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Familie mit Herz 094 - Familienroman

... und nebenan ein leises Weinen

Mit großem Einfühlungsvermögen bricht dieser Roman ein Tabu

Von Susanna Jonius

Dies ist die wahre, ohne Vorbehalte erzählte Geschichte von Marla, 18 Jahre – vergewaltigt.

Ein gutes halbes Jahr ist seit der Tat vergangen, doch Marla durchlebt die Qualen jede Nacht aufs Neue in ihren Albträumen. Sie spürt die schmutzigen Hände, den schweren Körper, die Brutalität. Sie hat keine Chance, seiner Gewalt zu entkommen.

In ihrem Herzen ist eine tödliche Leere, in ihrem Kopf nur ein Wunsch: zu vergessen. Doch das wird nie möglich sein, denn Marla ist schwanger, und sie hat sich dazu entschlossen, das Baby zu bekommen – und zu lieben. Aber wird sie das wirklich können? Wird das Kind sie nicht immer an den schrecklichsten Moment ihres Lebens erinnern?

Als der dunkle Schatten sich über sie beugte, schrie sie vor Angst und Entsetzen. Sie empfand die Bedrohung wie einen körperlichen Schmerz, noch ehe ihr Gewalt angetan wurde. Sie sah seine Hände, groß und grob wie Schaufeln, und spürte, wie sie sich um ihren Hals legten und ihr die Luft nahmen. Ihr Schrei erstickte in einem Gurgeln, und sie fiel in ein Loch, wurde davongetragen in ein namenloses Nichts ...

Schweißgebadet wachte Marla Dormann auf. Die Achtzehnjährige zitterte am ganzen Körper. Ihr Gesicht war tränennass und ihr Hals rau, als hätte sie tatsächlich geschrien.

Vorsichtig tastete Marla ihren Hals ab.

Nichts.

Nichts mehr ...

Es war vorbei, auch wenn sie noch immer nicht glauben konnte, dass sie jenem Albtraum lebend entkommen war.

Marla legte eine Hand auf ihren bereits sichtbar gewölbten Bauch. Doch die Bewegung des Kindes, das sanfte Strampeln beruhigte sie nicht.

Nichts war in Ordnung. Nichts war mehr gut und schön. Und das würde sich nie mehr ändern.

Nie mehr ...

Marla schluchzte leise. Sie wollte nicht, dass ihre Mutter sie hörte. Das junge Mädchen konnte sich nicht gegen seine Tränen wehren. Es weinte herzzerreißend und konnte gar nicht mehr aufhören.

Plötzlich wurde die Tür aufgerissen. Gesine Dormann knipste das Licht an.

»Gott, Kind, beruhige dich doch! Warum nimmst du nicht die Medikamente, die der Doktor dir verschrieben hat?«, fragte sie vorwurfsvoll.

»Mama, das Baby ...«

»Das hätte ja nicht sein müssen«, unterbrach Gesine ihre Tochter. In dem eleganten schwarz-goldenen Morgenmantel aus Seide machte sie einen äußerst kühlen und wenig mütterlichen Eindruck. »Du könntest diese entsetzliche Geschichte längst vergessen haben.«

»Ich werde nichts vergessen, ganz gleich, wie lange ich lebe«, erwiderte Marla unter Schluchzen. »Ich werde immer und ewig daran denken müssen.«

»Weil du dich mit diesem Kind belastest«, hielt Gesine ihr vor. »Du weißt ja nicht mal, wer der Vater ist! Dieser Kerl ... O Himmel, weißt du es etwa doch?« Ihre Stimme überschlug sich voller Abscheu.

»Hör auf!«, schrie Marla gepeinigt auf. »Warum redest du so?«

»Kind, für mich ist diese Situation genauso schwer wie für dich. Begreif das endlich! Dein Verhalten bei dieser Geschichte ist mir absolut unverständlich.«

Marla stand auf. Als sie den angewiderten Blick sah, mit dem ihre Mutter sie betrachtete, warf sie sich ihren Bademantel über und wickelte sich fest darin ein.

»Das Baby kann nichts dafür«, erklärte sie mit schmerzerfüllter Stimme. »Es hat nicht darum gebeten, gezeugt zu werden ...«

»Eben!«

»... und es hat sich weder Vater noch Mutter noch Großeltern aussuchen können. Es tut mir entsetzlich leid ...«

Gesine fühlte sich auf einmal unwohl in ihrer Haut.

»Du solltest schlafen, Marla«, mahnte sie. »Du brauchst deinen Schlaf.«

»Ja, Mama«, stimmte das Mädchen ergeben zu. Es war froh, als seine Mutter endlich das Zimmer verließ.

Marla legte sich aber nicht wieder hin, sondern setzte sich an ihren kleinen Schreibtisch und nahm ihr Tagebuch aus der Schublade. Eigentlich hatte sie ein paar Eintragungen machen wollen. Doch dann blätterte sie in dem ledergebundenen Büchlein, das seit ein paar Jahren ihr treuester Freund war und ihre geheimsten Gedanken bewahrte.

Alles hatte Marla notiert, ob es wichtig war oder nicht. Im Nachhinein erschien ihr nichts davon wert, dass sie sich daran erinnerte.

»Kinderkram«, murmelte sie vor sich hin.

Bis sie an jenes Datum kam.

Ein gutes halbes Jahr war es her. Marlas Knie zitterten, wenn sie jenes Ereignis in Gedanken auch nur streifte. Ekelgefühle kamen in ihr auf und mischten sich mit Panik. Ihr war, als spürte sie noch immer seine Hände, seinen Körper, seine Brutalität ...

»Nein!«, stieß sie beinahe atemlos hervor.

Nein, sie wollte sich nicht erinnern.

Doch es gab keinen Ausweg. Wieder und wieder durchlebte sie diese Stunde der Angst und der Erniedrigung und spürte das Grauen und die Schmerzen, den Ekel und die Verzweiflung, die Wut und die Hilflosigkeit.

Marla war mit Freunden in einer Diskothek gewesen. Auf dem Heimweg war ihr ein Mann gefolgt. Sie hatte ihn erst bemerkt, als es zu spät gewesen war. Der Kerl hatte sie in einen dunklen Park gezerrt und war hinter einem Gebüsch über sie hergefallen.

Zuerst war Marla wie erstarrt gewesen. Doch dann hatte sie versucht, sich zu wehren. Aber der Kerl war stärker und auch geschickter gewesen. Von Selbstverteidigung verstand sie so gut wie nichts. Dennoch hatte sie sich so freigekämpft, dass sie schreien konnte und aufspringen wollte.

Er hatte seine schmutzige Hand auf ihren Mund gepresst und sie mit dem Knie auf den Boden gedrückt. Dann hatte er ihr ein Messer an den Hals gesetzt und gedroht, sie zu erstechen.

Marlas Widerstand war erlahmt, und sie hatte innerlich darum gefleht, dass es vorbei wäre.

Als er endlich von ihr abgelassen hatte, hatte sie nicht gewagt, sich zu bewegen. Sie hatte sich tot gestellt und wusste bis heute nicht, wie lange sie so dagelegen hatte. Irgendwann hatte sie sich auf die Straße geschleppt. Ein Taxifahrer hatte sie gefunden und ins Krankenhaus gebracht ...

Marla klappte ihr Tagebuch zu. Sie hatte genug gelesen, genug in ihren ungewollten Erinnerungen gekramt. Mit einem sehnsüchtigen Blick betrachtete sie ihr Bett.

Schlafen, dachte sie. Traumlos schlafen, bis sie das Land des Vergessens erreichen würde, das wäre ja so schön ...

♥♥♥

»Wie fühlen Sie sich heute, Marla?«, fragte Dr. Friedbert Oberescher.

Er war Psychologe und Psychotherapeut und betreute das junge Mädchen seit der Vergewaltigung.

Marla machte an diesem Tag einen besonders zerbrechlichen Eindruck. Dr. Oberescher befürchtete schon einen Rückfall in die Schweigephase.

In den ersten Wochen nach dem schrecklichen Vorfall war Marla nicht in der Lage gewesen, zu sprechen. Sie hatte alle Untersuchungen über sich ergehen lassen, ohne auch nur im Geringsten zu reagieren.

Es hatte lange gedauert, bis Dr. Oberescher Zugang zu seiner jungen Patientin gefunden hatte. Nach und nach hatte er ihr Vertrauen gewonnen, und endlich hatte sie begonnen, über ihr grauenhaftes Erlebnis zu sprechen.

Die brutale Vergewaltigung hatte aus der lebensfrohen Marla einen ängstlichen und tieftraurigen Menschen gemacht, der meist in dumpfem Brüten versunken dasaß.

»Ich weiß nicht«, erwiderte Marla jetzt leise.

In ihr klang noch immer die Stimme ihrer Mutter nach. Es tat dem Mädchen weh, dass Gesine Dormann es so wenig unterstützte.

»Ich wollte, ich könnte alles vergessen ...«

»Und das Baby?«, gab Friedbert Oberescher zurück. »Wirst du es wirklich lieben können? Oder wirst du ihm die Schuld an deinem Unglück geben?«

Automatisch war er ins vertraute Du verfallen. Es sprach sich einfach leichter.

Marla war es nicht aufgefallen. Zumindest störte sie sich nicht daran. Sie hatte sich inzwischen in ihren Sessel zurückgelehnt und hielt die Augen geschlossen. Die rechte Hand hatte sie auf ihren gewölbten Bauch gelegt, als wollte sie ihr Baby schützen.

»Mein Baby«, begann sie kaum hörbar, »kann nichts dafür. Aber nun lebt es und hat ein Recht darauf, zur Welt zu kommen.«

»Niemand will dir dein Baby nehmen«, versicherte Dr. Oberescher beruhigend. »Ich finde es gut, dass du dich so darum sorgst.«

Marla richtete sich auf und sah den Psychologen aus weit aufgerissenen Augen an.

»Glauben Sie, dass meine Mutter sich auch um mich gesorgt hat, als ich noch klein war?«, wollte sie wissen. In ihrer Stimme schwangen Angst und Sehnsucht zugleich mit.

»Deine Mutter hat dich sehr geliebt, als du ein Baby warst, Marla«, erwiderte der Arzt sanft. »Sie hat mir erzählt, dass du ein Wunschkind gewesen bist. Sie hat dich behandelt, wie einst ihre Lieblingspuppe ...«

»... bis ich zu groß geworden bin«, warf Marla ohne jede Bitterkeit ein. »Ist das so, wenn man Mutter ist?«

»Das empfindet jede Mutter anders – was nicht bedeutet, dass man weniger liebt, wenn man nicht davon spricht oder diese Liebe nicht so offen zeigen kann.«

Das junge Mädchen schüttelte den Kopf.

»Nein, meine Mutter liebt nur sich selbst. Sie spielt eine Rolle, als wäre sie beim Film. Ich kenne niemanden, der sein Lächeln so passend an- und ausschalten kann wie meine Mutter. Sie kann sogar auf Kommando heulen, wenn sie glaubt, dass es etwas nutzt.«

»Und?«, wollte der Psychologe wissen. »Tut sie das zurzeit öfter?«

»Keine Ahnung. Sie sagt, sie stehe unter Schock ...«

»Bedrängt sie dich?«

Marla nickte. »Sie will mein Baby nicht.«

»Kannst du sie verstehen?«

»Nein.«

»Für beinahe jeden anderen Menschen ist deine Entscheidung für das Kind schwer zu verstehen, Marla«, erklärte Dr. Oberescher. »Ich finde dich sehr mutig. Du nimmst dein Schicksal an und stellst dich ihm. Dadurch hast du eine gute Chance, die Geschehnisse zu verarbeiten und wieder du selbst zu werden.«

»Daran glaube ich nicht«, erwiderte Marla dumpf. »Dieser Mann hat mir alles genommen. Das ist nicht rückgängig zu machen.«

»Hast du darüber mit deiner Mutter gesprochen?«

»Nein.«

»Willst du mir sagen, weshalb nicht?«

»Sie – sie will nichts davon wissen«, gestand Marla. »Sie sagt, ich soll endlich alles vergessen. Aber wie kann ich das?«

Dr. Oberescher wartete einen Moment, ehe er fragte: »Und wenn das Baby nicht wäre?«

Marla schüttelte den Kopf.

»Auch dann würde sich an meiner Erinnerung und an meinen Gefühlen nichts ändern.«

»Ich glaube dir, und ich werde alles tun, um dir zu helfen«, versprach der Arzt. »Wir werden miteinander arbeiten, und wenn dein Baby zur Welt kommt, wird seine Mama neuen Lebensmut gefunden haben.«

Das Mädchen verzog das Gesicht. Ein Lächeln wurde nicht daraus.

»Ich wünschte, ich hätte wenigstens einen Teil Ihrer Zuversicht!« Sie seufzte leise. »Aber ich kann nicht einmal darüber nachdenken, wie es sein wird mit meinem Kind.«

»Das kommt noch. Es ist noch nicht lange her, da konntest du nicht einmal mit mir sprechen – weder über deine Mutter noch über das, was geschehen ist.« Dr. Oberescher machte eine kleine Pause. Dann setzte er hinzu: »Und nun reden wir über alles, was dich bedrückt. Kannst du nicht versuchen, ein bisschen an dich selbst zu glauben?«

Sie seufzte noch einmal und schwieg.

»Marla, soll ich mit deiner Mutter sprechen?«

»Um Gottes willen, bloß das nicht!«

»Was wäre daran verkehrt?«

Es dauerte einen Moment, doch dann brach es aus ihr heraus: »Sie kann – Seelenklempner nicht leiden!«

Marla erzählte, dass ihre Mutter anfangs an ihrem Bett gesessen und gejammert hatte. Sie hatte nur davon gesprochen, dass ihre Freundinnen sie bedrängten, weil sie erfahren wollten, was mit Marla geschehen war. Die Neugier der Gesellschaftsdamen hatte sie zwar gestört, war ihr aber dennoch wichtiger als das Leid ihrer Tochter gewesen.

Gesine Dormann hatte erwartet, nein, verlangt, dass Marla sich von dem Baby trennte und dann endlich zur Tagesordnung zurückkehrte. Sie wollte von dem Verbrechen, das an ihrer Tochter verübt worden war, nichts mehr wissen. Diese Tat hatte in ihren Kreisen einfach nicht zu geschehen.

»Sie ist nun mal so«, schloss Marla. »Sie denkt nur an das, was man zu tun oder was man zu lassen hat. Über solch schreckliche Dinge spricht man aus Mutters Sicht nicht. Sie haben einfach nicht zu geschehen. Bei Mutters Freunden geht es immer nur um Geld, um Ansehen und um den richtigen Mann!«

»Und den will sie auch an deiner Seite sehen?«, wollte Dr. Oberescher wissen.

»Wollte!«, betonte Marla bitter. »Aber mit einem Baby im Bauch bekommt man ja ihrer Meinung nach keinen Mann mehr ab!«

Friedbert Oberescher betrachtete seine Patientin nachdenklich.

»Wolltest du deshalb das Baby behalten? Um fremde Männer von dir fernzuhalten?«, fragte er vorsichtig.

Erschrocken sah Marla ihn an.

»Ich weiß nicht ... vielleicht ... Glauben Sie das?«

»Du müsstest es mir schon sagen, Marla«, erwiderte Dr. Oberescher mitfühlend und dachte, dass das junge Mädchen noch eine Menge aufzuarbeiten hatte.

»Helfen Sie mir, Dr. Oberescher«, bat Marla leise.

Ihre Augen füllten sich mit Tränen, und sie sah so hilflos und zerbrechlich aus, dass der Psychologe sich erneut große Sorgen um sie machte.

»Bleib ruhig, Marla«, mahnte er. »Wir schaffen es gemeinsam ...«

♥♥♥

»Es wird jeden Tag ein bisschen besser«, hatte Dr. Oberescher seiner jungen Patientin mit auf den Weg gegeben.

Marla hatte zwar zugestimmt, aber überzeugt war sie nicht gewesen.

Es gibt ja nichts, was besser werden kann, dachte sie.

In ihrem Herzen herrschte eine tödliche Leere, während ihre Gedanken sich heiße Schlachten lieferten, sodass sie glaubte, ihr Kopf müsse platzen.

Sie nahm, wie immer, wenn sie von Dr. Oberescher kam, den Weg, der am Park vorbeiführte.

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