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Falsches Spiel

1. KAPITEL

Noch immer standen Fiona und André in seiner Wohnung und starrten auf den Geldkoffer mit den zwei Millionen Euro, die Samia Gruber dem Chefkoch anvertraut hatte.

„So eine Gelegenheit kommt nie wieder!“, flüsterte Fiona. Ihre Augen glänzten fiebrig.

Doch André zögerte. „Ich weiß nicht … Wir sollten erst mal in Ruhe nachdenken …“

Fassungslos starrte Fiona ihn an. „Was gibt es denn bei zwei Millionen Euro nachzudenken?“

„Das ist doch alles viel zu durchsichtig“, entgegnete André und sah sie eindringlich an.

„Bis die hier was gemerkt haben, sitzen wir längst im Flieger in die Karibik!“

„Oder im Polizeiauto, das am Flughafen auf uns wartet“, versetzte er. „Vielleicht ist das Ganze ja eine Falle.“

Fiona konnte sich das nicht vorstellen. Sie befürchtete, dass André diese Bedenken nur vorschob, weil er seinen eigentlichen Grund nicht preisgeben konnte. „Du willst gar nicht weg“, sagte sie ihm auf den Kopf zu. „Wegen der alten Saalfeld.“

„Aber nein, Liebes …“, beteuerte er, wirkte jedoch ertappt.

„Dann lass und das Geld nehmen und verschwinden“, forderte sie.

Doch André schwieg.

Fiona nickte langsam und ging zur Tür. „Ich packe jetzt meine Sachen. Und das solltest du auch tun. Enttäusch mich nicht.“

Nun saß André ernsthaft in der Klemme.

Inzwischen hatte auch Simon von Samias Plan erfahren, seinen Vater mit dem Rücktransport der zwei Millionen Euro zur Bank in München zu testen, und reagierte alles andere als begeistert. „Das ist doch Wahnsinn!“, stieß er aufgewühlt hervor.

„Du bräuchtest dich gar nicht so aufzuregen, wenn du deinem Vater vertrauen würdest“, entgegnete Samia gelassen.

„Nicht, wenn so viel Geld im Spiel ist.“

Samia nickte nachdenklich. „Was hätte er gemacht, wenn er Papas Diamanten gefunden hätte?“, fragte sie. „Ich muss einfach die Wahrheit wissen.“

„Das ist ein hoher Einsatz“, erwiderte Simon.

„Aber wenn er Charlotte wirklich liebt, dürfte er nicht in Versuchung kommen.“ Sie war sich sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben, und sah Simon zuversichtlich an.

Charlotte war äußerst erbost darüber, dass Werner ihre Abwesenheit dazu genutzt hatte, die Umbaupläne für das Klubhaus am Golfplatz voranzutreiben. Und dass Samia ihn dabei unterstützte, versetzte ihr einen schmerzhaften Stich.

„Du hast sie beeinflusst“, hielt sie Werner vor. „Sie versteht doch gar nichts vom Geschäft.“

„Vom Geschäft vielleicht nicht“, gab er zu. „Aber sie hat kapiert, dass man mit dir im Moment nicht rechnen kann. Du hast nur noch André im Kopf – und wer weiß, was er dir einflüstert. Deswegen hat Samia mit mir die Mehrheit gebildet. Für das neue Klubhaus!“

„Das glaube ich dir nicht.“ Charlotte schnaubte empört. „Dass Samia so über mich denkt.“

Doch Werner zuckte nur mit den Schultern. „Liebe macht eben blind. Oder sollte ich besser sagen: naiv?“

„Das muss ich mir nicht länger anhören!“, stieß Charlotte hervor und stürmte aus dem Zimmer.

Die Auseinandersetzung hatte ihr zugesetzt. Sie musste mit jemandem reden, der sie verstand und der voll und ganz hinter ihr stand. Und so machte sie sich auf die Suche nach André.

Doch als sie kurz darauf in seine Wohnung kam, fand sie dort – zu ihrer großen Überraschung – nur Fiona Marquardt vor.

Fiona, die eigentlich damit beschäftigt war, Andrés Sachen zu packen, redete sich hektisch heraus. „Das ist doch wieder typisch. Erst bestellt er mich her … Ganz eilig, ich soll alles stehen und liegen lassen …“

Verwundert blickte Charlotte sie an. „Wie kommen Sie denn hier rein?“

„Ach, die Tür war offen“, erwiderte Fiona schnell, „da dachte ich, ich warte hier, er wird sicher gleich kommen.“

„Worum ging es denn?“

„Keine Ahnung. Wahrscheinlich kurzfristige Änderungen beim Abendmenü …“ Fiona schüttelte gespielt missmutig den Kopf. „Und jetzt ist der Herr nicht da! Großartig! Ich habe noch anderes zu tun, als ihm hinterherzulaufen.“

„Seltsam“, bemerkte Charlotte nachdenklich. „Ich habe ihn auch schon überall gesucht.“

„Sie wissen nicht, wo er ist?“

„Wir waren eigentlich verabredet. – Moment …“ Kurz entschlossen rief sie ihn auf seinem Handy an. Und als sie ihn erreichte, staunte sie nicht schlecht: Er war auf dem Weg nach München, um in Samias Auftrag zwei Millionen Euro zur Bank zu bringen!

Fiona, die das Gespräch mit anhörte, stockte der Atem – André war also tatsächlich mit dem Geld losgefahren, ohne ihr etwas davon zu sagen.

Wo Simons Vater wohl gerade steckt, fragte sich Samia zur gleichen Zeit. Sie hatte ihre Mittagspause für einen Spaziergang genutzt und schlenderte durchs Dorf. Ob er auf der Autobahn nach München war? Oder fuhr er doch in die Schweiz, und sie würde die zwei Millionen Euro nie wiedersehen?

Sie seufzte. Selbst wenn es so wäre – es war Geld. Viel Geld zwar, aber eben nur Geld. Hauptsache, Charlotte hatte endlich Gewissheit, ob der Chefkoch es ernst mit ihr meinte.

Wie gern hätte sie selbst auch bei Gregor gewusst, woran sie war. Dann wäre es mit ihnen beiden vielleicht gar nicht erst so weit gekommen …

Gedankenverloren spazierte Samia weiter.

Sie war gerade wieder im „Fürstenhof“ angekommen, als ihr Handy klingelte. Es war der erlösende Anruf ihrer Bank. André hatte das Geld wie versprochen auf ihr Konto in München eingezahlt. Samia war erleichtert, das zu hören. Und Simon und Viktoria, die ebenfalls angespannt gewartet hatten, ging es nicht anders.

Fiona konnte nach wie vor kaum glauben, dass André die zwei Millionen Euro wirklich zur Bank gebracht hatte.

Und als Charlotte Werner davon berichtete, ging es ihm ähnlich. „André als Gutmensch – das ist doch eine Farce!“, knurrte er. Er hätte sein gesamtes Vermögen darauf verwettet, dass sein Bruder in einer solchen Situation das Geld nehmen und ins nächste Flugzeug steigen würde.

„Eine Farce ist eher, was du mir über Samia einreden wolltest“, erwiderte Charlotte. „Dass sie André angeblich für nicht vertrauenswürdig hält.“

„Das hat sie gesagt“, schwindelte er.

„Und warum drückt sie ihm dann einen Koffer mit zwei Millionen Euro in die Hand?“

Darauf wusste er nichts zu erwidern. „Weil sie … weil sie den Verstand verloren hat …“, stammelte er.

„Ich bin sicher, Samia hat sich über André niemals so geäußert“, stellte Charlotte fest. „Und das lässt nur einen Schluss zu: Du hast wieder einmal gelogen.“ Sie schüttelte den Kopf und ließ Werner stehen.

Eigentlich war Felix nicht gut auf Jana Schneider zu sprechen – immerhin hatte sie Johann verhaftet, der wegen Mordverdachtes noch immer in Untersuchungshaft saß. Aber als er Jana am Mittag im Personalraum antraf, entging ihm nicht, in was für einer kläglichen Verfassung sie war.

Dass ihr Bruder sich nicht umgebracht hatte, wie sie immer geglaubt hatte, sondern dass Philipp Kronleitner Ralf kaltblütig ermordet hatte, war einfach zu viel für sie. Sie hatte gedacht, es würde sie befreien, wenn sie endlich wusste, was damals vorgefallen war. Doch nun war sie wie gelähmt. Sie schaffte es nicht einmal mehr, auf den Friedhof zu gehen und das Grab ihres Bruders zu besuchen. „Er musste sterben, weil ein Verrückter tanzen wollte …“, flüsterte sie mit Tränen in den Augen. „Das ist so krank!“

Felix nickte. Er verstand sie und empfand Mitleid für sie – schließlich musste sie zudem noch die abrupte Trennung von Gregor verkraften. Spontan bot er an, sie auf den Friedhof zu begleiten.

Überrascht blickte Jana ihn an, lehnte dann jedoch ab. Sie wollte, sie musste das allein schaffen.

Aber Felix blieb skeptisch. Er war sich sicher, dass sie in ihrer schwierigen Situation Hilfe brauchte – und wenn sie diese Hilfe von ihm nicht annehmen wollte, wusste er schon, an wen er sich wenden konnte …

Kurz entschlossen machte er sich auf den Weg in Gregors Praxis und bat seinen Freund, sich um Jana zu kümmern.

„Aber ich bin doch der Letzte, der ihr jetzt helfen kann.“ Zweifelnd sah Gregor ihn an.

„Das glaube ich nicht“, widersprach Felix. „Wahrscheinlich bist du der Einzige, der im Moment an sie herankommt. Du hast das ganze Drama um Philipp Kronleitner schließlich gemeinsam mit ihr erlebt.“

Ganz überzeugt war Gregor nicht, doch er versprach, wenigstens zu versuchen, mit Jana zu reden.

Am Nachmittag machte er sich auf die Suche nach ihr und fand sie schließlich im Park. Jana saß auf einer Bank und grübelte vor sich hin.

Gregor setzte sich zu ihr und erkundigte sich behutsam, wie es ihr ging.

Sie zuckte knapp die Schultern. Ihr war nicht danach, ausgerechnet Gregor ihr Herz auszuschütten. Eigentlich wünschte sie sich im Augenblick nichts sehnlicher, als dass er sie einfach in Ruhe ließ. Wieso ging er nicht wieder?

Doch er wollte sich so leicht nicht abwimmeln lassen. „Jana … ich würde dir gerne helfen. Nicht als Arzt, sondern als … Freund. Wenn ich irgendwas für dich tun kann …“, sagte er leise.

Jana blickte ihn an und schüttelte den Kopf. „Komm, lass es einfach!“, stieß sie hervor. „Du hast recht, ich brauche Hilfe. Aber nicht von dir.“

Betroffen senkte er den Blick.

„Du hast mir so wehgetan …“, fuhr sie fort. „Wie soll ich dir vertrauen?“ Ihre Stimme hatte zu zittern begonnen. „Ich wünschte, es wäre anders.“ Sie kämpfte mit den Tränen. Gregor wollte ihre Hand ergreifen, doch Jana sprang auf und eilte davon. Traurig blickte er ihr hinterher – er hätte so gern etwas für sie getan …

Nachdem Hildegard die Broschüre gefunden hatte, die Regine Schwarz Ben geschenkt hatte und die von der „Lebenszirkel“-Sekte herausgegeben worden war, beschloss sie, noch etwas zu warten, bevor sie der Lebensgefährtin des verstorbenen Baron von Sells das Erbe überschrieb.

„Über Friedrich kann man sagen, was man will – aber er hätte sein Vermögen sicher nicht diesem komischen Verein in den Rachen geworfen“, erklärte sie ihrem Mann beim Mittagessen. Sie hatte nur ein paarmal mit dem Baron getanzt und war noch immer überrascht davon, dass er sie in seinem Testament überhaupt bedacht hatte – ja, mehr als das sogar: Er hatte sie als Haupterbin eingesetzt. „Das ist ein ganz übler Haufen. Die setzen ihre Mitglieder unter Druck und ziehen ihnen das Geld aus der Tasche.“

Das wiederum konnte Emma nicht glauben. Sie saß mit den Sonnbichlers am Tisch und studierte die Broschüre „Ein starkes Ich“ selbst beim Essen voller Interesse. Darin war auch ein Foto des Chefs der Organisation, Nikolas Gaudi. Und der sah so gut aus, dass sie ihn am liebsten sofort persönlich kennengelernt hätte.

Hildegard ließ sich von der Schwärmerei des Zimmermädchens aber keineswegs beeindrucken. Sie beschloss, Regine Schwarz noch eine Weile auf den Zahn zu fühlen, bevor sie eine endgültige Entscheidung wegen des Erbes traf.

Doch als sie herausfinden wollte, wie Regine zum „Lebenszirkel“ stand, behauptete die, nichts damit zu tun zu haben – die Broschüre hätte sie auch nur geschenkt bekommen. Natürlich hatte Regine Schwarz Hildegard durchschaut und ließ sich nicht in die Karten gucken.

Fürs Erste musste Hildegard sich geschlagen geben. Aber wenn Regine glaubte, dass sie nun Ruhe gab, unterschätzte sie sie. So einfach ließ sich die Portiersfrau nämlich nicht abspeisen.

„Hatten Sie eigentlich gar keine Angst?“ André warf Samia ein charmantes Lächeln zu. Die beiden saßen an der Bar des „Fürstenhofs“ und warteten auf Simon, der ihnen zur Feier des Tages einen ganz besonderen Tropfen aus dem Weinkeller versprochen hatte.

„Angst? Wovor?“, gab Samia ausweichend zurück.

„Dass Sie Ihr Geld nie wiedersehen. Hätte doch sein können, dass ich mich mit den zwei Millionen Euro aus dem Staub mache …“

Samia zögerte, entschloss sich dann aber dazu, die Wahrheit zu sagen. „Zugegeben, ganz wohl war mir nicht …“, begann sie. „Und wenn ich ehrlich bin … das Ganze war eine Art Test.“

„Eine Falle …“, erwiderte er leise. Also hatte er mit seinem Verdacht richtiggelegen. „Aber warum?“

„Ja, also … Simon hat mir da etwas erzählt …“, stammelte sie verlegen. „Was nach dem Tod meines Vaters passiert ist. Sie wollten den Diamanten stehlen … Deswegen haben Sie in seinen Sachen herumgewühlt und …“ Sie brach ab.

Aber André hatte auch so verstanden. Er schluckte. „Es war damals eine schwere Zeit für mich …“, versuchte er hilflos, sich zu rechtfertigen. „Ich hatte großen Streit mit Werner … Und ich war total durcheinander, gar nicht richtig bei mir. Schon nach wenigen Augenblicken habe ich mich gefragt: Was mache ich da eigentlich?“

„Schon gut“, beschwichtigte sie ihn.

„Das ist alles keine Entschuldigung“, gab er zerknirscht zu. „Aber ich hoffe, Sie wissen jetzt, dass Sie mir trotzdem vertrauen können.“

„Wissen Sie, um mich ging es dabei gar nicht so sehr. Es war wichtig für Charlotte.“

Verwundert blickte er sie an.

„Sie soll ihr Herz nicht an jemanden verschenken, der sie belügt und betrügt“, erklärte Samia. „Und dem zwei Millionen Euro wichtiger sind als ihre Liebe.“

„Nie würde ich …“ André war ehrlich erschüttert. Denn es war nicht mehr zu leugnen – er hatte sich in Charlotte verliebt.

In dem Moment kam Simon aus dem Weinkeller zurück.

André sah ihn lächelnd an. „Es war gut, dass du deiner Freundin von meinem schlimmen Fehler erzählt hast“, sagte er leise. Dann wandte er sich Samia zu. „Danke für die Chance zur Bewährung.“ Lächelnd nickte sie ihm zu, und er verabschiedete sich. Er wollte jetzt zu Charlotte.

Nachdem sein Vater gegangen war, schloss Simon Samia in die Arme. Endlich war die Wahrheit heraus. Dennoch blieb ein letzter Zweifel. „Ich kann es immer noch nicht ganz glauben, dass er zur Bank gefahren ist“, murmelte er. „Kann sich ein Mensch so ändern?“

Doch Samia lächelte zuversichtlich. „Anscheinend“, gab sie zurück. „Jetzt hat er Charlotte.“ Und sie schmiegte sich zufrieden an ihn.

Charlotte und André verbrachten die Nacht miteinander – beide fühlten sich wie frischverliebte Teenager und genossen ihre Liebe.

Doch bereits am frühen Morgen klingelte Andrés Handy. Es war Fiona, die es einfach nicht mehr aushielt, dass André mit einer anderen Frau im Bett lag.

Genervt erhob der Chefkoch sich. „Frau Marquardt … Was kann ich für Sie tun, so früh am Morgen?“, fragte er kühl.

Im Bett schlug Charlotte die Augen auf und blinzelte schlaftrunken. „André?“

Er zuckte leicht zusammen und versuchte, so sachlich wie möglich zu klingen. „Sicher, Frau Marquardt … Ich bin in einer Stunde unten in der Küche – und dann reden wir in Ruhe über die Menüplanung.“

„Komm wieder her …“, säuselte Charlotte.

„In einer Stunde, habe ich gesagt! Und nicht früher!“, knurrte André ins Handy und schaltete es dann mit einer entschlossenen Geste ab. Kopfschüttelnd legte er sich wieder zu Charlotte.

Fragend blickte sie ihn an. „War das Frau Marquardt?“

„Eine Änderung auf der Saisonkarte“, erwiderte André achselzuckend.

„Deswegen musst du sie doch nicht gleich so abbügeln. Ihr beide wolltet doch schon gestern darüber sprechen. Aber da hast du sie versetzt.“

„Ich mag es eben nicht, wenn man mich mitten in der Nacht aus dem Bett klingelt … Schon gar nicht, wenn du darin liegst.“ Verliebt strich André ihr über die Wange.

„Warum ruft sie dich eigentlich auf dem Handy an?“, wollte Charlotte unvermittelt wissen und runzelte misstrauisch die Stirn. „Macht sie das öfter?“

André winkte ab. „Ach, sie muss immer alles gleich erledigt haben. Du kennst sie doch.“ Er küsste sie. „Aber jetzt widmen wir uns schöneren Dingen …“

Nur zu gern ging Charlotte auf seine Zärtlichkeiten ein …

Später verabschiedeten die beiden sich liebevoll voneinander.

Denn auch Charlotte hatte an diesem Tag noch einiges zu erledigen. Vor allem musste sie endlich mit Samia reden. Dass sie dem Umbau des Klubhauses zugestimmt hatte, beschäftigte Charlotte trotz ihres Liebesglücks noch immer. Und es belastete sie.

Im Restaurant fand sie Samia schließlich und sprach sie direkt auf die Angelegenheit an.

„Werner hatte es so eilig“, erklärte Samia. „Wegen irgendwelcher Rabattangebote. Und dem Termin mit dem Architekten …“

„Er hat dich also unter Druck gesetzt?“

„Na ja … nein, so kann man das nicht sagen …“

„Oder hat er dir eingeredet, dass André einen schlechten Einfluss auf mich hat?“, forschte Charlotte weiter.

Samia atmete durch und straffte die Schultern. „Also, wenn ich ehrlich bin … Ich hatte zwischendurch auch so meine Zweifel an Herrn Konopka …“ Und dann berichtete sie der schockierten Charlotte, was sie von Simon erfahren hatte.

Derweil stand Fiona kurz davor, die Nerven zu verlieren. Wutschnaubend hatte sie André in der Küche zur Rede gestellt. Dass er sie zuvor am Telefon so hatte abblitzen lassen, hatte das Fass endgültig zum Überlaufen gebracht. Und sie glaubte ihm auch nicht mehr, als er nun beteuerte, dass die zwei Millionen Euro eine Falle gewesen wären.

„Du lügst, wenn du den Mund aufmachst!“, fauchte sie. „Und ich werde nicht mehr länger mit ansehen, wie du eine andere liebst! Ich gehe jetzt zur alten Saalfeld und sage ihr, dass wir verheiratet sind!“ Damit stürmte sie aus der Küche ins Restaurant, wo Charlotte und Samia noch immer ins Gespräch vertieft am Tisch saßen.

André gelang es nicht, sie zurückzuhalten. Hilflos musste er zusehen, wie Fiona zu den beiden an den Tisch trat.

Charlotte und Samia blickten sie verwundert an. Fiona hatte sich vor ihnen aufgebaut, brachte jedoch kein Wort heraus. Stumm stand sie vor ihnen und starrte sie an.

„Frau Marquardt, wollten Sie zu mir?“, fragte Charlotte irritiert. „Gibt es irgendein Problem?“

Doch bevor Fiona etwas sagen konnte, ergriff André die Chance und zog Fiona unter dem Vorwand, dringend mit ihr reden zu müssen, mit sich fort. Wie ein verstörtes Kind ließ sich Fiona von ihm Richtung Küche führen.

„Diese Marquardt wird immer seltsamer“, murmelte Charlotte und sah den beiden nachdenklich hinterher.

In der Küche angekommen herrschte André Fiona wütend an. „Ich habe langsam die Schnauze voll! Wie oft, meinst du, geht das noch gut? Mit deiner krankhaften Eifersucht bringst du uns ständig in Schwierigkeiten!“

Fiona entschuldigte sich kleinlaut – inzwischen schämte sie sich schon wieder für ihren Auftritt.

Aber André wollte von ihren Entschuldigungen nichts mehr hören. Er schlug vor, dass sie sich Urlaub nahm und eine Weile wegfuhr. Das Risiko, dass sie wieder die Nerven verlor, war ihm einfach zu groß.

Und Fiona willigte tatsächlich ein, sich eine Weile freizunehmen.

Allerdings hatte sie die Rechnung ohne Werner gemacht. Denn der Senior übertrug ihr die Projektleitung für den Umbau des Klubhauses. An einen Urlaub war also im Augenblick nicht zu denken.

Hildegard brachte Regine Schwarz selbst das Frühstück aufs Zimmer. Sie hoffte, so weitere Nachforschungen anstellen zu können.

Regine stand gerade unter der Dusche, als Hildegard das Zimmer betrat. Die Portiersfrau nutzte die Gunst der Stunde und sah sich ein wenig um.

Und diesmal wurde sie tatsächlich fündig. Als sie ein Buch vom Nachttisch nahm, fiel ein Foto heraus – das Bild zeigte Regine Schwarz und Nikolas Gaudi, den Kopf des „Lebenszirkels“, in inniger Umarmung.

Schnell steckte Hildegard die Fotografie in die Tasche. Mehr Beweise brauchte sie nicht.

Sofort benachrichtigte sie Bürgermeister Pachmayr und teilte ihm mit, dass sie es sich anders überlegt hatte: Sie würde das Erbe, das Baron von Sell ihr zugedacht hatte, nun definitiv selbst antreten.

Jana hatte ebenfalls eine Entscheidung getroffen. Sie brauchte eine Pause – sie konnte einfach nicht so weitermachen, als wäre nichts geschehen. Werner zeigte dafür das größte Verständnis und gewährte ihr den so dringend benötigten Urlaub.

„Ich bin ein paar Tage weg“, erklärte sie Gregor, als er in den Personalraum kam, wo sie ihren Spind ausräumte. „Herr Saalfeld hat mir freigegeben.“

„Weißt du schon, was du machen wirst?“, erkundigte er sich.

„Keine Ahnung.“ Sie zuckte die Schultern und lächelte schief. „Trekking im Himalaja? Zu Fuß durch die Sahara? Hauptsache weg hier!“ Doch sie konnte ihre tapfere Fassade nicht lange aufrechterhalten. Zitternd und erschöpft ließ sie sich auf einen Stuhl sinken. „Ich kann einfach nicht mehr …“, gab sie leise zu.

„Was du gerade durchmachst, kostet unheimlich viel Energie.“ Er zog sich einen Stuhl heran und setzte sich neben sie. „Das ist eine Extremsituation.“

Ermattet lehnte sie sich an ihn und ließ es zu, dass er tröstend den Arm um sie legte.

Und er erzählte ihr von Sophia, der Frau, die er geliebt hatte und die im Koma gelegen hatte, bis sie nach einem Jahr gestorben war. „Ich war zu nichts mehr fähig“, erinnerte er sich. „Aber im Nachhinein glaube ich, dass die Natur das extra so eingerichtet hat … Dass einem die Kraft für alles fehlt.“ Er sah Jana an. „Damit man eben nicht wegläuft, nicht in den Himalaja, nicht in die Sahara … Sondern zu Hause bleibt und traurig ist. Bis die Seele über den Verlust hinweg ist.“

Tränen liefen Jana die Wangen hinunter. „Das habe ich alles nie gemacht“, schluchzte sie. „Noch nicht mal geweint habe ich richtig …“

Gregor hielt sie einfach nur fest.

Nachdem Jana sich wieder ein bisschen beruhigt hatte, überredete er sie zu einem kleinen Spaziergang. Gemeinsam gingen sie kurz darauf an der Pferdekoppel entlang und unterhielten sich weiter.

„Ich hätte mich damals auch leichter getan, wenn ich alles verdrängt hätte“, sagte Gregor leise. „Aber ich habe es bewusst nicht getan. Ich wollte, dass Sophia immer präsent ist. Ich wollte nichts von dem, was wir erlebt hatten, auslöschen.“

Jana weinte noch immer, nickte aber.

„Was einmal wichtig war, verliert nicht von einem Tag auf den anderen den Wert – nur weil es nicht mehr ist“, fuhr er behutsam fort. „Man sollte dafür kämpfen, dass man möglichst viel davon behält.“

Seine Worte blieben nicht ohne Wirkung. Jana wischte sich die Tränen fort und atmete tief durch. „Ich würde jetzt gern auf den Friedhof gehen“, erklärte sie entschlossen. „Würdest du mitkommen?“

Und selbstverständlich begleitete er sie.

2. KAPITEL

Charlotte hatte bis zur Mittagspause gewartet, um André mit dem zu konfrontieren, was Samia ihr erzählt hatte.

„Ich sage nicht, dass mein Verhalten zu entschuldigen ist“, sagte André, der spürte, dass er mit dem Rücken zur Wand stand. „Bei acht Millionen Euro sind mir einfach die Sicherungen durchgebrannt … Es war ein Fehler! Das habe ich doch selbst gemerkt – schon als ich den Koffer durchsucht habe …“

„Was wäre gewesen, wenn du den Diamanten gefunden hättest?“

„Ich bin sehr froh, dass ich ihn nicht gefunden habe“, seufzte er und bat sie inständig, ihm zu verzeihen. „Das alles war, bevor du in mein Leben getreten bist. Ob du es willst oder nicht – du hast einen anderen Menschen aus mir gemacht. Einen besseren … Ich wäre zu so etwas heute gar nicht mehr fähig. Und darüber bin ich sehr, sehr froh.“

„Ich würde mir nichts mehr wünschen, als dass du die Wahrheit sagst …“ Doch Charlottes Zweifel waren nicht ausgeräumt. „Nach all den Enttäuschungen, all den Lügen, all den Verletzungen, die mir Männer wie Werner und Hans Blankenfels zugefügt haben … Ich habe keine Lust, das alles noch einmal durchzumachen.“

Damit wandte sie sich traurig ab und ließ ihn stehen.

André sah ihr niedergeschlagen hinterher. Und er wusste, dass er noch einmal mit ihr sprechen musste.

Gleich am Nachmittag lud er sie zu einer Aussprache in seine Wohnung ein.

„Charlotte, ich schwöre dir bei allem, was mir heilig ist: Ich liebe dich. Und ich werde dich nicht belügen.“

Charlotte blickte ihn an. Sie wollte ihm so gern glauben.

Behutsam erklärte André ihr, was es mit dem Auftritt von Fiona im Restaurant auf sich gehabt hatte: Er erzählte, dass Fiona schon seit Langem in ihn verliebt wäre – unglücklich natürlich, denn sein Herz gehörte Charlotte.

Sie hatte ihm aufmerksam zugehört und nickte nun langsam. Wenn es stimmte, was er sagte, ergab das seltsame Verhalten der Geschäftsführerin in der letzten Zeit tatsächlich einen Sinn …

Fiona hingegen war wenig begeistert, als André ihr von seiner Unterhaltung mit Charlotte erzählte.

„Das bringt Charlotte doch erst recht auf unsere Spur“, sagte sie matt.

„Im Gegenteil! Das war das Beste, was ich tun konnte. Jetzt habe ich jedes Mal die passende Ausrede, wenn sie uns zusammen sehen sollte – oder wenn du mal wieder die Nerven verlieren solltest.“

Fiona blickte ihn an. „Liebst du mich eigentlich noch?“, fragte sie unvermittelt. „Oder bin ich dir nur noch lästig?“

Er hatte den Schmerz bemerkt, der in ihren Worten gelegen hatte. „Wie kommst du denn auf so was?“

„Du willst mich am liebsten auf eine Insel abschieben“, klagte sie unglücklich – natürlich waren ihr seine Bemühungen, bei Werner doch noch ihren Urlaub durchzubekommen, nicht verborgen geblieben. Traurig fügte sie hinzu: „Und sehen tun wir uns so gut wie gar nicht mehr.“

„Im Moment ist es so das Beste.“ Er griff nach ihrer Hand und blickte ihr tief in die Augen. „Aber Fiona, glaube mir, ich liebe nur dich.“

Jana und Gregor kamen gemeinsam vom Friedhof zurück.

„Ich weiß nicht, wie oft ich schon da war …“ Jana zuckte die Schultern. „Unzählige Male, aber … dieses Mal war es so, als könnte ich Ralf wirklich loslassen. Es hat richtig gutgetan.“

Gregor nickte. „Es hat keinen Sinn, vor der Vergangenheit zu fliehen. Irgendwann holt sie dich ein. Immer.“

„Ja, wahrscheinlich.“ Sie straffte die Schultern. „Ich werde die Vergangenheit nicht verdrängen. Ich werde versuchen, sie so in mein Leben zu integrieren, wie du es gesagt hast.“ Sie bedankte sich von ganzem Herzen bei ihm.

Lächelnd strich Gregor ihr über den Rücken.

Die beiden hatten nicht bemerkt, dass Samia auf der anderen Straßenseite ging und die beiden nachdenklich betrachtete.

Komisch, dachte sie. Sie wirkten fast so, als wären sie wieder zusammen.

Aber konnte das sein? Nachdem Gregor ihr gerade erst zwei Heiratsanträge gemacht hatte?

Samia seufzte. Auf jeden Fall tat es immer noch weh, ihn mit einer anderen Frau zu sehen …

„Ich habe euch vorhin gesehen!“ Samia hatte sich fest vorgenommen, nichts zu dem Thema zu sagen, doch als sie im Personalraum auf Gregor traf, brach es einfach aus ihr heraus. „Dich und Jana! Eigentlich geht es mich nichts mehr an. Aber dass du schon wieder mit ihr herummachst, nachdem du mir gerade erst zwei Heiratsanträge gemacht hast …“

Zornig funkelte Gregor sie an. „Was willst du mir eigentlich sagen?“

„Wie charakterlos ich dich finde“, erklärte sie. „Sonst nichts.“

„Und ich dachte immer, man kann normal mit dir reden“, erwiderte er wütend. „Ich wusste nicht, dass du so eine Heuchlerin bist!“

Was bin ich?“ Fassungslos starrte sie ihn an. „Bist du jetzt völlig übergeschnappt?“

„Ich habe nicht mit Jana herumgemacht! Ich habe ihr nur geholfen, mit dem Tod ihres Bruders fertig zu werden! Und selbst wenn ich etwas mit ihr hätte … Du hast meinen Antrag abgelehnt! Du willst mich nicht!“

„Aus gutem Grund“, versetzte Samia schnippisch.

„Ich verstehe schon. Nachdem du mich verschmäht hast, soll ich gar keine Frau mehr anrühren. Ab ins Zölibat!“

„Du warst mit Jana zusammen, als du mir den Antrag gemacht hast!“, warf sie ihm vor. „Weißt du, wie demütigend das war? Für beide Frauen! Und wenn du das nicht kapierst, ist Zölibat nicht das Schlechteste! Um alle anderen Frauen vor dir zu schützen!“

Entgeistert blickte Gregor sie an. Dann wandte er sich um, ging hinaus und knallte die Tür hinter sich zu.

Zurück blieb eine aufgewühlte Samia, deren Zorn sich schon bald in Verzweiflung verwandelte …

So streiten sich nur Menschen, die noch etwas verbindet, gestand sie sich ein. Wie lange würde es denn noch dauern, bis sie ihn endlich vergessen hatte? Jeder von ihnen brauchte jemanden, mit dem er glücklich werden konnte – das war wohl die einzige Lösung. Zwar würde das wehtun, aber es war einfach das Beste …

Regine Schwarz fiel aus allen Wolken, als Bürgermeister Pachmayr ihr mitteilte, dass Hildegard ihr das Erbe Baron von Sells nun doch nicht überschreiben würde – das konnte ja nur bedeuten, dass die Portiersfrau etwas über ihre Verbindungen zum „Lebenszirkel“ herausgefunden hatte.

Als Erstes rief Regine also Nikolas Gaudi an und bat ihn, unverzüglich in den „Fürstenhof“ zu kommen.

Dann suchte sie das Gespräch mit Alfons Sonnbichler.

Alfons wusste noch gar nichts von der Entscheidung seiner Frau und hatte auch nicht die geringste Lust, sich über den „Lebenszirkel“ zu unterhalten.

Aber Regine Schwarz ließ nicht locker. „Vielleicht wollen Sie sich ja gemeinsam mit Ihrer Frau ein Bild verschaffen“, schlug sie vor. „Herr Gaudi reist morgen an und steht Ihnen gerne für jede Art von Gespräch zur Verfügung.“ Sie drückte dem verdutzten Portier eine von Gaudis Visitenkarten in die Hand. „Dann können Sie sich höchstpersönlich davon überzeugen, dass Nikolas Gaudi ganz zu Unrecht im Kreuzfeuer der öffentlichen Berichterstattung steht.“ Damit nickte sie Alfons zu und ging.

Doch als Alfons am Abend Hildegard von seiner Unterhaltung mit Regine Schwarz und der Einladung, Nikolas Gaudi persönlich kennenzulernen, erzählte, reagierte sie mit Ablehnung. „Diese Sekte zieht unschuldigen Leuten das Geld aus der Tasche“, empörte sie sich. „Und als Gegenleistung bekommen die nur leere Versprechungen. Ich habe von einem Aussteiger gehört, den sie erst mit Kursen weichgeklopft und ihm dann fast sein ganzes Vermögen abgenommen haben.“

Während Hildegard wutschnaubend den Kopf schüttelte, betrachtete Emma noch immer fasziniert das Foto von Nikolas Gaudi und konnte es gar nicht erwarten, diesem attraktiven Mann endlich von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen …

Schon am nächsten Morgen war es so weit: Atemlos begrüßte Emma Nikolas Gaudi, den Chef des „Lebenszirkels“, der gerade eingecheckt hatte. Und er widmete ihr gleich seine ganze Aufmerksamkeit. Bereitwillig antwortete sie auf all seine Fragen und hing förmlich an seinen Lippen, als er ihr riet, alles Negative hinter sich zu lassen. Trotzdem dürfe sie ihre Wurzeln nicht verleugnen, erklärte er ernst – dass sie so schlecht über den Bauernhof sprach, auf dem sie aufgewachsen war, gefiel ihm nicht.

Hildegard und Alfons reagierten entsetzt, als sie begriffen, wie schnell es Nikolas Gaudi gelungen war, die gutgläubige Emma einzuwickeln – das Zimmermädchen hatte ihnen entschlossen erklärt, dass es bald ein Seminar bei Gaudi belegen würde.

„Dieser Gaudi, das ist ein Seelenfänger!“, warnte Hildegard Emma eindringlich. „Der krempelt dich völlig um.“

„Jetzt mal langsam“, widersprach Emma. „Ich besuche nur eines seiner Seminare, mehr nicht.“

„Aber so fängt es immer an!“, beharrte Hildegard. „Und am Ende hat er sich all deinen Besitz unter den Nagel gerissen!“

„Das ist doch Quatsch!“ Emma lachte nur. „Ich habe doch gar nichts.“

„So jemand kann jeden brauchen“, entgegnete die Portiersfrau überzeugt. „Und du hast hier mit vielen Leuten zu tun. Das würde ihm auch etwas nützen.“

„Sie denken, Nikolas Gaudi wäre ein hinterhältiger Guru.“ Emma schüttelte den Kopf. „Das ist er aber nicht.

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