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Fantasy – Keine Lügen

Fredi Malinowski und Martin Hein
mit Tanja May

FANTASY

Keine Lügen

Für unseren Traum riskierten wir (fast) alles

KOCH_Edition_Frei.tif

www.editionkoch.de

Widmung

Für Nino, Sandro und Laura.

Und für Luca. Die Lieben unseres Lebens.

Und für unsere Fans. Danke, dass es euch gibt.

Inhalt

Prolog:
Danke, Andrea Berg! Du hast an Fantasy geglaubt, und nun gibt es kein Halten mehr …

Hinweis in eigener Sache

Kapitel 1:
Martin kommt in Polen zur Welt

Kapitel 2:
Fredi besitzt kroatische Wurzeln und hat es in seinem jungen Leben nicht einfach

Kapitel 3:
Als Fredi sieben Jahre alt ist, stirbt sein Vater

Kapitel 4:
Für Fredi, seinen Bruder und seine Mutter geht das Leben weiter

Kapitel 5:
Fredis großer Bruder kommt ins Heim

Kapitel 6:
Fredis Mama wird schwer krank

Kapitel 7:
Für Martin ist es so weit – Deutschland, ich komme!

Kapitel 8:
Martins Vater verlangt einen Vaterschaftstest

Kapitel 9:
Die Schule ist für Fredi ein notwendiges Übel

Kapitel 10:
Fredi will Metzger werden

Kapitel 11:
Martin trifft Schlagersänger Ibo und hat plötzlich einen Traum

Kapitel 12:
Martin entdeckt die Liebe

Kapitel 13:
Fredi vergöttert das Duo Modern Talking und will Sänger werden

Kapitel 14:
Fredi und Silke

Kapitel 15:
Martin und Michaela – und die Backpfeife

Kapitel 16:
Martin lernt Schlosser und träumt von einer Karriere als Musiker

Kapitel 17:
Martins Cousin Adam stirbt bei einem Autounfall

Kapitel 18:
Fredi und Silke werden Eltern

Bildstrecke

Kapitel 19:
Fredi und Silke bauen sich ein Nest

Kapitel 20:
Das traurigste Kapitel in Martins Leben: das Verhältnis zum leiblichen Vater

Kapitel 21:
Fredis peinliche Flucht nach seiner Nacht mit Schlagerstar Michelle

Kapitel 22:
Drama! Silke verlässt Fredi

Kapitel 23:
Martin liebt die Rocksängerin Trixi Anderson

Kapitel 24:
Fantasy wird geboren!

Kapitel 25:
Andrea Berg

Kapitel 26:
Die Familie Ferber-Berg fördert Fantasy auch weiterhin

Kapitel 27:
Martin will heiraten

Kapitel 28:
Tanja und Martin, die große Liebe (dieses Mal wirklich)

Kapitel 29:
Martin wird Papa

Kapitel 30:
Fredi gesteht: Ja, ich bin bisexuell und liebe auch Männer!

Kapitel 31:
Fredi hat zum ersten Mal Sex mit einem Mann

Kapitel 32:
Fredi und Dean heiraten

Kapitel 33:
Fredi ist mit Leib und Seele Vater

Kapitel 34:
Einmal mehr Fantasy

Kapitel 35:
Mit ihren Liedern öffnen Fantasy ihr Herz

Kapitel 36:
Das erste Mal im Fernsehen – und alles geht schief

Kapitel 37:
Dieter Bohlen

Kapitel 38:
Geld ist nicht alles … aber es ist schön, wenn man welches hat!

Kapitel 39:
Martins Mutter und sein Stiefvater

Kapitel 40:
Martin und Fredi können keine Noten lesen

Kapitel 41:
Fredi entdeckt einen neuen Stern am Schlager-Himmel: Vanessa Mai

Kapitel 42:
Blick hinter den Vorhang …

Danksagung

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Prolog:
Danke, Andrea Berg! Du hast an Fantasy geglaubt, und nun gibt es kein Halten mehr …

Es ist der 14./15. Juli 2017 und 20.000 Menschen jubeln uns im Fußballstadion des SG Sonnenhof Großaspach (bei Stuttgart) zu. Andrea Berg, die „Königin des deutschen Schlagers“ (mit mehr als 13 Millionen verkauften Tonträgern), hat zu ihrem jährlichen Live-Sommerkonzert geladen – und wir sind auch wieder mit dabei. Wir kennen und lieben Andrea Berg seit vielen Jahren, sie hat unseren Aufstieg nicht nur leibhaftig miterlebt, sondern maßgeblich gefördert und stets positiv beeinflusst. Wir sind uns ganz sicher, dass wir es ohne Andrea niemals so weit gebracht hätten: Liebe Andrea, wir danken dir von ganzem Herzen, dass du an uns geglaubt hast! Kurz bevor wir Andrea Berg kennenlernten, waren wir uns eigentlich sicher, in musikalischer Hinsicht alles hinzuwerfen und doch besser mit unseren erlernten Berufen Geld zu verdienen. Doch dann engagierte uns Andrea – und der Erfolg wurde mit jedem Konzert größer.

* * *

Das sagt Andrea Berg:

Ich kenne die beiden Jungs von Fantasy seit langem; damals traten sie noch als Solo-Künstler auf und dachten nicht im Traum daran, dass sie einmal so erfolgreich werden würden. Ich war zu der Zeit ja auch noch nicht so erfolgreich wie heute und sang bei großen Schlagerpartys und Stadtfesten. Also immer draußen auf der grünen Wiese. Dort gab es Wohnwagen, in denen man sich umgezogen hat. Das war wirklich die alte Rock’n’Roll-Zeit, und der Freddy hatte damals schulterlange Locken, dieses Bild werde ich nie vergessen. Sie haben Modern Talking imitiert, Freddy war Thomas Anders und Martin Dieter Bohlen. Das war zum Brüllen komisch! Ich mochte die beiden auf Anhieb, und wir hatten hinter der Bühne immer viel Spaß, vor allem konnte man mit ihnen entspannt ein Bier trinken, da sie ja wie ich aus dem Rheinland kommen.

Als ich mit Hansi Möllering anfing, Anfang der 2000er Jahre eigene Tourneen zu veranstalten, wollten wir unbedingt ein Vorprogramm haben. Mir fielen Martin und Freddy ein, also sagte ich zu Hansi: „Weißt du was, wir holen uns die zwei Jungs. Mit denen hat man Spaß, sie machen Musik für die Menschen. Die sind wie ich. Ruf sie doch bitte mal an.“ Und als hätten die beiden geahnt, was wir planten, rief eines Tages Martin bei Hansi an und fragte ihn, ob er nicht mit mir reden könne. Sie würden dringend Jobs suchen, um Geld zu verdienen. Hansi Möllering erklärte ihm dann, dass ich sie hin und wieder für halbstündige Auftritte vor meinen Konzerten buchen wolle. Erst später haben wir erfahren, dass die beiden wirklich absolut pleite waren und mit dem Gedanken spielten, mit ihrer Musik aufzuhören, weil sie keinen einzigen Pfennig auf der Pfanne hatten.

Nun erst recht. Wir wollten sie unbedingt dabeihaben! Wir fingen mit zwei, drei Konzerten an, und die beiden haben es wirklich toll gemacht. Die Leute waren total begeistert. Weil sie einfach Musik für die Fans machen. Sie gehen raus auf die Bühne, machen Musik, machen Quatsch und sind absolut authentisch. Genau diesen Unterhaltungsfaktor wünschte ich mir für meine Shows. Das war wirklich klasse. Wir engagierten sie dann mehrere Jahre hintereinander und tourten gemeinsam quer durch Deutschland, Österreich und die Schweiz. In meiner Live-Zeit waren das für mich die schönsten Konzerte, weil wir nach der Show immer wie eine große Familie zusammensaßen und Blödsinn machten.

Als ich 2003 mit meinem ersten Echo geehrt wurde, feierten wir zusammen die ultimative Echo-Party; wir spielten einen Tag später in einem ganz kleinen, verschlafenen Nest und haben danach bis früh morgens gefeiert. Freddy und Martin haben immer den Moderator der TV-Sendung Aktenzeichen XY … ungelöst, Eduard Zimmermann, nachgemacht, sie hatten überhaupt nur ganz verrückte Sachen im Kopf. Man könnte auch sagen, die beiden hatten einen an der Waffel. Aber ich glaube, ich habe noch nie so laut über jemanden gelacht wie über diese beiden liebenswerten Chaoten. Wir hatten so viele tolle Momente zusammen, vor allem diese unbändige Freude daran, die Menschen mit unserer Musik ein kleines bisschen unbeschwerter zu machen. Das war absolut klasse und ist in der Musikbranche nicht selbstverständlich. Ich fand es sensationell, dass sie bei meiner Tournee dabei waren.

Heute habe ich meine eigene Band dabei, aber mit Fantasy war alles so herrlich unbefangen. Wir sind einfach losgefahren und haben Mucke gemacht. Im Grunde sind wir drei uns ziemlich ähnlich. Dieses Spontane vermisse ich heute manchmal schon. Die Zeit mit den beiden Jungs werde ich nie vergessen. Zum Glück sehen wir uns auch heute noch regelmäßig, weil Andreas Ferber, der Sohn meines Mannes Uli Ferber, das Management von Fantasy macht und die beiden auch regelmäßig in unserem Hotel in Kleinaspach auftreten. So wie dieses Jahr bei meinem Live-Open-Air „Heimspiel“, da standen sie wieder gemeinsam mit mir auf der Bühne.

Die Fans hatten riesigen Spaß. Und man sah wieder einmal, wie sehr die Menschen klassische Unterhaltungsmusik brauchen. Bei Fantasy hatte ich in all den vielen Jahren nicht ein einziges Mal das Gefühl, dass sie nicht glücklich sind mit ihrer Musik. Genau das ist der Schlüssel zum Erfolg. Das Geheimrezept. Wenn man das, was einem wichtig ist, aus Überzeugung und mit Leidenschaft macht und absolut dahintersteht, dann findet man auch Erfüllung. Und man schafft es bis ganz nach oben. Fantasy leben ihre Schlager, sie füllen das Genre total aus, und sie haben große Freude daran. Deswegen sind sie auch authentisch – und lassen sich nicht zähmen. An den beiden beißt sich jeder die Zähne aus.

Wir spielten mal in Magdeburg ein Konzert. Ich hatte meine damalige Plattenfirma Ariola eingeladen und sagte: „Guckt euch doch mal bitte die Jungs an.“ Hansi Möllering war begeistert: „Mein Gott, wenn ich diese Chance hätte, dann würde ich schon am Tag vorher nach Magdeburg laufen und vor der Halle warten, damit ich auch ja pünktlich zum Gespräch mit den Plattenbossen da wäre.“ Ich lachte und erklärte ihm: „Du schon, Hansi, aber das sind Fantasy.“

Natürlich kamen sie dann zu spät! Martin rief an und sagte, sie stünden im Stau. Ihr Auftritt sollte um 19.30 Uhr sein, das Gespräch mit Sony im Anschluss. Sie wussten, dass es eine einzigartige Chance für einen Plattenvertrag war. Um 20 Uhr waren sie immer noch nicht da. Um 20.15 Uhr bin ich dann auf die Bühne und habe meine Show gemacht. Sie hatten tatsächlich ihre Chance verpasst. Einige Zeit später kamen sie dann doch noch zu Ariola – weil man Gutes ja zum Glück nicht verhindern kann. Aber es war einfach so typisch für die beiden! Ich habe Dutzende solcher Abende erlebt und rege mich längst nicht mehr über ihre Unpünktlichkeit auf. So sind sie halt einfach. Du kannst sie nicht bändigen. Du kannst sie höchstens ein Stück weit führen oder ihnen Tipps geben, was sie besser machen könnten. Dann schütteln sie sich, maulen ein bisschen rum, und meistens funktionieren sie dann doch.

Freddy schreibt und komponiert die meisten Songtexte selbst. Aber mit jedem Jahr, in dem sie noch erfolgreicher wurden, bekamen sie auch vermehrt Songs von fremden Textern angeboten. Sie haben ja im Frühjahr 2017 bereits ihr achtes Studio-Album Bonnie & Clyde herausgebracht, und ich freue mich riesig für die beiden. Sie sind für mich echte Freunde, total loyal. Sie gehören auf jeden Fall zu meiner Familie.

Juni 2017

* * *

Das „Heimspiel“ ist vorbei, wir trinken ein Bier und stoßen auf unser 20-jähriges Fantasy-Jubiläum an – und auf unsere großartigen Fans, die uns schon so lange auf dieser Reise begleiten.

Wir sind uns bewusst, dass wir heute unseren Traum leben (dürfen). Musikalisch haben wir fast alles erreicht, was wir uns für unsere Karriere vornahmen. Wir stehen hier in Aspach auf der Bühne und sind uns an diesem lauen Sommerabend ganz sicher: Wir sind dort angekommen, wohin wir uns immer gewünscht haben – mehr als zwei Millionen verkaufte Tonträger, acht Studio-Alben, eigene Tournee, Fernsehauftritte und nun auch noch eine eigene Autobiografie.

Uns fehlt nur noch der so begehrte wie wichtige Echo, der bedeutendste deutsche Musikpreis; wir waren bereits fünf Mal nominiert und mussten leider jedes Mal mit leeren Händen nach Hause gehen. Diese Trophäe eines Tages in Händen halten zu dürfen wäre ein denkwürdiges musikalisches Ereignis! Ein anderer Traum von uns ist, dass wir gerne am Samstagabend eine Unterhaltungsshow im Fernsehen präsentieren würden. Eine Mischung aus Florian Silbereisen, Carmen Nebel und Hape Kerkeling, mit Talk-Gästen, Musik und Spielen. Eben hundertprozentige Unterhaltung. Das wäre der Hit! Wir arbeiten jetzt nicht wie verrückt darauf hin, aber wenn sich irgendwann die Gelegenheit ergeben sollte, würden wir sicher nicht nein sagen. Es müsste ja nicht gleich bei ARD oder ZDF sein, vielleicht in einem kleineren Sender wie dem MDR, dort schaltet ja auch unsere Kernzielgruppe ein. Und da es in der Vergangenheit doch recht lange dauerte, bis wir auf der Bühne Erfolg hatten, wäre es schön, wenn wir noch vor Eintritt ins Rentenalter auch als TV-Moderatoren erfolgreich werden könnten. Wir sind offen für Anrufe …

Martin Hein und Fredi Malinowski, Juli 2017

Hinweis in eigener Sache

Freddy März ist ein Künstlername.

Wie der Titel schon sagt, ist dieses Buch der Wahrheit ­verpflichtet. Gleichwohl mussten zum Schutz einiger Personen zum Teil ­namentliche Veränderungen vorgenommen werden. Dadurch wird
der grundsätzliche Wahrheitsgehalt jedoch nicht berührt.

Kapitel 1:
Martin kommt in Polen zur Welt

Der 12. Januar 1971 war ein Dienstag. Um die Mittagszeit wurde ich an jenem kalten Wintertag in dem Dörfchen Dramatal in Schlesien (Polen) geboren. Der offizielle Name dieser kleinen Gemeinde lautet seit 1945 eigentlich Zbroslawice. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs gehörten wir zu Deutschland, bevor wir dann unter polnische Verwaltung gestellt und der Woiwodschaft Schlesien eingegliedert wurden. Damals bekamen alle Gemeinden polnische Ortsnamen. Aber ich sage immer noch Dramatal, da ich das Wort Drama so schön passend für mich finde …

Mein Heimatdorf liegt idyllisch am Ufer des Flusses Drama, umgeben von landwirtschaftlichen Flächen und waldbewachsenen Hügeln. Die nächsten größeren Städte sind Gleiwitz und Kattowitz, beide rund 25 Kilometer entfernt. Als ich ein Kind war, lebten rund 400 Menschen in Dramatal, heute sind es noch weniger, weil viele junge Leute in den Westen gegangen sind.

Die ersten Jahre meiner Kindheit habe ich größtenteils bei meiner Oma Christa und meinem Opa Walter in der Ortschaft Zerniki verbracht, gemeinsam mit meinen Eltern (und meinem jüngeren Bruder) wohnte ich zeitweise sogar in ihrem kleinen Häuschen. Man muss sich unser Dorf als Rechteck vorstellen, in dem 60 Einfamilienhäuschen angeordnet waren. Alles Häuser von Bergleuten, die im Oberschlesischen Industriegebiet arbeiteten und denen ein solches Haus zugeteilt worden war, welches sie dann im Laufe der Jahrzehnte abbezahlen mussten. Unsere Region war schon damals das wichtigste Industriegebiet Polens und Zentrum des polnischen Steinkohlebergbaus und der Schwerindustrie.

Jedes Haus sah absolut gleich aus. Unseres, also das Haus meiner Großeltern, war wunderschön gelegen, da nach hinten raus der Wald, links und rechts Felder und nach vorn Hügel waren. Es gab eine große Straße, deshalb kannte jeder jeden. Vom Baby bis zur Oma waren mir alle Einwohner vertraut. Meist wohnten drei Generationen unter einem Dach. Wenn die Eltern also arbeiten gingen, waren immer die Alten da und passten auf die Kinder auf. Für mich als Dreikäsehoch war das absoluter Luxus. Noch heute durchflutet mich ein unheimlich wohliges Gefühl, wenn ich an meine Kindheit zurückdenke. Wir waren natürlich nicht reich, eher arm, aber uns fehlte es an nichts, was wirklich wichtig war.

Wollten wir Kinder etwas Süßes zum Naschen haben, rannten wir in Omas Garten. Er war voller Obstbäume und Gemüse. Das waren nicht die Süßigkeiten, wie sie die Kinder heute in Hülle und Fülle kennen. Aber für mich, meinen jüngeren Bruder und unsere Freunde waren Äpfel oder Beeren aus Omas Garten eine besondere Köstlichkeit. In unserem Dorf gab es nur einen einzigen Lebensmittelladen. Er lag im Zentrum, und wenn zum Beispiel eine Orangenlieferung kam, hat sich das in wenigen Minuten im ganzen Ort herumgesprochen. Alle rannten sofort hin und standen geduldig die nächsten zwei Stunden in einer Schlange an, um pro Familie zwei Orangen kaufen zu können. Mehr gab es nicht. Für uns war das allerdings absolut in Ordnung. Wir kannten es ja nicht anders. Wir waren glücklich, überhaupt in den Genuss von Zitrusfrüchten zu kommen. Das war dann für die ganze Familie ein riesiges Erlebnis. Meine Oma rief schon von weitem: „Maaartin! Guck mal, ich habe Orangen mitgebracht!“ Das war der Wahnsinn. Heute ist das selbstverständlich. Und doch sage ich aus tiefstem Herzen: Ich bin sehr, sehr glücklich aufgewachsen.

Bis zu meinem dritten Lebensjahr haben wir zu Hause nur deutsch gesprochen. Meine Großeltern waren ja eigentlich Deutsche. Polnisch bzw. Schlesisch habe ich erst gelernt, als ich in den Kindergarten kam und mich mit Freunden, die kaum Deutsch konnten, zum Spielen traf. Schlesisch ist noch einmal etwas ganz anderes als Polnisch. In der Schule durften wir kein Schlesisch reden, das war verboten. Dort mussten wir Hochpolnisch sprechen.

Als ich fünf Jahre alt war, kam mein Bruder Damian zur Welt. Meine Eltern Ursula und Anton waren ja noch verdammt jung. Meine Mama war 16, als sie mit mir schwanger wurde, mit 17 wurde sie dann Mutter. Mein Vater war bei meiner Geburt 24 und arbeitete als Bergmann. Sie kamen beide aus Zerniki, kannten sich bereits aus der Schule. Als meine Mutter schwanger war, bestanden meine beiden Omas darauf, dass sie sofort heirateten. Das musste man damals noch, damit es kein Getratsche unter den Nachbarn gab. Außerdem sind die Polen ja streng katholisch – und unser Dorf war es besonders. Wenn eine Familie sonntags nicht zur Kirche ging, wurde mit dem Finger auf sie gezeigt: „Guck dir die mal an. Was erlauben die sich vor Gott“ usw. Als 1978 der polnische Kardinal Karol Wojtyla zum Papst gewählt wurde, stand unser Dorf und natürlich ganz Polen Kopf. Es war das erste Mal, dass ein Pole Papst wurde. Ich bin mir sicher, dass jeder Einwohner des Landes vor Stolz platzte.

Mein Vater bekam dann vom Bergbau eine eigene Wohnung für unsere Familie in einem Plattenbau zugewiesen, in der Stadt Sosnica, gut 15 Kilometer von meinen Großeltern entfernt. Was zunächst wie ein Glücksfall aussah, entpuppte sich leider recht schnell als Katastrophe. Wir wohnten direkt neben der Zeche in einer kleinen Wohnung, zwei Zimmer, Küche, Bad. Ich bin in dem Ort zunächst noch in den Kindergarten gegangen und kam dann nach wenigen Monaten in die Schule. Die Zustände in dem angeblich hochmodernen Plattenbau waren schlimm. Im Keller stand immer mindestens 15 Zentimeter Wasser. Überall sind Ratten herumgerannt.

Zur Kommunion habe ich von meinen Eltern mein erstes Fahrrad geschenkt bekommen. Ich habe mich nicht getraut, es im Keller abzustellen, weil ich Angst vor den riesigen Ratten hatte. Stattdessen habe ich es jeden Morgen aus der dritten Etage nach unten getragen und abends wieder hochgeschleppt. Es einfach vor dem Haus abzustellen ging nicht, weil sie mir das Rad dann sicher gestohlen hätten. In unserer Siedlung wohnten nicht nur so anständige Jungen wie meine Freunde und ich, sondern auch richtige Gauner und Fieslinge, die uns Jüngeren das Leben nicht leicht gemacht haben.

Wir kamen uns vor wie in einem Ghetto. Gefühlt wohnten dort 1.000 Kinder, davon viele aus sozial schwachen Familien. Es gab richtige Gangs. Einige von ihnen haben die Scheiben der Kellerfenster mit Steinen eingeschlagen und sind bei Nachbarn eingebrochen. Überall stand der Müll auf den Straßen, weil er nicht abgeholt wurde. Es stank fürchterlich, und deshalb fühlten sich die Ratten auch so wohl. Irgendwann kam schließlich die Müllabfuhr und packte den ganzen Dreck mit einem Greifarm hoch – um ihn dann auf dem nächstgelegenen Feld einfach wieder fallenzulassen. Man sah dann tagelang große schwarze Raben und Ratten, die sich wie im Schlaraffenland fühlten. Das war so eklig! Noch heute schüttelt es mich, wenn ich diese hässlichen grauen Nager sehe, und wenn es nur im Fernsehen ist.

Irgendwann fuhr ein sehr guter Freund meiner Eltern nach Deutschland. Angeblich zu Besuch. Doch er ist dann für immer dort geblieben. Mein Vater war ab da ganz euphorisch. Er wollte auch endlich im Westen leben, um uns Kindern eine bessere Zukunft ermöglichen zu können. Er und sein Freund dachten sich also für die Behörden in Polen und Deutschland frei erfundene Verwandtschaftsbeziehungen aus: Angeblich sei mein Vater dessen Cousin und von ihm nach Deutschland eingeladen worden.

Ich war damals sieben Jahre alt und bekam die Pläne meiner Eltern natürlich nur am Rande mit. Eben nur das, was sie uns verrieten. Mein Vater fuhr schließlich eines Tages mit dem Zug nach Deutschland, um seinen (erfundenen) Cousin zu besuchen. Meine Eltern hatten abgesprochen, dass auch mein Vater in Deutschland bleiben und sich einen Job suchen sollte. Wir, meine Mutter, ich und mein kleiner Bruder, wollten nachkommen, sobald wir die Genehmigung der polnischen Regierung bekommen würden.

Tja, es sollte fünf Jahre und sieben Monate dauern, bis wir Jungen unseren Vater und unsere Mutter ihren Ehemann wiedersehen sollten! In dieser langen Zeit haben wir alle drei Monate einen Ausreiseantrag bei der Polizei im 25 Kilometer entfernten Gleiwitz gestellt. Eine Woche später gab es dann in einem Glaskasten vor dem Revier einen Aushang, auf dem die Namen der Glücklichen standen, die einen positiven Bescheid bekommen hatten. Wir sind bei jedem Versuch mit Bus und Bahn dorthin gefahren, weil damals kaum jemand ein eigenes Auto besaß. Das war jedes Mal ein so nerviges wie zeitaufreibendes Gezockel hin und wieder zurück. Und zudem wurde unser Gesuch immer wieder abgelehnt.

Mein Vater lebte damals in Burscheid bei Köln. Es war für uns alle nicht einfach. Vor allem in der Schule, da viele meiner Lehrer eher linksgerichtet waren und überhaupt kein Verständnis dafür hatten, dass mein Vater sein Glück im Westen suchte. Dies bekamen mein Bruder und ich natürlich immer wieder heftig zu spüren. Meine Mitschüler gaben mir sogar deshalb eigens einen Spitznamen: Angelehnt an einen Film über einen Nazi-Soldaten, der Hannes hieß. In Polen wurden alle Deutschen „Hannes“ genannt. Da mein Nachname Hein ist und ja alle wussten, dass wir irgendwann nach Deutschland ziehen wollten, nannten mich plötzlich alle nur noch „Hannes“. Deutschland war für viele immer noch ein Feindbild, obwohl der Zweite Weltkrieg ja damals schon mehr als dreißig Jahre zurücklag.

Die siebziger Jahre waren geprägt vom Kommunismus und standen im Zeichen von Preiserhöhungen, Versorgungsengpässen und Repressionen. In den achtziger Jahren, beginnend im Sommer 1980, hielt die Arbeiterklasse in Polen allerdings die ganze Welt in Atem. Eine riesige Streikbewegung entfaltete sich: Mehrere hunderttausend Arbeiter streikten gleichzeitig in verschiedenen Städten und brachten die herrschende Klasse in Polen, aber auch in anderen Ländern zum Zittern. Die Regierung antwortete mit der Zulassung freier und unabhängiger Gewerkschaften; am 17. September 1980 gründete sich Solidarnosc mit ihrem auch in Deutschland sehr bekannten Anführer Lech Walesa.

In unserem kleinen Dorf ging es ähnlich politisch zu wie in der damaligen DDR. Mein Vater und natürlich meine ganze Familie waren für viele Lehrer der „Feind aus dem Westen“. Sie demütigten mich, so oft es ging, vor der versammelten Klasse. Nach dem Motto: Es lohne sich ja für mich gar nicht mehr, dass man mich ordentlich unterrichte, wo wir doch eh so schnell wie möglich auswandern wollten. Beliebt waren auch die Sätze, dass es ja schon oft vorgekommen sei, dass Familienväter in den Westen gezogen seien und von ihrer Frau und den Kindern in Polen dann nichts mehr hätten wissen wollen. „Stellt euch mal vor, ihr kommt nach Deutschland, und euer Vater will euch nicht sehen, weil er längst eine neue Familie hat!“ Wir sollten beeinflusst und schikaniert werden. Vielleicht war ich damals einfach noch zu klein. Denn die gewünschte Wirkung blieb bei mir aus. Die Sätze machten mich zwar nachdenklich, aber sie berührten mich nicht. Heute bin ich stolz auf mich, dass ich nicht eine Träne vergoss wegen meiner bescheuerten Lehrer.

Es gab ja Telefon. Einmal im Halbjahr konnten wir mit Vater telefonieren. Dazu mussten wir allerdings meine Großmutter besuchen. Eine Nachbarin in Zerniki besaß ein Telefon – das einzige im ganzen Ort. Vor ihrem Haus gab es eine Veranda. Dort stand eine Reihe Stühlen, und alle, die mit ihren Familien in Deutschland telefonieren wollten, warteten, bis die Verbindung zustande kam. Das war ja nicht so einfach wie heute: wählen und telefonieren. Man musste manchmal drei, vier Stunden lang warten, bis eine Verbindung stand, da die Leitungen meist überlastet waren und man ständig nur das Besetztzeichen hörte. Entweder versuchten wir, meinen Vater anzurufen, oder wir mussten abwarten, bis er bei uns durchkam und es klingelte. Der einfachere Weg war, Briefe zu schreiben. Aber da hörte man nicht die Stimme des anderen …

Warum haben sich Familien damals diese schmerzhaften Trennungen überhaupt angetan? Klar, kann man das rückblickend fragen. Aber die 100 Mark, heute 50 Euro, die uns mein Vater jeden Monat nach Polen schickte, bedeuteten für uns das Fünffache eines polnischen Monatsgehalts. Von diesem zusätzlichen Geld konnte meine Mutter – sofern es überhaupt etwas zu kaufen gab – uns gelegentliche Extras gönnen. Manchmal hatte man jedoch Geld zur Verfügung, aber es gab gar keine Ware im Geschäft.

Natürlich musste meine Mutter zudem eigenes Geld dazuverdienen. Sie arbeitete erst als Verkäuferin beim Bäcker, später als Helferin in der Notaufnahme im Krankenhaus. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich nach der Schule immer mit dem Bus zu meiner Oma gefahren bin. Dort gab es Mittagessen. Abends bin ich zurück in unseren Ort gereist. Ich war eigentlich ständig nur am Pendeln. Am Wochenende wohnten meine Mutter und wir Kinder dann im Haus bei den Großeltern.

Meine Großmutter war für mich der Mensch, der mir am meisten Wärme gab. Mehr als meine Eltern. Sie war eine Oma wie aus dem Bilderbuch. Egal, welchen Mist ich auch angestellt habe, ob meine Mutter oder mein Opa mit mir schimpften – meine Oma Christa hat mich auf ihren Schoß gesetzt, mich fest umarmt und gesagt: „Ich halte zu dir, mein Schatz. Die anderen sind doch alle doof.“ Sie war für mich als Kind der Sonnenschein meines Lebens. Leider starb meine geliebte Oma am 19. Februar 2010. Ihr warmes Lächeln und ihren besonderen Duft nach Pfirsichen bewahre ich tief in meinem Herzen.

Meine Oma hatte eine Nachbarin. Mit deren Enkel Heinrich spielte ich immer auf der Straße Fußball. Von morgens bis abends. Wir waren richtige Straßenkinder. Uns bekam man kaum ins Haus, solange wir einen Ball zur Verfügung hatten. Eines Tages bekam die Familie Besuch von Verwandten aus Deutschland, die als Geschenk für Heinrich ein Paar nagelneue Fußballschuhe von Adidas mitgebracht hatten. Ich werde das nie vergessen! Fußballschuhe waren für uns damals das Allergrößte, und dann auch noch in einer so kleinen Größe. Das war unglaublich! Als hätte man vor 20 Jahren ein iPhone geschenkt bekommen!

Vor dem Haus hatten die Großeltern von Heinrich eine Einfahrt aus Asche. Bestimmt zehn Jungen haben sich dort stets versammelt. Heinrich kam natürlich in seinen Fußballschuhen. Jeder von uns durfte sie mal anziehen und damit zur Garage rennen und wieder zurück – ausziehen und zack, war der Nächste dran. Ein unvergessliches Erlebnis.

Kurze Zeit später spielten wir einmal in den Hügeln rund um den Ort, als wir plötzlich von weitem ein grünleuchtendes Auto ins Dorf fahren sahen. Ein Ford Capri in Metallic-Grün. Die Sonne schien, und es wirkte, als würde das Auto leuchten. Wir konnten unser Glück kaum fassen, als würde ein Lamborghini in Rio de Janeiro in die Favelas einfahren. Was war das denn?! Wir rannten sofort runter ins Dorf, um zu sehen, wo das Auto hin wollte. Es fuhr in unsere Straße und hielt tatsächlich vor dem Haus meiner Großeltern. Mein Herz ist fast stehengeblieben vor Aufregung.

In der ersten Sekunde dachte ich, es könne vielleicht mein Vater sein.

Nein. Es war ein enger Freund meines Vaters, der auch in Deutschland lebte und in Polen auf der Durchreise war. Scharen von Kindern klebten mit ihren Nasen an dem Auto. Als ich endlich ankam, traute ich mich erst gar nicht, ins Haus zu gehen. Stumm und ehrfürchtig saß ich bei meiner Oma auf dem Schoß und inhalierte jedes Wort, das der Mann über Deutschland erzählte. Er hatte mir Schokolade mitgebracht, die ich noch am selben Abend auf der Straße mit meinen Freunden teilte.

Als der Mann weg war, saß in ich in Omas Küche auf dem Boden und spielte mit einem Auto. Während ich unter den Stuhl kroch, auf dem kurz zuvor der fremde Mann gesessen hatte, nahm ich plötzlich einen besonderen Geruch war. Er kam von dem Kissen, das auf dem Stuhl lag. Ich konnte das Waschpulver der Jeans riechen, die der Mann getragen hatte. Es roch nach Westen! Ich nahm das Kissen in die Hand und roch an diesem Abend immer wieder daran. Nie zuvor habe ich mich so intensiv nach Freiheit und meinem Vater gesehnt wie in diesem Moment …

Ähnlich ging es uns, wenn wir Pakete aus dem Westen geschickt bekamen. Meine Mutter stellte sie immer auf den Küchentisch. Wenn ich nach Hause kam und unsere Schätze in Händen hielt, roch das alles so intensiv nach Deutschland. Die Seife. Der Kaffee. Die Schokolade. Das alles war purer Luxus für uns, den wir uns in Polen nicht leisten konnten. Außerdem schmeckten die Sachen aus dem Westen viel besser als die polnischen Produkte. Diese intensiven Geschmackserlebnisse haben sich bis heute tief in meine Erinnerungen eingegraben. Sie lassen mich noch ein bisschen mehr schätzen, wie gut es mir heute geht und was ich mir alles erarbeitet habe. Damals, in meinem kleinen Dorf im armen Polen hätte niemand damit gerechnet, dass ich einmal als Musiker Karriere machen sollte.

Kapitel 2:
Fredi besitzt kroatische Wurzeln und hat es in seinem jungen Leben nicht einfach

In bin in Deutschland geboren. Am 11. März 1971 um 4 Uhr früh im Klinikum Essen. Mein Bruder Djordje (das spricht man Georgie) war schon fast drei, als ich die Familie Malinowski komplettmachte. Ich möchte meinen Weg mit meinem Vater Josef Malinowski beginnen, denn wegen ihm hat sich alles Weitere für die Familie ergeben. Er war ursprünglich Deutscher mit polnischer Abstammung. Er hatte, wie ich, in Essen das Licht der Welt erblickt. Am 5. März 1940. Mein Vater war vier Jahre alt, als sein eigener Vater bei einem Grubenunglück auf der Zeche Zollverein in Essen ums Leben kam. Bei einer Schlechtwetterexplosion ereignete sich die Katastrophe. Einige Zeit später hat meine Oma, also die Mutter meines Vaters, dann einen Kroaten kennengelernt und ist mit ihm und ihren drei Söhnen in dessen Heimat ausgewandert.

Er hatte ihr ein sorgenfreies Leben versprochen, in einem riesigen Haus am Meer: Sie müsse nie mehr arbeiten und noch ganz viel Blabla mehr –
denn natürlich stimmte kein einziges Wort. Viele von Omas Freunden konnten ihren Wegzug nicht verstehen. Immerhin wäre sie nach dem Tod ihres Mannes, der ja durch einen Arbeitsunfall gestorben war, durch den deutschen Staat abgesichert gewesen. Sie bekam Unfall- und Witwenrente und für die Kinder Waisenrente. Von dem vielen Geld konnte sie richtig gut leben. Doch sie wollte auf niemanden hören und zog bei Nacht und Nebel mit ihrem Lover nach Kroatien.

Als sie dort angekommen waren, hat er die Ausweise von ihr und den Kindern weggeworfen, damit sie nicht wieder zurück nach Deutschland hätten gehen können. Also lebten sie fortan in einem uralten Haus, besser gesagt: in einem Stall. Ausrangierte Holztüren wurden auf den Boden gelegt, damit sie nicht auf dem kalten Boden schlafen mussten, es gab weder Strom noch heißes Wasser, meine Oma musste auf einem betagten Holzofen kochen und Gemüse auf dem Feld anbauen. Es muss die Hölle gewesen sein, doch meine Großmutter hat nie den Mut gefunden, diesen Mann zu verlassen. Tja, deshalb sind mein Vater und seine Brüder dann in ärmsten Verhältnissen groß geworden. Auch Papa blieb in Kroatien. Als er 27 war, hat er auf einer Hochzeit meine damals 17-jährige Mutter Radojka kennengelernt, auch Kroatin.

Es war bei beiden Liebe auf den ersten Blick. Meine Oma, die Mutter meiner Mutter, hat den beiden geraten, sofort zu heiraten. Sie war streng katholisch und bestand darauf, diese Beziehung quasi schon nach dem ersten Kuss zu legitimieren. Sie riet meiner Mutter: „Behalte diesen Mann. Er ist im reichen Deutschland geboren, du gehst mit ihm, und dort wirst du es dann gut haben.“ Und so ereilte meine Mutter leider dasselbe Schicksal, welches auch meiner anderen Oma schon mit ihrem kroatischen Mann zugestoßen war. Meine Eltern heirateten, als meine Mutter bereits mit meinem Bruder schwanger war. Dann zogen sie nach Deutschland, weil mein Vater seiner jungen, unerfahrenen Frau erzählt hatte, wie gut es allen Menschen dort gehe; jeder habe Arbeit, wohne in einem eigenen Haus und fahre ein großes Auto. Dass die Wirklichkeit eine andere war, ahnte meine Mutter zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Sie sind dann in Metzingen bei Stuttgart hängengeblieben. Dort fand mein Vater einen Job als Maurer, und dort wurde im Juni 1968 auch mein Bruder geboren. Sie blieben ein Jahr, wohnten in einer Einzimmerwohnung zu dritt – und dann hat es meine Mutter nicht mehr ausgehalten. Sie ging mit meinem Bruder für ein halbes Jahr zurück nach Kroatien. Mein Vater fing an zu trinken. Er kam nicht damit klar, dass sie ihn verlassen hatte. Er reiste ihr hinterher, gelobte Besserung und schaffte es tatsächlich, dass meine Mutter ein zweites Mal mit ihm nach Deutschland ging.

Sie zogen nach Essen. Dort fand mein Vater mithilfe seines Bruders eine winzige Wohnung und eine neue Arbeitsstelle als Maurer. Es war nur ein Zimmer, Bad und Toilette befanden sich auf dem Flur und wurden von allen Mietern genutzt. Als ich zur Welt kam, wohnten wir immer noch in diesem Loch. Und das sollte so bleiben, bis ich zwölf war. Wir waren sehr, sehr arm.

Aber das Schlimmste, was passierte – ich hätte beinahe meine Mutter verloren. Als ich vier Jahre alt war, ist Mama schwer erkrankt. Sie hatte Krebs, musste ins Krankenhaus und kam nach der OP direkt zur Kur. In dieser Zeit kamen mein Opa und meine Oma zu uns nach Deutschland, um mich mit nach Kroatien zu holen. Zwei Jahre sollte ich letztlich bleiben, und ich kann rückblickend sagen, dass es mir dort fantastisch ging und diese Zeit wohl zu der schönsten und sorgenfreiesten meines Lebens gehört. Bei Oma und Opa hatte ich einfach ein sehr angenehmes Leben. Ich habe dort auch viel gelernt: nähen, kochen, backen, solche Dinge. Ich hatte ja zwei Jahre Zeit, meiner Oma bei ihrer Arbeit zuzugucken. Sonst gab es nicht viel zu tun für mich. In dem kleinen Ort gab’s ja sonst keine Kinder. Spannend –
vor allem für meine Großeltern – war es trotzdem jeden Tag. Mit fünf Jahren bekam ich eine schwere Lungenentzündung und wäre fast gestorben. Meine Oma ist dann mit mir bei Wind und Wetter, ich war eingepackt in viele, viele Decken, zum Arzt gelaufen, der mir eine Spritze in den Hintern verpasste. Das werde ich nie vergessen, weil ich doch – auch heute noch – so ein Angsthase bin, wenn ich zum Arzt muss. Und einen Tag später war ich wieder total fit. Gott sei Dank. Meine Oma hat noch viele Jahre lang erzählt, dass ich fast gestorben wäre und bereits ganz blau angelaufen sei. Na ja.

Meine behütete, wunderschöne Kindheit ging also weiter. Ich habe mich danach nie wieder so geliebt gefühlt wie von meiner Oma und meinem Opa. Ich fühlte mich wie Heidi, die mit ihrem geliebten Opa und Ziegen auf der kleinen Hütte in den Bergen groß wurde. Bis irgendwann der Tag kam, als mein Vater und meine Mutter vor der Tür standen und mich abholen wollten. Ich war mittlerweile sechs und sollte nach den Sommerferien eingeschult werden. Es war ein Schock für mich. Ich weiß noch, dass ich mich, so sehr ich konnte, gewehrt habe: Wir waren in Rijeka am Bahnhof. Ich habe meinen Vater und meine Mutter geschlagen, weil ich nicht weg wollte. Ich habe mich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, in diesen Zug einzusteigen. Trotzdem haben sie mich ins Abteil geschleppt, und ich habe lauthals geweint, bis wir nach 14 Stunden in den Essener Hauptbahnhof eingefahren sind. An diesen Schmerz in meiner kleinen Kinderseele erinnere ich mich immer noch so intensiv, als wäre es gestern gewesen. Das Trauma, das mir meine Eltern bei der Trennung von meinen Großeltern zugefügt haben, ohne darüber nachzudenken, ist nachhaltiger und lebensbestimmender, als sie hätten ahnen können. Solche Erfahrungen prägen. Gerade auch, wenn man sie in frühen Jahren macht.

Als ich wieder in Essen wohnte, konnte ich kein Deutsch mehr. Ich verstand, was die (für mich fremden) Menschen in meinem Umfeld sagten, aber ich hatte vergessen, dass ich ihnen auch auf Deutsch antworten musste, damit sie mich verstehen konnten. Ich ging nach draußen auf die Straße, wo alle Kinder spielten, und habe auf Kroatisch geantwortet, wenn sie mich etwas fragten. Ich kannte die Kinder ja noch von früher, wir waren Freunde gewesen, bis ich zu meinen Großeltern gezogen war. Doch plötzlich haben sie mich ausgelacht, weil ich nicht mit ihnen reden konnte.

Ich rannte wutentbrannt nach Hause und sagte aufgebracht zu meiner Mutter: „Ich will wieder nach Kroatien, die sind alle blöd hier, die verstehen mich gar nicht.“ Meine Mutter entgegnete: „Was hast du denn gesagt? Hast du mit denen kroatisch gesprochen?“ Und ich: „Ja, aber die verstehen mich nicht.“ Da meinte sie: „Fredi, du musst doch deutsch mit ihnen sprechen.“ Als ich am nächsten Tag zum Spielen raus bin, redete ich deutsch, und alles war wieder gut. In jenem Moment machte es klick bei mir. Ich erinnerte mich daran, dass ich ja eigentlich Deutscher bin.

Der spätere Umzug in eine Dreizimmerwohnung – Wohnzimmer, Schlafzimmer und Küche – kam uns vor wie ein Lottogewinn. Aber nur für kurze Zeit, denn wirklich verbessert hatten wir uns nicht. Mein Bruder und ich mussten uns mit unseren Eltern das Schlafzimmer teilen. Die Fenster waren alt, es zog wie Hechtsuppe. Es gab kein Badezimmer, die Toilette war im Flur. Wir hatten keine Heizung, sondern einen Kohleofen und so gut wie keine Möbel. Meine Mama und mein Papa waren eigentlich gut zu mir. Bis auf wenige kleine Ausnahmen. Aber da komme ich gleich noch drauf zu sprechen.

Kurz bevor ich eingeschult wurde, hatte ich jedenfalls zum Beispiel noch nicht mal eine Schultüte. Es war schlicht kein Geld dafür da. Unten im Haus gab es einen Schreibwarenladen, „Schreibwaren Schiel“ hieß der. Früher war es gang und gäbe, dass man dort anschreiben lassen konnte. Ich habe dann so lange gebettelt, bis meine Mutter mit mir hingegangen ist und wir eine Schultüre aussuchten, die wir anschreiben ließen und in Raten abbezahlten. Ich war so stolz! Sie war blau, mit einer silberfarbenen Rakete draufgeklebt. In meiner Tüte waren jedoch nicht mal ansatzweise so viele Geschenke drin wie bei den anderen Kindern. Aber das störte mich nicht. Hauptsache, ich durfte sie im Arm halten.

Im Kunstunterricht malte ich eines Tages ein Bild, darauf waren ein blauer Himmel, das Meer und eine Riesensonne. Meine Lehrerin sagte: „Das hast du ganz toll gemalt. Du hast das beste Bild gemalt in der ganzen Klasse.“ Obwohl ich sonst gar nicht so begabt war, was Malen angeht. An diesem Tag bin ich überaus glücklich nach Hause marschiert und dachte, jetzt würden mein Papa und meine Mama mich loben. Denkste. Sie haben mich ausgelacht und meinten: „Das hast du nie im Leben selbst gemacht. So toll kannst du gar nicht malen.“ Da war ich natürlich sehr enttäuscht und habe fürchterlich geweint. Und hatte auch danach irgendwie keine Lust mehr, ihnen noch mal was zu zeigen.

Heute weiß ich, dass das Bild, das ich damals gemalt habe, sicherlich meine große innere Sehnsucht nach Kroatien widergespiegelt hat. Das Bild kam ganz tief aus meinem Inneren.

Kapitel 3:
Als Fredi sieben Jahre alt ist, stirbt sein Vater

Als ich in der ersten Klasse war, wurde mein Vater krank. Meine Mutter musste nun die Familie allein ernähren. Sie war von früh bis spät arbeiten; verschiedene Putzstellen, Geschirr spülen in einer Kneipe bis in die späte Nacht hinein usw. Wir hatten kein Geld, mein Vater war immer wieder arbeitslos gewesen, weil seine Chefs über kurz oder lang mitbekamen, dass er heimlich zur Flasche griff, und er deshalb seine Jobs verlor. Richtig lang war er aber nie ohne Arbeit. Er trank auch nicht täglich, es waren immer nur Phasen.

Eines Tages nahm er mich auf den Schoß. Meine Mutter war noch arbeiten. Es war schon abends, 22 Uhr, und mein Bruder und ich lagen bereits im Bett. Papa kam ins Zimmer, setzte sich ans Bett meines Bruders und bat mich, zu ihm zu kommen. Dann erklärte er uns, dass er bald sterben werde. Wir waren Kinder und überblickten die Bedeutung seiner Worte für unser weiteres Leben noch nicht wirklich. Er hatte Tränen in den Augen, deshalb waren wir natürlich ganz traurig, hatten Angst und sagten: „Papa, warum erzählst du denn so etwas? Das kann doch nicht sein. Nur alte Menschen müssen sterben, oder?!“ Er lächelte und sagte: „Nein. Auch Kinder oder Mamas und Papas müssen manchmal sterben. Ich bin schwerkrank und werde euch bald verlassen müssen.“

Erst viel später erfuhren mein Bruder und ich, dass Papa zu diesem Zeitpunkt noch gar keine tödliche Diagnose bekommen hatte. Aber er ahnte und spürte wohl in jener Nacht, dass er nicht mehr lange zu leben hatte. Papa hatte Lungenkrebs. Und leider nahm dann auch alles schnell seinen Lauf. Allerdings verschlechterte sich nicht nur seine körperliche Verfassung. Auch sein Wesen veränderte sich komplett. Anstatt liebevoll und im Einklang mit uns die ihm verbleibende Zeit zu genießen, wurde er immer launiger und boshafter und flippte oft wegen Kleinigkeiten aus. Aber nicht nur das. Manchmal schrie und schlug er wild um sich. Heute erkläre ich mir sein Verhalten mit der Todesangst, die er gehabt haben muss. Er konnte nicht offen über seine Gefühle reden und versuchte die Angst, meine Mutter und uns zu verlieren, mit sich selbst auszumachen, was leider völlig nach hinten losging. Er wurde nervös, aggressiv und laut und hat des Öfteren meine Mutter geohrfeigt.

Ich erinnere mich an eine Situation, da war ich sechseinhalb, kurz vor Papas Tod. Ich kam von der Schule nach Hause. Mein Vater lag im Bett, und meine Mutter war nicht da. Ich fragte: „Wo ist denn die Mama?“ – „Die ist weg. Die kommt auch nicht mehr“, antwortete er. Ich stand vor ihm und dachte, er mache einen Scherz. Doch er lachte nicht, und ich wollte ihn nicht unnötig anstrengen. Also ging ich ins Wohnzimmer und spielte. Als ich ins Bett ging, war meine Mutter immer noch nicht zu Hause. Ich war mir sicher, dass sie noch arbeitete, konnte jedoch die ganze Nacht über kein Auge zutun, weil ich lauschte, ob die Wohnungstür geöffnet würde. Aber sie kam nicht. Ich war schließlich todmüde, und irgendwann grübelte ich mich in den Schlaf und versuchte, mich zu beruhigen: Mensch, Fredi, die Mama kommt schon morgen früh, jetzt schlaf mal schön ein.

Doch morgens war sie immer noch nicht da. Mein Bruder schmierte uns ein Marmeladenbrot, dann gingen wir zur Schule. Papa lag im Bett. Er verlor kein Wort über Mama. Als ich von der Schule heimkam, war sie noch nicht da. Und als ich ins Bett ging auch nicht.

Am nächsten Morgen ging es meinem Papa plötzlich ganz schlecht. Er fing an, Blut zu spucken, auch aus der Nase lief Blut. Ab diesem Tag hatte er überhaupt keine Kraft mehr, aufzustehen. Er war ein Pflegefall geworden. Doch wer sollte ihn pflegen, wenn Mama nicht da war? Mama, wo bist du? Wir hatten keine Ahnung. Ich sah, wie schlecht es meinem Vater ging, und trotzdem habe ich immer noch gehofft, es würde alles wieder gut werden. Nie im Leben hätte ich daran gedacht, dass mein Vater wirklich sterben würde. Ich versuchte mich abzulenken und ging raus, um meine Mutter zu suchen. Jedes Mal, wenn ich eine Frau sah, die lange schwarze Haare hatte, bin ich ihr hinterhergerannt und habe ihr ins Gesicht geguckt. Mist, sie war es wieder nicht. Ich war sehr enttäuscht. Das war echt schlimm.

Zwei Wochen lang blieb Mama verschwunden. Wie vom Erdboden verschluckt. Weder mein Vater noch mein Onkel Karlheinz oder meine Tante Eva, die im selben Haus wohnten wie wir, sprachen über sie. Während dieser zwei Wochen ging es meinem Vater immer schlechter. Als ich eines Abends vom Spielen nach oben in unsere Wohnung kam, lag Papa nicht mehr in seinem Bett. Ich rannte zu meiner Tante runter, klingelte wie wild und schrie: „Wo ist denn der Papa?“ Sie sagte: „Der ist hier bei mir, dem geht’s grad nicht so gut.“ Ich war erleichtert. Okay, hier unten war er in guten Händen. Onkel Karlheinz war der Bruder meines Vaters, sie hatten ein enges Verhältnis, was wohl auch der schlimmen Kindheit in Kroatien geschuldet war.

In dieser Nacht kam ein Krankenwagen und holte Papa ab. Tante Eva war in unserer Wohnung. Sie flüsterte: „Kinder, ihr bleibt im Bett. Der Papa muss jetzt ins Krankenhaus.“ Dann war mein Papa im Krankenhaus, meine Mutter blieb verschwunden, und mein Bruder und ich waren allein. Wir wohnten zwar bei unserer Tante. Aber ich fühlte mich total verloren und im Stich gelassen und hatte schreckliche Verlustangst. Jetzt waren alle beide weg! Wo steckten sie denn? Die kommen nicht mehr wieder, ging es mir durch den Kopf, und ich muss bei meiner Tante bleiben. Ich will aber nicht bei meiner Tante bleiben. Ich will zu meiner Mama und zu meinem Papa.

Ich heulte Rotz und Wasser. Ein typisches Kinderverhalten eben. Zwei Tage später hatte ich mich mit der Situation arrangiert. Ich verdrängte die Wahrheit und war nach der Schule draußen bei den anderen Kindern, wir spielten. Plötzlich rief mich unsere Nachbarin zu sich und sagte: „Fredi, komm schnell her. Du sollst sofort zu deiner Tante gehen, dem Papa geht’s nicht gut im Krankenhaus.“ Sie kannte die Wahrheit, weil ihr Mann im selben Klinikzimmer lag wie mein Papa.

Meine Tante und mein Onkel sind dann sofort ins Krankenhaus gefahren –
und ich durfte nicht mitkommen. Ich wollte jedoch so gerne mit. Aber meine Tante hat es mir verboten.

Das war der letzte Tag, an dem mein Papa gelebt hat. Ich habe ihn leider nicht mehr gesehen. Das ist mittlerweile fast 40 Jahre her. Doch sobald ich an den Tag zurückdenke, weine ich sofort los. Das ist wirklich schlimm.

Als mein Onkel und meine Tante nach Hause kamen, sahen sie erschöpft und traurig aus. Sie nahmen uns in den Arm und sagten: „Papa ist gestorben.“ Ich habe geantwortet: „Siehst du, du hast mir verboten, mit ins Krankenhaus zu kommen. Ich wollte den Papa doch so gern noch mal sehen. Das geht jetzt nicht mehr …“ In diesem Moment sind viele, viele Tränen geflossen – und von meiner Mutter gab es immer noch kein Lebenszeichen.

Mein Papa starb am 9. September 1978.

Ein Tag später ist meine Tante mit uns in die Stadt gegangen, um uns schwarze Kleider zu kaufen. Trauerklamotten. Wir waren bei C&A, und ich bin herumgerannt und habe nach bunten Sachen gesucht. Ich wusste ja nicht, dass man Schwarz tragen musste, wenn der Papa gestorben ist. Tante Eva hat mir eine geklatscht und gesagt: „Spinnst du? Du musst nach schwarzen Sachen suchen!“ Aber wie gesagt, ich wusste es nicht. Eine Stunde später sind wir mit zwei Plastiktüten voll schwarzer Kleidung mit dem Bus nach Hause gefahren. Tags darauf kam eine Frau vom Jugendamt. Sie hatte irgendwie mitbekommen, dass meine Mutter weg war und mein Vater gestorben. Sie wollte meinen Bruder und mich ins Heim bringen. Doch meine Tante trat ihr energisch entgegen: „Nein, das machen Sie nicht. Mein Mann und ich nehmen unsere Neffen bei uns auf. Wir werden sie adoptieren. Wir lieben sie ohnehin schon wie eigene Kinder.“

In dem Moment klingelte es. Tante Eva öffnete die Tür – und meine Mutter kam rein. Ich war so was von heilfroh, habe geschrien vor Freude, rannte zu meiner Mutter und habe sie ganz fest gedrückt. „Mama, Mama, du bist wieder da! Geht’s dir gut?“ Sie nickte und weinte und hielt meinen Bruder und mich fest in ihren Armen.

Die strenge Frau vom Jugendamt wirkte nicht besonders erfreut und fing natürlich sofort an, Mama zu verhören: „Sie haben sich nicht um Ihre Kinder gekümmert. Wo waren Sie denn?“ – „Ich wusste nicht, dass mein Mann im Krankenhaus ist. Ich dachte, meine Kinder sind bei ihrer Tante in guten Händen. Mein Mann wollte mich umbringen. Ich bin abgehauen, weil ich Angst hatte. Ich war mir sicher, dass er den Kindern nichts tun würde, da sich ja auch meine Schwägerin um sie kümmerte. Ich wusste, meinen Jungs würde es gutgehen. Aber erst einmal musste ich mich in Sicherheit bringen.“

Na ja, da war meine Mama also wieder zurück und ich heilfroh. Wir konnten dann auch sofort wieder hoch in unsere eigene Wohnung.

Mama hat uns später erzählt, sie habe bei der Nachbarin angerufen und gefragt: „Hat sich mein Mann endlich beruhigt?“ Die habe ihr dann erzählt, dass er gestorben sei und sie nun keine Angst mehr zu haben brauche, wenn sie nach Hause komme. Natürlich kann man sich nun zurecht fragen: Wieso lässt eine Frau ihre Kinder allein beim Vater zurück, wenn dieser sie umbringen wollte? Was ist, wenn er auch den Kindern etwas angetan hätte? Es war in der Zeit seiner Krankheit ja nicht nur einmal vorgekommen, dass unser Vater unsere Mutter verprügelte. Wir haben das als Kinder alles mitbekommen.

Mein Papa hätte aber auch mich einmal beinahe mit einem Kissen erstickt. Obwohl er mich sehr liebte. Damals bin ich drei oder vier gewesen. Er war kein von Natur aus aggressiver Mensch. Nur wenn er sich im Alkoholrausch befand – und in der Zeit, als er krank war. Ich kann mich noch gut erinnern, wie das damals war, obschon ich noch so klein war. Ich verhielt mich an diesem Abend wohl ziemlich hysterisch, und mein Vater war mit der Situation komplett überfordert. Er nahm ein Kissen, drückte es mir aufs Gesicht und wollte mich so beruhigen. Was natürlich komplett nach hinten losging. Ich bekam vor lauter Panik sowieso schon keine Luft mehr und schrie noch lauter. Meine Mutter kam dann ins Zimmer gerannt: „Bist du denn verrückt geworden? Lass den Jungen in Ruhe.“ Sie stürzte sich auf ihn und schlug auf ihn ein. In dem Moment ließ er von mir ab.

Apropos: Als Baby wäre ich eines Tages fast schon einmal erstickt. Mein Papa kam damals von der Arbeit und hatte was getrunken. Meine Mutter bat ihn, auf uns Kinder aufzupassen und uns etwas zum Abendbrot zu machen. Er schob einen Braten in den Ofen und ist dann auf dem Sofa eingeschlafen. Ich lag im Bett, mein Bruder spielte. Der Braten fing an zu brennen, die ganze Wohnung war schon voller Qualm. Als meine Mutter von der Arbeit zurückkehrte, riss sie die Fenster auf. Sie erzählte mir, ich hätte einen knallroten Kopf gehabt, geschrien und total schlimm gehustet. Sie ist bis heute davon überzeugt, dass ich erstickt wäre, wenn sie nicht rechtzeitig zurückgekehrt wäre. Mein Vater hat seelenruhig seinen Rausch ausgeschlafen und nichts von dem angebrannten Stück Fleisch mitbekommen.

Mein Papa wurde drei Tage nach seinem Tod in Essen beerdigt. Diesen Geruch in der Leichenhalle werde ich niemals vergessen. Es stank nach Holz und Lack, ein eigenartiger Geruch war das. Hin und wieder mal, wenn ich in ein Möbelgeschäft gehe, steigt mir der Geruch von Schränken in die Nase, die so riechen wie der Sarg meines Papas. Das ist für mich ein unerträglicher Geruch …

Wir sind also in die Leichenhalle rein – meine Mutter und Tante Eva kümmerten sich um meinen Bruder und mich. Wir standen dann alle da, und meine Tante schob mich zum Sarg und sagte: „Jetzt geh mal hin, und küss deinen Vater auf die Stirn, so wie es in Kroatien üblich ist. Du siehst ja, alle hier machen das.“ Sie war streng, deshalb kannte sie keine Gnade mit mir.

Ich habe meinen Papa dann angeguckt und fand, dass er sehr schön aussah im Sarg. So blöd das auch klingen mag, aber er sah wirklich so aus, als würde er ganz friedlich schlafen. Er hatte ein Lächeln auf dem Gesicht, ein Auge war leicht geöffnet. Man hätte denken können, er würde uns zusehen, wie wir um ihn trauern. Trotzdem war er mir auch ein wenig unheimlich, und ich hatte das Gefühl, dass dieser Mann hier nicht mein Papa war, weil er sich gar nicht bewegte. Als ich ihn dann küssen sollte, bin ich aus der Leichenhalle abgehauen. Ich rannte raus, habe fürchterlich geweint und wiederholte ständig: „Den Mann küsse ich nicht. Das ist doch nicht mein Vater. Warum bewegt er sich denn nicht?“

Beim Leichenschmaus passierte etwas Skurriles. Heute kann ich darüber lachen. Als Kind war ich jedoch einfach nur schockiert. Unter den Gästen befand sich auch eine uralte Tante meines Vaters. Sie hieß Tante Luise und stammte aus der deutschen Familie meines Vaters, wir hatten nie engen Kontakt mit ihr gehabt. So saßen wir also bei Kaffee und Kuchen, ich bekam ohnehin keinen Bissen runter, weil ich so traurig war, und mitten in die Stille hinein sagte diese alte Frau: „Wisst ihr was: Wenn ich sterbe, könnt ihr mich auf den Bauch legen und alle mal am Arsch lecken.“

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