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Ferien in Beekbüll

Erstes Kapitel

„Wären wir doch nach Italien gefahren!“, seufzte Emma.

„Oder in die Türkei geflogen!“, stöhnte Tobi.

„Meinetwegen hätten wir auch zu Hause bleiben können“, sagte Mama.

Papas Hände fassten das Lenkrad fester. Dabei musste er gar nicht viel lenken. Die Straße vor ihm war schnurgerade und hatte auch in den letzten zwei Stunden so gut wie keine Kurve gemacht.

„Gefällt es euch hier etwa nicht?“, knurrte er.

„Es ist alles so platt“, seufzte Emma.

„Total langweilig“, stöhnte Tobi.

„Ehrlich gestanden hatte ich es mir auch etwas aufregender vorgestellt“, sagte Mama.

Die Unterhaltung gefiel Papa gar nicht. Seine Hände fassten das Lenkrad so fest, dass die Fingerknöchel deutlich hervortraten.

„Ich finde diese grüne Landschaft ganz wunderbar“, schwärmte er. „Als Kind habe ich hier immer besonders spannende Ferien verbracht.“

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Emma und Tobi warfen von der Rückbank aus missmutige Blicke durchs Fenster – Emma nach links, Tobi nach rechts. Man sah nur Wiesen und Felder, Felder und Wiesen. Und ab und zu einen Baum.

Mama auf dem Beifahrersitz grub in einer knisternden Tüte nach Bonbons: Zitrone für Emma, Himbeere für Tobi, Waldmeister für sich selbst. Damit Papa das Lenkrad nicht loslassen musste, steckte sie ihm ein Orangenbonbon direkt in den Mund.

„Und warum waren deine Ferien früher so spannend?“, wollte sie wissen.

Ohne Rücksicht auf seine Zähne zerkaute Papa das Bonbon. Mit Emma und Tobi hätte er todsicher geschimpft.

„Das Meer war nicht weit“, sagte er dann. „Bei schönem Wetter verbrachten wir ganze Tage am Strand. Aber auch das Landleben gefiel mir. Ich kam ja aus der Stadt und fand auf dem Dorf alles super – die Tiere, die Ställe und dass alle sich kannten. Mir gefiel die endlose Heide und besonders das düstere Moor.“

Emma und Tobi horchten auf.

„Warst du auch mal im Moor?“, fragte Emma. „Vielleicht bis an die Knie oder noch tiefer?“

„Natürlich nicht“, antwortete Papa. „Wenn ich so tief reingegangen wäre, säße ich jetzt nicht hier im Auto.“

„Hast du denn mal gesehen, wie ein anderer reinging?“, erkundigte sich Tobi.

Papa schüttelte den Kopf. „Ich habe nur davon gehört. Die Leute im Dorf erzählten gern solche Geschichten. Eine immer schauriger als die andere.“

Emma und Tobi beugten sich vor.

„Weißt du noch eine?“, fragte Emma begierig. „Dann musst du sie uns erzählen!“

„Und zwar sofort!“, sagte Tobi. „Ruhig eine ganz schlimme! Es macht mir nichts, wenn sie kein gutes Ende nimmt.“

„Mir sowieso nicht!“, versicherte Emma.

„Muss das wirklich sein?“, fragte Mama und knisterte erneut mit der Tüte. „Wollt ihr nicht lieber noch ein Bonbon?“

„Ein Bonbon und eine Geschichte!“, verlangte Emma.

„Genau!“ Tobi nickte. „Das ist eine gute Mischung.“

Papa schien nicht ganz überzeugt. „Ach, ich weiß nicht … Ich bin nicht besonders gut im Erzählen von Gruselgeschichten. Wartet, bis wir in Beekbüll sind! Da kommt ihr auf eure Kosten. Tante Gesine schüttelt sich die schaurigen Geschichten nur so aus dem Ärmel.“

Emma und Tobi ließen sich enttäuscht wieder nach hinten fallen. Hach, Beekbüll und Tante Gesine! Einfach zum Gähnen! Vor ihnen lagen drei Wochen Urlaub in Beekbüll, in dem Haus, das Tante Gesine gehörte. Nur weil Papa als kleiner Junge da so spannende Ferien verbracht hatte, dass er jetzt unbedingt noch mal hin wollte.