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Feenring

Die meisten von uns entscheiden sich nicht bewusst für den Tod, und auch nicht für seinen Zeitpunkt und die Todesumstände.

Doch innerhalb dieser Grenzen entscheiden wir sehr wohl, wie wir leben.

– Joseph Epstein: Ambition The Secret Passion

1

Meine Wohnzimmeruhr zeigte zwei Uhr sechsundvierzig. Damit war nicht mehr Halloween, sondern Allerheiligen. Allerdings hielt mich kein Heiliger umschlungen sondern ein Wærwolf.

»Ich glaube, meine Wohnung würde dir gefallen, Red.« Red. Das bin ich. Der Rest der Welt kennt mich als Persephone Alcmedi. Manche nennen mich Seph. Red bin ich nur für Johnny, meinen eigentlich gar nicht großen, bösen Wærwolf. »Ich führe ein offenes Haus.«

Ich ließ mich nicht täuschen. »Deine Wohnung ist doch bloß ein besseres Studentenwohnheim.«

»Wenn du damit sagen willst, dass ich ein eigenes Bad habe, dann ja.« Johnny rümpfte die Nase, als sei er sauer. »Etwas, das ich mit meinem Einzug hier aufgegeben habe.«

Um einer Freundin das Leben zu retten, hatte ich die Vampirabwehr meines Hauses drei Wochen zuvor aufgeben müssen, und Johnny war darauf fürs Erste auf den Speicher im dritten Stock gezogen allerdings bloß als Aufpasser. Der Schutzbann war inzwischen wiederhergestellt, aber er war immer noch da. Doch da er der Inbegriff von groß, dunkel und gut aussehend war, hatte ich nichts dagegen einzuwenden.

»Na komm.« Johnnys tiefblaue Augen blitzten verführerisch. »Was gibt es Romantischeres als eine Junggesellenbude?«

Wir hatten einen abscheulichen Abend hinter uns. Attribute wie »anstrengend« oder »aufreibend« trafen es nicht mal annähernd. Trotzdem war ich anscheinend die Einzige, die hier auf dem Zahnfleisch ging.

Johnnys Band Lycanthropia hatte auf dem Halloweenball gespielt. Johnny war der Sänger und Gitarrist der Gruppe, die sich auf eine Mischung aus Techno, Goth und Metal spezialisiert hatte, und hatte sich auf der Bühne völlig verausgabt. Eigentlich hätte er genauso am Ende sein müssen wie ich.

Klar, ich hatte mich auf der Bühne auch ziemlich ins Zeug gelegt. Ich hatte vor Hunderten Zeugen, die anschließend applaudierten, weil sie das Ganze für einen Teil der Halloweenshow hielten, gegen eine Fee gekämpft und sie getötet.

Mörderische Feen und Rock ’n’ Roll: Das war bloß ein geringer Teil dessen, womit wir es an dem Abend zu tun bekommen hatten.

»Willst du mir wirklich jetzt deine Wohnung zeigen?«

»Da meine einzige Glühbirne durchgebrannt ist, wirst du nicht viel zu sehen bekommen.« Damit glitt sein schlanker, starker Arm um mich. Ach, wie fühlte ich mich in seinen Armen sicher und geborgen. »Aber das wäre eh nichts gegen das, was du spüren wirst, versprochen.«

Worauf Johnny hinauswollte, war klar, und dasselbe galt für den Grund, warum er für einen Ortswechsel plädierte. Ich hatte ihm längst von meiner Sorge erzählt, die übrigen Hausbewohner könnten herausfinden, dass wir zusammen waren, also gab er sich Mühe, das Geheimnis für sich zu behalten. In seiner Wohnung wären wir unter uns gewesen und hätten uns nicht wie hier in getrennte Schlafzimmer verdrücken müssen, und es wäre schon schön gewesen, nach dem Sex kuscheln und nebeneinander einschlafen zu können.

Anscheinend meinte er, wir könnten, solange man uns nicht zusammen sah, alles abstreiten. Nicht, dass meine im Haus wohnende Großmutter Nana uns abgekauft hätte, dass wir seiner Wohnung mitten in der Nacht einen Besuch abstatteten, bloß damit er mich dort mal herumführen konnte.

Nana und meine neun Jahre alte Pflegetochter Beverley schliefen aber ihre Schlafzimmer lagen gerade mal über den Flur. Außerdem waren die Wände des alten Farmhauses dünn wie Pergament. Nicht mal die Dämmplatten zwischen der Decke des Obergeschosses und dem Fußboden des Speichers darüber reichten aus, um Schall zu schlucken. Ich hatte Johnny da oben schon Gitarre spielen hören, wenn er seinen mickrigen Verstärker nicht mal auf eins aufgedreht hatte.

Allerdings hatte ich ihm noch nicht alles gesagt. »Bei Sonnenaufgang schlägt der Lucusi hier auf, Johnny.«

Er zog mich an sich. Er hatte nach dem Auftritt geduscht und den Geruch seiner verschwitzten Bühnenklamotten aus Leder abgewaschen, bis nur sein einzigartiger Duft nach Zedern und Salbei zurückgeblieben war. »Einen Versuch war’s wert.«

Sein Atem strich warm über meinen Hals, seine Stimme fuhr so rau in mein Ohr, dass ich bis in die Zehenspitzen hinab erschauerte. Ein Teil von mir bestand plötzlich darauf, ganz und gar nicht ermattet zu sein, sodass ich die Bedeutung des Wortes Ermattung neu überdenken musste. »Die Fahrt in die Stadt dauert einfach zu lang, und wenn wir bei Sonnenaufgang wieder hier sein wollen, müssen wir eh gleich wieder umdrehen.«

Doch Frischverliebte machten so verrückte Sachen.

Hatte ich gerade an das Wort mit L gedacht?

»Du könntest fliegen.«

Da hatte er recht, das hätte ich tun können. Dank meines Auftritts ein paar Tage zuvor während des Eximiums, eines Wettstreits der Hohepriesterinnen, war ich in den mächtigen, von der Eldrenne Xerxadrea angeführten Lucusi aufgenommen worden, dessen Erscheinen bei Morgengrauen fällig war, und zu den Vorteilen der Mitgliedschaft gehörte ein echter Hexenbesen. »Aber«

»Du willst nicht fliegen?« Er stieß sanft an meinen Hals.

»Das ist es nicht.« Ich fuhr mit den Fingern durch sein langes, dunkles Haar, hob den Blick sehr weit nach oben, schließlich maß er stolze eins siebenundachtzig und gab zu erkennen, dass ich auch scharf auf ihn war. »Aber ich habe eine bessere Idee.«

»Lass mich daran teilhaben.« Ein weiterer Nasenstüber.

»In meinem Haus gibt es einen Ort, an dem man allein sein kann und der total schalldicht ist.« Ich stellte mich auf die Zehenspitzen, hauchte ihm einen Kuss auf die Wange und sagte: »Deinen Zwinger.«

»Wow, wie geil ist das denn!« Er fuhr mit der Hand meinen Rücken auf und ab und konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.

Ausgerüstet mit einem Kerzenleuchter und Wolldecken führte ich ihn nach draußen und ums Haus herum zum Keller. Johnny öffnete die Metallflügel der schrägen Kellertür, und ich stieg die Betonstufen hinunter.

Während Johnny die Tür hinter uns schloss, stellte ich die Kerze mitten auf den Fußboden und breitete die Decken über das frische Stroh zwischen den Käfigen aus. Ich spähte in die Dunkelheit hinter der Tür des letzten Hundezwingers. Hier konnte er die Bestie raus und dem Tier in ihm die Kontrolle überlassen. Ich erschauerte verlangend.

Als ich Johnny die unterste Stufe betreten hörte, fragte ich über die Schulter: »Du kannst mir nicht zufällig aus diesem Kostüm helfen?«

Er blieb auf der Stelle stehen.

Ich zupfte an den Bändern meines bauchfreien Samtmieders mit Puffärmeln, das zu meinem Kostüm für die Party gehörte, und grinste.

»Oh doch.« Seine Stimme klang ein bisschen heller als beabsichtigt. Er hielt inne, räusperte sich und fing noch mal an. »Oh doch, und ob ich das kann.« Im nächsten Atemzug war er bei mir und machte sich geschickt über den Knoten her. Augenblicke später gab der Stoff nach, und ich atmete tief durch. Dann berührten seine geübten Finger die nackte Haut an meiner Körpermitte, seine Daumen beschrieben kleine Kreise. »Kann ich dir sonst irgendwie behilflich sein?«

»Streng genommen bin ich hier noch nicht raus.«

»Oh«, flüsterte er. »Mein Fehler.« Dann machte er sich daran, die verschnürten Bänder weiter zu lösen. »Rauf oder runter?«

»Auf jeden Fall rauf.«

Er ging so sanft vor, bewegte sich so langsam und gab sogar auf meine Frisur acht. Er zog mir nur das Mieder über den Kopf, tat das aber so sinnlich, als würde er mich von oben bis unten eincremen. Mit Sonnencreme. Im Keller war es nämlich plötzlich so warm, dass ich ebenso gut in der Sommersonne hätte stehen können. Das Mieder fiel auf die Decken im Stroh zu meinen Füßen.

Ich hielt die Arme über dem Kopf ausgestreckt, und Johnny legte meine Hände um die Sprossen über der offenen Käfigtür und drückte sie, um mir zu bedeuten, dass ich sie dort lassen sollte.

Seine glühenden Finger zeichneten die Konturen meiner Arme nach, bis er langsam zu meinen Haaren vorgedrungen war, die er nun auf einer Seite hinter mein Ohr schob. Dann schmiegte er seinen Körper an meinen Rücken und knabberte an meinem Ohr. Während er zärtlich an meinem Ohrläppchen saugte, näherten sich seine Hände meinen Brüsten.

Wie ein Flügelschlag flatterte etwas meine Wirbelsäule empor. Tief im Bauch ballte sich Hitze. Die Empfindungen durchzuckten mich wie Elektrizität, an Müdigkeit war nicht mehr zu denken.

Draußen ging quietschend die Kellertür auf und krachte auf den Boden. »Ich hatte abgeschlossen«, brummte Johnny.

Jemand kam die Stufen herunter. Wir fuhren herum, um zu sehen, wer

Menessos.

Der Vampir glitt elegant die Stufen herab und sah sich beiläufig in dem mit Spinnweben ausstaffierten Keller um, ohne uns dabei die geringste Beachtung zu schenken. Meine Aura spürte die Wärme seiner Haut. Wenigstens war er satt.

Die Fieberglut. Die Energie der Leidenschaft. Waren Johnnys Zärtlichkeiten oder der Vampir die Ursache dafür? Menessos’ Anwesenheit hatte schon während des Eximiums eine ähnliche Reaktion in mir hervorgerufen, doch hatte Johnny das sprichwörtliche Feuer in mir auch ganz alleine verflixt heiß auflodern lassen.

Menessos war schon lange vor unserer ersten Begegnung der Artus Pendragon meiner Träume gewesen. Mit seinem nachlässig-majestätisch gelockten Haar und dem säuberlich gestutzten Bart erinnerte er an einen König aus längst vergangenen Zeiten. Natürlich trug er in meinen Träumen mittelalterliche Gewänder; ihn im Anzug wahrscheinlich Armani oder etwas gleichermaßen Kostspieliges zu sehen kam mir immer noch seltsam vor.

Spott erhellte sein Gesicht, als er mich mit den Händen meine Brüste bedecken sah. Dann wandte er seine grauen Augen ab und setzte eine bedauernde Miene auf. »Für die Störung bitte ich um Vergebung.« Damit setzte Menessos sich auf meine staubige Kellertreppe, ohne sich weiter um sein Designerbeinkleid zu kümmern, als ließe er sich in einem behaglichen Sessel nieder. Dann stützte er die Ellbogen auf die Stufe hinter ihm und streckte die Beine aus.

Es sah nicht so aus, als wolle er in nächster Zeit wieder verschwinden.

»Wie bist du hier hereingekommen?«, wollte Johnny wissen, während er sich so stellte, dass er mich vor Menessos’ Blicken abschirmte. Dann zog er sein Hemd aus und gab es mir. »Die Schutzbanne halten. Außerdem hatte ich die Kellertür verriegelt.«

Ich schlüpfte in die Hemdsärmel und begann, das Hemd zuzuknöpfen.

»Ich habe da so meine Mittel und Wege.« Der Vampir grinste, was mir sein Tonfall verriet, obwohl ich ihn von meiner Position hinter Johnny nicht sehen konnte.

»Wie ist einerlei«, sagte ich und schob mich an Johnny vorbei. »Weshalb?«

»Ich hätte gerne Xerxadreas Taschentuch. Das mit meinem Blut daran.« Dann fügte er hinzu: »Bitte.«

»Weshalb?«, fragte ich.

»Sie hätte es schon einmal fast verloren, und die Feen könnten es« Er schoss einen Blick auf Johnny ab. »… gegen mich verwenden, mit einem Hexenzauber, und damit das nicht geschieht, muss ich es zerstören. Am besten verbrennen.«

»Déjà-vu«, sagte Johnny. »Das kommt mir bekannt vor. Immer steht Red mit irgendwelchen Sachen da, die dir gefährlich werden könnten, und du willst, dass wir sie verbrennen. Diesmal ist es das Taschentuch. Ich wette, damals hat ein Feuerteufel wie du mit den Hexenverbrennungen angefangen.«

»Feuer vernichtet, Wasser reinigt, Luft zerstreut, Erde absorbiert, und alles eignet sich gut für die Lösung von Problemen, aber die schnellste und sicherste Methode ist immer noch Feuer.« Menessos schlug die Beine übereinander, und meine Aura kräuselte sich wie ein Teich.

Während des Eximiums hatte ich nach Hexenart meinen Schutzschild aufgeladen einer »netten« Art, sich einen Überblick über die Kräfte eines anderen zu verschaffen und herausgefunden, dass ich den Einfluss des Vampirs zu dämpfen vermochte. Also raffte ich die Spannung nun wie einen Mantel um mich und eilte in den Zwinger zurück, um mir mein abgeworfenes Mieder zu schnappen. Ich hatte das Taschentuch in mein Kostüm geschoben und später, als Johnny es mir vom Leib gepellt hatte, nicht mehr daran gedacht. Ich durchsuchte das Samtoberteil. Das Taschentuch steckte noch im Bustier.

»Hier.« Ich hielt das verkrustete Stück Stoff angeekelt vor mich, als ich zu ihm ging.

Menessos war sofort auf den Beinen und riss es mir aus den Fingerspitzen. Er kauerte vor der Kerze, hielt das fleckige Stoffviereck in die Flamme, bis es Feuer fing, und ließ es dann fallen. Sein Gesicht wirkte in den harten Schatten des Kerzenlichts leicht irrsinnig, als er sich flüsternd vorbeugte, um sich davon zu überzeugen, dass auch der letzte Fetzen Stoff vom Feuer vertilgt wurde. Der Göttin sei Dank verbrannte das Taschentuch schnell allerdings konnte ich nicht behaupten, dass ich der Göttin auch für den übel riechenden Qualm dankte, der nun durch den Keller waberte.

»Du gehst jetzt besser«, sagte ich. Uns war klar, dass sich unser Verhältnis zueinander umgekehrt hatte und dass ich nun das Sagen hatte. Dass er gehorsam sein musste. Wenigstens hoffte ich das. Allerdings hegte ich den starken Verdacht, dass er keinen sehr folgsamen Diener abgeben würde.

»Augenblick mal, Red.« Johnny zog an der Strippe der Deckenlampe. Grelle hundert Watt. »Der Vampir soll erst erklären, wie er an den Schutzbannen vorbeigekommen ist.«

Gute Frage.

Menessos richtete sich auf. Die an mich gerichtete Antwort lautete: »Die Einzelheiten sind möglicherweise nicht für die Ohren deines Liebhabers bestimmt.«

»Möglicherweise liegst du da falsch.« Johnny hatte anscheinend nicht vor, klein beizugeben, nicht einmal vor jemandem, der ihm ein paar Wochen zuvor ordentlich die vier Buchstaben versohlt hatte.

»Das ist ein magisches Geheimnis, das nur sie angeht. Sonst niemanden.«

»Oh.« Mir wurde klar, dass Menessos andeuten wollte, er habe die von mir geschaffenen Schutzbanne dank seines Bandes zu mir außer Kraft setzen können. »Das.«

»Was?«, fragte Johnny.

Da ich wusste, dass er das Gefühl haben musste, Menessos eine Nasenlänge voraus zu sein und dringend einen Vertrauensbeweis brauchte, sagte ich: »Das Band gewährt ihm Zutritt.« Obwohl das stimmte, war es nicht die ganze Wahrheit. Ich hatte Johnny nämlich noch nicht erklärt, dass Menessos an mich gebunden war, nicht umgekehrt.

»Alles klar.« Johnny deutete auf die Treppe. »Jetzt kannst du gehen.«

»Warte.« Ich bedeutete der verqualmten Luft, sich in der Nacht zu verdünnisieren. »Wenn du, Schutzzauber hin oder her, wegen unseres Bandes hier hereinkannst, wie ist es dann mit deinem Band mit den Feen, hat das denselben Effekt?«

Menessos’ Miene verriet Genugtuung. Er fand meine Frage einigermaßen vorausschauend und schien zufrieden. »Ich bin nicht sicher. Das ist der andere Grund meines Erscheinens: auf dich aufzupassen, bis deine Grenzen wieder sicher sind.«

Johnny verschränkte mit dem Nachdruck eines Rausschmeißers die Arme vor der Brust. »Ich passe schon auf sie auf.«

»Klar, aber solange du ohne Hosen dastehst und deinem kleinen Johnny das Denken überlässt, ist es wohl besser, wenn ich mich mal eine Nacht lang darum kümmere.«

Verärgert schob ich mich zwischen sie und streckte wie eine Ringrichterin die Arme aus. »Nachdem Aquula hier war, habe ich meine Schutzbanne verstärkt.« Die Wasserfee Aquula war eine der vier an Menessos gebundenen Feen und die Einzige, die nichts gegen den Bann einzuwenden hatte und ihn nicht ein für alle Mal ins Jenseits befördert sehen wollte. Als sie seinen Namen hörte, wäre sie sogar fast in Ohnmacht gefallen.

»Deine Schutzzeichen sind stark, Persephone, aber nachdem du einen von ihnen ermordet hast, musst du es ja nicht unbedingt drauf anlegen. Du brauchst ein spezielles Gegenmittel gegen Feen. Xerxadrea und ihre talentierten Lucusi arbeiten bereits daran.«

»Die haben mich, ohne ein Wort zu sagen, auf dem Hexenbesen heim fliegen lassen.«

»Klar. Aber ich bin überzeugt, sie haben auch ohne dein Wissen dafür gesorgt, dass du sicher hier ankommst. Xerxadrea und ich haben all das auf dem Ball besprochen. Wie du dich vermutlich erinnerst, bin ich früh gegangen. Um Vorkehrungen zu treffen, die es mir erlauben würden, ihrer Bitte zu entsprechen.«

Seltsam. »Worum genau hat sie dich gebeten?«

»Herzukommen und auf dich aufzupassen, bis sie deine Schutzzeichen wieder«

»Das hättest du auch von draußen erledigen können«, murmelte Johnny.

»Vor Sonnenaufgang tauchen die nicht hier auf, Menessos«, sagte ich geradeheraus. »Bis dahin musst du hier verschwunden sein.«

»Es sei denn, du gestattest mir, den Tag hier unten zu verbringen.« Menessos’ Blick schloss den Keller ein. »Ich bin zwar eigentlich etwas anderes gewöhnt; andererseits habe ich schon mehr als einmal mit übleren Schlafplätzen Vorlieb nehmen müssen.«

»Schlafplatz.« Johnny lachte. »Ja klar, das trifft den Nagel auf den Kopf.«

Menessos breitete beschwichtigend die Arme aus. »Ich versichere dir, ich bin nur hier, um meine Interessen zu schützen.«

Während ich in Gedanken entspannt »Interessen« durch »Herrin« ersetzte, war ich sicher, dass Johnny im selben Augenblick »Eigentum« dachte. Ich musste ihm endlich die Wahrheit sagen, und dieser Moment war dazu ebenso geeignet wie jeder andere. »Johnny«

»Persephone«, fiel mir Menessos ins Wort, ehe ich mehr sagen konnte. »Ich habe meine Ziele schon zur Hälfte erreicht. Erlaubst du mir, meinen Erfolg zu vervollständigen? Lass mich Wache halten, damit du in dem Wissen ruhen kannst, dass heute Nacht jeder in deinem Heim in Sicherheit ist.« Etwas in seiner Stimme bat mich eindringlich. »Ruh dich aus. Schlaf.«

Gerade hatte ich Johnny noch mitteilen wollen, dass nicht Menessos der Herr im Haus war. Aber falls der Vampir meine Gedanken lesen konnte, würde er mich womöglich davon abhalten, um seinerseits Johnny eine Nasenlänge voraus zu sein. Als Frau musste ich dieses Alphamännchengetue nicht unbedingt verstehen. Zudem benahm sich Menessos ziemlich gesittet und drückte sich aus, als bitte er mich um Erlaubnis. Das sah ihm gar nicht ähnlich, und meine Alarmsignale schrillten, andererseits war das immer noch besser als ein Schwanzvergleich, der früher oder später unweigerlich in Handgreiflichkeiten ausarten würde. Johnny konnte ich auch am Morgen noch aufklären. »Aber bis Tagesanbruch musst du verschwunden sein«, forderte ich.

»Ich weiß, wo ich hingehöre.«

Drauf und dran zu gehen, wirbelte ich auf dem Absatz herum, doch Johnny hielt mich mit einem leichten Klaps auf die Schulter zurück, drehte mich zu sich herum und forschte in meiner Miene nach Anzeichen für hypnotisch übermittelte Befehle des Vampirs. Um ihm zu versichern, dass nichts dergleichen vorlag, streichelte ich seinen Arm. »Alles gut.« Ich näherte mich den Stufen. »Komm.«

Menessos ergänzte: »Du, Johnny, hast auch Ruhe nötig.« Keine Anzüglichkeit zum Thema Hund. Mein Misstrauen nahm rasant zu.

Johnny wiederholte: »Ich passe auf sie auf.«

»Ja, das wirst du, wenn der Krieg losbricht. Wenn du bis dahin so dumm sein willst, in meiner Gegenwart keinen Wert auf Ruhe zu legen, meinetwegen, aber sei besser nicht so dumm, den Platz an ihrer Seite kalt werden zu lassen.«

Da meine Sinne dank der Verbindung mit Menessos geschärft waren, konnte ich Dinge wittern, die ich nie zuvor gerochen hatte, und in diesem Augenblick brachte die unterschwellige Drohung des Vampirs den Wær auf die Palme: Der Moschusduft des Testosterons überschwemmte den Keller. Zum Glück beschränkten die beiden sich darauf, einander finster anzustarren. Was mich anging, hatte das Wort Krieg jeden Gedanken an Ruhe vertrieben.

Johnny nahm meine Hand und ging vor mir nach oben und in die Nacht hinaus. Menessos löschte die Kerze und zog an der Strippe der Deckenlampe. Dann folgte er uns und hielt kurz inne, um die Kellertür hinter uns zu schließen.

Wir gingen stumm ums Haus herum zur Veranda. Der November hatte mit flinken Fingern für kalte Luft gesorgt. Nebel kam auf. Als wir näher kamen, raschelten die wimpelartigen Blätter der Maisgarben leise wie dickes, sich aneinander reibendes Papier. Die Teelichter in den ausgehöhlten Kürbissen waren schon Stunden zuvor erloschen, die dunklen Fratzen blickten unglücklich. Halloween war eindeutig vorbei.

Johnny hielt mir die Haustür auf. Menessos kam langsam um die Ecke und spähte gespannt in das Maisfeld.

Im Haus steuerten meine Füße umstandslos die Treppe an, doch dann blieb ich mit einer Hand auf dem kugelförmigen Finial stehen. Ich wollte nicht in mein einsames Zimmer und allein in kalter Bettwäsche schlafen. Ich wollte Johnnys warmen Körper neben mir und mich in die Geborgenheit seiner Arme schmiegen.

Noch Tage zuvor hatte mich das Gefühl überwältigt, mein neues Leben unmöglich mit seinen Myriaden Komplikationen in Einklang bringen zu können, ganz zu schweigen davon, die Lustrata zu sein und die Welt ins Gleichgewicht bringen zu müssen, und jetzt sollten meine Handlungen einen Krieg vom Zaun brechen.

Wie zur Hölle sollte ich damit zu Rande kommen?

»Bleibst du bei mir auf der Couch, Johnny?«, fragte ich.

»Darauf kannst du wetten.« Johnny nahm meine Hand vom Finial und führte mich ins Wohnzimmer. Wir hatten eine Tischlampe brennen lassen, und er setzte sich nun an einem Ende meines hellbraunen, schonbezogenen Cordsofas neben sie. Auf das Sofa, auf dem Johnny und ich uns geliebt hatten. Einmal.

In diesem Zimmer. Auf dieser Couch. Unser erstes und bisher einziges Mal.

Nach den Intimitäten war ich verlegen und gekränkt gewesen, weil ich dachte, er hätte mich nach einem seiner Auftritte mit einer anderen betrogen. Hatte er nicht, aber zu dem Zeitpunkt war seine mutmaßliche Untreue meine größte Sorge gewesen. Nicht, dass wir sonst mit niemandem mehr geredet hätten oder so, dennoch rechnete ich mit etwas in der Art, hielt es sogar für unabwendbar. Mittlerweile nahm sich ein Seitensprung verglichen mit Krieg ziemlich unbedeutend aus.

Als er saß, löste ich meine Hand aus seiner. Ich drehte mich langsam um meine eigene Achse. Dieses Haus war mein Unterschlupf, hier sammelte ich meine Publikationen und Plakate zum Thema König Artus. Über dem Kamin hing die Ariadne von Waterhouse. Ein sehr unhandliches Geschenk von Menessos, mit dem er mir dafür danken wollte, dass ich ihn nicht gepfählt hatte. Die Alarmanlage für das wertvolle Bild sollte am Freitag eingebaut werden.

So viel hatte sich in so kurzer Zeit geändert.

»Möchtest du den Kopf in meinen Schoß legen?«, fragte Johnny schelmisch.

Manche Dinge, zum Beispiel Johnnys dauernde Anspielungen, würden sich wahrscheinlich nie ändern.

Meine Übermüdung konnte nicht weiter zunehmen, die Last meiner Sorgen füllte das Zimmer und drohte mich zu erdrücken. Johnny spürte es wahrscheinlich auch. Also versuchte er, die Schwere mit Humor zu bannen.

Ich sah ihn ehrlich lächelnd an. »Das hättest du wohl gerne.«

»Ja, und wie.«

Ich schenkte ihm einen gespielt griesgrämigen Blick.

»Gut, gut.« Er schaltete mit derselben Bewegung die Tischlampe aus, mit der er das Sofakissen auf seinen Schoß zog. »Besser?«

Mein Gekicher fühlte sich gut an. »Besser.«

Während meine Füße mich weitertrugen, huschte eine Silhouette über das Panoramafenster hinter Johnny. Es war Menessos, der auf der Veranda Posten bezog, doch ich spürte seine Anwesenheit, spürte, wie sehr er sich danach sehnte, der zu sein, der mich tröstete.

2

Es war fast Tag. Ich trat frisch geduscht, in einer sauberen Jeans und einem langärmeligen beigefarbenen T-Shirt mit Perlenstickerei am u-förmigen Halsausschnitt, gähnend an den Rand meiner Veranda. Trotz der trockenen Kälte verlieh der Nebel dem Morgen einen Hauch von Magie.

Kalter Tau benetzte die Erde und durchweichte die Säume meiner Jeans, als ich nach der Kellertür sah. Nicht um mich von Menessos’ Gegenwart zu überzeugen die Hitze auf dem Grund meines Brustbeins verriet mir, dass er noch da war. Die Tür war wie erwartet von innen verriegelt, als hätten sich da unten Menschen vor einem Tornado in Sicherheit gebracht. Aber da unten waren keine Menschen, nur ein einzelner, unersättlich widerspenstiger Vampir. Einen Sturm, vor dem man Zuflucht suchen musste, mochte es nicht geben, doch der Keller bot vor etwas Schutz, das, wenigstens für ihn, sogar noch gefährlicher war vor dem Tageslicht.

Johnnys Schritte huschten durchs Gras um die Ecke.

»Er hat sich unten eingeschlossen«, sagte ich.

»Wölfe auf dem Speicher und Kadaver im Keller.« Johnnys Hände lagen auf dem dunklen Jeansstoff über seinen schmalen Hüften. »Ein weiterer ruhmreicher Tag in Ohio, dem Mittelpunkt der Welt.«

Ich musterte ihn, von den langgliedrigen Fingern über den violetten, langärmeligen Pullover bis zu den schwarzen Wellen zerzausten Haars und den dunklen Linien des Udjat-Tatoos um seine Augen.

Mein Arm glitt um seine Taille, und ich führte ihn zur Vorderseite des Hauses. »Ich habe das Gefühl, diese Sache wird, bevor alles vorbei ist, noch richtig hässlich werden, und wir werden über jede Pause froh sein, die wir kriegen können. Selbst wenn wir sie Menessos zu verdanken haben.«

Er legte mir einen Arm um die Schultern.

Als wir ums Haus kamen, hatte ich freie Sicht nach Osten. Dort hingen hohe, dichte Wolken, die Regen verhießen, während über dem weniger bewölkten Horizont der erste echte Sonnenstreif glitzerte und sich in sämtlichen feuchten Partikeln in der Luft spiegelte ein glitzernder Schleier.

In diesem magischen Augenblick schwebten sechs Hexen auf Besen in V-Formation aus dem Himmel herab und setzten zur Landung auf meinem Grundstück an. Ein Mädchen sieht nicht jeden Morgen Älteste in Straßenkleidung. Xerxadrea, die Urälteste, flog voran, und offensichtlich trugen uralte Eldrennes beim Fliegen am liebsten Jogginganzüge in Rot, Weiß und Marineblau, weiße Turnschuhe und Schutzbrillen, die jeden Steampunker begeistert hätten.

Ich verspürte den Drang, nach oben zu meinem Kleiderschrank zu rennen und ihnen die Jogginganzüge zu überlassen, für deren Besitz ich mich schon lange schämte. Dabei hatten meine wenigstens anständige Pastellfarben, waren aus Baumwolle und bewiesen Stilgefühl, und ich wäre nie auf die Idee gekommen, dazu Fliegerbrillen im Stil des Roten Barons zu tragen.

Johnny ging auf Tuchfühlung und flüsterte mir ins Ohr: »Ich hätte nie gedacht, dass diese alten Schachteln noch auf einem Besenstiel sitzen können. Jedenfalls nicht ohne Steigbügel, Lenkstange und breite Fahrradsättel unterm Hintern.«

Ich verpasste ihm einen Rippenstoß. Möglicherweise konnten sie ihn hören!

»Einen wunderschönen guten Morgen, dir, Persephone.« Xerxadrea schob ihre Schutzbrille auf die Stirn, worauf ihr Rabe, der bisher alles von einem nahen Baum aus beobachtet hatte, auf ihrer Schulter landete.

»Dir auch, Eldrenne.«

Xerxadreas Haut war blass, fast so bleich wie der lange Zopf, der sich um ihre Schulter wand. Nur die rosigen Flecken über ihren eingefallenen Wangen gaben ihr ein wenig Farbe. Besonders auffällig waren ihre blinden, mit einem dünnen bläulichen Film überzogenen Augen. »Du erinnerst dich an Ludovika, Jeanine, Celeste, Silvana und Vilna-Daluca?« Vilna-Daluca war auch eine Älteste, doch Xerxadrea war die Eldrenne. Die Übrigen waren hochrangige Hohepriesterinnen.

»Ja.« Stumm wiederholte ich im Kopf ihre Namen.

»Ich habe Neuigkeiten«, sagte Xerxadrea. Ihre Stimme war dünn und ein bisschen belegt. »Der Hexenältestenrat trat gestern, nachdem er erfahren hatte, dass die Feen mit Krieg drohen, zu einer Krisensitzung zusammen. Der Rat begreift das Ableben der Luftfee an Halloween als Zeichen für die Rückkehr der Lustrata.«

Ich nickte. Irgendwann hatte es dazu kommen müssen.

»Der Rat bemüht sich seither um Kontakt mit den Feen, um Friedensverhandlungen mit ihnen aufzunehmen. Vielleicht gewinnen wir so Zeit. Ich werde dich auf dem Laufenden halten, aber« Xerxadrea streckte die Hand aus, worauf Celeste ihr ein Bündel reichte. »… kommen wir nun zum Grund unseres Besuchs.« Xerxadrea entnahm dem Segeltuchbündel vier Eisensporne, die in mächtigen, dunklen Steinen endeten. Ich dachte zuerst an Onyx, doch dafür glänzte die Substanz zu sehr. Dunkler Bernstein. Besser bekannt als Pech. Xerxadrea verteilte die Dornen an die vier Priesterinnen. »Los«, befahl sie.

»Was soll das werden?«, fragte ich.

»Ein Gitter.«

»Ich habe Schutzbanne.«

»Solche nicht«, sagte Vilna-Daluca.

Xerxadrea griff abermals in ihr Bündel und brachte einen handtellergroßen eisernen Kerzenhalter zum Vorschein; zumindest hielt ich das Ding dafür, als sie es mir hinstreckte. Als ich es nahm, sah ich, dass es rund war und einen kunstvoll verschnörkelten Rand mit vier kleinen Spornen besaß. Als Nächstes bot sie mir ein Stück Pech in der Form eines Obelisken an, das genau in die viereckige Aussparung im Fuß des »Kerzenhalters« passte. Nachdem sie Vilna-Daluca das Bündel zurückgegeben hatte, sagte sie zu Johnny: »Sie verziehen sich jetzt besser, und du«, wandte sie sich an mich, »kommst mit uns!«

Johnny trollte sich über den Rasen und kam auf dem Weg zum Frontbereich meines Anwesens an zwei Hexen vorbei. Hexenzauber und Zauberei setzten Energien frei, die dazu führen konnten, dass Wærwölfe sich teilweise wandelten. Daher hatte Xerxadrea Johnny höflicherweise ermahnt, einen Sicherheitsabstand zu wahren, bis die Hexerei vorbei war und keine Gefahr mehr darstellte.

»Hier«, sagte Vilna-Daluca und reihte uns etwa sechzig Meter von der Haustür auf.

Schulter an Schulter standen wir der Straße zugekehrt. Xerxadrea roch nach Herbst. Als sie sprach, erfüllte das Aroma von Anis und Muskatnuss die Luft.

»Feuergeschmiedeter Eisensporn,

Verschlungen und dann neu gebor’n,

Möge schützen und steh’n,

Gegen den Angriff der Feen.«

Damit zapfte sie die Leylinie an, bei deren Reaktion sich mir sofort die Nackenhaare sträubten. Die beiden anderen Hexen hatten sich in die hintersten Winkel meines Grundstücks zurückgezogen. Eine von ihnen ließ hinter dem Haus einen wortlosen Verteidigungsschrei ertönen, den die Hexe vor mir in der Nordwestecke aufnahm, als sie den Eisensporn in die Erde rammte. Dann ließ sich die Frau im Nordosten vernehmen, gefolgt von der zweiten Hexe hinter dem Haus. Schließlich wiederholte die Hexe, die den Anfang gemacht hatte, ihren Schrei, und ich wusste, dass die Energie der Leylinie meinen Besitz oder doch wenigstens den Teil, auf dem kein Mais wuchs, nun komplett einschloss. Insgesamt gehörten mir immerhin zwanzig Morgen Land.

Der Obelisk brummte, eine leichte, beständige Vibration, die ich problemlos wahrnehmen konnte. Darauf schrien die beiden Hexen in meiner Nähe auf und warfen die Arme in die Luft. Als der Schutzbann wie eine Welle anstieg und auf der anderen Seite zur Erde stürzte, sich in sie wühlte und einen unsichtbaren schützenden Zylinder bildete, überlief mich eine Gänsehaut.

Die Eldrenne ließ ihn rotieren, und ihre Gebärden schienen anzudeuten, dass sie ihm geringe Mengen Energie aus der Linie zuführte. Als sie zufrieden war, schlug sie, um ihre Magie zu besiegeln, ein gleichschenkliges Kreuz in der Luft.

»Es ist vollbracht«, sagte Xerxadrea fröhlich. »Hiermit kannst du das Energieniveau kontrollieren.« Sie klopfte auf den Obelisken. »Wenn es dir zu gering vorkommt, führst du einfach neue Energie aus der Linie hinzu.«

Damit marschierte die Gruppe wieder auf, wobei sich die Frauen auf ihre Besen stützten wie auf Spazierstöcke mit wackeligen Spitzen, und näherte sich geschlossen meiner Veranda. Ich griff sachte nach Xerxadreas altersfleckigem Arm und hielt sie zurück. »Ich muss dir etwas sagen, aber es muss unter uns bleiben.«

»Wie du willst.«

Derweil kam Johnny in unsere Richtung gelaufen. Der Gedanke, dass ich es ihm hätte sagen müssen, bevor ich Xerxadrea unterrichtete, versetzte mir einen Stich. »Vor einigen Wochen hat Menessos mich gezeichnet. Danach« Wir würden den ganzen Vormittag hier herumstehen, wenn ich ihr die Details mitteilte, also entschied ich mich für die Kurzfassung. »Ich hab’s umgedreht.«

»Du hast ein Stigma in einen Fluch verwandelt?« »Stigma« stand umgangssprachlich für das Mal eines Vampirs, während das Zeichen einer Hexe auch als »Fluch« bekannt war.

Ich schluckte. »Ja.«

»Sie hat dich geprüft, und du hast bestanden.« Mit »sie« meinte Xerxadrea die Göttin. »Etwas anderes hätte ich von der Lustrata auch nicht erwartet.« Ihre Mundwinkel hoben sich. Augenscheinlich war sie nicht überrascht.

»Hier meine Frage: Meine Schutzbanne haben ihn nicht aufgehalten. Wird euer neuer Zauber daran etwas ändern?«

»Ja und nein.«

Ich war nicht sicher, wie ich meine nächste Frage formulieren sollte.

»Komm schon, Persephone, komm schon, ich weiß, du hast weitere Fragen«, sagte sie.

»Können die an ihn gebundenen Feen ihr Band nutzen, um hier ebenfalls durchzukommen?«

»Durch deine früheren Schutzbanne, ja. Durch das«, sie machte eine weit ausholende Geste, »… nein. Wir haben den Zauber mit Eisen und dunklem Bernstein speziell gegen Feen aufgeladen. Er kann sie nicht herholen. Das hätte er dir eigentlich sagen müssen.«

»Hat er auch irgendwie, aber ich wollte sichergehen. Was ist mit der Leylinie?« Aquula war auf der Leylinie gereist, um mir im Hain zu erscheinen. »Was, wenn die anderen Feen die Linie reiten und hier auftauchen?«

»Das könnten sie. Wir können nicht verhindern, dass sie die Linie nutzen.« Ungeachtet ihrer Blindheit ließ Xerxadrea die noch nie zuvor bei mir gewesen war meinen Arm los und hielt abermals auf meine Veranda zu. Ihr zahmer Rabe sprang von ihrer Schulter und ließ sich krächzend auf dem Geländer nieder. Johnny hatte uns passiert und behielt uns von der Haustür aus im Auge.

»Gut. Was diesen Krieg angeht« Ich wünschte mir Beratung und Beistand.

»Alles zu seiner Zeit.« Xerxadrea tätschelte meine Hand.

Da rief Vilna-Daluca: »Was gibt’s zum Frühstück?«

Bis zu ihrer Frage hatte ich ihre frühmorgendlichen Dienste noch nicht damit in Verbindung gebracht, dass ich ihre Gastgeberin war. Als Einzelgängerin hatte ich keinen Anlass, mich mit dem Knigge der Hexenzirkel vertraut zu machen. »Tja.« Ich warf einen besorgten, flehentlichen Blick zu Johnny. Der Wærwolf konnte auch dann noch ein Gelage ausrichten, wenn bei mir mal wieder Schmalhans Küchenmeister war.

»Ich kümmere mich darum«, sagte er und zwinkerte mir zu. Als sie die die Veranda betraten, hielt er ihnen die Tür auf. »Ich hoffe, Eier und Pfannkuchen sind genehm?«

Xerxadrea ließ vor den Treppenstufen ihren Hexennebel aufwallen, der für mich rasch zu ihrem Markenzeichen geworden war. Die Nebelwolke hüllte ihre untere Körperhälfte ein, worauf sie sich bedächtig und ruhig in die Lüfte erhob. Wenn Nana dazu fähig gewesen wäre, hätte ich mir weniger Sorgen um den Verschleiß ihrer Knie durchs Treppensteigen machen müssen.

»Ruya«, sprach Xerxadrea den Namen ihres Raben aus, »wird draußen warten.« Damit fügte sie ihren Besen der Sammlung neben der Tür zu.

Ich griff nach der offenen Tür, hielt aber inne, als ich auf dem Kies das Geräusch von Reifen vernahm und Lydias mit Matsch bespritzten Pick-up die Einfahrt heraufrollen sah. Sie war übergangsweise, während des Verschwindens der vormaligen Anführerin, die Hohepriesterin des Hexenzirkels Venefica gewesen. Wegen Lydia hatte ich am Eximium teilgenommen: Sie hatte mich für die Stellung der Priesterin vorgeschlagen. Der Göttin sei Dank hatte am Ende des Wettstreits Hunter Hopewell den Titel errungen und nicht ich. Abgesehen davon hatten dieses Haus und Grundstück früher Lydia gehört.

»Lydia ist da«, sagte Xerxadrea.

»Wie machst du das?«, fragte ich.

»Was?« Einst hatte sie ihre Sätze immer mit »Kind« beendet. Ich fragte mich, ob sie damit aufgehört hatte, weil ich nun Mitglied ihres Lucusi war.

»Sie sehen«, platzte ich heraus.

»Durch Zauberei.« Sie lächelte geheimnisvoll.

Das war mir klar, ich hatte nur gehofft, eine etwas ausführlichere Antwort zu erhalten. Aber da sie nicht damit herausrückte, bohrte ich auch nicht nach.

Lydia glitt entspannt aus dem großen Truck und kam auf uns zu. Das Haar hatte sie zu ihrem üblichen Dutt gezwirbelt, dazu trug sie einen Cordanzug und Stiefel mit flachen Absätzen. Sie entbot uns einen geziemenden Gruß und entschuldigte ihre Verspätung mit durchgebrannten Hühnern. »Ist Demeter wach?«

Ihre Frage erinnerte mich daran, dass Lydia und Nana früher Freundinnen gewesen waren und dass sie laut Lydia nicht eben im Guten auseinandergegangen waren. »Höchstwahrscheinlich. Schließlich behauptet sie, der erste Silberstreif am Horizont sei ihr neuer Wecker.«

Lydia holte tief Luft und nickte. »Wenn’s sein muss, werde ich wieder gehen.«

»Das wird wahrscheinlich nicht nötig sein«, antwortete ich und hielt Xerxadrea die Tür auf. Ihre warme, weiche Hand umfasste meinen Arm, womit sie mich beim Eintreten verpflichtete, bei ihr zu bleiben, während es ihr gleichzeitig gelang, die Tür für Lydia höflich einen Spaltbreit offen zu lassen.

Als wir durch den Flur gingen, drang das Klappern von Geschirr an unsere Ohren. Die Hexen hatten sich um die große Tafel im Esszimmer versammelt, an der leicht sechs Personen Platz fanden. Nachdem ich Xerxadrea zu einem gepolsterten Stuhl geführt hatte, zog ich den Tisch aus. Dann trugen wir zur Ergänzung mit vereinten Kräften die Bank und zwei weitere Stühle aus der Essecke in der Küche ins Esszimmer. Nun bot die Tafel Platz für zehn falls Nana sich zu uns gesellen würde.

Um Nanas Knie zu schonen, hatte ich versprochen, das Esszimmer demnächst in ein ebenerdiges Schlafzimmer umzuwandeln und ein zusätzliches Bad einzurichten. Doch falls mir als Mitglied des Lucusi oder als Lustrata regelmäßig Plauderstündchen an meinem Tisch ins Haus standen, mochte der Verlust des Esszimmers zu einem Problem werden. Vielleicht würde ich Xerxadrea bitten, Nana diesen Nebelzauber beizubringen.

In dem Augenblick kamen Nana, Beverley und Ares von oben herunter. Ich scheuchte die junge Dänische Dogge zur Vordertür hinaus, damit sie ihr morgendliches Geschäft verrichtete, hielt Nana und Beverley in der Diele auf und fragte: »Wolltet ihr zwei heute nicht ausschlafen?« Am Abend zuvor hatten Feen Beverley entführt. Sie hatten sie ermorden wollen, nur Menessos’ schnelles Eingreifen hatte sie davor bewahrt. Für mich waren Kidnapping und versuchter Mord Grund genug, sie in der Schule einen Tag blaumachen zu lassen. »Wie wär’s, wenn ich im Sekretariat anrufe und sage, du hättest zu viel Süßes gegessen und lägst jetzt mit Bauchweh im Bett? Dann kannst du daheimbleiben.«

»Aber ich will zur Schule gehen«, lächelte Beverley strahlend.

Ehe ich etwas unternehmen konnte, um sie zurückzuhalten, sagte Nana: »Wir haben oben schon darüber gesprochen« und versuchte, einen Blick ins Esszimmer zu werfen, da das Geplapper dort ihre Aufmerksamkeit erregte.

»Ich werde niemandem etwas verraten«, schaltete sich Beverley ein. »Versprochen.«

Beverley war angezogen und wollte los. Wenn ich darauf bestand, dass sie die Schule schwänzte, würde ich mich lächerlich machen. Als Ares zurückkam, ließ ich ihn ein und hielt ihn am Halsband fest, damit er nicht losstürmte und kleine, alte Hexen von ihren Stühlen warf. »Na gut«, gab ich mich geschlagen. »Aber bring bitte Ares in die Garage und füttere ihn, damit er unsere Gäste in Ruhe lässt.«

Da Beverley ihn mit Futter lockte, ließ sich der Hund, der sich allmählich zu einem Monster auswuchs, von der Kleinen durch den Flur und an den Fremden vorbeidirigieren, die er offenbar nur zu gerne beschnüffelt hätte.

Nachdem ich Nana durchs Wohn- ins Esszimmer geführt hatte, sagte ich: »Erinnerst du dich an Xerxadrea, Nana?«

»Lange nicht gesehen, Demeter.« Die Frauen tauschten Höflichkeitsfloskeln aus, dann fuhr ich fort: »Darf ich dir die anderen vorstellen?«

»Bitte.« Obwohl ich noch alle Namen präsent hatte, ließ ich die Eldrenne die Vorstellung fortsetzen, weil ich sehen wollte, wie Nana auf Lydia reagierte.

Xerxadrea wies die Hohepriesterinnen als Angehörige des Lucusi aus und sagte abschließend: »Das ist Lydia Whitmore.«

Bis zu diesem Augenblick war Nana vollauf damit beschäftigt gewesen, die griesgrämige, nicht mehr ganz zurechnungsfähige alte Schachtel zu spielen, die alle Hände voll damit zu tun hatte, ihr Zigarettenetui aus ihrem Morgenmantel zu fischen und dabei den Eindruck zu erwecken, gar nicht richtig hinzuhören, während sie jeden Namen mit einem halbherzigen Nicken quittierte.

Doch als Lydias Name fiel, hielt sie inne. Bedächtig, doch angespannt drehte sich Nana um. Dann blinzelte sie, als ließe ihre Sehkraft allmählich nach, was aber nicht der Fall war. Dieses Gesicht machte sie, wenn sie Ekel zeigen wollte. Eine Miene, die für gewöhnlich der Erwähnung von Pflegeheimen, Bingo und Antirauchergesetzen vorbehalten war.

Die unangenehme Stille hielt an, anfällig wie eine Seifenblase.

»Hallo, Demeter.«

Nana schob sich eine Zigarette zwischen die Lippen und zündete sie an, ohne ihren streitsüchtigen Blick von der zuletzt eingetroffenen Frau abzuwenden. Sie nahm einen Zug und blies aus dem Winkel ihres schmalen Mundes Rauch an die Zimmerdecke. Ich war fest davon überzeugt, dass sie in diesem Augenblick fähig gewesen wäre, Blechbüchsen zu zerkauen und anschließend Nägel auszuspucken.

»Lydia Whitmore«, zischte Nana, ohne vorher die Zigarette aus dem Mund zu nehmen, »spricht mit mir?« Ihr Flüstern klang wie eine brennende Lunte. Eine sehr kurze. »Nach sechsundfünfzig Jahren?«

Lydia stand zögernd auf. »Ich gehe.«

Nana riss die Zigarette aus dem Mund und fuchtelte damit herum, als sie fortfuhr: »Oh nein, hinsetzen, Lydia! Du bleibst und isst, was dir am Tisch meiner Großmutter vorgesetzt wird.« Aus ihrer rauen Stimme sprachen Sarkasmus und eine bedrohliche, unterschwellig brodelnde Wut. Während sie Lydia beharrlich anfunkelte, schlurfte Nana in die Küche.

Im nächsten Augenblick lief ich ihr sprachlos nach.

Aber da Beverley am Küchencounter stand und aß, verkniff ich mir die auf der Hand liegende Frage. Die Küche war von Frühstücksdüften erfüllt, und Johnny schichtete Pfannkuchen auf eine Servierplatte. Zur Freude der Kleinen wirbelte er einen durch die Luft und fing ihn mit ihrem Teller auf.

Binnen Minuten war alles fertig, und Johnny schob mir eine Platte mit Rührei hin. Dann nahm er die übrigen Servierplatten, auf denen sich Pfannkuchen und Würstchen stapelten, steuerte damit den Esstisch an und bedeutete mir mit einem Nicken, ihm zu folgen. Als er das Frühstück vor der begeisterten Hexenschar absetzte, fischte er einen Pfannkuchen vom Stapel und wickelte ein Würstchen darin ein. »Ich bringe Beverley zur Schule.« Noch während er das Zimmer verließ, schlug er die Zähne in sein Frühstück. »Bin gleich wieder da«, fügte er, schon in der Diele, hinzu, ehe die beiden aus dem Haus gingen.

»Danke«, rief ich ihm nach und sah auf die Uhr. Fünf vor halb neun. Die Sonne ging im Herbst so spät auf!

Zwar hatte Johnny mich aus der Küche zurück zu meinen Gästen befördert, doch war ich eine hoffnungslos schlechte Gastgeberin. Ich wusste nicht, was ich sagen oder tun sollte. Mich bei Lydia entschuldigen? Oder lieber bei Nana? Die Frauen ringsum füllten ihre Teller und hauten rein. Sie erwarteten gar nicht, dass ich irgendwas in Ordnung brachte; für sie hatte ich nichts falsch gemacht. »Setz dich und iss mit uns«, sagte Vilna-Daluca.

Ich setzte mich. Ich hörte den Motor von Nanas LeSabre stottern und aufheulen. Eigentlich hätte ich Beverley zur Schule bringen müssen. Unser Tagesablauf stand so schon auf dem Kopf. Obwohl ich sicher war, dass Johnny Beverley etwas zu essen eingepackt hatte, glaubte ich nicht, dass er eine der Haftnotizen aus dem Witzebuch im Küchenschrank dazugelegt hatte. Beverley war meine Angelegenheit.

»Ist es überhaupt sicher?« Ich sprach leise, trotzdem verstummten alle Gespräche am Tisch, und niemand rührte sich mehr.

»Was?«, wollte Vilna-Duca wissen.

»Dass Beverley zur Schule geht? Nach allem, was sie durchgemacht hat, nach dem Verlust ihrer Mutter und dem, was gestern passiert ist. Vielleicht sollte sie doch zu Hause bleiben.«

»Sie trägt die Halskette«, ließ sich Nana aus der Küche vernehmen. »Die Feen können ihr nichts tun.«

Ich drehte mich auf meinem Stuhl um, um sie sehen zu können. »Aber ist es gut, dass sie hingeht? Hat sie geschlafen? Ist sie«

»Ich habe mit ihr gesprochen«, beruhigte mich Nana nochmals.

Ich stand auf. Ich hätte ohnehin nichts essen können. Von der Küche angezogen, wo ich so gut wie allein sein konnte, schlug ich das Witzebuch auf. Auf den Haftnotizen standen vorn lustige Fragen, die auf der Rückseite beantwortet wurden. Ich hätte daran denken müssen, ehe die beiden gegangen waren. Nur eine Kleinigkeit, die Beverley aber, das stand fest, viel bedeutete. Sie las den anderen Kindern die Scherze beim Essen vor und machte sich so Freunde.

»Mein Leben hindert sie daran, selbst ein normales Leben zu führen.« Ich hatte nicht herausfinden wollen, wie viel ich diesem Kind voraussichtlich zumuten konnte, aber, verdammt, sie schien besser mit allem klarzukommen als ich selbst. Vielleicht taugte ich ja nicht zur Kindererziehung.

»Persephone.« Nanas Stimme war leise.

Ich unterdrückte meine Melancholie, setzte einen Gesichtsausdruck auf, der besagen sollte, dass alles in Ordnung sei, und griff, da sonst nichts in Reichweite stand, nach der Kaffeekanne. »Kaffee?«

Nana schnaubte: »Klar« und lehnte sich neben mir ans Küchenbord. Ich goss zwei Tassen voll, von denen keine mein geliebter Lady-of-Shalott-Becher war. Wir tranken stumm, Seite an Seite, und lauschten dem wieder aufgenommenen Plappern nebenan.

Johnny kam wieder, ehe ich meinen Kaffee getrunken hatte. Er betrat das Haus durch die Vordertür, durchquerte Wohnzimmer und Esszimmer, warf einen Blick auf die Hexenversammlung und fragte, ob sie noch reichlich zu essen hätten. Sie nickten und lobten seine Kochkünste. Eine stellte fest: »Ihre Pfannkuchen sind so locker wie Wolken.«

»Na, Sie müssen’s ja wissen«, gab er zurück. »So wie Sie auf Ihren Besen durch die Luft brausen.«

Dann kam er in die Küche, und als er Nana und mich sah, wies er auf die leeren Teller und flüsterte, bevor er sie im Spülbecken stapelte: »Die haben keinen Krümel übrig gelassen. Ich dachte, nur Wære und Teenager hauen so rein, aber diese sieben alten Hexen können echt was verdrücken.«

»Es ist noch Kaffee da.« Wieder hob ich die Kanne.

Er nahm sie und goss sich ein. Dann fragte er spöttisch: »Was machen wir jetzt mit unserer Leiche im Keller?«

»Leiche?«, echote Nana leise.

»Er meint Menessos.«

»Er ist hier?«

»Ja.« Die Gespräche nebenan waren verstummt.

Plötzlich stand Xerxadrea im Türrahmen. »Menessos muss dir die Wahrheit sagen.«

»Endlich!«, rief Johnny aus.

»Hm?«, fragte ich.

»Ich bin nicht mehr der Einzige, der Menessos für einen Schwindler hält«, grinste Johnny über den Rand seines Kaffeebechers.

»Unterstellen Sie mir nichts, junger Mann«, blaffte Xerxadrea. »Ich habe nichts dergleichen angedeutet.« Keine Frage, sie war auch in ihrem schrillen patriotischen Jogginganzug noch schwer beeindruckend. »Menessos mag vieles sein«, fuhr sie mit fester Stimme, aber ohne den kritischen Unterton fort. »Er steht für manches, das Sie fürchten, um das Sie ihn beneiden oder das Sie gar nicht verstehen, aber ein Schwindler ist er gewiss nicht.« Ehe Johnny Widerspruch einlegen konnte, hob sie eine Hand und fügte hinzu: »Oh, Sie könnten erwidern, dass er die Tatsachen verdreht, bis sie ihm in den Kram passen, aber in Wirklichkeit tut er sehr viel mehr als das. Er nimmt alles, was an ihn herangetragen wird, auf und erkennt auf der Stelle, welche Formulierungen oder Befehle seinen Zwecken am dienlichsten sind.«

»Mein Fehler«, brummelte Johnny. »Er ist also kein Schwindler, aber ein Strippenzieher.«

Wieder konnte ich nicht eingreifen, weil Xerxadrea mir zuvorkam.

»Der Verzicht auf missliche Worte macht ihn nicht zum Schwindler oder Strippenzieher, sondern zu einem Meister.« Sie deutete auf Johnny. »Sie könnten noch etwas lernen, wenn Sie wenigstens den Versuch unternehmen würden, Ihren Streit außer Acht zu lassen und das zu begreifen.«

Johnnys Schweigen konnte nicht verhehlen, dass er sich über ihre Zurechtweisung ärgerte. Sein gerecktes Kinn und der durchgedrückte Rücken sprachen Bände.

Doch Xerxadrea fuhr fort: »Das Blut hat seine Wahrnehmung über Äonen verwandelt. Er trug den Stoff, aus dem diese Welt gewirkt ist, so lange, bis er fadenscheinig wurde und kein Geheimnis mehr für ihn birgt. Er beherrscht alle Strickmuster. An welchen Augenblick Sie sich auch verbissen klammern, weil Sie ihn ändern wollen für ihn ist er nur ein loser Faden. Den er ebenso leicht abschneiden wie Ihnen damit das Leben zur Hölle machen kann. Oder er vernäht ihn und gewinnt dem Augenblick etwas ab, das mit der unausweichlichen Wahrheit übereinstimmt, die nur er erkennt, und von dieser Wahrheit habe ich gesprochen.«

Dann deutete sie auf mich und streckte den Arm aus.

»Bring mich zu ihm. Wir müssen uns mal privat mit ihm unterhalten.«

3

Da sie eine Eldrenne war, widersprach ich nicht und wies auch nicht darauf hin, dass es eigentlich unmöglich war, sich bei Tage mit einem Vampir zu unterhalten. Sie würde einen Weg kennen, diese Tatsache auszuhebeln, sonst hätte sie den Vorschlag nicht gemacht. Also gehorchte ich einfach, wechselte aber noch einen raschen Blick mit Johnny. Als ich Xerxadrea behutsam von meiner Veranda führte, ließ Ruya ein verhaltenes Krächzen hören. Xerxadrea flüsterte darauf etwas, das ich nicht verstand.

»Er hat sich da unten eingeschlossen, Xerxadrea.«

»Das kann ich regeln.«

Das konnte ich auch, aber sie war diejenige, die zu ihm wollte, also würde ich es ihr überlassen, uns Zutritt zu verschaffen.

Wir blieben vor der Kellertür stehen. Während die Wolken über uns jeden Augenblick kalten Regen verhießen, spürte ich seine Gegenwart wie den Kuss der Sommersonne auf der Brust.

Xerxadrea schloss ihre seltsamen Augen und hob eine Hand; ihre welken, alten Finger zitterten, als sie so tat, als taste sie die Unterseite der Tür ab. Dann hob sie plötzlich den Kopf und zischte ein einziges Wort. Ich spürte die Macht der Leylinie, die wie ein Karateschlag scharf die Luft durchschnitt.

Sie nickte mir zu. »Jetzt.«

Ich öffnete die entriegelte Tür und wollte ihren Arm nehmen, doch da waberte bereits eine Nebelwolke um ihre Fußknöchel. Also blieb ich zurück, während sie die unsicheren Stufen hinabschwebte. Als ich sah, dass der eigenartige Dunst sich in dem Augenblick, in dem ihre Füße den Kellerboden berührten, verzog, ging ich ihr nach. Nana musste unbedingt erfahren, wie dieser Trick funktionierte.

Ich zog an der Strippe der Deckenlampe. Menessos hatte sich in den leeren Käfig begeben. Dort lag er nun vollkommen bewegungslos.

Xerxadrea ging auf ihn zu und blieb vor der offenen Käfigtür stehen. Ich beobachtete sie in der Annahme, sie werde, um den Vampir irgendwie bei Tag aufzuwecken, die Leylinie anzapfen.

»Du hast sie gefunden«, sagte Xerxadrea missgelaunt.

Menessos setzte sich. »Ja, und zwar vor dir.« Schon stand er da und bürstete Stroh von seinem maßgeschneiderten Anzug.

Ich war bestürzt. Ich hatte nicht gespürt, dass sie auf die Linie zugegriffen hatte. Ich hatte sie auch keinen Zauber oder sonst etwas flüstern hören. Vielleicht hatte sie das ja gleichzeitig mit dem Öffnen der Kellertür erledigt.

»Wenn sie mir das Taschentuch zurückgibt, übergebe ich dir Ruya.«

Er kam aus dem Zwinger und legte ihr leicht die Hände auf die zarten Schultern. »Diese Wette ist Jahrzehnte alt! Ich verlange keinen Ausgleich mehr. Du brauchst Ruya.« Er fuhr sanft über ihr schneeweißes Haar und einen Teil ihres langen Zopfs. »Ich wollte damals nur, dass du Ruya setzt, weil ich dir wehtun wollte. Aber daran liegt mir nichts mehr.«

»Dann sind deine Wunden besser verheilt als meine«, hauchte sie.

»Ja, und deshalb gibt es keinen Grund, dich zu verletzen. Es tut mir leid, Xerxadrea.«

Sie hatten gewettet, wer von ihnen die Lustrata finden würde, und mithilfe des Taschentuchs hatte er seinen Gewinn einstreichen wollen? »Du hast ihr während des Eximiums gesagt, dass ich die Lustrata bin?«

Xerxadrea sagte über die Schulter: »Ich wusste zuerst nicht, welche Kandidatin es war.« Dann schien ihr etwas einzufallen. »Ich sagte dir doch, dass er früher mal eine Schwäche für mich hatte so wie heute für dich.«

Und ich hatte geglaubt, dass sie einander geliebt hatten oder dass er sie zu seiner Hofhexe hatte machen wollen und fälschlicherweise angenommen, ihre Stellung im Hexenältestenrat WEC unterstreiche ihre Abneigung gegen ihn. Aber davon war anscheinend nie die Rede gewesen. »Er hat dich für die Lustrata gehalten.«

»Das ist lange her«, sagte er und streichelte ihre runzelige Wange.

»Besser du als ich, Persephone.« Sie wandte sich wieder Menessos zu. »Ich habe die Wette verloren. Versprich, dass du Ruya gut behandelst.«

»Ich habe das Taschentuch verbrannt, Xerx.«

»Warum?«

»Weil ich nicht riskieren wollte, dass die Feen es in die Finger bekommen.«

Xerxadrea wich vor ihm zurück. »Das war ein Versehen.« Zum ersten Mal, seit ich sie kannte, hörte sie sich so alt an, wie sie wirklich war.

»Das weiß ich.« Er sprach sanft, ohne Vorwurf.

Xerxadrea schwieg.

Ich durchbrach das Schweigen, das uns umgab, mit einer Frage: »Wie kam es dazu, dass diese Feen an dich gebunden sind?«

»Das ist eine sehr lange Geschichte.«

»Ich bin geduldig.« Das war gelogen, aber er musste mir die Wahrheit sagen, so oder so.

»Weißt du, was über die Flüche im Kodex steht?«

»Ja. Es war einmal eine Priesterin namens Una, die zwei Liebhaber hatte. Dann trat ein Fremder auf den Plan, der von einem neuen Gott berichtete, sich in sie verliebte und alle drei verfluchte, als sie ihn zurückwies.«

»Ja, aber das meiste gelangte gar nicht in den Kodex. Una und ihre Liebhaber wollten herausfinden, wie sie ihre Flüche brechen konnten«, sagte er. »Mithilfe ihrer Zauberkraft erforschten sie« Er hielt inne, offenbar suchte er nach den richtigen Worten, mit denen er mir etwas erklären konnte, das ich wahrscheinlich sowieso nicht verstehen würde. »Sie erforschten verschiedene Astralbezirke und stießen dabei schließlich auf das Feenvolk. Die Feen suchten damals eine neue Heimat.«

»Warum?«

»Die Feen hatten in ihrer Welt einige Fehlentscheidungen getroffen und versuchten, sie zu korrigieren.« Er tat das ab wie eine unwichtige Einzelheit.

»Nicht so ungenau, Menessos. Ich muss einen Krieg verhindern. Was für Fehlentscheidungen hatten sie getroffen?«

»Das spielt wirklich keine Rolle.« Der Vampir begann, auf und ab zu gehen. »Una und ihre Liebhaber kamen überein, den Feen Zutritt zu dieser Welt zu gewähren als Gegenleistung verlangten sie, dass sie ihre Flüche brächen. Die Feen wussten nicht, wie sie das anstellen sollten, versprachen aber, sie in Tiefenmagie und Zauberei zu unterweisen. Außerdem erklärten sich die Feen einverstanden, ihre magischen Riten zu schützen. Bis sie einen Weg finden würden, die Flüche zu brechen, wurden die vier obersten Feen an Una und ihre Liebhaber gebunden und so schützen die Mächtigsten die Mächtigsten.«

Eigentlich hatte dieser uralte »Fluch« zu hochinfektiösen Viren geführt: Vampirismus und Lykanthropie. Aber die Wissenschaft hatte die Geschichte ihrer magischen Aura beraubt. Ich sagte: »Heilung gibt es nicht«

»Die Ironie der Geschichte ist«, nahm Menessos den Faden wieder auf, »dass Una und ihre Liebhaber ihrerseits ein Geheimnis behüteten, von dem sie jedoch keine Ahnung hatten. Denn sie waren sich des wahren Ausmaßes ihrer Flüche nicht bewusst und kamen erst im Laufe der Jahre dahinter. Weißt du, die Feen meinten nämlich, ihr Band würde mit dem Tod der Sterblichen enden bloß, dass einer von ihnen nicht mehr sterblich war.«

»Der Vampir«, sagte ich.

Da verstand ich, was ich nicht wahrhaben wollte. Das Rätsel, das Menessos seit unserem ersten Tag umgeben hatte, war gelöst. Ich starrte ihn wie vom Donner gerührt an.

Menessos war der Hexenkunst mächtig. Er roch nicht wie andere Vampire, und obgleich er seit Tagesbeginn eigentlich hätte »tot« sein müssen, hatte Xerxadrea, um ihn zu wecken, nicht auf die Leylinie zugreifen müssen.

»Du.« Ich hauchte das Wort mehr, als dass ich es sagte.

Als er das Standbein wechselte, schabte sein Fuß über den Beton des Kellerbodens, doch er schwieg.

»Du warst dabei? Du hast sie eingelassen, du« Ich bekam kaum noch Luft, mein Herz hämmerte in meiner Brust. »Du warst der Erste, und du bist nie nie gestorben.«

Und Menessos lebte immer noch.

4

»Abertausende haben ihr Leben gelassen, um meinen Fluch mit mir zu teilen, doch niemand unter ihnen weiß, was ihr beide jetzt wisst«, sagte Menessos.

Es war unfassbar. Fast zumindest. Xerxadrea hatte gesagt, er habe den Stoff, aus dem diese Welt gewirkt war, getragen, bis er fadenscheinig geworden war. Seit Äonen, hatte sie gesagt. Was ich aber nicht wörtlich genommen hatte.

»Die Feen, die an mich gebunden wurden, gehören zu ihrer Königsfamilie, Persephone. Sie wollten ihre Bande an mich genauso nachdrücklich abstreifen, wie ich vordem meinen Fluch unwirksam machen wollte. Als die Hexen vor vierzig Jahren mit dem Konkordat von Munus einwilligten, sich zum Schutz ihrer Magie lieber auf die Naturkräfte zu verlassen, schwor ich, sie selbst nicht in Anspruch zu nehmen. Das Konkordat war für mich nicht bindend, mein Versprechen war nur eine Geste um den Frieden zu wahren.« Menessos sah Xerxadrea an. Etwas Unausgesprochenes ging zwischen ihnen vor.

Friede. Gleichgewicht. Als Lustrata war es an mir, beides herbeizuführen. So oder so war es mir beschieden, dafür zu sorgen, dass Menschen, Hexen, Wære und Vampire lernten, einander zu achten und friedlich nebeneinander zu leben. Was aber nicht bedeutete, dass mich irgendwer darüber aufgeklärt hätte, wie ich das anstellen sollte.

Schicksal war scheiße.

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