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Inhalt

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Vorwort

1 Künstlerische Sprach- und Schreibförderung

1.1 Ziele der künstlerischen Sprach- und Schreibförderung

1.2 Unterricht ganzheitlich gestalten

Phase 1: Einstimmung und rhythmischer Teil

Phase 2: Künstlerische Produktion

Phase 3: Präsentation

2 Didaktische Schatzkiste

2.1 Didaktische Schatzkiste I: Mündliche Sprachkompetenzen fördern

Lehrkräfte verhalten sich sprachfördernd

Lehrkräfte verhalten sich kreativitätsfördernd

Kinder erzählen aus ihrem Alltag (Sprechanlässe 1)

Kinder bringen Bilder zum Sprechen (Sprechanlässe 2)

Kinder kommen in Bewegung (Wahrnehmungsspiele)

Kinder spielen mit Sprache (Sprachförderspiele)

2.2 Didaktische Schatzkiste II: Schriftliche Sprachkompetenzen fördern

Grafomotorische Übungen

Schrifterfahrungen sammeln

Stellvertretendes Schreiben / Kinder-Diktat

Freies Schreiben

Offene Schreibanlässe

Generatives Schreiben und Erzählen

Kreatives Schreiben und Erzählen

Kindertexte fördernd bewerten

3 Die Sprache der Farben

3.1 Farbgeflüster

1 Gelb, Rot, Blau: Die Grundfarben

2 Gelb, Rot, Blau: Farbengedichte erfinden

3 Gelb + Rot = Orange 1

4 Gelb + Rot = Orange 2

5 Rot + Blau = Lila

6 Gelb + Blau = Grün 1

7 Gelb + Blau = Grün 2

3.2 Wilde Tiere in wilden Farben

8 Kunstgeschichten für Kinder: Franz Marc

9 Zu Lautgedichten malen: Kuh trifft Tiger

10 Leuchtende Farben 1: Tiger trifft Katze

11 Leuchtende Farben 2: Experiment

12 Farbenlehre für Kinder 1: Freundschaftsfarben

13 Farbenlehre für Kinder 2: Der sechsteilige Farbkreis

14 Leuchtende Farben 3: Kuscheltiere als Modell

3.3 Im Garten des Malers

15 Kunstgeschichten für Kinder: Claude Monet

16a Farbenlehre für Kinder 3: Grüntöne mischen

16b Schwämmchen-Technik: Seerosen-Teiche

17 Farbennamen erfinden: Edelblau und Tümpelblau

18 Draußen-Kunst 1: Seerosenteiche im Planschbecken

19 Farbenlehre für Kinder 4: Warm und kalt 1

20 Farbenlehre für Kinder 5: Warm und kalt 2

21 Farbenlehre für Kinder 6: Hell und dunkel

22 Farbenlehre für Kinder 7: Farbstimmungen

23 Farbenlehre für Kinder 8: Farbenspiele erfinden

24 Kulturgeschichte der Schrift 1: Steinzeit 1

25 Kulturgeschichte der Schrift 2: Steinzeit 2

4 Die Sprache der Linien

4.1 Der Grundwortschatz der Bild- und Schriftsprache

4.2 Spirale und Lemniskate

26 Kunstgeschichten für Kinder: Expressionismus

27 Die Spirale: Zaubertechnik

28 Die Spirale: Kleistertechnik

29 Die Spirale: Sandwannenzeichnung

30 Die Lemniskate: Rasierschaumtechnik

4.3 Die Gerade und die Krumme

31 Riesenbriefe an die Sonne

32 Die Gerade und die Krumme: Im Sand und auf Papier

33 Die Gerade: Zaubertechnik

34 Schrifterfahrung im Stadtraum: Frottage

35 Zufallstechnik: Klecksbilder-Poesie

36 Das Bilder-Alphabet: Frohe und mutige Linien

37 Alphabet- und Geheimschriften

38 Kulturgeschichte der Schrift 3: China

4.4 Kreis, Kreuz, Stern

39 Kreis: Zeichnung auf Papier

40 Stern: Übungen mit Legematerialien

41 Kreis und Stern: Blütenmandalas

5 Die Sprache der Formen

5.1 Bilder sind wie Musik

42 Kunst-Geschichten für Kinder: Abstraktion

43 Abstrakte Komposition 1: Dreiecks-Melodie

44 Abstrakte Komposition 2: Wimmel-Bilder

45 Abstrakte Komposition 3: Kino am Tageslichtprojektor

46 Scherenschnitte: Umkehr-Bilder

5.2 Dreidimensionale Figuren bauen

47 Bewegliche Skulpturen aus Draht: Wackel-Tiere

48 Tier-Skulpturen aus ungebranntem Ton

49 Erzähl-Skulpturen aus ungebranntem Ton

50 Kuscheltiere aus Recycling-Materialien

51 Fingerpuppen aus Gips und Draht

52 Draußen-Kunst 2: Schwimmobjekte bauen

53 Draußen-Kunst 3: Einen Zauberbaum bauen

6 Fabulieren

6.1 Erzählanlässe und Schreibanlässe im sprachfördernden Kunstunterricht

Erst Text, dann Bild: Malen zu eigenen oder fremden Geschichten

Erst Bild, dann Text: Erzählen und schreiben zu eigenen oder fremden Bildern

Was ist eigentlich ein Buch? Was ist der Unterschied zwischen einer Zeitung und einem Buch?

6.2 Erst Text, dann Bild: Malen zu Geschichten

54 Kunstgeschichten für Kinder: Illustrationen

55 Alice im Wunderland: Bilder malen

56 Alice im Wunderland: Geschichten schreiben

57 Fabeln illustrieren

58 Märchen illustrieren

59 Bilderbücher illustrieren

60 Zu Gedichten malen 1: Pop-up-Karten gestalten

61 Zu Gedichten malen 2: Eigene Gedichte schreiben

62 Schatzkarten und Stadtpläne: Rasende Reporter

6.3 Erst Bild, dann Text: Geschichten für Bilder

63 Eine Geschichte zu einem Bilderbuch erfinden

64a Bilderbücher im Team drucken 1

64b Bilderbücher im Team drucken 2

64c Bilderbücher im Team drucken 3

65 Leporellos in 3D für Erstleser und -schreiber

66 Burgen- und Wellenbücher in 3D mit Text

Danksagung

Anhang

Arbeitsblätter

Literatur

Bildquellennachweis

Sachregister

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Dialogische Bildbetrachtung images
Bewegungsspiel images
Fabulierwerkstatt mündlich images
Fabulierwerkstatt schriftlich images
Kunstwerkstatt images
Info-Box images
Literaturtipp images

Vorwort

Aus der Praxis, für die Praxis – für Neueinsteiger und Profis: 66 Kunstprojekte à 45 Minuten – für garantiert gelingenden Kunstunterricht mit integrierter Sprachförderung – sollen in diesem Praxisbuch vorgestellt werden. Es verbindet ästhetische Bildung, Sprachförderung und Schreibförderung. Als wandelbare Modelle sind die Unterrichtsvorschläge direkt in der pädagogischen Praxis umsetzbar. Jedes künstlerische Sprachförderprojekt wird in kleinschrittigen, an das Kind gerichteten Arbeitsanweisungen dargestellt und durch anschauliches Fotomaterial ergänzt. Übersichtliche Info-Boxen geben methodisch-didaktische Hinweise zu künstlerischen Techniken und pädagogischen Zusammenhängen.

Als Einstieg bieten zwei nach Förderschwerpunkten geordnete didaktische Schatzkisten zur mündlichen bzw. schriftlichen Sprachförderung einen systematischen Überblick über sprachfördernde Methoden und Aktivitäten. Sie eröffnen eine Fülle individueller Übungsmöglichkeiten.

Farben, Formen, Fabulieren ist geeignet für Neueinsteiger, fachfremd Unterrichtende und solche, die geringe Vorbereitungszeiten schätzen. Auch erfahrene PädagogInnen – ob Sprachförderkräfte, ErzieherInnen, Grundschullehrkräfte, LerntherapeutInnen oder MuseumspädagogInnen – profitieren von den detaillierten Anregungen für sprachfördernden Kunstunterricht.

Mit allen Sinnen – ganzheitlicher Aufbau von Unterrichtseinheiten: Die Kunstprojekte mit integrierter Sprachförderpraxis sind für Kinder zwischen fünf und zehn Jahren konzipiert und können in Vor- und Grundschulen ebenso wie in der außerschulischen Bildung eingesetzt werden. Sie sind für ein- oder mehrsprachige Gruppen mit und ohne Förderbedarf gedacht. Sie folgen einer das Kind aktivierenden, handlungsorientierten und ganzheitlichen Methodik, die Ansätze der Museumspädagogik einbezieht. Denn Herzstück der Kunstprojekte sind sechs exemplarisch präsentierte Kunstwerke. Die Kunstwerke werden in der Einstimmungsphase durch Kunstgeschichten für Kinder und dialogische Bildbetrachtungen „zum Sprechen gebracht“ und ganzheitlich erforscht. In der Hauptphase des Unterrichts tauchen Kinder in aufeinander auf bauenden, altersdifferenzierten Kunst- und Fabulierwerkstätten gestaltend, erzählend und auch schreibend ein in die Sprache der Bilder und in die Kulturgeschichte der Schrift.

Die Mischung macht’s – fundierter Methoden-Mix: Die fachliche Grundlage der hier dargestellten künstlerischen Sprachförderpraxis bildet ein interdisziplinärer Methodenmix aus ästhetischer Bildung, Museumspädagogik, Sprachförderpädagogik, Zweitsprachdidaktik, Schrifterwerbsdidaktik und integrativer Lerntherapie. Alle Projekte wurden in langjähriger Praxis in interkulturellen und integrativen Kontexten von Museen und Schulen in Deutschland und Portugal von der Autorin entwickelt, erprobt und dokumentiert.

Susanne Brose,

Freiburg 2021

1 Künstlerische Sprach- und Schreibförderung

Tab. 1: Fahrplan Kunst und Sprache

sprachfördernde Haltung fehlertolerante Atmosphäre schaffen
kreativitätsfördernde Haltung ermutigen, wahrnehmen, nicht werten
Phase 1 Einstimmungsphase: Rhythmischer Teil
Sprechanlässe 1 Kinder erzählen aus ihrem Alltag
Sprechanlässe 2 Kinder bringen Bilder zum Sprechen
Wahrnehmungsspiele Kinder kommen in Bewegung
Sprachförderspiele Kinder spielen mit Sprache: Sprachgefühl und Vorläuferfähigkeiten fördern Wortschatz erweitern, Artikulation verbessern
bildnerische Spiele und Experimente Kinder erforschen bildnerische Mittel: Materialerfahrung sammeln
Phase 2 Künstlerische Produktion
Kunstwerkstätten Kinder gestalten mit Farben, Linien, Formen
Fabulierwerkstätten Kinder experimentieren mit Sprache und Schrift Kinder produzieren Texte
Phase 3 Präsentation
Ausstellungen Kinder zeigen Bilder, Skulpturen, Bilderbücher etc.
Aufführungen Kinder lesen vor, singen, rezitieren und inszenieren

1.1 Ziele der künstlerischen Sprach- und Schreibförderung

vom Bild über die Sprache zur Schrift

Die Lust am bildnerischen Gestalten und Experimentieren, die Lust am Schauen und Lauschen, am Geschichtenerzählen und am Gehörtwerden, die Lust an der Magie der Bedeutung tragenden Zeichen und am Schreiben und Lesen – dies sind für Kinder Grundbedingungen eines positiven, emotionalen Zuganges zu sich selbst und ihrer Welt. Und ebenso sind es Grundbedingungen eines positiven, emotionalen Zuganges der Kinder zu Kunst, Sprache und Schriftkultur. Hier setzt die künstlerische Sprachförderung an.

Kunst und Sprache gehen Bündnis ein

In der künstlerischen Sprachförderung gehen Kunst und Sprache ein Bündnis ein. Beide sind gleich wichtig, gleich stark, gleich kreativ. Das bedeutet: In sprachfördernden Kunststunden wird einerseits experimentiert, gemalt, gezeichnet, gebaut, gestaltet und präsentiert. Doch zugleich wird viel erzählt, vorgelesen, gesprochen, mit Wörtern gespielt, gereimt, fabuliert, inszeniert, gedichtet, geschrieben, auswendig gelernt oder gesungen.

Kinder erforschen Kunstwerke, die sie in dialogischen Bildbetrachtungen und vielfältigen Erzählspielen zum Sprechen bringen. Das Zutrauen in die eigenen sprachlichen Fähigkeiten wächst, musikalisches Sprachgefühl und phonologische Bewusstheit reifen. Der Wortschatz wird spielerisch erweitert und differenziert. All dies bildet die Grundlage, um auch schriftlich mit Sprache umzugehen.

1.2 Unterricht ganzheitlich gestalten

Wie lassen sich die schöpferischen Kräfte von Kindern stärken und ausbilden? Und wie entwickeln wir ihre Bildkompetenzen? Wie stillen wir ihr großes Bewegungsbedürfnis an den langen Schultagen im Ganztagsbetrieb? Wie lässt sich gleichzeitig das spielerische, kreative Heranführen der Kinder an die Erzähl-, Lese- und Schriftkultur im Vor- und Grundschulalter gestalten? Wie lassen sich ihre mündlichen Sprachfähigkeiten verbessern? Wie schult man das musikalische Sprachgefühl und die phonologische Bewusstheit?

Wesentlich für intensive Schaffensprozesse und ebenso intensive Spracherfahrungen ist eine starke innere Beteiligung der Kinder an den gestalterischen Themen. Wichtig ist es deshalb, die Kinder emotional zu erreichen, sie mit allen Sinnen anzusprechen und ihren Bewegungsdrang einzubeziehen. Ein ganzheitlicher Unterrichtsauf bau ist dafür die Grundbedingung. Jede Unterrichtseinheit sollte folgende Phasen enthalten.

Phase 1: Einstimmung und rhythmischer Teil

alle Sinne ansprechen

Die Einstimmungsphase dient der ganzheitlichen Vorbereitung auf die sich anschließende Phase der künstlerischen Produktion. Die Einstimmungsphase ist eine mündliche und bewegungsbetonte Phase. Ihr Ziel ist insbesondere die spielerische Förderung der Sensomotorik und mündlicher Sprachkompetenzen. Sie sollte ca. ein Viertel der Unterrichtszeit umfassen.

Hier haben vielerlei Bewegungsspiele, alltagsorientierte und vor allem bildgestützte Sprechanlässe ihren Platz (z. B. die dialogischen Bildbetrachtungen von Kunstwerken, die ganzheitlich mit sprach- oder wahrnehmungsfördernden Spielen zur Anregung von Erzählfreude, Wortschatzerweiterung und Sinnesschulung verbunden werden). Körperbetonte Bewegungsspiele in der Einstimmungsphase aktivieren die Kinder und fördern die Sensomotorik. Bildnerische Spiele und Experimente ermöglichen sinnliche Materialerfahrungen und leiten direkt über zur Phase der künstlerischen Produktion.

TIPP

Alle in der didaktischen Schatzkiste I zur Förderung der mündlichen Sprachkompetenzen vorgestellten Methoden und Aktivitäten passen als Fabulier- und Bewegungsspiele in die Einstimmungsphasen künstlerischer Sprachförderstunden.

Phase 2: Künstlerische Produktion

Die Kunstwerkstätten und Fabulierwerkstätten jeder Unterrichtseinheit bauen auf der Einstimmungsphase auf.

Kunstwerkstätten und Kunstspiele

In den Kunstwerkstätten und Kunstspielen führen dialogische Bildbetrachtungen von Kunstwerken und abwechslungsreiche, kreativitätsfördernde Gestaltungsaufgaben in unterschiedlichen künstlerischen Techniken zu ästhetisch reizvollen Bildergebnissen. Anregungen und Durchführungsbeispiele in Fülle finden sich in den Kunstprojekten in den Kapiteln 3 bis 6.

Fabulierwerkstätten und Fabulierspiele

Die Fabulierwerkstätten und Fabulierspiele können mündliche wie schriftliche Textproduktionen anstreben. Auf altersdifferenzierte Weise nähern sie sich den Themen Sprache, Schrift und Schreiben. Sie umfassen die Förderung der Grafomotorik für Schreibanfänger ebenso wie kreative Erzähl- oder Schreibimpulse auf der Wort- und Satzebene für Erstleser und -schreiber. Die kreativen Schreibanlässe steigern sich bis zum Verfassen eigener kurzer Geschichten, Gedichte oder Interviews, die von Kindern eigenständig oder in Form des „stellvertretenden Schreibens“ durch einen Schriftkundigen zu Papier gebracht werden. Arbeitsblätter zu ausgewählten Schreibaktivitäten finden sich im Online-Zusatzmaterial.

TIPP

Alle in der didaktischen Schatzkiste II zur Förderung schriftlicher Sprachkompetenzen vorgestellten Methoden und Aktivitäten passen als Fabulierwerkstätten in die Phase der künstlerischen Produktion.

Phase 3: Präsentation

Diese Phase bildet einen gebührenden Abschluss: Bildwerke, Bilderbücher, selbst erfundene Geschichten, Gedichte und szenische Spiele können im kleinen Rahmen der Klasse vorgestellt, vorgelesen, inszeniert werden. Auch kleine Ausstellungen und Vorführungen jeder Art vor Publikum bieten sich an.

2 Didaktische Schatzkiste

2.1 Didaktische Schatzkiste I: Mündliche Sprachkompetenzen fördern

„Sprechen lernt man nur durch Sprechen“, lautet ein zentrales Motto der Sprachförderpädagogik (Schromm 2017). Es ließe sich erweitern: Sprechen lernt man durch Sprechen – und durch Zuhören. Wie aber lassen sich die kindliche Sprechfreude, die Fabulierlust und die Freude am Zuhören im Kitaund Schulalltag wecken und fördern? Wie stärken wir kindliche Ausdrucksfähigkeit, Wortschatz und Sprachgefühl? Wie gestaltet sich sprachförderndes Verhalten? Methodische Anregungen zu diesen Fragestellungen sind im Folgenden dargestellt.

Lehrkräfte verhalten sich sprachfördernd

Sprechfrequenz erhöhen, Fabulierlust wecken: offene Fragen stellen

Phantasievoll sprudelndes Erzählen, angstfreies Fragen, neugieriges Jonglieren mit Bedeutungen und Klängen von Wörtern, Zungenbrechersprechen oder lustiges Geschichtenerfinden – es gilt, die Sprechfreude und Fabulierlust der Kinder zu wecken. Die Sprechfrequenz jedes einzelnen Schülers zu erhöhen, ist eins der großen Ziele des Sprachförderansatzes dieses Buches. Nur so können sich Sprachflüssigkeit, aktiver wie passiver Wortschatz, korrekte Artikulation und Sprachrichtigkeit entwickeln und verbessern.

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Sprechen lernt man durch Sprechen und Zuhören.

Bei mehrsprachig aufwachsenden Kindern wird seit Beginn des 21. Jahrhunderts empfohlen, auch deren Erstsprachen ins deutschsprachige Unterrichtsgeschehen einzubeziehen. Einerseits, um ihre vielsprachige Identität zu festigen und als Ressource erlebbar zu machen. Andererseits, um die Erstsprache als wichtige Grundlage für den Zweitspracherwerb zu stärken (Schader 2000).

TIPP

Beziehen Sie in vielsprachigen Klassenzimmern die Erstsprachen aller Kinder ein!

Kinder zu Wort kommen lassen

Kinder zu Wort kommen zu lassen, durch vielfältige Sprechanlässe ihre Erzählfreude und ihr sprachliches Nachahmungsbedürfnis anzuregen, gelten als wesentliche Bestandteile sprachfördernden Unterrichts.

Entscheidend für das Gelingen ist eine entsprechende sprachfördernde Haltung der begleitenden Pädagogen. Folgende Fragetechniken können als Möglichkeiten sprachfördernden Verhaltens genutzt werden (Braun / Kosack 2012).

W-Fragen stellen

Es sollten offene Fragen bzw. sogenannte „W-Fragen“ gestellt werden, um den Sprechfluss der Kinder in Gang zu setzen. Offene Fragen sind solche, die man nicht mit Ja oder Nein beantworten kann. Statt der geschlossenen Frage „Magst du die Geschichte?“ sollte die offene Frageform gewählt werden: „Was magst du an der Geschichte?“ Weitere mögliche W-Fragen sind: Wer ist das? Was könnte da passiert sein? Wie fühlt sich …? Wo könnte das sein, in welchem Land, in welcher Stadt? Warum, glaubst du, ist das so?

Offene Fragen kann man nicht mit Ja oder Nein beantworten, deshalb regen sie den Erzählfluss an.

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Fehlertolerante Atmosphäre schaffen: Korrektives Feedback

Sprache ist Beziehung

Kindliches Sprechen braucht Raum und Zeit. Es braucht einen Grund (Erzählanlass) und ein Gegenüber (interessierter Zuhörer), denn Sprache ist immer auch Beziehung. Damit vertrauensvolles Erzählen gelingt, ist das Schaffen einer angstfreien, fehlertoleranten Atmosphäre ein wichtiger Bestandteil sprachfördernden Verhaltens der Lehrkräfte oder Bezugspersonen.

Die Methode des korrektiven Feedbacks (Braun / Kosack 2012) ermöglicht es, Kindern die Angst vor Fehlern zu nehmen und gleichzeitig ein positives Sprachvorbild zu erleben. Durch korrektives Feedback werden die sprachlich unvollständigen oder falschen Äußerungen des Kindes verbessert zurückgegeben, ohne dass der Fehler thematisiert wird. Das vom Kind Gesagte wird dabei noch einmal in der sprachlich richtigen Form wiederholt. Das Kind kann durch das richtige Vorsprechen und Hören seine noch nicht ganz korrekte Formulierung mit der des Sprechers vergleichen und sich mit der Zeit von alleine dem richtigen Sprachvorbild anpassen.

Fehler nicht kritisieren oder verbessern

Ganz wichtig: Das Kind sollte nicht kritisiert, verbessert oder zum Nachsprechen aufgefordert werden. Es reicht, dem Kind immer wieder in Wiederholungen die korrekte Form vorzusprechen. Wiederholungen dienen des Weiteren der Verständnissicherung und der Festigung des Wortschatzes.

TIPP

Korrektives Feedback: Geben Sie sprachlich unvollkommene Äußerungen des Kindes verbessert zurück. Bieten Sie Wiederholungen der korrekten Form an.

Sprachreiche Atmosphäre schaffen

Sprechen lernt man durch Sprechen und Zuhören, denn das genaue Hören geht dem Sprechen im Allgemeinen voraus. Sprechen und Zuhören bilden eine Einheit.

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Die Sprache entwickelt sich insbesondere dann gut, wenn Kinder sich in einer sprachreichen Umgebung bewegen (Literacy-Forschung, Sallat 2014).

Zu einer sprachreichen Umgebung gehören kompetente Muttersprachler ebenso wie mutter- und fremdsprachliche Kinderlieder, Bilderbücher, Märchen, Gedichte und komplexe Erzählstrukturen mündlicher Erzählungen. Wichtig für mehrsprachig aufwachsende Kinder sind Erfahrungen mit den Erzähltraditionen ihrer kulturellen Wurzeln.

komplexe Sprachmuster anbieten

Mündlich erzählte Geschichten oder vorgelesene Märchen ebenso wie gemeinsam betrachtete Bilderbücher ermöglichen Zugang zu sprachlich und syntaktisch komplexen Sprachformen, die zum intuitiven Einüben der grammatikalischen Strukturen und der Erweiterung des Wortschatzes dienen. Je sprachreicher die sprachliche Umgebung von Kindern ist, desto komplexer entwickeln sich ihr Wortschatz, ihre Sprachflüssigkeit, ihre Sprachrichtigkeit, ihre intuitive Einsicht in Grammatik und Bau der Sprache (Syntax). Dies gilt für zwei- und mehrsprachig aufwachsende Kinder in gleichem Maße wie für einsprachig aufwachsende Kinder.

Lehrkräfte verhalten sich kreativitätsfördernd

Voller Lust an Farben, Formen und am Fabulieren führt die künstlerische Sprachförderung mitten hinein in den Bereich der Bild- und Schriftkultur. Ihr Motor sind Freude, Phantasie und Kreativität. Dies bei den Kindern zu wecken und ihnen vielfältige gestalterische Ausdrucksmöglichkeiten zu verschaffen, wird unsere vorrangige Aufgabe sein, wenn wir mit künstlerischen Mitteln sprachfördernd wirken wollen.

ermutigen statt bewerten

Was aber fördert Kreativität? Und was hemmt sie? Der Züricher Kunstprofessor Peter Jenny, ein Experte auf dem Gebiet der Kreativitätsförderung, beschreibt treffend eine sinnvolle Haltung, um die schöpferische Kraft von Kindern zu beflügeln: „,Richtig‘ und ,Falsch‘ sind vorerst zu ersetzen durch Probieren anstelle von Unterlassen“ (Jenny 2001, 8).

Auf die innere Haltung kommt es an! Förderlich für die Entfaltung von Kreativität ist eine Haltung voller Offenheit dem Geschehenden gegenüber. Eine Haltung, die vorerst kein „Falsch“ und kein „Richtig“ kennt. Eine Haltung, die ausprobiert und nichts verwirft, die experimentiert und sammelt. Eine Haltung der Ermutigung. Eine Haltung konzentrierter Wahrnehmung. Eine Haltung, die Umwege als Wege erkennt und anerkennt. Es ist die Haltung des Spiels. Des Forschers. Des Künstlers. Dies ist die Haltung, die wir benötigen, wenn wir schöpferische Prozesse von Kindern als Pädagogen und Eltern begleiten: Offenheit, vertiefte Wahrnehmung, Nicht-Werten, Ermutigung.

Kunstspiele

Als kreativitätsfördernde Aufwärmübungen werden vielen Gestaltungsaufgaben sogenannte Kunstspiele vorangestellt. Sie dienen dem ersten Kontakt mit einem neuen Material, einer neuen Maltechnik oder einem Werkzeug. Es gibt dabei ganz simple „Spielanweisungen“, die wie Versuchsanordnungen klingen: Ziehe mit einem Holzkohlestäbchen gerade Linien vom oberen Blattrand zum unteren. Oder: Kannst du die Umrisslinie des Pferdes im Bild mit dem Finger nachziehen? Es entstehen dabei keine Bilder; es entstehen Erfahrungen (Gollwitzer 1966).

Kinder erzählen aus ihrem Alltag (Sprechanlässe 1)

Als Einstieg in eine Unterrichtssequenz bietet es sich zur Einstimmung immer als kurzes Warm-up an, an Alltagserfahrungen der Kinder anzuknüpfen, die mit dem geplanten Gestaltungsthema zu tun haben. So wie sich Tiere, Ferien, Farben oder Sonntage thematisieren lassen, können auch Emotionen Erzählanlässe sein, indem Kinder z. B. ihre eigenen Mut-, Angst- oder Wut-Geschichten erzählen. In offene Gesprächsanlässe lassen sich gut die verschiedenen kulturellen Hintergründe der Kinder einbeziehen (z. B.: Ist das in XY auch so? Wie ist es dort?).

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Die Sprechaktivität jedes Kindes zu erhöhen, ist das A & O der Sprachförderung. Mit Erzählspielen lässt sich die Erzählfreude des Kindes unterstützen.

Erzähl-Muschel / Mikrofon / Erzählstab

Im Erzählkreis wird die Erzähl-Muschel o. Ä. herumgereicht. Wer sie in den Händen hat, darf erzählen und sie anschließend weiterreichen. Auf diese Weise lässt sich die Aufmerksamkeit der Sprecher und Zuhörer steigern. Es lassen sich mit ihrer Hilfe auch gemeinsame Geschichten (Kettengeschichten) erzählen – entweder zu gemeinschaftlichen Erlebnissen, übergeordneten Themen oder als Phantasiegeschichten.

mit Bildern erzählen

Eine weitere Möglichkeit, die kindliche Erzählfreude anzuregen, ist es, Bilder zu kürzlich Erlebtem oder zu vorgelesenen Geschichten malen zu lassen. Anschließend erzählen die Kinder anhand des Bildes ihre eigene Geschichte. Die Geschichten können zusätzlich auch mit Verkleidung, verteilten Rollen und improvisierten Dialogen nachgespielt werden.

Bildgestützte Erzählanlässe

Warum ist das bildgestützte Erzählen zu eigenen Erlebnissen in der Sprachförderung sinnvoll?

1. Man kann nur das erzählen, was man deutlich erinnert. Durch das Malen und / oder Nachspielen tauchen Kinder wieder in ihre eigene Erlebniswelt, ihre Gefühle und Gedanken ein. Das malende Wiedererleben dient der emotionalen Verarbeitung.

2. Beim anschließenden Erzählen wird das Bild zur Gedächtnisstütze und dient zudem der Wortschatzerweiterung. Der Maler / Erzähler kann auf einzelne Dinge im Bild zeigen, falls spezifische Begriffe gerade fehlen. Andere wissen sofort, was gemeint ist und können der Geschichte folgen. Der Erzählfluss wird durch Wortschatzlücken nicht gestört. Die Lehrkraft oder andere Kinder können das fehlende Wort durch eigene Ergänzungen ins Unterrichtsgespräch einbringen und so den Wortschatz aller erweitern. Je nach Unterrichtsziel kann der neue Wortschatz auch (z. B. von der Lehrkraft) notiert werden und späteren Wortschatzspielen dienen.

Kinder bringen Bilder zum Sprechen (Sprechanlässe 2)

In der künstlerischen Sprachförderung sind neben dem Machen von Kunst auch das Betrachten von Kunst und das Sprechen über Kunst sehr wichtig. Kunstwerke, wie sie als Kunst-Geschichten für Kinder einige der Unterrichtssequenzen dieses Buches in der Einstimmungsphase exemplarisch einleiten, sind wunderbare mündliche Erzählanlässe.

dialogische Bildbetrachtung

Hierzu dienen auch Illustrationen in gemeinsam betrachteten Bilderbüchern, Graphic Novels oder in Bilderbuch-Kinos und Kamishibais. Verbunden mit dialogischer Bildbetrachtung (bzw. dialogischer Bilderbuchbetrachtung) und Erzählspielen regen Bilder die Erzählfreude, Fabulierlust und bildnerische Phantasie der Kinder an. Mündliche Sprachkompetenz, Sprachbewusstheit, Wortschatz und Sprachflüssigkeit entwickeln sich – vorausgesetzt, die Atmosphäre ist ermutigend, sprachreich und fehlertolerant.

Kunstwerke sind Erzählanlässe

Wenn Kinder Bilder zum Sprechen bringen, finden sie emotionale, persönliche Zugänge zu Bildsprache und Erzählkultur – entscheidende Vorbedingungen für ihr anschließendes Hineinfinden in die Bild-, Schrift- und Buchkultur. Denn auch Bilder haben eine Sprache. Es ist eine Sprache, die wir verstehen, in der wir empfinden und in der wir uns ausdrücken können. Eine Sprache, die wir erlernen und durch Nichtgebrauch leider auch wieder verlernen können.

auch Bilder haben eine Sprache

Gibt es fröhliche und traurige Farben? Können Linien zusammen tanzen? Können Farben sich streiten? Können Dreiecke fliegen? Welche Farbe hat Freundschaft? Können Farben und Formen eigentlich Geschichten erzählen? Stellt man Kindern diese Fragen, dann sind die Antworten häufig ganz klar. Natürlich können Farben und Formen Geschichten erzählen. Selbstverständlich gibt es fröhliche und traurige Farben. Linien können zusammen tanzen, Dreiecke fliegen und Farben sich streiten. Klar! Kinder verstehen im Allgemeinen die Sprache der Bilder. Farben, Linien und Formen, aus denen Bildwerke bestehen, bilden eine Art Grundwortschatz der Bildsprache, ein Alphabet der Bilder. Der Sprache der Farben, der Sprache der Linien und der Sprache der Formen sind deshalb in diesem Praxisbuch einzelne Kapitel und Kunstprojekte gewidmet.

Bilder lesen lernen

In den bunten, schöpferischen, kreativitätsfördernden Kunstwerkstätten werden die bildnerischen Mittel ausgiebig erforscht sowie das kindliche Bildverstehen geschult und wachgehalten. Denn Bildkompetenz (Visual Literacy), also unsere Fähigkeiten, Bilder zu deuten, sie zu lesen und sie kritisch zu hinterfragen ebenso wie die Fähigkeiten, Bilder herzustellen, sich in ihnen auszudrücken und mit ihnen zu kommunizieren, gilt mittlerweile als eine wichtige Voraussetzung für Teilhabe in der Welt (Wagner 2018). Kinder brauchen Kunst!

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Bildkompetenz (Visual Literacy) ist die Fähigkeit, Bilder herzustellen, sich in ihnen auszudrücken, sie zu verstehen und mit ihnen zu kommunizieren.

Dialogische Bildbetrachtungen

Mit Kindern Bilder anzuschauen und mit ihnen in Bildern lesen zu lernen, heißt, ganz einfache Fragen zu stellen. Und es bedeutet, aus den Antworten immer neue Fragen hervortreten zu lassen. Ein oder zwei ausgewählte Kunstwerke werden gezeigt und gemeinsam betrachtet.

TIPP

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