Logo weiterlesen.de
Fieses Karma

JESSICA BRODY

Fieses Karma

Titel

Übersetzung
aus dem amerikanischen
Englisch von
Johanna Ellsworth

BASTEI ENTERTAINMENT

Für Elizabeth Fisher,
Namaste

Vorwort

Vorwort

Also, wenn ihr mich fragt, dann ist das Karma an allem schuld.

Na, Karma. Ihr wisst schon, diese seltsame Kraft, die dafür sorgt, dass gute Taten belohnt und schlechte Taten bestraft werden.

Ein Beispiel gefällig? Gerne: Als ich in der siebten Klasse war, habe ich meiner kleinen Schwester das Pausenbrot geklaut. Ich hatte verschlafen und deshalb keine Zeit, mir ein eigenes Pausenbrot zu schmieren. Und was war? In der Schule musste ich feststellen, dass der Aufschnitt auf ihrem Sandwich schon vergammelt war. Also war ich gezwungen, mein letztes Taschengeld für das grauenhafte, nicht identifizierbare Essen in der Cafeteria auszugeben.

Das meine ich – Karma eben.

Oder letzten Sommer: Meine beste Freundin Angie und ich beschlossen, lieber ein wenig im Einkaufszentrum zu shoppen, statt unser Versprechen zu halten und ihrer Mutter beim Ausräumen der Garage zu helfen. Natürlich ging Angie schon auf der Hinfahrt das Benzin aus, und so verbrachten wir den halben Vormittag damit, in glühender Hitze bei über 30 Grad zur nächsten Tankstelle zu laufen. Und die war fast sechs Kilometer entfernt. Anschließend konnten wir mit einem Benzinkanister, der mindestens zehn Kilo schwer war, zurück zum Auto laufen. Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass die Energie, die wir für diese geniale kleine Eskapade aufwendeten, ungefähr zehn Mal so groß war wie die, die wir gebraucht hätten, um Mrs Harper dabei zu helfen, ein paar verstaubte Kartons auszumisten.

Wem hatten wir das zu verdanken? Genau, dem Karma.

Und als ich neun war, bettelte ich meine Eltern wie verrückt um einen Hund an. Natürlich waren sie dagegen. Also beschloss ich, die Hunde aus unserem Tierheim auszuführen. Denn mehr Hund würde ich eindeutig nicht kriegen. Aber mein Engagement beeindruckte meine Eltern schließlich so sehr, dass ich mir eines Tages einen Hund aus dem Tierheim aussuchen und ihn behalten durfte.

Wie ihr seht, funktioniert Karma in beide Richtungen. Gute Taten werden belohnt, während schlechte Taten bestraft werden. Gutes passiert guten Leuten, und Schlechtes passiert schlechten Leuten. So funktioniert Karma.

Na ja, wenigstens dachte ich, dass es so läuft.

Aber das war, bevor das zweite Halbjahr meiner Abschlussklasse an der Highschool begann. Da änderte sich alles. Alles, was ich zu wissen geglaubt hatte, und alles, worauf ich mich meiner Meinung nach verlassen konnte, existierte plötzlich nicht mehr.

Ich glaube, ich kann es bis zu einem bestimmten Tag zurückverfolgen.

Es war jener Schicksalstag, an dem Angie mich wegen einer wichtigen Neuigkeit anrief.

Ja, genau an dem Tag fing alles an. Bis dahin war oben noch oben gewesen und unten noch unten, und richtig und falsch waren so unterschiedlich wie Tag und Nacht. Dann wurde meine einfache kleine Welt auf den Kopf gestellt. Und von da an gab es in meinem Leben absolut nichts mehr, was »einfach« gewesen wäre.

Der Traumtyp

Traumtyp

Mein Telefon klingelt heute irgendwie lauter als sonst. Und in seinem Klingelton schwingt diese gewisse Dringlichkeit mit, die den Anruf besonders wichtig scheinen lässt.

Einen Augenblick lang starre ich das Telefon an. Dann beschließe ich, nicht abzunehmen. Ich lerne gerade für einen wichtigen Test in französischer Geschichte und möchte nicht gestört werden.

Wieder klingelt das Telefon.

Ich brauche nicht auf das Display zu sehen, um zu wissen, dass Angie die nervige Anruferin ist. Jeder meiner Freunde hat seinen eigenen Klingelton. Angies ist ein total bekannter Hip-Hop-Song, von dem sie behauptet, er hätte ihr schon gefallen, als er noch völlig unbekannt war. Ich persönlich glaube, sie will nur einfach nicht zugeben, dass sie wie alle anderen ist. Einen so bekannten Song zu mögen, würde ihrem sorgsam gepflegten Image, der Gegenkultur anzugehören, zu sehr schaden.

Auf alle Fälle verlor ihr Klingelton nach ungefähr zwölf Mal seinen Reiz. Und wenn man bedenkt, dass Angie mich mindestens sechzehn Mal am Tag anruft, ist das auch kein Wunder.

Ich ignoriere also Angies Anruf weiterhin und vertiefe mich in den Sturm auf die Bastille. Was immer es auch sein mag, das so wichtig ist. Es muss zumindest warten, bis König Louis XVI seinen Kopf verloren hat.

Als Angie es zum dritten Mal versucht, nehme ich stöhnend ab. »Was ist denn?«

Normalerweise würde Angie sich über meine unfreundliche Begrüßung beschweren, aber heute Nachmittag hat sie offensichtlich größere Sorgen als meine Laune. »Maddy, komm sofort zu Miller’s.«

»Ich kann nicht. Ich muss Geschichte lernen«, sage ich leicht verärgert.

»Lass sofort alles stehen und liegen und komm auf der Stelle her.« Sie knurrt regelrecht in den Hörer. »Ich versprech dir, es ist spannender als die Französische Revolution.«

»Na, das ist auch nicht sonderlich schwer. So ziemlich alles ist spannender«, gebe ich ironisch zurück.

»Komm einfach her.« Mit diesen Worten legt sie auf.

Angie ist seit der sechsten Klasse meine beste Freundin. Sie kennt mich wahrscheinlich besser als alle anderen. Sie weiß zum Beispiel genau, dass ich jetzt in meinem Zimmer hocke und die nächsten Minuten mit mir kämpfe, ob ich nachgeben soll oder nicht. Sie weiß genau, dass ich schließlich aufgebe, das Schulbuch zuklappe, mir die Schuhe anziehe und die zwölf Häuserblocks zu Miller’s fahre, einem Drugstore, in dem sie als Teilzeitkraft an der Kasse arbeitet. Ich nenne es immer ihren Halbteilzeitjob, auch wenn es eigentlich ein Teilzeitjob ist. Denn sie verbringt nur die Hälfte ihrer Arbeitszeit mit Arbeit und den Rest damit, die Zeitschriften auf dem Ständer neben der Kasse zu lesen.

Genau neun Minuten später stelle ich das Auto auf dem Parkplatz ab. Mir ist klar, dass sie sich auf die Schulter klopfen wird, wenn ich durch die Tür komme – unheimlich stolz auf ihre Fähigkeit, mein Erscheinen auf die Minute vorhersagen zu können.

Ich gehe durch das leere Geschäft an die Kasse, wo sie in der neuen Ausgabe von Trend Girl blättert. Trend Girl ist unsere Lieblingszeitschrift – wenn auch aus ganz unterschiedlichen Gründen. Ich lese gern die Seiten über die neuesten Modetrends, den heißesten Promi-Klatsch und Beziehungstipps, während Angie – soweit ich es beurteilen kann – die Zeitschrift nur liest, um ihren Vorrat an Leuten und Produkten aufzufrischen, über die sie lästern kann.

»Was ist denn so wichtig, dass du es mir nicht am Telefon sagen kannst?«

Angie blickt hoch und drückt mir wortlos die Zeitschrift in die Hand. Ich kann sie gerade noch festhalten, bevor sie zu Boden fällt. »Sieh mal auf Seite fünfunddreißig nach.«

Ich verlagere das Gewicht auf den rechten Fuß und öffne die zerknitterte Zeitschrift mit einem ergebenen Seufzen. Während ich umständlich nach der Seite suche, sage ich: »Weißt du, der Geschichtstest morgen ist meine letzte Chance, statt einer Zwei eine Eins zu kriegen, und ich finde es kein bisschen witzig, dass du mich hierherbestellst, bloß damit du dich wieder mal über irgendwas aufregen kannst.« Doch dann schlage ich die Seite auf – und halte die Luft an.

Angie beobachtet mich mit einem zufriedenen Hab-ich’s-nicht-gesagt-Grinsen.

»Oh wow!«, stoße ich verblüfft aus, während ich ungläubig auf die Seite starre. »Sie haben es echt veröffentlicht?«

Sie nickt aufgeregt. »Ja!«

»Sie haben es wirklich veröffentlicht?« Ich kann immer noch nicht fassen, was ich sehe.

»Ich hab dir doch gesagt, dass es spannender ist als die Französische Revolution.«

Ich klappe die erste Hälfte der Zeitschrift nach hinten und halte mir die Seite dicht genug vor die Augen, um den Textabschnitt lesen zu können, der ungefähr ein Fünftel der Seite ausmacht. Die Überschrift lautet MASON BROOKS in dicken großen Buchstaben, und daneben ist ein Foto meines Freunds abgebildet. Ja, mein Freund ist für alle Welt in Trend Girl zu sehen!

Ich habe sein Foto an den Leserwettbewerb »Das ist mein Freund« geschickt, den die Zeitschrift jeden Monat veranstaltet. Aber das war vor einem halben Jahr. Die ersten drei Monate bin ich jedes Mal, wenn die neueste Ausgabe erschien, in den Laden gerannt, um zu sehen, ob sie meinen Beitrag genommen hatten. Danach habe ich die Sache so gut wie vergessen.

Ihr müsst wissen, dass sie für jede Monatsausgabe nur fünf Jungs auswählen, die sie vorstellen. Mason ist unser Schulsprecher. Erst vor Kurzem hat er seinen Einstufungstest für die Uni mit 2350 Punkten gemacht, er gehört zu den besten Spielern unserer Fußballmannschaft und er hat jetzt schon eine Zusage fürs nächste Jahr von Amherst College bekommen. Außerdem finde ich ihn total süß. Ich meine echt süß. Ich weiß ja, dass ich nicht unparteiisch bin und so, aber seine grünen Augen und langen dunklen Wimpern sind einfach umwerfend. Er ist der dunkle Typ mit samtweicher olivfarbener Haut und dichtem schwarzem Haar, das sich herrlich mit den Fingern durchkämmen lässt.

Ich weiß schon, wie umwerfend er ist – sexy und so –, schließlich haut er mich jeden Tag schier um. Aber nicht in einer Million Jahre hätte ich wirklich damit gerechnet, dass Trend Girl ihn tatsächlich vorstellen würde. Na ja, zugegeben: Ein paarmal habe ich mir schon vorgestellt, wie es wäre, wenn sie es tun würden. So was in der Art, wie es sonst nur in billigen Teeniefilmen vorkommt. Dass Masons Foto angenommen wird, alle in der Schule es sehen und ich über Nacht berühmt werde, und dass ich vielleicht sogar zur Ballkönigin gewählt werde. Dass meine Klamotten auf wundersame Weise modischer sind (entweder weil ich über Nacht weiß, wie man hippe Klamotten aussucht, oder weil alle plötzlich alles, was ich trage, toll finden und es deswegen egal ist, was ich anziehe) und dass Mason und ich über Nacht das beliebteste Pärchen der Colonial Highschool werden.

Trotzdem ist das hier noch viel aufregender als alles, was ich mir je vorgestellt habe. Und es kommt mir total unwirklich vor.

»Komm, lies vor«, holt mich Angie wieder in die Wirklichkeit zurück. »Der Artikel ist echt gut.«

Ich nehme die Zeitschrift fest in die Hände und fange an laut zu lesen. »Mason Brooks, ein Oberschüler der Colonial Highschool in Pine Valley, Kalifornien, ist seiner Freundin Madison Kasparkova seit dem zweiten Schuljahr hoffnungslos ergeben.« Ich unterbreche mich und lächle Angie wie betäubt an. »Das bin ich!«

»Ich weiß.« Sie verdreht die Augen. »Lies weiter.«

Ich vertiefe mich in die Seite und lese weiter. »In ihrem Jahrgang sind mehr als vierhundert Schüler. Und so lernten sie sich erst kennen, als beide in einem örtlichen Ferienlager einen Job als Betreuer annahmen. Seitdem sind sie unzertrennlich. ›Er ist so lieb zu mir‹, sagt die siebzehnjährige Madison. ›Er spürt immer, wenn ich nicht gut drauf bin. Dann steht er mit meinen Lieblingsbonbons vor der Tür. Ich liebe Fruchtkaubonbons. Die gibt es nicht so oft. Sie werden nicht überall verkauft. Aber irgendwie schafft er es immer, sie zu finden. Als hätte er einen Peilsender für Kaufrüchtchen im Schrank versteckt oder so.‹«

Wieder sehe ich auf. »Das hab wirklich ich geschrieben!«, sage ich strahlend.

»Ich weiß«, wiederholt Angie. »Ich musste die E-Mail ja auch nur ungefähr fünfzig Mal lesen, bevor du sie abgeschickt hast.«

»Es ist witzig geschrieben, oder? Findest du es nicht auch witzig?«, frage ich sie, denn plötzlich werde ich von Panik erfasst. Die ganze Welt wird das hier lesen und mich für total bekloppt halten, weil ich »Peilsender für Kaufrüchtchen« geschrieben habe.

»Ja, doch«, versichert Angie ungeduldig. »Es ist witzig. Es war schon witzig, als du es geschrieben hast. Und es ist immer noch witzig.«

Ein wenig beruhigt wende ich mich wieder der Zeitschrift zu. »Wenn Mason Brooks nicht gerade Zeit mit seiner auf Kaubonbons und auf ihn versessenen Freundin verbringt, kümmert er sich um seine Aufgaben als Schulsprecher und um seinen Nebenjob als Pizzabäcker. Aber lasst euch von diesem Traummann kein Mehl in die Augen streuen, Girls – Mason und Madison schmieden schon gemeinsame Pläne. Nach dem Schulabschluss wollen sie auf dasselbe College gehen. Klingt fast so, als wäre diese vollkommene Verbindung von Dauer.«

Ich bin vor Staunen wie erstarrt, während ich gleichzeitig versuche zu begreifen, was in den letzten fünf Minuten alles passiert ist. Mein Freund Mason Brooks wird in Trend Girl präsentiert! Sie nennen ihn sogar einen »Traumtyp«. Ja, okay, das klingt zwar ein bisschen schmalzig, aber was soll’s? Das hier ist was ganz Großes! Jedes Mädchen im ganzen Land wird das lesen. Jedes Mädchen im ganzen Land wird meinen Freund anhimmeln.

Plötzlich höre ich ein schrilles, aufgeregtes Kreischen am Vordereingang des Drugstores, und mir wird schlagartig klar, dass ich nicht die Einzige bin, der Angie die Neuigkeit brühwarm erzählt hat.

»Wo ist die Zeitschrift denn? Lasst mich mal sehen! Wie sieht er denn aus? Gott, das ist der Hammer!«

Angie und ich drehen uns um und sehen, wie unsere andere beste Freundin Jade in den Laden gerannt kommt. Ihr Gesicht ist gerötet und ihr schulterlanges blondes Haar weht wild hinter ihr her. Sie eilt zur Kasse und versucht, mir die Zeitschrift aus den Händen zu reißen. »Lass mich auch mal sehen!«, quietscht sie.

Ich reiche ihr die Zeitschrift und beobachte sie aufmerksam. Ihr Gesicht leuchtet auf wie ein Weihnachtsbaum, während ihr Blick über den Artikel fliegt.

Dann hebt sie den Kopf. »Sie haben dich sogar zitiert!«

Ich kann gar nicht mehr aufhören zu strahlen. »Ich weiß.«

»Mann, ist das cool«, sagt sie begeistert, während sie weiterliest. Ich beobachte ihr Gesicht, um weitere Regungen zu erkennen. Endlich fängt sie an zu lachen. »›Peilsender für Kaufrüchtchen‹. Das ist echt gut.«

»Wirklich, findest du?«, will ich wissen.

Jade nickt heftig. »Es ist definitiv witzig.«

Angie schüttelt den Kopf über uns und wendet sich einer Kundin zu, die an der Kasse steht. Instinktiv weichen Jade und ich ein paar Schritte zurück, um die alte Dame mit unserem lauten, nervigen Teenie-Gekreische zu verschonen.

»Aber Mason arbeitet doch gar nicht mehr in der Pizzeria«, wirft Jade ein.

Ich zucke gelassen mit den Schultern. »Als ich sein Foto eingeschickt habe, hat er noch da gearbeitet. Aber ich finde es nicht wichtig.«

Tatsache ist, dass Mason seinen Job bei Brooklyn Pizza schon nach sechs Monaten geschmissen hat. Und ehrlich gesagt, bin ich nicht sicher, wozu er überhaupt das Extraeinkommen gebraucht hat – seine Eltern bezahlen so ziemlich alles, was er will.

Jade liest den Artikel zu Ende. Dann sieht sie mich voller Bewunderung an. »Wow.«

Ich nehme ihr die Zeitschrift aus der Hand und halte sie so fest, als würde die ganze Welt in Tausend Scherben zerspringen und als würde ich aus diesem verrückten Wunschtraum aufwachen, wenn sie mir aus der Hand fiele.

Angie hilft der alten Dame, die ein Shampoo-mit-Spülung und Wattebällchen gekauft hat, ihre Einkäufe in einer Tasche zu verstauen. Dann kommt sie zu uns herüber.

Jade legt liebevoll den Arm um meine Schulter. »Das ist echt der Hit.« Mit diesen kurzen Worten drückt sie meine ganzen Gefühle aus.

Ich starre derweil ins Leere. »Ich hab selbst keine Ahnung, was jetzt werden soll.«

Angie lacht und schüttelt den Kopf. »Also, Maddy«, sagt sie in ernstem Ton. »Als Erstes bezahlst du die Zeitschrift, weil du sie schon total verkrumpelt hast. So kauft sie keiner mehr. Dann gehst du schön nach Hause und lernst alles über die Französische Revolution. Denn ob du es glaubst oder nicht: Mrs Spitz wird das hier …«, sie tippt mit dem Finger auf die Zeitschrift, »nicht als akzeptable Ausrede gelten lassen, wenn du nichts über Marie Antoinette und Louis den Zweiunddreißigsten weißt.«

»Den Sechzehnten«, verbessere ich sie.

»Wie auch immer. Die sehen doch alle gleich hässlich aus mit ihren großen Nasen. Louis le Grande Rüssel passt schon eher.«

Ich muss kichern. Angie gehört zu den Menschen, die in jeder Krise und in jeder aufregenden Situation gelassen bleiben und einen kühlen Kopf bewahren. Wäre sie auf der Titanic gewesen, als das Schiff sank, dann wäre sie mit Sicherheit nicht wie ein aufgeregtes Huhn kreischend hin und her gerannt. Sie hätte für Ordnung gesorgt und den Leuten gesagt, sie sollten ruhig bleiben und in die verdammten Rettungsboote steigen, weil man durch Kreischen und Schreien nirgends hinkommt … außer auf den Meeresboden.

Ich stecke die Hand in meine Jeanstasche und grabe ein paar Dollarscheine aus, die ich Angie gebe. Sie geht zurück zur Kasse, tippt den Preis für die Zeitschrift ein, die tatsächlich schon etwas mitgenommen aussieht, und reicht mir mein Wechselgeld. »Danke für Ihren Einkauf bei Miller’s«, sagt sie strahlend und nur mit einem Hauch von Ironie.

Ich verabschiede mich von meinen beiden Freundinnen, murmle etwas von meinem Test und fahre ein bisschen benommen nach Hause zurück. Erst als ich dort angekommen bin, fällt mir ein, was ich vergessen habe: Ich muss sofort morgen früh zum Drugstore fahren und mindestens zwanzig Ausgaben der Zeitschrift kaufen. Oder wenigstens so viele, wie mein mickriger Kontostand zulässt. Denn das hier ist eindeutig etwas, das man seinen Enkelkindern zeigen möchte, wenn – und Mist – noch etwas habe ich vergessen! Ich muss Mason anrufen. Er weiß ja noch gar nicht, dass sein Foto in einer der meistgelesenen Jugendzeitschriften abgebildet ist! Mason in seiner mit Tomatensauce besprenkelten Brooklyn-Pizza-Schürze und mit einem Mehlfleck auf der linken Wange. Statt des Durchschnittsfotos mit nacktem Oberkörper, das alle anderen einschicken, habe ich extra dieses Bild ausgesucht, weil ich fand, dass er darauf bescheiden und bodenständig wirkt, und weil es Mason ist, wie er leibt und lebt.

Jetzt werde ich echt nervös. Ich will nach Hause und telefonieren. Hier im Wagen geht es nicht, weil mein Vater ständig das kalifornische Handy-Gesetz herunterbetet, das verbietet, beim Fahren das Handy zu benutzen. Und da ich weder mein Handy noch meinen Führerschein verlieren möchte, warte ich jetzt wieder einmal – ziemlich ungeduldig –, bis ich an meinem Ziel angelangt bin, um zu telefonieren. Bei Angies Angewohnheit, das Handy so lange klingeln zu lassen, bis ich abhebe, kann das ganz schön nervig sein.

Endlich bin ich da! Ich drücke die erste Kurzwahltaste und warte darauf, dass Mason abhebt. Seine Mailbox antwortet. Ach, stimmt ja. Ich hatte vergessen, dass er noch beim Fußballtraining ist.

Die Vorstellung, zum Fußballplatz zu fahren und dort auf ihn zu warten, um ihm den Artikel zu zeigen, ist zwar verlockend, aber mir ist klar, dass oben mein Geschichtsbuch auf mich wartet. Ich darf den Test morgen auf keinen Fall verpatzen. Wenn ich zusammen mit Mason nach Amherst gehen will, muss ich meinen Notendurchschnitt unbedingt halten.

Also zwinge ich mich, ins Haus und die Treppe hinauf in mein Zimmer zu gehen. Während ich mich hinsetze, um mehr über die Vorliebe der Franzosen für die Guillotine und die Zusammensetzung der Nationalversammlung zu erfahren, klingelt wieder mein Telefon. Diesmal ist es Jade, und meine Ausrede dafür, dass ich rangehe, ist, dass die Französische Revolution vor mehreren Hundert Jahren passiert ist und all die aufregenden Dinge gerade jetzt passieren. Heißt es nicht immer, man soll im Hier und Jetzt leben?

»Wahnsinn«, sprudelt sie atemlos hervor, sobald ich abgenommen habe. »Mir ist gerade klar geworden, was der Artikel in der Zeitschrift bedeutet.«

»Was denn?«

»Er bedeutet, dass wir endlich ins Apartment reinkommen.« Sie flüstert das Wort »Apartment«, als wäre es ein streng geheimer CIA-Treffpunkt, an dem morgens um neun Uhr vertrauliche Informationen weitergegeben werden.

»Glaubst du wirklich? Nur wegen des Artikels?«, frage ich zweifelnd.

»Klar doch!«, kreischt Jade mir ins Ohr. »Hallo? Mason wird von jetzt an der beliebteste Typ der Schule sein. Und da du seine Freundin bist und wir deine Freundinnen, kommen wir mit Sicherheit rein.«

Das berühmt-berüchtigte Apartment, von dem Jade spricht, ist eigentlich nur eine schicke Eigentumswohnung im Zentrum von San Francisco, die den Eltern von Spencer Cooper gehört. Sie wird jedoch nur ganz selten genutzt, weil Spencers Eltern sich ständig an irgendwelchen mondänen Orten aufhalten. Anscheinend ist unsere Kleinstadt nordöstlich von San Francisco ihnen nicht aufregend genug, um hier länger als zwei Wochen am Stück zu leben. Das bedeutet, dass Spencer meistens mit seinem brandneuen BMW, einer Kreditkarte ohne Limit und – was noch wichtiger ist – dem Schlüssel zum Apartment allein gelassen wird. Spencer Cooper ist der reichste Schüler bei uns und der versnobteste. Ich habe mich zwar noch nie richtig mit ihm unterhalten (und ehrlich gesagt bin ich auch nicht sicher, ob ich es will), aber ich habe gehört, dass er einer von den Typen ist, die sich für was Besseres halten, weil seine Eltern Geld haben. In der siebten Klasse ging das Gerücht um, dass er seinen Englischlehrer mit fünfzehntausend Dollar geschmiert hat, um seine Note von einer Drei auf eine Zwei zu bringen. Ehrlich gesagt halte ich das für ein schlechtes Geschäft. Wenn man schon jemandem so viel Geld zahlt, um die Note zu verbessern, dann sollte wenigstens eine Eins drin sein.

Auf alle Fälle fing Spencer am Anfang des letzten Jahres damit an, Partys im Apartment zu schmeißen, und es wurde an der Colonial Highschool bald zu dem heißesten Spot, um zu sehen und gesehen zu werden. Alle, die dazugehören, gehen auf diese Partys im Apartment. Leute wie Heather Campbell, das beliebteste Mädchen an unserer Schule, ihre beste Freundin Jenna LeRoux, die zufällig auch Spencers derzeitige Freundin ist, und natürlich alle, die Heather und Jenna ihrer Gesellschaft für würdig erachten.

Bisher sind meine Freundinnen und ich nie dabei gewesen. Wir haben immer nur gehört, wie toll die Partys sind. Denn es ist nicht die Sorte von Party, bei der man einfach auftauchen kann. Irgendwo existiert eine Liste, auf der steht, wer reingelassen wird. Alle anderen werden an der Tür weggeschickt. Ich bin zwar nicht ganz sicher, wer diese Liste führt, aber es gibt sie ohne jeden Zweifel. Das weiß ich, weil wir Ende des letzten Jahres mal versucht haben, auf eine dieser Partys zu gehen. Mason war gerade zum Schulsprecher gewählt worden, und trotzdem wurden wir hart abgewiesen. Es war ein so herber Schlag für unser Selbstbewusstsein, dass ich gar nicht mehr daran denken will. Jade war ganz sicher gewesen, dass Masons Wahl und die Tatsache, dass ich nicht nur seine Freundin bin, sondern auch seine Kampagne gemanagt hatte, uns Zugang zur Apartment-Party verschaffen würde. Doch offensichtlich spielt schulisches Engagement in dem Spiel, wer an unserer Schule beliebt ist, keine große Rolle. Vermutlich hätte man selbst John F. Kennedy den Zutritt zum Apartment verweigert.

»Ich weiß nicht«, sage ich zögernd zu Jade. »Ich will nicht noch mal so eine Demütigung erleben, falls sie uns wieder nicht reinlassen.«

»Das wird nicht passieren«, beharrt sie. »Wenn Mason eingeladen wird – was er mit Sicherheit wird, sobald der Artikel die Runde macht –, können wir uns in seinem Glanz sonnen.«

Ich lege auf und versuche, mich wieder auf mein Geschichtsbuch zu konzentrieren, aber meine Gedanken schweifen immer wieder zu Jades Worten zurück. Kann es wirklich sein, dass wir nur wegen eines kleinen Artikels in einer Zeitschrift Zugang zur Apartment-Party bekommen?

Vielleicht waren meine Fantasien ja doch nicht so verkehrt. Vielleicht wird dieser kleine Artikel uns zum beliebtesten Pärchen der Schule machen. Vielleicht wird sogar Heather Campbell mich irgendwann anrufen, um sich von mir in Sachen neuester Frühlingsmode beraten zu lassen, und mich fragen, wo sie sich ihre Fingernägel machen lassen soll und wie man einen so tollen Freund wie Mason findet. Ich würde es sogar verstehen. Schließlich bin ich jetzt so was wie eine Journalistin. Wer würde keine Ratschläge von jemandem haben wollen, dessen Gedanken in Trend Girl veröffentlicht wurden?

Plötzlich kommt mir die Französische Revolution unwichtig vor im Vergleich zu meiner eigenen Thronbesteigung. Ich lege das Geschichtsbuch beiseite und öffne meinen begehbaren Kleiderschrank, um für morgen das schickste Outfit rauszusuchen, das ich besitze.

Ihre Majestät -
Heather Campbell
Königin der Colonial Highschool

Mein ganzes Leben lang wollte ich beliebt sein.

Keine Ahnung, woher dieses drängende Verlangen kommt, aber schon als kleines Mädchen fand ich das Leben, das die »In«-Clique an unserer Highschool führt, glamouröser als alles andere, was ich mir vorstellen kann.

Dann traf ich in der sechsten Klasse Heather Campbell, und als ich sie sah, wusste ich, dass ich genauso sein wollte wie sie. Ihre Haare waren vollkommen glatt, ihre Zähne vollkommen ebenmäßig, ihr Make-up sah aus, als würde sie geradewegs aus dem Kosmetikstudio kommen, und sie war angezogen wie in einem Fashionmagazin. Sie war einfach wunderschön.

Über die Jahre wurde mir dann klar, dass es an jeder Highschool in jedem einzelnen Bundesstaat eine Heather Campbell gibt. Ein Mädchen, das ganz einfach mit dem Beliebtheitsgen geboren wird … und das in perfekt sitzenden knallengen Jeans zur Welt kommt.

Meine Mutter versucht mich immer wieder zu trösten. Sie sagt, dass Mädchen wie Heather Campbell den Höhepunkt ihres Lebens oft früh erreichen und dann schnell verblühen. Das ist der Grund, warum sie jetzt so viel besser aussieht als alle anderen. Bei unserem ersten Klassentreffen in zehn Jahren werde ich viel hübscher sein als sie. Worauf ich immer dasselbe antworte: »Ich will aber nicht in zehn Jahren hübsch sein. Ich will jetzt gut aussehen.«

Denn was nützt es mir zu wissen, dass ich mit siebenundzwanzig vielleicht – oder auch nicht – umwerfend aussehe? Schließlich kann ich mir doch nicht jeden Tag in der Schule ein großes Pappschild um den Hals hängen, auf dem steht: »Glaubt mir, in zehn Jahren sehe ich so aus.« Und dazu das Foto eines Supermodels.

Heather Campbell ist ganz einfach schön wie eine junge Göttin, und ich glaube einfach nicht, dass das je anders sein wird … egal wie alt sie wird. Sie hat langes, seidiges rotbraunes Haar und eine perfekte Sonnenbräune, die aussieht, als hätte ihre Mutter sie im Solarium zur Welt gebracht.

Und außerdem bin ich auch ziemlich sicher, dass sie keine Jungfrau mehr ist. Ein paar Mal hat sie garantiert schon hinter sich.

Im Gegensatz dazu bin ich noch Jungfrau. Okay, ich bin jetzt schon seit zwei Jahren mit Mason zusammen, also worauf zum Teufel warte ich noch, stimmt’s? Na ja, eigentlich bin ich mir selbst nicht ganz sicher, worauf ich warte. Wahrscheinlich darauf, dass es sich »richtig« anfühlt. Bisher fehlt das nämlich. Vielleicht wird es anders, wenn wir nächstes Jahr nach Amherst gehen und ich ganz sicher sein kann, dass nicht ständig ein Elternteil im Nebenzimmer sitzt.

Tatsache ist, dass Angie die Einzige in unserer Clique ist, die nicht mehr Jungfrau ist. Jade hätte es letztes Jahr mit ihrem damaligen Freund Seth fast getan, aber nach dem miesen Ding, das er ihr dann angetan hat, versuchen wir, das Thema möglichst zu vermeiden.

Meine Freundinnen können die Faszination, die Heather auf mich ausübt, nicht verstehen. Sie halten meine Besessenheit für unreif und kindisch. Angie sagt immer, Heather sei eine dumme Nuss und eine Verschwendung guter Hautzellen. Jade sagt, ich sollte einfach ich selbst sein, mein eigenes schönes Ich, und mir keine Gedanken darüber machen, was andere anziehen oder tun oder mit wem sie schlafen. Und Mason sagt, ich sollte meine Energie lieber auf andere Dinge konzentrieren. Er glaubt nicht, dass Heather schon jemals etwas Intelligentes gesagt hat. Was absolut nicht stimmt. Gut, vielleicht ist sie nicht gerade eine Topschülerin, aber ich bin sicher, dass sie eine Menge interessanter Dinge zu sagen hat.

Zum Beispiel standen Heather und Jenna in der neunten Klasse einmal vor mir in der Schlange der Cafeteria, und ich hörte, wie Heather zu Jenna sagte, dass ihrer Meinung nach unser Biolehrer Mr Langley einen Kopf wie eine Kartoffel hätte, bei der alle Teile an der falschen Stelle sitzen. Ich fand das zum Brüllen komisch. Und unglaublich intelligent. Denn er sieht wirklich so aus.

Als ich meinen Freunden die Geschichte erzählte, fand keiner sie witzig. Aber das war wohl nur deshalb, weil ich sie nicht mit Heathers unvergleichlichem Charme rüberbringen konnte.

Am nächsten Morgen summt die Colonial Highschool regelrecht vor Aufregung. Ich spüre es von dem Augenblick an, in dem ich mit Mason das Gebäude betrete. Hunderte Augenpaare sind auf uns gerichtet, während wir den Flur entlanggehen. Alle schauen auf uns! Auf uns! Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals beim Betreten der Schule von irgendjemandem wahrgenommen worden zu sein, seit … na ja, seit ich zur Schule gehe. Es muss am Zeitungsartikel liegen. Was könnte es auch sonst sein?

Ich flüstere Mason zu: »Sie wissen es.«

Doch er schüttelt nur den Kopf. »Das interessiert doch keinen.«

Mason neigt dazu, alles herunterzuspielen. Gestern habe ich eine ganze Stunde lang versucht, ihm zu erklären, wie gut der Artikel unserem Ansehen in der Schule tun wird. Aber er konnte sich das einfach nicht vorstellen. Ich denke manchmal, er sieht die Realität nicht, was die Schüler an unserer Schule betrifft. Oder überhaupt Teenager. Er ist zum Beispiel fest davon überzeugt, dass man ihn zum Schulsprecher gewählt hat, weil er sich für die Einführung eines Sommerstudienpraktikums an einem örtlichen College eingesetzt hat. Und ich bringe es nicht übers Herz, ihm zu sagen, dass ihn alle gewählt haben, weil ich ihn in letzter Minute dazu gebracht habe vorzuschlagen, dass die örtlichen Fastfood-Restaurants uns das Mittagessen in die Schule liefern.

»Glaub mir«, versichere ich ihm. »Es interessiert sie.«

Schon in der ersten Stunde fragen mich drei Schüler, ob der Mason Brooks in der neuesten Ausgabe von Trend Girl wirklich derselbe Mason Brooks ist, der auf unsere Schule geht, und ich komme mir wie einer dieser Presseleute für Promis vor. Ich sehe schon irgend so einen eifrigen E!-News-Reporter vor mir, der berichtet: »Die Sprecher des Mason-Brook-Camps haben kürzlich das Gerücht bestätigt, dass sein Konterfei die Seiten der populären Zeitschrift Trend Girl ziert. Offenbar hat Madison Kasparkova, seit zwei Jahren das Mädchen an seiner Seite, das Foto und die Geschichte für den Wettbewerb ›Das ist mein Freund‹ eingesendet, für den die Trend-Girl-Redakteure jeden Monat unter Tausenden von eingesandten Zuschriften die fünf Top-Jungs des Landes auswählen. Der Mann der Stunde, Mason Brooks, verneint, dass dieser Artikel in Zusammenhang mit seinem kürzlichen Aufstieg auf der gesellschaftlichen Leiter der Colonial Highschool steht.«

Beim Lunch kommt Leslie Gellar, die Anführerin der Cheerleader, an den Tisch, an dem Jade, Angie und ich sitzen, um mir zu sagen, dass sie meinen Beitrag in der Zeitschrift klasse findet. Ich danke ihr, so bescheiden wie ich nur kann, nicht ohne gleichzeitig zu versuchen, so nonchalant zu wirken wie ein echter Promi.

»Wie megacool«, schwärmt Jade, sobald Leslie außer Hörweite ist. »Die Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer.«

»Ja, ich weiß«, flüstere ich, während ich in einen Kartoffelchip beiße. »Mason ist fast so was wie ein Filmstar geworden.«

»Was soll’s«, wirft Angie ein und streicht sich eine kinnlange dunkle Haarsträhne hinters Ohr. »Ich gebe der Sache eine Woche, bevor sich die Aufregung legt und er wieder in Vergessenheit gerät.«

Angies Bitterkeit überrascht mich nicht. Sie hat meinen besessenen Wunsch, beliebt zu sein oder mit Leuten befreundet zu sein, die es sind, nie wirklich geteilt. Eigentlich ist ihre Einstellung zur »Beliebtheitstretmühle in der Schule«, wie sie es nennt, so ziemlich genau das Gegenteil. Auch wenn ich es noch nie jemandem gesagt habe, bin ich ziemlich sicher, dass Angies Ablehnung viel mit der Tatsache zu tun hat, dass sie und Heather Campbell bis zur sechsten Klasse eng befreundet waren. Das war, als jeder noch mit jedem einfach so befreundet sein konnte und bevor die In-Cliquen anfingen, zwischen den »Coolen« und den »Uncoolen« zu unterscheiden. Doch dann war Heather mit einem Jungen aus der Achten zusammen. Urplötzlich war sie superbeliebt und redete nicht mehr mit Angie, als hätte sie in ihrem Streben nach wahrer Größe Angie als Bürde erkannt und schnell abgeschüttelt. Ich kann verstehen, dass mein Verlangen nach Beliebtheit Angie ein Dorn im Auge ist.

Und mir ist klar, dass Leslie Gellars Bemerkung über meinen Artikel in der Zeitschrift alles nur noch schlimmer macht, denn Leslie ist zufällig auch noch die neue Freundin von Angies Exfreund Ryan Feldman.

»Hey!«, sage ich deshalb, ohne mich zu ärgern. »Keiner wird ihn vergessen. Er ist schließlich der Schulsprecher. Wenn jemand die Fähigkeit hat, im Mittelpunkt der Öffentlichkeit zu stehen, dann ist es Mason.«

»Im Mittelpunkt der Öffentlichkeit?« Angie sieht mich fassungslos an. »Er ist doch kein Senator, Maddy! Er ist bloß auf Seite fünfunddreißig einer Zeitschrift für Teenies abgebildet. Wir wollen das doch mal eine Stufe runterschrauben.«

»Also ich finde es aufregend«, nimmt Jade mich in Schutz. »Und wenn du nächstes Jahr nach Amherst gehst, kannst du damit angeben.«

»Falls«, korrigiere ich sie und nehme einen Schluck von meiner Cola. »Falls ich angenommen werde.«

Seit ich im Dezember meine Bewerbungen fürs College abgeschickt habe, ist die Hoffnung, von Amherst angenommen zu werden, so ziemlich das Einzige, woran ich denken kann. Na ja, außer an Mason. Aber das gehört schließlich zusammen: Seit drei Generationen hat jeder in seiner Familie seinen Abschluss in Amherst gemacht, und so kam es nicht wirklich überraschend, dass sie ihn schon vorab angenommen haben. Tatsächlich hat er sich nirgendwo anders beworben. Während ich im letzten Monat über meinen College-Aufnahmeformularen und Aufsätzen brütete, saß Mason gelassen in meinem Zimmer und sah fern.

»Also bitte«, sagt Jade. »Wenn Mason es geschafft hat, dann schaffst du das auch. Dein Notendurchschnitt ist viel besser als seiner.«

»Ja, aber er hat 2350 Punkte in seinem Einstufungstest, und meine Punktezahl war nicht annähernd so hoch«, erinnere ich sie. »Ich denke immer noch, ich hätte den Test wiederholen sollen, so wie er. Seine Punktezahl hat sich beim zweiten Versuch so stark gebessert, weil er sich in einem Nachhilfestudio auf die Prüfung vorbereitet hat. Er hat wie verrückt gebüffelt.«

»Ja, aber ich begreife immer noch nicht, warum er die Abschlussprüfung nicht an einer anderen Schule hier in San Francisco macht. Warum denn? Sind die Stühle in Amherst vielleicht weicher als bei uns?«, bemerkt Angie abfällig. Sie beißt in ihr Thunfischsandwich und wischt sich den Mund mit einer Papierserviette ab.

Ich seufze laut. »Das hab ich dir doch schon erklärt. Er will die Prüfung nicht hier machen, wo seine Freunde sind, weil sie ihn nur ablenken. Er ist halt vernünftig.«

Angie macht den Mund auf, um zu einem Gegenschlag auszuholen, doch Jade wirft hastig ein: »Äh, vielleicht solltet ihr das Thema wechseln. Mason kommt.«

Ich blicke auf und sehe, wie mein Freund sich seinen Weg an unseren Tisch bahnt. Er scheint überhaupt nicht mitzukriegen, dass die anderen Schüler aufgehört haben, sich zu unterhalten, und ihn anstarren.

»Glaubst du mir jetzt?«, frage ich, sobald er sich neben mich gesetzt hat.

»Was?«, fragt Mason und holt ein Sandwich aus seiner Brotbox.

»Was meinst du mit ›Was‹?« Ich schreie ihn fast an. »Alle starren dich an! Sie wissen das mit dem Artikel.«

Mason wischt die Vorstellung lachend weg und macht eine Dose Malzbier auf. »Die freuen sich nur, weil ich die Schulverwaltung überzeugt habe, dass wir im nächsten Jahr neue Bücher brauchen.«

Jade schnaubt verächtlich. »Sorry, Mason, aber neue Bücher interessieren doch niemanden – vor allem nicht die Schüler der Oberstufe – genauso wenig wie sonst irgendwas, was die Schulverwaltung angeht.«

Er trinkt einen Schluck. »Es wird sie spätestens dann interessieren, wenn sie ihr neues Algebrabuch aufmachen und feststellen, dass nicht jede einzelne Seite vollgekritzelt ist.«

Jade und Mason streiten sich noch ein paar Minuten lang darüber, doch ich höre ihrer Unterhaltung kaum zu, weil ich etwas ganz anderes sehe. Heather Campbell kommt direkt auf unseren Tisch zu.

»O Gott«, murmle ich. »Seht mal, wer da kommt.«

Jade, Angie und Mason wenden gleichzeitig den Kopf.

»Schaut nicht so auffällig hin!«, sage ich und merke selbst, wie schrill meine Stimme klingt.

Angie schüttelt den Kopf. »Jetzt wird mir das zu albern. Ich habe keine Lust, mir ihr hohles Geschwätz anzuhören.« Mit diesen Worten steht sie auf, wirft ihre leere Chipstüte in den nächsten Abfalleimer und steuert auf den Eingang zu, nicht ohne Heather im Vorbeigehen grob anzurempeln. Heather lässt sich davon kein bisschen beeindrucken und kommt ungerührt näher.

In diesem Augenblick merke ich, dass ich sie die ganze Zeit unverhohlen anstarre. Aber wie sehr ich mich auch bemühe, ich schaffe es nicht, den Blick abzuwenden. Heather trägt superenge Jeans, die sich so an ihre Hüften schmiegen, als wären sie extra für ihren Körper maßgeschneidert. Ihr Haar schimmert selbst hier im Neonlicht der Cafeteria, was ich bei dem grellen Licht einfach nicht für möglich gehalten hätte.

Als sie an unseren Tisch tritt, wirft sie das Haar über die Schulter, legt eine Hand auf die Tischplatte und beugt sich vor. »Hi, Mason. Hi, Madison«, sagt sie und betont dabei jede einzelne Silbe meines Vornamens. Eigentlich nennen alle mich Maddy – alle außer ein paar Lehrern und meiner alten Großmutter an den seltenen Tagen, an denen sie sich überhaupt an mich erinnert.

Mason lächelt höflich und erwidert unbeeindruckt: »Hi, Heather.«

Ich bemühe mich, gelassen zu bleiben. »Hi, Heather«, kiekse ich mit ziemlich hoher Stimme und räuspere mich sofort.

»Superfoto in der Zeitschrift, Mase«, sagt sie und schürzt die Lippen ein wenig.

»Danke«, antwortet er leichthin – ganz der coole Schulsprecher. »Maddy hat es ausgesucht.«

Ich nicke etwas zu eifrig. »Stimmt. Ich habe es ausgesucht.«

Was machst du denn?, ermahne ich mich insgeheim. Hör auf, ihm alles nachzuplappern!

»Wie auch immer, es ist eine gute Wahl«, sagt Heather so würdevoll, als wäre sie gerade einem Jane-Austen-Roman entstiegen.

»Danke«, stottere ich und werfe Jade einen Blick zu. Sie tut mir ein bisschen leid. Bisher behandelt Heather sie wie Luft. Doch ich bin sicher, dass Heather nicht weiß, wie Jade heißt, und zu höflich ist, um nachzufragen. In unserem Jahrgang sind schließlich über vierhundert Schüler, und man kann unmöglich erwarten, dass Heather die Namen im Jahrbuch auswendig lernt, nur weil sie zufällig das beliebteste Mädchen der ganzen Schule ist.

Heathers mokkabraune Augen blitzen. »Übrigens«, fährt sie fort, »hab ich mich vor dem Mittagessen mit Spencer Cooper unterhalten, und wir würden uns beide freuen, euch am Samstagabend im Apartment dabeizuhaben.«

Ich sehe Jade kurz an, und sie zieht wissend die Augenbrauen hoch.

»Also, was hältst du davon, Mason?« Heather legt den Kopf schräg und schenkt ihm ein strahlendes Lächeln.

»Also, ich weiß nicht so recht, ob –«, fängt Mason an, doch ich trete ihm unter dem Tisch gegen das Schienbein und schneide ihm das Wort ab.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Fieses Karma" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen