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Fantasien der Nacht

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

PROLOG

Sehnsüchte und Verehrungen,

Geflügelte Überzeugungen und

verschleierte Schicksale,

Glanz und Schwermut und flimmernde Inkarnationen

Von Hoffnung und Ängsten und Fantasien

in der Abenddämmerung;

Und Bedauern, mit ihrer Familie der Seufzer,

Und Vergnügen, blind vor Tränen,

geleitet vom Strahlen

Ihres eigenen sterbenden Lächelns

statt dem der Augen,

Kam in bedächtiger Pracht.

(Percy Bysshe Shelley)

20. März 1793

Der Kerzenstumpf schwankte auf dem kalten Steinfenstersims, und die Flamme warf eigenartige flackernde Schatten im Raum. Der Geruch des verbrennenden Kerzentalgs war alles andere als angenehm, aber immer noch besser als die anderen Gerüche, die ihn ansonsten umgaben. Feuchte, muffige Luft. Dicke grüne Pilze, die grob behauene Steinmauern überwucherten. Rattenkot. Schmutzige menschliche Körper. Bis heute Abend war Eric mit dem Talg sparsam umgegangen, da er sich bewusst gewesen war, keinen weiteren mehr zu bekommen. Heute Abend gab es für derlei Zurückhaltung jedoch keinen Grund mehr. Am Morgen würde er der Guillotine überantwortet werden.

Eric verschloss die Augen vor den tanzenden Schatten, die ihn zu verspotten schienen, und zog die Knie näher an seinen Oberkörper. Am anderen Ende der Zelle hatte ein Mann einen fürchterlichen Hustenanfall. Etwas näher bei ihm stöhnte jemand auf und regte sich im Schlaf. Nur Eric saß in dieser Nacht wach. Zwar würden auch die anderen dem Tod gegenübertreten, aber nicht morgen. Einmal mehr fragte er sich, ob sein Vater in den Stunden vor seinem Tod genauso gelitten hatte wie er. Und er grübelte darüber nach, ob seine Mutter und seine jüngere Schwester Jacqueline es über den Kanal in Sicherheit geschafft hatten? Er hatte die nach Blut lechzenden Bauern so lange aufgehalten, wie es ihm möglich gewesen war. Falls die Frauen in Sicherheit waren, sah er das Opfer seines eigenen armseligen Lebens als angemessen an. Er war nie so wie die anderen Menschen gewesen; um der Wahrheit die Ehre zu geben, hatte man ihn stets für eigenartig gehalten. Soweit es ihn betraf, würde man ihn nicht vermissen. Die meiste Zeit seiner fünfunddreißig Jahre auf Erden war er für sich geblieben.

Sein Magen verkrampfte sich, sodass er sich vorbeugte und ein Stöhnen unterdrückte. Seit drei Tagen waren weder Essen noch Trinken über seine Lippen gekommen. Das Gesöff, das sie einem hier anboten, würde ihn schneller umbringen als der Hunger. Vielleicht würde er sogar sterben, bevor sie Gelegenheit dazu hatten, ihn einen Kopf kürzer zu machen. Der Gedanke daran, diesen Bastarden ihr barbarisches Vergnügen vorzuenthalten, zauberte die schmerzhafte Karikatur eines Lächelns auf seine ausgetrockneten Lippen.

Die Zellentür öffnete sich mit einem lauten Ächzen, doch Eric schaute nicht auf. Er hatte gelernt, dass es besser war, nicht die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, wenn die Wächter auf der Suche nach ein wenig Unterhaltung waren. Indes, es war keine bekannte Stimme, die er plötzlich vernahm; zudem war sie viel zu zivilisiert, um einem dieser ungebildeten Schweine zu gehören.

“Lasst uns allein! Ich rufe, wenn ich hier fertig bin!”

Der Tonfall war autoritär und verlangte Gehorsam. Die Tür fiel mit einem Krachen zu, aber Eric regte sich noch immer nicht.

Schritte kamen näher und hielten inne. “Komm schon, Marquand, ich habe nicht die ganze Nacht Zeit!”

Er versuchte zu schlucken, aber seine Kehle war staubtrocken. Er hob langsam das Gesicht. Der Mann vor ihm lächelte und strich sich geistesabwesend über das aufwendig geknotete Seidenhalstuch. Das Kerzenlicht ließ sein schwarzes Haar glänzen wie Rabenfedern, doch seine Augen glommen noch um einiges dunkler. “Wer seid Ihr?”, brachte Eric mühsam hervor. Nach all den Tagen, in denen er weder gesprochen noch etwas getrunken hatte, ließen die Worte seine Kehle brennen.

“Mein Name ist Roland. Ich bin gekommen, um dir zu helfen, Eric. Steh auf. Wir haben nicht viel Zeit!”

“Monsieur, falls das ein Scherz ist …”

“Ich versichere dir, dass es keiner ist.” Der Mann packte Erics Oberarm und zog ihn mit einem Ruck, der ihn kaum Anstrengung zu kosten schien, auf die Beine.

“Ihr … Ihr kennt mich doch überhaupt nicht. Warum würde ein Fremder mir in meiner Lage helfen wollen? Ihr gingt damit ein viel zu großes Risiko für Euer eigen Leib und Leben ein. Zumal Ihr ohnehin nichts ausrichten könnt. Mein Urteil ist gefällt. Am Morgen sterbe ich. Behaltet Euren Kopf auf den Schultern, Freund. Geht jetzt.”

Der Mann, der sich Roland nannte, hörte Erics heiserer Rede zu und nickte dann langsam. “Ja, du bist ein Würdiger, nicht wahr? Spar deinen Atem, Junge. Ich kann sehen, dass es dir Schmerzen bereitet. Hör mir stattdessen lieber zu. Ich kenne dich. Ich kenne dich seit dem Moment, als du deinen ersten Atemzug tatest!”

Eric schnappte nach Luft und trat einen Schritt von dem Mann zurück. Ein Gefühl von Vertrautheit nagte an ihm. Ohne den Blick von Roland zu nehmen, tastete er nach der Kerze, ergriff sie und hielt sie in die Höhe. “Monsieur, was Ihr da sagt, ist unmöglich. Gewiss verwechselt Ihr mich mit jemandem.” Er blinzelte im flackernden Licht, noch immer nicht imstande, den Mann mit seinen Erinnerungen in Einklang zu bringen.

Roland seufzte frustriert und hob die Hand, um nicht vom Kerzenschein geblendet zu werden. “Mann, nimm das Ding aus meinem Gesicht! Ich sage dir, dass ich gekommen bin, um dir zu helfen, und du verschwendest deine Zeit mit sinnlosen Debatten. Bis du so begierig darauf, dass dein Kopf in einem Weidenkorb landet?” Eric nahm die Kerze herunter, und Roland senkte seine Hand, um ihn anzuschauen. “Als du vier Jahre alt warst, bis du in den Kanal gefallen. Du bist fast ertrunken, Eric. Erinnerst du dich nicht mehr an den Mann, der dich triefend aus dem kalten Wasser zog? Am Abend der Feier deines zehnten Geburtstags wurdest du um ein Haar von einer führerlosen Kutsche überrollt. Hast du keine Erinnerung mehr an den Mann, der dich damals vor den Hufen rettete?”

Die Wahrheit hinter den Worten des Mannes traf Eric wie ein Schlag, und er zuckte zusammen. Das Gesicht des Fremden war so weiß, dass es wie gepudert aussah, die Augen so schwarz, dass man nicht erkennen konnte, wo die Iris aufhörte und die Pupille begann – es war das Gesicht eines Mannes, der bei diesen beiden Zwischenfällen zugegen gewesen war, erkannte Eric jetzt, obwohl er wünschte, dieses Wissen verleugnen zu können. Irgendetwas an diesem Mann jagte ihm Angst ein.

“Eric Marquand, fürchte mich nicht! Ich bin dein Freund. Das musst du mir glauben.”

Der dunkle Blick durchbohrte Eric, als der Mann beinahe hypnotisierend auf ihn einsprach. Eric spürte, wie er sich entspannte. “Ich glaube Euch, und mein Dank ist Euch gewiss. Allerdings nützt mir ein Freund jetzt kaum etwas. Ich weiß noch nicht einmal, wie viel Zeit mir noch bleibt. Ist draußen bereits die Dunkelheit hereingebrochen?”

“Das ist sie, Junge, sonst könnte ich nicht hier sein. Gleichwohl, meine Zeit ist knapp, denn der Sonnenaufgang ist nicht mehr fern. Es hat länger gedauert als erwartet, die Wärter zu bestechen, damit sie mich zu dir ließen. Wenn du leben willst, dann musst du mir vertrauen und tun, was ich dir sage, ohne Fragen zu stellen.” Mit hochgezogener Augenbraue sah er Eric an und wartete auf eine Antwort.

Eric nickte nur; er war nicht mehr in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen.

“Gut”, sagte Roland. “Dann nimm das Halstuch ab.”

Mit schweren Fingern machte sich Eric an dem zerrissenen, dreckigen Leinen zu schaffen. “Monsieur, sagt mir, was Ihr jetzt vorhabt.”

“Ich habe vor, zu verhindern, dass du sterben musst”, erwiderte der Fremde so selbstsicher, als hätte er dieses Wunder bereits vollbracht.

“Ich befürchte, dass niemand mein morgiges Verhängnis abwenden kann.” Endlich löste Eric den Knoten und zog das Tuch von seinem Hals.

“Eric, du wirst nicht sterben. Weder morgen noch an einem anderen Tag. Komm her!”

Erics Füße schienen wie angewurzelt. Er hätte sich nicht bewegen können, selbst wenn er es gewollt hätte. Seine Augen weiteten sich, und er spürte, wie sich seine Kehle verengte.

“Ich weiß, dass du dich fürchtest, Junge, aber denk nach! Bin ich etwa furchterregender als die Guillotine?”, stieß der Mann laut hervor.

Eric stand da wie erstarrt und warf einen Blick in die Runde, aber keiner der anderen rührte sich. “Warum … warum wachen sie nicht auf?”

Roland trat vor und packte ihn an den Schultern.

“Ich verstehe es nicht. Warum wachen sie nicht auf?”, fragte Eric von Neuem.

Der Wärter hämmerte gegen die Tür. “Die Zeit ist um!”

“Noch fünf Minuten!”, dröhnte Rolands Stimme, und Eric war es, als würden seine Worte die Wände zum Erbeben bringen. “Es soll dein Schaden nicht sein, Bursche! Geh jetzt!”

Eric hörte den Wärter erst murren; dann vernahm er, wie sich seine Schritte von der Tür entfernten, als er rief: “Noch zwei Minuten. Nicht mehr!”

“Verflucht, Junge. Es muss getan werden! Verzeih, dass ich keinen Weg gefunden habe, es für dich weniger beängstigend zu machen!” Mit diesen Worten zog Roland Eric mit übernatürlicher Stärke zu sich heran. Er drückte Erics Kopf mit der flachen Hand zurück, und als Eric sich zu befreien versuchte, sanken Rolands Zähne in seine Kehle.

Als Eric den Mund öffnete, um sein grenzenloses Entsetzen hinauszuschreien, drängte etwas Feuchtes gegen seine Lippen. Übelkeit überkam ihn, als ihm klar wurde, dass es ein Handgelenk war, aufgeschlitzt und pulsierend vor Blut. Roland presste seine aufgetrennte Vene gegen seinen Mund, und Eric hatte keine andere Wahl, als die abscheuliche Flüssigkeit zu schlucken, die seinen Rachen füllte.

Abscheulich? Nein. Eher warm und salzig. Bereits mit dem ersten Schluck kam die schockierende Erkenntnis, dass es ihn nach mehr verlangte. Was geschah mit ihm? Hatte er den Verstand verloren?

Ja! Er musste dem Wahnsinn verfallen sein, wenn er erlaubte, dass das Blut eines anderen Mannes seinen schmerzhaften Hunger, seinen endlosen Hunger, stillen würde. Er zuckte nicht einmal zusammen, als ein Wort wie ein kühler Hauch durch sein Gehirn brandete: Vampir. Angst erfüllte sein Herz, als Rolands Blut seinen Leib durchströmte. Er spürte, wie er schwächer wurde und nach und nach in einem dunklen Abgrund versank, aus dem er nicht entkommen wollte. Dies war ein viel besserer Tod als der, der am Morgen auf ihn wartete! Das Blut lähmte ihn, und Roland trat zurück.

Eric konnte nicht länger aufrecht stehen. Er hatte das Gefühl, als sei sein Inneres mit einem Mal zur Gänze leer, und sank zu Boden. Er fühlte den Aufprall nicht. Sein Kopf schwebte irgendwo über ihm, und seine Haut prickelte wie von Millionen unsichtbarer Nadelstiche. “Wa-was habt Ihr mit mir ge-gemacht?” Er musste sich die Worte abzwingen – ein dumpfes Genuschel, als wäre er betrunken. Seine Zunge schien ihm nicht mehr zu gehorchen.

“Schlaf, mein Sohn. Wenn du das nächste Mal erwachst, wirst du dieser Zelle auf ewig entronnen sein. Du hast mein Wort darauf. Jetzt schlaf!”

Eric kämpfte darum, die Augen offen zu halten, aber sie fielen dennoch zu. Vage spürte er, wie kalte Hände ihm sein schmutziges Halstuch wieder umlegten. Dann hörte er, wie Roland gegen die Tür hämmerte und nach dem Wärter rief.

“Ich fürchte, dass er nicht lange genug leben wird, um exekutiert zu werden.” Rolands Stimme schien von sehr weit her zu kommen.

“Was redet Ihr da? Er war wohlauf …”

“Dann sieh selbst, Bursche! Siehst du, wie er dort liegt? Ich wette, er ist noch vor Sonnenaufgang tot. Ich schicke eine Kutsche, um den Leichnam abzuholen. Kümmere dich um die Angelegenheit.”

“Wenn der Preis stimmt, natürlich, Sir.”

“Hier. Und wenn du genau das tust, was ich dir sage, bekommst du noch mehr.”

“Gut, denn. Wenn er stirbt, wie Ihr gesagt, werde ich dafür Sorge tragen, dass er in die Kutsche kommt. Aber wenn nicht, kümmere ich mich darum, dass er seine Verabredung mit der Guillotine einhält. Ganz egal, was geschieht, für ihn kommt’s auf dasselbe raus, nicht wahr, Mister? Fressen für die Würmer, das ist er!” Wüstes Gelächter erfüllte die Zelle; dann schlug die Tür mit lautem Krachen zu.

1. KAPITEL

Im Traum lief sie davon. Vor irgendetwas, irgendwohin. Zu irgendjemandem. Sie stürzte durch dichtes Unterholz voller Sträucher und dorniger Zweige, die ihre Beine zerkratzten, sie festhielten und zurückzuziehen schienen. Rauchiger Nebel wand sich schlangengleich um ihre Beine. Sie konnte noch nicht einmal den Boden unter ihren Füßen ausmachen. Die ganze Zeit über rief sie nach ihm, aber wie stets vermochte sie sich nicht an seinen Namen zu erinnern, sobald sie erwachte.

Tränen und Schweiß klebten ihr das schwarze Haar ins Gesicht. Ihre Lungen schwollen an wie die eines Marathonläufers nach seinem Lauf. Ihr Atem ging schwer. Ihr Herz fühlte sich an, als würde es jeden Moment explodieren. In ihrem Kopf drehte sich alles, und der überwältigende Schwindel zwang sie dazu, die Augen zu schließen. Rasch setzte sie sich auf und strich sich das feuchte Haar aus der Stirn. Ihr Blick fiel auf die Uhr neben dem Bett und dann auf das dahinschwindende Licht draußen vor dem Fenster.

Im Grunde wäre das gar nicht nötig gewesen. Der Traum überfiel sie jeden Tag zur gleichen Zeit, nichts weiter als ein Bestandteil ihrer zunehmend ungewöhnlicher werdenden Schlafgewohnheiten. Nächtens Schlaflosigkeit, tagsüber fehlende Energie und immer dieselben beängstigend realistisch wirkenden Albträume schienen zu einem festen Teil ihres Lebens geworden zu sein. Sie hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, sich unverzüglich hinzulegen, um ein Nickerchen zu machen, sobald sie von der Arbeit heimkehrte, weil sie wusste, dass dies vermutlich der einzige Schlaf war, den sie an diesem Tag bekäme. Bis kurz vor Sonnenuntergang schlief sie dann wie eine Tote, nur um schließlich durch diesen Furcht einflößenden Traum geweckt zu werden.

Die Nachklänge des Albtraums verblassten allmählich. Tamara erhob sich, zog ihren Satin-Morgenmantel über und tapste ins angrenzende Badezimmer, Fußspuren im tiefen silbrigen Flor des Teppichs hinterlassend. Sie drehte das Wasser auf, um die übergroße Badewanne volllaufen zu lassen, und verteilte eine Handvoll Badeölperlen im ansteigenden Wasser. Als der Strahl sprudelte und spritzte, vernahm sie ein lautes Klopfen und ging zur Tür.

Daniels silberne Augenbrauen zogen sich über seinen hellblauen, besorgt dreinblickenden Augen zusammen. “Tam? Bist du in Ordnung?”

Sie schloss langsam die Augen und seufzte. Allem Anschein nach hatte sie wieder laut geschrien. Es war nicht angenehm, sich selbst eingestehen zu müssen, dass sie allmählich durchdrehte, doch zu sehen, dass sie dem Mann, der die letzten zwanzig Jahre wie ein Vater für sie gewesen war, Sorgen bereitete, war mehr, als sie ertragen konnte. “Natürlich, es geht mir gut. Warum fragst du?”

“Ich … dachte, ich hätte dich rufen hören.” Seine Augen verengten sich zu Schlitzen, um ihr Gesicht genauer zu betrachten. Sie hoffte, dass die Ringe unter ihren Augen nicht allzu offensichtlich wären. “Bist du sicher, dass du …”

“Gut. Es geht mir gut. Ich habe mir den Zeh am Bettpfosten gestoßen, das ist alles.”

Er schien noch immer nicht überzeugt. “Du siehst müde aus.”

“Ich wollte gerade ein schönes heißes Bad nehmen, und dann lege ich mich hin.” Sie lächelte, um seine Sorgen zu vertreiben; dann wurde daraus ein Stirnrunzeln, als sie den Mantel über seinem Arm sah. “Du gehst aus? Daniel, es hat den ganzen Tag geschneit. Die Straßen …”

“Ich fahre nicht, Tam. Curtis holt mich ab.”

Sie spürte, wie sich ihr Rücken versteifte. Sie atmete stoßartig aus. “Du spionierst wieder diesem Mann nach, oder? Ehrlich, Daniel, deine Besessenheit …”

“Spionieren? Das ist Überwachung! Und nenn es nicht Besessenheit, Tamara. Es ist rein wissenschaftliches Interesse. Das solltest du verstehen.”

Ihre Augenbrauen glitten in die Höhe. “Es ist Aberglaube, nichts weiter. Und wenn du den armen Mann auf Schritt und Tritt verfolgst, wird er dich am Ende noch vor Gericht zerren. Daniel, du bist ihm seit Monaten auf den Fersen. Und trotzdem hast du immer noch nicht den geringsten Beleg dafür gefunden, dass er ein …”

“Daniel.” Curts Stimme unterbrach sie; einen Moment später war er die Treppe hochgestürmt und stand neben Daniel vor ihrer Schlafzimmertür. “Bist du fertig?”

“Und du …” Tamara fuhr fort, als hätte Curtis an dem ganzen Gespräch teilgenommen. “Ich kann nicht glauben, dass du Daniel zu dieser Hexenjagd ermutigst. Um Himmels willen, wir drei verbringen jeden Tag in einem von Hightech, Messing und Glas beherrschten Bürogebäude in White Plains. Jungs, wir leben in den Neunzigern! In Byram, Connecticut, nicht in Transsilvanien im 15. Jahrhundert!”

Curt starrte sie einen Moment lang an. Dann legte er den Kopf schief und öffnete die Arme. Sie seufzte und erlaubte ihm, sie zu umarmen. “Liegst du nachts immer noch wach?” Seine Stimme war sanft und einfühlsam.

Gegen den feuchten Stoff seines Mantels schüttelte sie den Kopf.

“Ich mache mir Gedanken, sie hier allein zu lassen”, sagte Daniel, als wäre sie gar nicht da.

“Ich muss noch einige Experimente im Kellerlabor zu Ende bringen”, bot Curt an. “Ich könnte hierbleiben, wenn du die Überwachung allein machen willst.”

“Ich brauche keinen Babysitter”, blaffte sie ihn an.

Daniel beachtete sie nicht. “Ich denke, das ist eine gute Idee”, sagte er. Er lehnte sich vor, um ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange zu drücken. “Ich werde gegen Sonnenaufgang wieder zurück sein.”

Sie zog sich aus Curts Armen zurück und schüttelte frustriert den Kopf.

“Tam, Daniel und ich wissen, was wir tun”, sagte Curt in beschwichtigendem Ton zu ihr. “Wir sind schon länger in diesem Geschäft als du. DPI hat Beweise für Marquand. Das ist kein Aberglaube.”

“Ich will die Akten sehen.” Sie schniefte und schaute ihm in die Augen.

Seine Lippen zogen sich an den Mundwinkeln zusammen. “Dein Sicherheitsstatus ist dafür nicht hoch genug.”

Das war die Antwort, mit der sie gerechnet hatte, dieselbe, die sie jedes Mal zu hören bekam, wenn sie darum bat, die Daten der DPI, der Abteilung für paranormale Ermittlungen, über den vermeintlichen Vampir Marquand einsehen zu dürfen. Sie senkte den Kopf und wandte sich von Curtis ab. Seine Hand auf ihrer Schulter ließ sie innehalten. “Sei bitte nicht wütend, Tamara. Es ist nur zu deinem eigenen …”

“Ich weiß. Zu meinem eigenen Wohl. Meine Badewanne läuft bestimmt schon über.” Sie trat von ihm zurück und schloss die Tür. Curtis würde sich im Kellerlabor verkriechen und ihr keinen zweiten Gedanken schenken, dessen war sie sich gewiss. Er sorgte sich nicht so sehr um sie, wie Daniel es tat. Tatsächlich schien er sie in letzter Zeit mehr herumzukommandieren als sonst. Sie tat diesen Umstand mit einem Schulterzucken ab und nahm sich vor, nicht weiter um Curtis’ besitzergreifendes Verhalten ihr gegenüber nachzudenken. Sie stellte das Wasser ab und starrte für eine Weile vor sich hin. Kein heißes Bad dieser Welt würde ihr dabei helfen, einzuschlafen. Sie hatte alles probiert, von warmer Milch bis hin zur doppelten Dosis Schlaftabletten, die ihr Arzt ihr auf ihren nachdrücklichen Wunsch hin verschrieben hatte. Alles vergebens. Warum sollte sie es dann trotzdem tun?

Mit einem frustrierten Seufzer tappte sie zur Balkontür. Aus einem Impuls heraus öffnete sie die Tür und trat auf den Balkon hinaus. Aus dem lilaschwarzen Himmel, der sich im Westen zu einem silbrigen Blau aufhellte, trudelten Schneeflocken wie bei einem verrückten Tanz herab. Die Sonne war zur Gänze untergegangen, während sie mit ihrem überkandidelten Vormund und seinem dickköpfigen Kollegen diskutiert hatte. Sie starrte hinaus ins Freie, völlig verzaubert von der schlichten Anmut des wirbelnden Schnees. Mit einem Mal überkam sie das Gefühl, ein Teil davon sein zu müssen. Warum sollte sie all diese aufgewühlte Energie dafür verschwenden, im Bett zu liegen und zur Unterseite ihres weißen Betthimmels emporzustarren? Vor allem wenn sie genau wusste, dass es noch Stunden dauern würde, bis sie endlich schlafen konnte. Vielleicht, überlegte sie matt, sollte sie sich bis zur Erschöpfung verausgaben? Wie lange war es schon her, seit sie zuletzt in der Lage gewesen war, die nagenden Sorgen beiseitezuschieben und sich einem einfachen Vergnügen hinzugeben?

Jetzt, da sie ihre Entscheidung getroffen hatte, eilte sie wieder hinein. Sie zog enge schwarze Leggings, einen dicken Strickpullover, zwei Paar Socken und flauschige pinkfarbene Ohrenschützer an, ergriff ihren Mantel und holte ihre Schlittschuhe aus dem Wandschrank, warf die Schuhe in ihre Sporttasche, steckte ihre Handtasche daneben und öffnete die Schlafzimmertür.

Einen Moment lang lauschte sie nur. Das hohle Gerippe des Hauses lag still. Sie huschte auf Zehenspitzen durch den Flur, die Treppe hinab. An der Eingangstür hielt sie gerade lange genug inne, um in ihre Stiefel zu schlüpfen; dann war sie draußen.

Ihre Wangen brannten in der eisigen Luft; ihr Atem bildete kleine Dampfwolken im fallenden Schnee. Ein Fußmarsch von zwanzig Minuten, versunken in den Anblick tanzenden Schnees, brachte sie in die Vororte von Byram. Kindliche Freude wärmte sie, als ihr Ziel in Sicht kam.

Inmitten des Strauchwerks und der sorgsam geschnittenen Ulmen des Stadtparks funkelte die Eisbahn. Gewundene schneebedeckte Gehwege, schmiedeeiserne Bänke mit Rotholzlattensitzflächen und Abfalleimern in fröhlichem Grün umgaben das Eis. Tamara eilte zur nächsten Bank, um ihre Schlittschuhe anzuziehen.

Als er erwachte, fühlte sich Eric, als wäre sein Kopf mit nasser Baumwolle vollgestopft. Er schwang seine Beine zu Boden und kam mit einer ungewohnten Unbeholfenheit auf die Füße. Er brauchte kein Fenster, um die blasse Röte zu spüren, die noch immer am westlichen Himmel auszumachen war. Es war nicht die nahende Nacht, die ihn schwächte. Schon seit Wochen lag es nicht mehr daran. Doch immer wieder hallten ihre Schreie durch seinen Kopf, bis dass er keine Ruhe mehr fand. Angst und Verwirrung machte ihr ergreifendes Flehen selbst für ihn fühlbar. Er verspürte ihr Bedürfnis wie einen Widerhaken, der durch sein Herz ging und an ihm zog. Doch er zögerte. Irgendein übernatürlicher Instinkt warnte ihn, nicht voreilig zu handeln. Ihre nächtlichen Rufe weckten kein Gefühl von bevorstehender Gefahr in ihm. Der Grund dafür schienen weder körperliche Schwäche noch ein lebensbedrohlicher Unfall zu sein. Aber was war es dann?

Schon allein die Tatsache, dass sie ihn zu rufen vermochte, war unglaublich. Kein gewöhnlicher Mensch war in der Lage, einen Vampir zu rufen. Es verblüffte ihn, dass irgendetwas anderes als eine tödliche Gefahr ihn aus seinem todesähnlichen Schlaf wecken konnte. Es verlangte ihn danach, zu ihr zu gehen, um ihr die Fragen zu stellen, die ihn quälten. Doch er zögerte. Vor langer Zeit hatte er diesem Ort den Rücken gekehrt und sich geschworen, das Mädchen um ihres eigenen Schutzes willen in Ruhe zu lassen. Er hatte gehofft, dass die unfassbare psychische Verbindung zwischen ihnen mit Zeit und Distanz nachlassen würde. Doch offensichtlich war dies nicht der Fall.

Er entspannte sich eine Stunde lang in der Behaglichkeit seines Unterschlupfs. Mit dem endgültigen Untergehen der Sonne kam der ihm vertraute Energierausch. Seine Sinne verdichteten sich zur tödlichen Schärfe einer frisch geschliffenen Klinge. Sein Leib prickelte vom Gefühl von Millionen Nadelstichen auf der Haut.

Eric zog sich an und öffnete dann die Vielzahl der Schlösser an der schweren Tür. Er bewegte sich lautlos durch den pechschwarzen Flur und drückte am Ende des Gangs gegen eine schwere Steinplatte, die leicht und ohne protestierendes Knarren nach innen aufschwang. Durch die Öffnung trat er in einen auf den ersten Blick ganz gewöhnlichen Keller. Von dieser Seite sah die Tür aus wie ein gut bestücktes Weinregal. Er drückte sie behutsam wieder zu und stieg die Treppe hinauf, die zum Haupthaus führte.

Er musste sie sehen. Er wusste es schon seit einiger Zeit, doch bislang hatte er dieses Wissen erfolgreich verdrängt. Ihre Anziehungskraft war zu stark, um ihr zu widerstehen. Wenn ihre süße, gequälte Stimme in den samtigen Schoß seiner Ruhe drang, spürte er ihre Qual. Er musste wissen, was ihr derartige Sorgen bereitete. Er trat in den Salon, ging hinüber zu dem hohen Fenster und öffnete die Vorhänge.

Der DPI-Lieferwagen stand gegenüber dem Eingangstor, wie jede Nacht in den vergangenen zwei Monaten. Ein weiterer Grund, warum er auf der Hut sein musste! Die Abteilung hatte vor über hundert Jahren als eine Gruppe von frommen Schwachköpfen ihren Anfang genommen, die die Zerstörung von all jenem im Sinn hatten, was sie nicht verstanden. Es gab Gerüchte, dass sie nun unter dem Dach der CIA operierten, was sie zu einer Bedrohung machte, die man nicht auf die leichte Schulter nehmen durfte. Nach Erics Informationen besaßen sie ein Bürogebäude in White Plains. Man sagte, dass sie überall in den USA und sogar in Europa Agenten hatten. Der Agent da draußen schien Eric zu seiner persönlichen Obsession erkoren zu haben. Als wäre das Eingangstor der einzige Weg hinaus, parkte er dort jeden Abend, sobald es dunkel wurde, und blieb, bis der neue Tag erwachte. Eric fand ihn so lästig wie eine umherbrummende Fliege.

Er schlüpfte in einen dunklen Mantel und verließ das Wohnzimmer durch die Glastüren auf der gegenüberliegenden Seite des Eingangstors. Er überquerte den Rasen, der sich vom Haus bis hin zu der felsigen Klippe des Long-Island-Sunds erstreckte, ging zu dem hohen Eisenzaun, der seinen Besitz zur Gänze umgab, und schwang sich ohne große Mühe darüber. Er bahnte sich einen Weg durch die Bäume und gelangte einige Meter hinter dem angestrengt wirkenden Mann, der dem Irrglauben anhing, ihn so gekonnt zu beschatten, zur Straße.

Eric ging nur ein kurzes Stück, bevor er innehielt, um seinen Kopf freizubekommen, indem er die Augen schloss. Er öffnete sich für das Durcheinander von Emotionen, dem er den Zugang für gewöhnlich verwehrte, und zuckte unter dem Bombardement der Eindrücke innerlich zusammen. Stimmen jedes Tonfalls, jeder Flexion und Lautstärke schallten durch seinen Kopf. Gefühle von fürchterlicher Angst bis hin zu überwältigender Freude durchströmten ihn. Körperliche Empfindungen – sowohl Vergnügen als auch Schmerz – durchdrangen ihn, und er wappnete sich gegen diese seelische Attacke. Er war außerstande, mit dem Geist eines anderen Lebewesens in Kontakt zu treten, sofern jene Person ihm nicht zunächst ihrerseits eine Nachricht zukommen ließ – so, wie sie es getan hatte.

Langsam gewann er die Oberhand über das Sperrfeuer der Eindrücke. Er durchforstete sie und suchte nach ihrer Stimme und ihren Gedanken. Innerhalb von Momenten spürte er sie und wandte sich in die Richtung desjenigen Ortes, von dem er wusste, dass sie dort war.

Eric verschluckte sich fast, als er sich der Eislaufbahn näherte und sie erblickte. Sie drehte sich im Mondschein in der Mitte der Bahn, ihr Gesicht wie im Gebet nach oben gerichtet – als würde sie die Nacht anbeten. Sie stoppte, breitete mit der Grazie einer Ballerina die Arme aus und glitt erst langsam, dann immer schneller übers Eis, um Achten zu ziehen. Dann drehte sie sich, glitt rückwärts übers Eis, drehte sich von Neuem, kreuzte einen Schritt über den anderen und wurde schließlich langsamer.

Als er sie beobachtete, spürte er ein eigenartiges Brennen in seiner Kehle. Zwanzig Jahre waren vergangen, seit er das unschuldige schwarzhaarige Kind in dem Krankenhausbett zurückgelassen hatte, nachdem er ihr das Leben rettete. Wie lebhaft er sich noch an jene Nacht erinnerte – an die Art, wie sie ihre Augen geöffnet und seine Hand gehalten hatte. Sie hatte ihn bei seinem Namen genannt und ihn gebeten, nicht zu gehen. Sie hatte ihn bei seinem Namen genannt, obwohl sie ihm noch nie zuvor begegnet war! Genau in diesem Moment hatte er erkannt, wie stark das Band zwischen ihnen war, und beschlossen, dass es besser war, zu verschwinden.

Erinnerte sie sich daran? Würde sie ihn erkennen, wenn sie ihn wiedersah? Er hatte natürlich nicht vor, das zuzulassen. Er wollte sie nur anschauen, ihre Gedanken durchforsten und dahinterkommen, was der wahre Grund für ihre nächtlichen Qualen war.

Sie glitt zu einer Bank in der Nähe der Eisbahn, zog die Ohrenschützer ab und ließ sie fallen. Als sie den Kopf schüttelte, flog ihr Haar wild umher, wie ein schwarzer Satinlocken-Mantel. Sie streifte ihre Jacke ab und ließ sie in den Schnee gleiten. Mit einem tiefen Atemzug wandte sie sich um und fuhr wieder los.

Eric öffnete seinen Geist, nahm Verbindung mit dem ihren auf und stellte sich mit allen Sinnen auf sie ein. Es dauerte nur Sekunden, und erneut staunte er über die Stärke der geistigen Verbindung zwischen ihnen. Er hörte ihre Gedanken, so deutlich wie sie selbst.

Was er hörte, war Musik – die Musik, die sie sich ausmalte, während sie auf dem Eis ihre Kreise zog. Die Musik verblasste ein wenig, als sie mit sich selbst sprach. Einen Axel, Tam, altes Mädchen. Etwas mehr Tempo … jetzt!

Er hielt die Luft an, als sie vom Eis hochsprang, um sich anderthalbmal zu drehen. Sie landete fast perfekt, mit einem Bein hinter sich ausgestreckt, dann geriet sie ins Schwanken und stürzte hart hin. Eric musste an sich halten, um nicht zu ihr zu laufen. Ein beinahe überhörter Instinkt flüsterte ihm eine Warnung zu, und er hielt inne. Erst jetzt begriff er, dass sie lachte, ein Geräusch klar wie Kristallwasser, das über Steine plätscherte.

Sie erhob sich, rieb sich den Rücken und lief wieder los; sein Blick folgte ihr. Sie fuhr zum anderen Ende der Eisbahn. Das war der Moment, in dem Eric den Lieferwagen entdeckte, der in der Dunkelheit auf der anderen Straßenseite parkte. Daniel St. Claire!

Schnell besann sich Eric eines Besseren. Es konnte nicht St. Claire sein. Er hätte die Ankunft des Mannes gehört, da er nach ihm gekommen sein müsste. Er besah sich den weißen Lieferwagen genauer und erkannte gewisse Unterschiede – der Kratzer an der Seite, die Reifen. Das war nicht St. Claires Fahrzeug, aber es gehörte dem DPI. Jemand hatte ein Auge auf Tamara – und nicht auf ihn!

Er wäre gern näher herangegangen, um das Dunkel des Innenraums mit seinen Blicken zu durchdringen und den Beobachter zu identifizieren, aber sein Fuß verhakte sich irgendwo, und er schaute nach unten. Eine Sporttasche. Ihre Sporttasche. Er sah wieder zu Tamara. Sie konzentrierte sich vollkommen aufs Eislaufen. Wie es schien, war derjenige, der sie beobachtete, nicht minder von ihr fasziniert. Eric bückte sich, hob die Tasche auf und verschmolz mit den Schatten. Außer ihren Stiefeln befand sich nur eine kleine Handtasche in der Sporttasche. Seine Hände glitten über geschmeidiges Ziegenleder. Er holte die Handtasche heraus.

Ja, es war ein Einbruch in ihre Privatsphäre, das war ihm bewusst. Falls die gleichen Leute, die ihn beschatteten, auch sie beobachteten, musste er in Erfahrung bringen, warum. Falls St. Claire von seiner Beziehung zu dem Mädchen wusste, bestand die Möglichkeit, dass dies eine höchst raffinierte Falle war. Er nahm jeden Gegenstand aus der Tasche und besah ihn sich genauestens, bevor er ihn wieder zurücklegte. In dem kleinen Fach für die Geldscheine fand er eine DPI-Schlüsselkarte, auf der Tamaras Name in so riesigen Lettern auf der Vorderseite stand, dass seine Augen schmerzten.

“Nein”, flüsterte er. Sein Blick wanderte zu ihr, als er die Karte gedankenvoll in die Tasche zurückfallen ließ. Er legte die Handtasche wieder in die Sporttasche und warf jene zurück an die Stelle, wo er sie gefunden hatte. Sein Herz verkrampfte sich, als er sie beobachtete. So wunderschön, so zerbrechlich, in ihrem Haar das Glitzern diamantähnlicher Tropfen, als wären sie auf magische Weise in ihre Mähne eingewoben, während sie im Schein des Vollmonds dahinglitt. War es möglich, dass sie sein Judas war? Ein Verräter im Kleid eines Engels?

Er richtete seinen Geist mit jeder Unze Kraft, die er aufzubringen vermochte, auf den ihren aus, aber die einzigen Empfindungen, auf die er dabei stieß, waren Freude und Ausgelassenheit. Alles was er hörte, war Musik, die in ihrem Kopf zunehmend lauter spielte, die Ouvertüre von “Der Schauspieldirektor”. Sie lief in vollkommener Harmonie mit dem beschwingten Stück, bis die Musik schließlich vollends verklang.

Sie kam zum Stillstand und stand sicher auf dem Eis, ihr Kopf leicht geneigt, als hätte sie ein Geräusch vernommen, das sie nicht recht zuzuordnen vermochte. Sie wandte sich langsam um und drehte sich einmal im Kreis, während ihr Blick über die Eisbahn glitt. Sie hielt inne, als sie ihn entdeckte, obgleich ihm klar war, dass sie ihn in seinen schwarzen Kleidern im Schatten vermutlich gar nicht sehen konnte. Dennoch runzelte sie die Stirn und kam in seine Richtung.

Lieber Himmel, war es möglich, dass das Band zwischen ihnen so stark war, dass sie seine Gegenwart spüren konnte? Hatte sie gefühlt, wie er ihre Gedanken erkundete? Er wandte sich von ihr ab und wäre verschwunden, wären da nicht die stetig schneller werdenden Laute ihrer Kufen auf dem Eis gewesen und das Knirschen, als sie so nah bei ihm stoppte, dass er die winzigen Eissplitter spürte, die ihre Schlittschuhe gegen seine Beine schleuderten. Eric konnte die Hitze spüren, die von ihrem von der Anstrengung erwärmten Körper ausging. Ihr Blick brannte einen Pfad über seinen Rücken, und selbst wenn sein Leben davon abgehangen hätte, wäre er nicht in der Lage gewesen, sie hier zurückzulassen. Es mochte eine Riesendummheit sein, aber Eric konnte nicht anders: Er drehte sich um und sah sie an.

Sie starrte ihn einen Moment lang mit verwirrter Miene an. Ihre Wangen glühten vor Wärme und Leben. Ihre Nasenspitze war rot. Kleine weiße Atemzüge entwichen ihren offenen Lippen, und tiefer an ihrem Hals pochte ihre Schlagader. Selbst als er sich zwang, den Blick von dem schwachen Pulsieren abzuwenden, spürte er es, so wie auch Beethoven die körperliche Wirkung seiner Musik gespürt haben musste. Er war nicht imstande, den Blick von ihren Augen zu wenden. Sie hielten ihn gefangen, als wohnte ihnen dieselbe Macht über andere inne, wie er sie besaß. Er fühlte sich verloren in diesen schwarzen, bodenlosen Pupillen, so riesig, dass sie scheinbar keine Iris besaßen. Mein Gott, dachte er. Sie sieht bereits aus wie eine von uns.

Sie runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf, wie in dem Versuch, die Schneeflocken aus ihrem Haar zu schütteln. “Entschuldigen Sie. Ich dachte, Sie wären …” Die Worte erstarben auf ihren Lippen, aber Eric wusste es ohnehin. Sie hatte ihn für jemanden gehalten, den sie kannte, jemanden, der ihr nahestand. Er war es.

“Jemand anders”, beendete er den Satz für sie. “Das passiert mir dauernd. Ich habe so ein Allerweltsgesicht.” Er durchforstete ihren Verstand und suchte nach Hinweisen darauf, dass sie ihn erkannte. Er fand keine Erinnerung an sich, lediglich eine gewaltige Sehnsucht – ein starkes Verlangen, über das sie sich selbst noch nicht vollends im Klaren war. “Gute Nacht.” Er nickte knapp und musste sich zwingen, sich von ihr abzuwenden.

Selbst als er den ersten Schritt tat, hörte er ihre unausgesprochene Bitte so deutlich, als hätte sie sie lauthals herausgeschrien. Bitte, geh nicht!

Er drehte sich wieder zu ihr um – er konnte einfach nicht anders. Sein pragmatischer Verstand erinnerte ihn immer wieder an die DPI-Karte in ihrer Tasche. Sein Herz verlangte danach, sie in die Arme zu schließen. Sie war wahrlich zu einer Schönheit herangereift. Ein flüchtiger Blick auf sie genügte, um einem Mann den Atem zu rauben. Der Schimmer ungeweinter Tränen in ihren Augen traf ihn wie ein Hieb.

“Ich weiß, dass ich Sie kenne”, sagte sie. Ihre Stimme zitterte bei diesen Worten. “Wer sind Sie?”

Ihr Verlangen, mehr zu erfahren, setzte ihm zu, und er konnte keine Lüge oder böse Absicht dahinter entdecken. Doch falls sie wirklich für das DPI arbeitete, bedeutete sie für ihn nichts als Ärger. Er war sich der Aufmerksamkeit des Mannes im Lieferwagen bewusst. Der Bursche fragte sich vermutlich, was sie hier verweilen ließ.

“Sie müssen sich irren.” Diese Lüge auszusprechen tat ihm in der Seele weh. “Ich bin mir sicher, dass wir uns noch nie zuvor begegnet sind.” Er wandte sich wieder ab, doch diesmal kam sie auf ihn zu und streckte die Hand nach ihm aus. Sie stolperte, und nur Erics übernatürliche Schnelligkeit ermöglichte ihm, rechtzeitig zu reagieren. Er fing sie auf, als sie nach vorn fiel. Seine Arme umschlossen ihren schlanken Leib, und er zog sie an seine Brust.

Er konnte sich nicht dazu durchringen, sie loszulassen. Er hielt sie an sich gedrückt, und sie sträubte sich nicht. Ihr Gesicht lag an seiner Brust, über seinem wild pochenden Herzen. Ihr Duft nahm ihn gefangen. Ihre Arme legten sich auf seine Schultern, wie um bei ihm Halt zu finden; dann jedoch glitten sie um seinen Hals herum, und er hatte das Gefühl, tausend Tode sterben zu müssen, wenn er wieder von ihr abließ.

Sie hob den Kopf, legte ihn zurück und sah ihm in die Augen. “Wir kennen uns, nicht wahr?”

2. KAPITEL

Tamara versuchte, die trunkene Benommenheit abzuschütteln, die sich ihrer bemächtigt zu haben schien. Sie stand so nah bei diesem Fremden, dass sich jeder Teil ihres Körpers – von den Schenkeln bis zur Brust – an ihn schmiegte. Ihre Arme lagen um seinen muskulösen Hals. Seine starken Arme umschlangen ihre Taille. Sie legte den Kopf zurück, um ihm in die Augen zu sehen, und hatte das Gefühl, in ihnen gefangen zu sein.

Er wirkt so vertraut!

Diese Augen … sie funkelten wie perfekte runde Kohlestücke unter pechschwarzen Wimpern. Seine dunklen Augenbrauen, nicht minder schwarz und dicht, schufen über jedem Auge eine Linie. Sonderbarerweise war sie sich mit einem Mal sicher, dass er, wenn er verblüfft oder belustigt war, eine Braue hochziehen würde, auf eine Art und Weise, die ihr den Atem rauben würde.

Aber ich kenne ihn nicht.

Seine vollen Lippen öffneten sich, als wollte er etwas sagen; dann jedoch schloss er sie wieder. Wie weich seine Lippen waren! Wie glatt und wie wundervoll, wenn er lächelte. Oh, wie sehr sie sein Lächeln vermissen würde!

Was rede ich da? Ich habe diesen Mann noch nie zuvor gesehen.

Sein Brustkorb unter ihrem glich einer mächtigen, soliden Mauer. Sie spürte, wie sein Herz kraftvoll darin schlug. Seine Schultern waren so breit, dass sie förmlich dazu einluden, ihren müden Kopf darauf zu betten. Sein Haar glänzte im Mondlicht, so schwarz wie ihr eigenes, wenn auch ohne ihre wilden Locken. Stattdessen fiel es in seidigen Wellen über seine Schultern – zumindest wenn es nicht gerade mit einer kleinen Samtschleife hinter dem Kopf zu einem Zopf zusammengebunden war, wie er es nannte. Sie berührte die Schleife in seinem Nacken und wusste, dass sie dort sein würde, noch bevor ihre Finger sie fanden. Sie spürte das irrationale Verlangen, sie zu lösen und mit ihren Fingern durch sein herrliches Haar zu fahren – um eine Handvoll davon an ihr Gesicht zu führen und damit über ihre Wangen zu streichen.

Tamara registrierte, wie sich ihre Augenbrauen zusammenzogen, und zwang sich dazu, die Lippen zu öffnen. “Wer bist du?”

“Du weißt es nicht?” Seine Stimme sandte eine weitere Welle des Widererkennens durch sie hindurch.

“Ich … habe das Gefühl, als wüsste ich es, aber …” Sie legte ihre Stirn noch mehr in Falten und schüttelte frustriert den Kopf. Ihr Blick fiel auf seinen Mund, und sie zwang sich, wegzuschauen. Das Gefühl, das in ihr brodelte, fühlte sich an wie freudige Erleichterung. Sie fühlte sich, als wäre eine unermessliche Leere in ihrem Herzen allein durch den Anblick dieses wohlvertrauten Mannes mit einem Mal gefüllt worden. Die Worte, die in ihrem Kopf herumwirbelten und die sie kaum zurückzuhalten vermochte, waren absurd. Gott sei Dank, du bist zurückgekommen … Ich habe dich so vermisst … Bitte, verlasse mich nicht noch einmal … Ich werde sterben, wenn du mich von Neuem verlässt.

Sie spürte, wie sich ihre Augen mit Tränen füllten; sie wollte sich umdrehen und fortlaufen, damit er es nicht mitbekam. Schmerz flackerte in seinen Augen auf und war dann sofort wieder verschwunden, sodass sie sich nicht sicher sein konnte, ob sie tatsächlich gesehen hatte, was sie gesehen zu haben glaubte. Er starrte sie so eindringlich an, und das eigenartige Gefühl, dass er irgendwie in ihren Kopf hineinschauen konnte, traf sie mit geradezu lächerlicher Gewissheit.

Tamara wollte sich umdrehen und weglaufen. Zugleich wollte sie ihn aber auch auf ewig festhalten. Ich verliere den Verstand.

“Nein, Liebes. Du bist vollkommen gesund, das versichere ich dir.” Seine Stimme klang einschmeichelnd.

Sie atmete tief ein. Sie hatte das nicht laut ausgesprochen – oder doch? Er hatte … lieber Himmel, er hatte ihre Gedanken gelesen!

Unmöglich! Das war einfach nicht möglich. Sie betrachtete seinen sinnlichen Mund und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Hatte er tatsächlich ihre Gedanken gelesen? Mit Vorsatz dachte sie: Ich will, dass du mich küsst.

Eine leise Stimme flüsterte die Antwort in ihrem Kopf – seine Stimme. Ein Test? Ich könnte mir keinen angenehmeren vorstellen.

Sie beobachtete fasziniert, wie sich sein Kopf senkte. Sein Mund senkte sich zu ihr herab, und sie erlaubte ihren Lippen, sich seinem sanften Drängen zu öffnen. In dem Moment, in dem seine feuchte, warme Zunge in ihren Mund schlüpfte und ihre eigene Zunge liebkoste, durchfuhr sie ein Schauder. Es war kein unerwarteter Ansturm körperlichen Verlangens. Nein, dies fühlte sich vielmehr wie ein elektrischer Stromstoß an, der vom Kontaktpunkt aus durch ihren Körper loderte und an ihren Fußsohlen wieder austrat. Ihre eigene Reaktion erschütterte sie und raubte ihr die Kraft.

Seine Hände bewegten sich ihren Rücken hinauf. Seine Fingerspitzen tanzten über ihren Nacken und höher, bis sie sich in ihrem Haar vergruben. Mit den Händen an ihrem Hinterkopf, zog er sie näher zu sich heran, drehte sie so, wie es ihm am besten passte, und hinderte sie daran, sich zurückzuziehen, als seine Zunge tiefer drang, um in ihrem Bauch kribbelnde Flammen zu entfachen.

Schließlich glitten seine Lippen von ihren, und sie dachte, der Kuss sei vorüber. Stattdessen wurde es lediglich zu einer anderen Art von Kuss. Seine feuchten Lippen wanderten den Verlauf ihres Kinns entlang. Er strich mit der Zunge über die empfindliche Haut knapp unterhalb ihres Ohrs. Er ließ seine Lippen zärtlich zu ihrer Kehle gleiten, und ihr Kopf sank wie von selbst zurück. Ihre Hände legten sich um seinen Kopf und zogen ihn näher zu sich. Ihre Augenlider flatterten, und ihr war so schwindlig zumute, dass sie überzeugt war, gleich ohnmächtig zu werden.

Er saugte ihre empfindliche Haut zwischen seine Zähne. Sie spürte, wie scharfe Schneidezähne über ihre weiche Haut strichen, als er daran sog wie ein Baby an der Brust seiner Mutter. Tamara fühlte, wie er erschauerte, hörte ihn aufstöhnen, als würde er gefoltert. Er hob seinen Kopf, und seine Hände richteten sie auf, damit sie einander in die Augen schauen konnten. Einen Moment lang schien ein Licht in seinen Augen zu schimmern – ein unnatürliches Leuchten, das von irgendwo jenseits der Schwärze hervordrang.

Seine Stimme klang rau und zittrig, als er sprach; nicht länger der besänftigende Honig, der zuvor ihren Ohren geschmeichelt hatte. “Was willst du von mir? Und pass auf, dass du nicht zu viel verlangst, Tamara. Ich fürchte nämlich, dass ich dir nichts abschlagen kann …”

Sie runzelte die Stirn. “Ich will nichts –” Sie sog Luft durch die Zähne ein und löste sich aus seiner Umarmung. “Woher kennen Sie meinen Namen?”

Langsam schwand der Zauber. Sie atmete tief und gleichmäßig ein. Was hatte sie getan? Seit wann zog sie umher und knutschte mitten in der Nacht mit irgendwelchen Fremden herum?

“So wie du auch meinen kennst”, sagte er, und seine Stimme gewann etwas von ihrer vormaligen Stärke und ihrem Klang zurück.

“Ich weiß nicht, wie Sie heißen! Und wie konnten Sie … warum hast du …” Sie schüttelte wütend den Kopf, außerstande, den Satz zu beenden. Immerhin hatte sie ihn genauso geküsst wie er sie.

“Komm schon, Tamara, wir wissen beide, dass du mich hergerufen hast, also hör mit diesem Versteckspiel auf. Ich will nur wissen, was dir Sorgen bereitet.”

“Sie gerufen? Ich habe Sie mit Sicherheit nicht gerufen. Wie könnte ich das? Ich kenne Sie nicht einmal!”

Eine Augenbraue schoss in die Höhe. Tamaras Hand flog empor zu ihrem Mund, hatte sie ihn sich doch mit genau diesem Gesichtsausdruck vorgestellt. Ihr blieb jedoch keine Zeit, darüber nachzudenken, da seine nächste sonderbare Frage nicht lange auf sich warten ließ. “Und kennst du ihn?”

Er schaute hinüber zur Straße, und sie folgte seinem Blick. Sie hielt den Atem an, als sie Curts DPI-Lieferwagen dort stehen sah. Dank des rostigen Flecks unterhalb des Außenspiegels auf der Fahrerseite wusste sie, dass es seiner war. Sie konnte kaum glauben, dass er die Frechheit besaß, ihr nachzuspionieren. Mit einem entrüsteten Seufzer flüsterte sie: “Er ist mir gefolgt. Aber warum sollte dieser gefühllose Mist-”

“Sehr gut, obwohl ich annehme, dass du den Grund dafür, warum er sich hier herumtreibt, genau kennst. Das war eine Falle, nicht wahr? Mich hierher zu locken, und dann dein aufmerksamer Freund da drüben …”

“Sie hierher zu locken? Warum um alles in der Welt sollte ich Sie hierher locken, und wie sollte ich das bewerkstelligen? Ich sagte Ihnen, dass ich Sie noch nie zuvor gesehen habe.”

“Du rufst mich jede Nacht, Tamara. Du flehst mich an, zu dir zu kommen, und hast mich damit beinahe in den Wahnsinn getrieben.”

“Ich glaube nicht, dass dazu sonderlich viel nötig ist. Ich sagte bereits, dass ich Sie nicht gerufen habe. Ich kenne noch nicht einmal Ihren Namen.”

Von Neuem glitt sein Blick wie suchend über ihr Gesicht, und sie spürte, wie ihre Gedanken durchforscht wurden. Er seufzte und runzelte die Stirn so sehr, dass sich seine Augenbrauen trafen. “Was ist deiner Meinung nach dann der Grund dafür, dass dieser werte Herr dort drüben dir folgt?”

“So wie ich Curt kenne, hat er vermutlich gedacht, es sei zu meinem eigenen Besten. Diese Floskel hat er in letzter Zeit weiß Gott oft genug vorgebracht.” Ihre Wut ließ ein wenig nach, als sie darüber nachdachte. “Er könnte sich Sorgen um mich machen. Ich weiß, dass Daniel sich welche macht … mein Vormund, wenn Sie so wollen. Offen gestanden mache ich mir auch Gedanken. Ich schlafe nachts nicht mehr – überhaupt nicht. Lediglich am Tage kann ich hin und wieder ein Auge zutun. Tatsächlich bin ich schon zweimal an meinem Schreibtisch eingenickt. Sobald ich zu Hause bin, schlafe ich wie ein Stein, aber bloß bis Sonnenuntergang. Bei Einbruch der Dunkelheit bekomme ich dann fürchterliche Albträume und wache so laut schreiend auf, dass ich wohl beide davon überzeugt habe, dass ich langsam den Verstand verliere; anschließend bin ich die ganze Nacht über wach und komme nicht zur Ru-” Sie brach ab, als sie erkannte, dass sie gerade einem vollkommen Fremden ihre Lebensgeschichte erzählte.

“Bitte, sprich weiter”, bat er sofort. Er schien sehr daran interessiert, mehr darüber zu erfahren. “Erzähl mir mehr über diese Albträume.” Offenbar waren ihm ihre Bedenken nicht entgangen. Er streckte die Hand nach ihr aus und berührte mit den Spitzen seiner langen, schmalen Finger ihre Wange. “Ich will dir nur helfen. Ich tue dir nichts Böses.”

Tamara schüttelte den Kopf. “Sie werden lediglich ebenfalls zu dem Schluss gelangen, dass ich nicht mehr alle Tassen im Schrank habe.” Er runzelte die Stirn. “Ich drehe durch”, erklärte sie. Sie legte einen Finger an die Schläfe und machte kleine Kreisbewegungen. “Völlig plemplem.”

“Du bist gewiss nicht … plemplem, wie du es nennst.” Seine Hand glitt zu ihrem Hinterkopf, und er zog sie näher zu sich. Sie widersetzte sich nicht. Seit Monaten schon hatte sie sich nicht mehr so geborgen gefühlt wie in seinen Armen. Er hielt sie zärtlich an sich gedrückt, als wäre sie ein kleines Kind, und streichelte mit einer Hand ihr Haar. “Erzähl mir von deinen Träumen, Tamara.”

Sie seufzte, außerstande, der sanften Verlockung seiner Stimme und seiner Berührung zu widerstehen, zumal sie wusste, dass das ohnehin keinen Sinn hatte. “Es ist dunkel, und da ist so etwas wie dichter Wald. Dichter Nebel und Dunst bedecken den Boden, sodass ich meine Füße nicht sehen kann. Beim Laufen stolpere ich ständig. Ich weiß nicht, ob ich auf etwas zulaufe oder vor etwas fliehe. Ich weiß, dass ich nach jemandem suche, und im Traum bin ich mir sicher, dass dieser Jemand mir helfen kann, meinen Weg zu finden. Doch sooft ich auch rufe, er antwortet mir nicht.”

Mit einem Mal hörte er auf, ihr Haar zu streicheln, und sie hatte das Gefühl, er würde sich verkrampfen. “Nach wem rufst du?”

“Ich glaube, das ist es, was mich wahnsinnig macht. Ich kann mich nicht erinnern. Ich wache atemlos und erschöpft auf, als wäre ich wirklich durch den Wald gelaufen, manchmal noch mit seinem Namen auf den Lippen – aber ich kann mich einfach nicht daran erinnern.”

Er atmete stoßweise aus. “Was für Gefühle weckt der Traum in dir, Tamara?”

Sie trat von ihm zurück und betrachtete sein Antlitz. “Sind Sie Psychologe?”

“Nein.”

“Dann sollte ich Ihnen das alles gar nicht erzählen.” Sie versuchte den Blick von seinem so vertrauten Gesicht abzuwenden. “Weil ich Sie wirklich nicht kenne.”

Sie versteifte sich, als jemand auf der anderen Seite des Eises ihren Namen rief. “Tammy!”

Sie schnitt eine Grimasse. “Ich hasse es, wenn er mich so nennt.” Sie sah dem Fremden wieder in die Augen, und von Neuem war ihr, als wäre dies ein lang erwartetes Wiedersehen mit jemandem, zu dem sie sich hingezogen fühlte. “Bist du real oder nur Teil meines Irrsinns?” Nein, sag’s mir nicht, dachte sie plötzlich. Ich will es nicht wissen. “Ich gehe lieber, bevor Curt vor lauter Sorgen noch der Schlag trifft.”

“Hat er das Recht, sich Sorgen zu machen?”

Sie hielt inne und runzelte die Stirn. “Wenn du wissen willst, ob er mein Mann ist, dann lautet die Antwort Nein. Wir stehen uns zwar nahe, aber nicht im romantischen Sinne. Er ist mehr so etwas wie ein … rechthaberischer großer Bruder.”

Sie wandte sich um und glitt über das Eis zu Curt hinüber, aber die ganze Zeit über spürte sie den Blick des Fremden im Rücken. Sie versuchte über ihre Schulter zu spähen, um zu sehen, ob er immer noch da war, aber sie konnte ihn nirgends entdecken. Als sie schließlich bei Curt anlangte, verlangsamte sie ihr Tempo. Er war über das Eis auf sie zugeeilt.

Er packte sie fest am Oberarm und schleifte sie zum Rand des Eises. Auf dem schneebedeckten Boden stolperte sie mit ihren Schlittschuhen, aber er trieb sie mit unverminderter Geschwindigkeit vorwärts, bis sie die nächste Bank erreichten, wo er sie grob auf die Sitzfläche schubste.

“Wer zum Teufel war dieser Kerl?”

Sie zuckte die Schultern, erleichtert, dass Curtis ihn auch gesehen hatte. “Nur ein Fremder, den ich zufällig getroffen habe.”

“Ich will seinen Namen wissen!”

Die Autorität und Wut in seiner Stimme ließen sie die Stirn in Falten legen. Curt war schon immer ein wenig herrisch gewesen, aber das ging jetzt einfach zu weit. “Wir sind nicht dazu gekommen, Adressen auszutauschen, obwohl mir nicht ganz klar ist, was dich das überhaupt angeht?”

“Du willst mir erzählen, du weißt nicht, wer das war?”

Sie nickte.

“Willst du mich für dumm verkaufen?”, stieß er aufgebracht hervor. Er ergriff ihre Schulter, zog sie auf die Füße und hielt sie unsanft fest. Er starrte sie zornig an und hätte ihr Angst gemacht, hätte sie ihn nicht so gut gekannt. “Was hast du dir nur dabei gedacht, dich nachts allein davonzuschleichen? Hä?”

“Schlittschuh laufen! – Aua!” Seine Finger gruben sich in ihre Schultern. “Ich war bloß Schlittschuh laufen, Curt. Du weißt, dass ich nicht schlafen kann. Ich dachte, ein bisschen Bewegung …”

“Schwachsinn! Du bist hierhergekommen, um ihn zu treffen, stimmt’s?”

“Wen?

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