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Fan-Trilogie (Wegners schwerste Fälle: Teil 2-4)

Thomas Herzberg

Fan-Trilogie (Wegners schwerste Fälle: Teil 2-4)

Hamburg Krimis





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

In diesem Sammelband sind enthalten:

»Der Hurenkiller - das Morden geht weiter« ... dieses Mal ist es die Welt der Edelhuren, die sich ein weiteres abscheuliches Monster ausgesucht hat (Teil 2)

»Franz G. – Thriller« ... nach jahrzehntelanger Unterdrückung mutiert ein Mann zum skrupellosen Killer (Teil 3)

»Blutige Rache« ... gemobbte Kinder auf verzweifelter Suche nach Gerechtigkeit (Teil 4)

Spannende Geschichten rund um den raubeinigen Kommissar, der die Dienstwaffe locker und das Herz am rechten Fleck trägt. Alle Teile der Reihe Wegners schwerste Fälle waren lange Zeit in den Top100 der Ebook-Charts zu finden und freuen sich über viele positive Rezensionen. Danke!

Titel

Der Hurenkiller - das Morden geht weiter …

(Wegners schwerste Fälle)

Thomas Herzberg

 

Alle Rechte vorbehalten

 

Lektorat, Korrektorat: Michael Lohmann, worttaten.de

Fassung: 3.0

 

Die Geschichte ist frei erfunden. Alle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und / oder realen Handlungen sind rein zufällig.

 

 

Inhalt

Erneut sind es die Damen des horizontalen Gewerbes, auf die sich ein Serienmörder spezialisiert hat. Anders als zuvor jedoch treibt der Täter sein Unwesen in der Welt der Edelhuren. Auf immer perversere und brutalere Weise muss ein Callgirl nach dem anderen sterben, um seine abartigen Fantasien zu befriedigen. Hauptkommissar Wegner und sein Team kämpfen verzweifelt gegen ein Monster, das ihnen immer wieder zu entkommen vermag ...

Eine weitere spannende Geschichte rund um den raubeinigen Kommissar, der die Dienstwaffe locker und das Herz am rechten Fleck trägt. Alle Teile der Reihe »Wegners schwerste Fälle« platzierten sich lange Zeit in den Top100 der E-Book-Bestseller-Charts.

Wegner in chronologischer Folge

Bisher aus der Reihe Wegners erste Fälle:

Aus der Reihe Wegner & Hauser:

 Aus der Reihe Wegners schwerste Fälle:

Aus der Reihe Wegners letzte Fälle:

 Aus der Reihe Auftrag: Mord!:

Unter meinem Pseudonym "Thore Holmberg":

Ansonsten:

!!! Brandneu: »Auf Messers Schneide« (Wegners letzte Fälle 7. Teil) !!!

 

Weitere Titel, Informationen und einen Newsletter-Service gibt es auf meiner Homepage: ThomasHerzberg.de

 

Thomas Herzberg auf Facebook

Prolog

Martin Schiller lag auf seinem Bett und starrte gedankenversunken zur Decke. Das Schiff neigte sich mit langen Bewegungen erst zur linken und dann zur rechten Seite. Schon seit Stunden wiederholte es diesen Vorgang mit schier unendlicher Ausdauer. Mitten auf dem Nordatlantik musste man zwar zu jeder Jahreszeit mit heftigem Wellengang rechnen, aber so wie heute hatte er es lange nicht mehr erlebt. Bis an das Fenster seines Bullauges schlugen die Wellen und machten geruhsamen Schlaf so gut wie unmöglich.

In zwei Tagen würde der Container-Riese endlich die Deutsche Bucht erreichen. An das Leben auf hoher See und die damit verbundenen Entbehrungen hatte er sich schon vor langer Zeit gewöhnt. Nur dass diese Einschränkungen immer wieder mit seinen neuen Neigungen kollidierten, störte ihn mittlerweile erheblich.

Ein Hobby kann man das Töten von Huren wohl kaum nennen, überlegte Martin Schiller und lachte in sich hinein. Jetzt dachte er an die Erste, die seinen Besuch nicht überlebte. Er hatte keineswegs geplant, sie umzubringen. Aber als sich das Miststück zu wehren anfing und immer heftiger um sich schlug, wollte sein Verstand einfach keinen anderen Ausweg mehr finden. Warum er damals das Teppichmesser überhaupt mitgenommen hatte, konnte er nicht sagen. Nur dass der Moment, als der Hure das Blut aus der aufgeschlitzten Kehle lief, ihn so erregte, dass er gleich ein weiteres Mal kam. Danach war das Töten der Mädchen zum festen Bestandteil geworden. Das letzte Opfer hatte er sogar noch nach ihrem Tod genossen.

Nicht mehr lange, dachte er. Sein nächstes Opfer stand bereits fest, und an ihr wollte er ein paar ganz neue Fantasien ausprobieren …

1

»Schicken Sie zwei Streifenwagen zu meiner Privatadresse, sofort!«, keifte Manfred Wegner atemlos ins Telefon. Er warf den Hörer achtlos neben die Ladeschale und hechtete ins Wohnzimmer zurück. Rex, sein Schäferhund, lag wie hingegossen auf dem Sofa und atmete nur noch sehr flach und kaum spürbar. Vor einer halben Stunde hatte das altersschwache Tier fast zwei Liter eines Blut-Wasser-Gemisches auf den Küchenboden gekotzt. Danach war er einfach kraftlos neben der Pfütze zusammengesackt. Als Wegner den roten See in der Küche entdeckte, waren selbst ihm, dem Leiter der Hamburger Mordkommission, die Knie weich geworden.

Mittlerweile restlos verzweifelt hatte er den armen Kerl hochgehoben, ihn ins Wohnzimmer geschleppt und ganz vorsichtig aufs Sofa gelegt. Völlig egal, was in dieser Nacht noch passieren würde, eine neue Sitzgelegenheit wäre danach definitiv fällig.

Der Arzt in der Notfall-Klinik wartete bereits auf seinen Patienten. Nach langen Debatten hatte der sich auch bereit erklärt, seine Kollegen hinzuzurufen. Es war doch wohl nicht zu viel verlangt, dass Wegner – auch bei einem Hund – auf eine zweite Meinung pochte. Selbst wenn es Sonntagabend war.

Das Klingeln an der Tür riss ihn unsanft aus seinen Gedanken. Er drückte den Öffner und rannte sofort fluchend ins Wohnzimmer zurück. Nur ein paar Augenblicke später hörte er bereits seine Streifenkollegen die Treppe hochhechten.

»Was ist denn los, Herr Hauptkommissar?«, keuchte der Erste, seine Dienstwaffe im Anschlag.

»Packen Sie mit an!«, begann Wegner grob. »Und Vorsicht! Wenn Sie ihn fallen lassen, schieben Sie ab morgen Dienst auf dem Autostrich.«

Schon auf dem Weg durch das schmale Treppenhaus konnte Wegner die blitzenden Blaulichter vor seiner Haustür erkennen. Seine Nachbarn hatten sich längst im Flur oder auf der Straße versammelt und musterten neugierig das Geschehen. Rex lag mittlerweile auf der Ladefläche von Wegners Kombi und wirkte dabei mehr tot als lebendig.

»Es ist doch nur’n blöder Köter.« Dieses gefühllose Fazit stammte von einem der Streifenkollegen.

Wegner drehte sich um und funkelte den Kollegen wütend an. Sein Mund öffnete sich, aber es wollte nichts herauskommen. Stattdessen wirbelte er herum und eilte bereits in Richtung Fahrertür. »Sie fahren vorweg und schieben uns den Weg frei. Und Sie ...«, er deutete auf den Beamten, der gerade noch so unsanft über seinen Hund geurteilt hatte, »Sie sorgen dafür, dass wir von hinten Ruhe haben.«

Als ob es einen Staatsgast zu bewachen galt, raste der Konvoi durch die fast leeren Straßen Hamburgs. Bis nach Stapelfeld würden sie noch etwa eine Viertelstunde benötigen, überschlug Wegner schnell. Überhastet wählte er wieder die Nummer der Notfallklinik. »Wir sind bald da! Haben sie alles vorbereitet?«

Der Tierarzt stöhnte genervt. »Noch weiß ich doch gar nicht, was uns erwartet. Aber ich kann Sie beruhigen: Wir sind auf alles gefasst.«

»Hatten Sie schon mal solch einen Fall?«

»Was meinen Sie?«, wollte der Tierarzt wissen.

»Magenbluten ... bei einem Hund!«

»Fahren Sie einfach und kommen Sie gesund hier an.« Der Tierarzt hatte das Gespräch beendet.

Der Kombi geriet fast ins Schleudern, als Wegner in voller Fahrt Richtung Industriegebiet abbog. Vor dem Eingang der Tierklinik legte er eine Vollbremsung hin. Er sprang er aus dem Wagen und wedelte bereits aufgeregt mit den Armen, bis endlich einer der Streifenkollegen herbeigeeilt kam. Vorsichtig trugen sie den leblosen Hund durch die Tür, hinter der die zwei Tierärzte schon in steriler Kleidung auf ihren Notfallpatienten warteten. Der Mann, ein griesgrämig dreinschauender Mittfünfziger, wirkte in natura noch unsympathischer als am Telefon. Die junge Frau neben ihm sah ganz offen und interessiert aus. Blieb zu hoffen, dass sie auch etwas von ihrem Handwerk verstand.

Der grimmige Arzt marschierte vorweg und schob die Tür zum OP auf. »Legen Sie das Tier auf den Tisch!«, brummte er unwirsch. Klar war, dass sich der Kerl vielmehr nach seinem Bett sehnte, statt hier einen womöglich hoffnungslosen Fall zu behandeln.

Nachdem Rex auf dem viel zu kalten Metalltisch lag, ergriff Wegner erneut das Wort: »Wenn Sie noch mal von dem Tier sprechen, dann halte ich Ihnen bei Ihrer Arbeit meine Dienstwaffe an den Schädel. Versprochen!«

Für einen winzigen Moment flammte Angst oder wenigstens Respekt in den Augen des Arztes auf. Die verwandelte sich jetzt allerdings wieder in Ablehnung. »Sehen Sie zu, dass Sie rauskommen. Sofort!« Der Mann deutete mit wütendem Gesicht in Richtung Tür. »Lassen Sie uns gefälligst unsere Arbeit machen.«

Wegner lief schon seit einer halben Stunde vor dem OP unruhig auf und ab. Die Streifenkollegen waren vor zehn Minuten grummelnd abgezogen und hatten ihn mit seinen Sorgen allein gelassen. Hin und wieder legte er neugierig ein Ohr an die eiskalte Schiebetür, um zu hören, was dahinter gesprochen wurde. Erst nachdem er Bruchstücke wie »hoffnungslos« und »Krebs« aufgefangen hatte, verzichtete er lieber auf’s Lauschen.

Zehn weitere endlose Minuten verstrichen, bis sich die Tür langsam öffnete und die beiden Tierärzte auf den Flur hinaustraten. Ungefragt begann der Mann mit routinierter Stimme: »Es hat keinen Sinn, wir müssen Ihren Hund einschläfern.«

Ob man solch eine Nachricht noch gefühlloser überbringen konnte?

Wegner war wie versteinert. Jeden Tag hatte er in seinem Job mit allen Abarten des Grauens zu tun. Gewalt und Tod gehörten zu seinem Alltag wie Brot zu dem eines Bäckers. In diesem Moment jedoch fühlte er sich derart hilflos und traurig, dass er nicht einmal mehr einen klaren Gedanken fassen konnte.

Jetzt ergriff die junge Ärztin das Wort: »Ich sehe das anders«, begann sie, und registrierte zufrieden Wegners erwartungsfrohen Blick. »Auf dem Ultraschall ist ein Schatten zu sehen, zwischen Magen und Dünndarm. Mein Kollege meint, dass es Krebs ist, aber ich glaube das nicht.«

»Und was meinen Sie?« Wegners Stimme war nur ein Hauch, aber sie klang hoffnungsvoll. »Was könnte es denn sonst sein?«

»Ich weiß es nicht genau, aber ich habe bei Hunden schon alles erlebt. Hat er irgendetwas Unverdauliches gefressen ... einen großen Knochen vielleicht?«

»Er frisst gern meine Socken«, platze es aus Wegner heraus, »keine Ahnung, warum.«

Der ältere Tierarzt schüttelte sich angewidert.

»Dann würde es mich nicht wundern, wenn wir einen davon in Rex' Bauch finden. Falls Sie einverstanden sind, operiere ich ihn. Schlimmer kann es ja nicht werden.«

»Und Sie meinen, dass das Tier ... Tschuldigung ... dass Rex die Narkose überlebt?«, erwiderte der zweite Arzt gereizt. Er hatte offensichtlich die Einschläferung zu seinem Favoriten erklärt. Schneller, unkompliziert ... und am Ende vermutlich genauso lukrativ. »Wir können Ihnen keine Garantie geben, dass ihr Hund überhaupt ...«

»Dann sollten Sie lieber dafür beten«, warf Wegner ein und klopfte dabei der Tierärztin ermunternd auf die Schulter. Kurz darauf hatte er sich die junge Frau am Arm geschnappt und schob sie sanft in Richtung OP. »Tun Sie, was Sie können.« Er wollte noch etwas sagen, aber es ging nicht mehr. Hinter ihm schloss sich die Schiebetür und rastete mit einem metallischen Geräusch ein. Von nun an blieb tatsächlich nur noch Beten ...

2

Vera Meiser flog förmlich die Treppen hinunter und erreichte atemlos ihr kleines Cabrio. Durch ihre Arbeit in der Redaktion einer großen Hamburger Tageszeitung war sie nächtliche Störungen gewöhnt. Diese aktuelle jedoch stellte sie vor eine ganz besondere Herausforderung, denn es betraf sie selbst beziehungsweise einen liebgewordenen Kumpel und Weggefährten: Rex.

Manfred Wegner, ihr Freund und seit letztem Monat sogar ihr Verlobter, hatte auf dem Weg in die Tierklinik angerufen und sie damit grob aus ihren Träumen gerissen. Sein nervöses Gestammel am Telefon war kaum zu verstehen. Eine Tatsache jedoch konnte sie seinen wirren Aussagen entnehmen. Es ging Rex schlecht ... sehr schlecht.

Mit großer Sorge, vor dem, was am Ende dieser Nacht vielleicht unausweichlich feststünde, legte sie jetzt den Gang ein und raste in Richtung Stapelfeld. Die letzten Monate gingen ihr durch den Kopf, während sie krampfhaft versuchte, die trüben Gedanken um das Schicksal des Schäferhundes zu vertreiben. Nach und nach hatten Manfred und sie selbst sich immer mehr aneinander gewöhnt und ihre Leben aufeinander eingestellt. Beide genossen dieses ganz neue Gefühl, die oft stumme Einigkeit, wenn es sich um die wesentlichen Dinge des Lebens drehte. Natürlich hatte sie, auch heute noch, oft genug mit seiner polterigen und bärbeißigen Art zu kämpfen. Im Laufe der Zeit aber hatte sie sich damit abgefunden und wusste selbst nur zu gut, wie sie ihn zur Weißglut bringen konnte.

Als Vera auf den Parkplatz vor der Tierklinik fuhr, sah sie Wegner bereits von Weitem. Der saß zusammengesunken unter der offenen Heckklappe seines Kombis und rauchte. Zögernd öffnete sie die Autotür und ging langsam auf ihn zu. Jetzt hob er träge den Kopf und gab damit nicht nur ein verzweifeltes Gesicht, sondern auch rot verquollenen Augen preis. Schweigend setzte sie sich neben ihn und legte ihren Arm um seine breiten Schultern. Minuten vergingen, bis sie sich traute, zum ersten Mal etwas zu sagen. »Ich wusste gar nicht, dass du rauchst.«

»Die letzte vor über zehn Jahren, als Gisela sich vom Acker gemacht hatte.«

»War das damals so schlimm für dich?«, wollte Vera wissen.

»Schlimm? Ich hatte mindestens zwanzig Bier dazu und hab in meiner Lieblingskneipe gehockt.«

Jetzt lachten sie beide verhalten und kuschelten sich noch dichter im schmalen Heck des Kombis zusammen. Wieder verging eine ganze Weile, bis sie allen Mut zusammennahm, um die unausweichliche Frage zu stellen: »Wie geht’s ihm?«, flüsterte sie und spürte im gleichen Moment bereits Tränen in sich aufsteigen.

»Ich weiß es nicht«, gab Wegner ebenso leise zurück. »Aber … wenn er tot wäre, dann wüsste ich es wohl schon.«

Vera nickte und drückte sich jetzt sogar noch ein wenig fester an seine Schulter.

Eine weitere Stunde Fünf Zigaretten später traten die Tierärzte endlich aus dem Haupteingang der Tierklinik. Der Kittel der jungen Frau war blutüberströmt, während der des Mannes fast unbenutzt erschien. Wegner und Vera sprangen zugleich auf und stürmten den beiden aufgeregt entgegen. Dann folgten drei Worte, deren erlösende Wirkung erneut Sturzbäche von Tränen auslöste: »Er kommt durch«, platzte es aus der jungen Ärztin heraus. Lachend umarmte sie den bulligen Hauptkommissar und ließ sich danach ohne Gegenwehr wieder und wieder von ihm drücken.

»Danke ... einfach nur danke«, waren Wegners letzte Worte, als Vera und er sich von den Ärzten wenig später verabschiedeten. Rex würde noch ein paar Tage zur Beobachtung in der Klinik bleiben. Aber schon kurz nachdem er aus der Narkose erwacht war, wirkte er bereits deutlich lebendiger. Sogar seine Augen glänzten wieder ein bisschen.

»Lass uns frühstücken gehen, ich lad dich ein«, schlug Wegner mit kraftloser Stimme vor. Er hielt Vera die Tür von seinem Kombi auf. »Mir dröhnt der Schädel!«

Es war Montagmorgen, kurz vor sechs. Die Straßen, ja selbst die Autobahnen rund um Hamburg erwachten erst träge zu neuem Leben. In einer Stunde etwa würde sich dort, wo jetzt nur ein paar vereinzelte Autos fuhren, eine wahre Blechlawine müde dahinwälzen. Die Pendler hatten sich längst daran gewöhnt, morgens und genauso abends in endlosen Staus zu stehen. Sogar eine weitere Elbtunnelröhre und die Verbreiterung der bestehenden Hauptverkehrslinien hatte keine wirklich spürbare Entlastung gebracht.

Wenig später saßen die beiden bereits in einer kleinen Bäckerei, um frischen Kaffee und knusprige Brötchen zu genießen. Nach einigen Minuten gefräßigen Schweigens war es Vera, die den Moment ausnutzte. »Wenn er rauskommt, dann kaufe ich ihm einen von diesen riesigen Knochen. Du weißt, welche ich meine, oder?«

»Mhmh«, brummelte Wegner mir vollem Mund.

»Und du wirst deine Socken von jetzt an schön in die Wäschetonne werfen, die ich dir letzten Monat geschenkt habe.«

»Mhmh ...«

 »Was machen denn eigentlich eure beiden Fälle?«, wollte Vera wenig später wissen, um damit auch von den trüben Gedanken abzulenken.

Wegner schaute auf und schien selbst ebenso erleichtert darüber, dass sie ein anderes Thema gefunden hatten. »Wir ziehen die Schlinge immer enger. Wenn ich mich nicht komplett irre, dann haben wir den Zahnarzt bis zum Ende der Woche hinter Schloss und Riegel.«

Seit vier Wochen jagten Wegner und seine Kollegen einen Mediziner, der seine ärztliche Fürsorgepflicht und die daraus resultierenden Möglichkeiten anscheinend missverstanden hatte. Den Ermittlungen zufolge war der Mann spielsüchtig und drogenabhängig. Um diese kostspieligen Hobbys zu finanzieren, hatte er damit begonnen, im großen Stil synthetische Drogen an seine Patienten zu verkaufen. Seitdem fünf seiner Kunden durch eine Überdosis der gepanschten Tabletten gestorben waren, jagte man ihn mit allen verfügbaren Kräften.

Wegner bemerkte Veras ungeduldigen Gesichtsausdruck. »Aber das wolltest du gar nicht hören mein Schatz, oder?«

»Natürlich nicht!«, erwiderte sie zickig. »Ich will wissen, was der Hurenkiller macht ... was denn sonst, du Blödmann?«

Wegner schmollte zunächst künstlich und fuhr erst fort, als Vera ihm für den Abend eine ausgedehnte Massage versprach.

»Wir tappen nach wie vor im Dunkeln.«

»Und dafür verspreche ich dir ’ne Massage?« Vera schüttelte den Kopf und drohte Wegner mit ihren zierlichen Fäusten. »Du kannst was erleben, du ...!«

»Glaubst du vielleicht, ich finde es gut, dass wir nichts in der Hand haben?«

»Aber Ihr müsst doch zumindest einen Verdacht oder eine Spur haben«, hielt Vera unverändert energisch gegen. »Immerhin hat dieses Monster schon drei Callgirls auf dem Gewissen.«

Wegner überlegte kurz und schaute seine Verlobte am Ende vielsagend an. »Es gibt eigentlich nur eine Sache, über die wir uns sicher sind.«

»Und die wäre? Mein Gott ... lass dir doch nichts alles aus der Nase ziehen, Manfred.«

»Wenn das Schwein seinen Gewohnheiten treu bleibt, dann sind es ab nächsten Samstag vier tote Frauen.«

3

Freitagabend.

Mike Gerlach hatte am Roulette-Tisch angefangen und es geschafft, innerhalb kürzester Zeit knapp zehntausend Euro zu gewinnen. Vom Triumph beflügelt, war er zum Pokertisch gewechselt, an dem es allerdings schon seit einer halben Stunde deutlich schlechter lief. Beim letzten All-In hatte sein Gegenüber im wahrsten Sinne des Wortes alles auf eine Karte gesetzt. Mike war sich so sicher gewesen, dass seine drei Buben ausreichten, und hatte, ohne zu zögern, den Einsatz gehalten. Nachdem dieser blöde Schwachkopf dann mit schmierigem Grinsen zu seinen beiden Damen auch die dritte Fünf umdrehte, hätte er ihm die Chips, zusammen mit seinem Fullhouse, am liebsten in seine dämliche Visage gestopft. Stattdessen hatte er ihm sogar noch gratuliert und die verschwitzte Hand geschüttelt. Widerlich!

Jetzt mischte der Dealer und lachte über den schlechten Witz einer jungen Frau, die offensichtlich zum ersten Mal an einem Pokertisch saß. Mike zählte seine verbliebenen Chips und kam frustriert auf knapp dreitausend Euro. Aber es war noch nicht vorbei; er würde es diesem verklemmten Beamtentyp gegenüber schon zeigen. Beim Pokern war er fast unschlagbar. Er hatte eben häufig einfach nur Pech. Nur nicht heute ... heute war sein Abend.

Als er kurz darauf wieder aufsah, bemerkte er einen Mann, der Position auf der gegenüberliegenden Seite des Tisches bezogen hatte. Der Kerl stand direkt hinter seinem Kontrahenten, der immer noch mit dem Zählen seines neuen Reichtums beschäftigt war und dabei grinste wie ein kleines Kind an Weihnachten.

Dieser andere Typ interessierte sich nicht fürs Pokerspiel und ebenso wenig für den Gewinner der letzten Runde, der gerade Zwanzig-Euro-Chip für die Angestellten springen ließ. Und selbst wenn Mike Gerlach nicht hinsah, fühlte er trotzdem die prüfenden Blicke, als würden die auf seiner Haut brennen. Heute Mittag erst hatte er das Interview mit diesem überheblichen Hauptkommissar Wegner gelesen. Der sei sich sicher, hatte er dem Reporter der Morgenpost gesagt, dass sie den Händler des Todes, so nannte man Dr. Mike Gerlach seit einigen Wochen, schon sehr bald fassen würden. Einen Scheiß werden sie!

In diesem Moment fragte er sich, inwieweit er seinem aktuellen Fahndungsbild überhaupt noch ähnlichsah. Seine blonden Locken hat er sich schon vor zwei Wochen abrasiert. Seitdem lief er mit einer solariumgebräunten Glatze herum und trug fast immer eine Sonnenbrille. Obendrein hatte er sich einen breiten Schnauzer wachsen lassen. Der machte ihn nicht nur zehn Jahre älter, sondern ließ auch sein ganzes Gesicht deutlich runder erscheinen.

Hatte der Typ ihn trotzdem erkannt? Und war der Kerl überhaupt ein Bulle?

Mike Gerlach erhob sich betont lässig vom Pokertisch und deutete dem Dealer, dass er den Platz nicht mehr benötige. »Ich geh wieder zum Roulette rüber«, brachte er noch mit einem gequälten Lächeln zustande und verabschiedete sich.

Zügig, aber nicht hektisch, wandte er sich Richtung Ausgang. Nachdem er seine Chips gewechselt und den breiten Tresen der Bar umrundet hatte, warf er einen unauffälligen Blick über die Schulter. Der Mann schien ihm nicht gefolgt zu sein. Zumindest konnte er ihn nirgends entdecken. Aber das war ihm jetzt auch völlig egal, denn zum Spielen hatte er ohnehin keine Lust mehr.

Wahrscheinlich hatte er sich alles nur eingebildet. Eine Angst, die immer mehr von übertriebener Wachsamkeit und Nervosität genährt wurde. Einen Vorteil hatte sein frühzeitiges Gehen jedoch: Er konnte in diesem Augenblick das ganz ungewohnte Gefühl genießen, eine Spielbank mit mehr Geld zu verlassen, als er dorthin mitgebracht hatte.

Er lachte still in sich hinein und erreichte leichten Schrittes das Foyer, in dem sich der große Hauptlift befand. Der sollte ihn ohne weitere Verzögerungen zur Tiefgarage bringen, in der er seinen Porsche geparkt hatte. Mit den Raten für dieses Nobel-Geschoss war er schon seit Monaten in Verzug. Er erinnerte sich daran, wie er nach dem letzten Öffnen seines Postkastens mindestens ein halbes Dutzend Briefe seiner Bank einfach ungelesen weggeworfen hatte. Das war jetzt fast vier Wochen her. Seitdem hangelte er sich von einer billigen Pension zur anderen. Oft genug brach er auch dort mitten in der Nacht seine Zelte ab, um damit der Rechnung am nächsten Morgen zu entgehen. Vergangene Nacht hatte er sogar in seinem Porsche übernachten müssen. Es war Messe in Hamburg und alle erschwinglichen Quartiere schienen in den kommenden Tagen komplett ausgebucht zu sein. In dieser Nacht jedoch wollte er in einem weichen Bett schlafen. Er hatte dreitausend Euro in der Tasche. Das sollte wohl für eine bequeme Schlafgelegenheit ausreichen, dachte er noch, als ihm wieder dieser seltsame Typ auffiel. Der lehnte, nur ein paar Meter weiter, an einem der Stehtische. Anscheinend unterhielt er sich angeregt mit einem Bekannten, musterte Mike dabei allerdings auf eine Art und Weise, dass es ihm kalt den Rücken hinunterlief.

Wann kommt denn endlich dieser beschissene Fahrstuhl?, schoss es ihm gerade durch den Kopf, als sich die beiden Männer energisch in Bewegung setzten. Er fühlte Panik in sich aufsteigen, versuchte aber, einen kühlen Kopf zu bewahren. Ein Stück entfernt schob sich die Tür eines der kleineren Nebenlifte auf und entließ ein älteres Paar, das sich lautstark über die hohen Gebühren im Parkhaus aufregte. Mike eilte ihnen mit langen Sätzen entgegen und sprang entschlossen in die Kabine. Sofort drückte er den P-Knopf und stellte zufrieden fest, dass sich die Türen augenblicklich zu schließen begannen. Kurz bevor sich der Fahrstuhl in Bewegung setzte, konnte er noch das wütende Gesicht eines der Männer durch den Spalt erkennen.

Ungeduldig riss Mike Gerlach die Parkkarte aus dem Automaten und rannte zu seinem Porsche hinüber. Als sich kurz darauf die Schranken öffneten und er in die frische Abendluft hinausfuhr, glaubte er schon, es geschafft zu haben. Obwohl der Motor eiskalt war, ließ er den 6-Zylinder-Boxer richtig brüllen.

Nur noch links weg zur Alster ... heute schläft Vati im Atlantic, waren seine letzten unbeschwerten Gedanken, als er Blaulichter im Rückspiegel flackern sah. Von allen Seiten schienen sie zu kommen. Die Häuser rundum blitzten und blinkten wie bei einem Feuerwerk.

Einen Moment lang überlegte Mike. Er war müde. Hatte keine Kraft mehr und fühlte sich einfach nur krank und schwach. Ganz kurz hatte er sogar die Hand am Zündschlüssel ... wollte den Motor abstellen ... aussteigen und sich auf den Boden legen. Stattdessen drückte er jetzt den zweiten Gang rein und gab erneut Vollgas. Der Porsche schoss nach vorne und rammte bereits nach ein paar Metern den ersten Peterwagen, der sich ihm optimistisch in den Weg gestellt hatte. Als Mike das ungläubige Gesicht des Fahrers sah, musste er lachen. Er hatte nicht vor, es ihnen leicht zu machen. Sein nächster Schlaf, da war er sich plötzlich ganz sicher, sollte auch sein letzter werden.

Was hatte er denn schon zu verlieren? Und was stand ihm bevor, wenn sie ihn lebendig in die Finger bekämen. Er hatte keine Lust die nächsten zwanzig Jahre im Gefängnis um Kronenkorken zu pokern oder sich die Fresse von irgendwelchen schwulen Glatzen polieren zu lassen. Noch ein einziges Mal Spaß! Dann würde er mit einem Knall abtreten, den diese Stadt so schnell nicht vergessen dürfte.

4

Wegner lag auf seinem Sofa und schaute gelangweilt Wiederholungen. Er hatte Vera nach Feierabend in der Stadt abgesetzt, wo sie zusammen mit einigen Kolleginnen eine After-Work-Party besuchen wollte. Fast eine Stunde lang hatte sie auf ihn eingeredet und versucht, ihn zum Mitkommen zu bewegen. Erfolglos. Ein Mann in seinem Alter brauchte keine Partys, sondern Erholung. Während Vera vermutlich ihren zweiten Frühling genoss, wähnte er sich bereits im dritten Herbst, mit Aussicht auf baldigen Winter.

Gerade als er den Fernseher abstellen und träge ins Bett wackeln wollte, klingelte sein Handy. »Stefan Hauser«, blinkte auf dem Display. Hauser war Wegners Stellvertreter, Kollege und Freund.

»Was ist?«

»Manfred, Stefan hier.«

»Das sehe und höre ich! Was ist los ... kannst du nicht schlafen?«

»Sie haben den Gerlach gefunden.«

»Wo?« Ein Adrenalinstoß sorgte dafür, dass Wegner augenblicklich in den Bereitschaftsmodus wechselte. »Wo steckt das Schwein?«

»Ballindamm, direkt an der Alster. Er hat versucht zu entkommen, aber dann haben unsere Streifenkollegen ihn eingekesselt.«

»Heißt das, er ist schon auf dem Weg in irgendein Revier?«

»Nicht ganz«, gab Hauser mit gequälter Stimme zu. »Er konnte wohl in eines der Bürohäuser fliehen und hat bei einem Steuerberater drei junge Frauen als Geiseln genommen.«

»Wie lange arbeiten die denn?«

»Du kennst doch die Steuerfritzen«, erwiderte Hauser lachend.

Wegner fiel in das Lachen mit ein. »Da bin ich lieber Beamter.«

»Ich bin direkt hinter dem MEK ... wir sind in fünf Minuten vor Ort. Kommst auch rüber?«

»Bin auf dem Weg. Wer leitet das Mobile Einsatzkommando?«

»Sven Rauchel ...«

»Ach, du Scheiße!«

***

Ein paar Minuten zuvor war Mike Gerlach mit seinem Porsche von der Esplanade in die Dammtorstraße abgebogen. Mit Vollgas raste er kurz darauf am Gänsemarkt vorbei und erreichte schleudernd den Jungfernstieg. Zu seiner Linken sah er das »Alex«, eine beliebte Szenekneipe. Ausgerechnet in diesem Moment erinnerte er sich daran, wie er dort vor vielen Jahren Steffi kennengelernt hatte. Sie waren damals erst sechs Monate zusammen, als er, aus einer seltsamen Laune heraus, um ihre Hand angehalten hatte. Freudestrahlend hatte sie Ja gesagt und war ihm weinend um den Hals gefallen. Eine bessere Partie als er war schwer zu finden. Mike war seinerzeit schon seit einem Jahr mit dem Studium fertig. Nur ein halbes Jahr nach der Hochzeit übergab ihm sein Vater dann die bestens eingeführte Zahnarztpraxis. Dass er es danach ein wenig ruhiger angehen ließ, konnte ihm doch niemand verübeln. Er kannte all die Tricks, mit denen man Krankenkassen hinters Licht führte. Sein Vater hingegen dokumentierte jahrzehntelang jede Behandlung bis ins letzte Detail. Regelrechte Wutanfälle waren die Folge, wenn eine der Sprechstundenhilfen eine Leistung versehentlich falsch abrechnete.

Nur ein paar Monate, nachdem er den symbolischen Schlüssel aus den zitternden Händen seines Erzeugers genommen hatte, wurde er endgültig von diesem Strudel erfasst, der ihn seither immer mehr und mehr nach unten zog. Schon als Student war er dem Kartenspiel verfallen. Er schaffte es, an nur einem einzigen Wochenende, ein kleines Vermögen zu verspielen. Danach blieb ihm oft nichts anderes übrig, als seinen Vater um weitere Kohle anzupumpen. Willkommene Ablenkung boten nur Koks und Tabletten, die Verluste und negative Gefühle zu überdecken vermochten – zumindest für ein paar Stunden.

Auch seine Steffi hatte es nicht geschafft, ihn, während ihrer kurzen Ehe, aus diesem Teufelskreis zu befreien. Wie oft hatten sie zusammen geweint? Wie oft hatte er ihr unter Tränen versichert, nie wieder ein Kasino zu betreten? Zwölf Monate hielt sie den Stress aus, bis er eines Nachts nach Hause kam und nur noch einen kurzen Brief von ihr vorfand.

Einer der Streifenwagen kam von rechts herausgeschossen und blockierte damit seine Spur komplett. Mike stieg voll in die Bremse, riss das Lenkrad herum und wechselte auf die Gegenfahrbahn. Einem entgegenkommenden Bus blieb nichts anderes übrig, als auf den Bürgersteig auszuweichen. Dort krachte er in ein riesiges Werbeschild, auf dem für eines der neuen Musicals geworben wurde. Wieder trat Mike das Gaspedal voll durch und schoss nach links in den Ballindamm hinein. Vor sich sah er ein wahres Meer von Blaulichtern. Hier gab es kein Durchkommen, selbst wenn er hätte fliegen können. Umdrehen machte auch keinen Sinn, wie ihm ein Blick in den Rückspiegel verriet. Dort flackerten fast noch mehr blaue Lichter.

Erneut dachte er kurz daran, aufzugeben. Ebenso wenig könnte ihn jemand davon abhalten, das Handschuhfach zu öffnen und die Pistole herauszuholen. Eine filmreife Aktion: Einfach den Lauf in den Mund schieben und abdrücken. Danach wäre es endlich vorbei und er hätte seine Ruhe. Endgültig!

Die Beretta hatte er erst letzte Woche beim Pokern in einem Hinterzimmer gewonnen. Dieser Möchtegern-Zuhälter konnte ihm nicht einmal den verlorenen Tausender in bar geben, sondern warf stattdessen dieses nutzlose Schießeisen auf den Spieltisch.

Wer weiß, ob sich das Teil am Ende nicht doch als hilfreich erweist, ging es Mike durch den Kopf, bevor er voll in die Eisen stieg und aus dem Porsche sprang.

Hektisch ließ er seine Blicke kreisen. Einige der Beamten waren ausgestiegen und brüllten unverständliche Anweisungen in seine Richtung. »Geben Sie auf ... auf den Boden legen ... es hat doch keinen Sinn mehr, Herr Gerlach ...«

Was wussten die schon? Lebendig würden sie ihn nicht in die Finger bekommen! Als er nach rechts sah, fiel ihm eines der Bürohäuser auf. Selbst so spät am Abend erkannte er in fast jedem der Fenster noch Licht. Auch das Treppenhaus war hell erleuchtet. Jetzt sah er eine Schwarze mit einem Putzeimer die Stufen hinuntersteigen. Als sie nun die schwere Glastür nach innen aufzog, hatte Mike sich entschieden. Mit großen Sätzen erreichte er den Eingang, packte die völlig verschreckte Putzfrau und schob sie grob ins Treppenhaus zurück. Danach verschloss er die Tür hinter ihnen und brach den Schlüssel direkt ab. Den Rest des schweren Schlüsselbundes warf er achtlos auf den Flur. Jetzt drückte er der verängstigten Frau seine Beretta an die Brust und scheuchte sie die Treppen hinauf. Zwei Stockwerke höher erreichten sie das Büro eines Steuerberaters. Trotz fortgeschrittener Stunde wurde hier anscheinend noch gearbeitet. Durch die breite Glastür konnte Mike Gerlach zwei Frauen erkennen. Die schauten neugierig aus den Fenstern; wollten sicher wissen, was dort unten auf der Straße vor sich ging. Er schob die Tür auf und brüllte die beiden direkt an: »Kommen Sie von den Fenstern weg ... sofort!«

Zu seiner Rechten sprang im gleichen Moment eine Bürotür auf. Ein Mann in gepflegtem Anzug kam heraus und begann unverzüglich, lautstark zu protestieren: »Wer sind Sie?«, schrie der Kerl völlig unbeherrscht. »Machen Sie keinen Scheiß! Da unten wartet die gesamte Hamburger Polizei ... was wollen Sie denn noch ...?«

Wie hypnotisiert starrte Mike den Sicherungshebel der Beretta an. Als er ihn mit einer kurzen Bewegung seines Daumens umlegte, wunderte er sich darüber, wie leicht das funktionierte. Zentimeter für Zentimeter hob er die Waffe und hielt sie dem Mann im Anzug wortlos entgegen.

»Machen Sie keinen Scheiß, verdammt! Sie können doch nicht ...«

Ein Zeigefinger hatte sich wie in Zeitlupe gekrümmt und am Ende den Abzug betätigt. Erste Folge war ein lauter Knall! Als zweite – sicherlich schlimmere – Konsequenz sackte ein Mann tot zu Boden. Ein letzter Blutschwall drang aus der kleinen Wunde auf seiner Stirn. Ein Herz hatte aufgehört zu schlagen.

»Wer wünscht sich noch einen schnellen Tod?«, fragte Mike Gerlach, der sich kurz zuvor zu seinen verbliebenen Geiseln umgedreht hatte. Die Beretta hielt er unverändert im Anschlag und visierte die völlig verängstigten Frauen abwechselnd an. »Jemand Interesse?«

Niemand gab einen Ton von sich. Todesangst hatte die Angewohnheit, auch die Stimmbänder wirkungsvoll zu lähmen. Gekreischt wurde nur im Fernsehen.

Mike Gerlach hatte ein paar Schritte nach vorne gemacht und sich direkt vor den Frauen aufgebaut. Eine Ältere im mausgrauen Kostüm krabbelte eilig unter einen der Schreibtische und wimmerte jetzt leise. »Na los! Wer will die Nächste sein?«

5

Wegner raste den Glockengießerwall entlang und bog danach scharf in den Ballindamm ein. Schon aus dieser Entfernung konnte er die Flut von Blaulichtern erkennen. Künstlich, wie Stroboskope in einer Diskothek, wirkte das Gewitter der unzähligen Einsatzlichter. Er konnte bis heute nicht verstehen, warum die Kollegen, sobald sie den Ort des Geschehens erreicht hatten, nicht einfach die Lichtorgeln abschalteten. Man lockte damit doch nur weitere Schaulustige an, die eine zusätzliche Gefahr für sich selbst und zuletzt auch die Beamten darstellten.

Wegner parkte seinen Wagen hinter einem der Einsatzfahrzeuge und begrüßte gleich zwei seiner Streifenkollegen, die er seit Jahren kannte. »Wo ist Hauser?«, fragte er den Ersten.

»Steht da vorne ... mit Sven Rauchel«, gab der grinsend zurück.

Wegner erinnerte sich an den letzten Einsatz mit dem Leiter des MEKs. Ihn als unbeherrscht und schießwütig zu bezeichnen, stellte fast noch eine Untertreibung dar. Überall wo dieser Rauchel mit seinen Männern auftauchte, war mit einem blutigen Ende des Konfliktes zu rechnen. Wegner wunderte sich, dass man diesem Cowboy bis heute das Leben diverser Kollegen anvertraute. Vielleicht lag es daran, dass Rauchels Vater ein hohes Tier beim BKA war. Der musste wohl regelmäßig eine schützende Hand über seinen Sprössling halten.

»Stefan«. Wegner begrüßte seinen Partner knapp. Sven Rauchel ignorierte er zunächst völlig. Nicht zuletzt, um diesem Idioten zu demonstrieren, was er von ihm hielt.

»Was haben wir?«, wollte Wegner wissen.

»Ihr durchgedrehter Doktor hat sich mit drei jungen Frauen im Gebäude verschanzt. Den Inhaber hat er wohl gleich erschossen«, antwortete der MEK-Leiter ungefragt. »Wir können noch von Glück reden, falls ...«

»Wenn ich mit Ihnen rede, dann merken Sie’s!« Wegner funkelte Rauchel wütend an. Der zog beleidigt ab und brüllte kurz darauf ein paar seiner Leute an, die einen Scheinwerfer zu dicht an seinen Wagen gerückt hatten.

»Es ist so, wie er sagt«, murmelte Stefan Hauser, krampfhaft bemüht, ein in diesem Moment unpassendes Grinsen zu unterdrücken. »Drei Frauen ... zwei aus dem Büro und die afrikanische Putzfrau.«

»Und der Inhaber? Hat er ihn wirklich sofort erschossen?«

»Sieht so aus«, gab Hauser schulterzuckend zurück. »Die Streifenkollegen haben einen Schuss gehört, und wir wissen auch, dass der Mann noch im Büro war. Er hat seine Frau angerufen. Die hat alles mitgehört ... über sein Handy.«

»Und unser Freund ...?«

»Du meinst Rauchel?« Hauser Schaute kopfschüttelnd zum MEK-Leiter hinüber. »Er wollte schon vor fünf Minuten stürmen lassen. Aber ich hab ihm gesagt, dass du sicher sauer bist, wenn er nicht wenigstens auf dich wartet.«

Wegner nickte nachdenklich. »Rauchel!«, brüllte er völlig ungehalten.

»Für Sie immer noch Herr Rauchel«, protestierte der, als er wieder vor den beiden Kommissaren ankam. »Was gibt’s denn?«

»Machen Sie Ihre Männer klar«, ordnete Wegner kurzum an. »Wir gehen rein und befreien die Geiseln. Ich kann nicht noch mehr Tote gebrauchen.«

»Dieser Gerlach befindet sich mit seinen Geiseln noch immer im Empfangsbereich von diesem Steuerberater«, informierte Sven Rauchel die Kommissare nur ein paar Minuten später.

»Woher wollen Sie das wissen?«, knurrte Wegner zurück.

Rauchel deutete die Fassade entlang. »Wir haben Hightech im Einsatz ...«

»Was heißt das konkret«, wollte jetzt Stefan Hauser wissen.

»Nennt sich Spider-Cam«, erklärte der MEK-Leiter mit breitem Grinsen. »Wir wissen genau, was da oben los ist – eben erst hat sich der Gerlach hinter einem der Schreibtische verschanzt. Aber auf der falschen Seite ...«

»Quatschen Sie nicht so viel!«, rief Wegner. Er deutete auf eine Gruppe von schwerbewaffneten Beamten, die allesamt nervös von einem Bein aufs andere stiegen. »Sind Ihre Leute soweit?«

Rauchel nickte nur. Der eilig zusammengeschusterte Plan sah vor, dass man im Foyer eine Blendgranate zünden würde. Zeitgleich sollten dann sechs der Elitepolizisten in den Vorraum eindringen, um den Geiselnehmer zu überwältigen. Außerdem würde man im Moment des Zugriffs von außen sämtliche Fensterscheiben sprengen. Das sollte für zusätzliche Verwirrung sorgen, die hoffentlich ein schnelles und unbeschadetes Eingreifen ermöglichte.

In diesem Augenblick stand Sven Rauchel vor seinen Männern und betonte mehrfach ausdrücklich, dass der Tod des Geiselnehmers dem einer der Frauen oder eines Kollegen vorzuziehen sei.

Insgesamt ein Dutzend Elitepolizisten hatte sich, nachdem die Eingangstür aufgebrochen war, vorsichtig über die breite Marmortreppe in die zweite Etage vorgearbeitet. Per Funk erhielt der Gruppenführer permanent Statusmeldungen. Laut der Aussage Rauchels, der lässig am sicheren Kommandostand lehnte, wirkte die Situation im Foyer des Steuerberaters momentan fast entspannt. Gerlach und seine Geiseln unterhielten sich mittlerweile sogar angeregt. Psychologen bezeichnen dieses Phänomen als Stockholm-Syndrom. Hier wird beschrieben, wie sich zwischen einem Geiselnehmer und dessen Opfern nach und nach ein positives emotionales Verhältnis aufbaut. Das kann passieren, muss aber nicht!

Hauser und Wegner waren direkt hinter den Männern vom MEK und erwarteten gespannt die folgenden Ereignisse. Die beiden Kommissare waren zwar kein Bestandteil dieser Aktion, konnten aber trotzdem die Kommunikation der Eingreiftruppe per Kopfhörer mitverfolgen.

»Bravo-4 ... ich sehe den Geiselnehmer. Er kniet hinter dem Schreibtisch. Gezielter Schuss nicht ohne Gefährdung der Geiseln möglich ... wiederhole ... nicht gefahrlos möglich.«

Als Nächstes erkannte Wegner die Stimme von Sven Rauchel: »Bravo-4 ... Blendgranate in 60 ... dann sprengen wir die Fenster.«

»Verstanden, Bravo-1 ... in 60 ... ab jetzt!«

Der Beamte schaute auf seine Uhr. In seiner Rechten lag die Blendgranate, die er in knapp einer Minute durch die halboffene Glastür ins Foyer werfen würde. Wegner konnte das Adrenalin fast riechen. Alle Männer waren voll konzentriert. Er hörte, wie die Kollegen ihre Waffen entsicherten. Noch etwa zehn Sekunden, dann dürfte die Hölle losbrechen. Als die Armbanduhr des Ersten piepte, riss dieser die Blendgranate hoch und schleuderte sie in Richtung Foyer.

Jeder Einsatz wird im Rahmen einer Nachbesprechung gründlich analysiert. Fehler werden ermittelt und besprochen, um zukünftig Abläufe besser und effektiver umzusetzen. Der katastrophale Verlauf dieser vollständig missglückten Aktion sollte selbst Wochen später noch diverse Abteilungen der Hamburger Polizei in Atem halten. Wäre die Flugbahn der Blendgranate nur zehn Zentimeter weiter links verlaufen, hätte der Einsatz womöglich ein ganz anderes, friedlicheres Ende genommen. Auch dass die Sprengung der Fenster durch einen schadhaften Zünder fast zweieinhalb Minuten zu spät erfolgte, wirkte sich keineswegs positiv aus.

Die Blendgranate trudelte in Richtung Foyer, prallte jedoch an der rechten Türkante ab und kullerte den verdutzten Beamten sogar wieder entgegen. Ein paar der Männer vergaßen vor Schreck, die Augen zu schließen, und wurden vom grellen Blitz nun selbst für einige Zeit gelähmt. Nach kurzer Verunsicherung war es Bravo-4, ein hünenhafter Elitepolizist, der sich unter lauten Schreien durch die halboffene Tür warf und nun seine Waffe hochriss. Drei seiner Kollegen folgten ihm und gaben somit ein ebenso leichtes Ziel für Mike Gerlach ab, dessen Beretta plötzlich über der Schreibtischkante aufblitzte. Sein erster Schuss traf Bravo-4 direkt in Höhe der Nasenwurzel. Der Polizist war bereits tot, als er zur Seite fiel und sein Helm dumpf auf den blank gewischten Fliesenboden krachte. Ein zweiter MEK-Beamter wurde in den Hals getroffen. Sein Blut schoss wie eine Fontäne zu beiden Seiten gleichzeitig heraus.

»Wir brauchen einen Arzt!«, brüllte Wegner durchs Treppenhaus. »Sofort!«

Jetzt ging alles ganz schnell. Ein weiterer Polizist, der fassungslos auf seine verletzten Kollegen gestarrt hatte, riss seine Waffe hoch und feuerte vier Mal durch die Schreibtischplatte. Zwei der Projektile trafen Mike Gerlach in den Oberschenkel, ein anderes durchschlug seinen Unterbauch. Das letzte hatte sein eigentliches Ziel bedauerlicherweise verfehlt. Bei der rechtsmedizinischen Untersuchung würde man es nach einigem Suchen im Kopf der afrikanischen Putzfrau finden.

Die beiden unbeschadeten Elitepolizisten warfen sich über die Schreibtischplatte, um Mike Gerlach endgültig zu überwältigen.

In der Einsatzbesprechung zu diesem Fiasko würde der leitende Beamte auch diesen zwei Kollegen zu Recht völlige Unfähigkeit vorwerfen. Denn anstatt sich auf die Pistole des Geiselnehmers und deren Sicherstellung zu konzentrieren, schlugen sie nur wild auf Mike Gerlach ein. Gerade so, als könnten sie damit ihren toten Kollegen wieder zum Leben erwecken.

Mit einem finalen Aufbäumen riss Gerlach seine Beretta noch ein letztes Mal hoch und feuerte unkontrolliert fünf Schüsse in den Raum ab. Vier der Kugeln blieben in den umliegenden Wänden stecken – ohne Schaden anzurichten. Die fünfte hingegen durchschlug Stefan Hausers Brustkorb, nur zwei Zentimeter neben seinem Herzen.

Vom Schock erstarrt und mit offenem Mund musste Wegner mit ansehen, wie sein Kollege, Partner und in erster Linie Freund einfach nach hinten umkippte und dort regungslos liegenblieb. Seine Jacke verfärbte sich bereits blutrot.

Wegner schaute zu Mike Gerlach hinüber, den die beiden MEK-Beamten mittlerweile überwältigt und hochgerissen hatten. Das Schwein lachte völlig irrsinnig und versuchte, sich der Griffe zu entziehen, um weiterzukämpfen.

In Wegner kämpfte seine Wut derweil mit der noch immer lähmenden Fassungslosigkeit. Seine Knie waren weich wie Butter, aber wenigstens signalisierte sein Oberkörper wieder zaghafte Einsatzbereitschaft. Als würde ihn jemand fernsteuern, zog er seine Dienstwaffe aus dem Holster.

Mike Gerlach kreischte und fluchte abwechselnd. Die Kollegen vom MEK hatten ihn links und rechts gepackt. Ihre Gesichter sahen aus, als würden sie den Zahnarzt am liebsten in der Mitte auseinanderreißen. Aber es war ein anderer, der für Tatsachen sorgte.

Wegner hatte auf zitternden Beinen ein paar Schritte nach vorne gemacht und stand in diesem Moment direkt vor der seltsamen Dreiergruppe. Mike Gerlach blutete aus Mund und Nase. Jetzt spie er Wegner eine blutige Fontäne entgegen und garnierte seine Tat mit einem weiteren hysterischen Lachen.

»Was willst du denn tun, du Scheißbulle?«, fragte der Zahnarzt.

Eine Sekunde verging, eine zweite und vielleicht sogar noch eine dritte. Wegner hatte seine Dienstwaffe gehoben. Deren Mündung richtete sich exakt auf Gerlachs Stirn. Einen halben Atemzug später durchschlug eine Kugel dessen Schädel und ließ sein Gehirn an die dahinterliegende Wand spritzen. Feierabend!

Der tote Zahnarzt hing jetzt nur noch leblos in den Armen der beiden Beamten, die Wegner nur mit offenem Mund anstarrten. Zu guter Letzt explodierten – mit einiger Verspätung – sämtliche Fenster und hüllten den ganzen Raum in dichten Nebel.

6

»Das Projektil hat das Herz und auch die Aorta nur um Millimeter verfehlt«, informierte der Professor die ungeduldig wartenden Polizisten, »aber wir bekommen ihn durch ... der Notarzt vor Ort hat Übermenschliches geleistet.«

Wegner atmete erleichtert auf. »Professor, ganz gleich, welches Problem Sie in Zukunft auch haben, rufen Sie mich einfach an.« Zum Abschluss reichte er dem Arzt seine Karte und klopfte ihm wieder und wieder auf die Schulter. Dann klingelte sein Handy. Es war Vera.

»Wie geht’s Stefan?«, begann sie ohne Begrüßung.

»Er kommt durch«, antwortete Wegner mit dünner Stimme. »Ich hab eben mit dem Arzt gesprochen.«

»Gott sei Dank ... ich bin fast durchgedreht vor Sorge!«

»Was ist mit dir? Bist du in Ordnung, Manfred?«

»Ich bin okay, aber es zieht wohl Ärger auf, ganz sicher.«

»Inwiefern?«

»Ich hab das Schwein erschossen.«

»Das war doch bestimmt nötig, oder nicht?«

Wegners Schweigen reichte Vera als Antwort. »Ich hätte es genauso gemacht.«

***

Samstagmorgen. Zu seiner Linken sah Martin Schiller Brunsbüttel langsam vorüberziehen. Die Brücke des riesigen Container-Riesen lag rund dreißig Meter über der Wasseroberfläche. Von hier oben hatte man eine grandiose Aussicht auf die komplette Elbmündung. Als Erster Offizier genoss Schiller alle Privilegien, in deren Genuss sonst nur der Kapitän kam. Der lag allerdings noch immer in seiner Kabine und schlief den Rausch vom vergangenen Abend aus. Nachdem sie fast einen halben Tag zu lang vor Helgoland hatten liegen müssen, wurde es langsam höchste Zeit. Jede Stunde zu viel im Hafen kostete fünfstellige Beträge.

Der einzige Vorteil war, dass sie bereits gut die Hälfte der zehntausend Container in Bremerhaven losgeworden waren. Somit gab es wenigstens kein Problem mit dem Tiefgang des Schiffes und sie würden nicht, wie üblich, auf die Gezeiten angewiesen sein. Bis Mittag sollten sie den endgültigen Liegeplatz erreicht haben. Danach wollte Martin Schiller sofort von Bord gehen; schließlich war er verabredet. Beim Löschen der Ladung wurde er nicht gebraucht, dafür waren andere zuständig. Gut so!

Immer wieder hatte er ungeduldig auf sein – eigens für dieses neue Hobby angeschaffte – Prepaid-Handy geschaut. Vor einer halben Stunde kam endlich die ersehnte Zusage von Babsi. Sie wollten sich am frühen Abend irgendwo im Zentrum treffen und, nach einem romantischen Abendessen, direkt in die Wohnung des Callgirls fahren.

Martin Schiller erinnerte sich an die letzten Verabredungen mit dieser atemberaubenden Frau. Babsi war Mitte zwanzig. Sie hatte einen geradezu phänomenalen Körper und wusste den auch auf exzessive Art und Weise zu bewegen. Außerdem stand sie darauf, beim Sex gefesselt und geknebelt zu werden. Eine Neigung, die Martin Schiller besonders genoss. Schon seit seiner Jugend hatte er mehr und mehr Gefallen an dominanten Spielen gefunden. Einen Psychologen hätte dieser Umstand kaum gewundert. Mit einer Körpergröße von 1,62 Metern und seiner eher schmächtigen Statur war Martin alles andere als eine imposante Erscheinung. Seine angeborene Blässe, die viel zu spitze Nase und zuletzt der nach vorne gebeugte Gang, taten ihr Übriges dazu. Schon auf dem Gymnasium hatten ihn seine Mitschüler regelmäßig heruntergeputzt und keine Gelegenheit ausgelassen, ihn in der Klasse bloßzustellen. Dass er später nach einem Ventil suchte, war doch mehr als logisch.

Immer wieder hatte er sich in den letzten Monaten mit verschiedenen Callgirls getroffen. Die Frauen waren allesamt hübsch, in der Regel intelligent und hatten, zumindest nach außen, sogar Spaß am Sex. Man verbrachte einen gemütlichen Abend, unterhielt sich ganz zwanglos – und nach ein paar Stunden Smalltalk ging es in die Kiste. Gutes Geld für gute Arbeit. Lediglich, dass einige der Schönheiten Martins zunehmend brutaler werdenden Spiele nicht überlebt hatten, war ein Detail, das die eine oder andere vielleicht gerne vorher gewusst hätte.

Genau vier Wochen war es her, dass er auch die letzte notgedrungen töten musste. Bereits nach wenigen Minuten hatte sie nach ein paar Schlägen so heftig geblutet, dass Martin keinen anderen Ausweg mehr wusste. Er hatte ihr die mitgebrachte Plastiktüte einfach über den Kopf gezogen und es genossen, die junge Frau beim Sterben zu beobachten. Sogar als sie tot war, hatte er noch eine ganze Weile auf ihrem Körper gelegen und sich an ihrer Wehrlosigkeit ergötzt. Am Ende zog er sich dann auch das lästige Gummi herunter. Spuren genug hatte er schon bei den letzten beiden Huren hinterlassen. Was sollte da sein Sperma noch ändern? Zukünftig, so hatte er es unmittelbar danach beschlossen, würde er völlig auf Kondome verzichten. Nachdem die Frauen erst einmal gefesselt und geknebelt vor ihm lagen, konnten sie sich ohnehin nicht mehr dagegen wehren.

Fast Mittag. Endlich kamen die beiden Schlepper längsseits, um das riesige Containerschiff zum Liegeplatz zu bugsieren, wie man das Ziehen und Schieben eines Schiffes in der Fachsprache bezeichnet. Mit jeweils 5.000 PS waren die Schlepper um ein Vielfaches effektiver als die eigenen Seitenstrahlruder. Es dauerte keine fünf Minuten, bis der über dreihundert Meter lange Riese, mit armdicken Stahltrossen gefiert, endgültig an der Kaimauer lag. Und als ob man nur auf ihr Eintreffen gewartet hätte, begannen die ersten monströsen Ladekräne mit ihrer Arbeit. Nur ein paar Stunden sollte es dauern, bis auch der letzte Iso-Container an ihren Haken baumeln würde. Im nächsten Moment fing die Hafengesellschaft eilig wieder mit der Beladung an. Denn spätestens morgen Abend türmten sich zehntausend andere dieser mächtigen Blechbüchsen an Deck, auf die man in Boston bereits dringend wartete.

Früher Nachmittag. Babsi hatte ihm vor einer halben Stunde eine weitere SMS geschickt. Sehnsüchtig würde sie auf ihn warten, hieß es darin. Ganz besonders freue sie sich auf das Ende des Treffens. Auf seine Lust – seine Gier.

»Noch mehr freut sie sich wohl auf die fünfhundert Euro«, murmelte Martin Schiller, als er langsam die schmale Gangway hinabstieg. Bevor er in das wartende Taxi stieg, wünschte ihm der Zweite Maschinist noch einen schönen Tag in Hamburg. Hoffentlich würde der Typ Recht behalten.

Babsi und er wollten sich am Jungfernstieg treffen. Und erst dort würden sie spontan entscheiden, in welchem der schicken Restaurants ihre erste gemeinsame Etappe endete. Martin hatte beschlossen, das Essen nicht ausufern zu lassen. Schließlich plante er, Babsi auf ganz andere Weise zu genießen. Sie war die Erste, deren Tod er bereits vor dem heutigen Rendezvous ausführlich geplant hatte. Wenn er an das letzte Mal dachte, an den Moment, als die Hure ihren finalen Atemzug tat, dann wurde es selbst heute noch eng in seiner Hose. Er musste einfach lernen, den Höhepunkt intensiver auszukosten. Nicht hemmungslos und unbeherrscht zu agieren, sondern den Augenblick so lange wie möglich hinauszuzögern.

Auf dem Jungfernstieg kam ihm Babsi strahlend entgegen. Kein Mann war in der Lage, an ihr vorbeizuschauen. Makellose Beine, deren leicht gebräunte Haut in der Nachmittagssonne wie Seide schimmerte. Wie ein Model stolzierte sie auf ihren High Heels und genoss die gierigen Blicke. Obenrum trug sie ein knappes Top, das die berühmte »Handvoll« zwar betonte, aber nicht aufdringlich erscheinen ließ. Kurzum: ein absoluter Hingucker!

Martin hauchte ihr zur Begrüßung einen Kuss auf die Wange, den sie mit einem ganz weichen und zärtlichen Hauch auf seine Lippen beantwortete.

»Ich bin jetzt schon spitz wie Nachbars Lumpi«, flüsterte sie ihm ins Ohr.

Eilig entschieden sie, nur ein paar Kleinigkeiten in einer der Passagen zu genießen und danach so schnell wie möglich aufzubrechen. Nicht weit entfernt, in zweiter Reihe an der Alster, wartete Babsis kleines Appartement.

»Schon seltsam«, dachte Martin laut nach. »Wenn man mit dir unterwegs ist, schauen einen die Frauen an, als ob sie einen am liebsten gleich bespringen würden.« Er lachte und strich Babsi wie zufällig übers Knie. Die beiden saßen auf einer Shopping-Meile und beobachteten beim Sushi die vorbeiströmenden Horden. »Wenn ich alleine hier säße, dann ...«

»Die sehen dir an, dass du ein richtiger Hengst bist«, fuhr Babsi lachend dazwischen. Sie leckte sich viel zu offensichtlich über die Oberlippe. Das wirkte nicht reizvoll, sondern billig. »Iss weiter ... ich bin geil.«

Keine halbe Stunde später hantierte Babsi am Schloss ihrer Haustür herum. Das dauerte wohl etwas länger, deshalb hatte Martin einen Moment Zeit, sie ungestört von hinten zu beobachten. Bei genauem Hinsehen war ihr viel zu dickes Make-up zu erkennen. Ihre Haare waren hochtoupiert und verströmten eine regelrechte Parfumswolke.

»Scheiße!«, fluchte sie und lutschte an einem ihrer perfekt lackierten künstlichen Fingernägel. »Hoffentlich bricht der mir nicht ab.«

Wenigstens war die Tür offen. Martin stellte sich vor, wie er Babsi sofort packen und ihr die Hände brutal auf dem Rücken fesseln würde. Das Miststück gleich zu Beginn hemmungslos verprügeln? Das hätte schon was.

Wie ein Engel stolzierte Babsi über das blankpolierte Parkett vor ihm her.

»Möchtest du was trinken, Thomas?«

Er hatte ihr vorsichtshalber einen falschen Namen genannt, man wusste ja nie.

Sie schaute ihn an, bis er widerwillig nickte. »Aber nur einen Schluck Wasser.«

»Na, du scheinst es ja eilig zu haben. Kannst es wohl gar nicht erwarten?«

Babsis Lachen kam Martin immer künstlicher vor. Billig! Am Ende hatte sie es nicht besser verdient, dachte er und nahm ihr das Glas aus der Hand. Mit Mühe und Not brachte er ein gequältes Lächeln zustande und prostete ihr angedeutet zu. Eigentlich hatte er keine Lust zu trinken. Keine Lust sich zu unterhalten. Wollte ihre albernen Geschichten über andere Kunden oder Kommilitonen nicht mehr hören. Er wollte sie fesseln, schlagen ... ihr das Leben aus dem Körper prügeln. Und ficken wollte er sie. Vor oder nach ihrem Tod, egal. Am besten genau in dem Moment, in dem das blöde Miststück diese letzte Grenze überquerte. Das wollte er. Sonst nichts!

7

Wegner saß in seinem Büro. Er hatte gerade den Hörer aufgelegt. Stefan Hauser lag zwar immer noch auf der Intensivstation, aber es ging ihm schon deutlich besser. Nach nur einem halben Tag lehnte sich der Professor bereits so weit aus dem Fenster, bleibende Schäden auszuschließen.

Ein weiteres Mal atmete Wegner erleichtert durch. Solche Erlebnisse machten selbst einem ansonsten emotionalen Kühlschrank wie ihm erheblich zu schaffen. Er kannte Stefan Hauser seit vielen Jahren. Sie verstanden sich blind. Jeder verließ sich komplett auf den anderen. Nicht nur beruflich, auch privat. Selbst die Tatsache, dass sein Kollege schwul wie ein Starfriseur war, störte Wegner kaum noch. Wenn es hart auf hart kam, dann konnte Hauser sogar noch energischer werden als er selbst. Das hatte er oft genug bewiesen.

Wegner war nur ins Büro gefahren, weil er es zuhause nicht ausgehalten hatte. An einem Samstagnachmittag war in der Regel wenig zu tun. Wobei auch das seit ein paar Monaten anders war. In diesem Moment saß in fast jeder Hamburger Callgirl-Agentur mindestens ein Beamter. Ein Kollege in Zivil, der dort auf einen Anruf wartete. Genauer gesagt: Auf den Anruf eines Mannes, der in den vergangenen Monaten nacheinander drei Frauen immer perverser abgeschlachtet hatte. Schon die erste hatten sie mit durchschnittener Kehle gefunden und damals noch an eine Einzeltat geglaubt. Nach der Autopsie dieser armen Kreatur stand fest, dass der Mörder sie vorher stundenlang geschlagen und missbraucht hatte. Vom Finale dieser fürchterlichen Folterungen dürfte die junge Frau hoffentlich und wahrscheinlich nur noch wenig mitbekommen haben. Ein schwacher Trost.

Und obwohl sie Haare, Hautschuppen und zuletzt sogar das Sperma des Täters an oder in seinen Opfern gefunden hatten, tappten sie, was dessen Identität anging, noch immer völlig im Dunkeln. Modernste DNA-Analysen machten es aber wenigstens möglich, den infrage kommenden Kreis einzuengen: Es handelte sich definitiv um einen Mann. Mitte dreißig. Mitteleuropäer mit relativ reinem Erbgut. Vermutlich gebildet. Keines dieser Kinder, bei denen der Vater womöglich auch gleichzeitig als Onkel fungierte.

Und weil dieser genetische Fingerabdruck zu keinem Gegenstück in irgendeiner Datenbank passte, war davon auszugehen, dass es sich um einen – zumindest bis dahin – unbescholtenen und somit nicht vorbestraften Mann handelte. Wie sonst hätte der das Risiko eingehen können, nicht mal ein Kondom zu benutzen.

Jeden seiner Mitarbeiter hatte Wegner im Laufe der letzten Stunde kontaktiert. Hinweise – oder gar ein Treffer? Fehlanzeige! Wenn, und hieran gab es nur wenig Zweifel, der Killer erneut zuschlagen würde, dann, ohne dass sie ihn daran hindern konnten. Es gab einfach zu viele Callgirls in Hamburg. Jede Einzelne zu bewachen, war schlichtweg unmöglich. Natürlich hatten sie in den vergangenen Wochen alle einschlägig bekannten Agenturen informiert. Wieder und wieder hatten sie auf allen Titelseiten vor dem neuen Hurenkiller warnen lassen.

Wegner war an seinem Schreibtisch völlig in sich zusammengesackt. Seltsame Erinnerungen plagten ihn: Erneut hatte sich ein Täter auf diese ganz spezielle »Kundengruppe« aus dem Rotlichtmilieu spezialisiert. Genau wie im letzten Jahr, als gleich mehrere Männer die wehrlosen Frauen auf grausamste Art und Weise abgeschlachtet hatten.

Dieser neue Hurenkiller bevorzugte aber offensichtlich die exklusivere Welt der Nobelhuren. Wie Fotomodelle sahen die meisten der Damen aus, wenn man sie in den Hochglanzkatalogen betrachtete. Ohne Knurren zahlte da ein Freier bis zu tausend Euro für eine Nacht. Am Ende blieb auch nichts anderes übrig als das schmutzige Gefühl gekaufter Liebe, ganz gleich wie kostspielig die war.

Wegner dachte über die immer gleichgebliebenen Abstände der Morde nach. Sogar Mondphasen hatten sie ins Kalkül gezogen; überlegten, ob sich ein perverser Killer womöglich von den Gezeiten lenken ließ. Sie hatten die Termine großer Veranstaltungen als Raster über die Tage der Morde gelegt. Konzerte, Fußballspiele und Messen verglichen. All das ohne jedes brauchbare Ergebnis. Warum mordete dieses Monster nur alle vier Wochen? Wobei man über dieses »Nur« ja noch froh sein musste.

Einer der Profiler, wie man Analysten mittlerweile auf Neudeutsch nannte, hatte Wegner in der letzten Woche ein komplettes Profil des Täters überreicht. Er selbst hielt diese Psycho-Spielchen für Blödsinn. Im Fernsehen konnte ein solcher Profiler sogar die Schuhgröße des potenziellen Serientäters ermitteln. Hier, im richtigen Leben, waren diese Deppen nicht einmal in der Lage, sich auf ein vernünftiges Motiv zu einigen.

Das Telefon riss Wegner aus seinen Gedanken.

»Na, mein Schatz, wie lange brauchst du noch?« Es war Vera, die hoffentlich nicht gekocht hatte. Sie war eine wahre Traumfrau, nur ihre Kochkünste ließen zu wünschen übrig.

»Nicht mehr lang. Ich fahr hier bald los«, erwiderte er nachdenklich. »Wollen wir uns `ne Pizza bestellen?«

»Ich hab einen Auflauf im Ofen.«

Wegners Schweigen schien seine Vera wütend zu machen. »Manfred«, keifte sie, »ich muss doch kochen lernen, bevor wir heiraten.«

Er schwieg weiter beharrlich.

»Manfred! Wenn du jetzt nichts sagst, dann kannst du deinen Sonntag allein verbringen.«

»Ist ja gut. Aber versalz die Soße nicht wieder so! Letztes Mal hatte ich noch zwei Tage später Sodbrennen.«

»Ich hab nur ’ne kleine Prise rangemacht.«

»Bis nachher.«

8

 

Mit zwei großen Schlucken leerte Martin Schiller sein Wasserglas. Babsi hatte sich vor einer Minute ins Bad verkrümelt. Er rechnete damit, dass sie ihm in wenigen Augenblicken nackt und nutzbar entgegenschweben würde. Frauen wie sie konnten jeden Mann haben. Ein Wort, ein Fingerzeig reichte aus, damit sich irgendein Schwachkopf förmlich ein Bein ausriss. Selbst die Füße würde ihr jeder zweite Kerl mit wachsender Begeisterung küssen. Aber das war nicht ihr Ding. Sie wollte es hart, genoss die Wehrlosigkeit, sogar leichte Schmerzen. Das hatte sie ihm schon bei ihrem ersten Treffen nach kurzer Zeit gestanden.

Von den Schmerzen wird sie heute genug bekommen, dachte Schiller und lachte freudlos in sich hinein.

»Na mein Hübscher, bist du scharf auf dein böses Mädchen?«

Oh ja ... er hatte Lust – und wie! Nur dass ihre Vorstellungen dabei wahrscheinlich etwas auseinandergingen.

»Leg dich aufs Bett und halt die Klappe, du kleine Schlampe!«

Dirty Talk, richtig eingesetzt, ist brodelnder Quell besonderer Lust – für beide. Beim Sex, so hatte Martin es im Laufe der Zeit festgestellt, spielten sich neunzig Prozent im Kopf ab. Mindestens! Mit Menschen, die nicht in der Lage waren, ihre Wünsche oder Fantasien in Worte zu fassen, empfand er nichts anderes als Mitleid. Wie viele Paare schliefen frustriert nebeneinander ein. Dabei erklommen beide in ihren Gedanken unbekannte erotische Höhen, ohne es dem Partner jemals zu gestehen.

Babsi räkelte sich bereits auf dem Bett. Ihre Blicke verrieten, dass sie bestraft werden wollte. Martin legte einen kleinen Stoffbeutel auf das Kopfkissen und öffnete langsam den Reißverschluss. Er drehte sie grob auf den Bauch um und band ihre Hände mit dem ersten Kabelbinder energisch zusammen, was sie mit lustvollem Stöhnen quittierte. Noch! Ebenso verfuhr er mit ihren schlanken Fesseln, nachdem er sie wieder auf den Rücken zurückgedreht hatte.

»Nicht ganz so fest!«, meckerte sie schon.

Dieser Protest rauschte an Martin Schiller vorbei. Eilig entledigte er sich seiner Kleidung, fühlte sich dabei wie im Rausch. Er holte einen Gummiknebel aus dem Beutel und zog dessen Riemen ruckartig über Babsis Kopf. Das Teil war so stramm, dass bereits jetzt tiefe Furchen auf ihren Wangen zu erkennen waren. Sie bockte wie ein Pferd, versuchte verzweifelt, die Kabelbinder auseinanderzureißen. Scheinbar hatte sie verstanden, dass es dieses Mal anders ablaufen würde. Blitzartig riss sie ihre Knie hoch und traf ihren Peiniger hart zwischen die Beine.

Martin Schiller ließ sich keuchend zur Seite fallen. Sein zuvor breites Grinsen hatte einer schmerzverzerrten Visage Platz gemacht. Gegenwehr in dieser Form hatte er nicht erwartet. Babsi krümmte ihren Körper auf beeindruckende Weise und versuchte, ihm mit beiden Füßen zugleich einen Tritt zu verpassen. Erfolglos, denn er hatte sich ein Stück weit berappelt und hielt sie wieder fest. Augenblicklich holte er auch das letzte Utensil aus seinem Beutel. Das hätte eigentlich erst viel später zum Einsatz kommen sollen.

Martin Schiller hatte an diesem Morgen einen der übergroßen, stabilen Plastikbeutel eingesteckt, in denen sie auf der Brücke nautisches Material wie Karten sicher verstauten. Hier allerdings sollte das Teil einen ganz anderen Zweck erfüllen.

Nachdem er Babsi mit dem Ellbogen einen kräftigen Haken in die Magengrube verpasst hatte, zog er ihr den Beutel einfach über den Kopf. Angsterfüllt, mit weit aufgerissenen Augen, versuchte sie, darin nach Luft zu schnappen. Ihre Nasenspitzen berührten sich fast, als Martin lachend in ihr Gesicht schaute, um ihre Panik zu genießen. Ein Blick nach unten verriet, dass sein Arbeitsgerät nur darauf wartete, es dieser verfluchten Schlampe endlich anständig zu besorgen.

Babsis zuerst hektische Bewegungen wurden immer schwächer und schwächer. Als sie kurze Zeit später nahezu bewegungslos dalag, nahm er das mitgebrachte Messer zur Hand und machte direkt über ihrem Mund einen kleinen Schlitz in die Folie.

Panisch sog sie den Sauerstoff in ihre Lungen. Jeder einzelne ihrer Muskeln brannte wie Feuer. Seltsame Gedanken schossen durch ihren Kopf. Sie dachte an ihre Eltern, die sie am letzten Wochenende nach einem heftigen Streit fluchend zurückgelassen hatte. An Marvin, ihren Freund – zumindest bis vor zwei Wochen. Sie hatte ihm hässliche Dinge an den Kopf geworfen. Dass er ein Softie sei, sie es hart brauche, handfest – nicht im Weichspülgang. Wie sehr sehnte sie sich in diesem Moment nach seinen zärtlichen Berührungen. »Ich will einen Mann ... einen richtigen Kerl und keinen Sitzpinkler!« Das waren die letzten Worte, die sie ihm auf der Treppe hinterhergebrüllt hatte.

 

Der kleine Schlitz reichte nicht aus, um genug Luft zu ziehen. Immer noch waren ihre Muskeln nicht zu einer koordinierten Bewegung imstande. Jetzt fühlte sie, wie ihre kraftlosen Beine hochgerissen wurden. Das Schwein drang gewaltsam in sie ein. Nicht einmal die Augen wollte sie öffnen.

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