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Feierabend

Über die Autorin

Cynthia Ceilán verdient ihren Lebensunterhalt mit dem Schreiben von Essays und Kurzgeschichten. Sie lebt so unauffällig wie möglich in New York City. Mehr über sie auf Facebook und auf www.weirdlyhuman.com.

Cynthia Ceilán

Feierabend

Neue Missgeschicke
mit Todesfolge

Aus dem amerikanischen Englisch von
Petra Trinkaus

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Inhalt

Danksagung

Einleitung

Kapitel 1: Ausgefuchste Pläne

Kapitel 2: Der Lohn der Arbeit

Kapitel 3: Wollen wir sie reinlassen?

Kapitel 4: Wärt ihr nur zu Haus’ geblieben

Kapitel 5: Auf die Plätze, fertig – tot

Kapitel 6: Restlos auskuriert

Kapitel 7: Herz ist Trumpf

Kapitel 8: Der musste tot

Kapitel 9: Dummheit führt direkt ins Grab

Kapitel 10: Whiskey Tango Foxtrott

Kapitel 11: Fun Facts zum Thema Tod

Quellen

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Danksagung

Autoren führen zwangsläufig ein einsames Leben. Das gefällt mir daran am besten.

Manchmal mache ich mich ein bisschen lustig über meine sorgfältig kultivierte unsoziale Existenz. Ich sage Sachen wie: »Menschen nerven mich; Ich verstehe sie nicht; Einsiedler sind das einzig Wahre; Das hier wäre eine tolle Stadt, wenn die Leute nicht wären; Falls es wirklich ein ewiges Leben nach dem Tod gibt, erschieße ich mich …« Solche Sachen eben. Ich rede mir ein, dass es auf der ganzen Welt nur zwei, drei Menschen gibt, in deren Gesellschaft ich es mehr als zehn Minuten aushalte, und selbst diese kurze Zeitspanne endet allzu oft mit einer schädelsprengenden Migräne.

Ich weiß auch nicht, warum ich mich dann wundere, wenn ich mich so umschaue und merke, dass meine Welt geradezu überquillt von Menschen, die ich liebe, und dass diese Leute mich unerklärlicherweise auch noch zurücklieben.

Die besten von ihnen bringen mich zum Lachen, und zehn Minuten vergehen wie im Flug. Und im Gegensatz zu anderen Autoren, die es hassen, wenn Leute auf sie zukommen und sagen: »Worüber Sie wirklich mal schreiben sollten …«, gefällt mir sogar das. Also Dank an euch alle, meine Freunde, Familienmitglieder und Co-Freaks, die ihr auf die eine oder andere Art zu diesem Buch beigetragen habt. Danke für das, woran ihr mich erinnert oder wovon ihr mir erzählt habt: vom explodierenden Kaugummikauer, dem toten Amigo am Bankschalter, dem Flaschengeist im Katapult, dem abgetrennten Kopf auf der Motorhaube des Oldsmobile und vieles mehr. Ein ganz besonderes Dankeschön an Holly, Dankeschön an Christopher und Dankeschön an Alyssa.

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Einleitung

Ich glaube, jeder von uns gelangt irgendwann im Leben an den Punkt, da wir uns langsam mit der Vorstellung vertraut machen, dass wir, egal wie viele Karotten wir gegessen haben oder wie viele tausend Meilen wir gejoggt sind, tatsächlich an irgendetwas sterben könnten. Einigen von uns passiert das ungefähr um die Zeit, wenn die erste Rente auf dem Konto eingegangen ist und unsere erste Reaktion lautet: »Myrtle, bring mir meine Knarre.« Für andere von uns ist der Tod als persönliche Erfahrung ein so unvorstellbarer Gedanke, dass wir ihn komplett aus dem Bewusstsein verbannen, sobald er aufzutauchen droht; wir weigern uns, ihn zuzulassen.

Wir Übrigen – vielleicht nur eine kleine Minderheit, aber wir wissen, wer wir sind – sind unser Leben lang vom Tod besessen.

Vor einigen Jahren befasste ich mich damit, auf welche Weise diverse tote Verwandte ums Leben gekommen waren. Ich brauchte nicht lange, um ein System darin zu erkennen.

Einer meiner Großväter starb an einem heftigen Herzinfarkt, gefolgt von mehreren Hirnblutungen. Mit anderen Worten, er implodierte.

Eine meiner Großmütter starb ebenfalls am Herzinfarkt. Ich habe mich oft gefragt, ob sie diesen unglückseligen Zwischenfall überlebt hätte, wenn sie nicht so fürchterliche Angst vor dem Tod gehabt hätte. Es ist gut möglich, dass es nicht der Herzinfarkt selbst war, der sie umbrachte, sondern die Furcht davor, dass ein Herzinfarkt sie umbringen könnte. Ironischerweise tat er genau das.

In den letzten Jahren haben sich viele meiner Verwandten angewöhnt, viel Obst und Gemüse zu essen, Sport zu treiben, regelmäßig Vorsorgeuntersuchungen wahrzunehmen und älter als 42 zu werden. Seitdem implodieren nur noch sehr wenige von uns. Wir bringen unsere Körper sehr viel gesünder ins Erwachsenenalter und darüber hinaus, und dann verwandeln sich unsere Gehirne langsam in gestampftes Gemüse.

Wie bei vielen Familien heutzutage scheint Alzheimer sich auf dem einen oder anderen Ast unseres Familienstammbaums häuslich eingerichtet zu haben. Vielleicht war er schon immer da, hat frech gegrinst und einfach abgewartet. Er ist uns vorher nur nie aufgefallen, weil die früheren Generationen nie lange genug lebten, um es bis zur Demenz zu bringen.

Ich denke häufig über solche Todesursachen nach. Ich betrachte sie im Zusammenhang mit meinem eigenen Leben und der Art und Weise, wie ich einmal sterben würde. Ich wäge sie sorgfältig ab, in jeder Hand eine, wie bei einer Waage: Implosion, gestampftes Gemüse. Implosion, gestampftes Gemüse. Was wird mich zuerst erwischen? Was wäre mir lieber?

Obwohl beides nicht sonderlich ansprechend ist, schreckt mich die Aussicht nicht wirklich, das ein oder andere könnte am Rande meiner näheren oder ferneren Zukunft herumlungern und auf den richtigen Moment zum Zuschlagen warten. Ehrlich gesagt habe ich sehr viel mehr Angst vor Beutelratten. (Ich habe ein Bild von einer in einem Buch gesehen, als ich sechs war. Kein Buhmann hat mir jemals mehr Angst eingejagt. Ich halte sie immer noch für eine der unnützesten, grauenerregendsten Erfindungen der Natur.)

Trotzdem stellt sich hier eine interessante Frage: Theoretisch kann ich eine ganze Menge gegen das Implodieren tun, um es zumindest ein paar Jahre hinauszuzögern. Wenn ich nicht implodiere, werde ich wahrscheinlich lange genug leben, um meinem Verstand beim Schmelzen zuzusehen, während ich lieb lächele und an meiner Schnabeltasse mit Flüssignahrung nuckele.

Ich Glückspilz.

Selbst diejenigen von uns, die viele Jahre mit der Betrachtung solcher Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten zugebracht haben, wissen, dass niemand ahnen kann, in welcher Gestalt Gevatter Tod eines Tages auftauchen und sagen wird: »Hey, du da. Komm mal mit.« Was uns aber nicht davon abhält, darüber nachzugrübeln.

Ich vermute, dass hier der eigentliche Grund für dieses zugegebenermaßen kranke Hobby liegt, Geschichten über seltsame Todesfälle zu sammeln. Ich befürchte, insgeheim möchte ich gern glauben, dass ich es ein winziges bisschen besser haben werde als diese armen Schweine, die von ihrer eigenen Ziege umgebracht oder von einer automatischen Nagelpistole ins Jenseits geschossen werden. Aber da ist noch etwas: Seltsame Todesgeschichten sind in gewisser Weise ein Beleg dafür, dass es tatsächlich eine Unmenge vom Pech verfolgter Leichname auf dieser Welt gibt und dass jeder Einzelne genauso gut ich sein könnte. Und dieser Beleg wirkt merkwürdig lebensbejahend. Das finde ich bei aller Perversität zutiefst tröstlich. Es führt dazu, dass ich jede Mahlzeit und jeden zärtlichen Moment umso mehr genieße, und mich nicht ständig frage, ob ich gezielt versuchen sollte, meine Arterien zu verstopfen, oder lieber einfach abwarte, bis mein Hirn zu Mus wird.

Irgendetwas sagt mir, dass ihr wisst, was ich meine.

Cynthia Ceilán

New York City

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Ausgefuchste Pläne

Ich möchte, dass mein Bestatter mich mit einem gigantischen Lächeln auf dem Gesicht aufbahrt. Meine Augen sollten natürlich geschlossen sein, aber das Grinsen muss grenzenlos sein. Ich rede nicht von irgend so einem popeligen, kleinen, schüchternen, nachgemachten halben Mona-Lisa-Lächeln. Ich will ein breites, unverschämtes, bescheuert glückliches, von einem Ohr zum anderen reichendes, zähnebleckendes Grinsen. Ich möchte absolut sicher sein, dass es keinem Menschen auf meiner Beerdigung gelingen wird, ein ernstes Gesicht zu machen. Am liebsten wäre mir, wenn sich die Leute vor Lachen in die Hose machen.

Das wäre eine Beerdigung!

Schon immer habe ich die Leute bewundert, die es schaffen, die Welt in ihrem eigenen wilden, eigensinnigen Stil zu verlassen, der Tradition eine lange Nase zu drehen und über das Grab hinweg verzückt zu kichern. Nichts finde ich inspirierender und hinreißender als den Typen, der, ausstaffiert mit Federboa und Strass besetzten Tanzschuhen, in die ewige Finsternis eingeht, oder denjenigen, dessen wunderbaren Freunden und Verwandten es ein Hochgenuss ist, dem lieben Verstorbenen seine letzten Wünsche zu erfüllen, egal wie abgefahren sie sein mögen. Dabei fällt mir ein: Ich brauche einen ganz tollen Testamentsvollstrecker.

Russell Parsons aus West Virginia will nichts riskieren. Er hat seinen Krebs überlebt und seine Zeit in der Army. Der Tod macht ihm keine Angst. Was er fürchtet, das sind Leute, die bei ihm etwas falsch machen, wenn er sich nicht mehr selbst verständigen kann.

2007 bezahlte und arrangierte Parsons seine eigene Einäscherung durch das Bestattungsinstitut Barlow Bonsall. Damit gab sich Parsons aber nicht zufrieden, er suchte ein Tattoo-Studio auf und ließ in seinen rechten Arm ein paar Flammen tätowieren sowie die Inschrift: »Barlow Bonsall. Bei 926–982° C zwei bis drei Stunden kochen.«

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Als Wayne Carraways Vater 1995 verstarb, versprach Wayne, die Asche an der Lieblingsangelstelle seines alten Herrn zu verstreuen, einem Gebiet namens Fakahatchee Strand in den Everglades von Florida. Wayne beschloss, sich ein bisschen Zeit zu nehmen, um angemessen zu trauern.

Zwölf Jahre später kam er dann endlich dazu, die Zedernholzkiste mit der Plastiktüte, die die sterblichen Überreste seines lieben Herrn Papa enthielt, von einem Schrank im Haus auf die Rückbank seines Ford Bronco umzubetten.

Irgendwann zwischen dem Sonntagabend und dem Montagmorgen des 21. Mai 2007 brach jemand den abgeschlossenen Bronco auf. Wayne fand die Zedernholzkiste umgekippt auf dem Rasen, die Plastiktüte war aufgerissen. Was von Papa noch übrig blieb, war über den gesamten Rasen verstreut.

Wayne und seine Frau sammelten so viel Asche auf, wie sie irgend konnten. Wayne sagte, er werde die Asche am Fakahatchee Strand verstreuen. Irgendwann.

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2004 teilte ein 46-jähriger Mann aus Washington seiner Familie mit, im Falle seines Todes solle seine Asche bitte auf einem Friedhof in Forrest Grove, Oregon, verstreut werden, wo viele ihrer verstorbenen Verwandten begraben lagen. Auf diese Weise würde er in Ewigkeit mit allen zusammen sein, die er liebte.

Als er bald nach diesem Gespräch eines natürlichen Todes starb, taten seine überlebenden Verwandten ihr Bestes, ihm seinen Wunsch zu erfüllen. Sie ließen ihn einäschern und mieteten wenig später ein kleines Flugzeug. Als sie über dem Friedhof von Forrest Grove kreisten, entglitt die Tüte mit der Asche ihren Händen, fiel in die Tiefe – und schlug ein Loch ins Dach von Barbara Vreelands Haus.

Mrs. Vreeland glaubte zunächst an einen Terroristenangriff und rannte aus dem Haus, aber die Nachbarn beruhigten sie und sagten, sie hätten etwas aus dem Kleinflugzeug fallen sehen, das über ihr Haus geflogen war. Als sie später die ganze Geschichte erfuhr, sagte sie: »Ich fühle mit diesen Leuten, aber ich fürchte, ein bisschen von ihrem Verwandten ist immer noch auf unserem Dachboden.«

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Bredo Morstoel verbrachte sein ganzes glückliches Leben in Norwegen. Er war ein großer Fan winterlicher Outdoor-Aktivitäten und arbeitete über dreißig Jahre lang als Direktor von Parks und Freizeiteinrichtungen. Aber so richtig ging der Spaß erst los, als Bredo 1989 an einem Herzinfarkt starb.

Bredos Familie packte ihn in Trockeneis und verschiffte ihn zu einem Kryonik-Institut in Kalifornien, wo er in flüssigen Stickstoff getaucht und die nächsten vier Jahre sorgfältig aufbewahrt wurde. In der Zwischenzeit wurden seine Tochter Aud Morstoel und sein Enkel Trygve Bauge zu leidenschaftlichen Verfechtern der Kryonik. Sie träumten davon, eines Tages in ihrer neuen Heimat in Nederland, Colorado, ein eigenes Institut aufzumachen. 1993 richteten sie einen Schuppen in Trygves Garten für ihren ersten Kunden her: Opa Bredo.

Zwei Jahre später wurde Trygve nach Norwegen abgeschoben, als die Behörden entdeckten, dass sein Visum abgelaufen war. Aud drohte der Rausschmiss, weil sie in einem Haus ohne Wasser und Strom lebte. Ein Lokalreporter bekam Wind von der Geschichte. Mit seiner Unterstützung gelang es, der Stadtverwaltung eine Ausnahmegenehmigung abzuringen; normalerweise ist es gesetzlich verboten, Leichen zu Hause aufzubewahren.

Und so wurde der »Frozen Dead Guy Day« geboren.

Jedes Jahr im März heißt die Stadt Nederland Freaks aus der ganzen Welt willkommen, die das Ende des Winters mit Umzügen, Festivals, Wahrsagerei und Eisbaden feiern und auf das unsterbliche Vermächtnis des tiefgefrorenen Opa Bredo trinken.

Bo Shaffer wurde von Trygve als Hausmeister bzw. Eismann engagiert. Einmal im Monat geht er mit einem Team von freiwilligen Helfern zu dem alten Schuppen und schmeißt 725 Kilo Trockeneis auf Opa Bredos Sarkophag. Es ist durchaus möglich, dass Bredo Morstel die meistgeliebte Leiche der Welt ist.

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Der Schauspieler Ted Cassidy erreichte die größte Bekanntheit durch seine Rolle als Butler Lurch in der Fernsehserie Addams Family aus den 1960er-Jahren. Weniger bekannt ist, dass er auch das »Eiskalte Händchen« spielte – oder, genauer gesagt, seine Hand spielte »eiskaltes Händchen«.

Der arme Lurch starb 1979 im Alter von 46 Jahren, kurz nach einer Herzoperation. Seine Freundin ließ seinen Leichnam einäschern und begrub die Urne dann im Vorgarten ihres gemeinsamen Hauses in Woodland Hills, Kalifornien. Irgendwann zog sie um und vergaß offenbar, die Asche mitzunehmen.

Eine Weile kursierten Gerüchte, Gärtner hätten die Urne gefunden und behalten. Cassidys letzte Ruhestätte bleibt ein Geheimnis.

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Als im März 1999 die Nachricht die Runde machte, der international angesehene Pianist Friedrich Gulda sei nach einem Herzinfarkt auf dem Zürcher Flughafen tot umgefallen, standen Weltklassemusiker und andere Berühmtheiten aus aller Welt Schlange, um dem Genie und Exzentriker, der einst im Fernsehen ein Duett mit seiner nackten Freundin gespielt hatte, die letzte Ehre zu erweisen. Doch bei den Gerüchten von seinem Ableben hatte man stark übertrieben – vor allem Gulda selbst. Es wird allgemein angenommen, dass er die »Nachricht« seines eigenen Todes vom Zürcher Flughafen aus an die Austria Presse Agentur faxte, weil er gern seinen eigenen Nachruf lesen wollte.

Zwei Wochen, nachdem die APA die Todesnachricht veröffentlicht und sofort wieder zurückgezogen hatte, gab er in Salzburg ein Mozart-Konzert und nannte es »Auferstehungsfest«. Das Konzert war ausverkauft.

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Rund hundert Menschen kamen zur Beerdigung des 52-jährigen Holton Fleck, ehemals Los Angeles. Holton war Nudist, ebenso wie seine Frau, Cindy Fleck, die sämtliche Arrangements entsprechend den Wünschen ihres verstorbenen Gatten traf.

Die Veranstaltung von 1997 gilt als weltweit erste Beerdigung, bei der der Verstorbene, alle Trauergäste sowie der Pfarrer dem Angedenken des lieben Verblichenen huldigten und dabei nichts als einen ernsten Gesichtsausdruck trugen.

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Nicky Swiggs wollte sich zu Ehren seines verstorbenen Vaters etwas wirklich Bedeutsames einfallen lassen. George Swiggs, ein 68-jähriger Farmer, starb am 26. Oktober 2008 und hinterließ acht liebende Kinder und eine Frau, die er 36 Jahre lang geliebt und umsorgt hatte. Nicky und seine Freundin Sharon kamen nun auf eine echt klasse Idee: einen Hayride.

Die Fahrt von der Farm der Swiggs’ zur Kirche dauerte rund eine halbe Stunde, also packten sie Georges Sarg oben auf einen mit Heuballen beladenen Anhänger und koppelten diesen an einen Traktor. Dann erklommen alle Familienangehörigen, die fit genug waren, den Anhänger und begleiteten den Sarg. Auf dem gesamten Weg zur Kirche dröhnte dabei Georges Lieblingssong »The Wurzel’s Combine Harvester«, ein Song über einen Mähdrescher, aus dem Gettoblaster.

Seine Schwiegermutter, die 85-jährige Peggy Matthews, fand die ganze Angelegenheit »sehr ungewöhnlich« und machte sich Sorgen, was die anderen Leute wohl dachten. Am Ende aber war selbst sie bekehrt und gab zu, dass das viel spaßiger war als jede andere Beerdigung.

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Gram Parsons war ein Pionier des Country Rock in den 1960ern und 1970ern. Er spielte bei den Byrds, den Flying Burrito Brothers und etlichen anderen Bands. Gram war außerdem ernsthaft drogensüchtig und liebte überdies den Joshua Tree National Park in Kalifornien. Es war sein Lieblingsort, um high zu werden, mit der Natur zu kommunizieren und nach UFOs Ausschau zu halten. Er liebte den Ort so sehr, dass er dort eines Tages seine letzte Ruhestätte finden wollte, auch wenn es illegal ist, in einem Nationalpark Leichen zu bestatten. Trotzdem teilte Gram seinen engsten Freunden diese Wünsche mit.

Gram starb 1973 an einer Überdosis. Sein Road Manager Phil Kaufman und ein anderer Freund hatten Gram versprochen, seine Asche im Joshua Tree National Park zu verstreuen. Also liehen sie sich einen Leichenwagen und stahlen Grams Sarg am Los Angeles International Airport. Sie brachten ihn in den Park und zündeten ihn an.

Einen Leichnam dadurch zu verbrennen, indem man den Sarg anzündet, erwies sich als weitaus schwieriger, als sie erwartet hatten. Phil und sein Helfer wurden ein paar Tage danach verhaftet und zu einer Geldstrafe von 700 Dollar für das Verbrennen des Sarges verdonnert. Zu ihrem Glück ist Leichenraub in Kalifornien kein Verbrechen.

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1916 konstruierte die Fifth Avenue Coach Company einen Beerdigungsbus, um die lästigen Verkehrsstauprobleme durch lange Leichenzüge in den Griff zu bekommen. Der Bus bot Platz für bis zu zwei Dutzend trauernde Freunde und Verwandte plus, natürlich, den Toten im Sarg.

Als der Bus auf seiner letzten Fahrt in San Francisco eine Trauergesellschaft bergauf transportierte, kippte er hintenüber. Sarg, Leiche und alle Trauergäste purzelten bunt durcheinander. Von nun an galten lange, stauverursachende Leichenzüge dann doch als die bessere Lösung.

Der Beerdigungsbus wurde aus dem Verkehr gezogen und an einen kalifornischen Cowboy verkauft, der ihn zu seinem ständigen Wohnsitz machte.

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Als erste in einem englischen Theater veranstaltete Trauerfeier gilt die für Graham Frood, der in den 1930ern einer der Mitbegründer des Unity Theatres in Liverpool war. Für Frood fiel am 29. September 2003 zum letzten Mal der Vorhang.

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Allan Young, ein 39-jähriger Mann aus dem schottischen Castlemilk, hatte ein sehr schlechtes Jahr. Zunächst musste er sechs Monate in Ihrer Majestät Gefängnis Barlinnie in Glasgow wegen Fahrens ohne Führerschein absitzen. Dann starb seine Freundin, als sie unter einen Lastwagen kam. Und nicht lange danach verschied auch seine heiß geliebte Mutter.

Allan erhielt eine Ausgangserlaubnis, um an der Beerdigung seiner Mutter teilzunehmen, aber an irgendeinem Punkt in der Befehlskette gab es wohl ein Missverständnis. Die drei Wärter, die den gefügigen Gefangenen begleiten sollten, kamen mehrere Stunden zu spät, sodass Allan die gesamte Veranstaltung verpasste.

Seine Familie bat das Personal im Krematorium, noch ein bisschen zu warten, bevor sie Mrs. Young in den Ofen schoben. Das Personal tat ihnen den Gefallen. Allan und seine Wärter tauchten schließlich auf, und er durfte mit den anderen zusammen den Sarg seiner Mutter tragen. Dieser Akt gestaltete sich ebenso unbeholfen wie traurig, da Allen immer noch an einen der Wärter gekettet war.

Allans Familie beschloss, den Staat zu verklagen.

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Als Milton Martin im Sommer 2000 starb, luden seine Kumpel seinen Sarg auf die Ladefläche eines Abschleppwagens und setzten sich zum Trauerzug vom Beerdigungsinstitut Norris zum Nordfriedhof von St. Charles, Illinois, in Bewegung. 17 weitere Abschleppwagen schlossen sich der feierlichen Prozession an. Sie waren aus allen Ecken von Illinois angereist, um einem der Ihren die letzte Ehre zu erweisen. »So ist das, wenn jemand eine Abschleppfirma hat«, sagte Miltons Sohn, Lonnie Marshall. »Es wollten noch viele andere Firmen einen Wagen schicken«, fuhr er fort, »aber montags ist in unserer Branche immer viel los.«

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Chris O’Neil war niedergeschlagen, weil sie sich erst vor Kurzem hatte scheiden lassen, ihren Arbeitsplatz verloren hatte und ihre Katze eines mysteriösen Todes gestorben war. Deshalb rief sie ihre Schwester Karen Katz in Kalifornien an. In diesem Telefongespräch vom 12. August 1999 erzählte Chris ihrer Schwester außerdem von einem ausgesprochen verstörenden Traum. In diesem Traum hatte ihre Mutter sie zu erwürgen versucht, weswegen Chris sie mit einem Kissen erstickt hatte, um zu überleben.

Karen wurde misstrauisch, als sie ihre Mutter telefonisch tagelang nicht erreichen konnte. Sie bat den Sheriff von Arapahoe County, in dem Haus vorbeizuschauen, in dem Chris mit ihrer Mutter wohnte.

Als die Polizisten dort eintrafen, war niemand zu Hause. Ein Hilfssheriff spähte durch ein Kellerfenster und sah einen länglichen Pappkarton, umstellt von Teddybären, flackernden Kerzen und welkenden Rosen. Die Polizisten besorgten sich einen Durchsuchungsbefehl und brachen die Tür auf. Als sie den Pappkarton öffneten, fanden sie die 65-jährige Martha Burns in 320 Kilo Salz gebettet. Das Salz hatte dem Körper einen Großteil der Flüssigkeit entzogen und ihn teilweise mumifiziert. Sie war seit etwa einer Woche tot.

Über zwanzig Jahre zuvor hatte Roger Caldwell, Chris’ Vater und Marthas Ex-Ehemann, seine Schwiegermutter, die 83-jährige Erbin Elisabeth Congdon, durch Ersticken mit einem Satinkissen getötet. Außerdem erschlug er eine Krankenpflegerin mit einem Messingkerzenleuchter, als sie Ms. Congdon zu retten versuchte.

Chris O’Neil wurde etwa eine Woche nach dem Auffinden der eingesalzenen Leiche ihrer Mutter gefunden. Chris hatte ihren Wagen in der Garage eines schicken, noch im Bau befindlichen Stadthauses in einem Wohngebiet südlich von Denver geparkt. Sie steckte das eine Ende eines Gummischlauchs in den Auspuff ihres Wagens und das andere Ende ins Wageninnere. Den Fensterspalt dichtete sie mit Klebeband ab und atmete so lange Kohlenmonoxid ein, bis sie tot war.

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Ein Mann mit Namen Peter Marsh aus der irischen Hauptstadt Dublin hätte vermutlich absolut unauffällig leben und sterben können, hätte er nicht so einen fürchterlichen Aufstand um die Vorahnungen seines eigenen Todes gemacht. Eines Tages im Jahre 1740 wurde er von einem wild gewordenen Pferd angegriffen, das ein paar Tage darauf tot umfiel. Marsh redete sich ein, auch er werde an jener Geisteskrankheit sterben, die das Pferd befallen hatte.

Er sollte tatsächlich kurze Zeit später sterben. Im Nachruf, der in einer Publikation namens Gentleman’s Magazine erschien, hieß es, Marsh habe sich selbst in den Wahnsinn getrieben. Sehr viel wahrscheinlicher aber starb er, weil er von einem außer Rand und Band geratenen Pferd getreten wurde.

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1988 buchte Sheryl Jesswein die Chapel of Chimes auf dem Wisconsin Memorial Park Friedhof für ihre Hochzeit. Sie wollte am schönsten Tag ihres Lebens ihrem verstorbenen Vater nahe sein. Als sie ihrem Verlobten davon erzählte, bekam er kalte Füße und verließ sie.

Zwei Jahre danach lernte sie Kurt kennen, der die Idee »große Klasse« fand. Die meisten seiner Verwandten waren dort begraben (oder würden es bald sein), es schien also der perfekte Ort. Am Tag der Hochzeit legte Sheryl ihre Hand auf die Nische im Mausoleum, in der die Asche ihres Vaters aufbewahrt wurde. »Es war, als würde er mich dem Bräutigam übergeben«, sagte sie.

Sheryl und Kurt haben bereits Nischen für ihre eigenen Urnen in jenem Mausoleum gekauft. Sie freuen sich schon darauf, die Ewigkeit an dem Ort zu verbringen, an dem sie geheiratet haben.

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Im englischen Northumberland gibt es ein Beerdigungsinstitut namens Blackhawk Hearse. Es ist darauf spezialisiert, Leichenzüge für tote Motorradfahrer auszurichten.

Blackhawk gebraucht die üppig verzierte Spezialanfertigung eines schwarz-goldenen, über drei Meter langen Leichenwagens im Stil einer Wildwestpostkutsche. Dieser Wagen wird an ein aufgemotztes 1450c-Harley-Davidson-Tricycle angekoppelt. Solch ein Trauerzug, angeführt von diesem einzigartigen Leichenwagen, gefolgt von einer Prozession von Harleys, ist definitiv mehr als einen flüchtigen Blick wert.

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Der Koch Brian Price versuchte, das Beste aus seinem schweren Stand zu machen. Sein Job war es, den Todeskandidaten im Huntsville-Gefängnis in Texas ihre Henkersmahlzeit zu kochen. Zu seinem Leidwesen reichte die Fantasie der meisten Gefangenen nicht zu mehr als einem normalen Hamburger. Aber Küchenchef Price ließ sich davon nicht in seiner kulinarischen Kreativität behindern. Er experimentierte mit diversen interessanten Saucen zum »Stammessen«, denn falls einer der Verurteilten Einwände haben würde, wäre er höchstwahrscheinlich tot, bevor er sich in aller Form beschweren konnte.

Die Kreationen von Price erfreuten sich jedoch zunehmender Beliebtheit. 2005 stellte er seine Rezepte zusammen und gab ein wohl einzigartiges Kochbuch heraus. Mehrere Titel wurden dafür in Erwägung gezogen, darunter Dead Man Forking und The Condemned Man’s Cookbook, doch schließlich entschied man sich für Meals to Die For. Das Buch enthält Geschichten über einige der über zweihundert Gefangenen, deren Henkersmahlzeiten er kochte, sowie Kopien der handgeschriebenen Wunschzettel einiger Gefangener. Ebenso entzückend sind die Namen einiger Rezepte. Allen voran Rice Rigormortis – Reis à la Totenstarre.

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Die verwitwete englische Königin Victoria betrauerte den Tod ihres geliebten Prinzen Albert bekanntlich über vierzig Jahre lang. Sie hatte sich auf den ersten Blick in ihn verliebt, obwohl sie ihn zunächst nur von einem Foto kannte und es sich um ihren Cousin handelte. Noch unverständlicher für die weniger Nachsichtigen unter uns ist die Tatsache, dass er ein »schöner« Mann war, sie hingegen klein, pummelig und eher hausbacken.

Als Witwe tröstete Victoria sich auf zweierlei Weise: Erstens durch Essen, wodurch sie krankhaft fettleibig wurde. Zweitens mit einer skandalös engen Beziehung zu ihrem ergebenen Diener, dem Kilt tragenden, rotbärtigen schottischen Highlander John Brown. Ein weit verbreitetes Gerücht besagt, dass Victoria und John Brown ein heimliches Liebespaar waren, viele streiten diese Behauptung jedoch ab, zumal es keinerlei Beweise dafür gibt.

Victorias letzte Wünsche trugen wenig dazu bei, die Gerüchte um ihre Beziehung zu John Brown zu zerstreuen oder die Aufrichtigkeit ihrer Zuneigung zu ihrem schönen Gemahl Albert in Frage zu stellen. Mit in den Sarg gegeben wurden ihr der Morgenrock ihres verstorbenen Gatten, ein Gipsabguss seiner Hand, dazu ein Bild von John Brown und weitere Erinnerungsstücke.

Bestattet wurde sie neben Prinz Albert in einem extravagant ausgeschmückten Mausoleum in den Frogmore Gardens. Der Sarkophag, der auf dem Doppelgrab steht, ist aus einem einzigen Stück makellosen Edinburgher Granit gefertigt. Er stellt Albert und Victoria überlebensgroß dar, wie sie zur Zeit von Alberts Tod aussahen, Seite an Seite liegend und im vollen königlichen Ornat.

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Barbra Streisands Hund, dem verstorbenen Sammy, dem Pudel, wurde jene Art von Ehre zuteil, für die einige ihrer glühendsten Fans mit Vergnügen zehn Jahre ihres Lebens geopfert hätten. Bei einem ihrer seltenen Fernsehauftritte in der Oprah Winfrey Show im Oktober 2003 sang Barbra unter Tränen der Rührung und mit einem dicken Kloß im Hals den Titel Smile, während auf die Riesenleinwand hinter ihr Bilder von Sammy projiziert wurden. Den Song, ursprünglich von Charlie Chaplin geschrieben, hat später die Humane Society als offizielle Hymne für ihr Programm »Kindred Spirit« (= Verwandte Seelen) für Menschen übernommen, die unter dem Verlust eines geliebten Haustieres leiden.

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Margaret und Donald Beaton aus dem schottischen Inverness unternahmen in all ihren Ehejahren am liebsten gemeinsam weite Reisen. Als Donald 2003 im Alter von 71 Jahren verstarb, verbrachte Margaret ihr letztes Lebensjahr damit, ihren geliebten Gefährten zu vermissen und zu bedauern, dass sie es nicht mehr in sämtliche Länder geschafft hatten, die schon lange auf ihrer Wunschliste standen.

Zwei Jahre später veröffentlichte Glen Beaton in Gedenken an die Abenteuerlust seiner Mutter eine Liste auf eBay. Er bot kleine Mengen von Margarets Asche an, unter der einzigen Bedingung, sie respektvoll in den fernen Ländern auszustreuen, die sie so gern noch besucht hätte. Sein Ziel war es, die sterblichen ...

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