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Fatebound (1). Bund der Verstoßenen

Impressum
Widmung
Prolog
Begegnung im Steinernen Wächter
Die Karawane
Elmshaag
Der lange Weg nach Ferian
Die Schule der Magier
Ferian – Stadt der Diebe
Failin – Stadt der Pferde

Prolog

 

Die Straße war schon lange nicht mehr benutzt worden. Ein paar graue Pflastersteine, ihre Seiten zu ebenmäßig, um auf natürliche Weise geformt worden zu sein, ragten aus dem Schlamm, halb versunken, wie Erinnerungen an eine längst vergangene Zeit. Es war eine der alten Straßen, mit Magie erbaut, damals, als Magie in ihrem Volk noch erlaubt war. Manchmal wünschte Elais sich, sie hätte in jener Zeit gelebt.

Doch damals war nicht mehr als eine Geschichte, die ihre Mutter ihr an langen Abenden erzählt hatte, wenn die Winterwinde die Äste der Bäume zum Schwanken brachten. Jetzt war die alte Straße kaum mehr als ein Pfad, dessen Wurzeln Elais zum Stolpern brachten und dessen Schmelzwasserbäche ihre Haut taub werden ließen. Die einzige Erinnerung daran, dass hier einstmals andere vor ihr gegangen waren, war ein einsamer Wegstein, halb verwittert und rau unter Elais‹ Händen. In seiner Mitte ertastete Elais eine kleine Vertiefung. Es war eine Krone und ein Blatt des Lebensbaumes, das Zeichen der alten Könige ihrer Heimat. Wenn sie dem Weg folgte, würden weitere Steine auf sie warten, bis sie schließlich an seinem Ende in Ferian ankommen würde und dort bei der Schule der Magier …

Ich wünschte, der Einsiedler wäre hier, dachte sie. Vielleicht könnte er mir Mut machen.

Doch der Einsiedler war tot und Elais allein.

Die Tränen kamen plötzlich und unerwartet.

Elais erhob sich hastig.

Nein. Nein, nein, dachte sie und wischte sich über die Augen in dem verzweifelten Versuch, die Tränenflut aufzuhalten, doch noch während sie halb blind vorwärts hastete, spürte sie ihre Wangen kühl werden und die Nadelbäume um sie verschwammen zu graubraunen Flecken.

Sie musste an etwas Anderes denken, doch das einzige andere Gesicht, das vor ihrem inneren Auge aufstieg, war das ihres Bruders, wie er sie bei ihrem Abschied angesehen hatte, voller Verachtung.

Menschenfreundin hatte er sie genannt und ihr ins Gesicht gespuckt. In ihrem Kopf breitete sich die Szene erneut vor ihr aus.

 

Ihre Mutter hatte daneben gestanden, mit Tränen in den Augen. Sie war von Kopf bis Fuß in Silber gewandet, in Trauer um ihre Tochter. Nicht um sie, die vor ihr stand, sondern um die Tochter, die bereits gestorben war, die Tochter, die sie hätte sein können. Die Tochter, die sich niemals dazu entschieden hätte, ihre Heimat zu verlassen, um Magie zu lernen. Ihr Vater beachtete sie nicht. Elais kniete mit einem Herzen, das immer schwerer wurde, vor ihrem Beutel, wickelte Nussbrot in Blätter und legte es hinein. Schließlich stand sie auf, bereit zu gehen, doch ihr Vater sah nicht einmal von seinem Platz auf.

»Elorin«, sagte ihre Mutter. »Möchtest du dich nicht von Elais verabschieden?«

Ihr Vater sah auf, fragend.

»Möchtest du dich nicht von deiner Tochter verabschieden?«, fragte ihre Mutter wieder.

Da sah er sie an, doch sein Blick glitt über sie hinweg wie Wasser über einen Stein.

»Ich habe keine Tochter«, sagte er.

 

Der Schmerz in ihrer Brust war wie ein Stein, der wuchs und wuchs und sie von innen heraus zu erdrücken drohte. Elais biss sich in die Innenseite der Wangen, bis sie Blut schmeckte. Ihre Hände schlossen sich krampfhaft um ihren Stab und für einen Moment wünschte sie sich, dass sie die Kraft hätte, ihn zu zerbrechen und den Kristall an seinem Ende zu zerschlagen.

Es wäre einfach, oh, so einfach ihn zurückzulassen. Sie könnte umkehren und vergessen, dass der Einsiedler ihn ihr je gegeben hatte, dass er ihr gezeigt hatte, was es mit der seltsamen Kraft auf sich hatte, die er manchmal benutzte, wenn nur sie beide zugegen waren.

»Du hast eine seltene Gabe«, hatte er zu ihr gesagt, als sie ihre Hand auf den blauen Kristall am Ende des Stabs gelegt hatte und er aufleuchtete. Eine Welle aus Wind ging plötzlich von ihm aus, die ihr die Haare aus dem Gesicht wehte und das Gras um sie kreisförmig niederdrückte. »Du musst lernen, sie zu gebrauchen, sonst richtet sie sich gegen dich.«

Das war, kurz nachdem er in ihre Wälder gekommen war, ein einsamer Wanderer mit einer seltsamen Sprache und seltsam von Angesicht. Doch er hatte gelächelt und lustige Grimassen geschnitten, als Elais sich das erste Mal aus den Baumkronen zu ihm hinabgewagt hatte. Dort, auf dem Erdboden, wo seine Hütte stand, hatte er ihr gezeigt, wie man kleine Tiere aus dem langen Gras flocht, das dort unten wuchs.

»Er muss fort!«, hatte ihr Vater in derselben Nacht gesagt. Er sprach mit der Ältesten, während Elais, zitternd in der Kühle der Nacht, vor ihrem Haus hoch oben in den Bäumen kauerte, um nur ja kein Wort zu verpassen. »Es bringt nichts als Unheil, einen Menschen hier zu haben. Noch dazu einen Magier!«

»Er hat versprochen, seine Magie nicht zu nutzen«, erwiderte die Älteste. »Er ist aus der Gilde der Magier ausgestoßen worden und hat genug von den Menschen.«

»Dann soll er woandershin gehen!«, rief ihr Vater. Eine kurze Pause, in der Elais versuchte, ihr Zittern zu unterdrücken, um kein Geräusch zu machen. Dann die Stimme der Ältesten, scharf: »Und was willst du tun, wenn er nicht friedlich geht? Denke daran, was das letzte Mal geschehen ist, als ein Elf einen Menschen tötete!«

Elais verstand nicht alles, doch am nächsten Tag, als sie wieder zum Fuß des Baumes stieg, war der Mann immer noch da.

»Wie sind deine Haare so dunkel geworden?«, fragte sie ihn, als sie nach einigen Wochen begann, seine Sprache zu verstehen.

»Sie waren schon immer so«, erwiderte er. Elais dachte darüber nach. Ihre eigenen Haare und die aller anderen waren hell wie Sonnenlicht, das durch Nebel fällt.

»Bist du ein Mensch?«, fragte sie schließlich.

Der Mann lachte. Er hatte ein fröhliches Lachen, das seine Zähne sehen ließ, doch Elais merkte, dass seine Augen traurig blieben.

»Und was, wenn ich es wäre?«

Elais antwortete nicht. Sie dachte an all die Geschichten, die ihre Mutter ihr erzählt hatte, als sie klein gewesen war. Von Drachen, die Feuer und Tod über ihre Wälder brachten, von Eladris Silberhaar, der sie bekämpfte … und von den Menschen. Von ihrer Grausamkeit und dem Krieg, den sie gegen die Elfen führten, der vierhundert Jahre dauerte, bis die Elfen sich tief in ihre Wälder zurückzogen. Doch es wäre unhöflich, dies dem Fremden zu erzählen. Wenn er ein Mensch war, dann sicher ein ungewöhnlicher, schließlich hatte die Älteste gesagt, dass die anderen ihn verstoßen hatten.

»Wie heißt du?«, fragte sie stattdessen.

»Ein Einsiedler braucht keinen Namen mehr«, sagte er. Elais kannte das Wort nicht, doch von diesem Tag an nannte sie ihn so.

Jetzt wünschte sie sich manchmal, sie hätte nach seinem richtigen Namen gefragt, doch ein Einsiedler war er, als er ihr beibrachte, das Licht in ihr selbst zu finden, das er Magie nannte, und der Einsiedler war er, als er starb.

»Versprich mir, deine Gabe zu nutzen«, hatte er gesagt und seine Hände hatten ihre fast schmerzhaft umfasst. »Versprich mir, zur Schule der Magier zu gehen!«

Er sah sie aus seinen milchig blauen Augen an, die nun verschleiert waren, als sähen sie die Dinge um ihn bereits nicht mehr. Es war das erste Mal, dass Elais jemanden sterben sah.

»Ich verspreche es«, sagte sie. Der alte Mann schloss seine Augen und zum ersten Mal, seit Elais ihn kannte, lösten sich die tief eingegrabenen Linien seines Gesichtes. Im Tod sah er nicht mehr so alt aus.

 

Der Pfad war nun nichts mehr als Schlamm, der sich schmatzend um ihre Knöchel schloss. Elais wischte sich den Schweiß von der Stirn und ging dann kurzentschlossen in den Wald hinein, der bis an den Wegrand reichte. Der Einsiedler hatte sie davor gewarnt, die alte Straße zu verlassen, aber er hatte bestimmt nicht vorhersehen können, in welch schlechtem Zustand sie zum Zeitpunkt ihrer Reise sein würde. Außerdem verließ sie die Straße nicht wirklich – sie lief lediglich ein paar Schritte von ihr entfernt im Wald entlang. Es würde beinahe unmöglich sein, sie zu verlieren. Ein paar Meter von der Straße entfernt war der Boden viel trockener und Elais atmete freier. Wenn sie das Tempo beibehielt, wäre sie vielleicht schneller in Ferian als gedacht. Dann hörte sie Stimmen. Sie waren so leise, dass sie keine einzelnen Worte ausmachen konnte, nur Fetzen, die zu ihr drangen, wie das Murmeln eines fernen Baches … Ohne nachzudenken ging Elais in Richtung der Stimmen. Sie war bereits so lange alleine, dass die Einsamkeit wie ein Alb war, der nachts auf ihrer Brust saß und ihr das Atmen schwermachte. Andere zu sehen, wenn auch nur von Weitem, wenn auch nur für ein paar gestohlene Momente, erschien ihr wie ein Schatz. Die Stimmen waren jetzt deutlicher und Elais stolperte, in ihrer Hast, näherzukommen. Manchmal, wenn sie sich anstrengte, gelang es ihr, die Auren derjenigen um sie auszumachen. So hatte der Einsiedler sie genannt. Auren. Es war, als ob jedes Lebewesen aus sich heraus leuchtete, mal schwächer, mal stärker und manchmal so stark, dass ein heller Schein es umkränzte. Unwillkürlich suchte Elais nun nach den Auren der Personen vor ihr und tatsächlich, da waren sie – fünf schwache Umrisse, dunkler als die ihrer Familie und des Einsiedlers, aber dennoch vorhanden. Die Stimmen waren nun deutlicher und Elais konnte einzelne Worte ausmachen.

»… schwöre ich bei Rheya«, sagte ein Mann gerade. »Ich habe sie mit eigenen Augen gesehen.«

Rheya?, dachte Elais verwirrt, wer ist Rheya? Dann merkte sie, dass der Mann nicht in der Sprache ihrer Heimat, sondern in der des Einsiedlers gesprochen hatte und die Erkenntnis traf sie wie ein Schlag. Die fünf Personen vor ihr waren keine Elfen – sie war bereits seit Wochen unterwegs und hatte die Wälder ihrer Heimat längst hinter sich gelassen. Es waren Menschen, die da in einem Kreis saßen.

Einen Augenblick stand Elais da wie erstarrt. Sie sollte zurückgehen. Sie wusste nichts über die Menschen, die da vor ihr saßen. Der einzige Mensch, den sie je gesehen hatte, war der Einsiedler gewesen. Dann gewann ihre Neugier die Oberhand. Der Einsiedler war auch ein Mensch gewesen und er hatte ihr nichts als Güte gezeigt. Es gab keinen Grund, die Menschen vor ihr zu fürchten. Vorsichtig näherte Elais sich dem Gebüsch, hinter dem die Auren schwach hervorleuchteten und spähte hindurch.

Vier Menschen saßen auf der Lichtung, drei Männer und eine Frau. Sie hatten die seltsam stumpfen Ohren und runden Augen, die auch der Einsiedler gehabt hatte und ihr Haar war rindenfarben. Elais hatte Schwierigkeiten, ihre Gesichter zu unterscheiden. Ihre runden Augen und vorspringenden Nasen ließen sie seltsam gleichförmig erscheinen. Ihre Kleidung war abgerissen und sie rochen nach altem Schweiß, halbverdauten Rüben und Erde. Elais rümpfte die Nase, dann sah sie an sich herab. Ihr einst dunkelgrünes Gewand war zu einem helleren Farbton verblichen und der Saum war zerrissen, dort, wo sie am Tag zuvor an einem Ast hängengeblieben war. Sie hatte sich diesen Morgen zitternd in einem der Schmelzwasserbäche gewaschen, aber nun war sie mit Schlamm bespritzt und Schweiß lief ihren Rücken hinab und ließ ihr Gewand an ihrem Körper kleben.

»… glaub ich nicht«, sagte die Frau gerade. Sie lachte, ein freies, wildes Lachen, das Elais seltsam anziehend fand. »Sicher, dass du nicht etwas von dem Selbstgebrannten des Hauptmanns gemopst hast?«

»Ja«, mischte sich einer der Männer ein. »Dann könntest du wenigstens etwas zum Abendessen beisteuern.« Er lachte ebenfalls, doch der Mann, an den seine Rede gerichtet war, schwieg. Er trug ein Hemd, das wohl einmal blau gewesen sein musste, mit der nun verblichenen Abbildung eines Raubvogels darauf, eines Falken oder Habichts. Zwischen seinen Knien lag etwas, das wohl eine Kopfbedeckung aus Eisen sein mochte, auch wenn Elais sich beim besten Willen nicht erklären konnte, weshalb jemand Kleidung aus Eisen herstellen würde. Elais betrachtete ihn und spürte, wie ihr Herz schneller zu schlagen begann. Der Mann hatte Angst.

»Glaubt, was ihr wollt«, sagte er gerade, »aber ich bin niemand, der seinen Dienst leichtfertig verlässt. Ich habe Frau und Kinder zuhause.« Er vergrub das Gesicht in den Händen. »Wer weiß, wann ich sie jetzt das nächste Mal sehen werde.«

Die Frau lachte wieder.

»Ach komm«, sagte sie. »Echsen größer als jeder Mann, die auf zwei Beinen gehen und Waffen führen? Als nächstes behauptest du noch, einen Drachen gesehen zu haben.«

Der Mann schwieg und Elais spürte seine Furcht wie ein greifbares Ding.

»Lacht nur«, sagte er schließlich. »Vor einem Mond hätte ich mir selbst nicht geglaubt. Doch wenn ihr einmal nachts wachgelegen habt und zwei krallenbewehrte Klauen über das Gras tappen und ein geschuppter Schwanz um euer Zelt streicht, werdet ihr nicht mehr so ruhig und traumlos schlafen.«

Elais wich zurück; ob aus Furcht vor der Erzählung des Mannes oder aus einem anderen Grund, konnte sie später nicht mehr sagen, doch kaum hatte sie einen Schritt getan, als sie kaltes Metall in ihrer Halsbeuge spürte.

»Vorwärts«, sagte jemand hinter ihr. Er gab ihr einen Stoß und Elais stolperte auf die Lichtung und fiel. Die Männer und die Frau sprangen auf, als sei ein Geist zwischen ihnen erschienen.

»Was ist das?«, fragte die Frau voller Entsetzen und starrte Elais an.

»Keine Ahnung«, sagte der Mann hinter ihr. »Aber das hat euch belauscht. Ich würde nächstes Mal vorsichtiger sein.«

Elais spürte die Blicke der fünf Menschen auf sich, die nun in einem Kreis um sie standen und erstarrte. Alle Geschichten von menschlicher Grausamkeit, die ihre Mutter ihr erzählt hatte, kehrten in einem Augenblick zurück.

»Das«, sagte der Mann, der bis jetzt noch nicht gesprochen hatte, »is‹ ne Elfe.«

Die anderen zwei Männer und die Frau wichen vor ihr zurück.

»Ne Elfe?«, sagte der Mann hinter Elais. »Bist du sicher, Jo? Ich dachte, Elfen sind schon seit hundert Jahren tot.«

»So sicher, wie ich hier stehe«, entgegnete Jo. »Schaut sie euch doch an!«

Die Menschen starrten.

»Es stimmt«, sagte der Mann neben Jo. »Ihre Ohren sind zu lang und zu spitz. Und ihr Gesicht sieht auch irgendwie komisch aus.«

»Und was machen wir jetzt damit?«, fragte der Mann hinter Elais.

»Wir können sie nicht gehen lassen«, sagte Jo. »Elfen sind gemein und hinterhältig. Kennt ihr nicht die Geschichten?«

Er zog sein Messer.

Elais erwachte aus ihrer Starre. Später fragte sie sich oft, warum sie nicht einfach mit den Menschen gesprochen hatte, ihnen erklärt hatte, dass sie ihnen nichts Böses wollte. Andererseits, vielleicht hätte es auch keinen Unterschied gemacht. Stattdessen sprang sie auf, in die Richtung des Mannes mit der eisernen Kopfbedeckung. Sie hatte keinen Plan. Nur ein einziger Gedanke erfüllte sie: Weg, nur weg hier.

Die Menschen schrien auf und statt beiseitezutreten, vertrat der Mann mit der Kopfbedeckung ihr den Weg und sie stieß mit ihm zusammen.

»Sie hat mich angegriffen«, rief er und drehte ihr den Arm auf den Rücken. Ihr Stab fiel klappernd zu Boden.

»Seht ihr?«, fragte Jo. »Ich hab’s euch ja gesagt. Man kann sie keinen Moment aus den Augen lassen.«

Die Frau zog ebenfalls ein Messer aus ihrem Gürtel. Es war lang und rostig und seine Spitze abgebrochen.

»Wir sollten sie töten«, sagte sie. Doch es war Jo, der auf sie zutrat und sich zu ihr herabbeugte, das Messer in der Hand.

Elais‹ Gedanken rasten. Dumm. Sie war so dumm. Der Einsiedler hatte ihr hundertmal erklärt, was sie zu tun hatte und stattdessen hatte sie die Nerven verloren. Nun würde sie ihre Familie nie wiedersehen und nie die Tore Ferians erreichen … Das Metall des Messers drückte sich kalt in ihre Halsbeuge.

Halt.

Elais wusste nicht, ob sie das Wort laut ausgesprochen oder gedacht hatte, aber die Zeit verlangsamte sich und hielt schließlich an, wie ein Harzfaden, der sich zwischen Baum und Finger dehnt und langsam erstarrt. Sie öffnete ihre Augen. Sie würde ihre Familie nie wiedersehen, egal, was in diesem Moment geschah, denn sie war verbannt für das schlimmste Verbrechen, das einer ihres Volkes begehen konnte: für den Gebrauch von Magie. Ihre Eltern würden nie wissen, ob sie Ferian erreichte oder ob nur einige Hundert Meilen von Meldoria das Leben aus ihr hinausfloss und die Erde eines einsamen Waldes tränkte. Für ihre Eltern war Elais bereits tot. Sie blickte Jo an, der noch immer das Messer in ihre Halsbeuge gepresst hielt und spürte die metallische Kühle auf ihrer Haut. Wie alles um sie, war auch er erstarrt. Sie konnte sich nicht bewegen, denn Jo hielt sie noch immer in seinem jetzt starren Griff. Elais rief ihre Magie an.

Sie konnte die Kraft spüren. Dort in ihrer Körpermitte war sie und sandte Magie wie warme Wellen von sich aus. Aber noch eine zweite, ungleich stärkere Kraft spürte Elais, und ihr Sitz war in der Mitte des Kristalls, der wenige Schritte neben ihr lag. Doch sie musste den Stab berühren, um sie zu benutzen. Stattdessen streckte sie ihre Hand nach dem Lichtteich in ihrer Körpermitte aus und tauchte sie hinein. Sie nahm nicht alles. Ihre Fingerspitzen ergriffen nur einen dünnen Faden aus Licht, der sich dehnte, als sie ihn aus sich herauszog. Er widersetzte sich ihr, aber sie gab nicht nach. Schließlich zerfaserte der Strang.

Sie hatte dies nie zuvor mit einem Messer an ihrer Kehle getan und sie hatte noch nie solche Angst dabei gehabt. Sie wob keinen Schild um sich, der sie komplett umschloss, wie sie es in ihren Übungsstunden mit dem Einsiedler getan hatte. Stattdessen konzentrierte sie sich auf die Stelle, wo das Messer sie berührte. Behutsam, unendlich behutsam schob sie Fäden aus Licht zwischen sich und die Messerklinge. Es war kein Fingerbreit Luft zwischen ihnen, aber dennoch schmiegten sich die Fäden an ihre Haut, als sie sie dorthin führte und gaben ihr ein Gefühl der Sicherheit. Dann wob sie einen Teppich von Licht um ihre Arme, dort wo die Männer sie gepackt hielten.

Sie atmete aus.

Sie schlug die Augen auf und sah einen Ausdruck der Verblüffung auf dem Gesicht des Mannes vor ihr. Das Messer war immer noch an ihrer Kehle, aber das Gefühl des kalten Metalls war verschwunden.

»Was ist, Jo?«, fragte die Frau. »Worauf wartest du?«

Jo erhöhte den Druck des Messers auf ihren Hals, Elais sah, wie die Adern auf seinen Unterarmen hervortraten, aber nichts geschah.

»Ich versuch’s ja«, sagte er. »Aber es passiert nichts.« Zeit wegzukommen. Elais spannte ihren Körper an. Sie hatte keine Ahnung, was der Zauber bewirkte, auf diese Weise angewandt. Nun, sie würde es herausfinden. Sie sprang auf. Sie spürte keinen Widerstand an ihren Armen, nur ein kühles Gleiten, wie Wasser, das an den Federn einer Ente abperlte. Im nächsten Moment war sie frei. Einen Augenblick lang war sie so verblüfft wie ihr Gegenüber, sie stand bewegungslos und starrte Jo in die Augen, der fassungslos zurückstarrte, die Hand, die das Messer umfasst hielt, nutzlos herabhängend. Elais bewegte sich als erste. Sie rannte vorwärts, an Jo vorbei, doch die Frau vertrat ihr den Weg.

Es waren zu viele von ihnen, wurde Elais klar, nie würde sie lebendig den Kreis verlassen, den die Menschen um sie geschlossen hatten, sie war zu langsam und die Menschen zu schnell. Stattdessen warf sie sich auf den Stab, der wenige Schritte neben ihr vergessen auf dem Waldboden lag. In dem Augenblick, in dem ihre Hand sich um das warme Holz schloss, packte einer der Männer ihr Haar. Elais‹ Kopf wurde zurückgerissen. Plötzlich erfüllte sie brennende Wut. Sie hatte nichts getan und dennoch hatten die Menschen sie angegriffen. Fast ohne zu wissen, was sie tat, griff sie in das eisige Feuer des Kristalls und in ihre eigene Kraftquelle in ihrer Körpermitte und führte die beiden Quellen aus Licht vor sich zusammen.

Die Luft um Elais zerbarst. Der Mann, der ihr Haar gefasst hatte, schrie. Und für einen Lidschlag lang wurde Elais von einem wilden Triumph erfüllt. Sie war stark, stärker als Jo, stärker als der Mann, der ihr Haar gefasst hatte oder die Frau mit dem rostigen Messer. Wenn sie wollte, könnte sie jeden von ihnen zerreißen, zerpflücken, Glied für Glied, wie die Blätter einer Blüte. Dann war der Augenblick vorbei und Elais wurde von der Druckwelle erfasst und zurückgerissen. Ich habe den Schild vergessen, dachte sie, bevor sie auf dem Boden aufschlug. Alles wurde Schwarz.

 

Als sie wieder zu sich kam, spürte sie jeden Knochen in ihrem Körper. Ihre Haarwurzeln schmerzten und in ihrer Körpermitte, dort, wo ihre Magie war, spürte sie eine Leere, als ob sie zu lange nichts gegessen hätte. Nur dass es nicht Nahrung war, nach der ihr hungerte; sie vermisste den Teil ihrer Kraft, den sie aus sich herausgezogen hatte.

Es war still, so still, dass Elais schließlich wagte, ihre Augen zu öffnen. Sie wusste nicht, wie lange sie bewusstlos gewesen war, es hätten mehrere Stunden sein können oder auch nur ein paar Augenblicke. Es war immer noch Tag, zu viel Zeit konnte also nicht verstrichen sein. Sie spürte die Auren der Menschen um sich, reglos am Boden liegend und schwächer als zuvor, aber immer noch da. Mit plötzlicher Intensität bemerkte sie die Hand des Mannes, der ihr Haar gepackt hatte, an ihrem Hinterkopf. Elais lag auf ihr. Ekel überkam sie. Sie setzte sich abrupt auf, nahm ihren Stab und erhob sich mühsam. Sie wäre gerne fortgelaufen, aber ihre Beine zitterten und weigerten sich, sie zu tragen. Ihr ganzer Körper zitterte.

Sie hatte Angst. Sie hatte Angst vor dem, was vor ihr lag, vor dieser Straße, die sie werweißwohin führen würde, zu neuen Begegnungen mit anderen Menschen. Sie hatte Angst vor ihrem Ende, vor der Schule der Magier, in einer unbekannten Stadt voll fremder Leute. Aber wenn sie ehrlich war, dann war das, was ihr am meisten Angst einflößte, dieser winzige Moment, so kurz, dass es einfach sein würde, ihn in den Tagen, die da kommen würden, zu vergessen – der Moment, in dem sie keine Angst empfunden hatte, sondern nichts als weiße Wut und ein Gefühl des Triumphes.

Begegnung im Steinernen Wächter

 

Tkemen setzte den Krug so hart auf die Tischplatte, dass die braunschwarze Flüssigkeit überschwappte. Nicht, dass es um den Tisch schade wäre. Nach allem, was er wusste, war die Platte bereits von zahllosen Flüssigkeiten durchdrungen, die sich in ihren Poren festgesetzt hatten und ihre Oberfläche klebrig machten. Unwillkürlich zog Tkemen seine Hand zurück und wischte sich stattdessen über den Mund, doch der grauenvolle Geschmack des Gebräus ließ sich nicht wegwischen.

Der Wirt hastete mit sechs gefüllten Krügen an ihm vorbei, mit hochrotem Gesicht, seinen fetten Wanst vor sich herschiebend, und Tkemen beschloss, die Gelegenheit zu ergreifen.

»Heda, Wirt!«, rief er.

Der Wirt stellte die Krüge zwei Tische von ihm entfernt ab und kam dann schnaufend zurück.

»Ja, Herr?«

Tkemen zeigte auf seinen Krug, dessen Inhalt durch das Halbdunkel der Schankstube gnädig verdeckt wurde. An seiner Oberfläche schwamm etwas Bröseliges oder Schleimiges, Tkemen sah lieber nicht so genau hin, jedenfalls etwas, das bestimmt nicht in einen Krug gehörte.

»Was ist das?«

»Euer Getränk.« Der Wirt wischte sich die Hände an seiner Schürze ab, die eher grau denn weiß war und seine Züge nahmen einen leicht verdutzten Ausdruck an.

Tkemen tippte mit den Fingern ungeduldig auf die Tischplatte, bis ihm wieder einfiel, dass er sie ja nicht berühren wollte.

»Das ist mir auch klar. Um was für ein Getränk handelt es sich genau?«

»Um Bier natürlich, wie Ihr es bestellt habt. Warum, stimmt etwas damit nicht?«

Der Wirt beugte sich über den Krug, um seinen Inhalt näher zu inspizieren und Tkemen verdrehte die Augen.

»Abgesehen davon, dass es gerade versucht, wieder meine Speiseröhre hochzukriechen, ist alles in Ordnung«, sagte er. Der Wirt blickte ihn verdutzt an und Tkemen gab auf.

»Gibt es noch andere Sorten?«, fragte er.

»Aber ja«, sagte der Wirt stolz. »Wir haben fünf verschiedene Sorten, alle hausgemacht: Graukirsche, Baldrian und eine neue Sorte mit Frühlingskraut –«

»Schon gut«, unterbrach ihn Tkemen und unterdrückte einen Schauder. Als der Wirt sich nicht zum Gehen wandte, fragte er: »Sonst noch was?«

»Euer Zimmer ist fast hergerichtet«, sagte der Wirt. »Möchtet Ihr das Bad sofort eingelassen haben?«

»Nein«, sagte Tkemen. »Später.«

Der Wirt verbeugte sich und hastete davon, zum nächsten Tisch, an dem eine Gruppe angetrunkener Trapper nach mehr Was-auch-immer grölte.

Im selben Augenblick, in dem sich der Wirt abwandte, bereute Tkemen seine Entscheidung. Er würde das Getränk bestimmt nicht noch einmal in die Nähe seiner Kehle lassen, was also hatte er hier noch zu suchen? Seit er die Schenke betreten hatte, waren seine Nerven zum Zerreißen gespannt; er wusste genau, wie gefährlich es für ihn war, hierherzukommen. Schließlich suchten sie immer noch nach ihm.

Er wusste es, weil er in jedem Trapperlager, in das er gekommen war, wenn seine Vorräte sich zu Ende neigten, Erkundigungen eingezogen hatte.

»Männer mit zwei Schwertern?«, hatte einer der Trapper gefragt und sich den Kopf gekratzt. Er warf einen Blick auf Tkemens Katanas, die er kreuzweise auf den Rücken geschnallt trug. Tkemen hatte Mühe, seine Ungeduld zu unterdrücken. Genau wie er trugen seine Verfolger keine gewöhnlichen Schwerter, sondern die schmalen Klingen seines Ordens. Aber der Mann war offensichtlich zu ungebildet, um den Unterschied zu begreifen.

»Richtig«, sagte er stattdessen. »Und sie trugen wahrscheinlich eine Kette wie diese.«

Er zog an der Kette um seinen Hals, sodass der Anhänger aus schwerem Silber auf seinem Hemd zu liegen kam. Der Mann warf einen Blick auf die drei gekreuzten Katanas.

»Nun ja, habe tatsächlich so jemanden gesehen, jetzt wo ich darüber nachdenke«, meinte der Trapper gedehnt. »Ein Mann, der zwei Schwerter auf dem Rücken trug. Seltsame Art, sie zu tragen, wenn Ihr mich fragt.«

Er warf einen bedeutungsvollen Blick auf Tkemens Katanas.

»Kam vor zwei Tagen hier vorbei und hat dieselben Fragen gestellt.«

»Und?«, fragte Tkemen, bis aufs Äußerste gespannt. »Was habt Ihr geantwortet?«

Er hatte seine Verfolger in Failin abgeschüttelt und dies war das erste Zeichen, dass sie seine Spur wieder aufgenommen hatten.

Der Trapper zuckte mit den Schultern.

»Hab gesagt, dass ich so jemanden nie nich‹ gesehen habe. Falls der Mann allerdings zurückkommt …«

Tkemen gab ihm zwei Silberlinge und fragte sich, was sein Verfolger ihm wohl gezahlt haben mochte.

Zwei Tage. Tkemen ließ seinen Blick über die Gesichter der Männer im Schankraum gleiten. Das hieß, dass sie – denn er glaubte keinen Moment, dass sein Verfolger alleine reiste – jeden Augenblick hier erscheinen könnten. Es wäre vernünftiger gewesen, darauf zu hören, was Erik ihm geraten hatte.

»Versteck dich, so lange, bis Gras über die Sache gewachsen ist«, hatte er gesagt. Nur hatte Erik nicht voraussehen können, dachte Tkemen grimmig, dass das Gras in diesem Fall sehr langsam wuchs. Soltanis war in dreizehn Tagen. Wenn er seine Verabredung mit Erik einhalten wollte, dann musste er sich jetzt auf den Weg machen. Bis dahin musste er sich so gut bedeckt halten, wie es eben ging. Er legte seine Hände auf den Rand des Tisches, bereit sich zu erheben und auf sein Zimmer zu gehen.

Die Schanktür wurde aufgestoßen. Sofort flog Tkemens linke Hand an den Griff eines seiner Katanas. Alle Blicke richteten sich auf den Neuankömmling. Es wurde still, als eine Frau, nein, ein Mädchen – Tkemen schätzte sie auf etwa sechzehn Winter – den Raum betrat. Einen Moment verharrte sie, vielleicht von der plötzlichen Dunkelheit geblendet. Die Tür fiel mit einem in der Stille deutlich vernehmbaren Klacken hinter ihr ins Schloss. Dann hielt sie zielstrebig auf einen der noch leerstehenden Tische direkt vor Tkemen zu. Als sie sich setzte und nun ihrerseits den Blick durch die Schenke schweifen ließ, wandten sich die übrigen Gäste wieder ihren Gesprächen und Metkrügen zu. Bald herrschte der vorherige Lärm. Tkemen entspannte sich, aber es gelang ihm nicht, seinen Blick von dem Mädchen zu lösen. Sie war nicht von hier. In der Ansiedlung um den Steinernen Wächter gab es keine Frauen; Tkemen konnte sich nur schwer vorstellen, was eine Frau dazu verlocken könnte, sich in dieser Wildnis niederzulassen. Die Wenigen, die ihren Ehemännern in den Urwald um den Steinernen Wächter gefolgt waren, hatten harte Gesichter; das Gesicht des Mädchens war weich und wie von Staunen erfüllt. Die Trapperfrauen trugen ihr Haar lang und Kleider oder Röcke, alles andere wäre unziemlich gewesen; das Mädchen hatte kurzes Haar, das ihr Kinn gerade streifte, sie trug Hosen und darüber eine ärmellose Tunika und ein Hemd, dessen feiner Stoff aus blauen und gelben Fäden gewoben war und schimmerte wie das Meer an einem sonnigen Tag. Die Kleider wirkten neu, nicht als ob ihre Besitzerin einen Fußmarsch durch die Wildnis hinter sich hätte. Tkemen lehnte sich kopfschüttelnd zurück. Es war unmöglich. Um hierher zu gelangen, hatte das Mädchen entweder die Länder der Barbaren im Norden durchqueren müssen oder aber den Urwald im Süden, wo die ebenfalls nicht für ihre Gastfreundschaft bekannten Pa-au lebten. In beiden Fällen sollte sie nicht so wirken, als hätte sie gerade höchstens einen Spaziergang hinter sich.

Die Tür öffnete sich abermals und Tkemen warf einen raschen Blick auf zwei Männer, die, ihre Kapuzen tief in die Stirn gezogen, den Schankraum betraten. Wandermönche. Von ihnen ging keine Gefahr aus. Er wandte sich wieder dem Mädchen zu und musterte sie neugierig. Sie war klein, nicht größer als anderthalb Schritte und von grazilem Körperbau. Ihr Haar wirkte, als wäre es seit Wochen nicht mehr gekämmt worden. Von braunschwarzer Farbe hatte es allen Glanz verloren und war so verfilzt, dass es Tkemen an den Pelz eines Bisons erinnerte. Inmitten all der Söldner, Trapper und Gesetzlosen wirkte das Mädchen so fehl am Platz, so unbeteiligt an allem um sie herum, als käme sie aus einer anderen Welt. Als hätte sie seine Gedanken gespürt, drehte das Mädchen sich zu ihm um. Einen Augenblick begegneten sich ihre Blicke. Tkemen sah in ein spitz zulaufendes Gesicht mit heller, leicht gelblicher Färbung und einer spitzen, weit vorspringenden Nase. Sie blickte ihn aus schmalen, fast wimpernlosen Augen an und einen endlosen Augenblick lang glaubte er, in die Augen eines Mädchens zu sehen, das er vor langer Zeit gekannt hatte, in einem anderen Leben. Ihre schmalen Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, in dem er Spott zu erkennen glaubte. Dann hörte er es. Ein leises, singendes Geräusch hinter ihm, das ihm so vertraut war, wie das Gewicht seiner Schwerter. Tkemen warf sich zur Seite. Einen Augenblick später zerschnitt eine Klinge die Luft, da, wo sich gerade noch sein Kopf befunden hatte. Während Tkemen sich abrollte, verfluchte er sich für seine Unvorsichtigkeit. Er kam auf die Beine, zog in einer fließenden Bewegung seine Schwerter und ging in Abwehrhaltung. Der Mann vor ihm trug feine Kleider unter seiner Mönchskutte. In den Händen hielt er zwei Schwerter, die seinen zum Verwechseln ähnelten. Tkemen blickte dem vermeintlichen Mönch, dessen Kapuze zurückgefallen war, ins Gesicht.

»Nkato.« Er nickte ihm zu, als stünden sie sich im Hof des Palastes zu einem Übungskampf gegenüber und nicht in einer Schenke zu einem tödlichen Duell. »Lange nicht mehr gesehen. Ich gebe zu, ich war schon seit einiger Zeit nicht mehr in Rilah, aber ich hätte nicht gedacht, dass sich die Dinge so schnell ändern würden. Vielleicht kannst du mir auf die Sprünge helfen: Seit wann genau ist es erlaubt, einen Mann ohne Vorwarnung und von hinten anzugreifen?«

Sein Gegenüber blickte auf. In seinen Augen lag eine tiefe Bitterkeit, die neu war.

»Natürlich«, sagte er in Nairi. »Natürlich musst du mich so begrüßen. Ich weiß nicht, was ich erwartet habe.«

»Ja, was genau hast du erwartet?«, erkundigte sich Tkemen ebenfalls in der Sprache seiner Heimat. »Dass ich mich widerstandslos ausliefere, während ich vor Reue mit den Zähnen knirsche?«

»Nichts weiter«, sagte Nkato leise, »als ein wenig Bedauern, dass du Kteren-san ermordet hast.«

Der Schmerz in Nkatos Stimme war echt und nahm Tkemen die spitze Erwiderung, die ihm auf der Zunge lag.

Kteren-san war ihr Meister gewesen. Ein harter Meister: in all den Jahren, die er sie unterrichtet hatte, konnte sich Tkemen an kein einziges Lächeln erinnern, das er ihnen geschenkt hatte – aber dennoch ihr Meister.

»Nkato«, sagte er und ließ seine Schwerter sinken, »das hier ist alles nicht notwendig. Du kannst mir vertrauen.«

Tkemen sah ihm in die Augen und wusste, dass sie beide an dasselbe dachten. Sie waren gemeinsam im Palast angekommen, beide gleichermaßen allein, Jungen, von denen erwartet wurde, dass sie sich wie Männer benahmen. Und in jener ersten Nacht hatte Tkemen Nkatos Schluchzen gehört, das er in seinem Kissen zu ersticken versuchte. Er hatte sich neben ihn gesetzt und gehört, wie sein Schluchzen abrupt verstummte.

»Einsam?«, hatte er in die Stille gefragt und dann: »Ja. Ich auch.«

Danach waren sie Freunde gewesen, nein, mehr als Freunde, Kyoudai.

»Bitte, hör mir zu«, sagte Tkemen. »Habe ich je etwas getan, was du nicht auch getan hättest? Lass uns die Schwerter beiseitelegen, Ani

Nkato schwankte. Tkemen sah in seinen Augen, wie die jahrelange Loyalität gegenüber ihrem Orden mit ihrer Freundschaft kämpfte. Gerade als Tkemen glaubte, dass ihre Freundschaft gewinnen würde, sprach Nkato.

»Sag mir eines«, forderte er. »Als ich dich neben Kteren-san fand … als ich ihn in seinem Blut liegend fand - wenn du ihn nicht ermordet hast, wer war es dann?«

Tkemen schwieg und Nkato hob seine Stimme.

»Wer hat ihn getötet?«, fragte er. »Wenn ich dir vertrauen kann, musst du die Antwort nicht fürchten. Warst du es?«

Tkemen schwieg. Er wünschte, er könnte Nkato eine andere Antwort geben, als die, die dieser sich bereits selbst gegeben hatte: Dass er es war, der ihren Meister getötet hatte. Einen langen Moment herrschte Stille. Nkato sah ihn an, seine Augen ein stählernes Grau.

»Wir sind keine Brüder mehr«, sagte er.

Tkemen spürte einen Stich im Herzen. Nkatos Freundschaft war der einzige Faden gewesen, der ihn noch mit seiner Heimat verbunden hatte. Nun war er wirklich und wahrhaftig allein.

»Sei’s drum«, sagte Tkemen leichthin. »Wie du weißt, war ich im Schwertkampf immer der Bessere von uns beiden. Du wirst mich nicht besiegen können.«

Doch im selben Augenblick, in dem die Worte seinen Mund verließen, wusste er, dass er einen Fehler gemacht hatte. Nkatos Gesicht erstarrte zu einer Maske.

»Nein«, sagte er. »Diesmal wird es dir nicht gelingen zu entkommen.«

Nkato richtete seinen Blick auf etwas hinter Tkemen und das dumpfe Gefühl, dass er etwas übersehen hatte, wurde übermächtig. Zwei Mönche. Das war es. Es waren zwei Mönche gewesen. Er wirbelte herum und sah sich Auge in Auge Inaki gegenüber, der ihn kalt betrachtete. Ausgerechnet. Der Bastard wartete wahrscheinlich schon auf diesen Moment, seit er dem Orden beigetreten war.

»Gibt es noch etwas, das du sagen möchtest?«, fragte er.

»Ja!«, rief Tkemen. »Kleiner Tipp: Rosa Hemden stehen nicht jedem. Puh, jetzt ist es raus. Ich beiße mir schon seit Jahren auf die Zunge.«

Er hatte die billige Genugtuung, das Lächeln aus Inakis Gesicht verschwinden zu sehen, dann zog dieser mit einem klingenden Geräusch seine Katanas.

»Bist du bereit zu sterben?«, sprach Nkato die zeremoniellen Worte hinter ihm.

Nein, dachte Tkemen mit einem Anflug von Panik, nein, ganz und gar nicht.

Er warf einen Blick um sich. Sicher gab es irgendetwas, das ihn noch retten konnte. Oder irgendjemand? Aber natürlich hatten sich sämtliche Gäste der Schenke wohlweislich aus der näheren Umgebung der drei Männer zurückgezogen. In ihren Gesichtern las er nichts als die Vorfreude auf einen Kampf, der den Tag aufzulockern versprach. Nein, von ihnen konnte er keine Hilfe erwarten, niemand würde sein Leben für einen Fremden riskieren.

Inaki trat einen Schritt auf ihn zu und Tkemen machte sich bereit, seine Haut so teuer wie möglich zu verkaufen.Keiner der drei hatte mit dem Mädchen gerechnet. Scheinbar unbeteiligt war sie als einzige an ihrem Tisch sitzengeblieben. Als Inaki einen Schritt vortrat, griff sie zu. Alles ging sehr schnell. Tkemen bemerkte nur noch, dass sie Inakis Handgelenk gepackt hatte und einen Fuß in seinen Bauch stemmte, als er selbst auch schon herumwirbelte und zum Angriff überging. Er überraschte seinen Gegner; erst im letzten Moment riss Nkato sein rechtes Schwert hoch und ließ Tkemens Angriff daran abgleiten.

»Wie konntest du nur?«, fragte Nkato zwischen zusammengebissenen Zähnen.

Er wandelte seine Abwehrbewegung in einen Angriff um und ließ seine Schwerter auf Tkemens ungeschützte Seiten zufliegen.

»Deinen eigenen Meister! Und was ist mit dem Kaiser? Hast du deinen Rebellenfreunden dabei zugesehen, wie sie ihn getötet haben? Oder hast du ihn selbst ermordet?«

»Nein«, sagte Tkemen, als Nkatos Schwerter an seinen abprallten, »das war Kteren-san.«

»Du lügst!«, rief Nkato und wehrte den auf seine Schulter geführten Doppelschlag Tkemens ab. »Niemals würde Kteren-san so etwas tun. Er hat geschworen, den Kaiser mit seinem Leben zu beschützen.« Er zielte mit seinem rechten Schwert auf das Schlüsselbein Tkemens, während er das linke auf seine Kniekehle zuschnellen ließ.

»Genau wie ich«, sagte Tkemen und wehrte den Angriff ab. »Und trotzdem muss es einer von uns beiden getan haben.«

Nkato runzelte die Stirn.

»Warum sollte Kteren-san so etwas tun?«, fragte er. »Er hat dem Kaiser sein ganzes Leben lang gedient.«

Eine kleine Pause war eingetreten, in dem sie beide auf die Bewegungen des anderen lauerten. Schweiß perlte auf Tkemens Stirn und sein Atem ging schwer.

»Ich weiß nicht, was sie dir erzählt haben«, sagte er. »Aber Kteren-san und andere haben den Kaiser und seine Kinder in jener Nacht ermordet, um seinen Platz einzunehmen. Deswegen habe ich ihn getötet. Es blieb mir keine andere Wahl.«

Einen Moment zeigte sich Verwirrung auf Nkatos Gesicht und Tkemen schöpfte bereits Hoffnung, doch dann verfinsterte es sich.

»Du hast ihn noch nie gemocht«, rief er. »Wenn du wirklich so unschuldig bist, warum hast du dich in jener Nacht von unserer Wache entfernt? Warum warst du ausgerechnet dort, wo du nicht sein solltest?«

Tkemen setzte zu einer Erwiderung an, doch bevor er den Mund öffnen konnte, griff Nkato an. Beide Schwertschneiden beschrieben einen perfekt geformten, tödlichen Halbkreis, der genau an Tkemens Hals endete. Ein leises Klingen ertönte, als Tkemen sie wenige Fingerbreit vor ihrem Ziel wegschlug, dann sein rechtes Schwert um das seines Gegners wickelte, es ihm mit einer Drehbewegung aus der Hand schlug und es ohne innezuhalten in seiner Brust versenkte.

Einen Moment blieb Nkato stehen, Unverständnis im Blick. Dann erbleichte er und sank vornüber. Als Tkemen ihm das Schwert aus der Brust zog, quoll ein Schwall Blut hervor und färbte die Mönchskutte dunkel. Immer noch starrte Nkato aus weit aufgerissenen Augen zu ihm empor. Er suchte seinen Blick und Tkemen beugte sich zu ihm herab. Die Hand seines ehemaligen Freundes packte so schnell zu, dass sie Tkemen aus dem Gleichgewicht brachte. »Verräter«, presste er hervor. »Glaub nicht, dass du damit davon–« Er verstummte.

Tkemen befreite sich aus seinem Griff, richtete sich auf und wischte sein Handgelenk am Hemd ab, als könne er sich damit von dem Vorgefallenen reinigen. Eine Traurigkeit, wie er sie nicht mehr gespürt hatte, seit er sein Zuhause verlassen hatte, drohte ihn zu übermannen. Er wünschte, es gäbe etwas, was er tun könnte, um die Vergangenheit rückgängig zu machen.

Stattdessen wandte er sich ab und durchforschte den Raum, auf der Suche nach seinem zweiten Gegner. Mit einer gewissen Genugtuung entdeckte er ihn hinter dem Ausschank, bewusstlos, in einem Scherbenhaufen, der wohl einmal eine Garnitur Metkrüge gewesen war. Kopfschüttelnd sah er sich nach dem Mädchen um, konnte sie aber nirgends entdecken.

»Heda! Wirt!«, rief er dem Mann zu, der hinter der Theke kauerte und unter seinem Blick zusammenfuhr.

»Was wünscht Ihr, Herr?«

Der Wirt lief zu ihm, mit einer Eilfertigkeit, die Tkemen aufmerken ließ. Er betrachtete die Gesichter der Umstehenden und erkannte eine Mischung aus Angst und widerwilligem Respekt in ihnen, bevor sich die Männer abwandten und eine halblaute Unterhaltung begannen.

»Was ist mit ihm passiert?«, fragte er und deutete auf Inaki.

»Oh, es war unglaublich, Herr! Das Mädchen hat sich ihn gegriffen und quer durch den ganzen Raum geschleudert. Er fiel unglücklicherweise hinter die Theke und riss dabei einen Satz meiner schönsten Metkrüge zu Boden. Die Schönsten, die ich hatte! Ich weiß gar nicht, wie ich den Schaden ersetzen soll, sie sind gerade erst mit der letzten Karawane angekommen direkt aus Ferian …«

Ein pochender Schmerz begann sich hinter Tkemens Schläfen auszubreiten. Er glaubte nicht, dass er an diesem Tag noch viel mehr ertragen konnte, doch bevor er der Versuchung nachgeben konnte, den Wirt auf andere Art zum Schweigen zu bringen, drückte Tkemen ihm zwei seiner letzten Silberlinge in die Hand.

»Hier, nehmt«, sagte er barsch. Später, in der Abgeschiedenheit seines Zimmers, würde er es bereuen, keine Frage, aber jetzt wünschte er sich einfach nur seine Ruhe.

»Das ist hoffentlich ausreichend?«

»Oh, völlig, völlig«, rief der Wirt, der die Silberlinge mit einer raschen Bewegung einsteckte.

»Ich weiß gar nicht, wie ich euch danken soll …«

»Habt ihr hier draußen so etwas wie ein Gefängnis?«, unterbrach Tkemen ihn.

»Ein Gefängnis, Herr? Nun, wisst Ihr, normalerweise brauchen wir hier so etwas nicht … Man könnte höchstens den leerstehenden Keller unterm Haus …«

»Das wird genügen. Hört mir jetzt gut zu. Ich möchte, dass Ihr diese zwei dort hinunterbringt und einen Mond lang beherbergt.«

Tkemen griff in seinen Beutel und ließ zwei weitere Silberlinge in die Hand des Wirtes gleiten. Ein einziger blieb zurück.

»Ich komme für die Kosten auf.«

Erstaunt blickte der Wirt auf Nkato, der auf der anderen Seite des Raums immer noch in einer Blutlache am Boden lag.

»Für beide? Aber Herr, denkt Ihr nicht, dass eine Beerdigung eher angemessen –«

»Er ist nur verwundet«, unterbrach ihn Tkemen. »Findet am besten auch einen Heiler, der ihn wieder zusammenflickt, bevor er noch mehr Blut verliert.«

»Herr, darf ich Euch einen Rat geben? Nicht, dass ich Euren Vorschlag in Zweifel ziehen würde, aber wir verfahren hier draußen mit ungebetenen Gästen auf einfachere Art und Weise …« Der Wirt fuhr sich mit der gestreckten Hand über den Hals. »Wenn Ihr versteht, was ich meine …«

Unwillig wandte Tkemen sich ab.

»Ich verstehe Euch sehr gut«, meinte er schroff. »Tut einfach, wie Euch geheißen. Und keine Spielchen! Könnte sein, dass ich nächsten Monat nochmal vorbeikomme und dann will ich die beiden lebend und bei guter Gesundheit vorfinden!«

Der Wirt verbeugte sich. Tkemen konnte an seinem Gesicht ablesen, dass der vorherige Respekt nun einem Gefühl der Überlegenheit gewichen war, welches bereits an Mitleid grenzte. »Natürlich, Herr.«

Tkemen wandte sich ab, um den Ekel, der in ihm aufstieg, nicht allzu deutlich zu zeigen. Stattdessen beobachtete er, wie Inaki unter der Anleitung des Wirts aus dem Scherbenhaufen geschleift wurde. Er wusste so gut wie der Wirt, dass es leere Drohungen waren, die er ausgestoßen hatte. Er würde nicht wiederkommen, natürlich nicht, und der Wirt würde seine Ordensbrüder freilassen, sobald sie ihm eine genügend große Summe anboten. Aber die Verwundung, die er Nkato zugefügt hatte, würde sie eine Weile aufhalten und ihm Zeit verschaffen, eine möglichst große Strecke zwischen sich und seine Widersacher zu bringen. Groß genug, um seine Spuren zu verwischen, hoffte Tkemen. Er glaubte nicht, dass er bei einer zweiten Begegnung noch einmal so viel Glück haben würde.

Ein kleiner, drahtiger Mann, offenbar der Heiler, bahnte sich einen Weg durch die Menge und kniete vor Nkato nieder.

Tkemen stand neben ihm, während er unter Fluchen Nkatos feines Hemd zerschnitt, seine Wunde wusch und sie nähte. Es war eine tiefe Wunde, direkt unterhalb des Schlüsselbeins. Noch ein wenig tiefer und Tkemen hätte nur für einen zahlen müssen. Ich hätte beinahe meinen besten Freund ermordet, dachte er. Zuerst mein Meister und nun mein Ordensbruder. Wer kommt als nächstes?

»Und?«, wandte Tkemen sich angespannt an den Heiler, als dieser fertig war.

»Er wird’s überleben«, entgegnete der Heiler barsch und funkelte Tkemen böse an. Tkemen konnte es ihm kaum verübeln. Der pochende Schmerz hatte inzwischen seine Stirn erreicht und er wünschte sich nichts weiter als ein Bett, eine Flasche Reiswein und ein paar Stunden traumlosen Schlafs. Doch es gab hier keinen Reiswein und er war noch nicht fertig. Er hatte vorgehabt, sich ein paar Tage im Steinernen Wächter auszuruhen und sich dann der nächsten Karawane anzuschließen, die nach Norden ging. Von Ruhe konnte nun keine Rede mehr sein und er hatte kaum genug Geld, um den Karawanenmeister zu bezahlen. Seine Finger drehten und wendeten den einsamen Silberling in seinem Beutel hin und her. Er würde ihm einen Platz in der Karawane kaufen, doch dann hätte er nichts mehr als ein paar Kupferlinge und den Dreck unter seinen Fingernägeln und es war zu gefährlich, alleine zu reisen.

»Wirt!«, rief er dem Mann zu, der immer noch ein paar Schritte von ihm entfernt stand und einen mürrischen Jungen dabei beaufsichtigte, das Blut aufzuwischen. »Beherbergt Ihr einen Karawanenmeister?«

Er hatte Glück. Der Wirt zeigte auf einen Mann an einem der hinteren Tische, mit einem stattlichen Bart und einem ebenso stattlichen Bauch, den er zwischen sich und die Tischplatte geklemmt hatte, doch im Gegensatz zu allen anderen Gästen waren seine Kleider aus gutem Tuch gefertigt und auf seiner Brust lag eine Kette aus schwerem Gold. Um ihn saßen mehrere Männer, die ihm dabei zusahen, wie er ein Hühnchen fein säuberlich zerteilte. Gerade löste er eine Keule, hielt sie zwischen seinen Wurstfingern hoch und begann sie abzunagen. Als Tkemen sich dem Tisch näherte, sprangen die Männer dort auf. Ihre Hände fuhren an ihre Waffen, so grob verarbeitet, dass sie es kaum verdienten, Schwerter genannt zu werden. Einer brachte sogar nur ein armseliges Messer zutage.

Tkemen hielt inne.

»Ruhig Blut«, sagte er. »Ich möchte mich lediglich mit dem Herrn hier unterhalten.«

Er nickte zu dem Karawanenmeister, der inzwischen mit dem Abnagen des Beins fertig war und seine Finger an seiner Hose abwischte. Er sah auf und betrachtete Tkemen. Dann nickte er. Der Söldner, der ihm den Weg versperrt hatte, trat unwillig beiseite und Tkemen zog sich einen Stuhl heran und ließ sich ungefragt neben dem Mann nieder.

»Ich habe gehört, dass Ihr eine Karawane führt«, sagte er.

Der Kaufmann fuhr unbeirrt mit seiner Mahlzeit fort.

»Ihr habt richtig gehört«, sagte er, während er sich weiter am Hühnchen zu schaffen machte. »Habt Ihr Interesse, Euch anzuschließen? Morgen bei Tagesanbruch brechen wir auf. Zahlt zwei Silberlinge und Ihr braucht nicht zu fürchten mit durchgeschnittener Kehle aufzuwachen.«

Tkemen bemühte sich, sein Gesicht ausdruckslos zu lassen. Er hatte also nicht mehr genügend Silber, um die Fahrt zu tun.

»Ich habe einen besseren Vorschlag«, sagte er. »Nehmt mich als Söldner auf und ich stelle sicher, dass Eure Karawane ihr Ziel erreicht. Ihr habt selbst gesehen, wie ich kämpfe.«

Der Karawanenmeister betrachtete ihn ausdruckslos.

»Warum sollte ich Euch anstellen?«, fragte er und zeigte auf die vier abgerissenen Söldner, die Tkemen immer noch belauerten. »Ich habe bereits genügend Männer.«

Tkemen lehnte sich zurück.

»Vier?«, fragte er. »Ihr scherzt. Wie viele Köpfe wird die Karawane zählen? Wie viele Pelze werdet Ihr mit ihr zur Hauptstadt schaffen? Ihr benötigt mehr Männer als diese hier.«

Der Kaufmann hatte endlich seine Mahlzeit beendet und tupfte sich den Mund mit der Serviette ab.

»Nun gut«, meinte er. »Sagen wir einmal, dass ich Euch anstelle. Nicht, weil ich nicht genügend Männer hätte, sondern weil Eure Darbietung vorhin recht beeindruckend war. Ab Elmshaag benötige ich Eure Dienste nicht mehr. Sagen wir fünf Silberlinge.«

»Fünf?« Tkemen lachte. »Gerade noch habt Ihr zwei für mein Weggeld verlangt! 20.«

Der Kaufmann betrachtete ihn.

»Ihr habt ein vertrauenswürdiges Gesicht, aber so viel ist kein Söldner wert. Sechs.«

Tkemen schüttelte den Kopf und zog seinen Stuhl zurück, bereit sich zu erheben.

»Nun gut, zehn«, sagte der Kaufmann ohne aufzusehen. »Das ist mein letztes Angebot.«

Tkemen stützte beide Hände auf die Tischplatte und beugte sich zu ihm herab.

»Einverstanden.« Sie besiegelten den Vertrag per Handschlag und der Kaufmann zählte ihm fünf Silberlinge als Vorauszahlung auf die Hand.

»Wir brechen im Morgengrauen auf«, sagte er und mit einem Blick auf die anderen Söldner, von denen einer sein Messer schärfte. »Ich muss Euch nicht daran erinnern, pünktlich zu sein.«

Tkemen verließ den Schankraum mit einem seltsamen Hochgefühl. Es war das erste Mal, dass er seine Dienste verkauft hatte. In seiner Heimat wäre er dafür ehrlos geworden, auf die Stufe eines Ronin herabgesunken. Doch was kümmerte ihn, was seine Ordensbrüder dachten? Er war bereits ein Verräter und Vogelfreier. Ein Söldner konnte so viel schlimmer nicht sein.

Erst nachdem er das Blut aus seinen Kleidern gewaschen hatte und in dem dampfenden Bottich saß, fiel ihm das Mädchen wieder ein. Vor seinem inneren Auge ließ er ihr Gesicht, ihre Augen Form annehmen. Er fragte sich, wer sie war und warum sie ihm geholfen hatte. Er fragte sich, ob er sie je wiedersehen würde.

Die Karawane

 

Tkemen wurde vom Poltern des Schemels vor seinem Bett geweckt. Einen Atemzug später hatte er seine Katanas gepackt und war nur mit seiner Hose bekleidet aus dem Bett gesprungen. Erstes, fahles Licht, eine Vorahnung der nahen Morgendämmerung, fiel durch das kleine Fenster in die Kammer und beleuchtete das Gesicht des verängstigten Halbwüchsigen, der am Vortag das Blut im Schankraum aufgewischt hatte.

»Wer hat dich geschickt?«, stieß Tkemen hervor, während er dem Jungen die Schwerter an die Kehle presste. »Rede! Es war Nkato, richtig? Oder Inaki. Er hat dich bestochen, mich umzubringen.«

Der Junge war so bleich wie ein Geist und seine Knie schlotterten.

»Ich … ich bin gekommen, um Euch zu wecken«, sagte er. »Wie Ihr es gestern befohlen habt?«

Einen Moment starrten sie sich an, dann ließ Tkemen die Katanas sinken und sie in ihre Scheiden fahren, während der Junge sich am Türrahmen festhielt, um nicht umzufallen.

»Früh – Frühstück gibt es unten«, sagte er, drehte sich um und floh.

Tkemen ließ sich schwer auf das Bett sinken und legte seinen Kopf in die Hände. Sein Schlaf war leicht gewesen und seine Träume voller Blut. Was war nur los mit ihm? Wenn er nicht Acht gab, ermordete er noch einen Unschuldigen. Seine Mundwinkel hoben sich zu einem sarkastischen Lächeln. Und das vor dem Frühstück.

Er kleidete sich mit so viel Sorgfalt an, wie ihm möglich war. Seine seidenen Hosen waren schon vor langer Zeit zerrissen worden, doch über die leinenen, mit denen er sie ersetzt hatte, zog er sein seidenes, nachtblaues Hemd, an so vielen Stellen geflickt, dass seine ursprüngliche Farbe kaum mehr zu erkennen war und ganz zuletzt seine Stiefel aus weichem hellbraunem Kitzleder. Die Kette mit den drei sich kreuzenden Katanas trug er bereits. Er hatte sie seit seiner Aufnahme in den Orden kein einziges Mal abgenommen. Zuletzt spritzte er sich Wasser ins Gesicht, fuhr sich mit nassen Fingern durch seine schulterlangen Haare, band sie zurück, schnallte sich seine beiden Katanas auf den Rücken und den Gürtel mit seinem Beutel um die Hüfte.

Als er durch den Schankraum lief, grüßte ihn der Wirt überschwänglich.

»Guten Morgen, Herr!«, rief er. Tkemen nickte vage in seine Richtung, warf ihm fünf Kupferlinge für die Nacht zu und wandte sich zum Gehen.

»Was, Ihr nehmt kein Frühstück?«, fragte der Wirt. »Wir haben frische Blutwurst, hausgemacht!«

Tkemen warf einen Blick auf den Teller mit Blutwurst, die einer der Trapper in sich hineinschaufelte.

»Danke«, sagte er. »Ich habe keinen Hunger.«

 

Die kleine Siedlung lag noch in die Schatten der Nacht gehüllt, als Tkemen nach draußen trat. Ein leichter Nebel stieg zwischen den wenigen Häusern empor und setzte sich feucht und kalt in seine Kleider. Dies hier war die letzte Siedlung vor der Wildnis im Süden, das letzte Bollwerk der Zivilisation. Südlich von hier gab es nichts als Dschungel, dicht und menschenverachtend, Dschungel, in dem Tkemen die letzten drei Monde zugebracht hatte. Er war froh, ihn hinter sich zu lassen. Tkemen wandte sich von ihm ab und ließ seinen Blick stattdessen über die Häuser schweifen, die eng zusammenkauerten, als erhofften sie sich davon Schutz: Ein Krämer, ein Grobschmied und ein Warenhaus – das war alles. Und hinter ihnen erhob sich der Fels, der dem Wirtshaus seinen Namen gegeben hatte, schwarz und drohend in der Morgendämmerung, sein Fuß von Nebel verdeckt: der Steinerne Wächter. Es war dort, wo die Karawane sich sammelte und während Tkemen sich dem Fels näherte, konnte er nicht umhin zu frösteln. Der Fels hatte etwas Unheimliches an sich. Sah man lange genug hin, so schälten sich die Konturen eines Mannes heraus, die Hand an die Stirn gelegt, das Gesicht wachsam erhoben. Sein Blick ging über die Gebäude hinweg gen Süden, als sehe er dort etwas, was ihnen allen verborgen blieb..

»Was hat der Fels für eine Bedeutung?«, hatte Tkemen am Abend zuvor den Wirt gefragt, als er sein Bier geordert hatte.

Der Wirt hatte aufgesehen, in Gedanken offensichtlich bereits bei der nächsten Aufgabe.

»Wie bitte?«

»Der Fels. Der Steinerne Wächter. Was bedeutet er? Habt Ihr ihn anfertigen lassen?«

»Oh nein«, sagte der Wirt. »Der Steinerne Wächter war schon immer da. Ein seltsam geformter Fels, nichts weiter.«

Tkemen hatte seine Zweifel. Ein seltsam geformter Fels in einer Gegend, in der es sonst keinerlei Felsen gab?

Der Wirt beugte sich vertraulich vor und winkte Tkemen, dasselbe zu tun.

»Es gibt natürlich Gerüchte«, flüsterte er. »Nichts als Aberglaube und dummes Zeug.«

»Ach ja?«, fragte Tkemen. Er ärgerte sich, dass er sich unwillkürlich vorgebeugt hatte und weigerte sich, seine Stimme zu einem Flüstern zu senken, wie der Wirt es getan hatte.

»Es heißt, dass die Altvorderen ihn aufgestellt haben sollen. Mit Magie.«

Der Wirt gab ein glucksendes Lachen von sich, das wohl ausdrücken sollte, wie absurd er die Idee fand.

»Ich habe sogar Gerüchte gehört, dass er nicht der einzige ist, sondern dass die Altvorderen Felsen wie ihn überall im Königreich aufgestellt haben sollen. Besonders an seinen Grenzen. Anscheinend stehen sie an Punkten, an denen die Magie«, wieder ein kurzes Schnauben, »besonders stark ist. An Punkten, an denen die Welten der Götter und Menschen so nah beieinanderliegen, dass Schicksale entschieden werden. Blasphemie, wenn Ihr mich fragt. Andere sagen, dass alle Wächter nach außen starren, in den Dschungel oder auf die See hinaus, weil sie nach einer Bedrohung Ausschau halten.«

»Was für eine Bedrohung?«, fragte Tkemen angespannt.

»Ich habe nicht die geringste Ahnung«, antwortete der Wirt und richtete sich auf, um damit fortzufahren mit einem schmierigen Tuch den Schanktisch zu polieren.

 

Um auf andere Gedanken zu kommen, musterte Tkemen die Gestalten, die im Zwielicht des Morgengrauens auf den Aufbruch warteten.

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