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Fesseln der Freiheit

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Kapitel 1
  5. Kapitel 2
  6. Kapitel 3
  7. Kapitel 4
  8. Kapitel 5
  9. Kapitel 6
  10. Kapitel 7
  11. Kapitel 8
  12. Kapitel 9
  13. Kapitel 10
  14. Kapitel 11
  15. Kapitel 12
  16. Kapitel 13
  17. Kapitel 14
  18. Kapitel 15
  19. Kapitel 16
  20. Kapitel 17
  21. Kapitel 18
  22. Kapitel 19
  23. Kapitel 20
  24. Kapitel 21
  25. Kapitel 22
  26. Kapitel 23

Kapitel 1

Tony verbiss sich ein Seufzen über das Wetter. Es wäre schöner gewesen, diesen Abend in den Gärten der Villa zu feiern und die mediterrane Luft von Sainte-Maxime zu genießen. Dieser Vorstellung hatte der Regen gehörig einen Strich durch die Rechnung gemacht. Hauptsache, ihre Gäste amüsierten sich, und sie erfüllte ihre Rolle als Gastgeberin. Die Musiker spielten mit beschwingtem Jazz gegen das Prasseln an den raumhohen Fenstern an. Die Kellnerinnen schenkten eilfertig Getränke nach, damit niemand auf die Idee kam, sich über die an manchen Stellen unfertige Dekoration zu wundern. Bisher hatte niemand bemerkt, wie überstürzt vor vierzehn Stunden alles in das Innere des Hauses verlegt worden war.

Prüfend blickte Tony sich um, um herauszufinden, welche der Gäste Nachhilfe bei ihrer Unterhaltung benötigten. Im Vorbeigehen nahm sie ein weiteres Glas Champagner von einem Silbertablett und bedankte sich mit einem höflichen Plausch für ein viel zu freundliches Lob, mit dem einer der Gäste sie in ein Gespräch verwickelte.

Sie hasste Abende wie diese, an denen alle und jeder übertrieben freundlich war. Es war verlogen, es war falsch, es war grauenhaft. Aber es musste sein, schließlich waren es die Geschäftspartner ihres Vaters, die Geldgeber, die Kunden. Außerdem waren Abende wie dieser bestens dafür geeignet, sich etwas Abwechslung zu verschaffen.

Jon hatte es selbstverständlich nicht geschafft, sich diesen Abend freizunehmen. Irgendeine internationale Transaktion stand kurz vor dem Abschluss. Das war wichtiger als ein Sommerfest. Es hätte Tony auch nicht gestört, wenn er hier gewesen wäre.

Ihr Blick blieb an einem Mann hängen, der ungefähr ihr Alter hatte. Eigentlich bevorzugte sie die dunkelhaarigen Typen. Er war blond und hellhäutig. Er hatte ein sehr markantes Kinn, das er mit einem sorgfältig rasierten Kinnbart noch mehr zur Geltung brachte. Seine Figur gefiel ihr: schmale Hüften, ein flacher Bauch und Schultern, die auf regelmäßigen Sport hindeuten. Nicht der perfekte One-Night-Stand, aber auch nicht zu verachten. Sie wartete, bis ihre Blicke sich kreuzten, und lächelte ihn offen an. Er strahlte etwas Resolutes aus. Er hielt sich schon den ganzen Abend an ihren Doktorvater. Daraus schloss sie, dass er Ingenieur war – jemand, der keine Ahnung von Technik hatte, hielt es mit ihrem Mentor nicht lange aus.

Umso besser. Sie trat zu den beiden Männern, begrüßte ihren Doktorvater, wechselte einige höfliche Worte und konzentrierte sich dann auf ihr eigentliches Ziel: Mr. Sexy in ihr Bett zu bekommen.

»Und Sie sind?«, sprach sie ihn an. Er hatte ihre Einmischung in das Gespräch bisher schweigend hingenommen.

»Wertinger. Mikael Wertinger«, stellte er sich steif vor. Mechanisch streckte er seine rechte Hand aus. Er sprach seinen Vornamen nicht amerikanisch aus, wie Michael, sondern melodisch. Anziehend. Ein wenig italienisch.

»Tony Miller.« Sein Griff war fest. Sofort huschten Bilder durch ihren Kopf. Wenn er im Bett genauso zulangte, versprach es, ein guter Abend zu werden. Sie liebte es, wenn die Kerle beim Sex mit ihren Brüsten spielten. Mr. Sexy konnte von der Sorte sein, die das auch wirklich tat. »Management Accounting, London. Sie sind unser Konstruktionsgenie? Ich habe schon von Ihnen gehört. Die ganze Firma spricht von Ihnen.«

»Dann sind Sie diejenige, die uns das Geld abdreht, wenn die Versuche spannend werden. Davon habe ich auch schon gehört.« Er zuckte mit den Schultern und blickte sich nervös um, als fühlte er sich in dieser schicken Umgebung nicht wohl. Der amerikanische Akzent war deutlich zu erkennen. Texas, verbunden mit dem vergeblichen Versuch, sich diese Herkunft nicht anmerken zu lassen.

Sein Anzug saß ausgesprochen schlecht. Wahrscheinlich hatte er ihn sich in einer hektischen Aktion gekauft, als er die Einladung in seinem Postfach gefunden hatte. Daraus schloss sie, dass er keine Freundin hatte. Wunderbar. Das versprach keine Komplikationen.

»Sie haben sich die richtige Gesellschaft ausgesucht, Professor!« Tony schüttelte ihre Locken aus und schenkte Mikael ein offenherziges Lächeln. Sie hob das Champagnerglas an die Lippen und nippte daran. Auffällig, bis sie seinen Blick auf ihren Lippen spürte. »Aber jetzt muss ich mich entschuldigen, Professor, Mikael.«

Sie warf einen schnellen Blick in Richtung der Fenster, wo eine Gruppe Banker viel zu laut lachte, und zwang sich ein nichtssagendes Lächeln auf die Lippen. Banker waren in jeder Umgebung zu erkennen, auch wenn sie einen zu viel getrunken hatten wie diese Musterexemplare ihrer Gattung. Diese gestriegelten Frisuren, die Maßanzüge, die Manschettenknöpfe und diese schrecklichen, hellblauen Hemden. Leicht zu haben, wenn man es darauf anlegte.

Es war etwas in Mikaels Augen gewesen, das ihr einen kalten Schauder über den Rücken gejagt hatte. Sein Blick hatte etwas von einem Falken, der auf seine Beute wartete.

Tony leerte den Champagner und begann, mit einem der Banker zu flirten. Jetzt musste sie nur noch dafür sorgen, dass Wertinger ein kleines bisschen zu viel trank und am Ende der Feier den Weg auf ihr Zimmer fand. Sie lachte leise und ignorierte, dass der Banker es auf diesen lächerlichen Witz schob, den er gerade zum Besten gab.

***

Der Vorteil an Hausgästen war, dass sie länger blieben als die anderen, die im Hotel übernachten. Die letzten Taxen waren abgefahren. Die Musiker hatten zusammengepackt. Die Kellner waren dabei, die Gläser einzusammeln und zusammenzukehren. Zufrieden lehnte Tony sich an eine Tischkante und drehte lässig das Champagnerglas zwischen Daumen und Zeigefinger. Ihr Vater hatte darauf bestanden, dass sie Wertinger auf die Gästeliste setzten, obwohl er weder Geschäftspartner noch Geldgeber war. Ihm lag viel an seinem neusten Talent. Dass dabei etwas Abwechslung für sie selbst heraussprang, war geradezu grandios.

»Ihre erste Party, Mikael?« Er stand verloren mitten im Raum und wirkte auf sie, als wäre er kurz davor, selbst beim Aufräumen mit anzupacken. »Abgesehen von den Studentenpartys, meine ich.«

Er zuckte zusammen und drehte sich zu ihr um. »Ich wollte mich bei Ihnen bedanken, Miss Miller.« Er kam auf sie zu und blieb in einem höflichen Abstand stehen.

Sie winkte ab. Dabei verschüttete sie ein paar Tropfen Champagner auf ihre Hand. »Mikael, bitte. Ich heiße Tony.«

»Ich denke nicht, dass das angebracht wäre.« Sein Blick fuhr unaufhörlich ihren Körper entlang. Tony unterdrückte ein Schaudern und zwang sich dazu, ihn weiterhin anzublicken und zu lächeln. Bewusst langsam hob sie die Hand an die Lippen und leckte den verschütteten Champagner ab, so lasziv, dass jeder normale Mann merken würde, worauf sie anspielte. Sie erwiderte seinen Blick.

»Ich freue mich schon auf das legendäre Katerfrühstück morgen. Das scheint ein echtes Highlight zu sein«, fuhr er fort.

Er strahlte eine faszinierende Stärke aus unter dieser Unsicherheit, die seiner Umgebung geschuldet war. Tony tippte darauf, dass er nicht gerade aus dem besten Elternhaus kam, und solchen Prunk einfach nicht gewohnt war. Seine hellen Augen leuchteten geradezu. Wieder huschten da diese Bilder durch ihren Kopf. Sie, wie sie vor ihm kniete, seinen Schwanz leckte und ihn verwöhnte, bis er endlich kam. Mikael, der zuließ, dass sie sein Sperma schluckte. Er über ihr im Bett, seine kräftigen Schultern, seine starken Arme. Der sie nahm und ihr das gab, was sie jetzt brauchte – einen schnellen Fick.

»Ich würde es gerne mit Ihnen zusammen genießen, Mikael.« Tony ärgerte sich darüber, dass ihre Stimme belegt klang. Normalerweise machte es ihr nichts aus, irgendwelche Männer anzusprechen und aufzureißen. »Wenn Sie wollen, natürlich.«

»Miss Miller, ich habe nicht vor, es auszunutzen, dass Sie betrunken sind«, antwortete er ausweichend und lächelte entschuldigend.

»Ich bin nur angeheitert«, widersprach Tony und hakte sich bei ihm unter. Er roch nicht allzu aufdringlich nach einem ganz gewöhnlichen Herrenparfüm. Anders als diese Banker. »Und wenn ich wirklich so betrunken bin, wie Sie meinen, ist es doch Ihre Pflicht als Ehrenmann, mich sicher auf mein Zimmer zu bringen, oder?«

Perfekt gefangen. Sie bekam immer, was sie wollte. Jemand wie Mikael war eine ihrer leichtesten Übungen.

***

Ohne ihre Führung wäre er in diesem riesigen Haus verloren gewesen. Mikael konnte diese überbordende Pracht um ihn herum immer noch nicht fassen. Sein Kopf schwirrte, von den vielen Gästen, der Musik, den erlesenen Speisen, und wenn er ehrlich zu sich selbst war, auch ein wenig von dem Champagner.

Die Frau an seinem Arm – Tony, verbesserte er sich stumm, – machte einen entschlossenen Eindruck auf ihn. Ihre perfekt geschminkten Lippen waren leicht zusammengepresst, als würde sie über irgendetwas angestrengt nachdenken. Ihr raffiniertes Kleid lenkte den Blick ganz automatisch in ihren Ausschnitt. Dunkle Locken, helle Haut, ein Modelgesicht, dunkelbraune Mandelaugen. Einige hellere Strähnen zogen sich durch ihr Haar, als wenn sie gerade von einem Sommerurlaub zurückgekommen wäre. Eine schlanke Taille, die in dem Kleid hervorragend zur Geltung kam, ein durchtrainierter Hintern, ausreichend Oberweite. Gut genug, um Mikael den Kopf zu verdrehen.

Mikael räusperte sich verlegen, was sie mit einem strahlenden Lächeln quittierte. Der silbrige Glanz auf den Lidern strahlte mit ihrem Schmuck um die Wette.

Wahrscheinlich hatte es heute nur eine Handvoll Männer gegeben, die es geschafft hatten, ihr nicht hinterher zu blicken. Und bei diesen wenigen Ausnahmen würde er alles darauf verwetten, dass sie auch sonst kein Interesse an Frauen hatten.

Diese Frau strahlte Leidenschaft aus. Sie roch nach Verlangen, trotz ihres blumigen Parfüms. Sie hatte genug Stil, es nur die merken zu lassen, von denen sie es wollte. Sie hatte genug Mut, sich aus den Gästen jemanden auszusuchen, weil sie gerade Lust auf Sex hatte.

Er machte sich gar nichts vor; morgen würde sie ihm freundlich einen schönen Tag wünschen, vielleicht ein »Wir sehen uns sicher bald« mit auf den Weg geben, und damit wäre die Sache für sie erledigt. Normalerweise fand er eine solche Haltung bei Frauen erfrischend unkompliziert. Frauen, die wussten, was sie wollten, die es einforderten und kein großes Getue um Gefühle machten.

Sie reizte ihn. Er wollte ausprobieren, wie weit sie gehen würde. Er wollte sich diesen Willen unterwerfen. Sie dazu bringen, sich seiner Führung anzuvertrauen. Ihr zusehen, wie sie sich fallen ließ. Er musste sich schon schwer täuschen, wenn unter dieser Fassade nicht die Sehnsucht nach Dominanz steckte. Aber dazu würde er weit mehr als eine Nacht brauchen, und genau das würde sie niemals zulassen.

Wenn es nur darum ginge, das ließe sich verkraften. Ein unkomplizierter One-Night-Stand wäre der perfekte Abschluss für diesen Abend. Trotzdem hatte er Bauchschmerzen bei dieser Sache. Sie reizte ihn. Sie war eine Herausforderung. Und sie würde ihn sicherlich morgen früh keines Blickes mehr würdigen. Seinem Stolz zuliebe wäre es sicher besser, sein Glück gar nicht erst bei ihr zu versuchen.

Sie erreichten einen Flur, den eine einsame, asymmetrische Lampe an der rechten Wand in ein sanftes Licht tauchte. Ein dunkelblauer Läufer führte über den weißen Steinfußboden. Mikael erinnerte sich nicht daran, hier schon einmal gewesen zu sein. Dabei war er sich nach der Hausführung am Morgen sicher gewesen, das ganze Haus gesehen zu haben.

»Tony, ich glaube, es ist besser, wenn ich Sie hier alleine lasse. Sie kommen doch zurecht?«, flüsterte er.

Tony strebte auf die zweite Tür zu, und zog ihn mit. Statt einer Antwort lächelte sie ihn an und leckte sich wie gedankenverloren mit der Zungenspitze über ihre weißen Zähne.

Verdammt, er fühlte, wie die Erregung in ihm aufstieg. Er hatte es den ganzen Abend über geschafft, sich von zu vielen Gedanken an sie abzulenken. Aber jetzt, alleine mit ihr, ihren Duft in der Nase und ihre Wärme neben seinem Körper, stellte sich das alles ganz anders dar.

Ihre zierliche Hand mit dem viel zu wuchtigen Diamantring legte sich auf den Türgriff und drückte die Tür auf. Dahinter war es dunkel. Sie tastete nach dem Lichtschalter und war für einen Augenblick abgelenkt.

Mikael nutzte die Gelegenheit, um sich von ihr loszumachen. Er trat ungelenk einen Schritt zurück und deutete eine Verbeugung an.

Sie fuhr herum. Ihre Augen funkelten unternehmungslustig. »Mikael, die Gelegenheit bekommen Sie nie wieder«, sagte sie sanft und streckte eine Hand nach ihm aus. »Nicht so schüchtern, mein Lieber. Ich weiß, was ich tue. Ich bin bei klarem Verstand.«

Dabei zog sie ihre Unterlippe zwischen die Zähne und beschenkte ihn mit einem gespielt mädchenhaften Augenaufschlag.

»Gute Nacht, Miss Miller«, brachte er hervor und ärgerte sich über seinen Atem, der ihm in kurzen, knappen Stößen entwich. Jeder Idiot würde daran merken, wie sehr diese Frau ihn erregte.

»Kommen Sie schon!« Ihre Hand griff an sein Jackett und zog ihn energisch in den Raum. Hinter ihm fiel die Tür mit Schwung wieder zu.

»Dort drüben geht es ins Bad. Sie sollten alles dort finden, was Sie brauchen.« Sie deutete auf eine Tür, die unauffällig in einer Ecke des Zimmers abging. »Ich sorge hier ein wenig für Stimmung, und wenn Sie zurückkommen, dann verschwinde ich für einen Augenblick, einverstanden?«

Wenn diese Frau an alle Dinge ihres Lebens heranging wie an einen One-Night-Stand, dann verstand er langsam den Ruf, den sie in der Firma genoss. Sie ließ ihm keine Zeit für weitere Gedanken, sondern schob ihn in Richtung der Tür. Diese geradezu geschäftsmäßige Art reizte ihn noch mehr. Zu gern würde er herausfinden, was sie hinter diesem Auftreten alles versteckte. Mikael drehte sich unsicher um sich selbst. Das Badezimmer kam ihm genauso riesig vor wie alles andere an diesem Haus. Sie hatte nicht nur eine luxuriöse Dusche, mit Massagestrahlern und einer gläsernen Duschwand, sondern auch einen Whirlpool. Dazu kamen zwei überdimensionierte Waschbecken aus weißem Marmor mit eckigen Wasserhähnen aus Silber. Um eines der Waschbecken hatte sie eine ganze Armada an Tiegelchen aufgebaut. Er nahm also das andere, hielt sich für einen Augenblick am Waschbeckenrand fest und fixierte sein Spiegelbild.

»Du begehst gerade die größte Dummheit deines Lebens«, gestand er sich selbst ein und strich sich über die müden Augen. Er sollte die Finger von ihr lassen. Sie war jenseits seiner Reichweite, ganz eindeutig. Und genauso eindeutig weckte sie dieses Verlangen in ihm, sie zu beherrschen. Mikael griff nach einem meeresblauen Handtuch, das an einem silbernen Halter neben dem Waschbecken beinah aussah, als hätte jemand es hingemalt.

Die weiche Textur beruhigte ihn ein wenig. Sie wollte Sex, mehr nicht. Er sollte nicht zu viel hineininterpretieren, sich darüber freuen, dass eine attraktive Frau wie sie sich für ihn interessierte, es genießen und vor allem dabei belassen.

***

Tony entschied sich im letzten Augenblick für einen dezenten String aus dem kleinen Fundus, den sie für genau solche Fälle unter ihrem Waschbecken aufbewahrte. Sie kontrollierte ihre Frisur im Spiegel und strich noch einmal durch die dunkelbraunen Locken, die ihr bis zum Schulterblatt reichten, ehe sie in ihr Schlafzimmer zurückging.

Das gedimmte Licht tauchte alles in ein äußerst vorteilhaftes Spiel aus oranger Farbe. Sie betrachtete Mikael nachdenklich, wie er auf ihrem Bett mit dem dunkelblauen Seidenlaken lag. Er wirkte zögerlich. Als wüsste er nicht ganz, was von ihm erwartet wurde. Vielleicht hätte sie besser den Banker nehmen sollen? Sie lächelte ihr eigenes Unbehagen weg und trat an das Sideboard, auf dem eine viereckige Schüssel aus rötlichem Holz stand.

Mit zwei Fingern griff sie hinein. »Ich hoffe, du hast nichts gegen Gummis einzuwenden?«

Hektisch schüttelte er den Kopf. Sie zog drei Packungen aus der Schüssel und setzte sich neben ihm auf das Bett. Die Kondome legte sie auf dem Nachttisch ab. Gleichzeitig strich sie mit der linken Hand über seinen Bauch. Alle seine wohldefinierten Bauchmuskeln zogen sich zusammen. Seine sportliche Figur ließ darauf schließen, dass er zwar nicht übermäßig, aber doch regelmäßig Sport trieb. Tony musste sich zusammenreißen, um nicht die ganze Zeit sein Glied anzustarren.

»Haben Sie …«, begann er und schluckte sichtbar. »Ich meine, hast du etwas dagegen, wenn ich dir zuerst meine Aufmerksamkeit schenke?«

Dieser romantische Unterton passte gar nicht zu dem, was sie sich vorgestellt hatte. Tony lächelte trotzdem. »Wieso sollte ich?«

Er richtete sich auf und rutschte ein Stück zur Seite. »Leg dich auf den Rücken, Tony.«

Seiner ganzen Unsicherheit zum Trotz gewann seine Stimme jetzt an Überzeugungskraft. Sie grinste zufrieden. Also war er kein dummer Junge, der keine Ahnung von gutem Sex hatte. Sie fühlte das Seidenlaken auf ihrer Haut, warm, wo er gelegen war, ansonsten erfrischend kühl. Er strich zärtlich über ihren Hals und zwischen ihren Brüsten hindurch. Sofort stellten sich ihre Nippel auf. Tony unterdrückte ein Stöhnen. So einfach würde sie es ihm nicht machen. Seine Finger setzten ihren Weg nach unten fort. Sie malten einen Kreis um ihren Bauchnabel. Spielerisch leicht schob er ihren String zur Seite. Dann tasteten seine Finger sich weiter vor, nur um kurz vor ihrer Spalte aufzuhören.

»Zieh dich aus«, befahl er knapp.

Allein sein Tonfall genügte schon, um ihr wohlige Schauer über den Rücken zu jagen. Tony schob den String nach unten. Mikael blickte interessiert auf sie hinab und half nach, als es ihm nicht schnell genug ging.

Zärtlich wanderten seine Finger zurück nach oben und streichelten ihre Möse. Die dünne Haut an der Innenseite ihrer Oberschenkel schickte jede Berührung geradewegs durch ihren Körper hindurch. Ein leichtes Pochen breitete sich in ihrem Unterleib auf. Gerade jetzt hielt er inne.

Tony protestierte leise, was er mit einem ebenso leisen Lachen quittierte. Sie öffnete ihm ihre Beine bereitwillig. Dennoch griff er an ihre Oberschenkel und schob sie besitzergreifend noch ein wenig weiter auseinander. Ein kleiner Schauder überlief sie, als sie daran dachte, wie sie jetzt für ihn aussehen musste.

Der klare Blick aus seinen strahlend blauen Augen hielt sie gefesselt, während er sich zu ihr hinabbeugte. Sie spürte seinen Atem zwischen ihren Schenkeln. Er hauchte Küsse auf die empfindliche Haut an der Innenseite der Oberschenkel, zuerst nur hauchzart, dann immer schneller und fordernder. Seine weichen Lippen näherten sich ihrer Spalte, nur um im nächsten Augenblick die Haut an ihren Schenkeln zu küssen. Jeder dieser Küsse schickte kleine, elektrische Ströme durch ihren Körper.

Jetzt konnte sie ein heiseres Stöhnen nicht mehr unterdrücken. Er ließ sich davon nicht beirren. Seine Hände hielten ihre Oberschenkel fest, während seine Lippen sie weiter küssten. Endlich traf der erste Kuss ihre Perle, wenn auch nur zaghaft.

Tony spürte die Feuchtigkeit zwischen ihren Beinen. Sie wollte sich aus seinem Griff befreien. Bei den meisten Kerlen war an dieser Stelle sowieso Schluss, und heute stand ihr der Sinn nicht gerade nach einem langen Vorspiel.

Seine Hände ließen es jedoch nicht zu.

»Ich bestimme, wann es genug ist«, flüsterte er heiser. Sie konnte ihre Antwort nur stöhnen, denn im selben Augenblick traf seine Zunge wieder auf ihren Kitzler. Mikael leckte diesmal härter, nahm keine Rücksicht mehr darauf, wie zart die Haut dort war. Seine Lippen schlossen sich um ihre Perle, saugten daran, während seine Zunge die unglaublichsten Dinge zu tun schien.

Tony ließ die Erregung einfach zu. Wenn er es unbedingt wollte, würde sie bestimmt nicht Nein sagen. Flink und geschickt setzte seine Zunge ihr Werk fort. Die Erregung in ihr wuchs an, bis sie schmerzhaft wurde. Sie wand sich unter seinen Händen, um dieser fordernden Zunge und den Lippen wenigstens für einen Augenblick zu entkommen. In ihr pochte es.

»Bitte«, brachte sie hervor und wollte an seinen Kopf greifen, um ihn fester zwischen ihre Beine zu drücken.

Gerade jetzt richtete er sich auf. Kühle Luft strich über ihre erhitzten Schamlippen. Erwartungsvoll blickte Tony zu ihm auf.

»Du schmeckst gut, Tony«, sagte er leise. »Aber ich fürchte, dabei wird es bleiben.«

Sie brauchte einen Augenblick, um seine Worte zu verstehen. In ihrem Kopf brauste es immer noch. »Was?«

»Du kennst die Firmenpolitik sicher besser als ich. Regel eins: Schlafe nie mit einer Kollegin.« Er rutschte zurück und stieg über das Fußende vom Bett hinunter. Sie konnte seine Erregung deutlich sehen, daran konnte es nicht liegen.

»Herrje, ich sitze in London, du in Glasgow. Das ist Kollege im weiteren Sinne, oder?«, entgegnete Tony ungeduldig. Die erste Welle der Erregung ebbte genauso schnell ab, wie sie gekommen war. Dieser Typ hatte es tatsächlich fertig gebracht, sie bis kurz vor den Orgasmus zu treiben und dann einfach aufzustehen.

»Regel zwei: Schlafe erst recht nicht mit deiner Chefin.« Er bückte sich nach seinen Boxershorts und zog sie rasch über. Die Anzughose folgte ebenso schnell.

»Ich bin nicht deine Chefin.«

»Gewissermaßen schon. Du bestimmst, was finanziert wird, also bestimmst du auch, ob ich meinen Job behalte oder nicht.«

Hatte er eigentlich auf alles eine Antwort? Zorn stieg in ihr auf. Was war in ihn gefahren? Erst machte er bereitwillig mit, und dann zog er so eine Nummer ab!

»Und dann wäre da noch Regel drei: Ficke nie, und nie ist hier gemeint wie n-i-e, die Tochter deines Chefs.«

Damit schenkte er ihr ein strahlendes Lächeln und griff nach seinem Hemd. »Sie konnten nicht ernsthaft davon ausgehen, dass ich dieses kleine Spiel nicht durchschaue, oder? Ich wünsche Ihnen eine angenehme Nacht, Miss Julie Antoinette MacMillan-Chablois.«

Sie starrte ihm hinterher, als er das Zimmer ohne weitere Worte verließ und die Tür hinter sich zuzog. Dann packte sie ihr Kissen und warf es zornig hinter ihm her. Es knallte gegen die Tür und flog zu Boden. »Arschloch! Du hast Regel Nummer vier vergessen! Ficke die Tochter deines Chefs, weil sie sonst wütend wird und dich rausschmeißt!«

Enttäuscht und frustriert zugleich presste sie ihr Gesicht in das zweite Kissen auf dem Bett. Was in aller Welt war das Problem daran, dass sie an einem solchen Abend Lust auf eine kurze, unkomplizierte Affäre hatte?

Sie tastete nach dem Telefon auf dem Nachttisch, drückte die erste Kurzwahltaste und wartete das Freizeichen ab.

»Heb endlich ab, du siehst, dass ich es bin«, murmelte sie genervt. »Du bist noch wach, ich weiß es!«

»Was gibt es, Darling?«, meldete sich endlich eine etwas angeschlagene Stimme am anderen Ende der Leitung. »Ist die Feier vorbei?«

»Es war alles gut, das erzähle ich dir ein anderes Mal«, würgte sie ihn ab. »Darum geht es nicht. Jon, ich brauche ein wenig Unterhaltung. Ich bin einsam ohne dich!«

Er seufzte hörbar auf. »Darling, weißt du, wie spät es ist? Ich muss morgen früh ins Büro!«

»Du sitzt sowieso über deinen Akten! Magst du mir nicht davon erzählen, wie du deinen Schwanz in mich stößt und es mir so richtig besorgst?« Sie zerknüllte eine Ecke ihres Kissens in ihrer Hand und wünschte sich dabei diese altmodischen Schnurtelefone zurück, bei denen man immer etwas gehabt hatte, um sich zu beschäftigen. »Es ist lange her, seit wir das letzte Mal richtig miteinander geschlafen haben. Ich kann mich kaum daran erinnern!«

»Es war letzte Woche, wenn mich nicht alles täuscht am Mittwoch. Du hast darauf bestanden, obwohl wir eigentlich diese Doku im Fernsehen ansehen wollten«, erinnerte er sie abwesend. »Jetzt ist wirklich nicht der richtige Augenblick, Schatz!«

Tony grummelte ihren Unmut vor sich hin, in Worten, die gar nicht für ihn bestimmt waren.

»Es sind doch nur noch ein paar Tage, bis du zurück bist. Dann werde ich mir etwas einfallen lassen für dich.«

Sie sah das freundliche, nichtssagende Lächeln ihres Verlobten bei diesen Worten vor sich, als säße er neben ihr. »In Ordnung, mein Lieber. Aber dann lasse ich keine Ausreden gelten. Und wenn du es nicht rechtzeitig aus dem Büro schaffst, rufe ich deinen Chef an und sage ihm, wieso du nach Hause kommen musst.«

»Untersteh dich!« Er schickte einen angedeuteten Kuss durch das Telefon. »Schlaf gut, Darling.«

Sie legte das Telefon weg und ließ sich auf den Rücken rollen. Ihr Zimmer verschwamm um sie herum. Sie hätte doch den Banker nehmen sollen. Jetzt war es zu spät, und ihre Stimmung war sowieso am Tiefpunkt angelangt.

Wieso, verdammt noch mal, ging ihr Mikael immer noch nicht aus dem Kopf, obwohl er sich so dämlich angestellt hatte?

Kapitel 2

»Tony, was ist los?«, riss eine freundliche Stimme sie aus ihren Gedanken. Diese Stimme war es gewöhnt, mit Menschen zu sprechen und ihre Anliegen zu bearbeiten. Langsam nur löste sie sich von dem Bild unwahrscheinlich blauer Augen, die in ihrer Erinnerung mit jedem Tag strahlender wurden. »Geht es Ihnen nicht gut?«

»Wahrscheinlich hängt mir die Feier noch nach«, sagte sie ausweichend und setzte sich auf. Sie suchte unter dem Tisch nach ihren Schuhen und schlüpfte wieder hinein. Gewissermaßen stimmte das auch; in der vergangenen Woche war kein Tag vergangen, an dem sie nicht an ihn hatte denken müssen. An Mikael Wertinger, das neue Genie aus der Konstruktionsabteilung.

»Sie haben sich wacker geschlagen als Gastgeberin, heißt es.« Cherie Howland, ihre Sekretärin, stellte einen dampfend heißen Kaffeebecher vor ihr auf den Schreibtisch. »Ich wäre zu gerne dabei gewesen, aber ich konnte die Kleine wirklich nicht alleine lassen.«

»Es war ja nicht das letzte Mal.« Tony winkte ab und rief sich mit dieser Geste selbst zur Vernunft. Sie hatte gehofft, dass die kühle Luft Londons sie wieder zur Vernunft brachte, aber das hatte bisher jedenfalls kein Stückchen funktioniert. »Das hilft uns alles nichts bei der Finanzierung. Hat Jon sich gemeldet? Er hat mir versprochen, bei diesem Investor weiter vorzufühlen, den er angeblich an der Angel hat.«

Cherie verzog ihre etwas zu rosa geschminkten Lippen. »Nein, hat er nicht. Und das mit dem Investor halte ich für eine ganz dumme Idee, wenn Sie mich fragen.«

Tony lächelte in sich hinein und zog trotzdem die Augenbrauen zusammen. Cherie zeichnete sich durch ein gelegentlich etwas zu loses Mundwerk aus. Wahrscheinlich gab es nichts und niemanden, vor dem ihre Plauderei Halt machte. »Wenn Sie eine bessere Idee haben, her damit, Cherie. Ich bin mit meinem Latein am Ende. Wir haben noch zwei Monate, bis die Kreditlinien ablaufen.« Tony merkte Cherie deutlich an, dass sie nicht ganz verstand, worum es ging. »Das bedeutet, dass wir dann pleite sind. Punkt.«

Cherie schnappte nach Luft. »Wir alle?«

»Schottland«, grummelte Tony. »Der Firmenteil in Glasgow«, verbesserte sie sich und legte die Finger um den Kaffeebecher. Die Keimzelle des kleinen Imperiums, das ihr Großvater aufgebaut und ihr Vater meisterlich verwaltet hatte. Der Teil, an dem das Herz ihres Vaters am meisten hing, weil es einer der wenigen verbliebenen Industriebetriebe in Glasgow war.

»Na, Ihnen wird schon etwas einfallen.« Cherie zuckte mit den Schultern. »Ein Anruf kam vorhin für Sie rein, von einem gewissen Wertinger. Er behauptet, er würde Sie kennen. Ich habe ihn abgewimmelt.«

Tony schickte sie mit einem bestätigenden Nicken weg und schob den Kaffee zur Seite. Darunter häuften sich Papiere mit schier endlosen Zahlenreihen und irgendwelchen, kaum entzifferbaren Notizen. Sie brauchte eine gewisse Menge an Chaos, obwohl die meiste Arbeit digital geschah. Also hob sie einfach alle möglichen Papiere auf, die ihr vor die Nase gesetzt wurde, egal ob sie sie noch einmal brauchte oder nicht.

Wieso rief er an? Höchstwahrscheinlich brauchte die Forschungsabteilung mehr Geld. Das war nichts Neues. Dass sie Wertinger vorschickten, war auch nicht gerade ungeschickt in Anbetracht dessen, dass er eine Einladung auf das alljährliche Firmenfest bekommen hatte. Tony seufzte auf und aktivierte den Bildschirm. Der Computer hatte sich bereits in den Ruhezustand versetzt, und sie nutzte die erzwungene Pause, um sich auf ihren Kaffee zu konzentrieren.

Und alle Gedanken an Wertinger zu vertreiben.

***

Kaum war das System hochgefahren, blinkte ihre Mailbox auf. Die Absender waren die üblichen Verdächtigen – Banken, Investoren und ihr Anwalt. Dass MacMillan & Co., Glasgow, bald zum Verkauf stehen würde, davon sangen alle Vögel auf den Dächern.

Sie wollte die erstbeste dieser Mails öffnen, als ihr Blick auf eine Nachricht mit firmeninternem Absender fiel. Es war tatsächlich Wertinger, der nach der Abfuhr am Telefon offensichtlich nichts Besseres zu tun gehabt hatte, als sie per Mail mit seinen Finanzierungslücken zu belästigen.

Wie von selbst glitt der Mauszeiger auf diese Nachricht. Unwillkürlich hielt Tony den Atem an.

Liebe Tony,

schade, dass Sie gerade nicht erreichbar sind. Es tut mir leid, dass ich an besagtem Abend die Kontrolle verloren habe. Ich wollte Sie nicht verletzen.

Ihr Mikael

Sie musste die Nachricht dreimal lesen, ehe sie verstand, was er ihr sagen wollte. Es war vollkommen absurd, dass irgendjemand sich nach einer Woche wegen eines abgebrochenen One-Night-Stands meldete, oder? Tony wusste nicht, ob sie über seine unbeholfene Art lachen oder ihn deswegen unbeschreiblich süß finden sollte. Dann las sie die Nachricht noch ein viertes Mal. Oder rechnete er damit, dass er mit diesem Verhalten ihr Interesse weckte? Er wusste sicherlich, dass sie verlobt war. Sie beschloss, diese aufsteigende Verwirrung zu ignorieren. Er wollte wahrscheinlich nur nett sein, das war alles.

Sie löschte die Nachricht, griff nach dem Telefon, um in Jons Büro etwas Druck zu machen, und las nebenbei die neusten Kreditangebote ihrer Hausbank. Das Übliche eben, wenn man versuchte, einen Familienkonzern zusammenzuhalten.

***

Schon als sie den Schlüssel im Schloss herumdrehte, roch sie Reis, Fisch und Erdnusssoße. Sie schob die schwere Eingangstür auf und legte ihren currygelben Mantel ab. Die Tasche flog einfach unter die Garderobe. Eilig schlüpfte sie aus den Schuhen und öffnete die Tür zum Wohnraum.

Ihre Londoner Wohnung, die sie mit Jon teilte, war ein echter Glücksfall. Nahe genug an einer U-Bahn-Station gelegen, weit genug von der Straße weg, um nicht zu laut zu sein, und dazu hell und geräumig. Und bezahlbar. Der glänzende Parkett passte zu den reinweißen Wänden und den Designermöbeln, die Jon ausgesucht hatte. Alles passte hier perfekt zueinander, war aufeinander abstimmt bis ins letzte Detail. Der schwarze Esstisch mit den acht Stühlen bildete das Zentrum des Raumes, wohingegen die Couch sich zurücknahm und mit der Wand verschmolz. Jon meinte, es wäre so besser, wenn sie Freunde einluden, oder auch einen seiner Anwaltskollegen mitsamt Lebensgefährtin und anderem Anhang. Ihr war es damals herzlich egal gewesen, solange sie nur endlich aus dem Collegezimmer herauskam und mit Jon zusammenziehen konnte.

Die Regalwand trennte das Wohnzimmer von der halb offenen Küche. Sie bog um die mattglänzenden Regale herum und räusperte sich leise.

»Da bist du ja endlich, Darling.« Jon drehte sich nicht zu ihr um, sondern rührte weiter in einem der Töpfe. »Ich habe heute früher Schluss gemacht. Ich dachte mir, ich verwöhne dich mit einem schönen Abendessen und einer guten Flasche Wein.«

Langweilig. »Danke, Jon, das ist sehr aufmerksam.« Sie tapste barfuß an den zweitürigen Kühlschrank und holte sich eine eiskalte Cola heraus. »Keinen Vortrag darüber, dass das nicht gesund ist«, murmelte sie. »Ich brauche das jetzt.«

»So schlimm?« Er griff in einen weit geöffneten Küchenschrank und holte eine Reihe von Gewürzen heraus. »Setz dich doch und entspann dich. Oder mach dich noch schnell frisch, so viel Zeit ist immer.«

Ob Wertinger auch derart anstrengend rücksichtsvoll wäre? Sie konnte es sich bei ihm kaum vorstellen, dass er sich in die Küche stellte, eine lächerliche Küchenschürze über dem Maßhemd trug, eifrig darauf bedacht, ihr einen schönen Abend zu machen. Gedankenverloren biss Tony auf dem Rand der Coladose herum. Jon war ein ansehnlicher Mann, keine Frage. Er hatte breite Schultern, schmale Hüften, eine sportliche Figur. Er legte Wert auf gute Kleidung und besaß dabei einen treffsicheren Geschmack. Statt der Gelfrisuren vieler seiner Kollegen trug er seine Haare in natürlichen Locken, knapp drei Finger lang. Sogar die Brille mit dem schwarzen Rand passte zu seiner Erscheinung. Trotzdem konnte sie ihm einfach nicht treu bleiben. Sogar das nahm er mit scheinbarem Gleichmut hin.

»Was ist los mit dir, Darling? Hast du Sorgen?«

»Wieso hast du dich nicht gemeldet?«, erwiderte sie leise und knabberte weiter an der Aludose. »Du hattest mir versprochen, dich um diese Sache zu kümmern.«

»Feierabend, mein Schatz.« Endlich drehte er sich um und lächelte sie breit an. Er hatte ein sehr zuvorkommendes, unverfängliches Lächeln. Ein typisches Anwaltslächeln. »Setz dich endlich. Soll ich dir einschenken? Ich habe einen hervorragenden Tropfen gefunden, glaube ich.«

Sie unterdrückte ein Seufzen. »Du weißt, worum es geht.«

»Indem du dir unnötig Sorgen machst, wirst du nichts daran ändern. Die Firma liegt dir am Herzen, klar, aber du solltest dich abfinden, dass ihr damit keinen Gewinn mehr machen werdet. Dein Vater sollte es einsehen. Diese Firma zu behalten war die einzige Fehlentscheidung, die er je getroffen hat«, dozierte er und schob sie mit sanftem Druck vom Kühlschrank weg. »Ich habe eine wunderbare Flasche Weißwein kaltgestellt. Darf ich, Darling?«

Im Grunde war sie froh darüber, dass er sie ablenkte, aber an Tagen wie diesen reizte seine mitfühlende Art sie nur noch mehr. »Du brauchst mir keine Vorträge darüber halten, was wirtschaftlich sinnvoll ist und was nicht. Ich habe lange genug in der Beratung gearbeitet, ehe ich zurück in unsere Firma gegangen bin«, erinnerte sie ihn und stellte sich auf die Zehenspitzen, um ihm wenigstens bis zum Kinn zu reichen. »Was hast du denn vor heute Abend?«

»Das, was ich dir versprochen habe nach deiner wunderbar gelungenen Feier. Mich wundert es sowieso, dass du ausgerechnet mich angerufen hast. Normalerweise bist du doch bei solchen Gelegenheiten nie um einen Flirt verlegen.« Geschickt öffnete er die Weinflasche und ging hinüber zu ihrem Esstisch, um ihnen einzuschenken.

Tony spürte, wie sie rot anlief. Sie würde ihm nichts von diesem lächerlichen Zwischenfall mit Mikael erzählen, beschloss sie. »Ich hatte zu viel zu tun. Diese idiotischen Banker mit ihren sinnlosen Gesprächen haben mir irgendwie die Stimmung geraubt«, wich sie aus und folgte schließlich seiner Einladung. Sie plumpste auf den Stuhl und fühlte sich mit einem Mal todmüde. »Wir sehen uns zu wenig, Jon. Gib endlich diesen Job auf. Wir brauchen einen guten Firmenanwalt.«

»Ich mag meinen Job«, widersprach er und lief zurück an den Herd. »So, genug davon. Darf ich dich auf eine kleine italienische Reise einladen? Beginnen wir mit gegrillten Langustenschwänzen an einer prickelnden Champagnersoße, garniert mit Feldsalat und Erdnussdressing. Als Hauptgang hätte ich ein Trüffelrisotto mit einem zarten Rindersteak anzubieten, und als Nachspeise Erdbeersorbet in einer leichten Minzsauce. Wie klingt das, Darling?«

***

Als hätte er gespürt, dass sie insgeheim die ganze Zeit an Mikael dachte, gab Jon sich an diesem Abend besondere Mühe. Im Hintergrund lief eine Auswahl unaufdringlicher Schmusesongs. Im Schlafzimmer hatte er überall Kerzen aufgestellt, sodass es auch ohne elektrisches Licht hell und vor allem kuschelig war. Wein und Champagner schmeckten wunderbar und lösten die Stimmung.

Nach dem Abendessen verschwand Tony in das großzügige Badezimmer, um sich umzuziehen. Sie brauchte ungewöhnlich lange; irgendetwas fehlte trotz allem. Jon war um sie bemüht, keine Frage. Sie fand ihn attraktiv, heute genauso wie in den ersten Tagen ihres Studiums, als sie sich kennengelernt hatten. Damals war es für alle ihre Mitstudenten sonnenklar gewesen, dass sie beide das neue Traumpaar waren. Der aufstrebende Jurastudent aus gutem Hause und die reiche Firmenerbin, das war in den Augen der meisten Menschen ein unschlagbares Team. Pünktlich zum Ende ihres Studiums hatte er ihr einen Antrag gemacht, mit allem, was dazugehörte. Es gab nichts in seinem Leben, das er nicht perfekt machte, dieser Jon Leister. Danach hatte er ihr die Freiheit gegeben, das zu machen, was sie wollte – nämlich sich für ein paar Jahre in der freien Wirtschaft ihre Sporen zu verdienen, ohne den Namen und ihre familiären Beziehungen als Sprungbrett zu nutzen. Seit sie in die Firma zurückgekehrt war, war es nur noch eine Frage der Zeit, bis sie endlich heiraten würden. Trotz der Affären, die sie sich gönnte und die ihn angeblich nicht störten.

Sie schlug sich hektisch kaltes Wasser ins Gesicht, um diesen Gedanken loszuwerden. Je mehr sie darüber nachdachte, umso falscher fühlte sich diese Beziehung an. Sie konnte es an nichts festmachen, außer an dem vagen Gefühl, dass etwas nicht stimmte.

Mit zittrigen Fingern verschloss sie die letzten Häkelchen ihrer schwarzen Korsage. Bis heute wusste sie nicht, ob Jon es eigentlich mochte, wenn sie ihre Spitzenunterwäsche trug. Also tat sie es einfach, weil sie sich darin wohlfühlte.

Ein letztes Mal fuhr sie sich mit dem Kamm durch ihre dunkelbraunen Locken und verließ dann das Badezimmer. Jon lag bereits auf ihrem Bett, trug nur noch seine dunkelblauen Shorts, und blätterte gelangweilt in einem Automagazin.

»Sehr hübsch, Darling. Die Korsage ist neu, oder?« Er streckte eine Hand nach ihr aus und sie lächelte stolz, weil es ihm aufgefallen war. »Aus Frankreich, nehme ich an? So etwas können nur die Franzosen, mein Schatz.«

»Engländer«, schnaubte sie gespielt empört und kniete sich neben ihm auf die Bettkante. »Also habe ich deinen Geschmack getroffen?«

»Das tust du immer.« Er spitzte die Lippen. Sie beugte sich über ihn und küsste ihn flüchtig. Ihre Locken fielen nach vorne in sein Gesicht.

»Du machst dir viel zu viele Gedanken. Wegen mir brauchst du dich nicht immer so … anzuziehen.«

Seine belegte Stimme sprach eine ganz andere Sprache, fand sie. Also schwang sie sich über ihn und packte seine Handgelenke. »Jon, ich habe dich wirklich vermisst.«

Er ließ es zu, dass sie seine Arme über den Kopf hob und sich auf seine Handgelenke stützte, ganz so, als würde sie ihn wirklich fesseln. Er stand nicht auf solche Spielchen, wie er es nannte, aber um ihretwegen machte er eine ganze Menge mit. Tony biss sich auf die Unterlippe und richtete sich auf. Sanft kreiste sie über seinen Hüften, ohne ihn zu berühren. Sie spürte seine Hitze auch so deutlich genug.

»Fick mich, Jon«, murmelte sie und rutschte nach unten. Sie kniete sich zwischen seine muskulösen Beine, spürte die Wärme, die ihr Geborgenheit gab. Zärtlich strich sie über seinen Bauch und malte Kreise um seinen Bauchnabel. Jon achtete sorgsam darauf, jedes noch so kleine Härchen oberhalb der Shorts zu entfernen, weil er es unästhetisch fand. Tony griff energisch nach seinen Shorts und zog sie ihm aus.

Dann kuschelte sie sich wieder zwischen seine Beine. Ihre Hände strichen über seine Oberschenkel und seinen Bauch, während sie seinem Penis dabei zusah, wie er sich langsam aufrichtete. Ihr rechter Zeigefinger streichelte ohne Vorwarnung über seinen Schaft. Er stöhnte leise auf. Tony nahm es als Zeichen, dass es ihm gefiel. Sie machte mit beiden Händen weiter, streichelte ihn und umfasste seine Hoden. Zärtlich massierte sie ihn, bis an der Eichel der erste Lusttropfen aufblitzte.

Sie rutschte näher zu ihm. Neckisch leckte sie mit der Zunge einmal über seine Schwanzspitze und schmeckte seine Lust. Er bewegte sich unruhig, als wäre es ihm unangenehm. Sie ließ ihn nicht entkommen. Ihre rechte Hand schloss sich fest um seinen Penis. Mit der Linken massierte sie seine prall gefüllten Eier. Gierig nahm sie ihn zwischen ihre Lippen. Mit ihrer Zunge stieß sie spielerisch in das kleine Loch an der Spitze, bis er an ihren Kopf griff und sie von sich weg schob.

»Komm her, Darling«, murmelte er.

Tony lächelte, obwohl es ihr gar nicht nach einem Lächeln zumute war. »Jon, bitte. Ich will dich lecken, bis du kommst. Bis du mir deinen Saft in den Mund spritzt«, flüsterte sie und strich über seinen Penis.

»Komm her, Schatz. Ich will dich«, entgegnete er mit einem treuen Blick und rutschte etwas zur Seite. »Du sollst es doch auch genießen.«

Sie legte sich neben ihn auf den Rücken und betrachtete die weiß gestrichene Decke. Seine Finger fuhren einmal die Ränder ihrer Korsage entlang, ohne sich für irgendetwas besonders zu interessieren. Dann begann er, sich seinen Weg zwischen ihre Beine zu suchen. Unwillkürlich verglich sie seine zielgerichteten, fast hektischen Bewegungen mit dem aufregenden Spiel, das Mikael dort unten getrieben hatte. Bei ihm hatte sich ihr ganzer Unterleib angefühlt, als stünde sie unter Spannung. Sie hatte geglaubt, es keinen Augenblick länger mehr auszuhalten, und trotzdem hatte sie genossen, dass er nicht aufgehört hatte, sie zu streicheln. Allein die Erinnerung genügte, um die Erregung in ihr wachsen zu lassen. Sie merkte, wie sie trotz Jons halbherzigem Zeigefinger feucht wurde.

Jon bezog es natürlich auf sich und seine Berührungen. Ermutigt drang er mit einem Finger in sie ein und kreiste dabei mit dem Daumen über ihrem Kitzler. Tony erinnerte sich an Mikaels flinke Zunge, die immer schneller gewesen war als ihre Empfindungen. Die immer dort gewesen war, wo es sie am meisten erregte, dort, wo die Erregung beinahe schmerzhaft stark wurde.

Jon kniete sich über sie. »Du siehst wunderschön aus, Tony, habe ich dir das heute schon gesagt?«

»Nimm mich, Jon«, antwortete sie heiser und drückte ihm auffordernd ihre Hüften entgegen. Er küsste sie auf die Stirn und drang in sie ein, vorsichtig und zurückhaltend wie immer. Sie wusste nicht, wie oft sie ihm schon gesagt hatte, dass er keine Angst zu haben brauchte, dass es ihr nicht wehtat, und dass er sie nicht verletzen konnte. Und trotzdem war dies einer der Punkte, die sie störten.

Er war sogar beim Sex so verflucht rücksichtsvoll. Seine liebevollen Küsse auf ihren Wangen und ihrer Stirn waren kaum mehr als kurze Berührungen. Jon bewegte sich in ihr, in einem Rhythmus, von dem er dachte, dass er ihr gefiel.

Sie hatte es längst aufgegeben, sich selbst unter ihm zu bewegen. Das erste Mal, als sie es versucht hatte, hatte er vor Schreck ganz aufgehört. Das nächste Mal hatte er sie gefragt, ob er ihr wehtat. Also versuchte sie es gar nicht mehr.

Seine Stöße wurden fester, als er sich seinem Höhepunkt näherte. Sie umklammerte ihn mit den Beinen und drückte ihn tiefer in sich, das einzige, das er manchmal zuließ.

Als er endlich kam, stöhnte sie leise auf, um ihm einen Höhepunkt vorzuspielen.

Es war schlicht und ergreifend erbärmlich. Er blickte auf sie hinunter, mit einem liebevollen Stolz in den Augen, und strich ihr die Haare aus der Stirn.

»Lass uns noch etwas kuscheln, bitte«, sagte sie leise. Er sank neben ihr auf das Bett, drehte sich halb zu ihr und zog sie in seine Arme. Tony drückte ihren Rücken an seine Brust und fühlte seinen heißen Atem an ihrem Hals.

Wieso musste ein absoluter Traumtyp wie Jon Leister der schlechteste Liebhaber sein, den sie jemals gehabt hatte? Und jemand wie Mikael Wertinger, der weder Geld noch Charme noch sonst etwas aufzuweisen hatte, sich mit nur ein paar Zungenschlägen für Höheres empfehlen?

Sie kniff die Augen zusammen, um die Tränen zurückzudrängen. Wahrscheinlich lag es an ihr. Wahrscheinlich war es gar nicht Jon, der ein schlechter Liebhaber war, sondern sie mit ihren viel zu hohen Ansprüchen und ihrer Gier nach Sex. Sie presste die Beine aufeinander und kuschelte sich noch enger an ihn. War es das wirklich wert, mit all ihren Flirts und One-Night-Stands dauernd die Beziehung zu Jon aufs Spiel zu setzen? Ihn in Gedanken dauernd mit diesem Idioten Wertinger zu betrügen, der ihr nicht mehr aus dem Kopf ging? Selbst wenn er behauptete, dass es ihn nicht störte, solange er davon wusste. Sie wollte ihm das einfach nicht glauben, weil es so gar nicht zu ihm und seiner überkorrekten Art passte.

»Schlaf, Darling. Mach dir keinen Kopf darum.« Jon sprach leise und nah an ihrem Ohr. Sie kam sich ertappt vor. »Ich weiß, dass ich dir nie genügen würde. Du bist eine wunderbare Frau. Du hast einfach viel zu viel Energie für einen einzigen Mann, so ist das eben. Aber das weiß ich doch.«

»Ich würde dich umbringen, wenn du eine andere Frau ficken würdest«, antwortete sie und schluckte, um den Knoten aus ihrem Hals zu vertreiben. »Ich sollte nicht für mich in Anspruch nehmen, was ich dir nie erlauben würde.«

»Heirate mich, Darling.« Er ließ sie los und tastete unter der Matratze nach etwas. »Ich habe kein Problem damit, dass du dir deinen Spaß bei anderen Männern suchst, das hatte ich nie. Nur heirate mich endlich. Werde meine Frau, Julie Antoinette.«

Tony hasste es, wenn er sie so nannte. »Dein Französisch ist schrecklich«, sagte sie und konnte noch nicht einmal lächeln wegen dieser kindsköpfigen Zweideutigkeit.

Er räusperte sich, griff wieder um ihre schmalen Schultern und hielt eine geöffnete Ringschachtel vor ihr Gesicht. »Bitte, Julie. Ich liebe dich.«

Entgeistert starrte sie auf die zwei goldenen Ringe in dieser Schachtel. »Wir sind bereits verlobt. Du brauchst mir nicht noch einen Antrag machen«, brach es stockend aus ihr hervor.

»Ich dachte, ich erinnere dich daran. Heirate mich, Julie, und ich werde dich immer auf Händen tragen. Es ist mir egal, mit wem du schläfst, solange du immer zu mir zurückkommst. Das verspreche ich dir.«

»Lass mich nachdenken, Jon.« Wertinger tauchte vor ihr auf, seine Kraft unter all dieser Unsicherheit. »Ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht!«

»Das nehme ich als Ja. Ich habe für nächste Woche den ersten Termin bei einem Wedding-Planer ausgemacht. David hat mir die Dame empfohlen. Du erinnerst dich doch an Davids Hochzeit? Ein sehr gelungenes Fest, nicht wahr?«

»Jon, du überwältigst mich.«

»Das war meine Absicht.« Er klappte die Schachtel zu und ließ sich auf den Rücken rollen. »Ich liebe dich, Julie, dafür, dass du bist, wie du bist.«

Wenn sie nur dasselbe sagen könnte!

Kapitel 3

Cherie legte ein kleines Päckchen auf Tonys Schreibtisch, so vorsichtig, als wäre es aus feinstem Porzellan. Unter ihrem Arm klemmten die üblichen, schmutzig braunen Umschläge, die sie neben das Päckchen platzierte. »Das ist heute Morgen mit dem Kurier für Sie gekommen. Außerdem hat Ihr Vater um Rückruf gebeten.«

Sie seufzte auf und schob einige dicht beschriebene Blätter beiseite. »Hängen Sie sich in die Leitung und sehen Sie zu, dass Sie Jon an das andere Ende bekommen. Wir brauchen seinen mysteriösen Investor. Ich kann nicht mit den Verhandlungen warten, bis wir am Ende sind.«

»Und ich wollte Sie daran erinnern, dass Sie sich heute mit ihrem Team besprechen wollten.« Cherie lächelte ihr breites, rosafarbenes Lächeln. »Vor etwa zehn Minuten. Aber ich dachte, ich gönne Ihnen Ihren morgendlichen Kaffee.«

»Verflucht.« Tony suchte unter dem Schreibtisch nach ihren Schuhen und sprang auf. Sie hasste Unpünktlichkeit bei anderen. Da war es nur gerecht, wenn sie selbst auch versuchte, immer pünktlich zu sein.

Sie eilte an Cherie vorbei aus ihrem modernen Büro in den zweckmäßig eingerichteten Konferenzraum. Fünf Augenpaare blickten sie erwartungsvoll an. Tony warf schwungvoll die Tür hinter sich zu.

»Wichtige Post«, entschuldigte sie sich knapp und setzte sich an ihren Platz an der Stirnseite des Tisches. »Wie sieht es aus? Lennart, fang du an, bitte.«

Normalerweise war Lennart ein guter Redner, der nur mithilfe einer Flipchart und ein paar Filzmarkern einen ganzen Raum beherrschen konnte. Heute erwischte sie sich immer wieder dabei, wie sie an Mikael Wertinger dachte. An seine sehnige Figur. Wahrscheinlich war er Kletterer, dazu hätte er die passenden Muskeln. Es würde sie jedenfalls nicht wundern, wenn er gerne wandern ging oder auch die ein oder andere Klettertour machte.

»Gute Arbeit, Lennart, wie immer«, lobte sie, als sie plötzlich seinen fragenden Blick auf sich spürte.

»Ich habe dir gerade gesagt, dass wir in Schottland Probleme haben. Massive Probleme«, wiederholte er eindrücklich und hüstelte. »Alles andere läuft glänzend. Ich gestehe sogar offen meine Niederlage ein, was diese Kosmetikmarke betrifft, die du entgegen aller weisen Ratschläge gekauft hast.«

Tony lief rot an. Sie setzte sich auf und lächelte nichtssagend. »Ich telefoniere nachher mit meinem Vater und spreche mit ihm darüber. Noch können wir uns die Verluste doch leisten, oder?«

»Aber das war nie dein Ziel.« Lennart verzog seine schmalen Lippen unwillig. An seinem Handgelenk blitzte ein extravaganter Manschettenknopf auf. »Tony, als ich meinen Job gekündigt habe, war nicht die Rede davon, mit irgendwelchen sterbenden Industrien Mitleid zu haben. Und ja, ich weiß, dass du an MacMillan & Co. hängst, genauso wie dein Vater. Es war immerhin irgendwann einmal euer Kerngeschäft. Aber finde dich damit ab, dass mit Metallverarbeitung kein Geld mehr zu machen ist.«

»Ich weiß.« Sie starrte vor sich auf den Tisch und zog die Unterlippe zwischen die Zähne. Manchmal fragte sie sich, ob es nun gut oder schlecht war, dass der Rest ihrer Anlagen so gut lief. Ihr Vater hatte schon früh damit angefangen, das Vermögen der Familie breiter zu streuen und aus dem eigentlichen Betrieb in Glasgow zu ziehen. Es gab Beteiligungen an allen möglichen Firmen, in allen möglichen Branchen, von Waschmitteln über Kunststoffe bis hin zu Automobilzulieferern, Aktien, Geldanlagen, hochspekulative Spielereien. Einerseits warf es mehr als genug Geld ab, um sich einen Luxus wie eine vor dem Ruin stehende Gießerei in Glasgow zu leisten. Notfalls gab es noch das Privatvermögen, das ihre Mutter mit in die Ehe eingebracht hatte. Andererseits widersprach das aller ökonomischen Weisheit. Was sich nicht von selbst trug, musste verkauft werden. Oder ganz geschlossen.

»Jon hat einen Investor an der Hand. Wir müssen nur noch ein paar Monate durchhalten. Ich spreche mit meinem Vater darüber, und dann treffe ich mich mit Jon und Mister Unbekannt. War es das für heute?«

»Du bist der Chef, Tony.« Lennart setzte sich übertrieben langsam auf seinen angestammten Platz und schaute sie herausfordernd an. »Also?«

»Dann war es das wohl.« Sie wusste, dass Lennart gut war, darum hatte sie ihn auch überredet, mit ihr zu kommen, als sie aus der Beratung wieder in das Familienunternehmen gewechselt war. Er war ein Meister der Spekulation, hatte immer einen Riecher für die richtigen Aktien, und warf mit irgendwelchen Papieren und Anlagen um sich wie andere Leute mit normalen Wörtern. Sie ließ ihm freie Hand dabei, solange die Zahlen stimmten.

Der Nachteil an diesem Vorgehen war, dass er sich auch sonst als ihr gleichgestellt empfand, auch wenn er regelmäßig das Gegenteil bekundete. Lennart hielt nicht viel von Geschäften, die mit realen Dingen zu tun hatten. Die alten Industrien fand er langweilig, und Fabrikhallen hatte er bisher nur von außen gesehen.

Sie brauchte jemanden wie ihn, um nicht wieder dem Zauber von echten Werkstoffen zu erliegen.

»Nun, dann wisst ihr ja, was zu tun ist. Stella, kümmere du dich um die Zahlen für diesen Parfümhersteller. Nennen wir es Operation Baumkrone.«

»Operation Baumkrone?« Stella starrte sie an, als wäre sie gerade vollkommen durchgedreht.

Tony grinste breit. Stella musste ja nicht wissen, dass sie gerade an Mikael gedacht hatte, wie er sich – ohne Shirt natürlich – durch einen Kletterwald hangelte. Es wäre eine Überlegung wert, allein für diesen Anblick irgendeine Teambuildingmaßnahme anzuleiern. »Geheimhaltung ist die Mutter aller Übernahmen, meine Süße.«

Stella tauschte einen wissenden Blick mit Lennart und kicherte leise. »Wann ist es so weit? Uns kannst du es sagen. Streng geheim natürlich.«

»Was?« Tony verzog verlegen das Gesicht. »Was unterstellt man mir, kaum dass ich ein paar Tage weg bin?«

»Die Hochzeit, Tony, was denn sonst? Oder bist du auch noch schwanger?«

»Ihr könnt mich alle«, gab Tony zurück und stand auf. Manchmal war es schwerer als an anderen Tagen, ein Team zu führen, das zu hundert Prozent aus ihren alten Freunden bestand. »Pass lieber auf, dass ich mich nicht zu sehr darum kümmere, was Lennart und du so treiben. Du weißt doch – ficke nie deinen Kollegen.«

»Also?«, bestand Stella und bückte sich unter den Tisch. Sie brachte eine Flasche Champagner zum Vorschein. »Wir sind eingeladen, hoffe ich doch?«

»Woher zur Hölle …«, begann Tony und wankte. Ob Jon irgendwelche Andeutungen gemacht hatte? Anders konnte es gar nicht sein. Sie hatte das Gefühl, dass es ihr die Luft abschnürte. »Ich muss mit meinem Dad sprechen. Dann können wir trinken. Vorher brauche ich einen klaren Kopf.«

»Sei kein Spielverderber, Tony. Der Champagner wird nicht kälter vom Herumstehen.« Stella legte den Kopf schief, zog die Augenbrauen nach oben und klimperte mit den Wimpern. Sie beherrschte diesen bittenden Kleinmädchenblick meisterhaft.

»Dann stelle ihn in den Kühlschrank!«, erwiderte Tony ungewöhnlich heftig und flüchtete aus dem Besprechungsraum.

***

Zurück in ihrem Büro starrte sie auf das Telefon, als wäre es eine zusammengerollte Giftschlange. Das Päckchen lag mitten auf ihrem Schreibtisch und schrie geradezu nach Aufmerksamkeit. Tony schnaubte, wusste selbst nicht, worüber genau sie nun zornig war, und holte ihre Handtasche unter dem Schreibtisch heraus. Hektisch kramte sie nach ihrem Lippenstift und fuhr sich über die rissigen Lippen, bis sie eine dicke Fettschicht darauf spürte. Der Geruch von Erdbeere und Mango stieg ihr in die Nase und beruhigte sie ein wenig.

Als sie sich endlich bereit dazu fühlte, nahm sie den Hörer zwischen zwei Finger und drückte die oberste Kurzwahltaste.

»Ich habe schon auf deinen Anruf gewartet, mein kleiner Spatz. Du bist spät dran heute.« Die beruhigende Stimme ihres Vaters verhinderte sogar, dass sie wegen dieser Anrede gleich wieder in die Luft ging. Tony lehnte sich in ihrem Drehstuhl zurück und schlüpfte aus ihren Pumps. »Sind die Nachrichten so schlecht?

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