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Fenrirs Fluch

Robyn Cardona

Fenrirs Fluch


Für die böse Hexe des Westens.


BookRix GmbH & Co. KG
81669 München

Prolog

Leuchtend blau und keine einzige Wolke zu sehen – so herrlich zeigte sich der Himmel von seiner besten Seite. Der Wind brachte eine angenehm warme Brise über die sattgrünen Wiesen mit ihren wilden farbenprächtigen Blumen. Die Vögel zwitscherten so laut, als gäbe es keinen Morgen. Nicht einmal das Klappern der Pferdehufe war deutlich zu hören, als sie eine dunkle Kutsche mit elegant geschwungenen Rahmen über einen langen, gewundenen Kiesweg auf das Anwesen des Himinbjörg-Clans zogen. Das Anwesen funkelte so prächtig wie ein Schloss: eine weiß geklinkerte Villa mit vielen Statuen und Glasfenstern, die zwei Etagen hoch waren. Direkt vor dem Haus stand ein reich verzierter Springbrunnen, der das Wappen des Hauses trug: Einen Wolfskopf unter einem Berg. Auf dem Dach tanzte eine Schar von Raben, die dem Vogelge­zwitscher mit ihrem Krächzen Paroli boten. Unten warteten schon die in weiß gekleideten Bediensteten auf die Kutsche. Als sie anhielt, dauerte es nicht einmal einen Augenblick, bis der erste Bedienstete die Tür aufmachte und einen sehr, sehr groß gewachsenen, hageren Herren in Schwarz mit einem hohen Zylinder hinaus begleitete. Er hatte einen blonden Ziegenbart und seine blauen Augen wirkten seltsam fremdländisch. In seiner rechten Hand hielt er einen gewundenen Gehstock aus Eschenholz. Der ganze Trubel, der seinetwegen veranstaltet wurde, schien ihn nicht zu interessieren. Stattdessen richtete er seinen Blick in Richtung eines kleinen Fensters in der obersten Etage. Eine Weile lang schon wurde er beobachtet – von einem kleinen blonden Jungen, der verängstigt hinter den Gardinen auf ihn herab starrte. Als dieser bemerkte, dass er entdeckt wurde, verschwand er vom Fenster.

„Wo ist er denn schon wieder, dieser Bengel?!“

„Die Herrin des Hauses sucht vergeblich nach ihm!“

„Was ist mit der neuen Magd? Sie weiß sonst immer wo er sich versteckt!“

„Nein, sie ist auch ratlos!“

„Wenn ich ihn zu fassen kriege...“

Offensichtlich verursachte dieser kleine Junge ein so großes Theater im Herrenhaus, denn als der hochgewachsene Mann durch die Tür schritt, wurde er nicht von einem Komitee an Bediensteten empfangen. Stattdessen huschten zahlreiche Mägde hin und her, die Ratlosigkeit stand in ihren Gesichtern geschrieben. „Oh, mein Herr, Sie sind schon da!“ Ein Mann mittleren Alters, mit einem maß­geschneiderten Anzug in hellgrau, kam auf den Gast zu. „Es tut mir schrecklich leid, dass Sie das mitansehen müssen, wir haben unseren Sohn noch nicht gefunden. Er mag Gäste leider nicht besonders...“

„Ah, das macht nichts, werter Herr von Himinbjörg.“ Der Fremde nahm seinen hohen Zylinder ab und verbeugte sich höflich. Erst jetzt wurde sichtbar, dass er kein Mensch war: Er hatte schneeweißes Haar und seine Ohren glichen denen einer Ziege. Der Herr des Hauses stutzte für einen Moment, offensichtlich von seinem Äußeren überrascht.

„Äh, ja, bitte nehmen Sie solange im Herrenzimmer platz. Die Damen werden Ihnen auch Tee bringen.“

„Selbstverständlich, Herr von Himinbjörg.“ Der Mann gab seinen Zylinder ab. „Übrigens, wenn ich Sie wäre, würde ich in der obersten Etage nach ihm suchen. Von dort aus hat man bestimmt einen guten Überblick über alle, die nach Himinbjörg fahren oder das Anwesen verlassen.“ Er zeigte seine Zähne um zu lächeln, doch er schien das Prinzip nicht verstanden zu haben. Der Herr des Hauses schauderte und wandte sich ab. Er wedelte mit der Hand und signalisierte den Bediensteten nach dem Jungen in den oberen Stock­werken zu suchen. Der Fremde wurde indes von einem der Bediensteten in das luxuriös ausgestattete Herrenzimmer geführt.

Es dauerte nicht lange, bis ein etwa siebenjähriger Junge, am Kragen gezerrt, dem Fremden vorgeführt wurde. Der blonde Junge hatte smaragdgrüne Augen, die den Blick auf den Fremden nur für einen kurzen Augenblick richteten, bevor sie den dunkelgrünen Teppichboden anstarrten. Er trug ein einfaches weißes Hemd, das oben mit einer schmalen schwarzen Schleife zusammengebunden war. Seine schwarze Hose ging ihm bis zu den Waden, darunter trug er eine weiße Strumpfhose. Seine schwarzen Lederschuhe waren so glatt poliert, dass sie ein wenig glänzten und seine schmerzhaft gerötete rechte Wange spiegelte. „Vidar, begrüße den Mann endlich!“ Eine ältere Magd schimpfte mit dem Kleinen, als sie mit einem edlen Teeservice auf dem Tablett in das Zimmer kam.

„Guten Tag.“ Der Junge schaute weiterhin das polierte Holzparkett an.

„Also wirklich, ich werde dir gleich-“ Die Magd krempelte ihre Ärmel hoch und wollte ihm eine weitere Ohrfeige verpassen, doch der groß gewachsene Mann stand rasch auf und hinderte sie daran.

„Ich denke, das reicht. Was soll ich nur meinen Vor­gesetzten sagen, wenn der eigentlich schönste Tag eines Kindes auf ewig mit Schmerzen verbunden ist?“ Er lächelte, seine tiefe Stimme wirkte ruhig, aber autoritär. Von seiner Art sehr eingeschüchtert, wich die Magd schnell zurück.

„E-Entschuldigt, mein Herr! Der junge Herr von Himinbjörg hat nur leider keine Manieren und deshalb dachte ich-“

„Nun ja, Sie haben Ihre Aufgabe wundervoll gemacht und uns Tee gebracht. Wenn ich nun alle Erwachsenen aus dem Raum bitten dürfte...“ Erneut wurde die Magd durch seine freundliche, doch unheimliche, autoritäre Art unter­brochen. Alle Bediensteten nickten und verließen das Zimmer nacheinander. Erst als der Letzte die Tür hinter sich schloss, atmete der Fremde laut aus und setzte sich mit einem Seufzen hin. „Ich frage mich immer wieder, ob nicht alle Menschen von den Wölfen abstammen … bei diesem Hang zur Gewalt.“ Er betrachtete von seinem mit rotem Samt bekleideten Sessel aus den Jungen. Dieser hatte sich in all dieser Zeit nicht vom Fleck gerührt und starrte weiterhin den Boden an. Es vergingen viele Augenblicke, ehe der Mann die Initiative ergriff.

„Möchtest du dich nicht setzen?“ Der Junge zögerte. Erneut seufzte der Mann und lehnte sich nach vorne. „Setz' dich bitte.“ Seine Stimme hatte den gleichen Ton wie vorhin. Autoritär, doch freundlich. Der Junge schien von dieser Stimmlage nicht beeindruckt und rührte sich nicht. Das überraschte den Fremden jedoch. Er hob die Augenbrauen an und stand auf. Mit langsamen Schritten näherte er sich dem Kleinen. Er merkte, wie der Junge ein wenig zurück wich. Der Fremde beugte sich herunter, um in das Gesicht des Jungen zu blicken. „Du hast Angst vor mir, doch du reagierst nicht auf meine Befehle.“

„I-Ich mag Euresgleichen nicht.“ Die Stimme des Kindes klang trotzig.

„Unseresgleichen?“ Der Fremde runzelte die Stirn und richtete sich wieder auf.

„Ihr seid keine Menschen.“

„Na und? Wir haben dir doch nichts getan, oder?“

„Jedes Mal, wenn ich euch sehe, werde ich von allen bestraft.“ Der Junge rieb sich demonstrativ die rote Wange.

Jetzt lachte der Fremde. „Warum das denn?“

Sein Verhalten schien den Jungen regelrecht zu erzürnen. Nun wandte er zum ersten Mal seinen Blick in Richtung des Fremden und zeigte mit seinem Finger kurz oberhalb des Kopfes.

„Ach ja?! Wetten niemand hat es gesehen?! Diese blöden spitzen Hörner da?! Sie sehen nur Eure komischen Ohren!!“ Seine zierliche Stimme überschlug sich als er wütend den Mann anschrie und mit seinem Zeigefinger auf dessen Ohren deutete. Der Fremde reagiert äußerst überrascht und wich einen Schritt zurück.

„Du … siehst meine Hörner?“ Erst jetzt bemerkte der Ziegen-Mann die unnatürlich grünen Augen des Jungen. Wahrlich, selbst für einen aus dem Hause Himinbjörg waren sie seltsam, fast als wäre ein Kind aus seiner Heimat in der Welt der Menschen verloren gegangen.

Der Junge nickte, wirkte aber überrascht, dass der Fremde ein ungewöhnliches Interesse zeigte.

„Hast du schon einen Vertrag mit einem Wächter abgeschlossen?“

Der Junge schüttelte seinen Kopf. Der Fremde sank zurück in seinen Stuhl. Zunächst sah es aus, als ob er nachdachte, doch dann brach er in schallendes Gelächter aus. „Wunderbar! Unglaublich! Das ist ja interessant! Was Odin wohl dazu sagen mag?“

Dieses Mal wirkte der Junge verwundert. Er legte den Kopf schief und schaute den lachenden Ziegenmenschen an.

„Los, setz' dich, trink' einen Tee! Deine kleine Schwester, mit den kleinen Lauschohren, darf auch herein kommen.“ Prompt öffnete sich die Tür und ein ganz junges Mädchen, nicht mehr als fünf Jahre alt, blickte um die Ecke. Sie hatte die gleichen unheimlichen Augen wie er, ihr Körper wirkte allerdings viel fragiler. Fast wie eine Fee bewegte sie sich zu dem hochgewachsenen Mann hin und machte einen höflichen Knicks. „Und wie heißt du, wertes Fräulein?“

„Vali, werter Herr Ziegen-Mann.“ Sie schien weniger Angst zu haben als ihr älterer Bruder, denn im Gegensatz zu ihm bestaunte sie seine Hörner und versuchte vergeblich danach zu greifen. Der Fremde ließ sie jedoch gewähren. Andächtig betätschelte sie Horn und Ohren und quietschte dabei vergnügt.

„Na los, setz dich. Du wirst gleich Zeuge eines wunder­vollen Rituals. Deinem Bruder gebe ich jeden Wächter, den er sich wünscht!!“ Er lachte wieder. Die beiden Geschwister quetschten sich in einen großen Sessel – und versanken regelrecht darin. Den Mann störte das nicht. Stattdessen goss er etwas von dem herrlich duftenden schwarzen Tee in zwei Tassen. Dann beugte er sich vor, damit er besser mit den beiden sprechen konnte. „Hört mir zu, Kinder. Ihr habt wahrlich eine seltene Gabe. In meinem ganzen Leben als Vertreter aus Asgard habe ich noch keinen solchen Menschen angetroffen. Ohne einen Vertrag mit einem Wächter können Menschen die wahre Gestalt jener aus Asgard eigentlich nicht sehen.“

„Asgard?“ Der Junge versuchte etwas mehr Sesselplatz zu gewinnen, was dem Mädchen missfiel. Sie quengelte, doch der Fremde ignorierte die geschwisterliche Auseinander­setzung.

„Ja. Eure Welt nennen wir Midgard. Und unsere heißt Asgard. Wir kommen regelmäßig in eure Welt, um euch mit unseren Wächtern zu beschützen. Deshalb hat fast jedes Kind einen von uns an seiner Seite.“

„So wie die Kinder in meiner Schule?“

„Genau. Wenn die Kinder volljährig werden, löst sich der Vertrag auf und die Kinder verlieren die Fähigkeit, die wahre Gestalt ihres Wächters oder die der Wächter anderer Kinder zu sehen. Stattdessen sehen sie nur ein falsches Bild – deshalb sehen die Erwachsenen nicht die Hörner auf meinem Kopf.“ Der Fremde hob seinen Zeigefinger und grinste. „Ihr hingegen, braucht dafür keinen Wächter. Schon seit eurer Geburt könnt ihr unsere wahre Gestalt sehen. Und selbst wenn der Wächter nachher ver­schwindet, werdet ihr uns weiterhin so sehen können, wie wir sind. Wer weiß, vielleicht könnt ihr sogar unbeschadet nach Asgard reisen.“

Der Junge hörte gespannt zu. Dann überlegte er eine Weile.„Und, kann ich nach Asgard?“

„Ich will auch nach Asgard!“ Die kleine Vali war von dem Gedanken, ein Abenteuer zu erleben, völlig begeistert.

„Haha, nein, ich denke nicht. Nur Befugte können zwischen den Welten reisen. Aber wer weiß? Wenn ihr euch anstrengt, kommt ihr bestimmt eines Tages nach Asgard. Solche Talente weiß Odin ganz sicher zu nutzen.“ Der Mann zwinkerte mit den Augen. Er nahm sich eine mit Tee gefüllte Tasse, die im Verhältnis zu seiner Körpergröße wie eine Spielzeugtasse anmutete, und trank daraus einen tiefen Schluck. Schon war die Tasse fast leer.

„So wie Ihr?“ Der Junge zeigte auf ihn.

„Vielleicht.“ Er lächelte gutmütig. „So, genug geredet. Ich bin eigentlich hier, um dir einen Wächter zuzuteilen. Weißt du schon, was denn zur 'Auswahl' steht?“

„Hm... in Eurer Welt gibt es Leute wie Euch. Und auch noch Wolfsmenschen, Geister und Feen“, zählte der Junge sofort auf.

„Hmhm, gut, gut!! Ich sehe du hast deine Hausaufgaben gemacht. Und, wofür hast du dich entschieden?“

„Eine Fee!“

„Eine Fee? Das ist doch total langweilig! Ich hätte lieber einen Wolfs- oder Ziegenmenschen gehabt!“ Vali gähnte gelangweilt. Mit dem bewährten Ellbogentrick verschaffte sie sich wieder mehr Platz.

„Nein, ich möchte eine Fee!“ Erwiderte der Junge patzig. Jetzt verschränkte der Junge seine Arme

„Aber warum? Sie sind doch soooo klein.“ Offensichtlich gefiel es ihr, den Jungen zu ärgern.

„Feen können zaubern und sind so stark obwohl sie so klein aussehen! Sie sind stärker als Wolfsmenschen oder Ziegenmenschen!“ Der Junge reagierte genervt, so als ob es zum Allgemeinwissen gehörte, dass Feen zu den stärksten Wesen auf Asgard zählten. Der große Mann fragte sich, woher der Junge so viel wissen konnte. Er blickte nach draußen und sah einige Raben vor dem Fenster tanzen und krächzen. Bei ihrem Anblick schmunzelte er.

„Nun, wie du willst. Dann wollen wir sehen, was ich in meiner Hand habe...“ Der große Mann streckte seinen linken Arm in Richtung Junge aus. Seine Hand war zu einer Faust geschlossen. Plötzlich schien ein helles, rotes Licht zwischen seinen Fingern zu leuchten. Als das Licht langsam nachließ, öffnete der Mann langsam die Hand. Zum Vorschein kam eine kleine Fee in strahlend weißem Gewand und transparenten Flügeln zum Vorschein. Ihre langen lockigen Haare waren so farbintensiv wie rote Korallen unter Wasser und ihre Augen leuchteten wie ein Paar heiß glühende Kohlen. Sie machte einen höflichen Knicks und dann erhob sie sich sanft von der Hand, um auf die staunenden Kinder zuzufliegen.

Der Hund und die Fee

Der Regen ergoss sich aus einem riesigen Eimer über die kleine Stadt. Die bleierne Wolkendecke erstreckte sich bis zum Horizont. Das Sonnenlicht hatte keine Chance hier durchzudringen und so schien es, als wäre der Abend schon angebrochen – obwohl der große Glockenturm am Marktplatz erst zur dritten Stunde nach Mittag geschlagen hatte. Auf den Straßen irrten nur wenige Menschen, ihre Mäntel und Hüte eng an sich drückend. Der Boden unter ihren Füßen war nur eine riesige Wasserlache, die sich über die ganze Stadt zog: Schützten die Pflastersteine die Menschen vor Schlamm und Matsch, so schützten sie auch die darunter befindliche Erde vor dem Wasser von oben. Der sonst in der Luft liegende faulige Gestank von moderndem Abfall, wurde im wörtlichen Sinne durch den angenehmen Geruch von nassem Holz ertränkt. Die kühle Luft wirkte erfrischend, fast wie aus einer anderen Welt. Bis auf den Glockenschlag schien die Welt jedoch wie ausgestorben. Der Regen prasselte so laut auf Welt herab, dass jeder Laut in dem Getöse unterging. Während sich also die Menschen in ihre Häuser zurückzogen und es sich gemütlich machten, erwachte etwas anderes in dieser Stadt zum Leben. Das Leben derer aus Asgard. Diese Wesen, so nicht menschlich und doch menschlich zugleich, kamen nur dann zum Vorschein, wenn kaum jemand sich auf die Straße traute. Kein Wunder, denn trotz ihrer Tarnung, spürte jeder, dass sie keine Menschen waren. Sie waren anders. Es ging dabei nicht um ihr Aussehen – oberflächlich betrachtet, unter­schieden sie sich nicht von den Menschen – nein, sie rochen anders, ihre Stimme klang anders. Während die Menschen der Stadt ihren selbst fabrizierten Gestank nicht mehr wahrnahmen, ob am eigenen Körper oder den Gestank in der Luft, so rochen diese Wesen stets nach frischer Wiese, nach Bäumen, nach Blumen im Sommer. Wenn sie redeten klang es so, als würden sie nicht durch ihre Stimmkehle zu den Menschen sprechen sondern ihre Worte in Gedanken an diese übertragen: Flüsternd, und doch zugleich sehr präsent. Die Menschen wussten, dass es diese Wesen gab, diese aus Asgard. Doch sie wollten so wenig wie möglich mit ihnen zu tun haben, und das war, ehrlich gesagt, denen aus Asgard ganz recht. Schließlich reichte es ja schon, wenn das olfaktorische Hintergrundrauschen einer Müllkippe glich – da musste es nicht sein, dauernd stinkenden Menschen zu begegnen. Warum sie eigentlich überhaupt bei den Menschen waren, wusste ebenfalls niemand. Sie waren schon immer da gewesen. Ihre primäre Aufgabe schien anscheinend darin zu bestehen, die Menschen während ihrer Kindheit zu begleiten. Böse Zungen behaupteten, dass die fremden Wesen die Kinder auf magische Weise manipulierten, um sie für ihre eigene Zwecke in Asgard zu missbrauchen. Die Menschen hegten jedenfalls Argwohn gegen die Fremden.

Doch einer dieser Menschen besaß diesen Argwohn nicht. Einer von ihnen stank nicht nach Mensch. Streng genommen haftete ein kleiner Hauch von Gestank an ihm, doch das lag wohl eher an seiner Lieblingsbeschäftigung: Nahrung aus Mülltonnen zu bergen. Und so war es an jenem verregneten Nachmittag nicht anders. Gekleidet in einem zerrissenen grauen Hemd, brauner Hose und löchrigen Stiefeln, verborgen unter einem großen hell­braunen, ebenfalls zerrissenen Mantel und einem großen Fedora, beugte sich ein menschenähnliches Wesen über eine geöffnete Mülltonne und wühlte energisch darin herum. Gleichzeitig knurrte es wie ein Hund. Plötzlich schien das Wesen fündig geworden zu sein. Es gab einen kleinen zufriedenen Laut von sich als es ein in Zeitungs­papier umwickeltes Etwas barg. Um seine Beute näher in Augenschein zu nehmen, ging es ein paar Schritte zurück und drehte sich zum Licht hin. Erst jetzt wurde sichtbar, dass die rechte Hand, die den Zeitungsklumpen hielt, in einem schwarzen Lederhandschuh gehüllt war. Im Gegensatz zu den anderen Kleidungsstücken sah er recht gut erhalten aus, keine Löcher oder ausgefranste Ränder. Der im Handschuh liegende Zeitungsklumpen schien zu leben – ständig änderte die amorphe Gestalt ihre Kanten und Dellen. Als das Wesen mit der linken Hand den Klumpen vorsichtig auseinander blätterte, wurde deutlich, warum er so lebendig erschien: Dutzende fette, weiß Maden bewegten sich hin und her. Unter ihren kleinen Leibern war eine stinkende, faulige Masse auszumachen. Mit sehr viel Fantasie könnte der ursprüngliche Zustand einst einmal ein Stück Fleisch gewesen sein – aber hundert­prozentig würde man es wohl nie erfahren. Das Wesen leckte sich begierig die Lippen. Es kippte den Inhalt des nassen Zeitungsklumpens in sein Maul, kaute wenige Sekunden und schluckte alles herunter. Zufrieden wischte sich das Wesen den Mund und warf den nassen Zeitungs­klumpen achtlos zu Boden. Jetzt erst trat es ein wenig aus dem Schatten hervor. Seine Augen leuchteten wie ein Paar Smaragde im fahlen Sonnenlicht. Etwas am Himmel erregte seine Aufmerksamkeit. Tatsächlich schwebte aus der Ferne ein schwaches rotes Lichtlein heran, das an ein Glüh­würmchen erinnerte. Das Licht flog auf das Gesicht des Wesens zu und leuchtete es aus. Nun waren auch andere Details zu erkennen: Das Wesen war eindeutig männlich – die hellblonden Stoppelbarthaare waren der eindeutige Beweis dafür – und besaß die Zähne eines Raubtiers. Es wirkte jung, fast jugendlich. Weil es vom Licht des Glühwürmchens geblendet wurde, schob es seine Hände abwehrend vor sein Gesicht.

„Ki'e!“, stöhnte das Wesen. Seine Stimme klang tief und rauchig, so als hätte sich der junge Mann bereits von Kindesbeinen an nur von Whiskey und Zigarren ernährt. Das rote Licht leuchtete sanfter, sodass er seine Hände vom Gesicht nehmen konnte. Der junge Mann blickte auf eine Fee. Sie hatte kleine transparente Flügel und feuerrote Haare, die scheinbar von ihrer roten Aura verschluckt zu werden schien. Sie trug ein behelfsmäßig zusammen­gestricktes graues Kleid aus Leinenlumpen. Das weiche Gesicht und die geschwungenen Kurven wiesen eindeutig darauf hin, dass die Fee weiblich sein musste.

„Tut mir leid, Vidar! Ich musste viel Energie aufbringen, um vor den anderen zu flüchten!“ Ihre Stimme klang hoch, war jedoch auf unerwarteter Weise nicht unangenehm.

„Den anderen?“ Der als Vidar bezeichnete blickte das kleine Lichtlein fragend an. Doch dieses hatte keine Zeit mehr zu antworten. Aus der Nähe hörte man ein Blashorn und mehrere Rufe, die die auf dem Dach sitzenden Raben aufschreckte. Sie schimpften laut, bevor sie über die Dächer der Stadt davon flogen.

„Da! Sie muss hierhin geflohen sein!“ Plötzlich stand ein etwa zwei Meter großes Wesen in dunkelblauer Uniform am Eingang der Seitengasse. Es selbst hatte an seinem Kopf ein Paar gerade Ziegenhörner. Seine Ohren glichen die einer Ziege und waren halb unter seinen hellbraunen Haaren versteckt. Die Uniform bestand aus dunkelblau gefärbtem Leder, das den Brustbereich und die Schultern schützte. Darunter trug das Wesen ein dunkelblaues Hemd mit gold verzierten Borten. Die Ärmel reichten bis zu den Ellbogen. Auf der leichten Lederrüstung war das Abbild zwei ineinander gewundener Widderhörner eingebrannt. Der Uniformierte winkte weitere Wesen Asgards zu sich, die alle vom gleichen Typ waren. Vidar wusste, dass man sie „Tanngrise“ nannte. Die gehörnten Wesen Asgards. Und dass Ki'e, das leuchtende Wesen, gerade ein halbes Dutzend dieser Tanngrisen, die anscheinend der Organisation der Bilskaer – die Wächter der Wächter – angehörten, auf seine Fährte gebracht hat. Die Bilskaer war dafür zuständig, dass weder die Menschen noch Jene aus Asgard sich zu sehr in die Welt des anderen einmischte. So mussten in der Regel die sogenannten Wächter, die jahrelang ein Kind begleiteten, zum 18. Lebensjahr des Menschen wieder zurückkehren. Taten sie es nicht, oder versuchte ein Mensch seinen Wächter mit nach Asgard zurück zu begleiten, griffen die Bilskaer ein. Teilweise gingen sie mit solch einer Gewalt vor, dass die hiesigen Zeitungen häufig über 'Asgard-Massaker' berichteten. Sie waren also sowohl bei den Wesen Asgards als auch bei den Menschen höchst unbeliebt. Offensichtlich war Vidar jenseits des 18. Lebens­jahres und hatte seine Wächterin, eine Fee, immer noch bei sich. Die Bilskaer waren ihnen deshalb schon recht lange auf den Fersen. Bislang konnten sie immer rechtzeitig flüchten.

„Das hast du wirklich brillant gemacht!“, Knurrte Vidar. Er schaute Ki'e böse an.

„Ah, ich dachte ich hätte sie abgehängt … sie müssen einen Fenriswolf bei sich haben, der meine Spur gewittert hat!“, verteidigte sich das kleine Wesen. Und tatsächlich tauchte ein Fenriswolf mit dunkelgrauem Fell als letztes Mitglied seiner Einheit auf. Seine Statur glich in etwa einem muskulösen Menschen, doch sein Kopf sah aus wie der eines Wolfes. Der Fenriswolf war so riesig, dass die Tanngrisen ihn nur bis zu den Schultern reichten. Und er war nicht gut gelaunt. Er knurrte tief, sein Fell im Nacken sträubte sich.

„Du weißt echt, wie man jemandem den Tag versauen kann!“ Vidar schimpfte und zog seinen Handschuh aus. Er stopfte ihn in eine seiner Manteltaschen. Dann warf er Mantel und Hut so hoch er konnte, sodass sie an einem der Dächer hängenblieb. Nun war zu erkennen, dass er – ähnlich wie der Fenriswolf – braune Wolfsohren hatte, die aus seinen straßenköterblonden Haaren empor lugten. Seine rechte Hand, ehemals unter dem Handschuh verborgen, war zu einer Wolfsklaue verformt. Auch Vidar fletschte seine Zähne, begierig darauf, seine Gegner anzugreifen.

„Na kommt schon, ihr Ziegen! Oder fürchtet ihr euch vor mir?“ Er verhöhnte sie regelrecht. Sie zückten schweigend ihre Kurzschwerter aus der Scheide und blickten ihn ernst an. Nur der Fenriswolf reagierte nicht und knurrte ihn weiterhin an. Seine schwarzen Augen blieben auf den jungen Mann fixiert.

„Pah, diese altmodischen Schwerter!“ Vidar grinste abfällig und machte einen riesigen, unmenschlichen Satz in die Menge hinein. Er drehte sich um seine eigene Körperachse und riss mit seiner Klaue alles in seiner Nähe nieder. Nur noch ein Tanngrise und der Fenriswolf blieben nach seinem Angriff stehen. Wieder machte Vidar einen Satz und schmiss den verängstigen Tanngrisen so hart auf den nassen Pflasterstein, dass dieser bewusstlos liegen blieb. Nun hatte er Zeit, sich um den Fenriswolf zu kümmern, während die anderen sich noch vom harten Aufprall auf den Boden erholten und benommen da saßen. Der Fenris­wolf hingegen war von Vidar nicht beeindruckt. Er war die ganze Zeit über seinen Sprungattacken ausgewichen und knurrte ihn nun erneut an.

„Denk' ja nicht, du jagst mir Angst ein...“ Vidar griff ihn mit seiner Klaue an. Doch entgegen Vidars Erwartungen wich das Wesen seinem Angriff gekonnt aus und holte nun ebenfalls zur Gegenattacke aus. In letzter Sekunde konnte Vidar den Klauenangriff abwehren, indem er sich mit all seiner Kraft gegen dessen Angriffshand stemmte. Der Fenriswolf gab den Angriff sofort auf und versuchte nun mit seiner linken Klaue den jungen Mann zu erwischen. Doch auch hier konnte Vidar rechtzeitig reagieren und schlitterte über den nassen Boden, um ihn einen harten Tritt zwischen die Beine zu verpassen. Der Fenriswolf heulte vor Schmerz auf und taumelte. Sofort stürzte sich Vidar auf den Fenriswolf und beförderte diesen mit einem harten Schlag ins Gesicht ins Land der Träume. Gerade als Vidar aufstehen wollte, stürzten sich die wieder zu Kräften gekommenen Tanngrisen erneut auf ihn. Vidar beugte sich nach unten, um dem ersten Schwerthieb zu entkommen. Dann rollte er sich vom Körper des bewusstlosen Fenris­wolfes, um einen Tanngrisen mit einer Beinschere zu Fall zu bringen. Als dieser gerade zu Boden stürzte, stach der nächste mit seinem Schwert auf Vidar ein und verfehlte dessen Gesicht nur knapp. Verärgert, packte Vidar den über sich stehenden Tanngrisen an den Beinen und riss ihn zu Boden. Anschließend stand er seelenruhig auf und haute den ersten Tanngrisen bewusstlos, bevor er den zweiten mit zwei Hieben außer Gefecht setzte. Die anderen hatten sich zwischenzeitlich zitternd in weiter Entfernung von ihm aufgestellt. Sie wedelten zwar mit ihren Schwertern, wussten aber genau, dass mit der Kraft eines Wolfes nicht zu spaßen war.

„Das sah allerdings nicht beeindruckend aus“, kommentierte Ki'e trocken. Sie hatte das Spektakel aus sicherer Entfernung beobachtet und flog nun auf seine Schulter.

„Halt's Maul.“ Vidar keuchte noch von der Aufregung. Er blickte die übrigen Tanngrisen mit seinen smaragdgrünen Augen an, dann schnappte er sich seinen Mantel und Hut und streifte diese wieder über, bevor er sich auf die Hauptstraße wagte.

Der Regen hatte nicht aufgehört. Im Gegenteil. Es schien so, als ob statt einem Eimer gleich mehrere gleichzeitig über die Stadt gekippt wurden. Es war mittlerweile so dunkel, dass nur noch das fahle Licht der Straßenlaternen den Weg wies. Doch Vidars Ziel befand sich jenseits der schwach beleuchteten Straßen. Tief im dunklen Häuserdschungel, dort wo die Gassen so eng waren, dass sich die Dächer gegenüberliegender Häuser fast berührten, wo der Putz stark vom Mauerwerk blätterte, dort war Vidars Zuhause. Hier stank es so bestialisch nach Abfall und Krankheit, dass sich kein Wesen aus Asgard hinein wagte. Nicht einmal die Kinder aus diesem furchtbaren Ort erhielten einen Wächter – sie galten als „verlorene Kinder“. Und selbst das Lichtlein, das Vidar begleitete, hielt sich beim Fliegen die Nase zu. „Furchtbar“, näselte sie angewidert. „So oft sind wir hier zurückkehrt, aber ich kann mich immer noch nicht an diesen Ort gewöhnen.“

„Nicht nur du hast darunter zu leiden.“ Vidar zeigte auf seine Nase. „Meine Nase ist ebenso empfindlich.“

„Würde man nicht meinen, bei dem Fraß, den du dir regelmäßig reinwirfst ...“

„Nur weil du immer Beeren anschleppst! Davon wird man nicht satt!“ Vidar verzog das Gesicht beim Gedanken an eine Beerenmahlzeit.

„Was soll ich denn mit meiner Größe tun?! Fliegen jagen?“ Ki'e leuchtete demonstrativ etwas heller.

„Ach halt die Klappe.“ Er winkte ab. Schweigend drang er immer tiefer in das Labyrinth vor.

Am Ende einer engen Gasse stand ein verlassenes, verriegeltes Haus – der Eigentümer tot oder längst aus der Stadt gezogen. An der rechten Seite gab es eine kleine Lücke zum nächsten Haus. Sie war gerade so breit, dass Vidar sich seitwärts durch den Spalt drücken konnte. Doch genau dort befand sich an der Hauswand ein großes Loch, das von innen mit einem schweren, dunklen Vorhang bedeckt war. Vidar schob den Vorhang beiseite und ließ Ki'e in das dunkle Rauminnere voraus fliegen. Er schaute sich ein letztes Mal um, dann verschwand auch er hinter dem Vorhang. Das kleine Lichtwesen erhellte den Wohn­raum nur schwach. Die Konturen eines kleines Kamins und eines Tisches mit zwei Stühlen waren erkennbar. Vorsichtig tastete sich Vidar in Richtung Kamin. Er stapelte etwas trockenes Holz und kleine Zweige, bevor Ki'e darauf zuflog und es mit einem kleinen Feuerzauber entzündete. Ein großes Fass, das mit Wasser gefüllt war und neben dem Kamin stand, war nun zu erkennen. Vidar nahm einen Teekessel, der über dem Kamin hing und tauchte ihn in das Fass. Dann hängte er den mit Wasser gefüllten Teekessel über das stärker werdende Feuer. Anschließend zog er sich komplett aus und hing die stark durchnässte Kleidung neben dem Kamin zum trocknen auf. Im Schein des Kaminfeuers konnten die muskulösen Konturen seines Körpers ausgemacht werden. Aus dem Poansatz ragte ein buschiger, schlecht gepflegter Wolfsschwanz, den er zwischen die Beine geklemmt hatte, um ihn zu verbergen. Das feine nasse sandfarbene Fell erstreckte sich seinem Haupthaar in den Nacken. Gedankenverloren starrte Vidar in das Feuer, das auch sein kantiges, mit Stoppelhaaren bestücktes Gesicht in orangerotes Licht tauchte. Ki'e folgte seinem Beispiel und zog ebenfalls ihre nasse Gewandung aus, um sich dann aber in einen winzigen wolligen Stofffetzen einzuwickeln, den sie aus einem Regal holte. Vidar indes hatte sich aus seiner Starre gelöst und bereitete nun einen Kamillentee zu. Er kippte dazu einige getrocknete Kamillenblüten in das kochende Wasser hinein und ließ den Tee ein wenig köcheln. In der Zwischenzeit holte er einen großen und einen winzigen Becher von dem staubigen Regal in einer Ecke des Kaminzimmers und stellte beide auf den alten Holztisch. Dann holte er den Teekessel und goss den wohlriechenden Tee in die Becher. Ki'e flatterte vorsichtig, die Decke eng um sich ge­schlungen, vom Kamin weg zum Tisch, um etwas vom heißen Tee zu nippen.

„Ah, es gibt nichts Besseres als einen wärmenden Tee!!“ sagte sie, als die Wärme des eigentlich noch sehr heißen Tees durch ihren Körper kroch und sie von innen aufwärmte.

„Nach deiner Aktion vorhin habe ich mich gefragt, ob du überhaupt Tee verdienst,“ murmelte Vidar als er sich an den Tisch setzte und darauf wartete, dass sein Tee etwas abkühlte. Ki'e leuchtete kurz stärker auf und flog entrüstet auf ihn zu.

„Also bitte! Ich habe meine Zeit wenigstens damit verplempert, Informationen zu sammeln! Und du? Du hast mal wieder lieber im Müll nach Fleisch rumgewühlt!“ Vidar schreckte ein wenig zurück, denn die kleine Fee flatterte nur wenige Zentimeter von seinem Gesicht entfernt. Betreten schaute er zur Seite weg. Ki'e seufzte recht laut für ihre Größe und ließ sich auf die Kante des Tisches nieder.

„Vidar, unsere Zeit läuft langsam davon. Du siehst doch selbst, dass du immer mehr verrohst. Der Fluch verschwindet nicht, wenn du einfach in den Tag hinein lebst.“ Sie klang ein wenig enttäuscht.

„Ich weiß, ich weiß!“ entgegnete Vidar wütend. Er knallte den eigentlich noch vollen Becher auf den Tisch und stand auf. Der heiße Tee schwappte über und Ki'e musste sich vor der heißen Brühe in Sicherheit bringen. Langsam ging Vidar wieder auf den wärmenden Kamin zu. „Es ist nur... werden wir dort überhaupt eine Antwort finden, in Asgard?“ Er rieb sich die Stirn an seinem Oberarm. „Wir haben hier ja schon nach einer Lösung gesucht, aber noch nicht einmal irgendeinen Hinweis gefunden...“ Seufzend drehte er sich in Richtung Tisch um.

„Dieser Fenriswolf, der dich damals verflucht hat, stammte doch aus Asgard, also ist es nicht überraschend, dass wir hier keine Hinweise finden“, sagte sie als wäre es eine Selbstverständlichkeit. Ki'e ging auf dem Tisch entlang, um ihren Becher zu holen.

„Ja, und? Ich nehme an, dass wir in Asgard nicht gerade den Nächstbesten auf der Straße fragen können!“ Er gestikulierte wild. „Außerdem falle ich doch als Mensch auf!“

„Sag' mal, fängt dein Gehirn an, sich aufzulösen? Natürlich können wir nicht den Nächstbesten fragen!“ Ki'e schrie ihn mit ihrer zarten Stimme an und fuchtelte ebenso wild mit ihren Händen. „Wir haben Bibliotheken, verdammt nochmal! Und wir haben Experten in der Magie! Oder vielleicht gefällt es dir ja, mit deinen … deinen Hundeohren und diesem buschigen Schwanz da!“ Sie fuchtelte in die Richtung seines Wolfsschwanzes. Als Ki'e ihn darauf aufmerksam machte, richteten sich Vidars Hundeohren erschrocken nach oben. Seine Wangen färbten sich rot, während er vergeblich versuchte, das buschige Etwas vor ihrem Blick zu verstecken indem er sich komplett in ihre Richtung wandte. Dabei kam jedoch ein Stück des Schwanzfelles mit dem Kaminfeuer in Berührung. Jaulend vor Schmerz sprang Vidar auf und rieb sich die verbrannte Stelle. Der anfängliche Ärger verflog und Ki'e begann zu lachen.

„Du bist manchmal echt unmöglich!“ Ihre Worte trugen jedoch nicht zur Erleichterung der Situation bei – im Gegenteil: Nun war Vidars gesamte Gesicht rot und als letzten Ausweg begann er, seine eigentlich noch nasse Hose überzustreifen, damit das pelzige Etwas endgültig aus den Augen verschwand.

„Nun … ich nehme an, du hast dann etwas Wichtiges herausgefunden?“ Er räusperte verlegen und versuchte nun das Thema zu wechseln.

„Ja, das habe ich.“ Sie lachte immer noch, aber fand schnell wieder ihre Fassung. „Ich habe nun endlich erfahren, dass schon sehr bald ein zweidimensionales Portal errichtet wird.“

„Das sind ja mal endlich gute Nachrichten!! Sonst waren wir immer zu spät oder es handelte sich um ein ein­dimensionales. Also?“ Vidar nahm einen tiefen Schluck aus seinem Becher.

„Naja...“ Ki'e war offensichtlich nicht wohl dabei.

„Naja und? Muss man dir jetzt jede Info aus der Nase ziehen?“ Er ging auf das kleine Feenwesen zu und stellte den Becher so laut neben Ki'e ab, dass sie vor Schreck zusammenzuckte.

„Naja...es ist wohl ein Portal für Hallinskeeth.“

Es herrschte eine beträchtliche Zeit Schweigen. Vidar ver­suchte mit all seiner Kraft, die Bedeutung ihrer Worte zu erfassen, grübelte, kratzte sich am Kopf – doch es gelang ihm nicht.

„... Und?“ Das war alles, was er herausbekam.

Ki'e verdrehte die Augen. Hatte sie ihm das alles nicht schon längst erklärt? Wie oft musste sie es denn eigentlich noch tun? „Hallinskeeth? Er steht Donar, dem Heerführer Asgards, direkt unter.“ Als sie bemerkte, dass Vidar immer noch fragend dreinblickte, fügte sie hinzu: „Donar sagt dir doch was, oder?!“ Ihr letztes Wort betonte sie sehr übertrieben.

„Äh, ja, äh, ich glaube schon.“ Nicht eingestehen wollend, dass er eigentlich überhaupt keine Ahnung hatte, stotterte Vidar alles das herunter, was er sich von Ki'es aus­führlichen Erklärungen gemerkt hatte. „Der – äh – ist doch auch gleichzeitig der Anführer der Bilskaer. Also diese Leute, die im Auftrag Asgards bei uns für Ordnung sorgen und uns vorhin angegriffen haben...“

„Richtig. Hallinskeeth ist per se kein Mitglied bei den Bilskaer, aber gegenüber Donar sehr loyal.“ Ki'e ging auf dem Tisch auf und ab, während sie sprach.

„Also müssen wir durch sein Portal, um nach Asgard zu gelangen.“ Auch Vidar fing an zu grübeln. „Hast du eine genaue Uhrzeit?“

„Nein, das habe ich leider nicht erfahren können – sie haben mich ja dann bemerkt“, erwiderte sie und setzte sich auf die Tischkante. Sie wippte mit den Beinen. „Wir müssen also noch bei Tage am Zielort ankommen und uns erst einmal verstecken. Wenn sie uns bemerken, wird unter Umständen das Portal nicht aufgebaut oder nicht voll­ständig. Wenn wir dann durch so ein unvollständiges Portal springen, werden wir unter Umständen zwischen den Welten eingesperrt.“

Wieder herrschte Schweigen. Das Feuer knisterte leise vor sich hin, während Vidar sich noch einen Becher Tee eingoss und am heißen Getränk nippte. „Wo soll das Portal eigent­lich entstehen?“ Er setzte sich wieder hin.

„Tja, das ist das nächste Problem.“ Ki'e zog ein Bein hoch und presste es gegen ihren Oberkörper. Sie mied dabei Vidars Blick.

„Wieso?“

„Es wird am Himinbjörg-Anwesen geöffnet.“

„WAS?!“ Vidar stand ruckartig auf und riss seinen Stuhl dabei zu Boden. „Du machst … du machst doch Scherze?“

„Nein, leider nicht.“ Sie seufzte.

Vidar schnappte sich seinen Stuhl, richtete ihn wieder auf und setzte sich im Zeitlupentempo hin. „Vielleicht ist das auch eine Falle. Sie wissen, dass wir einen Weg nach Asgard suchen.“ Er raufte sich die Haare.

„Dann würden sie nicht damit 'drohen', dass Hallinskeeth kommt. Solche Größen würden wir doch eigentlich meiden. Deshalb ist es umso wichtiger, rechtzeitig zu verschwinden. Sonst sind wir geliefert.“ Stille. Ki'e gähnte laut. Das Ge­spräch hatte sie ermüdet. Schließlich seufzte Vidar auf.

„Uns bleibt also nichts anderes übrig, als das Risiko zu wagen.“ Er stand auf und rückte den Stuhl näher an den Tisch. „Wie du schon sagtest … ich kann nicht ewig hier bleiben. Wenn nicht bald eine Lösung für dieses … Problem auftaucht, laufe ich wohl schneller als mir lieb ist auf vier Beinen herum.“ Er starrte gedankenverloren auf seine Hände herab. Ki'e stand nun ebenfalls auf und ging zu ihm herüber. Sie legte ihre kleinen Hände auf die im Handschuh versteckte Hand.

„Egal was passieren wird, ich werde immer bei dir sein. Auch wenn wir keinen Erfolg haben werden. Ich bleibe an deiner Seite.“ Es waren liebevolle Worte und hätte Vidar in diesem Augenblick nicht zu sehr über seine Probleme ge­grübelt, hätte er wohl auch den darin mitschwingenden Unterton erfasst. Doch wie so oft erreichten ihn subtile Worte nicht. Stattdessen lächelte Vidar dankbar. Vorsichtig nahm er sie in seine Hand. „Ich weiß gar nicht, was ich ohne dich tun würde.“

Ki'e schaute verlegen zur Seite. Es herrschte eine Weile Stille. Nur das Knistern des Kaminfeuers und der Regen, der auf das undichte Dach prasselte, war zu hören. Es waren solche besonderen Momente, die der kleinen Fee wieder Hoffnung auf ein besseres Leben machte. Irgend­wann. Irgendwann würden sie diesem stinkenden Loch der Menschen entkommen. Zurück in ihre Heimat. In ihrem Kopf tauchten Szenen der Erinnerung auf - weite, wohl duftende Blumenfelder, das Zwitschern der Vögel. Doch dann tauchten auch unerfreuliche Erinnerungen auf. Mit einem Kopfschütteln versuchte sie die Gedanken zu ver­treiben. Halb im Traum, halb im Hier, rieb sich Ki'e die Augen und gähnte. „Ich denke, wir legen uns erst einmal Schlafen. Morgen wird bestimmt ein ereignisreicher Tag.“

„Du hast recht.“ Vidar legte die müde Fee vorsichtig auf den Tisch ab und holte einen Satz Decken. Er breitete eine große, ziemlich löchrige Decke auf den Boden vor dem Kamin aus. Dann klopfte er ein großes, staubiges Kissen zurecht und warf es auf die Decke. Ki'e erhob sich vom Tisch und flog auf das Kissen zu, um sich darauf zu legen. Vidar zückte ein kleines Tüchlein und legte es über die schlafende Fee. Er selbst hatte keine Decke sondern verwendete sein mittlerweile halbtrockenes Hemd um sich warm zu halten. Schnell schlief er ein, denn auch er war müde. Er bemerkte auch nicht, dass Ki'e sich umgedreht hatte und ein kleines bisschen näher an sein Gesicht ge­rückt war, um so nah wie möglich bei ihm zu sein. Im Hintergrund knisterte das Feuer so lange, bis das Holz zu einem glühenden Haufen verbrannt war.

Der Geist des Feigenbaums

Die Wolken hatten bereits am frühen Morgen den Weg für die Sonne freigegeben. Der blaue Himmel war nur noch von kleinen Schäfchenwolken übersät, die wie weiße Farbkleckse am Himmel wirkten. Es roch immer noch ein wenig nach nassem Holz und Gras, doch der Gestank der Stadt gewann mit jeder fortschreitender Stunde ein bisschen von seiner ursprünglichen Intensität zurück. Das jedoch interessierte irgendwie keinen. Die Straßen waren gefüllt von Menschen in matschigen Schuhen und Kleidern, die mit einem unbeschreiblich schnellen Tempo ihr Tages­werk vollbrachten. Vidar konnte nicht aufhören zu stau­nen, wie eilig es doch einige hatten, dass sie für ihre Um­gebung blind geworden waren. Sie sahen nicht, wie ein kleiner Junge bei seinen ersten Gehversuchen gestolpert war und nun laut weinend auf dem Boden hockte, bis seine Mutter ihn ob seiner komplett verdreckten Kleidung auf­hob und liebevoll an sich drückte, um ihn zu trösten. Sie sahen nicht, wie ein blond gelocktes Mädchen in einem hübschen rosafarbenen Kleid einen Blumenstrauß in passender Farbe von ihrem Verehrer geschenkt bekam. Sie sahen nicht, wie Vidar mit seinen verdreckten, zerrissenen Klamotten überhaupt nicht in diese Menschenwelt zu passen schien. Aber das störte Vidar nicht weiter – im Gegenteil. So konnte er sich unbekümmert unter die Menschenmenge mischen, ohne dass einer der Bilskaer ihn bemerkte. Langsam wurde die Menschenmenge dünner, Kutschen rollten öfters über die breit gewordene Straße aus Pflastersteinen. Man sah das Ende der Stadt, danach er­streckte sich eine Wald- und Wiesenlandschaft bis an den Horizont. Vidar hatte sich schon immer gewundert, warum das Gras nicht sattgrün leuchtete sondern nur matt und grau wirkte. Er schlenderte ein wenig vom Weg ab, in Rich­tung eines dichten Waldstückes, das sich einen kleinen Hang hinauf schlang. Oben auf dem Hügel befand sich ein großes Anwesen. Oder besser gesagt, das, was von ihm übrig geblieben war. Das Waldstück war schon längst dabei, diesen einst von Menschen bevölkerten Ort zurück­zuerobern. Die Mauern hatte es schon überwunden, Äste und Gebüsch rankten um die einst weißen geschwun­genen Fensterrahmen und wuchsen sogar in das Haus hinein. Es hingen noch Stofffetzen von einst schweren Samtvor­hängen von der Decke herab und verdeckten die Sicht ins dunkle Haus. Vidar blickte nach oben. Direkt unter dem Dach hatten alle möglichen Vögel ihre Nester gebaut und zwitscherten um die Wette. Die Welt hier schien im Gegensatz zur Stadt so irreal, dass Vidar glaubte, sich in einem Traum zu befinden. Ki'e schlüpfte aus der Sicherheit seiner Manteltasche und begutachtete das Werk der Natur ebenso staunend.

 

„Es muss lange her sein, nicht wahr?“ Sie sprach leise, so als wollte sie die Natur nicht stören.

 

„Ja. So als ob Jahrhunderte an uns vorbei gezogen wären“, Vidar lachte leise auf, als er mit seiner linken Hand langsam die bröcklige Hauswand streichelte. Ki'e schwieg. Plötzlich fing Vidar an, die Luft zu schnuppern. Er nahm den Geruch eines Menschen wahr – doch irgendwie roch es auch nach Asgard. Irritiert suchte er nach der Quelle des Geruchs und ging zurück in den Wald.

 

„Vidar...?“ Ki'e war über sein Verhalten verwundert. Sie besaß kein so gut ausgeprägtes Riechorgan wie er und konnte deshalb nicht den fremden Geruch wahrnehmen. Besorgt folgte sie ihm. Das Waldstück war aufgrund seiner Dichte recht dunkel. Wenn auch das Waldstück keine beachtliche Größe besaß, so wuchsen hier die Bäume sehr dicht aneinander und ließen nur wenig Licht hinein. Der Boden war dementsprechend spärlich begrünt, lediglich ein paar Farne und Moos auf toten Baumstümpfen boten eine farbliche Abwechslung. Für Vidar war das alles jedoch uninteressant. Er konzentrierte sich voll und ganz auf das unbekannte Wesen. Gierig beschnupperte er die Luft und folgte dem unsichtbaren Duftstrom. Je tiefer er in das Waldstück eindrang, desto eher hatte er das Gefühl, dass er sich in einer anderen Welt bewegte. Der Stadtlärm, der sonst selbst am Anwesen entfernt zu hören war, war hier komplett verschwunden. Stattdessen nur Vogellaute. Vidar versuchte sich so leise es ging zu bewegen, doch es fiel ihm schwer. Die natürliche Umgebung raschelte bei jedem Fußtritt.

 

Plötzlich hörte er das Knacksen eines auf dem Boden liegenden Astes. Ruckartig drehte er sich um, die linke Hand zur rechten wandernd, um im richtigen Augenblick seinen Handschuh abzustreifen und anzugreifen. Doch sein Angreifer war schneller. Vidar blickte in ein langes, halboffenes Rohr aus Holz, deren Konstruktion am anderen Ende an ein Gewehr erinnerte – nur gab es keinen Abzug. Der Schütze war ein junges Mädchen von ungefähr siebzehn Jahren mit schneeweißen, schulterlangen, glatten Haaren. Sie trug ein olivgrünes Kleid. Das untere Ende war so zerfranst, dass das einst weiße Unterkleid durchschien. Ihre Stiefeletten waren voll getrocknetem Schlamm und Dreck. Sie mussten wohl irgendwann einmal dunkelgrün gewesen sein, doch diese Farbe konnte man lediglich nur noch erahnen. Die smaragdgrünen Augen des Mädchens waren auf Vidar fixiert. Hinter dem Mädchen Stand ein Wesen Asgards: der schlanke, blass violette Körper um­armte das Mädchen von hinten. Es war nackt und geschlechtslos, übersät von tiefroten Tätowierungen. Dennoch besaß es eine geschwungene Hüfte und die langen, außerirdisch wirkenden Arme und Finger er­innerten stark an einen Frauenkörper. Seine violetten Augen starrten Vidar und Ki'e belustigt an. Es bewegte seine Lippen, doch es kam kein Laut heraus. Dennoch nickte das Mädchen und begann zu sprechen.

„Was wollt ihr hier auf einmal?“ Ihre Stimme klang kalt und barsch.

 

Vidar knurrte. „Was bist du!? Du bist kein Bilskaer.“

Das Mädchen riss ungläubig die Augen weit auf. Sie wollte etwas sagen, doch Ki'e war schneller.

 

„Äh, Vali, äh, lange nicht mehr gesehen, wie geht es dir?“ Sie stammelte die Worte etwas verunsichert, während sie vor den Lauf des seltsamen Gewehres flog und sich so schützend zwischen Gewehr und Vidar stellte.

 

„Du... kennst sie?“ Vidar wirkte überrascht. Dieses Mal hatte er das Gefühl, dass das stumme Wesen ihn auslachte. So hätte man jedenfalls die Mundbewegung, die sie gerade vollführte, interpretieren können, denn es riss seinen Mund weit auf und zeigte seine nicht vorhandenen Zähne. Das machte Vidar wütend. „Was soll das?“ Er zog seinen Handschuh halb aus.

 

„Das reicht.“ Das Mädchen, das anscheinend Vali hieß, bewegte ihr Gewehr und deutete somit an, dass er sich nicht weiter bewegen sollte. Dann konzentrierte es sich wieder auf Ki'e. „Ich dachte immer, du wolltest mich veräppeln. Doch es scheint zu stimmen. Er erinnert sich tatsächlich nicht mehr.“

 

„Ja, leider.“

 

Es herrschte einen Moment Stille. Von oben ertönte Vogelgezwitscher und Rabengesang.

 

„Moment, Moment, soll das heißen, ich kenne dich?“ Vidar ließ von seinem Handschuh ab und zeigte mit seinem linken Zeigefinger auf sie. Er schien nicht recht glauben zu wollen, dass er so ein seltsames Wesen vergessen haben könnte.

 

Vali seufzte traurig und senkte ihr Gewehr. Binnen Sekunden löste es sich in windende Äste auf, die von dem Wesen hinter ihr absorbiert wurde. Das Wesen löste die Umarmung. Gleichzeitig verblassten die Tätowierungen. Seine Körperfarbe wechselte langsam von blass zu dunkelviolett.

 

„Komm' mit. Wir sollten nicht lange hier herum stehen. Sonst ziehen wir womöglich noch Bilskaer aus der Tagesschicht an.“ Vali machte einen Schritt tiefer in das Waldstück hinein. Sie drehte sich um und forderte Vidar und Ki'e auf, ihr zu folgen. Vidar tat wie geheißen, wenn auch nur zögerlich.

 

Vali ging voran. Das seltsame Wesen war immer stets darauf bedacht, neben ihr zu gehen. Wie ein schwebender Geist, der nicht wusste, wie man Beine benutzt und diese ohne erkennbaren Laufrhythmus einsetzte, bewegte es sich auf höchst befremdliche Art und Weise lautlos über den Boden. Das ungleiche Paar führte Vidar und Ki'e zu einem sehr alten Feigenbaum, der auf einer magisch wirkenden Lichtung stand. Die dünneren und deutlich jüngeren Bäume des Waldes hatten sich mit ein wenig Abstand um ihn gereiht, so als würden sie einen alten Ehrwürdigen huldigen. Im Gegensatz zu den anderen Bäumen schien er auch vom Sonnenlicht förmlich angestrahlt zu werden. Da das Licht auch den Boden berührte, sprossen überall um den Baum herum wilde Blumen und sattgrünes Gras, ganz als ob der Baum von einer Gottheit bewohnt wurde, die über das kleine Waldstück wachte. Vali und ihr Gefährte gingen auf den Baum zu. Die Beiden berührten ihn und schienen vom Baum eingesogen zu werden. Erstaunt, rannte Vidar selbst zum Baum, dicht gefolgt von Ki'e. Neugierig fasste er den Baumstamm an. Er fühlte sich warm an, als würde es leben. Wenn Vidar sich konzen­trierte, meinte er sogar, einen Puls zu spüren. Voller Ehrfurcht strich er über die dicke Baumrinde, bis er auf einmal einen Ruck verspürte und dann ebenfalls vom Baum verschluckt wurde.

 

Vidar fühlte sich, als ob er durch Zeit und Raum raste, so lange schien er zu fallen. Um ihn herum konnte er nur schemenhaft das Innere eines Baumstumpfes ausmachen. Das Tempo nahm allmählich ab und er landete sanft in einem großen Wohnraum. Dicht hinter ihm folgte eine vor Schreck kreischende Ki'e. Als beide wieder ihre Fassung zurück gewannen, blickten sie staunend um sich. Sie befanden sich nun im Inneren des Feigenbaums: Die Wände und Böden schienen wie aus einem einzigen Stück Holz gehauen zu sein. Möbel wie Tisch und Stühle waren mit dem Boden verwachsen. Von oben drang aus Dut­zenden winzig kleiner Ritzen das Sonnenlicht hinein und erhellte den Raum. Aus der Ferne war das Vogel­gezwitscher aus dem Waldstück zu hören, aber es klang so als wären sie weit, weit weg. Die Luft roch angenehm nach Erde und Holz, als Vidar tief einatmete, um sich zu beruhigen.

 

Vor ihm hatte Vali auf einem der seltsamen Stühle Platz genommen, das Wesen hinter ihr blieb neben ihr stehen und bewegte seine Lippen. Vali schien über den Inhalt amüsiert zu sein, denn sie verzog ihre Lippen zu einem Schmunzeln.

 

„Habt ihr euch endlich satt gesehen?“ Fragte sie, weiterhin mit diesem irritierenden, amüsierten Blick.

„Und du bist dir sicher, dass die Bilskaer das hier nicht finden werden?“ Ki'e flog auf Vali zu und blieb in Augenhöhe vor ihr stehen.

 

„Sie wissen schon, dass ich in diesem Wald hier lebe. Doch sie können mich nicht finden – dieser Wald gehorcht uns.“ Vali hob ihre Arme und streckte sie gen Himmel aus. „Wenn jemand unberechtigt hier eindringt, werden die Bäume und Büsche immer enger und dichter, bis kein Durchkommen mehr möglich ist. Und wenn er anfängt, sich mit Gewalt einen Weg zu bahnen, wird er von den Bäumen bitter bestraft.“ Sie senkte ihre Arme wieder. „Das wäre natürlich nicht ohne Syke möglich.“ Vali streichelte sanft den Arm des Wesens, das neben ihr stand.

 

„Ich verstehe das immer noch nicht. Woher soll ich dich kennen? Was bist du eigentlich?“ Vidar kratzte sich am Kopf und strengte sich merklich an. Er versuchte sich an die Vergangenheit zu erinnern, doch bis auf seine frühe Kindheit und die recht frischen Erinnerungen als Wolf-Mensch-Mischwesen, gab es wohl nichts mehr. Es irritierte ihn, dass Ki'e sie anscheinend kannte.

 

Während er da stand und grübelte, stand Vali auf und ging auf ihn zu. Sie stellte sich auf ihre Zehenspitzen um ihn ganz genau ins Gesicht zu schauen. Vidar spürte ihren warmen Atem. Instinktiv drehte er sein Gesicht zur Seite. „Das Ereignis muss dich ja echt ziemlich umgehauen haben....“ Zum ersten Mal glaubte Vidar ein echtes Gefühl der Enttäuschung in ihrer Stimme zu hören. Sie biss sich auf die Unterlippe. „Du weißt aber doch noch, wie du heißt, oder?“

 

„J-ja...“ Aus irgendeinem Grund fühlte er sich von dem Mädchen eingeschüchtert, obwohl er sie bestimmt ohne Weiteres mit einem Schlag hätte töten können – so zart und zerbrechlich sah sie aus. Doch diese smaragdgrünen Augen drangen durch ihn durch wie ein Paar Speere, immer tiefer bohrte sich ihr Blick in ihn hinein, als ob sie jedes Ge­heimnis seiner Seele kannte. Egal wie sehr er sich auch anstrengte, Vidar konnte sich nicht von ihr losreißen, geschweige denn sich zu einer Antwort durchringen.

 

„Nun?“

„Vidar. Vidar von Himinbjörg.“

 

„Oha, immerhin.“ Vali stand auf und ging mit gemächlichen Schritten auf ihn zu. „Und die da, wer ist sie?“ Sie deutete auf Ki'e.

 

„Ki'e, mein Wächter …“ Dieses Mal wirkte er irritiert.

 

„Wie alt bist du?“

 

„ … “ Er hatte einfach keine Ahnung. Er hatte seit seinem Erwachen als Wolfsmensch jegliches Zeitgefühl verloren.

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