Logo weiterlesen.de
Fantasy Sammelband 6 Romane - Das Schiff der Ischtar und andere Abenteuer

Fantasy Sammelband 6 Romane - Das Schiff der Ischtar und andere Abenteuer

Abraham Merritt

Published by Cassiopeiapress/Alfredbooks, 2018.

Inhaltsverzeichnis

Title Page

Fantasy Sammelband

Copyright

Copyright

Vorwort

1. DER BLOCK AUS BABYLON

2. DAS ERSTE ABENTEUER

3. ZARPANITS SCHULD

4. BIN ICH NICHT EIN WEIB?

5. RUDERSKLAVE

6. UNTER ZACHELS PEITSCHE

7. DIE KETTEN BRECHEN

8. SHARANES ÜBERWÄLTIGUNG

9. DER SCHWARZE PRIESTER SCHLÄGT ZU

Der König der zwei Tode

Copyright

Vorwort

Was bisher geschah

1. ZURÜCK AUF DEM SCHIFF

2. DIE INSEL DER ZAUBERER

3. DER KÖNIG DER ZWEI TODE

4. „ISCHTAR! ZEIGE DEIN ANTLITZ!“

5. DIE ARGLIST DES SCHWARZEN PRIESTERS

6. SHARANES ERWACHEN

7. HINAUS AUF DIE SEE

8. DIE LETZTE SCHLACHT DES SCHIFFES

9. DAS ZERBROCHENE SPIELZEUG

Königin im Schattenreich

Copyright

Vorwort

BUCH I:

1. GERÄUSCHE IN DER NACHT

2. DER KRAKENRING

3. DAS KHALK’RU RITUAL

4. KHALK’RUS TENTAKEL

BUCH II:

5. DAS LUFTBILD

6. DAS SCHATTENLAND

7. DAS KLEINE VOLK

8. EVALIE

BUCH III:

9. IM FATA MORGANA-LAND

10. KÖNNTE MAN NUR SEIN GEHIRN VOLL NUTZEN!

11. DIE TROMMELN DER RRRLLYA

12. AUF DER NANSURBRÜCKE

Die Höhle des Kraken

Copyright

Vorwort

Zum Inhalt des vorangegangenen Teils

BUCH I:

1. KARAK

2. IN DER SCHWARZEN ZITADELLE

3. DER GEISTERSEE

4. LURS KÜSSE

BUCH II:

5. PRÜFUNG DURCH KHALK’RU

6. LURS WÖLFE

7. DIE EROBERUNG SIRKS

8. »TSANTAWU – LEB WOHL!«

BUCH III:

9. RÜCKKEHR NACH KARAK

10. KHALK’RUS TOR

11. IN KHALK’RUS TEMPEL

Die Schlangenmutter

Copyright

1. SUARRA

2. DIE UNSICHTBAREN BEOBACHTER

3. DAS WEISSE LAMA

––––––––4. DAS FLIEHENDE GESCHÖPF

5. DIE ELFENHÖRNER

6. DAS GESICHT IM ABGRUND

7. DIE BEWACHTE GRENZE

8. DIE ECHSENMENSCHEN

9. IN HUONS BAU

10. YU-ATLANCHIS GESETZLOSE

11. DAS VOLK OHNE TOD

12. DIE VERBORGENE ALTE STADT

13. DIE HÖHLE DER FROSCHFRAU

14. DER SCHATTEN DER ECHSENMASKE

15. „LEIH MIR DEINEN KÖRPER, GRAYDON!“

16. DIE HÖHLE MIT DEN BEMALTEN WÄNDEN

17. ÜBERFALL AUF HUONS BAU

18. DIE ARENA DER DINOSAURIER

19. DIE SCHLANGENMUTTER

20. DIE WEISHEIT DER SCHLANGENMUTTER

21. DIE HÖHLE DES VERLORENEN WISSENS

22. DAS FEST DER TRÄUMER

23. SUARRAS GEFANGENNAHME

24. BRAUT DER ECHSENMÄNNER

25. NIMIRS HALSBAND

26. RAGNARÖK IN YU-ATLANCHI

27. DER ABSCHIED DER SCHLANGENMUTTER

Flieh, Hexe, flieh!

Copyright

VORWORT

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

Sign up for Abraham Merritt's Mailing List

Further Reading: 2782 Seiten Fantasy Abenteuer - Die magische Bibliothek der Sucher

Also By Abraham Merritt

About the Publisher

image
image
image

Fantasy Sammelband

image

Dieses Buch enthält folgende Romane:

––––––––

image

ABRAHAM MERRITT: DAS Schiff der Ischtar

Abraham Merritt: Der König der zwei Tode

Abraham Merritt: Königin im Schattenreich

Abraham Merritt: Die Höhle des Kraken

Abraham Merritt: Die Schlangenmutter

Abraham Merritt: Flieh, Hexe, flieh!

In der großartigen Übersetzung von Lore Straßl.

Verbannt auf dem Schiff der Götter

Der Archäologe John Kenton, ein Mann unserer Tage, verfällt einem uralten Zauber und erreicht eine andere, längst vergangene Welt. Aus seiner eigenen Dimension herausgerissen, findet er sich plötzlich auf einem Schiff wieder, das die Götter dazu verdammt haben, für alle Ewigkeit die Ozeane einer fremden Welt zu befahren.

John Kenton wird Zeuge des Streites der Götter. Auf der Seite Ischtars nimmt er teil am ewigen Kampf zwischen der Göttin der Liebe und der Rache, und Nergal, dem Totengott.

image
image
image

Copyright

image

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

Originaltitel: THE SHIP OF ISHTAR - 1. Teil

Aus dem Amerikanischen von Lore Straßl

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

image
image
image

Vorwort

image

Ray Capeila, Fan und Autor (er verfasste eine Reihe von Storys, die in Robert E. Howards Hyborischem Zeitalter spielen; sein Held Arquel ist im Gegensatz zu Howards Conan ein umherziehender Schauspieler und Akrobat) schrieb über Merritt:

„Merritt war ein Wortmaler, einer, dem es auf Beschreibung und Detail ankam, um seinen Erzählungen Schönheit und Leben zu geben; darunter litt jedoch nie die Handlung. Die Aktion war mitreißend, seine Schlachten und Kämpfe mochten auch den eingeschworensten Howard-Fan zufriedenstellen. Und er bediente sich seiner Ideen mit Verstand. Wo Burroughs und Kline ihre Konzepte endlos breittraten, beschränkte sich Merritt auf das Wesentliche – gewöhnlich für einen Roman oder eine einleitende Novelle, der dann ein Roman folgte. Der Merritt-Fan träumt unweigerlich von weiteren Abenteuern Kentons mit Ischtars geheimnisvollem Schiff, denn dieser Roman lässt ihn nicht so schnell wieder los.“

The Ship of Ishtar erschien 1924 in 6 Fortsetzungen im ARGOSY-ALL-STORY-Magazin, einem wöchentlich erscheinenden Abenteuer-Magazin, das seit Anfang der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts existierte und eines der erfolgreichsten Magazine seiner Art war. Der Leserbeifall war außerordentlich. Merritt war zu dem Zeitpunkt kein Neuling mehr. Neben mehreren Storys waren bereits drei seiner ausgezeichneten Romane erschienen. The Moon Pool, The Metal Monster und The Face in the Abyss. Merritt schrieb The Ship of Ishtar ursprünglich als Novelle. Die Herausgeber legten ihm jedoch nahe, dieses phantastische Thema in Romanlänge auszuarbeiten. Es fiel Merritt nicht leicht. Er schrieb mehrere der Schlusskapitel zuerst und füllte nach und nach den Mittelteil auf.

Was so hart geboren wurde, brachte schließlich einen überwältigenden Erfolg. 14 Jahre nach dem Erscheinen, 1938, ermittelten die Herausgeber des Magazins an Hand einer Leserumfrage die beliebteste Story, die je in den Seiten von ARGOSY erschienen war.

In die engere Wahl kamen viele bekannte Autoren, darunter Edgar Rice Burroughs, der Schöpfer Tarzans, James Branch Cabell, Autor von Jürgen, Johnston McCulley, Schöpfer Zorros, Erle Stanley Gardner, Autor der Perry-Mason-Krimis, Gaston Leroux, bekannt durch sein Phantom aus der Oper, Westernautor Max Brand und andere ähnlicher Prominenz.

Zur beliebtesten Erzählung von allen wurde jedoch A. Merritts The Ship of Ishtar gewählt. Der Roman wurde in ARGOSY wiederum in 6 Folgen nachgedruckt. Ein weiterer Magazinnachdruck erschien im März 1948 in FANTASTIC NOVELS mit fünf Illustrationen von Virgil Finlay, einem der beliebtesten Pulp-Illustratoren. Eine ganze Reihe von Merritt-Romanen wurden in diesen Jahren nachgedruckt. Es gab sogar ein eigenes Magazin, A. MERRITTS’S FANTASY MAGAZINE, von dem 1949 und 1950 fünf Ausgaben erschienen. Neben Merritts eigenen Romanen enthielt das Magazin Fantasy Storys in der Art, wie sie Merritt geschrieben hatte.

Der Borden Verlag in Los Angeles gab 1949 eine Merritt-Gedenkausgabe heraus, eine Buchausgabe von The Ship of Ishtar mit fünf neuen, wesentlich verfeinerten Illustrationen Virgil Finlays. Dieses Buch ist ein sehr schönes Sammlerstück.

Merritt wurde 1884 in Beverley, New Jersey, geboren. Er wollte Jurist werden, nahm jedoch mit 19 aus finanziellen Erwägungen eine Anstellung als Reporter beim Philadelphia Inquirer an, war sehr erfolgreich und kam nicht mehr vom Schreiben los. 1912 ging er nach New York, um eine Stelle beim American Weekly anzunehmen, dessen Herausgeber er in späteren Jahren wurde und bis zu seinem Tod im August 1943 blieb. Bekannt wurde der Autor vor allem auch durch seinen unheimlichen Kriminalroman Seven Footprints to Satan, der sofort nach Erscheinen verfilmt wurde, und seinen spannenden Horror-Schocker Burn Witch Burn, der ebenfalls verfilmt wurde unter dem Titel The Devil Dolls, mit Lionel Barrymore in der Hauptrolle.

Burn Witch Burn erschien auch bereits in deutscher Sprache zweimal. Creep Shadow Creep aus dem Jahre 1934, eine Art Fortsetzung zu Burn Witch Burn, ist sein letzter Roman. In den verbleibenden neun Jahren seines Lebens schrieb Merritt keine Erzählungen mehr.

Ungewöhnliche Konzepte, faszinierende Ideen, dramatische Geschehnisse und ein poetischer Stil, der vor allem im vorliegenden Roman zu spüren ist, haben ihm den Titel eingebracht, den ihm in all den Jahren niemand wirklich streitig machen konnte: Abraham Merritt – Lord der Fantasy!

image
image
image

1. DER BLOCK AUS BABYLON

image

Verwirrt und eine Spur verstört blickte John Kenton auf den großen Block. Seltsam, dachte er, ja, wirklich seltsam, wie all seine innere Unruhe, seine unerklärliche Sehnsucht, seine Bedrückung, für die es eigentlich keinen Grund gab, sich darauf zu konzentrieren schien. Es war, als zöge der Block sie an – wie ein Magnet. Und lag nicht auch ein unheimliches Versprechen in dieser unbegreiflichen Anziehungskraft?

Er schüttelte den Kopf und griff erneut nach Forsyths Brief. Vor drei Tagen war diese Nachricht des alten Archäologen gekommen, dem Kentons Geld es ermöglicht hatte, dem Staub des einst so mächtigen Babylon lang verlorene Geheimnisse zu entreißen.

Wie gern hätte Kenton diese Expedition begleitet, mit welcher Begeisterung hatte er es geplant gehabt! Sein ganzes Leben hatte ihn die Vergangenheit gerufen und er hatte auf diesen Ruf gehört. Er war zu lang vergessenen Orten gewandert, wo vor fernen Zeiten die Städte großer Zivilisationen gestanden hatten. In all diesen Jahren war er an der Liebe vorbeigegangen. Die Romantik der Vergangenheit bedeutete ihm mehr. Als Gelehrter, Asket schon fast, hatte sein Herz keine Erfahrungen gesammelt, doch sein Geist dafür ein stolzes Wissen, das ihm den Respekt der Fachleute einbrachte.

Am Tag vor dem Aufbruch der Expedition war Amerika in den Krieg eingetreten. Kenton hatte darauf bestanden, dass Forsyth ohne ihn auf die Reise ging. Er selbst nahm an einem Offizierslehrgang teil und war nach kurzer Ausbildung an die Front versetzt worden. In Belleau hatte eine Verwundung den Krieg für ihn beendet und man schickte ihn heim. Von Alpdrücken gequält und voll Unruhe war er zurückgekehrt, und seine Lebenseinstellung, wie die aber tausend anderer, hatte sich völlig verändert. Die Welt, die er kannte, bot keinen Reiz mehr für ihn. Und die, in der er glücklich sein könnte, wusste er nicht zu finden, Er konnte nicht einmal sagen, wie sie sein müsste. Der Krieg hatte ihm die Gegenwart unter den Füßen weggerissen, schlimmer noch, er hatte ihm die Brücke zur Vergangenheit zerstört, über die seine Seele so oft und gern gewandert war.

Doch Forsyths Brief weckte etwas in ihm auf, das er bereits für tot gehalten hatte. Er beschwor einen Hauch jener so vertrauten Verbindung zwischen dem Damals und Jetzt herauf. Ein Echo vibrierte in ihm wie von einer fernen schwachen Stimme, die ihn rief, die seinem alten Ich zu erwachen befahl – zu erwachen und – sich in acht zu nehmen!

Und mit Staunen hatte er festgestellt, dass er voll Ungeduld auf jenes Ding wartete, das der Brief ankündigte.

Am Nachmittag hatte der Zoll ihn freigegeben – den Block aus Babylon. Allein und mit wachsender Neugier hatte er die Kiste geöffnet. Sorgsam in dichten Strohlagen verpackt, war der Steinblock unbeschädigt angekommen. Stein? Aber weshalb war er so merkwürdig leicht?

Wieder dachte er darüber nach, als er ihn betrachtete. Der hohe Spiegel am Ende des Zimmers gab seine nachdenkliche Miene, seine gebückte Haltung wieder. Schlank war er und hochgewachsen, das Gesicht dunkel, die Züge scharf geschnitten, ein wenig an einen Adler erinnernd mit der schmalen Hakennase und dem ein wenig spitzen und leicht gekerbten Kinn. Die nach unten gezogenen Mundwinkel und der Ausdruck der Augen verrieten seine Bitterkeit und Enttäuschung – die der Krieg ihm geprägt hatte.

Das war John Kenton vor seinem großen Abenteuer.

Noch einmal las er den Brief, den Forsyth ihm geschrieben hatte:

Ich schicke Ihnen den Block, denn er trägt eine Inschrift über Sargon von Akkad, eine der wenigen, die je über diesen König gefunden wurden. Es war mir nicht möglich, seinen Zweck zu ergründen. Ich dachte, er würde Sie interessieren und Ihnen die Langeweile während Ihrer Rekonvaleszenz vertreiben. Mit der Zeit, die Ihnen nun sicher in reichem Maß zur Verfügung steht, gelingt es Ihnen vielleicht, zu übersetzen, was mir aus Zeitmangel leider nicht möglich war.

In der Inschrift findet sich immer wieder der Name Ischtar, Muttergöttin, Göttin der Liebe und auch des Kampfes, des himmlischen Zorns, der Fruchtbarkeit, aber auch Rachegöttin. Gerade in dieser letzteren Eigenschaft wird sie hier erwähnt. Der Name Nabu, der babylonische Gott der Weisheit, erscheint ebenfalls sehr oft. Doch der Text ist so verstümmelt, dass, von einzelnen Worten abgesehen, die offenbar eine Warnung bedeuten sollen, die Hinweise auf ihn nicht entzifferbar sind. Auch der Name Nergal, Gott der assyrischen Unterwelt, ist des Öfteren zu finden. Wie bei Nabu ist es kaum möglich, den Text zu rekonstruieren – zumindest nicht in der kurzen Zeit, die mir zur Verfügung steht.

Noch andere Namen werden erwähnt: Zarpanit, zweifellos ein Frauenname, und Alusar, ein Männername. Im babylonischen Pantheon war Zarpanit oder Sarpanit die Frau des Gottes Bei Meredach und galt als niedrigere Erscheinungsform Ischtars. Aber ich glaube, die hier erwähnte Zarpanit war wirklich eine Frau, vielleicht eine Priesterin der Göttin. Da der Name Alusar ständig in Verbindung mit dem Namen Nergal vorkommt, kann man annehmen, dass er ein Priester dieses finsteren Gottes war.

Wir fanden den Block im Hügel Amran ibn Ali südlich des Quasr, des Palasts Nebukadnezars. Es gibt Hinweise, dass sich dort Esagila, die Zikkurat befunden hat, die als Heim der Götter in Babylon galt. Es dürfte dem Block große Bedeutung beigemessen worden sein, denn nur so wäre zu erklären, dass er bei der Vernichtung der Stadt durch Sanherib verschont blieb und dann später in den wiederaufgebauten Stufentempel gebracht wurde.

Kenton faltete den Brief zusammen und betrachtete den Block erneut. Er war ein Meter zwanzig lang, vielleicht sogar ein wenig länger, ein Meter zwanzig hoch, und etwa neunzig Zentimeter stark, und das verblasste Gelb verriet sein Alter, das ihn wie ein halb sichtbares Kleidungsstück umgab. Seine Oberflächen, die einmal glatt und glänzend wie Porzellan gewesen sein mussten, waren nun pockennarbig und zerkratzt, so dass die Inschrift nur teilweise zu erkennen war.

Er fuhr leicht mit der Hand darüber. Das Material gab ihm ein Rätsel auf. Es war weder Stein noch Ton; es war hart und feinkörnig und in dem bleichen Gelb glitzerten schillernde Pünktchen.

Kenton wandte seine Aufmerksamkeit nun der Inschrift zu. Es war eine archaische Keilschrift. Ja, hier waren die Namen Zarpanit und Alusar, die Zeichen für Ischtar, die Ruhmreiche, den Düsteren Nergal, den Blauen Nabu, Spender der Weisheit. Sie alle waren unzählige Male zu finden. Und überall, unübersehbar, das Zeichen der Warnung, immer mit dem Namen Nabu verbunden.

Seltsam, dachte er, wie rätselhaft die Inschrift war. Es schien ihm, als hinge ein Schleier zwischen ihr und ihm, als rühre jedes mal, wenn er der Lösung schon ganz nahe war, etwas an sein Gehirn und verwirrte seine Gedanken.

Mit einem mal wurde er sich eines Duftes bewusst, der sich verstohlen um ihn wand, der ihn sanft streichelte – wie verirrte Blumenseelen. Süß war dieser Duft und lockend und nie geahnt. Und er trug etwas mit sich, das den Rhythmus seines Lebens änderte und seinem so fremdartigen Pulsschlag anpasste. Er lehnte sich über den Block – die duftenden Schleier wirbelten um ihn, klammerten sich wie winzige Hände an ihn, flehentlich, sanft und doch drängend.

Sie flehten – um ihre Befreiung!

Er schüttelte die verrückten Gedanken ab und richtete sich auf. Der Duft war nichts weiter als Parfüm, das mit der Substanz des Blocks gemischt worden war und sich nun in dem warmen Raum entfaltete. Welchen Unsinn hatte er da nur mit offenen Augen zusammen geträumt? Unwirsch schlug er mit der Faust auf den Block.

Der Block erwiderte diesen Schlag.

Er murmelte. Das Murmeln schwoll an. Ein gedämpftes Klingen wie von einem Glockenspiel aus feiner Jade war herauszuhören. Dann erstarb das Murmeln, nur der helle Glockenklang blieb. Immer klarer wurde er, immer näher kam er aus endlosen Korridoren der Zeit.

Plötzlich übertönte ein scharfes Splittern ihn. Der Block spaltete sich und aus dem Spalt pulsierte ein Leuchten wie von rosigen Perlen. Welle um Welle von vibrierendem Duft strömte heraus, nicht länger sanft, nicht länger flehend.

Sieghaft! Triumphierend!

Etwas befand sich im Innern des Blocks. Etwas war dort verborgen – versteckt seit Sargon von Akkads Herrschaft vor sechstausend Jahren.

Kenton war schon dabei, seinem Butler zu läuten, da hielt er inne. Nein, er wollte dieses Erlebnis mit niemandem teilen.

Das Leuchten, das aus dem Block drang, war mehr als das eines Juwels. Es war die lebende Schönheit einer Göttin, die sich aus einem steinernen Sarkophag befreit.

Durften andere aufdecken, was im Innern verborgen lag? Durften andere außer ihm sehen, was bald frei sein würde?

Nein!

Er hastete aus dem Zimmer und eilte mit Werkzeug zurück, um freizulegen, was seit sechstausend Jahren im Block gefangen gewesen war.

Das Material des Blocks war ungewöhnlich hart. Es schien sich gegen ihn zu wehren. Mit Meißel und Bohrer löste er Stück um Stück der hartnäckigen Substanz entlang des Spalts, aus dem das rosige Leuchten drang.

Plötzlich erzitterte der Block wie ein lebendes Wesen. Wieder war das Klingen wie von einem jadenen Glockenspiel zu hören. Hell klang es, dann floh es zurück durch die Hallen der Zeit, bis es immer schwächer wurde. Und als es erstarb, zersprang der Block, wurde zu einer wirbelnden, sich langsam setzenden Wolke glitzernden Staubes.

Aus dieser Wolke drang der fremdartige Duft. Er sprang Kenton an, blieb an ihm haften. Noch einen weiteren Augenblick wirbelte die Wolke, ein Strudel funkelnden Dunstes, dann verschwand sie wie ein Vorhang, den eine Hand zurückzieht.

Auf dem Boden, wo sich der Block befunden hatte, stand – ein Schiff. Es war ein zauberhaftes Kunstwerk, ein Einmaster, wie die Dschinns aus Aladins Tagen ihn vielleicht für eine Elfenprinzessin geschaffen hätten, damit sie wundersame Ozeane damit überquere.

Es ragte aus zierlichen Wellen mit Schaumspitzen, die vollendet aus Türkis geschnitten und mit milchigem Kristall gekrönt waren. Die Schiffshülle selbst, etwa einen Meter von Bug bis Heck, war ebenfalls aus Kristall, cremefarbig und schwach leuchtend. Der Bug war wie ein schlanker zurückgebogener Krummsäbel. Seine Spitze ragte über das Vorkastell, dessen den Wellen zugewandte Seiten, wie bei Galeeren, Backbord-und Steuerbord-Bug darstellten. Wo die Schiffshülle sich hob, um dieses Deckhaus zu bilden, erwärmte ein rosiger Ton das milchige Kristall und verzauberte das Kastell zu einem aus innen heraus leuchtenden Juwel.

In der Mitte des Schiffes und etwa von einem Drittel der Gesamtlänge befand sich eine Versenkung. Zu ihrem, durch ein Geländer geschütztem Rand, fiel ein Deck aus Elfenbein, so fahl wie das Gelb des aufgehenden Mondes in einer Frühlingsnacht, schräg ab. Das Deck dagegen, das vom Heck herabführte, war schwarzer Onyx. Auch dort ragte ein Kastell empor, kleiner als das am Bug, gedrungener und ebenholzfarbig. Beide Decks verliefen zu beiden Seiten der Versenkung zu zwei breiten Terrassen. In der genauen Mitte des Schiffes trafen Elfenbein- und Onyxdeck aufeinander, ohne jedoch ineinander zu verlaufen. Sie endeten abrupt, wie feindselig, Kante an Kante.

Aus der Versenkung, dem Ruderdeck, erhob sich ein hoher Mast, aus einem riesigen Smaragd geschnitten. Von der Rahe breitete sich ein Segel in pfauenfarbigem Schillern aus, aufgebläht wie von unspürbarem Wind. Es schimmerte wie zu Opal verwandelte Seide. Vom Mast und den Rahnocken hingen Taue aus geflochtenem Gold.

An jeder Seite zog sich eine Bankreihe mit sieben großen Rudern entlang, deren scharlachfarbene Blätter tief in das schaumgekrönte Türkis der Wellen tauchten. Am Bug des Schiffes hingen goldene Ketten, und am Heck Ketten schwarz wie Teer.

Und das Juwelenschiff war bemannt! Weshalb, fragte sich Kenton, hatte er die winzigen Figuren nicht schon früher bemerkt? Es war, als wären sie eben erst auf dem Deck erschienen. Eine war offenbar gerade dabei, aus der Tür des rosigen Vorkastells zu treten. Sie hatte zum Schließen den Arm ausgestreckt. Es war eine Frau. Noch drei weitere Frauenfiguren sah er auf dem Elfenbeindeck, ihre Köpfe waren gebeugt, zwei zupften an Harfen, die dritte hielt eine Doppelflöte an die Lippen. Winzige Figuren waren es, nicht mehr als fünf Zentimeter hoch.

Merkwürdig, dass er weder ihre Gesichter noch Einzelheiten ihrer Kleidung deutlich erkennen konnte. Sie wirkten verschwommen, als verhülle ein Schleier sie, ähnlich jenem, der die Keilschrift auf dem Block bedeckt hatte. Doch vielleicht stimmte etwas mit seinen Augen nicht? Das Schiff aus dem Block zu befreien, war nicht ganz einfach gewesen. Die Arbeit hatte seiner ungeteilten Aufmerksamkeit bedurft. Wahrscheinlich waren seine Augen nur müde. Oder vielleicht blendete ihn das perlrosige Leuchten des Bugs?

Kenton blickte hinunter auf das verschleierte Heck. Seine Unsicherheit und Verwirrung vertieften sich. Das schwarze Deck war leer gewesen – das könnte er beschwören. Aber jetzt drängten sich vier winzige Figuren am Geländer zum Ruderdeck zusammen.

Er versuchte mit aller Kraft, eine von ihnen hochzuheben. Er konnte es nicht. Sie schien ein Teil des Decks zu sein. Methodisch zog er an jeder der kleinen Gestalten, doch mit demselben Ergebnis. Er starrte in die Versenkung. Auch dort waren Spielzeugfiguren – Ruderer. Er zählte zwei an jedem Ruder, eine stehend, eine sitzend, achtundzwanzig insgesamt, und jede in Ketten.

Eine Einzelheit an dem zum Kastell zusammenlaufenden Bug fiel ihm plötzlich auf. Es war wirklich erstaunlich, dachte er, wie er so viele Details hatte übersehen können – wie diese kleinen Figuren geradezu urplötzlich sichtbar geworden waren!

Etwa in halber Höhe des Deckhauses befand sich ein Sims – oder war es ein Balkon? Zwergbäumchen mit Hunderten von winzigen Juwelenblüten standen darauf. Vögel nisteten hier, und Dutzende von ihnen saßen auf den Zweigen. Es waren weiße Vögel mit Karneolschnäbeln, korallenroten Füßen und glitzernden Rubinaugen.

Was waren sie? Aber natürlich! Tauben!

Die Tauben der Göttin Ischtar!

Und das, das ...

Das war das Schiff Ischtars!

Er blinzelte verwirrt. Wie war er nur auf diesen Gedanken gekommen? Was wusste er von Ischtars Schiff?

Die winzigen Figuren verschwammen immer mehr. Gewiss lag es nur daran, dass er seine Augen überanstrengt hatte. Er würde sich eine Weile hinlegen und ihnen Ruhe gönnen. Er schritt zur Tür, vergewisserte sich, dass sie verschlossen war, und drehte sich um.

Die ganze Zimmerseite jenseits des Juwelenschiffs war hinter wirbelnden silbernen Dunstschleiern verborgen, die immer dichter wurden und nach dem geheimnisvollen Schiff tasteten.

Und als der Nebel es berührte, es einhüllte, begann es zu schaukeln und zu wachsen!

Er bemerkte eine Bewegung auf den Decks. Die Spielzeugfiguren – rührten sich! Die Ruderer holten aus, schnitten durch das Wasser!

Die schimmernde Schiffshülle schoss hoch, trug die eifrigen Gestalten weit über sein Blickfeld hinaus.

Ein Schrillen und Kreischen wie von aufeinanderprallenden Armeen von Stürmen erhob sich.

Einen flüchtigen Moment sah Kenton die Umrisse der Wolkenkratzer New Yorks unter einem weiß-schäumenden Meer versinken, sah, wie die haushohen Wogen auf ihn zuströmten.

Doch ganz deutlich hörte er durch den tobenden Sturm hindurch das Schlagen einer Uhr – einmal – zweimal. Es war seine Wanduhr, deren Zeiger auf sechs standen. Der dritte Schlag begann, erstarb wie abgewürgt.

Der feste Boden unter seinen Füßen schmolz. Einen Herzschlag lang hing er im Nichts. Vor ihm erhob sich der Bug des Schiffes – und sank in die Tiefe eines Wellentals.

Das Heulen und Kreischen und Schrillen des Sturms, den er hörte, doch nicht fühlte, verstummte plötzlich.

Der sichelförmige Bug schoss nur ein paar Meter unter ihm dahin. Das elfenbeinfarbige Deck schwang von den Wellen getragen in die Höhe.

Kenton fiel.

Das Deck kam ihm entgegen. Er spürte einen betäubenden Aufprall, einen brennenden Schmerz an der Schläfe. Zersplitterte Blitze maserten eine Dunkelheit, die Schiff und See verhüllte.

Und dann gab es nur noch Schwärze für John Kenton.

image
image
image

2. DAS ERSTE ABENTEUER

image

Kenton lauschte einem sanften, unaufhörlichen Wispern, wie das Brechen von kleinen Wellen. Das Geräusch war überall um ihn, wurde immer eindringlicher. Licht drang durch seine geschlossenen Lider. Er spürte eine Bewegung unter sich, ein weiches Schaukeln. Er öffnete die Augen.

Er befand sich auf einem Schiff, auf einem schmalen Deck, und lag mit dem Kopf gegen die Reling. Vor ihm hob sich ein Mast aus dem Unterdeck. Dort plagten sich Männer an den Rudern. Der Mast schien aus Holz, doch mit einem durchscheinenden smaragdgrünen Lack überzogen. Er weckte eine vage Erinnerung.

Wo hatte er einen solchen Mast schon gesehen?

Seine Augen wanderten an ihm empor. Er sah ein breites Segel, ein Segel aus opalschimmernder Seide, das sich unter einer duftschweren Brise aufblähte. Der tiefhängende Himmel darüber war wie ein weicher Silberschleier.

Kenton hörte eine sanfte, süße Mädchenstimme. Verwirrt setzte er sich auf. Zu seiner Rechten, unter der gebogenen Spitze des halbmondförmigen Bugs, stand ein rosig schimmerndes Deckhaus mit einem Balkon herum. Kleine Bäume blühten auf diesem Balkon und Vögel flatterten zwischen den Zweigen.

Plötzlich erinnerte er sich des Blocks aus Babylon – an das wundersame Schiff, das er daraus befreit hatte. Und mit dieser Erinnerung kam zögernd das Begreifen.

Er befand sich auf diesem Schiff – auf Ischtars Schiff!

Wieder erklang die süße Mädchenstimme. Eine tiefere, wie vibrierende Goldsaiten, antwortete ihr mit befehlendem Ton. Sein Blick folgte dem goldenen Klang, streifte drei kniende Frauen und blieb an einem Gesicht hängen.

Nie zuvor hatte er eine solche Frau gesehen!

Hochgewachsen war sie, schlank und geschmeidig wie eine Flamme. Ihre großen Augen unter geraden schwarzen Brauen schimmerten grün wie tropische Küstengewässer und tiefe Waldtäler. Ihr Gesicht war schmal und fein gezeichnet. Ihr roter Mund verriet eine schlummernde Sinnlichkeit und die sanfte Halsgrube schien wie ein für Küsse bestimmter Kelch, leer noch, doch voller Erwartung.

Über den Brauen hielt ein silbernes Diadem in Form eines Halbmonds die Fülle rot goldenen Haars über der Stirn zurück und ließ es, das liebliche Gesicht einrahmend, in seidigen Locken bis fast zu den Sandalen wallen. Blasse Perlen und rosige Edelsteine glitzerten wie Tautropfen in der rot goldenen Pracht.

War sie Frau oder Mädchen? Kenton konnte es nicht sagen. Jung schien sie wie der Frühling – doch weise wie der Herbst; eine Primavera Botticellis, doch genauso eine Mona Lisa. Mochte ihr Körper jungfräulich sein, ihre Seele war es sicher nicht.

Er folgte ihrem ironischen Blick zur Tür des schwarzen Kastells, wo ein Mann stand. Um einen Kopf war er größer noch als Kenton, mit kräftiger Statur. Seine blassgrauen Augen hingen unbewegt an der Frau und schienen drohend, boshaft. Sein bartloses Gesicht war bleich, grob geschnitten und grausam. Trotz seiner Kompaktheit erinnerte er in seiner Haltung an eine Schlange, und seine Augen verrieten List und Gnadenlosigkeit. Sein wuchtiger abgeflachter Schädel war glattrasiert, seine auffallend große Nase wirkte wie ein Geierschnabel. Eine schwarze Robe verhüllte ihn bis zu den Füßen.

Hinter ihm waren noch drei Männer mit kahlgeschorenen Köpfen zu sehen, zwei von ihnen so unbewegt und drohend wie er. Beide hielten ein muschelförmiges Bronzehorn. Am dritten blieben Kentons Augen fasziniert hängen. Sein spitzes Kinn ruhte auf einer hohen Trommel, deren bauchige Seiten wie die Haut eines Pythons glitzerten. Mit nacktem, mächtigem Oberkörper kauerte er darüber, die Arme, lang wie die eines Affen, um sie geschlungen, mit den Spitzen der spinnen gleichen Finger auf dem Schlagfell.

Aber es war das Gesicht, dem Kenton sich nicht entziehen konnte. Es wirkte spöttisch, doch in keiner Weise bösartig wie das der anderen. Ein breiter Schlitz von einem Mund, wie der eines Frosches, verriet Humor. Seine verschmitzt blinzelnden, tiefliegenden schwarzen Augen richteten sich mit offener Bewunderung auf die Frau. Schwarze Ringe baumelten von den Ohren.

Unwillkürlich empfand Kenton ein Gefühl der Verbundenheit für diese Personifizierung des Satyrs.

*

image

DIE FRAU KAM MIT SCHNELLEN Schritten auf Kenton zu. Als sie stehenblieb, hätte sie nur die Hand auszustrecken brauchen, um ihn berühren zu können. Aber sie schien ihn nicht einmal zu sehen! Dass niemand sich um ihn kümmerte, dass niemand seine Anwesenheit zu bemerken schien, machte dieses ohnehin so seltsame Abenteuer um so unwirklicher.

„He, Klaneth!“, rief sie. „He – du aussätziger Wurm! Ich hörte Ischtars Stimme. Sie ist auf dem Weg hierher! Bist du bereit, ihr die gebührende Ehre zu erweisen, Wurm Nergals?“

Unverkennbarer Hass, wie eine Woge aus der Hölle, zog über das bleiche Gesicht.

„Das Haus der Göttin fließt über vor Licht, Sharane“, erwiderte der Mann mit düsterer Stimme und es war, als hinge ein Modergestank ihr nach. „Aber verrate mir, Tempelsklavin, vertieft der Schatten meines gefürchteten Gottes sich nicht hinter mir?“

Nun bemerkte Kenton, dass aus dem rosigen Kastell ein pulsierendes Licht drang, immer stärker, wie der aufgehende Mond in einer gewaltigen Perle; während aus dem schwarzen Deckhaus sich Finsternis zusammenballte.

„Ja!“, höhnte die Frau. „Die Göttin kommt. Und dein Dunkler Herr kann es nicht erwarten, ihr entgegenzueilen! Aber weshalb sollte dich das erfreuen? Denn sie gibt mir reine Kraft. Doch du, Klaneth, bist nichts als ein Abwasserkanal, durch den der Schmutz sickert, den du als Nergal anbetest!“

Bei diesen Worten sprangen die beiden Priester mit den Hörnern vor und verwünschten die Frau mit hässlichen Flüchen. Das grausame Gesicht Klaneths wurde noch fahler, noch hassverzerrter. Er hob die geballten Hände und zischte vor Wut.

Ein plötzlicher Windstoß hüllte das Schiff ein. Die Tauben flogen schreiend empor und umflatterten die Frau. Drei schnelle Schritte machte sie rückwärts.

Die Affenarme des froschlippigen Trommlers lösten sich und hielten über der Trommel inne. Die Schwärze vertiefte sich, verbarg ihn und das ganze Heck.

Kenton spürte, wie gewaltige Kräfte sich des Schiffes bemächtigten. Er drückte sich gegen die Reling. Ein heller Trompetenschall klang herausfordernd vom Elfenbeindeck. Kenton drehte den Kopf. Die Härchen in seinem Nacken stellten sich auf.

Die Frau war verschwunden. An ihrer Stelle lehnte eine riesige mondförmige Scheibe gegen das perlfarbige Kastell, aber sie war nicht weiß und kalt wie der Himmelsbegleiter, sondern pulsierte mit einem rosigen Leuchten, das sich über das Schiff breitete, und dessen Schein die Frau sanft umwogte. Die Lider der wunderschönen Augen waren geschlossen. Und doch glitzerten Pupillen hindurch. Ganz deutlich sah er sie. Augen hart wie Jade, weißglühend vor Grimm, funkelten aus den geschlossenen Lidern.

Das silberne Halbmonddiadem der jungen Frau strahlte wie der Mond selbst und die volle Pracht des rotgoldenen Haares hatte ein eigenes Leben angenommen, peitschte um sich, wirbelte wie seidene Fäden um das feine Gesicht. Rundherum flogen die Tauben und kreischten schrill.

Aus der Dunkelheit dröhnte der Donner der Schlangentrommel.

„Ai-ai-i!“ Die mondgekrönte Gestalt stieß diesen Schrei wie das Jubilieren des Frühlingswindes hervor, der über die blütengeschmückten Wipfel Tausender von Bäumen streift.

Ein neues Dröhnen der Trommel beantwortete ihn, düster und drohend. Aus der Schwärze starrte ein halb verschleiertes, körperloses Gesicht, schwamm in einem tiefen Schatten. Es war Klaneths Gesicht, und doch genau so wenig sein eigenes, wie das herausfordernde jenes Sharanes war. Die blassen Augen waren nun pupillenlose Teiche weißer Höllenflammen. Das zeitlose, absolut Böse lauerte in ihnen. Einen Herzschlag nur war dieses von der Dunkelheit umrahmte Gesicht zu sehen. Dann senkte der Schatten sich darüber und verbarg es.

Jetzt bemerkte Kenton, dass dieser Schatten wie ein Vorhang genau an der Linie hing, wo das helle mit dem schwarzen Deck zusammenstieß und dass er auf ersterem lag, kaum einen Meter von der Trennlinie entfernt. Er sah auch, dass das Leuchten der Scheibe gegen diesen Vorhang prallte und einen gewaltigen Kreis wie aus einem rosigen Spinngewebe darauf beschrieb. Gegen diesen Kreis drückte der Schatten, versuchte durchzubrechen.

Plötzlich wurde das Dröhnen der Schlangentrommel auf dem schwarzen Deck noch lauter, und die Muschelhörner schrillten. Und dieses Donnern und Schrillen verschmolz – wurde zum Puls Abbadons, der Hölle der Verdammten, zum Pochen der Stimme Abyssus. Und es nährte den Schatten, stärkte ihn, war der Rhythmus seines Willens. Schwärzer und dichter warf er sich jetzt gegen das Lichtgewebe.

Von Sharanes zusammengekauerten Frauen erhob sich ein Sturm von Harfenklängen wie winzige scharfe Pfeile, und mit ihnen das Pfeifen der Doppelflöte wie schnelle Speere. Pfeile und Speere aus Klang schnitten durch das Donnern der Trommel und das Schrillen der Hörner, schwächten es und drängten es zurück.

Eine Bewegung wurde im Schatten deutlich. Er brodelte, spie seine Brut aus!

Schwarze Schatten schwärmten über die leuchtende Scheibe. Sie schienen wie riesige gesichtslose Insektenlarven. Mit schwarzen Klauen versuchten sie das feine Gewebe zu zerreißen, sich mit grässlichen Tentakeln und ledrigen Flügeln hin durchzukämpfen.

Das Gewebe gab nach!

Sein Rand hielt, aber langsam, unsäglich langsam wurde es in der Mitte zurückgeschoben, bis die Scheibe wie eine hohle Kugelhälfte erschien. In dieser Halbkugel krochen und schlugen die monströsen Formen zu.

Messinghörner und Schlangentrommel stießen ihren Triumph hinaus.

Wieder erschallte der helle Trompetenklang. Aus der Scheibe am Vorkastell strömte ein unerträgliches Leuchten. Der Rand des rosigen Gewebes schoss vorwärts und umschloss die schwarze Brut. Wie Fische im Netz wand sie sich darin.

Und wie ein von einer kräftigen Hand gehobenes Netz schwang das zusammengezogene Gewebe mit seiner höllischen Beute weit über das Schiff hinweg. Es leuchtete nicht weniger stark als die riesige Scheibe, deren Strahlen jetzt die Dunkelheit des Hecks durchdrangen und sie vertrieben. Die Gebilde der Schwärze zuckten, schrumpften, lösten sich auf. Mit einem schrillen, kläglichen Wimmern verschwanden sie.

Das kugelförmige Netz, das das leuchtende Gewebe gewesen war, öffnete sich, schüttelte eine Wolke schwarzen Staubes aus. Dann schwebte es zu der Scheibe zurück und verschmolz damit.

Urplötzlich verschwand die Scheibe.

Wie weggewischt war auch die Schwärze, die Klaneths Deck eingehüllt hatte.

Hoch über dem Schiff kreisten Ischtars Tauben, gurrten und tanzten den Siegesreigen.

Eine Hand berührte Kentons Schulter. Er blickte hoch – geradewegs in die verschleierten Augen der Frau mit dem Namen Sharane. Keine Göttin war sie mehr, nur noch eine liebliche, bezaubernde Frau. Verwirrung und Unglauben las er in diesen Augen. Er spürte ihre Wärme, nahm ihren berückenden Duft auf.

Kenton sprang auf die Füße. Zu spät erinnerte er sich des Schlages gegen seinen Kopf, als er auf dem Schiff aufgeprallt war. Ein betäubender Schmerz schoss durch seinen Schädel. Das Deck wirbelte um ihn. Er versuchte, das Schwindelgefühl zu überwinden. Er konnte es nicht. Das Schiff drehte sich unter seinen Füßen, und danach, in immer weiteren Kreisen, auch die Türkise See und der silberne Horizont.

Nun formten sie einen Strudel, der ihn an sich zog und verschluckte. Alles verschwamm vor seinen Augen. Wieder hörte er das Schrillen und Kreischen eines schrecklichen Sturms. Hilflos ergab er sich den tobenden Mächten.

Der Wind erstarb. Er stand auf festem Boden. Drei klare Glockenschläge vernahm er. Er öffnete die fest zusammengepressten Lider.

Kenton befand sich in seinem Zimmer.

Am Fenster glitzerte das Juwelenschiff.

Die Glockenschläge, die er gehört hatte, waren die seiner Uhr, die die sechste Stunde anzeigte. Achtzehn Uhr! Der letzte Laut seiner vertrauten Welt, ehe die geheimnisvolle See sie unter ihm davon geschwemmt hatte, war der dritte Schlag der gleichen Stunde gewesen. Alles, was er gesehen hatte, sein ganzes Abenteuer, musste demnach während eines halben Glockenschlags geschehen sein!

Abenteuer? War es wirklich eines gewesen? Oder nur ein Traum?

Er hob die Hand und zuckte zusammen, als sie einen schmerzenden Bluterguss an seiner rechten Schläfe streifte. Der Aufprall war jedenfalls kein Traum gewesen. Er stolperte zum Schiff. Ungläubig starrte er es an. Dann zog er nacheinander an den winzigen Figuren darauf. Unbewegbar, hart wie Edelstein, und wie ein Teil des Decks selbst, schien jede von ihnen wie zuvor zu sein.

Und doch ... In diesem halben Glockenschlag hatten die kleinen Spielzeuggestalten sich bewegt, und neue waren dazugekommen.

Denn jetzt stand der langarmige Trommler aufrecht auf dem schwarzen Deck und spähte auf die Plattform rechts des Mastes, wohin eine Hand deutete, während die andere auf der Schulter eines Miniaturkriegers mit goldenem Bart und in glitzerndem Kettenhemd lag.

Auch stand nicht mehr die Frau an der Tür des rosigen Kastells, sondern fünf schlanke Mädchen mit Wurfspeeren in der Hand. Die Frau bückte sich dagegen an der Steuerbordreling, als beuge sie sich über jemanden, der dort lag – genau an der Stelle, wo er gelegen hatte, als die Schlacht zwischen der leuchtenden Scheibe und dem Kern der Schwärze tobte.

Wieder berührte er jede einzelne Figur. Um die Gestalt der Frau verharrten seine Finger ein wenig länger, streichelten sie. Doch kein Leben war in ihr, keine Wärme, kein Pulsschlag. Hart und kalt und von vollendeter Form wie skulptierter Edelstein war sie.

Nur Spielzeugfiguren?

Aber weshalb quoll dann unerklärliche Freude in ihm auf, während seine Fingerspitzen auf dem Halbmondschmuck ihrer Stirn lag? Wie eine brausende Woge tobte neues Leben durch seine Adern. Was war es, das ihm zuschrie, seine Verbindung zu diesem Schiff Ischtars habe eben erst begonnen?

Unwillig zog er die Hand zurück, nahm einen seidenen Wandbehang und warf ihn über das glitzernde Schiff, ehe er sich in das Badezimmer begab, um den Bluterguss an seiner Schläfe im Spiegel zu betrachten. Er war zwar schmerzhaft, doch nicht gefährlich. Er könnte ohne weiteres auf den Boden seines Zimmers gefallen sein, als das starke Parfüm des Schiffes ihn übermannte, dachte er.

Aber er wusste, dass es nicht so war.

Kalte Umschläge ließen den Bluterguss innerhalb einer Stunde fast verschwinden. Um sieben Uhr dreißig aß er zu Abend. Er speiste gut und reichlich. Wohin immer er sich auch begeben würde, es konnte nichts schaden, frisch gestärkt zu sein. Denn er zweifelte keinen Augenblick daran, dass das Schiff ihn zurückholen würde.

„Ich brauche Sie heute Abend nicht mehr, Jevins“, erklärte er. „Ich arbeite an etwas ungemein Wichtigem. Falls jemand nach mir fragt, ich bin nicht zu Hause. Ich werde die Tür abschließen und möchte auf gar keinen Fall gestört werden.“

Jevins, der Butler noch aus seines Vaters Tagen, versicherte ihm, er würde niemanden zu ihm vorlassen.

„Es ist wirklich äußerst wichtig.“ Kenton legte die Hand auf die Schulter des Alten. „Ich glaube – ich vermute – es wird das wichtigste Werk meines Lebens sein“, schloss er. Er wusste nicht, wie wahr er gesprochen hatte.

Er kehrte in sein Schlafzimmer zurück. Kritisch betrachtete er sich im Spiegel. Für eine Reise auf dem Schiff war er nicht gerade passend gekleidet. Er zog sich aus und wühlte in einer Truhe mit Kostümen herum, die er vor mehreren Jahren aus Persien mitgebracht hatte. Eine seidene Weste und eine bestickte Tunika fanden sein Gefallen, genau wie die Pluderhose mit einem breiten Gürtel aus blauem Geflecht. Schließlich schlüpfte er noch in ein paar türkische Pantoffel.

Sein Blick fiel auf einen uralten Umhang, den er in Mosul erstanden hatte. Er war wunderschön. Jahrhunderte hatten sein ursprünglich tiefes Blau ein wenig gebleicht, ein Blau, durch das sich wie kabbalistische Zeichen silberne Schlangen wanden. Er warf ihn sich über die Schulter und staunte über sein eigenes Spiegelbild. Konnte dieser junge abenteuerlustige Sultan, dessen scharf geschnittenes dunkles Gesicht ihm entgegen starrte, wirklich er sein? Das Blau und Silber des Umhangs ließen ihn noch größer als seine ein Meter achtzig erscheinen. Außerdem haftete ihm plötzlich ein Ausdruck von Macht an. Merkwürdig, wie verändert sein Gesicht, seine Haltung wirkten.

Konnte der Umhang dafür verantwortlich sein?

Das erinnerte ihn, dass noch etwas fehlte – die eigenartige Klinge, die in den Umhang gehüllt war, als er ihn kaufte. Er fand sie, wog sie in seiner Hand.

Es war wahrhaftig eine seltsame Waffe! Silberschlangen wanden sich um den Griff, der in einem blauen, rundgeschliffenen Edelstein auslief. Es war kein Saphir, überhaupt kein Stein, den er kannte. Aus dem Griff ragte ein starker Bronzestab, etwa zwanzig Zentimeter lang und drei im Durchmesser, der schließlich zu einer schmalen, rasiermesserscharfen Klinge abflachte, mit einer Länge von sechzig Zentimeter, und fünfzehn Zentimeter an ihrer breitesten Stelle, eine Klinge, die den Assagais der Zulus erstaunlich ähnelte. Er schob sie in den Gürtel und fühlte sich nun für seine neue Rolle richtig gekleidet.

Vorsichtig öffnete er die Schlafzimmertür und lauschte, ehe er über den Gang in das Zimmer mit dem Schiff huschte. Behutsam hob er den Wandbehang davon ab und bewunderte noch einmal andächtig die Schönheit dieses Kunstwerks. Erst dann schaltete er das Licht aus.

Als seine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnten, bemerkte er das schwache Schimmern, das das Schiff umgab. Wie ruhig es doch im Raum geworden war. Er füllte sich mit Stille wie ein Gefäß mit Wasser.

Doch nun durchbrach ein Geräusch die Stille, das sanfte Schlagen von ruhigen kleinen Wellen. Es wurde ihm bewusst, dass er die Augen geschlossen hatte. Mit aller Gewalt versuchte er, sie zu öffnen. Das Schlagen der Wellen klang näher.

Ihm gegenüber erhob sich dichter Dunst, ein kugelförmiger Silbernebel, der auf ihn zutrieb wie eine andere Welt.

Eine Welt, mit der diese, seine eigene zusammenstoßen würde?

Nein – eine Welt, mit der sie ineinanderlief.

In dem kurzen, flüchtigen Augenblick, als ihm dieser Gedanke durch den Kopf schoss, erkannte er ihn als die einzige Erklärung des Unerklärlichen.

Im Licht dieses Gedanken sah Kenton die Erdkugel, auf der er lebte, nicht als das, was sie schien, sondern als das, was sie war – eine ätherische Vibration zwischen den Intervallen in deren Rhythmen die Elektronen anderer ineinander verlaufender Welten pulsierten – Zeugen jener Urkraft, deren Vibrationen Materie in allen uns bekannten Formen sind – und solchen, die wir nicht kennen.

Er stellte sich diese Welten und seine eigene als eine Zusammenballung von Elektronen vor, von denen jedes in Wirklichkeit so weit voneinander entfernt ist, wie es die einzelnen Planeten sind, und diese wiederum von der Sonne. Er sah durch diese Schluchten des Raumes zwischen diesen Pünktchen Myriaden ähnlicher Zusammenballungen, die zu ungesehenen, unsichtbaren Welten gruppiert waren. Und jede Welt drehte sich und wirbelte um ihre Achse, ohne andere zu berühren oder von ihnen berührt zu werden, obwohl sie ineinander verschlungen waren.

Ineinandergreifende Welten, die auf einer niedrigen oder höheren Frequenz als unsere abgestimmt sind und in völliger Unwissenheit um die Existenz der anderen bestehen. Welten, die durch und um uns dahinziehen. Welten, die von anderen ebenso wenig registriert werden wie die Tausende von drahtlosen Nachrichten von einem Empfangsgerät, das nicht auf ihre Frequenz eingestellt ist.

Und auf einer dieser Welten segelte Ischtars Schiff.

Dieses Juwelengebilde auf dem Fensterbrett war nicht das Fahrzeug selbst. Es war der Schlüssel, der die Tür von Kentons Welt zu der des Schiffes öffnete; der Mechanismus, der ihn auf die Frequenzen jener anderen Welt einstimmte.

Schnell kam diese Erkenntnis; schnell floh sie.

*

image

DURCH DEN SILBERSCHLEIER trieb das Schiff herab zu ihm. Seine Ruder lagen still, sein Segel war nur leicht gebläht. Kleine blaue Wellen schäumten am sichelförmigen Bug. Das halbe Zimmer war bereits unter den heranbrausenden Wogen verschwunden. Der Teil, in dem er stand, schien mehrere Meter über der See. So tief war sie unter ihm, dass das Schiffsdeck sich in gleicher Höhe mit seinen Füßen befand.

Näher kam das Schiff. Weiter zog Kenton sich von den sanft wogenden Wellen zurück. Er wunderte sich, dass er diesmal weder das Rauschen des Windes noch das Heulen des Sturmes hörte. Nein, nichts war zu vernehmen außer dem leisen Flüstern der schaumgekrönten Wellen.

Nun drückte Kentons Rücken bereits gegen die Zimmerwand. Vor ihm erstreckte sich der Türkise Ozean, und das Schiff schien nicht weiter als zwei Meter von ihm entfernt.

Kenton sprang – auf das Schiff.

Jetzt brausten die Winde, der Sturm heulte um ihn, doch auch diesmal spürte er sie nicht.

Urplötzlich erstarben sie. Seine Füße berührten festen Boden. Keuchend öffnete er die Augen. Er stand auf dem Elfenbeindeck, unmittelbar gegenüber dem rosigen Kastell mit den blühenden Bäumen und den Schwärmen von Ischtars Tauben.

Zwischen ihm und der Deckhaustür stand ein Mädchen. Fast demütiges Staunen las er in ihren Augen – und Unglauben wie in den verschleierten Sharanes, als sie sich neben dem smaragdgrünen Mast über ihn gebeugt hatte.

Selbst durch die Verwirrung, die ihn noch erfüllte, erkannte er, wie liebreizend das Mädchen war. Ihr roter Mund stand offen wie der eines verwunderten Kindes. Ihr blauschwarzes Haar hing in weichen Löckchen über die weißen Schultern. Das fast durchsichtige Grün ihres seidigen Gewandes verriet eine voll erblühte Schönheit, doch die Augen versicherten ihre Unschuld, und ihre Stimme klang hell wie die eines ganz jungen Mädchens, als sie zu ihm sprach.

„Seid Ihr Lord Nabu selbst, der Ihr aus der leeren Luft kommt und seinen Mantel der Weisheit mit den silbernen Schlangen tragt?“, fragte sie zögernd. „Nein – das ist nicht möglich“, beantwortete sie ihre eigene Frage. „Denn Nabu ist alt, und Ihr seid jung. So seid Ihr wohl sein Bote?“ Sie fiel auf die Knie und überkreuzte ihre Hände auf der Stirn, mit den Handflächen nach außen.

„Ich bin nicht Lord Nabu“, hörte Kenton sich sagen – und wunderte sich vage, wieso er ihre Sprache so gut verstehen und ihr antworten konnte. „Vielleicht hat er mich gesandt. Ich weiß es nicht.“

Aber das Mädchen war bereits auf die Füße gesprungen und zur geschlossenen Tür des rosigen Kastells.

„Kadishtu!“ Sie pochte sacht. „Heilige! Lady Sharane – ein Bote unseres Herrn Nabu.“

Kenton drehte sich um. Seine Augen wanderten über das Unterdeck mit den Ruderern hinweg. Sie schienen zu schlafen. Ihre nackten Oberkörper waren über ihre Ruder gebeugt, ihre Köpfe hingen schlaff herab. Der goldbärtige Krieger war von dem schwarzen Deck verschwunden, aber der Satyrtrommler stand noch da. Ungeheure Verwunderung zeichnete sich auf seinem hässlichen Gesicht ab. Die Froschlippen öffneten sich staunend, die kleinen Augen quollen schier aus den Höhlen, eine schwere Hand schwang über das Trommelfell, als wolle sie Alarm schlagen. Kenton sah, dass der gewaltige Rumpf auf einem Paar grotesker krummer Beine balancierte, die so kurz waren, wie die Arme lang. Oberhalb der Mitte war der Trommler ein Gigant, unterhalb ein Zwerg.

Die schwarzen Augen musterten ihn, dann zogen sich seine Mundwinkel hoch, und sein Gesicht legte sich in tausend Fältchen. Der Trommler hatte ihn angelächelt! Die zum Schlag bereite Pranke zog sich vom Trommelfell zurück, und winkte ihm einen Gruß zu, ein wenig ironisch, aber auch beruhigend – und warnend ebenfalls, denn sein langer Daumen deutete zweifellos auf das schwarze Kastell.

Die Tür des rosigen Deckhauses schwang auf. Auf der Schwelle stand die Frau mit dem rotgoldenen Haar, die Frau Sharane. Ihre Augen verrieten Staunen und auch ein vages Erkennen. Sie schaute an ihm vorbei auf den Trommler. Kenton folgte ihrem Blick. Der Satyr tat, als schliefe er.

„Pass auf, Satalu“, flüsterte sie dem Mädchen zu.

Sie nahm Kenton bei der Hand, zog ihn schnell in das rosige Deckhaus und schloss die Tür hinter ihnen.

Das Kastell war überraschend geräumig und mit perlrosigem Licht erhellt. Zwei Mädchen starrten ihm mit ehrfürchtig staunenden Augen entgegen. Die eine war blond und blauäugig, die andere schwarzhaarig wie die liebreizende Wächterin. Lady Sharane gab seine Hand frei. Sie rannte auf sie zu und schob sie zur Tür.

„Hinaus!“, rief sie. „Haltet Wache mit Satalu. Doch sprecht nicht über dieses Wunder, damit Gigi euch nicht hört und den schwarzen Wurm warnt.“

Die beiden verließen das Kastell. Sharane eilte zur nächsten Tür, öffnete sie. Ein flüchtiger Blick zeigte Kenton einen weiteren Raum, in dem sich ebenso bezaubernde Mädchen befanden wie die drei anderen, und genauso verwirrt wie sie. Er sah Speere an der Wand lehnen, Köcher mit Pfeilen, große Bogen und kurze Schwerter, doch schon schloss Sharane wieder die Tür, nachdem sie den Mädchen einen Befehl zugeflüstert hatte.

Nun blieb sie stehen und betrachtete Kenton. Sie kam näher, blickte tief in seine Augen, musterte seine hochgewachsene Gestalt. Dann streckte sie ihre schlanken Finger aus, betastete seine Augen, seinen Mund, seinen Hals, als wolle sie sich vergewissern, dass er auch wahrhaftig wirklich war.

Sie legte seine Hände um ihre und neigte ihren Kopf, bis ihre Stirn seine Handgelenke berührte und ihr duftiges Haar um seine Arme fiel. Seidene Stränge eines Netzes waren ihre Haare, und sein Herz flog ihr entgegen wie ein Vogel, der die Falle nicht achtet. Er richtete sich auf, nahm unwillig die Hände von ihren, wappnete sich gegen ihren Zauber.

Sie hob den Kopf, blickte ihn an.

„Was hat Lord Nabu mir durch seinen Sendboten auszurichten?“ Die sanfte Stimme forderte Kenton mit gefährlicher Süße heraus. „Soll die Fehde enden? Was habt Ihr mir zu sagen, Bote? Gewiss werde ich darauf hören, denn hat der Herr der Weisheit nicht in seiner Klugheit einen geschickt, dem zuzuhören nicht schwerfällt?“

Einen kaum merklichen koketten Blick warf sie ihm zu. Immer noch betörte ihre Nähe Kenton. Er bemühte sich verzweifelt, in dieser fremden Welt einen festen Boden unter seine Füße zu bekommen, und suchte hilflos nach Worten. Um Zeit zu gewinnen, blickte er sich um.

image
image
image

3. ZARPANITS SCHULD

image

An dem der Tür gegenüberliegenden Ende des rosigen Raumes stand ein Altar. Er war mit schimmernden Juwelen verziert – mit Perlen und bleichen Mondsteinen und milchigen Kristallen. Aus sieben Marmorbecken davor loderten sieben silberbleiche Flammen empor. Eine Nische befand sich hinter dem Altar, aber das Flackern der sieben Flammen verbarg, was sie enthielt. Und doch hatte er das sichere Gefühl, dass etwas Lebendes in ihr ruhte – etwas, das schlummerte!

An einer Seite stand ein niedriger breiter Diwan aus Elfenbein mit eingelegten milchigen Kristallen und mit goldenem Arabeskenmuster verziert. Seidene Vorhänge mit eingewebten Blumen hingen von den Wänden. Weiche, tiefe Seidenteppiche und unzählige Kissen bedeckten den Boden. Rechts und links ließen niedrige Fenster silbernes Licht ein. Ein Vogel setzte sich auf das Fenstersims, ein weißer Vogel mit rotem Schnabel, roten Füßen und roten Augen. Er betrachtete ihn neugierig, dann spreizte er die Flügel, gurrte und flog davon ...

Eine Taube Ischtars!

Weiche Hände berührten seine. Er blickte in das liebliche Gesicht der Lady Sharane, in Augen, aus denen nun Zweifel sprach.

„Ihr seid doch – Nabus Bote?“, fragte sie. In der jetzt härteren Stimme klang Argwohn, erwachender Ärger – doch keine Spur von Furcht. „Ein Bote müsst Ihr wohl sein ...“ Ihre Stimme war nun sehr leise, als äußere sie nur ihre Gedanken, ohne zu ihm zu sprechen. „Denn wie sonst wäret Ihr an Bord gekommen? Aber Bote Nabus – oder Bote ...“

Plötzlich funkelten ihre Augen ihn an.

„Nabus oder – Nergals?“

„Lady, die Ihr die Schönheit in Person seid“, Kentons Zunge hatte sich gelockert, „es mag sein, dass ich ein Bote bin. Doch wer mich sandte, wie man mich geschickt hat – vielleicht weiß ich nicht mehr als Ihr, außer dass es ganz gewiss nicht der Herr der Toten war, der den Befehl gab!“

„Ihr wisst es nicht?“, rief sie. „Doch wenn Ihr nicht von Lord Nabu kommt, weshalb tragt Ihr dann seinen Mantel und habt sein Schwert in Eurem Gürtel? Viele, viele Male habe ich beides in seinem Schrein in Uruk gesehen ... Ich bin des Schiffes müde“, flüsterte sie. „Ich möchte Uruk und Babylon wiedersehen! Oh wie sehr, wie unsagbar ich mich nach Babylon sehne!“ Ihre Stimme klang klagend. Ein Schauer lief über Kentons Rücken.

„Lady“, sagte er. „Auf eine Weise bin ich zumindest ein Bote Nabus. Wie Ihr wisst, ist er der Herr der Wahrheit. Ich werde nur die reine Wahrheit sprechen. Doch bevor Ihr mehr von mir erfahrt, müsst Ihr mir über die Geschichte dieses Schiffes berichten. Wie es dazu kam, dass es auf dieser seltsamen See segelt; und – wohin sind die Lady Zarpanit und jener Alusar, den sie liebte, verschwunden?“

Sie wich bis zum Rand des Diwans zurück, und nun stand unverkennbare Furcht in ihren Augen.

„Was wollt Ihr hören?“, flüsterte sie. „Wenn Ihr von – ihnen – wisst – müsst Ihr doch alles wissen. Ich verstehe nicht ...“

„Sharane“, sagte er. „Es spielt überhaupt keine Rolle, ob Ihr versteht oder ob Eure Geschichte erneut berichtet wird! Ich muss sie hören! Ich muss sie von Euch erfahren! Danach werde ich sprechen und Ihr werdet mir zuhören.“

Sie blickte ihn an, sichtlich zweifelnd und ihre Augen versuchten in seine klaren blauen zu dringen, die fest auf sie gerichtet waren. Schließlich ließ sie sich auf dem Diwan nieder und bedeutete ihm, sich neben sie zu setzen. Sie rückte ganz nahe an ihn heran und legte sacht eine Hand auf seine Brust.

Er spürte, wie sein Herz unter dieser Berührung heftiger schlug. Auch sie spürte es und rückte lächelnd ein wenig von ihm weg, beobachtete ihn jedoch durch ihre langen, geschwungenen Wimpern, die sie gesenkt hatte. Danach hob sie die Beine an und machte es sich im Lotossitz bequem, die Hände um die runden Knie. Überlegend starrte sie vor sich hin. Ihre Gedanken schienen weit weg, und ihre Augen blickten verträumt. Als sie sprach, klang ihre Stimme leise.

„Zarpanits Schuld. Die Geschichte ihrer Verfehlung gegen Ischtar, Ischtar, die Mächtige, Mutter der Götter und der Menschen, Herrin des Himmels und der Erde – Ischtar, die sie liebte wie eine Tochter!“

Sie hielt inne. Kenton hatte plötzlich das unheimliche Gefühl, was immer auch schlafend in der Nische hinter den sieben Altarlichtern gelegen hatte, war nun erwacht und lauschte, lauschte und beobachtete ihn, maß ihn, schätzte ihn ab. Er empfand das Gefühl einer Gefahr, als betrete er einen Ort, der für ihn verboten war, als neige die Waage seines Schicksals sich. Einen Herzschlag lang erfüllte ihn unvorstellbare Furcht.

Sharanes sanfte Schulter streifte ihn, und er vergaß über ihrer Schönheit und den süßen Zauber die Angst. Und während die Furcht ihn verließ, wusste er auf einmal, dass der Schlag seines Herzens die Waage für ihn gehoben hatte, dass er gewogen worden war.

Doch ob er für zu leicht oder zu schwer befunden worden war von jenem verborgenen Wesen hinter dem Schrein – wie sollte er es wissen?

„Zarpanit war Ischtars Hohepriesterin in ihrem großen Tempel in Uruk“, begann Sharane mit verschleierten Augen und gesenktem Kopf. „Kadishtu, eine Heilige, war sie. Und ich, Sharane, die ich von Babylon kam, war ihr nah, war ihre Priesterin, die sie liebte, wie sie von Ischtar geliebt wurde. Durch Zarpanit sprach die Göttin, sie gab Rat und warnte, belohnte und bestrafte Könige wie auch Menschen. In Zarpanit erstand die Göttin, sie wohnte in ihrem Haus der Seele wie in einem Tempel; sie sah durch ihre Augen; sie sprach durch ihre Lippen – so sehr liebte Ischtar sie!

Der Tempel, in dem wir lebten, wurde das Haus der sieben Zonen genannt. In ihm befand sich der Tempel Sins, des Gottes der Götter, der auf dem Mond zu Hause ist; der Tempel Schamaschs, seines Sohnes, dessen Heim die Sonne ist; der Tempel Nabus, des Gottes der Weisheit; der Tempel Ninibs, des Kriegsgottes; der Tempel Nergals, des Finsteren, des Ungehörnten, des Beherrschers der Unterwelt; der Tempel Bel-Merodachs, des mächtigen Gottes. Doch hauptsächlich war es Ischtars Haus, die in ihrer Güte den anderen einen Tempel in ihrem heiligen Heim gewährte. Nur Bei hatte neben ihr ein wirkliches Recht, dort zu wohnen.

Da kam von Cuthaw im Norden, aus jenem Tempel, in dem der Finstere Nergal herrschte, so wie Ischtar in Uruk, ein Priester, um Nergals Tempel im Haus der Sieben Zonen vorzustehen. Sein Name war Alusar, und so nahe Zarpanit Ischtar war, so nahe war er dem Herrn der Toten. Nergal machte ihn sich zu seinem Heim, sprach aus ihm wie Ischtar aus ihrer Priesterin Zarpanit. Mit Alusar kam ein Gefolge von Priestern, unter ihnen dieser schwarze Wurm, diese Ausgeburt aus Nergals Schleim – Klaneth. Und Klaneth war Alusar so nah wie ich Zarpanit ...“

Sie hob den Kopf und blickte Kenton aus leicht zusammengekniffenen Augen an.

„Ich erkenne Euch jetzt!“, rief sie. „Vor kurzem hattet Ihr auf dem Deck des Schiffes gelegen und habt meine Auseinandersetzung mit Klaneth beobachtet! Ja, nun erkenne ich Euch – obgleich Ihr damals nicht wie jetzt gekleidet wart – und Ihr seid verschwunden, während ich noch auf Euch hinabblickte!“

„Ihr habt mit furchterfülltem Gesicht dort gelegen“, sagte sie. „Mit verängstigten Augen habt Ihr mich angestarrt – und dann seid Ihr geflohen!“

Erneutes Misstrauen sprach aus ihren Worten. Ein wilder Grimm übermannte Kenton.

„Dann haben Eure Augen Euch belogen!“, erklärte er hart. „Es lag nicht an mir, dass ich verschwand, und keineswegs war es Furcht. Auch bin ich zurückgekehrt, so schnell ich konnte. Und glaubt nie wieder, dass ich Furcht vor Euch empfinden könnte!“ Er umklammerte ihr Handgelenk, zog sie zu sich. „Schaut in meine Augen!“, befahl er.

Sie tat es – lange; dann seufzte sie, wich zurück; seufzte erneut und neigte sich ihm sehnsüchtig zu. Seine Arme legten sich um sie. Sie stieß ihn von sich.

„Genug“, zischte sie. „Ich lese keine flüchtigen Worte in fremden Augen. Doch nehme ich meine Behauptung zurück: Ihr hattet keine Angst! Und Ihr seid auch nicht geflohen! Lasst es damit gut sein!“

Nun zog sie sich ganz zurück, und wieder verlor sie sich in ihre Gedanken.

„Zwischen Ischtar und Nergal“, fuhr sie schließlich in ihrer unterbrochenen Erzählung fort, „herrscht nie endende Fehde und ewiger Hass. Denn Ischtar gibt das Leben, und Nergal nimmt es. Sie ist die Gerechtigkeitsliebende, und er ist der Vater alles Bösen. Und wie ließen sich je Himmel und Hölle vereinbaren? Oder Leben und Tod? Oder Gut und Böse?

Und doch“, die Stimme wurde tiefer, „verband Zarpanit, Kardishtu, die Heilige Ischtars, die die Göttin über alles liebte, all das. Wo sie sich hätte abwenden sollen, blickte sie voll Liebe; wo sie hätte hassen sollen, liebte sie!

Ja, die Priesterin der Herrin des Himmels liebte Alusar, den Priester des Herrn des Todes. Ihre Liebe war eine mächtige Flamme, in deren Licht sie nur ihn sehen konnte – ihn allein. Wäre Zarpanit Ischtar gewesen, sie wäre zu dem Ort der Verlorenen für Alusar gepilgert, wie die Göttin es für ihren Liebsten Tammuz tat, um ihn von dort zu retten oder aber für immer mit ihm dort zu verweilen. Ja, sie wäre bereit gewesen, mit ihm in der klammen Dunkelheit zu leben, wo die Toten sich dahinschleppen und mit heiseren Stimmen um Gnade flehen. In der Kälte von Nergals Reich, in der Finsternis seiner Stadt, wo die tiefsten Schatten der Erde wie ein Sonnenstrahl wären, wäre Zarpanit glücklich gewesen, im Bewusstsein, mit Alusar zu sein.

So sehr liebte sie ihn!“

Rührte sich etwas hinter den bleichen Altarflammen? Er strengte seine Augen an, es zu erkennen, dann wandte er sie wieder Lady Sharane zu. Wenn sich etwas bewegt hatte, beachtete sie es jedenfalls nicht.

„Ich half ihr in ihrer Liebe – aus Liebe zu ihr“, flüsterte sie. „Aber Klaneth, der schwarze Wurm, kroch ständig hinter Alusar. Er wartete auf eine Chance, ihn zu verraten, um seinen Platz einzunehmen. Doch Alusar vertraute ihm. Dann kam eine Nacht ...“

Sie hielt inne. Ihre Augen, die sanft und tränenschwer gewesen waren, überzogen sich mit einem Schatten der Furcht, als sie sich zurückerinnerte.

„Es kam eine Nacht, da Alusar in Zarpanits Kammer geschlichen war. Seine Arme waren um sie, ihre um seinen Hals, ihre Lippen aufeinander.

Ich dachte, Klaneth bewache die äußere Tür, so wie ich die innere.“

Ihre Augen weiteten sich. Sie biss die Zähne auf die Unterlippe und zitterte am ganzen Leib.

„In jener Nacht eilte die Göttin Ischtar herab vom Himmel und ergriff Besitz von Zarpanit. Und im gleichen Augenblick kam Nergal aus seiner finsteren Stadt und drang in Alusar!

Eng umschlungen, sich zärtlich in die Augen blickend, gefangen in der Macht der Liebe, fanden sich Himmel und Hölle gegenüber; die Seele des Lebens und die Seele des Todes.“

Sie schauderte und schwieg lange, ehe sie weitersprach.

„Sofort wurden die beiden sterblichen Verliebten aus ihrer Umarmung gerissen. Eine Kraft, stärker als ein Orkan, packte uns, blendete uns mit Blitzen und schleuderte uns gegen die Wände. Und als wir wieder zu Bewusstsein kamen, waren wir die Gefangenen der Priester und Priesterinnen der Sieben Zonen. Das ungeheure Vergehen war aufgedeckt! Doch selbst, wenn Ischtar und Nergal in jener Nacht nicht aufeinandergestoßen wären, würde die Schuld Zarpanits und Alusars bekanntgeworden sein. Denn Klaneth, von dem wir geglaubt hatten, er stünde Wache am Außenportal, hatte sich davongestohlen und die ganze Meute der Priester und Priesterinnen auf uns gehetzt!

Klaneth sei verflucht!“ Sharane hob die Arme. Der Puls ihres Hasses überschwemmte Kentons Herz wie eine Flutwelle. „Möge Klaneth blind und unsterblich in der klammen Schwärze von Nergals Reich dahinkriechen! Aber Ischtar! Erzürnte Ischtar! Gib ihn erst mir, damit ich ihn dorthin sende, wohin ich ihn verwünsche!“

Langsam senkte sie ihre hochgestreckten Arme. Ihr Gesicht wurde ruhiger.

„Eine Weile“, fuhr sie fort, „lagen wir im Dunkeln, Zarpanit und ich zusammen – Alusar weit weg. Groß war die Sünde der beiden, und ich hatte mich durch meine Hilfe ebenfalls schuldig gemacht. Doch nicht so schnell sollte unsere Strafe entschieden werden. Ich tröstete sie, so gut ich es konnte. Ich liebte sie und dachte nicht an mein eigenes Schicksal, denn ihr Herz war am Zerbrechen, da sie nicht wusste, was mit ihm geschah, den sie liebte.

Dann brach eine neue Nacht herein, in der die Priester uns holten. Sie zogen uns aus unserer Zelle und zerrten uns zum Tor des Duazzaga, dem Ratssaal der Götter. Dort standen die anderen Priester mit Alusar. Mit angehaltenem Atem öffneten sie das Portal und stießen uns drei hinein.

All mein Mut verließ mich, mein Herz war schwer und voller Furcht, und neben mir spürte ich die schaudernde Seele Zarpanits.

Denn das Duazzaga war von grellem Licht erfüllt, und auf den Stühlen der Götter saßen nicht ihre Priester, sondern die Götter selbst! Halb verborgen, jeder in seiner eigenen glitzernden Wolke, beobachteten sie uns. Nergals Platz umgab eine tiefe Dunkelheit.

Aus dem blauen, leuchtenden Schleier vor dem Schrein Nabus erklang die Stimme des Gottes der Weisheit.

,So groß ist deine Schuld, o Zarpanit, und deine, o Alusar’, dröhnte sie, ‚dass sie selbst uns, die Götter, beunruhigt. Was habt ihr zu sagen, ehe wir euch bestrafen?’

Die Stimme Nabus war kalt und klar wie das Licht der fernen Sterne, so leidenschaftslos wie der Wind zwischen den Welten – und doch erschien sie mir voll Verständnis.

Plötzlich loderte meine Liebe zu Zarpanit wie eine Flamme auf und gab mir Kraft. Und neben mir spürte ich ihre stolz aufgerichtete Seele, ungebeugt, und ihre Liebe hüllte sie ein wie ein feuriges Gewand. Sie antwortete nicht – streckte nur ihre Arme Alusar entgegen. Ich blickte ihn an. Auch seine Liebe stand aufrecht und furchtlos wie ihre. Er sprang auf sie zu und schloss sie in seine Arme.

Ihre Lippen pressten sich aufeinander. Sie vergaßen die Götter, die über ihnen zu Gericht saßen!

Dann blickte Gott Nabu durch seinen blauen glitzernden Nebel und sprach:

,Die beiden tragen eine Flamme in sich, die selbst wir nicht zerstören dürfen.’

Bei diesen Worten löste sich Lady Zarpanit aus den Armen ihres Liebsten und trat näher an die pulsierende Wolke um Ischtar heran. Sie warf sich vor ihr zu Füßen, dann sprach sie ohne Furcht:

,Du, o Göttin, bist du nicht die Mutter des Feuers, das wir Liebe nennen? Hast nicht du es erschaffen und wie eine Fackel über das Chaos gestellt? Und als du es erschaffen hattest, wusstest du da nicht, wie mächtig deine Schöpfung war? Es ist jene Liebe, deren Mutter du bist, o heilige Ischtar, die mich erfüllt, die sich ungebeten in mein Herz schlich, in den Tempel meines Körpers, der dein war und es immer noch ist, obgleich du ihn verlassen hast.

Ist es meine Schuld, dass die Liebe so stark ist, dass sie Türen zu deinem Tempel öffnete, dass ihr Licht mich blind für alles andere machte außer für ihn, auf den es leuchtet? Du bist die Schöpferin der Liebe. Weshalb gabst du ihr diese Allmacht? Denn wenn die Liebe mächtiger geworden ist als du, o Ischtar, die sie schuf, wie kann man dann uns – einer Frau und einem Mann – die Schuld geben, dass wir sie nicht besiegen konnten? Aber auch wenn die Liebe nicht stärker ist als du, so machtest du sie doch stärker als die Menschen. Deshalb bestrafe die Liebe, dein Kind, o Mutter – nicht uns!’

Dann schwieg sie, und Alusar zog sie an sich. Er sagte:

,Der Mensch darf die Götter nicht beschuldigen, die ihm das Leben gaben – doch die Flamme, die du schufst, o Mutter Ischtar, um damit auf dem Amboss des Lebens Götter und Menschen zu schmieden, ist eine starke Flamme. Auch ist mir, der ich hier stehe, um gerichtet zu werden, klar geworden, dass es eine Gerechtigkeit gibt, nach der selbst die Götter sich richten müssen – wenn sie nicht selbst untergehen wollen. Im Namen dieser Gerechtigkeit spreche ich! Diese Gerechtigkeit rufe ich an! Ich bitte nicht um Gnade – wenn wir Schuld auf uns geladen haben, müssen wir auch büßen.

Wenn du, o Ischtar, in Zarpanit die Flamme der Liebe für mich ersticken und alle Erinnerung an mich auslöschen könntest, würde ich beten, dass ich allein die Strafe erleide. Doch das kannst nicht einmal du, große Göttin und so stieße jede Pfeilspitze meiner Schmerzen zehnfach in ihr Herz. Nein – wenn wir gesündigt haben, taten wir es gemeinsam, und zusammen wollen wir auch dafür büßen. Und das verlange ich im Namen der Gerechtigkeit, die selbst über dich herrscht, o Ischtar.’

Lord Nabu brach das Schweigen der Götter.

,Jene, die gerichtet werden sollen, klagen an’, dröhnte seine Stimme. ‚Und es liegt Wahrheit in ihren Worten. Sie tragen eine Flamme in sich, die nicht einmal wir zu löschen imstande sind. Das Feuer in ihnen kennst du, o Ischtar, besser als ich. Auch bist du die Klägerin und die Beschuldigte. Deshalb, Ischtar, ist es an dir, zu sprechen.’

Aus der glitzernden Wolke, die die Göttin Ischtar verbarg, kam eine süße, aber auch verbitterte Stimme.

,Es ist Wahrheit in deinen Worten, Zarpanit, die ich einst Tochter nannte. Und um dieser Wahrheit willen werde ich meinen Grimm unterdrücken. Du hast gefragt, ob die Liebe stärker ist als Ischtar, ihre Mutter. Wir werden es feststellen! Denn das ist dein Schicksal: du und der Mann Alusar werdet an einen bestimmten Ort verbannt, der für euch geöffnet werden soll. Für immer sollt ihr zusammen sein – so wie er es verlangte. Eure Blicke werden aufeinander ruhen, doch nie werden eure Hände oder Lippen sich mehr berühren. Ihr dürft zueinander sprechen, aber nicht von diesem Feuer der Liebe! Denn wenn diese Flamme lodert und euch anzieht, dann werde ich, Ischtar, zu dir kommen, Zarpanit, und gegen die Liebe kämpfen. Doch wird es nicht die Ischtar sein, die du gekannt hast, sondern mein Schwester-Ich, das die Menschen die Zerstörerin, die Rachegöttin, nennen. Sie wird von dir Besitz ergreifen. Und so wird es bleiben, bis die Flamme in dir besiegt oder jene Flamme erstirbt.’

Ischtars Stimme verklang. Die Götter schwiegen. Dann erschallte aus der Schwärze des Schreines Nergals die Stimme des Totengottes.

,So sprach Ischtar. Nun hört mich, Nerga, ich stehe hinter diesem Mann, der mein Priester ist. Ich bin auch nicht erzürnt über seine Tat, da er es war, der mir ermöglichte, so tief in deine Augen zu blicken, o Mutter des Himmels!’ Die schwarze Wolke hüpfte vor höhnischem Lachen. ‚Ich werde bei ihm sein und dir gegenüberstehen, Zerstörerin. O ja, mit Kraft und Schläue, die deiner ebenbürtig ist – bis ich, nicht du, diese Frau vernichtet habe und ihre Flamme, deren sie sich rühmt, genau wie jene in diesem, meinem Priester. Denn in meinem Reich gibt es kein solches Feuer, deshalb ersticke ich es auch in ihm, damit meine Finsternis nicht erschrickt, wenn er schließlich zu mir zurückkehrt!’

Wieder schüttelte das Lachen die schwarze Wolke, während die glitzernde um Ischtar vor Grimm bebte. Doch wir drei Menschen hörten all dies voll Verzweiflung. Denn so schlimm unser Schicksal sein mochte, der Spott des Finsteren Ungehörnten, den er mit unserer Mutter des Himmels trieb, war schlimmer.

Wieder erklang die Stimme der Göttin, noch bitterer und leiser:

,So mag es sein, o Nergal!’

Wieder herrschte eine kurze Weile Schweigen unter den Göttern. Mir war, als blickten sie einander hinter ihren undurchsichtigen Schleiern bestürzt an. Dann erdröhnte aufs neue die leidenschaftslose Stimme Nabus:

,Und was soll mit dieser Frau Sharane geschehen?’ Ungehalten erwiderte Ischtar:

,Möge ihr Geschick mit Zarpanits verbunden bleiben. Lasst Zarpanit ihr Gefolge an jenem Ort haben, zu dem ich sie verbanne.’

Erneut sprach Nabu:

,Und der Priester Klaneth – soll er frei ausgehen?’ ‚Was? Braucht mein Priester vielleicht kein Gefolge?’, spottete Nergal. ‚Setz Klaneth neben meinem Priester ab, mit anderen, die ihm zur Seite stehen sollen.’

Wieder schien mir, dass die Götter einander bestürzt anblickten. Schließlich sagte Nabu:

,Soll es so sein, Königin des Himmels?’ Und Ischtar antwortete: ‚Möge es so sein!’

Das Duazzaga verschwand. Ich war allein im Nichts.“

image
image
image

4. BIN ICH NICHT EIN WEIB?

image

Wieder machte Sharane eine längere Pause, während ihre Gedanken, wie Kenton wusste, in einer Welt, sechstausend Jahre weit im Abgrund der Vergangenheit weilten, die für sie doch ganz nahe lag. Auch Kenton saß schweigend und versuchte mit dieser seltsamen Geschichte der Fehde zwischen grimmigem Gott und erzürnter Göttin, die sich in Priester und Priesterinnen personifizierten, zurechtzukommen.

Sharana blickte schließlich auf und legte ihre Hand auf seine. „Als wir erwachten, befanden wir uns auf diesem verdammten Schiff, auf dieser fremdartigen See, in dieser eigentümlichen Welt“, erzählte sie weiter. „Und alles, was die Götter im Duazzaga versprochen und bestimmt hatten, war wahr geworden. Zarpanit hatte ihr Gefolge, mich und ein Dutzend Tempelmädchen, denen sie zugetan war. Und Alusar hatte als Begleiter und Diener Klaneth und ein Pack seiner schwarzen Akoluthen. Auch Ruderer waren nicht vergessen worden, kräftige Tempelsklaven, zwei für jedes Ruder. Und die Göttin hatte dem Schiff Schönheit verliehen und dafür gesorgt, dass es uns an nichts mangelte.“

Einen kurzen Augenblick flackerte eine Flamme des Grimms in ihren Augen.

„Ja“, zischte sie. „Die gütigen Götter taten alles für unsere Bequemlichkeit – und dann sandten sie das Schiff auf seine Reise auf dieser merkwürdigen See, in dieser gespenstischen Welt, als Walstatt für Liebe und Hass, als Arena für die Rachegöttin Ischtar und den Dunklen Nergal, als Folterkammer für ihre schuldbeladene Priesterin und seinen Priester.

Hier in diesem Raum erwachte Zarpanit – mit Alusars Namen auf den Lippen. Dann rannte sie aus der Tür, als wüsste sie genau, wo sie ihn finden würde. Und aus dem schwarzen Deckhaus eilte Alusar und rief nach ihr. Ich sah sie die Stelle erreichen, wo das schwarze Deck an dieses schließt, und – sie wurde wie von starken Armen zurückgeschleudert. Denn eine Barriere befindet sich dort, Bote – eine Barriere, die die Götter errichteten, und die keiner von uns auf diesem Schiff überschreiten kann. Doch damals wussten wir noch nichts davon. Und Alusar prallte genauso von dieser unsichtbaren Wand zurück.

Und dann, als sie sich erhoben, sich sehnsüchtig zuriefen, die Arme nach dem anderen ausstreckten, versuchten Fingerspitze an Fingerspitze zu pressen, schoss das Schwester-Ich Ischtars, die Zerstörerin, die Grimmige, in Zarpanit. Gleichzeitig begannen schwarze Schatten Alusar einzuhüllen. Als sie verschwanden, waren Alusars Züge jene Nergals, des Gottes der Toten!

Ja, so war es – genau wie die Götter bestimmt hatten. Und jene Unsterblichen in den Körpern der beiden, die sich so sehr liebten, setzten zum gnadenlosen Kampf an und schleuderten ihren Hass wie verzehrendes Feuer gegen den anderen. Die Sklaven im Unterdeck versuchten sich, von Panik erfüllt, von ihren Ketten loszureißen oder verloren vor Angst die Sinne, als der grauenvolle Kampf tobte. Die Tempelmädchen warfen sich auf den Boden oder rannten schreiend in das Deckhaus, um diese schreckliche Auseinandersetzung nicht mit ansehen zu müssen. Nur ich schrie nicht, noch floh ich, denn ich, die ich den Göttern im Duazzaga gegenübergestanden hatte, konnte nie wieder Furcht empfinden.

Und so ...“ Sie atmete schwer, und ihre Augen waren von Kummer verschleiert. „... so ging es eine lange Zeit. Wie lange wirklich? Ich weiß es nicht, denn hier in dieser Welt, die weder Tag noch Nacht kennt, wie sie uns in unserer vertraut waren, scheint es keine Zeit zu geben.

Doch immer und immer wieder versuchten Priester und Priesterin zusammenzukommen, und immer und immer wieder trennten die zürnende Ischtar und der finstere Nergal sie. Unzählig sind die Tücken des Herrn der Schatten, und zahllos sind seine Waffen. Und grenzenlos sind die Künste Ischtars. Bote, wie lange das Paar litt, auch das weiß ich nicht. Aber nie gaben sie auf in ihrem Bemühen, die Barriere zu durchbrechen. Ihre Liebe trieb sie an. Und immer ...“

Sie schlug die Hände vors Gesicht, und ihre weißen Schultern zuckten. „Die Flammen in ihnen brannten unbeirrt“, flüsterte sie unter Tränen. „Weder Nergal noch Ischtar gelang es, sie zu löschen. Im Gegenteil, die Liebe der beiden wuchs. Und dann kam der Tag ...“

Sie fuhr sich über die Augen, und ihre Stimme zitterte ein wenig, als sie fortfuhr:

„Es war während eines der gespenstischen Kämpfe. Ischtar hatte Besitz von Zarpanit ergriffen und stand, wo dieses Deck sich mit dem der Ruderer verbindet. Nergal war in Alusar gedrungen und hatte seine Höllenbrut über das Ruderdeck hinweg gegen die Blitze der Göttin Ischtar geschleudert.

Während ich mich an die Tür des Deckhauses drückte und schaudernd den Kampf beobachtete, sah ich, wie plötzlich das Leuchten, das Ischtar umgab, zu erbleichen begann. Einen Augenblick glaubte ich, Ischtars Züge verschwimmen und erblassen, und jene Zarpanits ihren rechtmäßigen Platz einnehmen zu sehen.

Gleichzeitig erhellte sich die Dunkelheit, die den Herrn der Toten wie ein Leichentuch umhüllt hatte – als wäre eine kräftige Lohe dahinter aufgeflammt!

Dann tat Ischtar einen Schritt – noch einen, und noch einen – auf die Barriere zwischen diesem und dem schwarzen Deck zu. Aber ich erkannte, dass nicht ihr freier Wille sie lenkte. Nein! Widerstrebend schritt sie und zögernd, als bewege etwas ihre Beine, etwas, das stärker war als sie. Und genau wie sie, schritt auch Nergal gegen seinen Willen zur Barriere, um sie dort zu treffen!

Immer näher kamen sie einander, und immer bleicher flackerte Ischtars Strahlenkranz, während Nergals schwarze Schatten an Form verloren und sich mehr und mehr erhellten. Langsam, sich dagegen wehrend, doch unausweichlich näherten sie sich einander. Nun konnte ich bereits Alusars Gesicht erkennen, das sich von Nergals Fratze befreite.

Da wurde mir mit einem mal klar, und mein Herz klopfte heftig, dass die grimmige Ischtar und der Finstere nicht länger gegeneinander kämpften, sondern dass sie, die Göttin, sich gegen die Flamme in Zarpanit wehrte, genau wie der Herr der Toten sich gegen das Feuer in seinem Priester – gegen jene Flammen, von denen Nabu gesagt hatte, nicht einmal die Götter könnten sie zerstören!

Langsam, unsagbar langsam trugen Zarpanits Füße Ischtar zu der Barriere; und langsam, unsagbar langsam trugen Alusars Füße Nergal ihr entgegen. Und sie kamen zusammen! Sanft berührten ihre Hände sich, dann die Lippen, bis Zarpanit und Alusar sich in zärtlicher Umarmung fanden – ehe der unterlegene Gott und die besiegte Göttin sich aus ihnen zurückziehen konnten!

Eng umschlungen stürzten die Liebenden zu Boden – tot! Sie starben, Bote, als sie sich gefunden hatten!

Ein grelles Leuchten wie von Tausenden von Blitzen zerriss die Luft. Das Schiff schwankte. Doch ehe die Blitze sich zerteilten, glaubte ich, zwei helle Flammen aus den Leibern der beiden aufsteigen zu sehen. Einen Herzschlag lang schwebten sie darüber, dann eilten sie auf einander zu, verschmolzen – und verschwanden.

Weder Ischtar noch Nergal hatten gesiegt! Nein, die Liebe eines Mannes und einer Frau war größer gewesen. Sie war die Siegerin über Gott und Göttin. Die Flammen waren frei!

Der Priester war auf unsere Seite der Barriere gefallen. Wir lösten ihre Umarmung nicht. Duftende Seidentücher wanden wir um die beiden Toten und übergaben sie Gesicht an Gesicht dem Wasser.

Dann lief ich, um Klaneth zu töten. Aber ich hatte vergessen, dass weder Nergal noch Ischtar über den anderen gesiegt hatte und schloss, noch während ich lief, die Göttin in mich und in Klaneth schoss Nergal! Wie zuvor bekämpften sich diese beiden Mächte! Und wieder war die Barriere undurchdringlich und trennte das elfenbeinerne vom schwarzen Deck.

Und doch war ich glücklich – denn so wusste ich, dass Zarpanit und Alusar für sie bereits vergessen waren. Es wurde mir klar, dass die Fehde die beiden Befreiten überlebt hatte. Dass es weder für die grimmige Ischtar noch den finsteren Nergal eine Rolle spielte, ob die beiden noch waren oder nicht. Sie hatten ja uns und konnten durch meinen und Klaneths Körper immer noch um die Vorherrschaft über das Schiff kämpfen.

Versteht Ihr, Bote?“ Ihre Augen forschten in Kentons. „Da kam mir der Gedanke, dass solange ich sie dazu bringen konnte, weiterzukämpfen, Zarpanit und Alusar frei waren und Zeit hatten, sich vor ihnen zu verstecken – Zuflucht in einer fernen Welt zu finden.

So forderte ich den schwarzen Priester immer wieder heraus und wurde stets aufs Neue zum Gefäß für Ischtar. Und so segeln wir dahin – und kämpfen. Segeln und kämpfen!

Wie lange schon? Ich sagte bereits, ich weiß es nicht. Früher kannte ich die Zeit, früher in meiner eigenen Welt. Hier gibt es sie nicht, nicht auf diesem gespenstischen Meer, in dieser fremdartigen Welt. Doch müssen viele Jahre vergangen sein, seit wir vor den Göttern in Uruk vor Gericht standen. Aber ich bin noch genauso jung wie damals, und genauso schön. Das sagt mir zumindest mein Spiegel.“ Sie seufzte.

Kenton saß schweigend da, bis in die Tiefe seiner Seele erschüttert. Jung und schön war sie wahrhaftig – während Uruk und Babylon in diesen Tausenden von Jahren zerfallen und von Sand bedeckt waren. Was konnte er ihr sagen? Welche Botschaft könnte er für sie haben, die – wenn ihre Geschichte der Wahrheit entsprach, wie er glaubte – Staub im windgepeitschten Staub ihres zerfallenen Tempels sein müsste?

Aber sie war nicht Staub!

Sie saß hier neben ihm, strahlend in ihrer lebensvollen Schönheit!

„Sagt mir, Herr ...“ Ihre Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. Ihr Gesicht wirkte verträumt, die langen Wimpern beschatteten die pfirsichfarbigen Wangen. „Sagt mir, steht der Tempel von Uruk immer noch in großen Ehren unter den Völkern? Und ist Babylon noch Königin unter den Städten?“

Er sprach nicht davon, dass er glaubte, in eine fremde, unglaubliche Wirklichkeit geschleudert worden zu sein. Nein! Dagegen kämpfte auch der skeptische Verstand des modernen Menschen an. Sollte er diese Geschichte der erzürnten Göttin und eines finsteren Gottes glauben, Kreaturen menschlicher Phantasie, deren Heiligtümer nichts weiter als verrottete Ruinen auf der Straße der Zeit waren. Sollte er sie glauben?

Und doch! Die Frau neben ihm war wirklich, sie lebte! Er musste ihr antworten. Die so gegensätzlichen Gedanken hinter seiner Stirn überschlugen sich.

Lady Sharane hob die Augen zu seinem verwirrten Gesicht, starrte ihn mit sichtlich wachsendem Zweifel an. Plötzlich sprang sie auf.

„Habt Ihr eine Botschaft für mich?“, rief sie drängend. „Sprecht – sprecht schnell!“

Was konnte er ihr antworten?

Traumfrau oder in uralte Zauberei verstricktes Geschöpf. Es konnte nur eine Antwort für Sharane geben – die Wahrheit.

„Aber Ihr seid doch von Nabu“, flüsterte sie. „Ihr müsst es sein. Denn wie sonst wäret Ihr hierhergekommen – gekleidet in seinen blauen Mantel der Weisheit mit den Silberschlangen?“

„Hört mir zu“, bat er. „Hört, bis ich meine Geschichte beendet habe ...“

Er erzählte ihr die Wahrheit, angefangen mit der Ankunft des Blocks aus Babylon in seinem Haus. Sie lauschte, ihre Augen hingen an seinem Mund. Sie nahm jedes seiner Worte in sich auf. Ihr Ausdruck wechselte von Staunen zu Unglauben, von Entsetzen zu Verzweiflung.

„Selbst der Ort, wo Uruk einst stand, ist kaum bekannt“, schloss er. „Das Haus der Sieben Zonen ist ein vom Wind verwehter Hügel farblosen Wüstensands. Und Babylon, das mächtige Babylon, ist seit sechstausend Jahren nicht mehr von der Öde ringsum zu unterscheiden!“

Lady Sharane trat ganz nah an ihn heran, ihre Augen funkelten wild.

„Lügner!“, schrie sie. „Lügner! Jetzt erkenne ich dich – du Schatten Nergals!“

Ein Dolch blitzte in ihrer Hand. Rechtzeitig gelang es ihm, ihr Handgelenk zu fassen. Er kämpfte mit ihr, bis er sie gegen den Elfenbeindiwan gedrängt hatte.

„Ich sprach die Wahrheit und spreche sie noch!“, rief er. „Ich kenne keinen Nergal, keine Ischtar und auch keinen Nabu. Ich bin ein Mensch, nichts weiter.“

Abrupt gab sie ihren Widerstand auf und hing schlaff in seinen Armen.

„Uruk – Staub!“, wimmerte sie. „Das Haus Ischtars – Staub! Babylon – eine Wüste! Und Sargon von Akkad seit sechstausend Jahren tot! Sechstausend Jahre, sagtet Ihr!“ Sie schauderte, löste sich aus seiner Umarmung. „Doch wenn es so ist, was bin dann ich?“, flüsterte sie mit weißen Lippen. „Was bin – ich? Sechstausend Jahre und mehr vergangen, seit ich geboren wurde – und ich lebe! Was bin ich dann?“

Panik überwältigte sie, ihre Augen verloren jeglichen Glanz, sie krallte ihre Finger in ein Seidenkissen. Ein ironischer Gedanke schoss durch Kentons Kopf. Diese Frau, die so unbekümmert von ihrer Verbindung zu den Göttern sprechen konnte, von deren Rache und Fehde; die als selbstverständlich hinnahm, was für ihn unglaublich war – diese Frau war erschüttert von der so natürlichen Tatsache des Verstehens der Zeit. Dieses Paradoxon war es, das sie für ihn echt machte. Er hatte eine Frau gekannt, die sich vor keinen Wirbelstürmen, Erdbeben oder sonstigen Naturkatastrophen fürchtete, die aber dafür jedem Geburtstag mit Zittern entgegensah! Ob in Uruk, Babylon oder New York – Frauen bleiben Frauen!

Sein Mitleid erwachte. Er machte einen Schritt auf sie zu. Sie blickte zu ihm auf. Immer noch zitterten ihre Lippen, und ihre schlanken Finger zuckten auf den silbernen Schleiern über ihrem Busen. Er beugte sich zu ihr herab. Wie eine Ertrinkende warf sie die Arme um seinen Hals.

„Lebe ich?“, rief sie. „Bin ich – menschlich? Bin ich – ein Weib?“

Ihre weichen Lippen pressten sich heftig auf seine. Das duftende Zelt ihres Haares bedeckte ihn. Ihre Nähe war erregend. Er spürte ihren verängstigten Puls an seinem wild pochenden Herzen.

Immer wieder flüsterte sie zwischen ihren Küssen: „Lebe ich nicht? Bin ich nicht ein Weib? Sagt es mir!“

Er erwiderte ihre Küsse, doch die Erkenntnis, dass sie nur aus Selbstbestätigung in seine Arme geflohen war, dämpfte die Flamme seiner Gefühle.

Die Angst steckte hinter ihrer Leidenschaftlichkeit; der Schock, dass ein Abgrund von sechstausend Jahren zwischen dem Leben, das sie gekannt hatte, und seinem bestand. Indem sie sich an ihn schmiegte, versuchte sie sich ihre Wirklichkeit zu beweisen, und griff so zur stärksten Waffe der Frau – der Verführungskunst.

Nein, nicht ihn wollte sie mit ihren brennenden Küssen überzeugen, sondern sich selbst!

Aber im Augenblick war der Grund ihm gleichgültig. Sie war in seinen Armen, und das machte ihn glücklich.

Plötzlich stieß sie ihn von sich und blickte ihm durchdringend in die Augen.

„Ich bin also eine Frau?“, fragte sie triumphierend. „Und ich lebe! Gesteht es.“

„Eine Frau“, erwiderte er heiser. „Und Ihr lebt. Bei Gott, und wie!“

Sie schloss die Lider. Ein Seufzer schüttelte sie – ein Seufzer, der schon fast ein Schluchzen war.

„Das ist die Wahrheit!“, rief sie. „Die einzige Wahrheit, die Ihr gesprochen habt. Nein – schweigt!“, wies sie ihn zurück. „Wenn ich eine Frau bin und lebe, ist die einzige Folgerung, dass alles andere, was Ihr behauptet habt, Lüge ist. Denn ich könnte weder das eine noch das andere sein, wenn Babylon seit sechstausend Jahren Staub wäre und wahrhaftig sechstausend Jahre vergangen wären, seit ich auf dieses Schiff verbannt wurde. Du verlogener Hundesohn!“, schrillte sie und zog ihre beringte Hand über Kentons Lippen.

Die Ringe schnitten tief. Als er zurückwich, halb betäubt von dem Schlag, doch mehr noch, weil er so plötzlich aus seinem Glück gerissen worden war, stieß sie die Tür zu dem Nebenraum auf, in dem er die vielen Mädchen gesehen hatte.

„Luarda! Athna! Ihr alle!“ Mit funkelnden Augen befahl sie sie herbei. „Schnell! Bindet diesen Hund! Bindet ihn, doch tötet ihn nicht!“

Sieben Kriegerinnen mit kurzen Röcken und nackten Schultern stürmten mit Speeren aus dem Raum und warfen sich auf ihn. Und während sie ihn von allen Seiten packten, holte Sharane sich sein Schwert.

Junge, bezaubernde Mädchenleiber pressten auf ihn ein. Sanft und weich war ihre Haut, aber ihre Kraft war die von starken Männern. Sie warfen ihm den blauen Umhang über den Kopf und wanden ihn ihm um den Hals. Erst als Kenton kaum noch Luft bekam, erwachte er aus seiner Erstarrung. Wild riss er sich los, schleuderte den Umhang von sich und sprang Sharane an. Doch die Mädchen waren schneller als er. Sie bildeten einen Wall zwischen ihm und der Priesterin und stießen mit ihren Speeren nach ihm. Weiter und weiter trieben sie ihn zurück, zerfetzten sein Gewand und fügten ihm mehrere leichte Wunden bei.

Durch den Schmerz hörte er Sharanes abfälliges Lachen.

„Lügner!“, höhnte sie. „Lügner, Feigling, Narr! Werkzeug Nergals, zu mir gesandt, um mir mit Schauermärchen den Mut zu rauben! Nun, Dummkopf, ich werde dich mit einer Geschichte zu Nergal zurückschicken, die du ihm erzählen kannst!“

Immer weiter wurde er zurückgedrängt. Die Mädchen ließen ihre Speere fallen und warfen sich erneut gleichzeitig auf ihn. Sie hängten sich an ihn, umklammerten ihn mit Armen und Beinen, bis sie ihn zu Boden gezerrt hatten.

Fluchend wehrte er sich mit Händen und Füßen und Zähnen. Er achtete nicht mehr darauf, dass es Frauen waren, gegen die er kämpfte. Blind vor Wut torkelte er auf die Füße. Die Mädchen hingen an ihm wie Bluthunde an ihrer Beute, suchten nach seiner Kehle, seinen Augen. Er stolperte über die Schwelle der Tür zum Deck und stürzte, die Meute der Wildkatzen auf ihm. Die Tür sprang auf, und sie rollten in wildem Kampf verschlungen hinaus und über das Elfenbeindeck.

Er hörte einen schrillen Warnschrei von Sharane. Der Griff seiner Gegnerinnen lockerte sich. Keuchend taumelte er auf die Beine, und als er sich aufrichtete, stellte er fest, dass er ganz nahe der Linie stand, von der sich die unsichtbare, tödliche Barriere zwischen elfenbeinfarbigem und schwarzem Deck erhob. Er verstand nun, weshalb Sharane ihre Furien zurückgepfiffen hatte. Zu nahe hatte er sie dieser Gefahr gebracht.

Wieder verspottete ihn ihr Lachen. Sie stand auf dem Balkon mit den blühenden Zwergbäumchen, und die Tauben flatterten um sie. Das Schwert Nabus hielt sie in der Hand und hob es nun herausfordernd.

„He, verlogener Bote!“, rief sie. „He, Hund, der sich von Frauen verprügeln lässt! Komm, hol dir dein Schwert!“

„Ich komme!“, brüllte er und sprang.

Das Schiff legte sich schräg. Kenton verlor das Gleichgewicht, er schwankte und taumelte rückwärts zur Linie, wo die verschiedenfarbigen Decks aneinanderstießen.

Und er taumelte darüber, ohne dass ihn etwas daran hinderte.

Etwas, das tiefer als sein Bewusstsein war, registrierte diese Tatsache, registrierte sie und erkannte die ungeheure Bedeutung. Was immer auch die Kraft dieser Barriere war, Kenton vermochte sie nichts anzuhaben. Er setzte zum Sprung zurück an.

„Haltet ihn!“, schrie Klaneth.

Mitten im Sprung schon packten sehnige Finger seine Schulter und schwangen ihn herum. Er blickte in das Satyrgesicht des Trommlers. Überrascht starrte dieser ihn an, und plötzlich wirkten seine Züge überlegend. Die langen Affenarme hoben und schleuderten ihn wie einen jungen Hund hinter sich.

Und keuchend wie ein gereizter Hund kam Kenton wieder auf die Füße und blickte sich um. Schwarzgekleidete Männer kreisten ihn ein; schwarzgekleidete Männer, deren Gesichter totenbleich und unbewegt waren; schwarzgekleidete Männer, die mit Fingern wie Krallen nach ihm griffen. Jenseits des Rings der Schwarzen stand der blondbärtige Krieger mit dem Kettenhemd und neben ihm Klaneth.

Wütend starrte Kenton sie alle an.

„Versucht doch, mich zu halten!“, brüllte er.

Er warf sich gegen die Schwarzgekleideten, aber sie waren zu viele für ihn. Sie übermannten ihn und drückten ihn zu Boden.

Wieder legte das Schiff sich schräg, plötzlicher und heftiger noch als das erste mal. Kenton rutschte seitwärts. Eine schäumende Woge überschwemmte ihn und erstickte ihn fast, wusch jedoch auch die ihn haltenden Hände hinweg. Er schnappte nach Luft und versuchte verzweifelt aufzustehen. Eine weitere Welle erfasste ihn, spülte ihn über die Reling in das aufgewühlte Meer. Mit brennender Lunge kämpfte er sich an die Oberfläche. Er hustete das verschluckte Wasser aus und rieb sich die Augen, ehe er nach dem Schiff schaute.

Ein stürmischer Wind war aufgekommen. Er schaukelte das Schiff heftig und trug es davon – es war schon mindestens hundert Meter von Kenton entfernt. Er brüllte, schwamm ihm nach. Noch lauter toste der Sturm. Schneller und schneller flog das Schiff dahin – und verschwand im silbrigen Dunst.

Kenton sah ein, dass es hoffnungslos war, es noch erreichen zu wollen. Einsam und verlassen schwamm er in einem fremden Meer, in einer fremden Welt.

Eine hohe Woge überspülte ihn. Hustend und prustend tauchte er auf. Der Wind heulte und kreischte über ihm, peitschte die Wellen auf ihn ein. Er hörte das Toben der Brandung gegen noch unsichtbare Klippen. Eine Welle erfasste ihn, hob ihn haushoch. Vor ihm sah er spitze Felszacken, die von mächtigen gelben Klippen aufragten, gegen die sich die schäumenden Wogen warfen. Eine neue Welle packte ihn. Verzweifelt kämpfte er dagegen an.

Allmählich verließ ihn die Kraft. Hilflos war er den Wellen ausgeliefert, die ihn nun geradewegs gegen die gelben Klippen schleuderten.

Die Wucht des Aufpralls war nicht schlimmer, als hätte er weiche Federkissen gerammt. Und dann schien er eine Ewigkeit durch sie hindurchzudringen. Dunkelheit umhüllte ihn, und das Rauschen der Wellen war das einzige Geräusch. Abrupt hielt etwas ihn an. Das Flüstern der Wellen erstarb. Er umklammerte etwas Hartes, Glattes, kein Gestein, nein – Holz.

Plötzlich wusste er, dass er sich wieder in seinem Zimmer befand.

Fröstelnd und taumelnd schaltete er das Licht ein. Was war das zu seinen Füßen? Er blinzelte. Wasser war es, eine Lache, die sich um ihn gebildet hatte. Eine Lache aus Wasser, doch eigenartig verfärbt – von Blut.

Er war nass bis auf die Haut. Er fuhr sich mit der Zunge über die Lippen – sie schmeckten nach Salz.

Und das Wasser, das von ihm tropfte, war bereits rot verfärbt.

Er stolperte zu dem hohen Spiegel in seinem Zimmer. Eine durchnässte Gestalt, von der die zerfetzte Kleidung herunterhing, und von der aus Dutzenden kleinen Wunden Blut sickerte und sich mit dem Wasser von den Lumpen der ehemals so beeindruckenden Kleidung vermischte.

Er war es – er selbst!

Er drehte sich zu dem glitzernden Schiff um und beugte sich darüber. Auf dem schwarzen Deck lehnte sich eine Gruppe winziger Gestalten über die Reling.

Eine zierliche Gestalt stand auf dem Balkon des rosigen Vorkastells.

Sharane!

Er berührte sie.

Hart wie Edelstein und so kalt war sie, eine Nippesfigur – und doch Sharane!

Wunderschöne, erschreckte, rachevolle, spöttische Sharane!

Diese Figur war – sie!

Wie eine zurückkehrende Welle überschwemmte ihn seine verzehrende Wut auf sie. Ihr höhnisches Lachen dröhnte in seinen Ohren. Fluchend hielt Kenton Ausschau nach etwas, mit dem er das Juwelenschiff zerschmettern und somit das Glied zerbrechen könnte, das ihn mit Sharanes Zauberwelt verband.

Nie wieder würde sie sich über ihn lustig machen, ihn verspotten!

Er packte einen schweren Eichenstuhl am Bein, schwang ihn hoch über den Kopf, um ihn mit aller Wucht auf das Schiff zu schlagen ...

Doch plötzlich spürte er unter dem Salz auf seinen Lippen die Süße ihrer Küsse – Sharanes Küsse!

Der Stuhl polterte zu Boden.

„Ischtar! Nabu!“, flüsterte er und streckte bittend die Hände in die Höhe. „Ich flehe euch an. Bringt mich auf das Schiff zurück. Was immer auch der Preis dafür, ich will ihn gern zahlen. Macht, was ihr wollt mit mir – nur bringt mich wieder auf das Schiff!“

Schnell kam die Antwort. Aus der Ferne hörte er ein Brausen wie von Wellen, die gegen die Felsen branden. Lauter wurde es. Mit dem Donnern tobender Wellen löste sich die Außenmauer seines Zimmers auf.

Wo sich die Wand befunden hatte, schäumte die Krone einer gewaltigen Welle. Und diese Welle überspülte Kenton, rollte über ihn hinweg, bis sie ihn schließlich emporhob.

Wieder trieb er auf der Türkisen See.

Er steckte den Kopf aus dem Wasser. Das Schiff war ganz nahe. Sein sichelförmiger Bug schoss dicht an seinem Kopf vorbei. Eine goldene Kette hing davon herab und schnitt durch die Wellen. Kenton griff danach – verfehlte sie.

Er fiel zurück. Viel zu schnell brauste die glitzernde Schiffshülle an ihm vorbei. Er warf sich auf eine Wellenkrone. Noch eine Kette hing herab, eine schwarze vom schwarzen Bug.

Sie gelang es ihm zu fassen. Das Wasser presste gegen seine Hüfte, seine Beine, seine Füße. Mit zusammengebissenen Zähnen hielt er sich fest, zog sich Hand um Hand empor und half mit den Füßen an der Hülle nach. Nun befand er sich unmittelbar unter der Reling. Vorsichtig hob er den Kopf, um darüber zu spähen.

Lange Arme griffen nach ihm. Lange, kräftige Finger packten seine Schultern, zogen ihn hoch, schleuderten ihn auf das Deck und hielten ihn dort fest. Er spürte das Tau, das um seine Fußgelenke geschlungen wurde und seine Arme gegen die Seite band. Er blickte in das Gesicht des froschmäuligen Trommlers.

Und über eine seiner breiten Schultern starrte das weiße Gesicht Klaneths. Er hörte seine Stimme.

„Trag ihn hinein, Gigi.“

Und der Trommler antwortete:

„Wie Ihr wünscht, Klaneth.“

Gigi hob ihn mit einer Leichtigkeit auf, als wäre er ein kleines Kind, und trug ihn in das schwarze Deckhaus.

image
image
image

5. RUDERSKLAVE

image

Der Trommler stellte Kenton auf die Füße und betrachtete ihn neugierig und amüsiert. Auch die grünen Augen des rotbärtigen Kriegers, ebenso wie die blassen Klaneths, hingen neugierig an ihm. Aber die letzteren wirkten keineswegs amüsiert.

Genauso neugierig, wie die drei ihn abschätzten, musterte Kenton auch sie. Als erstes den schwarzen Priester – von wuchtiger Gestalt mit Muskeln wie ein Elefant war er, mit bleicher Haut, unter der die Adern zu tief liegen mussten, als dass sie den roten Puls des Lebens zeigten. Die gnadenlosen Augen funkelten kalt über der Geiernase und den schmalen, grausamen Lippen. Es war das Gesicht Neros, aus eisigem Lehm nachmodelliert von den froststarrenden Händen eines Gottes der finstersten Kälte.

Schwer wirkte er, und das Böse in ihm hob sich geradezu plastisch ab. Aber es war nicht das fanatische Böse, wie es so oft vom Leben angezogen und durch sein Feuer verwandelt wird. Das Böse in Klaneths Gesicht war von der reglosen Kälte des Todes.

Als zweites musterte er Gigi, den Trommler. Er betrachtete sein froschähnliches Gesicht mit den fast spitzen Ohren, von denen die schwarzen Ringe baumelten; den Oberkörper eines Giganten, die breiten Schultern, die langen Arme, deren Kraft Kenton zu spüren bekommen hatte; den Schlitz von einem Mund, dessen Winkel verschmitzten Humor verrieten. Etwas der alten, erdverbundenen Götter haftete ihm an, ein wenig Pan, und eine Spur mehr noch Satyr.

Der dritte war ein Perser aus der Zeit, als die persischen Horden dieselbe weltgeschichtliche Bedeutung hatten wie später die römischen Legionen. Jedenfalls hielt Kenton ihn dafür, nach seinem leichten Kettenhemd zu schließen, den seidenen Beinkleidern, den hohen Lederstiefeln, dem Krummdolch und Krummsäbel in seinem edelsteinbesetzten Gürtel. Und menschlich war er wie Kenton selbst. Nichts vom blutigen Todeshauch Klaneths oder von der Aura Gigis haftete ihm an. Die vollen roten Lippen unter dem sorgsam gestutzten Schnurrbart wirkten sinnlich, das Gesicht war heller als Kentons, aber es schien resigniert fast, von quälender Langeweile überschattet, die selbst seine offene Neugier und sein Interesse für Kenton nur wenig verwischen konnte.

Kein Wort fiel. Sie standen nur und schätzten ihn ab, jeder, wie es Kenton schien, mit einem anderen Hintergedanken. Er wandte sich von ihnen ab und blickte sich um.

Vor ihm befand sich eine gewaltige Platte aus Blutstein. Sechs Priester knieten darauf und beteten etwas in einer Nische unmittelbar über der Steinplatte an. Was es war, konnte er nicht sagen, außer dass etwas unvorstellbar Böses davon ausströmte. Ein wenig größer als ein Mann war das Ding in der Nische, schwarz und formlos, als bestünde es aus verschlungenen Schatten. Es pulsierte sichtbar, und die Schatten lösten sich stellenweise auf, nur um sich gleich wieder zu verdichten.

Dunkel war es in dem Deckhaus mit den Wänden aus rauem schwarzem Marmor. Andere Schatten pressten sich gegen diese Wände und sammelten sich in den Ecken; finstere, unheimliche Schatten, die vielleicht nur auf den Befehl warteten, Substanz anzunehmen. Sie strahlten die gleiche Verruchtheit aus wie das unheilige Ding in der Nische.

Hinter dem vorderen Raum befand sich wie in Sharanes Kastell ein zweites Zimmer. Zwölf oder mehr schwarzgekleidete, weißgesichtige Priester drängten sich an der Tür zusammen und starrten zu ihm heraus.

„Kehrt auf eure Plätze zurück“, befahl Klaneth ihnen und brach so das Schweigen. Gehorsam zogen sie sich zurück. Er schloss die Tür vor ihren neugierigen Blicken. Der schwarze Priester tupfte mit dem Fuß gegen einen der Knienden.

„Unser Gott Nergal ist zufrieden mit eurer Andacht. Lasst es für den Augenblick genug sein. Seht, er hat eure Gebete verschlungen.“

Kenton starrte mit großen Augen auf das Ding in der Nische. Es war nicht länger formloser Schatten. Schwarz hob es sich von der Dunkelheit der Nische ab. Seine Gestalt war die eines Mannes, und sein Gesicht die gleiche schreckliche Fratze des absolut Bösen, in die sich das Gesicht Klaneths bei seinem ersten Abenteuer auf dem Schiff verwandelt hatte.

Es waren die Züge Nergals – des Herrn der Toten!

Aber was waren die verschlungenen, vibrierenden Schatten gewesen, die die Statue eingehüllt hatten? Was hatte Klaneth gesagt? Nergal habe ihre Gebete verschlungen. Waren die schwarzen Schatten wahrhaftig die Gebete der Priester gewesen? Schwarze Gebete, unheilige Gebete, die aus den Gehirnen der Priester wie schwarze Schleier geströmt waren, die die Skulptur bedeckt hatten und in sie drangen? Von ihr geschluckt?

Er spürte die Augen Klaneths, die ihn heimlich beobachteten. Ein Trick! Ein Trick, um ihn einzuschüchtern! Doch das würde ihm nicht gelingen! Ungerührt und herausfordernd suchte er die Augen des schwarzen Priesters und lächelte.

Der Perser grinste.

„He, Klaneth“, brummte er. „Ihr habt Euch verrechnet. Vielleicht hat der Fremde ähnliches bereits gesehen. Vielleicht ist er selbst ein Zauberer und besserer Kunststücke mächtig. Lasst Euch etwas anderes einfallen, Klaneth, etwas Besseres.“

Er gähnte und setzte sich auf einen niedrigen Diwan. Grimm verzerrte das Gesicht des schwarzen Priesters.

„Es ist besser, du schweigst, Zubran“, warnte er. „Sonst könnte es leicht sein, dass unser Gott Nergal sich etwas anderes für dich einfallen lässt und deinen Unglauben für immer beendet.“

„Unglauben?“, wiederholte der Perser. „Oh, Nergal ist wirklich genug. Nicht der Unglauben ist es, der mir zu schaffen macht, sondern die ewige Monotonie. Fällt Euch denn nie etwas Neues ein, Klaneth? Kann Nergal nicht einmal etwas anderes tun? Vielleicht gelingt es Euch, ihn dazu zu bringen. Bei Ahriman, ich wünschte, er würde diese Eintönigkeit ändern – wenn er kann!“

Wieder gähnte er aufreizend. Der schwarze Priester knirschte mit den Zähnen. Er drehte sich zu den sechs Andächtigen herum.

„Geht!“, befahl er. „Und schickt mir Zachel.“

Sie schritten durch die Tür nach draußen. Der schwarze Priester ließ sich auf einem anderen Diwan nieder und musterte Kenton düster. Auch der zusammengekauerte Trommler ließ keinen Blick von Kenton. Der Perser brummte etwas vor sich hin und spielte mit dem Dolchgriff. Die Tür öffnete sich. Ein Priester trat ein. Er hielt eine Peitsche mit Riemen aus Schlangenhaut, die in metallenen Spitzen ausliefen, in der Hand. Tief verbeugte er sich vor Klaneth.

„Schlafen die Sklaven?“, fragte der schwarze Priester.

„Sie schlafen, Herr“, antwortete jener, der Zachel genannt wurde. Und nun erkannte Kenton ihn auch. Als er sich in der Nähe des Mastes an die Reling gelehnt hatte, hatte er den Mann auf einer hohen Plattform zu Fuß des Mastes sitzen gesehen. Er war offenbar der Aufseher der Rudersklaven, und die lange, geflochtene Peitsche diente dazu, sie anzutreiben.

„Ist er es, den du vor ein paar Schlafzeiten auf dem Deck liegen sahst, als unser Lord Nergal in mich drang?“, fragte Klaneth. „Der dort lag und verschwand, als die Sklavin Ischtars, verflucht sei sie, sich über ihn beugte?“

„Er ist es, Herr“, versicherte ihm der Aufseher. Näher trat er an Kenton heran und betrachtete ihn. „Er trug nicht die gleiche Kleidung wie jetzt – aber er ist es!“

„Wohin ist er dann verschwunden?“, murmelte Klaneth mehr zu sich selbst als zu den anderen. „In die Kabine des Mädchens? Aber wenn dem so ist, weshalb hat sie ihn dann herausgejagt und ihm ihre Furien nachgeschickt? Und woher ist dieses Gewand, das er jetzt trägt – und das Schwert, mit dem sie ihm nachdrohte und das sie ihn aufforderte, sich zurückzuholen. Ich kenne diese Klinge ...“

„Er begab sich nicht in ihr Haus, als er damals plötzlich nicht mehr zu sehen war, Herr“, erklärte Zachel. „Ich sah, wie sie ihn suchte. Sie kehrte allein zurück. Er war – verschwunden!“

„Zwei Schlafzeiten sind vergangen, seit sie ihn vertrieb“, hing Klaneth seinen Überlegungen nach. „Inzwischen ist das Schiff eine große Strecke gesegelt. Und sahen wir ihn nicht weit hinter uns in den Wellen treiben? Doch ist er jetzt wieder auf dem Schiff und die Wunden, die die Tempelfurien ihm zufügten, scheinen noch frisch, bluten sogar noch, als wäre er nur Augenblicke fort gewesen. Und wie gelangte er durch die Barriere? Ja, wie schaffte er das?“

„Ah, endlich erwähnt Ihr diese interessante Frage!“, rief der Perser. „Lasst ihn uns verraten, wie er es tat. Er soll seine Kunst auch mir beibringen – und bei den Neun Höllen, nicht lange mehr würde ich in dieser Gesellschaft verweilen.“

Kenton bemerkte den warnenden Blick, den der Trommler Zubran heimlich zuwarf. Er sah, wie die Augen des schwarzen Priesters sich drohend verengten, wie sich sein Gesicht noch grimmiger verzerrte.

„Ho, ho!“, lachte Gigi. „Zubran scherzt, Klaneth. Würde er das Leben nicht überall so langweilig finden, wie er glaubt, dass es hier bei uns ist? Na, stimmt das nicht, Zubran?“

Wieder der heimlich warnende Blick, und der Perser befolgte den wohlgemeinten Rat.

„Ja, du hast wohl recht“, brummte er mürrisch. „Doch wie dem auch sei – habe ich nicht meinen Eid auf Nergal geschworen? Aber trotzdem“, murmelte er. „Die Götter gaben den Frauen Reize, die noch nicht langweilten, seit sie die Welt erschufen.“

„Sie verlieren diese Reize in Nergals Reich“, sagte der schwarze Priester hart. „Dort gibt es keine Liebe, Zubran. Besser, du vergisst das nicht und hütest deine Zunge, wenn du dich nicht an einem schlimmeren Ort wiederfinden willst als hier – wo du zumindest deinen Körper hast.“

„Darf ich sprechen, Herr?“, fragte Zachel. Kenton fühlte Bosheit und Drohung in dem Blick, den der Aufseher ihm zuwarf.

Der schwarze Priester nickte.

„Ich glaube, er konnte die Barriere überschreiten, weil er nichts von unserem Gott weiß“, sagte Zachel. „Vielleicht ist er sogar ein Feind unseres göttlichen Herrn. Wenn nicht, wieso gelang es ihm dann, die Hände Eurer Priester abzuschütteln, in der See zu verschwinden – und wiederzukehren?“

„Nergals Feind!“, stieß Klaneth hervor.

„Aber das bedeutet noch lange nicht, dass er ein Freund Ischtars ist“, gab der Trommler zu bedenken. „Gewiss, wenn er auf den Finsteren geschworen hätte, könnte er die Barriere nicht durchdringen. Aber genauso unmöglich wäre ihm das, betete er Ischtar an.“

„Wie wahr!“ Klaneths Gesicht erhellte sich. „Und ich kenne dieses Schwert. Es ist Nabus Klinge!“

Nachdenklich schwieg er einen Augenblick. Als er wieder sprach, waren seine Worte von echter Höflichkeit gezeichnet.

„Fremder“, sagte er mit schwerer Stimme. „Wenn wir Euch schlecht behandelt haben, so bitte ich Euch, verzeiht uns. Besucher sind selten auf diesem Schiff. Ihr – nun, ich will offen sein – habt uns über alle Maßen verwirrt. Zachel, löse seine Bande.“

Der Aufseher gehorchte mit mürrischem Gesicht.

„Wenn Ihr, wie ich glaube, von Nabu kommt“, fuhr der schwarze Priester fort, „so seid versichert, dass ich keine Fehde mit dem Großen Weisen und seinen Getreuen habe. Noch ist mein Herr, der Gott der Unterwelt, sein Gegner. Wie könnte das auch sein, wenn der eine den Schlüssel zu allem Wissen dieses Lebens trägt und der andere jene, die die Tür zum endgültigen Wissen öffnet? Nein, zwischen ihnen herrscht kein Zwist. Seid Ihr ein Schützling Nabus? Brachte er Euch auf dieses Schiff? Und – weshalb?“

Kenton schwieg und suchte verzweifelt nach einer Antwort. Er konnte ihn nicht hinhalten, das wusste er, noch durfte er ihm die Wahrheit gestehen wie Sharane, die ihn dafür wie einen räudigen Hund aus ihrem Kastell gejagt hatte. Hier war Gefahr, viel schlimmere als jene, die ihm in dem rosigen Deckhaus gedroht hatte.

Klaneths Stimme unterbrach seine Gedanken. „Doch selbst die Gunst Nabus konnte Euch nicht davor bewahren, Euer Schwert an die Frauen zu verlieren und Euch vor ihnen zu retten. Meint Ihr, sie könnte Euch vor meinen Peitschen, meinen Ketten – und Schlimmerem – schützen?“

Während Kenton noch schwieg, flammte finsteres Licht in den blassen Pupillen auf, und der schwarze Priester schrie:

„Antworte mir!“

„Antwortet Lord Klaneth!“, brüllte Gigi. „Hat die Angst Euch die Zunge gelähmt?“

Unter dem scheinbaren Grimm des Trommlers las Kenton eine Warnung und ein Gefühl der Freundschaft. Und Gigi hatte auch nichts von seinem zweiten Auftauchen auf dem Elfenbeindeck erwähnt, und davon, dass er Sharanes Raum betreten hatte. Weshalb?

„Wenn seine Gunst mich hätte schützen können, so tat sie es zumindest nicht“, murmelte er schließlich.

Der schwarze Priester lehnte sich höhnisch grinsend auf dem Diwan zurück.

„Noch, glaube ich, könnte sie Euch schützen, wenn ich Euren Tod beschlösse.“

„Tod, wenn er ihn beschließt!“, krächzte Gigi.

„Wer immer Ihr auch seid“, fuhr der schwarze Priester fort, „woher Ihr kommt und wie – eines ist gewiss. Ihr habt die Macht, eine Kette zu brechen, die mich verdrießt. Nein, Zachel, bleib.“ Er wandte sich an den Aufseher, der gehen wollte. „Ich schätze deinen Rat. Bleib!“

„Ich habe einen toten Sklaven am Ruder“, erklärte Zachel. „Ich möchte seine Ketten lösen und ihn über Bord werfen.“

„Toter Sklave?“, echote Klaneth aufhorchend. „Welcher war es? Wie starb er?“

„Wer weiß das schon?“ Zachel zuckte die Schultern. „Vielleicht hatte der Lebenswille ihn verlassen. Er war einer von jenen, die von Anfang an auf dem Schiff waren. Er saß neben dem gelbhaarigen Sklaven aus dem Norden, den wir in Emakthila kauften.“

„Nun – er hat lange gedient“, brummte der Priester. „Nergal hat ihn zu sich geholt. Lass seinen Kadaver die Ketten noch ein wenig länger tragen. Bleib hier!“

Wieder wandte er sich an Kenton, und sein Ton war endgültig.

„Träger von Nabus Schwert, ich biete Euch die Freiheit. Ich biete Euch Reichtum und Macht. Ich werde Euch zu Ehren und Vermögen verhelfen, wenn wir erst in Emakthila sind, wohin wir segeln, sobald Ihr meinen Vorschlag angenommen und ausgeführt habt. Dort könnt Ihr Priester werden, wenn Ihr wollt, und einen eigenen Tempel haben. Gold und Frauen und Ansehen, all das wird Euer sein, wenn Ihr tut, was ich Euch sage. Lehnt Ihr es jedoch ab – dann erwarten Euch Folter und Pein, wie kaum ein Mann sie je erduldete. Und später, viel später – der Tod!“

„Was ist Euer Wunsch, dessen Erfüllung mir all das Versprochene bringen könnte?“, fragte Kenton. Der schwarze Priester erhob sich und neigte ein wenig den Kopf, um durchdringend in Kentons Augen zu blicken.

„Töte Sharane!“, befahl er.

Sharane töten? Trotz ihres Zorns, der ihn so ergrimmte, spürte Kenton immer noch ihre Küsse süß auf seinen Lippen. Allein der Gedanke, den Befehl des anderen auszuführen, erschütterte ihn in tiefster Seele. Er straffte die Schultern, überlegte verzweifelt, wie er Zeit gewinnen könnte.

„Kein sehr wohlüberlegter Vorschlag, Klaneth.“ Die Stimme des Persers klang spöttisch. „Habt Ihr vergessen, wie die Mädchen ihn fertigmachten? Genauso gut könnt Ihr einen senden, eine Löwin zu bändigen, die bereits von ihren Jungen verscheucht wurde.“

„Ich beabsichtige nicht, ihn über das offene Deck zu schicken, wo er ganz sicher gesehen würde. Nein, er kann um den Schiffsrumpf herum klettern – von Kette zu Kette. Oder er könnte die Ruder anhalten, das Segel reffen, das Schiff zum Stillstand bringen und lautlos zum Bug schwimmen. Es ist ein Fenster in dem Raum, in dem sie schläft. Dort hinauf und hindurch kann er steigen ...“

„Besser, Ihr lasst ihn erst den Eid auf Nergal leisten, Herr“, riet Zachel. „Sonst kehrt er vielleicht nicht wieder zurück.“

„Narr!“, höhnte Gigi. „Wenn er Nergal schwört, mag die Barriere auch für ihn undurchdringlich sein, wie sie es für alle ist, die den Eid auf den Finsteren Gott leisteten, genau wie für jene, die Ischtar ergeben sind.“

„Richtig.“ Der schwarze Priester nickte. „Dieses Risiko dürfen wir nicht eingehen. Wohl gesprochen, Gigi.“

Ein Plan nahm in Kentons Kopf Form an.

„Weshalb wollt Ihr sie tot sehen?“, fragte er. „Lasst sie mich zu meiner Sklavin machen, damit ich ihr den Spott und die Schläge heimzahle. Gebt sie mir – und Ihr mögt all den Reichtum und die Ehren, die Ihr mir anbotet, behalten. So sehr hasse ich sie!“

„Nein!“ Der schwarze Priester beugte sich näher, sein Blick noch durchdringender auf Kenton. „Sie muss getötet werden. Solange sie lebt, hat die Göttin ein Gefäß, in das sie schlüpfen kann. Lebt Sharane nicht mehr, gibt es keine auf diesem Schiff, durch die sie Gestalt annehmen kann. Das weiß ich genau. Mit Sharane aus dem Weg regiert Nergal. Durch mich siegt er! Durch mich!“

Der Plan in Kentons Kopf war gereift. Er würde versprechen zu tun, was Klaneth verlangte. Dann wollte er in ihr Schlafgemach schleichen und ihr von dem Anschlag berichten. Irgendwie würde er sie dazu bringen, ihm zu glauben. Und danach wollte er sein Schwert nehmen, den Weg zurückkehren, den er gekommen war – und Klaneth töten! Aber würde ihm das gelingen? Plötzlicher Zweifel befiel ihn, als er die wuchtige Figur des schwarzen Priesters und die drei anderen verstohlen betrachtete. Außerdem kam noch das schwarzgekleidete Pack dazu. Könnte er allein gegen sie alle überhaupt etwas ausrichten? Hätte er eine Chance, Klaneth zu töten?

Der Zweifel schwand. Etwas sagte ihm, dass weder Gigi noch der Perser sich gegen ihn stellen würde, dass ein tiefer heimlicher Hass auf den schwarzen Priester die beiden verband. Weshalb sonst hätte der Trommler Zubran verstohlen gewarnt? Und warum hatte Gigi sonst versucht, ihn, Kenton, unbemerkt vor dem Priester zu schützen? Weshalb sonst hatte Gigi Klaneth sein zweites Auftauchen auf dem Schiff verschwiegen? War der Trommler des Lebens auf dem Schiff genauso überdrüssig wie der Perser? Wollte er Klaneth aus dem Weg geräumt sehen, und konnte er – aufgrund des Eides auf Nergal, vielleicht – nicht selbst etwas gegen ihn unternehmen?

Zu spät sah er am Gesichtsausdruck des schwarzen Priesters, dass etwas von all seinen Gedanken sich auf seinem Gesicht abgespiegelt haben und Klaneth es richtig gelesen haben musste. Zu spät erinnerte er sich, dass die scharfen, boshaften Augen des Aufsehers keinen Blick von ihm gelassen und sicher jede Regung richtig interpretiert hatten.

„Seht doch, Herr!“, schnaubte Zachel. „Seht doch! Gewiss könnt Ihr seine Gedanken genauso lesen wie ich. Seht Ihr, was er plant? Ihr habt mich hierbehalten, um Euch zu raten. So lasst mich nun aussprechen, was ich meine. Ich glaubte, er sei von neben dem Mast verschwunden, wie ich es Euch berichtete. Aber stimmt das wirklich? Die Götter besuchen das Schiff und gehen, wie es ihnen gefällt. Doch nicht ein Mensch. Wir dachten, wir hätten ihn in den Wellen weit hinter dem Kiel schwimmen sehen. Aber taten wir das wahrhaftig? Durch Zauberei mochte er uns sehen lassen, was nicht so war. Sicher hat er sich die ganze Weile an Bord befunden, versteckt in Sharanes Kabine. Aus ihrem Deckhaus sahen wir ihn kommen ...“

„Aber von ihren Kriegerinnen herausgejagt, Zachel“, unterbrach ihn der Trommler. „Vertrieben und geschlagen. Vergiss das nicht. Keine Freundschaft war zwischen ihnen, Klaneth. Sie hingen an seiner Kehle wie Hunde an einem Hirsch.“

„Ein Theater!“, rief Zachel. „Ein Trick, um Euch zu täuschen, Herr. Sie hätten ihn töten können. Weshalb taten sie es nicht? Sie hetzten ihn, ja. Aber herüber zu uns. Sharane wusste, dass er imstande ist, die Barriere zu überqueren, so wie Ihr es nun wisst. Hätte sie uns Verstärkung geschickt? Glaubt Ihr nicht, sie hatte einen Hintergedanken dabei? Und was könnte dieser schon gewesen sein? Ist er nicht leicht zu erraten, Herr? Sie sandte ihn, um Euch zu töten, so wie Ihr wolltet, dass er sie tötet!

Er ist ein kräftiger Mann – und lässt sich von Weibern schlagen! Er hat ein Schwert, eine wahrhaft scharfe Klinge und heilig noch dazu – und gestattet, dass eine Frau sie ihm abnimmt! Ho! Ho!“, lachte Zachel. „Glaubt Ihr das wirklich, Herr. Nun, ich glaube es nicht!“

„Bei Nergal!“, fluchte Klaneth, und wieder funkelten seine blassen Augen. „Bei Nergal!“

Er packte Kenton an den Schultern, schleuderte ihn durch die Kabine und hinaus auf das Deck. Rasch folgte er und setzte ihm den Fuß auf die Brust.

„Sharane!“, brüllte er. „Sharane!“

Schwach hob Kenton den Kopf. Er sah sie neben der Vorkastelltür stehen, die Arme um die schlanke Taille zweier ihrer Mädchen. „Was willst du – Wurm?“, rief sie.

„Nergal und Ischtar sind anderswo beschäftigt“, höhnte Klaneth. „Das Leben auf dem Schiff wird eintönig. Hier habe ich einen Sklaven unter meinem Fuß. Einen verlogenen Sklaven. Kennt Ihr ihn, Sharane?“

Er bückte sich und hielt Kenton in die Höhe, wie ein Mann ein Hündchen. Sein Gesichtsausdruck, abfällig und kalt, änderte sich nicht.

„Er bedeutet mir nichts – Wurm“, erwiderte sie. „Ich verjagte ihn. Zu Euch, wohin er gehört. Tut mit den Euren, was Ihr wollt. Es ist mir gleichgültig.“

Hinter ihrer Ruhe musste der schwarze Priester etwas gespürt haben, das Kenton verborgen blieb, denn die fahlen Augen leuchteten auf, die Lippen verzogen sich vor grausamer Freude.

„Ah, er bedeutet Euch also nichts?“, brüllte Klaneth. „Und doch kam er auf Euren Wunsch zu mir. Nun, er hat eine verlogene Zunge, Sharane. Nach dem alten Recht für Sklaven wird er dafür bestraft werden. Ich werde vier meiner Männer gegen ihn stellen. Besiegt er sie, behalte ich ihn noch eine Weile – um mich über ihn zu amüsieren. Aber überwältigen sie ihn, dann werden sie ihm die Zunge aus dem Mund reißen. Und ich werde sie Euch als Zeichen meiner Wertschätzung überlassen – o heiliges Gefäß Ischtars!“

Der schwarze Priester lachte laut und höhnisch, als Sharane mit bleichem Gesicht zurückwich. „An ihr könnt Ihr Eure Zauberkraft erproben, Sharane. Bringt die Zunge dazu, zu sprechen. Lasst sie Euch von Liebe stammeln. Lasst sie Euch versichern, wie schön Ihr seid, Sharane. O wundervolle, o süße Sharane! Doch gestattet ihr auch, ein wenig zumindest, sich darüber zu beklagen, dass Ihr sie zu mir sandtet, um ausgerissen zu werden!“

Er warf Kenton eine leichte Peitsche zu, die einer der Akoluthen inzwischen aus dem Deckhaus geholt hatte. „Kämpfe!“, knurrte er. „Kämpfe um deine lügnerische Zunge!“

Vier der Priester sprangen vorwärts und zogen Peitschenschnüre mit Metallkugeln unter ihren schwarzen Gewändern hervor. Sie kreisten Kenton ein, und ehe er noch seine Kräfte sammeln und die Bedrohung voll erfassen konnte, waren sie schon über ihm. Sie tänzelten um ihn wie vier gierige Wölfe, schlugen mit den Peitschenschnüren nach ihm. Hiebe hagelten auf seinen Kopf, seine nackten Schultern. Ungeschickt versuchte er sie abzuwehren und zurückzuschlagen. Die Metallkugeln bissen tief in sein Fleisch. Von den Schultern, der Brust, dem Rücken sickerte Blut.

Eine Schnur schnellte über sein Gesicht. Es fehlte nicht viel, und sie hätte ihm das Augenlicht geraubt.

Wie aus weiter Ferne hörte er Sharanes Stimme, schrill vor Verachtung.

„Sklave – kannst du nicht einmal kämpfen?“

Fluchend ließ er die nutzlose Peitsche fallen. Vor ihm war das grinsende Gesicht des Priesters, der ihn soeben geschlagen hatte. Ehe er mit seinen Peitschenschnüren erneut ausholen konnte, hatte Kenton seine Faust in die höhnische Visage geschmettert. Er spürte unter seinen Knöcheln, wie die Nase nachgab und die Zähne brachen. Der Priester taumelte zurück, stürzte gegen die Reling.

Sofort fielen die drei anderen über Kenton her. Sie rissen wie Hunde an seiner Kehle, schlugen ihm die Krallen ins Fleisch und versuchten, ihn zu Boden zu zerren. Es gelang ihm freizukommen. Einen Augenblick blieben die drei zurück, dann rannten sie auf ihn zu, einer ein Stück vor den anderen. Kenton packte ihn am Arm, drehte ihn über seine Schulter, drückte die Hüfte gegen die Seite des anderen und schleuderte den Priester gegen das auf ihn einstürmende Paar. Ein wenig zu kurz flog er. Der Schädel krachte auf das Deck. Einen Augenblick noch zuckten die Beine, dann lag der Priester mit unnatürlich verdrehtem Kopf still auf den schwarzen Planken.

„Ein guter Wurf!“, hörte Kenton den Perser rufen. „Einer, der nie wieder seine Peitsche benutzen wird!“

Lange Finger umklammerten seine Fußgelenke. Er verlor den Halt. Im Fallen sah er flüchtig das zerschmetterte Gesicht des ersten Priesters, der gegen die Reling gestürzt war. Er war inzwischen wieder zu Bewusstsein gekommen und auf ihn zugekrochen. Wild schlug Kenton mit den Armen aus, um das Gleichgewicht wiederzugewinnen. Sie trafen einen der beiden, gegen die er den nun toten Priester hatte schleudern wollen. Er hielt sich an ihm fest. Gemeinsam stürzten sie, während der andere sich über ihn warf.

Jener, an den Kenton sich geklammert hatte, tastete nach seiner Kehle, presste beide Hände um seinen Hals und drückte. In der roten Agonie des Würgegriffs durchzuckte Kenton wie ein Blitz die Erinnerung an ein schreckliches Bild eines ähnlichen ungleichen Kampfes auf einem Schlachtfeld in Frankreich. Mit zwei ausgestreckten Fingern schoss seine rechte Hand hoch. Sie fanden die Augen des Würgers, drückten mit aller Verzweiflung, drückten ... Wie durch Watte hindurch hörte er einen grauenvollen Schmerzensschrei. Die würgenden Finger lösten sich von seiner gepeinigten Kehle. Wo die Augen gewesen waren, sah er nun zwei rote leere Höhlen.

Kenton sprang auf die Füße. Während sein Magen sich umzudrehen drohte, trat er nach dem Mann, der seine Knöchel festhielt, bis sich die Hände lösten.

Ein flüchtiger Blick zeigte ihm Sharane, die mit weit aufgerissenen Augen zu ihm herüberstarrte, und es wurde ihm bewusst, dass das höhnische Gelächter des schwarzen Priesters verstummt war.

Der vierte Akoluth sprang ihn an. Ein Dolch glänzte in seiner Faust. Kenton senkte den Kopf, rammte den Angreifer und packte gleichzeitig blitzschnell die Hand mit der Klinge. Er bog den Arm des anderen zurück, hörte, wie die Knochen splitterten. Der vierte Priester heulte auf und fiel zu Boden.

Kenton sah, wie Klaneth ihn mit offenem Mund ungläubig anstarrte.

Ein Satz brachte ihn zu ihm, die Faust zum Kinnhaken ausholend. Aber der schwarze Priester streckte die Arme aus und fing ihn im Sprung ab. Dann hob er ihn hoch über seinen Kopf, drehte ihn, um ihn auf das Deck zu schmettern. Kenton schloss die Augen – das also war sein Ende!

Drängend, verzweifelt fast, klang die Stimme des Persers. „He, Klaneth! He! Töte ihn nicht. Lange ist es her, dass ich einen solchen Kampf sah! Bei Ischak von den Neun Höllen – töte ihn nicht! Lass ihn sich erholen und wieder kämpfen!“

Auch Gigi fiel ein. „Nein, Klaneth! Nein!“ Kenton spürte des Trommlers lange Finger Halt gebend um sich. „Nein, Klaneth! Er kämpfte fair und gut wie selten einer. Vielleicht wird er seine Meinung ändern – mit ein wenig – ah – Überredung. Vergiss nicht, Klaneth, er ist der einzige, der die Barriere überqueren kann.“

Langsam senkte der schwarze Priester Kenton herab.

„Überredung? Ha!“, knurrte der Aufseher. „Gib ihn mir, Herr, damit er den Platz des Sklaven einnimmt, der am Ruder starb.“

Klaneth ließ Kenton auf das Deck fallen und starrte einen Augenblick nachdenklich auf ihn herab. Dann nickte er, drehte sich abrupt um und stapfte in seine Kabine. Kenton zitterte am ganzen Leib und kauerte sich mit den Händen um die Knie zusammen.

„Löse die Ketten des Toten und wirf ihn über Bord, Zachel“, hörte er Gigi sagen. „Ich passe auf den da auf, bis du zurückkommst.“

Die Schritte des Aufsehers entfernten sich. Der Trommler beugte sich über Kenton.

„Gut gekämpft, Wolfling“, flüsterte er. „Wahrhaftig gut gekämpft! Nun zu deinen Ketten. Gehorche. Deine Chance wird kommen. Tu, was ich sage, Wolfling – und ich werde tun, was ich kann.“

Er schritt von hinnen. Kenton hob den Kopf. Er sah den Trommler sich bücken, die Leiche des Priesters mit dem gebrochenen Genick aufheben und über die Reling werfen. Dann bückte er sich ein zweites Mal und sandte ihm den anderen mit dem zerschmetterten Gesicht nach. Überlegend hielt er vor dem heulenden Elend des dritten mit den leeren Augenhöhlen an, der sich auf den Deckplanken wand. Er packte auch ihn und warf ihn über Bord.

„Drei weniger, die uns zu schaffen machen können“, murmelte er.

Kentons Zittern wurde stärker, seine Zähne schlugen aufeinander, er schluchzte. Der Trommler blickte überrascht auf ihn herab.

„Du hast gut gekämpft, Wolfling“, sagte er erneut. „Weshalb zitterst du dann jetzt wie ein geschlagener Hund, dem man den Knochen weggenommen hat?“

Er legte beide Hände auf Kentons blutende Schultern. Unter seiner Berührung beruhigte sich der Bebende. Es war, als fließe durch Gigis Hände ein Strom kalter Stärke, den seine Seele aufsog. Wie aus einer uralten Quelle, einem stillen Teich archaischer Gleichgültigkeit sowohl dem Leben als auch dem Tod gegenüber, durchrieselte ihn der kalte Strom.

Und nie wieder, obgleich er es nicht wusste, sollte Kenton jenen Respekt und jene Angst, die in seiner eigenen Welt ihre ewigen Schatten warf, vor Leben und Tod empfinden. Bewusst wurde ihm nur, dass jede Schwäche des Geistes verschwunden war. Verschwunden waren auch seine Gewissensbisse, sein Ekel über sich selbst, die sich nach dem grausamen Kampf seiner bemächtigt hatten.

An ihrer Stelle schwoll der kühne Wille in ihm auf, dieses Schiff zu erobern!

Sein Herr zu werden!

Klaneth und den finsteren Gott zu besiegen!

Sich Sharane zu eigen zu machen!

„Gut!“, brummte Gigi und erhob sich. „Vergiss es nicht. Zachel kommt dich holen.“

Der Aufseher riss ihn grob hoch. Er deutete auf die Stufen, die vom schwarzen Deck hinunter auf das Ruderdeck führten. Mit Zachel hinter sich, tastete Kenton sich hinab in die Düsternis. Er stolperte den schmalen Laufgang entlang, bis Zachel ihm vor einem schweren Ruder anzuhalten befahl. Ein Mann schlief darüber gebeugt. Von seinen mächtigen Schultern und Oberarmen hoben sich dick die Muskelstränge ab. Das lange, goldblonde Haar hing ihm über das Gesicht und verbarg es. Ein dicker Bronzering umgab seine Mitte. Eine starke Eisenkette führte davon zu einer tief in das Holz unter der Bank eingelassenen Krampe. Seine Handgelenke waren an das Ruder gekettet und das wiederum an die Bank, auf der der Schläfer saß.

Links von ihm lagen ein leerer Bronzering und zwei ebenso leere Armringe, deren Ketten ebenfalls mit dem Ruder verbunden waren.

Zachel stieß Kenton auf die Bank neben den Schlafenden, legte ihm den Bronzereif um die Mitte, ließ ihn einschnappen und verschloss ihn. Dann steckte er seine Hände durch die Armringe und schloss auch sie.

Der goldhaarige Riese bewegte sich nicht. Er schlief mit dem Gesicht auf den Händen.

Plötzlich spürte Kenton Augen auf sich. Er warf einen Blick über seine Schulter und sah Sharane, die zu ihm herabschaute. Mitleid las er in ihren Zügen, aber auch Verwirrung, und das Erwachen von etwas, das sein Herz heftig pochen ließ.

„Ich werde dir schon Gehorsam beibringen“, drohte Zachel, ehe er ihn verließ.

Noch einmal blickte Kenton sich um.

Sharane stand nicht mehr am Geländer zum Unterdeck.

Er beugte sich über das Ruder neben dem schlafenden Riesen.

Beugte sich über das Ruder, an das er gekettet war!

Als Sklave des Schiffes!

image
image
image

6. UNTER ZACHELS PEITSCHE

image

Das Schrillen einer Pfeife weckte Kenton. Etwas zischte auf seine Schulter wie brennende Kohle. Er hob den Kopf und starrte verwirrt auf die gefesselten Handgelenke. Wieder biss die glühende Kohle in das Fleisch seiner Schulter.

„Auf, Sklave!“, hörte er eine höhnische Stimme – eine Stimme, an die er sich durch die Schleier seines Schlafes hindurch erinnerte. „Auf, und an das Ruder mit dir!“

Dann vernahm er eine zweite Stimme, ganz nahe bei ihm, die heiser flüsterte, aber aus der die Wärme von Kameradschaft sprach: „Steh auf, ehe seine Peitsche blutige Runen in deinen Rücken zeichnet.“

Kenton richtete sich auf. Seine Hände fielen automatisch in die vom ständigen Gebrauch ausgehöhlten Stellen des hölzernen Ruderschaftes, an den er gekettet war. Er stand nun auf der Bank, und seine Augen blickten hinaus auf den unbewegten Türkisen Ozean in einer riesigen Schale aus silbernem Dunst. Vor ihm befanden sich vier Männer, zwei, die standen, und zwei, die saßen, und die wie er ein Ruder umklammerten, das durch einen Schlitz in der Schiffshülle ins Wasser schnitt. Vor ihnen hob sich schräg ein schwarzes Deck ...

Nun kehrte die Erinnerung voll zurück und vertrieb das letzte Körnchen Schlaf. Die erste Stimme war die Zachels gewesen und die glühende Kohle auf seiner Schulter dessen Peitschenstränge. Er drehte den Kopf. Andere Männer, schwarze und braune, saßen oder standen auf den Bänken und ruderten Ischtars Schiff durch die stille See. Und dort auf einer Plattform am Mast stand Zachel und grinste boshaft. Wieder zischten die langen Peitschenschnüre durch die Luft, rissen ihm den Rücken blutig.

„Dreh dich nicht um! Leg dich in den Riemen!“, knurrte Zachel.

„Ich werde rudern“, flüsterte die zweite Stimme. „Steh und beweg dich mit dem Ruder, bis deine Kraft zurückkehrt.“

Er blickte herab auf einen Kopf, dessen blondes Haar so lang wie das einer Frau war. Aber nichts Weibisches war in dem Gesicht, das einen Augenblick zu ihm hochgeschaut hatte. Blau wie Gletscher schienen die Augen, und dennoch verrieten sie Wärme. Die sonnengebräunte Haut war rau von Salzwasser. Von der Schläfe bis zur Kinnspitze verlief eine tiefe rote Narbe von einem Schwerthieb. Schultern, Oberarme und Rücken waren muskelbepackt, und seine Arme schwangen das schwere Ruder so leicht wie eine Frau den Besen.

Ein Nordländer wie aus dem Bilderbuch, ein Wikinger aus uralten Sagen – und wie Kenton ein Schiffssklave. Es war der Riese, der über das Ruder gebeugt geschlafen hatte, als Zachel ihn, Kenton, neben ihm fest gekettet hatte.

„Sigurd, Tryggs Sohn bin ich“, murmelte der Nordländer. „Welche dir unholde Norne setzte dich auf dieses Zauberschiff? Sprich leise, beug dich über das Ruder, der Teufel mit der Peitsche hat scharfe Ohren.“

Im Rhythmus mit dem Ruder beugte und hob sich Kenton. Die seltsame Benommenheit ließ nach und verschwand ganz, als er begann, sich ins Ruder zu legen.

Der Wikinger brummte anerkennend: „Ich sehe schon, kein Schwächling bist du. Das Rudern ermüdet – doch fließt neue Kraft aus der See in dich. Nur trink diese Kraft langsam. Nimm sie allmählich in dich auf. Dann könnte es leicht sein, dass du und ich ...“

Er hielt inne und warf einen schnellen Blick auf Kenton, als befürchte er, schon zu viel gesagt zu haben.

„Nach deinem Äußeren bist du von Eire, den südlichen Inseln“, flüsterte er. „Tapfere Männer gibt es dort. Sie stellten sich uns, Schwert gegen Schwert. Viele Schlachten fochten wir gegen sie, und nie mussten die Walküren mit leeren Händen zurück nach Walhall. Ja, tapfere Männer, starke Männer sind sie, Männer, die lachend sterben, die Schwertklinge und Lanzenspitze küssen wie eine Braut, ehe sie die Augen schließen. Bist du vielleicht einer von ihnen?“

Kenton überlegte schnell. Geschickt musste er die Worte wählen, um diese ihm so offen angetragene Freundschaft zu gewinnen. Er durfte den Wikinger weder durch die Wahrheit verwirren noch zu vage sein und so sein Misstrauen erregen.

„Kenton heiße ich“, erwiderte er sacht. „Meine Väter kamen von Eire. Gut kannten sie die Wikinger und ihre Schiffe und empfanden Respekt für sie. Ich möchte dein Freund sein, Sigurd, Tryggs Sohn, denn wer weiß, wie lange wir hier Seite an Seite gekettet sind. Und da du und ich vielleicht ...“

Genauso bedeutungsvoll wie der Nordländer hielt er inne. Der Wikinger nickte, dann warf er ihm einen scharfen Seitenblick zu.

„Noch hast du mir nicht erzählt, Kenton, dessen Väter von Eire waren, wie dieser Fluch dich traf. Seit sie mich von der Insel der Zauberer auf dieses Schiff schleppten, haben wir noch keinen Hafen angelaufen. Du warst nicht hier, als sie mich ans Ruder ketteten. Doch bist du es jetzt! Wie?“

„Sigurd, bei Odin, dem Allvater – ich weiß es nicht!“ Die Hände des Nordländers zitterten bei der Nennung seines Gottes. „Ein Auge, das ich nicht sehen konnte, erblickte mich. Eine Hand, die ich nicht sehen konnte, packte mich, hob mich aus meinem eigenen Land und setzte mich hier ab. Dieser Sohn der Hölle, der über das schwarze Deck herrscht, bot mir die Freiheit für eine schändliche Tat, die ich für ihn ausführen sollte. Ich weigerte mich. Ich kämpfte gegen seine Meute. Drei seiner Männer erschlug ich. Dann ketteten sie mich an dieses Ruder.“

„Drei hast du erschlagen!“ Der Wikinger blickte mit funkelnden Augen und entblößten Zähnen zu ihm hoch. „Drei hast du erschlagen! Skoal! Kamerad, Skoal!“, brüllte er.

Eine fliegende Schlange pfiff an Kenton vorbei und verbiss sich in den Rücken des Nordländers. Sie zog sich zurück, und das Blut spritzte hoch, wo sie getroffen hatte. Wieder zischte und schlug sie zu. Wieder und wieder.

Zachels Peitsche war es. Seine Stimme knurrte durch das Pfeifen der Marterschnüre: „Hund! Hat der Wahnsinn dich gefasst? Soll ich dir die Haut abziehen?“

Unter den Peitschenhieben zuckte der Leib Sigurds, Tryggs Sohn. Ein Stöhnen drang von tief aus seiner Kehle. Er blickte zu Kenton hoch, blutiger Schaum auf den Lippen. Plötzlich wusste Kenton, dass nicht die Schmerzen ihn zittern und stöhnen ließen, die hilflose Wut über diese entwürdigende Strafe war es. Tiefer bissen die Peitschenschnüre und drohten das Herz und den Mut des neuen Freundes zu brechen.

Da lehnte Kenton sich über ihn, schützte ihn vor der beißenden Peitsche mit seinem eigenen bloßen Rücken und erduldete die Hiebe für ihn.

„Ha!“, keuchte Zachel. „Du willst sie also! Bist du eifersüchtig auf die Küsse meiner Peitsche, eh? Nun, du sollst sie nicht entbehren müssen.“

Erbarmungslos pfiffen die Schnüre und hinterließen blutige Striemen. Mit zusammengebissenen Lippen ließ Kenton es über sich ergehen und schützte weiter mit seinem Körper den Nordländer. Bei jedem Hieb malte er sich aus, wie er es dem anderen zurückzahlen würde, wenn erst seine Zeit gekommen ...

Wenn er der Herr des Schiffes war!

Abrupt hörten die Schläge auf.

„Halt!“ Durch schmerzverschleierte Augen sah Kenton den Trommler sich über das Geländer beugen. „Willst du den Sklaven töten, Zachel? Bei Nergal, wenn du es tust, erbitte ich mir von Klaneth, dass er dich eine Weile an jenes Ruder kettet!“

„Rudere, Sklave!“, brüllte Zachel mit mühsam unterdrückter Wut.

Schweigend, halb ohnmächtig, beugte Kenton sich über das Ruder. Der Nordländer legte eine Hand über seine.

„Sigurd, Tryggs Sohn, bin ich! Jarls Sohnessohn! Herr der Drachen!“ Seine Stimme war leise und doch klang etwas wie das Klirren ferner Schwerter aus ihr, und er sprach mit geschlossenen Augen, als stünde er vor einem Altar. „Blutsbrüder sind wir nun, Kenton von Eire. Blutsbrüder, du und ich. Bei den roten Runen auf deinem Rücken, die mir gegolten hatten! Ich werde dein Schild sein, so wie du meiner warst. Unsere Schwerter werden eins sein. Deine Freunde werden meine Freunde sein, und deine Feinde meine Feinde. Mein Leben gehört dir, wenn du es brauchst. Das schwöre ich bei Odin Allvater und bei allen Äsen, ich, Sigurd, der Wikinger. Und sollte ich je meinen Eid brechen, so mag das Gift von Hels Schlangen mich töten und man mich unter der Erde verscharren, bis Yggdrasil, die Weltesche, welkt und Ragnarök, das Ende der Götter, gekommen ist!“

Es wurde Kenton warm ums Herz bei diesen Worten, und der Schwur des Wikingers ließ ihn seinen schmerzenden Rücken vergessen. Mochte Sigurd auch an das Ruder gekettet und so wehrlos gegen die Peitsche sein wie er, so war er doch ein Freund. Und waren sie beide erst frei, würde er ein mächtiger Mitstreiter sein, ein Blutsbruder, wie man sich ihn nur wünschen konnte. Herr der Drachen, hatte er sich genannt, das bedeutete Führer einer Kriegsflotte der alten nordischen Langschiffe. Und für ihn, Kenton, bedeutete das wiederum, dass Sigurd das Schiff Ischtars – unter ihm natürlich – befehligen konnte.

Nicht der leiseste Zweifel beschlich Kenton, dass er sein Ziel erreichen würde.

Was machte es schon aus, dass er jetzt nur ein Rudersklave war? Er würde frei und Herr des Schiffes sein!

Gegen ihn waren der schwarze Priester und die finstere Macht, der er diente, und seine etwa zwei Dutzend Akoluthen. Auch war Kenton sich nicht sicher, ob Gigi trotz seines offensichtlichen Wohlwollens sich ihm anschließen konnte, wenn es zum Kampf mit Klaneth kam, da ihn, wie Zubran, ein Eid auf Nergal band. Aber was machte das schon? Siegen würde er!

Und Sharane mit ihren Kriegerinnen – auch sie würde er besiegen! Was war schon die Übermacht der Männer und Frauen mit ihrem Nergal und ihrer Ischtar, wenn in ihm die unlöschbare Flamme der Überzeugung brannte, dass er eines Tages Herr des Schiffes sein würde.

Und Sharanes Herr!

„Sigurd“, sagte er. „Blutsbrüder sind wir von jetzt an. Froh ist mein Herz darüber. In schlimmen und in guten Tagen, in Frieden und Krieg werden wir Freud und Leid teilen, bis die Nornen unseren Lebensfaden zertrennen. Skoal! Blutsbruder! Skoal! Und möge Odin Allvater uns die Kraft geben, das Schiff zu übernehmen und es nach unserem Willen zu lenken!“

Der Griff des Wikingers verstärkte sich. Dann zog er seine Hand zurück und beugte sich wieder über das Ruder. Kein Wort sagte er – aber Kenton wusste, dass die Blutsbruderschaft besiegelt war.

Die Peitsche des Aufsehers schnalzte, ein schriller Pfiff ertönte. Die vier Ruderer vor ihnen hoben die Riemen und setzten sie in einer dafür bestimmten Halterung ab. Der Wikinger tat es ihnen gleich.

„Setz dich“, sagte er. „Sie waschen uns jetzt und bringen uns dann zu essen.“

Ein Wasserschwall ergoss sich über Kenton und einen zweiten. Das Salz brannte in seinen Wunden und brachte Tränen in die Augen.

„Ruhig!“, warnte Sigurd. „Der Schmerz wird bald vergehen, denn das Salz wirkt heilend.“

Und dann rauschte das Wasser auch über ihn. Zwei braune Männer, nackt bis zur Mitte, mit narbenübersäten Rücken, schritten an ihnen vorbei. In jeder Hand hielten sie einen Eimer, hoben ihn und schütteten das Wasser jeweils über zwei Ruderer gleichzeitig. Dann drehten sie sich um und kehrten den schmalen Laufgang zurück. Kräftige Körper hatten sie, und sie sahen aus, als wären sie geradewegs aus einem alten assyrischen Fries gestiegen mit ihren schmalen Hakennasen und den vollen Lippen. Doch wohnte kein Geist hinter ihren Gesichtern, ihre Augen waren blicklos. Sie bewegten sich wie aufgezogene Puppen. Ein Schauder lief über Kentons Rücken. Der Wikinger bemerkte es.

„Ihre Seelen haben sie verlassen“, flüsterte er, „lange schon. Sie sind wie der Sklave, der neben mir starb. Eine so endlose Zeit sind sie bereits auf dem Schiff, dass es ihnen die Seele ausgesaugt hat. Alle sind wie sie, außer den beiden Schwarzen hinter uns. Bei den Äsen, dasselbe Geschick befürchtete ich für mich, ehe du kamst!“

Das Paar kehrte mit frisch gefüllten Eimern zurück und leerte sie über die nächsten Ruderer. Danach gossen sie Kübel um Kübel auf die Planken des Unterdecks und säuberten es. Als das getan war, stellten zwei weitere Sklaven eine Platte und eine Schale auf die Bank zwischen Kenton und den Nordländer. Auf der Platte lagen ein Dutzend langer Schoten und ein Haufen runder flacher Gebäckstücke, die den Maniokafladen der Indianer ähnelten. Die Schale war mit einer dicken dunkelroten Flüssigkeit gefüllt.

Kenton kaute die Schoten, sie waren nicht nur fleischig, sondern schmeckten sogar ein wenig wie Fleisch. Die Gebäckstücke waren dem Geschmack nach offenbar tatsächlich Maniokafladen. Die Flüssigkeit war scharf und schwach fermentiert und so kräftigend wie Schoten und Fladen. Noch während er aß, spürte Kenton, dass sie ihn stärkte. Und auch die Eimerdusche hatte ihm gutgetan. Sein Rücken schmerzte nicht mehr, und die Wunden brannten nicht länger. Er entspannte sich. Der Wikinger lächelte ihm zu.

„Keine Peitsche haben wir jetzt zu befürchten, solange wir uns nicht zu laut unterhalten“, erklärte er. „Das ist die Regel hier. So, während wir essen und trinken, kannst du mich ohne Bedenken fragen, was du magst, Blutsbruder.“

„Zweierlei interessiert mich besonders“, sagte Kenton nach kurzem Nachdenken. „Wie bist du auf dieses Schiff gekommen, Sigurd? Und wie gelangt dieses Essen hierher?“

„Von hier und dort kommt das Essen“, erwiderte der Wikinger. „Es ist ein Schiff der Zauberer, auf dem wir rudern, und verflucht dazu. Nicht lange kann es an einem Ort verweilen, noch ist es irgendwo willkommen. Nein, nicht einmal in Emakthila, das doch selbst voll Zauber ist. Wo es anlegt, bringen die Leute hastig und voll Furcht, was an Nahrungsmitteln und sonstigem gebraucht wird. Ja, schnell geben sie, damit es wieder aufbricht, und um die Dämonen, von denen es besessen ist, nicht zu erzürnen und ihren Grimm auf sie herabzubeschwören. Sie verfügen über starke Zauberkräfte, der bleiche Sohn der Hölle und die Frau auf dem weißen Deck. Manchmal glaube ich, sie ist eine Tochter Lokis, den Odin für seine Heimtücke in Ketten legte. Doch manchmal halte ich sie auch für eine Tochter Freyjas, der Urmutter und Göttin der Liebe. Doch wer immer sie auch ist, sie ist schön und hat eine große Seele. Keinen Hass empfinde ich für sie.“

Er hob die Schale an die Lippen.

„Und wie ich hierherkam?“, fuhr er fort. „Nun, das ist schnell erzählt. Südwärts war ich mit den Schiffen Hagnors und des Roten Speers gesegelt. Mit zwölf Drachen brach ich auf. Wir kamen durch viele Meere und machten so manchen lohnenden Streifzug an Land. Nach vielen Monden erreichten wir mit den uns noch gebliebenen Langschiffen das Land der Ägypter und legten bei einer Stadt namens Alexandrien an. Eine große Stadt war es, und voll Tempel für alle Götter der Welt – außer für unsere.

Es ärgerte uns, dass von all diesen Tempeln keiner für Odin Allvater sein sollte. Ja, es ärgerte uns, und unser Grimm darüber wuchs. Und eines Nachts, als wir dem ägyptischen Wein allzu viel Ehre angetan hatten, beschlossen unser sechs, einen Tempel zu erobern für Odin Allvater, und seinen bisherigen Besitzer zu vertreiben.

Wir kamen zu einem Tempel und betraten ihn. Es war ein dunkler Tempel mit einer Menge schwarzgekleideter Priester wie diese hier an Bord. Als wir ihnen erklärten, was wir beabsichtigten, fielen sie uns an wie ein Rudel Wölfe. Viele erschlugen wir, und wir hätten den Tempel auch für Odin erobert, wenn nicht – ein Horn erklungen wäre!“

„Das Verstärkung – zu viele für euch – herbeirief?“, fragte Kenton.

„Durchaus nicht, Blutsbruder“, brummte Sigurd. „Es war ein Zauberhorn, ein Schlafhorn. Es blies den Schlaf durch uns, wie der Sturm den Wind durch die Bäume. Die Schwerter entfielen unseren Händen, und wir stürzten zwischen den Toten zu Boden.

Als wir erwachten, befanden wir uns in einem Tempel. Wir hielten ihn für denselben, denn er war so dunkel wie der andere, und die gleichen schwarzgekleideten Priester hielten ihre Andacht. Sie hatten uns in Ketten gelegt, peitschten uns und machten uns zu Sklaven. Dann erfuhren wir, dass wir uns nicht mehr im Land der Ägypter befanden, sondern in einer Stadt namens Emakthila, auf der Insel der Zauberer in einer Zauberwelt, wie mir dünkt. Lange schufteten wir für die Schwarzgekleideten, meine Kameraden und ich, bis sie mich auf dieses Schiff zerrten, das im Hafen von Emakthila angelegt hatte. Und seither bin ich an dieses Ruder gekettet und beobachte ihre Zauberei und ihre seltsamen Kämpfe, um nicht auch meine Seele vor Eintönigkeit zu verlieren.“

„Ein Schlafhorn“, murmelte Kenton kopfschüttelnd. „Das verstehe ich nicht, Sigurd.“

„Bald wirst du es“, versicherte ihm der Wikinger. „Zachel bläst gut darauf ... Hörst du? Er beginnt ...“

Hinter ihnen erklangen die weichen Töne eines Horns. Sie drängten sich in ihre Ohren, süß und einschmeichelnd und ungemein beruhigend.

Verzweifelt versuchte der Wikinger gegen die Kraft dieser Töne anzukämpfen. Mit den Fingerspitzen hielt er die Lider hoch. Doch die Hände entspannten und die Augen schlossen sich. Dann fiel sein Oberkörper kraftlos über das Ruder.

Ein wenig länger gelang es Kenton, die Augen offenzuhalten, aber dann übermannte auch ihn der Zauberschlaf.

Etwas, tief in Kenton, flüsterte ihm zu, aufzuwachen. Etwas langte hinab in die Abgründe seines durch Zauberkraft hervorgerufenen Schlummers und weckte sein Bewusstsein. Langsam begannen seine Lider sich zu heben – hielten inne, als befolgten sie eine Warnung. Durch einen winzigen Spalt sah er sich um. Er hatte sich im Schlaf bewegt und lag jetzt mit dem Gesicht dem Elfenbeindeck zugewandt.

Dort stand Sharane am Geländer zum Unterdeck und blickte herab, ihre schwarzhaarige Dienerin Satalu an ihrer Seite. Unverhülltes Mitleid sprach aus ihren Augen.

Ihre Schönheit ließ sein Herz höher schlagen. Das dort war seine Gefährtin – in dieser oder jeder anderen Welt war sie die Frau für ihn. Doch konnte er sie nicht auf seine Art erobern, wie sie in seiner eigenen Zeit üblich war.

„Herrin“, hörte er Satalu sagen. „Er kann nicht dem finsteren Gott geschworen sein, wenn dessen eigene Leute ihn dort in Ketten legten.“

„Nein“, murmelte Sharane. „Damit hatte ich unrecht. Und wäre er Nergals Bote gewesen, nie hätte er die Barriere überqueren können. Noch hätte Klaneth mich herausgefordert, wie er es tat.“

„Er sieht gut aus und ist jung“, seufzte Satalu, „und stark. Er kämpfte wie ein Löwengott gegen die Priester.“

„Selbst eine Ratte kämpft um ihr Leben“, wandte Sharane abfällig ein. „Er ließ sich wie ein geschlagener Hund zu seinen Ketten führen. Und er belog mich. Er kam zu mir in fremde Federn geschmückt und mit einem Schwert, das er nicht führen konnte!“

Ihre geballten Hände zitterten. Sie schlug sich damit auf die Brüste. „Oh“, rief sie, und es klang wie ein unterdrücktes Schluchzen. „O Satalu, ich schäme mich. Lügner und Feigling und Sklave ist er – und doch schlägt in meinem Herzen etwas für ihn, wie nie zuvor für einen Mann. Oh, ich schäme mich, Satalu.“

„Weint nicht, Lady Sharane! Ihr dürft nicht weinen!“ Satalu griff nach den zitternden Händen. „Vielleicht ist er nichts von dem, was Ihr glaubt. Vielleicht sprach er die Wahrheit? Woher wollen wir wissen, was in unserer Welt geschah, aus der wir schon so lange verbannt sind?“

„Ein Sklave ist er“, murmelte Sharane bitter.

„Psst!“, warnte Satalu. „Zachel kommt.“

Sie drehten sich um und verschwanden aus Kentons Blickfeld. Er hörte näher kommende Schritte und schloss die Augen. Der Aufseher blieb neben ihm stehen und musterte ihn offenbar misstrauisch. Er legte die Hand auf Kentons Kopf und schob ihn von seinem Arm, den er als Kissen benutzt hatte. Kenton ließ ihn schlaff herunterhängen und den Arm dazu. Zufrieden schritt Zachel weiter.

Der Weckpfiff schrillte. Die Sklaven rührten sich. Kenton seufzte, richtete sich auf und rieb sich die Augen, ehe er die Hände um das Ruder legte.

Freude erfüllte ihn. Er konnte Sharanes Worte gar nicht missverstanden haben. Sie empfand etwas für ihn, auch wenn sie sich dagegen wehrte. Und war er erst kein Sklave mehr, dann würde sie sein werden. Er lachte, doch leise, dass Zachel ihn nicht hören konnte. Sigurd blickte ihn verwundert an.

„Das Schlafhorn muss dir angenehme Träume geschenkt haben, Kenton“, murmelte er.

„Das hat es“, erwiderte er. „Die Art von Träume, die unsere Ketten schwächt, bis wir sie brechen können.“

„Möge Odin mehr solcher Träume schicken“, seufzte Sigurd.

Als Zachel wieder das Horn blies, brauchte er seinen Zauber nicht, um ihn in den Schlaf zu wiegen. Denn die scharfen Augen des Aufsehers hatten des Wikingers aufopfernde Strategie durchschaut, und er hatte die Peitsche sprechen lassen, wenn Kentons Muskeln ermüdeten oder er gar die ganze Last des Ruders dem Nordländer überlassen hatte. Seine Hände waren voll Schwielen, jeder Knochen, jeder Muskel schmerzte, und sein Geist ruhte stumpf in einem erschöpften Körper. Und so blieb es auch während der nächsten fünf Schlafzeiten.

Einmal raffte er sich soweit auf, Sigurd eine Frage zu stellen, die ihm schon lange durch den Kopf ging. Die Hälfte der Ruderer befand sich jenseits der Linie, die das schwarze vom elfenbeinfarbigen Deck trennte; jene Linie, die weder Klaneth oder seine Brut noch Sharane und ihre Mädchen überqueren konnten. Doch Zachel konnte sich frei von einem Ende des Unterdecks zum anderen bewegen – und andere Priester ebenfalls, wie er gesehen hatte. Gewiss könnten es auch die anderen Schwarzgekleideten und ebenso die Frauen. Weshalb nahmen die Nergal-Akoluthen dann nicht diesen Weg, um das rosige Kastell zu stürmen? Warum kam Sharane nicht mit ihren Kriegerinnen herunter und schickte ihre Wurfspeere dem schwarzen Pack entgegen?

Es war ein Schiff der Zauberer, hatte der Wikinger erneut erklärt, und der Bann, dem es verfallen war, kein einfacher. Der verstorbene Sklave – er hatte sich von Anfang der Reise an auf dem Schiff befunden – hatte ihm erzählt, dass die gleiche unsichtbare Barriere, die auf dem Oberdeck die beiden Seiten trennte, es unmöglich machte, das Ruderdeck in der falschen Richtung zu verlassen. Noch konnten Pfeile oder Speere oder sonstige Waffen, außer jenen, die Ischtar oder Nergal selbst schleuderten, diese substanzlose Barriere durchdringen.

Es gab auch noch andere Beschränkungen, wie der Sklave ihm erzählt hatte. Zum Beispiel war es weder Sharane noch Klaneth möglich, das Schiff zu verlassen, wenn es vor Anker lag. Sharanes Mädchen konnten es. Auch die Akoluthen des schwarzen Priesters – doch nicht für längere Zeit. Bald mussten sie zurückkehren. Das Schiff rief sie. Was würde geschehen, wenn sie dem Ruf nicht folgten? Der Sklave hatte es nicht gewusst, sondern hatte gesagt, es wäre unmöglich. Das Schiff würde sie einfach zurückziehen.

Über all das grübelte Kenton, während er mit schmerzendem Rücken ruderte. Ohne Zweifel hatten diese Gottheiten, die das Schiff verdammt hatten, nichts übersehen. Nun, sie hatten dieses Spiel erschaffen, und es stand ihnen deshalb auch zu, die Regeln dafür zu bestimmen. Er fragte sich, ob Sharane von Bug zu Heck über das Schiff spazieren konnte, wenn er es erst erobert hatte. Darüber dachte er immer noch nach, als Zachels Horn erklang und er müde einschlummerte.

Aus dem sechsten Schlaf erwachte er mit völlig klarem Kopf, einem überraschenden Gefühl des Wohlbefindens, und einem Körper der wieder frei von Schmerzen und geschmeidig und kräftig war.

„Die Stärke strömt aus der See durch das Ruder in dich, genau wie ich dir vorhersagte, Blutsbruder“, murmelte Sigurd.

Kenton nickte abwesend. Seine geschärften Sinne beschäftigten sich mit dem Problem seiner Befreiung von den Ketten. Was ging auf dem Ruderdeck und im Schiff vor sich, während die Sklaven schliefen? Welche Chance freizukommen hatte der Wikinger und er, wenn es ihm gelang, wach zu bleiben?

Aber wie konnte er seine Ohren dem Hörnerklang verschließen, das tiefen Schlaf über ihn brachte, ähnlich den Sirenen, deren süßer Gesang in die Seelen der Seeleute drang und sie in den Untergang lockte.

Die Sirenen! Die Sage des listenreichen Odysseus kam ihm in den Sinn, der begehrt hatte, die Sirenen singen zu hören, ohne jedoch ihren Lockungen zu erliegen. Er hatte seinen Begleitern weiches Wachs in die Ohren gesteckt und sich von ihnen an den Mast binden lassen. So hatte er, zwar wild vor Verlangen, sich in die weißen Arme der Sirenen zu werfen und sich gegen seine Bande wehrend, den lieblichen Gesang gehört und war doch sicher an ihrer Insel vorbei gesegelt.

Ja, das war es. Er musste sich etwas in die Ohren stopfen. Aber was? Als der Befehl kam, die Ruder anzuhalten, tastete er nach den seidenen Hosenbeinen, die in Fetzen von ihm hingen. Vorsichtig löste er einzelne Stofffäden und ballte sie zu kleinen Kügelchen zusammen. Der Wikinger hing seinen Träumen von besseren Tagen nach, als seine Drachenschiffe noch die Meere durchschnitten, und achtete nicht auf ihn. Unbemerkt schob er die Kügelchen in seine Ohren. Das Toben des Windes, das vor einer Weile aufgekommen war, erstarb zu einem sanften Rauschen. Unbemerkt nahm er sie wieder heraus und wickelte noch mehr Fäden herum. Erneut steckte er sie sich in die Ohren. Nun war das Brausen des Sturms nur noch ein schwaches, kaum noch zu vernehmendes Wispern. Zufrieden steckte er die Kügelchen unter seinen Gürtel.

Weiter brauste das Schiff. Nach einer Weile kamen die Sklaven und leerten einen Eimer über ihn und den Wikinger und brachten das Essen.

Als das Schlafhorn erklang, legte Kenton seinen Kopf auf die Arme und schob vorsichtig die Kügelchen in die Ohren, dann entspannte er sich. Das Trompeten des Horns klang nun nicht lauter als das Summen von Bienen. Trotzdem beschlich ihn die Müdigkeit. Er kämpfte dagegen an, und es gelang ihm auch wach zu bleiben. Das Summen verstummte. Der Aufseher schritt an ihm vorbei, er blickte ihm durch einen schmalen Augenspalt nach und sah ihn in Klaneths Kabine verschwinden.

Das schwarze Deck war leer. Als drehe er sich im Schlaf, rollte Kenton sich herum, dass sein Kopf nun auf die hinteren Bankreihen gerichtet war.

Die Rudersklaven schliefen tief und fest. Sein Blick blieb an den beiden Schwarzen unter all den Braunhäutigen hängen. Konnte er ihnen vertrauen? Würden sie mit ihm und dem Wikinger kämpfen?

Da vernahm er melodisches Lachen. Sharane und die schwarzhaarige Satalu näherten sich dem Rand ihres Decks. Sharane setzte sich und nahm die Spangen aus ihrem Haar. Dann schüttelte sie es wie einen seidigen goldenen Vorhang über Gesicht und Schultern. Satalu begann es sacht zu kämmen.

Durch die wallende Pracht hindurch spürte er Sharanes Blick auf sich. Ungewollt öffnete er die Augen ganz und bewunderte das liebliche Bild. Sharane holte laut Luft. Sie teilte das Haar und starrte ihn überrascht an.

„Er ist wach!“, flüsterte sie.

Das gleiche, fast ehrwürdige Staunen überzog Satalus Gesicht.

„Sharane!“, hauchte er.

Er sah, wie Schamröte ihre Wangen überzog, wie ihr Gesicht eisig wurde. Sie hob den Kopf, schnupperte.

„Satalu“, sagte sie. „Ist der Gestank aus dem Ruderdeck nicht schlimmer geworden?“ Sie rümpfte die Nase. „Ja, das ist er ganz sicher. Er erinnert mich an den Sklavenmarkt in Uruk, wenn die neuen Sklaven zum Verkauf ausgestellt werden.“

„Ich – ich bemerke es nicht, Herrin“, erwiderte Satalu stockend, und ihre Augen verrieten Mitleid mit ihm.

„Aber ja, natürlich.“ Sharanes Stimme war schneidend wie ein Messer. „Sieh, dort sitzt er. Ein neuer Sklave, ein merkwürdiger Sklave, der mit offenen Augen schläft.“

„Aber er – sieht nicht aus wie ein Sklave“, stammelte Satalu.

„Nein?“, fragte Sharane mit übertrieben süßer Stimme. „Was ist mit deinem Gedächtnis, Mädchen? Was ist das Zeichen eines Sklaven?“

Wieder warf die Schwarzhaarige einen mitleidigen Blick auf Kenton. Sie antwortete nicht, sondern beugte sich tiefer über das Haar ihrer sitzenden Herrin.

„Eine Kette und Narben der Peitsche“, erklärte Sharane mit höhnischer Stimme. „Das sind die Zeichen des Sklaven. Und der neue hat beides, letzteres in reichem Maße sogar.“

Kenton schwieg und achtete nicht auf ihren Spott, er hörte ihn kaum. Reglos hing sein Blick an ihr, nahm ihre bezaubernde Schönheit auf.

„Ich träumte, ich hatte einen Besucher, der mir Hoffnung machte. Ich glaubte, er wäre ein Bote, der bessere Zeiten ankündigte“, seufzte Sharane. „Ich öffnete ihm mein Herz – in jenem Traum, Satalu. Mein ganzes Herz! Und er belohnte es mir mit Lügen, mit leeren Worten. Er war ein Feigling, den meine Mädchen schlugen und vertrieben. Nun scheint mir, der Lügner und Feigling meines Traums sitzt dort am Ruder fest gekettet, mit Peitschenstriemen auf dem Rücken. Ein Sklave!“

„Herrin! O Herrin!“, flüsterte Satalu.

Immer noch schwieg Kenton, obgleich ihr Hohn ihm nun tief ins Herz stach.

Plötzlich erhob sie sich und schob das glänzende Haar zurück.

„Satalu“, murmelte sie. „Sollte man nicht meinen, dass mein Anblick selbst einen Sklaven aus dem Schlaf reißen würde? Dass ein Sklave, solange er jung und stark ist, seine Ketten sprengen würde – für mich?“

Sie schwankte ein wenig, drehte sich um. Wunderschön war sie in ihrem dünnen Schleiergewand. Dann blickte sie über die Schulter zurück, durch das Netz der Haare hindurch.

Kühn hob er den Kopf. Sein Blut rauschte.

„Die Ketten werden brechen, Sharane!“, rief er ihr zu. „Ich werde sie sprengen. Und dann ...“

„Und dann werden meine Mädchen dich prügeln wie zuvor!“, rief sie und rannte davon.

Er blickte ihr nach, und sein Herz hämmerte laut. Er sah sie stehenbleiben und Satalu etwas zuflüstern. Das schwarzhaarige Mädchen drehte sich um, winkte ihm warnend zu. Er schloss die Augen und ließ den Kopf zurück auf den Arm fallen. Gleich darauf hörte er Zachels Schritte, der zur Plattform zurückkehrte. Der Weckpfiff schrillte. Weshalb, wenn ihre Verachtung und ihr Hohn echt waren, hatte Sharane ihn dann gewarnt?

image
image
image

7. DIE KETTEN BRECHEN

image

Wieder schaute Sharane von ihrem Deck auf ihn herab. Die Zeit war vergangen, seit sie das letzte mal dort gestanden und ihn verhöhnt hatte. O ja, zweifellos war die Zeit verstrichen, aber wieviel in seiner eigenen, zurückgelassenen Welt vergangen war, wusste er nicht zu sagen. Es gab keinen Vergleich hier in dieser zeitlosen Welt. Schlaf um Schlaf hatte er auf seiner Bank gelegen und heimlich Ausschau nach ihr gehalten. Aber sie war in ihrem Kastell geblieben – oder wenn nicht, war sie zumindest nicht in sein Blickfeld gekommen.

Er hatte den Wikinger nicht eingeweiht, dass es ihm gelungen war, den Zauber des Schlafhorns zu brechen. Er vertraute ihm mit Herz und Seele. Doch war er nicht sicher, dass der Nordländer sich verstellen, den Schlaf glaubwürdig vortäuschen könnte wie er. Er hielt es für besser, dieses Risiko nicht einzugehen.

Und nun schaute Sharane wieder von der Plattform in der Nähe des smaragdfarbigen Mastes zu ihm hinunter. Die Sklaven schliefen. Niemand hielt Wache auf dem schwarzen Deck. Nun war ihr Gesicht ernst und ohne Hohn. Und als sie sprach, kam sie direkt zum Kern.

„Wer immer und was immer du auch bist“, sagte sie, „zwei Dinge kannst du tun: die Barriere überqueren, und wach bleiben, wenn die anderen – Sklaven – schlafen müssen. Du hast behauptet, du wirst deine Ketten brechen. Da du diese beiden erwähnten Dinge tun kannst – halte ich es auch für möglich, dass du auch das dritte schaffst. Außer ...“ Sie hielt inne.

Er las ihre Gedanken. „Außer ich belog dich wie zuvor“, schloss er scheinbar ungerührt ihren Satz. „Nur waren es auch damals keine Lügen. Doch sprich weiter.“

„Wenn du dich von den Ketten befreien kannst, bin ich bereit, dir dein Schwert zurückzugeben, unter der Bedingung, dass du damit Klaneth tötest. Denn wenn du deine Ketten sprengen kannst, sagt etwas in mir, dass es dir auch gelingen wird, Klaneth mit dem Schwert zu töten, das ganz sicher Nabus ist. Nun, wirst du es tun?“ Sie blickte ihn atemlos an.

„Wirst du es tun?“, wiederholte sie.

Er tat, als überlege er. „Weshalb sollte ich Klaneth töten?“, fragte er schließlich.

„Weshalb? Weshalb?“ Wieder klang Verachtung aus ihrer Stimme. „War er es nicht, der dich in Ketten warf? Der dich auspeitschen ließ? Der dich zum Sklaven machte?“

„Hat nicht Sharane mich mit Speeren verjagen lassen? Hat nicht Sharane mit ihrem Hohn und spöttischem Lachen Salz in meine Wunden gestreut?“

„Aber – du hast mich belogen!“, rief sie.

Wieder täuschte er vor zu überlegen. „Was bekommt dieser Lügner, Schwächling und Sklave dafür, wenn er den schwarzen Priester für dich tötet?“

„Bekommen?“, echote sie verständnislos.

„Was zahlst du mir dafür?“

„Bezahlen? Oh!“ Die Verachtung in ihren Augen war schlimmer denn je zuvor. „Du wirst belohnt werden. Du sollst deine Freiheit wiederhaben – kannst dir von meinen Juwelen aussuchen, was du magst, ja, du kannst sie alle haben ...“

„Freiheit werde ich haben, wenn Klaneth tot ist“, erwiderte er. „Und was nützen mir dein Gold und deine Edelsteine auf diesem verdammten Schiff?“

„Du verstehst nicht. Sobald der schwarze Priester nicht mehr lebt, kann ich dich an jedem Land der Welt absetzen, wo immer du auch willst. In allen kannst du mit Juwelen bezahlen.“

Sie hielt kurz inne, dann fragte sie: „Nutzen sie dir denn nichts in jenem Land, von dem du kommst, und in das du ungekettet zurückkehren kannst, wann immer dir Gefahr droht?“ Ihre Stimme war honigsüßes Gift. Aber Kenton lachte nur.

„Was willst du denn sonst?“, fragte sie. „Wenn dir das nicht genügt, was willst du noch?“

„Dich!“, sagte er.

„Mich!“ Sie holte hörbar Luft. „Ich – mich einem Mann geben – für einen Preis! Ich mich dir geben! Du räudiger Hund!“, wütete sie. „Nie!“

Bis jetzt war Kentons Spiel mit ihr wohl berechnet, eine Rache für ihren Hohn gewesen. Aber jetzt sprach er mit einem Grimm, nicht weniger echt und brennend wie ihrer.

„Nein!“, schrie er. „Nein! Du wirst dich mir nicht geben! Denn bei Gott, Sharane, ich werde dich nehmen!“

Er streckte eine gekettete Hand aus. „Herr dieses Schiffes werde ich sein und ohne deine Hilfe – du, die du mich Lügner und Sklave schimpftest und mich nun mit Brosamen abspeisen möchtest. Nein! Ich werde dieses Schiff an mich reißen, mit meinen eigenen Händen. Und dann werden diese Hände dir zeigen, wer dein Herr ist!“

„Du drohst mir!“ Ihre Augen funkelten wild. „Du! Du wagst es, mir zu drohen!“

Sie griff unter die Schleier über ihrem Busen. Einen schmalen Dolch zog sie heraus – und schleuderte ihn auf ihn. Als pralle er gegen eine steinerne Mauer, fiel er klirrend zu Boden, nicht weit von ihren Füßen, die Klinge vom Griff gebrochen.

Sie erblasste, wich zurück. Einen Blick voll Hass warf sie ihm noch zu, dann rannte sie in ihre Kabine.

„Hasse mich!“, höhnte Kenton ihr nach. „Hasse mich nur, Sharane. Denn Hass ist nichts anderes als eine Flamme, die den Kelch für den Wein der Liebe säubert!“

Wuterfüllt warf sie die Tür des rosigen Deckhauses hinter sich ins Schloss. Kenton beugte sich grimmig lachend über das Ruder und schlief bald genauso fest wie der Wikinger, der neben ihm schnarchte.

Und wieder kam die Zeit – während der er sich dem neuen wundervollen Gefühl des Lebens in ihm hingab, dem Rauschen der Wellen um das Schiff lauschte und dem Singen einer warmen, duftenden Brise zwischen den Tauen –, da er eine Bewegung auf Sharanes Balkon vernahm, ein zärtliches Gurren ihrer Tauben. Sie trat heraus, mit Satalu an ihrer Seite.

Seine Augen blieben an ihren vollen, sinnlichen Lippen hängen, an dem zum Küssen einladenden Kelch, dem Grübchen ihres Halses. Sie beachtete ihn nicht. Ihr Blick schweifte über das dunstbehangene Meer. Weit lehnte sie sich über die Brüstung, auf ihre weichen Arme gestützt, und begann zu singen.

Und so lautete ihr Lied:

In Babylon steh’n Rosen rot –

Wer es weiß, mag sie ergötzen –

denn jedem Herzen sind sie hold,

jeder Wand’rer mag sie schätzen.

Könige, selbst Sklaven lieben,

jede Biene mag umfliegen,

ihre duftend roten Zier-Rosen –

Rosen – wilde Rosen,

ich bin nicht wie ihr.

Die melodische Stimme schwieg. Kenton, der nur zu gut verstand, was sie ihm damit sagen wollte, errötete vor Scham und ein wenig schuldbewusst. Und nun sang sie den zweiten Vers:

Honigsüß, mit Glut im Herzen,

verborgen eine weiße Rose blüht –

nur sie wird alle Sehnsucht stillen,

nur einer hört ihr stummes Lied.

Sei stark und tapfer seine Seele,

der diese treue Blume wähle

und alle wilden Rosen meide –

Rose – Rose – verborgene Rose,

eines Sinnes sind wir beide.

Während das leise Echo ihres Liedes noch widerhallte, drehte sie sich um, ohne einen Blick für ihn und kehrte in ihre Kabine zurück.

Eine solche Sehnsucht nach ihr erfüllte Kenton plötzlich, dass er zum ersten mal schier verzweifeln wollte. Konnte es ihm denn wirklich gelingen, seine Ketten zu sprengen? Würde er jemals wieder von diesem Schiff geholt und in seine eigene Welt zurückversetzt werden? Als freier Mann! Und mit der Kraft, das Schiff herbeizurufen, es wieder zu besteigen – denn nun wusste er, was er tun musste, um sich vor den Ketten und dem schwarzen Priester zu schützen, wenn ihm diese Chance nur wiedergegeben würde.

Aber würde sie ihm auch wiedergegeben werden? Sie musste! Energisch schüttelte er die Verzweiflung ab.

Weitere Schlafzeiten verstrichen. Stärker und kräftiger wurde Kenton, mit einem Körper wie gehärteter Stahl und breiten Schultern und Armen, die das Ruder nun mit der gleichen Leichtigkeit führten wie Sigurd, und mit derselben Unermüdlichkeit.

Ein aufgeregtes Gemurmel weckte ihn. Sowohl auf dem elfenbeinfarbigen als auch auf dem schwarzen Deck standen die auf das Schiff Verbannten, redeten aufeinander ein und deuteten. Ein Schwarm Vögel, die ersten, die er in dieser seltsamen Welt gesehen hatte, flatterten über ihnen. Ihre Flügel waren wie die großer Schmetterlinge. Ihr Gefieder glänzte, als wäre es in Rot- und bleichen Goldtönen emailliert. Ihre Schreie klangen wie Silberglöckchen.

„Land in Sicht!“, rief der Wikinger. „Wir laufen einen Hafen an, Kenton. Essen und Wasser wird offenbar knapp.“

Ein steifer Wind wehte und nahm den Ruderern die Arbeit ab. Ohne auf Zachels Peitsche zu achten, sprang Kenton auf die Bank und blickte über den Bug. Der Aufseher kümmerte sich nicht um ihn, zu sehr beschäftigte seine Augen, was vor ihnen lag.

Eine sonnengelbe Insel war es, hoch und mit sanften Rundungen und mit farbigen Tupfen wie Regenbogennester durchzogen. Von diesen bunten Flecken abgesehen, leuchtete die Insel in einem warmen Topas, vom seichten Ufer des azurblauen Meeres bis zu den Hügelkämmen, wo weidenähnliche Bäume ihre bernsteingoldenen Zweige wie riesige Fächer herabhängen ließen. Über und auf der goldenen Insel schossen wie silberne Blitze Wesen gleich leuchtenden fliegenden Blumen dahin.

Näher heran segelte das Schiff. Am Bug drängten die Mädchen sich zusammen. Sie lachten und unterhielten sich. Und auf dem Balkon des rosigen Kastells stand Sharane und blickte mit sehnsüchtigen Augen hinüber zu der Insel.

Ganz nah war sie nun. Langsamer segelte das Schiff darauf zu, und folgte gemächlich der Küstenlinie. Vorbei fuhr es an einer tiefen Bucht, die bis fast zum Herzen der Insel reichte. Ihre Ufer waren dicht mit den bunten Flecken übersät, die sich aus der Nähe als kreisrunde Blumenfelder herausstellten. Die schillernden Blitze waren Vögel – Vögel jeder Größe, von der des Kolibris bis zum Kondor,. Doch, ob groß oder klein, ihnen allen waren die glänzenden Schmetterlingsflügel eigen.

Einen betörenden Duft strömte die Insel selbst aus. Grün schien es hier nicht zu geben, wenn man von dem vereinzelten smaragdfarbigen Schillern der Vögel absah.

Sie ließen die Bucht zurück und fuhren in einen schmalen Einschnitt, an dessen Ende ein schäumender Wasserfall sich in einen goldenen Teich ergoss. Ketten rasselten, dann spritzte das Wasser unter dem Gewicht des Ankers auf. Der Bug brach sich einen Weg durch die tief herabhängenden fedrigen Zweige und berührte das Ufer.

Mit großen Körben auf den Köpfen kletterten Sharanes Mädchen über die Reling. Noch wehmütiger blickte die goldhaarige Priesterin ihnen nach, bis sie zwischen der Blumenpracht verschwanden. Das Kinn auf die Hände gestützt, starrte Sharane mit verschleierten Augen auf das herrliche Land. Über ihrem rotgoldenen Kopf schwebte ein Vogel – ein Vogel mit glänzendem smaragdgrünem und saphirblauem Gefieder, der mit glockenhellen Tönen ein Lied trillerte. Kenton sah Tränen auf ihren Wangen. Sie spürte seinen Blick und wischte sie verärgert fort. Sie drehte sich halb um, wie zum Gehen, dann setzte sie sich hinter einem der blühenden Bäumchen nieder, wo er sie nicht mehr sehen konnte, und ließ ihren Tränen freien Lauf.

Nach einer Weile kamen ihre Mädchen zurück. Bis obenhin waren ihre Körbe mit Früchten aller Art und den fleischigen Schoten gefüllt. Sie verschwanden damit im rosigen Deckhaus und verließen es diesmal mit Ledersäcken, die sie aus einem Teich am Fuß des Wasserfalls füllten.

Ein drittes Mal kletterten sie über die Reling, ohne Körbe, ohne Säcke. Sie streiften ihre Gewänder ab und sprangen in das glitzernde Wasser des Teiches. Wie Nymphen schwammen und tummelten sie sich vergnügt, und das Wasser streichelte zärtlich ihre wohlgeformten Leiber und perlte von samtiger Mädchenhaut in allen Schattierungen von Hellelfenbein bis zu einem weichen Oliv, als sie ans Ufer stiegen. Fröhlich knüpften sie sich Kränze aus den Blumen und brachten riesige Sträuße mit, als sie zögernd zurück an Bord kletterten und sich in das Vorderkastell zurückzogen.

Und nun stiegen die Männer Klaneths über die Reling und holten Essen und Wasser wie zuvor die Mädchen. Und als auch sie alle wieder an Bord waren, holten sie den Anker ein, die Sklaven legten sich in die Riemen, und das Schiff nahm erneut Fahrt auf.

Immer weiter segelte das Schiff dahin. Ob es sich nach einem bestimmten Kurs richtete, Kenton wusste es nicht zu sagen. Schlafzeit um Schlafzeit verging. Die gewaltige Schale silbernen Dunstes, deren Rand der Horizont war, dehnte sich aus oder zog sich zusammen, je nachdem, ob der Silbernebel sich verdichtete oder dünner wurde. Gegen Stürme kämpften sie an und meisterten sie, plötzliche Stürme, die den Dunst schwärzer als die Nacht färbten, deren Blitze in allen Regenbogenfarben schillerten und deren Donner die fremdartige Welt erschütterte.

Kraft strömte aus der See durch das Ruder in Kentons Körper, genau wie Sigurd es vorhergesagt hatte, härtete ihn und machte ihn gleichzeitig geschmeidig wie die feinste Damaszenerklinge. Oft fragte er sich, was sich wohl in seinem Zimmer tat, in dem das Juwelenschiff am Fenster stand, dieses mysteriöse Symbol des Schiffes, auf dem er sich befand, die rätselhafte Fähre zwischen den beiden Welten. Wie lange, nach der Zeitrechnung seiner eigenen Welt, war er ihr schon fern?

Zwischen den Schlafzeiten erzählte Sigurd ihm Wikingersagen, Epen nordischer Helden, die in Kentons Welt lange vergessen waren. Immer mehr wuchs ihre Freundschaft.

Zweimal schickte der schwarze Priester nach ihm, versuchte ihn auszufragen mit Drohungen und Überredungskunst – doch vergebens. Und jedes mal hatte er ihn mit noch finstererem, hasserfülltem Gesicht zu seinen Ketten zurückgeschickt.

Die ganze Zeit war es zu keiner offenen Auseinandersetzung zwischen Gott und Göttin mehr gekommen. Und Sharane blieb während der Schlafzeit der Sklaven in ihrer Kabine, deshalb wehrte Kenton sich auch nur noch selten gegen das Schlafhorn – warum sollte er denn wach bleiben, wenn er Sharane ohnehin nicht sehen konnte?

Einmal, als er doch wieder wach lag, hörte er Schritte die Stufen zum Ruderdeck herabkommen. Sie verharrten neben ihm.

„Zubran ...“ Es war Gigis Stimme. „Unser Wolfling hat sich zum Löwen gemausert.“

„Ja, stark ist er“, brummte der Perser. „Wie dumm, dass er seine Kraft hier verschwenden muss, um das Schiff von einem langweiligen Ort zum anderen zu rudern.“

„Ich denke wie du“, murmelte Gigi. „Kraft hat er jetzt. Und Mut ebenfalls. Erinnerst du dich, wie er die Priester erschlug?“

„Und ob ich mich erinnere!“ Zubrans Stimme klang gar nicht mehr gelangweilt. „Beim Herzen Rustums, als ob ich das vergessen könnte! Mir schien es wie der erste Hauch des Lebens seit endlosen Jahrhunderten. Ich schulde ihm etwas dafür.“

„Und Treue kennt er auch, wo sein Herz betroffen ist“, fuhr Gigi fort. „Ich erzählte dir, wie er mit seinem eigenen Rücken den Mann schützte, der neben ihm schläft. Das rechne ich ihm hoch an, Zubran.“ Nachdenklich musterte er Kenton.

„Mut, Treue und Stärke“, murmelte er. „Und Klugheit.“ Seine Stimme klang, als amüsiere er sich. „Er hat einen Weg gefunden, seine Ohren dem Schlafhorn zu verschließen – und nun liegt er hier hellwach und täuscht vor zu schlafen!“

Kentons Herz übersprang einen Schlag und pochte nun um so heftiger. Woher wusste der Trommler es? Oder nahm er es nur an? Mit aller Kraft riss er sich zusammen, um sich auch nicht durch ein Muskelzucken zu verraten.

„Was?“, rief der Perser ungläubig. „Wach? Gigi, du träumst!“

„Nein“, erwiderte der Trommler ruhig. „Ich habe ihn beobachtet, wenn er mich nicht bemerkte. Er ist wach, Zubran, und hört alles, was wir sprechen.“

Plötzlich spürte Kenton mehr eine Pranke als eine Hand auf seiner Brust, die sich auf sein wild hämmerndes Herz presste. Gigi kicherte, zog die Hand zurück.

„Auch ist er vorsichtig“, lobte er. „Ein wenig vertraut er mir, aber nicht voll. Noch kennt er dich gut genug, Zubran, um zu wissen, was er von dir halten soll. Deshalb verhält er sich still und denkt: ‚Gigi kann nicht sicher sein, solange ich nicht die Augen öffne.’ Ja, vorsichtig ist er. Aber sieh, Zubran, es gibt nichts, das er tun könnte, um die Röte aus seinem Gesicht fernzuhalten, oder den Rhythmus seines Herzens dem eines Schlafenden anzupassen.’“ Wieder kicherte er.

„Und noch einen Beweis seiner Vorsicht habe ich. Er hat seinem Freund nicht verraten, dass das Horn keine Macht über ihn hat. Hörst du ihn schnarchen? Er schläft ganz sicherlich. Das gefällt mir. Er weiß demnach, dass ein geteiltes Geheimnis Gefahr läuft, nicht lange eins zu bleiben.“

„Ich weiß nicht“, brummte der Perser. „Mir scheint, er schläft fest.“ Kenton spürte, wie Zubran sich über ihn beugte. Wie lange würden die beiden noch hier herumstehen? Wie lange konnte er den Schlaf noch vortäuschen?

„Zubran“, sagte Gigi schließlich leise. „Wie du bin ich der fruchtlosen Fehde zwischen Ischtar und Nergal müde. Doch durch unseren Eid sind wir gebunden und können nichts gegen Klaneth und seine Männer unternehmen. Es ändert nichts, dass dieser Eid uns durch einen Trick aufgezwungen wurde. Wir leisteten ihn. Solange Nergals Priester über Nergals Deck herrscht, können wir ihn nicht bekämpfen. Aber angenommen, Klaneth ist nicht mehr Herr hier? Angenommen, ein anderer schickt ihn ins Reich seines düsteren Gottes?“

„Das müsste ein mächtiger Mann sein, dem das gelänge. Wo auf dieser endlosen See könnten wir ihn finden? Und wie ihn, wenn wir ihn fänden, überreden, sich gegen Klaneth zu stellen?“, fragte der Perser sarkastisch.

„Ich glaube, er ist bereits an Bord – hier.“ Wieder spürte Kenton die Hand des Trommlers. „Mut, Treue, Stärke, Klugheit und Vorsicht – all das hat er. Außerdem ist er in der Lage, die Barriere zu durchdringen!“

„Bei Ahriman! Du hast recht!“, flüsterte der Perser.

„Ich bin bereit zu einem zweiten Schwur, einem, dem du dich anschließen wirst. Würden die Ketten dieses Mannes – brechen, wie leicht könnte er dann zu Sharane schleichen und sein Schwert zurückholen.“

„Aber was dann?“, fragte Zubran. „Er hätte immer noch Klaneth und seine schwarze Meute gegen sich. Und wir könnten ihm nicht helfen.“

„Nein, doch genauso wenig würden wir ihnen helfen. Unser Eid bindet uns nicht, für sie zu kämpfen. Wäre ich dieser Mann – frei von Ketten und mit meinem Schwert –, ich würde einen Weg finden, den blonden Riesen hier an seiner Seite zu befreien. Er, glaube ich, könnte das Pack aufhalten, während dieser Wolfling, der zum Wolf geworden ist, gegen den Priester antritt.“

„Ich weiß nicht“, murmelte der Perser zweifelnd, doch als er weitersprach, klang seine Stimme hoffnungsvoll. „Zumindest würde es Leben in diese verdammte Monotonie bringen. Doch du erwähntest einen Schwur.“

„Einen Schwur für einen Schwur“, sagte Gigi eindringlich. „Wenn seine Ketten sich lösten, er sein Schwert wiedergewänne, wenn er gegen Klaneth kämpfte und wir uns nicht dazwischen stellten, und wenn es ihm gelänge, Klaneth zu töten – würde er dann dir und mir Bruderschaft schwören, Zubran? Was meinst du?“

„Weshalb sollte er es? Außer – wir öffneten seine Ketten.“

„Genau“, flüsterte Gigi. „Denn würde er diesen Schwur leisten – dann bräche ich sie für ihn!“

Hoffnung flammte durch Kenton, gefolgt von eisigem Zweifel. War dies eine Falle? Ein Trick, ihn zu quälen? Nein, er würde kein Risiko eingehen. Und doch – Freiheit!

Wieder beugte sich Gigi über ihn.

„Vertrau mir, Wolf“, murmelte er. „Schwur für Schwur. Wenn du einverstanden bist, dann sieh mich an.“

Plötzlich verließ der Zweifel Kenton. Er würde das Risiko doch auf sich nehmen. Er hob die Lider und starrte kurz in die verschmitzten schwarzen Augen, die seinen so nah waren. Dann schloss er sie wieder und atmete tief und regelmäßig, als schliefe er ganz fest.

Lachend erhob sich Gigi. Kenton hörte die sich entfernenden Schritte.

Wieder frei sein! War es ernstgemeint? Wenn ja, wenn es keine feige Falle war, wann würde der Trommler dann seine Ketten lösen? Immer noch schwankte er zwischen Hoffnung und Zweifel. Konnte es wahr sein?

Freiheit! Und Sharane!

Nicht lange brauchte Kenton zu warten. Kaum war das Schlafhorn das nächste mal verklungen, spürte er eine Hand auf seiner Schulter. Er glaubte, es sei Zachel und ließ den Kopf schlaff über den Arm hängen. Lange Finger hoben seine Lider. Er blickte in Gigis Gesicht. Schnell zog er die seidenen Kügelchen aus den Ohren.

„Ah, so machst du das also.“ Gigi begutachtete sie interessiert, dann kauerte er sich neben Kenton nieder. „Wolf“, sagte er. „Ich bin gekommen, um mich ein wenig mit dir zu unterhalten, damit du Zubran und mich besser kennenlernst und auch den Weg, den deine Füße vielleicht bald beschreiten werden. Ich würde mich gern neben dich setzen, aber jeden Augenblick könnte einer der verdammten Priester auf das Deck treten. Deshalb werde ich es mir auf der Plattform des Aufsehers bequem machen. Dreh dich dann so um, dass mir dein Gesicht zugewendet ist, und täusche vor zu schlafen – was dir ja nicht schwerfällt. Wir werden genug Zeit haben. Zubran ist bei Klaneth und diskutiert mit ihm über die Götter. Obgleich er den Eid auf Nergal schwören musste, betrachtet er ihn doch als schlechte Kopie Ahrimans, des persischen Gottes der Finsternis. Auch vertritt er die Meinung, dass das ganze Drum und Dran der Fehde Nergals und Ischtars um das Schiff nicht nur Originalität und Phantasie vermissen lässt, sondern auch Geschmack – es ist etwas, das seine Götter und Göttinnen nicht tun würden. Und täten sie es doch, dann viel besser. Das verärgert Klaneth, und das wiederum gibt Zubran neuen Aufschwung.“

Er erhob sich und blickte sich um. „Diesmal jedoch“, fuhr er fort, „argumentiert er nur, um Klaneth und vor allem Zachel von uns fernzuhalten, denn Klaneth gibt viel auf Zachels Meinung. Ich habe erklärt, dass ich mir ihre Streitigkeiten nicht länger anhöre und lieber einstweilen für Zachel Wache halten werde. Und Zubran wird geschickt argumentieren, bis ich zurückkomme. Also haben wir nichts von ihnen zu befürchten, Wolf.“

Er watschelte auf seinen kurzen Beinen, über denen sein langer Oberkörper fast ein wenig schwankte, zur Plattform und ließ sich darauf nieder.

Nach kurzem Schweigen sagte er plötzlich: „Wolf, gibt es dort, von wo du kommst, eine Pflanze, die Chilquor heißt?“

Kenton starrte ihn verblüfft an. Gewiss hatte Gigi einen Grund für diese Frage. Er dachte nach.

„Ihre Blätter sind etwa so groß.“ Der Trommler deutete zwischen Daumen und Zeigefinger etwa acht Zentimeter an. „Sie wächst nur am Rand der Wüste und ist bedauerlicherweise schrecklich selten. Aber vielleicht kennst du sie unter einem anderen Namen. Man zerstampft ihre Knospen, kurz ehe sie sich öffnen. Dann vermischt man sie mit Sesamöl und Honig und einer Spur Elfenbeinasche. Diese Paste streicht man dann auf den Kopf und reibt sie ein. Und nach einer Weile beginnt selbst auf dem nacktesten Schädel das Haar wieder zu sprießen und nimmt dem Mann die auferzwungene Hässlichkeit.“ Gigis Augen leuchteten begeistert auf. „Selbst auf einer Melone würde diese Paste Haar herbeizaubern. Oder auf diesen Schiffsplanken hier, riebe man sie damit ein. Denk nach! Vielleicht kennst du sie doch!“

Kenton kämpfte gegen seine Verblüffung an und schüttelte den Kopf.

Gigi seufzte tief. „All das vermag die Chilquor-Pflanze. Und deshalb suche ich nach ihr, denn ich möchte in den Augen der Frauen wieder schön und begehrenswert wie früher sein.“

Wieder seufzte er. Dann ließ er Zachels Peitsche schnalzen und ihre Schnurspitzen über die Rücken der Sklaven streichen – selbst über Sigurds. „Ja“, brummte er. „Sie schlafen.“

Seine schwarzen Augen zwinkerten, und er verzog die Schlitze seines breiten Mundes zu einem Grinsen. „Du fragst dich,weshalb ich von so unwichtigen Dingen wie Pflanzen und Haar und kahlen Schädeln spreche, während du hier in Ketten liegst. Nun, Wolf, für mich sind diese Dinge alles andere als unwichtig – denn sie brachten mich hierher. Und wäre ich nicht hier – wie sähe es dann mit deiner Befreiung aus?“ Erneut seufzte er. „Weißt du, Wolf, als ich noch ein Kind in Ninive war, fanden die Mädchen mich sehr anziehend. ‚Gigi’, riefen sie. ‚Küss mich, kleiner Liebling.’ Und ich tat es, denn ich fand sie nicht weniger anziehend als sie mich. Und je älter ich wurde, desto mehr wuchs diese gegenseitige Anziehungskraft. Du hast zweifellos bemerkt“, fuhr der Niniver fort, „dass ich keine alltägliche Figur habe. Doch meine größte Schönheit, als ich zum Manne gereift war, war zweifellos mein Haar. In schwarzen Locken fiel es bis zu den Schultern. Ich parfümierte es und bürstete es, und die süßen, reizenden Geschöpfe, die mich liebten, strichen mit sanften Fingern hindurch und spielten zärtlich damit, wenn ich meinen Kopf auf ihren Schoß legte.

Und dann bekam ich eines Tages Fieber, und mein ganzes wunderschönes Haar fiel aus.“ Tief seufzte er und machte eine Pause, ehe er weitererzählte.

„Ich kannte eine Frau in Ninive, der ich leid tat. Sie bestrich meinen kahlen Schädel mit der Chilquor-Paste und verriet mir, wie sie gemischt wurde und wo die Pflanze wuchs. Nach Jahren gegenseitiger – ah – Anziehung befiel mich das Fieber erneut, und wieder verlor ich mein herrliches Haar. Ich war damals in Tyruns, Wolf, und eilte schnellstens nach Ninive zurück. Doch die gütige Frau war inzwischen gestorben, und ein Sandsturm hatte Dünen über die Stelle gehäuft, wo die Chilquor-Pflanze gewachsen war!“

Noch tiefer als bisher seufzte er. Kenton, so fasziniert und amüsiert die Geschichte ihn hatte, warf ihm einen misstrauischen Blick zu. Ihm schien, der Niniver übertrieb ein wenig.

„Dann, ehe ich weitersuchen konnte“, fuhr Gigi fort, „erreichte mich die Botschaft, dass eine Frau, die mich liebte – eine Prinzessin, Wolf – auf dem Weg nach Ninive war, um mich zu besuchen.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Fantasy Sammelband 6 Romane - Das Schiff der Ischtar und andere Abenteuer" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen