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Fatebound (2) Tribunal der Elfen

Impressum
Widmung
Prolog
Nach Westen
In den Wäldern des Westens
Meldoria
Winternacht
Im hohen Norden
FjönsFjorden
Am schwarzen Berg
Heimkehr
Concept Art

Prolog

 

Er hatte gar nicht gemerkt, wie die Zeit verflog. Als er ihre Stimme hörte und aufsah, fielen bereits die letzten Strahlen der Abendsonne durch die leeren Fensteröffnungen, die nur durch magische Schilde Schutz vor Wind und Kälte boten, und tauchten die Bibliothek in ein rostrotes Licht.

»Kommst du, Nat?«, fragte sie.

Sie lehnte im Rahmen der Eingangstür, die Arme, die fast in den weiten Ärmeln ihrer schwarzen Magierrobe verschwanden, über der Brust verschränkt, ihr langes Haar offen. Ohne jegliche Verzierung und ohne eine einzige Welle fiel es ihr gerade bis zu den Hüften. Die letzten Strahlen der Sonne ließen die roten Glanzlichter in seinem sonst fahlen Braun aufleuchten und ihre sonst durch das Schwarz der Robe bleich erscheinende Haut erglühen. Sie hatte ihre Unterlippe vorgeschoben, zusammen mit den verschränkten Armen ein sicheres Zeichen dafür, dass ihre Geduld zu Ende ging.

Er warf noch einen letzten Blick auf das Buch vor ihm – Aufbewahrungsformen der Magie – und schlug es dann, nicht ohne Bedauern, zu, natürlich nicht, ohne die Seite vorher mit einem Leseband zu markieren.

»Du arbeitest zu viel«, sagte sie, als sie den Gang zum Speisesaal hinuntergingen.

»Unsinn«, sagte er kurz angebunden. »Wir sind hierhergekommen, um zu lernen. Nicht, um uns zu vergnügen.«

Er warf einigen der anderen Lehrlinge, an denen sie vorbeigingen, einen bezeichnenden Blick zu. Er hörte ihr Gelächter, als sie sich entfernten und wusste, dass sie nun wieder Grimassen schnitten und einer von ihnen seinen Gang nachahmte, der geduckt war und seltsam getrieben. Nachdem er sie zum ersten Mal dabei ertappt hatte, wie sie ihn nachahmten, hatte er einen Spiegel in der leeren Luft seiner Schlafkammer heraufbeschworen und war vor ihm auf und abgegangen. Tatsächlich, musste er zugeben, war die Imitation äußerst gelungen.

Sie waren nun fast am Speisesaal angekommen. Es war in diesen Tagen selten, dass sie zu zweit unterwegs waren und bevor er sich zu genau überlegen konnte, was er da tat, hielt er sie am Handgelenk zurück. Sie drehte sich zu ihm um.

»Möchtest du nach dem Abendessen noch etwas Zeit verbringen?«, fragte er.

Sie sah ihn an, mitten in dem Strom aus Menschen, der gezwungen war, sich um sie zu teilen. Ein Lehrling rempelte Nathanael absichtlich an, doch er achtete nicht darauf. Dann glitt ihr Blick zur Seite ab.

»Es tut mir leid«, sagte sie und so etwas wie Bedauern stand in ihren Augen. »Simon hat mich bereits gefragt.«

Die Zurückweisung schmerzte. Ausgerechnet Simon, dieser übergewichtige Tinkturenpanscher, dieser ungelenke Möchtegernalchemist.

»Warum kommst du nicht mit?«, fragte sie. »Es wäre so wie früher. Weißt du noch, wie viel Spaß wir zu dritt hatten?«

»Ganz bestimmt nicht«, entgegnete er. Er wollte sich abwenden, aber sie legte ihre Hand auf seine Schulter und hielt ihn zurück.

»Ganz ehrlich«, sagte sie, »ich mache mir Sorgen um dich.«

»Es gibt keinen Grund, sich Sorgen zu machen.«

»Aber die Bücher, die du liest. Und die Experimente … Denkst du nicht, dass du zu weit gehst?«

Er schüttelte ihre Hand ab.

»Es gibt kein zu weit«, sagte er. »Es gibt nur Stärke und Schwäche und eines Tages werde ich stärker sein als alle hier.«

Sie hatte ihre Arme wieder vor der Brust verschränkt. Er hatte sie verletzt, das konnte er an ihrem Gesichtsausdruck sehen. Vielleicht sollte er sich entschuldigen. Wenn er sich jetzt entschuldigte, würde sie lachen und mit einer knappen Handbewegung das Ganze abtun. Doch er zögerte und der Moment ging vorüber.

»Vielleicht«, meinte sie, »doch wenn du wirklich der Mächtigste bist, wirst du jeden einzelnen Tag deines restlichen Lebens in Angst verbringen.«

Er lachte, dann sah er, dass es ihr ernst war.

»Es ist genau andersherum«, sagte er. »Es sind die Schwachen, die sich fürchten müssen, weil die Mächtigen sie beherrschen.«

»Nein. Du bist es, der sich fürchten wird. Denn um zu Fall gebracht zu werden, musst du nur ein einziges Mal besiegt werden, und sei es durch Glück.«

»Ich glaube nicht an Glück«, sagte er. »Und niemand wird mich besiegen.« Dafür würde er sorgen. Er würde besser sein als Simon, dieser Tollpatsch, besser als die Lehrlinge, die sich hinter seinem Rücken über ihn lustig machten, besser als die Lehrer, die ihn hassten, weil er sie bereits zu übertrumpfen drohte. Als er aus seinen Gedanken wieder auftauchte, war sie fort und er starrte in die Leere, die sie einen Moment zuvor noch ausgefüllt hatte.

Er hatte gar nicht gemerkt, dass sie gegangen war.

Nach Westen

 

Tkemen faltete den Brief und entfaltete ihn wieder, aber die Worte blieben die gleichen.

Seltsame Gerüchte über Armee Lord Eisens. Gehe nach Westen und finde mehr heraus. Erstatte Bericht beim Wirt im Gasthof Zum Kalten Fisch an der Kreuzung zum Norden.

Tkemen starrte auf die Worte, die in Hast auf das Papier gekritzelt worden waren und auf den Spritzer Siegelwachs, der sich quer über die Seite zog. Dann drehte er das Papier um und betrachtete die andere Seite, doch abgesehen von dem zerbrochenen Siegel war sie leer. Das war alles. So sehr er sich auch einzureden versuchte, dass eine geheime Botschaft zwischen den Zeilen stand, da war nichts.

Was, zum Teufel, hatte Erik sich dabei gedacht? Es war erst zwei Tage her, seit er mit den anderen aus Failin geflohen war. Sie waren den ganzen gestrigen Tag und den Großteil der letzten Nacht geritten, um so viel Entfernung wie möglich zwischen sich und die Wachen des Königs zu bringen. Während der Regen um sie in langsamen, schweren Tropfen fiel, die ihre Kleidung durchdrangen und sie bis auf die Haut durchnässten, dachte Tkemen an Eriks niedergebranntes Haus und fragte sich, wo er jetzt wohl war. Er hatte ein schlechtes Gewissen, weil er Lord Eisen wahrscheinlich auf Eriks Spur gebracht hatte. Allerdings nicht schlecht genug, um sich bereitzuerklären, hunderte von Meilen nach Westen ins Niemandsland zu reisen, nur um seltsamen Gerüchten nachzugehen. Andererseits wusste er auch nicht genau, wohin er sich sonst wenden sollte.

Tkemen erhob sich, faltete das Blatt Papier sorgfältig zusammen und steckte es in seine Tasche, dann ging er mit langen Schritten durch den vor Nässe tropfenden Wald zum Rastplatz zurück. Wenigstens hatte der Regen ihre Spuren verwischt, das würde es den Wachen des Königs schwermachen, sie zu verfolgen.

Als er zwischen den Bäumen hervortrat, saß Haku auf einem umgestürzten Baumstamm und warf einen Stock ins Unterholz hinein, den Nikito hechelnd zurückbrachte. Elais saß zusammengesunken auf einem Stein am Rand des Feuers. Ihre Hände fuhren ihren Stab entlang, an dessen Spitze ein eisblauer Kristall befestigt war. Seit sie Failin entkommen waren, wirkte sie etwas lebhafter als zuvor, was allerdings nicht viel hieß. Sie schreckte nicht mehr zusammen, wenn Tkemen sie ansprach und sie starrte nur noch die Hälfte der Zeit ins Leere. Das war alles. Kaya kniete am Rand eines qualmenden Haufens von Ästen und blies mit voller Kraft hinein. Die Diebin war nirgends zu sehen. Manche Dinge änderten sich eben nie.

Als er sich näherte, blickte Kaya auf. Ihr Gesicht war voller Ruß.

»Na endlich«, sagte sie. »Ich könnte hier ein bisschen Hilfe gebrauchen.«

»Lass es«, sagte Haku. »Das Holz ist mit Wasser vollgesogen. Das gibt nie ein richtiges Feuer.«

»Denkst du!«, gab Kaya zurück und hustete.

»Frag doch Elais«, sagte Tkemen. »Ich bin sicher, sie könnte innerhalb von Sekunden ein schönes, warmes Feuer zaubern.«

Im selben Augenblick, in dem er die Worte ausgesprochen hatte, bereute Tkemen sie bereits. Es hatte ein Scherz sein sollen, eine belanglose Plänkelei, doch Elais zuckte zusammen, als hätte er ihr eine Ohrfeige gegeben und versank noch tiefer im Schatten ihrer Kapuze.

»Ganz gleich«, sagte er hastig und ließ sich neben dem qualmenden Holzstoß nieder. »Wir müssen besprechen, wohin wir uns als nächstes wenden.«

Zu seiner Überraschung sah Elais auf.

»Du hast gesagt, dass du mich in meine Heimat zurückbringen wirst«, sagte sie.

Hatte er das? Tkemen erinnerte sich undeutlich an ein Versprechen, das er dem Befehlshaber der Wachen gegeben hatte, damit dieser Elais gehen ließ. Anscheinend hatte Elais seinen Worten mehr Bedeutung zugemessen, als er vorgesehen hatte.

»Du hast doch gesagt, dass du nicht zurückkehren kannst«, warf Kaya ein.

»Richtig«, meinte Tkemen. »Ist der Gebrauch von Magie bei euch Elfen nicht verboten?«

»Aber ich habe keine Magie mehr«, sagte Elais und sah ihn mit ihren Augen voll smaragdgrünem Feuer an und Tkemen fühlte wieder, wie sich sein schlechtes Gewissen regte.

»Bist du sicher, dass deine Sippe die Verbannung aufheben wird?«

Elais schwieg.

»Ich denke, du solltest gehen«, sagte Haku plötzlich.

»Und weshalb?«, fragte Tkemen sarkastisch. »Kennst du dich etwa besonders gut in Elfenpolitik aus?«

»Nein«, sagte Haku ruhig, »aber Lord Eisen hat eine Armee im Westen aufgestellt, die die Elfen angreifen wird, sobald er das Signal gibt. Ich denke, dass Elais‹ Familie davon wissen sollte.«

Elais entfuhr ein erstickter Laut, doch Tkemen hörte ihn kaum. Er starrte Haku an.

»Lord Eisen hat davon mit deinem Freund gesprochen«, sagte Haku, »kurz bevor sie mich gefangen genommen haben.«

»Er ist nicht mein Freund«, meinte Tkemen düster.

Haku zuckte mit den Schultern.

»Wie dem auch sei. Lord Eisen hat von einem mächtigen Magier gesprochen, mit dem die Herrinnen verbündet sind. Seine Bedingung, sie zu unterstützen, war, dass Lord Eisen eine Armee aufstellt, die die Elfen vernichtet.«

»Ein mächtiger Magier?«, fragte Kaya. »Wer könnte das sein und was hat er davon?«

»Ich habe nicht die geringste Ahnung«, sagte Haku.

Er sah so aus, als ob er noch etwas hinzufügen wollte, doch dann blieb sein Blick an Kaya hängen und er schwieg. Tkemen fragte sich, ob Haku mehr wusste, als er ihnen sagte. Er beschloss, ihn bei Gelegenheit zur Rede zu stellen.

»Vielleicht fürchtet er die Elfen«, sagte er stattdessen. »Wahrscheinlich hat ihm keiner gesagt, dass Magie inzwischen bei ihnen verboten ist.«

»Die wichtigste Frage ist doch«, sagte Kaya, »was möchtest du tun, Elais?«

Tkemen wandte sich der Elfe zu. Er bemerkte erst jetzt, dass sie während ihrer Diskussion ungewöhnlich still geblieben war, selbst für ihre Verhältnisse. Sie war blass und in ihren Augen loderte ein Feuer, das er dort schon lange nicht mehr gesehen hatte. Abrupt stand sie auf.

»Ich muss sie warnen«, sagte sie. Sie machte Anstalten hier und jetzt von der Lichtung zu laufen, doch Tkemen packte sie an den Schultern und drückte sie auf den Baumstamm nieder.

»Ganz ruhig«, sagte er. »Die Wälder der Elfen liegen viele Tagesreisen von hier im Westen. Lass uns erst noch einmal darüber reden.«

»Es gibt nichts zu bereden.«

Elais war steif unter seinen Händen und er spürte die Spannung, die von ihr ausging.

»Wer weiß, welchen Empfang dir deine Sippe bereiten wird«, sagte er. »Was ist die Strafe für Verbannte, die zurückkehren?«

Elais schwieg.

»Außerdem«, fuhr er fort, »hast du bedacht, was wir anderen dort sollen? Soweit ich weiß, ist deine Sippe Menschen nicht gerade freundlich gesinnt. Es könnte gefährlich werden.«

»Gib es auf.«

Tkemen sah auf. Die Diebin stand an einen der Bäume gelehnt am Rande der Lichtung und blickte mit einem verächtlichen Ausdruck zu ihm hinüber. Noch während er sich fragte, wie lange sie wohl schon dort stand, stieß sie sich ab und kam auf sie zu.

»Er wird dich nicht in deine Heimat zurückbringen.«

Tkemen spürte Zorn in sich aufwallen, wie eigentlich jedes Mal, wenn er mit der Diebin sprach. Natürlich würde sie die Gelegenheit dazu nutzen, sie gegeneinander aufzustacheln. Als reichte es nicht, dass sie ihnen überallhin folgte, seit sie die Hauptstadt verlassen hatten.

»Sein Versprechen war das eines Edelmannes und wie viel das wert ist, weiß man. Denkst du wirklich, er würde allein wegen einer Elfe hunderte Meilen nach Westen reisen, wenn es ihm persönlich nichts bringt?«

Tkemen ließ Elais‹ Schultern fahren und stellte sich zwischen sie und die Diebin.

»Halt dich da raus«, sagte er. »Wenn dir nicht passt, was wir beschließen, kannst du ja nach Ferian zurückkehren.«

»Nur zu«, sagte sie. Ihre Gesichter waren nun nur noch wenige Handbreit voneinander entfernt. »Lenk ruhig ab. Das ändert nichts daran, dass du ein Versprechen gegeben hast, das du nicht halten wirst und wir beide wissen es.«

Tkemen spürte, wie ihm die Hitze in die Wangen stieg.

»Ich habe nicht vor, es zu brechen«, sagte er. Er hob seine Stimme. »Hörst du, Elais? Wenn es wirklich das ist, was du willst, dann werde ich nicht ruhen, bis du wieder in den Wäldern deiner Heimat angekommen bist.«

Elais sah auf.

»Wirklich?«, fragte sie.

»Natürlich«, presste Tkemen zwischen den Zähnen hervor und sah dabei der Diebin ins höhnische Gesicht. »Beim zehnfach geschmiedeten Stahl meiner Katanas.«

»Na dann«, sagte Kaya. »Wann brechen wir auf?«

 

***

 

Haku machte sich Sorgen. Er hatte bisher kaum Zeit zum Denken gehabt, aber nun ging ihm die Unterhaltung, die er zwischen Lord Eisen und Nkato belauscht hatte, nicht mehr aus dem Kopf. Wer war dieser Magier, von dem die beiden gesprochen hatten?

Was denkst du?, fragte er Nikito im Stillen, ist es derjenige, der dem Rudel befohlen hat, Kaya zu töten?

Der Hund saß still und zuckte mit den Ohren. Dann jaulte er leise. Haku seufzte und kraulte ihn hinter den Ohren.

»Du weißt es nicht«, sagte er. »Wie denn auch.« Nikito war bei Haku geblieben, als der Graue, der Anführer des Wolfsrudels, mit dem er sechs Monde lang gelaufen war, die Stimme des Mannes gehört hatte. Haku selbst hatte fest geschlafen und nachdem es Nikito endlich gelungen war, ihn zu wecken, war das Rudel bereits verschwunden gewesen. Haku hatte den Grauen hinterher gefragt, wieso er ohne sie gegangen war. Als er an die Antwort des Grauen zurückdachte, stieg ihm wieder der Geruch in die Nase, der Geruch des Mannes, der dem Grauen befohlen hatte, Kaya zu töten; ein Geruch nach geschmolzenem Stein und Feuer. Feuerdämon hatte Lord Eisen den Magier genannt, der mit den Herrinnen paktierte. Wenn es sich wirklich um denselben Mann handelte, der nun plante, die Elfenwälder niederzubrennen, wäre es für Kaya äußerst gefährlich, ausgerechnet dorthin zu reisen, wo sich Lord Eisens Armee befand.

Er könnte dort sein, dachte Haku und spürte, wie eine Gänsehaut seinen Rücken hinaufkroch. Als er vorgeschlagen hatte, dass Elais in ihre Heimat zurückkehren sollte, hatte er dies nicht bedacht. Vielleicht wäre es besser, wenn er Kaya vorschlug, die anderen zu verlassen und zu den Waldinseln zurückzukehren, wo ihre Eltern auf sie warteten. Der Sonnendurchlauf, den sie beide den Sitten gemäß von ihrer Heimat fernbleiben mussten, war bereits vergangen und sie würden als Gleichwertige, als Krieger zurückkehren.

Er sah verstohlen zu Kaya hinüber, die gerade bei Teufel, ihrem Pony, stand und mit gerunzelter Stirn seine Satteltaschen durchwühlte. Ihre Arme versanken bis zu den Schultern in den Satteltaschen und sie stand auf den Zehenspitzen, um noch tiefer hineinzureichen. Von seiner Position aus sah Haku ihren bloßen Nacken, der unter der Matte an verfilztem, schwarzbraunen Haar hervorleuchtete und die Hälfte ihres Profils. Ein Rußfleck zog sich über ihre Wange. Er spürte, wie ihm bei ihrem Anblick warm wurde.

Warum?, dachte Haku zum wiederholten Male. Warum sollte irgendjemand Kaya töten wollen? Am liebsten würde er sie nehmen und so viel Entfernung zwischen sie und die Armee bringen wie möglich. Er sah sich bereits zu ihr hinübergehen und ihr den Rußfleck aus dem Gesicht wischen. Kaya, würde er sagen, lass uns von hier verschwinden. Dieser Krieg zwischen Menschen und Elfen, dieser Kampf, das ist nicht unsere Sache. Er sah, wie sie sich mit ihrem spitzbübischen Lächeln zu ihm umwandte.

Doch statt zu ihr zu gehen, wandte er sich seinen eigenen Satteltaschen zu und begann methodisch die Päckchen mit gesalzenen Fischen auszuwickeln und zu zählen. Sie würde ihm nicht folgen. Sie würde seine Bedenken verlachen und wenn er darauf bestände, würde sie ihre Stirn runzeln und ihm sagen, dass sie Elais begleiten würde, bis sie sicher in ihrer Heimat angekommen war.

Kaya stieß einen Schrei aus und Haku ließ das Päckchen mit getrockneten Fischen fallen, das er soeben in der Hand gehabt hatte. Er war bereits halb bei ihr, als er sah, dass sie mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht auf etwas in ihren Händen starrte. Er wurde langsamer.

»Was ist denn?«, fragte Tkemen und trat hinter Tika, seiner braunen Stute, hervor.

Kaya hielt ihre Hände in die Luft.

»Ich habe meine Wurfscheiben gefunden!«, rief sie. »Sie waren in meinen Satteltaschen, ganz zuunterst.«

Haku lächelte. Auch er und Tkemen hatten ihre Schwerter an ihren Satteltaschen befestigt gefunden. Sie wussten immer noch nicht, warum Lord Eisen ihre Pferde gesattelt und bepackt im Hof bereitgehalten hatte, sodass sie fliehen konnten, aber er war froh, dass Kaya ihre Waffen zurückhatte. Ohne sein Schwert fühlte er sich wie ein Wolf ohne Gebiss.

»Weißt du überhaupt noch, wie man sie benutzt?«, fragte Haku. »Seit ich dich vor den Wölfen gerettet habe, habe ich dich kein einziges Mal damit kämpfen sehen.«

»Sagt die Krähe zum Raben«, entgegnete Kaya und lachte. »Hast du dein Schwert überhaupt schon gezogen, seit du die Waldinseln verlassen hast?«

Sie sprang in die Luft und warf eine der Wurfscheiben, die in einem Halbkreis nach rechts flog, bevor sie die Richtung änderte und wieder zu Kaya zurückkam, die sie aus der Luft pflückte.

Haku packte den Knauf seines Zweihänders, den er auf den Rücken geschnallt trug und zog blank. Die anthrazitfarbene Klinge leuchtete dunkel im Sonnenlicht, das durch die Blätter fiel.

»Du kannst es gerne herausfinden, wenn du möchtest«, sagte er.

Kayas Augen glänzten. Sie kreuzte ihre Arme mit den Wurfscheiben vor dem Körper und ging in Kampfstellung und unwillkürlich tat Haku es ihr nach. Er trat einen Schritt zurück und ging leicht in die Knie, jeder Muskel seines Körpers angespannt, das Schwert vor sich ausgestreckt, die Spitze auf Kaya zeigend. Auf den Waldinseln hatten sie oft miteinander gekämpft, Übungskämpfe, meist mit stumpfen Waffen und Haku hatte fast immer gewonnen.

»Oh nein!«, rief Tkemen und trat vor. »Wir haben jetzt keine Zeit für einen Zweikampf. Wir sind immer noch zu nah an Failin.«

Haku rührte sich nicht. Er ließ Kaya nicht aus den Augen, die ihn ebenfalls unverwandt anstarrte, auf eine Bewegung lauernd. Die Spannung stieg, bis sie beinahe unerträglich war und noch immer rührte Haku sich nicht. Er wartete. Er war geduldiger als Kaya, seine Nerven stärker. Sie würde die erste Bewegung machen und dann würde Haku sie kontern und zum Gegenangriff übergehen. Und tatsächlich, kaum hatte er den Gedanken zu Ende geführt, ließ Kaya sich nach vorne fallen, sprang und entließ ihre Wurfscheiben aus der Drehbewegung. Sie flogen sirrend an ihm vorbei, doch statt sich umzusehen, blieb Haku still und ließ Kaya nicht aus den Augen. Es war ein alter Trick von ihr, der einzige Vorteil, den sie mit den Wurfscheiben hatte, doch im Gegensatz zu den meisten kannte er ihre Waffe genau und er wusste, bis auf den Herzschlag genau, wann die Scheiben auf ihn treffen würden und so blieb er, statt beiseitezutreten. Im letzten Moment ließ er den Zweihänder nach rechts und links fahren. Es gab einen hellen Klang, als Metall auf Metall traf und die Scheiben fielen mehrere Schritte von ihm entfernt zu Boden, zu weit für Kaya, um sie zu erreichen. Doch da war Kaya bereits heran. Haku erwartete sie und schwang sein Schwert in einem Halbkreis nieder, der sie, wenn sie nicht beiseitegetreten wäre, von oben bis unten aufgeschlitzt hätte. Stattdessen duckte sich Kaya unter seinem zu langsam geführten Schlag hindurch und führte mehrere schnelle Faustschläge gegen seine Brust und seine Arme. Das war neu. Haku wich zurück, und ihre Schläge gingen ins Leere. Er brachte den Knauf seines Schwertes zwischen sich und Kaya, sodass ihre Faust auf das Metall traf. Dann ließ er seine Klinge nach unten schwingen und Kaya wich zurück. Sie standen nun etwa zwei Schritte voneinander entfernt und umkreisten sich vorsichtig. Haku spürte, wie ihm der Schweiß über den Nacken lief. Wo hatte Kaya gelernt, so zu kämpfen? Diese Schläge, das war etwas, das sie nicht auf den Waldinseln gelernt hatten. Dennoch. Kaya hatte ihre Waffen verloren. Alles, was er tun musste, um den Kampf zu gewinnen, war, sie auf Abstand zu halten. Er machte einen Ausfallschritt und ließ die Klinge auf Kaya zuschießen. Kaya sprang zurück. Jetzt nicht nachlassen, dachte Haku. Er musste ihr so zusetzen, dass sie vor Erschöpfung aufgab. Er setzte mit einem zweiten Ausfallschritt hinterher, Kaya duckte sich unter dem Streich hindurch, doch bevor sie ihm wieder nahekommen konnte, wandelte Haku den Schlag in einen tiefen um und sie sprang zurück. Haku setzte nach und führte einen Schlag in der Horizontalen. Doch statt zurückzuweichen, wie er es erwartet hatte, stolperte Kaya und für einen Herzschlag lang schien die Zeit einzufrieren. Hakus Gedanken überschlugen sich. Zu spät. Es war zu spät. Er hatte den Schlag mit zu viel Kraft geführt und nun war seine Klinge nur noch wenige Fingerbreit von Kayas Hals entfernt. Sein Schwert würde den Halbkreis, in dem er es führte, vollenden und Kayas Kopf glatt von den Schultern trennen und es gab nichts, was er dagegen tun konnte. Warum, oh, warum nur hatte er sich bereit erklärt, nein, hatte er es darauf angelegt, diesen Zweikampf mit ihr auszufechten? Er hatte sich nur an die Zeiten erinnern wollen, an denen sie beide in ihrer Heimat gelebt hatten, zwei Halbwüchsige, keine Kinder mehr, aber noch keine Erwachsenen. An die Zeit, in der sie miteinander kämpferisch gespielt hatten und in der es noch keinen Magier gegeben hatte, der Kayas Leben bedrohte, keine Elfe, die Kaya beschützen wollte und keinen Krieger, der ein Auge auf Kaya geworfen hatte. Und mit einem Mal erkannte Haku, dass er eifersüchtig war, auf Tkemen, der Kaya mit einem Ausdruck in den Augen ansah, der ihm nicht gefiel, auf Elais, für die Kaya bereit war, ihr eigenes Leben aufs Spiel zu setzen und sogar auf den Magier, dessen Gesicht er noch nie gesehen hatte, aber der mit Kaya verbunden war, auf eine Art, die er noch nicht verstand. Dann warf sich Kaya nach hinten, die Klinge seines Schwertes schnitt durchs Leere, Kaya stützte sich mit den Händen auf und kam auf den Füßen wieder zum Stehen. In einer Hand hielt sie eine ihrer Wurfscheiben. Haku ließ sein Schwert sinken. Seine Muskeln waren auf einmal zu schwach, um es zu halten und in einer blitzschnellen Bewegung führte Kaya die Wurfscheibe an seinen Hals.

»Gibst du auf?«, fragte sie.

Haku nickte, zu erleichtert, um zu sprechen.

Kaya musterte ihn.

»Ist alles in Ordnung?«, fragte sie. »Du bist blass.«

Nein, dachte Haku, nichts ist in Ordnung. Wir reiten bald auf die Armee eines Mannes zu, der dich tot sehen will, und selbst wenn es ihm nicht gelingt, gibt es tausend Gefahren entlang des Weges, von denen jede einzelne genug ist, seinen Wunsch in Erfüllung gehen zu lassen.

Doch sie waren beide Krieger und keine Kinder mehr und Kaya hatte das Recht ihren eigenen Weg zu wählen.

»Ja«, sagte er mit rauer Stimme. »Alles ist in bester Ordnung.«

Dann raschelte es im Gebüsch und Nikito kam auf die Lichtung gelaufen. Haku wandte sich ihm sofort zu.

Was ist los?, fragte er ihn stumm. Nikito bellte und Haku sah ein Bild vor seinem inneren Auge aufsteigen. Einen Trupp Soldaten, mit dem Zeichen Ferians auf ihrer Uniform: zwei überkreuzten Schlüsseln.

»Wie weit?«, fragte er.

Nikito winselte.

Tkemen, der am Rand der Lichtung gestanden hatte, kam mit langen Schritten auf ihn zu.

»Was ist passiert?«, fragte er.

»Ein Trupp von Soldaten ist nicht weit von hier«, sagte Haku. »Wenn wir noch länger hierbleiben, könnten sie auf unsere Spur stoßen.«

»Dann los«, sagte Tkemen.

Sie packten in aller Eile die getrockneten Fische, das Trockenobst und das gesalzene Fleisch wieder in ihre Satteltaschen. Es war reichlich Essen, aber war es auch genug, um zu den Wäldern der Elfen zu gelangen und wieder zurück? Wahrscheinlich nicht, dachte Haku. Wahrscheinlich reichten die Vorräte gerade, um Elais‹ Heimat zu erreichen. Und was dann? Angenommen, sie erreichten die Wälder der Elfen wirklich, wie würden diese sie empfangen?

Er legte den Sattel auf seinen grauen Hengst, der ihn misstrauisch beäugte.

»Ja, du mich auch«, murmelte er und befestigte die Satteltaschen. Dann trat er mit einem Fuß in den Steigbügel und hievte sich aufs Pferd. Tkemen, der auf seiner braunen Stute saß, als wäre er im Sattel geboren worden, richtete sich in seinen Steigbügeln auf. »Auf nach Westen!«, rief er.

Nikito knurrte leise.

»Ja«, sagte Haku. »Ganz meine Meinung.«

Dann folgte er den anderen durch den vor Nässe tropfenden Wald ins Unbekannte.

 

***

 

Nach Westen ritten sie, tage- und wochenlang. Die waldreiche, hügelige Landschaft, die Failin umgeben hatte, senkte sich in eine trockene Ebene, die von scharfem hüfthohen Gras bewachsen war. Als die Mitte des Jahres näher rückte und die Sonne an Stärke gewann, entfärbten sich auch die Halme des Grases, bis sie über eine Ebene ritten, deren fahle Endlosigkeit nur durch vereinzelte Akazien unterbrochen wurde, die ihre dornigen Äste dem hellen Himmel entgegenstreckten. Kein Weg führte von Failin in diesen Teil des Landes und so bahnten sich die Gefährten ihren eigenen durch das Gras, das ihnen mit der Feindseligkeit eines Wächters entgegenstand, der schon seit Äonen keinem Menschen den Zutritt zu seiner Feste gestattet hatte. Einmal noch, am selben Tag, an dem sie aufgebrochen waren, sah Elais die lichten Mauern von Failin in der Ferne, wie sie von der untergehenden Sonne in goldenes Licht getaucht wurden, hinter den Ausläufern der letzten Hügel aufblitzen und sie erschauerte. Sie hatte keine guten Erinnerungen an die Städte der Menschen, weder an Ferian, die Stadt des Königs, noch an Failin, in der sie Lord Eisen begegnet waren. Dann aber wandte sie sich vorwärts, um ihren Gefährten zu folgen und als sie später wieder zurücksah, war der goldene Glanz erloschen und über die Hügel hatte sich die Nacht gesenkt.

Sie stellten keine Wachen mehr auf, denn außer dem Land selbst gab es in dieser kargen Weite nichts zu fürchten. Manchmal erwachte Elais in den dunklen Stunden, die der Mitternacht folgten, und versuchte mit ihren Augen die Schwärze um sie zu durchdringen. Dann dachte sie an ihren Vater, ihre Mutter und ihren Bruder, wie sie sie zuletzt gesehen hatte und versuchte sich ein Wiedersehen mit ihnen auszumalen. Manchmal glückte es ihr und sie sah das lächelnde Gesicht ihrer Mutter vor sich, den anerkennenden Blick ihres Vaters und spürte, wie ihr Bruder sie in die Arme nahm. »Dala«, flüsterte er. Kleine Schwester.

Doch meistens stieg kein Bild vor ihrem inneren Auge auf. Die Schwärze um sie blieb undurchdringlich und manchmal sah sie den Baum brennen, auf dem das Haus ihrer Familie stand, sie sah die Wälder ihrer Heimat in Flammen aufgehen und dann spürte sie wieder das Feuer auf ihrer Haut, so heiß wie an dem Tag als es auf sie niedergeregnet war und ihr Gesicht und ihre Hände verbrannt hatte.

»Bald erreichen wir die Ausläufer des Elfenwaldes«, sagte Tkemen eines Morgens zu ihr. Elais zuckte zusammen. Sie war gerade dabei gewesen, die Bandagen zu lösen, die ihr Gesicht und ihre Hände bedeckten und hatte nicht gehört, wie der Nairi sich ihr genähert hatte. Sie wandte sich um. Einen Moment später wünschte sie sich, sie hätte es nicht getan. Sie hatten schon seit Tagen kein Wasser mehr gesehen, keinen Bach und kein Wasserloch, in dem sie ihr Gesicht hätte betrachten können, aber in den Augen des Ritters sah sie das das Ausmaß ihrer Entstellung.

»So schlimm?«, fragte sie, als der Ausdruck von Entsetzen aus seinen Augen durch Schuld und schließlich durch eine vorsichtige Neutralität ersetzt wurde.

Tkemen zögerte.

Elais spürte einen Schmerz in ihrer Brust.

»Es ist in Ordnung«, sagte sie. Die Bandagen waren trocken und spröde, wie alte Rinde und sie zerbröckelten, als sie ihre Hände schloss. Ihre Hände, deren Narben in einem wütenden Rot leuchteten und deren Haut spannte, zu eng für sie. »Es ist nicht deine Schuld.«

Es war ihre Schuld gewesen. Sie hatte sich dazu entschieden, die Schule der Magier in Ferian aufzusuchen, naiv genug zu glauben, dass die Magier eine Elfe aufnehmen würden. Stattdessen hatten diese sie zurückgewiesen, ihre Haut und ihr Haar verbrannt und etwas in ihrem Inneren zerstört, sodass sie keine Magie mehr wirken konnte.

»Es ist besser so«, sagte sie. »Nun kann ich wenigstens in meine Heimat zurückkehren und mein Volk warnen.«

Tkemen ließ sich neben ihr auf dem Zedernstamm nieder. Der Baum musste vor langer Zeit gefallen sein, denn sein Holz war nackt und bleich, wie die Knochen eines kleinen Tieres, die ein Raubtier – ein Adler vielleicht oder ein Steppenhund – nach vollendeter Mahlzeit zurückgelassen hatte.

Gemeinsam sahen sie zu Kaya und Haku hinüber, die ihre Waffenübungen absolvierten.

Kaya übte gerade eine Serie von Faustschlägen an dem rauen Stamm einer Akazie. Neben ihr führte Haku seinen Zweihänder in langsamen einstudierten Bewegungen um seinen Körper herum. Obwohl es noch früh am Morgen war, lief ihm der Schweiß am Körper herab. Die Diebin war nirgends zu sehen. Elais wünschte sich manchmal, sie könnte das ebenfalls – einfach verschwinden, niemandem Rechenschaft schuldig sein.

»Warum hast du damals deine Heimat verlassen?«, fragte Tkemen. »Du hast es mir nie erzählt.«

»Weil Magie bei meinem Volk verboten ist«, sagte Elais. »Das weißt du. Ich wurde verbannt.«

»Ja«, sagte Tkemen, »aber warum hast du dich dazu entschieden zu gehen?«

Elais überlegte. Warum hatte sie sich dazu entschieden zu gehen? Sie hatte sich diese Frage nie zuvor gestellt. Es war immer so klar gewesen für sie, dass es keinen anderen Weg gab. Sie hätte ihre Magie aufgeben können, oder nicht? Sie hätte sich dazu entscheiden können, dieser Kraft in ihrem Inneren fernzubleiben, sie nie wieder zu berühren oder bloß anzuschauen. Und noch während sie dies dachte, spürte sie einen starken Widerwillen in sich aufsteigen und eine Wärme in ihrer Körpermitte wie ein Feuer.

»Um zu heilen«, sagte sie. »Wenn ich geblieben wäre, hätte ich nie wieder heilen können.«

Dann fiel ihr wieder ein, dass ihre Magie fort war und das Feuer in ihr erlosch und ließ nichts zurück außer einem Gefühl der Leere.

»Ganz gleich«, sagte sie. »Es macht keinen Unterschied mehr.«

»Was denkst du?«, fragte Tkemen nach einer Weile. »Wie wird uns dein Volk empfangen?«

Das war es. Das war die Frage, der Elais aus dem Weg gegangen war, seit sie aufgebrochen waren. Doch sie waren nicht mehr weit von den Wäldern ihrer Heimat entfernt und sie zwang sich, dem Ritter ins Gesicht zu sehen.

»Es ist besser, wenn ich alleine zurückkehre«, sagte sie.

Tkemen starrte sie an.

»Gut«, meinte er schließlich. »Wir bringen dich zum Rand der Wälder und verabschieden uns dann. Ich weiß nicht, woher wir genug Nahrungsmittel bekommen werden, um zurückzukehren, aber das ist dann schließlich unser Problem.«

Er machte Anstalten sich zu erheben und Elais griff nach seinem Arm. Beide starrten einen Moment auf ihre Hand, auf ihre vom Feuer gezeichnete Hand, dann ließ Elais sie fallen.

»Es tut mir leid«, sagte Elais, »aber bitte glaube mir, es ist besser so. Der Hass meines Volkes auf die Menschen geht weit zurück, weiter sogar als die Erinnerung unserer Ältesten, und glaube mir, unsere Ältesten sind alt, sehr, sehr alt. Ich weiß nicht, was mein Volk tun wird, wenn ich vier Menschen in unser Reich bringe.«

Tkemen ließ sich zurücksinken und vergrub sein Gesicht in seinen Händen.

»Also gut«, sagte er schließlich und sah auf. »Ich weiß wirklich nicht, wie es danach weitergehen wird, aber ich habe versprochen, dich in deine Heimat zurückzubringen und ich halte meine Versprechen.«

Elais sah ihn an und spürte Bedauern. Ohne es zu merken hatte sie Tkemen und die anderen liebgewonnen. Sie würde sie vermissen.

»Was wirst du danach tun?«, fragte sie.

Tkemen zögerte. Er sah sich um, dann zog er ein sorgsam gefaltetes Blatt Papier aus seiner Gürteltasche. Elais nahm es und faltete es auseinander. Zeichen in der Sprache des Königreichs, nun vertraut, nachdem sie sie in den Städten der Menschen gesehen hatte, blickten ihr entgegen.

»Was ist das?«, fragte sie. »Ich kann es nicht lesen.«

»Natürlich«, sagte Tkemen und nahm er das Blatt Papier zurück.

»Es ist eine Botschaft von Erik. Er hat mir den Auftrag gegeben, die Armee Lord Eisens in Augenschein zu nehmen. Anscheinend gibt es ›seltsame‹ Gerüchte über sie, was auch immer das heißen mag.«

»Aber ist das nicht gefährlich?«, fragte Elais. Sie ritten jetzt bereits seit Wochen durch das scharfe, trockene Gras und das alles nur, um die alte Straße zu meiden, die Ferian mit ihrer Heimat verband, denn sicherlich würde eine Armee diesen Weg benutzen.

»Keine Angst«, sagte Tkemen. »Zuerst werden wir dich sicher zu deinen Wäldern bringen und dann erst werde ich die Armee aufsuchen. Ich werde meine Immunität als Adliger eines anderen Landes in Anspruch nehmen.«

»Aber was ist mit den anderen?«, fragte sie.

»Sie stehen unter meinem Schutz«, sagte Tkemen. »Niemand wird es wagen, Hand an sie zu legen.«

Elais war nicht überzeugt. Sie hatte keine Angst um sich, doch sie hatte Angst um Kaya mit ihrem hellen Lachen, sie hatte Angst um Haku, dessen eisblaue Augen so viel Anteilnahme ausdrücken konnten und um Tkemen, der immer Stärke ausstrahlte, außer in den wenigen Momenten, in denen er glaubte, nicht beobachtet zu werden. Die Landschaft um sie war so weit und leer, niemand würde es merken, wenn ein paar weitere Knochen unter der unbarmherzigen Sonne bleichten.

»Und wann genau«, fragte in diesem Moment Haku und ließ sich neben sie auf den Baumstamm fallen, »hattest du vor, uns von deinen selbstmörderischen Plänen in Kenntnis zu setzen?«

Er hatte sein Hemd ausgezogen und der Schweiß lief in Rinnsalen seinen nackten Oberkörper hinab. Sein Gesicht war beherrscht, zu beherrscht. Nur seine zusammengezogenen Augenbrauen verrieten, dass etwas anders war als sonst.

Elais spürte, wie Tkemen sich neben ihr versteifte.

»Ich habe nicht vor, Selbstmord zu begehen«, erwiderte er. »Aber ich bin bereit, Gefahren auf mich zu nehmen, wenn die Chance besteht, die Hexen, die meine Heimat nun beherrschen, zu Fall zu bringen. Nachdem weder der König noch die Adligen Failins an einem Feldzug gegen sie interessiert waren, bleibt mir nichts anderes übrig, als meine Hoffnungen in Eriks Geheimbund zu setzen. Wenn es mir hilft, meine Heimat wiederzusehen, werde ich jeden einzelnen Stein in dem Lager dieser Armee umdrehen.«

»Schön und gut«, meinte Haku und blickte Tkemen eisig über Elais hinweg an, »aber hast du dir überlegt, dass du damit auch uns andere in Gefahr bringst?«

Einen Augenblick sahen beide zu Kaya hinüber, die die Akazie inzwischen mit Tritten traktierte. Die dumpfen Töne klangen durch die kurze Stille zu ihnen. Elais blickte zwischen Tkemen und Haku hin und her. Aus irgendeinem Grund hatte sie das Gefühl, als ob die beiden über etwas ganz anderes sprachen.

»Glaubst du wirklich, ich würde irgendjemanden mit mir nehmen, wenn ich nicht sicher wäre, dass ich ihn beschützen könnte?«, fragte Tkemen, gefährlich leise.

»Vielleicht musst du gar nicht die Armee aufsuchen«, sagte Elais, zu laut und schnell. Haku und Tkemen sahen sie an. »Ich meine, vielleicht ist es am besten, wenn du aufhörst gegen das Unvermeidliche anzukämpfen. Warum musst du unbedingt in deine Heimat zurück? Du bist jetzt hier. Wäre es nicht besser, wenn du dich damit abfindest und dir hier ein neues Leben aufbaust? Außerdem: Vielleicht sind die drei Herrinnen gar nicht so böse. Du hast gesagt, diese Frauen, die deinen Orden nun führen, sind Hexen. Aber du hast mich ebenfalls für eine Hexe gehalten, damals, als wir uns das erste Mal begegneten. Magie allein macht keine Hexe.«

Tkemen erhob sich.

»Diese drei Frauen«, begann er leise, »haben den Kaiser getötet und seinen drei Monde alten Sohn. Ihretwegen glauben alle Ritter meines Ordens, dass ich derjenige war, der den Kaiser ermordete. Sie haben in einer einzigen Nacht alles zerstört, was am Orden der Nairi gut und richtig war. Ihretwegen musste ich ins Exil gehen. Soll ich einfach so tun, als ob nichts von alledem geschehen ist und mich wie die Elfen in einem Wald verkriechen?«

Elais spürte den Stich, aber sie zwang sich, ruhig zu bleiben.

»Auch deine Ordensbrüder denken, dass das, was sie tun, richtig ist. Du machst die Toten nicht mehr lebendig, indem du Vergeltung übst.«

»Alles«, sagte Tkemen und seine Stimme zitterte, »alles, woran ich je geglaubt habe, ist durch diese Frauen zerstört worden. Ich kann keinen Frieden mehr empfinden, bevor die alte Ordnung wiederhergestellt wurde. Ich kann nicht akzeptieren, meinen Meister getötet zu haben und geflohen zu sein, nur, um mich dann feige zu verstecken und mein Volk diesen Mördern zu überlassen. Ich bin ein Nairi und werde bis zu meinem Tod gegen sie kämpfen. Eher würde ich mich in dieses Schwert stürzen, das ich dann nicht mehr verdiente.«

Er wandte sich ab und ging mit schnellen Schritten davon, an Kaya vorbei, die von der Akazie abgelassen hatte und ihm mit einem verwirrten Gesichtsausdruck hinterher sah.

»Was ist passiert?«, fragte sie.

 

***

 

Als sie kurze Zeit darauf aufbrachen, taten alle ihr Bestes, so zu tun, als sei nichts vorgefallen. Haku beschwerte sich, dass ihm vom Reiten alle Knochen wehtaten und Tkemen riss Witze, über die er selbst am lautesten lachte. Nur die Diebin, die wie immer kurz vor Aufbruch zu ihnen gestoßen war, blickte vom einen zum anderen, als beobachte sie ein besonders interessantes Theaterstück, in dem die Schauspieler sich selbst zu übertreffen versuchten, aber in dem alles ein wenig zu laut, zu bunt und zu fröhlich war.

»Es ist ein Wunder, dass du überhaupt über das Gras schauen kannst«, sagte Tkemen zu Kaya. »Teufel hat so kurze Beine, ich hatte schon befürchtet, er würde mitsamt seiner Reiterin versinken, und wir würden dich nie wiederfinden.«

»Teufel ist besser, als alle eure Klepper«, erwiderte Kaya schnippisch. »Es stimmt, er hat kurze Beine, aber er bewegt sie mindestens doppelt so schnell.«

»Wozu sind überhaupt diese komischen Haltegriffe da?«, fragte Tkemen und zeigte auf Kayas Sattel. »Bei diesem Monstrum von Sattel bin ich überrascht, dass Teufel noch nicht zusammengebrochen ist.«

»Soll ich dir zeigen, wozu sie gut sind?«, fragte Kaya strahlend. »Ich habe ein bisschen damit geübt.«

Sie packte den Griff, der auf der rechten Seite des Sattels angebracht war und ließ sich vom Pferd fallen. Elais schrie erschrocken auf, doch Kaya hing nur an der rechten Seite des Ponys, dessen Schnauben zeigte, dass ihm die Kapriolen seiner Reiterin überhaupt nicht gefielen, aber schon hatte sie sich wieder in den Sattel geschwungen.

»Gut, oder?«, fragte sie. »Ich muss nur eine Hand an den Griff legen und mit einer um Teufels Hals greifen und schon kann ich mich –«

»Kaya«, unterbrach Tkemen sie. »Wozu soll das gut sein? Ich glaube nicht, dass wir Gelegenheit haben werden, uns fahrenden Gauklern anzuschließen.«

»Na ja, ich dachte, dass es ganz nützlich im Kampf sein könnte. Du weißt schon, wenn jemand nach mir schlägt, kann ich mich einfach auf die andere Seite fallenlassen. Ich habe auch noch einen anderen Trick parat. Pass auf!«

Unter den Augen ihrer Gefährten packte Kaya die Griffe mit beiden Händen und schwang ihre Beine herum, sodass diese Tkemen, der neben ihr ritt, nur knapp verfehlten. Unter der Anstrengung knickte ihr linker Arm ein, sie glitt von Teufels Rücken und landete ziemlich unsanft auf dem Boden. Das Pony, das sich so plötzlich von seiner Last befreit sah, hielt an, drehte sich um und stöberte mit den Nüstern im hohen Gras, in dem Kaya verschwunden war.

»Grandios«, sagte Tkemen, der sein Pferd gezügelt hatte, trocken. »Ich bin sicher, die Gauklertruppe wird dich mit offenen Armen empfangen.«

Aber als sie an diesem Abend ihr Lager aufschlugen, war er schweigsamer als sonst und hielt sich abseits der anderen. Kaya spürte die gedrückte Stimmung, die sich auf ihre Gefährten gelegt hatte wie ein trockenes Tuch, das sich ihr über Mund und Nase legte und ihr den Atem benahm. Sobald sie Teufel abgesattelt und trockengerieben hatte, entfernte sie sich vom Lager und lief in die Ebene hinein, die sich um sie nach allen Richtungen endlos erstreckte.

Kaya konnte sich nicht erinnern, wann es das letzte Mal geregnet hatte. Die untergehende Sonne tauchte den mit Rissen durchzogenen Boden in ein dunkles Rot. Ihre Wasserflaschen, die sie vor zwei Tagen an einem flachen Wasserloch aufgefüllt hatten, waren beinahe leer. Kaya hatte den Rest ihres Wassers in ihrer Flasche kreisen lassen, bevor sie den Behälter verschraubt und zurückgelegt hatte. Ihre Kehle war trocken und sie schluckte, während ihr Blick über den durstigen Boden glitt.

Es war kein Wunder, dass die Spannung zwischen ihren Gefährten zunahm. Sie hätten die Wälder der Elfen längst erreichen sollen. Und wenn schon, dachte Kaya. Nicht mehr lange und die Steppe würde den Ausläufern des Waldes weichen. Sicher würde es dort Wasser geben. Ein paar Tage würden sie auch ohne Wasser aushalten. Nur ein paar Tage.

Sie lenkte ihre Schritte zu einer einsamen Zeder, die sich schwarz gegen die untergehende Sonne abzeichnete. In ihrer Krone saß ein Vogel. Zik, zik, klang sein Ruf durch die Stille. Kaya lächelte. Es war der Ruf eines Ammerichs, doch gleich darauf verschwand ihr Lächeln und sie spürte, wie sich die Haare auf ihren Armen aufstellten. Gefahr, sang der Ammerich, Gefahr. Sie beschleunigte ihre Schritte und erreichte den Fuß der Zeder. Der Ammerich stieß noch einen schrillen Warnruf aus, als er sie sah und machte sich bereit, wegzufliegen.

»Warte!«, rief Kaya. Sie hatte schon lange gelernt, dass sie die Worte nicht laut sagen musste, um von ihren Totemtieren verstanden zu werden, aber es gefiel ihr besser so.

»Was für eine Gefahr meinst du?«, fragte sie.

Der Ammerich flog zu ihr herab und setzte sich auf ihre ausgestreckte Hand. Er legte den Kopf schief und sah sie aus seinen goldfarbenen Augen an. Kaya wartete geduldig. Dieser Ammerich hatte noch nie zuvor mit einem Menschen gesprochen. Sie konnte verstehen, dass er verwirrt war.

Nachdem er sich davon überzeugt hatte, dass Kaya sich nicht auf einmal in eine Steppenkatze verwandeln würde, begann er aufgeregt zu zwitschern. Kaya wurde blass.

»Zeig es mir«, sagte sie. Der Ammerich flog auf und setzte sich auf den niedrigsten Ast der Zeder, vielleicht zwei Manneslängen vom Erdboden entfernt, dann legte er seinen Kopf zur Seite und sah zu Kaya hinab. Kaya löste die Bänder um ihre Stiefel, die abfielen, legte ihre Arme um den Stamm der Zeder und begann zu klettern. Die Rinde war rau und hatte tiefe Kerben, sodass ihre Finger und Zehen guten Halt fanden. Als sie den niedrigsten Ast der Zeder erreichte, waren ihre Unterarme aufgeschürft und brannten. Der Ammerich hatte sich inzwischen auf einem der höchsten Äste des Baumes niedergelassen. Kaya folgte ihm, stemmte sich in die danebenliegende Astgabelung und blickte um sich.

Weit hinten, am Horizont, schickte die untergehende Sonne ihre letzten Strahlen über das Grasland. Zwischen ihr und Kaya erstreckte sich eine dunkle Masse weit in beide Richtungen, die vorher ihren Blicken entzogen gewesen war. In dem unsicheren Licht war es schwer, Genaues auszumachen. Kaya kniff die Augen zusammen. In den letzten Sonnenstrahlen leuchteten die Zelte, die in ordentlichen Reihen standen, auf, genau wie die Waffen der Männer, die durch das Lager gingen. Einen Moment später war die Sonne hinter dem Horizont verschwunden. Der Ammerich hatte richtig beobachtet. Zwischen ihnen und ihrem Ziel lag die Armee Lord Eisens.

 

Als Kaya außer Atem beim Lager ankam, war es vollkommen dunkel geworden. Sie sah den Schein eines Feuers durch das dornige Gebüsch, hinter dem sie das Lager aufgeschlagen hatten und rannte darauf zu. Einen Moment später prallte sie mit jemandem zusammen. Kaya schrie auf und versuchte ihre Handgelenke zu befreien, die die andere Person festhielt.

»Ganz ruhig!«, herrschte die Diebin sie an. »Ich bin es.«

Die Diebin ließ ihre Handgelenke los und Kaya fuhr zurück und versuchte sich zu fassen. Ihr Herz schlug wie verrückt. In der Dunkelheit konnte sie nichts von der schwarzgekleideten Gestalt erkennen, außer dem schwachen Schein ihrer Augäpfel. Seit sie die Diebin bei dem Zweikampf in Ferian geschlagen hatte und diese ihnen folgte, fühlte Kaya sich in ihrer Gegenwart unwohl. Tagsüber versuchte sie sie so wenig zu beachten wie möglich, doch in diesem Moment im Dunkel der Nacht und mit niemandem als ihr selbst als Zeugen hatte sie Angst vor ihr, vor ihren Blicken, die ihr folgten, wenn sie nicht hinsah und dem Ausdruck in ihren Augen, der Rache für die erlittene Niederlage versprach.

»Lass mich vorbei«, sagte Kaya, als ihr Herzschlag sich ein wenig beruhigt hatte. Die Diebin rührte sich nicht.

»Nur zu«, sagte sie. »Es ist Platz genug.«

Kaya ging an ihr vorbei, alle Muskeln angespannt, auf einen Schlag gefasst, doch nichts geschah. Sie beschleunigte ihre Schritte und hielt auf den Schein des Feuers zu. Hinter sich hörte sie Schritte und wusste, dass die Diebin ihr folgte.

Sie erreichte den Lagerplatz im Laufschritt. Haku, der vor dem Feuer kniete und einige dornige Äste nachschob, sah auf, Elais neben ihm wirkte erschrocken. Nikito war nicht zu sehen, wahrscheinlich war er in der Steppe auf der Jagd nach Mäusen. Noch während Kaya nach Luft schnappte, trat Tkemen aus der Dunkelheit in den Kreis des Feuers. Hinter sich hörte Kaya die Diebin nähertreten und dann innehalten.

»Was ist passiert?«, fragte Tkemen.

»Ein Heer«, brachte Kaya schließlich hervor. »Das Heer Lord Eisens lagert vor uns in der Ebene.«

Einen Moment schwiegen alle, erschrocken.

»Bist du sicher?«, fragte Tkemen schließlich. Kaya nickte. Sie wünschte, sie könnte ihm eine andere Antwort geben, doch sie hatte die in der Sonne blitzenden Waffen gesehen und die blauen Banner Lord Eisens.

»Was sollen wir jetzt tun?«, fragte sie. Sie warf einen Blick auf Elais, die ihre Hände vor den Mund geschlagen hatte. Sie wusste, wie viel es der Elfe bedeutete, ihre Heimat vor dem Heer zu erreichen.

»Wir müssen das Heer natürlich umgehen«, sagte Haku.

»Ein Heer zu umgehen ist nicht so einfach«, meinte Tkemen. »Wir müssten einen Bogen von mindestens einer Tagesreise nördlich oder südlich von ihrem Lager schlagen und selbst dann können wir nicht sicher sein, dass wir keiner Patrouille in die Hände laufen.«

»Ganz gleich«, sagte Haku. »Es ist die einzige Möglichkeit.«

»Aber wie?«, fragte Kaya. »Wir haben kaum Essen und kein Wasser mehr.«

Die Pferde bewegten sich unruhig jenseits des Feuers. Auch sie hatten seit zwei Tagen kein Wasser mehr gehabt. Noch einige Tage ohne Wasser und die Pferde würden zusammenbrechen und sie müssten ihren Weg zu Fuß fortsetzen. Sicher wusste Haku das auch? Kaya sah zu ihm hinüber, aber er vermied ihren Blick.

Tkemen räusperte sich.

»Es gibt noch eine zweite Möglichkeit«, sagte er.

Haku sah auf.

»Nein!«, rief er. »Oh, nein. Wenn es das ist, wovon du heute Morgen gesprochen hast …«

»Was denn?«, fragte Kaya. »Wovon habt ihr gesprochen?«

»Wir könnten direkt zum Befehlshaber des Heeres gehen«, sagte Tkemen. »Als Adliger eines fremden Landes genieße ich Immunität. Wir würden den direkten Weg nehmen können. Wenn wir Glück haben, können wir vielleicht sogar unsere Pferde tränken und unsere Wasserflaschen auffüllen.«

Kaya war sich intensiv ihrer trockenen Kehle bewusst und des Durstes, der den ganzen Abend wie ein Raubtier im Versteck gelauert hatte, bereit, sich auf sie zu stürzen. Sie schluckte.

»Was meint ihr?«, fragte Tkemen. »Kaya? Elais?«

Kaya überlegte, doch es war Elais, die zuerst sprach.

»Ich muss meine Heimat so schnell wie möglich erreichen. Wenn es eine Möglichkeit gibt, den direkten Weg zu nehmen, müssen wir es versuchen.«

»Gut, das war’s.«

Kaya wandte sich überrascht um. Sie hatte die Diebin ganz vergessen, die am Rand des Feuerscheins an einem umgestürzten Zedernstamm lehnte.

»Ich bin lange genug mit euch Narren gereist, um nicht überrascht zu sein, aber ich werde ganz bestimmt nicht mitten in ein feindliches Heerlager reiten. Macht, was ihr wollt, aber nicht mit mir. Von morgen an reise ich alleine.«

»Es steht dir frei, zu bleiben und zu gehen, wie du willst«, meinte Tkemen, der sich inzwischen am Feuer niedergelassen hatte. »Ich wundere mich schon seit langem, wieso du uns so hartnäckig folgst. Aber erst«, fuhr er fort, als die Diebin sich abwandte und zwei Schritte in Richtung ihres Hengstes ging, »wenn wir die Armee hinter uns gelassen haben. Ich verspüre nicht die geringste Lust wegen der Verleumdung einer Verbrecherin, die uns für Spione ausgibt, in Ketten gelegt zu werden.«

Die Diebin schnaubte.

»Was hätte ich davon?«, fragte sie.

»Ich weiß nicht«, sagte Tkemen und drehte einen Grashalm zwischen Daumen und Zeigefinger. »Vielleicht Rache für die Niederlage gegen eine gewisse Person?«

Die Diebin sah Kaya mit kalten Augen an. Ihr Blick ging Kaya durch alle Glieder.

»Ich werde ganz gewiss nicht mein eigenes Leben gefährden, nur um Rache an ihr zu nehmen«, entgegnete sie kalt.

»Freut mich zu hören«, sagte Tkemen, »aber ich gehe gerne sicher.«

»Was hindert mich daran, auf der Stelle zu verschwinden?«

»Nichts«, sagte Tkemen. »Es könnte allerdings sein, dass ich ein Wort oder zwei gegenüber dem Befehlshaber fallen lasse, dass wir nicht die einzigen sind, die sich in der Nähe des Heeres aufhalten. Und meine Ehre als Nairi würde es mir auch nicht erlauben zu verschweigen, dass es sich bei der anderen Person um ein gesuchtes Mitglied der schwarzen Gilde handelt. Außerdem: Wohin willst du reiten? Zurück nach Failin? Dein Gaul wird ohne Wasser keine zwei Tagesreisen mehr schaffen, bevor er zusammenbricht. Dir bleibt gar nichts anderes übrig als mit uns zu kommen.«

Die Diebin blieb einen Augenblick regungslos. Auf ihrem Gesicht jagten sich die flackernden Schatten des Feuers und für einen Moment tat sie Kaya beinahe leid. Dann ging ein Ruck durch ihren Körper und sie verließ mit raschen Schritten das Lager.

»War das wirklich nötig?«, fragte Haku. Auf Tkemens Gesicht lag ein Ausdruck grimmiger Befriedigung.

»War es«, sagte er. »Sie ist zu gefährlich, um sie morgen aus den Augen zu lassen. Wenn wir das Heer hinter uns gelassen haben, kann sie meinetwegen dahin gehen, wo der Pfeffer wächst.«

»Es ist besser, wenn wir das Feuer ausbrennen lassen und für heute Nacht Wachen aufstellen«, fuhr er fort. »Und jemand sollte ein Auge auf das Pferd der Diebin haben.« Er nickte zu dem Hengst hinüber, der bei den anderen Pferden angebunden war. »Für alle Fälle.«

Als Kaya sich in ihrer Decke am Rande des Feuers zusammengerollt hatte, fand sie erst keinen Schlaf. Sie betrachtete die Flammen des Lagerfeuers, bis dieses in sich zusammenfiel und dann Hakus Gestalt, der still wie eine Statue am Rande des Lagers saß und in die Nacht hinausblickte. Sie sah das Gesicht der Diebin wieder vor sich, wie es ausgesehen hatte, kurz bevor sie aus dem Lager gestürmt war. Irgendwie tat sie ihr leid. Es musste schwer sein, niemanden zu haben, mit dem sie reden, dem sie vertrauen konnte. Sie fragte sich, was morgen geschehen würde.

Am Horizont zeichnete sich kaum wahrnehmbar die Silhouette der Zeder ab, wie ein Finger, der sich mahnend gen Himmel streckte.

 

»Kelaua kamet ha.« Die Hautfarbe des Mannes war so dunkel, dass seine Züge fast mit dem Halblicht der Hütte verschmolzen.

»Kengeo nua. Kalim ha malek.« Nur das Weiße seiner Augen leuchtete hervor und das Weiß seiner Zähne. Im Dunkel erschien Kaya sein sonst so vertrautes Gesicht wie eine Maske, an der nur die Augen lebendig waren.

»Er sagt, dass unser Stamm dir dankt. Durch die Rettung des Jungen hast du dir malek verdient.«

Kaya nickte. Obwohl sie bereits die Grundzüge des Pa-au verstand, war für ihre Unterredung mit dem Häuptling ein Krieger zum Übersetzen verpflichtet worden.

»Kamau ten nua malek.«

»Er sagt, dass das malek dich immer vor anderen auszeichnen wird.«

Die Hütte war größer als die anderen Hütten des Dorfes, aber wie diese aus Schilfrohr geflochten und mit Bananenblättern bedeckt. Öffnungen, durch die das Tageslicht dringen konnte, gab es keine. In der Mitte der Hütte schwelte ein Feuer vor sich hin, das die Luft mit seinem Rauch schwängerte. Kaya spürte ein Kratzen in Nase und Hals, wagte aber nicht, die Zeremonie durch Husten zu unterbrechen. Mit dem Häuptling in seiner Hütte zu sprechen war großes malek. Außerhalb seiner Behausung war er nur der Anführer der Dorfgemeinschaft, aber hier, in dem Raum, der durch Dunkelheit rein gehalten wurde und dessen Luft von verbrannten Kräutern schwer war, hier war es nicht nur Rauch, der den Raum durchzog. Hier verkehrte der Häuptling mit Geistern.

»Kengeo ta nua. Kengeo pa.«

Bei den letzten Worten des Häuptlings trat ein Mann aus dem Hintergrund der Hütte hervor. Anders als beim Häuptling waren seine Gesichtszüge mit Linien aus zerstampftem und mit Wasser vermischtem weißen Ton durchkreuzt. Ein Spinnennetz, das aus der Dunkelheit hervorbrach.

Der Krieger trat beiseite.

»Er sagt, dass du eine von uns werden sollst.«

Kaya trat vor.

»Kalua pao.« Ich bin bereit.

Das Gesicht der glimmenden Feuerstelle zugewandt, kniete sie auf dem Lehmboden der Hütte nieder. Der Schamane ergriff ihren Arm. Im unsicheren Licht setzte er sein Werkzeug, eine Nadel aus Krokodilgebein, an und mit der Sicherheit der geübten Bewegung trieb er sie in die Haut des Mädchens. Kaya tränten die Augen, aber sie rührte sich nicht. So war es geboten. Ohne dass ein anderer Krieger sie niederhielt und ohne eine Bewegung musste Kaya zusehen, wie eine rote Linie unter den Händen des Schamanen entstand und sich langsam um ihren Oberarm schloss. Linien wuchsen ihren Arm hinab, wie die Strahlen einer Sonne. Bei jedem Nadelstich band der Schamane einen Geist fester in ihr Fleisch. Der Geist würde sie beschützen, aber sollte sie sich je von ihren Stammesgenossen abwenden, so würde er sie bis zum Ende ihrer Tage verfolgen. Ab und zu hielt der Schamane inne. Unter leisem Singsang nahm er mit den Fingerspitzen rote Farbe aus einer Schale und rieb sie in die entstandene Wunde. Rot für das Opfer, das der Krieger dem Stamm von nun an bringen würde, rot für die Blutbande, die sie verbanden. Als der Gesang des Mannes verstummte, stand Kaya auf. Sie trat aus der Hütte in das Licht des Tages hinein. Sie sah nichts, denn ihre Augen waren von der Sonne geblendet, aber sie hörte die Jubelrufe der Krieger, der Frauen und Kinder, die sich um sie drängten. Von nun an und für immer war sie ein Krieger im Stamm der Pa-au.

 

Eine Hand schloss sich um ihren linken Oberarm, genau dort, wo der Schamane das Initiationsmuster gestochen hatte. Kaya fuhr auf und befreite sich mit der Rechten von der Umklammerung. Dann blickte sie wild um sich. Vor ihr im Mondschein stand Haku und sah sie aus seinen eisblauen Augen, die das Licht des Mondes zurückwarfen, an.

»Tut mir leid«, sagte er leise. »Es ist Zeit für deine Wache. Ich habe dich gerufen, aber du bist nicht erwacht.«

»Das … macht doch nichts«, sagte Kaya. Ihr Herz hämmerte und die Strahlen an ihrem linken Arm brannten, brannten wie an dem Tag, an dem sie das Muster erhalten hatte. Ein Traum … es war nur ein Traum gewesen. Und doch hatte sie den Rauch der Hütte auf ihrer Zunge geschmeckt, hatte gefühlt, wie er in ihrer Kehle brannte und wie die Nadel des Schamanen in ihre Haut stach … Sie fuhr mit der Rechten an ihrem Arm hinunter, doch noch während sie dies tat, erlosch das Brennen und ließ nichts als eine Erinnerung zurück. Hatte sie das Versprechen, das mit dem Rot in ihr Fleisch getrieben worden war, gebrochen? Aber sie war sich keines Vergehens bewusst.

Mit klopfendem Herzen wickelte sie sich aus ihrer Decke und ließ sich auf dem umgestürzten Baumstamm nieder, auf dem zuvor Haku gesessen hatte. Sie sah zu, wie dieser sich in seiner Decke neben den noch glühenden Kohlen des Feuerplatzes einwickelte. Nur Sekunden später hoben und senkten gleichmäßige Atemzüge seine Brust. Kaya wandte den Blick in die Ebene hinein, in der sie am Abend zuvor noch die Bewegungen des Heeres gesehen hatte, aber so sehr sie ihre Augen auch anstrengte, Entfernung oder Dunkelheit ließen sie nichts erkennen. Schließlich gab sie es auf und fixierte stattdessen die Zeder, deren Umriss vor dem Sternenhimmel undeutlich auszumachen war. Im hohen Gras rechts von ihr raschelte es und Kaya fuhr herum. Sie hörte das leise Tappen von Pfoten und schließlich teilte sich das Gras und Nikito lief auf sie zu. Kaya lachte erleichtert, verstummte aber sofort wieder, um den Schlaf ihrer Gefährten nicht zu stören.

»Nikito!«, rief sie leise. Der Hund verharrte unschlüssig, trabte dann aber auf sie zu und ließ sich vor dem Baumstamm nieder, den Blick wie sie auf die Ebene gerichtet. Kaya ließ sich neben ihm in das Gras sinken und er legte seinen Kopf auf ihren Schoß. Gemeinsam blickten sie zu der vom Vollmond beschienenen Zeder hinaus.

Der Traum ging ihr nicht aus dem Kopf. Seit einigen Wochen hatte sie Träume von ihrer Zeit bei den Pa-au, doch dies war das erste Mal gewesen, dass ihr Arm danach geschmerzt hatte. Sie waren irgendwie anders als die Träume, die sie sonst hatte. Sie schienen mehr Substanz zu haben. Warum hatte ihr Initiationsmuster gebrannt? War es, weil sie sich vom Stamm abgewandt hatte – oder versuchte der Geist, der mit ihr verbunden war, sie vor etwas zu warnen? Aber wovor? Es gab niemanden, der ihr Böses wollte. Dann erschauerte Kaya als sie an die einzige Person dachte, die Grund hatte, nach ihrem Leben zu trachten. Bei ihrem ersten Kampf hatte sie einem Barbaren die Kehle durchgeschnitten, doch statt tot zu sein, hatte sich seine Hand wie eine eiserne Fessel um ihren Knöchel geschlossen. Er hatte sie aus seinen leblosen Augen angesehen und durch seine zerschnittene Kehle zu ihr gesprochen. Du entkommst mir nicht. Aber der Mann war tot, oder nicht? Er musste tot sein.

Kaya umarmte Nikito fester und ließ ihren Kopf auf sein struppiges Fell sinken.

»Es ist nichts als ein Traum«, sagte sie leise. »Er ist tot. Ich habe ihn getötet.«

Doch statt Erleichterung fühlte sie nur die Schuld, schwer wie ein Eisenmantel, die sich auf sie senkte.

 

Als die Sonne aufging, ritten sie über die vom Morgentau feuchte Wiese, die Diebin mit ihnen. Als Kaya erwacht war, hatte die Diebin am Rande des Lagerplatzes gesessen, so als ob dies ein Morgen wie jeder andere sei, nur die Schatten unter ihren Augen verrieten den Unterschied. Wahrscheinlich sind meine genauso groß, dachte Kaya. Als Tkemen sie eine Stunde vor Sonnenaufgang geweckt hatte, hatte sie sich gefühlt, als hätte sie sich gerade erst hingelegt. Sie war müde und angespannt von den Träumen, die ihren kurzen Schlaf heimgesucht hatten, und alles andere als bereit, einem feindlichen Heer gegenüberzutreten.

Obwohl der Tag noch jung war, versprach er heiß zu werden. Die Sonnenstrahlen leckten die Tautropfen mit gierigen Zungen auf. Kaya suchte den Horizont nach der schwarzen Masse ab, die sie am Abend zuvor von der Zeder aus erblickt hatte. Sie hoffte mit aller Macht, dass sie verschwunden wäre, nichts als ein weiteres Trugbild der letzten Nacht, aber als sie vorwärts ritten, färbte sich der Horizont dunkel, bis die Ebene vor ihnen von einem Ende zum anderen mit Menschen und Pferden bedeckt war, die mit ihrem Geräusch den Himmel füllten.

»Bei Naru!«, rief Tkemen aus und dann, leiser: »Ich dachte nicht, dass es so viele sind.«

Kaya suchte mit ihren Augen die der Diebin, aber diese stützte sich bloß auf ihren Sattelknauf und blickte düster nach vorne.

»Sie kommen«, sagte Haku.

Mehrere Reiter lösten sich aus der Menge, Tkemen zügelte sein Pferd, Kaya tat es ihm nach und so warteten sie. Die Reiter kamen heran wie eine Welle, die den Strand zu verschlingen sucht. Gerade als Kaya dachte, sie würden mit ihnen zusammenprallen, teilten sie sich und flossen um sie herum. Kaya zählte zwanzig Reiter. Sie sahen aus wie Wegelagerer, nicht wie Soldaten, ihre Pferde waren struppig, Kleidung und Haar ungepflegt. Nur die Lanzen, die sie auf sie richteten, glänzten vor Sauberkeit. Jeder von ihnen trug einen metallisch blauen Überwurf, auf dem ein Falke zu sehen war, silbern auf blauem Grund, Krallen und Schnabel zum Angriff ausgestreckt. Es war das Wappen Lord Eisens. Ein Reiter drückte seinem Pferd die Fersen in die Seite und ritt an sie heran. Im Gegensatz zu den anderen trug er ein Schwert um seine Seite gegürtet, sein Haar war von schmutzig roter Farbe. Pockennarben hatten tiefe Krater in sein Gesicht gegraben, das Kaya an das eines kleinen Nagetiers erinnerte, vielleicht an das eines Wiesels. Sein Blick glitt über die Diebin, Haku, Kaya und Tkemen, bevor er an Elais hängenblieb.

Kaya begann zu schwitzen. Was gestern noch wie eine gute Idee geklungen hatte, schien ihr im Licht des Tages betrachtet reichlich unüberlegt. Hatten sie sich gerade wirklich zusammen mit einer Elfe in die Hände eines fremden Heeres begeben? Ein Heer, das hier war, um die Elfenwälder dem Erdboden gleichzumachen?

Das Schweigen dehnte sich und wurde zur Qual. Schließlich trieb Tkemen Tika nach vorne und räusperte sich.

»Wir begehren freies Geleit«, sagte er. »Wir sind Reisende, auf dem Weg von Failin nach Westen. Was immer Euch auch hierhergeführt haben mag: Wir haben kein Geschäft mit Euch.«

»So«, sagte der Rothaarige und wandte seinen Blick endlich von Elais ab, »habt Ihr das nicht?«

»Mein Name ist Tkemen ai Nairi. Als Adliger steht mir und meinen Gefährten Immunität zu!«

Der Rothaarige betrachtete ihn einen Moment ausdruckslos. Dann brach er in Gelächter aus, in das seine Begleiter einfielen.

K

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