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Feurig funkelt der Diamant

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1. KAPITEL

„Also, was wissen wir über ihn?“ Die Hände auf ihren Esstisch aus gebürsteter Pinie gestützt, funkelte Eva erst ihre ältere, verheiratete Schwester Britt und dann ihre jüngere Schwester Leila an.

Diese errötete, obwohl sie Evas Schimpftiraden gewohnt war. Eva, die Mittlere von ihnen, war eine starke Persönlichkeit. Und sie konnte einem gewaltig auf die Nerven gehen, wenn sie in Kampfstimmung war, so wie jetzt. Leila hing sehr an den beiden, wünschte allerdings manchmal, Eva würde einen Mann finden und aus ihrem Elternhaus ausziehen, damit endlich Ruhe einkehrte. Britt und sie hatten schon versucht, ihre hitzköpfige Schwester mit den begehrten Junggesellen in Skavanga zu verkuppeln, doch die Verabredungen waren nie über eine Partie Billard oder Darts hinausgegangen. Mit ihrem aufbrausenden Temperament hatte Eva alle Männer verschreckt.

„Na los!“ Nun richtete sie sich auf und stemmte die Hände in die Hüften. „Ich brauche Antworten. Du hast gut reden, Britt, denn schließlich bist du mit dem Schwarzen Scheich, einem der führenden Köpfe im Konsortium, verheiratet. Du musst ihm gegenüber loyal bleiben und brauchst deine Meinung nicht zu äußern. Aber was ist mit dir, Leila? Warum begreifst du nicht, dass das Konsortium unsere Landschaft zerstören wird, wenn wir es zulassen?“

Das ist typisch für Eva, überlegte Leila. Selbst mit einem Monolog konnte sie eine Auseinandersetzung führen.

„Ich werde verhindern, dass das Konsortium sich über unsere Interessen hinwegsetzt“, fuhr Eva hitzig fort. „Und bevor du etwas sagst, Britt, möchte ich eins klarstellen: Ich habe zwar miterlebt, wie drei skrupellose Männer uns unser Familienunternehmen weggenommen haben, aber im Gegensatz zu dir beabsichtige nicht, mit einem von ihnen zu schlafen, damit ich mich besser fühle …“

„Das reicht jetzt“, unterbrach Leila sie energisch. „Hast du vergessen, dass deine Schwester mit Scheich Sharif verheiratet ist?“

Entschuldigend lächelte sie Britt an, die daraufhin die Schultern zuckte. Eva hatte das Herz am rechten Fleck, dachte allerdings selten nach, bevor sie den Mund aufmachte – oder handelte. Und das machte Leila am meisten Sorgen.

„Ihr beide seid wirklich nicht zu gebrauchen“, brauste Eva auf, während Leila und Britt weiter ihren Kaffee tranken und sich wieder in die Zeitung vertieften. Dann warf sie das lange rote Haar zurück und nahm sich ebenfalls einen Teil der Zeitung. Mit finsterer Miene überflog sie die Berichte über die neuesten Entwicklungen in der Mine, herbeigeführt von ihrem Erzfeind Roman Quisvada. Mit seinem blendenden Aussehen und seiner energischen Art hatte er sie auf Britts Hochzeit vorübergehend zum Schweigen gebracht.

Graf Roman Quisvada?“, meinte sie scharf. „Was für ein lächerlicher Name!“

„Er ist Italiener“, erwiderte Britt geduldig, ohne von der Zeitung aufzublicken. „Und der Titel wurde ihm ehrenhalber verliehen …“

„Na, er wird ihm auch nichts nützen, wenn ich in der Mine zum Streik aufrufe!“

Britt wechselte einen Blick mit Leila. „Ich glaube, er ist ziemlich willensstark.“

„Ist er der Typ, dem ich auf deiner Hochzeit die Tür vor der Nase zugeknallt habe?“ Eva betrachtete das Foto in der Zeitung genauer. „Wenn ich mich richtig entsinne, hat er sofort die Flucht ergriffen.“

„Ja, weil er vor der Brautsuite stand. Die hätte er auch schlecht betreten können.“

„Ich habe eher das Gefühl, er hat dich ziemlich beeindruckt, Eva“, bemerkte Britt, während sie das Blatt weglegte.

Eva stieß einen spöttischen Laut aus. „Ich lasse mich nur nicht gern herumschubsen.“

„Wir brauchen das Geld, Eva“, erklärte Britt ruhig. „Wir müssen das Konsortium an Bord behalten und dürfen Roman deshalb nicht gegen uns aufbringen. Ohne die Investitionen des Konsortiums hätten wir die Mine dichtmachen und Hunderte von Menschen entlassen müssen. Willst du das etwa?“

„Natürlich nicht“, entgegnete Eva. „Aber es muss doch eine vernünftige Methode geben, das zu regeln. Hast du eine Ahnung, wie oft ich diesen Typen um ein Treffen gebeten habe, um mit ihm über meine Bedenken wegen seines Bohrvorhabens zu sprechen?“

„Um darüber zu sprechen oder um ihm Vorschriften zu machen?“ Forschend betrachtete Britt sie.

„Irgendjemand muss ihm doch die Wahrheit sagen“, brauste Eva auf. „Und ich spreche Italienisch. Also hat er keine Ausrede, sich nicht mit mir zu treffen.“

„Soweit ich weiß, beherrscht der Graf vier Sprachen“, erwiderte Britt leise, was Eva ein verächtliches Schnaufen entlockte.

„Also wenn ihr beide nicht Farbe bekennt, werde ich es tun.“

„Ich wusste, dass wir uns auf dich verlassen können“, meinte Britt ironisch.

„Möchte noch jemand Kaffee?“, fragte Leila, die immer die Vermittlerin spielte, und machte einen großen Bogen um Eva, als könnte diese jeden Moment explodieren.

Diese war jedoch noch nicht fertig. „Seht euch das mal an“, fuhr sie fort, während sie ihren Teil der Zeitung auf dem Tisch ausbreitete. Der Artikel zeigte ein großes Foto von Roman Quisvada, und die Schlagzeile lautete: Graf rettet Skavanga. „Das klingt, als hätte er uns vor einer Katastrophe bewahrt.“

„Das hat er ja auch.“ Energisch hob Britt das Kinn und warf ihr einen scharfen Blick zu. „Er, Sharif und der andere Mann, Raffa Leon, haben Skavanga gerettet. Und wenn du das nicht einsiehst …“

„Du wirst in dem Artikel nicht einmal erwähnt, Britt. Und eigentlich leitest du die Mine.“

„Das tue ich auch“, verkündete Britt. „Und sie machen nur so viel Aufhebens um den Grafen, weil sie ihn interviewt haben, als er die Mine besucht hat, um sich zu vergewissern, ob seine Anweisungen umgesetzt werden …“

„Als er zu beschäftigt war, um sich mit mir zu treffen, meinst du?“ Eva biss sich auf die Lippe, während sie starr das Foto ihres Erzfeinds betrachtete. „Unsere Familie als Inhaber der Mine wird völlig ignoriert. Die Journalistin will anscheinend nur über den tollen Grafen berichten.“

„Vielleicht weil sie ihn interviewt hat?“, warf Leila ein.

„Vielleicht weil sie mit ihm im Bett war“, konterte Eva scharf. „Es interessiert mich auch nicht. Für einen Mann wie ihn sind Frauen nur Eroberungen.“

„Das hättest du wohl gern“, murmelte Britt.

„Wie war das?“, fuhr Eva sie an, doch Britt schüttelte nur den Kopf und wechselte einen Blick mit Leila, die sich um eine unbeteiligte Miene bemühte.

„Er sieht ziemlich gefährlich aus, wenn ihr mich fragt“, stellte Eva fest, während sie die Zeitung wegschob.

„Zum Glück haben wir dich nicht gefragt“, sagte Britt nachsichtig.

„Gegeltes Haar, Designerklamotten und dazu diese arrogante Haltung.“ Eva warf einen verächtlichen Blick auf das Foto.

„Sein Haar ist nicht gegelt“, wandte Britt ein. „Das wäre mir aufgefallen. Und wenn Sharif dem Grafen sein Leben anvertraut, tue ich es auch.“

Ihre Schwester kniff die Augen zusammen. „Ich kann es jedenfalls kaum erwarten, ihm wieder zu begegnen.“

„Ihm geht es bestimmt genauso“, bemerkte Britt.

„Sicher wird Eva zur Vernunft kommen und ganz sachlich mit ihm reden“, versuchte Leila zu schlichten.

„Sachlich?“ Britt verzog das Gesicht. „Eva, darf ich dich vorher daran erinnern, dass nicht nur die Mine, sondern auch die Stadt ohne sein Geld und das der beiden anderen Konsortiumsmitglieder inzwischen den Bach hinuntergegangen wäre?“

„Das habe ich nicht vergessen“, versicherte Eva. „Ich verstehe nur nicht, warum er nicht hiergeblieben ist. Ach ja“, fügte sie scharf hinzu, „er lustwandelt ja lieber auf seiner Privatinsel.“

„Er ist dort, weil sein Cousin heiratet“, erinnerte Britt sie.

„Aber er hätte sich vorher mit mir treffen können“, beharrte Eva. „Hätte er mir alles erklärt, würde ich vielleicht verstehen, was in der Mine vorgeht.“

„Vielleicht wäre das auch der Fall, wenn du zugehört hättest, statt zu protestieren“, sagte Britt. „Du kannst nicht erwarten, dass er alles für eine Besprechung mit dir stehen und liegen lässt. Schließlich hat er auch ein Privatleben und noch andere Geschäftsinteressen. Es geht um viel Geld …“

„Ja, darum geht es immer.“ Traurig schüttelte Eva den Kopf.

„Das ist leider wirklich so“, bestätigte Britt leise. „Wir möchten den Menschen hier Arbeit geben.“

„Das ist mir genauso wichtig“, versicherte Eva. „Aber mir liegt auch der Naturschutz am Herzen.“

„Warum versuchst du nicht noch einmal, mit Roman darüber zu reden?“, schlug Leila vor und wechselte einen Blick mit Britt. Auf der Hochzeit war ihnen beiden aufgefallen, wie stark es zwischen Roman und Eva gefunkt hatte. „Vielleicht versteht ihr euch diesmal besser.“

„Wohl kaum.“ Energisch strich Eva sich durchs Haar. „Ein Mann wie er hört doch nicht auf eine Frau wie mich.“

„Das weißt du erst, wenn du es probiert hast“, erklärte Leila, während Britt aufstand und Eva umarmte.

„Mach dir nicht so viele Gedanken, Eva. Nicht einmal du kannst die Welt im Alleingang retten.“

„Aber ich werde tun, was ich kann“, murmelte Eva, das Gesicht an Britts Schulter.

Daraufhin hielt Britt sie auf Armeslänge von sich und betrachtete sie argwöhnisch. „Was hast du vor? Sollten wir erst darüber reden?“

„Nein, das sollten wir nicht.“ Eva löste sich von ihr und wich einen Schritt zurück. „Danke, Leila, ich möchte keinen Kaffee mehr. Ich muss verreisen.“

Er trank niemals Alkohol. Er wollte die Kontrolle über sich nicht verlieren. Auf dem Empfang nach der Trauzeremonie hatte er die Gelegenheit ergriffen und sich davongestohlen. Vor der Feier am Abend wollte er duschen und sich umziehen und vielleicht noch einige Runden in seinem Pool schwimmen.

Roman ging den Weg an den Klippen entlang und blieb an seinem Lieblingsplatz stehen. Dieser Ort versetzte ihn noch immer in eine ganz spezielle Stimmung. Hier hatte er an seinem vierzehnten Geburtstag mit dem Gedanken gespielt, seine goldene Halskette ins Meer zu werfen und sich hinterherzustürzen.

Zum Glück war er stark geblieben und hatte dem jugendlichen Drang widerstanden, seinem Kummer auf eine Art und Weise ein Ende zu bereiten, die endgültig war, und mit der er anderen sehr wehgetan hätte.

Es war ein heißer Tag. Roman zog seine Smokingjacke aus und öffnete die obersten Hemdknöpfe. Verstohlen berührte er die schmale goldene Kette. Seine Adoptivmutter hatte sie ihm an jenem Tag, der so viel für ihn verändert hatte, zum Geburtstag geschenkt. Stockend hatte sie erzählt, dass seine richtige Mutter nicht mehr lebte und ihm vor ihrem Tod ihr einziges wertvolles Schmuckstück vererbt hätte.

Es war das erste Mal gewesen, dass er von der Existenz seiner „richtigen“ Mutter hörte. Noch immer konnte er sich daran erinnern, wie schockiert und verletzt er gewesen war. Sein Vater war nicht sein Vater, genauso wenig wie die Frau, die er über alles liebte, nicht seine Mutter war. Diese Erkenntnis hatte sein Leben in seinen Grundfesten erschüttert. Sein Adoptivvater war furchtbar wütend gewesen, als er erfuhr, dass Roman die Wahrheit über seine Herkunft wusste, doch seine Adoptivmutter hatte eingewandt, er wäre stark und würde es verkraften. Und er wäre für sie wie ein richtiger Sohn.

Damals hatte er hier gestanden, innerlich zerrissen, und dann war er nach Hause gerannt und hatte von ihnen die ganze Wahrheit verlangt. So hatte er von seinem leiblichen Vater erfahren, dem Grafen, dem Alkoholiker und notorischen Spieler, der seinen Sohn an die kinderlose Frau eines Mafiabosses verkauft hatte, um seine Spielschulden zu begleichen.

„Da du kein Blutsverwandter bist, kannst du das Familienunternehmen nicht übernehmen“, hatte sein Adoptivvater ihm eröffnet. „Aber ich könnte dich nicht mehr lieben, wenn du mein leiblicher Sohn wärst, und deshalb wirst du meine Insel und meinen gesamten Besitz erben, während dein Cousin später die Firma weiterführen wird. Deine Aufgabe ist es, ihn zu beschützen …“

In dem Moment war ihm klar geworden, wie schnell er seine Gefühle abschalten konnte. Die Insel und der ganze Besitz waren ihm egal gewesen. Für ihn zählte nur, dass sein ganzes bisheriges Leben eine einzige Lüge gewesen war. An jenem Tag hatte er sich verändert. Seine Adoptivmutter hatte ihm vorgeworfen, er wäre kühl und distanziert geworden. Sein Adoptivvater wiederum hatte Roman gezürnt, weil er seine Mutter so behandelte.

Noch immer litt Roman unter Schuldgefühlen und fragte sich, ob er mit seinem Verhalten zu dem frühen Tod seiner Adoptivmutter beigetragen hatte. Er würde es nie erfahren. Doch er hörte noch immer ihre sanfte Stimme, mit der sie ihm eindringlich vermittelt hatte, dass seine leibliche Mutter damals keine andere Wahl gehabt hätte. Zu der Zeit hätten die Frauen immer getan, was die Männer ihnen sagten.

Inzwischen wollte Roman nur, dass beide glücklich und stolz auf ihn waren.

Ein Signalton auf seinem Smartphone holte Roman abrupt ins Hier und Jetzt zurück. Nachdem er das Display überflogen hatte, drückte er den Text weg. Wut stieg in ihm auf. Den gemütlichen halbstündigen Spaziergang zum Palast konnte er jetzt vergessen. Er musste die Abkürzung nehmen.

2. KAPITEL

Eva hatte ihr Ziel fast erreicht und blieb einen Moment stehen, um Atem zu holen. Sie konnte das prachtvolle Domizil des Grafen oben auf den Klippen sehen, eine Art Zitadelle, die trotz der weißen Mauern in der flimmernden Hitze bedrohlich wirkte. Der steile Pfad schlängelte sich die weißen Klippen hoch und bot einen fantastischen Ausblick auf das azurblaue Meer. Eigentlich war die Umgebung himmlisch, doch für Träume war jetzt keine Zeit. Eva war verschwitzt und durfte ihr Ziel nicht aus den Augen verlieren. Der Zorn beflügelte ihre Schritte.

Nachdem sie die schnellste Reisemöglichkeit von Skavanga, das oberhalb des Polarkreises lag, zur Insel des Grafen herausgesucht hatte, hatte sie sich keine Gedanken mehr über die örtlichen Gegebenheiten gemacht. Dies war zwar auch nur eine Anhöhe, doch der Weg zum Adlerhorst des Grafen erschien ihr ausgesprochen tückisch.

Eva sank auf eine Holzbank und hielt sich den Arm vors Gesicht. Die Sonne brannte erbarmungslos vom Himmel, und sie hatte nicht einmal etwas zu trinken mitgenommen. Als sie ihre Reise angekündigt hatte, wollte Britt sie vor überstürzten Handlungen abhalten. Eva hatte ihr an den Kopf geworfen, sie solle sich gefälligst um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern und war Hals über Kopf aufgebrochen. Nun bereute sie ihre unbesonnene Äußerung.

Ohne sich bei ihr zu entschuldigen, hatte sie die erste Maschine von Skavanga nach Italien genommen und vom Festland mit der Fähre zu dieser Insel übergesetzt. Auf dieser hatte sich eine fröhliche Hochzeitsgesellschaft befunden, die sie schließlich mit ihrer ausgelassenen Stimmung angesteckt hatte. Sie wären auf dem Weg zur Hochzeit des Jahres, hatte eine Frau ihr verraten.

Zehn Minuten später stand Eva auf und schulterte ihren Rucksack. Je weiter sie sich dem Palast näherte, desto schneller pochte ihr Herz. Normalerweise hatte sie vor nichts und niemandem Angst, aber sie musste sich eingestehen, dass sie den Grafen ein wenig fürchtete – vor allem weil ihr noch nie ein Mann wie er begegnet war. Er war größer und älter als sie, und mit seinen harten Zügen erinnerte er eher an einen römischen Zenturio als an einen typischen eleganten Italiener. Seine Lippen waren allerdings ausgesprochen sinnlich und gingen ihr überhaupt nicht mehr aus dem Kopf. Sein Haar war fantastisch – zu lang, zu dicht und zu schwarz. Perfekt. Und obwohl er sich damals vermutlich kurz vor der Hochzeit rasiert hatte, schimmerte ein Bartschatten auf seinen Wangen. Was sie jedoch am meisten fasziniert hatte, war der Ausdruck in seinen dunklen, gefährlichen Augen gewesen, der ganz versteckt von einer geheimnisvollen, bewegten Vergangenheit zeugte.

Schluss jetzt, ermahnte Eva sich. Wollte sie sich psychisch fertigmachen, schon bevor sie dem Grafen gegenübertrat? Denk negativ, dann scheiterst du auch. Das war ihr Motto. Denk positiv, dann hast du eine Chance.

Er war stark. Sie war es auch. Und sie hatte eine Chance, ihn davon zu überzeugen, das Bohrvorhaben zu drosseln. Quisvada schwamm außerdem im Geld, und obwohl sie es verabscheute, wenn jemand seinen Reichtum zur Schau stellte, war sie neugierig darauf, wie Leute wie er lebten. Und davon abgesehen hatte sie Herausforderungen schon immer geliebt. Sie hatte Lust verspürt, ihre Heimat zu verlassen und sich in der weiten Welt zu beweisen. Sie würde Quisvada dazu bringen, ihr zuzuhören.

Nachdem sie ihren Rucksack zurechtgerückt hatte, ging Eva weiter und überlegte dabei, warum ihr Herz so wild pochte. Schließlich hatte sie von dem Grafen nichts zu befürchten. Er war nicht einmal ihr Typ …

Kein Mann ist dein Typ.

Erneut blieb Eva stehen. Sie war viel zu warm angezogen und trug noch immer dieselben Sachen wie in Skavanga – einen dicken Pullover, Jeans und Stiefel. Den Winterparka hatte sie allerdings ausgezogen und am Rucksack festgeschnallt. Toll, eigentlich wären ein T-Shirt, Shorts und Sonnencreme angebracht gewesen!

Sie hätte nicht hierher kommen müssen, wenn der Graf vernünftiger gewesen wäre. Oder war sie etwa den weiten Weg gereist, weil sie tief in sich wusste, dass dies ihre letzte Chance war, was Männer betraf?

„Aber warum sollte ich das denken?“, rief sie und blickte sich dann schuldbewusst um, um sich zu vergewissern, dass niemand sie gehört hatte. Es hieß, wie sie befand, als sie weiterging, dass Graf Roman Quisvada die Selbstsicherheit eines Mannes ausstrahlte, der gut im Bett war … Diese Erkenntnis musste sie jetzt erst einmal verarbeiten.

Eva musste sich eingestehen, dass sie sexuell nicht besonders erfahren war. Nur wenige Male war sie einem Mann nähergekommen, und es hatte in ihr nicht den Wunsch nach mehr geweckt. Sie verschreckte die Männer. Wenn ein Mann nicht von Anfang an schwach war, dann spätestens, wenn sie mit ihm fertig war. Und zum Experimentieren war sie inzwischen zu alt. Der Zug war abgefahren. Doch es spielte auch keine Rolle, denn sie hatte einfach kein Interesse an Sex.

Bis sie dem Grafen begegnet war.

Eva ließ den Rucksack zu Boden gleiten und stützte die Hände auf die Knie, um Atem zu holen. Als sie sich wieder aufrichtete, betrachtete sie das Tor zum Anwesen des Grafen. Es war hoch, aber nicht unbezwingbar. Nachdem sie ihren Rucksack auf die andere Seite geworfen hatte, kletterte sie fast mühelos darüber. Im Dorf hatte sie erfahren, dass wegen der Hochzeit wohl kaum jemand zu Hause sein würde, was ihr nur recht war. So konnte sie sich ein wenig umsehen, bevor der Graf zurückkehrte.

Eva entdeckte einige Überwachungskameras, aber es wurde kein Alarm ausgelöst. Schnell schritt sie die breite, beeindruckende Auffahrt entlang, die von schattenspendenden Zypressen gesäumt war. Der weiße Palast mit den zahlreichen Türmen und Zinnen, die sich gestochen scharf gegen den strahlend blauen Himmel abhoben, erinnerte sie an ein Märchenschloss. Üppige Bougainvilleen rankten an den hellen Mauern empor und rahmten die Fenster und die große Eingangstür. Während in Skavanga Grautöne vorherrschten, sprachen die intensiven Farben hier Evas Sinne an.

Auch der Garten mit den vielen unterschiedlichen Sträuchern und Stauden war wunderschön. Eva fragte sich, wie viele Angestellte der Graf wohl hatte. Wahrscheinlich besaß er auf der ganzen Welt Domizile wie dieses. Bestimmt bedeuteten sie ihm alle zusammen nicht halb so viel wie die einfache Blockhütte am See Eva und ihren Schwestern. Solange Eva sich erinnern konnte, hatten sie ihre Ferien dort verbracht. Wenn sie an die Dinge dachte, die sie und ihr Wesen ausmachten, und an die Statussymbole des Grafen, wurde ihr klar, dass sie beide unterschiedlicher nicht hätten sein können.

Vor der imposanten Eingangstür angelangt, betätigte Eva den schweren Türklopfer.

Stille.

Sie beschattete die Augen mit der Hand und blickte durch die Glasscheibe. Der Palazzo wirkte verlassen. Während sie ihr Halstuch abnahm und sich damit die Schweißperlen von der Stirn wischte, überlegte sie, was sie jetzt tun sollte.

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