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Feuersturm

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. DANKSAGUNG
  5. KAPITEL EINS
  6. KAPITEL ZWEI
  7. KAPITEL DREI
  8. KAPITEL VIER
  9. KAPITEL FÜNF
  10. KAPITEL SECHS
  11. KAPITEL SIEBEN
  12. KAPITEL ACHT
  13. KAPITEL NEUN
  14. KAPITEL ZEHN
  15. KAPITEL ELF
  16. KAPITEL ZWÖLF
  17. KAPITEL DREIZEHN
  18. KAPITEL VIERZEHN
  19. KAPITEL FÜNFZEHN
  20. KAPITEL SECHZEHN
  21. KAPITEL SIEBZEHN
  22. KAPITEL ACHTZEHN
  23. KAPITEL NEUNZEHN
  24. KAPITEL ZWANZIG
  25. Über die Autorin

DANKSAGUNG

Ich danke den Damen des Ohio Writers Network für die Schokolade und ihre Unterstützung: Michelle, Linda, Melissa, Lisa, Rachel, Faith, Tracy und Emily.

Vielen Dank auch meinem Ehemann, der klaglos seinen Dienst als Muse durchlitten hat.

Und ich danke meiner Redakteurin Paula Guran für die Chance, ihren Rat und ihr enzyklopädisches esoterisches Wissen.

KAPITEL EINS

Tod und dazu ein Tröpfchen Magie.

Anya rümpfte die Nase, als sich die Ausdünstungen brennend in ihren Nebenhöhlen bemerkbar machten. Unweigerlich weckten sie den urtümlichen Kampf-oder-Flucht-Impuls im primitivsten Teil ihres Gehirns. Sie musste sich förmlich dazu zwingen, einen Fuß vor den anderen zu setzen, und ihre verschwitzten Finger spannten sich um den Griff ihres Arbeitskoffers. Jedem normalen Menschen hätte es freigestanden, vor diesen Gerüchen zu fliehen, aber Anya hatte keine Wahl. Sie war kein normaler Mensch. Und das hier war ihr Job.

In diesem Messiehaus roch es nach verbranntem Schinken, fettig und abstoßend. Der Gestank klebte an den Zeitungsstapeln auf dem Küchentisch, den gebündelten Ausgaben der National Geographic und den Kartons, die sich an den Wänden auf dem schwarzweißen Linoleum stapelten. Im Abwaschbecken lag Geschirr, überzogen von eingetrocknetem Spülmittel mit Zitronenaroma; der Mülleimer roch nach Kaffeesatz … doch all diese anderen Gerüche verblassten gegenüber dem Gestank, der durch die sich ablösenden Tapeten sickerte.

Ein Haufen Bullen drängelte sich an der Hintertür der Küche. Als hielte ein unsichtbares Hindernis sie davon ab, die Schwelle zu übertreten, verweilten die Uniformierten vor der Tür. Sie sprachen miteinander, leise und voller Anspannung. Von den gewohnten Witzeleien und dem üblichen Maulheldentum war nichts zu spüren. Sie schienen wie gelähmt, wollten den Tatort nicht verlassen, waren aber auch nicht bereit, das Haus zu betreten.

Jemand hatte das Fenster über der Küchenspüle einen Spalt weit geöffnet, sodass ein wenig Luft hereinkam. Anya streckte die Hand über dem Geschirr aus, um es weiter zu öffnen, in der Hoffnung, dass die hereindringende Luft den Gestank milderte. Ein schmieriger Belag auf der Scheibe verschleierte ihr Spiegelbild. Ihre latexumhüllten Finger hinterließen Streifen auf dem fettigen Glas. Trotz der Handschuhe erschauderte sie.

Anya legte den Kopf auf die Seite. Eine Strähne des kinnlangen, brünetten Haares rutschte über ihre bernsteinfarbenen Augen. Ihr Haar war vor einigen Monaten vollständig verbrannt und hatte nun das nervenaufreibende Stadium erreicht, in dem es noch nicht lang genug war, um es zu einem Pferdeschwanz zu binden. Mit der sauberen Hand strich sie es hinter ihr Ohr. Die Bewegung brachte einen kupfernen Halsring am Kragen ihres Schutzanzugs zum Vorschein. Der Metallsalamander ringelte sich um ihren Hals und hielt über ihrem Schlüsselbein seinen Schwanz umfangen, sodass seine beiden Enden ein V bildeten. Der Reif, pulsierend unter dem Einfluss seiner eigenen Präsenz, fühlte sich immer wärmer an als ihre Haut. In der Gegenwart des Todes war der Salamanderreif stets besonders aktiv; Anya war überzeugt, dass er den Tod ebenso deutlich witterte wie sie selbst. Für den Augenblick jedoch ignorierte sie ihn.

»Dachte mir, das würde Ihnen gefallen, Kalinczyk.« Captain Marsh stellte eine Kiste mit Werkzeug auf dem Küchentisch ab. Selbst in dieser erstickenden Enge trug ihr Vorgesetzter unter der offenen Jacke seiner Feuerwehruniform ein makellos gebügeltes weißes Hemd nebst Krawatte.

Anya zog die Brauen hoch. »Es stinkt, und sie denken automatisch an mich?«

Marshs mahagonibraune Züge verzogen sich zu einem schiefen Grinsen. »Hatte angenommen, dass es einige der anderen Brandermittler womöglich in Angst und Schrecken versetzt hätte.« Er verschränkte die Arme vor dem strahlend weißen Hemd. »Aber im Ernst … Wir dürfen bei dieser Sache kein Aufsehen erregen. Wir müssen Stillschweigen bewahren.«

Sie warf einen Blick auf die unordentliche, ärmliche Küche und runzelte die Stirn. An diesem Tatort deutete nichts darauf hin, dass Geheimhaltung geboten wäre. Trauer vielleicht … aber keine Geheimhaltung. Und sie war sicher, dass von den anderen niemand den scharfen Geruch der Magie wahrnehmen konnte, der für sie so unverkennbar war wie Ozon. »Vorgeschichte?«, fragte sie.

»Das Haus gehört einem zweiundsiebzigjährigen Mann, Jasper Bernard. Eine Nachbarin hat den Notruf alarmiert, weil sie merkwürdige Lichter gesehen und geglaubt hat, es wären Einbrecher im Haus.«

Mit einer Kinnbewegung deutete Anya auf den Küchentisch und sah Marsh fragend an. »Besitzt er denn irgendetwas, das es wert wäre, gestohlen zu werden? Irgendetwas, das man in diesem Saustall überhaupt finden könnte?«

»Tja, nun.« Marsh breitete die Hände aus. »Schätze, sie hat einfach nur befürchtet, dass hier irgendwas nicht stimmt. Die Polizei hat’s zunächst an der Vordertür versucht, aber ohne Erfolg. Alle Türen und Fenster waren verriegelt. Als sie dann mit den Taschenlampen durch eines der Fenster geschaut haben, erkannten sie Brandspuren im Wohnzimmer und sind eingedrungen.«

»Haben sie das Feuer gesehen?«

Marsh schüttelte den Kopf. »Nein, nur verkohlte Überreste und Asche. Das Feuer war längst ausgekühlt. Genau wie Bernard.«

»Woran ist Bernard gestorben? Rauchvergiftung?« Anya stellte sich den alten Mann tot auf seiner Couch vor, umgekommen durch ein Feuer, verursacht von einer vergessenen brennenden Zigarette. Unter all den Möglichkeiten zu sterben war das Ersticken im Schlaf nicht die schlechteste Art zu gehen. Anya hatte Schlimmeres gesehen. Wenn auch der offizielle Bericht des Leichenbeschauers, wie sie wusste, erst in einigen Tagen verfügbar sein würde, würden ihr doch ein paar vorläufige Informationen helfen, ihre eigenen Ermittlungen voranzutreiben.

Marsh rieb nervös mit der Handfläche an der Narbe, die sich über seinen kahlen Kopf zog. Der Mann zeigte sich selten beunruhigt, aber diese unbewusste Geste war Anya vertraut. »Nein.«

»Verbrennungen?« Anya zuckte innerlich zusammen. Es gab nur zwei Möglichkeiten, im Feuer zu sterben: Entweder man verbrannte oder man erstickte. Zu verbrennen war die schlechtere Wahl.

»Das sehen Sie sich besser selbst an.« Er zeigte mit dem Daumen auf die in sechs Füllungen unterteilte Kassettentür der Küche. Sie stand halb offen. Hinter ihr erstreckte sich nur kühler Schatten. »Da entlang.«

Der Lack hatte in der Hitze Blasen geworfen, die wie Pusteln unter ihren Fingerspitzen zerplatzten, als sie die Tür aufstieß und durchatmete, während sich ihre Augen an das Halbdunkel dahinter gewöhnten.

Das Wohnzimmer war eine echte Messiehöhle. An der Decke war die Glühbirne mit ihrem Sockel verschmolzen. Die mit von geschmolzenem Lack verklebten Fenster hatte man gewaltsam öffnen müssen. Graues Licht drang durch die schadhaften Jalousien herein und fiel auf Pressspanregalbretter, die sich bogen unter der Last unzähliger Bücher. Anya überflog die Titel, doch die meisten waren in für sie unverständlichem Latein geschrieben. Ein fleckiger, wollener Strukturteppichboden versank unter dem Dreck vieler Jahre, in denen er zu selten gesaugt worden war. Ungeöffnete Post lag in wirrem Durcheinander auf einem Buffet, und die Umschläge raschelten in der Zugluft, die doch nicht imstande war, den bitteren Gestank des Todes zu vertreiben.

So unordentlich der Raum auch erschien, aus forensischer Sicht war er erstaunlich intakt. Keine Brandspuren an den Wänden. Es war unwahrscheinlich, dass jemand in einem Raum, der so geringen Schaden genommen hatte, an Verbrennungen oder einer Rauchvergiftung zu Tode gekommen war. Nur an der Decke war ein wirbelförmiger Fleck, verursacht durch schwarzen Rauch, zu erkennen, der die geschmolzene Lampe über der Couch umgab.

Anya legte die Stirn in Falten. Vielleicht hatte der alte Mann einen Herzinfarkt erlitten. Vielleicht war er an Krebs gestorben. Oder an einer Arzneimittelüberdosis. Die Autopsie würde sicher eine Todesursache enthüllen, die nichts mit Verbrennungen oder Rauchvergiftung zu tun hatte. Eins war jedoch sicher: Hier hatte es schlicht kein Feuer gegeben, das groß genug gewesen wäre, um einen mobilen Erwachsenen ernsthaft zu verletzen.

Die abgewetzte Couch stand von Anya abgewandt vor dem offenen Kamin, dessen Verkleidung unter dem Gewicht einer wirren Sammlung verschiedenster Gegenstände abgesackt war: Ein Haufen Messingschlüssel hing wie Spinnenbeine über den Rand; ein Tiki-Gott überstrahlte sein vermülltes Reich; und da war noch ein stumpfes, angelaufenes Schwert mit einem kunstvoll verzierten, goldenen Heft. Rauch hatte eine Sammlung von Flaschen der verschiedensten Größen und Formen befleckt. Nun hatten sie alle die Farbe grauen Quarzkristalls, beinahe trüb genug, den Inhalt der Gefäße zu verbergen: schimmernde Knochen in einer Flüssigkeit.

Anya bekam eine Gänsehaut. Diese Gegenstände rochen nach Magie, nach Rost und Salz. Alte Magie. Anders als der frische Ozongeruch neu gewirkter Magie, den sie in der Küche wahrgenommen hatte.

Anya bahnte sich einen Weg zur Couch, um sich die Flaschen genauer anzusehen, und trat dabei fast auf die Überreste von Jasper Bernard.

Nicht, dass noch viel von ihm übrig gewesen wäre. Nur ein schmieriger schwarzer Brandfleck breitete sich vom mittleren Sofakissen bis zum Boden aus. Auf dem versengten Stück Teppich stand ein Paar Füße in schwarzen Socken und blauen Pantoffeln. Sie kniff die Augen zusammen und erkannte ein paar Fingerknochen der rechten Hand am Rand des Brandflecks, doch darüber hinaus war nichts von Jasper Bernard geblieben. Das Feuer hatte sich durch den Teppich gefressen und weiße Asche auf einem unversehrten Hartholzboden zurückgelassen. Vor den Schuhen stand unbeschadet ein Fernsehtisch nebst einem Mikrowellengericht auf seinem Menüteller. Hackbraten und grüne Bohnen, wie es aussah.

Sie wippte auf den Fersen und hauchte: »Heilige Scheiße.« Das war kein natürliches Feuer gewesen. Es war nicht einmal ein denkbares Feuer gewesen. Menschliche Körper brannten nicht so, nicht einmal, wenn sie mit Benzin übergossen und in einem Auto in Brand gesteckt wurden. Irgendwas blieb immer übrig. Nichts verbrannte restlos, nicht einmal im Ofen eines Krematoriums. Krematorien mussten die Überbleibsel nach dem Verbrennungsvorgang gewaltsam pulverisieren, um sie in die Urnen zu bekommen …

Wohin zum Teufel waren Bernards Überreste verschwunden?

Anya ging in die Knie und starrte ungläubig auf Bernards Füße. Durch ein Loch in einer Socke konnte sie rosafarbene Haut erkennen. Die extreme Hitze, die seinen Körper zu Asche verbrannt hatte, hatte sogar die Fusseln unter seinem perfekt erhaltenen Zehennagel nicht im Geringsten in Mitleidenschaft gezogen.

Hinter ihr stob unter Marshs Schritten Staub vom Teppich auf. »Ist es das, was ich vermute?«

Wenn es so war, dann war dies der heilige Gral der Brandermittlung. Sie gab sich ausweichend. Noch hatte sie nicht genug gesehen, um sicher zu sein. »Ich weiß es nicht genau. Wir müssen mehr Beweise sichern, aber es deutet alles darauf hin.«

»Auf was?«, drang er in sie und lehnte sich in seinen nunmehr staubigen, vormals mit Spucke polierten Schuhen nach vorn. Er wollte nicht derjenige sein, der es zuerst aussprach, derjenige, der als Erster den Schritt über die Klippe zu einer irrationalen Erklärung tat.

Sie schluckte und sprach so leise, dass die angestrengt lauschenden Uniformierten jenseits der Tür sie nicht hören konnten: »Spontane menschliche Selbstentzündung.«

Die anschließende Stille zog sich hin, und Anya konnte nicht fassen, dass sie es tatsächlich ausgesprochen hatte.

Marsh deutete auf die offenen Fenster. »Das haben die Uniformierten auch gesagt. Und das würde auch die Presse sagen, wenn sie davon erfährt.« Er blickte auf das Loch im Teppich hinab, auf die Stelle, an der einmal ein Mensch gesessen und sich darauf gefreut hatte, sein Fertiggericht zu verspeisen. »Widerlegen Sie es. Finden Sie heraus, was wirklich passiert ist.«

Anya wippte wieder auf den Fersen. Ihre Kehle fühlte sich trocken an. Es war zu früh, auch nur Spekulationen anzustellen, und sie hasste es, gedrängt zu werden. »Sir, bisher habe ich noch nicht einmal angefangen, irgendeine Theorie zu entwickeln …«

»Finden Sie eine vernünftige Erklärung für das hier. Nehmen Sie sich so viel Zeit und Mittel, wie Sie brauchen, aber sorgen Sie dafür, dass das verschwindet.« Sein Blick wanderte zum Fenster und hinaus zu der dunkel werdenden Skyline. Irgendwo dort draußen heulte eine Sirene. »Detroit braucht nicht noch mehr Gespenster.«

Marsh hatte recht. Anya aber starrte auf die Asche und dachte, dass Marsh nicht einmal ansatzweise wusste, was dort draußen alles ungesehen durch die Stadt streifte. Wenn irgendjemand wüsste, was sie wusste … Sie unterdrückte ein Schaudern. Gewöhnliche Leute hatten keine Ahnung von dem, was sich hinter der Fassade Detroiter Normalität verbarg.

Anya gehörte nicht zu den gewöhnlichen Leuten, so sehr sie es sich auch wünschte.

Ihr Blick wanderte zurück zu Bernards Flaschensammlung. Wie es schien, hatte auch er nicht zu den gewöhnlichen Leuten gezählt.

Knatternde Stimmen kündeten von einem Streit an der Küchentür. Marsh lugte durch die schiefen Fensterläden hinaus. »Die Presse ist hier«, murmelte er.

»Jetzt schon?«

»Der Ü-Wagen ist gerade bei den Streifenwagen abgestellt worden. Jemand muss ihnen einen Tipp gegeben haben«, grollte Marsh und ging zur Tür. »Kümmern Sie sich um den Tatort. Ich befasse mich mit der Presse.«

Sie nahm ihre Kamera aus dem Koffer und richtete sie auf die Tür. Begleitet vom Geräusch des Verschlusses sammelte sie in dem Licht, das durch die Jalousien hereindrang, ihre Gedanken, während sie den Ort des Geschehens umkreiste. Sie schloss die Stimmen aus, die in den Raum hineinquollen, und lauschte auf das Knarren der von der Hitze verzogenen Bodenbretter unter ihren Füßen, während sie Jaspers Chaos näher in Augenschein nahm. Darauf bedacht, dass der Bildausschnitt jedes neuen Fotos sich mit dem des vorhergehenden überschnitt, verschlang das Objektiv ihrer Kamera die Bilder eines traurigen, gewöhnlichen Lebens: aufgestapelte Rechnungen; eine Wanduhr mit nachleuchtenden Ziffern, die leise tickend die Zeit herunterzählte; eine Rolle Briefmarken; ein Karton voller alter Schallplatten, deren Vinyl in der Hitze wellig geworden war.

Ganz zu schweigen von den außergewöhnlichen Dingen, die sie mit der Kamera verewigte. Anyas Blick wanderte über die kunstvoll emaillierte Terrakottafigur eines Foo-Hundes mit einer gebrochenen Pfote; über eine Reißverschlusstasche aus Plastik, die mit antiken Münzen gefüllt war. Ein Zauberstab aus Marienglas, so lang wie ihr Unterarm und so schmal wie ihr Finger, ruhte auf einem abgenutzten Schreibtisch und glitzerte im letzten Sonnenlicht. In einer filigranen silbernen Flasche, so groß wie ihre Hand, steckte ein Stopfen, der an einer angelaufenen Kette befestigt war. In Anyas geschultem Blick waberten diese Gegenstände unter ihrer Staubschicht, pulsierten unter den Mysterien der Äonen und der ihnen innewohnenden Magie.

Anya lugte durch die Lücke zwischen den Fensterläden. Auf der Straße konnte sie Marsh ausmachen, der sich drohend vor einem Mann mit einer Minicam aufgebaut hatte. Im Hintergrund spannten Polizisten ein gelbes Absperrband. Der Mann mit der Minicam gab sich unbeeindruckt, wenngleich Schweiß aus seinem gegelten Haar über seinen Nacken auf sein kostspieliges Jackett tropfte. Anya glaubte, in ihm einen der Sprecher der Abendnachrichten zu erkennen.

Der Reporter musterte die Jalousien wie ein Bluthund, der eine Bewegung erahnte. Anya zog sich in den Schatten des Raums zurück, doch erst, als die Jalousien über die Oberfläche des Fensterbretts scharrten.

In Häusern aus dieser Ära waren marmorne Fensterbretter noch weit verbreitet – weißer, von schwarzen Streifen durchzogener Stein. Aber etwas an dem Muster erregte ihre Aufmerksamkeit, und so zupfte sie sacht an der Schnur der Jalousie.

Eine dünne Salzspur war auf das Fensterbrett aufgebracht und von dem sanften Wind kaum berührt worden.

Anya setzte eine sorgenvolle Miene auf. Sie war keine Hexe, keine Magierin, aber sie erkannte einen Bann, wenn sie ihn vor sich sah. Bernard hatte sich davor gefürchtet, dass etwas Magisches in sein Haus eindrang … obwohl es im Haus bereits haufenweise magische Gegenstände gab.

Es würde eine Ewigkeit dauern, diesen Tatort zu untersuchen und eine Ahnung davon zu bekommen, welches dieser Dinge sich Bernards Kontrolle entzogen haben mochte … so weit entzogen, um seinen Tod herbeizuführen.

Das Objektiv auf die Decke gerichtet, schoss Anya ein Bild von der Glühbirne über der Couch. Die Glühbirne beunruhigte sie. Bei jedem normalen Feuer hätte die Hitze das Glas zum Platzen bringen oder es zumindest verformen müssen. Im Zuge einer Verformung hätte sich das Glas in die Richtung verdrehen müssen, in der die Hitze am stärksten war, die Richtung, in der sich der Zündpunkt des Feuers befand.

Aber diese Glühbirne hatte sich geradewegs abwärts in Richtung Couch verformt. Wie eine Schweißperle auf der Nase eines Läufers war ein Stück Glas mitten im Herabrinnen erstarrt und deutete nun direkt auf Bernards spärliche Überreste.

Doch dort konnte das Feuer nicht entstanden sein. Es konnte einfach nicht.

Anyas Finger verkrampfte sich über dem Auslöser der Kamera, während sie den schmierigen schwarzen Fleck aus allen erdenklichen Winkeln fotografierte. Die Decke besaß einen vagen Glanz, beinahe, als wäre sie frisch gestrichen, und Anya musterte sie aus zusammengekniffenen Augen. In dem ganzen Haus war seit Jahren nichts gestrichen worden. Konnten das Reste eines Brandbeschleunigers sein? Irgendeine exotische Chemikalie, die nicht so sauber verbrannt war, wie es Benzin oder Propan getan hätten?

Der gleiche Glanz fiel ihr auf der Unterseite des Fernsehtischs auf. Blinzelnd musterte sie die Stelle, berührte sie. Sie war noch warm und roch nach Kerzenwachs und rohem Fleisch. Einigermaßen verblüfft erkannte sie, dass dies die Quelle des außergewöhnlichen Geruchs war, den sie beim Betreten des Hauses wahrgenommen hatte. Dieselben Rückstände, die auch die Küchenfenster bedeckten und sich wie ein Film über die verputzten Wände gelegt hatten. Doch es war kein Brandbeschleuniger, jedenfalls nicht im üblichen Sinne.

Fett. Es war Bernards verbranntes Körperfett, das verdampft war und sich auf die Umgebung niedergeschlagen hatte.

Anyas Magen geriet in Aufruhr. Von derartigen Dingen hatte sie bisher nur in Lehrbüchern gelesen. Das Phänomen nannte sich »Dochteffekt« und besagte, dass ein menschlicher Körper theoretisch stundenlang brennen und das Feuer durch sein eigenes Fett speisen könnte. Theoretisch.

Aber wo war der erste Funke hergekommen? Was konnte den Mann überhaupt in Brand gesetzt haben?

Ihr Blick glitt über den Teller mit dem nicht angerührten Essen und weiter zum Kamin. Es war ein Gebot der Logik, diesen Ort genauer in Augenschein zu nehmen. Sie ließ sich auf alle viere herab und richtete ihre Taschenlampe auf den Feuerraum. Durch die Handschuhe fühlten sich die Steine des Kamins kälter an als der Fernsehtisch, der näher an den Überresten des Mannes stand.

Nein, der Kamin war nicht die Brandquelle. Aber sie roch die bitteren Ausdünstungen von Magie, stärker als bisher. Nachdem sie den Zustand von Feuerraum und Abzug sorgfältig mit der Kamera dokumentiert hatte, nahm sie eine Zange aus ihrem Koffer und stocherte in der schwarzen Asche am Boden der Feuerstelle herum.

Hier war haufenweise Papier verbrannt worden. Fragmente flatterten unwiederbringlich davon. Anya war erstaunt, dass Bernard überhaupt je etwas entsorgt hatte. Was immer es gewesen war, seine Zerstörung musste ihm wichtig gewesen sein. Sie zupfte die Ecke eines Umschlags vom Feuerrost und musterte sie nachdenklich. Wie es schien, hatte Bernard sogar seine Werbepost gehortet. Mit einer Pinzette befreite sie einen grünen Papierfetzen aus den Resten des Briefumschlags.

Ein Scheck. Das Wasserzeichen war unverkennbar. In der linken, oberen Ecke war ein Schriftzug zu sehen: Wunder für die Massen. Und eine Adresse, die im Lagerhausbezirk von Detroit lag.

Sie legte die Fetzen in eine leere Farbdose, um sie dem Labor zur Analyse zu übergeben, und stocherte weiter in der Asche herum. Die Zange schlug gegen etwas, und sie hörte ein Klirren: Glas.

Anya zog den Hals einer zerbrochenen Flasche vom Kaminrost. Er war kohlschwarz und kleiner als der einer Weinflasche und besaß einen kunstvollen, silbernen Verschluss. Was immer sich im Inneren verbarg, war unter der verkohlten Schicht Oberfläche nicht erkennbar. Anya hielt die Bruchstelle ins Licht.

Sie hatte mit einem leeren Gefäß für Wasser oder Wein gerechnet. Vielleicht auch mit einem gläsernen Gefängnis für konservierte Knochenfragmente wie jenen auf dem Kaminsims. Doch als sie hineinsah, war es, als blicke sie in eine Druse: funkelnde Quarzkristallzähne, vom Feuer obsidianschwarz eingefärbt, schimmerten vor ihren Augen.

Etwas zuckte an ihrer Kehle. Anyas Hand glitt hinauf zu dem Metallreif um ihren Hals. In dem Metall regte sich etwas Warmes, löste sich von ihrer Haut. Zierliche Amphibienzehen spreizten sich und marschierten über ihre Schulter, als das Metall knisternd ein lebendes Wesen freigab. Sodann sprang ein Elementarwesen in Form eines Salamanders zum Kamin hinunter und knurrte die magiegetränkte Flasche im Feuerraum an. Seine Zunge schoss in den schwarzen Kaminraum, und er erglühte in einem bernsteinfarbenen Licht.

»Sparky«, zischte sie. Sie musste nicht befürchten, dass Marsh oder irgendjemand anderes ihn sehen könnte. Für gewöhnliche Menschen war Sparky unsichtbar, und es gab nur drei Gelegenheiten, zu denen Sparky sich die Mühe machte, wach zu werden: wenn etwas seinen übernatürlichen Marotten entgegenkam, wenn Geister in der Nähe waren oder wenn Gefahr drohte.

Anya schluckte. Als hätte sie es mit radioaktivem Abfall zu tun, legte sie die Überreste der Flasche auf den Kaminsockel. Sparky stolzierte auf sie zu, und seine fedrigen Kiemenwedel flatterten, während seine Zunge über die verkohlte Oberfläche schnellte.

Anya hielt den Atem an und beobachtete Sparkys Reaktion. Sie wusste, dass auch er die Magie witterte, aber sie wusste nicht, wie gefährlich diese zerbrochene Flasche tatsächlich war. Nach allem, was sie bisher herausgefunden hatte, mochte es sich um eine magische Zeitbombe handeln … eine Bombe, die Jasper Bernard hochgejagt hatte. Eine Bombe, die immer noch aktiv sein mochte.

Sparky machte kehrt und präsentierte dem Ding das gefleckte Hinterteil. Herablassend scharrte er mit den Hinterpfoten in der Asche, beinahe, als wäre er eine Katze, die ihre Hinterlassenschaften im Katzenklo verscharren wollte.

Anya verdrehte die Augen. Der Salamander konnte nicht sprechen, doch er schaffte es mühelos, sich Ausdruck zu verleihen. Vielleicht ging von der Flasche gar keine Gefahr aus; vielleicht ging es dem Elementargeist lediglich darum, sich bemerkbar zu machen und ihr auf die Nerven zu fallen.

Oder … Anya sah sich im Zimmer um, betrachtete erneut den öligen, schwarzen Fleck, der einmal Jasper Bernard gewesen war.

Dann sagte sie flüsternd: »Bist du immer noch hier, Bernard?«

Vielleicht hatte Sparky etwas ganz anderes wahrgenommen, das ihn aus dem Schlaf gerissen hatte. Vielleicht war Jasper Bernard nicht friedlich ins Jenseits übergetreten und hing immer noch hier herum. Sollte das der Fall sein, so könnte sie mit ihm reden und ihm die Wahrheit darüber entlocken, wie er es fertiggebracht hatte, sich in dieser Ebene der Existenz ganz einfach aufzulösen und nur seine Füße samt den Schuhen zurückzulassen.

Ein durchsichtiges Rund wallte in dem öligen Fleck auf: ein kahler Kopf mit bebrillten Augen. Anya bemerkte, dass die Brille auf einer Seite nur von einem Stück Isolierband zusammengehalten wurde.

»Jasper Bernard?«, fragte Anya mit leiser Stimme. Sie wollte ihn nicht erschrecken. Gerade erst Verstorbene waren gewöhnlich so schreckhaft wie Wildkatzen, und sie nahm an, dass Bernard da keine Ausnahme bildete. Sie fühlte, wie Sparky an der Rückseite ihrer Beine entlangglitt, und trat ihm auf den Schwanz, um ihn davon abzuhalten, auf den Geist zuzukriechen und ihn in die Flucht zu schlagen.

»Man nennt mich Bernie. Sie … Sie können mich sehen?«

»Ja, ich kann Sie sehen.«

Die phosphoreszierenden Augen zuckten nach rechts und links, und Panik machte sich in seiner Stimme bemerkbar. »Die Polizisten haben mich nicht gesehen. Die Feuerwehrleute haben mich nicht gesehen. Wieso können Sie mich sehen?«

Anya kauerte sich neben dem Fleck auf den Boden, und ihr war bewusst, dass Sparky angespannt neben ihr verharrte. »Ich bin eine Art Medium. Ich kann Geister sehen und mit ihnen reden.«

Bernie musterte sie prüfend aus zusammengekniffenen Augen. »Ich bin schon Medien begegnet. Sie sind mehr.«

Anya nagte an ihrer Unterlippe. Sie sollte Bernie nicht in Panik versetzen, aber sie hatte auch keine Zeit, sich eine plausible Lüge einfallen zu lassen. »Ich bin eine Laterne. Geister werden von mir angezogen.« Den anderen Teil ließ sie bewusst aus, den Teil, der besagte, dass es sie kaum einen Atemzug kosten würde, die verbliebenen Reste seines Geistes zu vernichten. Geister kamen zu ihr wie Motten zum Licht, und wenn es nötig war, dann verbrannte Anya sie zu Asche.

Die furchtsamen Augen musterten den Salamander über den Rand der Bifokalgläser hinweg. »Ist das das, was ich denke?«

»Äh … das ist Sparky. Er ist mein Freund.« Und mein Freund würde dich gern zum Mittagessen verspeisen.

Sparky knurrte den Geist an.

»Ein Salamander? Wie haben Sie es geschafft, so eine Kreatur zu zähmen?« Nun schlich sich ein neugieriger und leicht neiderfüllter Ton in die Stimme des Geistes.

»Ich, äh … ich habe ihn schon seit meiner Kindheit.« Auch hier erzählte sie ihm nicht die ganze Wahrheit, aber die musste Bernard auch nicht erfahren. Außerdem konnte man Sparky nicht ernsthaft als »zahm« bezeichnen. Anya beäugte ihn argwöhnisch. »Was wissen Sie über Salamander?«

Bernies Finger erhoben sich über den öligen, schwarzen Rückständen. »Ich bin so etwas wie ein Sammler.«

Anya sah sich zu den Flaschen auf dem Kaminsims um. »Ein Sammler?«

»Ich handle mit magischen Artefakten.«

Beschützerisch schob Anya eine Hüfte vor Sparky. »Darum stinkt es hier so nach Magie.«

Hochmütige Brauen ruckten über der Brille aufwärts. »Mein Haus stinkt nicht.«

»Bernie.« Anya kauerte sich vor den Geist und achtete darauf, den öligen Fleck nicht mit den Knien zu berühren. Bernie hatte die Erkenntnis seines Todes möglicherweise noch nicht gänzlich verdaut, und sie wollte die Überreste seiner Persönlichkeit nicht ins Trudeln bringen, ehe sie ihm einige nützliche Informationen entlockt hatte. »Ist Ihnen so etwas zugestoßen? Schadmagie?«

»Ich erinnere mich an … Feuer.« Bernies Unterlippe sackte herab und glitt allmählich von seinem Gesicht. Die Wucht der Erinnerung sorgte dafür, dass der Geist sich Stück für Stück auflöste.

Sie musste schnell handeln. »Erinnern Sie sich, was das Feuer ausgelöst hat?«, drang Anya in ihn. »Haben Sie etwas im Kamin verbrannt. Haben Sie geraucht?«

Trotz Bernies Beschäftigung mit magischen Objekten riet Anyas Erfahrung ihr, zunächst nach einer banalen Erklärung zu suchen.

Der Geist schüttelte den Kopf. »Das war nicht ich. Das war sie.« Die Augen hinter der Brille verdrehten sich aufwärts. »Moment. Wenn Sie mich sehen können, kann sie mich dann auch sehen?«

»Wer?«

Geisterhafte Finger erschienen am Rand des Brandflecks, und Bernie blickte zur Decke hinauf. »Oh, Scheiße …«

Die Decke öffnete sich, und ein Luftwirbel schraubte sich hinab, kalt wie der Odem des Winters. Der Wirbel berührte nichts von der physischen Umgebung, sondern griff direkt nach Bernie, so sicher wie ein Kind, das in einer Spielzeugkiste nach seinem Lieblingsteddy suchte. Wie eine Marionette an ihren Fäden wurde Bernies geisterhafter Leib aus dem Boden gezerrt. Sein geisterhafter Körper, angetan mit Pyjama und einem Chenillehausmantel, schlug um sich, wehrte sich gegen die unsichtbare Kraft.

Anya stürzte voran und griff instinktiv nach dem Geist. Sparky packte knurrend Bernies Hosenbein mit den Zähnen. Der Salamander zog mit aller Kraft an ihm, bemühte sich, Bernie auf dem ruinierten Boden festzuhalten. Aber der alte Mann stieg auf wie ein mit Helium gefüllter Ballon, und Anya wusste nicht, wie lange sie ihn noch würden halten können. Ein säuerlicher, magischer Geruch, der an verdorbene Milch erinnerte, löste einen Würgereiz in ihrer Kehle aus.

Bernie trat in der Luft um sich, und seine Finger verkohlten. Geisterhafte Flammen züngelten unter dem Kragen seines Hausmantels, und der Chenillestoff ging in Flammen auf.

»Lassen Sie nicht zu, dass sie das Gefäß findet!«, brüllte Bernie.

Der Artefakthändler wurde Sparkys Zähnen entrissen und verschwand zischend im Äther. Das Loch in der Decke schloss sich und hinterließ dröhnende Stille im Raum.

Anya landete verdattert mit dem Hintern auf dem fleckigen Teppich. Eisige Luft entströmte ihrem Mund. Sie hatte in ihrem Leben schon Geister gesehen, die sich aufgrund eines Exorzismus aufgelöst hatten oder auch aus eigenem Antrieb, wenn sie beschlossen, ins Jenseits überzutreten. Aber etwas wie das, was soeben passiert war, etwas so Gewaltsames, hatte sie noch nie erlebt. Der Geist war verschluckt worden wie eine Ameise von einem Staubsauger, aber … wohin?

»Bernie«, rief sie im Dämmerlicht des Raumes.

Niemand antwortete.

Sparky watschelte zu dem Fleck auf Bernies kaputtem Teppich, umkreiste ihn zweimal und begann, mit den Hinterpfoten zu scharren, als wollte er etwas Totes verbuddeln.

KAPITEL ZWEI

»Es sah aus wie ein Barsch an der Angel … er hat gekämpft, wurde aber trotzdem einfach aus dem Wasser gezogen. Wohin weiß ich nicht.«

Anya starrte ihren Drink an. Auch in den milchigen Tiefen des White Russian sah sie immer noch die Bilder, wie Bernie in den Äther gerissen wurde.

Ihre Stimme hallte durch den Raum. Um diese Zeit war die Bar mit dem Namen Devil’s Bathtub fast leer. Die Bar, die in der Zeit der Prohibition eine illegale Kneipe gewesen war, verströmte mit ihrem polierten Tresen, auf dessen Außenseite ein Handlauf angebracht war, dem Originalgebälk und der klauenfüßigen Badewanne voller Wunschmünzen, die in der Mitte des Raums auf dem verschrammten Holzboden ruhte, noch viel von ihrem Zwanzigerjahre-Charme. Die Badewanne selbst war allerdings kein Original; das war vor einigen Monaten im Zuge eines vermurksten Exorzismus zerstört worden, als Anya unter einem schlimmen Fall dämonischer Besessenheit gelitten hatte.

Das Devil’s Bathtub barg auch heute noch gewisse Geheimnisse. Zwar gab es keine Schwarzbrenner mehr, die die Badewanne zur Herstellung von Gin missbrauchten, doch war das Lokal nun das Hauptquartier der »Detroit Area Ghost Researchers«, einer Gruppe paranormaler Ermittler, denen auch Anya angehörte, wenngleich nur widerwillig.

Sie waren an diesem Abend die einzigen Gäste. Jules, der derzeit hinter der Theke stand, führte die Gruppe mit gestrenger Autorität. Er trug noch immer die Uniform eines Zählerablesers aus seinem Brotjob. Auf seinem Kopf saß eine Baseballkappe der Detroit Tigers. Unter seinem Ärmel lugte ein tätowiertes Kreuz hervor. Seine ebenholzschwarzen Brauen zogen sich zusammen, als er Max, einen jungen Latino mit einer sackartigen Hose, beaufsichtigte, während dieser kleine Ballons mit Weihwasser aus einer Zwei-Liter-Flasche in Form einer Marienfigur befüllte.

»Lass die Finger von den heiligen Madonnenbrüsten.«

Max verdrehte die Augen und ließ die Finger auf den Brüsten. »Willst du, dass ich sie fallen lasse?«

»Erweise der heiligen Mutter Gottes ein wenig Respekt, ja?«

Max streckte die Zunge heraus und leckte an der Flasche. Jules versetzte ihm einen Schlag an den Hinterkopf, und der Junge jaulte auf.

»Entschuldige dich auf der Stelle bei der Madonna.«

»Tut mir wirklich leid, Madonna, dass ich deine heiligen Titten abgeleckt …«

Katie, die es sich an einem Tisch bequem gemacht hatte, schlug die Hand vor den Mund, um ein Kichern zu verbergen. Ihr Hexenbuch der Schatten, vollgekritzelt mit Bannzaubern und den Rezepten magischer Trünke, lag aufgeschlagen vor ihr. Als moderne Hexe benutzte sie winzige, farbige Klebezettel, um bestimmte Seiten zu markieren. Einer davon hatte sich erfolgreich in den langen Vorhang blonden Haares über ihrer Schulter geschlichen.

»Das ist nicht hilfreich, Katie«, grollte Jules.

»Hey«, gab die Hexe zurück, »sie ist nicht meine Göttin. Meine hat Sinn für Humor.«

»Siehst du?« Max wich einem weiteren Klaps von Jules aus. »Hekate mag es, wenn man ihre Brüste leckt. Isis auch. Oder wen auch immer Katie diese Woche anbetet … Hoffentlich ist es Isis. Hekate ist eine richtige Schreckschraube.«

Jules schnaubte verächtlich. Er war kein großer Freund von Hexerei, aber er tolerierte Katie als Mitglied des Teams, weil sie erfolgreich war … in jüngster Zeit sogar erfolgreicher als er mit seinen eigenen Methoden.

Katie warf einen Bierdeckel nach Max und erwischte ihn am Rücken.

»Au!«

»Hör auf, göttliche Damen zu beleidigen, die deinen dürren Arsch vor dem Bösen beschützen, oder ich verhexe dich. Dann sorge ich dafür, dass du bis zum Rentenalter für Frauen unattraktiv wirst«, beschied ihm Katie. Eine Hexe, mit der man sich nicht anlegen sollte.

»Die Hexe ist nicht so nachsichtig wie die Mutter Gottes.« Jules zog Max am Ohr und führte ihn zum Gläserspülen hinter den Tresen.

Die Weihwasserballons lagen am Ende der Theke wie verirrte Brustimplantate auf der Suche nach einem Heim. »Bereitet ihr euch auf einen Einsatz vor?«, fragte Anya.

»Ja.« Brian, Cheftechniker der DAGR, blickte von seiner Tastatur auf. In seiner Nische, umgeben von Kabeln und in das grüne Licht des Monitors getaucht, das sich in seinen Brillengläsern spiegelte, sah er eher wie eine Maschine aus als wie ein Mensch.

Aber Anya wusste es besser. Sie bewunderte seine Brustmuskeln, die in Bewegung gerieten, als er sich streckte. Sie und Brian waren die Sache langsam angegangen, doch manchmal reichte eine ganz absichtslose Geste wie diese, und ihr Herz tat einen Sprung.

Er sah, wie sie ihn musterte, und seine Lippen verzogen sich zu einem Grinsen.

Anya errötete und starrte wieder in ihr Glas.

»Ein typischer generischer Spuk, nehmen wir an«, erläuterte Brian. »Aber interessant, weil es sich um die vollständige Erscheinung einer Frau in moderner Kleidung handelt. Wir können keine Aufzeichnungen über irgendwelche verdächtigen Todesfälle in der Gegend finden … furchtbar langweilige Geschichte. Die Erscheinung will nicht reden und verrät den Eigentümern nicht, wer sie ist. Sie schreitet nachts durch die Flure, interagiert aber mit niemandem.«

»Ein Restspuk?«, fragte Anya. Manche Spukerscheinungen waren wie übernatürliche Endlosbänder, die immer und immer wieder die spirituelle Erinnerung eines Gebäudes abspulten, ohne dass sich hinter dem Spuk ein Bewusstsein verbarg.

»Vielleicht. Wir werden es herausfinden, wenn wir hingehen. In ein paar Tagen. Da es kein gewaltsamer Spuk ist, ist der Fall auf der Prioritätenliste weit nach unten gerutscht.«

Anya runzelte die Stirn. Die DAGR hatten in letzter Zeit arg unter Druck gestanden. Jules hatte sogar schon überlegt, weitere Mitglieder anzuwerben. Detroit musste mehr erdulden als nur die weithin bekannte ökonomische Malaise und die gestiegene Verbrechensquote. Etwas Tiefergehendes lastete auf der Stadt und nährte sich von ihrer verzagten Psyche. Die Anzahl der gemeldeten Spukerscheinungen und übernatürlichen Geschehnisse war sprunghaft in die Höhe geschnellt. Die Kneipen waren voller Leute, die einfach nicht wahrhaben wollten, dass es mit der Stadt immer weiter abwärts ging. Die Gefängnisse waren voller Häftlinge, die die Kontrolle verloren und sich dem Bösen ergeben hatten. Die Kirchen waren voller Büßer, die versuchten, sich von der Verzweiflung freizuwaschen. Und die Kartei der DAGR war voller Leute, die überzeugt waren, dass sie jenseits von all dem noch etwas anderes gesehen hatten. Und das, was sie gesehen hatten, versetzte sie in Angst und Schrecken.

Sparky hockte vor der Registrierkasse der Bar und schlug nach den Knöpfen, was die Kasse mit allerlei elektronischem Gepiepse belohnte. Er gluckste und knickte verzückt den Schwanz zur Seite, drückte erneut einige Tasten in zufälliger Reihenfolge, woraufhin die Kasse einen Papierstreifen ausspuckte, der sich über den Rand des Tresens kräuselte. Das Einzige, worauf der Salamander Einfluss nehmen konnte, von Anya selbst abgesehen, waren Energiefelder. Der Salamander liebte es, mit elektronischen Gerätschaften herumzuspielen. Anya hingegen fürchtete die unkalkulierbaren Folgen seiner Eskapaden.

Jules starrte zu ihr herüber. »Ist … ist es auf der Kasse?«

»Ja.« Anya wusste, dass außer ihr niemand ihn sehen konnte. Außer ihr und den Geistern. Und Tieren. Sparky jagte gern Katzen. Jules brachte allen nichtmenschlichen Wesen tiefe Abscheu entgegen. Dennoch bemühte er sich in jüngster Zeit, in Sparkys Gegenwart höflich zu bleiben, was Anya als Fortschritt in der Mensch-Salamander-Beziehung verbuchte.

»Du kannst ihn ruhig berühren, das macht ihm nichts.«

Jules strich vorsichtig mit der Hand über Sparkys Körper. Für die meisten Menschen war Sparkys Anwesenheit nur in Form eines veränderten Luftdrucks oder durch Temperaturschwankungen auszumachen.

Jules schüttelte den Kopf. »Ich spüre ihn nicht.«

»Ich zeig es dir.« Anya führte Jules kräftige Hand über Sparkys Brust. »Spürst du jetzt was?«

Jules runzelte die Stirn. »Nur … nur ein Kribbeln.«

Sparky schnaubte verärgert, da man ihn von dem Klingeln und Pfeifen der Registrierkasse abgelenkt hatte. Sein Schwanz peitschte über die Vorderseite von Jules Hemd.

Plötzlich heulte Jules Mobiltelefon. Er zuckte zurück, riss das Telefon aus der Tasche seiner Uniform und schleuderte es auf den Tresen, als wäre es eine lebendige Schlange. Rauch stieg von dem Gerät auf, ein statisches Rauschen erklang, und das Telefon ging aus. Jules Hände zitterten, ob aus Zorn oder Furcht konnte Anya nicht erkennen.

Gepeinigt verzog sie das Gesicht. »Das tut mir leid. Ich bezahle es.«

Sparky watschelte über den Tresen zu dem Mobiltelefon und leckte daran. Ein elektrischer, blauer Bogen entströmte dem dunklen Display.

»Vergiss es. Die Gemahlin nörgelt ohnehin schon die ganze Zeit, dass ich endlich ein Neues kaufen soll. Eins mit GPS, damit sie mir ständig auf der Spur bleiben kann«, grollte Jules und wischte sich die Hände am Geschirrtuch ab, als hätte er etwas Schmutziges berührt. »Aber halt das Ding vom Fernseher fern, zumindest, solange die Lions spielen.«

Anya schnitt eine Grimasse, nahm Sparky auf den Arm und legte den sich windenden Salamander auf ihrem Schoß ab, wo sie ihm das runde Bäuchlein rieb. Der Kleine hatte in jüngster Zeit zugelegt. Vielleicht hatte er von ein paar Geistern zu viel genascht. Sie redete ihm gut zu, während sie die fahlen Flecken auf seiner bernsteinfarbenen Unterseite rieb, und er krümmte sich vor Wohlgefühl. Jules musterte sie mit einem schiefen Blick und kaum verhohlener Abscheu.

Brian näherte sich argwöhnisch und nahm das Handy vom Tresen. Binnen Sekunden hatte er die Frontplatte abgenommen und stocherte in den winzigen kupfernen Innereien herum. »Interessant. Der Akku ist völlig leer. Ich meine … die Hauptplatine ist gebraten worden, aber das ist irgendwie cool …«

»Ich dachte, Geister würden dann und wann Batterien leersaugen«, sagte Anya.

»Sie können es jedenfalls. Videorekorderbatterien, Kamerabatterien. Es ist nicht ungewöhnlich, dass ein vollständig geladener Akku im Zuge von Ermittlungen den Geist aufgibt.«

»Wie kommt das?«, fragte Max, der auf Zehenspitzen hinter Brian stand und ihm über die Schulter blickte. Der Junge hatte sein Interesse für Elektronik entdeckt, und Brian hatte ihn unter seine technischen Fittiche genommen.

»Tja, die Theorie besagt, dass Geister irgendwie Energie anzapfen müssen, um sich zu manifestieren. Darum sinkt auch die Temperatur in Gegenwart von Geistern … sie saugen die Energie aus der Luft. Bei den Batterien von elektrischen Geräten verhält es sich etwa genauso. Manche Medien oder mediale Vampire können sogar Uhrenbatterien aussaugen.«

»Was ist denn ein medialer Vampir?«, fragte Max.

»Das sind Menschen, die von den Energiefeldern anderer Leute zehren«, sagte Jules. »So was wie Blutegel.«

Anya schlang die Arme um Sparky, der sogleich behaglich an ihrem Ohr rülpste. Sie rümpfte die Nase. Sparkys Atem roch nach Schwefel. »Sparky ist kein medialer Vampir.«

»Behaupte ich ja nicht. Aber er könnte Überlebensmechanismen haben, von denen wir bisher gar nichts wissen. Ich meine, du weißt ja nicht mal genau, wo er herkommt«, gab Brian zu bedenken.

»Meine Mutter hat ihn mir geschenkt«, sagte sie trotzig. Sollte er nur weitermachen. Das war ein steiniges Terrain für Brian, und das wusste er.

»Aber wo hatte sie ihn her?« Brian zog sich einen Barhocker heran.

Anya ließ sich das Haar ins Gesicht fallen. Es reichte ihr bis zum Kinn und war damit gerade lang genug, um sich dahinter zu verstecken. »Keine Ahnung. Er war einfach immer da. Meine Mom hat mir erzählt, dass er sich immer in meinem Stubenwagen zusammengerollt hat, als ich noch ein Baby war.«

Jules, in sicherer Entfernung auf der anderen Seite des Tresens, schnaubte vernehmlich. »Und ich bin schon nervös geworden, als meine Frau nur die Katze bei unserer Tochter hat schlafen lassen …«

»Kannst du deine Mutter nicht mal nach ihm fragen?«

Anyas Kiefermuskulatur spannte sich. Dieses Terrain hatte sie in der Beziehung bisher nicht betreten. Noch nicht. »Sie, äh, sie ist nicht mehr da.«

»Oh. Tut mir leid.« Brian musterte die feuchten Abdrücke, die seine Fingerspitzen auf dem glänzenden Tresen hinterließen, und zeichnete die Umrisse seiner Hände nach.

»Nicht nötig. Das ist schon lange her.« Anya schob die Finger unter Sparkys Achseln. Brian meinte, sie würde Sparky auf vielfältige Weise als Schmusedecke benutzen. Vielleicht hatte er recht. Aber sie brauchte den kleinen Kerl. Sonst brauchte sie im Grunde niemanden – nicht die anderen DAGR-Mitglieder, nicht einmal Brian. Aber sie war bereit, sich einzugestehen, dass sie Sparky brauchte.

Ein Rollstuhl quietschte auf dem polierten Boden neben dem Tresen. Ciro, der Eigentümer des Devil’s Bathtub, rollte an die Theke heran. Sein ebenholzschwarzes Gesicht war von Sorgenfalten geprägt. In seinen runzligen Händen hielt er ein Fotoalbum. Anya fiel auf, wie sehr diese Hände zitterten, als er ihr das Album reichte, dessen nach Mottenkugeln stinkende Seiten sich öffneten wie die Schwingen eines schweren Vogels.

»Das ist Bernie.« Ciro zeigte auf den verblassten Schnappschuss von einer Gruppe Männer in karierten Hosen und Hemden mit steifem Kragen. Nach dem Schnitt der Kleidung und dem Orangestich des Bildes zu urteilen, nahm sie an, dass die Aufnahme in den Siebzigern entstanden war. Im Hintergrund war eine Bowlingbahn zu sehen. Ciros zitternde Finger zeigten auf einen Mann mit langen Koteletten und einem kunstvoll getrimmten Schnauzbart. Schon damals hatte Bernie eine Brille getragen und eine Wampe vor sich hergeschleppt.

Anyas Blick wanderte über die anderen Gesichter auf dem Foto, und sie musste grinsen, als sie einen jüngeren Ciro neben dem Ballreiniger herumlungern sah. Anya fiel die angeberische Haltung auf – damals war er ein junger Mann gewesen, dem die ganze Welt zu den in Bowlingschuhen steckenden Füßen zu liegen schien. Und der junge Ciro hatte Haare. Haufenweise. Sein Afrolook, pingelig getrimmt wie eine Formschnitthecke, sprengte schier den Aufnahmewinkel.

»Hey, damals war das modern.« Eine Mischung aus Belustigung und Stolz flackerte in den Augen des alten Mannes.

»Das ist wieder modern, Ciro.«

Ciro rieb sich verlegen den kahlen Schädel und lächelte auf die attraktive Erscheinung seines jüngeren Selbst hinab. Den Bart trug er heute noch, aber die Afromähne war längst verschwunden. »Das Rad der Zeit und das Schwinden der Follikel hält niemand auf.«

»Hast du Bernie dort kennengelernt? In einer Bowlingliga?«

»Das war nicht irgendeine Bowlingliga. Das war die Liga der gewieften Ballkünstler. Drei Jahre lang waren wir die Champions der Liga, bis das halbe Team dann nach Vietnam geschickt wurde.«

»Habt ihr nach der Rückkehr auch noch gebowlt?« Anya wusste nicht, wie sie Ciro sonst entlocken sollte, wie viele von seinen Freunden überhaupt zurückgekehrt waren.

Der alte Mann zuckte mit den Schultern. »Ein paar von uns. Dann und wann. Aber es war nicht mehr das Gleiche.« Er tippte auf das Bild von Bernie. »Bernie war immer schon ein komischer Vogel, sogar damals. Obwohl das damals eine Zeit der … na ja, schätze, man könnte es die Ära der spirituellen Erkundung nennen …«

Max prustete los und tat, als rauche er einen Joint.

Ciro bedachte ihn mit einem giftigen Blick. »Das hab ich nicht gemeint. Ich meine, Bernie stand auf abgefahreneres Zeug als der Rest von uns. Und ich rede nicht nur von Drogen.«

»Wovon dann?« Anya beugte sich vor. Ciro war der Dämonologe der DAGR. Er hatte mehr Dämonennamen vergessen, als Anya je gekannt hatte. Wenn Ciro behauptete, jemand hätte auf abgefahrenere Dinge gestanden als er selbst, dann hatte das schon einiges zu sagen.

»Bernie war besessen von der Idee der Astralreisen. Außerkörperliche Erfahrungen. Er hat immer behauptet, er wäre schon überall auf der Welt gewesen.«

»Ich glaube nicht, dass Menschen auf die astrale Ebene vordringen können«, sagte Anya. »Ist das nicht das Gleiche wie das Jenseits?«

Ciro schüttelte den Kopf. »Du verwechselt den Weg und das Ziel. Das Jenseits ist ein Teil der astralen Ebenen, aber sie umfassen noch viel, viel mehr. Nicht jeder dieser Orte ist ein Paradies. Astralreisen führen uns zu Verbindungspunkten zwischen unserer Welt und jenen Ebenen … Abkürzungen, sozusagen.« Der alte Mann seufzte. »Aber im Allgemeinen hast du recht. Menschen gelangen dort nicht hin. Nicht, ohne einen schrecklichen Preis dafür zu bezahlen.«

Anya erinnerte sich an Bernies angstvolle Miene, als sein Geist aus dem Raum gezerrt worden war. »Das kann ich mir vorstellen.«

»Als Bernie gesagt hat, er würde die Ebenen bereisen, dachten wir, er wäre auf ’nem Trip. Aber ein- oder zweimal ist es ihm gelungen, stoffliche Gegenstände von seinen Reisen mitzubringen.«

Anyas Brauen krochen in Richtung Haaransatz. »Wirklich?«

»Kleinigkeiten. Chinesische Münzen, Kruzifixe … einmal tauchte er mit einem Stein wieder auf, von dem er behauptet hat, er stamme von einer archäologischen Ausgrabungsstätte in Ägypten. So ein Zeug eben. Diese Form des Apports ist in der metaphysischen Literatur nicht gänzlich unbekannt, aber fundierte Berichte sind heutzutage eine Seltenheit.«

»Er hatte einen Haufen Zeug in seinem Haus. Dinge, die nach Magie gerochen haben. Schwerter, Gläser mit Skeletten, Zauberbeutel …«

Ciro nickte bekümmert. »Demnach hat er sich nicht sehr verändert. Er hat Anfang der Achtziger angefangen, mit magischen Artefakten zu handeln. Herkunft oder Geschichte der Gegenstände haben ihn ebenso wenig interessiert wie die Leute, die sie kauften. Ihm ging es nur ums Geld. Manchmal hat er wirklich scheußliches Zeug angeschleppt … Einmal ist er mit einem Stück einer Rüstung aufgetaucht und hat geschworen, die hätte einmal einem Dämon gehört. Das Zeug hat nach dem Bösen gestunken. Ich hab ihm gesagt, er soll die Finger davon lassen, ehe er an etwas geriete, das seine Fähigkeiten übersteigt.«

»Wie hat er reagiert?«

»Er hat gesagt, er würde die Dinge, die er verkauft, schließlich nicht benutzen und hätte keine Beziehung zu ihnen, also könne ihm nichts passieren. Ich hab ihm gesagt, dass das nichts hilft. Manchmal stellen die Gegenstände selbst eine Beziehung her.«

Anyas Finger huschten zu dem Metallreif an ihrem Hals. Diese Art des Beziehungsaufbaus war ihr vertrauter als den meisten anderen Menschen.

Beziehungen waren, wie Anya inzwischen beschlossen hatte, nicht grundsätzlich eine schlechte Sache. Aber sie ging bei diesem Thema immer noch langsam und vorsichtig vor.

Zu vorsichtig, soweit es Brian betraf, was ihr durchaus bewusst war.

Brian steuerte seinen Van in die Auffahrt von Anyas winzigem, einstöckigem Haus. Es sah genauso aus wie alle Häuser an dieser Straße, abgesehen von dem mächtigen Ahornbaum im Vorgarten und der Tatsache, dass ihre Fensterläden grün waren. Alles andere war bei allen Häusern identisch, soweit das Auge die Straße entlangzublicken vermochte: ausgebleichte Verkleidungen, alternde Mauerziegel, schadhafte Dachschindeln und Rasenflächen von der Größe einer Briefmarke, beleuchtet vom Schein der Verandalampen. Das Frühjahr entlockte kantig geschnittenen Hecken und Bäumen ihre Blüten, doch es war noch zu früh im Jahr für den ersten Rasenschnitt.

Hier in Hamtramck, das im Stadtgebiet Detroits lag, lebte Anya schon seit ihrer Kindheit. Nicht in diesem Haus, aber das machte keinen großen Unterschied. Das Haus, in dem sie mit ihrer Mutter gelebt hatte, das Haus, in dem sie bei Onkel und Tante gewohnt hatte, und dieses besaßen allesamt die gleiche Aufteilung, sodass sie sich mit geschlossenen Augen hätte zurechtfinden können. Und sie alle standen im tröstlichen Schatten der mächtigen römisch-katholischen Kirche St. Florian. Dennoch waren die Dinge nicht mehr so wie in ihrer Kindheit. Heute trug der Wind mehr Müll zu den Maschendrahtzäunen, der nie wieder entfernt wurde. Mehr Feuerhydranten waren mit AUSSER BETRIEB-Schildern versehen. Keine Verkehrsströme führten mehr von und zu der inzwischen geschlossenen Autofabrik weiter unten an der Straße. Die Leute ließen ihre Verandabeleuchtung die ganze Nacht brennen, als könnte der schwache Lichtschein die Dunkelheit wenigstens teilweise in Schach halten. Als Anya klein gewesen war, hätte ihre Mutter dergleichen als Energieverschwendung betrachtet. Aber heute schien es irgendwie notwendig zu sein. Es war ein wirkungsloser Ausdruck der Hoffnung, wie Anya sehr gut wusste, dennoch war es eine instinkthafte Handlung. Menschen versammelten sich um das Licht wie um ein Lagerfeuer, um sich sicher zu fühlen.

Brians Atem beschlug die Scheiben des Vans. »Soll ich mit reinkommen?«

Anya dachte kurz über die Frage nach, und sie wusste, dass er ihr Zögern spürte. Das Pulsieren des Reifs an ihrem Hals fühlte sich träge an. Sparky schlief, also sagte sie: »Klar.«

Sie stieß die Tür auf, trat hinaus auf den rissigen Boden der Einfahrt und nahm ihre Schlüssel aus der Jackentasche. Brian ging zur Rückseite des Vans und wühlte in den Kabeln und Kisten seiner Geisterjägerausrüstung herum. Schließlich kam er mit einem Karton unter dem Arm um den Wagen gelaufen.

»Was hast du da?«, fragte sie.

»Ein Geschenk.« Er balancierte den Karton auf dem Oberschenkel, während sie die Tür entriegelte. »Eine Kleinigkeit für dein Haus.«

Anya runzelte die Stirn, auch wenn sie fand, dass ihre Raumdekoration durchaus verbesserungswürdig war. Verglichen mit Brians üblicher Umgebung, einem Vogelnest aus Kabeln und Elektroarkana, sah ihr Haus vermutlich recht spartanisch aus. Ausgestattet mit makellos sauberen Gebrauchtmöbeln war ihr Wohnzimmer der Inbegriff der Nützlichkeit. Anya gefiel es so. An den meisten Tagen kam sie aschebeschmutzt von der Arbeit nach Hause, und die Hartholzböden waren leicht zu reinigen. Sie war geradezu zwanghaft darauf bedacht, die Arbeit aus ihrer heimischen Zuflucht fernzuhalten, und Sauberkeit schuf die tröstliche Illusion von Ordnung, so wie die Verandabeleuchtung ihrer Nachbarn die Illusion von Sicherheit schuf.

Brian stellte den Karton vor dem Couchtisch ab.

»Was ist da drin?« Sie tänzelte zu ihm, und er legte den Arm um ihre Hüften.

»Ich hab ziemlich viel Zeit hier verbracht, daher …« Sein Kinn lag auf ihrem Kopf. »Ich hab mir die Freiheit genommen, dir einen Fernseher zu besorgen.«

Anya blinzelte. Dank Sparky hatte sie nur sehr wenige Elektrogeräte im Haus. Teufel auch, das kleine Wesen hatte ihre letzte Mikrowelle hochgejagt und vor ein paar Wochen einen elektrischen Dosenöffner in die ewigen Jagdgründe befördert. »Äh, ich hoffe, Sparky wird nicht …«

»Jagt er ihn hoch, jagt er ihn eben hoch.« Er küsste sie auf die Wange. »Aber in letzter Zeit hat er uns doch ziemlich in Ruhe gelassen.«

Anya lächelte, den Kopf an Brians Brust gelehnt. Ein bockiger Salamander konnte schon eine ernsthafte Herausforderung für eine Beziehung darstellen. Sparkys Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, das sich meist in den unpassendsten Momenten zeigte, war in ihren früheren Beziehungen zu einem ernsten Problem geworden. Es war wirklich nicht einfach, in Stimmung zu kommen, während ein unsichtbarer Salamander maulend am Fuß des Betts hockte. Aber Sparky schien derzeit nicht gar so bedürftig zu sein. Letzte Woche hatte der Salamander Brian und Anya sogar gestattet, zusammengekuschelt auf der abgenutzten Samtcouch zu schlafen, ohne die beiden zu stören.

Anya war immer noch ein wenig unsicher, wenn es darum ging, sich auf einen anderen Menschen einzulassen. Jeder Mensch, den sie geliebt hatte, war aus ihrem Leben verschwunden. Und sie wollte nicht, dass es bei Brian auch so kam. Er war zu wichtig für sie, und sie hatte Angst, die Sache zu vermasseln.

Sie fühlte Brians Atem an ihrem Kopf, fühlte, wie seine Arme steif wurden und sein Kinn kaum wahrnehmbar zurückwich. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie immer noch nach Arbeit roch: nach Tod und Magie und dem fettigen Fleck auf Bernies Boden. Der übernatürliche Schmutz kribbelte auf ihrer Haut.

Sie wich zurück, stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste Brians Oberlippe. An der linken Seite seines Mundes war eine kleine Narbe, nach deren Herkunft sie ihn nie gefragt hatte, die sie aber zu gern spürte. »Lass mir etwas Zeit, mich zu waschen.«

»Nur, wenn du versprichst, dass du zurückkommst.«

Sie löste sich von ihm und ging durch den dunklen, nach Zitronenholzpolitur riechenden Flur in das kalte Weiß des gefliesten Badezimmers. Ein Dutzend gelbe Entchen starrten sie aus ihren Cartoonaugen von einem Regalbrett aus an, als sie sich entkleidete. Der Salamanderreif blieb, wo er war; sie nahm ihn nie ab. Nicht einmal als Kind hatte sie ihn je abgelegt.

Noch als sie die Tür schloss, zog sie sich das Shirt über den Kopf und rümpfte die Nase. Ihre Kleider rochen nach verbranntem Schinken. Geistesabwesend strich sie über die Narbe an ihrer Brust, Reste einer Brandwunde. Weißes, glänzendes Narbengewebe breitete sich sternförmig über ihrem Herzen aus und dunkelte nur allmählich nach. Das war kein gewöhnliches Brandmal – dies hatte ihr ein Dämon hinterlassen, ein Dämon, der sie beinahe das Leben gekostet hätte. Das hätte nie passieren dürfen. Ein gewöhnlicher Dämon hätte ihr nicht antun können, was Lilitu ihr angetan hatte. Eine Laterne konnte Geister und Dämonen nach Gutdünken verschlingen, konnte sie verbrennen und vernichten. Aber Lilitu war eine Ausnahme gewesen.

Aber es geschahen viele Dinge, die nicht passieren sollten; unvorhersehbar wie der Fettfleck, der einmal Jasper Bernard gewesen war, und der nun auf dem Boden seines Wohnzimmers klebte.

Anya drehte das heiße Wasser auf und trat in den Strahl. Sie hielt den Kopf ins Wasser und versuchte, das Bild aus ihrem Geist zu waschen. Ihre Zehen kitzelten die Brust einer gelben Gummiente, die um den Abfluss kreiste. Diese Ente war eine dämonische Ente mit finsterer Miene, roten Hörnern und einem roten Plastikschwanz, der sich über ihren Rücken krümmte.

Sie schloss die Augen und fühlte, wie das heiße Wasser über ihre Lippen troff. Sie rieb sich mit dem nach Mandarinen duftenden Duschgel ein, dem sie eine Hand voll Salz folgen ließ. Sie rieb, bis die Haut sich rot färbte. Vielleicht war sie nicht in der Lage, das Bild wegzuspülen, aber sie konnte zumindest den Gestank abwaschen. Sie konnte sich von all dem Tod und der Magie reinwaschen und so tun, als wäre sie ein normaler Mensch, der einen normalen Abend mit einem normalen Mann verbringen wollte.

Einer ihrer Mundwinkel zuckte aufwärts. Das war es, was sie an Brian am meisten liebte: Er war normal. Ein sturer Nichtmagier und skeptisch obendrein. Während sie nach unsichtbaren und unberührbaren Dingen roch, nach Geistern und Feuer, war das, womit Brian sich befasste, solide, greifbar. Schaltungen. Maschinen. Der kalte Geruch von Metall und Silikon. Alles war auf Nullen und Einsen reduziert, auf binären Code, auf an oder aus. Diesem Wissen haftete etwas Tröstliches an, dem Wissen, dass er Dinge fest im Griff hatte, die unwiderlegbar real waren.

Jemand musste das tun.

Sie rubbelte sich das Haar mit dem Handtuch ab. Ganz gleich, wie sehr sie auch schrubbte, ein leichter Brandgeruch ließ sich einfach nicht vertreiben. Es war kein unangenehmer Geruch; ein Hauch von Holzrauch. Vor einigen Monaten hatte sie sich das Haupthaar bei einer Begegnung mit einem von Sparkys Verwandten verbrannt und beinahe auch sich selbst in einen Haufen Asche verwandelt.

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