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Feurig wie ein Vulkan

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Catherine Spencer

Feurig wie ein Vulkan

Süß, sexy und bezaubernd naiv: Die junge Amerikanerin Natalie fasziniert Cristiano Bertoluzzi mit jedem Tag mehr. Trotzdem ist eine Affäre mit der liebenswerten „Dollarprinzessin” das Letzte, was er sich erträumt. Ihre Familie gehört zur High Society, die ihn, den Selfmade-Millionär, arrogant ablehnt. Aber dann erliegt er Natalies heißen Avancen – und genießt das sinnliche Feuer ihrer zärtlichen Liebe. Nie wieder will er sie gehen lassen. Doch wird Natalie zu ihm stehen, wenn ihre Familie verlangt, sich von ihm zu trennen?

1. KAPITEL

Von seinem Platz auf dem Dach aus konnte Cristiano die Limousine gut erkennen, die gerade unter dem Säulengang der Villa nebenan hielt. Der von einem Chauffeur gesteuerte Mercedes war nur eines der Statussymbole seiner Nachbarin Barbara Wade, einer Legende in der internationalen Wirtschaftswelt.

Sie war Ende fünfzig und wurde von manch einem als verrückt bezeichnet. Tatsächlich hatte sie schon früh mit der Tradition gebrochen, weil sie mehr als nur ein hübsches Anhängsel ihrer drei erfolgreichen Ehemänner sein wollte. In den einschlägigen Wirtschaftsmagazinen hatte Cristiano gelesen, dass sie die ersten beiden vergrault und den dritten ins Grab gebracht hatte.

An diesem Morgen stieg jedoch nicht Barbara Wade aus dem Wagen, sondern eine junge, sehr schlanke Frau mit langen Beinen, Porzellanhaut und schulterlangem braunen Haar, der Inbegriff der reichen amerikanischen Erbin. Vermutlich war es die Enkelin, denn einer Unterhaltung der Gärtner nebenan hatte er entnommen, dass man sie erwartete.

Offenbar merkte die Fremde, dass sie beobachtet wurde. Auf halbem Weg zum Haus blieb sie stehen, hob den Kopf und begegnete dabei seinem Blick. Jeder einfache Arbeiter in dieser noblen Gegend zwischen Positano und Amalfi hätte sich sofort abgewandt und so getan, als würde er die Aussicht bewundern. Er, Cristiano Bertoluzzi, war allerdings stolz darauf, dass er kein gewöhnlicher Mann war, und tat nichts dergleichen.

Die Frau empfand sein Verhalten als Unverschämtheit, wie ihre Haltung verriet. Verschwitzte italienische Handwerker, die mit halb nacktem Oberkörper einen Hammer schwangen, starrten Frauen aus der amerikanischen Oberschicht nicht an, wenn sie ihren Job behalten wollten.

Natürlich konnte sie nicht wissen, dass er sein eigener Herr war und daher machen konnte, was er wollte. Und das war noch nicht alles.

Ein Lächeln umspielte seine Lippen, als Cristiano sich vorstellte, wie sie reagieren würde, wenn sie den Rest erfuhr. Schon jetzt konnte er sich das Gespräch mit ihrer Großmutter lebhaft vorstellen.

Wer ist der Mann nebenan, Großmutter?

Oh, das ist eine ganz zwielichtige Gestalt, mein Schatz! Mit Männern wie ihm möchtest du nichts zu tun haben.

Er hätte seine Hand dafür ins Feuer gelegt, dass sie noch nicht viele Männer kennengelernt hatte. Ganz bestimmt hatte noch nie jemand ihren Körper erforscht. Dafür wirkte sie zu leidenschaftslos und unnahbar. Unberührt.

Es war Ende Juni, und die Sonne brannte vom wolkenlosen Himmel. Unterhalb der Villa Delfina, die nach seiner verstorbenen Großmutter benannt war, die am Rand einer steilen Klippe lag, erstreckte sich das Tyrrhenische Meer bis Sizilien.

Cristiano bückte sich, um die Wasserflasche aufzuheben, die im Schatten eines der Schornsteine stand. Dann hob er sie an die Lippen, ohne die junge Frau aus den Augen zu lassen. Schließlich wandte diese den Blick ab und ließ ihn über das Haus schweifen.

Er wusste, was sie sah. Die Villa hatte insgesamt fast vierzehn Jahre leer gestanden. Mittlerweile waren über neun Jahre vergangen, seit sein Großvater Ovidio Bertoluzzi im Gefängnis gestorben war. Es war das passende Ende eines Mannes gewesen, den seine kriminellen Freunde gleichermaßen gefürchtet und verachtet hatten, eines gesellschaftlichen Außenseiters.

Zuerst hatte Cristiano das Erbe ausschlagen wollen, zumal der Geist seines Großvaters jedem Stein in dem Gebäude anhaftete. Ovidios kalte Augen und seine eisige Stimme hatten ihn überall verfolgt. Dann hatte er sich allerdings geweigert, sich auch nach dessen Tod von seinem Großvater kontrollieren zu lassen, und es angenommen.

Mit Ausnahme der Villa an der Amalfiküste. Die Erinnerungen waren noch zu schmerzlich, die Wunden zu frisch. Es hatte Jahre gedauert, bis Cristiano in der Lage gewesen war, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, und selbst jetzt war er nur seiner Großmutter wegen zurückgekehrt.

Das Anwesen war ihr Zufluchtsort gewesen. Sie hatte es genauso geliebt wie ihn. Und sie war der einzige Mensch gewesen, dem er je etwas bedeutet hatte. Deswegen hatte er schließlich seinen Besitzanspruch geltend gemacht. Es hätte ihr das Herz gebrochen, mitzuerleben, wie es allmählich zerfiel und zusätzlich von Vandalen zerstört wurde.

Die reiche amerikanische Erbin hatte sich abgewandt, offenbar entsetzt über den Anblick, der sich ihr bot. Normalerweise fielen die Villen an der Amalfiküste nicht blinder Zerstörungswut zum Opfer, es sei denn, sie hatten irgendwelchen Mafiosi gehört. In diesem Fall schritten die Behörden nicht ein, weil man hoffte, den Abschaum auf diese Weise loszuwerden.

Sein Lächeln verschwand, und Cristiano wischte sich mit dem Unterarm den Mund ab. „Aber ich bin kein Abschaum und werde auch nicht verschwinden, Prinzessin“, sagte er leise. „Du solltest dich also an meinen Anblick gewöhnen.“

„Dachte ich mir doch, dass ich den Wagen gehört habe! Schatz, warum stehst du da draußen in der sengenden Hitze? Ich habe uns schon kalte Drinks auf die Terrasse bringen lassen.“ In einem bronzefarbenen Seidenkaftan und von einer Duftwolke umgeben, schwebte ihre Großmutter die Treppe herunter und umarmte Natalie.

Barbara Wade bevorzugte nicht nur teure Designerkleidung und ebenso auffälligen wie einzigartigen Schmuck, sondern auch Diva, vermutlich den einzigen passenden Duft für eine Frau, die immer im Mittelpunkt stehen musste. Mit ihrem Hang zum Glamour und ihrer direkten, herausfordernden Art war sie eine sehr starke Persönlichkeit. Neben ihrem hervorragenden Geschäftssinn hatte sie allerdings auch ein großes Herz und war somit ihr Vorbild, solange Natalie sich erinnern konnte.

„Ich bin so froh, dass ich mich entschlossen habe, den Sommer hier zu verbringen!“, sagte sie, während sie ihre Großmutter ebenfalls in die Arme schloss. „Du änderst dich nie, und dafür bin ich sehr dankbar.“

Die alte Dame hielt sie ein Stück von sich, um sie zu betrachten. „Ich habe von Lewis gehört, mein Schatz. War es schlimm?“

Nun lachte Natalie. „Keine Frau wird gern verlassen, aber er war nicht meine große Liebe. Eigentlich wollte ich auch schon mit ihm Schluss machen. Er ist mir nur zuvorgekommen.“

„Deine Mutter dachte, du würdest ihn heiraten.“

„Sie hat gehofft, ich würde es tun, statt bei Wade International Karriere zu machen. Das ist etwas anderes.“

„Ja, wahrscheinlich.“ Erneut betrachtete ihre Großmutter sie forschend. „Siehst du deswegen ein bisschen mitgenommen aus? Weil du Streit mit meiner Tochter hattest?“

„Nein.“ Erneut sah Natalie auf das Dach des Nachbargebäudes. Er war immer noch da. Er lehnte am Schornstein und musterte sie unverfroren. Ein gefährlicher Mann auf einer gefährlichen Mission.

Unwillkürlich erschauerte sie. Wie kam sie nur auf die Idee? Und warum war sie so alarmiert?

Neugierig folgte Barbara Wade ihrem Blick und schnalzte dann ärgerlich mit der Zunge. „Meine Nachbarn sind leider auch nicht mehr das, was sie mal waren“, verkündete sie, während sie ihre Enkelin in die Villa schob. „Ich hatte gehofft, dass das Haus zum Verkauf angeboten wird und ein anständiger Bürger es erwirbt.“

Natalie konnte der Versuchung nicht widerstehen, sich noch einmal umzudrehen. „Heißt das, es gehört jetzt dem Mann da?“

„Leider ja, mein Schatz. Aber keine Sorge, er ist hier nicht willkommen und wird sich hüten, sich uns aufzudrängen.“

Genau das hatte er jedoch schon getan. Unter seinem Blick hatte sie sich nackt gefühlt, und das nicht nur körperlich. Es schien Natalie, als hätte er bis auf den Grund ihrer Seele gesehen und ihre Hoffnungen und Träume ergründet, von denen niemand wusste.

„Und warum ist er nicht anständig?“, hakte sie nach, während sie ihrer Großmutter durch die mit Marmor geflieste Eingangshalle folgte.

„Er ist ein Bertoluzzi und hoffentlich der Letzte der Familie. Sie stammen aus Crotone, wo sie für ihre Verwicklung in das organisierte Verbrechen bekannt und gefürchtet waren. Kannst du dir vorstellen, dass sein Vater von dem Anführer einer rivalisierenden Bande, den man nur wenige Tage später tot in einem Kühlraum aufgefunden hat, umgebracht wurde?“

An der hohen Decke drehten sich mehrere Ventilatoren. Ein funkelnder Kristalllüster hing neben der geschwungenen Treppe. Üppige Blumenarrangements in großen chinesischen Vasen verbreiteten eine sommerliche Atmosphäre.

Natalie wusste, dass sie in ihrem Zimmer auch einen Strauß sowie perfekt gebügelte, nach Lavendel duftende Bettwäsche vorfinden würde sowie erlesene französische Seife, teure Lotionen und dicke, flauschige Handtücher im Bad.

Das Protokoll für die Hausangestellten war immer dasselbe, egal, in welcher ihrer Luxusresidenzen sich Barbara Wade gerade aufhielt. Sie konnte sich das Beste leisten und gab sich nicht mit weniger zufrieden.

Und nun hatte sie einen Nachbarn mit zweifelhaften Verbindungen.

„Wie lange lebt seine Familie schon hier?“, fragte Natalie fasziniert.

„Über fünfundzwanzig Jahre. Sein Großvater hat das Haus gekauft.“

„Selbst damals muss es ein Vermögen gekostet haben. Wie konnte er es sich leisten?“

Verächtlich verdrehte ihre Großmutter die Augen. „Wahrscheinlich durch Schutzgelderpressung. Auf jeden Fall war es schmutziges Geld.“

„Seltsam, dass die Eigentümergemeinschaft den Verkauf gebilligt hat!“

„Hätten sie davon gewusst, hätten sie es nicht getan. Aber das Ganze wurde von einem Immobilienmakler, der immer noch zwielichtige Geschäfte in dieser Gegend macht, unter der Hand abgewickelt. So wurden wir Anwohner vor vollendete Tatsachen gestellt. Ansonsten hätten wir Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um den Verkauf zu verhindern. Aber die Zeiten haben sich geändert, und wir werden schon dafür sorgen, dass Mr. Bertoluzzi nicht gegen das Gesetz verstößt. Sollten wir auch nur den leisesten Verdacht gegen ihn hegen, kann er etwas erleben.“ Barbara Wade machte eine Geste, mit der sie das Thema für beendet erklärte. „Romero serviert bald das Mittagessen, und ich habe meinen Wodka Tonic noch nicht getrunken. Möchtest du auch einen oder lieber ein Glas Wein?“

„Wein, bitte.“ Natalie beeilte sich, mit ihrer Großmutter Schritt zu halten, als diese durch das Haus zur großen, schattigen Veranda mit Blick auf die Küste ging.

Obwohl sie schon oft in der Villa Rosamunda gewesen war, verschlug ihr die fantastische Aussicht auf das Meer jedes Mal den Atem. Da das Anwesen zum Strand hin steil abfiel, war der Garten terrassenförmig angelegt, und man konnte im Osten Amalfi und im Westen Positano sehen.

Auf der oberen Terrasse, die mit Abstand die größte war, befand sich ein riesiger Swimmingpool, um den herum große Kübel mit Hibiskusbüschen in verschiedenen Pastellfarben standen. Hinter der Steinbalustrade, die diesen Bereich von den darunter liegenden Terrassen abteilte, blühten Bougainvilleen in Orange- und Rottönen, und an der Grenze zum Nachbargrundstück wuchsen Zitronenbäume. Sein Haus lag auf der anderen Seite.

Natalie wartete, bis die Drinks serviert wurden. „Wie kommt es, dass du die Bertoluzzis noch nie erwähnt hast?“, erkundigte sie sich dann beiläufig.

„Weil ihr Haus jahrelang leer gestanden hat. Ovidio Bertoluzzi, der Patriarch, ist im Gefängnis gelandet, und seine Frau ist kurz danach gestorben. Sie war eine charmante, liebenswerte Frau und früher eine echte Schönheit. Komisch, dass sie ausgerechnet ihn geheiratet hat, wo sie doch bestimmt viele ehrbare Verehrer hatte!“

„Vielleicht hat sie ihn geliebt“, bemerkte Natalie.

Das Lachen ihrer Großmutter klang ein wenig spöttisch. „Du bist wirklich eine unverbesserliche Romantikerin, mein Schatz! Nicht gerade die ideale Eigenschaft für eine Frau, die eines Tages Wade International leiten soll.“

„Du hast dich auch oft genug verliebt, um dreimal zu heiraten, und dich trotzdem behauptet.“

„Ja, ich denke, Romantik und Geschäftliches passen zusammen, wenn die Chemie zwischen den Partnern stimmt. Aber leider gibt es nicht viele Männer, die eine erfolgreiche Frau an ihrer Seite tolerieren. Die meisten haben Angst davor, dann als schwach zu gelten.“

„Ich glaube, genau das hat Lewis abgeschreckt.“

„Dann sei froh, dass du ihn los bist.“

„Das bin ich auch.“

Liebevoll berührte ihre Großmutter ihre Hand. „Wie läuft es sonst zu Hause? Bist du oft dort?“

„Nicht so oft, wie Vater es gern hätte. Er versteht nicht, warum ich vor Ort in Boston sein will, denn seiner Meinung nach könnte ich auch von zu Hause aus arbeiten.“

„Es liegt daran, dass sein Leben nur aus Golfclubs und Jachten besteht. Wie gut, dass er eine reiche Frau geheiratet hat!“

„Es ist nicht das Geld, was die beiden zusammenhält. Sie lieben sich sehr.“ Barbara hatte das sanftmütige Wesen ihres Schwiegersohns noch nie gemocht und würde es auch nie tun. Deshalb wechselte Natalie das Thema. „Du warst bestimmt überrascht, als du erfahren hast, dass du wieder einen direkten Nachbarn hast, oder?“

„Vielmehr entsetzt. Das Haus war so lange verlassen gewesen, dass alle hier schon gehofft hatten, es würde eines Tages zusammenfallen und damit auch das Ende der Bertoluzzis symbolisieren. Dann ging eines Morgens plötzlich das verrostete alte Tor auf, und der Enkel fuhr mit einem Lieferwagen voller Werkzeug und Baustoffe hindurch. Seitdem bohrt und hämmert er den ganzen Tag.“

„Vielleicht renoviert er das Haus, um es zu verkaufen.“

Barbara leerte ihr Wodkaglas und hielt es Romero hin, damit dieser ihr nachschenkte. „Hoffentlich, mein Schatz!“

Wie immer nach einem Transatlantikflug hatte Natalie mit dem Jetlag zu kämpfen, und obwohl sie an diesem Abend kurz nach dem Essen ins Bett ging, war sie um kurz nach eins wieder hellwach. Deshalb stand sie auf und ging auf den Balkon, der die gesamte Breite ihres Zimmers einnahm.

Der Abendhimmel war wunderschön, und die Sterne wirkten zum Greifen nah. Kein Wunder, dass ihre Großmutter fast jedes Jahr den Sommer hier verbrachte!

Natalie lehnte sich ans Geländer und betrachtete den Garten. Inzwischen hatten ihre Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt, so dass sie erkennen konnte, wie das Wasser im Pool sich in der sanften Brise kräuselte. Auch die hellen Blüten der Büsche, die sich gegen die Blätter abzeichneten, konnte sie ausmachen.

Neben ihren Füßen wuchs die Blüte einer Kletterrose durch die schmiedeeisernen Stäbe. Natalie bückte sich, um den süßen Duft einzuatmen, und richtete sich auf, als ihr ein anderer in die Nase stieg.

Er kam von der anderen Seite der Mauer im Osten. Nun stellte sie fest, dass es Citronella war, ein Insektenvertreibungsmittel. Als sie sich auf die Zehenspitzen stellte, sah sie auf der Mauer eines Balkons im ersten Stock des Nachbargebäudes eine Laterne mit einer brennenden Kerze stehen.

Im nächsten Moment nahm sie eine Bewegung links davon wahr. Der neue Nachbar stand an die Mauer der Loggia gelehnt da, und sie fragte sich, warum sie ihn erst jetzt bemerkte. Im fahlen Lichtschein, der aus dem Raum hinter ihm fiel, leuchtete sein weißes T-Shirt förmlich in der Dunkelheit.

Während sie ihn anblickte, hob er ein Glas und prostete ihr stumm zu. Schließlich trank er einen Schluck. Offenbar hatte er sie die ganze Zeit beobachtet.

Nur ihr Stolz hielt sie davon ab, wieder ins Zimmer zu flüchten. Verlegen dachte sie daran, dass sie nur ein dünnes Nachthemd trug. Doch statt die Arme vor der Brust zu verschränken, funkelte sie den Mann trotzig an.

Einerseits stieß er sie ab, andererseits faszinierte er sie, und sie fragte sich, wie er wohl aus der Nähe aussehen mochte. Und selbst wenn ihre Großmutter sie nicht über seine Familie aufgeklärt hätte, wäre ihr klar gewesen, dass sie sich besser von ihm fernhielt. Seine überaus maskuline Ausstrahlung unterschied ihn von den Männern, mit denen sie normalerweise verkehrte – den Country-Club-Mitgliedern und Politikern, die sich niemals selbst die Finger schmutzig machen würden, wenn sie in dubiose Angelegenheiten verwickelt wären.

Bertoluzzi hingegen würde jede Arbeit selbst erledigen, davon war sie überzeugt.

Wie lautete sein Vorname? Wie alt war er? War er verheiratet? Hatte er eine Freundin?

Nein, bestimmt nicht, entschied Natalie. Vermutlich hatte er eher ein Verhältnis mit einer verheirateten Frau.

Zweifellos war er ein fantastischer Liebhaber. Er brauchte eine Frau nur anzusehen, und ihr wurde heiß und kalt …

Entsetzt stellte Natalie fest, dass ihre Brustspitzen sich aufgerichtet hatten, und beschloss, ins Zimmer zu gehen, bevor sie sich vollends blamierte.

Gerade als sie den Blick abwenden wollte, stieß Bertoluzzi sich jedoch geschmeidig wie ein Raubtier von der Mauer ab, leerte sein Glas und schlenderte zur geöffneten Balkontür. Dort drehte er sich noch einmal zu ihr um und hob die Hand zum Gruß.

Prompt schoss ihr das Blut ins Gesicht. Natalie wirbelte herum und flüchtete in ihr Zimmer. Als sie die Türen schloss, schien es ihr, als würde sie ihn lachen hören.

2. KAPITEL

Als Natalie vier Tage später vom Strand zurückkam, nahm sie den falschen Weg. Ob unbeabsichtigt oder nicht, wusste sie nicht. Jedenfalls konnte sie nicht mehr umkehren, weil der Aufstieg zu beschwerlich war. Als sie die Klippe erklommen hatte und über die weinberankte Mauer des Nachbargrundstücks kletterte, war ihre Neugier einem Anflug von Panik gewichen.

Aber sie hatte Glück. Er war nirgends zu sehen und bemerkte sie offenbar auch nicht, denn auf der anderen Seite des Hauses lief eine Kreissäge. Außerdem bot sich ihr der ideale Fluchtweg. Hinter einer Reihe wild wuchernder Sträucher hätte sie die Auffahrt hinunter und durch das Tor auf die Straße laufen können.

Doch genau wie er übte sein Anwesen eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf sie aus. Ihr ganzes Leben hatte Natalie im Luxus gelebt. Sie war in einem Herrenhaus in Talbot County an der Küste von Maryland aufgewachsen, verwöhnt von liebevollen Kindermädchen und Angestellten. Und auf ihren zahlreichen Reisen ins Ausland hatte sie die schönsten Paläste und andere berühmte Bauwerke besichtigt.

Trotzdem faszinierte sie der Anblick der heruntergekommenen Villa der Bertoluzzis ungemein. Der verblasste Glanz, der in dem gleißenden Sonnenlicht noch deutlicher ins Auge fiel, ließ sie sehr geheimnisvoll wirken.

Natalie war klar, dass ihr Verhalten sich nicht entschuldigen ließ. Und dennoch überquerte sie die Veranda und warf einen Blick durch die geöffnete Tür. Dann trat sie neugierig über die Schwelle und fand sich in einem großen Raum wieder, bei dem es sich um die ehemalige Küche handeln musste.

Die Terrakottafliesen auf dem Boden waren zu einem großen Teil beschädigt oder fehlten ganz. Unter dem Fenster stand eine alte Spüle, daneben hing eine freitragende Marmorplatte, die herunterzufallen drohte. In einer Ecke bemerkte Natalie einen alten Kühlschrank.

Eine Sperrholzplatte auf zwei Böcken in der Mitte des Raumes diente als provisorischer Tisch, auf dem eine leere Mineralwasserflasche, ein Tonkrug und eine Kochplatte standen. Diese war mit einer Verlängerungsschnur an die nächste Steckdose angeschlossen.

Da ihr sehr heiß war und sie großen Durst hatte, legte Natalie ihre Strandtasche und ihre Sonnenbrille auf den Tisch und überlegte, ob das Leitungswasser in diesem Haus genießbar war. Offenbar nicht, denn das Spülbecken war verrostet, und er trank Mineralwasser. Also musste irgendwo noch mehr sein, und sie brauchte nicht lange zu überlegen, wo.

Sie öffnete den Kühlschrank, der mit ungefähr einem Dutzend Flaschen und unzähligen Bierdosen bestückt war. Nach kurzem Zögern nahm sie eine Flasche heraus.

Ihre Eltern hatten sie zu Ehrlichkeit erzogen. Normalerweise wäre es ihr nie in den Sinn gekommen zu stehlen. Doch heute war alles anders. Irgendetwas trieb sie zur Unvernunft. Darüber würde sie sich allerdings später Gedanken machen. Sie leerte die halbe Flasche, bevor sie den Blick weiter durch die Küche schweifen ließ.

An einem Nagel in der Wand hing ein Jeanshemd. Natalie ging hin, um es zu befühlen. Es war verwaschen und ganz weich. Ob er sich selbst um seine Wäsche kümmerte und sich auch selbst bekochte? Es gab jedenfalls keine Anzeichen dafür, dass eine Frau hier wohnte.

„Die Villa ist nicht viel wert, das Grundstück dagegen ein kleines Vermögen“, hatte Barbara am ersten Abend beim Essen erklärt. „Ich habe keine Ahnung, warum dieser Mann das Anwesen nicht gleich zu Geld gemacht hat, statt seine Zeit mit sinnlosen Renovierungsarbeiten zu vergeuden. Von dem Erlös könnte er bequem leben – natürlich weit weg von hier!“

Natalie musste ihr recht geben. Immobilien wie diese lockten Interessenten in Scharen an. Deshalb ergab es scheinbar keinen Sinn, dass ein alleinstehender Mann sich der Aufgabe stellte, ein so großes Haus zu sanieren.

Sie ging wieder zur Verandatür und blickte in den Garten. Wunderschön duftende Rosen wuchsen in die Bougainvilleen und den Wein hinein, die Blumenbeete waren mit Unkraut überwuchert. Auch die Rasenflächen mussten dringend gemäht werden, und in den Fugen zwischen den Steinwegen kam das Gras hindurch.

Der Gesang der Vögel erfüllte die Luft, und man hörte das leise Plätschern eines Wasserfalls, der sich über einen Felsen hinunter in einen Swimmingpool ergoss. Während der Garten völlig verwahrlost war, wirkte der Pool, über den sich eine Brücke spannte, sehr gepflegt und wurde anscheinend benutzt.

Nun war ihr klar, warum er nicht einfach weiterzog.

Selbst in diesem Zustand besaß das Anwesen eine zeitlose Schönheit und strahlte eine herrlich friedliche Atmosphäre aus. Das ganze Ambiente sprach nicht von blutigen Verbrechen, sondern von Romantik und Leidenschaft. Lange bevor die Bertoluzzis eingezogen waren, hatten Menschen hier gelebt und geliebt. Die ersten Schreie von Babys waren ebenso zu hören gewesen wie Kinderlachen und zärtliche Koseworte zwischen Männern und Frauen.

„Was würden die Mauern hier erzählen, wenn sie sprechen könnten?“, fragte Natalie leise.

„Wahrscheinlich ‚Was, zum Teufel, haben Sie sich dabei gedacht, hier einfach einzudringen und es sich gemütlich zu machen?‘“, ließ sich im nächsten Moment eine tiefe Männerstimme hinter ihr vernehmen.

Schuldbewusst wirbelte Natalie herum. Dabei entglitt ihr die Flasche und zersprang auf den Fliesen. Entspannt lehnte Bertoluzzi im Rahmen der Tür, die in den Flur führte. Allerdings zweifelte sie nicht daran, dass er sie in wenigen Sekunden einholen würde, wenn sie zu fliehen versuchte.

Er trug eine enge, verblichene Jeans, und sein Oberkörper war nackt. Beim Anblick seiner gebräunten, muskulösen Brust wurde ihr Mund sofort wieder trocken. Schnell ließ sie den Blick wieder nach oben schweifen, um sein Gesicht zu betrachten.

Ausgeprägte Wangenknochen, markantes Kinn, sinnlicher Mund, forschender Blick, unergründliche Miene … All diese Klischees trafen auf ihn zu.

War er ein Teufel oder ein Engel? Ganz sicher beides, und je nach Stimmung gewann die eine oder andere Seite die Oberhand.

Momentan war es wohl die dunkle Seite an ihm. „Und? Ich höre?“

„Es … tut mir so leid!“, erwiderte Natalie stockend. „Ich habe am Strand den falschen Weg eingeschlagen und bin in Ihrem Garten gelandet.“

„Da sind Sie aber nicht“, erinnerte er sie lässig. „Sie sind in meinem Haus, trinken mein Wasser und haben dabei ein heilloses Chaos angerichtet.“

„Ich weiß.“ Vergeblich sah sie sich nach einem Besen um.

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