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Falsches Spiel – wahre Liebe

1. KAPITEL

Sophia Pirelli ließ den Kopf erschöpft gegen den Autositz sinken. Noch gute dreißig Meilen vor ihrer Heimatstadt entfernt, hatte sie an einer Tankstelle gehalten.

In der Luft lag der vertraute Geruch von Kiefernnadeln und Meer, doch am liebsten wäre sie sofort wieder umgekehrt und nach St. Louis zurückgefahren, wo sie vor einem Monat bei ihrer Cousine untergeschlüpft war. Alles, nur nicht nach Hause.

Sie liebte ihre Familie, aber die Aussicht auf die besorgten Blicke und mitleidigen „Oh, Sophia“-Ausrufe ihrer Eltern war fast unerträglich. Ganz zu schweigen von dem dreistimmigen „Das war doch so klar“ ihrer älteren Brüder. Wie sollte sie ihren Besuch nur überstehen? Sie konnte Sam, Drew und Nick jetzt schon hören.

Ich hab dir doch gleich gesagt, dass Chicago dir nicht gefallen würde!

Ich wusste doch gleich, dass du dich als Zimmermädchen in einem fremden Haus nicht wohlfühlen würdest!

Warum hast du nicht auf uns gehört und bist zu Hause geblieben?

Tja, hinterher war man immer schlauer …

Für ihr noch junges Leben bereute sie eine Menge Dinge.

Sophia stieg aus dem Wagen und öffnete den Tankdeckel. „Ich will nicht nach Hause“, murmelte sie.

Schlimm genug, dass sie sich fünf Jahre lang nicht hatte sehen lassen – jetzt musste sie zu allem Übel auch noch eine ungeplante Schwangerschaft gestehen.

Trotz dreier Schwangerschaftstests, der Bestätigung ihres Frauenarztes und ihrer nicht zu ignorierenden Morgenübelkeit konnte Sophia noch immer nicht fassen, dass sie tatsächlich schwanger war. Sie schwankte ständig zwischen einem tiefen Glücksgefühl und Panik hin und her – meistens überwältigte sie beides gleichzeitig. Wie sollte sie ihren Eltern die Neuigkeit nur beibringen?

Okay, ihr hattet recht. Ich habe mich in Chicago wirklich nie zu Hause gefühlt. Ich fand es schrecklich, mich von den Dunworthys behandeln lassen zu müssen, als stünde ich meilenweit unter ihnen. Halb so schlimm also, dass ich gefeuert wurde, weil ich Todd, den jüngsten Sohn der Familie, „verführt“ habe. Übrigens ist er der Vater meines ungeborenen Kindes.

Das klang sogar in ihren Ohren heftig. Aber irgendetwas würde sie ihren Eltern sagen müssen, allerdings erst nach deren Hochzeitstag. Ihrem Fünfunddreißigsten übrigens …

Vince und Vanessa Pirelli hatten in diesen fünfunddreißig Jahren viel erreicht – sie führten eine stabile und glückliche Ehe und hatten drei gut aussehende erfolgreiche Söhne, die in ihrer Heimatstadt lebten und arbeiteten. Der Älteste, Nick, war Tierarzt, Drew hatte eine eigene Baufirma und Sam war der Leiter einer gefragten Kfz-Werkstatt. Und dann kam sie, Sophia, das Nesthäkchen und schwarze Schaf der Familie.

„Na, wenn das mal nicht die kleine Sophia Pirelli ist!“, hörte Sophia eine ihr unbekannte Stimme sagen. Sie schien von dem schmuddeligen Tankstellenwärter zu kommen, der in der Tür lehnte. Leider hatte sie nicht die geringste Ahnung, wer er war.

Um sich keine Blöße zu geben, zwang sie sich zu einem Lächeln. „Stimmt. Sie waren doch in der Klasse meines Bruders an der Clearville Highschool, oder?“ Da die Highschoolzeit ihrer drei Brüder insgesamt neun Jahre umfasste, bestand eine gute Chance.

Anstatt einer Antwort lachte der Mann höhnisch auf. „Du hast dich immer für etwas Besseres gehalten“, sagte er.

Sophia schoss das Blut ins Gesicht. Es lag ihr auf der Zunge, alles abzustreiten, aber leider hatte er recht. Sie hatte sich früher wirklich für zu gut für ihre kleine Heimatstadt gehalten und war fest davon überzeugt gewesen, dass in der Welt da draußen größere und bessere Dinge auf sie warteten.

„Du und deine beste Freundin Amy Leary habt uns immer wie Abschaum behandelt.“

Auch da hat er recht, dachte Sophia beschämt. Das Schlimmste dabei war, dass sie anderen Menschen damals sogar geschadet hatte. Gequält schloss sie die Augen.

„Aber jetzt bist du endlich wieder am Boden der Tatsachen gelandet – und zwar unsanft, was? Wie ich gehört habe, bist du nichts weiter als ein kleines Zimmermädchen, das die vergoldeten Wasserhähne der Reichen putzt.“

Diese Worte trafen Sophia tief. Zimmermädchen zu sein war nicht gerade ihr Traumjob, aber es hatte ihr eine gewisse Anonymität geboten. Es war, als habe die Uniform sie unsichtbar gemacht – was ihr nur entgegengekommen war.

Der Typ warf ihr einen letzten feindseligen Blick zu und zog sich wieder in den Laden zurück. Sophias Hand zitterte so heftig, dass es ihr erst beim dritten Anlauf gelang, den Schlauch in den Tank zu stecken. Sie fühlte sich so elend, dass ihr die morgendliche Übelkeit dagegen wie ein kleiner Schluckauf vorkam. In diesem Zustand konnte sie sich unmöglich hinters Steuer setzen. Sie musste dringend auf die Toilette.

Zögernd betrat Sophia den Laden, halb damit rechnend, dass der Kerl ihr den Weg versperren würde, aber Gott sei Dank war er nirgends zu sehen. Unbemerkt von dem jungen Mädchen hinter der Kasse huschte sie auf die Toilette und atmete erleichtert auf. Na, ihr Besuch zu Hause, versprach ja heiter zu werden!

Das plötzliche Klingeln ihres Handys bot eine willkommene Ablenkung. Sophia zog es aus ihrer Handtasche und klappte es auf. Als sie die Nummer ihrer Cousine auf dem Display sah, verzog sie jedoch das Gesicht.

„Wo steckst du?“, kam Theresa ohne Umschweife zur Sache.

„Ich bin nur noch eine knappe Stunde von zu Hause entfernt“, antwortete Sophia und klemmte sich das Handy unters Kinn, um sich die Hände zu waschen.

„Warum bist du nicht schon längst dort? Ist etwas passiert?“

Nichts ist passiert. Danke übrigens dafür, dass du immer gleich vom Schlimmsten ausgehst!“

„Ich habe ja nicht behauptet, dass es deine Schuld ist. Aber laut unseren Berechnungen müsstest du längst da sein.“

Theresas Berechnungen, nicht Sophias. „Du hast mir geraten, es ruhig angehen zu lassen, schon vergessen?“

„Aber ich habe dir nicht geraten zu trödeln und das Unvermeidliche so lange wie möglich hinauszuzögern!“

Sophia hätte nur zu gern widersprochen, aber ihre Cousine kannte sie einfach zu gut. Sie warf einen Blick in den Spiegel und musterte ihr kurzes dunkles Haar, die braunen Augen und die Stupsnase. Sie sah ein bisschen blass und müde aus, aber sonst eigentlich wie immer. Nichts deutete auf die Neuigkeit hin, die sie gleich ihrer Familie verkünden musste.

„Du musst deiner Familie endlich die Wahrheit sagen!“

„Ich weiß, Theresa“, sagte Sophia genervt. Theresa hatte gut reden. Sie war schließlich nicht diejenige mit dem großen Geheimnis, sondern die mit dem Collegeabschluss und dem guten Job. Aber sie war auch diejenige, die Sophia bei sich St. Louis aufgenommen hatte, nachdem sie von den Dunworthys gefeuert worden war …

Sophia fuhr ruhiger fort: „Ich hätte es ihnen schon vor einem Monat sagen müssen, wenn du mich nicht aufgenommen hättest. Und ich habe mich noch gar nicht bei dir dafür bedankt. Ich weiß deine Hilfe wirklich zu schätzen.“

„Du hast dich sehr wohl bedankt, und außerdem weißt du genau, dass meine Tür dir immer offen steht. Aber du kannst dich nicht für immer vor der Welt verstecken.“

„Tu ich doch gar nicht. Ich werde meinen Eltern alles erzählen.“

Früher oder später …

Sophia drehte ihrem Spiegelbild den Rücken zu und verließ die Toilette. „Erzähl ihnen wenigstens die Wahrheit über Jake Cameron“, hörte sie Theresa sagen. „Jedes Mal, wenn ich mit meiner Mutter rede, schwärmt sie wieder davon, wie gut er aussieht und wie charmant er ist.“

Jake …

Sophias Herz zog sich schon bei der bloßen Erwähnung seines Namens schmerzlich zusammen. Unwillkürlich umklammerte sie ihr Handy fester. Warum konnte sie ihn nicht einfach vergessen? Die Erinnerung an die Zeit mit ihm tat schrecklich weh, und trotzdem spukte er ständig in ihrem Kopf herum.

Warum hatte er einen so unauslöschlichen Eindruck bei ihr hinterlassen? Vielleicht weil Todd Dunworthy sie wie den letzten Dreck behandelt hatte, nachdem sie ihm von ihrer Schwangerschaft erzählt hatte … So, als sei das alles ein schmutziges kleines Geheimnis, das man am besten sofort unter den Teppich kehrte …

Ob es daran lag, wusste Sophia nicht. Doch eines stand fest: In Jakes Gegenwart hatte sie zum ersten Mal in ihrem Leben das Gefühl gehabt, eine eigenständige Person zu sein – nicht nur die kleine Pirelli oder die gescheiterte Schwester. Sie hatte sich stark und selbstsicher gefühlt. Und er war nach langer Zeit der Erste gewesen, der sie überhaupt wahrzunehmen schien.

Seit ihrer Abreise aus St. Louis gab sie ihr Bestes, ihre Gefühle für ihn zu leugnen. Was blieb ihr auch anderes übrig, nachdem er sie so bitter enttäuscht hatte? Wieder einmal hatte sie den Fehler gemacht, dem Falschen zu vertrauen.

In Wirklichkeit war Jake Cameron nämlich nichts weiter als ein Lügner und Betrüger, doch das wusste Tante Donna noch nicht. Er hatte sie schon beim Kennenlernen so verzaubert, dass sie sofort ihrer Schwester telefonisch berichtet hatte, was für einen tollen Mann Sophia kennengelernt hatte.

Sie hörte Theresa am anderen Ende der Leitung tief Luft holen. „Warum sagst du nichts? Du hoffst doch wohl nicht immer noch, dass es eine vernünftige Erklärung für sein Verhalten gibt?“

„Nein! Natürlich nicht. Ich würde ihm sowieso kein Wort mehr glauben“, beharrte Sophia.

„Okay. Gott sei Dank.“ Theresa atmete erleichtert auf. „Genau das habe ich ihm nämlich auch gesagt, als er hier anrief.“

„Was? Er hat angerufen?“, fragte Sophia entgeistert. Schrecklich, wie ihr Herz sofort wieder hoffnungsvoll zu klopfen begann. „Wann denn?“ Sie hatte das Gefühl, sich jetzt setzen zu müssen, ging rasch zum Auto und sank auf den Fahrersitz.

„Gestern … und vielleicht noch ein paarmal davor.“

„Was willst du damit sagen, ein paarmal?“, fragte Sophia aufgebracht.

„Du hast doch selbst gesagt, dass du nicht mit ihm reden willst.“

„Und deshalb hast du mir seine Anrufe verschwiegen?“

„Hättest du ihn denn zurückgerufen?“

„Nein … vielleicht … ach, keine Ahnung! Trotzdem hattest du nicht das Recht, diese Entscheidung für mich zu treffen, Theresa!“

„Ich wollte dir doch nur helfen. Und da du sowieso nicht mit ihm reden …“

„Das ist nicht der Punkt“, unterbrach Sophia sie empört. „Du benimmst dich inzwischen genau wie meine Brüder!“

„Sei nicht so unfair.“

So kurz vor dem Zusammentreffen mit ihrer Familie war Sophia nicht gerade in versöhnlicher Stimmung, doch sie atmete tief durch, um sich wieder zu beruhigen: „Tut mir leid“, entschuldigte sie sich. „Aber sag mir Bescheid, falls er wieder anruft, okay? Nicht dass ich die Absicht hätte, ihn zurückzurufen“, fügte sie hastig hinzu.

Es gab nämlich absolut keinen Grund dafür. Ihre Beziehung war eine einzige Lüge gewesen.

Aber warum vermisste sie ihn dann so sehr? Und sehnte sich danach, seine Stimme zu hören?

Weil sie offensichtlich noch dümmer war, als sie sich eingestehen wollte, deshalb! Dumm genug zumindest, um sich auszumalen, wie viel leichter ihr Besuch zu Hause mit Jake an ihrer Seite sein würde. Dumm genug, sich vorzustellen, wie seine Fürsorglichkeit und sein Charme ihre Mutter beeindrucken würden und sein trockener Humor ihren Vater. Gar nicht davon zu reden, wie souverän er mit ihren Macho-Brüdern fertigwerden würde …

„Ich habe mich schon immer gefragt, wie es wohl ist, eine große Familie zu haben“, hatte er zu ihr gesagt, als sie ihm von ihrer Kindheit erzählt hatte. Und dabei hatte er so sehnsüchtig ausgesehen …

„Ich würde dir nur zu gern etwas von meiner abgeben“, hatte sie halb im Scherz geantwortet. Ein Teil von ihr hatte es durchaus ernst gemeint. Bei der Erinnerung daran wurde sie so wütend, dass ihr das Blut in die Wangen schoss. Gut so, das hielt sie zumindest davon ab, sich falsche Hoffnungen zu machen, nur weil er ein paarmal versucht hatte, sie anzurufen.

„Schreibst du mir eine SMS, wenn du in Clearville angekommen bist?“, fragte Theresa. „Ich muss nämlich gleich los zur Arbeit.“

Sophia versprach es ihr und klappte nachdenklich ihr Handy zu. Sie hätte Theresa keine Vorwürfe machen dürfen, weil sie ihr Jakes Anrufe verheimlicht hatte. Schließlich hatte Sophia selbst ihre Geheimnisse und noch dazu nicht die geringste Absicht, sie alle aufzudecken.

Natürlich würde sie ihrer Familie von dem Verlust ihres Chicagoer Jobs und der Schwangerschaft erzählen, aber das Desaster mit Jake würde sie für sich behalten, auch wenn er ein Lügner und ein Vollidiot war.

Tante Donna hielt ihn für einen tollen Mann. Ihre Familie war bestimmt überglücklich über ihre vermeintlich glückliche Beziehung. War es wirklich so verwerflich, ihnen wenigstens eine positive Nachricht zu gönnen? Einen schwachen Lichtschein am Ende des Tunnels?

Als Sophia vor dem großen weißen Farmhaus ihrer Eltern mit den grünen Fensterläden hielt, holte sie erst einmal tief Luft. Ihr fiel auf, dass die Fassade frisch gestrichen war und neue Terracottatöpfe die Verandatreppe flankierten.

Sie war zu Hause.

„Wir sind da, Baby“, sagte sie zu ihrem Bauch und tätschelte ihn. Dann nahm sie ihre Handtasche und stieg aus dem Auto. Die schweren Koffer ins Haus zu tragen, würde sie ihren Brüdern überlassen – zumindest dazu waren große Brüder gut.

Sie ging davon aus, dass ihre Familie gerade beim traditionellen sonntäglichen Abendessen saß. Mit einem flauen Gefühl im Magen betrat Sophia die Veranda und öffnete die Haustür.

„Spaghetti“, murmelte sie. „Hoffentlich gibt es Spaghetti.“

Doch zu ihrer Enttäuschung roch es in der Diele weder nach Tomatensoße noch nach Knoblauchbrot. Auch das übliche Besteckklappern und Stimmgewirr fehlten.

Ratlos blickte Sophia sich um. Dabei fiel ihr Blick auf das große, vor sieben Jahren aufgenommene Familienfoto über dem Kamin. Im Hintergrund standen Sophias drei große Brüder. Nick, der Älteste, befand sich zwischen Drew und Sam, dem einzigen Blonden der Familie.

Davor saßen Sophias Eltern – Vince als eine ältere und schmalere Version seiner Söhne und Vanessa mit kinnlangem kastanienbraunen Haar – und ganz vorn in der Mitte thronte Sophia, lächelte mit dem Selbstvertrauen einer Achtzehnjährigen in die Kamera, die bereit ist, die Welt zu erobern.

Sophia seufzte tief auf. Wie unglaublich naiv sie damals doch gewesen war.

Wo steckte ihre Familie nur? Ihren Eltern würde es doch nicht einmal im Traum einfallen, an einem Sonntagabend auszugehen. Doch auch die gemütliche traditionell eingerichtete Küche war leer.

Ratlos drehte Sophia sich im Kreis herum. Plötzlich hörte sie gedämpftes Gelächter aus dem Garten und musste trotz ihrer Nervosität lächeln. Na klar, sie aßen draußen! Kein Wunder, das Wetter war schließlich perfekt zum Grillen.

Sie öffnete die Hintertür und trat auf die hintere Veranda hinaus. „Hey, alle miteinander, ich bin zu Hause!“, rief sie.

„Schätzchen!“, „Kleine!“ und „Fifi!“ schallte es ihr entgegen. Der verhasste Spitzname „Fifi“ kam von Sam, der genau wusste, wie sehr er ihr damit auf die Nerven ging.

Doch dann hörte sie dicht an ihrem Ohr eine männliche Stimme, mit der sie nie im Leben gerechnet hätte. „Hallo, Sophia.“

Fassungslos drehte sie sich um – und sah direkt in Jake Camerons bernsteinfarbene Augen.

James Cameron? Hier? Im Haus ihrer Eltern?

Sophia blinzelte zweimal kräftig. Das musste ein Traum sein. Bestimmt schlief sie noch in irgendeinem Motel. Jake sah nämlich genauso aus wie in ihren Träumen – viel zu gut für ihren Seelenfrieden. Hungrig ließ sie den Blick über seine markanten Gesichtszüge gleiten, die ihr so schnell so vertraut geworden waren.

Die untergehende Sonne ließ die Strähnen seiner etwas zu langen Haare hell aufleuchten und tauchte sein Gesicht in goldenes Licht. Die Lachfältchen um seine strahlend braunen Augen riefen ihr wieder sein sexy Lächeln ins Gedächtnis …

Wenn sie die Augen schloss, konnte sie noch immer die Glut seiner Küsse spüren. Aber sie brauchte sie ja gar nicht zu schließen, da sie ohnehin schlief. Das war die einzig Vernünftige …

Doch als Jake die Finger über die allzu sensible Innenseite ihres Arms gleiten ließ und ihre Hand nahm, machte ihr Herz einen so heftigen Satz, dass ihr schlagartig bewusst wurde, dass das hier kein Traum war.

Nein, nur der leibhaftige Jake Cameron konnte eine so starke körperliche Reaktion bei ihr auslösen.

Wütend riss sie sich von ihm los. „Was … was machst du hier?“, stieß sie hervor.

Bevor Jake darauf antworten konnte, polterte ihr Bruder Sam die Stufen zur Veranda hoch. „Du hattest ja gar nicht gesagt, dass du Besuch mitbringst, aber hey, je mehr, desto besser!“ Er versetzte Jake einen kräftigen Schlag auf den Rücken und küsste Sophia auf die Wange. „Schön, dich zu sehen, Fifi. Wurde auch langsam mal Zeit.“

Sophia war zu verwirrt, um zu antworten. Unzählige Male hatte sie sich ausgemalt, wie sie Jake Cameron zur Rede stellen würde, wenn sich die Chance bot. In immer neuen Variationen hatte sie ihn verbal zur Schnecke gemacht, doch nicht einmal in ihren kühnsten Träumen hätte sie damit gerechnet, ihn hier anzutreffen.

Hilflos drehte sie sich zu ihren übrigen Familienmitgliedern um, die ebenfalls auf sie zukamen. Den Grasflecken auf Drews Hose und dem Ball unter Nicks Arm nach zu urteilen, hatten ihre drei Brüder gerade Fußball gespielt. Ihre Mutter und Maddie, Nicks Tochter, hatten offensichtlich gerade in der Gartenlaube gesessen. Nur ihr Vater stand schon am Grill.

Vanessa drückte ihre Tochter an sich. „Sophia! Schön, dass du endlich gekommen bist. Ich habe dich schrecklich vermisst.“

Sophia hatte einen Kloß im Hals. „Ich dich auch, Mom“, sagte sie.

Vanessa Pirelli trat einen Schritt zurück und musterte ihre einzige Tochter aus grünen Augen. Sophia verkrampfte sich innerlich. Sie machte sich auf die üblichen besorgten Fragen gefasst, doch zu ihrer Überraschung sah sie keine Enttäuschung in den Augen ihrer Mutter. Als Vanessas dankbarer Blick zu Jake wanderte, begriff sie auch, warum.

„War es nicht lieb von Jake, uns mit seinem Besuch zu überraschen?“

„Stimmt.“ Obwohl Sophia das Wort „lieb“ nie in Zusammenhang mit Jake benutzten würde. Obwohl es natürlich ihre Schuld gewesen war, dass sie sich von ihm hatte täuschen lassen. So sehr, dass sie ihm absolut alles anvertraut hatte.

Verrückterweise hatte sie sogar geglaubt, ihm die Wahrheit schuldig zu sein – dass es unfair wäre, eine Beziehung mit ihm einzugehen, ohne ihm von ihrer Schwangerschaft zu erzählen. Doch wie sich herausgestellt hatte, schuldete sie ihm überhaupt nichts. Er wurde nämlich schon von jemandem dafür bezahlt, dass er Zeit mit ihr verbrachte.

Sie spürte Jakes Blick so intensiv wie seine körperliche Nähe, vermied es jedoch, in seine Richtung zu sehen. Um sich vor ihrer Familie keine Blöße zu geben, konzentrierte sie sich auf ihre Nichte. „Maddie, du bist ja mindestens fünfzehn Zentimeter gewachsen, seitdem ich dich das letzte Mal gesehen habe!“

„Ich komme schon bald in die dritte Klasse!“, verkündete das Mädchen stolz. In der kleinen Grundschule von Clearville waren die erste und zweite Klasse in einem Raum untergebracht. In die Dritte zu kommen, war ein daher gewaltiger Schritt.

„Dann gehörst du ja schon zu den Großen“, sagte Sophia.

„Erstaunlich, wie schnell Kinder sich verändern, wenn man sie eine Weile nicht gesehen hat, nicht wahr?“, warf Nick ein und drückte seine Tochter an sich.

Sophia wusste, dass diese Bemerkung nicht so unverfänglich war, wie sie klang. Ihr ältester Bruder nahm es ihr anscheinend immer noch übel, nach Chicago gegangen zu sein und damit unwissentlich zu seiner Trennung von Carol beigetragen zu haben.

Bei dem Gedanken daran musste Sophia schlucken. Zu ihrer Überraschung rückte Jake ein Stück dichter an sie heran, als ob er ihr stummen Beistand leisten wollte.

Das bildest du dir nur ein, wies sie sich zurecht. Wüsste er, was in ihr vorging, würde er machen, dass er davonkam. Sie war nämlich total wütend auf ihn, ehrlich.

„Hey, Jake!“, riss die Stimme ihres Vaters sie aus ihren Gedanken. Er winkte mit der Grillzange Richtung Veranda. „Wie wär’s, wenn Sie mal den Grill übernehmen, damit ich meine Kleine umarmen kann?“

„Bin sofort da, Vince!“

Verblüfft über den vertrauten Umgangston zwischen den beiden, warf Sophia Jake einen Seitenblick zu, den er direkt erwiderte. Dann kam er auf sie zu, bis er unmittelbar vor ihr stand. Sie musste den Kopf in den Nacken legen, um ihn anzusehen, ein irgendwie erregendes Gefühl. Dabei war sie eigentlich an die Gegenwart großer Männer gewöhnt …

„Ich habe dich vermisst“, murmelte er. Beim Klang seiner tiefen Stimme bekam sie sofort eine Gänsehaut und wurde wütend auf sich selbst. Doch bevor sie etwas erwidern konnte, hatte Jake ihr auch schon die Hand auf den Hinterkopf gelegt und küsste sie. So kurz, dass sie sich des Geschmacks seiner Lippen nur flüchtig bewusst wurde und keine Zeit hatte, zu reagieren.

Unwillkürlich musste sie wieder an Jakes Küsse in St. Louis denken. Küsse, bei denen sie ihre schlechten Erfahrungen vergessen hatte und schwach geworden war …

Abrupt trat sie einen Schritt zurück und atmete tief ein, um ihrer Wut Luft zu machen, doch Jake war schon Richtung Grill verschwunden.

2. KAPITEL

„Jake, wir freuen uns ja so über Ihren Besuch“, sagte Vanessa Pirelli kurz darauf am Biergartentisch. Ihr herzliches Lächeln ließ keinen Zweifel daran, dass sie es ernst meinte.

Jake hatte jedoch Mühe, ihr Lächeln zu erwidern. So locker diese Mahlzeit im Feien auch war – ganz anders als die förmlichen Dinner früher im Haus seines Stiefvaters –, so schwer fiel es ihm, sich zu entspannen.

Er konnte noch immer nicht glauben, dass Sophias Familie ihn hier buchstäblich mit offenen Armen empfangen hatte. Er hatte eher mit bitteren Vorwürfen gerechnet. „Ich freue mich auch, hier zu sein, Mrs Pirelli“, antwortete er gezwungen.

Es war jedoch gut zu sehen, dass Sophia eine tolle Familie hatte, die sich bestimmt liebevoll um sie und ihr Kind kümmern würde.

„Hatte ich Sie nicht gebeten, mich Vanessa zu nennen?“, erinnerte ihn Sophias Mutter lächelnd.

„Stimmt, Ma’am.“ Als sich die Lachfältchen um ihre Augen vertieften, bekam Jake einen Eindruck davon, wie schön Sophia später mal aussehen würde. Sie selbst lächelte allerdings nicht, sondern saß stumm und wie versteinert an seiner Seite. Wie hübsch ihr dunkles Haar ihr zartes Gesicht einrahmte und wie gut sie duftete. Irgendwie nach Vanille …

Leider machte ihre Körpersprache nur allzu deutlich, dass sie nicht gerade erfreut über sein Auftauchen war.

Als sie beim Weiterreichen des Kartoffelsalats aus Versehen seinen Arm streifte, lief ihm ein erregter Schauer über den Rücken.

Bei seiner Abreise in St. Louis hatte er sich mindestens hundertmal eingeschärft, die Finger von ihr zu lassen. Und trotzdem habe mich nur fünf Minuten beherrschen können, bevor ich sie geküsst habe, dachte er trocken. Ihre Lippen hatten sich so süß und weich angefühlt.

Der Kuss hatte ihm klargemacht, dass Erinnerungen kein Ersatz für das Echte waren. Und das mit Sophia war echt gewesen …

Rasch verdrängte er diesen Gedanken wieder. Er war nämlich weder ein Träumer noch ein Romantiker, und er bezweifelte stark, dass es überhaupt so etwas wie echte Liebe gab.

Vor allem nach der Erfahrung mit Mollie. Er hatte geglaubt, sie zu lieben und war davon überzeugt gewesen, dass sie seine Gefühle erwiderte. Doch an jenem Tag hatte sich das als Illusion herausgestellt:

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