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Film ab für unsere Liebe!

1. KAPITEL

Drei Wochen. Er war nur drei Wochen weg. Bei seiner Abreise war mit seinem Film alles in Ordnung und einundzwanzig Tage später steuerte das gesamte Projekt geradewegs auf eine Katastrophe zu.

Finn Marshall saß in dem Wohnwagen, der ihnen während der Dreharbeiten in Maryland als Büro diente, und rieb sich die Augen. Er litt unter Jetlag und hatte gehofft, noch ein paar Stunden schlafen zu können, bevor er zu einer Wohltätigkeitsveranstaltung nach D. C. musste. Doch seine Hoffnungen lösten sich zusehends in Luft auf. Zuerst musste er dieses Chaos entwirren.

Dolby Martin, sein Partner bei Dolfinn Pictures, wirkte recht fröhlich für jemanden, der gerade die Titanic gegen einen Eisberg gerammt hatte. „Wir drehen seit einer Woche und liegen fast wieder im Zeitplan.“

Finn atmete tief durch und ermahnte sich, dass Dolby zu verprügeln nichts an dem Dilemma ändern würde. „Und du bist nicht auf die Idee gekommen, mich früher zu informieren?“

„Du hattest mit den Drehgenehmigungen genug zu tun. Und von Monaco aus hättest du sowieso nichts unternehmen können.“

„Ich hätte mit Cindy reden können.“

„Nachdem Farrell ihr gesagt hat, er habe bessere Schauspielerinnen in Low-Budget-Pornos gesehen? Tut mir leid, Finn, aber da hätte selbst dein Charme nichts ausgerichtet.“ Dolby zuckte die Schultern. „Ehrlich gesagt, ich bin nicht traurig, dass sie gegangen ist. Ich wette, Cindy checkt noch vor der Premiere in eine Entzugsklinik ein. Und diese Art Schlagzeilen können wir wirklich nicht gebrauchen.“

Dolby hatte recht, sowenig Finn das auch zugeben wollte. Cindy war die perfekte Besetzung für Rebecca: Ihr gutes Aussehen und ihr Talent, zusammen mit ihrem Namen, garantierten dem Film Aufmerksamkeit. Bei Vertragsunterzeichnung hatte sie geschworen, clean zu sein, aber wie oft hatte er diese Geschichte schon gehört?

Vielleicht war es besser so. Technisch gesehen hatten Dolby und der Regisseur das Richtige getan: einen Ersatz finden und sie ins nächste Flugzeug nach Baltimore verfrachten, damit die Dreharbeiten weitergingen. In professioneller Hinsicht sollte Finn sich freuen. Er sollte sogar gerührt sein, dass Dolby die Wichtigkeit des Projekts begriffen und so schnell Schadensbegrenzung betrieben hatte. Aber ausgerechnet Cait Reese? Er schüttelte den Kopf.

„Caitlyn ist unsere Rettung. Sie ist ein echter Profi. Warte, bis du die Aufnahmen siehst. Sie ist perfekt als Rebecca. Besser als Cindy.“

Finn war da vorsichtig. Die Cait, die er kannte, war wild und ungeschliffen. Überschäumende Charaktere waren ihre Stärke, wie sollte sie mit der stillen Strenge einer Rebecca zurechtkommen?

„Vertrau mir, Finn. Du wirst überrascht sein.“

„Wenn du das wirklich glaubst, hättest du sie nicht hinter meinem Rücken für Folly engagiert.“ Er griff nach seinem Handy und überflog die Liste mit Nachrichten. „Naomi kocht vor Wut. Willst du es hören?“

„Ich weiß Bescheid, danke. Naomi will das Rampenlicht mit niemandem teilen. Sie ist eine echte Diva.“

„Dieses Privileg hat sie sich verdient. Und wir tolerieren ihr Verhalten, damit sie glücklich ist.“

Naomi Harte war augenblicklich einer der größten Namen in Hollywood, deshalb brauchte sie sich auch keine Sorgen zu machen, jemand könne ihr einen Teil ihres Ruhmes streitig machen. Aber hier ging es um etwas Persönliches. Sie und Cait waren ungefähr zur gleichen Zeit ins Rampenlicht getreten, ihre Rivalität reichte bis zum Beginn ihrer Karrieren zurück, als sie noch Teenager in romantischen Highschool-Komödien oder Horror-Filmen gespielt hatten. Cait allerdings hatte es geschafft, sich stets eine Sprosse über Naomi auf der Karriereleiter zu halten. Ihr Erfolg schien unaufhaltsam, bis ihr Stern dann auf spektakuläre Weise erloschen war. Viele Leute glaubten – und hatten vermutlich recht damit –, Naomi wäre nicht dort, wo sie heute stand, wenn Cait nicht die Stadt verlassen hätte. Und Naomi wusste das.

„Du weißt, dass zwischen Naomi und Cait böses Blut herrscht? Willst du das Set in ein Schlachtfeld verwandeln?“

Dolby kicherte. „Eigentlich läuft es ganz gut. Naomis Probleme mit Caitlyn lassen die Feindseligkeit der beiden im Film noch realistischer erscheinen.“

„Und Cait?“ Sie gehörte nicht zu denen, die mit ihrer Meinung hinter dem Berg halten.

„… geht sehr erwachsen mit der Situation um. Schon bei den Vorgesprächen hat sie uns von ihrem Wunsch erzählt, ihre Karriere wieder in Schwung zu bringen. Folly ist die perfekte Gelegenheit für ihr Comeback. Und sie ist nicht zu stolz, das zuzugeben.“

Folly mochte perfekt für Cait sein, aber Cait vielleicht nicht für Folly. Es war nicht seine Aufgabe, gefallenen Starlets eine zweite Chance zu geben. Vor allem nicht bei einem Projekt wie Folly. In beruflicher wie persönlicher Hinsicht hatte er zu viel investiert, um den Film zu einer Art Experiment verkommen zu lassen.

„Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob Cait eine gute Wahl ist.“

„Ich habe Farrell freie Hand gelassen, er hat sich für Caitlyn entschieden. Und solange sie den Vertrag nicht vorzeitig beenden will, sind wir an sie gebunden.“ Dolby schüttelte den Kopf. „Wenn du deine Ex nicht am Set haben willst, kannst du dich gerne mit ihren Eltern anlegen. Mir ist das zu heiß, besten Dank auch.“

Das Blatt hatte sich eindeutig gewendet. Sein ganzes Leben lang hatte sich niemand mit ihm anlegen wollen – aus Furcht vor Vergeltungsmaßnahmen seiner Familie. Das war einer der Vorteile, ein Marshall zu sein. Aber die Marshalls beherrschten die Ostküste, in L. A. hingegen regierten John Reese und Margaret Fields-Reese. Mittlerweile hatte er sich einen gewissen Einfluss im Filmgeschäft erarbeitet, doch gegen die Macht von Caits Eltern kam er nicht an. Vielleicht eines Tages, aber nicht heute.

„Wie auch immer“, fuhr Dolby fort. „Alles deutet darauf hin, dass Caitlyn clean und stabil ist.“

Tatsächlich hatte Caitlyn in dieser Hinsicht nie ein Problem gehabt, sie feierte nur gern ziemlich wild. Um die Auflage zu steigern, hatte die Presse alles hochgespielt, bis es so aussah, als stünde Cait kurz vor der Aufnahme in eine Entzugsklinik. „Trotzdem wird es die Reporter nicht davon abhalten, die verrücktesten Geschichten zu erfinden.“

Dolbys Grinsen heiterte Finn ganz und gar nicht auf. „Die Aufregung ist unglaublich. Angefangen bei der Rückkehr der verbannten Prinzessin bis zu der Möglichkeit eines Zickenkrieges zwischen Caitlyn und Naomi, spricht bereits jetzt jeder über Folly.“

„Das habe ich nicht gemeint, und das weißt du.“

Dolby lachte. „Du musst zugeben, allein die Aussicht auf eine neue Caitlyn-Finn-Affäre wird uns reichlich Schlagzeilen bescheren.“

„Genau aus diesem Grund hättest du mit mir sprechen sollen, bevor du sie engagierst.“

„Wenn wir einen Bogen um all deine Exfreundinnen machen müssen, bleiben bald keine Schauspielerinnen unter dreißig mehr übrig.“

Aber Cait war nicht einfach irgendeine Ex. Sie war die Ex, neben der alle anderen wie eine gute Wahl wirkten. Die Bitterkeit seiner Gedanken überraschte Finn. „Ich will nicht mehr über mein Privatleben in den Zeitungen lesen als über den Film.“

Endlich wurde Dolby ernst. „Folly wird für sich sprechen.“

Manchmal führte Dolby sich zwar wie ein Idiot auf, doch auch er war stolz auf Dolfinns Ruf. The Folly of the Fury mochte Finns heiliges Projekt sein, aber Dolby stand hundertprozentig dahinter.

„Das weiß ich, aber da wir gerade Seifenopern-Terrain betreten haben, möchte ich, dass allen absolut klar ist, was gesagt werden darf und was nicht. Dramatische Szenen finden ausschließlich vor der Kamera statt.“

„Einverstanden.“

Finn hoffte inständig, es würde so einfach sein.

Caitlyn Reese sog die feuchte Nachtluft tief in ihre Lungen. Hinter ihr fiel die Tür ins Schloss, der Lärm der Party erstarb, als hätte sie einen Knopf gedrückt. Sie hatte sich dort drinnen gut geschlagen, das wusste sie, aber nun brauchte sie einen Moment Ruhe, um sich von dem Stress zu erholen. Erleichtert stellte sie fest, dass sie die Terrasse ganz für sich hatte. Sie trat an die Brüstung und lehnte sich dagegen.

Belustigt bemerkte sie, dass ihre Hände zitterten. Noch bevor sie laufen konnte, hatten ihre Eltern sie auf Wohltätigkeitspartys geschleppt. Es gab also keinen echten Grund, weshalb eine gewöhnliche Spendengala – ganz gleich, wie erlesen die Gästeliste auch sein mochte – ihr Angst machen sollte. Und die Gäste benahmen sich sogar recht freundlich ihr gegenüber. Was auch immer die Leute von ihr persönlich halten mochten, keiner war so dumm, irgendetwas zu tun, was ihm den Zugang zu ihren Eltern oder deren Freunden verbauen könnte. Es stand viel zu viel Geld auf dem Spiel, als dass jemand wagte, sie nicht respektvoll zu behandeln.

Vielleicht war eine Party in D. C. tatsächlich der richtige Ort, um sich erstmals wieder in der Öffentlichkeit zu zeigen. Bislang funktionierte ihr Plan besser, als sie gehofft hatte. Am liebsten hätte sie jemanden angerufen und ihren Erfolg geteilt, aber es gab niemanden mehr auf diesem Kontinent, der ihr nahe stand – und in London war es mitten in der Nacht. Doch selbst wenn ihr jemand eingefallen wäre, was hätte sie sagen sollen? Meine Karriere ist vielleicht nicht mehr tot? Na ja. Sie zuckte die Schultern und lächelte. Trotzdem war sie stolz auf sich.

„Miss Reese?“

Sie wandte sich um. Ein groß gewachsener blonder Mann, mit dem sie sich vorhin kurz unterhalten hatte, näherte sich ihr. Er lächelte zaghaft. Sie zerbrach sich den Kopf, kam jedoch nicht auf seinen Namen. Er arbeitete für einen Kongressabgeordneten, bewunderte die Arbeit ihrer Eltern, kannte all ihre Filme … Teile ihres Gesprächs fielen ihr ein, aber kein Name. Er hatte etwas zu enthusiastisch gewirkt, fast ein wenig unheimlich. Und dass sie nun allein waren, behagte ihr nicht.

Sei nett, aber nicht zu nett. „Hallo.“

„Ich habe gesehen, wie Sie gegangen sind.“ Besorgt runzelte er die Stirn. „Geht es Ihnen gut?“

„Alles in Ordnung. Ich brauchte nur ein bisschen frische Luft. Es ist ziemlich voll da drinnen.“

Er nickte. „Dass so viele gekommen sind, ist gut für die Spenden. Aber es ist schwer, sich mit jemandem zu unterhalten.“ Der Mann machte einen Schritt nach vorne. Er stand nun näher bei ihr, als Caitlyn angenehm war. Unwillkürlich wich sie zurück. „Und ich habe es sehr genossen, mich mit Ihnen zu unterhalten.“

Sie nickte knapp, weil sie ihn nicht weiter ermutigen wollte.

„Ich würde Sie gerne zum Essen einladen, damit wir uns besser kennenlernen können.“

In ihrem Hinterkopf begannen Alarmglocken zu schrillen. Trotzdem bewahrte sie eine neutrale Miene. Keine Überreaktion. Im Zweifel für den Angeklagten. Sie machte noch einen Schritt rückwärts. „Ich fürchte, mein Terminkalender ist sehr voll.“

„Wie wäre es mit heute Abend? Ein paar Blocks von hier gibt es ein kleines Bistro …“

Sie schüttelte den Kopf. „Es tut mir leid, ich kann nicht.“

Ihre Ablehnung schien ihn nicht zu stören. Die Alarmglocken schrillten lauter, als er sich vorbeugte. Sein Atem roch nach Alkohol.

„Dann unterhalten wir uns hier.“

„Eigentlich wollte ich gerade wieder hineingehen.“ Sie griff nach ihrer Handtasche und bedeutete ihm, sie zurück in den Saal zu begleiten. „Wollen wir?“

„Miss Reese …“ Er ignorierte ihre Geste, also marschierte sie an ihm vorbei. „Caitlyn warten Sie, verdammt!“

Er packte sie am Arm und hielt sie fest. In diesem Moment hatte er die Grenze überschritten. Ihr antrainiertes Verhalten übernahm die Kontrolle, und eine Sekunde später lag der Kerl wimmernd auf dem Boden, weil sie seinen Arm äußerst schmerzhaft nach hinten gebogen hatte. „Rühren Sie mich nicht an.“

„Ich wollte doch nur mit Ihnen reden.“

Sie verstärkte ihren Griff, damit er verstand, wie ernst es ihr war. „Sie gehen jetzt wieder hinein, sonst lasse ich Sie wegen tätlichen Angriffs verhaften.“

Auf sein Nicken hin ließ sie ihn los. Vorsichtig bewegte er den Arm. „Kein Grund, so zickig zu reagieren.“

„Gehen Sie jetzt. Unser Gespräch ist beendet.“ Sie bedachte ihn mit einem bitterbösen Blick.

„Caitlyn …“

„Ich denke, Caits Anweisungen waren sehr deutlich. Ich schlage vor, Sie verhalten sich entsprechend.“

Der Klang der Stimme traf sie wie ein Faustschlag. Ein flaues Gefühl breitete sich in ihrem Magen aus, gleichzeitig schoss ein elektrisches Kribbeln ihr Rückgrat hinauf. Verdammt, verdammt, verdammt. So hatte sie ihr Wiedersehen nicht geplant.

Vielleicht war er es ja gar nicht. Immerhin war es drei Jahre her. Vielleicht verwechselte sie seine Stimme mit der eines Fremden. Die Aussicht auf ein Wiedersehen hatte sie nervös gemacht, vielleicht spielten ihre Nerven ihr einen Streich. Alles andere wäre zu unfair! Sich an diesen Gedanken klammernd, schaute Caitlyn über die Schulter, als der Besitzer der Stimme sich aus dem Schatten löste.

Finn.

Na toll. Was hatte sie Furchtbares angestellt, um das zu verdienen? Finn schien sich immer in den Momenten in ihr Leben einzumischen, die sie am liebsten vergessen wollte.

Zumindest würde er über den Vorfall nicht mit der Presse plaudern. Das war der kleine Trost, an dem Caitlyn sich inmitten eines Sturms aus Gefühlen und Erinnerungen festhielt, den der Klang seiner Stimme in ihr ausgelöst hatte.

Sie sah, dass der Mann – sein Name wollte ihr immer noch nicht einfallen – Finn erkannte, was nicht weiter überraschend war. Finn bekam ebenso viel Presse wie die Stars in den Filmen, die er produzierte. Und natürlich wusste jeder auf diesem Planeten über ihre Vergangenheit mit Finn Bescheid. Doppeltes Pech für ihren Bewunderer war natürlich der Name Marshall: Kluge Menschen legten sich nicht mit den Marshalls an. Vor allem nicht, wenn sie irgendeine Zukunft in der Politik haben wollten. Sie besaßen einfach zu viel Einfluss, um sie zu verärgern.

Doch dieser Kerl reagierte aggressiv, womit er endgültig bewies, dass er nicht gerade der Hellste war. „Wir führen hier ein Privatgespräch, wenn Sie nichts dagegen haben.“

„Oh, das habe ich.“ Verachtung schwang in Finns Worten mit.

Die beiden Männer musterten einander. Und Caitlyn konnte nicht anders und betrachtete die beiden ebenfalls. Es war nicht so, dass sie Finn vergessen hatte – wie auch? –, aber die Realität traf sie wie ein Schlag ins Gesicht. Was fantastisches Aussehen anging, konnte Finn leicht mit jedem seiner Hauptdarsteller mithalten. Seine ausgeprägten aristokratischen Gesichtszüge wurden durch eine natürliche Bräune abgemildert, die von seiner Liebe zu allen Aktivitäten unter freiem Himmel kündete. Das dunkelblonde Haar, in das die Sonne helle Strähnen gezaubert hatte, sah herrlich windzerzaust aus – ein Look, für den andere Männer ihrem Friseur viel Geld bezahlen mussten. In dem schwachen Nachtlicht konnte sie seine Augen nicht sehen, aber Caitlyn wusste, dass ihr intensives Grün jede Frau den Verstand kosten konnte.

Finn überragte ihren Bewunderer um gute zehn Zentimeter. Beide Männer waren schlank, doch Finn wirkte selbst im Anzug noch stark und athletisch.

„Ich habe genau gehört, wie Cait gesagt hat, sie möchte nicht mehr mit Ihnen reden. Wollen Sie wirklich handgreiflich werden?“

Der Mann ohne Namen nahm eine drohende Haltung ein. Herrje, war er tatsächlich so dumm, die Gefahr nicht zu bemerken, die hinter Finns kontrolliertem Tonfall lauerte? Caitlyn jedoch wusste es besser und trat einen Schritt vor, um Schadensbegrenzung zu betreiben. „Das war nur ein …“

„Ich weiß, was es war, Cait“, fiel Finn ihr ins Wort. Er griff nach ihrem Arm und schob sich wie ein Bodyguard zwischen sie und den anderen Mann. Dann musterte er sie von oben bis unten. „Geht es dir gut?“

„Sie ist okay“, antwortete der Fremde gereizt. „Es war nur ein Missverständnis.“

Finn warf einen knappen Blick in seine Richtung. „Ich habe nicht Sie gefragt.“

Der Unbekannte plusterte sich auf, woraufhin Finn die Schultern straffte. Mit all dem Testosteron, das auf einmal in der Luft lag, drohte die Situation, hässlich zu werden.

Caitlyn räusperte sich. „Alles in Ordnung, Finn, danke. Und jetzt möchte ich, dass wir alle getrennte Wege gehen, sodass diese Angelegenheit unter uns dreien bleibt. Hier laufen jede Menge Reporter herum, die von der Sache nichts mitbekommen müssen.“

Die Augen zu schmalen Schlitzen verengt, musterte Finn sie eingehend. „Bist du dir sicher?“

Sie nickte. Finn ließ die Schultern ein wenig sinken, als er ihren Arm freigab. „Gut. Beenden wir diese Schmierenkomödie.“

Gott sei Dank. „Ich weiß das zu schätzen.“

Er wandte sich zu dem anderen Mann um, der mit jeder verstreichenden Sekunde jünger und schwächer wirkte. „Gehen Sie.“

Der Unbekannte bedachte sie mit einem finsteren Blick, dann stolzierte er davon. Kurz darauf ertönte Partylärm, als er die Tür zum Saal öffnete, dann herrschte wieder wohltuende Stille.

Caitlyn setzte sich auf eine Bank in der Nähe der Balustrade und strich sich seufzend die Haare aus dem Gesicht. Sie brauchte eine Minute, um sich zu sammeln. Erst dieser Kerl, dann Finn … Das war ein bisschen viel in so kurzer Zeit.

„Was, zur Hölle, hast du dir dabei gedacht, Cait?“

Der hitzige Tonfall traf sie völlig unvorbereitet. „Wie bitte?“

Mit vor der Brust verschränkten Armen baute Finn sich vor ihr auf. „Was hattest du hier draußen alleine zu suchen? Wo stecken die verdammten Sicherheitsleute?“

Wie konnte er es wagen, so über sie herzufallen? Sie biss die Zähne zusammen, um ihre Wut zu zügeln. „Wahrscheinlich drinnen, bei all den anderen. Und genau das ist der Punkt, ich wollte einen Augenblick alleine sein.“

„Hast du den Verstand verloren? An einem solchen Ort beschließt man nicht auf einmal, allein sein zu wollen.“

„An einem solchen Ort? Wir befinden uns auf einer Party, Finn, nicht in einer Drogenhöhle. Wo, wenn nicht hier, kann ich einen Moment alleine sein, ohne mir Sorgen um meine Sicherheit machen zu müssen?“

Finn schien ihr gar nicht zuzuhören. Er starrte sie einfach nur an. „Und wenn dich dann ein Kerl angreift, versuchst du, ihn selbst in den Schwitzkasten zu nehmen, anstatt um Hilfe zu rufen?“

„Als wenn mich da drinnen jemand gehört hätte.“ Finns Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. Das reichte, ihr riss der Geduldsfaden. „Ich war nicht diejenige, die auf eine Szene aus war. Und du nimmst bitte zur Kenntnis, dass ich die Situation unter Kontrolle hatte.“ Trotzig hob sie das Kinn. „Wenn du den Helden spielen willst, solltest du an deinem Timing arbeiten.“

„Ist das dein Ernst?“

„Warum kümmert es dich überhaupt?“

Verwundert zog er die Augenbrauen hoch, doch bevor er antworten konnte, öffneten sich die Türen zum Saal und drei Leute traten auf die Terrasse hinaus. Wortlos gingen sie vorbei, aber Caitlyn errötete trotzdem. Sie konnte gut darauf verzichten, bei einer lautstarken Auseinandersetzung mit Finn beobachtet zu werden. Die Liste von Dingen, die sie partout nicht gebrauchen konnte, wuchs mit jedem Tag. Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen, bei diesem Film einzusteigen.

Nein, Folly ist perfekt. Es ist ein Geschenk, also vermassle es nicht. Und da Finn den Film produzierte, würde sie ihre Wut und ihren Stolz hinunterschlucken und sich wie eine professionelle Schauspielerin verhalten.

Sie zwang sich zu einem Lächeln. „Ich weiß deine Besorgnis zu schätzen. Und deine Warnung behalte ich im Gedächtnis.“

Na also. Die richtigen Worte im richtigen Tonfall, um ihre zukünftige Zusammenarbeit in die richtigen Bahnen zu lenken. Insgeheim war sie sehr zufrieden mit sich. Und der Ausdruck auf Finns Gesicht bedeutete einen zusätzlichen Bonus.

Fast glaubte sie, er wolle noch etwas sagen, doch dann zuckte er nur die Schultern – die für ihn typische Art mitzuteilen, dass ein Thema erledigt war. „Wer war der Kerl eigentlich?“

Sie schaute sich um. Mittlerweile waren mehr Menschen auf die Terrasse gekommen, aber niemand schenkte ihnen sonderliche Beachtung. Sie musste aufhören, sich Sorgen deswegen zu machen. An einer Unterhaltung mit Finn war absolut nichts Bemerkenswertes. Schließlich arbeiteten sie zusammen. Sich zu unterhalten beschwor noch keinen Skandal herauf.

Natürlich in gebührendem Abstand voneinander.

„Ich kenne seinen Namen nicht. Ich weiß nur, dass er ein Fan des gesamten Reese-Clans ist und für jemanden im Kongress arbeitet.“ Finns hochgezogene Augenbrauen verrieten ihr, dass er den Namen bald herausfinden würde. Beinahe empfand sie Mitleid mit dem jungen Mann. „Wir haben uns kurz im Saal unterhalten. Offensichtlich hat ihm das nicht gereicht.“

„Offensichtlich.“

„Ich glaube, er hat ein bisschen zu viel getrunken. Und nach ein paar Drinks tun wir alle manchmal dumme Dinge, weißt du.“ Finn deutete ein Nicken an, und Caitlyn seufzte erleichtert.

„Bist du sicher, dass es dir gut geht?“

„Alles in Ordnung, Finn, wirklich. Wahrscheinlich habe ich nur überreagiert. Auf jeden Fall habe ich ihn bestimmt überzeugt, es nicht wieder zu versuchen.“

Finns Kichern weckte zärtliche Erinnerungen in ihr. „Wenn nicht, wäre er erstaunlich schwer von Begriff. Cooler Trick, übrigens.“

„Danke. Nach der Sache mit Moms Stalker vor zwei Jahren haben Dad und sie mich überredet, einen Kurs in Selbstverteidigung zu besuchen. Es war allerdings das erste Mal, dass ich mein Training anwenden musste. In London war vieles anders, dort kannten mich nur wenige. Vielleicht war der Zwischenfall der Weckruf, den ich brauchte.“

„Nicht gerade die feine Art zu sagen: Willkommen zu Hause.“

Caitlyn schluckte, als Finn sich neben sie setzte. Zwischen ihnen lag immer noch genügend Abstand, trotzdem vollführte ihr Herz einen kleinen Sprung. Willkommen zu Hause … Millionen Mal hatte sie über diesen Moment nachgedacht, sich tausend schlagfertige Bemerkungen einfallen lassen, um ihre gemeinsame Vergangenheit hinter sich zu lassen und ihm zu zeigen, dass sie sich weiterentwickelt und ihre Karriere fest im Griff hatte. Von all den smarten Antworten fiel ihr jetzt keine einzige mehr ein.

Sie schaute sich um. Wie die Flamme einer Kerze stand der Vollmond genau über der Spitze des Washington Monuments. „Herrliche Aussicht.“ Na, das war ja eine tolle Aussage.

Ein winziges Lächeln umspielte Finns Mundwinkel, als er ihr zustimmte. „In der Tat.“

„Ob du es glaubst oder nicht, ich bin zum ersten Mal in D. C. – ich hoffe, mir bleibt ein bisschen Zeit zum Sightseeing.“

„Wenn du das Kapitol oder das Weiße Haus besichtigen willst, gib Liz Bescheid. Sie kann im Büro meines Vaters anrufen und eine Tour arrangieren.“

Verwundert schaute Caitlyn auf. Finn sprach nur sehr selten von seinem Vater. Dass er Senator Marshall so beiläufig erwähnte, kam für sie völlig unerwartet. „Danke.“

Alles schien so normal zu sein. Zwei Menschen saßen auf einer Terrasse und plauderten. Aber es war nicht normal. Dies hier war Finn, und zwischen ihnen saß noch die sprichwörtliche Katze im Sack, was Caitlyn extrem nervös machte. Finn jedoch schien bereit, die Vergangenheit auf sich beruhen zu lassen. Und Caitlyn war erwachsen genug, dasselbe zu tun.

„Ich habe nicht damit gerechnet, dich heute Abend hier zu treffen.“ Das entsprach nur zur Hälfte der Wahrheit. Natürlich hatte sie von der Möglichkeit gewusst, dass er heute hier sein würde. Schließlich unterstützte Dolfinn Pictures die Veranstaltung, deshalb waren alle Schauspieler von Folly anwesend. Finn hingegen mied D. C. normalerweise wie der Teufel das Weihwasser und hatte außerdem die letzten drei Wochen in Monaco verbracht.

„Nun, manchmal muss ich mich bei diesen Veranstaltungen blicken lassen, um die Großeltern bei Laune zu halten.“

Sowohl Finns Großmutter als auch ihr Ehemann, der legendäre Senator Marshall, waren selbstverständlich anwesend. Porter Marshall hatte sein Amt jahrzehntelang inne, bevor er es an seinen Sohn, Finns Vater, weitergegeben hatte.

Der frühere Senator erwies sich als viel freundlicher und zugänglicher als Caitlyn erwartet hatte. Und als sie früher am Abend erfahren hatte, dass The Folly of the Fury sein Lieblingsbuch war, entspann sich ein angeregtes Gespräch über die Wichtigkeit des Buches und der Protagonistin Rebecca. Mrs Marshall hingegen … Die Begegnung verlief weniger angenehm. Obwohl sie sich in der Vergangenheit nie kennengelernt hatten, erinnerte Regina Marshall sich offensichtlich an Caitlyns Namen. Obgleich sie sich ausgesprochen höflich verhielt, wurde Caitlyn das Gefühl nicht los, von der Matriarchin der Familie auf die Probe gestellt zu werden.

Was in Ordnung ging, da Caitlyn absolut nicht vorhatte, die Sache in den Sand zu setzen.

Dafür stand zu viel auf dem Spiel.

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