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Feigen in Detroit

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Inhaltsübersicht

Die 992. Nacht

Fatima

Die 993. Nacht

Ibrahim

Amir

Die SUV-Leute

Fatima

Scheherazade

Zade

Die 994. Nacht

Scheherazade

Fatima

Scheherazade

Amir

Fatima

Die 995. Nacht

Laila

Die 996. Nacht

Scheherazade

Fatima

Soraya

Amir

Die SUV-Leute

Scheherazade

Die 997. Nacht

Fatima

Scheherazade

Die 998. Nacht

Dina

Scheherazade

Amir

Fatima

Dezimal

Die 999. Nacht

Scheherazade

Rock

Die 1000. Nacht

Scheherazade

Amir

Agentin Sherri Hazade

Fatima

Amir

Fatima

Scheherazade

Bassam und Lena

Die 1001. Nacht

Scheherazade

Amir

Scheherazade

Fatima

Die Abdullahs

Fatima

Fatima und Scheherazade

Danksagung

Die Autorin

Märchen für die PEN-Gutachter

Eine umgekehrte Scheherazade?

Fatimas ferne Heimat

Die USA und ihre Muslime

Glossar

 

Die Transkription der arabischen Begriffe haben wir, soweit dies sinnvoll erschien, an die deutsche Aussprache angenähert. Eigennamen haben wir in der amerikanischen Schreibung belassen. Wir danken Herrn M.A. Andreas Christian Islebe für seine wertvolle Hilfe bei der Übersetzung, Erklärung und Transkription der arabischen Begriffe.

 

Meiner Familie, ganz besonders meinen Eltern und meinem Bruder.

 

 

Ich sehe ihre Spuren und vergieße

Tränen der Sehnsucht an dem verlassenen Ort

Und bitte Ihn, der sie mir nahm,

Ihnen Heimkehr zu gewähren durch gnädiges Wort.

 

Scheherazade in Tausendundeine Nacht

Die 992. Nacht

Fatima

Selma Haddads Beerdigung hatte viel länger gedauert, als Fatima erwartet hatte, länger als die beiden Beerdigungen letzte Woche. Hoffentlich würden die Gäste bei ihrem eigenen Begräbnis in zehn Tagen weniger erschöpft nach Hause gehen. Ansonsten wünschte sie sich für ihren bevorstehenden Abschied vor allem, dass ihre Kinder Ibrahim nicht mitschleppten. Männern sollte die Beerdigung ihrer Exfrau erspart bleiben.

Trotz ihrer Trauerfeiermüdigkeit rang Fatima ihrem Gebiss ein Lächeln ab, als der Busfahrer sie aussteigen ließ.

»Hasta mañana, sí?«, sagte er, während Fatima auf ihren Stock gestützt aus dem Bus humpelte.

»Sí«, nickte Fatima und schob den Bund ihres schwarzen Rocks zurecht. war das einzige spanische Wort, das sie gelernt hatte, seit sie vor 992 Nächten im Alter von zweiundachtzig Jahren aus Detroit nach Los Angeles gekommen war, und jeder im Bus schien von ihr zu erwarten, dass sie es benutzte. Also tat sie es. Wenn sie geahnt hätte, wie lange sie noch gesund und munter in dieser Stadt leben würde, hätte sie sich einen größeren Wortschatz zugelegt.

In ihrer 100. Nacht in Los Angeles hatte sie ihren Enkel Amir, in dessen Armen sie zu sterben beabsichtigte, verwundert gefragt, warum die Leute im Bus jede an sie gerichtete Bemerkung mit einem auffordernden »Sieh!« abschlossen. Schließlich war sie gewohnt, ihre Gebrechen – darunter auch ihre Sehschwäche – je nach Bedarf und eigenem Gutdünken ein- oder auszusetzen, und zwar mit Hilfe zweier verschiedener Brillenverordnungen, eines Gehstocks und eines Hörgeräts.

»Sí bedeutet ›ja‹ auf Spanisch«, hatte Amir ihr erklärt.

»Sehe ich etwa so aus, als würde ich Spanisch sprechen?«, fragte Fatima. Amir wollte ihr gerade bestätigen, dass sie ohne ihre Riesennase in der Tat eine überzeugende Mexikanerin abgäbe, da fiel Fatima ihm wie üblich ins Wort.

»Eigentlich ist ja klar, dass die Mexikaner aussehen wie ich. Die Araber waren achthundert Jahre lang in Spanien, und als die Spanier nach Mexiko übergesiedelt sind, haben sie unser Aussehen mitgenommen. Wenn wir es nur geschafft hätten, den Spaniern Arabisch beizubringen, hätten die wiederum den Mexikanern Arabisch statt Spanisch beigebracht, und dann wären meine Unterhaltungen im Bus nicht so eintönig.«

Zur Antwort blickte Amir nacheinander auf seine Armbanduhr und auf die verchromte Wanduhr über ihrer Kommode.

»Du hast noch reichlich Zeit zu heiraten, bevor ich sterbe«, sagte Fatima und sah von der Wanduhr weg.

»Ach Gott, Taita1. Sollte der Tag kommen, werde ich noch immer schw…«, setzte Amir an, doch Fatima hob mahnend die Hand, bevor er den Satz beenden konnte.

Heute – 894 Tage später – war Amir immer noch nicht verheiratet und benutzte weiter dieses entsetzliche Wort.

Fatima winkte dem Busfahrer zum Abschied zu und ging über den Santa Monica Boulevard nach Hause. Amir zufolge war West Hollywood ein schickes Viertel, aber sie sah eigentlich nur die obdachlosen Männer und Frauen mit ihren Einkaufswagen voller Tüten und Plastikflaschen. Manchmal grüßten sie wortlos, doch meistens nahmen sie keine Notiz von ihr, und daher kam sie auch nie dazu, sie zu fragen, warum sie nicht einfach zurück zu ihren Familien gingen. Am liebsten hätte sie diesen jungen Obdachlosen da gefragt, der ein so hübsches Grübchen hatte, ganz wie ihr Sohn in Las Vegas. Aber so stierte sie ihn nur an, und bisweilen erwiderte er ihren Blick mit einem Lächeln, genau wie ihr Sohn.

Fatima stieg die Stufen zu Amirs Doppelhaushälfte hoch und schloss die Tür auf. Kaum war sie drinnen, begannen die Kopfschmerzen. All das funkelnde Chromzeug in Amirs Wohnung ließ sie hier nie zur Ruhe kommen.

Sie ging lieber gleich in ihr Schlafzimmer im ersten Stock. Als sie eingezogen war, hatte sie darauf bestanden, dass Amir sämtliches Chrom aus diesem Raum entfernte. Nur bei der Wanduhr hatte er sich quergestellt: Die musste bleiben, damit sie wusste, wann es Zeit zum Essen war. Nach ihrem Appetit konnte sie sich nicht mehr richten, der war schon lange verschwunden.

Die Chromuhr zeigte 17 Uhr. Die Zeit verging wie im Flug. Noch neun Tage auf dieser Erde. Sie rechnete an ihren Fingern nach, wie sie es auch immer beim Einkaufen machte, für den Fall, dass die Kassiererin nicht ordentlich mit ihrer Maschine umgehen konnte. Genau, neun Tage. Sie irrte sich nie.

Fatima hatte bereits 992 Tage gehabt, um sich auf den Tod vorzubereiten, aber die beiden wichtigsten Punkte waren immer noch nicht geklärt. Dabei war es nicht ihre Art, Dinge aufzuschieben. Wer zehn Kinder großzog, konnte sich das nicht erlauben. Doch im Hinblick auf ihren Tod war Fatima etwas vergönnt gewesen, was sie bislang bei keinem anderen Ereignis im Vorfeld zur Verfügung gehabt hatte: Zeit. Ein ungewohnter Luxus, der sie vollkommen gelähmt hatte. Und jetzt musste sie sich doch wieder sputen.

In den letzten 992 Tagen war sie auf so vielen Beerdigungen gewesen, dass sie haargenau wusste, wie ihr Begräbnis auszusehen hatte. Sie würde Amir entsprechende Anweisungen hinterlassen. Außerdem musste sie schleunigst eine Frau für ihn finden, am besten noch bevor sie ihm die Instruktionen für ihr Begräbnis übergab. Genauso dringend war die Entscheidung, welches ihrer Kinder ihr Haus im Libanon erben sollte, ein Haus, das sie selbst seit sieben Jahrzehnten nicht mehr gesehen hatte. Für diese zwei lebenswichtigen Angelegenheiten, die sie seit Jahren quälten, galt es in den kommenden neun Tagen eine Lösung zu finden, wenn sie in Frieden ruhen wollte. Und das wollte sie.

Ihre Kinder, die alle ihrer Wege gegangen waren und ihren eigenen Kopf hatten, waren keine einfachen Erben. Trotzdem hätte sie sie gern noch einmal gesehen, genauso wie das Haus. Leider lief ihr jetzt die Zeit davon. Noch war sie körperlich und geistig ganz gut in Schuss, aber sie konnte jeden Augenblick von einer kräftezehrenden Krankheit befallen werden, die sie für den Rest ihrer Tage außer Gefecht setzte. Man wusste nie. An irgendetwas musste man ja sterben.

Fatima zog ihre schwarze Strickjacke und den schwarzen Rock aus und glättete die Falten mit der Hand. Den BH behielt sie an, obwohl er bei ihren verhutzelten Brüsten nicht mehr viel auszurichten vermochte. Da stach ihr ein Fleck Olivenöl auf dem Rock ins Auge: Bei der Trauerfeier war tabbula serviert worden. Dummerweise war chemische Reinigung in Amirs Los Angeles fast unerschwinglich. Aber vielleicht brauchte sie den Rock bis zu ihrem eigenen Begräbnis auch gar nicht mehr.

Fatima hatte ihn 1972 für die Abschlussfeier ihrer dritten Tochter an der medizinischen Fakultät gekauft, und er sah immer noch aus wie neu. Den BH hatte sie am selben Tag im selben Laden gekauft, weil alle Waren um siebzig Prozent reduziert gewesen waren.

»Ein gutes Schnäppchen kommt nie aus der Mode«, sagte Fatima zu dem Rock und stopfte ihn in den Wäschekorb.

Den Rock konnte sie einer ihrer Töchter vermachen, obwohl die Mädchen fülliger waren als sie, wie alle Amerikanerinnen. Aber welche hatte ihr einziges wertvolles Erbstück am ehesten verdient? Auf ihrem Schminktisch standen unzählige gerahmte Fotos in Schwarzweiß oder in Farbe, die von lang vergangenen Tagen zeugten. Auf diesen Bildern schien keines ihrer Kinder jemals groß zu werden und sich zu jenen Erwachsenen zu entwickeln, die ihr so viele Sorgen machten, die vielleicht allesamt nicht reif genug waren für ein so kostbares Geschenk wie ihr Haus im Libanon.

Fatima zog ihren schweinchenrosa Morgenrock an, setzte sich vor den Spiegel, löste ihr dichtes violettes Haar und sah zu, wie es sich über ihre Schultern ergoss.

Vielleicht sollte ich mir die Haare doch noch ein letztes Mal färben, dachte sie, während sie sich kämmte. Seit neununddreißig Jahren färbte sie sich die Haare viermal im Jahr. Seit jenem Februar nach der Geburt ihres jüngsten Kindes, als ihre Haare ebenso grau und schmutzig aussahen wie der Detroiter Schnee vor ihrem Wohnzimmerfenster. Sie konnte nicht genau sagen, wann sie aufgehört hatten, schwarz zu sein. Ibrahim hatte sich nie dazu geäußert. Höflichkeit war das Grundprinzip ihrer Ehe gewesen.

Fatima begann, mit einer Haarsträhne zu spielen. Sie zwang sich, mit dem Zwirbeln aufzuhören, und schüttelte energisch den Kopf, um die Sorge zu verscheuchen, die sie so häufig befiel, wenn sie an Ibrahim dachte. Wenn ich mich nur entspannen könnte, sagte sie zu den Fotos ihrer Kinder. Vielleicht sollte ich anfangen zu rauchen. Aber Zigaretten stanken. Und waren noch dazu teuer.

Nein, im Augenblick war ihr nicht danach, irgendetwas Neues auszuprobieren. Sie hatte nicht einmal Lust, Cookieteig aus der Dose zu essen wie Millie, ihre amerikanische Nachbarin in Detroit, wenn die »Springfield Story« lief. Fatima hatte die Seifenoper durchs Küchenfenster mitgeschaut, während sie Knoblauch schälte, Zwiebeln hackte oder Windeln wusch. Anfangs hatte sie es widerlich gefunden, wie Millie rohe Eier mit Gott weiß welchen Zutaten in sich hineinstopfte. Dann war ihr irgendwann aufgefallen, wie sich mit jedem Happen die Falten in Millies Gesicht glätteten und ihre Schultern sachte herabsanken, als wäre sie nach einer langen Reise im Paradies angelangt. Wie wenn man in den Menschen verliebt ist, mit dem man Sex hat, so hatte Millie das erklärt. Damals war Fatima vor Scham feuerrot angelaufen, aber inzwischen vermisste sie die schmutzigen Witze, die Millie ihr verschwörerisch ins Ohr geflüstert hatte. Im Nachhinein musste sie zugeben, dass sie lustig waren, und jetzt, wo sie kaum noch zwei Wochen zu leben hatte, würde es auch keinen mehr stören, wenn sie in Millies schlüpfrigen Humor einstimmte. In ihrem Alter konnte sie zu allem sagen, was sie wollte, es scherte sich sowieso keiner mehr drum, dachte Fatima.

»Dabei habe ich immer recht«, sagte sie zu den Kindern auf den Fotos. »Ich kann’s nicht ändern.«

Der Kamm blieb an dem zerschlissenen Ärmel ihres Morgenrocks hängen. Sie zupfte einen widerspenstigen Faden heraus. Dafür, dass sie ihn seit einunddreißig Jahren fast täglich trug, war er in recht gutem Zustand. Ihre Kinder hatten über ihre Sparsamkeit gelacht, damals, als sie in ihrer Gegenwart noch Scherze gemacht hatten. Aber wie sonst hätten sie und Ibrahim ihnen das College bezahlen sollen, ganz zu schweigen von den Entziehungskuren und Kautionen?

Sie zog den Morgenrock enger um ihre hängenden Schultern. Er war doch wohl immer noch modisch genug, um darin zu sterben? Sie würde Scheherazade fragen. Die ging schon viel länger auf Beerdigungen als sie selbst. Seit etlichen hundert Jahren, um genau zu sein.

Fatima sah auf die Chromuhr und schaltete die Zusammenfassung des Baseball-Spieltags ein. Seit sie während ihrer ersten Ehe nach Themen gesucht hatte, über die sie mit ihrem Mann Marwan reden konnte, schaute sie regelmäßig Sportsendungen.

Eine Stunde später klopfte es an der Tür. Fatima setzte sich hastig auf und machte den Fernseher aus. Ein Lächeln wanderte über ihr Gesicht, als sich die Tür quietschend öffnete und ihr Blick zum ersten Mal an diesem Tag auf ihrem Lieblingsenkel ruhte. Er sah ihr überhaupt nicht ähnlich, hatte aber ein so atemberaubend schönes Gesicht, wie es sich jede Mutter nur erträumen konnte. Sie setzte ihre Bifokalbrille auf – ihre Nahbrille, wie sie sie nannte –, um die Sprenkel in seinen haselnussbraunen Augen besser zu sehen.

»Heute war es richtig schön draußen, Taita«, sagte Amir. »Na ja, zumindest nachdem der Nebel weg war.«

Fatima ignorierte Amirs Wetterbericht. So wie er seit Jahren ihren klugen Rat ignorierte, doch endlich zu heiraten. Heute würde sie ihm nicht mit liebevoller Weisheit kommen, sondern mit einer knallharten Rechts-Links-Kombination. In Las Vegas, wo ihr Sohn Bassam viel zu viele Jahre verbracht hatte, heirateten manche Leute innerhalb von vierundzwanzig Stunden – auch Bassam hatte das schon praktiziert, mehrmals sogar. Und wenn sie, Fatima Abdul Aziz Abdullah, die Enkelin einer der berühmtesten Ehestifterinnen des Libanon, nicht in der Lage war, Amir in den nächsten neun Tagen unter die Haube zu bringen, wer dann? Als verheirateter Mann könnte er dieses schreckliche Wort nicht mehr benutzen, und dann wäre es auch keine Schande mehr, ihm das Haus im Libanon zu vermachen. Zwei Fliegen mit einer Klappe, wie Millie immer sagte, wenn sie sich beim Essen eine Zigarette anzündete.

Amir legte ihr eine Schale mit Tabletten in den Schoß. Es waren furchtbar viele. Sie brauchte sie nicht mehr, wollte aber Amir nicht beunruhigen und schluckte sie artig.

»Heute habe ich erfahren, dass ich im Juli bei Shakespeare im Park mitspielen werde«, berichtete er. »Du kriegst natürlich einen Platz in der ersten Reihe.«

Sie konnte ihm schlecht sagen, dass es mit Juli nichts mehr werden würde. »Shakespeare war eigentlich Araber«, erwiderte sie stattdessen. »Sheikh Sabeer. Ein Brite hat die Geschichten von Qais wa-Laila und Abla wa-Antar einfach geklaut und den Namen obendrein.«

»Viele meinen, dass Shakespeare nur deswegen so gerne Schauspieler in Strumpfhosen auftreten ließ, weil er Männer nicht nur auf der Bühne liebte«, gab Amir zurück. »So wie ich, der stückeschreibende Scheich und …«

»Willst du jetzt auch noch Komiker werden?«, unterbrach Fatima ihn. »Ist dir die Schauspielerei als Hobby noch nicht lächerlich genug? Ein geborener Informatiker, der seine Zeit verschwendet. Haram, was für eine Schande. Übrigens ist Neda Namours Enkelin aus Detroit zu Besuch. Ein nettes Mädchen. Ich habe sie heute auf Selma Haddads Beerdigung getroffen, Allah yarhamha, Gott sei ihrer Seele gnädig. Sie ist keine Augenweide, aber dafür sehr anständig. Hör auf Gottes Wort, mein Sohn.«

Sie deutete auf den mit Perlmutt verzierten und in Leder gebundenen Koran, der auf ihrem Nachttisch lag. Amir streckte ebenfalls seinen Finger aus.

»Taita, im Koran steht nichts darüber, dass es eine Sünde ist, schwul zu sein«, sagte er. Diesmal brachte er das Wort über die Lippen, ehe sie es verhindern konnte.

»Also, erstens bin ich sicher, dass du den Koran noch nie gelesen hast«, erwiderte Fatima und hob abwehrend die Hand, denn sie wusste schon, was jetzt kommen würde: Er würde sagen, dass auch sie ihn nie gelesen hatte. Aber sie hatte einen guten Grund. Er nicht. Er hatte lesen gelernt.

Obwohl Fatima überzeugt war, dass dieses schreckliche Wort als Sünde galt, wollte sie niemanden, nicht einmal Ibrahim, darum bitten, ihr die entsprechende Stelle im Koran herauszusuchen; schließlich gab sie nur sehr ungern zu, dass sie nicht lesen konnte, und es sollte sich auch niemand wundern, warum sich ein so tugendhafter Mensch wie sie für dieses Thema interessierte.

Amir reichte ihr zwei weitere Tabletten und wartete, bis sie sie geschluckt hatte. »Hör mit diesem Unfug auf, und es wird das Letzte sein, worum ich dich je bitte«, klagte sie und legte die Hand aufs Herz.

»Das versprichst du mir schon, seit ich dir mit sieben Jahren die Gebrauchsanweisung der neuen L’Oréal-Midnight-Black-Tönung vorlesen sollte«, erinnerte er sie.

»Diesmal meine ich es wirklich«, sagte sie und begann, eine violette Haarsträhne um ihren Zeigefinger zu wickeln, während er ihr ins Bett half. Sie ließ ihn in dem Glauben, dass sie sich schlafen legen würde, wie sie es ihm jeden Abend vormachte, seit sie vor zwei Jahren und 255 Tagen bei ihm eingezogen war.

»Morgen rufe ich Neda an, inschallah, so Gott will«, sagte sie. »Ich lade sie und ihre Enkelin zum Kaffee ein. Du könntest deine Gackermolke machen, die immer so gut schmeckt.«

»Das heißt Guacamole, Taita«, verbesserte Amir sie.

»Ja, ja. Ich erzähle den Frauen im Bus immer, wie lecker deine Gackermolke schmeckt«, sagte Fatima strahlend – und holte zu ihrem K.-o.-Schlag aus. »Hör gut zu, Amir. Wenn du in den nächsten Tagen heiratest, kann ich dir mein Haus in Deir Zeitoun vermachen.«

Fatima war überzeugt, dass Amir sich allein um des Hauses willen am nächsten Tag Hals über Kopf in Neda Namours Enkelin verlieben und dieses grauenhafte Wort vergessen würde, das sie noch nie auf Arabisch gehört hatte, da es so einen Unfug im Libanon nicht gab.

»Herrje, was soll ich denn mit einem Haus im Libanon?«, fragte Amir.

»Schu malik? Bist du noch bei Trost?«, rief sie so unerwartet laut, dass sie beide erschraken. »Das ist nicht irgendein Haus im Libanon, es ist unser Haus in Deir Zeitoun! Das Haus, in dem ich zur Welt gekommen bin, in dem meine Mutter zur Welt gekommen ist und in dem meine Großmutter ihre besten Ehen arrangierte. Allah yarhamhum

Da piepte die Mikrowelle im Erdgeschoss. Amir sprang auf.

»Entschuldige, Taita«, sagte er. »Meine Quiche ist fertig.«

»Was?«, fragte sie. Das war keines der geheimen Rezepte, die sie ihm beigebracht hatte.

»Mein Homokuchen«, antwortete er.

Fatima bekam feuchte Augen. Sie war schuld daran, dass Amir so gut kochen konnte. Für morgen sollte er lieber keine Gackermolke zubereiten. »Ich mach dir rasch was zu essen«, sagte sie und streckte die Hand nach ihrem Stock aus. »Wenn ich tot bin, hast du noch genug Zeit zum Kochen.«

»Das war nur ein Witz, Taita«, wehrte Amir lachend ab. »Ich wärme nur die mudschaddara auf, die du gemacht hast. Hoffentlich hast du bei der Trauerfeier was gegessen.«

Er war so schnell verschwunden, dass sie nicht mehr dazu kam, von den maamul zu schwärmen, die bei Selma Haddads Trauerfeier serviert worden waren, die besten, die sie in Los Angeles bisher bekommen hatte. Und leider war er auch gegangen, ehe sie ihm erzählen konnte, wie es war, die Steintreppe vor dem Haus im Libanon hochzusteigen, von der aus man das gesamte Tal überblickte, wo Hirten ihre Ziegen und Schafe weideten und Bauern Felder mit braunem Weizen und rotem Mohn bestellten.

Das Haus würde ihm wirklich gefallen. Aber mit Chrom durfte er ihr auf keinen Fall kommen. Wenn Amir nein sagte, würde sie in den wenigen Tagen, die ihr noch blieben, unmöglich eine andere Lösung finden. Schließlich sprachen ihre Kinder kaum mit ihr.

Fatima ging davon aus, dass die meisten Frauen, die zehn Kinder und vierzehn Enkel hatten, täglich mit ihnen telefonierten. Nur die Hälfte ihrer Kinder rief täglich an, die anderen meldeten sich höchstens ein- oder zweimal pro Woche. Aber in Sachen Wetterbericht waren sie alle unschlagbar. Maschallah, dank der Anrufe ihrer Kinder wusste Fatima über das Wetter in allen möglichen Städten des Landes Bescheid. In Detroit war es heute schwül, in Washington D.C. trüb, in New York regnerisch, und in New Castle war der Sommer zeitig angebrochen.

Innerlich ging sie noch immer die amerikanische Wetterkarte durch, als das leise Klirren vieler dünner Goldarmreifen sie aus ihren Gedanken riss. Al-Hamdu lillah, gelobt sei Gott. Die Nacht konnte beginnen. Fatima blickte auf, und da war sie. Scheherazade. Ein paar Minuten zu früh diesmal. Sie hockte auf dem Fenstersims und rasselte verführerisch mit ihren Armringen, um Fatimas Aufmerksamkeit zu erregen.

In dieser Nacht trug sie einen schokoladenbraunen thawb aus Damaszener Seide und persischer Gaze, der bis zu ihren zarten Füßen reichte und mit roten Stickereien besetzt war. Fatima erkannte das kreisförmige Bagdad-Muster sofort. Scheherazades langes, fülliges Haar war noch immer genauso tiefschwarz wie vor elf Jahrhunderten, als König Schahrayar sich in sie verliebt hatte. Sie klimperte Fatima mit ihren dichten Wimpern an, die beinahe so lang waren wie Amirs.

»In Houston hatte es heute achtunddreißig Grad«, berichtete Fatima.

Scheherazade seufzte, zeigte aber nicht mehr Interesse für die bemerkenswerte Hitze in Houston als Fatima für Amirs Nebelmeldung. Eigentlich wirkte Scheherazade heute Abend ähnlich missgestimmt wie sie selbst. »Meine Liebe, inschallah hin, inschallah her, morgen gibt es entweder Regen oder Sonnenschein«, sagte sie in einem Singsang, der trotz ihrer schlechten Laune heiter klang. »Wenn morgen die Sonne scheint, dann pflüge ich, und wenn es regnet, webe ich … Solange deine Kinder mit dem Wetter klarkommen, ist alles gut, ya sitti. Überspringen wir diesmal deine Berichterstattung über die Temperatur in den Gärten deiner Kinder, damit es mit meiner Geschichte für heute Abend losgehen kann.«

Fatima begann, an einer Haarsträhne herumzuzwirbeln. Sie war ein bisschen verwirrt gewesen, als Scheherazade mit ihren wogenden Bändern und Brüsten sie eines Nachts aus dem Schlaf geweckt hatte. 992 Nächte war das nun her. Seit Fatima zu Amir gezogen war, um ihm Gesellschaft zu leisten, kam Scheherazade jeden Abend und wollte von Fatima eine Geschichte aus ihrer Vergangenheit hören.

»Und was ist, wenn ich dir keine Geschichte erzähle?«, hatte Fatima in der dritten Nacht gefragt.

»Es ist ein Segen und ein Fluch zu wissen, dass dir tausendundeine Nacht bleibt, um deine Geschichten zu erzählen«, hatte Scheherazade erwidert. »Denn wenn unsere Geschichten enden, ist auch unser Leben vorbei. Verstehst du, was ich meine?«

Fatima war keine himara, kein dummer Esel. Sie hatte sofort begriffen, dass sie, Fatima Abdul Aziz Abdullah, in Los Angeles, Kalifornien, USA, sterben würde, wenn Scheherazade sie zum 1001. Mal besuchte. Sie hatte die Märchen aus »Tausendundeiner Nacht« zwar nie gelesen, wofür es, wie erwähnt, gute Gründe gab, aber sie kannte die Geschichten auswendig. Scheherazade, jene Frau, über die sämtliche rawis – die Barden der Dörfer – seit der Epoche des Kalifen Harun ar-Raschid vom Iran bis nach Indien ihre Märchen spannen, war die beste Geschichtenerzählerin aller Zeiten. Tausendundeine Nacht lang hatte Scheherazade sich vor dem Beil des Henkers gerettet, indem sie jeden Abend an der spannendsten Stelle aufhörte und König Schahrayar versprach, die Geschichte am nächsten Tag zu Ende zu bringen. So wurde ihr Leben von Mal zu Mal verschont, während Hunderte Frauen vor ihr nach der ersten Nacht enthauptet worden waren. Als ihr allmählich der Erzählstoff ausging, liebte König Schahrayar sie schon so sehr, dass er nicht anders konnte, als sie zu heiraten und drei Kinder mit ihr zu bekommen.

Fatima zwirbelte heftig an einer violetten Haarsträhne herum, so wütend war sie, dass ihre nächtliche Besucherin den üblichen Wetterbericht zur Einstimmung auf ihre Geschichte abgewürgt hatte. Vielleicht hat sie heute auch nachgezählt, dachte Fatima, und dabei festgestellt, dass meine Zeit fast um ist.

»Los«, befahl Scheherazade. »Erzähl mir eine Geschichte über deinen letzten Mann.«

Fatima zwirbelte stumm ihre Haarsträhne.

»Erinnerungen sind dazu da, weitergegeben zu werden«, sagte Scheherazade und seufzte zum zweiten Mal an diesem Abend. »Sonst hätte Gott uns nicht das Gedächtnis geschenkt.«

»Er war immer freundlich zu mir«, murmelte Fatima. Das war alles, was sie je über Ibrahim sagte, und es klang unendlich traurig. Dann ließ sie die Haarsträhne los und lächelte. »Aber mir fällt da eine gute Geschichte für dich ein.«

Daraufhin setzte Fatima zu einer weiteren Geschichte über das Haus in Deir Zeitoun an. Bis spät in die Nacht erzählte sie von der Frau des Hühnerbauern, die sich in Abdul Aziz’ Haus verstecken musste, bis ihre Hühner ihr verziehen, dass sie ihnen aus Versehen Omelettreste verfüttert hatte, und endlich wieder Eier legten. Fatima ignorierte Scheherazades Gähnen und erwähnte Ibrahim nicht ein einziges Mal.

Die 993. Nacht

Ibrahim

Drei Tage nachdem er sich endgültig vom Steuer seines Ford Mercury verabschiedet hatte, fiel Ibrahim wieder ein, was er einmal in der Detroit Free Press gelesen hatte, nämlich dass Japan ein besseres öffentliches Verkehrssystem hatte als die Vereinigten Staaten. Niemand konnte ihm einreden, dass japanische Autos besser waren; die japanischen Busfahrpläne hingegen schon, davon war er inzwischen überzeugt.

Ganz egal, ob die Straße vereist war oder in der Sonne glühte wie ein heißgelaufener Ford-Motor – der SMART-Bus Nummer 285 hielt jedes Mal um Punkt 18.17 Uhr an der Haltestelle Middlebelt. Also genau elf wertvolle Minuten zu spät, wenn man nach dem DDOT-Fahrplan ging, den Ibrahim auswendig gelernt und gewissenhaft mit den tatsächlichen Abfahrtszeiten abgeglichen hatte. Auf seinen Gehstock gestützt, mühte er sich in den dritten und letzten Bus, den er auf der 78-minütigen Fahrt von seinem Haus in Dearborn zum nunmehr nur noch neunzehn Minuten entfernten Detroit Metropolitan Airport nehmen musste.

Dwayne, der Busfahrer, stand auf und half Ibrahim die Stufen hoch. »Wie geht’s Ihnen, Mr. Ibrahim, Sir?«, fragte er wie jeden Mittwoch und Freitag um 18.17 Uhr. Dwayne sprach genauso väterlich zu ihm wie zu dem sechsjährigen Mädchen mit Zöpfen, das vor ihm in den Bus gehüpft war.

Ibrahim hatte immer schon viel jünger ausgesehen, als er war. Er wirkte höchstens wie zweiundachtzig; nicht übel für einen 96-Jährigen. Aber sogar mit zweiundachtzig galt man ja schon als Greis. Ibrahim hatte sich mit der Zeit daran gewöhnt, dass er von allen wie ein Kleinkind behandelt wurde. Angefangen hatte es an seinem neunundsiebzigsten Geburtstag, als er sich ein Hörgerät zugelegt hatte. Seither wurde es von Jahr zu Jahr schlimmer.

»Ganz schön zäh heute, der Verkehr«, sagte Dwayne, als sei das eine Neuigkeit. »Da kann man nix machen«, sagte Ibrahim achselzuckend. Ihm war nicht bewusst, dass es nicht nur sein Alter, sondern auch sein starker Akzent war, der auf andere befremdlich wirkte.

Dwaynes Zähne hoben sich blendend weiß gegen seine Haut ab, die so schwarz war, wie Ibrahim es in seinen gesamten achtzig Jahren in Amerika noch nicht gesehen hatte, so schwarz wie die der sudanesischen Erdnussverkäufer, die mit ihren Karren auf den Straßen im Libanon unterwegs gewesen waren. Aber so senil war Ibrahim noch nicht, dass er die Gegenwart mit seiner Kindheit verwechselte. Es war lange her, seit er und seine Schwestern durch die libanesischen Berge gestreift waren, um frische Feigen für die Marmelade seiner Mutter zu pflücken.

Ibrahim setzte sich auf seinen Platz drei Reihen hinter Dwayne und bemühte sich dabei, die junge Frau mit dem Bauchnabelpiercing nicht anzublicken. Als sie aufgestanden war, um ihm den Behindertensitz frei zu machen, war ihr Tattoo zu sehen gewesen. Das Peace-Zeichen befand sich genau da, wo Ibrahims Meinung nach nur Mütter und Ehemänner hinsehen durften. Er drehte den Kopf weg und starrte direkt in das Gesicht der Kleinen mit den Zöpfen.

»Das ist Ihnen heruntergefallen«, schrie sie in sein Hörgerät und reichte ihm einen an Fatima in Los Angeles adressierten Brief. Jeden Mittwoch und Freitag schickte er Fatima einen Scheck. Sie hatte keinen Unterhalt verlangt, aber er fühlte sich dazu verpflichtet. Diesmal ging es allerdings um etwas anderes.

»Danke«, sagte er. Das Mädchen griff nach der Hand ihrer Mutter und starrte auf den dichten weißen Schnurrbart, an dem er herumzupfte.

Ibrahim drehte sich zum Fenster. An manchen Stellen stand Dwaynes Bus mehr, als er fuhr, so dass Ibrahim den Leuten ins Wohnzimmer schauen konnte. Es waren eigentlich immer dieselben, mittwochs wie freitags.

Da es bewölkt war, hatten viele schon das Licht angeknipst. So ließen sie sich noch besser beobachten – Ibrahim sah sogar den unanständigen Film, den der Fettwanst in dem Reihenhaus an Dwaynes dritter Haltestelle guckte. Was die Mädchen auf dem Bildschirm so alles anstellten, hätte bei Ibrahim früher in gewissen Körperregionen Erregung hervorgerufen; jetzt wurde ihm nur das Herz schwer. Die Fernsehschönheiten erinnerten ihn an Dalal, ein Mädchen aus seinem Dorf, das ihm versprochen gewesen war. Genau solche dicken schwarzen Zöpfe hatte sie gehabt. Vor Ibrahims geistigem Auge war sie immer noch fünfzehn Jahre alt, selbst jetzt noch, achtzig Jahre später. In der einzigen Erinnerung an sie, die ihn bis nach Detroit begleitet hatte, saß sie stumm weinend vor ihrem Schlafzimmerspiegel und löste ihre Zöpfe, nachdem er ihrem Vater wenige Minuten zuvor gesagt hatte, dass er sie noch nicht heiraten könne. Sie hatte nie erfahren, dass er vor ihrem Fenster gestanden und sie in ihrer sinnlichen Unschuld bewundert hatte.

»Ich muss nach Amerika, Autos bauen«, hatte er zu ihr und ihrem Vater gesagt und sich über den Schnurrbart gestrichen, der damals kaum dichter war als der Flaum auf den Bergfeigen hinter dem Haus seiner Mutter. »Ich werde so viel Geld verdienen, dass ich uns das größte Haus im Dorf bauen kann, wenn ich zurückkomme, und dann, inschallah, werde ich deiner würdig sein.«

Dieses Versprechen hatte sich nach und nach verflüchtigt, als hätte er das Ganze nur geträumt – bis sein eigener Kummer ihm Dalals Tränen wieder schmerzlich in Erinnerung brachte. Er war 1924 nach Detroit gekommen, als einer der letzten Araber, die vor der Einführung von Zuwanderungsquoten, insbesondere für »Gelbe«, zu denen Araber damals oft pauschal gezählt wurden, ins Land gelassen worden waren. Es wäre nicht leicht gewesen, Dalal nachzuholen. Deswegen, so redete er sich zumindest ein, hatte er ihr auch nie geschrieben.

Der Bus kroch am Haus der Wasserstoffblondine vorbei, die in ihrem üblichen orangefarbenen Trainingsanzug auf der Eingangstreppe saß und in einer Zeitung heimlich einen Joint drehte. Ibrahim kannte diese Technik von seinem Sohn, der ihn damit viele Jahre zum Narren gehalten hatte. Die Wasserstoffblondine war so um die dreiundvierzig, schätzte er, etwa so alt wie sein Sohn. Mit ihren breiten Schultern und den Zahnstocherbeinen ähnelte sie der einzigen Frau, die er, abgesehen von Dalal, je verlassen hatte. Betsy hatte sie geheißen, die Kellnerin, die ihm ein Dach über dem Kopf geboten hatte, als er ohne Job und mit einem auf drei Wörter beschränkten Vokabular – ja, Sir, nein – hierhergezogen war. Er hatte sie geheiratet und dann vor neunundsechzig Jahren verlassen, nachdem sein bester Freund Marwan mit einer wunderschönen Braut namens Fatima von der Beerdigung seiner Mutter aus ihrem Dorf im Libanon zurückgekehrt war.

»Irgendwann kommt die Zeit, da man nicht länger an der Seite einer Fremden leben will«, hatte er seiner treusorgenden ersten Frau nach zehn eigentlich recht angenehmen Ehejahren gesagt. Heute wünschte er, Betsy hätte ihn angekreischt oder auf ihn eingeschlagen, anstatt ihn einfach nur durch einen Strom stummer Tränen anzustarren. Damals hatte er geglaubt, er wäre gut weggekommen, aber mittlerweile wusste er, dass sich ein solcher Vertrauensbruch nie und nimmer wiedergutmachen ließ. In den vergangenen drei Jahren war er nachts oft aus dem Schlaf aufgefahren und hatte sich verzweifelt gewünscht, Betsy um Verzeihung bitten zu können. Trotzdem hatte er nie versucht, sie zu finden, da er davon ausging, dass sie tot war, wie mehr als neunundneunzig Prozent aller Menschen in seinem Alter. Hoffentlich hatte sie irgendwann erkannt, was für ein Glück sie gehabt hatte, den Rest ihres Lebens – wie lange das auch gewesen sein mochte – ohne ihn verbringen zu dürfen.

Ibrahim wandte den Blick von der Welt vor dem Busfenster ab und wagte ein vorsichtiges Lächeln in Richtung des kleinen Mädchens. Es fühlte sich gut an. Am liebsten hätte er ihr gesagt, dass sie nicht so alt werden solle wie er, um nicht mit so vielen Erinnerungen leben zu müssen. Wäre er schon vor dreißig Jahren gestorben, wäre ihm so manches schreckliche Erlebnis erspart geblieben. Außerdem hätte er dann weniger Zeit gehabt, über seine Fehler nachzudenken.

Ein tief fliegendes Passagierflugzeug lenkte das kleine Mädchen von Ibrahims Schnurrbart ab. Gleich danach kam das nächste. Die Flugzeuge erinnerten ihn an seine zehn Kinder, von denen alle bis auf eines für immer aus Detroit geflohen waren. Hätte er geahnt, dass es im Alter in Amerika keinen Unterschied machte, ob man Kinder hatte oder nicht, hätte er nicht so viele bekommen.

Ibrahim erwartete nicht, dass seine Kinder zurückkamen oder ihn besuchten. Er fand sich mit gelegentlichen Anrufen ab, bei denen auf den üblichen Wetterbericht meist eine Verlegenheitspause folgte, da die Anrufer krampfhaft nach einem Gesprächsthema suchten, das Ibrahim nicht auf die Palme brachte. Dabei trug er längst keinen Zorn mehr in sich, nur noch Einsamkeit und eine schmerzliche Sehnsucht nach ihnen, die ihn quälte, wenn er nachts wach lag.

Vielleicht war es aber auch gar nicht Amerika, das seine Kinder verdorben hatte, sondern ihre Mutter. Wenn Fatima sie strenger erzogen hätte, dann hätten sie es vielleicht nicht gewagt wegzugehen. Irgendjemandem musste er ja die Schuld geben, und Amerika und seine Frau boten sich als Sündenböcke an. Aber sooft Ibrahim auch über beide geklagt hatte, er hatte weder Amerika noch Fatima verlassen.

»Inschallah«, hatte Fatima geantwortet, als er vor fünfundsechzig Jahren um ihre Hand angehalten hatte. Weder ja noch nein. Inschallah. So Gott will. Er hatte damals schon so lange in Amerika gelebt, dass er klarere Antworten brauchte. Doch obwohl er Gott seit vielen Jahren nicht gerade freundlich gesinnt war, wusste er inzwischen, dass inschallah die einzig richtige Antwort auf alles war. Willst du mich heiraten? Trägt der Feigenbaum Früchte? Glaubst du, dass die Tigers die World Series gewinnen? Dein Sohn wird Großes leisten, meinst du nicht auch? Inschallah. Ein klares Nein war hin und wieder möglich, aber nichts im Leben ließ sich mit einem simplen Ja beantworten.

»Inschallah, ohne mich wirst du wieder lächeln im Leben«, hatte Fatima gesagt, als sie ihn vor drei Jahren mit der Scheidung überrumpelt hatte.

Bei der Scheidung hatte sie alles gerecht unter ihnen aufgeteilt, bis auf den letzten Cent. Jeder bekam einen der zwei 1983er Ford Mercurys, obwohl sich längst keiner von beiden mehr ans Steuer setzte. Sie hatte ihm genau die Hälfte der Ersparnisse auf dem Konto gegeben und genau die Hälfte ihrer zweiundvierzig Familienfotos. Sie nahm die Knoblauchpresse, also bekam er die Kaffeekanne. Sie behielt einen der Gehstöcke ihres Großvaters und gab ihm den anderen, wie es ihr Großvater bei der Mitgift vorgesehen hatte, falls sie und ihr Ehemann zusammen alt werden würden. Sie hatte ihm den Apfelbaum gelassen und dafür den Feigenbaum ausgegraben, um ihn mitzunehmen. Sie hatte darauf bestanden, dass er das Haus in Detroit bekam, obwohl er ihr versichert hatte, dass es ihr gehöre. Sie habe ja ihr Haus im Libanon, hatte sie darauf nur entgegnet, deswegen brauche sie ein Haus in Detroit auch weniger als er.

Das Einzige, was er gern behalten hätte, war ihr Haar. Bestimmt reichte ihr violettes Haar – sie bekam das Färben nie so richtig hin, entweder spülte sie die Farbe zu früh aus, oder sie ließ das Mittel zu lange drin – noch immer bis zu ihren Knien, genau wie damals, als sie geheiratet hatten. Er vermisste das Violett in seinem Leben.

Endlich erreichte der Bus die Ausfahrt zum Flughafen, und das kleine Mädchen hüpfte vor Aufregung auf und ab. Hier würde Ibrahim wie jeden Mittwoch und Freitag auf den KLM-Flug 6470 aus Amsterdam warten, am Ausgang gleich hinter der Zollkontrolle. Die meisten Passagiere waren Araber, die über Amsterdam aus dem Libanon und Jordanien anreisten. Er war mit keinem von ihnen verwandt, doch wenn sie ihren wartenden Angehörigen weinend in die Arme fielen und sie überschwänglich begrüßten, vernahm er wieder das Stimmengewirr bei sich zu Hause, wie damals, als seine Familie am Tisch beisammensaß. In dem schweren Parfum der herausgeputzten Großmütter und dem Schweiß der jungen Männer, die zwar nichts von Deodorants hielten, aber dafür westliche Dinge wie Marlboros oder sinnlose Kiffermusik umso eifriger konsumierten, roch er die abendlichen Zusammenkünfte in seinem Elternhaus. In den ausgebeulten, mit Seilen verschnürten Koffern der Reisenden erahnte Ibrahim die zwischen den in Detroit überlebensnotwendigen Pullovern und Mänteln verstauten Schachteln mit baqlawa, mit denen man die Verwandtschaft beschenken würde.

Auch ohne sein Verhörgerät, wie Ibrahim es nannte, hätte er das Knirschen seiner Knochen gehört, als er an der Leine zog, um das Haltesignal auszulösen. Wenn er Glück hatte, würde die Reisenden ein Hauch von Jasmin umwehen, der zurzeit im Libanon blühte. Moment, blühte der Jasmin nicht eher im September? War jetzt vielleicht Heckenkirschenzeit?

Dwayne zwinkerte ihm zu, wie jeden Mittwoch und Freitag, wenn er Ibrahim beim Aussteigen half. Ibrahim tastete seine Taschen ab, um sich zu vergewissern, dass er den Brief für Fatima noch hatte.

»Salam alaikum, Bruder«, sagte Dwayne langsam und väterlich.

»Wa alaikum as-salam, mein Sohn«, antwortete Ibrahim. Aus Rücksicht auf Dwaynes Höflichkeitsriten sagte er ihm lieber nicht, dass es ein simples »bye-bye« auch täte.

»Hau rein«, fügte Ibrahim hinzu. Er versuchte, »voll lässig« zu klingen, wie Dwayne immer sagte. Falls doch mal eines seiner Kinder zu Besuch käme, könnte er sich dann in ihrem »Jargon« mit ihnen unterhalten, wie es sein Sohn immer gewollt hatte.

Ibrahim blickte auf seine Uhr, als Dwayne weiterfuhr. Es war 18.45 Uhr. Sechs Minuten zu spät. In Japan kam so etwas bestimmt nicht vor. Aber vielleicht hatte das Flugzeug ja auch Verspätung. Inschallah.

Mit dem Griff seines Gehstocks öffnete er seinen Stammbriefkasten und schob das Kuvert in den Schlitz. Ibrahim hatte die Scheidung kampflos hingenommen. Er hatte Fatima stets gegeben, was sie wollte, auch wenn sie das nicht wusste, genauso wie sie nichts von all den anderen Dingen wusste, die er ihr verheimlichte. Bislang hatte er immer vermieden, ihr Dinge zu sagen, die sie nicht hören wollte, aber das war mit diesem Brief vorbei. Allein deshalb war er froh, dass sie geschieden waren und jemand anderes ihn ihr vorlesen musste.

Ibrahim humpelte in die Ankunftshalle. Er wusste, dass es der Amerikaner in ihm war, der es so eilig hatte. Der Araber in ihm fragte sich, warum er sich eigentlich so sputete. Schließlich, so hieß es in Fatimas Koran, stand schon alles geschrieben – es hatte also gar keinen Zweck, sich abzuhetzen, es hatte keinen Zweck, sich zu sorgen, dass seine Kinder japanische, schwedische oder deutsche Autos gekauft haben könnten. Es hatte keinen Zweck, Vergangenes zu bereuen. Er hätte ohnehin nichts daran ändern können, selbst bevor es begann.

Amir

Amir schob sich den letzten Rest Mudschaddara mit einem Stück Pitabrot in den Mund und rülpste genüsslich. Es schmeckte noch genauso gut wie gestern. Die Linsen und gerösteten Zwiebeln würden sich in der Nacht garantiert bemerkbar machen; so konnte er wenigstens für kurze Zeit froh sein, dass er allein schlief. Fatima hatte ihn zwar mit arabischen Gerichten großgezogen, aber wenn man das Bett mit jemandem teilen wollte, waren sie mit Vorsicht zu genießen. Er rülpste noch einmal, was ihm auch die Erleichterung verschaffte, Fatimas allnächtliches Gebrabbel einen Augenblick lang nicht hören zu müssen.

»Meine Scheidung ist durch. Ich komme nach Kalifornien«, hatte Fatima ihm vor 994 Tagen am Telefon mitgeteilt. »Northwest-Airlines-Flug 435, falls dich das interessiert.«

Sie war in ihrem Leben noch nie westlich des Mississippi gewesen, und sie hatte Amir nicht einmal gesagt, in welchem Teil von Kalifornien sie landen würde. In den sieben Stunden, die ihr Flug über Salt Lake City nach Los Angeles dauerte, schaffte es Amir, die genauen Flugdaten herauszufinden, die Laken im Gästezimmer zu wechseln und mit seinem Freund Schluss zu machen, der gleich gegenüber wohnte. Fatima wusste, dass er schwul war, auch wenn sie diesbezügliche Bemerkungen geflissentlich überhörte; trotzdem war ihre Ankunft ein guter Vorwand, um eine mittelmäßige Beziehung zu beenden, die vier Monate und damit gut drei Monate zu lang gedauert hatte.

Zuerst wollte der Freund um ihre Zweisamkeit kämpfen, aber als er mit seinen Sachen beladen zu seiner Doppelhaushälfte hinüberstapfte, wartete eine Nachricht auf ihn. »Ich bin der neue Dr. Grayson«, teilte er Amir per Handy mit und zeigte ihm von seinem Vorgarten aus den Mittelfinger. Dr. Grayson war die Hauptrolle in einer ziemlich erfolgreichen Daily Soap. Amir war erleichtert und doch irgendwie enttäuscht, dass sein neuester Ex keine Zeit haben würde, ihm nachzutrauern. Außerdem war er neidisch auf die Rolle.

Aber er vertagte seinen Neid und setzte ein Lächeln auf, als er Fatima am Flughafen abholte. Als sie nach Hause kamen, winkte ihnen der neue Soapstar aus seiner Einfahrt zu, wo er einen neuen Chevy Tahoe polierte, mit dem er seit Beginn ihrer Beziehung geliebäugelt hatte. »Ein gutaussehender Junge, dein Nachbar«, bemerkte Fatima und zeigte auf Amirs abgewrackten Honda Civic. »Du solltest dir ein Beispiel an ihm nehmen und auch einen amerikanischen Wagen fahren.«

Der nächste Tag war der 11. September 2001. Wäre Fatima einen Tag später geschieden worden, wäre sie nie nach L.A. gekommen, und er hätte sie sicher nicht gebeten zu bleiben. Als die Flugzeuge in die Türme krachten, schrie sie aus Angst um ihre Tochter Lena, die in New York lebte. Als sie am nächsten Tag herausfand, dass Lena nichts passiert war, betete sie für das Leben der Verschütteten und flehte Gott an, irgendwie dafür zu sorgen, dass keine Araber für diese schlimme Sache verantwortlich waren. Als die Bilder weiter alle fünf Minuten über den Bildschirm flimmerten und die Berichte sich nicht änderten, wurde sie wütend. »Diese Tiere haben meinen Islam in eine Todesfalle verwandelt«, sagte sie und deutete auf den perlmuttverzierten Koran, den weder sie noch er lesen konnte.

Als sie anfing, sich Gedanken darüber zu machen, wie die USA sich an der arabischen Welt rächen würden, entschied Amir, dass sie nicht allein wohnen durfte. Nachrichten aus dem Nahen Osten fasste Fatima als persönliche Tragödien auf, genau wie die Begräbnisse, die sie in Los Angeles besuchte, obwohl sie die Leute kaum kannte. Aber das war es nicht. Was ihm Sorgen machte, war die Reaktion der anderen. In den verbleibenden Septemberwochen und weit in den Oktober hinein taten seine Nachbarn, Arbeitskollegen und Freunde – alles Leute, die sich sonst nur für Meldungen zu Hollywoodflops und missglückten Schönheits-OPs interessierten –, als würden sie jemanden kennen, der in den Türmen gewesen war, als wären sie mit jemandem verwandt, der bald nach Afghanistan geschickt werden würde, als hätten sie vor ihrem eigenen Fenster Rauch und Tod erlebt. So wie Fatimas Schritte vor Kummer ganz schwer wurden, schlurften auch sie nun bedrückt dahin. Seine Großmutter hatte ihm eine gewisse Empfänglichkeit für Nachrichten aus dem Nahen Osten vererbt, und so hatte er schon oft betroffen auf Berichte von Selbstmordanschlägen reagiert, während der Rest von West Hollywood bei dem Wort »Car Bomb« an einen Cocktail für Kampftrinker dachte, eine Mischung aus Whiskey und Bier, die man auf Collegepartys kippte. Damals, als der Nahe Osten ihm noch allein gehörte, als ein gelungenes Vorsprechen oder der Anblick eines knackigen Arschs auf der Straße ihn die Sache vergessen lassen konnte, war ihm irgendwie noch wohler in seiner Haut gewesen. Aber wenn ganz Los Angeles auf einmal nur noch in Schwarz und Weiß, Gut und Böse dachte, war es da nicht möglich, dass die Leute in anderen Teilen des Landes – in Detroit zum Beispiel – eine alte Dame aus dem Libanon als Gefahr für die Gesellschaft empfinden könnten? Genau wie die Libanesen angeblich glaubten, dass die meisten Amerikaner in ihrem Land für die CIA arbeiteten. Nein, entschied er, sie würde bei ihm bleiben. Ibrahim konnte sie nicht beschützen. Auf die Idee, dass Ibrahim selbst beschützt werden müsste, kam Amir nicht.

Als Fatima sein Angebot annahm, dachte sie jedoch nicht an den 11. September, sondern an seinen Großvater. »Jetzt, wo wir geschieden sind, brauchen wir nicht mehr in derselben Stadt zu leben«, beschloss sie. Dann trug sie ihm auf, von ihrem Geld für die Opfer des 11. September zu spenden. »Zakat, Almosen geben, gehört zu den wahren Säulen des Islam. Davon ist auf CNN nie die Rede.«

Ein paar Monate später erklärte sie ihm, dass alles auf CNN reine Lüge sei. Das Ganze sei nämlich eine Verschwörung und Osama bin Laden ein US-Agent, der den USA einen Vorwand verschaffen solle, den Irak zu besetzen. Das habe jeder auf Rashida Khaldouns Beerdigung gesagt. Am nächsten Tag trug er den Fernseher aus ihrem Zimmer und brachte ihn erst wieder zurück, als sie ihm versprach, nur noch Sportsendungen zu schauen.

»Du musst mehr unter Leute gehen«, sagte er zu ihr. »Beerdigungen zählen nicht.«

»Ich habe fast mein ganzes Leben zu Hause verbracht«, antwortete sie. »Wer zehn Kinder großzieht, kann nicht zu Kaffeekränzchen gehen. Sehe ich etwa aus wie Marilyn Monroe?«

Jetzt schrieb man das Jahr 2004, und wie wohl jeder Enkel auf dem Planeten war Amir nicht gerade begeistert darüber, dass seine Großmutter in einer heißen Phase seines Lebens immer noch bei ihm wohnte. Dank jahrelangem Schauspielunterricht gelang es ihm allerdings, sein Leid vor ihr zu verbergen. Immerhin hatte sie darauf bestanden, ihm sein »Studium« zu bezahlen, auch wenn sie es sicher nicht getan hätte, wenn sie gewusst hätte, was er dabei lernte.

»Ich möchte Geschäftsmann werden«, hatte er ihr erzählt, als er einen Schauspiellehrer suchte. Er unterschlug dabei, dass er vom Filmgeschäft sprach, und seine Mutter Soraya hatte ihr versichert, dass er den Ehrgeiz habe, in seinem Beruf einmal eine leitende Rolle zu übernehmen.

Fatima hatte ihn und seine Mutter im selben Haus in Detroit großgezogen, zeitversetzt natürlich. Als er klein war, hatte sich Soraya nur selten blicken lassen, und so war es Fatima gewesen, die Amir an sich drückte, wenn er mitten in der Nacht aufwachte und nach seinem Vater fragte.

»Sch, sch, nur hayati, Licht meines Lebens«, sagte Fatima dann jedes Mal, während sein Großvater in der Tür stehen blieb. Sie ließ ihn weinen, ohne auf seine Tränen einzugehen. »Dein Vater war kein Dummkopf, er war anders als die anderen. Eines Tages wirst du das verstehen. Stimmt’s, Ibrahim?« Im schwachen Licht der Straßenlaternen, das durch das Schlafzimmerfenster drang, war Ibrahims kurzes Achselzucken kaum zu erkennen.

Viele Jahre später hatte Amir seinen Vater immer noch nicht kennengelernt und stand nun Fatima in schweren Stunden bei. Meistens.

»Mein Enkel hält sich für etwas, das unanständiger ist als jedes Wort, das Millie, Allah yarhamha, jemals geäußert hat«, hörte er Fatima oben wettern, wobei sie mit ihrem Gehstock auf den Boden pochte.

O Mann. Er stieß einen letzten Mudschaddara-Rülpser aus und ging nach draußen, um den Vorgarten zu gießen. Er wusste, dass es weder typisch schwul noch typisch arabisch oder typisch kalifornisch war, seinen Garten selbst zu gießen und zu jäten, solange man jemanden anheuern konnte, der es so gut wie umsonst machte. Aber er kam eben aus dem Mittleren Westen, wo er viele Sommer in Fatimas Garten verbracht hatte. Und seit sie bei ihm eingezogen war, war der Garten sein bevorzugter Zufluchtsort, wenn er ihren Selbstgesprächen entkommen wollte. Zum Glück konnte er hier, im Gegensatz zu Detroit, das ganze Jahr über herumwerkeln und hatte somit immer eine gute Ausrede, um nach draußen zu gehen.

Vor dem Haus hatte Amir Rosen, Jasmin und autra gepflanzt, wie Fatima in Detroit. Der Eukalyptus war schon da, als er das Haus gekauft hatte; daneben wuchs jetzt der kleine Feigenbaum, den Fatima mitgebracht hatte. Amir tat alles, um ihn aufzupäppeln, wie er es bei seiner Großmutter gesehen hatte, seit er denken konnte.

Während Amir den Feigenbaum goss, fiel ihm ein nagelneuer Geländewagen auf, der vor dem Haus seines Verflossenen parkte. Ein GMC Yukon. Mann, diese Dumpfbacke von einem Soapstar konnte sich einen neuen SUV leisten, ohne den alten verkaufen zu müssen, der immer noch auf Amirs Straßenseite stand und immer noch zehn Jahre weniger auf dem Buckel hatte als sein Honda Civic.

»Arschloch«, brüllte Amir das Haus des Soapstars an, als hätte der Soapstar ihn abserviert und nicht umgekehrt. Er holte die Post, knallte den Briefkasten zu und ging zurück ins Haus, wo Fatima immer noch Selbstgespräche führte.

Als Erstes stach ihm ein ziemlich ramponierter Brief aus Detroit ins Auge. Natürlich von Ibrahim. Bestimmt war wieder ein Scheck drin, Schweigegeld nannte es Amir, ein Zehn-Dollar-Scheck, der das beharrliche, beinahe die gesamten neunundzwanzig Lebensjahre seines Enkels hindurch währende Schweigen wiedergutmachen sollte. Trotz allem waren es bessere Zeiten gewesen, als Fatima noch mit seinem Großvater sprach anstatt mit sich selbst. Jetzt war Ibrahim von der Bildfläche verschwunden. Buchstäblich. Auf der Anrichte neben Amirs Computer thronte ein Foto von Fatima in ihrem Brautkleid – ohne Bräutigam.

Unter den Briefen waren auch diverse Schecks von diversen Tanten. Gut. In manchen Monaten kostete ihn Fatima eine schöne Stange Geld. Er ging davon aus, dass ihre Kinder sie liebten, aber sie taten es wohl lieber aus einer gewissen Distanz. Deshalb war er, nachdem er sie als Untermieterin aufgenommen hatte, eine Art Heiliger geworden, den man nach Gutdünken walten ließ, mit Spenden versorgte und mit keinem Wort kritisierte – zumindest nicht offen.

Amir las die Mail, die er letzte Nacht entworfen hatte, noch einmal durch.

 

Liebe Fatima-Verwandte,

ich hoffe, dieser 141. wöchentliche Lagebericht erreicht Euch in guter Gesundheit. Heute Morgen war es in Los Angeles leicht nebelig, aber zum Abend hin wurde es sonnig und heiter. Vielen Dank an alle, die Schecks geschickt haben. Von dem Geld habe ich Taita eine neue »Fernbrille« gekauft, wie sie es nennt. Ihre »Nahbrille« ist noch gut in Schuss. Sie ebenfalls. Sie ist weiter auf dem Beerdigungstrip und geht mindestens ein- oder zweimal wöchentlich auf eine arabische Trauerfeier irgendwo in L.A. Außerdem führt sie immer noch jeden Abend Selbstgespräche über Dörfer im Libanon, Sultane und Könige von Persien. So bekomme ich Eure Wetterberichte jeden Abend auf Arabisch zu hören .

Peace out,

Amir

 

Amir klickte auf »Senden«, und weg war eine weitere muntere Nachricht an dreiundzwanzig Verwandte, mit denen er keinerlei Kontakt gehabt hätte, wenn Fatima nicht gewesen wäre. Vor ihrer Ankunft hätte er nicht im Traum daran gedacht, sie auf seine Weihnachtsgrußliste zu setzen, und dabei liebte er nichts mehr, als mit seinen Karten zu protzen: Jedes Jahr zierte sie ein Foto vom Set des wichtigsten Films, in dem er seit der letzten Weihnachtskarte eine Minirolle hatte ergattern können.

Als das Telefon klingelte, blendete Amir Fatima komplett aus.

»Morgen Casting bei CBS. Neun Uhr«, brüllte Darcy Dagrout, seine Agentin, in die Leitung. »Trag den extralangen Bart. Keinen Schnurrbart.«

»Mann, nicht schon wieder eine Terroristenrolle«, sagte Amir.

»Flieg mal nicht zu hoch, Osama«, brüllte sie weiter, »es gibt jede Menge Terroristen-Castings, zu denen du nicht mal eingeladen wirst. Übrigens geht es um eine Rolle als New Yorker Taxifahrer. Also verschon mich mit deinen Hollywood-Klischees. Und zieh nichts Glänzendes an. Wenn sie dich für schwul halten, kommst du in kein Casting für Terroristenrollen mehr.«

»Findest du es nicht irgendwie schwul, wie Osama und seine Jungs in ihren Höhlen zusammenhocken?«, fragte Amir.

»Willst du jetzt rumphilosophieren? Lass das morgen bloß sein«, warnte ihn Darcy. »Du bist ein Taxifahrer, da hat Philosophie nichts zu suchen.«

Über ihm pochte unablässig Fatimas Gehstock. Ihm brummte schon der Schädel. »Ich würde einen tollen Arzt abgeben, Darcy«, schlug er vor und dachte dabei, dass er seinen Ex, wenn sie denn zusammengeblieben wären, nie und nimmer für Fatima sorgen lassen würde, nachdem er gesehen hatte, was für einen miserablen Arzt er im Fernsehen abgab. »Die Soaps suchen andauernd gutaussehende Ärzte. Oder wie wäre es mit Omar Sharif? Ich habe gehört, dass Warner Bros. plant, sein Leben zu verfilmen. Er hat auch mal einen Arzt gespielt.«

Doch Darcy hatte bereits aufgelegt.

Die SUV-Leute

Zwei von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidete Gestalten blickten Amir durch die getönten Scheiben des GMC Yukon hinterher, als er wieder ins Haus ging. Keine von beiden hätte Amirs Ex als Soapstar Konkurrenz machen können, aber ihr Wagen war vollgestopft mit Kameraequipment, darunter Objektive in allen möglichen Größen.

»Haste gehört, wie der gerade ›Arschloch‹ gebrüllt hat, einfach so?«, bemerkte der Mann in Schwarz.

»Jeder hat mal einen schlechten Tag«, seufzte die Frau in Schwarz.

»Moment, du bist es doch, die seit Jahren scharf drauf ist, unsere Erfahrung als Paparazzi für höhere Zwecke einzusetzen.«

»Ich bin nicht sicher, ob dieser Spannerjob wirklich höheren Zwecken dient«, sagte die Frau in Schwarz. »Ich dachte eher, wir könnten auf Safari gehen und noch nie dagewesene Nahaufnahmen von bumsenden Löwen machen oder so was. Das wäre wenigstens romantisch.«

»›Spannerjob‹, das ist nicht nett«, sagte er und überging ihre Anspielung. »Wir haben eben einen Hinweis bekommen, und wir müssen jedem Hinweis nachgehen. So macht man das beim FBI.«

»Wir sind nicht das FBI«, erinnerte sie ihn. »Toller Hinweis – ein Soapstar, der uns auf seinen Nachbarn ansetzt, um uns loszuwerden.«

»Und das nur, weil du ihm gesagt hast, dass du auch lieber was Besseres zu tun hättest, als ihm hinterherzurennen«, erwiderte er.

»Was hätte ich denn sonst sagen sollen?«, jammerte sie. »Er hätte mir fast meine Kamera zertrümmert!«

»Schon gut. Sieh’s doch so: Wir helfen dem FBI, indem wir hier rumhängen und abwarten, ob sich was tut. Und falls wir damit auf dem Holzweg sind, können wir immer noch hoffen, dass wir den Soaptypen mit einem frisch adoptierten Kind oder einem Liebhaber erwischen – dieser Hinweis war nämlich ziemlich konkret, und der Enquirer lässt dafür bestimmt ordentlich was springen.«

Die Frau in Schwarz seufzte noch einmal. »Na schön. Wenn dieser Amir ebenso fleißig Bomben baut, wie er seinen Garten gießt, sind wir aus dem Schneider.«

»Wär ’ne schöne Rache an all denen, die über unsere Arbeit lästern«, stimmte der Mann in Schwarz zu.

Fatima

Scheherazade trug an diesem Abend noch mehr Schmuck als in der Nacht, in der Fatima die Geschichte von ihrer sechsjährigen Cousine Samira zum Besten gegeben hatte, die beim Anblick einer Frau mit nur einem Ohr ihr Augenlicht, aber nicht ihr Gehör verlor; und auch mehr als letzte Nacht, als Fatima ihr von der Frau des Hühnerbauern in Deir Zeitoun erzählt hatte.

Keine ihrer beiden Brillen konnte Fatimas Augen vor all dem Gefunkel schützen: Rubine und Diamantringe an beinahe jedem Finger, riesige Creolen an den Ohren und unzählige goldene und smaragdene Armreife von den Handgelenken bis zu den Ellbogen.

»Du trägst mehr Schmuck spazieren als eine Beduinenbraut an ihrem Hochzeitstag«, beklagte sich Fatima.

»Ibad asch-scharr, halt mir den Teufel vom Leib, eine Ehe reicht mir«, sagte Scheherazade. »Was ist mit dir? Du warst doch zweimal verheiratet.«

»Sag mir, wie ich sterben werde«, erwiderte Fatima. »Bleibe ich bis zur 1001. Nacht gesund? Sag es mir ruhig. Für ein langes und qualvolles Ende ist es jetzt ohnehin zu spät. Ich will nur wissen, ob ich gesund bleibe, damit ich eine Frau für Amir und einen Erben für mein Haus im Libanon finden kann.«

»Lass deine Kinder das doch einfach unter sich ausmachen«, schlug Scheherazade vor.

»Soll das heißen, dass ich nicht gesund bleiben werde?«, konterte Fatima.

»Erzähl mir nur ein Mal eine gute Geschichte, dann verrate ich es dir vielleicht«, sagte Scheherazade augenzwinkernd.

»Gut«, sagte Fatima. »Da fällt mir auch schon … Habe ich dir erzählt, wie ich und meine Cousins und Cousinen versucht haben, unser Haus mit Granatapfelsaft zu streichen?«

»Ja, ja, Granatapfel, wie sehr ich diese göttliche Frucht doch liebe.« Scheherazade gähnte und streckte sich. »Die Flecken waren selbst nach einem Winter voll heftiger Regenfälle noch zu sehen.«

Fatima hatte Scheherazade 992 Geschichten über das Haus erzählt: wie ihre Cousine Najwa von zwanzig Bienen aus den Bienenstöcken ihres Vaters gestochen und süßer als Honig geworden war; wie ein Hausierer aus Damaskus an ihre Tür geklopft, sich unsterblich in ihre Tante verliebt und sie überredet hatte, ihn im Tausch gegen sämtliche Parfumfläschchen auf seinem Karren zu heiraten; wie ihr Onkel mit dem ersten Auto im Dorf den Berg hinaufgefahren war und alle aus den Weizenfeldern angerannt kamen, um nachzusehen, wo das Pferd oder der Esel versteckt war; wie ihre Großmutter in einem besonders heißen Juli sieben Ehen arrangierte, aus denen ausnahmslos erstgeborene Söhne hervorgingen. Dies alles hatte sich in Fatimas ersten siebzehn Lebensjahren ereignet, bevor sie das Haus und den Libanon für immer verließ.

Scheherazade sprang vom Fenstersims und kuschelte sich neben Fatima aufs Bett. »Ya sitt al-bait, ach, Dame des Hauses«, bettelte sie. »Wa hayat din an-nabi, bei der Religion des Propheten, du hattest zehn Kinder und zwei Ehemänner. Irgendwas muss in den letzten achtundsechzig Jahren doch passiert sein. Windpocken?«

»Ich habe dir noch nicht erzählt, wie die Rebstöcke meines Großvaters fünf diebischen Bauern zum Verhängnis wurden«, bot Fatima an.

Scheherazade seufzte und strich mit einem Finger über ihre vollen Lippen. »Du hast mir viele Liebesgeschichten aus Deir Zeitoun erzählt, über unerwiderte, verbotene oder vorherbestimmte Liebe, aber deine eigene hast du stets verschwiegen.«

»Ich habe keine«, sagte Fatima achselzuckend.

»Aber sicher hast du eine«, widersprach Scheherazade. »Ohne die Kraft, die man aus einer großen Liebe schöpft, kann man gar nicht so lange leben wie du. Vielleicht währte sie nur kurz, vielleicht dauert sie noch an, aber unser Herz braucht Liebe, damit es weiterschlägt, ganz gleich, ob wir sie nur in unserer Erinnerung bewahren oder noch erleben.«

Fatima malträtierte eine violette Haarsträhne.

»Wie war es denn zum Beispiel im Bett mit Ibrahim?«, fragte Scheherazade. »Wurde es mit der Zeit besser oder schlechter?«

Fatima verpasste Scheherazade einen Klaps, der die Glöckchen an ihrem Gürtel zum Bimmeln brachte. »Ya bint asch-scharia«, rief sie. »Verdorbenes Gör.«

»Wie kannst du es wagen!«, sagte Scheherazade und schlug zurück. »Seit wann seid ihr Sterblichen so verklemmt? In den Gemächern meines Palastes zelebrierten wir die Kunst der Liebe und …«

Fatima wandte Scheherazade den Rücken zu, um sie zum Schweigen zu bringen.

»Ich schwöre beim Herz meiner Mutter, wenn du dich erst einmal an die Liebe erinnerst, kehrt auch die Leidenschaft für ihre Geschichten zurück, wenn nicht gar die Liebe selbst«, versicherte Scheherazade. »Ich fange mit einer Zeile aus einer meiner Geschichten an, und dann machst du weiter … Yallah, los … Meine Hand verspreche ich dem und dem allein, der mir eine Geschichte erzählt, deren Anfang unmöglich und deren Ende unwahr ist … Yallah, jetzt du.«

Fatima zupfte wieder an einer Haarsträhne.

»Ich warte«, gurrte Scheherazade.

»Könnte ich eine Zigarette haben?«, fragte Fatima.

»Rauchen lässt dich vorzeitig altern.«

Fatima fuhr mit der Hand über die Furchen in ihrem Gesicht. »Ich bin vierundachtzig«, sagte sie. »Vorzeitig gibt’s bei mir schon lange nicht mehr.«

»Schau mich an – 1128 Jahre alt und nicht der kleinste Krähenfuß«, prahlte Scheherazade.

»Du bist unsterblich«, protestierte Fatima. »Das ist was anderes.«

»Und du bist fünfundachtzig.«

Fatima zog einen Schmollmund, was Scheherazade zu gefallen schien. »Meine Geschichte, bitte«, verlangte sie.

»Was ist, wenn Amir nicht heiratet und das Haus nicht will?«, fragte Fatima besorgt. »Wer kriegt es dann?«

»Du wirst die Antwort nicht finden, wenn du nur von Menschen erzählst, die schon lange tot sind«, konterte Scheherazade. »Gott weiß und sieht am besten, was in den Berichten aus längst vergangenen Leben und Zeiten verborgen ist, nicht wir. Betrachten wir lieber die Vergangenheit, die noch heranwächst. Dort liegt die Antwort auf die Frage nach dem Schicksal deines Hauses. Bevor die Kinder kamen, kam der Vater. Lass uns dort beginnen.«

Fatima zwirbelte an einer Haarsträhne herum, während auf der Chromuhr weitere dreißig Sekunden verstrichen. Dann ließ sie ihr Haar los und zupfte ihren rosa Morgenrock zurecht. »Hilf mir auf. Ich möchte dir etwas zeigen.«

»Nur wenn es mit einer Geschichte zu tun hat.«

»Habe ich nicht die letzten 992 Nächte damit verbracht, dir Geschichten zu erzählen?«, fragte Fatima.

»Ich meine eine, bei der mir die Knie weich werden. Eine heiße, leidenschaftliche, pikante Geschichte.«

Fatima tat, als hätte sie die Adjektive nicht gehört, aber sie spukten ihr bereits im Kopf herum, und das passte ihr gar nicht. Sie streckte die Hand nach ihrem Stock aus. Scheherazade hob ihn auf und streifte aus Versehen das Bett.

»He, pass auf«, mahnte Fatima. »Mein Großvater hat ihn geschnitzt. Er war der beste …«

»… Stockschnitzer im ganzen Libanon. Ja, ja, diesen Spruch kenne ich schon. Los, ya ikhtiyara, alte Frau.«

Scheherazade reichte ihr den Gehstock.

»Sei nett zu mir«, beharrte Fatima. »Wegen dir verpasse ich die Sportnachrichten auf Channel 11. Diese Woche geben sie ihre Prognosen zum NFL Draft ab. Ehe ich in den Himmel komme, würde ich gern wissen, wer im neuen Stadion der Lions spielt.«

»Du scheinst ja recht zuversichtlich zu sein, wohin dich dein Weg im Jenseits führen wird«, sagte Scheherazade und hakte sich bei Fatima unter. Schweigend liefen die beiden den Gang entlang, nur das Klopfen des Gehstocks war zu hören. Schließlich blieb Fatima vor einer Tür stehen und bedeutete Scheherazade, sie zu öffnen. Scheherazade schnappte nach Luft, als sie eintraten. »Welcher Gast würde es hier aushalten?«, rief sie aus.

Fatima seufzte. Amirs Chrom und Glas mochten noch so geschmacklos sein, wenigstens glänzten sie immer. In diesem Raum hingegen glänzte gar nichts.

Scheherazade tippte mit einem perfekt polierten roten Fußnagel gegen einen der vielen Kartons und japste: »Man kann deinen Amir ja gar nicht genug dafür bewundern, dass er, wie so viele ewige Junggesellen, ordentlicher ist als jede Person, die er hätte heiraten können. Aber das hier … Ich erzählte meine Geschichten einmal dem Sohn eines Sultans, der sämtliche Diener verbannt hatte und dennoch in einem Palast lebte, der wesentlich aufgeräumter war.«

»Das sind meine Kartons aus Detroit. Das Durcheinander ist nicht Amirs Schuld«, entgegnete Fatima. »Ich habe ihm gesagt, dass er nichts anrühren soll.«

Scheherazade hob einen dicken Holzstab auf. »Nichts anrühren, habe ich gesagt!«, schrie Fatima so laut, dass die überraschte Scheherazade den Baseballschläger fallen ließ. Er rollte über den Boden und stieß gegen einen Turm achtlos aufeinandergestapelter Schachteln, woraufhin aus der obersten, in der früher einmal ein 16-Stufen-Mixer von Oster gesteckt hatte, viele kleine weiße Tuben herabprasselten. Scheherazade bückte sich, schraubte ein paar davon auf und fand darin eingetrocknete, merkwürdig verfärbte Pasten in Lila und Pink.

»Das sind meine Proben aus der Zeit, als ich Avon-Produkte verkaufte«, erklärte Fatima. »Ich bewahre sie seit zweiundvierzig Jahren auf, falls ich mal einen Extragroschen brauche. Aber zum Glück muss ich nicht mehr hausieren gehen. Al-Hamdu lillah, gepriesen sei Gott, Amir und ich haben genug Geld.«

Fatima kniete vorsichtig vor einer Truhe nieder und sog den Geruch des Zedernholzes ein.

»Hier ist es.« Lächelnd griff sie in die Tasche ihres rosa Morgenrocks, musste aber feststellen, dass sie sowohl ihre Fern- als auch ihre Nahbrille vergessen hatte. Yallah. »Komm her, komm«, winkte sie Scheherazade herbei. »Hat sie noch immer die Farbe von schwarzem Honig?«

Fatima strich über das kühle Holz und legte ihren Kopf auf die Truhe, so dass sie fast völlig unter ihrem violetten Haar verschwand.

»Ist deine heutige Geschichte da drin?«

»Mein Großvater hat sie aus den Zedern bei uns zu Hause gebaut … Er war der beste Zimmermann …«

»… im ganzen Libanon«, ergänzte Scheherazade.

»Keine Angst, heute erzähle ich nichts von ihm«, sagte Fatima und stieß Scheherazade weg, die ihr helfen wollte, den schweren Deckel aufzustemmen.

»Ich habe sie zugemacht, und ich mache sie auch wieder auf«, verkündete sie und öffnete behutsam die Truhe, aus der ein intensiver Duft nach Zedernholz und Zeit emporstieg und sie einhüllte. Ihre schwachen Augen fixierten eine Welt, die sie seit langem hinter sich gelassen hatte.

Ganz oben lag ein Kleid aus weißem Damast mit Spitzenbesatz, der sich nur ganz leicht gelblich verfärbt hatte. Fatima wollte es herausnehmen, aber dann hielt sie inne, überwältigt von seinem Gewicht und den Gerüchen des Hauses ihrer Mutter: dem Kardamom, das ihre Tante in den türkischen Kaffee rührte, während sie ihn zweimal und nicht nur einmal aufkochen ließ, dem Hauch von Knoblauch und Zitrone, der den Fingerspitzen ihrer Mutter immerzu anhaftete, dem süßen Duft der Hibiskus- und Gardenienblüten auf der Veranda. All das war mit den Fasern des Kleides verwoben, zusammen mit dem kühlen, erdigen Aroma frischer Feigen.

Scheherazade nahm ihr das Kleid ab, ehe der schwere Stoff sie aus dem Gleichgewicht brachte. Sie musterte die Stickereien, ließ die Schleppe hinter sich hergleiten, während sie sich mit dem Kleid wie im Tanz drehte, und hielt es dann Fatima an den Körper. Doch die war in den achtundsechzig Jahren, seit sie es zum letzten Mal getragen hatte, geschrumpft und nun zu klein dafür.

»Meine erste Hochzeit fand im Frühsommer statt«, sagte sie, in Erinnerung versunken. »In dem Jahr, als die Palästinenser den Aufstand gegen die Briten anzettelten und in Deir Zeitoun schon jeder darüber redete, wie man die Franzosen am besten aus dem Libanon hinausbekäme.«

»Das war 1936, habibti. Oder das Jahr 1355 nach der hedschra

»Bei uns zu Hause gab es keinen Kalender«, sagte Fatima achselzuckend.

»Du bist gerade noch rechtzeitig ausgereist. Der nächste große Krieg stand vor der Tür, und dann wärst du nie im Leben mehr rausgekommen«, sagte Scheherazade. »Hattest du ihn denn gern, deinen ersten Mann?«

»Marwan? Klar, wieso nicht? Er war sehr nett.« Fatima nickte. »Er arbeitete in der River-Rouge-Fabrik von Ford und kam nach Deir Zeitoun, als seine Mutter bestattet wurde. Nachdem sie sich geweigert hatte, mit ihrem Mann nach Amerika auszuwandern, war Marwan mit seinem Vater mitgegangen, und sie behielt den älteren Sohn. Marwans Bruder und mein Vater waren enge Freunde gewesen, bevor mein Vater starb, also ging ich auch hin. Es war meine erste Beerdigung. Zwei Tage später kam Marwan zu uns nach Hause und bat meine Mutter und meinen Onkel um meine Hand. Mama war so aufgeregt.«

»Bei so einem Kleid warst du das sicher auch«, sagte Scheherazade bewundernd, während sie wieder begann, sich damit im Kreis zu drehen.

»Ich fragte Mama, warum sie ihn nicht selbst heiratete, wo er doch so alt war wie sie. Sie verpasste mir drei Ohrfeigen und sagte, dass Marwan bei Mr. Ford jeden Tag sechs Dollar verdiente. Mama war überzeugt, dass ich in Amerika ein besseres Leben haben würde. Sie und Marwan waren zu einer Zeit geboren, als alle im Libanon hungern mussten, weil die Briten und die Franzosen unsere Häfen blockierten, um die Türken zu besiegen.«

Fatima berührte ihr Hochzeitskleid, zog aber ihre Hand wieder zurück, als sie merkte, wie gebannt Scheherazade den darin verwobenen Geschichten lauschte. »Marwan und sein Vater verließen Deir Zeitoun kurz vor der Blockade, da war er noch ein Kind, gerade mal acht Jahre alt«, fuhr sie fort. »Deshalb sprach er kaum noch Arabisch, und ich konnte kein Englisch.«

»Liebe kennt keine Worte«, sagte Scheherazade schwärmerisch.

»Dein König Schahrayar hat sich gerade wegen deiner Worte in dich verliebt«, rief Fatima ihr ins Gedächtnis. »Aber ich hatte Marwan schon gern, schließlich wurde ich älter, hatte keinen Vater mehr und war nicht besonders hübsch. Und meine Großmutter, die beste Ehestifterin auf Erden, war zwei Jahre zuvor gestorben, gerade als ich fünfzehn wurde und im besten Hochzeitsalter war. Mama machte sich schon Sorgen, dass es mir ergehen würde wie ihr und ich wie ein Stier arbeiten müsste, ohne Mann oder Söhne, die mir beim Bestellen der Felder helfen könnten.«

»Sie machte sich nur Sorgen, weil sie dich mehr liebte als den Mond«, sagte Scheherazade.

»Mama hatte ja auch sonst niemanden, den sie lieben konnte«, erwiderte Fatima. »Ich kam acht Monate nach dem Tod meines Vaters zur Welt; die Türken hatten ihn umgebracht, weil er sich weigerte, in ihrer Armee zu dienen. Mama sagte immer, ich solle nicht traurig sein, dass er sich für den Märtyrertod entschieden hatte, denn die Türken hätten ihn bestimmt als Kanonenfutter benutzt, wie sie es mit den meisten Arabern taten, und da wäre er wohl sowieso gefallen. Danach, einen Monat vor meiner Geburt, nahm ihr die Grippe ihre beiden anderen Kinder. Das alles habe ich Marwan erzählt, als mich der Beamte auf Ellis Island fragte, wann ich geboren wurde, und Marwan schrieb dann 1919.«

»Welch ein Segen, dass du nach der Grippe-Epidemie zur Welt gekommen bist«, bemerkte Scheherazade. »Sie hat dreimal so viele Menschen dahingerafft wie der Krieg, der zuvor über die Welt gefegt war.«

»Das sagte Mama auch jedes Mal, wenn ich mich beklagte, weil ich mit ihr arbeiten musste, anstatt wie die anderen Mädchen zur Schule zu gehen«, sagte Fatima. »Mama versprach mir immer, dass sie mir eines Tages das Lesen beibringen würde, aber dieser Tag kam nie.«

Scheherazade strich sanft über die weißen Bordüren des Kleides.

»Probier es doch mal an«, bat Fatima. »Du bist noch immer wunderschön.«

»Dein Wunsch ist mir Befehl«, sagte Scheherazade leichthin und zog sich das Kleid mit ehrfurchtsvoller Vorsicht über den Kopf.

Fatima klatschte verzückt in die Hände. »Du siehst aus wie ein Engel, der geradewegs vom Himmel herabgeschwebt kommt«, schwärmte sie. Scheherazade umfasste ihre Brüste, die für ihre elfhundert Jahre noch schön prall waren, und schob sie nach oben. Fatima zog ihr die Hände wieder weg.

»Ich weiß gar nicht, wie oft Mama die Dorfschneiderin Bedia kommen ließ, um das Kleid neu zu säumen«, sagte Fatima. »Bedia sah nicht mehr so gut, die alte Ziege.«

Dann ließ sie sich von einer fernen Erinnerung leiten und legte die Hand auf eine Stelle mit einem rötlichen Fleck. »Ist er noch da?«

»Stammt der aus der Hochzeitsnacht?«, fragte Scheherazade schaudernd.

»Ich aß gerade eine Feige, da pikste Bedia mich beim Anheften mit der Nadel, und ich ließ die Feige fallen«, kicherte Fatima. »Ich habe immer noch im Ohr, wie Mama Bedia mit ihrer rauen Stimme anschrie, während sie die Feige aufhob, als wäre sie eine Handgranate.«

»Bei der Hochzeit muss es ja ziemlich hoch hergegangen sein«, sagte Scheherazade und klimperte mit den Wimpern.

Fatima hörte auf zu kichern. »Es war das letzte Mal, dass ich Mama sah – und das Haus«, sagte sie. »Als ich mit Marwan aufbrach, gab mir Mama einen Schlüssel. Sie sagte mir, dass ich sofort nach Hause kommen solle, wenn Marwan mich schlecht behandelte. Dann küsste sie mich zwölf Mal. Am Morgen nach der Trauung kam Marwans Familie und untersuchte die Bettlaken; sie sahen das Blut und waren zufrieden, dass ich noch Jungfrau gewesen war. So fuhren wir am selben Nachmittag nach Beirut und segelten tags darauf Richtung Amerika.« Sie brach ab. Die Erinnerungen hatten sie erschöpft.

»Das war ja mal eine gute Geschichte, ya qalbi«, sagte Scheherazade. »Und jetzt haben wir dich endlich auf einem Schiff, das dich von Deir Zeitoun wegbringt.«

»Es war nicht einfach nur eine Geschichte«, sagte Fatima und beschwor die Kräfte sämtlicher Dschinn, um den Deckel der Truhe wieder zu schließen. »Ich dachte mir, du fändest es vielleicht schöner, wenn ich in diesem Kleid sterbe als in meinem Morgenrock. Aber es ist zu schwer, damit kann man nicht auf den Tod warten. Es würde mich vorher umbringen. Ich werde doch nicht wegen eines zu schweren Kleides sterben. Oder? Yallah, na los, ich habe dir eine Geschichte über einen Ehemann erzählt, jetzt bist du dran. Erzähl mir, wie ich sterben werde.«

»Hast du nicht noch ein paar leidenschaftlichere Details aus der Hochzeitsnacht zu bieten?«, gab Scheherazade zurück.

»Nein«, sagte Fatima und verschränkte die Arme.

»Du wirst dieses Kleid und seine Geschichten also Amirs Braut vermachen?«

Fatima ließ die Arme wieder sinken. »Wie soll ich es denn meinem Enkel geben, wenn ich noch eine unverheiratete Tochter habe?«, klagte sie, ohne zu merken, dass sie damit das Kapitel über ihre Kinder aufschlug.

»Eine unverheiratete Tochter? Du bist fünfundachtzig«, sagte Scheherazade. »Wie kannst du da eine Tochter haben, die noch nicht verheiratet ist?«

»Ich bekam Lena erst sehr spät«, seufzte Fatima. Die Heiratsunfähigkeit ihrer Tochter ließ sie ihren eigenen bevorstehenden Tod sofort vergessen. »Sie hebt sich das Heiraten für später auf.«

»Für später?«, fragte Scheherazade ungläubig.

»Das behauptet sie zumindest«, sagte Fatima und begann, mit einer violetten Haarsträhne zu spielen. »Aber meine Kinder sagen mir nicht oft die Wahrheit, außer beim Wetter. Und wenn das Wetter sehr schlecht ist, sagen sie mir nicht einmal das.«

»Nur eine unverheiratete Tochter«, sagte Scheherazade. »Das ist nicht so übel. Du musst ihr das Kleid geben.«

Fatima schüttelte den Kopf. »In siebenundneunzig Tagen wird sie vierzig«, sagte sie.

»Jede Frau ist anders«, tröstete Scheherazade sie. »Besser, man heiratet spät als zu früh. Wie viele Jahre kann man denn wirklich mit einem einzigen Mann verbringen? Bei mir sind es bald elfhundertacht Jahre mit ein und demselben. Da können mir die Astrologen, Zauberer und Alchemisten noch so sehr beistehen, es ist nicht einfach, die Ehe in meinen Geschichten am Leben zu erhalten. Und schau dich an. Du und Ibrahim, ihr habt es nur auf fünfundsechzig Jahre gebracht.«

»Stimmt, aber ich hatte auch keine Vermittlerin«, sagte Fatima. »Ach, früher war meine Familie bekannt für ihre geglückten Ehen. Nicht umsonst war meine Großmutter, Allah yarhamha, die größte Ehestifterin im ganzen Libanon.«

»So schlecht kann es bei dir auch wieder nicht gelaufen sein, immerhin hast du zehn Kinder«, sagte Scheherazade, ließ die Hände verführerisch über ihren Körper wandern und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen.

Fatima presste sich die Haare auf die Ohren, um Scheherazade nicht mehr hören zu müssen. Sie wollte mit ihren Kisten allein sein.

Scheherazade

Leider, leider hatte Fatima sich nicht dazu hinreißen lassen, von ihrer Hochzeitsnacht zu sprechen. Immerhin hatte sie von ihrer unverheirateten Tochter erzählt, so weit hatte sich die alte Dame in ihren Geschichten bisher noch nie von Deir Zeitoun entfernt. Vielleicht konnte sie noch mehr aus ihr herauskitzeln.

»Gut möglich, dass deine Tochter keine alte Jungfer wäre, wenn du besser auf sie achtgegeben hättest«, stichelte Scheherazade. »Dann wäre sie schon längst unter der Haube.«

»Meine Tochter ist keine alte Jungfer, dafür ist sie viel zu schön«, fauchte Fatima. Ihre Augen blitzten vor Zorn. »Und mir kannst du nicht die Schuld geben. Ich habe besser auf meine Kinder aufgepasst als ein Quarterback auf seinen Ball.«

Scheherazade kannte sich mit den Pflichten eines Quarterbacks nicht aus, aber ihr Achselzucken machte deutlich, dass die Worte der alten Dame ihre Meinung nicht im Geringsten geändert hatten.

»Nur zu deiner Information: Meine Familie wird bald wieder erfolgreich ins Heiratsgeschäft einsteigen«, fügte Fatima hinzu. »Dank meinem Enkel Zade, dem Sohn meiner fünften Tochter Nadia. Er hat eine Heiratsagentur für Araber gegründet.«

»Smillah, smillah, das klingt ja, als hätte deine Tochter einen Sohn herangezogen, der verehrungswürdiger ist als alle Logiker, Geographen und Philosophen der Abbasiden zusammen«, sagte Scheherazade bewundernd, da sie wusste, dass man sich bei Müttern immer besonders gut einschmeicheln konnte, wenn man ihre Kinder und Enkel über den grünen Klee lobte.

»Er hat ein eigenes Café in Washington, wo sich junge Leute ohne dieses ganze Computerzeugs treffen können«, prahlte Fatima. »Habe ich schon erzählt, dass Nadia Arabisch spricht?«

»Sprechen denn nicht alle deine Kinder Arabisch?«, fragte Scheherazade.

Fatima senkte den Kopf. »Nein, nur Nadia.« Sie seufzte. »Ibrahim und ich haben zwar Arabisch mit ihnen gesprochen, aber sie antworteten immer auf Englisch. Eines Tages kam Nadia zu uns und sagte, sie hätte ein Stipendium bekommen. Ach, was haben wir uns gefreut. Wir waren sicher, dass es etwas mit Buchhaltung zu tun haben musste, sie half mir nämlich immer mit meinen Rechnungen. Aber nein, es war ein Stipendium für ein Arabischstudium. Subhan Allah, Gottes Wille ist unergründlich, sie lernte an der Uni ausgerechnet das Einzige, was sie auch von uns hätte lernen können. Da ging sie zu wildfremden Leuten in den Unterricht, obwohl Ibrahim perfekt Arabisch spricht und schreibt und ich mich ja auch sehr gewählt ausdrücke, wie du hörst.«

Scheherazade konnte Fatima schlecht erklären, dass ihr Arabisch etwas verstaubt war, schließlich war ihre eigene Ausdrucksweise noch antiquierter.

»Nadia und ihr Ehemann Elias sind beide Professoren, maschallah«, fuhr Fatima fort. »Sie bringen ihren Studenten alles Mögliche über Araber bei.

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