich habe sofort alles so organisiert, dass ich eine Weile bei ihr bleiben konnte. Aber sie hat mich nach zwei Tagen wieder nach Hause geschickt.“

„Estelle ist so stolz auf ihre Unabhängigkeit. Wahrscheinlich hatte sie das Gefühl, dass sie Ihnen zur Last fällt …“

Es ist wohl wieder meine Schuld …

Ally unterbrach ihn, bevor er weiterreden konnte. „Dann sind also ein paar Gedächtnislücken der Grund, weshalb Sie mich gestern Abend angerufen haben?“

„Nein. Ganz so ist es nicht. Ich treffe mich während der Woche jeden Morgen mit den Damen zum Walken. Wenn jemand nicht kann, sagt er ab, damit wir uns keine Sorgen machen müssen. Gestern ist Ihre Mutter nicht erschienen. Da niemand etwas über sie wusste, habe ich die Damen allein losgeschickt und bin zu Estelle gegangen. Die Haustür stand offen. Eine Herdflamme brannte auf höchster Stufe, obwohl kein Topf draufstand. Ich habe Estelle gerufen und sie im ganzen Haus gesucht. Aus einem Fenster im ersten Stock sah ich sie dann. Sie lief im Nachthemd die Straße entlang.“

„Oh.“

„Ja, oh. Als ich sie nach Hause gebracht habe, war sie so durcheinander, dass sie nicht einmal begriffen hat, worüber ich mich aufrege. Sie wollte doch nur ihre Zeitung holen, hat sich verteidigt. Ich fand, dass sie in diesem Zustand nicht allein sein sollte. Sylvia war sofort bereit, sich um sie zu kümmern. Kennen Sie Sylvia?“

Ally nickte.

„Die beiden Frauen sind gute Freundinnen. Bis zum Abend hatte Ihre Mutter Sylvia davon überzeugt, dass ich übertrieben habe und dass sie sich keine Sorgen machen müsse. Daraufhin hat Sylvia sie dann doch wieder allein gelassen.“

„Ich habe gestern Abend mindestens zwei Dutzend Mal versucht, bei Estelle anzurufen. Es ist niemand ans Telefon gegangen.“

„Zu dem Zeitpunkt, als wir beide miteinander gesprochen haben, war Sylvia schon weg. Wer weiß, warum Estelle sich nicht gemeldet hat. Aber genau darum geht es. Man weiß eben nicht, was sie macht, wenn sie allein ist.“

„Und wieso ist sie heute ins Krankenhaus gekommen?“

„Als sie heute Morgen wieder nicht beim Walken aufgetaucht ist, sind wir alle zusammen zu ihr gegangen. Estelle hat uns zwar aufgemacht, war aber völlig verwirrt, sodass wir bisher nur vermuten können, was passiert ist. Sie muss über einen Läufer im Flur gestolpert sein und sich bei dem Sturz am Kopf und am Handgelenk verletzt haben.“

„Und daraufhin haben Sie den Krankenwagen gerufen.“

„Genau. Es war unmöglich zu beurteilen, wie schwer sie verletzt war. Inzwischen ist abgeklärt, dass sie keine Gehirnerschütterung hat. Nur ein paar blaue Flecke. Ihr Handgelenk ist im Moment noch die Hauptsorge. Deswegen ist sie beim Röntgen. Aber Sie sehen, das Problem liegt tiefer.“

Ally versuchte, das alles zu verarbeiten. „Ich wusste nichts davon.“

„Sie wissen nicht, was mit Ihrer Mutter passiert, weil Sie nie hier sind“, gab er zurück, als habe ihm dieser Satz schon länger auf der Seele gelegen.

„Ich lebe nicht hier“, erwiderte Ally. Was sollte sie sonst als Erklärung vorbringen?

„Wenn die Menschen älter werden und ihre physischen und mentalen Kräfte nachlassen, brauchen sie Hilfe. Und wenn sie dann glücklicherweise noch Angehörige haben, sollten die sich auch um sie kümmern.“

Schon wieder eine Standpauke, dachte Ally. Und er schien absolut davon überzeugt, dass sein Weg der einzig richtige war.

„Was schlagen Sie also vor, da ich ja jetzt hier bin?“, fragte sie herausfordernd.

Er antwortete in einem ruhigeren Ton. „Ich habe versucht, Ihre Mutter dazu zu bewegen, sich gründlich untersuchen zu lassen, um herauszufinden, was hinter ihren Gedächtnislücken steckt. Infrage kämen eine Computertomografie oder auch eine Kernspintomografie, oder auch einfach nur Bluttests und psychologische Tests. Aber sie hat alles energisch abgelehnt. Als ihre Tochter sollten Sie jetzt einschreiten.“

„Sie wollen also, dass ich meine Mutter dazu zwinge, sich untersuchen zu lassen?“ Ohne es zu merken, war sie laut geworden.

„Hören Sie“, begann er noch einmal und machte eine bedeutungsvolle Pause, bevor er weitersprach. „Einiges an Estelles Verhalten könnte darauf hinweisen, dass sie an Alzheimer erkrankt ist. Ich weiß nicht, wie Ihre Beziehung zu Ihrer Mutter in der Vergangenheit war, aber jetzt hat Estelle ernsthafte Probleme, und Sie sind ihre einzige Angehörige.“

Ally fragte sich, ob er überhaupt eine Vorstellung davon hatte, was er von ihr verlangte.

Eine Krankenschwester erschien in der Tür. „Entschuldigung, Dr. Fox, Ihre Sekretärin hat gerade angerufen, um Sie an einen Termin zu erinnern. Die Familie des Patienten wartet in Ihrem Büro …“

Er sah auf seine Uhr. „Das habe ich völlig vergessen. Sagen Sie Eugenia, dass ich auf dem Weg bin.“

Dann wandte er sich noch einmal Ally zu und schaute sie prüfend an. „Wie fühlen Sie sich selbst? Ist Ihnen noch schwindlig oder übel?“

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