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Feuerprobe der Liebe

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PROLOG

Stockholm, Schweden 1653

Was ist los, Vater? Schlechte Neuigkeiten?“, fragte Jakob.

Statt zu antworten, starrte James Balston nur weiterhin auf den Brief in seiner Hand.

Jakob fühlte wachsendes Unbehagen. Auch seine Mutter bemerkte, wie eigenartig ihr Mann auf den Brief reagierte. Margareta ließ ihre Stickarbeit sinken und wartete darauf, dass James etwas sagte. Dabei zeigte sich eine Sorgenfalte zwischen ihren Brauen.

„Andrew ist tot“, sagte James. Er sprach Englisch, ein Zeichen dafür, wie schwer der Schock war, den er erlitten hatte.

„Förlat?“ Verwirrt blickte Margareta ihren Sohn an. Obwohl sie seit achtzehn Jahren mit James verheiratet war, sprach sie noch immer nur wenig Englisch. „Vad sade han?“

„Andrew är död.“ Mechanisch wiederholte Jakob die Worte seines Vaters auf Schwedisch.

„Äh nej!“ Seine Mutter erbleichte.

Das Ausmaß ihrer Verzweiflung überraschte Jakob. Schließlich war keiner von ihnen seinem Cousin Andrew jemals begegnet.

Doch plötzlich begriff er. Durch Andrews Tod war James Balston der nächste Erbe seines Vaters, eines englischen Viscounts. Sie alle würden nach England gehen müssen. Kein Wunder, dass seine Mutter so entsetzt war.

„Müssen wir sofort abreisen?“, fragte er.

„Nein!“ Margareta holte tief Atem und schien sich dann zur Ruhe zu zwingen. „Wir werden das tun, was du für richtig hältst“, sagte sie zu ihrem Gemahl.

„Übermäßige Eile ist nicht geboten“, beschwichtigte James schnell. „Soweit ich weiß, erfreut sich mein Vater bester Gesundheit. Aber wir müssen einige Vorbereitungen treffen. Gustaf!“ Er hob die Stimme. „Gustaf! Brigitta, sag deinem Bruder, dass ich mit ihm reden will.“

Am anderen Ende des Zimmers spielten Jakobs Bruder und seine Schwester an einem kleinen Tisch Schach. Beim Ruf ihres Vaters hatte nur Brigitta den Kopf gehoben, Gustaf hingegen war noch ganz in die Betrachtung des Schachbretts versunken. Brigitta stieß ihn an die Schulter.

Überrascht blickte er auf, und sie sagte: „Vater hat dich gerufen.“

„Verzeihen Sie, Sir“, entschuldigte sich Gustaf. „Ich war in das Spiel vertieft.“

„Ich verstehe“, erwiderte James, und ein leichtes Lächeln erhellte seine Züge. „Doch jetzt ist es an der Zeit, dass du dich in die Arbeit vertiefst.“

Jakob bemerkte, wie die Augen seines Bruders zu glänzen begannen. „Darf ich mit dir und Jakob zusammen ins Kontor?“

„Ja.“ James legte den Brief zur Seite und betrachtete nachdenklich seine beiden Söhne. „Euer Cousin Andrew ist tot“, sagte er zu Gustaf. „Das bedeutet, dass ich eines Tages nach England zurückkehren muss und Jakob mitnehmen werde. Ich hatte gehofft, dass ihr zwei eines Tages als gleichberechtigte Partner mein Geschäft hier in Schweden übernehmen würdet. Allerdings haben sich die Umstände geändert.“ Er hielt inne und presste die Lippen zusammen, als er die Bedeutung dieser Veränderungen überdachte.

Jakob lauschte interessiert und einigermaßen gespannt bei der Aussicht auf das Abenteuer, das vor ihnen lag. Seiner Mutter gefiel die Vorstellung, in einem fremden Land zu leben, nicht sonderlich; solange sie jedoch ihre Familie um sich haben konnte, würde sie darin Trost finden, und es würde ihr leichter fallen. Jakob selbst war begierig darauf, sich der Herausforderung zu stellen.

„Eines Tages wird Jakob den Titel und die Besitztümer in England erben“, fuhr James fort. „Wenn er sein Erbe pflichtgemäß antritt, dann wird England sein ständiger Wohnsitz. Hier in Schweden wird er keine geschäftlichen Aufgaben übernehmen können.“

Enttäuschung dämpfte plötzlich Jakobs Begeisterung für sein neues Leben. Er arbeitete gern mit seinem Vater zusammen und versuchte zu zeigen, dass er ein ebenso erfolgreicher und gerissener Kaufmann war wie James. Nur ungern würde er diesen Teil seines Lebens hinter sich lassen.

„Morgen beginnst du, mit mir zu arbeiten“, sagte James zu Gustaf. „Damit du alles lernen kannst, was du wissen musst, dürfen wir keine Zeit verlieren. Was dich betrifft, Jakob“, er sah seinen älteren Sohn an, und in seinem Blick lag eine seltsame Mischung aus Stolz und Resignation, „so musst du nun andere Wege einschlagen. Du wärest ein ausgezeichneter Kaufmann geworden – nur wie es scheint, hat das Schicksal für dich etwas anderes bestimmt.“

1. KAPITEL

London, The Strand
Sonnabend, den 1. September 1666

Lady Desirée Godwin stand in der Mitte des Dachgartens und begutachtete das Ergebnis ihrer nachmittäglichen Arbeit. Dieses kleine Paradies war ihr Reich und ganz allein von ihr erschaffen worden. Die Dienstboten achteten darauf, dass die Zisterne für sie gefüllt war, und bald würden die Träger ihre Orangenbäume ins Gewächshaus bringen, um sie vor dem ersten Frost zu schützen. Doch die übrige Arbeit verrichtete sie ohne fremde Hilfe.

Jetzt am frühen Abend war die Luft erfüllt von der schwülen Hitze des Spätsommers. Desirée nahm ihren breitrandigen Strohhut ab und wischte sich mit einer schmutzigen Hand über die feuchte Stirn. Zufrieden, dass in ihrem Refugium alles in Ordnung war, hob sie endlich den Kopf und blickte über die Brüstung hinweg.

Die untergehende Sonne tauchte den Himmel im West en in leuchtendes Gold und Scharlachrot. In Richtung Osten erstreckten sich Londons Dächer und Kirchtürme und wirkten im honigfarbenen Licht des Abends täuschend friedlich.

Desirée versuchte sich vorzustellen, wie die Leute dort durch Straßen und Gassen eilten. Auf Erfahrung konnte sie sich dabei kaum berufen, niemals war sie Teil dieser wimmelnden Massen gewesen, und nur selten verließ sie die Sicherheit von Godwin House. Zum letzten Mal war das vor fünf Jahren geschehen, als sie dem Krönungszug des Königs von einem Dachfenster in Cheapside aus zugesehen hatte.

Aus dem Augenwinkel bemerkte sie einen Sperling, der heranflog, um in einer flachen Schüssel zu baden, die nur für die Vögel bereitstand. Sie drehte den Kopf, um ihn besser sehen zu können, und lächelte über den niedlichen Anblick, der sich ihr bot. Über den Blütenköpfen summte träge eine Biene. Der Sperling tauchte seinen Kopf ins Wasser und verspritzte Myriaden von schimmernden Tropfen über seinen Rücken und die leicht gespreizten Flügel.

Plötzlich störte ein kratzendes Geräusch von der anderen Seite der Mauer her die Stille. Verwirrt runzelte sie die Stirn und trat näher, um dem fremden Geräusch zu lauschen. Dabei erschreckte sie den Sperling, der davonflog.

Über der Brüstung erschien der Kopf eines Mannes. Erschrocken wich Desirée zurück. Gleich darauf wurden die Schultern des Mannes sichtbar, und ungläubig sah sie zu, wie ein Fremder das Dach erklomm, nur ein Stück weit von ihr entfernt.

Überrascht und mit heftig klopfendem Herzen betrachtete sie den Eindringling, zu verblüfft, um sich zu fürchten – oder auch nur ihr Gesicht zu verbergen.

Es war Jahre her, seit sie das letzte Mal einem Fremden begegnet war. Und nie zuvor hatte sie einen solchen Mann getroffen. Ein Engel, der menschliche Gestalt angenommen hatte.

Seine Augen waren so blau wie der Himmel, sein Gesicht das schönste, das Desirée je gesehen hatte, mit fein geschnittenen und doch männlichen Zügen. Das blonde Haar trug er der Mode entsprechend lang, und im Schein der untergehenden Sonne wirkten seine Locken wie flüssiges Gold, das sich über seine Schultern ergoss.

Er sah aus wie einer der Erzengel, die Desirée einst in einem Kirchenfenster gesehen hatte. Damals hatte die Sonne den Farben einen himmlischen Schein verliehen. Dieser Mann erinnerte sie an jenes überirdisch strahlende Bild. Er war zu perfekt, um ein Mensch aus Fleisch und Blut zu sein.

Seine Haut war glatt und fest, und die Sonne verlieh ihr einen Bronzeton, als wäre er der Gott Apollo persönlich. Er besaß die Makellosigkeit der Jugend, gepaart mit der Kraft und Stärke des erwachsenen Mannes.

Gekleidet war er nur in ein Leinenhemd und eine dunkle Hose. Unter dem Hemd sah Desirée die Umrisse eines muskulösen Körpers. Am Hals stand das Hemd offen und entblößte seine breiten Schultern. Desirée ließ den Blick weiter abwärts gleiten und bemerkte seinen flachen Bauch, die schmalen Hüften, die langen, muskulösen Beine.

Noch einmal sah sie sein makelloses Gesicht an …

Und dann stockte ihr der Atem vor Entsetzen, als sie sich endlich an das erinnerte, was sie nur so selten vergaß.

Der Mann, der hier vor ihr stand, war perfekt.

Aber sie war es nicht.

Scham und Verzweiflung überkamen sie. Sie hob die Hand, um ihr Gesicht zu bedecken, wandte sich stattdessen jedoch ab. Jetzt erst begann sie zu zittern. Tausend Fragen gingen ihr durch den Kopf, aber sie traute ihrer Stimme nicht genug, um ihn zur Rede zu stellen und herauszufinden, was der Grund für sein Eindringen in ihr privates Reich war.

Jakob war selbst überrascht. Man hatte ihm gesagt, dass Lady Desirée Godwin in ihrem großen Haus im Stadtteil Strand ein zurückgezogenes Leben führte. Er hatte vermutet, dass diese Zurückgezogenheit mit einer besonderen Vorsicht zu tun hatte, denn allem Anschein nach besaß sie weder einen Vater noch einen Vormund, der sie beschützen könnte. Man hatte ihm außerdem berichtet, dass Lady Desirée gewöhnlich in ihrem Dachgarten anzutreffen war. Daraufhin hatte er sich vorgestellt, wie sie in einem schattigen Gartenhaus saß, ganz in Seide und Satin gehüllt.

Stattdessen sah er sich unerwartet einer Frau gegenüber, die offensichtlich gearbeitet hatte und einfache, wenig modische Kleider trug. Es war nicht zu übersehen, dass ihr Rock in der Vergangenheit mehrfach zerrissen und wieder geflickt worden war. Erfreut nahm er zur Kenntnis, wie der weiche Stoff ihres Mieders die natürlichen Formen ihres schlanken, wohlgestalteten Körpers betonte. Allem Anschein nach verzichtete die Dame bei der Arbeit auf das unbequeme Fischbeinkorsett. Jakob bewunderte ihren gesunden Menschenverstand, fragte sich allerdings, ob sie wohl die Frau war, die er suchte.

Ihre Hände waren voller Erde, ihr Gesicht war schweißbedeckt, und auf ihrer Stirn zeigte sich ein Schmutzstreifen. Lady Desirée sollte dreißig Jahre alt sein, doch diese Frau hier wirkte erheblich jünger. Das haselnussbraune Haar trug sie locker aufgesteckt, in einem Stil, der mehr den Anforderungen der Gartenarbeit als der Mode folgte. Die tiefstehende Sonne verlieh ihren Locken einen rötlichen Schimmer. Ein paar lose Strähnen waren dunkel von Schweiß und klebten an ihrer Haut.

Verblüffender aber noch als ihre Kleidung waren die Narben auf ihrem Gesicht, Entstellungen, die gar nicht zu passen schienen zu einer so jungen, attraktiven und offensichtlich blühenden Frau. Nur eine Wange war gezeichnet, die andere Seite zeigte die Schönheit, die ihr von Geburt her zugedacht war. Der Unterschied zwischen dem, was war, und dem, was hätte sein können, wirkte in seiner Schlichtheit grausam.

Jakob war so verwirrt, dass er einen Augenblick lang reglos dastand. Wie waren diese schweren Verletzungen entstanden? In allen Teilen der Bevölkerung waren Pockennarben verbreitet, aber diese Wunden ähnelten jenen, die ein Soldat in der Schlacht erhielt. Mitleid überkam ihn, während sein Verstand sich zu begreifen mühte, was er da sah. War dies die Erbin, die er suchte? Waren diese Narben der Grund für ihre Zurückgezogenheit? Oder stand vor ihm nur ein Dienstmädchen, das im Garten der Herrin arbeitete?

Die Frau sah ihn ebenso überrascht an, und das konnte er ihr tatsächlich schwerlich übel nehmen. In ihren warmen braunen Augen lag allerdings ein Ausdruck, den er nicht einordnen konnte. Eigentlich hätte sie ihn für sein Eindringen beschimpfen oder die Dienstboten rufen müssen, damit sie ihn hinauswarfen.

Stattdessen sah sie ihn an wie eine wundersame Erscheinung oder einen Geist. Jakob kam der Gedanke, dass der Unfall, der Spuren auf ihrem Körper hinterlassen hatte, vielleicht auch ihren Geist in Mitleidenschaft gezogen hatte.

In demselben Augenblick veränderte sich ihre Miene. Aus Staunen wurde Entsetzen, und eine ganze Reihe von Gefühlen spiegelte sich in ihrem Gesicht wider. Verzweiflung, Scham, Wut.

Sie hob die Hände und kehrte ihm dann den Rücken zu.

Als Soldat war er sehr erschrocken, dass sie eine Haltung wählte, die sie ihm gegenüber vollkommen wehrlos machte. Als Mann bemerkte er den anmutigen Schwung ihres schmalen Nackens, der unter ihrem aufgesteckten Haar sichtbar wurde. Ihre blasse, zarte Haut ließ sie noch verletzlicher wirken. Innerlich fluchend, ertappte Jakob sich dabei, dass er sie begehrte – und gleichzeitig das starke Bedürfnis empfand, sie in den Arm zu nehmen und zu trösten.

Entschlossen ließ er seine Arme dort, wo sie waren, und konzentrierte sich nur noch auf den einen Grund, der ihn dazu veranlasst hatte, die Mauern von Godwin House zu erklimmen. Die Zeit lief ihm davon. Er musste sich vergewissern, wen er vor sich hatte, und räusperte sich.

„Habe ich die Ehre, Lady Desirée Godwin gegenüberzustehen?“

Desirée zuckte zusammen. Der Fremde hatte sie angesprochen. Seine Worte klangen fremdartig, als wäre Englisch nicht seine Muttersprache. Vielleicht war er wirklich ein Engel des Herrn.

Es war lange her, seit Desirée Kontakte zur Außenwelt unterhalten hatte, so dass die Vorstellung, einen Engel vor sich zu haben, ihr nicht ungewöhnlicher erschien als das plötzliche Erscheinen eines Mannes in ihrem persönlichen Refugium.

Aber, dachte sie dann, wenn er wirklich ein Engel ist, dann hätte er auf mein Dach herniedersinken müssen – und nicht von unten heraufklettern. Vielleicht ist er ein gefallener Engel?

„Lady Desirée?“, wiederholte er ein wenig dringlicher.

Sie holte tief Luft. Es wurde Zeit, die Dinge wieder in die Hand zu nehmen. Dies hier war ihr Dach. Ob nun Engel oder nicht, sie wollte eine Erklärung für sein Eindringen hören. Langsam drehte sie sich herum, wobei sie ihren Hut mit beiden Händen vor sich hielt wie einen Schild. Allerdings versuchte sie nicht, ihr Gesicht zu verstecken. Dazu war es zu spät. Vor Verblüffung hatte sie den Fremden so lange angestarrt, dass ihm genug Zeit geblieben war, jede einzelne ihrer hässlichen Narben genau zu betrachten.

„Wer seid Ihr?“, fragte sie.

Während sie sprach, zwang sie sich, ihm in die Augen zu sehen, und machte sich auf einen Ausdruck des Abscheus oder Mitleids gefasst. Vorhin hatte sie ihr eigenes Aussehen für einen Moment vergessen, daher war es ihr leicht gefallen, seine männliche Schönheit zu bewundern. Jetzt ertrug sie es kaum, ihm ins Gesicht zu sehen.

Doch in seinen blauen Augen sah sie nichts als Erstaunen und einen Anflug von Ungeduld.

Die Sonne war hinter dem Horizont versunken und verlieh ihm nun keinen goldenen Glorienschein mehr. Er sah aus wie ein gewöhnlicher Sterblicher. Ein hochgewachsener, starker Mann, der ihre Mauer erklommen hatte wie ein Einbrecher.

„Wer seid Ihr?“ Vor Angst klang ihre Stimme lauter als gewöhnlich. „Was wollt Ihr von mir?“

„Jakob Smith“, erwiderte er. „Mylady …“

„Ihr seid kein Engländer“, sagte sie und wollte nicht glauben, dass ein Mann von so außergewöhnlichem Aussehen einen so alltäglichen Namen trug.

Wieder bemerkte sie in seinen blauen Augen den Ausdruck von Ungeduld.

„Meine Mutter ist Schwedin, mein Vater war Engländer“, entgegnete er knapp. „Doch mein Stammbaum ist im Augenblick nicht von Bedeutung.“

„Wollt Ihr damit andeuten, dass es der meine sehr wohl ist?“, fragte Desirée verwirrt.

Trotz der seltsamen Art ihrer Begegnung fühlte sie sich jetzt nicht mehr von ihm eingeschüchtert. Es war ihr sehr wohl bewusst, dass es Glücksritter und Mitgiftjäger gab. Walter Arscott, ihr Verwalter, hatte ihr eingeschärft, wachsam zu sein. Erst vor einigen Monaten hatte Arscott ihr davon erzählt, wie der berüchtigte Lord Rochester versucht hatte, eine Erbin aus ihrer Kutsche zu entführen, während sie durch Charing Cross fuhr. Man hatte Lord Rochester dafür in den Tower geworfen, doch er war nicht der einzige Mann dieser Art in England. Der Fremde auf ihrem Dach, wie gut aussehend er auch sein mochte, war vermutlich nur ein etwas abenteuerlustigeres Exemplar derselben Gattung. Es war Zeit, ihn in seine Schranken zu verweisen.

„Seid Ihr in meinen Garten eingedrungen, um …“, begann sie.

„Seid Ihr Lady Desirée?“, fuhr Jakob Smith sie an und erschreckte sie durch seinen herrischen Tonfall. Während er sprach, warf er rasch einen Blick über ihre Schulter.

Unwillkürlich wandte Desirée sich ebenfalls um. Seine Unruhe übertrug sich auf sie, und sie fühlte sich unbehaglich. Zu ihrer Erleichterung befand sich sonst niemand auf diesem Dach, jetzt hingegen kam ihr eine Idee.

„Gleich werden meine Diener hier sein – um die Orangenbäume nach unten zu bringen.“ Sie erfand munter drauflos. „Kräftige Kerle. Das müssen sie sein, um solche Lasten zu tragen. Ihr solltet verschwinden, ehe sie hier sind.“

Ein Lächeln huschte über Jakobs schönes Gesicht und bot einen betörenden Anblick. „Wenn das der Fall wäre, würdet Ihr mich nicht warnen“, erklärte er. „Ihr würdet mich hier behalten, damit man mich gefangen nimmt.“

„Tatsächlich?“ Mit ihren schmutzigen Fingern rieb Desirée sich die Schläfen, bis ihr einfiel, dass sie jetzt vermutlich ihr Gesicht verschmiert hatte. Sie ließ die Hand sinken und sah ihn an. „Ihr habt meine Frage noch nicht beantwortet“, erinnerte sie ihn. „Was macht Ihr …“

„Aber Ihr habt meine beantwortet“, erklärte er und lächelte ein wenig. „Eure Dienstboten, Eure Orangenbäume, Mylady. Uns bleibt nicht viel Zeit.“ Wieder blickte er an ihr vorbei und fluchte leise.

Desirée warf einen Blick über ihre Schulter zurück – und diesmal wurden ihre Befürchtungen bestätigt. Zwei weitere Fremde näherten sich ihr. Und anders als Jakob Smith hatten sie ganz und gar nichts Engelhaftes an sich.

Der Anführer trug einen grünen Überrock und Kniehosen. Von seiner Hüfte hing ein Degen herab, und – Desirée erbleichte, als ihr Blick seine rechte Hand streifte – er besaß eine Pistole.

Der andere Mann hatte weder Degen noch Pistole bei sich, nur einen kurzen Knüppel, und über dem Arm trug er einen Überrock.

„Habt keine Angst“, flüsterte Smith ihr zu, während die beiden näher kamen. „Ich werde nicht zulassen, dass Euch etwas geschieht.“

„Ihr Schuft!“ Desirée wich vor ihm zurück.

Als die beiden sie fast erreicht hatten, warf der zweite Mann Smith den Überrock zu.

„Beim nächsten Mal kümmere dich selbst um deine Kleidung“, sagte er unfreundlich.

„Dein Befehl laut ete, die Dame zu ergreifen – und dich nicht mit einem Dienstmädchen abzugeben“, sagte der Mann mit der Pistole zu Jakob Smith. „Wo ist deine Herrin, Weib?“ Zum ersten Mal widmete er Desirée seine ganze Aufmerksamkeit.

Sie wusste genau, in welchem Augenblick er ihre Narben bemerkte. Zuerst sah er sie überrascht, dann verächtlich an, während er ungeduldig auf ihre Antwort wartete.

Zorn stieg in ihr auf. Sie war so wütend, dass sie sogar ihre Angst vergaß.

„Runter von meinem Dach!“ Mit ausgestrecktem Arm deutete sie in die Richtung, in die die Männer verschwinden sollten. „Jetzt sofort!“

Der Mann mit der Pistole starrte sie an – und brach dann in Gelächter aus. „Dein Dach?“, höhnte er. „Du bist zu hässlich für so viel Dreistigkeit. Wo ist deine Herrin?“ Nun deutete er mit der Pistole auf sie, und seine Stimme klang plötzlich viel bedrohlicher.

Desirée glaubte, ihr Herzschlag würde aussetzen. Noch immer war sie sehr wütend – gleichzeitig fiel ihr jedoch wieder ein, dass sie sich in großer Gefahr befand. Rasch blickte sie die drei Männer nacheinander an. Alle ihre Sinne schienen geschärft. Ihre Verwirrung über das unerwartete Auftauchen Jakob Smith’ hatte nun ausgesprochener Wachsamkeit Platz gemacht.

Der Kerl mit dem Knüppel wirkte gelangweilt, Jakob Smith entspannt und dennoch wachsam. Im Gegensatz zu den beiden anderen Männern trug er keine sichtbaren Waffen bei sich – aber die brauchte er auch nicht. Indem er ihr Dach erklomm, hatte er seine Stärke und Beweglichkeit bewiesen. Sollte er beschließen, ihr etwas anzutun, so hätte sie keine Chance gegen ihn. Es war ein erschreckender Gedanke.

„Wo ist Lady Desirée?“ Wieder bedrohte der Mann in dem grünen Überrock sie mit seiner Pistole.

„Es ist nicht nötig, das Mädchen zu quälen“, sagte Jakob Smith kurz und trat dazwischen.

„Halt den Mund! Du wirst bezahlt, um Befehle auszuführen, nicht, um welche zu geben“, fuhr der im grünen Rock ihn an. „Halt dich von ihr fern und pass auf, dass wir nicht gestört werden.“ Einen Moment lang richtete er seine Pistole auf Jakob und nicht auf Desirée, um seine Worte zu unterstreichen.

Ruhig trat Jakob zurück, obwohl seine Haltung zeigte, dass er noch immer in Alarmbereitschaft war.

Desirée nutzte diesen Augenblick der Ablenkung, um ein paar Schritte rückwärts zu gehen. Einen Moment lang hatte sie weiche Knie bekommen, aber jetzt fühlte sie, wie ihre Kräfte zurückkehrten. Wenn die Männer zu streiten anfingen, dann bestand für sie vielleicht eine Chance zu fliehen.

„Steh still!“ Der Grünrock richtete seine Pist ole auf sie. „Wo ist deine Herrin?“

„Ich ich gehe sie holen“, bot sie an. Zu spät fiel ihr ein, dass Jakob Smith ja schon wusste, wer sie war.

Rasch drehte sie sich zu ihm um. Gleich würde er sie verraten. Er runzelte die Stirn – allerdings sah er dabei den Mann mit der Pistole an und nicht sie.

„Ich bin kein Dummkopf, Weib!“, schnaubte der Grünrock.

Erneut packte sie die Furcht. Sie starrte ihn an, voller Angst, er könnte herausgefunden haben, wer sie war – aber er lachte nur höhnisch. „Du würdest sie nicht holen – du würdest sie warnen! Sag mir, wo sie ist!“

„Oh.“ Desirée war so erleichtert, dass sie kaum sprechen konnte. Es war ihr peinlich, so zu tun, als sei sie eine Dienerin, sie wusste sich indes nicht anders zu helfen. Sie verfügte über keine Waffe und sah auch keine Möglichkeit, Alarm zu schlagen, ohne sich in äußerste Gefahr zu bringen. Dennoch fürchtete sie für die Sicherheit ihres Haushalts. Sie durfte nicht zulassen, dass diese Gauner ihr Personal in Angst und Schrecken versetzten.

„Was wollt Ihr von …, von Lady Desirée?“, fragte sie, um Zeit zu gewinnen. „Was ist mit ihr?“

„Eine Braut ist sie, Weib! Und jetzt …“, er sprang vor und packte ihren Oberarm, „… sag mir, wo sie ist!“

Desirée stürzte vornüber. Unwillkürlich stemmte sie sich gegen ihn und riss sich los. Seine Worte entsetzten sie.

Seine Braut?

Bei der heftigen Bewegung streifte ihr Fuß ein Eichenbrett, das die Einfassung eines Blumenbeets bildete, und beinahe wäre sie gestürzt. Ihr Herz schlug wie wild. Es gelang ihr, das Gleichgewicht wiederzufinden und eine Ecke des Blumenbeetes zwischen sich und ihren Angreifer zu bringen.

Am anderen Ende des Daches ertönte plötzlich ein empörter Aufschrei und erschreckte sie beide so sehr, dass sie wie erstarrt innehielten. Ein Musketenschuss krachte dröhnend, und der Mann im grünen Rock fiel kopfüber in die Pflanzen. Noch immer hielt er ihren Arm fest umklammert, so dass er sie mit sich riss. Der Duft von Lavendel stieg ihr in die Nase.

Voller Entsetzen befreite sie sich aus dem Griff des Sterbenden und fasste wahllos in die Kräuterbüschel, um Halt zu finden und sich aufzurichten. Mit einer Hand streifte sie dabei seine Pistole, aus der noch nicht geschossen worden war. Sie zuckte zurück, dann überlegte sie es sich anders. Drei Schurken befanden sich auf dem Dach, und nur ein Schuss war abgefeuert worden. Schon jetzt hörte sie, dass nur ein Stück weit weg gekämpft wurde. Sie nahm die Pistole, erhob sich erst auf die Knie, stand dann ganz auf und sah sich rasch um.

In etwa zwanzig Fuß Entfernung kämpfte ihr Verwalter Walter Arscott mit dem Kerl, der den Knüppel trug.

Desirée schrie, so laut sie konnte.

Jakob Smith hatte sie schon fast erreicht, wie ein Löwe, der sich an seine Beute heranschlich. In der Abenddämmerung wirkte sein goldenes Haar wie eine braune Mähne, die um seine breiten Schultern fiel. Sie sah den Glanz in seinen Augen, den raubtierhaften Ausdruck auf seinem schönen Gesicht. Wenn er erst nahe genug war, um sie zu packen, dann würde ihr die Pistole nichts nützen.

Desirée riss die Arme hoch und zielte genau auf seine Brust.

Sofort blieb er stehen. Er streckte die Arme von sich, die Handflächen ihr zugewandt.

Desirée holte tief Luft. Die Pistole war unglaublich schwer. Nur unter Aufbietung all ihrer Willenskraft konnte sie verhindern, dass ihre Arme zitterten. Sie musste Herrin der Lage bleiben. Sie wagte es nicht, Jakob auch nur für einen Moment aus den Augen zu lassen, obwohl sie sich gern nach Arscott umgedreht hätte. Doch sie hörte, dass weiterhin gekämpft wurde.

„Sagt ihm …“ Sie schluckte und räusperte sich. „Sagt ihm, ich werde schießen, wenn er Arscott nicht in Ruhe lässt“, stieß sie hervor.

Jakob runzelte die Stirn. Dann blickte er hinüber zu den beiden kämpfenden Männern. „Arscott?“

„Mein Verwalter. Sagt Eurem …, Eurem Freund, er soll Arscott loslassen, sonst erschieße ich Euch.“

Jakob verzog das Gesicht zu einem ironischen Lächeln. „Euer Mann hat gewonnen“, erklärte er.

„Tatsächlich?“ Desirée war so erleichtert, dass sie sich spontan umdrehte. Jakob hatte Recht. Arscott war soeben dabei, sich zu erheben. Der Kerl mit dem Knüppel lag quer über dem Weg. Sein Hals wirkte unnatürlich verrenkt. Übelkeit erfasste Desirée, denn ihr wurde klar, dass dieser Mann höchstwahrscheinlich tot war. Zwei tote Männer auf ihrem Dach …

Das Grauen traf sie wie ein Schlag in die Magengrube. Rasch blickte sie zu Jakob hinüber und legte den Finger an den Abzug. Gerade eben hatte sie ihm die Gelegenheit gegeben, sie zu überwältigen.

Er hatte sich nicht gerührt. Aus zusammengekniffenen Augen beobachtete er Arscott. Dann sah er an ihr vorbei. Seine Miene war unergründlich, als er den Mann ansah, der mit ausgebreiteten Armen im Lavendelbeet lag. „Ist er tot?“

„Ich weiß nicht. Ich …, ich glaube schon.“ Desirées Stimme versagte.

Jakob presste die Lippen zusammen. Unter seiner betont ruhigen Haltung spürte sie eine heftige Anspannung. Trotz seiner offensichtlichen Passivität war sie davon überzeugt, dass er noch immer sehr gefährlich war.

„Mylady! Mylady!“ Plötzlich strömte ihre Dienerschaft auf das Dach. Ein junger Mann rannte an Arscott vorbei. Mit eisernem Griff packte er Jakobs Arme, drehte sie ihm auf den Rücken und zwang ihn so in die Knie. Andere Mitglieder ihres Haushalts gesellten sich zu ihm. Rufe wurden laut, nach Bahren und Stricken. Während ihre Dienstboten Jakob umstellten, starrte sie ihn an. Sie fürchtete, er könnte sich wehren, so dass es noch mehr Verletzte gab, doch er ließ sich widerstandslos fesseln.

„Hängt ihn von der Brüstung! Holt noch ein Seil für die Schlinge!“

„Nein!“, rief Desirée. Schlimm genug, dass schon zwei Männer gestorben waren, aber die hatte Arscott bei einem bewaffneten Angriff gegen sie ertappt. Ihr Verwalter hatte nur getan, was er für notwendig hielt, um sie zu beschützen. Der Dritte hingegen war bereits gefesselt und stellte für niemanden mehr eine Gefahr dar.

„Mylady, er ist Abschaum“, widersprach der Diener. Er zitterte vor Zorn.

„Er muss vor ein Gericht gestellt werden“, verlangte Desirée nachdrücklich. „Auf meinem Dach wird es keine Lynchjustiz geben. Bringt ihn nach Newgate.“

Die Männer waren nun unzufrieden und murrten, doch sie wusste, ihrem direkten Be fehl würde sich niemand widersetzen.

„Bis zum Verfahren muss er in Gefangenschaft bleiben“, sagte sie.

„Und dann wird er hängen“, erwiderte der Diener. „Das ist nur Zeitverschwendung …“ Er begegnete Desirées Blick und verstummte.

Jakob drehte sich zu ihr um. Er sah Desirée direkt in die Augen. Noch immer kniete er, besiegt war er hingegen nicht. Seiner Kraft waren Fesseln angelegt worden, aber sie war nicht gebrochen. Als sie ihm in die Augen sah, erkannte sie, wie viel Stolz darin lag.

Ein paar Sekunden lang war es ihr unmöglich, den Blick abzuwenden.

„Mylady? Seid Ihr verletzt?“, fragte Arscott.

Zwar sah Jakob nun hinüber zu dem Verwalter, doch noch immer glaubte Desirée seinen durchdringenden Blick zu spüren. Hatte er gelobt, sich eines Tages für diese Demütigung zu rächen?

„Mylady? Seid Ihr verwundet?“, wiederholte Arscott ein wenig ungeduldig.

Erschrocken sah Desirée ihn an. Der Verwalter war eher schmächtig gebaut und nur von mittlerer Größe. Auf den ersten Blick wirkte er nicht gerade wie ein Kämpfer, aber in seiner Jugend war er während des Krieges zwischen König und Parlament ein berüchtigter Scharfschütze gewesen. Allem Anschein nach verfügte er mit neununddreißig noch über dieselbe Zielgenauigkeit wie mit siebzehn. Jetzt betrachtete er sie besorgt.

„Nein“, flüsterte Desirée. Noch immer war sie erschüttert darüber, was sie in Jakobs Augen gesehen hatte. Kaum wurde ihr bewusst, wie Arscott ihr die Pistole entwand. „Ihr habt mir das Leben gerettet!“, rief sie plötzlich aus. „Arscott, Ihr habt mir das Leben gerettet!“

Bei ihren Worten verneigte er sich leicht. „Ich bin hier, um Euch zu dienen“, sagte er, allerdings lag in seiner beherrschten Stimme eine Spur von Ärger.

„Ich …, ich danke Euch.“ Desirées Knie gaben nach. Sie wandte sich ab und verbarg ihre Hände in den Falten ihres Rockes, damit niemand sah, wie sehr sie zitterte.

Dabei bemerkte sie unter ihren Dienstboten ein verdächtiges Gemurmel. Der Diener hatte ein weiteres Seil um Jakobs Hals geschlungen und zog ihn daran in Richtung Treppe. Zweifellos würde man innerhalb des Hauses ihren Befehlen gehorchen, doch in ihr keimte plötzlich der Verdacht auf, dass Jakob Smith einen schrecklichen Unfall erleiden könnte, ehe er das Gefängnis erreichte.

„Halt!“, rief sie.

Alle drehten sich zu ihr um. Selbst hier im Zwielicht sah sie den bitteren Ausdruck in Jakobs Gesicht. Er wusste ebenso gut wie sie, was die Männer mit ihm vorhatten.

Ihr Blick fiel auf Benjamin Finch, ihren Oberstallmeister, der eben erst auf dem Dach erschienen war. Wie die meisten älteren Angehörigen ihres Haushaltes hatte er schon ihrem Vater gedient. Er war schon im reiferen Alter und außer Atem, weil er die Treppe hinaufgelaufen war, aber eine seiner Stärken lag darin, Streit zu schlichten, und die anderen Männer respektierten ihn.

„Benjamin!“

„Mylady, seid Ihr verletzt?“ Seine Stimme klang schrill vor Angst, als er erst sie betrachtete und dann das Durcheinander ringsumher.

„Nein, Benjamin, dieser Mann ist mein Gefangener.“ Sie deutete auf Jakob, ließ die Hand dann aber rasch sinken, ehe jemand merken konnte, wie sehr sie zitterte. „Er soll sicher nach Newgate gebracht werden, so lautet mein Befehl. Für diese Verbrechen hier muss er vor Gericht gestellt werden. Ihr werdet dafür sorgen, dass er unversehrt dem Gefängnis übergeben wird“, schloss sie.

Sobald sie geendet hatte, verneigte Jakob sich spöttisch vor ihr. Zu Desirées Erleichterung befolgte Benjamin sogleich ihren Befehl und gab ruhig, aber entschieden die nötigen Anweisungen, damit Jakob unter Bewachung gestellt und fortgebracht wurde.

Nun, da das Schlimmste vorüber war, wäre Desirée am liebsten in Tränen ausgebrochen. Man trug zwei Tote von ihrem Dach. Nur um Haaresbreite war es ihr gelungen, Selbstjustiz zu verhindern, und der Engel, der in der Abenddämmerung in ihrem Garten erschienen war, hatte sich bei Einbruch der Nacht in einen Teufel verwandelt.

Den ersten Bürgerkrieg hatte Desirée noch als Kind erlebt. Ihr Vater, der Earl of Larksmere, war Parlamentarier gewesen. Im Jahre 1644 war Larksmere House fünf Wochen lang von Royalisten besetzt gewesen. In diesen fünf Wochen hatte Desirée im Zentrum der Gewalt gelebt. Auch sie war davon getroffen worden – unbewusst berührte sie ihre von Narben gezeichnete Wange –, aber das war mehr als zwanzig Jahre her. Seitdem war ihr Leben friedlich verlaufen. Das Grauen der Vergangenheit war nicht mehr als eine vage Erinnerung, dennoch fühlte sie sich, als wäre sie wieder das verängstigte, hilflose Kind geworden, das verwirrt zusah, wie die Erwachsenen um sie her miteinander kämpften.

„Es wäre am besten, wenn Ihr Euch setzen würdet, Mylady.“ Arscott geleitete sie zu einer steinernen Bank. „Das war ein unerfreulicher Zwischenfall, aber bald wird alles wieder sein wie immer.“

Desirée sah sich um und stellte fest, dass er Recht hatte. Abgesehen von ihr selbst und dem Verwalter, lag das Dach verlassen da.

„Ein unerfreulicher Zwischenfall?“, wiederholte sie ungläubig. Es überraschte sie, dass Arscott so leicht einen bewaffneten Überfall beiseite schob.

„Ich bitte um Verzeihung“, sagte er steif. „Ich wollte nicht verharmlosen, was geschehen ist. Es wäre jedoch besser, wenn Ihr Euch über derlei Dinge nicht aufregen würdet. Es ist vorbei.“

„Ja.“ Desirée holte tief Luft. In Anbetracht von Arscotts Stärke war sie fest entschlossen, Haltung zu zeigen.

Ihre Familie und die seine waren seit mehreren Generationen miteinander verbunden. Während der Regierungszeit Elizabeth’ hatte Desirées Großvater Godwin House beträchtlich vergrößert, und Arscotts Großvater war der Steinmetzmeister gewesen, der an den neuen Flügeln gearbeitet hatte. Auch Arscotts Vater war Steinmetz gewesen, aber Arscott hatte sich dafür entschieden, den Godwins nicht als Handwerker zu dienen. Er hatte als Lakai angefangen und sich bis zum Verwalter von Godwin House hochgearbeitet. Kurz nach Desirées Vater war auch der Mann gestorben, den Lord Larksmere zu ihrem Vormund ernannt hatte, so dass ihr Leben sehr schwierig hätte werden können, wenn Arscotts Fähigkeiten und seine Loyalität sie nicht vor vielen Unbilden bewahrt hätten. Dafür war sie ihm unendlich dankbar, einen wirklichen Freund hatte sie in ihm jedoch nicht gefunden.

„Ihr habt Recht“, erklärte sie und straffte die Schultern. „Wir sollten nicht sinnlos über dieses schreckliche Ereignis grübeln. Doch wir müssen etwas unternehmen, damit es nicht wieder geschieht. Sehr oft haben Ihr mich auf die Risiken hingewiesen, die mir außerhalb des Hauses drohen. Ich hätte hingegen nie erwartet, dass man mich in meinem eigenen Heim angreifen könnte.“

„Nein, Mylady. Aber Ihr seid eine lohnende Beute. Wir haben schon öfter darüber gesprochen“, erwiderte Arscott ernst.

Wie immer sprach er in gemessenem Tonfall, doch Desirée glaubte, etwas wie Ärger in seinen Augen aufblitzen zu sehen. Möglicherweise hielt er ihre Worte für eine versteckte Kritik. Das war bestimmt nicht ihre Absicht gewesen, aber nun, da sie darüber nachdachte, fragte sie sich, wie die Schurken Zugang zu ihrem Haus erlangt hatten.

„Es gibt viele Männer, die Euch gern zur Ehe zwingen würden, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet“, sagte er finster.

„Das weiß ich. Aber ich glaubte, zumindest hier sicher zu sein. Wie sind sie ins Haus gelangt?“

Arscotts Miene wurde ausdruckslos. „Ich habe getan, was in meiner Macht stand, damit Ihr in Sicherheit seid“, sagte er. „Doch selbst die beste Verteidigung weist Lücken auf. Sie sind hereingekommen, indem sie einen der neuen Diener bestachen. Es kam mir so vor, als würde er sich seltsam benehmen. Als ich ihn fragte, stellte ich fest, dass sich die Schurken bereits auf dem Dach befanden. Da bin ich sofort gekommen!“

„Vielen Dank.“ Desirée blickte hinaus in ihren Garten, den die Dunkelheit umfing. Jahrelang war er ihr als ein Refugium erschienen. Nun schien er auf einmal nicht mehr so sicher zu sein. Vor Angst erbebte sie, als sie sich daran erinnerte, wie der Mann mit der Pistole behauptet hatte, sie sei seine Braut.

„Nicht alle kamen durch die Tür“, sagte sie. „Einer erklomm das Dach.“

„Tatsächlich?“ Arscott stieß einen Fluch aus und entschuldigte sich dann rasch. „Verzeiht, Mylady.“

Er zögerte, dann nahm er ihre Hand, als wollte er sie trösten. Die unerwartet vertrauliche Geste erstaunte Desirée. Sie kannte Arscott ihr Leben lang, doch nur selten hatte er sie bisher berührt. Sein Versuch, sie zu trösten, beunruhigte sie, und so taktvoll wie möglich entzog sie ihm ihre Hand.

„Mylady, Ihr wisst, ich würde stets all es tun, um Euch zu schützen“, sagte er. „Bis Ihr indes verheiratet seid, wird Euch stets Gefahr drohen.“

„Ich weiß“, erwiderte Desirée matt. „Aber wie soll ich einen Gemahl finden? Der Adel scheint nur so zu wimmeln von Schurken. Einem Mann wie Lord Rochester will ich auf keinen Fall in die Hände fallen. Wie soll ich einem solchen Schicksal entgehen?“

„Indem Ihr einen Mann wählt, der ehrlich und loyal ist“, entgegnete Arscott.

„Aber ich kenne keinen einzigen …“, begann Desirée.

„Mylady, meine Familie hat der Euren seit drei Generationen gedient“, unterbrach sie Arscott. „Euer Vater hat mich persönlich als seinen Verwalter ausgewählt. Stets habe ich mich geehrt gefühlt durch das Vertrauen, das er in mich setzte, und die Achtung, die er mir entgegenbrachte. Unter anderen Umständen hätte ich mich niemals auf diese Weise vorgedrängt. Aber bis zu einer Heirat würdet Ihr ständig in Gefahr schweben. Und die Jahre verrinnen. Bald …“

„Ich weiß!“ Desirée sehnte sich danach, ein eigenes Kind in den Armen zu wiegen. Sie wollte nicht daran erinnert werden, dass die Chance darauf mit jedem Jahr, das sie unverheiratet verbrachte, geringer wurde.

„Verzeiht mir.“ Der Verwalter neigte den Kopf. „Ich wollte Euch nicht bekümmern. Aber, Mylady, es gibt noch eine andere Möglichkeit, wie Ihr Euch selbst vor solchen Glücksrittern schützen und das Kind bekommen könnt, nach dem Ihr Euch so sehr sehnt.“ Plötzlich kniete er neben der Bank nieder.

Ungläubig starrte Desirée ihn an, zu erschrocken, um zu bemerken, dass er wieder ihre Hand ergriffen hatte.

„Wenn Ihr einen geeigneten Bewerber hättet, würde ich mich niemals so in den Vordergrund drängen“, sagte er. „Als Euer Gemahl könnte ich Euch jedoch weiterhin beschützen und Euch ebenso treu dienen können wie als Verwalter.“

„Ihr wollt mich heiraten?“, rief sie aus. Sein Antrag brachte sie völlig aus der Fassung. Nie zuvor hatte sie daran gedacht, den Verwalter zum Gemahl zu nehmen.

„Ich würde Euch ein guter und treuer Ehemann sein“, versicherte er und drückte ihre Hand fester. „Ihr könnt überzeugt sein, dass ich Euch niemals verletzen oder betrügen würde.“

„Ich bin sicher … “ Desi ree schluckte. Sie hoffte, Arscott spürte nichts von ihrer tiefen Ablehnung seines Antrags.

Sein Vorschlag würde zweifellos in vielen Teilen der Gesellschaft heftige Empörung auslösen, aber in diesem Augenblick dachte Desirée nicht daran, dass Arscott der Sohn eines Steinmetzes war. Die Vorstellung, mit ihm das Bett zu teilen, ließ sie erschauern.

Sie wusste, dass das eine lächerliche Empfindung war. Schließlich besaßen die meisten Bräute kaum Einfluss bei der Wahl ihres Ehegatten. Nur wenn sie sich vorstellte, in der Dunkelheit neben Arscott zu liegen, dann sträubte sich jede Faser ihres Körpers dagegen. Sie respektierte den Verwalter, bewunderte ihn sogar. Und Gott allein wusste, wie dankbar sie für seine treuen Dienste in all den Jahren war. Heiraten wollte sie ihn dennoch nicht.

„Ich danke Euch für Euer freundliches Angebot“, sagte sie. Ihn rundheraus zurückzuweisen brachte sie nicht übers Herz. Allerdings wollte sie ihn auf die abschlägige Antwort vorbereiten. „Ich werde sorgfältig darüber nachdenken. Vielleicht können wir noch einmal darüber sprechen, wenn wir genug Zeit hatten, uns von diesem gemeinen Überfall zu erholen. Ich muss gestehen, dass ich immer noch erschüttert bin.“

„Selbstverständlich, Mylady.“ Arscott ließ Desi rees Hand los und erhob sich. „Vielleicht hätte ich nicht so übereilt sprechen sollen. Aber bis zu einer Eheschließung werdet Ihr stets in Gefahr schweben. Ihr solltet nicht zu lange überlegen.“

Desirée unterdrückte ein Frösteln. „Vielleicht nicht“, sagte sie. „Doch jeder, der vorhatte, mich zu entführen, wird es sich jetzt gründlich überlegen. Denn nun wissen alle, dass sie vielleicht eher den Tod finden als eine Braut.“ Die Worte klangen schroffer, als sie es beabsichtigt hatte. Noch immer war sie von Arscotts Verhalten erschüttert.

„Ich hatte keine Wahl“, erklärte Arscott. Trotz seines gefassten Tonfalls entging ihr nicht der ärgerliche Unterton in seiner Stimme. „Sie waren zu dritt. Und meine Pistole hatte eine Fehlzündung.“

„Aber ich hörte …“

„Ich feuerte die Muskete ab“, sagte Arscott. „Die Pist ole hatte den Fehlschuss. Damit konnte ich die beiden verbleibenden Männer nicht schrecken. Nur ein Kampf Mann gegen Mann war möglich.“

„Dafür werde ich immer dankbar sein“, sagte Desirée. Ein Missklang zwischen sich und ihrem Verwalter war das Letzte, was sie wollte. „Es ist dunkel. Gehen wir ins Haus.“

2. KAPITEL

Newgate
Dienstag, den 4. September 1666

Feuer! Feuer! Feuer!“

„Die Papisten haben London angezündet!“

„Nein! Höllenfeuer vernichten die sündhafte Stadt!“

„Die Franzosen sind schuld! Sie haben Feuerbälle in die Häuser geworfen!“

„Das ist Gottes Strafe für die Sünden des Hofes …“

„Die Holländer rächen sich für unseren Sieg!“

„St. Paul’s brennt!“

„Wir alle werden brennen!“

Mit grimmigem Gesicht lauschte Jakob dem Aufruhr, der um ihn herum stattfand. Er war in Newgate und wartete auf den nächsten Gefangenentransport zum Old Bailey. Im Gefängnis war es niemals still, aber jetzt bildeten die Rufe seiner Mitgefangenen eine wahre Kakophonie.

Newgate war nicht nur ein Gefängnis, sondern auch eines der sieben alten Tore, die nach London führten. Seine beiden Türme aus massivem Stein erhoben sich rechts und links der Newgate Street. Jeden Tag strömten Menschen hier durch, in die Stadt hinein oder wieder hinaus. Seit zwei Tagen war allerdings der normale Verkehr zum Erliegen gekommen. Die gewöhnlichen Geräusche der Stadt hatten sich in Chaos verwandelt, dessen Lärm durch die dicken Steinmauern und Eisengitter hereindrang.

Die ersten Meldungen über einen Brand im Osten der Stadt hatten das Gefängnis am Sonntagmorgen erreicht, aber Brände zwischen den alten Holzbauten waren so etwas Gewöhnliches, dass anfangs nur ein paar notorische Schwarzseher beunruhigt waren. Dennoch machten bald Gerüchte über das Ausmaß und den Grund für die Katastrophe unter den Gefangenen die Runde. Am Montag hieß es bereits, das Feuer erstreckte sich von der London Bridge im Süden bis zur Lombard Street im Norden und hätte das gesamte Ufer fast über die ganze Länge der Thames Street erfasst. Viele Leute glaubten fest daran, dass das Feuer von einem holländischen Bäcker gelegt worden war. Andere waren überzeugt, dass die Franzosen Brandbälle auf Häuser geworfen hätten. Schließlich befand England sich mit beiden Ländern im Krieg. Bis Montagnacht hatte das Feuer Cornhill vernichtet und bewegte sich auf Cheapside zu.

Bis Dienstagmorgen waren sowohl die alte St.-Paul’s-Kirche als auch Newgate bedroht. Inzwischen war es sämtlichen Insassen des Gefängnisses egal, wer das Feuer entzündet hatte. Ihre einzige Sorge galt der Flucht. Selbst in ihrem Verlies hörten die Gefangenen die Entsetzensschreie derjenigen, die durch das Tor flüchteten, ebenso wie das donnernde Brausen der Flammen, die sich auf die Türme zubewegten. Der Brandgeruch überlagerte sogar den sonst durchdringenden Gestank des Gefängnisses. Die Luft war erfüllt von Qualm.

Jakob stand an dem vergitterten Fenster. Sein Hals schmerzte von der rauchgeschwängerten Luft. Er atmete möglichst flach, um nicht zu viel davon in die Lungen zu bekommen. Ihm ging es besser als den meisten anderen Gefangenen, die unterhalb des Erdbodens eingesperrt waren. Zum Glück war Jakob nicht mittellos gewesen, als er hier eintraf. Er hatte den Wärter bestochen, um in den oberen Räumen untergebracht zu werden. Bei der ersten sich bietenden Gelegenheit hatte er außerdem eine Nachricht an seinen Cousin geschickt, den Duke of Kilverdale. Jakobs Verbindungen zu hochgestellten Persönlichkeiten hatten den Wärter beeindruckt, und seither behandelte er ihn vorsichtig und mit Respekt.

Nur bisher hatte Kilverdale weder die Nachricht beantwortet, noch war er persönlich hier erschienen. Montagmorgen, nach zwei Nächten in Newgate, hatte Jakob widerstrebend eine weitere Botschaft geschickt. Diesmal an seinen Großvater, der an der St. Martin’s Lane ein Haus besaß. Unter anderen Umständen hätte Jakob erheblich länger auf eine Antwort von Kilverdale gewartet, ehe er Lord Swiftbourne um Hilfe bat, aber er war überzeugt, dass Lady Desirée noch immer in Gefahr schwebte. Auch auf diese zweite Nachricht erhielt er keine Antwort.

Jakob rüttelte an einem der Gitterstäbe vor dem Fenster, während er sich ärgerlich fragte, wohin Kilverdale wohl verschwunden sein mochte. Offenbar war sein Cousin außerstande, länger als fünf Minuten an einem Ort zu verweilen.

Das Feuer schien näher zu kommen, zwischen den Gitterstäben drangen Rauchschwaden und Glut herein, ein schrecklicher Vorgeschmack auf das, was noch kommen würde. Jakob war entsetzt bei der Vorstellung, hier gefangen wie eine Ratte auf die Flammen warten zu müssen.

In den letzten zwei Tagen hatte er viel Zeit damit verbracht, mit einem großen Eisennagel an dem Mörtel um das Fenster zu kratzen. Bei seinen Vorbereitungen zur Flucht war das Feuer sein Verbündeter gewesen. Falls jemandem auffiel, dass er viel Zeit am Fenster verbrachte, würde der nur glauben, dass Jakob beobachtete, wie der Brand sich ausbreitete.

Jetzt stemmte er eine Hand gegen die Wand und umfasste mit der anderen die erste Gitterstange. Unter Aufbringung all seiner Kräfte gelang es ihm, den Stab herauszubrechen. Zum Glück musste er sich nicht bemühen, leise zu sein. Sollte jemand ihn hören und ihn an der Flucht hindern wollen, müsste er dazu die Tür öffnen.

Und das Einzige, was Jakob brauchte, war eine offene Tür.

Gerade als er den Stange zu Boden fallen lassen wollte, hörte er das Klappern eines Schlüssels. In den wenigen Sekunden, die ihm blieben, bis die Tür nach innen aufging, schob er die Stange in seinen Mantel.

„Wo wart Ihr so lange?“, fragte er und ging auf den erschrockenen Wärter zu.

„Beeilt Euch! Wir gehen zum Kittchen.“ Der Wärter hustete und deutete mit der linken Hand auf Jakob. In der rechten hielt er eine Muskete.

„Wohl eher zur Hölle.“ Jakob schritt durch die Tür, wobei ihm mit einem Stoß zwischen die Schulterblätter nachgeholfen wurde.

Von überall her hörte er ängstliche und wütende Schreie. Die Wärter versuchten, ihre Gefangenen nach Southwark zu schaffen, aber sie waren nicht besonders gut organisiert und fürchteten sich genauso sehr wie die Gefangenen. Sobald sie die Straße erreicht hatten, war es ein Leichtes für Jakob, in der allgemeinen Verwirrung zu entkommen.

In der nächsten Gasse hielt er inne. Im Gefängnis hatte er sich an das Brausen des näher kommenden Feuers beinahe gewöhnt. Draußen auf der Straße fügte ihm der Lärm jedoch geradezu betäubenden Schmerz zu, dröhnte in seinen Ohren und raubte ihm fast die Orientierung. Steine zerbarsten unter den hohen Temperaturen, und es klang, als würde inmitten des Feuers eine Schlacht ausgefochten.

Er drehte sich um, warf einen ersten Blick auf den Brand – und der Schock ließ ihn erstarren. Der Wind, der seit Sonntag aufgekommen war, hatte die Flammen in ein wahres Inferno verwandelt. Es erhob sich über die höchsten Gebäude und ließ alles neben sich zwergenhaft klein wirken. Der Himmel über ihm war schwarz vom Rauch.

Ein Funkenregen fiel auf ihn herab und bedeckte seinen Überrock mit kleinen schwarzen Punkten. Die starke Hitze brannte in seinen Augen und schien sein Gesicht zu versengen. Plötzlich war überall beißender Rauch, der ihn zu ersticken drohte. Er konnte nichts mehr sehen, seine Lungen rebellierten. Fast wie lebendige Wesen verfolgten die Flammen eine boshafte Absicht: alles, was sich ihnen in den Weg stellte, zu vernichten.

Es gelang ihm, das lähmende Entsetzen abzuschütteln, und er drehte sich um und lief weiter durch die dicke Aschenwolke, die in der Straße umherwirbelte.

Bestimmt war sein vorübergehendes Quartier in der Stadt inzwischen verbrannt. Zu dem Haus in St. Martin’s Lane zu gehen hatte ebenfalls keinen Sinn, denn die Nachricht, die er dorthin geschickt hatte, war unbeantwortet geblieben. Außerdem brannte er nicht gerade darauf, sich seinem Großvater als entlaufener Sträfling zu präsentieren. Nun, da er frei war, bedauerte er es, diese Nachricht überhaupt geschickt zu haben.

Er blieb stehen, um sich zu vergewissern, wo er war, und musste husten.

Plötzlich dachte er an den Augenblick, da der Verwalter jener Dame die Pistole auf ihn gerichtet hatte. Jakob hatte sich flach hinter ein Blumenbeet gelegt, das ihm zumindest etwas Schutz bot. Der Verwalter hatte abgedrückt, aber es war ein Fehlschuss gewesen. Jakob bezweifelte nicht, dass der Mann beabsichtigt hatte, ihn dort auf dem Dach von Godwin House zu erschießen.

Er hatte das Debakel nur wegen einer Fehlzündung überlebt und weil Lady Desirée fest entschlossen war, ihn lebend vor ein Gericht zu bringen. Ihm fiel ein, wie sie ihn mit der Pistole in Schach gehalten hatte, die sie ihrem Angreifer entwendet hatte. Dass sie Mut besaß, stand außer Frage, aber das Feuer würde sich weder von ihrer Würde noch ihrer zurückgezogenen Lebensweise besänftigen lassen – und es war nicht einmal das einzige Risiko für ihre Sicherheit. Bestimmt war sie längst aus ihrem großen Haus geflohen, nur hätte Jakob zu gern gewusst, wohin sie gegangen war.

Er war vollkommen bedeckt von Schmutz und Asche, nichts als ein weiterer Mann auf der Flucht vor dem Feuer. Solange er nicht einem Angehörigen von Lady Desirées Haushalt begegnete, würde ihn niemand erkennen. Vielleicht würde er einen Menschen finden, der ihm sagen konnte, was er wissen musste. Er verdankte Lady Desirée sein Leben. Und er war fest entschlossen, diese Schuld zu begleichen.

Desirée stand in ihrem Dachgarten, in der Hand den Schlüssel für das Tor, das zum Fluss führte. Wie in Trance starrte sie auf die brennende Stadt. Abgesehen von ein paar Männern, die das Haus vor Plünderern schützen sollten, war sie allein in Godwin House. Sie fragte sich, ob Arscott oder Benjamin Finch überhaupt wussten, dass sie sie zurückgelassen hatten.

In dem Bemühen, die Einrichtung des Hauses in Sicherheit zu bringen, war niemandem aufgefallen, dass sie nicht dabei war. Die wertvollsten Gegenstände waren entweder mit einer Kutsche oder einem Lastkahn weggeschafft worden. Arscott hatte den Kahn begleitet, um die verschlossene Kiste zu bewachen, in der Desirées gesamtes Barvermögen aufbewahrt wurde. Mehr als neuntausend Pfund befanden sich in der Kiste, die Einnahmen aus den Besitztümern der Godwins.

Benjamin war für die drei Kutschen verantwortlich, mit denen andere bewegliche Habe fortgeschafft wurde. Er sorgte zur gleichen Zeit für den größten Teil der Dienerschaft, wozu auch Lucy gehörte, Desirées persönliche Zofe. Es hatte hitzige Gespräche darüber gegeben, ob Desirée in dem überladenen Kahn oder in der Kutsche besser aufgehoben wäre. Eine Entscheidung war nicht getroffen worden. In der allgemeinen Verwirrung durften beide Männer davon ausgehen, dass ihre Herrin sich in der Obhut des jeweils anderen befand.

Obwohl sie Angst hatte, ihr Heim zu verlieren, hatte Desirée eigentlich gar nicht zurückbleiben wollen. Im Grunde war sie einfach nur nicht fortgegangen. Sie fragte sich, ob sie damit vielleicht einer Familientradition entsprach: Bei Gefahr lief ein Godwin nicht davon. Vor zweiundzwanzig Jahren hatte ihre Mutter dasselbe getan. In Abwesenheit des Earls hatte die Countess ihr Haus fünf Wochen lang gegen die Royalisten verteidigt. Nicht einmal die Verwundung ihrer Tochter hatte sie zum Aufgeben veranlasst. Erst die Ankunft von Streitkräften der Parlamentarier unter Führung von Desirées Vater hatte der Belagerung ein Ende gesetzt.

Der böige Ostwind presste die Röcke gegen ihre Schenkel, in ihrem zerzausten Haar verfing sich Asche, die durch die Luft wirbelte.

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